Skadi schreibt. Manchmal.

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    • Skadi schreibt. Manchmal.

      Beziehungsweise eher selten. Hin und wieder kommt es dann doch mal vor und im Ergebnis landen meine Kurzgeschichten irgendwo im Forum, ohne dass selbst ich noch weiß, wo sie sich überhaupt rumtreiben. Deswegen gibt es jetzt diesen Sammelthread :saint:
      Nach und nach werde ich also alles, was sich von mir als Kurzgeschichten im Forum rumtreibt, hier posten. Also alle... zwei ( xD ) Geschichten. Aber wer weiß. Vielleicht wird es mit der Zeit mehr #GelegenheitsSchreiber :pardon:

      Die erste Geschichte habe ich im letzten Herbst für Myrtis Sammelthread "Weird Tales" geschrieben, in dem es passend zu Halloween um merkwürdige, gruselige, verstörende und unheimliche Kurzgeschichten ging. Seht es als kleine Vorwarnung :saint:




      Selbstporträt

      Der vertraute Geruch von Leinöl und Terpentin liegt in der Luft und gräbt sich wie ein Egel durch meine Luftwege. In fleckigen Einmachgläsern stehen meine benutzten Pinsel. Der Fußboden ist mit schmutzigen Farbklecksen verdreckt, von denen aus meine eigenen Fußspuren wie die eines ungebetenen Gastes durch das Atelier führen. Der Raum ist hell und dennoch trostlos. Er ist das Zentrum meines Daseins, hier verbringe ich den Großteil meiner Lebenszeit.
      In einer Ecke des Raumes stehen dutzende Leinwände. Fertige Werke, die in keiner Galerie hängen und die kein Sammler erstanden hat. Inzwischen habe ich mich an den Anblick gewöhnt, mein beinahe ganzes künstlerisches Schaffen vor meiner Nase verstauben zu sehen. Es ist mir gleichgültig geworden, dass meine Bilder niemanden erreichen. Ich habe daher nicht mehr als einen flüchtigen Blick für sie übrig, während ich an ihnen vorbei gehe und vor meine Staffelei trete. Ein helles Tuch liegt darüber und verdeckt mein neustes Werk, damit kein Staub darauf liegen bleibt. Das Gebilde sieht aus, wie ein Gespenst.
      Als ich das Tuch herunterziehe, sieht mir mein eigenes Gesicht entgegen. Nun, nicht ganz. Es sind meine Augen. Es ist mein Mund. Die Stirn erkenne ich als meine wieder und genau so das Kinn. Jeder, der es betrachtet, wird es zweifelsfrei als mein Selbstporträt erkennen. Aber mir fehlt das ehrliche Lächeln, dass die Visage auf der Leinwand präsentiert. Neben der Staffelei steht ein kleiner Spiegel, den ich als Hilfsmittel bereitgestellt habe. Ich schaue hinein und versuche, den freundlichen Ausdruck meines gemalten Selbst zu imitieren. Dabei scheitere ich kläglich, denn meine Mimik sieht künstlich und erzwungen aus. 'Das letzte Geheimnis der Kunst wird denen immer verborgen bleiben, die die Wahrheit mehr lieben, als die Schönheit', Oscar Wilde. Das Zitat kommt mir spontan in den Sinn und ich wende mich vom Spiegel und der Staffelei ab.
      Obwohl ich keinen Hunger habe, gehe ich zurück zu meinem Zeichentisch, auf dem mein Mittagessen steht: Eine dünne Brühe, zusammengekocht aus ein paar Gemüseresten. Auf dem Weg durch den Raum passiere ich abermals die unverkauften Werke in der Ecke und abermals kann ich keine Enttäuschung empfinden. Desinteressiert stelle ich fest, dass meine Brühe dieselbe brackige, grünliche Färbung hat, wie die verfärbten Lösungsmittelreste in den Gläsern, in denen ich meine Pinsel gereinigt habe.
      Die Brühe ist dünn und geschmacklos. Nicht mal einen pelzigen Belag hinterlässt sie auf meiner Zunge und sie fließt meine Speiseröhre hinab, wie abgestandenes, lauwarmes Wasser. Löffel für Löffel nehme ich sie zu mir und komme mir dabei auf einmal ungewohnt merkwürdig vor. Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich zur Staffelei herüber und bemerke, dass mich mein gemaltes Pendant anstarrt. Immer noch lächelnd, hält es mich mit seinem Blick fixiert. Ich versuche, mich auf mein Essen zu konzentrieren. Doch die ganze Zeit über spüre ich die Blicke und komme mir beobachtet vor. Noch einmal sehe ich herüber, fast schon in der Erwartung, das Porträt würde wie ein Mensch unbeteiligt wegschauen. Aber nein. Dreist starrt es mich weiter an. In seinem Lächeln meine ich Spott herauszulesen. Spott über mein erbärmliches Mahl und über den offensichtlichen Beweis meines Misserfolges in jener zugestellten Ecke zwischen uns. Verstimmt lege ich meinen Löffel auf die Tischplatte. Hätte ich Appetit verspürt, wäre er mir nun vergangen.
      Während ich zum inzwischen dritten Mal das Atelier durchquere, bemerke ich, wie mich die Augen meines Bildes verfolgen. Mir ist bewusst, dass dieser Eindruck normal ist und auf genau die gleiche Weise bei jedem zweiten Werbeplakat eintritt, auf dem die abgebildete Person direkt in die Kamera sieht. Trotzdem fühle ich mich provoziert. Das Porträt scheint sich über mich lustig zu machen und zeigt offen seinen Hohn. Das dümmliche Lächeln verharrt wie in Stein gemeißelt in seinem Gesicht. Unweigerlich frage ich mich, ob sich mein gemaltes Ich über mein Versagen amüsiert, oder mich wegen meiner zum scheitern verurteilten Versuche auslacht. Allein das Wissen, dass es nur ein Gemälde ist, hält meine Emotionen im Zaum.
      Indem ich frische Farben mische, versuche ich mich auf meine bevorstehende Aufgabe zu konzentrieren. Einige letzte Details müssen dem Porträt hinzugefügt werden, bevor es in der Ecke zwischen den anderen unbeachteten Bildern landet. Selbst jetzt fühle ich mich beobachtet. Viele Minuten lang kann ich den Drang unterdrücken, mich zur Staffelei umzudrehen. Schließlich halte ich es nicht mehr aus. Zwar sehe ich das Bild dieses Mal aus einem schrägen Winkel, nichtsdestotrotz trifft mich der Blick tief ins Mark. Mit der einen Gesichtshälfte schaut mich mein Bildnis an, mit der anderen deutet es auf die Ecke mit den ungewollten Gemälden. Es ist, als würde es mir damit etwas sagen wollen: 'Auch dieses Bild wird dort landen. Dieses und jedes weitere'.
      Ich muss schlucken, weil ich weiß, dass es Recht hat.
      Mit meinen Farben gehe ich zurück zur Staffelei und lege meine vorbereitete Palette auf dem Hocker ab, auf dem auch der kleine Spiegel steht. Dann hole ich mir einen Überblick über das, was ich an dem Porträt noch ergänzen muss. Ich will es nicht und wehre mich dagegen. Schlussendlich sehe ich dem Bild doch in die Augen. Es ist wie ein Zwang, in die Pupillen aus Farbe zu starren. Ich will mich losreißen, kann es aber nicht. Mein irrationaler Verstand sucht darin Antworten und Emotionen, wo nichts sein kann. 'Was willst du von mir?', will er wissen. 'Was ist dein Problem?', konfrontiert er meinen leblosen Gegenüber. Niemand antwortet. Wie auch? Trotzdem werde ich wütend. Ich spüre den Druck in meiner Brust und die Hitze in meinen Wangen. Für wen hält er sich, mich mit seinen Blicken zu verspotten? Und dieses Lächeln. Dieses unveränderliche, permanente Lächeln. Es beleidigt mich. Es verhöhnt mich! Mich übermannt die Wut und ich hole aus. Ich will ihm das Grinsen aus dem Gesicht schlagen, doch stattdessen schaben meine Fingernägel die Farbe von der Leinwand. Wo eben noch hochgezogene Mundwinkel und amüsierte Lachfältchen zu sehen waren, prangt nun ein verschmierter Streifen aus Braun, Beige und Rosa.
      Ich fühle mich nicht besser. Im Gegenteil. Die Farbe an meinen Fingern ist kalt schmierig. Mir kommt sie allerdings warm vor und feucht. Eine brennende Übelkeit klettert wie mit tausend spitzen Widerhaken an den Füßen das Innere meines Halses hinauf. Meine Vernunft schreit vergeblich, es sei nur Farbe, die mir an den Händen klebt. Der Rest meines Verstands übertönt ihn mit seinem Gebrüll, und macht Blut und Gewebe daraus.
      Erschrocken schaue ich auf. Sogleich werde ich wieder wütend, denn auch wenn dem Widerling die Lippen fehlen, so zeugt der Rest seines Gesichts von dem hämischen Lächeln: Die Augenbrauen freudig hochgezogen, Lachfalten in den Augenwinkeln und eine angehobene Nasenspitze. Das Würgegefühl in meinem Brustkorb verschwindet augenblicklich und wird durch rasenden Zorn ersetzt. Wie kann er es wagen, mich noch immer auszulachen? Plötzlich existiert in mir der Entschluss, dieses abartige Gesicht ein für alle mal aus der Welt zu schaffen. Ich kann nicht erklären, woher diese Entschlossenheit plötzlich kommt und welcher Teil meines Körpers sie aus dem nichts ausgespuckt hat. Im nächsten Moment spüre ich das Metall eines Terpentinkanisters in meiner Hand. Ich drehe den Verschluss auf und lasse ihn achtlos auf den Boden fallen. Dann hole ich aus und verteile den ganzen Inhalt über die Wangen, über die Augen, die Nase und Haar. Von oben bis unten trieft das verhasste Antlitz in Terpentin und auf dem Fußboden bilden sich dunkle, feuchte Flecken. Wie von selbst halten meine Finger plötzlich ein Feuerzeug. Das Zündrad krächzt zwei Mal. Eine Flamme züngelt empor und ich halte sie ohne zu zögern an das in Terpentin getränkte Gesicht. Im nächsten Moment fühle ich die Hitze des Feuers, das sich unbarmherzig durch die vertrauten Gesichtszüge frisst. Gierig leckt es die Terpentintropfen vom Kinn und jagt als Stichflamme über die Haut nach oben, ergreift von den Wangenknochen Besitz und ich verspüre Genugtuung, als sie über den Nasenrücken hinweg nach den Augen giert. Diese verfluchten Augen! Niemals wieder werden sie mich verurteilen können, triumphieren meine Gedanken, während mein Porträt stumm und unversehrt zusieht.
    • Meine Geschichte, die ich für den SWB "Fauler Zauber" geschrieben habe.

      Es stinkt

      „Es stinkt.“
      „Ich bin's nicht. Ich habe heute Morgen erst gebadet.“ Das glaube ich zumindest. Wirklich sicher bin ich mir nicht, weil es auch genauso gut gestern gewesen sein könnte. Oder vorgestern? Vielleicht war es auch letztes Wochenende oder irgendwann im Herbst. Mein Zeitgefühl war noch nie sonderlich gut. Nichtsdestotrotz bin ich mir ziemlich sicher, dass mit meinem Körpergeruch alles in Ordnung ist.
      „Nein, ich meine den Zauber“, stellt Cynthia klar und schaut von meinen Destillierkolben und Retorten auf. In den Gefäßen blubbert und brodelt es lebhaft vor sich hin. Man kann die grüne Flüssigkeit durch das Glas dabei beobachten, wie sie unermüdlich hindurchfließt, verdampft, kondensiert und schlussendlich überaus hypnotisch aus einem kleinen Hahn in ein Töpfchen tropft. Ein bisschen erinnert mich der Anblick an den tropfenden Wasserhahn meiner Wanne und automatisch lande ich wieder bei der Überlegung, wann ich sie eigentlich zuletzt benutzt habe. Bevor mein Erinnerungsvermögen Purzelbäume schlagen kann und sich dabei ein sinnbildliches Beinchen bricht, ruft mich Cynthias Stimme von dem Spielplatz in meinem Kopf nachhause: „Ich weiß nicht. Irgendwie stinkt er. Als wäre er... faul?“ Ich gehe zu ihr herüber und prüfe die Gerätschaften auf meinem Labortisch. Bisher hatte ich dieses Labor immer für mich alleine. Hin und wieder teilt mir mein Professor einen Laborpartner zu, jedoch sind bis jetzt die wenigsten von ihnen lang geblieben. Wahrscheinlich war ihnen das praktische Studium der geisteskranken Wissenschaften und makabren-bizarren Überflüssigkeiten zu stressig geworden. Man kennt sie ja, die Klischees über Studenten. Sobald sie mehr tun müssen, als gegen Mittag eine Vorlesung zu besuchen, werfen sie das Handtuch. Oder meine Säure um! Einer von Cynthias Vorgängern hat doch tatsächlich, während ich in der Mittagspause war, meinen Tank voll hochätzender Drachensäure vom Regel gestoßen und ist dann verschwunden. Dieser Feigling! Statt zu seinem Missgeschick zu stehen, lässt er mir bloß eine riesige, dampfende Schweinerei und seine Zahnspange zurück.
      Cynthia scheint zum Glück anders zu sein. Unsere Bekanntschaft besteht zwar erst ein paar Tage, aber wir verstehen uns gut und sie hat auch keine der typischen Mädchenallüren. Einzig ihren Zauberstab finde ich echt kitschig. Er ist pink (oder magenta, wie sie mich mehrmals berichtigt hat – immer diese Phantasieworte), mit einem lilafarbenen Stern und irisierenden Folienstreifen an der Spitze. Wann immer sie mir mit diesem Ding vor der Nase herumwedelt, glitzert die Folie abwechselnd grün und gelb. Persönlich stehe ich bei Zauberstäben ja mehr auf den Klassiker: Schwarz mit jeweils einem weißen Streifen an beiden Enden. Aber jeder, wie er will. Zwischen mir und Cynthia stimmt die Chemie jedenfalls und solange sie nicht anfängt, mit meinen Zombieexkrementen ihre Begonien zu düngen, dürfte sich daran auch nichts ändern. Bei Zombieexkrementen hört die Freundschaft nämlich auf! Seitdem die Filmindustrie diesen Hype um Zombies ausgelöst hat, ist es verdammt schwer, an welche heranzukommen. Sobald die Leute ein verrottetes Etwas auf der Straße sehen, zücken sie gleich ihre Armbrüste, Katanas und die nagelbespickten Baseballschläger und prügeln wie die Irren auf alles ein, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Arme Tante Milli. Sie war einfach nicht schnell genug, um erst ihre Gehhilfe und im Anschluss sich selbst in diese Buche zu hieven. Worauf ich hinaus wollte: Ohne Zombies keine Zombieexkremente. Und ich brauche für meine Experimente einiges davon. Wie zum Beispiel für besagten Zauber, über den Cynthia gerade ihre Stupsnase hält.
      „Faul?“, wiederhole ich ihre Worte und betrachte meine Arbeit. Dann zucke ich mit den Schultern. „Na ja, fleißig kann er schlecht sein. Was soll er da drin schon anstellen? Das Haus putzen? So was wurde uns untersagt, seit damals ein paar der Besen außer Kontrolle geraten sind.“ Ich ernte einen irritierten Blick. „Und...“, fragt Cynthia schließlich zögerlich, „was soll der Zauber bewirken?“
      „Oh, ich hab keine Ahnung. Siehst du, ich sehe solche Zauber wie eine Schachtel voller Pillen.“
      „Du meinst Pralinen?“
      Nun bin ich es, der irritiert guckt. Ich ignoriere Cynthias Einwand und rede weiter: „Man weiß nie, was man erwischt. Entweder sieht man bunte Farben, bekommt Durchfall oder kann die Stühle reden hören. Irgendwas kommt immer dabei raus. Aus demselben Grund wähle ich auch die Zutaten wahllos aus. Wie bei einer guten Suppe! Ich nehme was so da ist und lasse mich überraschen.“
      Inzwischen hat sich Cynthia von meinem Zauber abgewendet und betrachtet nun neugierig eine Keramikschale, die zur Hälfte mit einer dickflüssigen, gelben Masse gefüllt ist. Sie schaut angewidert die toten Fliegen an, die darin herumschwimmen und stupst vorsichtig mit dem Finger gegen einen der Tentakel, von denen ein paar über den Rand der Schale hinaushängen. „Und das hier ist auch einer deiner Zauber?“
      Kritisch verschränke ich die Arme vor der Brust. Hat diese Frau mir denn nicht zugehört? „Das ist meine Suppe, die vom Mittagessen übriggeblieben ist.“ Das habe ich doch eben erklärt.
      In dem Moment, in dem ich rede, zuckt der Tentakel unter Cynthias Berührung zusammen. Erschrocken macht sie einen unkontrollierten Satz nach hinten und stößt mit den Rücken gegen mein Bücherregal. Eventuell sollte ich mir überlegen, es an einen anderen Platz zu verschieben. Aus demselben Regal ist damals schon die Drachensäure gefallen. Auch unter Cynthias Aufprall wackelt das Holzgestell und bevor einer von uns beiden reagieren kann, stürzt eine Kiste daraus zu Boden. Es kracht, als sie aufkommt; mehr als etwas Stroh und einem weißen Fellknäuel fällt aber nicht heraus. „Jetzt hast du Bernhard aufgeweckt“, tadele ich Cynthia. Die arme guckt etwas erschrocken und zugleich scheint sie von der Situation überfordert zu sein. Dabei ist doch nur diese Kiste vom Regal gefallen. Wie ein Auto hätte sie glotzen können, wenn auch noch dieser Topf voller Lebendspinnen heruntergekommen wäre, der selbst jetzt noch bedrohlich auf dem obersten Brett hin und her schwankt.
      „B-Bernhard?“
      „Ja, Bernhard. Bernhard ist mein Kaninchen. Hin und wieder zaubert er mich aus einem Hut.“
      Und wieder erinnert mich Cynthia Gesichtsausdruck an einen Citroën C3. Sie blinzelt ein paar Mal und im nächsten Augenblick kann ich vier tiefe Falten auf ihrer Stirn zählen. „Halt mal. Er zaubert dich hervor? Sollte es nicht andersherum sein?“
      Mit dieser Frage bringt sie mich in Verlegenheit. Bernhard und ich sind bereits vor langer Zeit zu der unausgesprochenen Übereinkunft gekommen, nicht über dieses Thema zu reden. Unbehaglich fahre ich mit der Hand über meinen Nacken. Tut mir leid, Bernhard. „Das war anfangs auch so. Irgendwann haben wir einen Verschwindibuszauber ausprobiert, bei dem Bernhard aus einem geschlossenen Kasten verschwinden sollte. Und... na ja... Er ist danach wiederaufgetaucht. Allerdings mit nur drei seiner Pfötchen.“
      Wie abgesprochen, rappelt sich mein langohriger Freund auf. Wegen seiner Behinderung braucht er für solche Bewegungen immer etwas länger. Und wenn er sich mal an den Ohren kratzen will, kippt er ständig um. Dann muss er sich erst wieder aufsetzen. Für Bernhard sind juckende Körperstellen eine ganz eigene Herausforderung des Alltags und am Ende rollt er sich nur so lange auf dem Boden herum, bis das Jucken von selbst aufhört. Zum Glück scheint ihm der Sturz nichts ausgemacht zu haben. Bernhard guckt bloß ein bisschen miesepetrig, weil er so unsanft aus seinem Nickerchen gerissen wurde. Sonst scheint augenscheinlich noch alles dran zu sein. Na ja. Vom Hinterpfötchen mal abgesehen. „In irgendeiner Zwischendimension schwebt also eine einsame Kaninchenpfote herum. Danach hielten Bernhard und ich es für besser, wenn ich keine Zaubersprüche mehr an ihm ausprobiere. Er sogar noch mehr als ich. Doch keine Sorge. Bernhard kommt prima zurecht! Siehst du?“
      Und tatsächlich hoppelt der kleine Pelzball gerade los. Keine Ahnung, wohin er will. Wahrscheinlich weiß Bernhard das nicht mal selbst so richtig. Seine Bewegungen haben etwas Drolliges an sich, die meine Mundwinkel immer wieder verzückt nach oben zwingen. Zwar balanciert er seine fehlende Gliedmaße gekonnt aus, trotzdem humpelt er etwas. Er hoppel-humpelt eben. Oder humpel-hoppelt er? Er huppelt... er ...hompelt...? Wie immer schweigt sich Bernhard darüber aus, wie seine Gangart am besten zu beschreiben ist. In der Hinsicht konnte man noch nie viel konstruktiven Input von ihm erwarten.
      „Oh Mann…“, höre ich Cynthia ächzen. Sie wendet sich von mir und Bernhard ab, was ich schade finde. Dadurch verpasst sie den Anblick von Bernhards flauschigen Schwänzchen und wie es beim hompeln auf und ab wippt. Auf einmal kreischt Cynthia wie am Spieß: „Um Himmels Willen! Die Retorten!“
      Ich lehne ab: „Nein Danke.“ Momentan halte ich nämlich eine Diät und Torte passt nicht in meinen Ernährungsplan hinein. Außerdem habe ich doch erst vor kurzem meine Suppe gegessen. Haben wir nicht vor wenigen Minuten erst darüber gesprochen? Langsam glaube ich, dass meine neue Laborpartnerin an einem ernsthaften Aufmerksamkeitsdefizit leidet.
      „Nein, dein Zauber! Er explodiert!“
      Mein Blick wandert zum Tisch und tatsächlich haben sich unkontrolliert Gase in den Behältern gebildet. Durch das Glas ziehen sich wie Spinnweben tiefe Sprünge, durch die pfeifend heißer, stinkender Dampf austritt. Cynthias Unkenrufe bewahrheiten sich gleich darauf, als der Druck im Inneren der Retorten zu groß wird und alles mit einem tosenden Knall in die Luft geht. Zu meinem Glück stehe ich weit genug entfernt und brauche nur einen Schritt zurückweichen. Cynthia allerdings… Sie schafft es rechtzeitig, sich vor den umherfliegenden Scherben zu ducken. Bei dieser Aktion springt sie jedoch direkt in die austretende Gaswolke meines Zaubers. Tja. Ein bisschen ist sie ja schon selbst schuld. Hätte sie mal mehr Aufmerksamkeit für ihre Umwelt gezeigt.
      Der Dampf muss verdammt heiß sein. Cynthia schreit und wirft sich vor Schmerzen auf den Boden. Ich frage mich, wieso sie es für eine gute Idee hält, sich inmitten all der Scherben umherzuwälzen. Tut das nicht erst recht weh? Aus Bernhards Gesicht spricht tiefes Entsetzen über die Situation, denn das Wackeln seiner Nase setzt für eine kurze Sekunde aus. Jetzt hat Cynthia endlich aufgehört zu zappeln und zu quieken. Völlig regungslos liegt sie zwischen dem, was vor ein paar Minuten noch mein magisches Equipment war. Der Dampf hat sich auf ihrer Haut abgesetzt und ihre Gesichtsfarbe verändert. Eine Schönheit war Cynthia schon vorher nicht gewesen, aber der fahle graugrüne Teint steht ihr absolut nicht. „Meiner Meinung nach ist sie tot“. Bernhard stimmt mir zu, indem er betroffen die Ohren in meine Richtung dreht. „Schade. Wäre sie nur etwas umsichtiger gewesen. Ich hole mal einen Eimer Wasser und einen Wischmop, bevor sich die Sauerei noch in den Fußboden einbrennt. Die Hausmeister werden sonst wieder stinksauer, wie damals bei der Drachensäure.“ Wie sehr wünsche ich mir gerade, Zauber auf Reinigungsgegenstände anwenden zu dürfen.
      Plötzlich muss ich überrascht die Augenbrauen hochziehen. Cynthias toter Leib wird von Zuckungen geschüttelt. Aus ihrer Kehle dringt hohles Stöhnen und Keuchen und langsam richtet sie ihren Oberkörper auf. Die Bewegungen sind unbeholfen und schwerfällig. Ich kann erkennen, dass sich ihr Brustkorb nicht hebt und senkt. Ergo hat Cynthia das Atmen wohl für sich aufgegeben. Ihre Haut ist von den Scherben aufgeschnitten und von großen Brandblasen übersät. Das, was von ihrem Gesicht erkennbar als solches übriggeblieben ist, hängt schlaff runter. Gedanklich verfasse ich eine Notiz, dass mein Zauber definitiv keine Grundlage für ein Schönheitsserum bietet.
      „Cynthia?“, versuche ich sie anzusprechen. Zur Antwort grunzt sie mich nur an.
      „Bist du tot?“ Jetzt stöhnt sie dumpf. Oha. Mir kommt ein Verdacht.
      „Bist du ein Zombie?“
      Auf diese Frage zeigt Cynthia keine Reaktion. Ich werte das als ein Ja und fange an zu überlegen.
      „Bernhard, wir haben einen Zombie erschaffen“, verkünde ich das offensichtliche. „Weißt du, was das heißt?“ Natürlich weiß er das. Sonst würde er sich nicht voller Euphorie hinlegen und seine eigene Wamme als weiches Kissen für sein Kinn benutzen. „Richtig! Genug Zombieexkremente für all meine Experimente!“ Vor lauter Freude fange ich an zu jubeln und Bernhard stimmt mit ein, indem er die Augen schließt und sein Nickerchen fortsetzt.



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      Kleiner Bonus: Die real-Life-Vorlage zu Bernhards Kiste:
    • @Skadi eigentlich hätte mir beim Hasen klar sein sollen, von wem die Geschichte ist :D
      Ja gut, was soll man eigentlich noch dazu sagen. Die Geschichte ist ziemlich perfekt wie sie ist. DIe Pointe sitzt, der Zauberer ist ein herrlich verquirlter Kauz und trotz kurzer Geschichte besser dargestellt, als es manch anderer noch nach undert Seiten nicht ist. Außerdem isses genau mein Humor :doofy:
      "Vem har trampat mina svampar ner?!"
    • Hallo Skadi,

      da ich mich gestern erst hier angemeldet habe, fehlt mir noch jeglicher Überblick und beim durchstöbern
      des -sehr produktiven- Forums bin ich auf deine Geschichte gestoßen.


      Flotter Stil mit schönen Ideen, Wortspielereien und popkulturellen Querverweisen.
      Sehr lustig und unterhaltsam, danke dafür.
    • Hach, zu viel des Lobes, @Xarrot :rofl: Danke, danke, danke :D

      Xarrot schrieb:

      eigentlich hätte mir beim Hasen klar sein sollen, von wem die Geschichte ist
      Jetzt müsste ganz aus Prinzip ein anderer mit einer Kaninchengeschichte beim SWB teilnehmen. Nur, um für Verwirrung zu sorgen :D Hihi!

      Dir natürlich auch Danke, @Dirk ^^ Freut mich, dass dir meine Geschichte gefällt.