Freakshow

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    • 97dragonfly schrieb:

      Der Kerl ist ja genial! Quatscht und quatscht und der arme Scott weiss nicht wo unten und oben ist.
      Kolja ist einfach unerschütterlich :rofl: Da kann Scott sich auf den Kopf stellen, hihi :D

      Danke schön für den Kommentar C: Es freut mich wirklich sehr, dass du so konsequent dran bleibst!
      „Art, like morality, consists of drawing the line somewhere“
      - G.K. Chesterton

      Skadi zeichnet Skadilöse BücherSkadi bloggt

    • Sooooo,
      Hab aufgeholt :D
      Da ich am Handy vin muss es ohne Zitate gehen - sorry :D

      Also mir hat bisher alles gefallen :D
      Der Plot ist ... naja dagen wir übersichtlich bisher, aber das macht gar nix, man muss sich ja erstmal in die Geschichte finden :)
      Die Charaktere und ihre interessante Art machen das wieder wett und so kommt keine Langeweile auf :thumbsup:
      Du schreibst schön locker und ich musste an manchen stellen tatsächlich laut (!) lachen :D
      Das ist bei hochemotionalen Menschen wie mir schon was besonderes!
      Die ganze Szene im Pub hat mir sehr gut gefallen, die kleinen Infos zu den Freaks*, die unter Menschen leben, die Interaktion mit Kolja und Hazel ( :love: ) und die dezente ... öhm ... joa Dummheit von Scott ... sehr fein :D
      Genau das richtige, wenn man mal schlechte Laune hat (oder weinen muss - genau das richtige für Moira xD) :)

      *ich habe mich etwas gewundert, dass sie sich selbst "Freaks" nennen :hmm: hätte das eher als Beleidigung eingeschätzt xD
      Oder ist das nur ok wenn sie es selbst sagen? :D

      *klebt ein Chaos-TÜV-Siegel auf die Geschichte*

      Schön weitermachen!
      :hi1:
      "Fürchte nicht die Finsternis. Akzeptiere sie und sei, was in ihr auf deine Feinde lauert. Angst ist eine Waffe, Halvar. Nutze sie zu deinem Vorteil."


    • Spoiler anzeigen

      Chaos Rising schrieb:

      *klebt ein Chaos-TÜV-Siegel auf die Geschichte*
      Aww :> *trägt sie stolz*
      Danke schön, Chaos ^^
      Woher die Bezeichnung Freaks stammt, kommt in Episode *guckt nach* 2 zur Sprache. Deswegen gehe ich auf die Anmerkung erstmal nicht weiter ein :D Beim Plot... ja, wie gesagt, es wird kein ruhmreicher Heldenepos ^^° Wir sind auch erst auf Word-Seite 12, von daher... :rofl:


      Der nächste Teil ist etwas kürzer. Dafür... Yay, weiblicher Gegenpart :D

      Hazel

      Eineinhalb Jahre boten viel Zeit, sich an so einiges zu gewöhnen. An die Wutausbrüche zum Beispiel. An das Knurren, an die hohlen Gespräche mit seinem Freund, an seine Impulsivität und an seine Reizbarkeit. Daran, dass Scott laut war, unruhig und faul, dass er fluchte, schnell handgreiflich wurde und seine Begeisterung für Fußball teilweise an Fanatismus grenzte. Hazel störte sich nicht an seiner Respektlosigkeit oder daran, ihn manchmal schlafend in der Besenkammer vorzufinden. Es machte ihr sogar Spaß, Scott bei seinen Allüren zuzusehen. Und viele Konflikte zwischen den oft angetrunkenen Gästen wären mit Sicherheit zu lebensgefährlichen Schlägereien ausgeartet, wenn er nicht so bereitwillig vorschnell zuschlagen würde. Aber seine geistige Stumpfsinnigkeit bereitete Hazel körperliche Schmerzen. Es war nicht so, dass sie nicht mit ihm auskommen würde. Scott besaß bloß ein Talent dafür, die Dinge grundlegend falsch zu verstehen. Subtilitäten, Ironie, Anspielungen - all die rhetorischen Feinheiten der Sprache waren an Scott verschwendet. Man musste sich gegenüber dem Mann klar, direkt und unmissverständlich ausdrücken. Anderenfalls entstanden Missverständnisse, wie diese Anekdote mit Hazels Eltern.
      Damals arbeitete Hazel erst seit vier Wochen im Tír na nÓg. Sie musste gestehen, Schmetterlinge im Bauch gespürt zu haben, als Scott sie plötzlich in Small Talk verwickelte und Interesse an ihr und ihrem Leben zeigte. Schließlich war er nicht unansehnlich und seine Gesichtszüge besaßen diese hübschen Ecken und Kanten, auf die Hazel bei einem Mann besonders abfuhr. Dann wurde ihre Herkunft Thema und Scott wollte wissen, was ihre Eltern so trieben. In ihrer überdrehten Laune hatte Hazel darauf mit einem breiten Grinsen und hörbaren Augenzwinkern gespaßt: 'Was Hexen so tun. Menschen in Kröten verwandeln und auf dem Scheiterhaufen brennen.' Ihre Antwort war selbstironisch gemeint gewesen, doch Scotts Kinnlade fiel augenblicklich runter, bevor er etwas Unverständliches in seinen Bart nuschelte. Wochen später fand sie heraus, dass er sie ernst genommen und tatsächlich geglaubt hatte, Hazel wäre eine Waise. Zu jenem Zeitpunkt wusste Hazel nicht, was sie mehr schockierte. Dass Scott offensichtlich keine Ironie verstand oder dass er Klischees über Hexen für voll nahm.
      Sie liebte die Sprache, aber ihre Redegewandtheit waren die Perlen und Scott die Sau. Oder der Eber, um biologisch korrekt zu bleiben. Zu Hazels Leidwesen deutete er sie auch ohne Ironie und Sarkasmus verdammt gut falsch. Irgendwann wollte er mit bezirzenden Lächeln von ihr wissen, ob ihr Name mit ihrer Haar- und Augenfarbe zusammenhing – haselnussbraun. Für einen Moment hatte sie sich ernsthaft darüber gefreut. Weniger der Aufmerksamkeit wegen, sondern weil er aus einem ihrer Lieblingsromane zitiert hatte: Watership Down von Richard Adams. Hazel liebte dieses Buch. Und dann hieß der Protagonist genau wie sie! Hazel. Okay, bei Buchhazel handelte es sich um ein männliches Kaninchen. Trotzdem! Und es trug seinen Namen wegen seiner haselnussbraunen Fellfarbe. Ihre Euphorie war ihr jedoch schon mit dem nächsten Atemzug abhandengekommen. Ein Mann wie Scott konnte sicher nichts mit Belletristik über Kaninchen anfangen, vor allem, wenn zur Hälfte ein Wolf in ihm steckte. Sie hatte ihre Begeisterung daher runtergeschluckt und leicht verunsichert geantwortet: 'Ich würde dich fragen, ob du Watership Down gelesen hast. Aber ich nehme nicht an, dass du etwas mit solchen Büchern anfangen kannst…?'. Was auch immer Scott seinerzeit verstanden haben musste, er war im Anschluss eingeschnappt von dannen gestampft. Zum Glück trug es keiner der beiden dem anderen nach und so wirkten sich ihre gelegentlichen Auseinandersetzungen nicht auf ihre Arbeit aus. Meistens schlossen sie nach einer Stunde bereits wieder Frieden miteinander. Bis Scotts beschränkter Verstand das nächste Mal zuschlug. Er war nicht seine Schuld, dass es Intelligenz nicht auf Rezept gab.
      Hazel räumte einen der Tische ab. Die Gäste, die bis eben daran saßen, verließen den Pub und hatten ihr ein stattliches Trinkgeld in die Hand gedrückt. Die Kellner des Tír na nÓg sammelten die Einnahmen des Tages in ihren eigenen Geldbörsen und rechneten am Ende einer Schicht ab. Hazel ging da etwas pedantischer vor und notierte jeden einzelnen Cent fortlaufend in ihrem Bullet Journal. Effektiv brachte das Hazel nicht mehr, als eine sehr detaillierte Übersicht. Doch wer wusste, wozu diese Informationen nützlich sein könnten. Mit dem vollbeladenen Tablett ging sie zum Tresen hinüber und stellte es dort neben der Kasse ab. Neugierig überflog sie kurz die Briefe, die Scott vorhin dort abgelegt hatte, entdeckte darunter allerdings keine neue Verunstaltung von Hayes' Namen. Schade. Mittlerweile standen ihre Kollegen nicht mehr am Tresen herum. Aus der Küche hörte Hazel das Klappern der Töpfe, also war Kolja wohl an die Arbeit gegangen, und Scott verteilte Schalen mit Snacks im Pub. Die Männer beschäftigten sich und würden ihr keine Aufmerksamkeit schenken. Gut. Hazel schloss die Kasse auf und hob die Geldkassette darin an. Vor Monaten musste sie beim Entriegeln des Schlosses wohl etwas grob gewesen sein und hatte dabei unbeabsichtigt herausgefunden, dass die Kassette lose in der Kassenlade steckte. Sie ließ sich ganz einfach herausheben und wiedereinsetzen – wenn man davon wusste. Außer Hazel tat das niemand; nicht einmal Hayes. Unverhofft war Hazel zu ihrem eigenen, ganz privaten Geheimversteck gekommen. Dort drin bewahrte sie während der Arbeit ihr kostbares Bullet Journal auf, ohne befürchten zu müssen, jemand könnte sich daran vergreifen. Selbst dann, falls sie es mal auf Arbeit vergaß, sollte es dort drin sicher aufgehoben sein.
      Sie nahm das Büchlein heraus. Auf den ersten Blick erschien es nicht mehr als ein simples, schwarzes Notizbuch mit vielen bunten Klebezetteln. Tatsächlich enthielt es Hazels ganzes Leben. Sämtliche Termine hielt sie daran fest, wichtige Adressen und Telefonnummern und ihren Schichtplan. Sie führte darin eine Liste über gelesene Bücher, behielt ihre Ausgaben und Einnahmen im Auge und benutzte es als Regelkalender. Das gefiel Hazel an einem Bullet Journal so gut. Es bot all das, was man brauchte und wie man es brauchte. Ohne Vorgaben und ohne Vordrucke, ganz an die persönlichen Ansprüche angepasst. Hazel fasste darin sogar ihre Aufzeichnungen zusammen, die sie für ihre Bewerbung an der Universität benötigte. Der langen Rede kurzer Sinn: Ohne ihr Bullet Journal wäre Hazel aufgeschmissen. Sowohl privat, als auch beruflich.
      Hazel notierte schnell, was sie notieren wollte und schob das Bullet Journal im Anschluss in sein Versteck zurück. Dann passierte etwas. Dass irgendwas nicht in Ordnung war, erkannte Hazel an Scotts Verhalten. Abrupt hielt er in seiner Beschäftigung inne, sah mit angespannten Gesichtsausdruck auf. Und begann zu schnüffeln. Noch bevor die Eingangstür aufging und eine Gruppe Männer eintrat, fluchte Hazel leise: „Scheiße. Noch mehr Wölfe.“
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    • Chaos Rising schrieb:

      und die dezente ... öhm ... joa Dummheit von Scott ... sehr fein
      Das hast du ja wunderschön ausgedrück! :rofl:

      Skadi schrieb:

      Sie liebte die Sprache, aber ihre Redegewandtheit waren die Perlen und Scott die Sau. Oder der Eber, um biologisch korrekt zu bleiben.
      ... ja, also ich verstehe Hazel und auch warum Scott nicht mehr sonderlich anziehend ist. :D :patsch: Wer bitte versteht den kein Sarkasmus? Oder Ironie? Furchtbar!
      Mir gefällt die Hexe. :grinstare:

      Jetzt hoffe ich einmal, dass die Wölfchen den Laden nicht vollends auseinandernehmen werden. :whistling:

      Liebe Grüsse
      Fly
      "Ein Schloss ohne Gruft, das wäre wie, wie ein Einhorn ohne Horn!"

      Eigenes von Fly
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    • Wie immer (hihi) lieben Dank für deinen Kommentar, Fly :D

      Tauchen wir unseren großen Zeh in die Haupthandlung xD Auch, wenn's nicht unbedingt danach aussieht.




      Diese Typen waren übel. Nicht in dem Sinne, einen harten Tag hinter sich und haufenweise Probleme zu haben und jetzt die Erinnerung daran im Alkohol ersaufen wollen. Nein. Ihretwegen ging es anderen so. Sechs an der Zahl standen sie selbstzufrieden im Eingangsbereich des Pubs, grinsten widerlich und Hazel wusste, dass sie nicht nach einer Runde Single Grain einfach verschwinden würden. Solche Kerle bekamen keinen Ärger. Sie suchten ihn und wenn sie ihn nicht fanden, dann sorgten sie halt für welchen. Dank Schlägern wie ihnen tauchte Scott oftmals mit einem blauen Auge oder einer angeknacksten Nase auf und verkündete stolz, derjenige, der dafür verantwortlich sei, würde vorerst nicht mehr sitzen können.
      Protektiv baute sich Scott neben Hazel auf und fletschte warnend die Zähne. Sie wusste, diese Geste galt nicht ihr, sondern unverkennbar den sechs Neuankömmlingen. Na großartig. Das letzte, was Hazel brauchte, war eine Schlägerei vor Beginn der Hauptstoßzeit. Bisher zeigten die Wölfe jedoch keine Reaktion auf Scotts Drohgebärden. Einer von ihnen, der an der Spitze der Truppe stand, krakeelte den anderen Gästen großkotzig entgegen: „Hört mal zu, ihr Versager. Ab jetzt herrscht hier geschlossene Gesellschaft. Privatparty ist angesagt, also zieht ab! Kapiert?“ Die Gäste gafften und wussten offensichtlich nicht, die Situation einzuschätzen; Hazel dafür umso besser. Auf keinen Fall würde sie diesen Primaten im Wolfsfell in Menschengestalt erlauben, auf dicke Hose machen. Sollten sie sich doch einen Poltergeist suchen, wenn sie auf den Putz hauen wollten.
      Zu Scotts Zähnefletschen war mittlerweile ein bedrohliches Knurren hinzugekommen und endlich bemerkten die Gruppe die beiden Kellner hinter dem Tresen. Zwei von ihnen zuckten bei Scotts Anblick merklich zusammen. So ein kompakter Grobian, hoch wie breit, und ein etwas schmächtigerer Kerl, insofern man bei einem Wolfpolymorph von schmächtig reden konnte.
      Hazel hatte einmal ein Buch über Wölfe gelesen und durch ihre Bekanntschaft mit Scott wusste sie, dass ihre typischen Verhaltensweisen genauso auch auf Wolfpolymorphe zutrafen. Rangkämpfe, Rudelbildung, Revierverhalten - das alles verschmolz mit den menschlichen Gesellschaftsnormen. Vielleicht lebten Wolfpolymorphe ihr Wesen zivilisierter aus, nichtsdestotrotz blieb es dasselbe, wie im Tierreich. Wobei... Angesichts dessen, was hier gerade ablief, entschied sich Hazel dazu, das Wort zivilisiert zu revidieren.
      Scott musste den beiden Gestalten in der Vergangenheit überdeutlich klargemacht haben, wer von ihnen das stärkere Männchen war. Anderenfalls hätten sie nicht derart auf ihn reagiert. Es fehlte nur, sie würden anfangen zu winseln. Und während sich Hazel die zwei so ansah... entweder bildete sie es sich ein, oder die Stirnwölbung des kompakten Wolfes passte wie angegossen in die Delle in der Wandvertäfelung, die von Scott wie eine Trophäe behandelt wurde.
      Wusste man, worauf man achten musste, ergab diese Gruppe Wölfe einen Sinn. Der Typ an der Spitze musste der Anführer sein, der Alphawolf. Er bestimme das Was, Wann und Wie und gab den Ton innerhalb des Rudels an. Dann gab es da diesen schmächtigen Typ. Augenscheinlich gehörte er zu den Männern dazu, hielt sich allerdings abseits. Er war dabei, aber nicht mittendrin. Als würde er von den anderen Wölfen lediglich geduldet werden. Damit stand er am entgegengesetzten Ende der Rangordnung. Ein Omegawolf; der Prügelknabe der Bande, an dem die Wölfe ihren Frust abließen. Was die vier restlichen Kerle anging, musste Hazel passen. So tief reichte ihr Fachwissen dann doch nicht.
      Die Aufmerksamkeit der Wölfe brachte Scott erst Recht in Rage. Sein Knurren wurde aggressiver und um eine ganze Oktave tiefer. Hazel spürte die Vibration in ihrem Brustkorb. Zum Glück richtete sich seine Wut nicht gegen sie. Wenn dem so gewesen wäre, hätte sie schon längst panisch die Flucht ergriffen. Okay, das reichte jetzt wirklich. Im Keller befanden sich nicht mehr ausreichend Stühle, um bis heute Abend die Schäden irgendwelcher Rangkämpfe ersetzen zu können.
      „Hey!“, rief sie laut und die Wölfe drehten ruckartig ihre Köpfe in Hazels Richtung. „Sorry, wir haben hier nicht genug Platz für dicke Eier. Also warum setzt ihr euch nicht einfach hin, wie alle anderen auch, bestellt was und haut danach wieder ab? Mit einer vollen Blase wäre dann tatsächlich was in eurer Hose und ihr müsst nicht mehr so tun, als ob.“ Diplomatie gehörte noch nie zu ihren Stärken.
      Der Omega und die vier Wölfe glotzten erst Hazel an, bevor ihre Blicke zu ihrem Leitwolf wanderten. Wenig erfreut über Hazels Trotz, machte er einen bedrohlichen Schritt auf sie zu und wurde dafür um ein Haar von Scott angesprungen. Allein Hazels Hand auf seiner Brust hielt Scott von seiner dummen Aktion zurück.
      „Was willst du denn, Großmaul?“ Der Alpha störte sich kein bisschen an Scotts Reaktion. Er trat sogar näher heran. „Muss ich dir deine vorlaute Schnauze stopfen? Oder bist du dämlich und verstehst nicht, was ich gesagt habe. Pri-vat-par-ty. Ich will feiern hab keine Lust, dabei diese abgefickten Gestalten vor der Nase haben zu müssen. Schmeiß die Bande raus, sonst übernehmen wir das. Der Kunde ist König und ich bin der Kaiser. Beweg dich!“
      Sein Gefolge erlangte seinen Mut zurück und Hazel hörte das abfällige Lachen der Männer. Von allen bis auf den beiden, die weiterhin verschreckt Scott im Auge behielten. In jedem anderen Pub hätte der Auftritt der Wölfe Eindruck hinterlassen und eine normale, unbedarfte Kellnerin wäre verängstigt hinter dem Tresen in Deckung gegangen. Das Tír na nÓg war aber nicht wie andere Pubs und Hazel... Sie setzte schon dazu an, diesem Typen etwas über seine Nase und welche Privatpartys er damit in wessen Kaiserreich feiern sollte, zu geigen, als die Küchentür aufging und Kolja in den Schankraum trat. „Was ist denn los? Was soll der Krach?“
      Schlagartig fuhren die Wölfe zusammen, ehe sie den Koch auch nur ansahen. Sogar der Alphawolf zog merklich den Kopf ein. Scott hatte Hazel einmal den ausgeprägten Geruchsinn von Wolfpolymorphen erklärt und dass sie unter Anderem Bedrohungen rochen. Deshalb konnte Scott vorhin das Auftauchen der Wölfe ankündigen und deshalb ließen diese sich jetzt von Kolja beunruhigen. Der Mann war schließlich ein Bär, ein Braunbär. Und selbst in Menschengestalt ein Schrank! Sein Geruch nach Raubtier musste sie mit voller Wucht treffen. Wenn das keine Bedrohung darstellte, wusste Hazel auch nicht weiter. Gerade war sie echt froh darum, mit Kolja und Scott befreundet zu sein.
      Kolja musterte die Schlägertypen skeptisch. Mit jeder Sekunde, die verging, wurden sie kleiner und kleiner. Als ob Kolja sie nicht mehr sehen könnte, wenn sie sich gut genug vor ihm wegduckten. „Gibt’s Probleme?“, fragte er, deutete ungeniert auf die Gruppe Männer und sah zu den anderen beiden herüber.
      Hazel konnte nicht anders und musste grinsen. „Nö“, flötete sie, „die wollten sowieso gehen. Stimmt’s?“ Mit Kolja als Rückendeckung wurde sie fast ein bisschen übermütig. Zu sehen, wie sich diese Proleten fast in die Hosen machten, war so befriedigend! Zogen sie ihre Köpfe noch ein Stück weiter ein, würden sie bald komplett in den Krägen ihrer Shirts verschwinden. Ihrem Anführer stand die Furcht ebenfalls deutlich ins Gesicht geschrieben. Doch er riss sich zusammen, um vor seinen Leuten nicht als Angsthase dazustehen und fing an zu knurren. Im Vergleich zu Scott klang er allerdings erbärmlich heiser. Wie nannte man das nochmal bei Hunden? Ach ja! Angstknurren. „Denkt ihr wirklich, wir lassen uns einschüchtern? Von ihm, …“, er deutete auf Kolja, „einem Räudigen und seiner verfickten Bitch-… .“ „Oh! Wow, wow, wow! Stopp!“ Falls er Hazel tatsächlich als das bezeichnen wollte, was sie vermutete, durfte sich hier gleich jemand auf richtigen Ärger gefasst machen. So richtig richtig Ärger. Demonstrativ drehte sie den Kopf weg und hielt dem Alpha gebieterisch ihre Hand vor die Nase. Ein Blick in seine Fratze und sie würde glatt ihre Contenance verlieren. Die Geste wirkte; der Kerl gaffte sie verdutzt an. „Ich hoffe ernsthaft, du hast dich nur versprochen und das Wort, das du eigentlich gesucht hast, ist Witch, wie Hexe. Die Weisheit hast du ja nicht mit Löffeln gefressen. Da kann ich es verstehen, wenn man den Buchstaben W schon mal mit dem Buchstaben B verwechselt. Der eine liegt ja bloß am Ende des Alphabets und der andere ganz am Anfang.“ Im Hintergrund hörte Hazel Kolja in sich hineinkichern. Die restlichen Männer blieben hingegen stumm. Dann beging Hazel den Fehler und schaute den Alpha entgegen besseren Wissens direkt an. Der Ärger, den sie bis eben noch gut unter Kontrolle halten konnte, sprudelte beim Anblick seiner Visage ungebremst wie Galle ihre Speiseröhre hinauf. So, wie ein Drache Feuer spie, schnappte Hazel nach Luft und pfefferte dem überrumpelten Wolf entgegen: „Außer natürlich, du hast mich mit deiner Mutter verwechselt und wolltest eigentlich über sie sprechen. In dem Fall hast du natürlich Recht. Sie ist 'ne Bitch!“
      Nie zuvor hatte im Tír na nÓg eine solche Stille geherrscht. Hazel hatte die Mutter eines Schlägers – Nein, des Anführers einer Schlägerbande! – offen als Schlampe beleidigt. Keiner der Anwesenden sagte ein Wort und bedrohliches Schweigen erdrosselte den sonst so lebendigen Pub. In Erwartung des großen Knalls, der sich zweifelsfrei in den nächsten Sekunden entladen würde, hielten die Gäste angespannt den Atem an. Ihr eigener Unmut drosch Hazel das Blut durch ihren Körper. Mit vorgespielter Gleichgültigkeit lauerte sie auf eine Reaktion des Wolfes. Eine Konfrontation schien unausweichlich und er tat… gar nichts.
      Mehrere, viel zu lange Augenblicke harrte Hazel vergeblich auf seinen Wutausbruch, der allerdings auszubleiben schien. Sollte dieser Prahlhans etwa unerwartet Selbstbeherrschung entwickelt haben? Immerhin sollte es ja spontane Selbstentzündung beim Menschen geben, also warum auch nicht so was? Mh, nein. Für die Selbstentzündung lag die Wahrscheinlichkeit wesentlich höher. Da gaben die Gesichtsmuskeln des Leitwolfes ein Zucken von sich. Und seine Miene zeigte Unverständnis. Absolutes, reines Unverständnis. Dem Kerl stand ein so großes Fragezeichen im Gesicht, als hätte Hazel das Lorem ipsum gesprochen oder die dritte binomische Formel aufgesagt. Sie runzelte die Stirn und sah verwirrt zu Kolja herüber. Er fing ihren Blick auf, schaute seinerseits zu den anderen Wölfen herüber und Hazel stellte fest, dass sie denselben doofen Gesichtsausdruck wie ihr Anführer trugen. Ratlos richteten sie ihre Augen auf ihren Alpha, bis der wiederrum fragend Scott ansah. Und Scott sah Hazel an. Genauso ahnungslos.
      „Ihr wolltet gehen“, erinnerte Kolja die Wölfe an den Entschluss, den Hazel für sie gefasst hatte. Um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, trat er aus der Küchentür heraus und näherte sich den Männern mit bedrohlicher Gelassenheit. Sofort wichen sie vor ihm zurück und Hazel konnte sich bildlich vorstellen, wie das Tier in ihnen den Schwanz einzog. Ein Braunbär, der direkt auf sie zukam. Jap, da würde Hazel definitiv das Weite suchen. Die Wölfe ließen sich schon fast bis zur Tür zurückdrängen und aus Verzweiflung fing ihr Anführer erneut damit an, Kolja anzuknurren. Erfolglos, wie zu erwarten war. Schließlich verlor er den letzten Rest seines Schneids. „Pah, was' ein Scheißladen!“, fluchte er und spuckte auf den Fußboden. „Wer will schon in so einer ranzigen Bruchbude feiern? Kommt Leute, wir suchen uns was Besseres.“ Und sie verschwanden. Wurde auch Zeit.
      Die Tür fiel ins Schloss und Hazel ein Stein vom Herzen. Das ging gerade noch einmal gut, ganz ohne Schäden am Mobiliar oder an Scotts Gesicht. Scott machte eine willkürliche Bewegung in Richtung Tür, aber Hazel bekam ihn rechtzeitig am Hosenbund zu packen. „Denk nicht einmal daran, ihnen nachzubellen wie einem verkappten Postboten am Gartenzaun.“
      Man spürte die allgemeine Erleichterung. Die Gäste setzten nach einem Schreckmoment ihre Gespräche fort und die entspannte Atmosphäre des Tír na nÓg traute sich aus ihrem Versteck hervor, in welches die Pöbelei der Wölfe sie vertrieben hatte. Zufrieden mit dem Ausgang der Konfrontation, tapste Kolja in seine Küche zurück. Doch es gab da eine Sache, die Hazel auf der Seele brannte:
      „Du, Kolja?“, hielt sie ihn kurz auf.
      „Hm-hm?“
      „Was war das eben? Habe ich mich so unverständlich ausgedrückt? Diese Kerle haben mich so dumm angeglotzt, als hätte ich den kategorischen Imperativ von ihnen abgefragt.“
      „Nein,“ antwortete Kolja. „Du warst sehr deutlich. Du hast lediglich eine entscheidende Sache vergessen.“
      Verwirrt hob Hazel die Augenbrauen. Sie dachte nach, entsann sich jedoch keines Denkfehlers. „Und das wäre?“
      Kolja zuckte mit den Schultern. „Sie sind Wölfe. Hundeartige. Die Betonung liegt auf Hund. Ihre Mütter sind tatsächlich Bitches.“
      Jetzt fiel der Groschen und bevor sich Hazel darüber Gedanken machen konnte, dass der Leitwolf sie eventuell gar nicht beleidigen wollte und sie ihn deshalb völlig grundlos provoziert haben könnte, fand Scott seine Stimme wieder. „Ich kapier’s immer noch nicht.“
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    • Skadi schrieb:

      Wobei... Angesichts dessen, was hier gerade ablief, entschied sich Hazel dazu, das Wort zivilisiert zu revidieren.
      Hazels Gedanken sind richtig genial :D
      Ich fand es cool den Teil wieder aus ihrer Sicht zu lesen.

      Skadi schrieb:

      Anderenfalls hätten sie nicht derart auf ihn reagiert. Es fehlte nur, sie würden anfangen zu winseln.
      Böses Hündchen!!

      Skadi schrieb:

      Diplomatie gehörte noch nie zu ihren Stärken.
      Ehm ... habe ich auch gemerkt ...

      Skadi schrieb:

      In dem Fall hast du natürlich Recht. Sie ist 'ne Bitch!“
      :rofl: hier ist ein weiterer Beweis ... Autsch.

      Skadi schrieb:

      „Ich kapier’s immer noch nicht.“
      :rolf: ich denke ich auch nicht zu 100 Prozent ... hab eine Vermutung, bin mir aber nicht sicher. :rofl:

      Der Teil war gut jedoch die vorherigen haben mir alle iwie bessergefallen. :sack: Ich weiss garnicht warum. Aber an deinem Schreibstil und deiner Kreativität gibt es nix zu mekern! :D

      Liebe Grüsse
      Fly
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    • Alter ... ich hab drei teile verpasst :panik:

      Spoiler anzeigen

      Skadi schrieb:

      Am liebsten hätte Scott gekläfft, dass das man das Zeug aß und kein verficktes Mikado damit spielte.
      gekläfft, Hund, Wolf ... gefällt mir XD

      Skadi schrieb:

      „Keine Sorge. Ich habe nicht mitangehört, dass du schon wieder auf der Story über meine Eltern herumgeritten bist“, antwortete sie und Scott war erleichtert
      :rofl:

      Ich mag die Teile aus Hazels Sicht :D

      Skadi schrieb:

      Es bot all das, was man brauchte und wie man es brauchte. Ohne Vorgaben und ohne Vordrucke, ganz an die persönlichen Ansprüche angepasst.
      So eins wollte ich auch mal anlegen .... viel zu viel Arbeit! XD

      Skadi schrieb:

      „Scheiße. Noch mehr Wölfe.“
      Ich wollte schreiben: "Uh ein Cliffhanger", bis ich gesehen hab, dass da noch ein Teil folgt :rofl:

      Skadi schrieb:

      Es fehlte nur, sie würden anfangen zu winseln.
      hihi und die Schwänze einklemmen :grinstare:

      Skadi schrieb:

      Der Mann war schließlich ein Bär,
      Das passt so gut zu Kolja :D
      Ich mag den am liebsten :D Seinen Namen, dass er Bär ist, seine Art ...

      Skadi schrieb:

      „Außer natürlich, du hast mich mit deiner Mutter verwechselt und wolltest eigentlich über sie sprechen. In dem Fall hast du natürlich Recht. Sie ist 'ne Bitch!“
      Mit Blick auf den letzten Satz des Teils ... :rofl:

      Skadi schrieb:

      Die Tür fiel ins Schloss und Hazel ein Stein vom Herzen.
      Mal sehen wir lange.
      Klingt evtl. nach Schwierigkeiten, wenn die Bande wartet, bis Hazel und oder Scott ohne Kolja unterwegs sind ...

      Skadi schrieb:

      „Sie sind Wölfe. Hundeartige. Die Betonung liegt auf Hund. Ihre Mütter sind tatsächlich Bitches.“
      :rofl:

      Skadi schrieb:

      Jetzt fiel der Groschen und bevor sich Hazel darüber Gedanken machen konnte, dass der Leitwolf sie eventuell gar nicht beleidigen wollte und sie ihn deshalb völlig grundlos provoziert haben könnte, fand Scott seine Stimme wieder. „Ich kapier’s
      immer noch nicht.“

      :rofl:
      "Warum stehen Flamingos immer auf einem Bein?"
      "Na, wenn sie das Zweite auch noch heben, fallen sie um!"
      Das Känguru-Manifest
    • Skadi schrieb:

      Kolja zuckte mit den Schultern. „Sie sind Wölfe. Hundeartige. Die Betonung liegt auf Hund. Ihre Mütter sind tatsächlich Bitches.“
      Jetzt fiel der Groschen und bevor sich Hazel darüber Gedanken machen konnte, dass der Leitwolf sie eventuell gar nicht beleidigen wollte und sie ihn deshalb völlig grundlos provoziert haben könnte, fand Scott seine Stimme wieder. „Ich kapier’s immer noch nicht.“
      OMG! :rofl: nach dem zweiten lesen habe ich es auch kapiert! :D :rofl:
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    • Huhu ^^

      Miri schrieb:

      gekläfft, Hund, Wolf ... gefällt mir XD
      Ich habe gehofft, dass es jemanden auffallen würde :rofl:

      Miri schrieb:

      Das passt so gut zu Kolja
      Ich mag den am liebsten Seinen Namen, dass er Bär ist, seine Art ...
      Kolja ist schon toll :D Mein persönlicher Lieblingsnebenchar kommt aber erst noch, hihi!

      97dragonfly schrieb:

      OMG! nach dem zweiten lesen habe ich es auch kapiert!
      :thumbup: Sehr gut :D
      Ich habe bei diesem Absatz überlegt, ob ich euch nicht etwas offensichtlicher mit der Nase auf die Pointe stoßen sollte :hmm: Allerdings denke ich, dass das den Effekt verdorben hätte. So richtig gepasst hätte es wohl auch gar nicht, Kolja expliziter werden zu lassen. Er spricht schließlich mit Hazel und nicht mit Scott :rofl: Die kann seinem Gedankengang schneller folgen ^^

      Danke für eure Kommentare ^^
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    • Ich habe Lust, außer der Reihe zu posten :ninja:
      Außerdem: Lieblingsnebenfigur! xD <3


      Scott

      Scott verdrängte den unerwünschten Besuch der Wölfe schnell, da sich der Pub zum Abend hin mit Kundschaft füllte und ihn beschäftigt hielt. Gegen Mitternacht trotte er zum Haus seiner Eltern zurück. Aus seinem Plan, die Nacht in seinem eigenen Bett zu verbringen, wurde nichts. Moira ging es Koljas Aussage nach nicht besser, also musste die Couch seiner Eltern ein weiteres Mal herhalten.
      Vor allem Scotts Vater wollte ihn nicht unbeaufsichtigt im Haus haben. Scott besaß deswegen keinen Schlüssel für die Haustür. Von Kieran wusste er aber, dass sich unter einer der Keramikfiguren im Vorgarten ein Notfallschlüssel versteckte. Scotts Mutter fuhr voll auf diese Figuren ab. Überall im Haus, davor und auf der Terrasse standen sie herum - Ob sie irgendwelche Tierfiguren darstellten, Putten oder solchen Kitsch, wie eine mit Sukkulenten bepflanzte Keramikschubkarre. Früher, als die siebenköpfige Familie noch gemeinsam unter einem Dach lebte, waren diese Figuren mit schöner Regelmäßigkeit zu Bruch gegangen. Das ärgerte Scotts Mutter zwar, für ihre Kinder erwies sich das mittelfristig aber als ziemlich praktisch, weil sie sich dadurch nie Gedanken um das nächste Muttertagsgeschenk machen brauchten. Sie ersetzten einfach immer die kaputtgegangenen Figuren des letzten Vierteljahres.
      Scott ging zu besagter Figur und fand den Ersatzschlüssel. Das kam wenig überraschend, denn er hatte ihn gestern dort hingelegt und würde ihn morgen auch wieder dort platzieren, wenn er das Haus verließ. Seit Jahren verschaffte er sich auf diesem Weg Zugang zum Haus.
      Wie nicht anders zu erwarten, ließ sich die Haustür öffnen und Scott betrat das Wohnzimmer. Der Raum war in tiefschwarze Dunkelheit getaucht, sodass Scott seine Umgebung lediglich erahnte. Trotzdem schaltete er das Licht nicht ein. Er würde sowieso direkt zur Couch tapsen und sich dort schlafen legen.
      Doch plötzlich meldeten sich seine Sinne und ehe Scott reagieren konnte, hörte er ein tiefes Knurren. In der nächsten Sekunde packten ihn etwas mit brutaler Kraft und wuchtete seinen Körper gegen die Anrichte. Die Erschütterung seines Aufpralls ließ den gesamten Schrank erzittern und jagte Scotts Rückgrat wie ein Stromschlag hinauf. Das Überraschungsmoment hatte ihn schwer getroffen; ein Vorteil seines Angreifers, der nun vorbei war und Scott schüttelte den Schock von sich ab. Wütend erwiderte er das Knurren, langte intuitiv nach vorn und bekam die Gestalt an den Schultern zu fassen. Seine Finger bohrten sich qualvoll tief in Muskeln und Sehnen hinein. Das Knurren seines Gegners bezeugte den Schmerz, wurde lauter, sein Griff umso fester und Scott spürte, wie ihm Fingernägel brennende Kratzspuren auf den Armen hinterließen. Verbissen kämpfte er in der Dunkelheit um die Oberhand, rangelte mit seinem Angreifer, schlug nach ihm und erntete im Gegenzug gleichermaßen Kontra. Scott stemmte ihm sein ganzes Körpergewicht entgegen. Nichts half. Keiner von beiden Männern schaffte es, den anderen abzuschütteln. Sie steckten in einer verdammten Pattsituation.
      Dann stieß Scotts Ellenbogen mit voller Wucht gegen die Anrichte. Irgendetwas stürzte zu Boden und zersplitterte hörbar in seine Einzelteile. Das Geräusch schien seinen Gegner abzulenken und Scott nutzte die spontane Unaufmerksamkeit aus, sich zu befreien und holte aus. Mit einem kraftvollen Fausthieb mitten ins Gesicht, schleuderte er seinen Kontrahenten von sich. Es polterte, als dieser rücklings über das Beistelltischen fiel, es dabei umriss und lautstark auf das Parkett knallte. Scott gab ihm keine Gelegenheit, auf die Beine zu kommen. Er sprang auf ihn zu und ließ in seiner Rage eine Serie an Schlägen auf ihn niederprasseln. Der Mann unter ihm keuchte vor Schmerz. Und Scott hielt inne.
      „Colin?“ Einer seiner Brüder.
      „Alter, krieg dich mal ein“, stöhnte Colin und Scott konnte vage wahrnehmen, dass er die Stelle in seinem Gesicht rieb, die Scott mit seiner Faust bearbeitet hatte. „Was zum Teufel stimmt nicht mit dir? Wolltest du mich ins Koma prügeln oder was ist dein Problem? Fuck!“ Er schnappte nach Luft. Das Gewicht seines Bruders drückte ihm die Luft ab.
      Scott brauchte einen Augenblick, um die Situation zu verstehen. Und als sein Gehirn das endlich fertigbrachte, schlug er Colin. Und er schlug ihn nochmal. Und nochmal. Sein Bruder heulte tief auf. „Was mein Problem ist?!“, bellte Scott gereizt und packte Colin am Schlafittchen. „Du hast mich angesprungen, du kleiner Pisser!“
      „Ich habe gedacht, du wärst ein Einbrecher! Scheiße Mann, nimm deine Pfoten weg!“
      Scott dachte nicht daran und ließ Colins Hinterkopf unsanft auf den Fußboden knallen. „Seit wann haben Einbrecher einen Schlüssel, heh?!“
      Auf einmal ging das Licht an.
      Mit einem Jaulen protestierten die beiden Brüder gleichzeitig gegen die abrupte Lichtflut im Raum. Die Helligkeit stach wie Nadeln in Scotts Augen und kurzzeitig sah er bloß Sterne und bunte Flecken. Sekunden vergingen, ehe er sich an das Licht gewöhnte. Als er schließlich einigermaßen klarsehen konnte, zeichnete sich Abbys Silhouette neben dem Lichtschalter ab. Sie trug abermals diesen tadelnden Ausdruck im Gesicht, mit dem sie ihrer Mutter auf beängstigende Weise ähnelte. Mama 2.0!
      Ihr Blick wanderte von ihren Brüdern zu dem Chaos, das sie hinterlassen hatten: Einem umgestürzten Beistelltisch sowie die Scherben einer zerbrochenen Keramikfigur. Das war es also, was Scott vorhin von der Anrichte gefegt hatte.
      Abby deutete auf die Überreste von dem, was zuvor ein Igelpärchen darstellen sollte. „Ihr wisst, dass das ein Sammlerstück ist, ja? Irre teuer und Mamas Liebling.“
      Immer noch hielt Scott Colin am Boden festgenagelt, rappelte sich nunmehr aber auf und zog seinen Bruder dabei am Kragen seines Shirts der Dropkick Murphys mit nach oben. „Das ist Colins schuld“, stellte er klar und durfte sich sogleich von diesem anknurren lassen: „Laber' keinen Scheiß! Du hast hier mit den Armen rumgehampelt, wie so ein Pudel bei seinem Kunststückchen!“
      „Wen nennst hier einen Pudel?!“
      „Dich! Oder siehst du irgendwo noch einen anderen Lackaffen?“
      „Oh ja, direkt vor mir steht einer!“
      „Jungs!“, unterbrach Abby den Kindergarten. „Ihr seid beide über dreißig. So langsam solltet ihr eure Rangkämpfe gegeneinander hinter euch haben. Abgesehen davon… “ Sie zeigte auf Scott, sah jedoch Colin an. „Ich weiß, was er hier will. Was suchst du hier?“
      Colin zuckte mit den Schultern. „Ich hatte Hunger und mein Kühlschrank ist leer.“
      „Wieso bist du nicht einkaufen gegangen?“
      „Mama hat den guten Kram vorrätig.“
      Von allen Geschwistern galt Abigail schon immer als die verständnisvolle. Egal welchen Unsinn Colin oder Scott anstellten, wie oft sie miteinander rauften oder wie knietief sie sich gemeinsam in die Scheiße ritten – Abigails Geduld schien unerschöpflich. Sie quoll beinahe über vor schwesterlicher Zuneigung zu ihren Brüdern, bewahrte ihre Geheimnisse und engagierte sich für das Glück jedes einzelnen von ihnen. Ob sie es wollten, oder nicht! Deswegen machte es Abby nichts aus, dass sich gleich zwei davon unerlaubt im Haus aufhielten. Auch nicht, dass sie den Kühlschrank plünderten und das halbe Wohnzimmer zerlegten. Solange sie danach aufräumten, war alles in Butter. „Okay, na dann“, sagte sie und ihre Miene wurde so fröhlich warmherzig, wie nur Abigail sie tragen konnte. „Oh! Übrigens, Colin?“, sprach sie ihn an und deutete auf seinen Kopf, „Ich finde es echt klasse, was du mit deinen Haaren gemacht hast. Steht dir richtig gut.“ Frisuren. Neben Kleidung, Gesang und Schauspielerei gehörten Frisuren zu Abbys Lieblingsthemen. Verglichen mit dem der anderen Familienmitglieder, glänzte ihr Fell auch am meisten. Scott vermochte gar nicht alle Pflegeprodukte aufzählen, die sie besaß; das Badezimmer glich dank ihr mehr einer Drogerie. Spülungen, Conditioner, Shampoo gegen gebrochene Spitzen, Pflegeshampoo, Shampoo für mehr Glanz, Zeckenshampoo, Anti-Filz-Shampoo für Hunde mit langem Fell, Antischuppenshampoo... Ihm genügte eine einzige Sorte von dem Zeug und meist kaufte er das, was im Angebot war.
      Abigails Lob über seine Frisur brachte Colin zum Grinsen. „Cool, was?“, bemerkte er und spielte demonstrativ mit einer seiner schwarzen Haarsträhnen, die ihm jetzt bloß noch bis knapp zu den Schultern reichten. Seine Schwester nickte begeistert. „Und wie! Mit der Frisur siehst du aus wie ein Rockstar!“ Damit traf Abby den richtigen Nerv, denn Colins Brust schwoll vor Eitelkeit an. Und Scott sollte also der Pudel sein, ja? „Ich meine, jetzt ist dein Haar zwar nicht mal mehr halb so lang, wie Scotts. Es ist jetzt aber auf jeden Fall viel pflegeleichter und sieht super aus!“
      Mit einmal fielen Colins Mundwinkel nach unten, als gäbe es auf dem Fußboden irgendetwas gratis für sie. Obwohl Abigail ihren Vergleich mit Scott gewiss nicht abwertend meinte, wischte sie die gute Laune damit von Colins Gesicht. Dafür grinste nun Scott umso breiter. „Hast du gehört? Bei mir ist es länger.“
      „Willst du Ärger?!“ Plötzlich bauten sich die beiden Männer gewaltbereit voreinander auf. Schon wieder. Abigail ging dazwischen. „Sehr erwachsen ihr zwei, wirklich! Scott, du bist der ältere. Du solltest eigentlich der reifere sein! Wenn du mal so viel Energie in deine Freunde stecken würdest, statt in deine Provokationen, ginge es Moira schon längst besser und du müsstest nicht mehr auf Papas Couch schlafen.“
      Beim Klang von Moiras Namen gab Colin ein genervtes Stöhnen von sich und es schüttelte ihn, als müsste er das schrille Geräusch einer Gabel ertragen, die über einen Teller kratzte. „Ich verstehe echt nicht, wie du seit der Grundschule mit dieser Heulsuse befreundet sein kannst. Die Frau gibt Töne von sich, ein Bellstopp is'n Scheiß dagegen!“
      Scott deutete mit einer ausladenden Handbewegung auf seinen Bruder und warf Abby
      dabei einen Blick zu, der völlig tonlos vermittelte: 'Hab ich's nicht gesagt?'. Die junge Wölfin ignorierte die Einwürfe und wandte sich an Scott. „Hast du Moira wenigstens eine aufmunternde Nachricht geschrieben?“
      „Ne?“, antwortete er. Wieso sollte er?
      „Warum denn nicht?“
      Er runzelte die Stirn „Bin ich der Kerl, wegen dem sie sich die Augen ausheult?“
      Im nächsten Moment bekam Scott den Eindruck, etwas Falsches gesagt zu haben. Abigail presste die Lippen aufeinander, schnappte ein paar Mal nach Luft und verschluckte schließlich, was auch immer sie ihrem Bruder erwidern wollte. Dann resignierte sie. „Es wundert mich wirklich überhaupt nicht, dass deine Beziehungen nie lang halten.“
      „Och, er ist doch so ein romantischer Kerl“, kommentierte Colin zweifelsfrei sarkastisch von der Seite und wurde dafür von Scott angeknurrt. „Sagt unser Mister Langzeitz-Single!“
      „Ich denke, ich werde mich um Moira kümmern“, unterbrach Abigail ihre Brüder, ehe sie erneut handgreiflich wurden. Ihr Gesichtsausdruck hatte nachdenkliche Züge angenommen. „Liebeskummer ist schrecklich. Ich muss ihr beistehen!“
      „Art, like morality, consists of drawing the line somewhere“
      - G.K. Chesterton

      Skadi zeichnet Skadilöse BücherSkadi bloggt

    • @Skadi :panik: ... da tanzt wer aus der Reihe :D

      Hihi, der Teil ist echt klasse. Die beiden Brüder :love: wie Wollkneuel, die sich in den Haaren liegen ... nur mit scharfen Krallen und Zähnen. :rofl: Ich mag Colin.
      Musste wieder grinsen und sogar einmal auflachen mit dem Pudel.

      Skadi schrieb:

      Vor allem Scotts Vater wollte ihn nicht unbeaufsichtigt im Haus haben.
      Warum wohl? ... :stick: :nono:

      Skadi schrieb:

      „Ich habe gedacht, du wärst ein Einbrecher! Scheiße Mann, nimm deine Pfoten weg!“
      :rofl: Wortspiel hahah, wie ich es liebe. Ob beabsichtigt oder nicht.

      Skadi schrieb:

      „Das ist Colins schuld“, stellte er klar und durfte sich sogleich von diesem anknurren lassen: „Laber' keinen Scheiß! Du hast hier mit den Armen rumgehampelt, wie so ein Pudel bei seinem Kunststückchen!“
      Ach, Geschwister :rofl: immer ist der andere schuld :hater: :friends: :chainsaw: wie ich es nur zu gut kenne. :fuck:

      Hat super Spass gemacht diesen Abschnitt zu lesen!

      Fly
      "Ein Schloss ohne Gruft, das wäre wie, wie ein Einhorn ohne Horn!"

      Eigenes von Fly
      Schatten unter London
    • Es hat viel Spaß gemacht, die paar verpassten Teile wieder aufzuholen. Scheint ein ulkiger Verein zu sein und ich liebe Scotts Stumpfsinn.Süß, wie er irgendwo so gar nichts mitbekommt und dann auch noch Gesagtes völlig fehlinterpretiert. Süß! :love: Auch, wenn einem Hazel und Kolja nur leid tun können. Naja, Hunde/Wölfe sind treu :)
      Aber ich kann mir vorstellen, wie schwer das für Hazel sein muss. Sarkasmus ist auch für mich essentiell und wenn mein Gegenüber den nicht versteht, dann bin ich da auch immer vorsichtig ... ist schwer immer darauf zu achten, was man sagte :D

      Skadi schrieb:

      Bis Scotts beschränkter Verstand das nächste Mal zuschlug. Er war nicht seine Schuld, dass es Intelligenz nicht auf Rezept gab.
      :rofl: DAS wäre aber manchmal so praktisch und würde ich mir sehr oft auch für meine Mitmenschen wünschen.
      Oder auf der anderen Seite: Prüfungs-Wissen-Pillen :pardon:

      Skadi schrieb:

      „Sie sind Wölfe. Hundeartige. Die Betonung liegt auf Hund. Ihre Mütter sind tatsächlich Bitches.“
      Die Verwirrung der ganzen Truppe hätte ich gern gesehen, oder fotografiert. Muss klasse ausgesehen habe. :rofl: Greifbare Fragezeichen in der Luft, während Hazel die ganze Zeit damit rechnet, dass gleich Stühle fliegen und Köpfe in der Wandvertäfelung landen. :rofl:
      Das Wortspiel gefällt mir sehr gut!

      So Kolja hat die Situation gerettet und ich hoffe für die Gesundheit dieser Wölfe, dass sie sich ab jetzt weeeeeeeit von dem Pub fernhalten. ^^

      Ich bin gespannt, wie es wohl weitergehen wird :) Auf jeden Fall mit dem gleichen Witz so wie ich dich einschätzen kann :D

      LG, Kyelia

      EDIT: Ja, wenn man nicht damit rechnet und du genau in der Stunde postest, wo ich hier aufhole und einen Kommi schreibe ...

      Was eine Familie :D Prügeln sich um Mitternacht im Wohnzimmer und dann kommt Abby, die irgendwie lieber klärt als schlägt. Also bisher und mit allem, was ich bisher gelesen habe: Ist sie adoptiert? :rofl:

      Skadi schrieb:

      Das ärgerte Scotts Mutter zwar, für ihre Kinder erwies sich das mittelfristig aber als ziemlich praktisch, weil sie sich dadurch nie Gedanken um das nächste Muttertagsgeschenk machen brauchten. Sie ersetzten einfach immer die kaputtgegangenen Figuren des letzten Vierteljahres.
      Praktisch. Ich sollte mir daran ein Beispiel nehmen, dann müsste ich nicht immer wochenlang überlegen, was ich ihr kaufe, oder zum Geburtstag schenke. Oder Minutenlang vor dem Süßkram-Regal im Supermarkt stehen. Einfach ein paar Teller und Tassen kaputt hauen und dann neue kaufen *notiert sich das* :rofl:

      Skadi schrieb:

      Colin zuckte mit den Schultern. „Ich hatte Hunger und mein Kühlschrank ist leer.“
      „Wieso bist du nicht einkaufen gegangen?“
      „Mama hat den guten Kram vorrätig.“
      Ich fühle eine tiefe Verbundenheit zu Colin :D


      Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
      - Toni Morrison -

    • 97dragonfly schrieb:

      ... da tanzt wer aus der Reihe

      Kyelia schrieb:

      Ja, wenn man nicht damit rechnet und du genau in der Stunde postest, wo ich hier aufhole und einen Kommi schreibe ...
      Ich freches Früchtchen 8o :D
      Danke für die Kommentare ^^

      97dragonfly schrieb:

      Ach, Geschwister immer ist der andere schuld wie ich es nur zu gut kenne.
      Gut zu wissen, dass das auch bei anderen Geschwistern so läuft, nicht nur bei meinem Bruder und mir :rofl: Naja, und bei Colin und Scott xD

      Kyelia schrieb:

      DAS wäre aber manchmal so praktisch und würde ich mir sehr oft auch für meine Mitmenschen wünschen.
      Oder auf der anderen Seite: Prüfungs-Wissen-Pillen
      Das wäre tatsächlich beides höchst praktisch :hmm:

      Kyelia schrieb:

      und dann kommt Abby, die irgendwie lieber klärt als schlägt. Also bisher und mit allem, was ich bisher gelesen habe: Ist sie adoptiert?
      Lol. Nein xD Die fünf entspringen, ob man's glauben mag oder nicht, alle demselben Uterus :rofl:

      Kyelia schrieb:

      Praktisch. Ich sollte mir daran ein Beispiel nehmen, dann müsste ich nicht immer wochenlang überlegen, was ich ihr kaufe, oder zum Geburtstag schenke. Oder Minutenlang vor dem Süßkram-Regal im Supermarkt stehen. Einfach ein paar Teller und Tassen kaputt hauen und dann neue kaufen *notiert sich das*
      Das würde tatsächlich soo vieles einfacher machen :rofl: hahaha!

      Kyelia schrieb:

      Ich bin gespannt, wie es wohl weitergehen wird Auf jeden Fall mit dem gleichen Witz so wie ich dich einschätzen kann
      Ich gebe mir Mühe C:
      „Art, like morality, consists of drawing the line somewhere“
      - G.K. Chesterton

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      „Abby, du bist nicht mal mit Moira befreundet…“, rief Scott seiner Schwester in Erinnerung. Zwar verstanden sich die beiden Frauen gut, wenn sie aufeinandertrafen, und sie teilten dasselbe Faible, Dinge mit ihren Haaren anzustellen. Doch wann verbrachten sie tatsächlich schon mal Zeit mit einander? Dieser Entschluss war… er war einfach typisch Abigail. Gerade ging eindeutig ihr Mitgefühl mit ihr durch.
      Sie winkte ab „Papperlapapp! Keine Frau der Welt kann eine andere in ihrem Herzschmerz allein lassen. Unmöglich, das widerspricht dem Kodex!“
      Kodex? Was für ein Kodex denn nun wieder? Scott tauschte einen verwirrten Blick mit Colin aus, der offensichtlich auch keinen Schimmer hatte, wovon sie da sprach. „Häh?“
      „Na, der Kodex zwischen Frauen. Unausgesprochene Regeln. Wenn dich zum Beispiel eine andere Frau nach einem Tampon fragst, dann gibst du ihr einen. Ist ihr Kleid hochgerutscht, weist du sie subtil darauf hin. Ihr Make-Up ist verschmiert oder sie hat etwas an ihrer Hose? Du sagst du es ihr unauffällig. Selbst, wenn diejenige eine Fremde oder deine schlimmste Feindin ist.“ Sie holte Luft. „Habt ihr Männer so was denn etwa nicht?“
      „Na ja…“, murmelte Scott und kratzte sich am Kopf. „jeder Mann weiß, dass man beim Pinkeln keine Gespräche anfängt. Jedenfalls nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss.“ Colin pflichtete dem bei und ergänzte: „Und wir nicken uns zu, auch wenn wir einander gar nicht kennen. Alle Männer verstehen, was ein Nicken von oben nach unten, und was eins von unten nach oben bedeutet.“
      Zufrieden lächelte Abigail ihre Brüder an. „Seht ihr. Und deswegen muss ich Moira beistehen. Ich werde schon einen Weg finden, das arme Ding von ihrem Kummer abzulenken. Ein schönes Wellnessprogramm für uns beide, Brunch in der Stadt oder ein spaßiger Abend SingStar.“
      Dieses Mal stimmte Scott bei Colin ein und die beiden Brüder würgten synchron ihre unmissverständliche Abneigung hervor. Wie man überhaupt an Karaoke Spaß haben konnte, war für Scott schon absolut unverständlich. Dass sich manche Bekloppten den schiefgesungenen Unfug dann auch noch ins eigene Heim holten, das begriff Scott erst Recht beim besten Willen nicht. Er hasste dieses Spiel, Colin hasste dieses Spiel. Jedwedes Familienmitglied nahm fluchtartig Reißaus, sobald Abby das Wort 'SingStar' nur beiläufig fallen ließ und es weckte in Scott den Wunsch, ihre Spielekonsole mit dem Vorschlaghammer zu bearbeiten. „Das Spiel war 2004 schon ätzend“, nörgelte er. „Wieso wird dieser Schrott überhaupt noch verkauft?“
      Colin sah das ähnlich. „Jemand sollte den Entwicklern mal einen Besuch abstattet. 'N bisschen Überzeugungsarbeit leisten, ihre Jobs an den Nagel zu hängen.“
      Ein wölfisches Grinsen schlich sich auf ihre Gesichter. Wer die beiden kannte wusste: das bedeutete Ärger. „Klingt gut, ich bin dabei.“
      „Oh, ja… .“
      „Oh, ja!“
      „Oh, nein!“, protestierte Abby nachdrücklich. Vielleicht hätte sie nicht so energisch Einspruch erhoben, wenn hinter den Plänen der beiden nichts als leeres Gefasel stecken würde. Im Laufe der Jahre bewiesen Colin und Scott jedoch kontinuierlich, Männer der Tat zu sein. Zu Abbys achtzehnten Geburtstag hatten sie beim örtlichen Konditor ebenjene Überzeugungsarbeit geleistet und dadurch kurzfristig ihre Lieblingstorte organisiert. Angeblich wechselte der Ladenbesitzer jetzt immer die Straßenseite, wenn er Abby in der Stadt begegnete und wann immer die Anekdote aufkam, brachte sie ihre Missbilligung zum Ausdruck. So was Undankbares aber auch! Hörte sie denn etwa Niall meckern? Durch dieselbe Überzeugungsarbeit, war er für seinen kleinen Sohn unverhofft zu einem begehrten Platz in der Ganztagsbetreuung gekommen. Oder Kieran! Ohne Überzeugungsarbeit, hätte der Schulleiter nie den Gedanken gefasst, den Stundenplan abzuändern, damit das Basketballtraining und der Schachclub nicht länger zur selben Zeit stattfanden. War es denn Scotts Fehler, dass sich Menschen so schnell einschüchtern ließen?
      „Ihr seid wirklich schrecklich!“, warf Abby ihren Brüdern vor. „Und ihr lenkt vom Thema ab. Es ging um Moira, schon vergessen? Scott, wir fahren am besten gleich zu deiner Wohnung.“
      „Wie, gleich? Es ist nach Mitternacht.“ Um diese Uhrzeit fuhr keine einzige Buslinie mehr. Außerdem konnte Scott mit Sicherheit sagen, dass Moira morgen genauso niedergeschlagen sein würde. Dann gab es für Abby immer noch genug Herzensleid zu heilen - nachdem Scott ausgeschlafen hatte.
      Von solchen Details ließ sie sich allerdings nicht aufhalten. Für sie schien das Ganze zu einer eigenen Mission zu werden. Abigail gegen den Liebeskummer der Welt. Bei derlei romantischen Belangen schaffte nichts, sie zu bremsen. „Dann fährt Colin uns“, beschloss sie und sah zu ihm herüber.
      „Was? Häh?“
      „Du bist doch mit deinem Auto hier, oder?“
      Colin verzog das Gesicht „Seit wann bin ich euer Privatchauffeur?“
      Eigentlich wollte Scott etwas Gehässiges darauf erwidern. Ihm kam Abby zuvor, indem sie Colin mit ihren großen, braunen Augen unschuldig ansah. „Colin, …“, appellierte sie an seinen Beschützerinstinkt. „es ist schon so spät und fürchterlich dunkel da draußen. Wenn wir zu Fuß gingen, wäre ich auf dem Heimweg ganz allein und niemand bei mir, der auf mich aufpasst. Und es treiben sich nachts so gemeine Gestalten auf der Straße herum.“
      Angeblich hatte jedes irische Mädchen traditionell drei Brüder, die allesamt wie die Wachhunde auf es aufpassten. Zumindest war Scott dieses Klischee einmal in einer Serie zu Ohren gekommen, obwohl der Schauspieler mit seinem schlecht gespielten irischen Akzent echt lächerlich klang. In Abigails Fall stimmte diese Behauptung. Fast. Bei ihr waren es nicht drei Brüder, sondern ein vollständiges Quartett. Wenn Scott auf den Titel der Serie käme... 'Palace'? Nein, so ähnlich.
      Allein die Beschützerinstinkte von Scott und Colin reichten für alle vier Brüder aus. Ganz ohne Niall und Kieran. Und Abby startete eben einen Frontalangriff auf Colins Instinkte. Auf diese Art leistete sie Überzeugungsarbeit. Von oben starrte er mit grimmiger Miene auf seine kleine Schwester herab, die Arme stur vor der Brust verschränkt. Am Ende gab er ihrem Hundeblick nach. „Bilde dir nicht ein, du könntest mich um den Finger wickeln. Ich weiß genau, was du versuchst“, stellte er klar, während er seine Haltung löste und mit dem Zeigefinger auf Abby deutete. „Trotzdem hast du Recht. Du wirst nachts nicht ohne Begleitung in der Stadt herumlaufen. Ich fahre.“
      Erfreut schlug sie die Hände zusammen und gab ein jubelndes Quieken von sich. „Das ist Großartig! Ich hole schnell meine Jacke!“ Schon flitzte sie aus dem Raum.
      „Aber, dass eines klar ist!“, rief Colin ihr hinterher. „Solange die verdammte Banshee da ist, setzte ich keinen einzigen Fuß in diese Wohnung. Auf gar keinen Fall komme ich mit hinauf!“
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      - G.K. Chesterton

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      Skadi schrieb:

      „Na, der Kodex zwischen Frauen. Unausgesprochene Regeln. Wenn dich zum Beispiel eine andere Frau nach einem Tampon fragst, dann gibst du ihr einen. Ist ihr Kleid hochgerutscht, weist du sie subtil darauf hin. Ihr Make-Up ist verschmiert oder sie hat etwas an ihrer Hose? Du sagst du es ihr unauffällig. Selbst, wenn diejenige eine Fremde oder deine schlimmste Feindin ist.“ Sie holte Luft. „Habt ihr Männer so was denn etwa nicht?“
      „Na ja…“, murmelte Scott und kratzte sich am Kopf. „jeder Mann weiß, dass man beim Pinkeln keine Gespräche anfängt. Jedenfalls nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss.“ Colin pflichtete dem bei und ergänzte: „Und wir nicken uns zu, auch wenn wir einander gar nicht kennen. Alle Männer verstehen, was ein Nicken von oben nach unten, und was eins von unten nach oben bedeutet.“
      :rofl:

      Es ist so schön zu sehen, wie Abby ihren beiden Haudegenbrüdern einfach haushoch überlegen ist <3
      und es ist so witzig, dass Scott und Colin einfach nicht die Hellsten Kerzen auf der Torte sind :P
      Ich bin auf die beiden anderen Brüder gespannt. Hoffentlich lernen wir die auch noch kennen.
      Wenn ja, machst du das toll :D Du führst einen Char nach dem anderen ein und beleuchtest ihn so, dass man gut hinter kommt, wer welche Eigenschaften hat :thumbsup:
      Ich glaube, Kieran und Niall haben mehr Grips mitbekommen. Sofern ich deine restlichen Andeutungen zu den Beiden richtig verstanden hab ^^
      Was wohl aber nicht heißt, dass sie keine "irischen Brüder" sind XD
      "Warum stehen Flamingos immer auf einem Bein?"
      "Na, wenn sie das Zweite auch noch heben, fallen sie um!"
      Das Känguru-Manifest
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      Skadi schrieb:

      Kodex? Was für ein Kodex denn nun wieder? Scott tauschte einen verwirrten Blick mit Colin aus, der offensichtlich auch keinen Schimmer hatte, wovon sie da sprach. „Häh?“
      Echt es gibt einen Kodex für uns?! :D

      Skadi schrieb:

      „Na, der Kodex zwischen Frauen. Unausgesprochene Regeln. Wenn dich zum Beispiel eine andere Frau nach einem Tampon fragst, dann gibst du ihr einen. Ist ihr Kleid hochgerutscht, weist du sie subtil darauf hin. Ihr Make-Up ist verschmiert oder sie hat etwas an ihrer Hose? Du sagst du es ihr unauffällig. Selbst, wenn diejenige eine Fremde oder deine schlimmste Feindin ist.“ Sie holte Luft. „Habt ihr Männer so was denn etwa nicht?“
      Ach ja! Der ... stimmt :D :rofl: wahrer als wahr. Vorrallem die Tampos ... eigentlich alle Beispiele. :golly: :pig: :pillepalle:

      Skadi schrieb:

      Überzeugungsarbeit
      Ich würde ja echt gerne ein Zeuge dieser Überzeugungsarbeit sein ... :grinstare: sie klingt sehr ... prickelnd.

      Skadi schrieb:

      Angeblich hatte jedes irische Mädchen traditionell drei Brüder, die allesamt wie die Wachhunde auf es aufpassten. Zumindest war Scott dieses Klischee einmal in einer Serie zu Ohren gekommen, obwohl der Schauspieler mit seinem schlecht gespielten irischen Akzent echt lächerlich klang. In Abigails Fall stimmte diese Behauptung. Fast. Bei ihr waren es nicht drei Brüder, sondern ein vollständiges Quartett.
      :party: Ich wollte immer einen grossen Bruder! Oder mehrere. Leider bin ich die älteste :rofl: und habe einfach einen kleinen. Einen sehr kleinen (ganze neun Jahre jünger als ich .... ).

      Skadi schrieb:

      „Aber, dass eines klar ist!“, rief Colin ihr hinterher. „Solange die verdammte Banshee da ist, setzte ich keinen einzigen Fuß in diese Wohnung. Auf gar keinen Fall komme ich mit hinauf!“
      :rofl: mit der Banshee ist nicht zu spassen! :dwarf: vorallem nicht wenn sie Liebeskummer hat. :D

      Ich freue mich richtig auf die restlichen Brüder! :golly: Alle vier in einem Raum ... könnte ja nur leicht eskalieren xD oder die anderen haben einfach wie @Miri schon gesagt hat .... mehr Grips :stick: :grinstare:

      Fly
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      Danke für die Kommentare ^^

      Miri schrieb:

      Wenn ja, machst du das toll Du führst einen Char nach dem anderen ein und beleuchtest ihn so, dass man gut hinter kommt, wer welche Eigenschaften hat
      :love: Ui, und ganz besonders Danke für das Kompliment!

      Zum Männer-Code gibt es noch eine amüsante Hintergrundgeschichte. Ich hab ein paar Männer in meinem Freundeskreis dazu befragt, unter Anderem in einer Whats-App Gruppe. Im Endergebnis haben die Jungs in der Gruppe zwei Tage lang negative Erfahrungen darüber ausgetauscht, beim Pinkeln angelabert worden zu sein.
      :rofl: Das war ein höchst interessanter Einblick in die männliche Psyche!
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      - G.K. Chesterton

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      Skadi schrieb:

      „Na ja…“, murmelte Scott und kratzte sich am Kopf. „jeder Mann weiß, dass man beim Pinkeln keine Gespräche anfängt. Jedenfalls nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss.“
      :rofl: Und das ist so ein Punkt, der bei Frauen komplett anders ist. Wie oft sitzt man in öffentlichen Toiletten und dann hast da diese Schrullen, die sich über deine Kabine hinweg unterhalten. :rofl: Ich wäre froh, oder diese unausgesprochene Regel ... auch, wenn wir nicht im Stehen in Reihe pinkeln :D

      Skadi schrieb:

      „Na, der Kodex zwischen Frauen. Unausgesprochene Regeln. Wenn dich zum Beispiel eine andere Frau nach einem Tampon fragst, dann gibst du ihr einen. Ist ihr Kleid hochgerutscht, weist du sie subtil darauf hin. Ihr Make-Up ist verschmiert oder sie hat etwas an ihrer Hose? Du sagst du es ihr unauffällig. Selbst, wenn diejenige eine Fremde oder deine schlimmste Feindin ist.“
      ... *zählt an den Fingern mit* subtil und unauffällig? 8| Ich bin also keine Frau :rofl:

      Skadi schrieb:

      Ein wölfisches Grinsen schlich sich auf ihre Gesichter. Wer die beiden kannte wusste: das bedeutete Ärger. „Klingt gut, ich bin dabei.“
      „Oh, ja… .“
      „Oh, ja!“
      „Oh, nein!“, protestierte Abby nachdrücklich. Vielleicht hätte sie nicht so energisch Einspruch erhoben, wenn hinter den Plänen der beiden nichts als leeres Gefasel stecken würde. Im Laufe der Jahre bewiesen Colin und Scott jedoch kontinuierlich, Männer der Tat zu sein.
      Genauso habe ich die beiden auch eingeschätzt. Nicht quatschen, machen. Und was nervt, wird beseitigt und wenn es die Hersteller von SingStar sind. Ich kann deren Unmut übrigens verstehen. Ich hasse Karaoke und singen. :D

      Skadi schrieb:

      „Aber, dass eines klar ist!“, rief Colin ihr hinterher. „Solange die verdammte Banshee da ist, setzte ich keinen einzigen Fuß in diese Wohnung. Auf gar keinen Fall komme ich mit hinauf!“
      Irgendwie glaube ich nicht, dass Abby ihm das erlauben wird :D Und sie weiß ja scheinbar, wie sie ihre Brüder um den Finger winkeln kann. Sie nutzt den Kleine-Schwester-Bonus. Den kenne ich nur zu gut und er funktioniert auch heute noch :rofl:

      Der Teil war zwar kurz, aber er vertieft nochmal alle Charaktere, zeigt ihre Einstellungen und macht deutlich, wer dort wirklich die Hosen anhat. Auch, wenn Scott und Colin vermutlich auf sich zeigen würden. Abby ist eindeutig die mit den Zügeln in der Hand. :D Und es wird Zeit, dass ich jemand um das Klageweib in Scotts Wohnung kümmert. Nicht, dass die Nachbarn auch noch ausziehen :rofl:

      LG, Kyelia


      Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
      - Toni Morrison -

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      Danke für den Kommentar :D

      Kyelia schrieb:

      Wie oft sitzt man in öffentlichen Toiletten und dann hast da diese Schrullen, die sich über deine Kabine hinweg unterhalten.
      Ich bin so eine Schrulle 8) Und ich schäme mich nicht dafür :D

      Kyelia schrieb:

      Sie nutzt den Kleine-Schwester-Bonus. Den kenne ich nur zu gut und er funktioniert auch heute noch
      Bei mir hat der nie funktioniert :( Ich hab immer nur was auf's Maul bekommen... .
      „Art, like morality, consists of drawing the line somewhere“
      - G.K. Chesterton

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