Der vergessene Thron - Feuersbrunst

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    • Der vergessene Thron - Feuersbrunst

      Im Antlitz der Sterne
      Verborgen
      Thront in der Nacht
      Der vergessene Thron

      In unerreichbarer Ferne
      Gestorben
      Das Versprechen der Macht
      Alle Welt ist der Lohn


      Unablässig pulsierte die rotgoldene Glut. Nagte hungrig an der verkohlten Asche und fraß sich unaufhaltbar in das schwarz gebrannte Holz. Flammen züngelten willkürlich empor, leckten an der abpellenden Rinde, sprangen fordernd in die nichtsahnende Nacht. Mit einem Knacken stoben Funken auf, die wie kleine Blitze erstrahlten, nur um dann langsam im nassen Gras zu versinken. Jared starrte mit ausdrucksloser Miene auf das Schauspiel, das sich ihm bot. Obwohl er einige Mühe hatte aufwenden müssen, um dem feuchten Holz überhaupt ein Lodern abzugewinnen, reichte dessen Wärme kaum, um ihn aus der eisigen Umklammerung der Nacht zu reißen. Sein Körper zitterte unablässig. Bis auf seinen Mantel und die dünne Schicht Kleidung darunter war ihm nichts geblieben und mit jeder Minute schien die Temperatur weiter zu fallen. Unbehaglich kroch er noch näher an die flackernde Glut heran und schlang die Arme um sich. Vielleicht war es dumm gewesen ein Feuer zu entfachen, hier wo es Kilometer weit Aufsehen erregen würde. Doch alles andere wäre schlicht Selbstmord gewesen. So hoffte er einfach, dass ihn niemand suchte. Aber wieso sollte man. Niemand hatte ihn gesehen, wie er mit starrem Blick im Unterholz stand. Nicht imstande sich zu bewegen oder gar einzugreifen. Und selbst wenn doch. Wer würde sich schon für einen einzelnen Jungen ohne Geld oder Bedeutung interessieren.
      Unbehaglich wandte er den Blick über die Schulter. Mittlerweile verbarg es die Dunkelheit, doch er war sich sicher, dass dort in der Ferne immer noch Rauchschwaden aufstiegen. Er vermutete, dass es Räuber gewesen waren. Welchen Grund als Habgier und Grausamkeit sollten Menschen sonst finden, um ein hilfloses Dorf anzugreifen. Als er an diesem Morgen aufgewacht war, hatte es sich noch wie ein ganz normaler Tag angefühlt. Nicht mal der strahlend blaue Himmel hatte von der entsetzlichen Zukunft berichtet, die da nahte. Jetzt war alles, was er je Familie hatte nennen können, oder Heimat, in Flammen aufgegangen. Jeder Mensch, den er je gekannt hatte, tot. Vielleicht war es der Schock, aber trotz allem konnte er keine Trauer empfinden. Nur gähnende Leere. Und lähmende Angst. Wäre er nicht, wie nahezu jeden Tag, auf Jagd gewesen, um sein eigenes karges Einkommen zusammen zu bekommen, wäre er jetzt wohl kaum... Ein leises Geräusch durchbrach seine Gedanken und augenblicklich schoss seine Hand zu dem langen Jagdmesser am Gürtel. Angespannt kauerte er sich hin, bereit Aufzuspringen. Einen Augenblick später tapste ein Fuchs an den Rand des Feuerscheins, hob die Nase und schnüffelte argwöhnisch. Jareds Atem entwich erleichtert seiner Lunge. Dafür zog sein Magen sich schmerzhaft zusammen, doch bevor er reagieren konnte, drehte sich der Fuchs um und verschwand mit einem Sprung in der Dunkelheit. Frustriert nahm er die Hand von der Waffe. Dann musste er sein Mahl wohl auf morgen verschieben.
      Er rückte noch ein wenig näher an die Flammen und legte sich flach auf den Boden. Wenigstens war das Gras nicht nur feucht sondern auch weich. Trotzdem würde es bestimmt keine angenehme Nacht werden.

      Zitternd stand Elvira auf dem Fenstersims. Ihre nackten Zehen bohrten sich in den glatten, kalten Stein. Der Wind riss an ihren Haaren und ihrer weißen Tunika. Tränen rannen ihr über das Gesicht und hinterließen glänzende Spuren auf geröteter Haut. Schwere Regentropfen prasselten auf sie ein, vermischten sich mit den Tränen und durchnässten Haare und Gewand. Die Sicht war atemberaubend. Mehr als zweihundert Meter trennten sie vom Boden und ihr Blick reichte trotz des schlechten Wetters von den rötlich schimmernden Dächern zu ihren Füßen, über die graue Stadtmauer mit ihren vielen Zinnen und Türmen, bis hin über die weiten Felder, den Sarenquelle, der sich sanft durch die Landschaft schlängelte, zu den nebelverhangenen Bergen, die sich grau und unheilvoll vom Horizont abhoben. Wunderschön. Und doch unfassbar weit weg. Mit einem Aufschluchzen gaben ihre Beine nach, sie stürzte nach vorn, griff panisch in die widerstandslose Luft vor ihr. Dann fiel sie in die Leere. Der Wind wurde lauter und lauter, in der Ferne erklang ein tiefes Grollen. Das erste Donnern eines sich anbahnenden Gewitters.

      Als Jared erwachte lag er eingewickelt in dicke Decken auf einem gemütlichen Bett. Behaglich drehte er sich zur Seite und öffnete die Augen. Augenblicklich fuhr er hoch und sah sich um. Das war nicht seine Kammer auf dem Dachboden des alten Hauses in Sturzbach. Das waren nicht seine Decken, nicht sein Bett, ja nicht einmal seine Kleidung, die er anhatte. Dann prallte alles wieder auf ihn ein. Die Flammen, die Schreie, das kehlige Lachen. Und der Anblick von Blut, funkelnden Klingen und dem Gestank nach verbrannten Fleisch. Sein Magen rebellierte. Panisch sah er auf, erblickte schließlich eine Schüssel mit Wasser neben seinem Bett und erbrach sich lautstark in sie. Es kam nicht viel. Er hatte lange nichts mehr gegessen. Als er wieder einigermaßen ruhig atmen konnte und sich seine zitternden Hände beruhigt hatten, sah er auf und sich in dem Raum um. Er war nicht sehr groß. Sicherlich hätte er ihn mit drei Schritten in jede Richtung durchmessen. Ein Fenster direkt neben dem Bett stand offen und ließ frische Luft herein. Ein kleiner Schrank aus dunkelbraunem Holz stand dem Bett gegenüber in der Zimmerecke und ein kleiner Tisch direkt daneben. Ein einziger Stuhl mit gebrochener Lehne zierte die andere Ecke. Dazwischen befand sich eine schmale Tür. Ansonsten war das Zimmer leer. Und dann war da natürlich noch der Lärm. Stimmengewirr drang von draußen durch das Fenster, durchmischt mit Pferdehufen, mähenden Schafen und gackernden Hühnern. Irgendwo in der Ferne klapperte Metall und beschlagene Räder ratterten über Pflastersteine. Nichts davon beantwortete die Fragen, die er hatte. Wenn überhaupt brachte es neue. Mit einem lauten Quietschen öffnete sich die Tür und sofort sah sich Jared panisch nach seinen Waffen um. Doch weder Bogen noch Pfeile oder Messer waren zu sehen. Der Mann, der eintrat, war der wohl fetteste Mensch, den er in seinem gesamten bisherigen Leben zu sehen bekommen hatte. Selbst der fette Wasim, der eigentlich nur Wasim hieß und der Metzger Sturzbachs gewesen war, kam nicht mal in die Nähe des Körperumfangs, der sich jetzt vor Jared auftat. Ansonsten war nicht viel bemerkenswertes an der Gestalt. Der Mann hatte braune Augen und ein Gesicht, dass ihn freundlich anlächelte. Außerdem trug er ein gelbes Gewand, dass sich wie ein Zelt unter seinem Kopf aufspannte.
      "Keine Sorge", sprach er mit beruhigender tiefer Stimme und hob die Arme auf Höhe seiner Brust, "Ich werde dir nichts tun." Jared betrachtete ihn einen Moment lang abschätzig. Er beschloss, dass der Fremde wohl die Wahrheit sagte, und ließ sich wieder etwas zurücksinken.
      "Wie bin ich hierhergekommen?", stellte er die offensichtlichste Frage, "Und wo bin ich hier überhaupt." Der Mann ließ die Hände sinken, betrachtete ihn aber weiterhin aufmerksam.
      "Ein Bauer hat dich heute Morgen gefunden, wie du halb erfroren unter einer Schneedecke neben einem ausgebrannten Feuer lagst. Es ist ein Wunder, dass du kein Körperteil verloren hast. Nicht einmal einen Zeh oder Finger. Er hat dich mit seinem Karren sofort nach Sedarra gebracht." Jared nickte nachdenklich. Er wusste kaum etwas über die Welt jenseits des Dorfes, doch von Sedarra hatte er die Menschen reden hören. Es war eine Stadt nur ein, zwei Tagesmärsche von Sturzbach entfernt. Er hatte immer davon geträumt einmal hierher zu kommen. Nun konnte er dem nicht allzu viel abgewinnen.
      "Und was habt ihr damit zu tun?", fragte er schließlich. Der Fremde begann wieder zu lächeln, zwängte sich mit etwas Aufheben durch die Tür und zog den Stuhl neben das Bett. Das Holz knarzte protestierend auf, als er seine Masse auf die dagegen winzig erscheinende Sitzfläche sinken ließ.
      "Ich bin Merin O'Bara. Wirt der goldenen Rose!" Seine Brust schwoll jetzt stolz an. "Jegar, der Bauer, der dich gefunden hat, ist ein Freund von mir." Dann verzog sich sein Gesicht mitleidig. "Willst du mir sagen, wer du bist und woher du kommst." Jared starrte ihn einen Moment an bevor er schließlich nickte. Schließlich hatte Merin auch seine Fragen beantwortet.
      "Mein Name ist Jared. Ich stamme aus einem Dorf namens Sturzbach. Es...", er stockte, "es wurde überfallen. Ich denke, es waren Räuber" Seine Stimme klang kratzig und fremd. Als hörte er einem Fremden zu. Merin wirkte betroffen.
      "Es tut mir leid", der Wirt stockte, "Gibt es weitere Überlebende, die wir suchen können." Jared konnte nur den Kopf schütteln. Einen Moment verharrte sein Gegenüber unbewegt, sah ihn nachdenklich an. Dann richtete er sich behutsam auf und trat von dem Stuhl zurück.
      "Ruh dich erst einmal aus. Sarah, meine Tochter, wird dir etwas zu essen bringen." Mit einem letzten mitleidigen Blick packte er den Eimer ohne ein Wort an dessen Inhalt zu verschwenden und verließ das Zimmer. Jared ließ sich zurück in die Kissen sinken. Sedarra!

      Mit einem Keuchen erwachte Edar aus seinem unruhigen Traum und richtete sich in seinem Bett auf. Schweiß lief in Strömen über seine Brust und sein Atem ging unruhig. Er hatte keine Ahnung mehr was er geträumt hatte, doch er war sich sicher, dass es nicht gerade schön gewesen sein konnte. Nachdenklich ließ er sich wieder zurück ins Bett sinken und starrte an die holzvertäfelte Decke. Vermutlich hätte er noch lange so dort gelegen und über vergessene Eindrücke nachgegrübelt, hätte seine volle Blase das zugelassen. Behutsam setzte er seine nackten Füße auf den dünnen Teppich und schlug die Bettdecke vollends zurück. Nachdem er sich schließlich vollends auf die Beine gequält hatte öffnete er das Fenster und ließ die ersten Sonnenstrahlen, die kühle Morgenluft und die Geräusche der erwachenden Stadt herein.
      Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.

      Aldous Huxley
    • Hallo TiKa444

      Als erstes möchte ich sagen das mir der erste Teil deiner Geschichte gefällt und ich mich auf weitere Teile freue.

      Ein wenig verwirrend sind für mich die beiden Zwischensprünge zu Elvira und am Ende zu Edar. (liegt vielleicht daran das mir noch der Zusammenhang der Drei fehlt)

      Beim lesen sind mir diese zwei kleinen Sachen ins Auge gesprungen

      Spoiler anzeigen

      TiKa444 schrieb:

      Irgendwo in der Ferne klapperte Metall und beschlagene Räder ratternten über Pflastersteine.

      TiKa444 schrieb:

      Ich denke, es waren Raüber"
      Sollten das Räuber sein oder ein Eigenname?


      Im hoffen auf eine Fortsetzung
    • Danke für die Hinweise @Faradim. Leider werden die Zwischensprünge erstmal nicht weniger, aber glaub mir. Irgendwann wird sich alles fügen^^. Ich hoffe zumindest, du bleibst dran.

      LG TiKa444


      Vom höchsten Berg

      In die tiefste Gruft

      Alles erzittert

      Etwas liegt in der Luft



      Alles Werk bröckelt

      Fällt nieder als Saat

      Die alte Welt splittert

      Eine neue Welt naht



      "Es ist mir egal, ob du eine Königin oder ein Straßenkind bist. Solange du in diesen Hallen wandelst machst du gefälligst was ich sage." Die alte Frau stemmte die Hände in die Seiten und sah sie wütend an. Elyene schob das Kinn stoisch vor. Prinzessin lautete die korrekte Ansprache. Doch als sie das Funkeln in den Augen ihres Gegenübers ob ihres stillen Protests sah, senkte sie den Blick sofort. Es war gefährlich Ismaila Curade zu verärgern. Und unter Umständen auch schmerzhaft. Sie unterdrückte einen Seufzer, während sie die Schimpftirade der Draidori weiter auf sich niederpasseln ließ. Dabei hatte sie gar nicht auf ihrer Herkunft bestanden. Sie hatte einfach nur vergessen die Schuhe zu säubern, nachdem sie aus dem Regen in die Halle getreten war. Zugegebenermaßen zog sie eine ziemliche Dreckspur hinter sich her, doch dies hatte nun wirklich nichts mit ihrer Geburt als Tochter eines Königs zu tun. Aber wenn sie eins in den letzten Wochen gelernt hatte, dann das Protest ihre Lage nur verschlimmern würde. So stand sie einfach nur steif da und starrte wütend auf die Wand hinter der weißhaarigen Frau, während sie diese in Gedanken mit jedem Fluch bedachte, der ihr einfiel..

      "Offensichtlich verschwende ich meine Worte an ein eingebildetes kleines Mädchen, dass sich zu fein ist einen Fehler einzusehen", behauptete Ismaila. Sie wirkte dabei als spräche sie mit einer Sechsjährigen. "Wisch diese Sauerei weg und komm danach in mein Studierzimmer." Studierzimmer? Sie wusste was das bedeutete und verspürte instinktiv den Drang sich zu rechtfertigen.

      "Was? Ich ha..." Weiter kam sie nicht, da eine unsichtbare Kraft plötzlich ihre Kiefer zusammenpressten. Wütend wehrte sie sich gegen die Fesseln. Ihr Blick hätte die Draidori eigentlich augenblicklich in Flammen aufgehen lassen müssen.

      "Wisch das weg und komm danach in mein Studierzimmer", wiederholte die alte Frau resolut. "Sofort." Augenblicklich verschwand der gestaltlose Knebel und sie schnappte erleichtert nach Luft. Sie setzte zu einer Erwiderung an, doch Ismaila starrte sie nur mit einem herausfordernden Blitzen an. Schließlich senkte sie den Blick

      "Ja Cean", erwiderte sie, mühsam um einen reuevollen Tonfall bemüht, und benutzte dabei bewusst die respektvolle Anrede. Die Draidori beobachte sie noch einen Augenblick kritisch, dann nickte sie, als hätte sie von Anfang an nichts anderes erwartet, drehte sich um und verließ mit wehendem Rock die Halle. Als sie endlich allein war stöhnte Elyene frustriert auf. Das würde für sie erneut Strafarbeit in der Küche bedeuten. Oder - sie schauderte - in den Stallungen. Sie hatte ja noch nie ein Problem damit gehabt sich die Hände schmutzig zu machen, auch wenn man das bei Hof ungern sah, doch wer eine Woche lang in einem Haufen Pferdemist steckte, wurde den Gestank einen Monat lang nicht los. Sie riss sich zusammen und durchmaß den großen Saal bis hin zu einem kleinen Wandschrank, der unauffällig in die Vertäfelung eingelassen war. Es gab keinen Grund Ismaila warten zu lassen und eine noch härtere Strafe zu riskieren. Selbst wenn sie es nur allzu gern darauf ankommen lassen hätte. Innendrinnen fand sie einen Eimer und den zugehörigen Lappen. Sie griff danach und wandte sich wieder Richtung Eingang. Wenigstens würde sie bei dem Wetter nicht bis zum Brunnen laufen müssen. Die Halle war imposant gebaut. Die Wände aus glattem Stein reichten gut 10 Meter in die Höhe und stützen eine gewaltige Kuppeldecke. Es gab keine pompösen Wandteppiche, keine künstlerischen Fresken oder aufmerksamkeitsheischende Flaggen. Einzig das Zeichen der Universität prangte unübersehbar im dunklen Marmorfußboden. Ein schwarzer Kreis, der von einem hellen Glühen umgeben wurde. Die Draidori hatten ihr gesagt, es handle sich um eine Sonnenfinsternis. So absurd dies auch klingen mochte. Sie öffnete eine kleine Tür, direkt neben dem beeindruckenden Tor und trat erneut hinaus in den Regen. Es war ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit und ihr Gewand war bereits völlig durchnässt, also stellte sie nur den Eimer ab und trat wieder zurück in den Schutz des Türsturz. Während der Eimer sich langsam mit Wasser füllte, ließ sie den Blick gelangweilt über die kargen Häuserwände und leeren Gassen schweifen. Ein leiser Seufzer entschlich sich ihrer Kehle. Sie müsste nur ein paar hundert Meter weit laufen, dann würde sie bereits die Mauern des königlichen Palastes sehen. Beim Gedanken an die warmen Kaminfeuer und dem Geruch aus den Küchen... Ein Schrei krachte in ihren Wunschtraum wie eine Axt einen Holzscheit und brachte sie in die Realität zurück. Alarmiert blickte sie sich um. Einen Augenblick herrschte einzig der Regen vor, dann erklang aufgeregtes Stimmengemurmel in der Nähe. Kurzentschlossen ließ sie den Eimer stehen und eilte in Richtung des Aufruhr. Ihre Schuhe ließen den dünnen Film Wasser, der sich auf dem Kopfsteinpflaster gebildet hatte, aufspritzen. Sie bog um eine Ecke und sah eine kleine Menschenansammlung, die stetig anwuchs. Sie drängten sich dicht an dicht, um etwas auf der Straße. Ein Gewirr aus Armen, Rücken und Beinen versperrte ihr jegliche Sicht. Sie wollte sich gerade durch die hintersten Reihen der Menge schieben, als ein Draidori vor ihr auf sie aufmerksam wurde.

      "Hier gibt es nichts zu sehen, Begabte", behauptete er, nachdem er ihr Gewand erkannt hatte, und schob sich ihr in den Weg. Er packte sie an der Schulter und zerrte sie zurück in Richtung der Universität. Elyene hätte sich gewährt, doch sie blickte zu fasziniert über die Schulter hinweg auf den Pulk der Schaulustigen. Einen Moment war ihr gewesen, als hätte sie zwischen all den Beinen einen Arm aufblitzen sehen.



      Edar wich vorausschauend an den Straßenrand zurück, um einen großen Karren vorbeizulassen. Der Fahrer war viel zu spät unterwegs - die Sonne war bereits aufgegangen - und wusste, dass ihm ein saftiges Bußgeld drohte, wenn ihn die Stadtwache erwischte. Entsprechend ließ er seine beiden Maultiere durch die Straßen Bayas hetzen. Mit einem lauten Rumpeln verschwand der Wagen in einer Seite Gasse. Angewidert verzog Edar das Gesicht, als eine kleine Böe einen besonders üblen Gestank heranwehte. Manchmal beruhigten ihn lange Spaziergänge, wenn er morgens nicht mehr einschlafen konnte, doch offensichtlich war das Vergnügungsviertel, trotz des ansprechenden Namens, nicht die beste Ortswahl gewesen. Gemächlich schritt er weiter und bog um eine Ecke, als ihm plötzlich ein offen stehendes Fenster ins Auge fiel. Es gehörte zu einem dreistöckigen Haus, das als eines der wenigen Gebäude hier zu keiner Taverne, Spielhalle oder Laufhaus zu gehören schien, doch viel interessanter als das Haus oder sein Fenster war die Frau, die gerade versuchte aus diesem heraus zu klettern. Sie konnte nicht viel älter als zwanzig sein, hatte langes braunes Haar, dass ihr in Strähnen ins Gesicht fiel und war auffallend hübsch. Und sie hatte offensichtlich Probleme ihr zweites Bein über die Fensterbank zu schwingen. Auch sie war etwas spät dran für eine Diebin und offensichtlich fehlte ihr jegliche Übung in diesem Bereich. Als sie ihn erblickte, riss sie erschrocken die Augen auf und verharrte. Einen Moment lang war Edar schlichtweg zu verdutzt, um irgendetwas zu tun. Er hätte auch gar nicht gewusst was. Sollte er versuchen durch Rufe auf sie aufmerksam zu machen? Sollte er ihr helfen? Dann erklangen plötzlich laute Schritte von schweren Stiefeln. Metall schlug laut aufeinander und verriet die nahende Stadtwache. Auch die Fremde hörte sie und fing verzweifelt an, an ihrem Hosenbein zu reißen, dass sich offenbar verfangen hatte. Erstarrt starrte Edar sie weiterhin an. Das war seine Chance. Ein Ton von ihm und die Soldaten würden die Beine in die Hand nehmen und die Frau auf frischer Tat ertappen. Dann würde sie wegen Diebstahl gebrandmarkt werden und vielleicht sogar eine Hand verlieren. So wollte es das Gesetz. Entschlossen wandte er sich um und rannte um die Ecke, um die er soeben erst gekommen war. Dem Lärm der nahenden Männern entgegen.

      "He, ihr da", rief er laut und stellte sich der Stadtwache in den Weg. Stirnrunzelnd bedeutete der Vorderste seinen fünf Kameraden anzuhalten.

      "Was wollt ihr", fragte er misstrauisch und offenbar verstimmt, weil er aus seinem Morgentrott gerissen wurde.

      "Eben hätte mich beinahe ein Karren umgefahren", behauptete Edar wild in die Richtung hinter den Soldaten gestikulierend. Ein paar der Soldaten blickte sich suchend um.

      "Na und?", fragte der Mann gelangweilt. Er hatte ein vernarbtes Gesicht und wirkte bereits zu alt für die Rüstung, die er trug. Ein Veteran.

      "Na die Sonne ist bereits aufgegangen", regte Edar sich auf. "Ihr kennt doch das Gesetz. Und dann noch mit dieser halsbrecherischen Geschwindigkeit. Ein Wunder, dass ich nicht verletzt wurde." Um seine Nervosität zu überspielen schnappte er nach Luft und versuchte dabei möglichst empört auszusehen. Man sah dem alten Soldaten deutlich an, dass er nicht wirklich Lust hatte einem Wagen, der mit halsbrecherischer Geschwindigkeit fuhr, hinterherzujagen. Allerdings zögerte er offensichtlich das Edar auch ins Gesicht zu sagen. Es mochte an der guten Kleidung liegen. Oder an seinem pedantischen Verhalten. Jedenfalls kam es vermutlich häufiger vor, dass ein junger Lord sich in das Vergnügungsviertel verirrte und erst am frühen Morgen den Heimweg antrat. Und falls er ein Lord war, täte vermutlich kein Soldat der Stadtwache gut daran, ihn ganz offen zu salutieren. Einen Moment lang suchte der Mann noch nach einer Ausflucht, dann salutierte ergeben.
      "Wir werden der Sache nachgehen", versprach er und trieb seine Soldaten zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Höchstwahrscheinlich würden sie um die nächste Ecke traben und dann einfach einen Umweg um diese Straße machen. Aber das war Edar ja im Grunde zuträglich. Als er sicher war, dass die Stadtwachen außer Reichweite waren, drehte er sich um und kehrte zurück an die Stelle vor dem Fenster. Die junge Frau hatte sich mittlerweile befreit, jedoch noch nicht die Flucht ergriffen. Er bemerkte den langen Riss in ihrem Hosenbein, der einen Blick auf die Wade freigab, was er jedoch geflissentlich zu ignorieren suchte. Sie grinste ihn an.
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      Aldous Huxley
    • Ich stolpere mal direkt über das erste Kapitel, und da genau über den einen Tag, den Jared erlebt haben will. Er ist Fußgänger. Wenn ich das richtig verstehe, ist sein komplettes Dorf überfallen worden, alle Menschen wurden umgebracht, auch seine ganze Familie, und jetzt liegt er unverletzt kilometerweit entfernt an einem Lagerfeuer und hofft, dass ihn niemand sucht oder findet?
      Wo war er denn bei dem Überfall? Warum hat er überlebt und das auch noch unverletzt? Wer sollte ihn suchen, wenn er bei dem Überfall direkt nicht dabei war? Dazu ein oder zwei Sätze und ich gleite beim Lesen elegant weiter, denn mehr hab ich nicht zu meckern. ;)
      Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
      Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker
    • @melli Du hast nicht ganz Unrecht. Eigentlich wollte ich genau diese Sachen erst mal ein bisschen außen vor lassen, damit der Leser sich genau diese Fragen stellt, auch wenn die Auflösung recht profan ist. Aber es stört natürlich auch den Lesefluss. Ich werde nochmal drüber gehen. Die Sache mit dem, wer ihn den Suchen kommen würde, kann ich direkt beantworten: Er ist da ein bisschen paranoid. Immerhin hat er kürzlich gesehen, wie alles, was er kennt in Flammen aufgegangen ist. Und natürlich denkt er, dass die, die das getan haben, auch ihn bedrohen.

      Aber vielleicht sollte ich das noch etwas deutlicher machen.

      Danke für die Hinweise. Ich gehe auf jeden Fall nochmal drüber. :thumbsup:

      LG TiKa

      @melli und @Faradim
      Ich habe den ersten Teil noch einmal überarbeitet und deine Fragen berücksichtigt, melli. Ich würde mich freuen, wenn ihr mir sagen könntet, ob es euch so besser gefällt.

      LG TiKa
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      Aldous Huxley
    • "Wie es scheint, schulde ich dir etwas", behauptete die Fremde und betrachtete ihn abschätzig. Und vielleicht auch etwas ungläubig.

      "Stets zu Diensten", erwiderte er, machte eine übertriebene Verbeugung und brachte sie damit zum Lachen.
      Sie war vielleicht ein oder zwei Jahre jünger als er. Achtzehn oder neunzehn. Ihre Kleidung war zweckmäßig, wenn auch eher ungewöhnlich für eine Frau. Sie trug eine Hose aus Kuhleder und ein weißes Hemd aus grobem Stoff. Ihre Haut war dunkler, als es das behütete Leben als Ehefrau oder Tochter brachte. Wenn auch nicht viel, so war sie doch etwas kleiner als er.

      "Was hast du da überhaupt gemacht?", fragte er teils weil ihm die Frage auf der Zunge brannte, teils weil ihm die Stille, die sich zwischen ihnen ausgebreitet hatte, unangenehm wurde. Ihr Blick verlor an wärme und ihr Grinsen erstarb. Sofort bereute er seine Worte. Sie musste doch mit der Frage gerechnet haben.

      "Wer sagt dir, dass ich nicht einfach eine Diebin bin", erwiderte sie nach einem Augenblick und verschränkte herausfordernd die Arme.

      "Eine Diebin, die am Fensterbrett hängen bleibt?", erinnerte er sie mutig und hoffte, dass sie ihm seine Worte nicht allzu übel nahm. Verdammt. Man hätte meinen können sie hätte ihn in dieser verfänglichen Lage erwischt und nicht andersherum. Erleichtert sah er wie ihre Mundwinkel wieder nach oben wanderten.

      "Niemand sagt, dass ich eine gute Diebin bin", behauptete sie und schmunzelte. Dann seufzte sie ergeben.

      "Nun. Wie gesagt, ich schulde dir wohl etwas." Sie senkte die Arme und schien nach Worten zu suchen.

      "Ich arbeite in der Küche eines Schankhauses", begann sie zu erzählen. An der Art und Weise wie sie Schankhaus aussprach merkte man, dass sie ihre Arbeit nicht unbedingt zu lieben schien. "Die ganze Nacht lang war viel Betrieb, also stand ich vor ein paar Stunden immer noch vor dort und habe Zwiebeln geschnitten." Sie verzog das Gesicht. Ganz offensichtlich war das nicht gerade ihre Lieblingsbeschäftigung. "Dann platzte ein Mann herein und verlangte von der Köchin, dass sie sofort den Wirt holen solle. Er war komplett in Schwarz gekleidet und hatte eine Narbe im Gesicht!" Sie fuhr mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand vom linken Auge zum rechten Mundwinkel. "Und außerdem", setzte sie fort, "trug er ein Schwert am Gürtel. Die Köchin wurde aschfahl und rannte nach draußen. Sie kam nach wenigen Sekunden mit Meister Namar zurück. Er hat uns alle aus dem Raum gescheucht. Anstatt den Mann zu bitten ihm selbst in den Flur zu folgen und uns weiterarbeiten zu lassen. Nach ein paar Minuten kam der Fremde wieder heraus und grinste zufrieden. Namar lehnte bewegungslos an der Anrichte und war blass wie eine Leiche." Sie schauderte. "Danach habe ich behauptet, ich wolle nach den Tieren im Stall sehen, und bin dem Kerl gefolgt. Ich glaube nicht, dass jemand auf mich geachtet hat." Edar blickte sie ungläubig an.

      "Du bist einem Mann gefolgt, der alle in Panik versetzt und dann in sein Haus eingebrochen?", fragte er skeptisch. Sie nickte etwas verlegen.

      "Ich sage nicht, dass das meine beste Idee war, aber ich hasse es nicht zu wissen was vorgeht!", erklärte sie. Sie zögerte kurz. "Oder vor jemandem Angst zu haben."

      "Und?", wollte Edar wissen, "Was hast du entdeckt?" Doch sie reagierte mit einem Schulterzucken.

      "Nicht viel! Ich habe ihn durch den Türspalt beobachtet, aber er saß nur an einem Tisch und hat etwas geschrieben. Als ich bemerkt habe, dass es draußen hell wurde, dachte ich, dass es wohl Zeit wäre zu gehen, wenn ich unbemerkt hinaus gelangen wollte. Wäre mir ja auch fast gelungen."

      "Also hat das alles nichts gebracht?", hakte er ratlos nach.

      "Na immerhin musste ich keine Zwiebeln mehr schneiden", entgegnete sie und grinste. "Wo wir gerade dabei sind. Ich sollte wohl sehen, dass ich vor heute Mittag noch etwas Schlaf bekomme. Sonst falle ich bei der Arbeit um." Sie sah ihn prüfend an.

      "Danke nochmal für deine Hilfe", sie stockte.

      "Edar", half er ihr auf die Sprünge. "Edar Tomandielle" Sie lächelte.

      "Mein Name ist Jalina", entgegnete sie und wandte sich dann um. "Gute Nacht Edar."

      Mit diesen Worten verschwand sie um die nächste Ecke und ließ ihn verwirrt im Licht der aufgehenden Sonne zurück.
      Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.

      Aldous Huxley
    • Spoiler anzeigen

      TiKa444 schrieb:

      Ihr Blick verlor an wärme und ihr Grinsen erstarb.
      Groß.


      Der erste Teil liest sich jetzt viel besser. :thumbsup:
      Auch der neue Teil gefällt mir sehr gut, du hast interessante Protas. Bin gespannt, wie es weiter geht.
      Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
      Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker
    • Hey there,

      ich bin durch den interessanten Titel auf deine Geschichte aufmerksam geworden und habe mir mal die bisherigen Teile gegeben, war ja noch nicht allzu viel. Ich geh mal chronologisch auf alles ein, was mir so aufgefallen ist:

      Spoiler anzeigen


      TiKa444 schrieb:

      Nagte hungrig an der verkohlten Asche
      Verkohlte Asche ist eine sonderbare Mischung aus Pleonasmus und Oxymoron... zum einen ist Asche ja das, was übrig bleibt, wenn alles andere verkohlt ist, also das "verkohlte" liegt quasi im Begriff. Zum anderen, wenn man das weiter denkt, kann Asche nicht mehr verkohlen, da sie ja bereits verkohlt ist.

      TiKa444 schrieb:

      Ihre nackten Zehen bohrten sich in den glatten, kalten Stein.
      Das muss ganz schön weicher Stein sein ;)

      TiKa444 schrieb:

      Mit einem Aufschluchzen gaben ihre Beine nach, sie stürzte nach vorn, griff panisch in die widerstandslose Luft vor ihr.
      Ich bin mir bei dem Part jetzt nicht sicher, ob sie sich umbringen wollte oder ausversehen gestürzt ist. Wenn ersteres, dann verstehe ich nicht, weshalb sie "panisch" ist. Das könnte natürlich daranliegen, dass sie in dem Augenblick erkennt, was genau sie da eigentlich getan hat und darüber panisch wird, aber dann würde ich ein bisschen mehr Augenmerk auf die Beschreibungen legen. Generell ist der Abschnitt sehr sehr kurz und könnte für den ganzen Flair ruhig ein bisschen länger sein :)

      TiKa444 schrieb:

      Panisch sah er auf, erblickte schließlich eine Schüssel mit Wasser neben seinem Bett und erbrach sich lautstark in sie.
      Wieso kotzt er ausgerechnet genau in die Schüssel?^^Dann hat er ja nix mehr um sich den Mund abzuwaschen danach... aber gut, wenn man merkt, dass man brechen müssen, geht ja immer alles sehr schnell.

      TiKa444 schrieb:

      "Ja Cean", erwiderte sie, mühsam um einen reuevollen Tonfall bemüht
      mühsam, bemüht -Wiederholung.

      TiKa444 schrieb:

      Elyene hätte sich gewährt
      gewehrt

      TiKa444 schrieb:

      als hätte sie zwischen all den Beinen einen Arm aufblitzen sehen.
      Du schreibst vorher von einem Gewirr aus Armen und Beinen, das heißt, mir als Leser kommt der Arm jetzt nicht sonderlich besonderlich vor. Vermutlich willst du darauf hinaus, dass die Menschenmenge auf jemanden eintritt, aber das könntest du vielleicht nochmal besser hervorheben.

      TiKa444 schrieb:

      Seite Gasse
      Seitengasse.

      TiKa444 schrieb:

      Erstarrt starrte Edar sie weiterhin an
      Erstarrte, starrte - Wiederholung

      TiKa444 schrieb:

      Das war seine Chance. Ein Ton von ihm und die Soldaten würden die Beine in die Hand nehmen und die Frau auf frischer Tat ertappen.
      Okay, was ist seine Chance? Was verspricht er sich davon? Seine Handlungsmotivation wird an der Stelle irgendwie nicht so richtig klar... er hält sie für eine Diebin? Warum nimmt er sie dann in Schutz? Ist er selber ein Dieb? Da er sie als ungeschickte Diebin darstellt, gehe ich davon aus, er kennt sich sich in dem Handwerk aus? Das bleibt irgendwie alles blass. Ich verstehe auch den ganzen nachfolgenden Dialog ehrlich gesagt nicht so ganz :/

      TiKa444 schrieb:

      "Ich sage nicht, dass das meine beste Idee war, aber ich hasse es nicht zu wissen was vorgeht!", erklärte sie. Sie zögerte kurz. "Oder vor jemandem Angst zu haben."

      Soviel wie ich als Leser weiß, ist sie eine einfache Küchenhilfe und verfolgt einen Mann, der gerade ohne Hehl einen Mann in der Öffentlichkeit ermordet hat und sich nicht mal darum geschert hat, Zeugen zu beseitigen... und sie rennt ihm einfach hinter her und bricht in sein Haus ein? Wer würde so etwas tun? Vielleicht sagt sie nicht die Wahrheit, aber dann sollte Edar auch ein paar Gedanken dazu haben, dass ihre Geschichte sehr, sehr unglaubwürdig wirkt. Der kleine Nebensatz reicht für mich nicht aus, um ihren grenzenlosen Mut zu erklären.


      So im Großen und Ganzen: ich finde, du hast einen sehr schönen Schreibstil und kannst sehr bildgewaltig schreiben, immer mit einem Auge für die Details. Aber dein Plot verwirrt mich bisher nur :/
      Wir haben Jared, Elvira, Edar, Elyene und Jalina... fünf Hauptcharakter auf gerade mal ein paar Seiten. Bisher haben alle keinerlei Bezug zueinander, kein Charakter hat bisher mehr als vielleicht ein oder zwei Seiten eingenommen und ich weiß nach wie vor nicht mal ansatzweise worum es eigentlich geht.
      Warum beginnst du ausgerechnet mit Jared, den ja, sowie es ja scheint, zwar ein tragisches, aber kein ungewöhnliches Schicksal ereilt hat. Wer ist Edar und warum läuft er durch die Straßen? Was hatte es mit diesem kurzen Abschnitt bezüglich Elviras auf sich?
      Es werden zwar sehr viele Fragen aufgemacht, aber irgendwie fehlt mir so ein bisschen der Kontext, in dem sie sich abspielen. Der einzige Charakter zu dem wir etwas mehr Informationen erhalten, ist eigentlich Jared.
      Du scheinst da was richtig großes im Kopf zu haben, eine komplexe Story mit vielen Charakteren und das finde ich an sich cool, das macht neugierig. Aber ich als Leser bekomme keine Chance mich so richtig in deine Charaktere und deine Welt hineinzuversetzen. Ich würde vorschlagen, mich anfangs für ein paar Seiten auf einen Charakter zu konzentrieren, zu zeigen, was in ihm vorgeht, was seine Motivation ist, seine Hintergründe etc... und dann ein paar Seiten den nächsten Charakter einzuführen... usw.
      Man hätte dann viel mehr Gelegenheit sich wirklich mit einem Charakter auseinanderzusetzen und sich auch darauf zu freuen, in ein paar Seiten wieder von ihm zu lesen.

    • Hi @TiKa444 :)

      Habe zunächst mal nur deine ersten beiden Posts gelesen, wobei ich sagen muss, dass ich sehr gut in die Geschichte "reingekommen" bin, trotz der vielen (Haupt)Charaktere innerhalb der ersten Absätze.
      Diese wurden, bis auf Elvira (was aber wohl eine bewusste Entscheidung war), ganz gut eingeführt, auch wenn ich mir noch kein richtiges Bild von ihrem Aussehen machen kann.
      Wie mein Vorredner bereits angemerkt hat, lässt sich aber, alleine schon aufgrund besagter Anzahl an POV, erahnen, dass ich hier am Anfang einer überaus komplexen Story stehen könnte.
      Das hier zu Beginn noch (scheinbar) keinerlei Bezug untereinander besteht, sehe ich jetzt wirklich nicht als Kritikpunkt. Zumal es ja klar sein sollte, dass sich das nach und nach ergibt, was meiner Meinung nach, auch zu einem nicht unerheblichen Teil zum Weiterlesen motiviert. Aber ich weiß: "No accounting for taste here" ^^

      Die einleitenden Verse kann man zumindest mal dahingehend interpretieren, dass wir es hier mit einer, noch unbekannten, globalen Bedrohung zu tun haben, die über allem schwebt. In welcher Form auch immer.

      Eigentlich hätte ich die unerwarteten Charakterwechsel mitten im Text, am Anfang meiner Lektüre, noch kritisieren gewollt, aber mittlerweile halte ich diese "beinahe fließenden" Übergänge für ein ganz gelungenes Stilmittel.

      TiKa444 schrieb:

      Die Sache mit dem, wer ihn den Suchen kommen würde, kann ich direkt beantworten: Er ist da ein bisschen paranoid. Immerhin hat er kürzlich gesehen, wie alles, was er kennt in Flammen aufgegangen ist. Und natürlich denkt er, dass die, die das getan haben, auch ihn bedrohen.
      Das erschien mir z.B. recht logisch, auch ohne dies dem Text entnehmen zu müssen. Bin mir daher nicht sicher, ob du das noch einmal gesondert erwähnen solltest. Wenn ich mit ansehen müsste, wie meine Lebensgemeinschaft abgeschlachtet wird, würde ich mir, trotz ein paar hundert Metern Abstand, die ich zwischen mich und das Geschehen gebracht hätte, sicherlich nicht denken "Ach, mich hat ja keiner gesehen, daher bin ich ja jetzt absolut sicher hier".

      Insbesondere im zweiten Teil deiner Geschichte sind mir einige Kleinigkeiten aufgefallen:

      Spoiler anzeigen

      "Selbst wenn sie es nur allzu gern darauf ankommen lassen hätte."
      -> 'hätte ankommen lassen' alternativ 'ankommen gelassen hätte'

      "...des TürsturzES"

      "...wie eine Axt IN einen Holzscheit"

      "...und eilte in Richtung des AufruhrS"

      "...und schob sich ihr in den Weg. Er packte sie an der Schulter und zerrte sie zurück in Richtung der Universität."
      -> möglich, dass ich hier wieder ein wenig kleinlich bin, aber müsste er sie nicht zuerst mal zurückdrängen, wenn er sich VOR sie schiebt, um sie anschließend zurückzerren zu können?

      ""Elyene hätte sich gewährt, doch sie blickte zu fasziniert über die Schulter hinweg..."
      -> "Gewehrt" (wurde ja schon korrigiert), doch "sie blickte ZU fasziniert" ? Wie geht das? ;)

      "...hatte langes braunes Haar, dass ihr in Strähnen ins Gesicht fiel..."
      -> DAS (welches ihr...ins Gesicht fiel)

      "Und sie hatte offensichtlich Probleme ihr zweites Bein[...]"
      -> Hier beginnst du den nachfolgenden Satz wieder mit HATTE, was sich, da Wortwiederholung, unschön liest - vllt. solltest du im vorigen Satz stattdessen "besaß langes braunes Haar" o.ä. schreiben.

      "...fing verzweifelt an, an ihrem Hosenbein zu reißen, dass sich offenbar verfangen hatte"
      -> DAS (welches sich offenbar verfangen hatte)

      "...täte vermutlich kein Soldat der Stadtwache gut daran, ihn ganz offen zu salutieren."
      -> Der Satz ergibt für mich so keinen Sinn. Meintest du vllt. "opponieren"?

      "Einen Moment lang suchte der Mann noch nach einer Ausflucht, dann salutierte ER ergeben."


      So, dann erst mal noch den dritten Part konsumieren und anschließend schauen, wohin die Reise geht :)

      LG
      Rika
    • Hallo @TiKa444,

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      Der interessante Titel hat mich auch mal neugierig gemacht.
      Erstmal muss ich sagen, dass ich die Idee mit den verschiedenen Perspektiven auch sehr interessant finde. Das ist zwar am Anfang noch etwas verwirrend, aber ich gehe davon aus, dass das Puzzle bald dichter werden wird.

      Trotz allem hat mir gleich der Einstieg doch ein wenig Mühe bereitet. Zwar steigst du sehr hübsch szenisch ein mit einem frierenden Jungen an einem Feuer im Wald. Aber am Ende des Absatzes erfährt man dann so nebenbei, dass gerade sein Dorf abgebrannt ist und er seine Familie und seine Heimat verloren hat. Ups ...
      Du argumentierst, er sei unversehrt, weil er zufällig während des Überfalls auf der Jagd gewesen sei. Gut. Ich reime mir also zusammen, dass er von der Jagd kam, sein Dorf brennen gesehen hat, aber nicht wagte hinzugehen und seitdem dort am Waldrand steht. Woher weiss er aber, dass alle im Dorf tot sind und dass wirklich seine ganze Familie nicht mehr lebt? Dazu hätte er in das Dorf gehen müssen und selber nach seinen Leuten suchen.
      Aber er hat offensichtlich nicht gesucht, weil er ja Angst hatte, es könnte noch jemand von diesen Mördern im Dorf sein. Soweit logisch. Demzufolge kann er aber nicht wissen, ob nicht doch jemand überlebt hat. Ich glaube nicht, dass ich in der Lage denken würde: Wahrscheinlich sind die jetzt eh alle tot, aber ich prüfe das lieber nicht, weil mir ja noch was passieren könnte.
      Also ich meine, in dieser Lage würde er sich jetzt wahrscheinlich den Kopf zermartern, ob irgendwer überlebt hat und wie er es wagen kann, nach seiner Familie und seinen Freunden zu suchen. Ich glaube nicht, dass er das einfach so abhaken könnte.
      Klar, er könnte unter Schock stehen und nicht in der Lage sein klar zu denken, aber dann würde ich das auch so formulieren.
      Und dann legt er sich hin und schläft?!
      HIer fehlen mir irgendwie Gefühle.

      Die Episode mit Elvira fand ich besser. Hier konnte ich mir vorstellen, was sie sieht und was sie macht, auch wenn du zu wenig Infos gibst um zu verstehen, was sie dazu bringt zu springen. Aber das kommt vielleicht noch.


      TiKa444 schrieb:

      Dann prallte alles wieder auf ihn ein. Die Flammen, die Schreie, das kehlige Lachen. Und der Anblick von Blut, funkelnden Klingen und dem Gestank nach verbrannten Fleisch.
      Dies finde ich erstmal gut als Erinnerung. Es klingt aber nun doch so, als wäre er im Dorf gewesen, sogar noch während die Mörder schlachteten. Das passt eigentlich nicht zu dem ersten Part - oder? Denn dann hätten sie ihn ja auch getötet (wenn ich jetzt davon ausgehe, dass sonst alle Einwohner tot sind). Oder er hätte erfolgreich vor ihnen fliehen müssen. Wenn er aber geflohen wäre, wären seine Gedanken am Anfang anders gewesen.


      TiKa444 schrieb:

      Und dann war da natürlich noch der Lärm.
      Der Satz klingt komisch, ich würde ihn einfach streichen.


      TiKa444 schrieb:

      Stimmengewirr drang von draußen durch das Fenster, durchmischt mit Pferdehufen, mähenden Schafen und gackernden Hühnern.
      Das klingt hier irgendwie, als ob die Hufe, die Schafe und die Hühner durch die Luft fliegen.
      "mähende Schafe" gefällt mir auch nicht so.
      Wie wäre es mit: Durch das Fenster hörte er Stimmengewirr gemischt mit dem Geräusch von Pferdehufen, meckernden Schafen und dem Gegacker von Hühnern.
      (oder so)


      TiKa444 schrieb:

      Der Mann, der eintrat, war der wohl fetteste Mensch, den er in seinem gesamten bisherigen Leben zu sehen bekommen hatte. Selbst der fette Wasim, der eigentlich nur Wasim hieß
      Wortwiederholung: zweimal "fett"
      Der fette Wasim, der eigentlich nur Wasim hiess?
      Nennt man ihn "Fetter Wasim", wenn man von ihm spricht, oder warum muss erwähnt werden, dass Wasim eigentlich Wasim hiess? (Wie denn sonst?)


      TiKa444 schrieb:

      Ein Bauer hat dich heute Morgen gefunden, wie du halb erfroren unter einer Schneedecke neben einem ausgebrannten Feuer lagst.

      Der Bauer hat ihn unter einer Schneedecke gefunden?
      Wie? Wenn er ganz von Schnee bedeckt war, konnte man eigentlich gar nichts von ihm sehen. Und das ausgebrannte Feuer dürfte dann wohl auch unter einer Schneedecke verborgen gewesen sein... Woran hat denn der Bauer gemerkt, dass es sich lohnt da mal unter dem Schnee zu graben?
      Und müsste er nicht unter der Schneedecke erstickt sein?

      Noch einige Fragen: Warum hat der Bauer ihn denn gerettet?
      Warum hat der Bauer, nachdem er ihn rettete, ihn nicht zu sich nach Hause, sondern zu dem dicken Wirt gebracht?
      Warum hat der Wirt ihn aufgenommen?

      TiKa444 schrieb:

      Der Mann hatte braune Augen und ein Gesicht, dass ihn freundlich anlächelte.
      Klingt ein bisschen so, als hätten die Augen mit dem Anlächeln nichts zu tun.


      TiKa444 schrieb:

      "Gibt es weitere Überlebende, die wir suchen können." Jared konnte nur den Kopf schütteln.
      Einspruch.
      "Meine Eltern, Geschwister und Freunde sind wahrscheinlich alle tot, da brauchen Sie sich nicht die Mühe machen und zu suchen."
      Würde irgendjemand sinngemäss so etwas sagen?
      Hat er irgendeinen Beweis dafür, dass es keinen Sinn macht zu suchen?

      Also, das war es erstmal bis hier hin. Ich habe jetzt ziemlich viel beanstandet, aber die Idee gefiel mir trotzdem gut und ich mag auch die Perspektivenwechsel!

      :)



      Meine Geschichte: Meermädchen
    • Hey allerseits.

      Zuerst einmal möchte ich mich für die Wartezeit entschuldigen. Ich wollte mich eigentlich mit einem überarbeiteten Text zurück edlen in dem ich die Vorschläge von @aval.b.bado @Rika und @Kirisha entsprechend umsetzen, da ich jedoch nicht vor Anfang nächster Woche dazu kommen werde, wollte ich mich kurz zurückmelden, bevor ihr noch denkt ich hätte euch oder die Geschichte vergessen.

      Danke auf jeden Fall für die konstruktive Kritik.

      Was das schnelle Wechseln zwischen den Protas angeht bin ich noch etwas unschlüssig. Ich werde mir das ganze nochmal durch den Kopf gehen lassen und vielleicht ein zwei Dinge ausprobieren.


      Offenbar kam es zu ein paar Missverständnissen. Einige Dinge habe ich nicht ausreichend gut beschrieben, andere wollte ich bewusst vorerst im unklaren lassen. Darüber, ob das auch sinnvoll ist, bin ich mittlerweile ins Grübeln gekommen. Zumindest habe ich versucht nachfolgend besagte Missverständnisse aufzuklären (vorsicht Spoiler):[/size]

      Spoiler anzeigen
      Jared ist in dem Dorf als Waise aufgewachsen. Es ist zwar alles was er kannte, er wurde jedoch stets nur geduldet und nicht wirklich gewollt. Aus diesem Grund könnte man seine Gefühle als zurückhaltend beschreiben.

      Edar ist kein Dieb sondern nur ein normaler Mann, der spazieren geht, weil er nicht mehr schlafen kann.

      Elyene sieht in der Menschenmenge niemanden, auf den eingeprügelt würde, sondern Elvira zerschmetterten Körper.

      Der Mann, den Jalina verfolgt, hat niemanden umgebracht. Nur verängstigt. Aber die ganze Sache mit dem Verfolgen ist etwas weit hergeholt. Ich denke über eine elegantere Lösung nach. Vielleicht wird sie ja auch einfach eine Diebin.


      Eine Kleinigkeit noch:
      Ich habe meine Schwierigkeiten mit Namen. Findet ihr die bisher gewählten Namen zu sehr bemüht, passend oder schlichtweg lächerlich. Das würde mich doch sehr interessieren.

      Jedenfalls danke für Rat, Lob und Zeit. Ich hoffe ihr seid auch bei den nächsten Kapiteln (Sie kommen. Versprochen ;)) dabei.

      LG TiKa444
      Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.

      Aldous Huxley
    • Ich hab die ersten beiden Posts gelesen. Ich muss sagen die gespannte Kleidung mit einem Zelt zu vergleichen ist eine ziemlich lustige Art Charaktere mit Übergewicht zu beschreiben und ich mag wie vernünftig der Wirt ist. Das er gleich fragt ob sie noch nach weiteren Überlebenden suchen sollen.

      Davon abgesehen finde ich die Sprache gerade den ersten Absatz zu „blumig“. Muss die Nacht den unbedingt „Ahnungslos“ sein? Und ihn zwei Zeilen später in ihrer „Umklammerung“ halten? Und wenn ein Satz bereits beschreibt das ihn niemand sucht warum muss dann nochmal betont werden das er keine Bedeutung hat?

      Gegen zu häufige Wortwiederholungen würde es schon helfen wenn du versuchst andere Vokabeln für dasselbe Wort zu benutzen. Schreib zum Beispiel „Dunkelheit“ oder „Finsternis“ anstelle von Nacht und „Frost“ oder „Raureif“ statt Kälte.

      Die Scene ist nicht ganz ohne Potenzial. Wenn du mir den Vorschlag erlaubst? Versuch doch auf die Ironie ein zu gehen das ihn das Feuer das ja seine Heimat zerstört hat nun mit seiner Wärme das Leben rettet. Durch solche Micro-Narrativen wird die Geschichte tiefer und fesselnder.

      Der zweite Absatz leidet meiner Urbedeutungen Meinung nach unter zu viel „Tell“ und nicht genug „Show“ wenn das Sin macht. Im schlimmsten finde ich es bei der hübschen Frau die aus dem Fenster klettert und bei dem Veteranen. Woran erkennt der Protagonist den dass es ein Veteran ist? Willst du nicht lieber auf eine große Anzahl Abzeichen eingehen oder beschrieben wie viele Dellen die (altmodische?) Rüstung hat anstatt dem Leser einfach vor weg zu nehmen wer und was er ist?

      Die Wörter „schön“ oder „hübsch“ würde ich vermeiden wo es geht, weil Schönheit zum einen subjektiv ist und zum anderen langweilig zu lesen. Beschreib doch lieber ihre reine, blasse Haut, ihr wildes Haar das im Wind, weht oder die Muskeln die durch den dünnen Stoff ihrer Kleider durchgucken.

      Nur mal als Beispiel aber du hast eine Scene wo der Wirt die Hände hoch hält um zu zeigen das er keine Waffe hält und die Aufmerksamkeit des Protagonisten ist genau dort. Erzähl doch mal ob es harte, schwielige Hände sind oder zarte weiche Finger. So kannst du dem Kerl in wenigen Sätzen eine Persönlichkeit und einen Hintergrund geben ohne dass es den Leser anstrengt.

      Ich bin mit auch unsicher ob Schafe „mähen“ … ich würde „blöken“ schreiben… nur meine Meinung. Es ist nicht –schlecht- es braucht nur mehr Arbeit. Zumindest sehe ich das so.
      „Wichtig klingende Zitate unter Signaturen sind blöd.“
      -Feron