Schreibwettbewerb Juni/Juli 2019

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    • Schreibwettbewerb Juni/Juli 2019


      Einen schönen guten Tag Forengemeinde!

      Mit dem heutigen Tag startet unser kleiner foreninterner Schreibwettbewerb in die nächste Runde.

      @'kijkou' hat als Siegerin des letzten Wettbewerbs folgendes Thema vorgegeben:
      "Riesenmilch"



      So und jetzt ran an die Tasten

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      Einsendeschluss : 10. Julil 2019
      ‡ Die Geschichte muss in Form einer Konversation (PN) an Chaos Rising geschickt werden. (Betreff: "Schreibwettbewerb Juni/Juli 2019: Username")
      ‡ Die Geschichte muss im Fantasy-Genre angesiedelt sein. Dh. Es müssen Elemente der Fantastik darin enthalten sein.
      ‡ Die Geschichte muss einen Titel haben.
      ‡ Die Geschichte muss mindestens aus einer A4-Seite und darf höchstens aus drei A4-Seiten (3500 - 10'500 Zeichen) bestehen.
      ‡ Die Geschichte muss die Schriftgröße 12 pt und die Schriftart Times New Roman haben.
      ‡ Die Geschichte muss formatiert sein (siehe auch -> Texte richtig formatieren)
      ‡ Die Geschichte darf keine Sonderformatierung (wie zBs. kursiv Schrift, zentrierte Texte oder farbige Schrift) oder Sonderzeichen enthalten.
      ‡ Die Geschichte muss Absätze haben und darf kein reiner Textblock sein.
      ‡ Nur eine Geschichte pro Teilnehmer.
      ‡ Nur deutschsprachige Texte erlaubt, mit Ausnahme von Fremdwörtern, die zum Verlauf der Geschichte passen.
      Der amtierende Gewinner darf nicht am Wettbewerb teilnehmen, da er/sie das Thema vorgibt und sich so einen Vorteil erspielen könnte.
      ‡ Nach Einsendeschluss werden alle Geschichten anonym in einem Thread veröffentlicht und ihr habt einen Monat Zeit, per Umfrage eure Stimme abzugeben. DIese darf nicht an sich selbst vergeben werden.

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      Preise im Wettbewerb:

      Der Sieger:

      ‡ Darf das nächste Thema für den Schreibwettbewerb vorgeben.
      ‡ Wird in die Rangliste eingetragen.
      ‡ Bekommt für zwei Monate einen eigenen Rang und die Sonderrechte eines Super Users.
      ‡ Bekommt eine einzigartige Foren-Trophäe.
      ‡ Bekommt ein Buch, gespendet von @Kisa :)
      Spoiler anzeigen

      Vielen Dank an dieser Stelle :love:


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      Wer noch Fragen hat, stellt sie bitte hier im Thread.
      In diesem Sinne viel Spaß beim Schreibwettbewerb Nr. 40 und beim Geschichtenausdenken
      Euer Fantasy-Geschichten Forum
      "Fürchte nicht die Finsternis. Akzeptiere sie und sei, was in ihr auf deine Feinde lauert. Angst ist eine Waffe, Halvar. Nutze sie zu deinem Vorteil."


    • Welche Geschichte hat euch am besten gefallen? 9
      1.  
        Paol, der Spitzengastrollnom (6) 67%
      2.  
        Riesentöterin (1) 11%
      3.  
        Riesenmilch (1) 11%
      4.  
        Sasha und das Schicksal der Graubüffel (1) 11%
      Hallo Zusammen

      Die Bearbeitungszeit ist abgelaufen und ich habe vier Geschichten für euch! Ich hoffe, sie gefallen euch

      Um es nochmal allen ins Gedächtnis zu rufen: das Thema wurde von unserer letzten Gewinnerin @kijkou vorgegeben und lautete:
      Riesenmilch

      Die Geschichten werden in willkürlicher Reihenfolge geposted.
      .
      ACHTUNG: Beim Voten
      ist man nicht anonym. Somit wird Schummeln ausgeschlossen. Zudem dürfen
      einmal abgegebene Stimmen nicht mehr verändert werden. Bedenkt das bitte
      bei eurer Stimmenabgabe!
      Das Voting dauert bis 4. August 2019 um 23:59:59 Uhr.


      Viel Spass beim Lesen und Voten!

      Euer Fantasy-Geschichten Forum

      PS: Sollte etwas fehlen, oder auf andere Weise nicht stimmen, bitte mir möglichst schnell per PN Bescheid sagen!
      "Fürchte nicht die Finsternis. Akzeptiere sie und sei, was in ihr auf deine Feinde lauert. Angst ist eine Waffe, Halvar. Nutze sie zu deinem Vorteil."


    • Paol, der Spitzengastrollnom


      von @bigbadwolf



      Applaus, Visionsschwenk auf einen grinsenden Troll mit angeklebtem Schnurbart.

      „Ein herzhaftes Hallo an unser Publikum und natürlich auch an unsere werten Mitgaffer vor den Empfangsportalen! Heute serviert Paol Euch einen Braten allerdeftigster Art, geeignet sowohl für Siegesgeheule als auch für Trauerfraß. Heute bei mir sind der Suppensommelier Rekvik van Gutsmaker -

      Visionsschwenk auf einen nackten, aber recht noblen Sumpftroll.

      - sowie der zeitlose Gastrokritiker Horst.“

      Visionsschwenk auf einen in hellblaue Seide gehüllten Lich, dessen blanken Schädel ein saphirbesetztes Diadem schmückt. Er winkt freundlich. Rückschwenk auf den schnurbärtigen Troll.

      „Sodann“, ruft Paol aus und reibt sich feuereifrig die Klauen. „Beginnen wir mit der Zubereitung der schmackhaften Sauce. Herr van Gutsmaker, erzählen Sie uns doch bitte etwas über die erlesenen Ingredenzien!“

      Vogelperspektive auf allerlei Werkzeug sowie Zutaten in Trögen und auf Holztafeln, aufgereiht auf einer langen steinernen Tischplatte.

      „Pfür das pesondere Matsch-Erlepnis zu unserem Pfest-Praten, penötigen wir dipferse Köstlichkeiten“, versprüht der Sumpftroll genüsslich seinen Speichel über die Anwesenden. „Zunächst gut pferrührte Grüngallerte“, preist er mit einem Klauenzeig an, „gematschte Cayenne-Käpfer, pfermengt mit einem halpen Mundpfoll Sumpfasseln –

      Totale auf einen großen, schleimgefüllten Trog und eine graurot-matschig befüllte Holzschüssel.

      - ein halper Zentner Sellerie sowie ein guter Schuss Riesenmilch pfür die torpfig-pfaule Note.“

      Schwenk auf einen kleinen Berg fahlgrünen Selleries sowie eine weitere Holzschüssel mit grauer, zähflüssiger Riesenmilch.

      „JA!“, plärrt Paol begeistert, wodurch der Visionslenker erschreckt und das Bild etwas verwackelt. „Das klingt deliziös! Ich bin schon ganz AUFGEREGT! Kommen wir aber nun zu unserem Braten. Wir haben da schon mal etwas für Euch vorbereitet“, frohlockt er und hebt eine angespitzte Astgabel sowie einen scharf geschnitzten Oger-Oberarmknochen ins Sichtfeld.

      Visionsschwenk auf zwei Hilfstrolle, welche mittels Seilen eine rollende Plattform zu Paol ziehen. Über einer steinumfassten Feuerstelle baumelt, die Hände und Füße mit dickem Tau an eine waagerechte Eichenholzstange gefesselt, ein missmutig dreinblickender Zwerg. Sein in riesige, inzwischen leicht gebräunte Kohlblätter eingehüllter Körper schwankt über den enthusiastisch hochlodernden Flammen. Seinen Bart zieren eine Handvoll Thymianzweige und einige rote Beeren.

      „Ich hasse diesen Ökofraß!“, knurrt der Zwerg lautstark und versucht sich von den Flammen weg zu pendeln. „Wenn ich Grün und Rot sehen will, zermatsche ich eine Orkfresse!“
      „Oh, wie originell“, erklingt die eisige, knarrende Stimme des Lichs. „Mit Freuden vernehme ich den Duft von Buchenholz, doch warum spricht der Braten noch?“
      „Eine gute Frage, lieber Horst“, schaltet sich Paol ein, tritt vor den Zwerg und piekst ihn mit der Astgabel sachte in den Hals. „Den Braten sollte man nicht anstechen, damit der Saft nicht zu früh austritt.“
      „Ich würde mir den Arm abkauen, nur um euch den Fraß zu versauen“, wettert der hilf- und furchtlose Zwerg und versucht in die Astgabel zu beißen.
      „Nun, es dauert wohl noch eine Weile, bis der Braten gut durch und tot ist“, überspielt Paol die negative Stimmung. „Um Ihnen, liebe Mitgaffer, unnötiges Warten zu ersparen, hat unser lieber Rekvik bereits vor der Übertragung seinen herrlichen Gallertfond zubereitet.“

      Vogelperspektive auf einen großen, dampfenden Trog voller dickflüssiger, graugrüner Flüssigkeit mit Selleriestücken; Trollerbrochenem nicht gänzlich unähnlich.

      Paol tritt heran, schöpft einmal mit der Klaue und schlürft den Matsch genüsslich hinunter, wobei er die massiven Verbrühungen durch die heiße Flüssigkeit ignoriert. Binnen Sekunden bildet sich die verbrannte Haut des Trolls neu. „MMMMMMH!“, stöhnt er. „Horst, das musst du probieren!“
      Da lässt sich der Lich nicht zweimal bitten. Er rückt sein Diadem zurecht, stellt sich in den extra für ihn vorbereiteten Auffangbottich und lässt die graugrüne Flüssigkeit durch Kiefer und Torso hindurchtropfen, ehe sie sich zu seinen Fußknochen wiederfindet. „In der Tat eine in gar höchstem Maße gelungene Sauce“, lobt er und klackert genüsslich mit den Zähnen, woraufhin sich Rekvik dankend verbeugt. „Tatsächlich lässt sich der Matsch auch überaus gut zum Marinieren pferwenden“, merkt der Sumpftroll vielsagend an. Wie abgesprochen heben die beiden Hilfstrolle den gefesselten, fluchenden Zwerg von der Feuerstelle und tragen ihn zum Tisch.

      Frontalvision auf den kohlumhüllten Zwerg, während er vorsichtig und lauthals schreiend in den dampfenden Trog hinabgelassen wird, bis nur noch die schließlich erschlaffenden Hände und Füße zu sehen sind.

      „Liebe Gäste, während unser Braten noch eine Weile in der Marinade zubringt, verabschieden wir uns zunächst in die Anpreispause. »Bis gleich!« sagt Euer Spitzengastrollnom Paol!“
      "Fürchte nicht die Finsternis. Akzeptiere sie und sei, was in ihr auf deine Feinde lauert. Angst ist eine Waffe, Halvar. Nutze sie zu deinem Vorteil."


    • Riesentöterin

      von @Rika





      Wie sollte sie ihn nur töten? Den Speer ins Herz, kurz und schmerzlos? Oder sollte sie ihn mit dem Schwert schneiden? Immer und immer wieder. Mit ihm tanzen, bis er irgendwann den Dreck zu ihren Füßen fressen würde?

      Ebenso kreisten ihre Gedanken darum, mit welcher Trophäe sie, als Beweis ihrer erfolgreichen Mission, in das Dorf zurückkehren sollte. Der Kopf des Ungeheuers würde vermutlich mehrere Pfund an Gewicht auf die Waage bringen und sie hatte wahrlich keine Lust darauf zwei Tage lang diese, angeblich überaus hässliche, Rübe durch die Wildnis zu schleppen.
      Einige Dorfbewohner, die den ‚bergischen Schrecken’ bereits gesehen, ihm vielmehr nicht in die Quere ge- oder gar entkommen waren, berichteten von grausigen Stoßzähnen und spiralförmigen Hörnern, welche ihm aus dem Kopf wachsen sollen. Ob das Mitbringen eines jener Auswüchse die Menschen überzeugen würde? Wohl kaum. Schließlich hätte sie sich dafür auch einfach bei einem der, zumeist friedlichen, Tiere bedienen können, die die grauen Berge zuhauf bevölkerten und deren Bestimmung als Jagdbeute der Dörfler, ein gewisser Riese in schöner Regelmäßigkeit zu verhindern wusste.

      Oder sollte sie diesem vielleicht doch einfach, so wie sie es sich vergangene Nacht an ihrem kleinen, gemütlichen Lagerfeuer ausgemalt hatte, den Pimmel abschneiden und letztlich diesen als Nachweis ihres Triumphes ihren Auftraggebern präsentieren? Es amüsierte sie der Gedanke, in welchem sie sich die Reaktionen der Männer Bergens, auf das riesenhafte Gemächt ausmalte. Beschämte Blicke, selbst hinter Männlichkeit vortäuschendem Bartwuchs nicht zu verbergen, sah sie dabei immer wieder vor Augen. Kerle, zu kleinen Jünglingen verkommen, die sich der eigenen Kümmerlichkeit ihrer winzigen, rosafarbenen Zipfel bewusst werden würden. Aber war es denn nicht schon genug, dass deren Mannhaftigkeit gegenwärtig bereits darunter litt, dass ausgerechnet Henricca aus den, oftmals verspotteten, da ‚verweichlichten’ grünen Landen, den bösen, bösen Riesen für sie töten sollte?
      Mochte ihre Wertschätzung für die Bergischen noch so gering ausfallen, für die horrende Belohnung, die man ihr in Aussicht stellte, sollte sie sich ihnen gegenüber zumindest nicht allzu provokant gebaren.

      Ihr Weg hinauf zu den Gipfeln gestaltete sich beschwerlich. Gab es zu Anfang noch Straßen, die als solche erkennbar waren und denen sie folgen konnte, verkümmerten diese nun immer mehr zu steinigen, schmalen Pfaden, auf denen man nicht einmal mehr einen Handkarren hätte mit sich führen können. Mochte sich hier, aufgrund der Wildheit der Natur, kein Anzeichen menschlicher Bestrebungen finden lassen, ebendiese in ein Korsett zu zwängen, so waren doch die Spuren, die augenscheinlich einem Riesen zuzuordnen waren, unübersehbar. Umgeknickte Bäume, förmlich niedergemähte Hecken und Sträucher und natürlich die riesigen Spuren in den getrockneten Schlammpfützen. Fußabdrücke, die fast zwanzig Zoll an Länge maßen und sich etwa zwei Hand breit ausdehnten. Sie wirkten wie, in den Boden gezeichnete, Warnungen.
      „Dreh um und geh’ nach Hause“, schienen sie ihr förmlich entgegen zu rufen. Und um ein Haar hätte sie wirklich zu zweifeln begonnen und am Ende womöglich gar auf die versprochene Belohnung geschissen. Doch solche Gedanken waren nur einmal mehr ein Anzeichen dafür, dass es wieder an der Zeit für einen Schluck Verwegenheit war.

      Es schmeckte erneut fürchterlich. Wie jedes Mal, wenn sie sich einen Mundvoll des dickflüssigen Gesöffs in den Rachen goss. Gerade genug, um keinen Brechreiz auszulösen und den kostbaren Tropfen ja bei sich zu behalten.
      „Wie vergorene Milch, welche aus einem faulenden Fischkadaver gepresst wurde“, lautete die überaus treffende Geschmacksbeschreibung.
      Ausgesprochen hatte sie ein, in bunte Stoffe gekleideter, brauner Mann aus dem Inselring, dessen Handelsschiff, in Folge eines Sturms, unplanmäßig vor der Küste ihres Heimatdorfs ankern musste, damit man sich um dessen beschädigte Segel kümmern konnte.
      ‚Riesenmilch’ nannte er das stinkende Gesöff. Von mutigen Männern direkt aus den Zitzen der Riesinnen der fernen Insel Talak’i gesaugt. Angeblich würden sich die Milchjäger dafür in die seltenen Riesenwürfe schmuggeln, um schließlich, mit ihren vorübergehenden Brüdern und Schwestern, um den ‚weißen Nektar’ wettzueifern.

      Henricca kannte viele Geschichten von den kupferfarbenen Menschen des Inselringes, welcher Talak’i umgab. Selbst wenn man nur wohlwollend der Hälfte aller Erzählungen Glauben schenken mochte, so gehörte jene von der Riesenmilchgewinnung zweifelsohne noch zu der glaubwürdigeren Sorte. Ein von Gold durchsetztes Lächeln zeigte sich ihr, als sie dem Insulaner die feilgebotene, in den Farben des Regenbogens strahlende, Karaffe abkaufte, währenddessen das Meer in der Ferne eine vertraute Melodie sang.

      Ein Schluck und man spürte keine Erschöpfung mehr. Gleichzeitig drehte die Milch ihre Sinne auf Anschlag. Kein Geräusch war mehr zu leise, kein Windstoß zu sanft, kein Geruch zu unscheinbar und kein optisches Detail zu klein, um nicht wahrgenommen zu werden. Die Kraft in ihren Armen und Beinen schien sich zu verdoppeln, wenn nicht gar zu verdreifachen. Jetzt wirkten ihre leisen Zweifel, die sich immer wieder hinter ihre Stirn zu drängen versuchten, gänzlich unbegründet. Sie spürte das Schwert an ihrem Gurt, den zum Wanderstab umfunktionierten Speer in ihrer linken Hand. Unlängst war sie mit ihren Waffen verschmolzen, waren diese zu weiteren Körperteilen geworden. Sie war das tödlichste, gefährlichste Wesen auf diesen Wegen. Das künftige Verderben eines Riesen, des bergischen Schreckens, der die Menschen in seiner Umgebung schon viel zu lange drangsaliert hatte.
      Henricca, die Riesentöterin. Ein Name gedacht dazu, künftige Generationen zu überdauern.

      Mittlerweile schien das grüne Plateau vor dem Gipfel, dort wo das Ungeheuer angeblich wie ein König über der Welt thronte, zum Greifen nahe. Wenn sie ihre Schritte nur ein wenig beschleunigte, würde sie noch vor Einbruch der Dämmerung ihr Ziel erreichen und ‘Ihre Majestät von Fels und Vogelscheiße‘ aus dieser Welt befördern.

      Seit einiger Zeit schon vernahm sie zunehmendes Getrappel um sich herum. Kleines Getier, welches sich offenkundig durch das schützend hohe Gras und zwischen den grünen Tannen bewegte, ihr auf Schritt und Tritt folgend. Sie erhaschte Blicke auf einen Fuchs, mehrere Hasen und sogar Reh und Hirsch waren zugegen. Auch das Gezwitscher und Gekrächze der Bewohner der Lüfte mehrte sich scheinbar im Minutentakt. Ein Blick gen Himmel offenbarte ihr bald schon ganze Schwärme der verschiedensten Vogelarten aller Größen und Farben. Aus welchen Gründen auch immer sie ihr folgten, sollten sie doch allesamt, in der Luft wie am Boden, ihre Zuschauer sein. Mochten sie bezeugen und schließlich verkünden, wie die Riesentöterin die grauen Berge, immerhin auch ihre Heimat, von diesem zu groß geratenen Usurpator befreite.

      Die letzten Schritte unter wachsamen Augen und da erreichte sie auch schon ihr Ziel. Sofort fiel ihr Blick auf den, gut sechzig, vielleicht siebzig Schritt entfernten, schwarzen Schlund der Riesenhöhle, die da inmitten des Felsens klaffte. Wenn man dessen Bewohner ernsthaft als Herrscher der grauen Berge betrachten mochte, so besaß dieser doch den erbärmlichsten Herrschaftssitz, den man sich nur ausmalen konnte.
      Nur an seinen Randbereichen wurde das grüne Plateau seinem Namen gerecht.
      Um den Eingang des Lochs im Felsen herum, hatte sich ein braun-grauer Schleier über das Leben gelegt. Die Bäume trugen keine Blätter mehr, dafür nun den Großteil der geflügelten Zuschauer. Und dort wo einst das Gras aus dem Boden spross, waren tiefe Wunden in die nunmehr graue Erde geschlagen. „Geh da weg“ und „Lauf zurück“, drang leise an ihre Ohren, doch auch Geister im Winde würden sie nun nicht mehr zurückhalten.

      Ein tiefes, undefinierbares Grollen, weder menschlich, noch tierischen Ursprungs ertönte aus dem Dunkel. Ein durchdringender Laut, welcher dafür sorgte, dass sich ihre Hand prompt fester um den Speer schloss, dieser von einer Gehhilfe wieder zu einer Waffe wurde.
      Immerhin war sie jetzt auch zu einer Entscheidung gelangt, wie genau sie ihn töten würde.

      Er zeigte sich. Ein grauhäutiges Biest mit breiter, entstellter Fratze. Keine Hörner oder Stoßzähne, dafür aber schwarze Haare, die überall wie glänzendes Gestrüpp aus seinem massigen Körper wuchsen, der letztlich mehr einem Felsen glich, der mit pechfarben Moos überzogen war. Seine Augen leuchteten gelb und hell.

      Kaum das der wuchtig geworfene, zielgenau einschlagende Speer wirkungslos an dem Ungetüm abprallte, war dessen Zorn auch schon geweckt. Einen ohrenbetäubenden Schrei ausstoßend stürmte er in ihre Richtung.
      „Dann also das Schwert“, malte sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Insgeheim erfüllte sich somit ihre leise gehegte Hoffnung, zum tödlichen Tanz gebeten zu werden. Sie hob ihre Klinge über Kopf. Als er ihr schließlich nahe genug war, sprang sie ihm entgegen und ließ die scharfe Schneide, begleitet von einem lauten Kampfschrei, niedersausen.
      Und als auch dieser Angriff verpuffte, sie sich daraufhin im freien Fall befand, da konnte sie das Gelächter hören. Ihre Zuschauer verspotteten sie lauthals aus ihren Mäulern und Schnäbeln.
      Unsanft prallte sie wogegen und die Welt vor ihren Augen wurde so schwarz, wie der Riese, der sie soeben mit einem einzigen Hieb durch die Luft gewirbelt hatte, als ob er eine lästige Fliege verscheuchen wollte.

      War das das Ende? Nein! Obwohl es sich anfühlte, als hätte nicht viel gefehlt um das Tor zur Hölle aufzustoßen, so war dies nicht die Anderwelt.
      Ihr Kopf schmerzte und ihre Zunge lag pelzig in ihrem Mund, als hätte sie seit Tagen keinen Schluck Wasser zu sich genommen.
      Sie kannte diesen Ort. Nicht zum ersten Mal, dass sie in einem dieser Betten lag. Sie erkannte die Schläuche um sich herum, den unverkennbaren Duft nach Desinfektionsmittel.
      Sie fühlte sich elend. Würde sich ein überfahrener Hund zu seinem Zustand äußern, mit großer Sicherheit könnte man jene Beschreibung Eins zu Eins auf den ihrigen übertragen.

      Bruchstückhaft erinnerte sie sich an ihren letzten Traum. An Riesen und Schwerter. An Musik und Scheinwerfer. Und natürlich an die Riesenmilch.
      Letzte Nacht war es Henricca, die Riesentöterin, die aus jenem weißen Nektar erwuchs. Er hasste ihre Arroganz. Es erinnerte ihn an unschöne Dinge aus seiner Vergangenheit.
      „Ach Henrik“, sagte er schließlich leise zu sich, „so kann es nicht weitergehen. Nie wieder Drogen, mein Freund. Sie werden sonst noch dein Tod sein!“
      "Fürchte nicht die Finsternis. Akzeptiere sie und sei, was in ihr auf deine Feinde lauert. Angst ist eine Waffe, Halvar. Nutze sie zu deinem Vorteil."


    • Riesenmilch

      von @Iridiosflames



      Es war ein nebliger Morgen, der Hahn krähte und weckte den alten Zauberer in seinem Zimmer.
      Kohlagan schlug die Augen auf und gähnte. Am Bett stand sein Diener, wer es war konnte er ohne Brille nicht sehen.
      "Meister, es wird Zeit für ihren Morgentee, nach dem Rezept ihres Alchemisten."
      "Das widerliche Gesöff, das schmeckt wie drei tage alter...... du weißt schon."
      "Es tut mir aufrichtig leid Meister, aber ihr Alchemist bestand darauf das sie es nehmen."
      "Dann her damit."
      Kohlagan setzte den Becher an die Lippen, vom einschenken war ein Tropfen an seinem Rand hängen geblieben. Er schmeckte fürchterlich, ein böses Omen was jetzt gleich kommen würde. Doch Kohlagan hatte keine Wahl. Er machte es sich auf einem Arm bequem und kniff die Augen zu. Mit einem schnellen Ruck schüttete er den Inhalt in den Mund. Es war nur leicht bitter, doch er wusste es besser. Tatsächlich, als aller Inhalt den Rachen hinunter lief breitete sich der bittere Geschmack im Mund aus. Es war so intensiv das sich Kohlagans Gesicht verzog. Ja es schüttelte ihn regelrecht durch.
      "Ist es so schlimm Meister?" Fragte der Diener.
      "Willst du es probieren?" Entgegnete Kohlagan.
      "Ich würde es nie wagen euch eure Medizin weg zutrinken!" erwiderte der Diener mit undurchsichtiger Stimme.
      Kohlagan bewunderte ihn dafür, er, impulsiv, sein Diener, beherrscht. Wie macht er das, fragte sich Kohlagan jedes mal wieder.

      Der Diener werkelte derweil außerhalb des Sichtfeldes von Kohlagan im Zimmer.
      "Musste ausgerechnet gestern die Brille runter fallen und kaputt gehen, ohne sie bin ich blind wie ein Huntarbaby."
      "Ja, das ist sehr schade. Doch der nächste Besuch des Krämer ist erst in zwei Wochen. Solange gibt es leider kein Ersatz."
      Kohlagan schüttelte mit dem Kopf.
      "Ist wenigstens die Riesenmilch angekommen die ich letztes Jahr geordert habe?"
      "Nein, der Wanderkrämer vom Bergdorf ist dieses Jahr noch nicht erschienen." Antwortete der Diener.
      "Ich brauche beides, die Brille und die Riesenmilch. Schließlich ist Ende des Sommers die Lichtdunkel und die nächste ist erst in Hundert Jahren. Ich habe keine Lust so lange zu warten."
      "Bitte habt Geduld Meister, es wird sich alles finden. Ich habe euch eure Kleidung nun auf den Stuhl zurecht gelegt."
      "Danke Reingang, halt oder Tibant. Müsst ihr Zwillinge sein? Ich kann euch an der Kleidung unterscheiden aber nicht an der Stimme."
      "Ich bin Reingang, ihr habt mich für den Haushalt angestellt. Tibant assistiert euch im Labor."
      Kohlagan schlug sich gegen die Stirn.
      "Verzeih, seit ich 400 geworden bin lässt mein Gedächtnis extrem nach.
      "Nicht doch Meister, es ist auch für andere schwierig uns auseinander zu halten. Ihr macht das sehr gut. Außerdem habt ihr eure Hörgeräte nicht angelegt."
      "Danke Reingang, du hast immer die richtigen Worte."
      "Vielen Dank Meister."
      Der bittere Geschmack des Getränkes seines Alchemisten war verschwunden und Kohlagan richtete sich im Bett auf. Alles war verschwommen, Farbflecken, nichts Klares. Mit der linken Hand tastete er nach der Bettkante. Als er sie gefunden hatte schwang er seine Beine darüber und kam in eine sitzende Position. Seine Fußzehen berührten den kalten Holzfußboden. Es war zwar Frühling aber die Erde war noch kalt, so auch der Boden unter dem Haus. Die Kälte wanderte langsam das Bein hinauf. Kohlagan tastete nach den Hausschuhe die eigentlich immer am selben Ort standen.
      "Etwas mehr nach Rechts Meister." Dirigierte ihn sein Diener.
      "Danke, ich sehe nicht mal die Hand vor Augen scharf." sagte der Meister und winkte mit der linken Hand die er gehoben hatte vor seinen Augen, während er in die Hausschuhe schlüpfte.
      "Nur noch zwei Wochen, dann kommt Ersatz, Meister." antwortete Reingang.
      Mühsam erhob sich Kohlagan und es knackte in seinem Rücken und linkem Knie. Er stöhne etwas.
      "Habt ihr Schmerzen Meister?" Fragte sein Diener sofort.
      "Nur wieder der Rücken und das Knie. Wann kommt endlich der Krämer mit der Riesenmilch?"

      Plötzlich knarrte die Zimmertür und eine fasst identische Stimme erklang.
      "Meister, der Krämer mit der Riesenmilch ist endlich erschienen."
      "Vielen Dank Reingang"
      "Meister, das war mein Bruder Tibant."
      Kohlagan schaute verwirrt zwischen den Richtungen aus den die Stimmen kamen hin und her. Er konnte nichts erkennen da alles verwaschene Flecken waren.
      "Wer hat das jetzt nun gesagt. Macht mich nicht verrückt. Ich seh nichts und von irgendwoher kommen Stimmen. Es nervt gewaltig."
      "Meister, bitte beruhigt euch. Niemand macht euch einen Vorwurf."
      Kohlagan atmete durch und fuhr wesentlich ruhiger fort.
      "Ja, es tut mir leid. Ich komme nur nicht damit zurecht wenn alles unscharf ist."

      Nach dem sich Kohlagan mit Hilfe seiner Diener angekleidet hatte wurde er von diesen in das Empfangszimmer welches auch als Wohnzimmer diente geführt. Dort wartete bereits irgendjemand. Soviel konnte Kohlagan am Kontrast zu der bekannten Einrichtung ausmachen. Er konnte nur nicht sagen ob Mann, Frau oder magisches Wesen.

      "Seid gegrüßt werter Kohlagan, ich bin es Getran vom Bergdorf. Wie ich sehe ist euch eure Brille abhanden gekommen. Wie ist das geschehen."
      "Hallo Gertran, ja da ist mir ein Missgeschick bei meinem letzten Experiment passiert. Kurz sie ist runter gefallen und kaputt gegangen. Ich muss jetzt auf den monatlichen Krämerbesuch aus dem Flussdorf warten der meine Brille führt."
      "Das ist ja schlimm, ich habe zwar die Riesenmilch die ihr letztes Mal bestellt habt. Doch wie wollt ihr sie prüfen?"
      "Können wir die Bezahlung nicht einfach verschieben, ihr seht das ich jetzt Probleme damit habe."
      "Das ist schwerlich möglich, die Riesenmilch war nicht einfach zu beschaffen. Ich gehe für euch ein hohes Risiko ein.

      Kohlagan und Gertran feilschten noch etwa eine Stunde um Preis, Zeit der Bezahlung und das Hierlassen der Riesenmilch.
      "Ich werde nicht bezahlen was ich nicht prüfen kann. Mein letztes Wort." War Kohagans Antwort auf die letzten Worte von Gertran.
      Er bemerkte das Bewegung in den Fleck vor ihm kam. Hatte er es übertrieben, war er zu grob gewesen, Kohlagan wusste es nicht und er fühlte sich schuldig. Dann erklang Gertrans Stimme.
      "Gut, da ihr in einer besonderen Situation seid mache ich eine Ausnahme und komme zum übernächsten Vollmond wieder um das Geschäft abzuschließen."

      Kohlagan lächelte und bedankte sich herzlichst bei Gertran, er wollte den Krämer um keinesfalls verärgern. Konnte er ihm doch seltene Ingredienzien beschaffen die es in der Gegend nicht zu erwerben gab. Er tastete sich langsam im Wohnzimmer entlang, ein Schritt vor den anderen und stand nach einer kleinen Ewigkeit vor einem großen Fleck dort wo sein Schreibtisch gestern noch stand. Kohlagan beugte sich nach vorne und griff nach dem roten Fleck. Seine Finger schlossen sich um den Lederbeutel und er fühlte sich etwas schwer an. Er richtete sich auf, drehte sich um und rief.
      „Reingang, komm mal bitte her.“
      Nach einigen Sekunden erklang neben ihm die Stimme einer seiner Diener, er wusste nicht wer.
      „Ja Meister, ich bin da.“
      Kohlagan hielt den Beutel hoch und sagte.
      „Nimm ihn und gib ihn dem Krämer.“
      „Zu Befehl Meister.“ War die Antwort.
      Während sich die Silhouette des Diener entfernte sagt Kohlagan mit lauter Stimme.
      „Gertran, ich gebe dir eine kleine Anzahlung, als dank für dein Vertrauen. Die restliche Summe bekommst du wenn du wieder hier bist.“
      „Vielen dank Kohlagan, das wäre nicht nötig gewesen.“ War die Antwort von der anderen Seite des Raumes.
      „Doch, ich brauch die Riesenmilch doch so sehr. Danke.“
      „Ich zähle es unterwegs und viel Erfolg mit deiner Brille.“ rief Gertran während er zur Tür hinaus ging ohne das Kohlagan es bemerkte.
      Der Meister machte einen Schritt, bleib aber mit dem Fuß am Tischbein hängen und das Verhängnis nahm seinen Lauf.
      "Fürchte nicht die Finsternis. Akzeptiere sie und sei, was in ihr auf deine Feinde lauert. Angst ist eine Waffe, Halvar. Nutze sie zu deinem Vorteil."


    • Sasha und das Schicksal der Graubüffel

      von @Feron


      Es war ein nebliger Morgen im Frühling. Ein Jagd-Trupp vom Stamm der Klaue war aus ihrer Festung in den Bergen herabgestiegen und streifte stolz durch seine üppigen Jagdgründe. Die gehörnten Frostriesen taten keinen Schritt der nicht auf vertrauten Boden fiel und beachteten die Windrichtung mit derselben Selbstverständlichkeit wie das Laufen selbst. „Autsch!“ Winselte eine Jägerin und schlug sich mit der flachen Hand auf den Unterarm um ein Insekt zu zerquetschen, dass sie gestochen hatte.

      „Still!“ Zischte der Anführer zurück und kauerte sich tiefer ins Gras, bis nur seine dunklen Hörner zu sehen waren. Die Frostriesin hob ihre Hand und betrachtete die Überreste des Geschöpfs auf ihrer Haut. Es hatte die Größe einer Wespe, aber es war schwarz und braun gestreift mit acht haarigen Beinchen und einem langen weißen Saugrüssel, aus dem noch ihr frisches Blut tropfte. Stechmücken kannte sie aus den sumpfigeren Gebieten, aber eine solche Kreatur erblickten ihre haselnussfarbenen Augen zum ersten Mal.

      „Hagen? Kannst du mal gucken?“ Sie streckte ihren Arm in seine Richtung aber der alte Jäger stieß sie weg und zischte erneut. Er spannte seinen Bogen und bewegte sich geduckt nach vorne auf einen Hügel zu. Der Rest des Trupps hatte ihm zu folgen oder man würde sie dafür verantwortlich machen wenn die Jagt missglückte.
      Das Ächzen der Bogensehne war zu hören und Hagen zielte am Pfeil entlang auf etwas das die anderen noch nicht im Blick hatten. Er atmete ein aber nicht wider aus, ganz ruhig und völlig konzentriert, als beginne und ende das Universum bei dem pelzigen Ding im Graß.

      Er ließ das gefiederte Ende seines Pfeils los und traf das dicke graue Fell. Aber das Tier das da lag reagierte nicht. Es war längst tot gewesen.
      „Ein Kalb“, meinte er trocken und schaute enttäuscht auf den Körper vor ihm. Es war noch ein Jährling, aber der aufgeblähte Bauch ging ihm trotzdem bis zur Brust und es würde vier erwachsene Männer brauchen den leblosen Körper zu transportieren. Wenn sie es denn überhaupt für essbar befanden. Die Beckenknochen stachen trotz des struppigen Pelzes deutlich hervor und seine pinkfarbene Zunge hing aus dem Mundwinkel heraus. Es hatte seine Glieder von sich gestreckt und starte mit leeren Augen in den Himmel. Spuren von Klauen und Zähnen waren nirgendwo zu sehen.

      „Ich wette der quillt vor Bandwürmer über“, beschwerte sich ein Frostriese mit einem abgebrochenen Horn auf der linken Seite und einem langen grauen Bart. Er kniete sich hin und setzte ein Messer an, um die Bauchdecke zu öffnen und sich die Organe anzusehen. Beute, die sie haben konnten ohne die sechs Tonnen schweren Kolosse direkt heraus zu fordern wäre ein Segen gewesen, aber nicht wenn das Fleisch sie krank machte.
      Die Jägerin zog den Transportschlitten näher und löste bereits die Schnüre als ob sicher wäre, dass sie das Kalb mitnahmen. „Der müsste noch Milch trinken vielleicht wurde das Muttertier gerissen“.

      „Kann sein.“, schnauzte Hagen, noch immer hörbar frustriert. Er drehte sich weg und lief gemächlich auf die Kuppe des Hügels zu. Er drückte sich gerne um das Entfernen der Organe. Es aß sich leichter wenn man nicht genau wusste welche Parasiten es sich zuvor in seiner Portion bequem gemacht hatten.
      Als er die Spitze des Hügels erreicht hatte, rief er entsetzt die Namen all seiner Gefährten und winkte sie zu sich. Der Anblick, der sich ihnen bot würde sie bis in ihre finstersten Alpträume verfolgen, denn er verhieß Hunger und Leid für Jahre, wenn nicht Generationen.

      Die Ebene auf denen die Herde graste war bedeckt mit den toten Körpern von Graubüffelkälbern und Jährlingen die noch nicht von der Muttermilch entwöhnt waren. Reglose, graue Fellbündel lagen überall verstreut, teilweise schon von den Erwachsenen platt getreten. Schwärme aus Milliarden schwarz-braun gestreiften Fliegen wimmelten überall auf den noch lebenden Tieren herum, vor allem an ihren Bäuchen wo die dicksten Blutgefäße verliefen. Wie dichte schwarze Wolken füllten sie die gesamte Ebene. Die Tiere schlugen mit ihren Schweifen, rieben sich an den Felsen und wälzten sich wieder und wieder im hohen Gras aber die Insekten setzen ihre Angriffe gnadenlos fort.
      Die Euter der Kühe waren geschwollen und so rot wie rohes Fleisch. Hagen beobachte wie ein abgemagertes Kalb immer wieder verzweifelt mit der Nase gegen die Zitzen seiner Mutter stieß, aber die Kuh schrie vor Schmerz und trat ihr Junges so heftig mit ihren tellergroßen Hufen, dass es zu Boden ging. Ein paar Mal noch versuchte das Kleine zurück auf seine wackeligen Hufe zu kommen, doch dann ließ es sich auf die Seite fallen und blieb dehydriert und entkräftet liegen wo es war.

      Der Nachwuchs der letzten beiden Jahre war bereits verloren und die Fliegen zeigten keine Anzeichnen jemals von ihrer neuen Nahrungsquelle abzulassen. „Wir müssen es der Seherin sagen“, flüsterte die Jägerin an Hagens Seite. Sie drückte ihr Gesicht auf seine Schulter und er konnte fühlen wie der Leinenstoff sich mit ihren Tränen voll sog.
      Drei Jahre später, auf der anderen Seite der Welt, in einem luxuriösen Stall hockte Sasha auf einem Strohballen und aß einen holzigen Apfel, den er aus der Futterküche mitgenommen hatte. „Yolonda“ war auf ein Schild geritzt, welches an der Tür zu dieser Stall-Box hing. Der Verschlag war für Nashörner gedacht gewesen, aber man hatte ihn mit Metall verstärkt bis er stark genug war um eine ausgewachsenen Graubüffel-Kuh darin gefangen zu halten.
      Niemand wusste genau wie viele Exemplare die Art noch zählte, aber man war sich einig, dass die Invasion der Monrastanischen Nadelfliege sie an den Rand der Ausrottung gedrängt hatte. Die einheimischen Rinder auf den Weiden kamen zu Recht, aber bei den gigantischen Graubüffeln führten die Stiche zu Entzündungen und ließen den Milchfluss versiegen. Allein der Winter brachte ihnen noch eine Atempause, bis im Frühling die nächste Generation Larven hervorbrachte.
      Die Oberhäupter der Frostriesen-Stämme würden kein einziges Tier mehr hergeben, bis die königliche Menagerie Zuchterfolge nachwies und ihre Not linden würde; wie er es ihnen versprochen hatte.

      In der dritten Nacht bewegte sich sein Schützling unruhig hin und her. Wäre sie frei gewesen, dann hätte sie in diesem verwundbarsten Augenblick Deckung zwischen Sträuchern und Felsen gesucht, aber ihr Stall war so klein das sie keine drei Schritte gehen konnte ohne auf die nächste verstärkte Wand zu treffen. Ihr Euter war prall gefüllt. Einzelne Milchtropfen traten bereits aus und verklebten ihre Hinterbeine. Sie war überfällig.

      Sasha blieb bei ihr für etwas das sich wie mehrere Jahre seines Lebens anfühlte, bis schließlich ein graues Bündel, zitternd und nass ins Stroh fiel. Das Kalb hatte noch keine Hörner und seine Hufe wirkten wie zerbrechliches Porzellan, aber es lebte und hob seinen Kopf, um die Welt kennen zu lernen, in die es geboren war. Es war ein Bullenkalb. Das Muttertier drehte sich zu ihm um und streckte ihre weiche, hellgraue Schnauzte vor, um den Kleinen ausgiebig zu beschnüffeln. Sie war so gigantisch verglichen mit ihrem Pfleger, dass der Luftstrom aus ihren Nüstern wie eine Sturm-Böe an seinen Haaren und Kleidern zog.

      Sasha wollte glauben, dass alles gut verlaufen war aber Yolondas Körperhaltung blieb verspannt. Zuerst wollte er es dem Stress und den ungewohnten Schmerzen zuschreiben die sie litt, aber die Gefangenschaft hatte ihre wilde Seele auf so viele Weisen verletzt, dass selbst der natürlichste Trieb in ihr, der Mutter-Instinkt, in Aggression umschlug. Ohne ein weiteres Warnzeichen senkte sie ihren mächtigen Kopf und begann ihr Junges mit den Hörnern zu traktieren. Hilferufe eilten durch das Gebäude und andere Tierpfleger unterbrachen ihre Arbeit um Sasha bei zu stehen.

      Die einzige Antwort die ihre Pfleger hatten war mehr Gewalt. Mit Peitschen und Mistgabeln drängten sie die Graubüffelkuh zurück und benutzen ein Maulesel-Gespann um das Kalb aus der Box zu ziehen. Die Natur hatte versagt und es lag nun an Sasha es auf zu ziehen.
      Yolonda wurde mit Futter an eine Stelle gelockt, an der man ihren Kopf fixieren konnte, um sie zu melken. Ihre Zitzen waren so groß das Sasha sie mit beiden Händen umfassen musste. Ihre Haut hatte einen leichten Flaum, fast wie ein Pfirsich und die Milch selbst war wie dicke, fettige Sahne. Vermutlich hätte er sich den Magen verdorben wenn er davon kostete, aber selbst wenn er gewollt hätte, so brauchte er jeden Tropfen für das Kalb. Zweieinhalb Jahre würde er ihm die Flasche geben müssen, bis er überhaupt begann an Heu zu knabbern.

      Vorsichtig packte er zu und presste seine warmen Finger von oben nach unten zusammen, um ihren Euter zu massieren und das Saugen eines hungrigen Jungtieres zu imitieren. Aber dies war keine zahme Milchkuh und sie zeigte es ihm jeden Tag. Mehrere Minuten dauerte es bis die ersten weißen Strahlen Riesenmilch den Eimer trafen, als würde sie sich dem Vorgang bewusst verweigern.

      Diese süße, weiße Flüssigkeit war von den Göttern gemacht. Sie allein hatte die Fähigkeit das Gewicht eines heranwachsenden Graubüffels zu verhundertfachen und kein Alchemist der Sonnenwelt konnte sie künstlich erzeugen. Verschüttete er zu viel davon würde das Nachzuchtprogramm hier und jetzt scheitern.
      Mit Geduld, Sanftmut und stetig wachsender Erfahrung brachte er „Zottel“ dazu die zehn Liter fassende Glasflasche mit dem Gummisauger an der Spitze an zu nehmen. Das Geräusch, das er beim Trinken machte erinnerte ihn an fließendes Wasser, das in eine Badewanne lief.

      Zottel schüttelte sich ausgiebig, als er mit seiner abendlichen Mahlzeit fertig war und Sasha fand, dass die Milch die an seiner pelzigen Schnauze zurückgeblieben war wie ein langer, grauer Bart aussah. Wie der Kleine so dastand und aus dem Stallfenster nach draußen auf die Weide schaute, war es als sei er ein weiser, alter Veteran und Sasha das hilflose Kind, das von ihm zu lernen hatte.
      "Fürchte nicht die Finsternis. Akzeptiere sie und sei, was in ihr auf deine Feinde lauert. Angst ist eine Waffe, Halvar. Nutze sie zu deinem Vorteil."


    • Boom!
      Der Schreibwettbewerb ist beendet und ... es gibt eine Gewinnergeschichte

      Gewonnen hat mit 6 von 9 Stimmen (67%)...



      Herzlichen Glückwunsch! Du darfst dich über zwei Monate Usertitel sowie einen Eintrag in der Halle des Ruhms freuen
      Zudem darfst du dir das Thema für den nächsten Wettbewerb aussuchen

      Die Autoren wurden ihren Geschichten nun hinzugefügt, also könnt ihr nachschauen, wer welche geschrieben hat
      Feedback dürft ihr natürlich auch gerne geben (einfach hier im Thread)

      Danke an alle Teilnehmer für die schönen Geschichten und bis zum nächsten Mal!

      LG Chaos
      "Fürchte nicht die Finsternis. Akzeptiere sie und sei, was in ihr auf deine Feinde lauert. Angst ist eine Waffe, Halvar. Nutze sie zu deinem Vorteil."


    • Na denn mal Glückwunsch an den, meiner Meinung nach, verdienten Sieger @bigbadwolf ! :nummer1:
      Paol war letzten Endes ja auch mein Favorit gewesen.

      Auch die anderen beiden Geschichten waren natürlich interessant zu lesen, wenngleich ich hier leider auch einige Kritikpunkte vorgefunden habe, weshalb es nicht zum obersten Treppchen gereicht hat.

      Und auch dieses Mal hab' ich mit meinen Autoren-Predictions völlig daneben gelegen, war ich mir doch z.B. sehr sicher, dass @Xarrot in der Trollküche seine Finger im Spiel hatte. Wie auch immer ich darauf gekommen sein mag :D

      Oh, und ehe ich es vergesse: Lieben Dank @Tom Stark für deinen Vote, welcher auch zum Erreichen meines Minimalzieles führte :love: ;)

      LG
      Rika
    • Hab ich's doch gewusst, dass ich den Style kenne, auch wenn Xarrot natürlich auch möglich gewesen wäre.
      Gratuliere zum klaren Sieg.

      Bin sehr gespannt, welches Thema Du als *packt den Michael Buffer aus* undisputed shortstory champion of the moooooooonth
      uns für den nächsten Monat vorgibst.
      -------------------
      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Tom Stark ()

    • Jo, besten Dank an alle Gratulanten!
      Ich empfand die Wahlbeteiligung als etwas gering, aber (Ist ja gut, @Chaos Rising!) ich hab mich dazu ja bereits geäußert.

      Ich fand es interessant, bei der Auflösung Namen zu sehen, die ich teils noch nie hier gelesen habe.
      Und ja, mir war klar, dass einige Leute hier an @Xarrot denken werden. ^^

      So, neues Thema. Neues... Thema, hm...
      Sick nature.
    • Meinen herzlichen Glückwunsch @bigbadwolf

      Auch den anderen Teilnehmern vielen Dank für die tollen Geschichten!



      Irgendwie hab ich vergessen abzustimmen. Sorry!
      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz