Die Hexe von Roden auf dem Berge

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    • Die Hexe von Roden auf dem Berge

      Hallo, liebe Gemeinde,


      habe hier einen Leckerbissen für Hexenfreunde und solche, die es werden wollen. Eine Frau bringt eine Katze zur Welt, und für eine andere Frau bricht die Hölle los... Dazwischen viel mittelalterlich anmutendes Drumherum. Die Geschichte hat nur einen Haken, sie ist ziemlich lang... Ich wag´s trotzdem.



      Die Hexe von Roden auf dem Berge


      1

      Am dritten August des Jahres Sechzehnhundertneunundfünfzig kam in Bovenden, einem Dörfchen gegenüber Roden auf dem Berge, ein Mädchen zur Welt, das zunächst die Hebamme, dann aber auch die Eltern in helles Entsetzten stürzte. Die rosige Haut des Kindes, das sich in schlechter körperlicher Verfassung zeigte, war mit einer Vielzahl dunkler Flecken und Streifen überzogen, nur das Gesichtchen war verschont geblieben.
      Und die Kopfform! Die Hebemutter sah es, und ihr grauste. Das war kein Kinderkopf, das war ein Katzenkopf! Das Kind hatte eine Schnauze!
      Mit der Zeit wurden die Streifen und Flecken dunkler, und nach einer Woche sah das Kind aus wie eine Katze mit glattem Fell. Ein Katzenkind also. Die Hebamme hatte schon viel gesehen und hielt sich für eine vernünftige Frau. Sie glaubte zwar an die Existenz des Teufels, aber nicht an Inkubi und Sukkubi, die nachts mit wehrlosen Frauen verkehren und ihnen missgebildete Kinder in den Leib hexen.
      Die Hebamme nahm die Gulden, die ihr der Mann in die Hand drückte und versprach, zu schweigen.
      Nachdem sich die Frau einigermaßen vom Kindbett erholt hatte, nahm sie der Mann scharf ins Gebet. Auch er glaubte an den Teufel – ihm und den anderen Kirchgängern wäre es nie in den Sinn gekommen, die Höllenvision anzuzweifeln, die in der Vorhalle der Kirche hing und in drastischer Weise die Qualen der Hölle veranschaulichte. Und: Waren nicht immer noch Gutachten der obersten Inquisitionsbehörde in Umlauf, welche die Möglichkeit von Teufelsmagie und -buhlschaft ausdrücklich bestätigten?
      Doch mochte er der Frau keine Teufelsbuhlschaft anhängen, dagegen stand ihre schlichte Frömmigkeit. Allerdings, ein Restverdacht blieb. Denn der Teufel ist listig und verschlagen! Nicht einmal vor frommen Frauen schreckt er zurück, hatte der Pfarrer noch letzten Sonntag lauthals von der Kanzel verkündet! Schließlich musste dieses Kind ja irgend einen Grund haben.
      Er stellte die Befragung jedoch bald ein. Die Frau war am Ende ihrer Kräfte. Sie fühlte sich schuldig, aber sie fand keine Schuld. Immer wieder durchforschte sie ihr Gewissen nach eine schweren Sünde, doch sie fand keine. Zermürbt von qualvollen Selbstvorwürfen und einer Reihe schlafloser Nächte, brach sie in verzweifeltes Schluchzen aus und brachte kein Wort mehr hervor.
      Die Zeit drängte. Schon wunderten sich die Nachbarn, warum sich die Frau nicht mehr außer Haus zeigte. Und das Kind, musste es nicht schon lange zur Welt gekommen sein? Zunächst waren die Fragen noch harmlos-neugierig, sie nahmen aber immer mehr an frech-fordernder Schärfe zu. Der Mann wurde auf offener Straße zur Rede gestellt; seine ausweichenden Antworten schürten das Misstrauen noch weiter an. Es war der Zeitpunkt abzusehen, an dem die Obrigkeit Auskunft haben wollte.
      Das Ehepaar steckte die Köpfe zusammen und beratschlagte. Die Möglichkeit, sich einem Geistlichen anzuvertrauen, wurde kurz erwähnt und rasch verworfen. Es wäre einer Selbstanzeige beim Heiligen Offizium gleichgekommen. Der Pfarrer war ein aufrechter, aber auch selbstgerechter Mann, dem die Macht der Kirche mehr am Herzen lag als die Nöte der Gläubigen. Dem wäre ein inquisitorisches Tribunal gerade recht gewesen!
      So beschlossen sie, erst einmal gar nichts zu unternehmen. Wenn die Hebamme dicht hielt, bestand ja fürs erste auch keine Gefahr. Die kleine Josephine, bis zum Hals in Tücher gewickelt, die Händchen in Handschuhen, auf dem Köpfchen eine lustige Mütze, glich den anderen Wickelkindern fast wie ein Ei dem anderen. Wer sollte da Verdacht schöpfen, dass mit dem herzigen Kind etwas nicht stimmte?
      Nur, was war, wenn sie älter wurde und frei herumlaufen wollte? Einsperren wie den Kaspar Hauser, der zehn Jahre und mehr in einem finsteren Verschlag zubringen musste, von eine Wölfin gesäugt, wie man wissen wollte?
      Aber noch lag das Kind schlaff in seinem Bettchen und bewegte sich kaum. Und aufrecht sitzen – das klappte auch nach einem halben Jahr noch nicht.
      Eines Abends im Bett rief die Frau: „De Burgemeester! Sonnleitner!“, und als ihr Mann sie fragend ansah: „Ja! Hubertus Sonnleitner, der kann helfen!“
      Bei näherer Betrachtung erwies sich dieser Vorschlag als gar nicht so übel. Hubertus Sonnleitner, der Bürgermeister von Roden auf dem Berge, galt weit und breit als ehrlicher und unbestechlicher Mann. Auch seine recht fortschrittliche Gesinnung stand außer Frage. Um das Geschwätz der Leute schien er sich einen Fliegendreck zu kümmern. Hätte er sonst diesen Hirschkäfer von Frau geheiratet?
      Hinzu kam noch ein weiterer, hoffnungsvoller Lichtblick: Zwar wurden Inquisitions-Prozesse durch Gutachten kirchlicher Instanzen in Gang gesetzt, jedoch Urteilsfindung sowie Vollstreckung des Urteils oblagen der weltlichen Gerichtsbarkeit. Immer seltener kam in letzter Zeit der Scheiterhaufen dabei heraus – es sei den, das Vergehen war schwere Ketzerei. Und davon konnte nun wirklich nicht die Rede sein. Also, gesetzt, es käme überhaupt zu einem Prozess und einer Verurteilung, womit wäre zu rechnen? Vielleicht mit einer milden Kirchenstrafe wie Fasten, Almosen geben, Wallfahren? Vielleicht, vielleicht... Und auch nur, wenn der Bürgermeister mitspielte.
      Sie kannten ja Sonnleitners abgründigen Charakter noch nicht.
      Gleich am nächsten Vormittag ging Erwin Mooshard aufs Rathaus und bat um eine Audienz beim Burgemeester.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von McFee ()

    • McFee schrieb:

      Einsperren wie den Kaspar Hauser, der zehn Jahre und mehr in einem finsteren Verschlag zubringen musste, von eine Wölfin gesäugt, wie man wissen wollte?
      Kaspar Hauser lebte etwa 18hundert und Kälte. Eine Geschichte von 16HundertUnd sollte diesen Vergleich nicht bringen, mEn.


      McFee schrieb:

      Zwar wurden Inquisitions-Prozesse durch Gutachten kirchlicher Instanzen in Gang gesetzt, jedoch Urteilsfindung sowie Vollstreckung des Urteils oblagen der weltlichen Gerichtsbarkeit.
      Bist Du Dir da sicher???


      Ansonsten: Interessanter Ansatz, allerdings irritiert mich der letzte Satz etwas: Wer, um Himmels Gewölk, ist Erwin Mooshard? Den ganzen Text vorher erwähnst Du die Eltern des Kindes nur mit "der Mann", "die Frau", so als sei eine nähere Bezeichnung nicht plotnotwendig.


      Der EDIT ist noch etwas eingefallen/aufgefallen: Eine derart "liebevolle" Behandlung der Frau durch ihren Gemahl (nachdem sie ja offenbar... nun ja, vielleicht), dass er wartet, bis sie wieder bei Kräften ist, ehe er sie zur Rede stellt... und dann "nur" redet, entspricht nicht unbedingt dem gängigen Bild, dass man von der Beziehung der Geschlechter untereinander fürs Mittelalter so hat. Klischees halt. Wäre vielleicht drüber nachzudenken und eventuell etwas zu... präzisieren? Korrigieren? Erklären? Was auch immer, wieso grade dieses Paar so liebe- und vertrauensvoll miteinander umgeht.
      Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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      Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?
    • Hi @McFee!
      habe gerade Deinen Text überflogen (gerade knapp an Zeit). Rechtschreibfehler konnte ich keine gravierenden entdecken, alles sehr sauber. Das Thema scheint mir gut gewählt. Dennoch hättest Du mich mit dem Teil wohl nicht an der Angel, aber das gründet nur auf meinen persönlichen Geschmack und nicht etwa an Deiner Idee an sich. Ich reib mich halt an Texten, die im Stil vom Lokalnachrichtenteil der Tageszeitung gehalten sind. Du weißt schon: Viel Info, null Atmosphäre... Mir wäre dies zu trocken, um mich länger als drei Seiten lang bei Stange zu halten.
      @Cory Thain hat recht: der Hauser muß leider draußen bleiben; da könntest Du ebenso gut Mowgli erwähnen :)
      Soweit ich weiß, führte der Klerus schon die Prozesse und fällte auch die Urteile, zur Vollstreckung wurde der Verurteilte jedoch dem weltlichen Arm übergeben, da sich die scheinheiligen Brüder nicht die gesalbten Hände besudeln wollten.
      Adler erheben sich in die Lüfte
      aber Wiesel werden nicht in Flugzeugturbinen gesogen
    • Hallo Cory Thain,
      vielen Dank für deine Bemerkungen. Der K.H. ist natürlich ein dicker Hund. Gergl. darf eigentlich nicht passieren.
      Im 17. Jahrh. (das ist nicht MA!) war die Durchführung von Hexenprozessen Aufgabe der weltlichen Gerichtsbarkeit.

      Dass der Name erst im letzten Satz auftritt, liegt daran, dass ich den Text gekürzt habe. Sorry.

      Zu EDIT: Wo, zum Teufel, steht, dass die Männer vor 350 Jahren nicht genauso roh oder liebevoll zu ihren Frauen waren wie die heutigen? Außerdem lässt er ja ganz schön den MANN heraushängen, denn welche Frau ließe sich heute noch 'scharf ins Gebet' nehmen?
      LG
      McFee

      Hallo Formorian,
      vielen Dank für deine Bemerkungen. Stil ist eben Geschmacksache, und ich finde nicht dass er trocken ist. Für mich erwächst die Spannung aus der treffenden Formulierung, dem Geschehen und nicht aus dem Kerzenschein. Ein Zeitungsteil ist er mE. nicht, weil keine Zeitung den Zeitgeist beschreibt. Vielleicht liest du ja mal das nächste Kap. an, und dann kannst du immer noch sagen: nee danke, das reicht...
      Zur Urteilsfindung vergl. Antwort an Cory Thain.
      LG
      McFee

      PS. Ich wüdre gerne den Text verbessern, komme aber nicht weiter. Kann mir da vl. jemand einen Tipp geben?
    • Interessanter Ansatz - ich bin mal gespannt wohin das fuehrt.

      Stilistisch finde ich es am Anfang schoen im Stil von Werken wie dem 'Rheinischen Hausfreund' geschrieben, das passt ganz gut - aber an ein paar Stellen faellst Du aus dem Stil, z.B.

      McFee schrieb:

      Wenn die Hebamme dicht hielt, bestand ja fürs erste auch keine Gefahr
      'dicht halten' mutet mich eher modern an.

      McFee schrieb:

      De Burgemeester!
      Ich dachte wir sind auf einem kleinen Doerfchen? Da haette ich jetzt keinen Buergermeister vermutet, die waren eher in der Stadt angesiedelt.
    • McFee schrieb:

      Wo, zum Teufel, steht, dass die Männer vor 350 Jahren nicht genauso roh oder liebevoll zu ihren Frauen waren wie die heutigen? Außerdem lässt er ja ganz schön den MANN heraushängen, denn welche Frau ließe sich heute noch 'scharf ins Gebet' nehmen?

      Entschuldige bitte, aber


      McFee schrieb:

      in Bovenden, einem Dörfchen gegenüber Roden auf dem Berge,

      waren die Leute (mit großer Wahrscheinlichkeit) bitter arm. Sie schufteten, solange das Tageslicht reichte und wenn eine Frau schwanger wurde, und ein Kind gebar, dass in keinster Weise zukünftig bei den Arbeiten mithelfen konnte (ein unnützer Esser also), dann war es eher verständlich, dass der Mann wütend war und "schlag"fertig. Und wenn eben jener Mann an Hexerei und Teufelswerk glaubte (wie Du ja behauptet hast), gab es gar keine andere Erklärung, als dass dieses Kind eine Strafe Gottes war oder die Frucht frevlerischer Unzucht der Frau.
      So einer Frau noch Rückenhalt zu geben und Schweigsamkeit zu wahren, war eher die Angst, als Ursache für die Gottesstrafe hingestellt zu werden, denn der Frau zärtlich verbunden zu sein.

      Patriarchalische Machtstrukturen wirken noch heute und es ist sehr unglaubhaft, dass sie damals, in diesem (offenbar vor Frömmigkeit strotzenden) Dörfchen nicht existierten...

      Nun ist es tatsächlich durchaus möglich, dass dieser Mann seine Frau liebt (mehr noch als den lieben Gott), aber es wäre sehr ungewöhnlich. Und Ungewöhnlichkeiten sollten glaubhaft gemacht werden. Ich will nicht, dass Du dieses Detail änderst! Ich möchte, dass Du es glaubhaft rüberbringst.

      Cory
      Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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      Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?
    • Hallo Thorsten,
      der Bügerrmeister ist dort als aufgeklärte Autorität bekannt.
      McFee

      hallo Cory Thain,

      dies ist kein wissenschaftlich abgesichertes Sittengemälde, so wie dieses Forum kein wissenschaftliches ist. Es ist eine Fantasiegeschichte, in der alles möglich ist, solange es nicht gegen die guten Sitten verstößt. Wenn es auch unwahrscheinlich ist, so ist es doch bis zum Gegenbeweis möglich, wie so vieles auf der Welt.

      McFee


      2

      Mitte August gab es einen unerwarteten Kälteeinbruch. Ein widerlicher Schneeregen brach Pappeln auseinander und bog die Weidenzweige bis zur Erde. Berge von Schneematsch zwangen Sonnleitners großes Heustadel in die Knie, und auf seinen Weinbergen drohten Hangrutsche. Es war also nur zu verständlich, dass er sich zunächst nicht um das Anliegen der Mooshards kümmern konnte.
      An einem späten Abend fuhr er dann doch los. Aus irgendeiner spontanen Eingebung heraus stellte er den leichten Phaeton, den er bei offenem Wetter statt der Kutsche für Hausbesuche benutzte, hinter einer Scheune ab, kraulte dem Braunen freundschaftlich den Hals und ging die letzten hundert Meter zu Fuß. Immer wieder hinter Gebüsch Deckung suchend, achtete er darauf, so wenig wie möglich gesehen zu werden. Warum er so vorsichtig war, hätte er nicht sagen können.
      Das Ehepaar Mooshard war deshalb nicht wenig überrascht, als es eines Abends klopfte und der Bürgermeister von Roden auf dem Berge vor der Hintertür stand. Sie hatten ihn, obwohl die Dorfstraße vom Wohnzimmer aus gut zu überblicken war, nicht kommen gesehen, und wohl auch nicht mehr mit ihm gerechnet.
      Ohne abzulegen und ohne sich um das Angebot der Hausfrau, etwas von dem fußgekelterten Wein zu kosten, zu kümmern, fragte er sofort: „Wo ist das Kind?“
      Die Frau führte ihn in eine Kammer, in der die Kleine friedlich in ihrem Bettchen schlummerte. Sie nahm das Kind hoch und entblößte seinen Bauch.
      Sonnleitner fragte: „Sieht es überall so aus?“
      Frau Mooshard bejahte.
      Auf einmal war es Sonnleitner, als ob der Boden unter ihm schwanke. Blitzartig begriff er, welch einmalige Gelegenheit sich ihm hier bot, seine Rachegelüste zu befriedigen. Alle guten Vorsätze stoben davon wie ein Schwarm Rebhühner beim Knall der Flinte. Jetzt endlich lernte er sich wirklich kennen: Er war, allem äußeren Schein zum Trotz, ein Mensch mit einer unbezwingbaren Destruktivität, wenn es darum ging, sein Ego zu befriedigen.
      Die Frau sah den Bürgermeister gespannt an. Der zeigte keinerlei Regungen.
      „Euer Ehren“, fragte Mooshard von der Tür her, „kann das Teufelswerk –“
      Sonnleitner unterbrach ihn barsch. Ob es Teufelswerk sei, das festzustellen, sei nicht seine, sondern Aufgabe der Gutachter.
      Die Frau legte das Kind wieder zurück und rang die Hände. „Jesus und Maria! Doch nicht etwa Gutachter der Inquisition?“
      Sonnleitner winkte ab. „Da macht Euch mal keine Sorgen, Frau!“ Zur Not werde er auf eine Cautio criminalis hinwirken. Er selbst glaube zwar an den Teufel, aber nicht, dass er die Leibesfrucht verhext. Das sei ein Irrtum aus dem Mittelalter, den mittlerweile sogar die Kirche ablehne. „Und außerdem“, fuhr er ziemlich grob fort, „das Heilige Officium hat anderes zu tu, als sich um Missgeburten zu kümmern!“
      Inzwischen war die kleine Josephine aufgewacht. Mit großen Augen sah sie den fremden Mann an und versuchte zu lächeln. Aber es ging nicht.
      Sonnleitner wandte sich ab. Jetzt kam es darauf an, geschickt vorzugehen. Die Angst dieser Leute vor einem Inquisitions-Tribunal musste am Köcheln gehalten werden, aber nicht so, dass sie das Kind in ihrer Angst umbrachten. Er sagte: „Wenn Ihr wollt, kann ich die Angelegenheit zu einem guten Ende bringen.“ Wie, wusste er noch nicht, aber eine unbestimmte Vorstellung hatte er schon. Er trug der Frau auf, das Kind gut zu füttern und es an nichts fehlen zu lassen. Dann bat er sich absolutes Stillschweigen aus und verließ mit knappem Gruß den Raum.
      Zuhause begab er sich sofort in sein Arbeitszimmer und befahl, ihn nicht zu stören. Dann legte er sich aufs Sofa und dachte lange nach.

      Schon am nächsten Abend, bei beginnender Dämmerung, machte er sich wieder auf den Weg, Baum und Strauch als Deckung nutzend. Dann, in der Stube beim unsteten Licht der Blaker, redete er mit flinker Zunge auf die Mooshards ein. Ob sie überhaupt wüssten, in welcher Gefahr sich die Frau und das Kind befänden? Er nicht, aber die Kirche halte eine Teufelsbuhlschaft immer noch für möglich! Die Kirche sitze nun mal am längeren Hebel, und irgendwann sei der Arm eines Bürgermeisters auch nicht mehr lang genug! Dann: Was soll aus solch einem Kind werden, hier, unter diesen Leuten, die schon eine weiße Amsel für Teufelswerk hielten und erschlügen? Ja, ja – und jetzt wurden sein Tonfall sanft, ja geradezu beschwörend – es sei nicht einfach, sich die Zukunft solch eines bedauernswerten Wesens, wenn die Eltern nicht mehr da wären, ohne Tränen der Verzweiflung in den Augen vorzustellen. Wenn man es auch nicht erschlüge, so würde es doch immer herumgestoßen, denn keiner wolle es haben. Es sei und bleibe von der Gemeinschaft der Christen ausgeschlossen. In den finstersten Winkel eines heruntergekommenen Schweinestalles –
      Hier begehrte der Mann heftig auf. „Ein mildtätiges Kloster wird Josephine aufnehmen!“ rief er.
      Sonnleitner lachte trocken. „Habt Ihr Geld?“
      Bedrückt senkte der Mann den Kopf. Natürlich nicht! Woher auch? Die jährlichen Fronen und Naturalabgaben sorgten dafür, dass sie nie auf einen grünen Zweig kommen würden.
      „Aber ich habe Geld!“
      Sonnleitner machte ihnen folgendes Angebot: Sie sollten ihm das Kind überlassen. Er werde es in einem anständigen Kloster unterbringen und dafür sorgen, dass es menschenwürdig behandelt und gut versorgt werde. Er kenne da eine fortschrittlich eingestellte Priorin, die solche unheimliche Geburten für das halte, was sie waren: Sinnlose Spielereien einer gefühllosen Natur. Mit dem Teufel habe das nichts zu tun. Der habe anderes im Sinn. Allerdings knüpfe er, Sonnleitner, dieses Angebot an eine Bedingung: Das Ehepaar müsse unverzüglich nach Amerika abreisen. Auch dafür werde er die notwendigen Mittel bereitstellen. Die Liegenschaft werde er ihnen zu einem anständigen Preis abkaufen.
      Die Frau fragte atemlos. „Warum tut Ihr das?“ Amerika! Der Traum der Unterdrückten und Geknechteten! Jedoch wer besaß schon die Mittel, diesen Traum zu verwirklichen?
      Um eine Antwort war Sonnleitner nicht verlegen. Es war alles bis ins Kleinste durchdacht. „Wenn ich ehrlich bin –“
      Sonnleitner zögerte einen Moment. Diese Lüge ging ihm nun doch nicht so leicht von der Zunge. Er war gerade dabei, das Seil, das ihn mit der Gemeinschaft der Anständigen und Aufrechten verband, zu durchtrennen.
      „Wenn ich ehrlich bin – das Mädchen kann hier nicht länger bleiben, weil es den Landfrieden gefährden würde. Durch seine Abartigkeit würde es bei einigen Leuten die finstersten Triebe der Abwehr wecken. Ihr wisst, wie fremdenfeindlich diese Gegend hier ist, und da kann sich leicht ein Flächenbrand entwickeln. Es wird sowieso schon hier und da gemurrt. Die Unzufriedenheit ist groß und wird jeden Tag größer. Neulich wurde der Neger des Kurfürsten auf offener Straße erschlagen. Ich möchte nicht, dass sich hier in dieser Gegend Ähnliches wiederholt.“
      Sonnleitner schwieg, denn er sah, dass es reichte. Zumindest in den Augen der Frau las er verhaltene Zustimmung. Den Rest würden ihre Zunge und die Zeit besorgen.
      „Überlegt es Euch gut“, sagte er und erhob sich. „Es eilt ja nicht. Nur bedenkt, solch ein Angebot bekommt Ihr nicht alle Tage!“


      3


      Zwei Tage später, bei stockfinsterer Nach, rumpelte ein Heuwagen auf Sonnleitners Hof. Wenig später übergab er das Katzenkind er einer seiner Mägde und befahl, es wie ihr eigenes zu versorgen. Küche und Keller stünden ihr zur Verfügung. Um kein Aufsehen zu erregen, wies er der Magd eine Kammer in einem abgelegenen Teil des ausgedehnten Gehöfts zu. Er baue auf ihre Diskretion, ihr Schaden solle es nicht sein, flüsterte er. Einige Dukaten fielen klingend auf den Tisch. Dann ging er in sein Büro, schloss die Tür ab und entkorkte eine Flasche 'Sonnleitners Sonnentropfen'.
      Während er den Wein schlürfte, dachte er nach. Endlich, endlich bot sich ein Weg, sich zu rächen. Darauf hatte er schon lange gewartet.
      Fast körperlich fühlte er die Schmach, unter der er seit fünf Jahren litt...
      Dieser fahrende Geselle, dieser Vagabund Marten hatte ihm die Braut weggeschnappt! Ihm, dem Burgemeester der angesehenen Stadt Roden auf dem Berge und reichstem Bauer weit und breit! Unfassbar! Und dieses Weib, diese Holzapflerin, hatte ihn, obwohl fast schon mit ihm verlobt, sitzen lassen! Die schönste Frau im Bistum! Was für ein Paar hätten sie abgegeben...
      Seine Augen wurden feucht. Er war schon so nah am Ziel gewesen!
      Von Unruhe getrieben stand er auf und lief aufgeregt im Zimmer herum. „Ha!“, rief er, „mein ist die Rache, spricht der Herr!“
      Er setzte sich wieder, goss nach, und rieb sich die Stirn.
      Als er zu Bett ging, spukte in seinem Hirn ein perfider Racheplan herum.

      Vierzehn Tage später bestiegen die Mooshards die Schnellpost zum Überseehafen in Bremen.


      *


      Durch einen Knecht ließ Sonnleitner das Haus von Marten und Eva-Maria Holzapfel beobachten. Der Knecht konnte berichten, dass der Mann oft aushäusig war und gegenwärtig auf einer Geschäftsreise im Badischen. Die Frau fahre an Markttagen regelmäßig nach Roden auf dem Berge, wo ihre Mutter einen Stand habe.
      Nun zog Sonnleitner zwei Gerichtsdiener hinzu, denen er befahl, sich an einem der Markttage zu bestimmter Zeit beim Anwesen der Holzapfels unauffällig einzufinden. Mit dem Hinweis, es handle ich um eine Angelegenheit der Inquisitionsbehörde, versiegelte er ihnen den Mund.
      An dem festgesetzten Tag – es war ein Donnerstag, die Turmuhr von St. Marien schlug gerade die dritte Nachmittagsstunde – drangen Sonnleitner und die Gerichtsdiener durch den Hintereingang, der nie abgeschossen war, in das Häuschen ein. Einer der Gerichtsdiener stellte das Körbchen mit der kleinen Josephine, die gründlich durchgefüttert und gut verpackt ihren schicksallosen Schlaf schlief, in einer Kammer ab. Hierauf verließen die Männer das Haus und verbargen sich abseits im Gebüsch. Es war auch höchste Zeit, denn schon kam Eva-Maria Holzapfel mit wehenden Röcken und flatternder Haube den Hohlweg herunter. Sie betrat das Haus durch den Hintereingang. Als Sonnleitner meinte, genug gewartet zu haben, setzten er und seine beiden Schergen sich in Bewegung.

      Eva-Maria Holzapfel betrat den kleinen Windfang, der sommertags auch als Vorratskammer diente. Sie schnupperte. Über dem Duft der Lageräpfel, der frisch gezogenen Möhren, der Schüsseln mit Dickmilch, der Tiegel und Töpfe mit allerlei Köstlichkeiten des Spätsommers lag ein fremder, beleidigender Geruch. Es roch nach gewichsten Stiefeln, ranzig-gefettetem Metall und Achselschweiß. Ziemlich verwirrt ging sie zum Brunnen, um einen Krug Wasser zu schöpfen. Als sie wieder zurück war, klopfte es an der Vordertür.
      Allein dieses Klopfen reichte schon, um sie innerlich erstarren zu lassen. So klopften die Gerichtsbüttel, wenn sie jemanden zum Verhör abholten. Wieder klopfte es, noch drohender, unheimlicher als eben. Eine Stimme rief: „Frau Holzapfel, macht auf! Wir wissen, dass Ihr da seid!“
      Mit dem vollen Henkelkrug in der Hand ging sie zur Tür und öffnete. Vor ihr stand Sonnleitner, das Gesicht zur Fratze verzerrt.
      „Wo ist das Kind?“, herrschte er sie an.
      Ihre Erstarrung löste sich. Sonnleitner, der Bürgermeister! Der war ihr doch wohlgesonnen! Im ersten Moment hatte sie ihn nicht wiedererkannt, so fremd war ihr jetzt sein Gesicht. Also war das ganze nur ein Scherz, ein wüster zwar, aber es war ein Scherz. Die beiden Büttel beachtete sie nicht.
      „Herr Bürgermeister“, sagte sie erleichtert und machte eine Art Hofknicks, „was verschafft mir die Ehre?“
      „Untersteht Euch!“, rief Sonnleitner aufgebracht, „wir sind hier nicht auf dem Theater! Ich wiederhole: Wo ist das Kind?“ Er gab den beiden Bütteln ein Zeichen. Darauf hin traten sie näher und drängten die Frau in die Stube ab.
      „Ich weiß von keinem Kind“, stammelte sie, „das soll wohl ein Scherz sein?“ Doch langsam dämmerte es ihr. Das war kein Scherz, das war blutiger Ernst! Doch noch konnte sie sich keinen Reim darauf machen.
      Sonnleitner biss sich auf die Lippen. Noch war er in der Lage, die Sache ins Lächerliche zu ziehen und damit aus der Welt zu schaffen. Noch konnte er dem Gerichtsdiener einen Wink geben, das Kind unauffällig wieder zu entfernen und erklären, das ganze beruhe wohl auf einem Irrtum...
      Doch es war bereits zu spät. Gerade trat der Gerichtsdiener mit dem Körbchen am langen Arm auf die Frau zu. „Ihr wisst von keinem Kind?“, krächzte er höhnisch, „und was ist das?“
      „Das ist mein Kind nicht!“ schrie sie, „es kann meines gar nicht sein! Der Herrgott hat mir Kinderlosigkeit auferlegt!“
      Sonnleitner grinste widerlich. Besser konnte es nicht laufen. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Gegen seine eigene Überzeugung zischte er: „Dann ist das Balg da also vom Teufel?“
      Die kleine Josephine war von dem Lärm aufgewacht. Mit ihren entsetzlichen Schlitzaugen lag sie da und versuchte, die Beinchen zu bewegen.
      Sonnleitner trat hinzu und legte den Bauch des Kindes frei. Dann hielt er den Korb der Frau hin. „Schaut Euch das mal an“, sagte er, „bedarf es da noch irgendwelcher Beweise?“
      Eva-Maria Holzapfel stand von Entsetzen gelähmt. Der Krug entglitt ihren Fingern, das Wasser spritze ihr bis zu den Knien. Sie merkte es nicht.
      Sonnleitner sah sie an. Er sah das glatte Gesicht, das goldgelockte Haar, den vollen Mund, den schlanken Hals, alles jetzt von der Blässe des Todesschreckens überhaucht. Eine unendliche Niedergeschlagenheit überkam ihn. In einem fast verschütteten Winkel seines Herzens wohnte die Erkenntnis, dass er gerade dabei war, in schändlicher Weise eine kostbare Blume der Schöpfung zu vernichten.
      Sonnleitner wandte sich dem Gerichtsdiener zu. Abführen!“, befahl er.
    • Oh ja, dieser Abschnitt gefällt mir schon um einiges besser :) . Wohl deshalb, weil Du hier vermehrt Dialoge bringst, Deine Figuren reden lässt anstatt über sie zu reden. Doch leider fällst Du immer wieder ins "Berichterstatter"-Schema zurück. Mir persönlich würde es besser gefallen, wenn Du die jeweiligen Situationen ausführlicher ausbautest, also durchgehend im Dialogmodus bliebest, auch einmal die jeweiligen Reaktionen der Beteiligten (offensichtlichen wie verborgenen) schildertest. Das, was ich oben als fehlende Atmosphäre bekrittelte, würde sich dabei wohl zwangsläufig von selbst einstellen.
      Aber natürlich will ich Dir nicht vorhalten, wie Du Deine Geschichte zu schreiben hättest, Du schreibst sie schließlich nicht für mich allein. All meine Bemerkungen sind bloß als Anregungen gemeint, gefärbt von meinem merkwürdigen persönlichen Geschmack. Du weißt selbst am besten, wie Du Deine Geschichte schreibst und tu also nichts anderes :) .
      Dass Du den Buergermeester gleich zu Beginn als rachsüchtigen Schurken offenbarst hat mich schon aus dem Fluss geworfen. Irgendwie kommt das so richtig mit dem Holzhammer rüber, da würde ich mir als Leser etwas Subtileres wünschen. Etwa dass er zu Beginn als recht sympatisch und hilfsbereit erscheint (und diesen Eindruck will er ja auch bewusst erwecken) und sich die böse Absicht erst aus dem weiteren Verlauf ergibt.
      Wirklich erstaunt bin ich über Dein scheinbar profundes Wissen über das damalige Hexenrecht. Du hast Deinen HEXENHAMMER wohl gelesen :) .
      Alles in allem wird die Sache nun so wirklich interessant, bin schon gespannt wie es weitergeht.
      Adler erheben sich in die Lüfte
      aber Wiesel werden nicht in Flugzeugturbinen gesogen
    • McFee schrieb:

      der Bügerrmeister ist dort als aufgeklärte Autorität bekannt.

      Die Antwort verstehe ich leider nicht - ich hatte mich darueber gewundert dass es in einem kleinen Doerfchen schon einen Buergermeister gibt (das ist ja auch heute nicht in jedem kleinen Dorf der Fall).

      Ansonsten, nur um sicher zu gehen - moechtest Du ueberhaupt Kommentare zum Text? Manche Deiner Antworten klingen eher ablehnend - mir ist's so oder so recht, ich wuerde es nur gerne wissen.
    • Guten Abend, Formorian

      ich schätze deine Bemerkungen sehr (wie auch die der anderen Leser) und werde sie soweit wie möglich im Original verarbeiten.


      Formorian schrieb:

      Aber natürlich will ich Dir nicht vorhalten, wie Du Deine Geschichte zu schreiben hättest, Du schreibst sie schließlich nicht für mich allein
      natürlich nicht, aber auch nicht für mich allein! Und wenn jemand eine Geschichte veröffentlicht, dann muss er damit rechnen, dass sich Widerspruch regt.


      Formorian schrieb:

      Dass Du den Buergermeester gleich zu Beginn als rachsüchtigen Schurken offenbarst hat mich schon aus dem Fluss geworfen.
      Ich dachte: Wenn der Leser das schon weiß, ist er gespannt darauf, in welcher Weise er sich rächt.


      Formorian schrieb:

      Du hast Deinen HEXENHAMMER wohl gelesen
      Nein, das kannst du alles im Internet finden.

      LG
      McFee


      Hallo Thorsten,

      Ich meinte, den Leuten ist der Bürgermeister von Roden a. d. Berge als aufgeklärte Autotität bekannt.
      Natürlich ist mir auch deine Meinung willkommen. Dafür ist so ein Forum doch da!
    • Der gute (böse) Bürgermeister ist ein interessanter Charakter, eigentlich DER interessante Charakter deiner Geschichte bisher. Die anderen Charaktere empfinde ich bislang alle als Stichwortgeber und Zuarbeiter, ist das so beabsichtigt? Ich könnte mir vorstellen, dass du nicht gerade den Bösewicht der Geschichte zum Hauptcharakter machen wolltest.

      Bin mal gespannt, wie sich die Story weiterentwickelt. Aber ich habe das unbestimmte Gefühl, dass ich mal wieder andere Sachen toll finde, als der Autor selbst ;)
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      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse
    • Tom Stark schrieb:

      Der gute (böse) Bürgermeister ist ein interessanter Charakter, eigentlich DER interessante Charakter deiner Geschichte bisher.

      Ja, bisher finde ich den auch am interessantesten gezeichnet. Mal schauen, ob er es noch bereut die Eva-Maria da reingeritten zu haben...

      ***

      Auch im zweiten Teil finde ich uebrigens den Stil recht gut durchgehalten
    • Hey @McFee,

      ich habe auch mal reingelesen und muss sagen, das liest sich super flüssig! Ich mag diesen Erzählstil, vor allem, weil ich an keiner Stelle wirklich ins Stocken geraten wäre. Es fließt wunderbar :)

      Inhaltlich fand ich es auch rech interessant! Ich werde bei Gelegenheit weiterlesen...

      McFee schrieb:

      Hubertus Sonnleitner war, soweit sie es von außen beurteilen konnten, ein ehrlicher und unbestechlicher Mann. Auch seine recht fortschrittliche Gesinnung stand außer Frage. Um das Geschwätz der Leute schien er sich einen Fliegendreck zu kümmern. Hätte er sonst diesen Hirschkäfer von Frau geheiratet?
      Kurz: Sonnleitner galt als ein fortschrittlich gesinnter Mann mit Einfluss und Durchsetzungskraft.
      Das ist irgendwie doppelt gemoppelt ^^


      McFee schrieb:

      Um das Geschwätz der Leute schien er sich einen Fliegendreck zu kümmern. Hätte er sonst diesen Hirschkäfer von Frau geheiratet?
      Sehr geil! :rofl:

      LG,
      Rainbow

    • 4


      Die Nachricht, Eva-Maria Holzapfel sei festgenommen und ins Gefängnis geworfen worden, verbreitete sich mit Windeseile. Die Gerüchteküche kochte. Obwohl niemand den genauen Grund kannte waren die abenteuerlichsten Vermutungen in Umlauf. Sie habe die Gewichte gefälscht, wussten die einen, sie habe Steine unter die Erbsen gemischt, wussten die anderen. Alles dummes Zeug, entschieden dritte, dann habe man die Mutter arretieren müssen, nicht die Tochter.



      Sonnleitner war jetzt an einem Punkt angelangt, der neue Überlegungen erforderte. Wie weit wollte er die Sache noch treiben? Es ging ihm ja um die Vernichtung seines Rivalen und nicht um den Untergang der Frau. In seinem Wahn bildete er sich sogar ein, er könne Eva-Maria für sich gewinnen, wenn er sie nur aus dem Schlamassel, den er ihr eingebrockt hatte, geschickt wieder heraushaue. Für sein rüdes Verhalten würde ihm schon eine Erklärung einfallen. Im Erfinden von Ausreden war er ja geübt – schließlich war er als Bürgermeister auch Lokalpolitiker.
      Da warf das Gerücht, die Holzapflerin sei wegen Buhlschaft mit dem Teufel verhaftet worden, alles über den Haufen. Einer der Gerichtsdiener hatte nicht dicht gehalten.
      Sonnleitner fluchte derart, dass der Hund im Nachbarhaus den Schwanz einzog und unter den Tisch kroch. Voll heißer Wut befahl er, die beiden Männer vorzuführen. Doch der Ratsdiener war noch nicht auf der Treppe, da pfiff er ihn wieder zurück. Was hätte es auch genützt? Vielmehr überwog jetzt der Ärger darüber, dass er an der falschen Stelle gespart hatte. Ein Beutel Dukaten für jeden dieser Kerle wäre wirksamer gewesen als die Drohung mit der Inquisition.
      Sonnleitner massierte sich die Stirn. Er dachte: Nun wird es nicht mehr lange dauern, bis das Heilige Officium davon Wind bekommt. Eher verschluckt ein Gaukler eine ganzes Schwert, als dass ein Gerücht von der Welt verschwindet. Im Gegenteil. Je unsinniger es ist, desto hartnäckiger hält es sich.

      *


      Eva-Maria Holzapfel saß in einer Zelle der Polizey-Station von Roden auf dem Berge und kaute sich die Fingernägel ab. Sie sehnte sich nach ihrem Mann. Doch der war gerade dabei, im zwei Tagesreisen entfernten Kloster Meulen der Figurengruppe 'Die Heilige Anna Selbdritt' ein neues Haupt aufzuschrauben, weil das alte wegen Wurmstichigkeit ersetzt werden musste.



      Der schwere Riegel an der Tür wurde zur Seite geschoben, und Sonnleitner trat ein. Eva-Maria erhob sich und blickte ihn an. Ihr sonst so bewegliches Gesicht war zur Maske erstarrt. Sie sammelte alle ihren inneren Kräfte, um besonnen zu bleiben. Am liebsten hätte sie ihm die Augen ausgekratzt.
      „Was wollt Ihr?“, fragte sie tonlos.
      „Mit Euch reden.“
      „Was gibt es da zu reden? Euer Urteil steht doch schon fest! Ihr bezichtigt mich der Teufelsbuhlschaft!“
      „Ach was! Das war nur so daher gesagt!“ Sonnleitner setzte sich. „Viel wichtiger ist jetzt die Frage: Von wem stammt das Kind?“
      „Von mir nicht!“
      „Wie kommt es dann in Eure Kammer?“
      „Jemand hat da hinein gestellt. Die Hintertür ist ja immer unverschlossen.“
      „Wer könnte Euch diesen Streich gespielt haben?“
      „Woher soll ich das wissen? Eine Frau wie ich hat viele Neider!“ Sie blickte an ihm vorbei auf einen feuchten Fleck an der Wand. „Woher wusstet Ihr eigentlich von dem Kind?“
      Das war allerdings ein Punkt, den er nicht bedacht hatte. Er besann sich kurz und sagte: „Eine Nachbarin hörte in Eurem Haus das Geschrei eines Kleinkindes. Sie wunderte sich, denn sie wusste ja, dass Ihr noch kinderlos seid, und dass niemand zu Hause war. Als das Kind nach einer Stunde immer noch schrie, schaute sie nach. Das Kind hatte sich frei gestrampelt, sie sah seine Haut und informierte verschreckt die Obrigkeit.“
      In ihren Augen erkannte er: Sie glaubt mir nicht. Deshalb setzte er nach: „Ich gehe davon aus, dass es Landstreicher gewesen sind und werde diese Möglichkeit auch bei Gericht energisch vertreten. Niemand kann doch beweisen, dass Ihr die leibliche Mutter seid.“
      „Und warum sitze ich dann in diesem Loch hier?“
      Er versuchte zu retten, was noch zu retten war. „Ihr müsst mir schon glauben! Sonst kann ich nichts für Euch tun!“
      Die Gefangene lachte unbeherrscht. „Ihr wollt etwas für mich tun? Ihr? Das habt Ihr Euch schön ausgedacht! Erst das Kind in den Brunnen werfen, und dann den edlen Retter spielen! Nein, nein! So einfach geht das nicht! Glaubt Ihr wirklich, es würde etwas ändern? Ihr seid ein böser Mann!“
      Wieder war es Sonnleitner, als befinde er sich auf einem schwankenden Boot, das jederzeit kentern könnte. Doch diesmal war es nicht die Erkenntnis seiner abgrundtiefen Verworfenheit, die ihm diesen Eindruck vermittelte, sondern die Aura dieser immer noch blühenden Frau, die jetzt immer stärker auf ihn einwirkte. Das bisschen Anstand, das ihm noch verblieben war, regte sich. Sie ist genug gestraft, dachte er, also lassen wir es gut sein.
      „Frau Holzapfel, ich gehe davon aus, dass es kein Verfahren geben wird“, sagte Sonnleitner, sichtlich um Fassung bemüht. „Mein Wort gilt bei Gericht, und was mein Wort nicht löst, lösen die Dukaten. Bald seid Ihr frei.“
      Die Frau schwieg.
      Er stand auf und machte einen Schritt auf sie zu. „Mein Gott, Eva-Maria –“
      Der Ausbruch kam so überraschend, dass er zurückwich.
      „Nennt mich nicht Eva-Maria!“ schrie sie ihn an, „und nehmt nicht das Wort Gott in den Mund! Wenn ich nie an den Teufel geglaubt hätte, jetzt würd´ ich es tun! Er steht vor mir! Und jetzt lasst mich allein!“
      Sonnleitner sah ein, dass die Frau für ihn verloren war. „Nun gut, wie Ihr wollt“, sagte er verdrießlich und verließ ohne Gruß die Zelle.

      5

      Doch so schnell gab ein Sonnleitner nicht auf. Nach kurzer Überlegung begab er sich zum Polizey-Hauptmann.
      „Herr Hauptmann, diese Eva-Maria Holzapfel muss sofort entlassen werden“, sagte er, kaum dass er in der verqualsterten Dienststube stand, „das Ganze beruht auf einem bedauerlichen Irrtum. Das Kind muss ihr jemand untergeschoben haben, anders kann ich es mit nicht erklären. Die Frau ist unschuldig. Gebt sie frei.“
      Der Hauptmann rieb sich die Stirn, die durch einen schlecht verheilten Säbelhieb wie gespalten aussah. „Euer Wohlgeboren, das wird nicht gehen“, gab er zur Antwort. „Ihr habt Anzeige erstattet!“
      „Dann ziehe ich die Anzeige eben zurück.“
      Der Polizeichef schüttelte betrübt den Kopf. „Auch das wird nicht gehen.“
      „Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“
      „Eine Anzeige begründet immerhin einen Anfangsverdacht, der geprüft werden muss, schon der öffentlichen Sicherheit zuliebe. Und: Wenn die Frau unschuldig ist, wie Ihr jetzt behauptet, warum habt Ihr sie dann erst angezeigt?“
      Sonnleitner merkte, wie ihm der Kamm schwoll. Ziemlich frech, der Mann, dachte er wütend.
      „Herr Hauptmann“, sagte er mühsam beherrscht, „wo ein Wille ist, ist immer auch ein Weg!“
      Der Hauptmann erhob sich säbelrasselnd. Er war ein Hüne von Mann, gegen den sogar der Bürgermeister fast schmächtig wirkte. „Euer Wohlgeboren, es tut mir aufrichtig leid. Auch wenn ich wollte, ich könnte nicht.“ Für einen Moment sah er aus, als täte es ihm wirklich leid. Doch bei sich dachte er: Ha! Wohlgeboren will mich bestechen! Soweit kommt´s noch! Er angelte ein Papier von seinem Schreibtisch und hielt es dem Bürgermeister hin. „Dieses Schreiben hier ist gerade eben hereingekommen.“
      Sonnleitner nahm es und las:

      „Anton Martin
      durch Gottes Erbarmung Fürst-Bischof von Dreilanden usw., wünschet Gnade u. Segen seiner geliebten Seelenherde von Jesu Christo unserm Herrn in Roden auf dem Berge.
      Wer von uns, Geliebte! sollte es nicht erkennen, dass der Unglaube mit seinen beiden Schwestern der Gleichgültigkeit und der Lauheit in der heil. Religion die drei größten und verderblichsten Feinde unseres wahren Heils sind? Diese haben die verdiente Zuchtruthe Gottes über uns herabgerufen, sie bedrohen uns noch in einer weit schlimmern Zukunft, wenn wir sie nicht aus unserer Mitte entfernen und nicht verschließen das weite Thor des Unglücks: den immer größern Abfall von Gott, der dem Teufel Thür und Thor öffnet.
      Nun müssen wir zu unsrer unendlichen Bekümmernis hören, dass in eurer Gemeinde, Geliebteste, ein neuerlicher Fall von Teufelsmagie aufgetreten ist. Diese Nachricht bestürzt uns umso mehr, als wir angenommen haben, dass aufgrund der Gnade unsres Herren Jesus Christus und unter der siegreichen Fahne des katholischen Glaubens solche Versuchungen der Vergangenheit angehören. Unser Herz verlockte zu früh.
      Brüder und Schwestern in Christo! Wir folgen dem Drang unseres Herzens und unsrer oberhirtlichen Pflicht, indem wir eine vollständige Aufklärung dieses Unglücks anmahnen. Die Hintergründe dieses unerhörten Vorgangs müssen schonungslos aufgedeckt werden. Sollte der Teufel wirklich – was wir nur unter Tränen der Verzweiflung vernehmen würden – den Pesthauch seiner Magie über eure Gemeinde gebracht haben, wäre das eine unerträgliche Schmach für den christkatholischen Glauben. Im Vertrauen auf die hohe Weisheit eurer kirchlichen und weltlichen Obrigkeit erwarten wir die angemessene Bestrafung der Übeltäterin. Gott in seiner Gnade möge euch stärken und schirmen.
      St. Andreä, am zweiten Sonntag nach... und so weiter.
      Anton Martin, Fürst-Bischof von... und so weiter.“

      Sonnleitner gab das Schreiben zurück. Der Text war war für die Verlesung von der Kirchenkanzel bestimmt und eindeutig. Schonungslose Aufklärung sollte heißen: Wenn nötig Folter. Vertrauen auf die Obrigkeit: Aufforderung zur Denunziation. Schmach für den christkatholischen Glauben: Bei schwerer Gotteslästerung Verurteilung zum Scheiterhaufen.
      Der Bürgermeister verließ die Polizeistation in gedrückter Stimmung. Der Stein war ins Rollen gebracht und ließ sich nun nicht mehr aufhalten. Mit Sicherheit lag der Fall schon beim Heiligen Officium. Jetzt kam es auf Schadensbegrenzung an.
      Ihm war klar: Mit einer Freilassung der Gefangenen war, wenn überhaupt, so bald nicht zu rechnen.

      6

      Die Befragung fand im kleinen Saal des Amtsgerichts statt. Eine Öffentlichkeit war nicht vorgesehen. Sogar Marten Holzapfel war abgewiesen worden. Er saß mit leerem Blick auf dem Flur und starrte auf den Boden.
      Anwesend waren, außer der Beschuldigten:
      - Seine Ehren, der Richter Heinrich Wilder von Bruhns, Vorsitzender und Vertreter der weltlichen,
      - Hochwürden Ferdinand Petermichel, der Pfarrer, als Vertreter der kirchlichen Macht,
      - der Doktor beider Rechte Jan-Malte von Babendererde, der die Aussagen der Beklagten und der Zeugen auf ihre juristische Relevanz zu überprüfen hatte,
      - der Doktor der Medizin, Magie und Astrologie Georg Gustav Lachmann als Gutachter der weltlichen Obrigkeit
      - sowie Monsignore Justus Labelli, der Sachverständige der Inquisitionsbehörde.

      Dann waren da noch zwei Protokollanten und ein Saaldiener. Und natürlich der wohlgeborene Erste Stadtrat und Bürgermeister Hubertus Sonnleitner als Zeuge. Der Stein des Anstoßes, das Katzenkind Josephine, wurde in einem Nebengelass von der Magd Anna Hamburger ruhig gehalten.


      Zunächst befragte Richter Wilder von Bruhns den Bürgermeister über die Umstände, die zur Entdeckung des Kindes geführt hätten. Sonnleitner gab an, auf einen anonymen Hinweis hin habe er sich mit zwei Gerichtsdienern in die Wohnung der Angeklagten begeben und das Kind dort vorgefunden. Da sich die Beklagte geweigert habe, das Kind als das ihre anzuerkennen, habe er es bis zur Klärung seiner Herkunft der Magd Anna Hamburger zur Pflege übergeben.
      Nun wandte sich der Richter der Beschuldigten zu. Warum das Kind denn, fragte er, wenn es nicht von ihr stamme, in ihrer Wohnung gefunden worden sei.
      „Da müsst Ihr den Bürgermeister fragen, nicht mich“, gab sie schnippisch zurück.
      Der Richter schüttelte unwillig den Kopf. „Frau Holzapfel“, sagte er, „so geht das nicht! Ich ermahne Euch zu mehr Respekt vor den Vertretern der Obrigkeit! Also, ist das Euer Kind? Ja oder nein?“
      „Nein.“
      Jetzt zog der Pfarrer die Befragung an sich. Warum er sie denn in der letzten Zeit so selten in der Kirche gesehen habe?
      „Deshalb, weil man mich in letzter Zeit ohne ersichtlichen Grund eingekerkert hat!“

      Seine Ehren Wilder von Bruhns fuhr auf. „Von Kerker kann doch bisher keine Rede sein!“ rief er, „aber wenn Ihr weiter so redet, Frau, wird er Euch noch blühen!“
      Frau Holzapfel lachte spitz. „Wollt ihr mir Angst einjagen?“
      Allen dämmerte es: Die Frau ist auf Krawall gebürstet. Der Richter verordnete ihr einen Tag Kerkerhaft mit der Bemerkung: "Damit Ihr wisst, wovon Ihr redet!"
      Sonnleitner runzelte die Stirn. Das läuft nicht gut, dachte er. Wenn sie so weitermacht, verscherzt sie sich sämtliche Sympathien. Denn bisher hatten die meisten der Anwesenden die junge Frau mit Wohlwollen betrachtet, sogar der Pfarrer. In ihrer durchsichtigen Blässe sah sie jetzt fast so überirdisch schön aus wie die Madonna auf dem Bild des Raffael in St. Marien.
      Sonnleitner versuchte, Blickkontakt mir ihr aufzunehmen, um ihr ein Zeichen zur Mäßigung zu senden. Doch Frau Holzapfel sah hartnäckig an ihm vorbei.
      Er könne ja verstehen, sagte Hochwürden Petermichel weiter, dass man so ein Kind nicht gerne herumzeige. Aber das sei kein Grund, es zu verleugnen.
      „Es ist nicht mein Kind!“, rief die Frau, „und wenn Ihr es tausendmal behauptet!“
      Hier griff der Doktor der Medizin Lachmann ein. Er versäumte keine Gelegenheit, dem Pfarrer, mit dem er schon eine Ewigkeit heimlich überquer lag, ein Bein zu stellen.
      „Hochwürden“, sagte er, „mit Erstaunen vernehme ich diese Bemerkung aus Eurem Munde. Ihr verlangt da etwas, das Ihr selbst nicht leistet. Oder irre ich mich? Habt Ihr nicht selbst dem Kind die Taufe verweigert?“
      Diese Bemerkung sollte alles nur noch schlimmer machen.
      Der Pfarrer, den die Ohrfeige, die ihm der Vertreter einer gottlosen Wissenschaft da gerade versetzt hatte, aufs Äußerste erbitterte, beschloss, eine schärfere Gangart einzulegen. – Vorerst habe er keine Fragen mehr, ließ er verlauten, aber er bitte darum, mit dem Vertreter der Inquisitionsbehörde, mit Monsignore Labelli, ein kurzes Wort sprechen zu dürfen. Die Bitte wurde gewährt. Er flüsterte dem Monsignore etwas ins Ohr, worauf der aufstand und den Raum verließ.
      Richter Wilder von Bruhns wandte sich wieder der Beklagten zu. „Frau Holzapfel“, sagte er mit milder Stimme, „dies ist keine Gerichtsverhandlung, sondern eine vorläufige Befragung. Niemand beschuldigt Euch eines Verbrechens, denn noch ist nichts bewiesen. Ihr könnt also frei sprechen. Ist das Euer Kind?“ Ihm war natürlich klar: Wenn sie sich nicht zu dem Kind bekannte, löste sich die ganze Angelegenheit in Luft auf – womit übrigens auch Sonnleitner stark rechnete. Einen Beweis, dass es ihr Kind war, gab es nicht. Denn es war durchaus denkbar, dass fahrendes Volk ihr den Balg untergeschoben hatte. Im Gegenzug kam es nicht selten vor, dass diese Leute missgebildete Kinder, etwa mit Stummelschwanz, gespaltenem Gaumen oder Schwimmhäuten zwischen den Fingern, gegen klingende Münze mitnahmen, um sie dann als bizarre menschliche Kuriositäten auf Jahrmärkten gegen weitere klingende Münze herumzuzeigen.
      „Wie oft soll ich es denn noch sagen!“ rief die Frau aufgebracht, „das Kind ist nicht von mir!“ Da wolle ihr jemand einen üblen Streich spielen, und sie wisse auch, wer.
      „Schwört Ihr das auf die Bibel?“
      „Ja.“
      Der Pfarrer knirschte mit den Zähnen. Wenn er etwas noch mehr hasste als den Teufel, dann waren das selbstbewusste Frauen.
      Der Richter zog die Augenbrauen hoch. Doch ehe er etwas sagen konnte, kam der Sachverständige der Inquisitionsbehörde Labelli zurück und stellte kopfschüttelnd ein Tabernaculum auf den Tisch. Der Pfarrer blickte die Frau scharf an und forderte sie auf, endlich mit dem Drumherumgerede aufzuhören und angesichts des Leibes Christi die Wahrheit zu sagen. Dann tat ein übriges und befahl ihr, vorzutreten und das Kreuzzeichen zu schlagen.
      Unerklärlich war jetzt die Reaktion des Monsignore Labelli. Wieder schüttelte er heftig den Kopf und rief dem Pfarrer auf Lateinisch „attende!“ – Achtung! zu. Doch der Pfarrer in seinem lodernden Fanatismus beachtete es nicht.
      Frau Holzapfel stand jetzt vor dem Pfarrer. Trotz des Größenunterschieds – der Geistliche war mindestens einen Kopf größer – war sogar dem Saaldiener klar, dass sich hier zwei annähernd gleichstarke Naturen unversöhnlich gegenüber standen, zumindest gleich stark im Hassen. Doch die Frau war die moralisch stärkere, denn so stark wie sie hassen konnte, so stark konnte sie auch lieben. Der Pfarrer jedoch konnte nur hassen. Dafür besaß er die Fähigkeit, sich von seinem Zorn nicht überwältigen zu lassen. Und dies geschah jetzt mit der Frau.
      Sie blickte der Pfarrer höhnisch an. „Hochwürden“, zischte sie, „damit könnt Ihr mich nicht einschüchtern! Da drin ist nicht der Leib Christi, das ist nur ein Stück Brot! Davon könnt Ihr Euch selbst überzeugen. Legt es acht Tage in den Brotkasten, und es ist verschimmelt.“
      Es war jetzt so still, dass man den Schatten einer Stecknadel hätte fallen hören können. Das war die ungeheuerlichste Blasphemie, die furchtbarste Gotteslästerung, die überhaupt möglich war. Der Leib Christi ein Stück verschimmeltes Brot! Allein der Gedanke daran war schon eine Todsünde und mit Höllenstrafen bedroht.
      Der Pfarrer forderte die Protokollanten auf, diese gotteslästerlichen Worte noch einmal laut und deutlich vorzulesen. Doch die weigerten sich entschieden mit Schweißperlen auf der Stirn.
    • Die Geister die der Sonnleitner da rief.... die wird er jetzt schwer wieder los. Gut geschildert, wie sich das so verselbststaendigt.

      Ein paar Anmerkungen zum drueber Nachdenken:

      McFee schrieb:

      Ein Beutel Dukaten für jeden dieser Kerle wäre wirksamer gewesen als die Drohung mit der Inquisition.

      Der Golddukat ist einiges wert (wenn ich nach heutigem Goldpreis gehe, dann kommt er auf ~120 Euro pro Muenze) - ein ganzer Beutel davon ist eine Menge an Bestechungsgeld um es mal einfach so auszugeben... Ist er so reich?


      McFee schrieb:

      „Euer Wohlgeboren, das wird nicht gehen“, gab er zur Antwort
      Wieder was gelernt - ich dachte eigentlich die Anrede waere fuer Adelige, aber sie ist tatsaechlich fuer hochstehende buergerliche (musste ich nachschauen) - gut recherchiert!


      McFee schrieb:

      Unser Herz verlockte zu früh.
      Frohlockte?

      McFee schrieb:

      Doch die Frau war die moralisch stärkere, denn so stark wie sie hassen konnte, so stark konnte sie auch lieben. Der Pfarrer jedoch konnte nur hassen.

      Diese Art, mir als Leser meine Schlussfolgerung wer jetzt moralischer oder staerker ist einfach vorzuschreiben mag ich eher nicht. Ich schau' mir lieber selber an was die handelnden Personen tun und bilde mir daraus mein eigenes Urteil.

      Auch - warum kann der Pfarrer nur hassen? Es faellt mir schwer, mir irgend einen Menschen vorzustellen der nichts und niemand lieben kann - auch die uebelsten Nazis und KZ-Aufseher wurden oft als warme Menschen im Kreis ihrer Familien beschrieben.

      McFee schrieb:

      Sie blickte der Pfarrer höhnisch an. „Hochwürden“, zischte sie, „damit könnt Ihr mich nicht einschüchtern! Da drin ist nicht der Leib Christi, das ist nur ein Stück Brot! Davon könnt Ihr Euch selbst überzeugen. Legt es acht Tage in den Brotkasten, und es ist verschimmelt.“

      Ja, warum tut sie das?

      Auf einer Ebene ist die Frage - begreift sie nicht, dass sie in grosse Schwierigkeiten kommen kann? Hat sie schon lange eine Fehde mit dem Pfarrer die sich hier Bahn bricht? Wir wissen es nicht genau - so bleibt ihr Verhalten raetselhaft.

      Auf einer subtileren Ebene - sie scheint hier sehr Kind der Neuzeit. Wie relativ oft in historischen Romanen - die Protagonisten denken modern und sind umgeben von dumpfen, aberglaeubischen, engstirnigen Leuten die in ihrer Zeit gefangen sind. Das Ding ist - genau wie wir daran glauben dass man mit bedrucktem Papier bezahlen kann (was einem Suedseeinsulaner absolut laecherlich vorkommen wuerde, denn das hat ja keinen praktischen Wert) haben die Leute frueher tatsaechlich an die Wirkung von Reliquien geglaubt - und das war nicht mehr oder weniger bloed als unser Glaube an die Wirkung von bedrucktem Papier.

      Warum also kann Frau Holzapfel hier so aus ihrer Zeit rausspringen? Sie ist ja keine Gelehrte, hat keine Philosophie gelesen,...
    • Hallo Thorsten,

      vielen Dank für deine klugen Bemerkungen. In der Tat, ein paar Duk. hätten auch gereicht, und wenn du schreibst

      Thorsten schrieb:

      Diese Art, mir als Leser meine Schlussfolgerung wer jetzt moralischer oder staerker ist einfach vorzuschreiben mag ich eher nicht. Ich schau' mir lieber selber an was die handelnden Personen tun und bilde mir daraus mein eigenes Urteil.
      so ist das völlig richtig, auch aus formalen Gründen, denn hier schaut der Erzähler unnötig hinter der Gardine hervor.


      Thorsten schrieb:

      Auch - warum kann der Pfarrer nur hassen? Es faellt mir schwer, mir irgend einen Menschen vorzustellen der nichts und niemand lieben kann - auch die uebelsten Nazis und KZ-Aufseher wurden oft als warme Menschen im Kreis ihrer Familien beschrieben.
      Stimmt. Mein Pfarrer ist vl. etwas zu scharf konturiert. Ich stelle ihn mir als menschlich kalten Fundamentalisten vor, der seine Kirche mehr liebt als die Menschen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Fundamentalisten, die Frauen auf den Scheiterhaufen bringen oder steinigen, irgendetwas auf der Welt lieben können. Außerdem brauche ich ihn als Gegenentwurf zu Msg. Labelli, der später kommt.


      Thorsten schrieb:

      Warum also kann Frau Holzapfel hier so aus ihrer Zeit rausspringen? Sie ist ja keine Gelehrte, hat keine Philosophie gelesen,...
      Vielleicht weil sie doch eine Hexe ist und nicht an diesen Mumpitz glaubt? Weil sie eine mutige Frau ist? Weil sie intelligent ist und nicht einsieht, dass ein Stück Brot der wirkliche Leib Christi sein soll und nicht nur sein Symbol ( über diese Frage wurde noch a. d. Konzil v. Trient so heftig gestritten, dass es zu Handgreiflichkeiten unter den Bischöfen kam). Sie weiß es nicht, es rutscht ihr so raus, weil es gegen ihren Verstand geht, und sie ahnt, dass L. sie vernichten wird, also hat sie nichts mehr zu verlieren...
      Dies ist eine Fantasiegeschichte und kein Tatsachenbericht. Es gibt noch etliche überraschende Wendungen, so wie es Aristoteles von der Tragödie verlangt: Der Feind wird zum Freund, der Freund zum Feind, das anscheined Böse gereicht zum Guten, das Schicksal nimmt trotz aller Gegenwehr unaufhaltsam seinen Lauf.
      Natürlich muss der Plot in sich stimmen, sonst wird´s so unglaubwürdig wie mancher ZDF-Krimi. Ich werde dementsprechend nacharbeiten.
      Lieber Thorsten, noch einmal meinen Dank.

      MCFee


      .
    • Hey @McFee :)

      Spoiler anzeigen


      habe nun auch Kapitel 2 und 3 gelesen. Mir gefällt dein Stil noch immer. Und durch die Dialoge wird der Text natürlich noch lenbendiger.


      McFee schrieb:

      Sonnleitner machte ihnen folgendes Angebot: Sie sollten ihm das Kind überlassen. Er werde es in einem anständigen Kloster unterbringen und dafür sorgen, dass es menschenwürdig behandelt und gut versorgt werde. Er kenne da eine fortschrittlich eingestellte Priorin, die solche unheimliche Geburten für das halte, was sie waren: Sinnlose Spielereien einer gefühllosen Natur. Mit dem Teufel habe das nichts zu tun. Der habe anderes im Sinn. Allerdings knüpfe er, Sonnleitner, dieses Angebot an eine Bedingung: Das Ehepaar müsse unverzüglich nach Amerika abreisen. Auch dafür werde er die notwendigen Mittel bereitstellen. Die Liegenschaft werde er ihnen zu einem anständigen Preis abkaufen.
      Hier an der Stelle habe ich mich nur gefragt, warum du das nicht weiter im Rahmen eines Dialoges zeigst. Es klingt sonst recht passiv erzählt und der Leser verlässt quasi wieder die Gesprächsebene, bei der er ja gerade noch live dabei gewesen ist -was ich irgendwie schade finde. :hmm: Vielleicht ist das jetzt auch nicht weiter schlimm, aber ich denke, es ist immer wichtig, sich solcher Dinge bewusst zu sein. Wenn du das einsetzt als "stilistisches Mittel" oder weil du das so gut findest, dann finde ich das völlig okay. Ich wollte es nur mal erwähnt haben ^^

      Das ging mir hier irgednwie zu schnell. Von "Macht euch keine Sorgen- es wird alles gut werden!" zu "Wisst ihr überhaupt in welcher Gefahr ihr schwebt?"... also, wenn ich die Mooshards wäre, würde mir das seltsam vorkommen...

      McFee schrieb:

      Sonnleitner winkte ab. „Da macht Euch mal keine Sorgen, Frau!“ Zur Not werde er auf eine Cautio criminalis hinwirken. Er selbst glaube zwar an den Teufel, aber nicht, dass er die Leibesfrucht verhext. Das sei ein Irrtum aus dem Mittelalter, den mittlerweile sogar die Kirche ablehne. „Und außerdem“, fuhr er ziemlich grob fort, „das Heilige Officium hat anderes zu tu, als sich um Missgeburten zu kümmern!“

      McFee schrieb:

      Dann, in der Stube beim unsteten Licht der Blaker, redete er mit flinker Zunge auf die Mooshards ein. Ob sie überhaupt wüssten, in welcher Gefahr sich die Frau und das Kind befänden? Er nicht, aber die Kirche halte eine Teufelsbuhlschaft immer noch für möglich! Die Kirche sitze nun mal am längeren Hebel, und irgendwann sei der Arm eines Bürgermeisters auch nicht mehr lang genug!
      Kannst du dir ja noch mal anschauen. Vielleicht gibt es ja eine elegantere Lösung, wie der Bruch nicht ganz so krass rüberkommt. :hmm:

      Ansonsten ist der Sonnleitner ja ein ganz schönes Früchtchen ... oder, man könnte auch linke Ratte zu ihm sagen :D Bin mal gespannt, ob er mit der Sache durchkommt, die er da der armen Eva-Maria anhängen will...



      LG,
      Rainbow
    • Hallo Rainbow, vielen Dank für deinen Spoiler.

      Ja, es ist ein Stilmittel. Eine Erzählung ist ja auch so eine Art Kopfkino, und im Film wird das Geschehen doch auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln gezeigt. Trotzdem werde ich darüber nachdenken.
      LG
      MvFee


      7

      Es entbrannte jetzt ein Streit darüber, ob man den Vorwurf der Teufelsbuhlschaft angesichts der Schwere der Gotteslästerung überhaupt aufrecht halten solle. Der Doktor der Medizin Lachmann legte nämlich überzeugend dar, dass der Teufel durchaus in der Lage sei, die Leibesfrucht durch Hypnose zu beeinflussen. Ein Konkubinat müsse keineswegs die Ursache für eine Missbildung sein. Vielleicht hielte sich der Teufel ja in einer Person verborgen, mit der die Beschuldigte intensiven Augenkontakt habe. Könne man einer schönen Frau, wie es die Angeklagte sei, zum Vorwurf machen, dass sie es zulasse, dass ihr jemand tief in die Augen schaut?
      Diese galante Einlage wurde teils mit beifälligem, teils mit ablehnendem Gemurmel quittiert.
      „Vielleicht ihr Ehemann?“ rief Sonnleitner spontan.
      „Das sei nicht auszuschließen und muss noch überprüft werden“, antwortete Doktor Lachmann.
      Überraschenderweise erhielt der Doktor Rückendeckung von Monsignore Labelli, der sich bisher eigenartig still verhalten hatte. Er sagte, auch der Teufel ginge mit der Zeit und bediene sich moderner Erkenntnisse.
      Als Sonnleitner diese Möglichkeit vernahm, stieg eine heiße Welle der Genugtuung in ihm hoch. Er war jetzt da, wo er schon immer hin wollte. Die Vernichtung seines Rivalen! Sie war in greifbare Nähe gerückt.
      Allerdings, auch mit der Frau stand es nicht gut.
      Man nahm Lachmanns Vorschlag zu Protokoll, entschied aber vorerst noch nichts.


      Nun ging es um die Frage, ob die Beschuldigte wirklich Gott gelästert, oder ob sie nur die Transsubstantiation, die Heilige Wandlung, geleugnet habe. Auf ersteres stand das Verbrennen bei lebendigem Leibe über trockenem Holz, im zweiten Falle konnte die Strenge des Urteils durch vorheriges Erdrosseln oder Verbrennen feuchten Holzes, an dessen Qualm die Sünderin erstickte, abgemildert werden.
      Der Pfarrer, Hochwürden Ferdinand Petermichel, erhob sich. „Meine lieben Brüder im Heil!“ rief er mit Pathos, „wieder einmal hat sich gezeigt, dass der Teufel...“
      Er hielt eine feurige Verteidigungsrede für die heilige und einzig seelig machende christkatholische Religion. Mit bewegten Worten geißelte er Gleichgültigkeit und Lauheit im Glauben und andere üble Fehlentwicklungen der Zeit. Nicht nur dem Vorsitzenden fiel auf, dass er die gleichen Redewendungen benutzte wie gestern auf der Kanzel. Er forderte ihn deshalb auf, zur Sache zu kommen.
      Monsignore Labelli erhob die Hand, als wolle er etwas sagen, doch der Pfarrer beachtete es nicht. Mit Verve fuhr er fort: „Eines der schlimmsten Verbrechen wider den Heiligen Geist ist die Leugnung des Leibes Christi in der geweihten Hostie. Hier kann nichts mehr schön geredet werden. Denn der Heilige Geist ist es, der aus einem schnöden Stück Brot, wie die Angeklagte in unerhörter Frechheit meint, Christi Leib, und aus dem Wein Christi Blut macht. Wer diesen fundamentalen Glaubenssatz leugnet“, rief er in den Saal hinein, dass den Zuhörern die Ohren klingelten, „leugnet nicht nur die wirkliche Transsubstantiation, sondern auch die Existenz des Heiligen Geistes und somit die Existenz Gottes. Die Angeklagte muss deshalb die ganze Härte des Gesetzes am eigenen Leibe spüren!“
      Monsignore Labelli, ein kleiner Herr mit rosigen Wangen und wachen Äuglein, betrachtete den Pfarrer, während der sich verbal abstrampelte. Er hasste den Fundamentalismus und lehnte Fundamentalisten ab, aber er betete für sie. Er hielt sie für fehlgeleitete Vertreter einer guten Sache. Er litt darunter, dass seine Kirche es immer wieder an der nötigen Barmherzigkeit fehlen ließ. Während der Pfarrer seine flammende Rede hielt, gingen dem Monsignore verschiedene Gedanken durch den Kopf. War nicht die Barmherzigkeit DAS Alleinstellungsmerkmal des Christentums? Hatte nicht Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter zur tätigen Nächstenliebe aufgerufen? War Jesus nicht geradezu ein Musterbeispiel für Toleranz und Weltoffenheit gewesen? Liebet eure Feinde!, hatte er gerufen, damit waren auch die Feinde der Religion gemeint. Aber natürlich, er konnte auch Härte zeigen, da, wo es notwendig war. Zum Beispiel, wenn er üble Geschäftemacher und gewissenlose Finanzjongleure mit Peitschenhieben aus dem Tempel trieb. Und er hätte dem Pfarrer, diesem engstirnigen Pharisäer, gehörig den Kopf gewaschen.
      Der Pfarrer setzte sich schwer atmend. Sein Herz wollte nicht mehr so recht. Kein Wunder: Der Gedanke an das Ketzertum, das sich immer weiter ausbreitete und versuchte, den Glauben seiner Väter in den Dreck zu ziehen, ließ ihn manche Nacht erst nach einer halben Flasche Martinez halbtrocken, das Stück zu einem Gulden, zur Ruhe kommen. Er zog ein riesiges Taschentuch hervor und trocknete sich die Stirn. Jetzt ist die Ketzerei auch schon in meiner Pfarre angelangt, dachte er bitter.
      Endlich konnte sich auch der Monsignore Labelli zu Wort melden. Er erhob sich und wandte sich direkt an den Pfarrer. Jetzt sah man erst, wie klein der Monsignore war.
      „Euer Liebden“, sagte er, „das waren gewaltige Worte, die Ihr da eben gesagt habt, markige Worte. Aber abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, in wie fern das Aussprechen des Wortes Brot eine Frechheit sein soll, muss ich Euch auch sonst auf ganzer Linie widersprechen. Die Beschuldigte hat weder die heilige Wandlung geleugnet, noch den Heiligen Geist oder Gott gelästert. Sie hat nur die schlichte Wahrheit gesagt.“
      Wenn der Monsignore die atemlose Verblüffung genoss, die geradezu knisternd im Raum lag, dann ließ er es sich nicht anmerken. Er war überhaupt ein bescheidener Mann.
      Der Pfarrer verspürte nicht mehr die Kraft, sich zu erheben. Im Sitzen fragte er: „Monsignore, wie meint Ihr das?“ Sein rechtes Augenlid zuckte stark.
      Der Monsignore erwiderte in seiner bescheidenen Art: „Hochwürden, ich möchte nicht annehmen, dass Euch entfallen ist, dass sich die wirkliche Wandlung der eucharistischen Gaben erst nach erfolgter Epiklese vollzieht. Soweit ich aber sehen konnte, habt Ihr keine Epiklese gesprochen. Dann war aber in dem Tabernaculum nichts anderes als geweihtes Gebäck.“
      „Verzeihung, Monsignore! Epi... Wie schreibt man das?“, wollte einer der Protokollanten wissen.
      „Ach, mein Freund, schreibt einfach: Wandlungsgebet.“
      Richter Wilder von Bruhns löste sich aus seiner Erstarrung. Er räusperte sich und sagte: „Wenn ich Euch richtig verstehe, Monsignore, plädiert Ihr auf Freispruch.“
      „Das wäre voreilig! Erst müssen wir die Einschätzung des Heiligen Officiums abwarten. Ich empfehle aber, die Frau einstweilen aus der Haft zu entlassen.“
      Jetzt geschah etwas, das die Verblüffung der Anwesenden noch weiter steigerte: Die Beklagte löste sich aus ihrer Bank, fiel vor dem Monsignore auf die Knie, ergriff seine Hand, küsste den Ring und murmelte: „Euer Liebden! Ihr seid ein guter Mensch! Segnet mich!“
      Der kleine Monsignore blicke auf die Frau mit dem Gesicht eines Engels und dem Mut einer Löwin herab. „Meine Tochter, ich segne dich“, sagte er mit bewegter Stimme. „Wir alle sind in Gottes Hand! Doch niemand weiß, was der morgige Tag bringen wird.“
      Als er wieder aufsah, war der Pfarrer nicht mehr im Raum.

      *

      Sonnleitner verließ zufrieden das Amtsgericht. Es lief alles nach Plan. Die Frau war erst einmal aus der Schusslinie, jetzt würde man sich diesen Marten vornehmen. Der Anfangsverdacht des bösen Blicks war ja schon in die Welt gesetzt. Mit ein wenig Nachhilfe ließe sich daraus bestimmt noch mehr machen. Zum Beispiel ein Verfahren, dass seinen wirtschaftlichen Ruin herbeiführen könnte. Es war ja ein offenes Geheimnis, dass es der Inquisitionsbehörde immer weniger um den rechten Glauben, sondern immer mehr um das Vermögen der Bezichtigten ging, und die weltliche Obrigkeit verdiente kräftig mit.
      Wenn also ihr Mann finanziell uninteressant ist, dachte er höhnisch grinsend, dann würde er, Hubertus Sonnleitner, sein Vermögen ins Spiel bringen und einen neuen Anlauf wagen.

      13

      Gegen Ende des Monats, zur besten Erntezeit, zogen heftige Unwetter, verbunden mit Starkregen und Hagelschlag, über das Land. Der Sturm fällte alte Eichen und riss die Ampel vom Rathausturm herunter. Blitze nie gekannter Stärke entrindeten Bäume und setzten Scheunen in Brand. Der Damm des Ratsmühlenteichs brach; die Wassermassen ersäuften ein Kind. Ein Großteil der Ernte war verloren. Es war, als schwinge der Herrgott die Zuchtruthe, die der Pfarrer in seinen Predigten immer öfter erwähnte.
      Nun war das letzte Jahr schon sehr schlecht gewesen. Noch Ende Mai hatte es strenge Nachtfröste gegeben. Dann ließ ein kurzer, aber heißer Sommer vielerorts die Feldfrucht verdorren. Die Preise für Agrarprodukte stiegen; Fleisch war für die nicht bäuerlichen Bewohner von Roden auf dem Berge sowieso schon unerschwinglich. Nun war abzusehen, dass man sich noch nicht einmal Brot zum Sattwerden würde leisten können.
      Die Obrigkeit bemühte sich nach Kräften, die Gemüter zu beruhigen. Armenküchen wurden eingerichtet, die kürzlich gegründeteWohlfahrts-Polizeyunter der Schirmherrschaft des Fürstbischofs achtete darauf, dass niemand verhungerte. In einem schon seit Jahren leer stehenden Gebäude des Leprosoriums eine Meile draußen vor der Stadt wurden Obdachlose untergebracht.
      Doch unter der scheinbar ruhigen Oberfläche schwelte bereits die Aufruhr. Die Zeichen standen auf Sturm. Allenthalben wurden Rufe nach tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen laut. Sogar traditionell bewahrende Regierungs- und Verwaltungskreise kamen hier und da zu der Einsicht, dass die Macht des Feudalsystems beschnitten werden müsse, und zwar möglichst schnell. Und zu diesem Feudalsystem gehörten eben auch der Stadtrat und die Kirche. Zwar wagte noch niemand, diese Gedanken öffentlich zu äußern, aber die Saat der Veränderung war bereits gelegt.
      Da traten Ereignisse ein, welche die Gärung, in der sich die Leute befanden, noch weiter beschleunigten. Die Kuh des Mälzerbauern brachte ein janusköpfiges Kalb zur Welt. Und, als ob nicht schon genug Unheil in der Welt sei, wurde auch noch ein Fall von Schwarzen Blattern bekannt. Besonders entsetzlich war der Anblick erkrankter Kinder: Der Körper war mit hässlichen dunkelbraunen Pusteln bedeckt, die wässernd aufplatzen. Blutungen innerer Organe führen häufig schon nach achtundvierzig Stunden zum Tode. Manche der armen Wesen waren dann bis zur Unkenntlichkeit entstellt.
      Wieder wetterte der Pfarrer von der Kanzel und schrie von Zuchtrute und Strafe Gottes...

      Ganz anders dachte der Arzt und Menschenfreund Doktor Lachmann. Wie viele seiner modern eingestellten Kollegen war er der Überzeugung, die Pocken seien eine Infektionskrankheit, die durch Ratten und Katzen auf den Menschen übertragen werde und die nicht von Gott, sondern aus den Kloaken der Stadt komme. Er erreichte es, dass der Rat einen Plan aufstellte, der die Bekämpfung der Seuche zum Ziel hatte. Als erste Maßnahme sollte die Ratten- und Katzenplage beseitigt werden. Per Anschlag wurden die Bewohner aufgefordert, Ratten und Katzen zu erschlagen, wo immer sie die Tiere auch anträfen. Für jede erschlagene Katze, die auf dem Schindanger abgeliefert werde, sollte es zwei Pfennige feines kölnisch Silber geben, für jede Ratte einen.
      Bald häuften sich die Kadaver zu Bergen, doch die Zahl der abgelieferten Tiere nahm kaum ab. Ja, zuweilen schien es sogar, als nehme die Katzenflut noch zu. Der Rat setzte den Preis aus Kostengründen auf einen beziehungsweise einen halben Pfennig herab.
      Der Doktor Lachmann sah auch den Grund für diese wunderbare Katzenvermehrung: Stadt und Land waren bisher ein Rattenparadies gewesen. Überall lag stinkender Abfall herum. Küchenabfälle oder Fäkalien wurden einfach ins nächste Gebüsch oder auf die Äcker geschüttet. In der Stadt sah es nicht besser aus. Zwar sammelte dieWohlfahrts-Polizeyden Inhalt der Abortgruben ein, aber dann kippte sie ihn an einer bestimmten Stelle kübelweise den Berg hinunter. Dort unten tummelten sich die Ratten – und die Katzen, die sich an den Ratten und Mäusen gütlich taten. Mittlerweile wimmelte es in der Gegend von verwilderten Katzen, es war eine regelrechte Landplage. Wenn man in der Stadt eine erschlug, zog zügig die nächste nach.
      Das alles sah der Doktor und Menschenfreund Lachmann, und er sagte es auch. Doch niemand hörte auf ihn.
      Die Hoffnung, durch Erschlagen einzelner Tiere der Seuche Herr zu werden, erfüllte sich nicht.
      Da machte in einer Schenke jemand die Bemerkung, die Katzenflut stamme gar nicht aus den umliegenden Wäldern, sondern von der Eva-Maria Holzapfel. Schließlich habe sie schon einmal eine Katze zur Welt gebracht – warum nicht immer wieder? Es war als Witz gemeint, und etliche der Zecher lachten auch. Doch nicht alle in der Runde nahmen die Sache auf die leichte Schulter. Einer der Zecher, der den Kummer über den Tod seiner Frau mit dem sauren Krätzer des Wirts betäubte, meinte, die Frau habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Wie könne sie sonst in dem ganzen Elend drumherum so makellos schön bleiben? Ja, pflichtete ein Dritter bei, das sage er etwas! Früher habe man solche Frauen als Hexen verbrannt, denn eine Hexe sei sie mit Sicherheit! Denn nur Hexen brächten Katzen zur Welt und blieben zeitlos schön! Aber die Obrigkeit habe ja keinen Mumm mehr in den Knochen und wage sich an die Hexen nicht mehr heran.
      Dann müsse man die Sache eben selber in die Hand nehmen, bemerkte ein Vierter.
      Der dumpfe Hass einer unterdrückten Klasse auf alle, die sie für reich hielt, die gut aussahen, die angenehmer lebten, die gebildeter waren, entlud sich auf dem Haupt der Eva-Maria Holzapfel.



      Als ein Spitzel des Rates Sonnleitner von diesem Gerede unterrichtete, reagierte er sofort. Er ließ anspannen und sich zum Haus der Holzapfels fahren. Dort machte er der Frau klar, dass sie in akuter Lebensgefahr schwebe. Bei der gegenwärtigen Lage könne aus solchem Schwachsinn schnell blutiger Ernst werden. Schon zögen marodierende Horden durch´s Land. Hier sei sie nicht mehr sicher, aber auch innerhalb der Stadtmauern könne er für nichts garantieren. Der sicherste Ort sei noch der Rosenturm, dort könne sie, bis sich die Lage beruhigt habe, in der leer stehenden Wohnung des Turmwächters unterkommen.
      Nach eingehender Beratung mit ihrem Mann stimmte Eva-Maria Holzapfel mit einem mulmigen Gefühl im Bauch zu. Noch in der gleichen Stunde packte sie ein paar Sachen zusammen und siedelte in den Turm über. Marten nahm in der Werkstatt seines Bruders Quartier.
      Der Umzug geschah keine Stunde zu früh. Noch am selben Abend machte sich ein mit Fackeln und Knüppeln bewaffneter Haufen zum Haus der Holzapfels auf. Als die Horde niemanden antraf, fackelte sie es ab.


      Das alles hatte jedoch noch nicht gereicht, den Teig zum überlaufen zu bringen. Noch waren es die Taten einzelner. Dieses Volk war wie kochender Grießbrei: Er blubbert zwar, aber er kocht nicht über, eher brennt er an.
      Da fand man eines morgens den Pfarrer erschlagen in der Sakristei. Ein Schuldiger war schnell gefunden. Die Polizei nahm noch am selben Tag den Hinnak Uhlenbrook fest, einen üblen Burschen, der wegen Landstreicherei und Diebstahl schon mehrmals im Gefängnis gesessen hatte. Er beteuerte bis zum dritten Grad der Folter seine Unschuld. Dann gestand er, den Pfarrer erschlagen zu haben, weil er ihn beim Plündern eines Opferstocks überrascht habe.
      Noch verwerflicher als den vermeintlichen Totschlag wertete das Gericht das Plündern des Opferstockes. Der Mord betraf den Pfarrer, die Plünderung die gesamte Christenheit.
      Der Prozess war kurz, das Urteil einstimmig: Tod durch den Strang auf dem Galaberg. Bis zu seiner Hinrichtung werde der Gefangene in den Rosenturm gebracht, hieß es. Doch das war eine Finte. Da man befürchtete, ein aufgebrachter Mob könne ihn dort befreien, sperrte man ihn in eine der fensterlosen Zellen tief unter dem Gerichtshaus.
      Dieses Urteil nun brachte den Teig zum Überlaufen.
      Die schlimmen Missernten, das doppelköpfige Kalb, die Schwarzen Pocken, die ewige Ausbeutung durch die Feudalherren – all das hatte man ertragen, murrend zwar, aber man hatte es ertragen. Aber dass man jetzt einen der Ihren nach einem lächerlich kurzem Verfahren aufgrund eines unter der Folter erpressten Geständnisses hinrichten wollte, das empfanden die Leute als eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Warum den Hinnak und nicht den Grafen?, hieß es. Wo doch der Hans Graf von Osterlohe-Hohlstein aus Raub und Mord ein Geschäftsmodell gemacht hatte. Und der saß nach wie vor ungeschoren auf seiner Burg Hohenfels. Wieder einmal hatten die verhassten Herren das Volk düpiert.
      Nun, ganz so war es nicht. Gegen den Grafen lag ein Haftbefehl vor. Doch Burg Hohenfels lag dummerweise im Nachbarländle. Und da galt der hiesige Haftbefehl nicht. Doch wen interessiere das schon. Der Zorn auf eine Ungerechtigkeit lässt sich durch einen Schlagbaum nicht auslöschen.

      Inzwischen wurde der Ruf nach einem Sündenbock immer lauter. Schon hörte man hier und da den Ruf: „Wir wollen die Hexe brennen sehen!“
      Doch der Sündenbock, den man schon ins Auge gefasst hatte, war und blieb verschwunden.
    • Hey McFee,

      bin bis Kapitel 6 gekommen :)

      Spoiler anzeigen


      Ich wundere mich ein bisschen über den Bürgermeister, den du zuerst als recht kaltblütig und destruktiv beschrieben hast... und nun bekommt er so mir nichts dir nichts einfach kalte Füße? Kommt mir ein bisschen sehr naiv vor, der Guteste, dass er denkt, er könne nun aus einer Laune heraus alles einfach mit einem Fingerschnippen wieder ungeschehen machen. :hmm:

      Und damit hat er sich natürlich völlig verkalkuliert. Die Verhandlung hast du meiner Meinung nach gut beschrieben, wenn ich mich auch zwischendurch gefragt habe, ob die gute Eva Maria irgendwie lebensmüde ist-so, wie sie da auftritt. Einerseits finde ich es ja cool, dass sie sich von den Herren nicht einschüchtern lässt, aber als Leser denke ich unentwegt: Neeeeiiiin! was tust du denn da?


      Bin mal gespannt, wie das Ganze für sie enden wird. Ich könnte mir ja vorstellen, dass du noch eine Überraschung für uns bereithältst ^^

      Hier noch ein bisschen Kleinkram:

      McFee schrieb:

      Sie sehnte sich nach ihrem Mann. Doch der war gerade dabei, im zwei Tagesreisen entfernten Kloster Meulen der Figurengruppe 'Die Heilige Anna Selbdritt' ein neues Haupt aufzuschrauben, weil das alte wegen Wurmstichigkeit ersetzt werden musste.
      Ich liebe diese kleinen eingebauten Details, über die ich mich schlapplachen könnte :rofl:


      McFee schrieb:

      Sie sammelte alle ihren inneren Kräfte, um besonnen zu bleiben.
      ihre


      McFee schrieb:

      Das Kind muss ihr jemand untergeschoben haben, anders kann ich es mit nicht erklären.
      mir


      McFee schrieb:

      Dann tat ... ein übriges und befahl ihr, vorzutreten und das Kreuzzeichen zu schlagen.
      er (?)


      LG,
      Rainbow
    • McFee schrieb:

      Jetzt geschah etwas, das die Verblüffung der Anwesenden noch weiter steigerte: Die Beklagte löste sich aus ihrer Bank, fiel vor dem Monsignore auf die Knie, ergriff seine Hand, küsste den Ring und murmelte: „Euer Liebden! Ihr seid ein guter Mensch! Segnet mich!“

      Ja, da wuesste man jetzt wirklich gerne was die Vorgeschichte mit dem Dorfpfarrer ist - das deutet alles darauf hin dass da unter der Oberflaeche was ganz anderes brodelt, aber wir bekommen das nicht so richtig zu sehen.


      McFee schrieb:

      Sonnleitner verließ zufrieden das Amtsgericht. Es lief alles nach Plan

      Ja, der Leser raet an der Stelle etwas - Labelli hat ja darauf plaediert, sie einstweilen frei zu lassen - aber wir haben nie gelesen dass das daraufhin wirklich so entschieden wurde.

      Was das 'aus der Schusslinie' dann genau bedeutet? Das wurde mir erst beim naechsten Abschnitt klar, wo dann impliziert wird dass sie wohl freigekommen ist, aber es waere irgendwie leichter zu lesen wenn noch ein Abschnitt darueber waere was genau das Gericht entschieden hat.


      McFee schrieb:

      Gegen Ende des Monats, zur besten Erntezeit, zogen heftige Unwetter, verbunden mit Starkregen und Hagelschlag, über das Land.
      Und hier kommt auf einmal ein heftiger Zeitsprung - da musste ich zweimal lesen um zu begreifen dass wir jetzt wirklich nichts mehr ueber Frau Holzapfel im Gericht lesen werden.


      McFee schrieb:

      Allenthalben wurden Rufe nach tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen laut.

      Klingt ein biisschen nach Politologieseminar, weniger nach dem Erzaehlstil bisher.

      Ausserdem ist mir nicht klar, warum Naturkatastrophen den Wunsch nach gesellschaftlicher Revolution befoerdern sollten - eher plausibel ist ja, dass man sich erst mal von Adel und Kirche Hilfe erhofft

      McFee schrieb:

      Aber dass man jetzt einen der Ihren nach einem lächerlich kurzem Verfahren aufgrund eines unter der Folter erpressten Geständnisses hinrichten wollte, das empfanden die Leute als eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.
      Huh? Wenn der als uebler Bursche und Landstreicher bekannt war, dann weiss ich nicht ob die ihn als 'einen der ihren' sehen wuerden - Landstreicher sind eher nicht so bei den eingesessenen mit dabei.