Leif Baldurson: Midgard in Gefahr [Status: Kapitel 6]

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    • Leif Baldurson: Midgard in Gefahr [Status: Kapitel 6]

      Hey, ihr Lieben :)

      Dies hier ist mein erster Versuch einer Geschichte der Urban Fantasy, die sich dazu mit der nordischcen Mythologie auseinandersetzt. Ich hoffe es gefällt euch :)
      Hier das komplette erste Kapitel:


      Leif Baldurson: Midgard in Gefahr


      So lässt Heimdall das Gjallarhorn erschallen
      und es tönt durch alle neun Welten.
      Es ruft Dich und es bedeutet bloß eins: Gefahr.




      Erstes Kapitel: Anfall

      Verträumt blickte Leif aus dem Fenster und beobachtete die letzten Blätter, wie sie langsam aber stetig gen nasser Erde segelten und eine Schneise durch die morgendliche Luft schnitten, die noch Nebel und Tau verhangen war. Um sich herum hatte er alles vergessen – das passierte ihm oft … zu oft.
      „Mr. Leif Miller. Störe ich Sie bei etwas?“, riss ihn die Stimme der Geschichtslehrerin Mrs. Baltrow zurück in den Alltag der ersten Unterrichtsstunde dieses grauen Herbsttages.
      „Ähm… Nein, Ma‘am, Verzeihung“, stotterte Leif, fuhr sich nervös durch die hellblonden, fast weiß scheinenden Haare und versuchte durch hektische Blicke auf die Tafel, herauszufinden, was gerade Thema war.
      „Kannst du wiederholen, was ich soeben gesagt habe?“, die ältere Frau, mit den zotteligen, grauen Haaren und dem bösen, eiskalten Blick starrte ihn an, die Arme auf die Rückenlehne ihres Stuhls gestützt.
      Herumdrucksend blätterte der 16jährige in dem vor ihm liegenden Geschichtsbuch. Natürlich verriet es ihm auch nicht die Antwort auf die Frage der Lehrerin. Vor seinen klaren, hellblauen Augen flogen sie vorbei, Hieroglyphen, Schriften in Sütterlin, Hakenkreuze, ein Foto der Unabhängigkeitserklärung, Runen… Runen. Auf der Seite waren sie letzte Stunde gewesen – das war die Antwort!
      „Wikinger…?“, stotterte er.
      „Wikinger?“, ein kaltes Lächeln umspielte die dünnen Lippen der Lehrerin, bevor sie den Sarkasmus, für den sie unter den Schülern so bekannt und berüchtigt war, ein weiteres Mal zur Schau stellte: „Herzlichen Glückwunsch, Leif. Du hast das Thema entdeckt, das wir bereits die letzten 2 Wochen behandelt haben“, ihr Gesichtsausdruck fror wieder ein, „du kommst nach der Stunde bitte zu mir, junger Mann.“
      Die Klasse kicherte; es war nicht selten, das Leif vorgeführt wurde. Er war nicht dumm – im Gegenteil – aber folgen konnte er dem Unterricht trotzdem meistens nicht. Mrs. Baltrow wandte sich wieder von ihm ab und fuhr im Stoff fort.
      Links von dem blassen Jungen, der die kalte Jahreszeit sehr viel mehr mochte als den Sommer, saß seine beste Freundin Hilly. Sie hatte dunkelbraune Haare und einen entsprechend dunkleren Teint. Sie stieß Leif an und flüsterte lächelnd: „Die Entdeckung Amerikas durch die Wikinger.“
      „Danke“, er lächelte zurück und hatte darauf einen dieser Geistesblitze, die er schon immer wie aus dem nichts hatte – und denen er nicht widerstehen konnte.
      So unterbrach er den monotonen Redefluss der Lehrerin und sagte bloß: „Leif Eriksson“. Mrs. Baltrow verstummte. „Was?“
      „Leif Eriksson. Das ist der Name des Wikingers, der von Island kam und Amerika entdeckte. Man geht davon aus, dass er in Neufundland das erste Mal den Boden betrat. Bjarni Herjolfsson jedoch hat einige Jahre vorher bereits Amerika entdeckt, als er eigentlich nach Grönland suchte – angeblich.“
      Die Klasse war verstummt und auch die alte Frau starrte ihn an: „Nur weil du jetzt etwas vorweggenommen hast und somit Vorwissen bewiesen hast, rettet das nicht deine Mitarbeitsnote, Leif. Gib nicht an.“
      Was zum…, dachte er, Wer gibt denn hier an?Und warf einen Blick auf Peter Oakland, der immer noch die Trophäe vom Geschichtswettkampf im letzten Schuljahr auf seinem Tisch stehen hatte.
      Leif hatte keinen Bock auf diese ganzen Idioten hier. Er klappte das Geschichtsbuch vor sich zu und sein Blick wanderte wieder aus dem Fenster in den Hof. Es hatte angefangen zu regnen.

      Vielleicht waren 20 Minuten vergangen, vielleicht auch nur 5. Der für sein Alter kleine, aber breit gebaute Junge wusste es nicht. In seinen Tagträumen gab es keine Zeit, nur die Blätter – so klein und vergänglich. Die Schulklingel ertönte auf ihre typische, blecherne Art und Weise und die Mitschüler des Jungen sprangen auf und stürzten sich aus dem Raum in die Pause. Mrs. Baltrow rief noch etwas in den Raum, was die Hausaufgabe sein sollte, aber es hörte niemand wirklich zu.
      „Ich warte draußen auf dich“, sagte Hilly, bevor sie aufstand , den Raum verließ und Leif so daran erinnerte, dass er zu einem persönlichen Gespräch gebeten wurde. Er stand auf, ließ missmutig das Buch in seine Tasche rutschen und schlurfte zu dem Pult, an dem die Lehrerin saß und irgendetwas in ihr Kursheft eintrug. Als er vor ihr stand warf er einen Blick darauf, er konnte seinen Namen lesen – oder vielleicht war es auch nur der des Leif Eriksson.
      „Sie wollten mich sprechen?“, sagte er so höflich wie möglich. Dass er auch gut auf das Gespräch hätte verzichten können, konnte man trotzdem heraushören.
      Mrs. Baltrow hielt inne und blickte zu ihm auf. Ihre kalten Augen verrieten ihm absolut nicht, was ihr Anliegen war. Doch Leif war sich dessen bewusst, dass es nicht erfreulich war.
      „Aber ja“, knurrte sie, „ich hoffe, du weißt, dass dein Verhalten nicht in Ordnung war. Und das war nicht das erste Mal“, der Junge sah die Standpauke auf sich zu rollen und konnte nichts dagegen unternehmen, die Frau blühte jetzt erst richtig auf, „in keiner Stunde – nie! – passt du auf oder folgst dem Unterricht. Du starrst immer nur aus dem Fenster oder vor dich her, du beteiligst dich kaum und du bist rebellisch. Ich brauche deine Widerworte nicht, denn wenn du doch mal was sagst, dann störst du den Unterricht. Ich möchte dich darum bitten, pass im Unterricht auf! Sonst wird das nichts mit dem College – egal, was du mir in den Klausuren unter die Nase legst. Ist das klar?“
      Leif wusste, dass Widerworte nichts bringen würden, genauso wenig wie, sie darauf hinzuweisen, dass das von ihr angedrohte Verhalten widerrechtlich sei.
      „War‘s das?“, fragte er störrisch.
      „Geh.“
      Der Junge warf sich den Rucksack auf eine Schulter und ging Richtung Tür.
      „Ach, und Leif“, er blieb stehen und drehte sich um, „ich kann aus meinem Fenster sehen, wenn ihr euch wieder in dem Innenhof verzieht um Zigaretten zu rauchen. Unterlasst dies!“
      Ohne ein Wort verließ er den Klassenraum. Draußen auf dem Flur, angelehnt an einen blauen Spind, stand wie versprochen Hilly. Sie grinste ihn an: „Na, wurdest du zur Schnecke gemacht?“
      Er lachte. „Ja klar! Sieht du mich nicht kriechen? Ich glaube ich zerfresse der Alten ihren ganzen Salat als Rache.“
      Sie lachten beide und gingen zu ihren Spinden, die nebeneinander standen. Sie verstauten ihre Geschichtssachen.
      „Was denkst du, noch Lust auf `ne Kippe?“, fragte Hilly.
      „Aber sowas von! Nach der Scheiße gerade brauche ich die so sehr wie die Priester ihre Messdiener“, er lachte. Und überspielte damit, dass ihm gerade überhaupt nicht wohl war. Um ihn herum drehte sich alles, er stützte sich an seinen Spind. Und da sah er es wieder vor seinen Augen – er konnte es nicht richtig erkennen, dafür war es zu unscharf, aber es musste irgendeine nordische Rune sein. Eine Rune, schon wieder. Leif hatte das Gefühl, die Dinger würden ihn verfolgen, egal wo er war.
      Seine leiblichen Eltern hatten ihm diesen Namen gegeben, anscheinend mochten sie die ganze skandinavische und nordische Kultur so sehr – vielleicht kamen sie ja selber aus Schweden oder Norwegen, das würde seine Haar- und Hautfarbe erklären. Aber das waren nur Spekulationen, Leif hatte seine leiblichen Eltern nie kennen gelernt.
      Er rieb sich die Augen, schloss sie, öffnete sie, schloss sie. Plötzlich durchzog ein stechender Schmerz seinen Nacken, er griff sich dort hin und fuhr sich über die dicke Narbe, die er dort hatte. Er wusste nicht, woher sie kam, er hatte sie wohl schon immer, zumindest kannten seine Zieheltern ihn nicht ohne, und bei denen war er, seit er noch ein Baby war.
      „Leif, alles okay?“, hörte er Hilly fragen, doch es klang, als würde sich eine dicke Wand aus Watte zwischen ihnen befinden. Der Schmerz und die verschwommene Sicht verursachten ein Stechen in seinem Kopf und ein lautes Pfeifen in seinem Ohr, das sich wie ein Wurm durch seinen Gehörgang wand.
      Von einer Sekunde auf die nächste waren sowohl die Rune, als auch das Dröhnen und der Schmerz in der Narbe wie weggeblasen. Leif fand sich vor, wie er mit einem Arm abgestützt an den Spinden lehnte und mit nach unten gebeugtem Rumpf keuchend nach Atem rang. Nur in seinem Kopf hallte noch das Pfeifen nach.
      Was zum Teufel war das?
      Hilly wiederholte ihre Frage. Sie stand nervös und mit besorgtem Blick vor ihm und strich ihm zur Beruhigung über den Oberarm.
      „Ja… ja“, keuchte der Junge, „alles gut.“ Er blickte sich um, in der Hoffnung, wie immer von den Mitschülern um sich herum nicht beachtet worden zu sein. Seine Hoffnung wurde nicht erfüllt: Es hatte sich eine Traube um ihn herum gebildet und alle starrten sie ihn an. So eine Scheiße!
      Eine Schülerin aus einer unteren Stufe löste sich aus der Traube und fragte hilfsbereit: „Ist alles gut bei dir? Sollen wir `nen Lehrer holen?“
      „Nein bloß nicht! Bei mir ist alles super, habe heute nur zu wenig gegessen bisher, es geht schon wieder.“ Er hatte nicht nicht zu wenig gegessen, sein Frühstück war heute wie jeden Schultag ausgefallen: eine große Schüssel Porridge und dazu einen Kaffee, schwarz und mit Zucker.
      Unter den Blicken der dutzenden Schüler um ihn herum hob Leif seinen heruntergefallenen Rucksack auf, schob sich eine vor die Stirn gefallene Strähne wieder zurück in die Frisur. Er nahm Hilly, die immer noch neben ihm stand, sich aber nicht an den Blicken der anderen zu stören schien, behutsam am Unterarm, um ihr zu bedeuten, dass sie mitkommen sollte, während er sich jetzt einen Weg durch den Auflauf bahnte.
      Er flüsterte ihr zu: „Ich muss hier weg. Jetzt brauch ich erst recht eine Kippe.“

      Kurz darauf standen die beiden in dem kleinen Innenhof, der durch eine Gittertür abgegrenzt war, die allerdings – das hatten Leif und Hilly herausgefunden – nie abgeschlossen war. Die einzigen Personen, die diesen Ort betraten, waren der Hausmeister und die Reinigungskräfte, wenn sie an die hier herumstehenden Mülltonnen mussten, und die beiden Jugendlichen.
      Die Luft war nicht sehr angenehm, es stank nach Abfällen jeglicher Art und Fliegen und andere beflügelte Nervensägen summten durch die Luft und fühlten sich wie im Paradies. Es war nicht die beste Gesellschaft, die sich Leif vorstellen konnte, aber es war allemal besser als nervige Lehrer, die sich in der Machtposition fühlten, ihnen das Rauchen zu verbieten, oder idiotische Mitschüler, die sich für etwas besseres hielten und sie missmutig anstarrten.
      Der 16jährige nahm einen tiefen Zug aus der billigen Zigarette, die er sich mit seiner besten Freundin teilte. Nach dem ganzen Stress gerade war das pure Erholung. Er war direkt wieder fröhlicher. Trotzdem ließ ihm die Ungewissheit keine Ruhe: Was war das? Dass seine Narbe so schmerzte war in der letzten Zeit schon öfter vorgekommen. In diesem Zuge fragte er sich wieder, woher er die Narbe hatte, die hell und dick in seinem Nacken prangte und einige Zentimeter neben der Wirbelsäule bis zwischen die Schulterblätter in die eine und bis über den Haaransatz hinaus in die andere Richtung lief.
      Sein Ziehvater Walter war Historiker und er hatte einst gesagt, die Narbe sähe aus, als wäre sie durch einen Schwerthieb verursacht worden und dann schlecht verheilt, wie es im Mittelalter beinahe üblich war. Aber wer sollte Ende der 90er Jahre einem Säugling einen Schwertstreich über den oberen Rücken ziehen? Es musste also etwas anderes gewesen sein. Aber bei einem Kind, das man auf der Straße fand, und von dem man nichts außer den Vornamen und das Geburtsdatum, was auf einem Zettel stand, wusste, war es unmöglich, Näheres über eine derartige Verletzung in Erfahrung zu bringen.
      Mit der Zeit hatte sich Leif mit der fehlenden Kenntnis über diese Narbe abgefunden, aber dass sie sich seit längerem ab und an zu Wort meldete missfiel ihm.
      Neu war allerdings, dass sich zu den Schmerzen so ein Schwindsuchtsanfall hinzugesellte. Und dann war da noch dieses komische Zeichen, das er für eine Rune hielt. Wieso sah er so etwas vor dem inneren Auge? Das ergab doch keinen Sinn; außer seinem Namen verband ihn nichts mit den Wikingern, außer dass er das eine oder andere durch seinen Ziehvater über sie gelernt und nicht wieder vergessen hatte. Also wieso sah er das Zeichen? Er hatte es nicht gut genug erkennen können um Recherchen darüber anstellen zu können.
      In diesen Gedanken nahm er noch einen weiteren Zug und hielt Hilly dann die Zigarette hin. Diese nahm sie entgegen, einen Zug und fragte ihn dann: „Du Leif?“
      „Ja?“, sie hatte ihn aus seinen Gedanken gerissen.
      „Was war das gerade?“
      „Ich … ich weiß es nicht. Mir wurde schwindelig; und meine Narbe tat weh wie Hölle.“
      Das Mädchen sah ihn besorgt an. „War da sonst noch was?“, fragte sie ihn auf die für sie typische ruhige, mitfühlende Art.
      „Nun ja“, Leif vertraute ihr ausnahmslos, „ich hab da was gesehen – ich weiß nicht, was das war. Es war vor meinem Auge, aber es war verschwommen. Wenn du mich fragst, dann sah es aus wie irgendeine Rune oder so.“
      „Eine Rune?“, Hilly nahm noch einen Zug und reichte den Rest an Leif zurück.
      „Ja, kenne mich da ja nicht aus, aber es war eher eine Rune als eine Hieroglyphe oder so. Also irgendetwas Nordisches… aber ich habe damit doch nichts zu tun“, er lehnte sich an einer Stelle der Hauswand an, die er für ausreichend sauber befand.
      „Und dein Name?“, fragte Hilly. Ihr Tonfall ähnelte etwas dem eines Nachhilfelehrers der seinen Schüler mit gezielten Fragen auf den richtigen Lösungsweg schicken will.
      „Mein Name? Da hatten zwei Leute Spaß daran, ihrem Kind einen völlig veralteten und auffälligen Namen zu geben, anstatt sich für was Normales zu entscheiden. Ja, er ist nordisch, aber das war es dann auch.“
      „Ich glaube nicht an Zufälle“, meinte Hilly während sie sich durch die braunen Haare fuhr.
      „Und ich glaube gar nicht“, kommentierte Leif.
      Er zog an der Zigarette, warf dann den Stummel auf den Boden und trat ihn aus.
      „Achso“, fiel ihm ein, „die Baltrow weiß übrigens, dass wir hier rauchen.“
      „Was? Echt?“, sie war erstaunt, „dabei war das so ein gutes Versteck! Meinst du wir sollten uns ein anderes suchen?“
      „Naja, was will die schon machen – ist mir eigentlich ziemlich egal.“
      Hilly wusste, dass Leif sehr trotzig sein konnte. Deswegen sparte sie sich wohl jeglichen Kommentar. Die Beiden standen noch ein wenig in dem Hof herum, ohne ein Gesprächsthema zu haben. Hilly wischte sich ziellos durch irgendein soziales Netzwerk und Leif versank wieder in Gedanken.
      Wenige Minuten später klingelte es zum Pausenende.

      Die nächsten Unterrichtsstunden vergingen ereignislos. Wie immer folgte der Junge dem Unterricht nur sehr sporadisch. Er starrte in die Leere und dachte wieder nach. Warum habe ich das? Was ist das? Bin ich krank? Ist das `ne Krankheit? Oder was soll der ganze Scheiß? Wenn ich nicht krank bin, was ist das dann? Vielleicht erblinde ich gerade oder so. Kann das sein? Das kann doch sein! Nein, Quatsch, Leif, du Idiot!
      Er folgte weder der Mathematik- noch der Englischstunde. Es interessierte ihn eh nicht und mit diesen Gedanken im Kopf fühlte er sich auch gar nicht in der Lage dazu, diesen Menschen, die dort vorne standen und irgendeinen Blödsinn erzählten, zuzuhören.
      Es war die letzte Unterrichtsstunde. Der Regen, der sich pünktlich zur ersten Pause selber eine Auszeit gegönnt hatte, fiel seit dem unerlässlich und machte keinen Anschein, in der nächsten Zeit damit aufzuhören. Genauso fielen die herbstbraunen Blätter. Leif mochte dieses Wetter. Am liebsten stand er dann zuhause, eingehüllt in einen dicken Hoodie, vor dem Fenster, blickte aus dem Fenster, beobachtete die Welt und hörte dabei seine liebste Musik, Death Metal.
      Die Natur beobachten konnte er aus seinem Zimmer zuhause sehr gut, denn seine Eltern – nein, seine Zieheltern, verdienten gut und hatten ein großes Haus mit einem ausgedehnten Park als Garten. Und auf diesen zeigte sein Fenster. So dröhnte im Herbst oft eine Double-Bass Drum und ein dazu grölender Mittvierziger mit Vollbart durch seine teure Musikanlage während der erfrischende Geruch von Regen und Unwetter durch das leicht geöffnete Fenster drang.
      Aber das ging jetzt nicht. Nein, Leif saß in diesem stickigen Klassenraum und starrte sehnsüchtig aus dem Fenster.
      Sein Blick wanderte über die Bäume, die den Schulhof säumten, über das Laub und fiel mit den Regentropfen in Richtung des Hoftors. Und dann sah er sie: Zwei Männer, groß und dünn, in schwarze, lange Mäntel gehüllt, die Krägen hochgekrempelt und Hüte tief ins Gesicht gezogen. Die Gesichter konnte er nicht erkennen.
      Was sind das für Freaks?, fragte er sich.
      Er starrte einige Zeit in ihre Richtung bis ihm auffiel, dass sie auch in seine Richtung sahen. Be- beobachten die mich? Den Gedanken verwarf er schnell wieder.
      Aber doch! Jetzt zeigte der eine in seine Richtung und sagte etwas zu dem anderen. Die meinen mich!
      Nervös warf er einen Blick auf die Uhr, die über der Tafel hing, es war halb vier nachmittags. Dann schaute er wieder hinaus in die Richtung der Männer – doch sie waren wie vom Erdboden verschluckt. Was eine sonderbare Situation, die ein komisches Gefühl in ihm zurückließ.


      LG
      Euer Thráin


      Am Ende der Zeiten werden wir streiten
      mit Feuer, Eis und mit Blut
      Wenn Welten verbrennen und Götter vergeh'n
      stirbt mit uns der Hass und die Wut.



      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Thráin ()

    • Feron schrieb:

      Ich finde die Dialoge unheimlich gelungen. Die klingen sehr natürlich und locker.
      Finde ich auch^^
      Bis auf das eine, wo du: saß seine beste Freunde Hilly, geschrieben hast. Hätte ich nichts zu meckern :)

      Bin gespannt, wie es weitergeht.
      Auch, weil ich mich für die Mythologie interessiere.
      Bei den Männern, dachte ich zuerst an Man in black^^
      -Ándoh ré sá deríon. Die Seele ist im Wasser.-

      -Hör die Worte, hör mein flehen, musst mich heute wieder sehn. Überquere die große Schwelle,
      komm zurück an diese Stelle.-

      ~Sarahs Geschreibsel~
      ~Magie~
    • Hey, ihr Lieben :)
      Ich habe tatsächlich noch das zweite Kapitel für euch, auch wenn es etwas kürzer geraten ist als das erste :D



      Zweites Kapitel: Traum

      Eine Stunde später sprintete Leif von der Bushaltestelle in seiner Straße durch den strömenden Regen zu sich nach Hause. Dort angekommen gestaltete sich der Rest des Tages wenig spannend.
      Der sportliche Junge lebte mit seinen Zieheltern Walter und Louise und deren leiblichem Sohn Sean, der gerade 13 Jahre alt geworden war, zusammen in dem großen Haus am Rande der Stadt. Walter arbeitete als Geschichtsprofessor und Louise war Versicherungsberaterin, aber aktuell arbeitete sie wegen ihrer Schwangerschaft nicht. In einigen Wochen sollte ein kleines Mädchen die Familie erweitern. Leif freute sich mindestens so wie die anderen drei. Er war ein Familienmensch, auch wenn er seine Zieheltern meist beim Vornamen und nicht „Mom“ oder „Dad“ nannte. Dies rechtfertigte er mit der „Macht der Gewohnheit“. Trotzdem liebte er die beiden so sehr, wie man Eltern lieben konnte – er konnte Zuneigung nur nicht immer gut zeigen. So zankte er sich auch oft mit Sean, aber auch den hatte er in sein Herz geschlossen – „Familie halt“.
      Seit Louise schwanger war, half er viel mehr im Haushalt mit, er kochte, machte den Abwasch und forderte seinen „Quasi-Bruder“ dazu auf, ebenfalls behilflich zu sein, denn schließlich war Walt den ganzen Tag in der Uni – es gab Tage, da kam er erst sehr spät abends heim. So einer sollte es auch heute sein.
      So hatte Leif, als er zuhause angekommen war, bloß seinen Rucksack auf sein Zimmer gebracht, sich dort schnell in gemütliche Jogginghosen geworfen und sich dann in die Küche gestellt. Durch die Durchreiche hörte er, wie Louise mit ihrer Mutter telefonierte. Dann hatte er Sean aus dessen Zimmer mit in die Küche genommen und zusammen bereiteten sie das Abendessen vor.
      Später aßen sie zu dritt und erzählten, wie ihr Tag jeweils war. Leif verschwieg sowohl das Gespräch mit Mrs. Baltrow als auch den Anfall vor seinem Spind sowie die sonderbaren Männer in schwarz – auch wenn er viel darüber nachdenken musste. Würde er Louise erzählen, dass er heimlich rauchte, würde er Ärger mit ihr und Walter bekommen, also war es ganz normal für ihn, auch das nicht zu erwähnen.
      Sean ging auf die Junior High, die direkt neben der Senior High stand, auf die Leif ging. Er erzählte, dass er mit irgendeinem Mitschüler gestritten hatte, warum hatte der 16jährige nicht verstanden. Streitigkeiten gab es immer mal, das war ja nichts schlimmes. Auch Louise sagte, Sean solle ihr erzählen, wenn das nochmal passieren sollte, dann würde sie sich mit der Mutter des anderen auseinander setzen. Sie war sehr diplomatisch und von ruhiger Natur, genau wie ihr Ehemann. Sean war da aufbrausender, was wohl an seinem Alter lag. Auch Leif schaffte es nicht, so besonnen zu sein wie seine Zieheltern, dies rechtfertigte er immer mit der ihm fehlenden Lebenserfahrung, über die die beiden bereits verfügten.
      Wie üblich warfen er und Sean nach dem Essen eine Münze, wer den Tisch abzuräumen hatte – der ältere freute sich über das Ergebnis. So hatte er noch die Zeit, für ein kurzes Auspowern in dem Trainingsraum, der sich im Keller des Hauses befand, zu verschwinden und einmal alle Emotionen herauszulassen, die sich den Tag über angestaut hatten.
      Nach dem Duschen setzte er sich noch zu seinen Eltern vor den Fernseher, denn Walter war inzwischen zuhause angekommen. Die beiden schauten irgendeinen Fernsehbericht über Drogenverbrechen in El Paso. Das interessierte Leif nicht, so zückte er sein Smartphone und schrieb noch ein wenig mit Hilly per Text-Messenger bevor er in sein Zimmer ging und dort auf seinem Fernseher noch eine Episode einer Sitcom zum Einschlafen begann. Morgen sollte die erste Unterrichtsstunde ausfallen, so musste er nicht so früh schlafen.
      Aber wenig später schaltete er auch das TV-Gerät aus und legte sich erschöpft von diesem ereignisreichen Tag ins Bett. Schnell wurde er vom Schlaf übermannt, der jedoch nicht sehr erholsam sein sollte.

      Leif träumte.
      Er wusste, dass er träumte, aber es fühlte sich ungewohnt real an.
      Er stand allein und nur in Boxershorts, so wie er immer schlief, auf einem schnee- und eisbedeckten Gipfel. Um ihn herum nur Berge, die ebenfalls komplett in einem weißen Schleier lagen. Er fror wie er noch nie gefroren hatte.
      Hier oben war nichts und niemand außer Schnee und Fels.
      „Hallo?“, rief Leif, „Hallo? Ist da jemand?“
      Als Antwort bekam er nichts außer seinem eigenen Echo. Verdammte Scheiße, was ist denn das hier?, fluchte er, warum kann ich nach so einem bescheuerten Tag nicht einfach nur meine Ruhe haben? Warum muss ich jetzt noch so einen Schwachsinn träumen?
      Ein Zeitraum verstrich, der sich wie viele Minuten anfühlte. Leif versuchte, durch den fast kniehohen Schnee zu waten, um sich ein wenig umzusehen. Er kam nur schwer voran und Kälte zog ihm durch die Beine bis in den Rumpf… eine unglaubliche Kälte.
      Nichts. Hier war nichts – weit und breit.
      „Hallo!“, brüllte er, „so eine Scheiße!“ Wie komme ich hier wieder weg?
      Der Junge hätte sich hingesetzt, wenn nicht überall diese Unmengen an Schnee gewesen wären. Was mach ich denn jetzt?
      Plötzlich begann der Boden zu vibrieren, erst schwach, aber dann wurde es immer stärker. „Was zum – ?“
      Das Beben wurde stärker und stärker bis es auf einmal wieder verstummte. Von einer Sekunde auf die nächste war alles wie vorher. Im nächsten Moment riss die Wolkendecke auf und ein tiefblauer Himmel kam zum Vorschein. So einen hellen Himmel hatte Leif noch nie im Leben gesehen. Wo bin ich, verdammt?
      Als würde es durch das Wolkentor endlich zu ihm reichen, drang ein tiefes Dröhnen an sein Ohr. Es war leise, wurde aber stetig lauter. Leif versuchte, das Geräusch etwas zuzuordnen, aber er wusste keinen Vergleich. Es klang wie eine durchgängige und gleichbleibende Version eines Schiffhorns oder wie ein … mittelalterliches Rufhorn.
      Es wurde lauter und lauter … und lauter bis der Junge dachte, ihm würden gleich die Trommelfelle platzen. Verwundert drehte er sich um sich selbst um die Quelle des Tons zu finden, aber das Geräusch schien tatsächlich von oben zu kommen.
      Aber auch diese Sache verschwand wie vom Erdboden verschluckt. Unmittelbar danach hörte er eine tiefe, dröhnende Stimme in seinem Kopf, die so mächtig klang wie nichts, was es auf der Welt geben konnte.
      Die Stimme schien zu wabern und irgendeinen Kauderwelsch von sich zu geben. Mit der Zeit hatte Leif das Gefühl, sie würde Worte formen, Worte, die er verstand.
      „Das Gjallarhorn tönte als Signal. Sieh dich vor, Blut wird vergossen und Midgard schwebt in einem See daraus. Deine Welt wird brennen, wenn du nichts tust. Dunkle Schatten werden sich erheben und Mond und Sonne fressen. Du wirst gebraucht. Der Bifröst wird brechen, nutze ihn, solange du noch kannst. Neun Welten, und deine stirbt.“
      Und wieder Stille. Die Stimme war weg – das Dröhnen war weg.
      Leifs Puls ging so schnell wie selten. Der Junge war völlig ratlos, was das war, was er tun sollte. Aber ein unangenehmes Gefühl füllte ihn aus. Er wollte nach der Stimme rufen, fragen wer das ist, wo er ist – aber er konnte nicht. Seine Zunge fühlte sich an, wie an den Gaumen geschweißt.
      Er bekam Kopfschmerzen, schreckliche Kopfschmerzen. Er griff sich an den Kopf, verkrampfte sich, warf seinen Oberkörper hin und her und schrie. Er schrie, wie er noch nie geschrien hatte.
      Aus dem Schmerz formten sich zwei Wörter, die er erst nicht filtern konnte, doch dann verstand er: „Sieh herunter.“
      Wie ferngesteuert folgte er der Aufforderung und sah in den Schnee vor sich. Und tatsächlich: da lag etwas. Verwundert kniff er die Augen zusammen in dem Versuch, zu erkennen, was es war. Er streckte die zitternden, tauben Finger aus, um danach zu greifen. Er nahm es zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt es sich vor sein Auge. Verwundert beäugte er den Gegenstand.
      Es war ein milchiger, weiß schimmernder, eiförmiger und salzsteinartiger Edelstein mit einem Durchmesser von etwa vier Zentimetern.
      „Was zum…?“
      Das Innere des Steins schien zu glimmen. Obwohl der Stein im Schnee gelegen hatte, fühlte er sich nicht kalt an – im Gegenteil: es schien eher so, als ginge eine sonderbare Wärme von ihm aus. Leif betrachtete ihn weiter, wendete ihn in seinen Händen, fuhr die glatten Seiten entlang und bewunderte den Stein. Er fühlte sich fast seidig an… ein kleiner, glatter, seidiger Stein. Es schien fast so, als sei er nicht von dieser Welt.
      „Was bist du?“, flüsterte er dem Stein zu.
      Und dann wurde alles schwarz.

      Schweißgebadet wachte Leif auf. Sein Atem rannte mit seinem Puls um die Wette. Er lag in seinem Bett, die Bettdecke daneben.
      „Was bitte war das?“, er keuchte. Er schwitzte und fror zu gleich. Um sich wieder orientieren zu können, setzte sich der Junge auf und warf einen Blick auf seinen Wecker. Halb vier nachts.
      In seinem Kopf schwirrten hunderte Fragen. War das nur ein blöder Traum? Hatte das was mit der Rune zu tun? Oder mit den Typen auf dem Schulhof? Oder seiner schmerzenden Narbe? Was war das für ein sonderbarer Traum gewesen – erst dieses Beben, das Geräusch, die Stimme und dann dieser Kopfschmerz, von dem Leif nun nichts mehr spürte. Und nicht zu vergessen dieser Stein, der so sonderbar ausgesehen hatte.
      Luft. Er brauchte Frischluft, er fühlte sich wie gefangen zwischen den Wänden. Er musste das Fenster öffnen.
      Der Junge schwang die Beine aus dem Bett und dann fühlte er es: er hatte etwas in seiner linken Hand. Er öffnete sie und sah … den Stein. Er erschrak und ließ ihn aus Reflex fallen. Der Stein stürzte auf den Teppichboden und schimmerte dort schwach gelblich vor sich. „Was zur Hölle bist du?“ Viel mehr wunderte er sich über die Tatsache, dass ein Gegenstand, der in seinem Traum vorkam, nun vor seinen Füßen lag.
      Er tat einen großen Schritt über den Stein, wollte ihn nicht anstoßen, aus Angst, dass dann etwas passierte. Schnell öffnete er das Fenster – es regnete immer noch. Das freute ihn, er liebte den Duft von Regen.
      Er tat wieder die wenigen Schritte zurück und hockte sich zu dem Stein, um ihn neugierig zu betrachten. Warum hab ich von dir geträumt? Und warum bist auf einmal echt?
      War der Stein gefährlich? Oder träumte der Teenager einfach immer noch? Der vergangene Tag war so sonderbar und hatte so viele Fragen aufgeworfen – vielleicht war das der Versuch seines Unterbewusstseins, diese Ereignisse zu verarbeiten. Genau! Vielleicht musste Leif sich jetzt einfach nur hinlegen und einschlafen, und dann würde er morgen aufwachen, der Stein wäre fort und alles wäre wieder in Ordnung.
      Leif legte den Stein in die oberste Schublade seines Nachttisches und legte sich ins Bett. Er schloss die Augen, doch er konnte nicht schlafen. Nicht nur der Stein, sondern auch die anderen Ereignisse des Tages sowie der gesamte Traum beschäftigten ihn sehr. Jetzt musste er an die Stimme in seinem Kopf denken und über das nachdenken, was sie gesagt hatte. Gjallarhorn? Midgard, dunkle Schatten, die Sonne und Mond fraßen und der Bifröst? Neun Welten? Was hatte es damit auf sich?
      Der Junge dachte noch lange darüber nach. Er warf sich von einer Seite auf die andere, legte sich auf den Bauch, drehte sich zurück auf den Rücken, fuhr sich durch die normalerweise nach hinten gestylten Haare, brachte sie durcheinander, richtete sie wieder so gerade wie es mitten in der Nacht ging.
      Aus dem Park hinter Haus drang das Knacken der Bäume, das Tropfen des Regens auf Blätter und Laub und die Wasseroberfläche des in die Erde eingelassenen Pools. Der Wind pfiff um die Häuserecke und trug ferne Straßengeräusche heran. Irgendwo weit weg erklang ein Martinshorn, wo anders bellte ein Hund.
      Leif sog laut die Luft ein und stieß sie gepresst wieder aus.
      So ein Scheiß, Alter!, dachte er. Er wollte doch nur schlafen! Immer mehr hatte er das Gefühl, doch nicht mehr zu träumen. Egal, vielleicht war der Stein ja morgen früh nach dem Aufwachen trotzdem weg und er hatte ihn sich nur eingebildet. Er öffnete die Schublade – der Stein lag da und glimmte ruhig und gelassen vor sich hin. Irgendwie hatte das etwas beruhigendes. Komisch.
      Er schloss die Schublade wieder und fasste dann den Gedanken, sich ein Glas Milch aus der Küche zu holen. Er verließ sein Zimmer, schlich auf Zehenspitzen den Flur entlang und die Treppen hinunter. Er wollte kein Licht machen und fuhr so mit den Fingern an der Wand und am Treppengeländer entlang und tastete sich langsam vor.
      In der Küche nahm er eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank und ein Glas und begann, sich das Getränk einzugießen. Dabei wanderte sein Blick aus dem Küchenfenster, das zur Straße hinausging. Der Vorgarten war mit einer hüfthohen Mauer vom Fußweg abgetrennt und hatte eine kleine Gartentür vor dem Fußweg zur Haustür und ein größeres Tor vor dem Carport.
      Leif kniff die Augen zusammen, war da etwas? Da stand doch jemand! Vor der Gartentür! Es sah aus wie ein hochgewachsener dünner Mann in langem Mantel und einem Hut auf dem Kopf! Nein, oder? Das kann doch nicht wahr sein! Stand da wirklich einer der Typen, die auch schon vor der Schule gestanden hatten oder sah Leif schon Gespenster? Der Junge musste kurz den Blick abwenden, er wollte die Flasche abstellen.
      Und als er wieder dorthin sah, wo der Mann gestanden und zu dem Haus der Millers herüber gestarrt hatte, war niemand mehr. Mensch, Leif, mit dir gehen schon die Nerven durch. Beruhig dich!
      Und dann sah er, dass auf der Mauer vorm Haus ein Vogel saß – war das ein Rabe? Hatte der gerade schon da gesessen?
      Leif entschloss, schnell die Milch zu trinken und nicht weiter darüber nachzudenken, das würde ihn nur noch verrückter machen. Ganz gelang ihm das Vorhaben nicht, unterbewusst war er doch mit den ganzen Ereignissen beschäftigt.

      Wieder im Zimmer, versuchte er erneut zu schlafen. Auch diesmal ohne Erfolg. Dann griff er sein Smartphone und öffnete ein soziales Netzwerk, gab dem einen Beitrag ein Like, dem anderen ein Dislike. Er verlor die Uhr aus den Augen und irgendwann – ja irgendwann schlief er endlich ein.



      Ich hoffe, es hat euch gefallen :)
      LG
      Thráin


      Am Ende der Zeiten werden wir streiten
      mit Feuer, Eis und mit Blut
      Wenn Welten verbrennen und Götter vergeh'n
      stirbt mit uns der Hass und die Wut.



      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Thráin () aus folgendem Grund: Fehlerkorrektur und Ergänzungen, danke @Sarah.

    • Was für ein komischer und kalter und lauter Traum.
      Der arme Leif^^

      Thráin schrieb:

      So hatte er noch die Zeit, für eine Zeit in dem Trainingsraum, der sich im Keller des Hauses befand, zu verschwinden und sich einmal völlig auszupowern.
      Hier finde ich, das du das Wort "Zeit" einmal zu oft verwendest hast. liest sich nicht schön.

      Thráin schrieb:

      Er nahm es zwischen Daumen und Zeigefinger und es hielt es sich vor sein Auge.
      Sollte es nicht eher heißen: er hielt es sich vor sein Auge?

      Thráin schrieb:

      Um sich wieder orientieren zu können, setzte sich der Junge auf und war einen Blick auf seinen Wecker.
      Du meintest wohl, er warf seinen Blick auf den Wecker.

      Thráin schrieb:

      Er verließ sein Zimmer, schlich auf Zehenspitzen den Flur entlang und die Treppen hinunter.
      Versäumtes Potential. Du hättest etwas über die Küche schreiben können. Das zb. er wieder einen der Männer durch ein Fenster sieht oder so.

      Nur meine Meinung :)
      LG
      -Ándoh ré sá deríon. Die Seele ist im Wasser.-

      -Hör die Worte, hör mein flehen, musst mich heute wieder sehn. Überquere die große Schwelle,
      komm zurück an diese Stelle.-

      ~Sarahs Geschreibsel~
      ~Magie~
    • Neu

      Hey, ja da bin ich wieder :D

      Mit neuer Energie bin ich aus dem Urlaub zurück und es gibt gute Nachrichten: In eben jenem war ichs ehr fleißig und habe die vier Kapitel 3 - 6 geschrieben. Jetzt bin ich auch wieder am Internet und möchte diese mit euch teilen :)

      Drittes Kapitel: Großer Bruder

      Die wenigen Stunden, die Leif geschlafen hatte, waren nicht erholsam. Jetzt stand er unter der Dusche, nachdem Louise ihn zwei Mal nach seinem eigenen Wecker wieder geweckt hatte. Er drehte das Wasser extra kalt um wach zu werden – der Effekt war nicht so stark wie erwünscht.
      Zum Glück fiel die erste Stunde heute aus, so hatte er etwas weniger Stress als üblich. Sean war bereits in der Schule, was für eindeutig mehr Ruhe im Haus sorgte. Ruhe am Morgen war etwas, was Leif sehr schätzte. Er war normalerweise Frühaufsteher, aber nicht gerne: sein Schlafrhythmus hatte sich so an die Schulzeiten angepasst, dass er immer relativ früh aufwachte, egal, wie lange er noch in die Nacht las, Videospiele spielte oder etwas schaute.
      Nur heute fühlte Leif sich wie gerädert – kein Wunder nach so einer Nacht und so einem Vortag.
      Nach der Dusche folgte die übliche Routine: abtrocknen, die Frisur in Form bringen – dabei beäugte er kritisch die Länge der Haare, er müsste mal wieder zum Friseur, aber da hatte er keine Lust drauf, irgendwann würde er sich die Haare nur noch kurz scheren, das ersparte Arbeit –, dann rasierte er sich die Stoppeln aus dem Gesicht, die einem 16jährigen halt wuchsen und zog sich dann an.
      Aus seinem Zimmer holte er sein Handy – schrieb Hilly einen „Guten Morgen“ – und seinen Rucksack. Neugierig öffnete er die oberste Schublade seines Nachtisches – der Stein war noch da. Das kann nicht wahr sein! Er wusste nicht genau, wieso, aber er nahm ihn heraus und ließ ihn in der Hosentasche versinken. Dann ging er die Treppe hinunter. Louise war mit irgendetwas in der Küche beschäftigt.
      „Morgen“, knurrte er und ließ den Rucksack im Flur fallen.
      „Hey, guten Morgen“, sie war gut drauf, „oh, nicht gut geschlafen?“
      „Nee, überhaupt nicht“, er fuhr sich durch das Gesicht, „irgendeinen Scheiß geträumt.“
      „Oh das tut mir leid.“
      „Was machst du denn da?“, Leif stellte sich neben seine Ziehmutter.
      „Na, Frühstück“, sie lächelte.
      „Ach Quatsch, lass das! Ich mach das“, sanft wies er sie auf den Stuhl am kleinen Küchentisch und bereitete dann das Frühstück vor: einen milden Tee und Toast für Louise und Kaffee und Porridge für sich.
      Bei dem kleinen Frühstück erzählte seine Ziehmutter, was sie heute vorhatte und Leif hörte ihr schweigsam zu. Wenigstens musste er nicht reden.
      Etwas später gab er Louise einen schnellen Abschiedskuss auf die Wange und lief zur Bushaltestelle. Der Schulbus fuhr nur zur ersten und letzten Stunde, so musste er einen normalen Linienbus der Stadt nehmen. Deshalb musste er von der Bushaltestelle, an der er aussteigen musste, noch ein paar Minuten zur Schule laufen.
      Der Junge machte die Haustür auf und beim ersten Blick hinaus sah er … einen hageren, in schwarzen Mantel und Hut gehüllten Mann auf der anderen Straßenseite stehen, wie er an einer Mauer lehnte und vermeintlich ziellos in der Gegend herumschaute. Werde ich verrückt? Die verfolgen mich doch! Eine Mischung aus Angst und Wut machte sich in seinem Bauch breit. Wut auf diese Typen, was die denn von ihm wollten und wer sie überhaupt waren. Diese Fragen konnte er sich nicht erklären, aber er wollte unbedingt Antworten. Andererseits hatte Leif ein ungemütliches Gefühl bezüglich dieser Männer, schließlich könnten sie auch gefährlich sein, und als er sie das erste Mal gesehen hatte, waren sie zu zweit; mit einem konnte er es vielleicht aufnehmen, aber auch nur … nur wenn sie nicht bewaffnet waren. Furcht, ja, ein gewisser Funke Furcht war da.
      Er ließ die Tür hinter sich zu fallen und vermied es, den Typen anzusehen. Stattdessen beeilte er sich, zur Bushaltestelle zu gelangen. Dabei versuchte er, herauszufinden, ob der Typ ihm folgte. Das konnte der Teenager aber nicht feststellen.
      Normalerweise hätte er schon längst die Kopfhörer in die Ohren gesteckt und Musik gehört, aber jetzt gerade war ihm das zu unsicher und wollte lieber alle Ohren und Augen offen halten.
      Dann kam auch schon der Bus.

      In diesem fielen Leif fast die Augen zu, doch er hielt sich mit seiner Lieblingsband über Kopfhörer wach. Und dann wanderten seine Gedanken, zurück an alles Geschehene und daran, dass er deshalb so erschöpft war.
      Dann kam die Haltestelle, an der Leif aussteigen musste. Der Fußweg, den er von dieser zu seiner Schule nehmen musste, führte auch an der Schule vorbei, auf die Sean ging.
      Nachdem ihn der Bus aus seinen metallenen, automatisierten Fängen wieder freigegeben hatte, blieb er kurz stehen, packte die Kopfhörer in seine Tasche und schloss die Augen und sog geräuschvoll die Luft ein. Leif hatte keine Lust heute besonders gereizt zu sein. Er atmete ein und er atmete aus. Ein und aus. Ein, aus.
      Danach öffnete er die Augen wieder und zwang sich zu einem kurzen Lächeln. Zeit, für ein paar Stunden zu vergessen, was gestern und heute Nacht war. Bleib cool, Junge, die Leute dadrin wollen dir nur auf die Nerven gehen. Lass ihre Bemühungen keine Früchte tragen, man!
      Dann ging er los Richtung High School und konzentrierte sich dabei auf den Ohrwurm, der von einem der gerade gehörten Songs in seinem Kopf herumspukte.
      Von der Haltestelle führte sein Weg vorbei an dem Hof der Junior High, auf die auch Sean ging. Auf der anderen Straßenseite befand sich ein kleiner Stadtpark, der nach dem ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten benannt war. Hinter den Bäumen konnte man die Rückseite des großen, grauen Kastens aus Beton und Glas erblicken, der ein Einkaufszentrum der Stadt war. Darin befand sich ein Supermarkt, jede Menge kleinerer Geschäfte, eine Fastfood-Filiale neben der anderen und das von Leif und seinem Bruder geliebte Star Cinema.
      Im Park war jetzt sehr wenig los, nur vereinzelte Jogger, mit oder ohne Hund, die nicht zur Arbeit mussten.
      Leif trottete die Straße entlang, er hatte absolut keine Lust auf den heutigen Schultag. Er war müde, geschafft von dem gestrigen Tag und hatte keine Lust, von den Menschen genervt zu werden. Inzwischen hatte sich seine Laune etwas beruhigt. Er war zwar immer noch sehr verwundert und rätselte über die Ereignisse von gestern, aber gerade fühlte er sich einfach ausgelaugt. Gestern wäre die Überforderung fast in Wut umgeschlagen. Diese spürte er gerade zum Glück nicht.
      Vom Schulhof der Junior High drang Lärm zu ihm – es musste gerade Pause sein. Gleich begann die Mauer zu eben jenem Hof. Leif zog sich den Rucksack und die Jacke zurecht und warf einen Blick auf sein Smartphone. Er hatte eine Nachricht von Hilly: „Hey, Blondie!“, manchmal nannte sie ihn Blondie um ihn zu ärgern, Leif mochte das nicht sonderlich, „bist du schon in der Schule? Bei mir verzögert es sich um ein paar Minuten, sollte aber noch vor Beginn der Stunde kommen. Kannst ja auf‘m Hof warten, falls du willst.“
      Der Junge nahm die zweite Hand ans Handy um zu antworten, wobei sich seine Schrittgeschwindigkeit automatisch etwas verringerte. „Hey, ich bin gleich da. Ja, entweder warte ich vor der Schule oder gehe schon zu Mr. Harringtons Klassenraum, haben ja jetzt Englisch“, antwortete er.
      Plötzlich drang Lärm an sein Ohr. Er kam von dem Schulhof der Junior High. Es waren wilde, durcheinandergehende Rufe und aufgebrachtes Grölen, eine Mischung aus Entrüstung und Anfeuern.
      Unweigerlich blickte Leif in die Richtung und blieb stehen. Auf dem Hof befand sich eine Traube aus Schülern, die sich kreisförmig um etwas scharten und die Geräusche von sich gaben. Die Menge wurde immer mehr, weil andere neugierige Schüler dazu kamen, um herauszufinden, was dort vor sich ging. Leif war auch neugierig.
      Dann riss der Kreis an dieser und jener Stelle ein wenig auf und er konnte erkennen, dass sich im Inneren zwei Schüler schlugen. Der 16jährige ärgerte sich schon, dass niemand der Kinder aus der Traube, die etwas jünger waren als er, dazwischen ging, aber selber spürte er gerade nicht so den Drang dazu – eigentlich wollte er nur seine Ruhe haben.
      Er wollte gerade weitergehen, sah noch einmal zu dem Geschehen und dann erkannte er, einer der Jungen war… Sean.
      Bitte was? „Sean!“, rief er aus. Jeder Gedanke an weitergehen war wie weggepustet. Sean würde sich doch nicht mit einem anderen Schüler prügeln! Er kann doch keiner Fliege was zu Leide tun.
      In seinem Bauch kochte Wut hoch – niemand schlug seinen geliebten „Quasi-Bruder“, nein Bruder Sean! Leif lief los in die Richtung der Szene. Dort drängte er sich durch die schaulustige Traube, bahnte sich mit Ellenbogenstößen bestimmt nach vorne.
      Die Schüler um ihn herum gingen in einen Chor über. „Jackson! Jackson! Jackson!“, riefen sie. Leif bekam eine Gänsehaut im Nacken. Nachdem er einen für sein Alter recht großen Jungen mit Rucksack zur Seite schob tat sich vor ihm ein unangenehmes Bild auf: Sean lag mit dem Rücken auf dem Boden, während der andere, der größer und schwerer als er war und offensichtlich Jackson hieß, auf seinem Brustkorb kniete und dem 13jährigen ins Gesicht schlug.
      Das machte Leif noch wütender. Weiter auf einen am Boden liegenden einzuschlagen, verachtete er sehr.
      Ohne darüber nachzudenken, stürmte er nach vorne zu den beiden, packte den größeren am Handgelenk, als dieser erneut zu einem Schlag ausholen wollte, riss den Arm so nach hinten, dass der Typ nicht mehr Sean ansah sondern direkt in Leifs, klare, nun vor Wut blitzenden Augen blickte.
      „Es reicht, du Arschloch“, Leif klang wie eine Wölfin, deren Wurf gerade bedroht wurde. Er war selber davon überrascht, wie aggressiv er klang. Er wusste, dass er wütend werden konnte, aber dieses Maß war ihm auch so gut wie neu. „Niemand verprügelt meinen kleinen Bruder, ohne davonzukommen!“
      Seine linke Hand ballte er zur Faust bis sich die Fingernägel fast in seinen Handballen schnitten. Ohne groß auszuholen, aber trotzdem mit einer unglaublichen Wucht schlug er dem Jungen auf die Nase.
      Dieser landete auf seinem Rücken. Ächzend hielt er sich die Nase und zwischen seinen Fingern rann das Blut. Die Menge war verstummt – damit hatte niemand gerechnet. Auch Sean war sichtlich überrascht über die plötzliche Rettung, und über das, was Leif gesagt hatte.
      Jetzt, da sich der andere vor Schmerzen auf dem Boden wälzte, konnte Leif Sean näher betrachten: seine Kleidung war dreckig und teilweise zerschlissen, er blutete an Kinn, Händen und aus der Nase und er hatte ein blaues Auge – der schmächtige Junge hatte keine Chance gegen den deutlich größeren Jackson gehabt.
      Leif half Sean dabei, aufzustehen.
      „Was… willst du?“, knurrte Jackson, der schätzungsweise im Jahrgang über Sean war.
      Was eine Frage!, dachte Leif.
      „Wenn du Sean noch einmal ärgerst oder schlägst oder sonst etwas tust, dann wirst du es mit mir zutun bekommen. Und du kannst mir glauben: Deine Nase wird dann nicht das einzige bleiben, das dir weh tut!“
      Danach zwang er sich mehrmals tief und ruhig ein- und wieder auszuatmen, um seinen Puls zu senken und wieder herunter zu kommen. Dann wandte er sich zu der Traube: „Und ihr könnt euch verpissen! Hier gibt’s nichts zu sehen.“
      Tatsächlich lösten sich die Reihen langsam. Miteinander tuschelnd verzogen sich die Schüler in unterschiedliche Ecken des Hofes.
      „Komm, wir gehen zu der Bank“, sagte Leif zu Sean und ging vor. Als er sah, dass der jüngere humpelte, kam er zurück und stützte ihn und setzte ihn dann auf die Bank, die am Rande des Schulhofs stand.
      „Du … hast mich Bruder genannt“, stammelte Sean und ihm war ins Gesicht geschrieben, wie sehr ihn das berührte. Er schloss seine Arme um Leif. Damit hatte dieser nicht gerechnet, für ihn war klar gewesen, dass Sean sein Bruder ist, nur, dass sie unterschiedliche leibliche Eltern hatten.
      „Ja natürlich, das bist du ja auch.“ Der Hellblonde erwiderte die Umarmung – es kam selten vor, dass die beiden solche Momente hatten. Leif hatte Sean lieb wie einen Bruder, trotzdem hatte er nicht den Drang, ihn ständig umarmen zu müssen.
      Deshalb ließ er seinen Bruder ein paar Sekunden gewähren, bevor er sanft die Umarmung löste und sich neben ihn auf die Bank setzte. Leif wollte dem Jüngeren nicht das Gefühl geben, er wolle diese Art des brüderlichen Verhältnisses nicht, also legte er seinen Arm um ihn bevor er ruhig fragte: „Was war da los?“
      „Das war Jackson“, sagte Sean leise, „der ärgert mich immer.“
      „Ist das der, von dem du auch gestern erzählt hast?“
      „Hmm“, schluchzend nickte der Junge.
      „Was ist passiert?“
      „Der … der ärgert mich seit Wochen jeden Tag. Angefangen hat das mit ein paar blöden Sprüchen in den Pausen – ich weiß nicht wieso, aber –“
      „Seit Wochen? Warum hast du das Louise nicht erzählt, sondern nur von gestern?“
      „Ich … ich wollte doch nicht, dass sie sich Sorgen macht.“
      „Hier“, Leif zog ein zerknittertes Papiertaschentuch aus der Jacke, und reichte es Sean, um das Nasenbluten zu stoppen, „und wie ging das weiter?“
      „Jackson ist in der Klasse über mir. Und gestern hat er … ja er hat gesagt, ich hätte einen Bruder, der mich nicht leiden kann.“ Die Augen des Jungen begannen, tränenfeucht zu werden.
      Was ein Pisser, dachte Leif.
      „Denk sowas nicht – ich habe dich lieb, du bist mein Bruder.“ Er streichelte ihm etwas unbeholfen über die Schulter, „und was war heute?“
      „Er hat am Anfang der Pause wieder damit angefangen. Dann hat er Sprüche über Mom und Dad gemacht und gemeint, sie würden mich nicht liebhaben und mich würde sowieso niemand mögen… Da bin ich sauer geworden.“
      „Was hast du getan?“
      „Ich hab ihn angeschrien, aber er hat mich weiter provoziert. Dann wollte ich ihn hauen, aber er ist viel stärker als ich… den Rest kennst du.“ Beschämt blickte Sean auf den Boden.
      Es klingelte – sowohl an Seans als auch an Leifs Schule.
      „Ich verstehe, dass du das Louise nicht erzählen willst, aber es ist besser so. Gehe zu eurem Vertrauenslehrer, erkläre ihm das. Er wird sie eh anrufen. Aber dann fahr mit dem nächsten Bus heim und erzähl auch ihr davon. Das muss geregelt werden. Und wenn du darüber reden willst, ich bin immer für dich da.“
      Eigentlich missfiel es Leif, Louise mit so etwas zu belasten, aber in diesem Fall erachtete er es als das Beste, seine Zieheltern mit in die Sache einzuweihen.
      „Hmm…okay“, antwortete Sean leise.
      „Soll ich mit zum Vertrauenslehrer kommen oder willst du das lieber alleine machen?“
      „Ich– ich schaffe das schon“; der kleinere zwang sich ein kleines Lächeln ab.
      Ja, das tust du, dachte Leif stolz. Sein Bruder war stärker, als er dachte, auch wenn seine stärke keine körperliche war.
      So trennten sich die beiden, verabschiedeten sich bis zum Nachmittag und Leif sagte Sean erneut, er solle ihm sofort bescheid geben, wenn etwas passieren sollte.
      Wütend auf diesen Affen Jackson machte er sich auf in die Richtung seiner Schule. Die Stunde hatte bereits angefangen. Ein kurzer Blick auf sein Handy zeigte ihm mehrere Nachrichten von Hilly: „Wo bist du?“ „Ich bin da, die Stunde fängt gleich an.“ „Blondie?“ „Mr. Harrington hat gerade gefragt, wo du bist.“ „Hast du dein Handy gefressen oder was?“

      Kurz darauf saß Leif neben Hilly in Mr. Harringtons Englisch Unterricht. Der Alte, der inzwischen an einem Stock ging und eine Brille mit einer Sehstärke trug, die anderen für eine Lupe genügt, saß mal wieder hinter seinem Pult, zeigte in seinem abgedunkelten Klassenraum irgendeinen Film und schlief dabei fast ein.
      Leif hatte seiner besten Freundin bereits flüsternd erzählt, was ihn aufgehalten hatte und sich ein wenig Luft darüber gemacht. Zum Glück saßen sie in der letzten Reihe, sodass der Lehrer nichts von ihrem leisen Gespräch mitbekam – dafür war der Fernseher zu laut, aber Mr. Harrington wollte selber ja auch noch etwas von dem Ton des Films mitbekommen. Dadurch hätte er es aber auch nicht realisiert, wenn die beiden in der ersten Reihe gesessen und gequatscht hätten.
      Hilly war ebenfalls fassungslos gewesen. „Armer, kleiner Sean“, hatte sie gesagt und sich erkundigt, wie schlimm er zu gerichtet worden war. „Schon nicht ganz ohne, aber er übersteht’s“, hatte Leif geantwortet und ihm war in der selben Sekunde aufgefallen, dass es harscher geklungen hatte, als es gesollt hatte.
      Danach erzählte er Hilly von allem, was gestern noch passiert war: von dem Traum, von den schwarzen Männern, die ihn anscheinend verfolgten – wobei Hilly ein wenig sonderbar reagierte, fast so, als wüsste sie, wovon Leif da sprach –, und nicht zuletzt von dem sonderbaren Stein, den er auch aus der Hosentasche nahm und ihr zeigte.
      „Wie fühlt er sich an?“, flüsterte Hilly.
      „Naja, ganz weich und überhaupt nicht kalt, wie ein normaler Stein, ja… eigentlich sogar ein bisschen warm.“
      „Er sieht auch etwas so aus, als würde er glühen“, Hilly hatte ganz große Augen.
      „Hast du sowas schon mal gesehen, Hilly?“, fragte Leif.
      „Nein, noch nie“, ihre Wangen schienen bei der Antwort zu glühen, „darf ich mal?“
      Er reichte ihr den Stein unauffällig herüber.
      „Der ist echt warm“, sie war ganz erstaunt und gab dem Jungen den Stein zurück, der den schnell wieder in der Hosentasche verstaute.
      Die restliche Unterrichtsstunde verbrachten die beiden damit, weiter über den Traum zu reden. Aber auch Hilly meinte, sie könnte mit den Begriffen wie Gjallarhorn, Heimdall, Midgard oder Bifröst nichts anfangen.
      Irgendwann bekam Leif eine Textnachricht von Sean auf sein Handy, in der er ihm mitteilte, dass er mit dem Vertrauenslehrer gesprochen hatte, welcher überraschend freundlich reagiert habe, und dass er jetzt im Bus nach Hause sitze und Angst davor hat, mit seiner Mom darüber zu reden. Aber er gab zu, dass er das tun musste.
      Leif sprach ihm erneut Mut zu und schrieb auch, dass Hilly auch der Überzeugung war, er würde das gut hinbekommen und Louise würde nicht wütend sein.
      Kurz darauf klingelte es zum Stundenende.

      Viertes Kapitel: Konfrontation

      Der weitere Schultag verlief ereignislos. Nach der Englischstunde stand eine Doppelstunde Mathematik an, worin Leif nicht sonderlich gut war, und er sich mit der Zeit ausklinkte, und wieder abwesend aus dem Fenster sah und über die letzten Ereignisse nachdachte. Da war zu viel, was er nicht verstand, was ihm Rätsel aufgab und worüber er sich den Kopf zerbrach.
      Er fasste den Entschluss, heute, oder spätestens morgen, nach der Schule, an dem Computer in seinem Zimmer zu recherchieren über all die Begriffe, die in seinem Kopf herumschwirrten, die die Stimme in seinem Traum genannt hatte und deren Bedeutung er nicht kannte.
      Nach der langen und zahlenreichen Qual hatten sie eine Stunde Sportunterricht, was sowohl Leif als auch Hilly freute. Leif powerte seine Wut auf diesen Idioten Jackson aus und pfefferte den Handball nur so unaufhaltsam ins Tor.
      Nach der Dusche hatte er als letztes eine Stunde Geographie, die ihn aber auch mehr langweilte. Sie langweilte ihn so sehr, dass Hillyund er anfingen, sich unauffällig mit den Handys unter dem Tisch lustige Fotos zuzuschicken. Regelmäßig mussten sie ein lautes Lachen und Kichern unterdrücken. Trotzdem schien sich die Stunde ins Unendliche zuziehen.

      Und dann kam das befreiende Klingeln: der heutige Unterricht war vorbei.
      Wenige Minuten später strömten die Schülermassen aus dem Haupttor der Senior High und verteilten sich auf dem Schulhof. Die einen warteten darauf, von ihren Eltern abgeholt zu werden, andere machten sich zu Fuß oder auf dem Rad auf den Weg nach Hause und wiederum andere warteten auf den quietschgelben Schulbus, zu letzteren zählte auch Leif.
      Hillywürde zu Fuß nach Hause laufen, sie wohnte nicht weit entfernt von der Schule. Deshalb leistete sie wie immer Leif noch Gesellschaft, während er auf den Bus wartete.
      Dabei unterhielten sie sich, erneut über den Traum. Hilly versuchte, Leif zu beruhigen und sagte ihm, er solle sich keine Gedanken machen, das würde sich bestimmt alles klären – das war bestimmt nur ein seltsamer Alptraum. Dabei wirkte sie allerdings sonderbar nachdenklich.
      „Wann kommt denn dieser Bus?“, fragte sie lachend, er war mal wieder spät dran.
      „Der sollte jede Minute hier sein. Man, ich will einfach nur nach Hause und mit Walt und Loui–mit meiner Familie über das reden, was Sean heute und in letzter Zeit passiert ist.“
      „Das kann ich verstehen“, antwortete Hilly während sie sich das Zopfgummi aus den Haaren löste und ihre dunkle Mähne von dem Herbstwind erfasst wurde, „schreib‘ mir, was dabei herausgekommen ist und vor allem, wie Louise und Walt reagiert haben. Und wie es Sean geht – sowohl seinen Verletzungen als auch seiner Psyche.“
      „Klar. Mache ich“, antwortete Leif, steckte seine Hände dabei in seine Jackentaschen. In der linken erfühlte er die Zigarettenpackung der beiden. „Hey, sagte er, „willst du noch ne Zigarette für den Heimweg?“
      „Nee, lass mal. Wenn ich mit dem Qualm in den Klamotten oder im Atem bei meinen Eltern auftauche, dann stürzt aber der Himmel ein“, sie lachte verschmitzt, „ aber wir können gerne morgen vor der ersten Stunde eine rauchen – so ertragen wir den bescheuerten Oakland auch besser.“ Jetzt lachten beide. Der bescheuerte Oakland. Das war der Vater von ihrem Mitschüler Peter Oakland und er war ebenfalls Lehrer an ihrer Schule, für Physik und Chemie. In seiner Art war aber noch unerträglicher als sein Spross.
      „Peter ist auch nur eine Kopie von dem“, lachte er, „ich rauche jetzt aber auch keine mehr“, kam er auf das ursprüngliche Thema zurück, „sonst wird das noch bemerkt – und dann werde auch ich ‘nen Kopf kürzer gemacht.“
      Hilly nickte. Sie stand mit dem Rücken zur Straße. Leif wollte gerade etwas sagen, da sah er sie über Hillys Schulter hinweg.
      „Alter!“, rief er aus, leiser fuhr er fort, „dreh dich mal unauffällig um; da hinter dir, auf der anderen Straßenseite, da stehen die beiden Typen, von denen ich dir erzählt habe.“
      Hilly folgte seinem Rat. Tatsächlich standen dort die beiden hageren, in schwarze Mäntel gekleideten Männer, deren Gesichter unter den breiten Krempen und sahen unauffällig herüber.
      „Siehst du? Die beobachten mich!“
      Wut stieg in ihm auf. Wut auf diese Freaks, dass sie ihm keine ruhige Minute gönnen konnten. Wer zum Teufel sind die denn? Leif fasste einen Entschluss.
      „Die stelle ich jetzt zur Rede!“, knurrte er mit steinerner Miene.
      „Halt, Leif, nein!“, Hilly hielt den Arm vor ihn. Sie wollte ihn davon abhalten.
      „Was?“
      „Das solltest du nicht tun, was wenn…“
      „Was ´was wennˋ? Hilly, was weißt du?“, knurrte er. Sie druckste herum, als würde sie etwas vor ihm geheim halten wollen.
      „Nichts Leif… nichts, was ich dir sagen kann“, sie blieb ruhig, aber er sah ihr an, dass ihr das, was sie sagte, leid tat, „aber ich bitte dich, sprich die nicht an.“
      Darauf antwortete Leif harscher, als er beabsichtigt hatte: „Du kannst dir ja überlegen, ob du mir sagst, was du weißt – in der Zwischenzeit spreche ich diese Scheiß-Spione da hinten an!“
      Mit diesen Worten drückte er sich an Hilly vorbei und stapfte schnellen und selbstsicheren Schrittes über die Straße. Ohne viel nachzudenken folgte Hilly ihm, sie versuchte weiter ihn aufzuhalten – ohne Erfolg.
      Er musste jetzt durchgreifen, wenn er antworten haben wollte, so leid es ihm gegenüber seiner besten Freundin auch leid tat.
      „He, Sie da!“, rief er den beiden Männern zu.
      Diese wandten sich ihm zu und taten so, als würden sie ihn jetzt erst bemerken.
      Nach wenigen Schritten stand der Junge vor ihnen. Sie waren noch größer als er es erwartet hätte, aber sie waren dürr. Zum ersten Mal sah er die Gesichter. Sie sahen uralt aus, zerfurcht und faltig, mit großer Nase, und kleinen, schwarzen Knopfaugen in tiefliegenden Augenhöhlen, es war kein einziges Haar, weder Bart noch unter den Hüten hervorragendes Haupthaar, zu sehen. Leif war etwas davon überrascht, dass die beiden Typen fast genau gleich aussahen.
      „Entschuldige, junger Mann?“, sprach der eine von beiden mit einer krächzenden, rauen Stimme. Der Teenager wusste nicht, warum, aber er fühlte sich direkt an einen vornehmen Kolkraben erinnert.
      Die Zähne hinter seinen wollfadendünnen Lippen waren klein und schief.
      Jetzt war Hilly hinter Leif angekommen und fasste ihn am Arm… sie atmete schwer. „Leif, was hast du getan?“
      „Was wollen Sie von mir?“, richtete er sich an die Männer. Seine Stimme hatte einen außergewöhnlich rauen und fordernden Klang.
      „Wie bitte?“, fragte der eine.
      „Wovon sprichst du?“, meldete sich der andere zu Wort. Oh, sie führen ihre Sätze gegenseitig zu Ende. Süß., dachte Leif ironisch.
      „Tun Sie nicht so unschuldig! Sie verfolgen mich seit gestern – hier in der Schule und bei mir zuhause! Warum stalken Sie mich?“
      „Stalken, junger Mann?“
      „Wir haben keinen blassen Schimmer, was Stalken ist, Bursche.“ Der erste klang um einiges vornehmer als der zweite.
      „Kein blasser Schimmer? Jetzt weichen Sie nicht aus! Was wollen Sie von mir?“
      Ohne auf die Frage zu reagieren wandte sich der zweite an den ersten und wisperte diesem hörbar zu: „Meinst du, er ist es?“
      „Ich weiß nicht“, kam die Antwort in normaler Gesprächslautstärke, „was meinst du?“
      „Ich weiß auch nicht“, jetzt sprach auch der zweite in normaler Lautstärke. Leif schienen die beiden vollkommen ausgeblendet zu haben, „er könnte es sein.“
      „Eine gewisse Ähnlichkeit ist eindeutig zu erkennen.“
      „Ja, die Augen.“
      „Und die Haare.“
      „Um von dem Stolz gar nicht erst zusprechen.“
      „Entschuldigung!“, unterbrach Leif den Redefluss, in den die beiden geraten waren, „wer könnte ich sein? Ähnlichkeiten mit wem? Worüber reden Sie da verdammt!?“
      Erneut ohne auf die Fragen des Jungen einzugehen, drehte sich der erste ruckartig zu ihm um, machte einen Schritt auf ihn zu, um ihn besser beäugen zu können, und fragte: „Hast du das Auge gefunden?“
      Der andere fiel neugierig mit ein: „Hast du es?“
      „Hab ich… was hab ich?“, Leif war sichtlich verwirrt. Die Wut war aus seiner Stimme verschwunden, jetzt war da nur noch Unverständnis und Überforderung.
      „Nix ˋwas hast duˋ, das wissen wir ja nicht!“
      „Deswegen fragen wir dich ja!“
      „Wir wollen wissen, hast du es bekommen?“
      „Was? Was könnte ich gefunden haben?“, fragte Leif, erneut mit etwas Aggression in der Stimme.
      „Na das Auge!“, krächzte der zweite, bevor er sich zu dem ersten richtete: „Hört der Knabe einem denn nie zu?“
      „Ich weiß nicht, die Vergangenheit lehrt mich nichts über Kinder.“
      „Wenn ja, dann können wir’s gleich vergessen! … Dann ist Midgard ohnehin verloren.“
      Midgard, da war dieses Wort wieder! Das hatte er schon in seinem Traum gehört, die tiefe, unwirkliche Stimme hatte es verwendet.
      „ˋMidgard schwimmt in einem See aus Blutˋ?“, wiederholte Leif den Teil von dem, was die Stimme im Traum gesagt hatte leise vor sich hin. Bei diesen Worten sog Hillyhinter ihm merklich die Luft ein.
      Auch die beiden verrückten Typen unterbrachen direkt ihre Geschnattere. Überrascht und mit großen Augen starrten sie ihn an.
      „Du kennst diese Worte?“
      „Dann hat sich der Allvater also tatsächlich an dich gewandt?“
      „Er ist es.“
      „Er ist es!“
      „Dann hast du auch das Auge! Er wollte es dir zukommen lassen!“
      „Wo hast du es? Bei dir zuhause?“
      „Oder hast du es etwa bei dir?“
      „So ein Risiko würde nur ein unwissender begehen.“
      Das Auge? Das Auge…
      Hilly zog Leif am Arm, sodass er sich zu ihr umdrehte und sagte leise zu ihm: „Deswegen solltest du sie nicht ansprechen.“
      „Aber… aber wieso?“, der 16jährige verstand überhaupt nichts mehr.
      Hilly fuhr fort: „Ja du hattest recht, ich kenne die beiden. Und ich kann dir versichern, von ihnen geht keine Gefahr aus. Aber ich wollte dich vor diesem… Chaos bewahren.“ Ihre Stimme klang sehr ruhig und besänftigend, sodass jegliche Wut in seinem Bauch verpuffte.
      „Was? Keine Gefahr? Was für’nChaos?“, Leif verstand gar nichts mehr.
      „Genau dieses Chaos“, sie lächelte ein wenig.
      Der erste der beiden Männer sprach nun das Mädchen an: „Und du, Weib, wer bist du?“
      „Genau, wer bist du, dass du es wagst, uns so zu beleidigen? ˋChaos´! Pah! Von wegen!“
      „Moment, denkst du, sie ist… Hey, junge Dame, seid Ihr etwa – ?“
      „Ja!“, Hilly baute sich schützend vor Leif auf. Er wusste, das Hilly eine starke junge Frau war, aber die Beschützerrolle hatte sie bisher eher selten eingenommen. Normalerweise war sie die fürsorgliche.
      „Ja!“, ihre Stimme klang ernst und erfurchterregend, und hatte viel Druck, sie klang wie Offizier, der seine niederen Soldaten befehligte, „ich bin es! Und ihr stört meine Arbeit! Ich wurde mit dieser Aufgabe betraut und ihr beiden Quälgeister erschwert sie mir unendlich und mit jeder Sekunde mehr. Hat er euch befohlen, euch zu zeigen und aufzuplustern, als würdet ihr in der Lage sein, irgendetwas zu klären?“
      Die Beiden wirkten augenscheinlich von Sekunde zu Sekunde eingeschüchterter, während Hilly fortfuhr, sie war wie in einen Redeschwall geraten: „Eure Aufgabe ist bloß, zu beobachten. Versteht ihr? Beobachten und spionieren! Das war schon immer eure Aufgabe und das wird sie immer sein. Aber was denkt ihr, wie geheimnisvoll ist es, jemanden zu beobachten, während man in Menschengestalt vor seinem Fenster auf und ab spaziert? Gar nicht!“
      Sie atmete einmal tief ein und sprach danach deutlich ruhiger weiter: „Geht nun zurück, die Nacht kommt näher und ihr wisst, ihr müsst vor ihrem Einbruch zurück sein, sonst sorgt er sich, besonders um dich“ – sie zeigte auf den ersten der beiden – „und wenn ihr zurück seid, dann sagt ihm bitte, es tut mir leid, euch so angefahren zu haben. Und euch sage ich es auch aufrichtig: Verzeiht, aber ihr wisst, ihr könnt einen schon in den Wahnsinn treiben.“
      Die beiden Männer starrten sie entsetzt, aber vor Allem betroffen an. „Tut uns leid, hohe Dame“, sagte der erste sichtlich gekränkt.
      „Ihr müsst euch nicht entschuldigen“, fügte der zweite hinzu, „wir sind es, die sich entschuldigen müssen.“
      „Richtig, wir verhielten uns nicht wie die hohen Hüter, die wir eigentlich sind.“
      „Wir sehen Euch dort… Verzeiht.“
      Leif war erstaunt. „Was war das denn für ein Sinneswandel bei den beiden?“, richtete er sich an Hilly. Sie drehte sich zu ihm um.
      „Die sind immer so, man muss sie ein wenig zurecht stutzen, dann sind die beiden echt zwei liebe Kerle – aber manchmal unerträglich.“
      Leif wollte die beiden erneut ansprechen und drehte sich in ihre Richtung – doch sie waren wie vom Erdboden verschluckt.
      „Was? Wo sind sie?“
      „Sie lieben dramatische Abgänge“, seufzte Hillygenervt.
      Leif musste ein wenig seine Gedanken ordnen. Was ist hier gerade passiert? Wer sind die beiden und was noch viel komischer war: Warum kennt Hilly sie und in welchem komischen Verhältnis stehen die drei zueinander? Der Umgangston zwischen ihnen war gerade so sonderbar… Hilly. Ich denke, Hilly hat mir einiges zu erklären.
      „Hilly?“, wandte er sich ihr zu.
      „Ja ich weiß“, sie senkte den Blick, „ich habe dir einiges zu erklären.“
      „Ja, das dachte ich mir gerade auch“, sagte der Teenager, dabei war jegliche Aggression aus seiner Stimme verschwunden. Er war nicht sauer auf Hilly, er war einfach verwirrt und wegen der sich in letzter Zeit häufenden Ereignisse ermüdet. Am liebsten wollte er nur nach Hause, schlafen und das alles wie einen Traum hinter sich lassen, der zwar sonderbar ist, an den man sich aber zehn Minuten nach dem Aufwachen nicht mehr erinnern kann, sondern nur noch ein seltsames Gefühl nachhallt wie ein Echo.
      Aber Leif war niemand, der sich aus problematischen Situationen zurückzog – irgendjemand musste ja die Zügel in die Hand nehmen, und wenn er das selber tat, konnte er sich wenigstens sicher sein, dass das Ergebnis nach seinem Geschmack war. Nicht, dass er Hillynicht zutraute, Probleme zu bewältigen, aber er fühlte sich unwohl, wenn er komplett machtlos sein würde, weil jemand anders ohne sein Mitwirken entschied, wie etwas anzugehen war.
      „Willst du mit zu mir?“, fragte Hilly, „das wird etwas länger dauern.“
      Leif war erstaunt; bisher war er sehr selten bei Hillygewesen. Sie hatte mal gesagt, ihre Eltern waren ständig auf Geschäftsreisen oder im Urlaub zu zweit, weil Hilly nicht mit ihnen verreisen wollte, und ihr Vater mochte es nicht so, wenn sie jemanden zu sich mitnahm, wenn er nicht da war. Trotzdem hatte Leif weder ihn noch Hillys Mutter kennengelernt – was ihre Familie anbelangte, hielt sich das Mädchen sehr bedeckt. Das störte Leif nicht, er verstand sich sehr gut mit Hilly, also war so etwas nicht wichtig. Wenn sie sich außerhalb der Schulzeiten sahen, trafen sie sich meistens in der Stadt, zum Beispiel in der Mall oder im Park – in diesem gab es Ecken, in denen man ungestört rauchen konnte –, oder bei ihm zuhause. Sean und seine Zieheltern hatten das dunkelhaarige Mädchen ins Herz geschlossen. Louise hatte sich einmal im Spaße mit den Worten „Ich wollte schon immer eine Tochter“ von ihr verabschiedet. Nachdem Hilly von Louises Schwangerschaft erfahren hatte, hatte sie gesagt: „Jetzt hat sich dein Wunsch ja endlich erfüllt“.
      „Ähm … ja klar. Wieso nicht?“, antwortete Leif, „aber deine Eltern sind doch nicht da, oder? Haben die da nicht was gegen?“
      „Ach, das… das geht in Ordnung.“

      Fünftes Kapitel: Erklärungen

      Leif und Hilly kannten sich noch nicht so lange, wie es sich für den Jungen, der sonst nicht so viele Freunde hatte, weil er die meisten seiner Mitschüler ätzend fand, anfühlte. Es waren vielleicht zwei Jahre. Es war kurz vor dem Wechsel von der Junior High auf die Senior High – sie war neu in die Stadt gezogen. Welche Eltern es ihrem Kind antaten, kurz vor Ende des Schuljahres umzuziehen, war ihm ein Rätsel, aber er hatte es nie hinterfragt.
      Innerhalb dieser kurzen Zeit hatten die beiden eine besondere Bande geknüpft. Es hatte nicht lange gedauert, bis sie alles zu zweit machten – sie waren einfach gute Freunde, die durch dick und dünn gingen und denen egal war, was andere dachten. Es war eine kurze Geschichte, aber sie gefiel Leif. Mehr wollte er gar nicht.

      Hilly wohnte in einem kleinen, typisch amerikanischen Holzhaus, das allerdings schon einige Jahre auf dem Buckel haben musste, nur wenige Minuten zu Fuß von der Schule entfernt. Bisher war Leif nur in der kleinen Küche und dem spärlich eingerichteten Wohnzimmer gewesen.
      Nun saßen sie in eben dieser Küche am kleinen Esstisch, auf dem eine kleine Tischdecke mit Leif unbekannten Mustern lag und penibel mittig ein fast heruntergebrannte Kerze in einem Kerzenständer, der mit ähnlichen Motiven bemalt war wie die Decke. Es waren mehrere parallel zueinander verlaufende Linien, die sich verknoteten, und gegenseitig umspielten und wieder entwirrten, nur um dann wieder zusammengeführt zu werden. Es war ein beeindruckendes Muster.
      Hilly goss Leif ein Glas Wasser ein, zündete die Kerze an, denn draußen war es inzwischen fast komplett dunkel. Der 16jährige hatte in der Messenger-Gruppe, in der er mit seinen Zieheltern und Sean war, eine Nachricht verschickt, dass er noch mit zu Hilly gegangen sei. Das war nicht einmal gelogen. Er wusste nicht, wann er wieder zuhause sein würde. Das war auch nicht gelogen.
      Die Dunkelhaarige setzte sich zu ihm an den Tisch, seufzte laut und fuhr sich durch die heute offenen, braunen Haare.
      „Du musst viele Fragen im Kopf haben“, sagte sie etwas unbeholfen. Offensichtlich wusste sie nicht, wie sie das Gespräch beginnen sollte.
      „Jap“, antwortete er zwischen zwei Schlücken, „aber am schlimmsten finde ich, dass du mir anscheinend die ganze Zeit lang, die wir uns jetzt schon kennen, etwas vorgespielt hast.“
      „Hmm…“, Hilly wirkte sichtlich betroffen und Leif konnte sie gut genug einschätzen, um zu erkennen, dass das ehrliche Betroffenheit war. Sie starrte vor sich auf den Tisch und spielte abwesend mit einer Ecke des Tischtuchs.
      Der Junge gab seiner Stimme einen weicheren Klang, was ihm bei all den Fragen in seinem Kopf nicht wirklich einfach fiel, und strich ihr mit der Hand über den Unterarm: „Hey, ich bin dir nicht böse. Ich weiß nur gerade nicht, was ich denken oder glauben soll. Ich verstehe absolut nix mehr. Und du weißt, wie sehr ich das leiden kann.“
      „Gar nicht.“
      „Richtig – gar nicht“, er schmunzelte, „also, klär mich auf. Bitte.“
      Sie richtete ihren Blick zu ihm auf und nahm Blickkontakt aus. Ihre braunen Augen schauten ihn traurig an und ihr Blick fraß sich tief bis auf seine Seele.
      „Ich … Es ist eine lange Geschichte und du brauchst viel Vorwissen“, sagte sie leise.
      „Vorwissen?“
      „Ja, mir wäre lieber gewesen, du wärst den Beiden erst begegnet, nachdem du die Begriffe aus deinem Traum im Internet gesucht hättest.“
      „Ähm… okay?“, Leif verstand nicht, „was soll mir das sagen?“
      „Naja, ich werde dir jetzt einige Begriffe und Zusammenhänge erklären müssen, die für mich völlig selbstverständlich sind.“
      „Ich höre?“, Leif versuchte, noch immer besänftigend zu klingen – er wollte sich nicht mit Hillystreiten.
      „Also… es geht um die nordische Mythologie“, auf seinen fragenden Blick fügte sie hinzu, „das Weltbild, beziehungsweise der Glaube, den man von den Wikingern kennt.“
      Schon wieder die Wikinger, dachte er und wusste nicht, was er davon halten sollte.
      „Die Wikinger?“
      „Ja, die Wikinger. Also dieses Händler- und Kriegervolk, das in ganz Skandinavien gelebt hat, mit ihren Langschiffen und dem Ruf, nur Barbaren und Berserker zu sein. Wie bei Mrs. Baltrowim Unterricht, nur nicht so trocken und scheiße vorgetragen, sondern – real.“
      „Real?“
      „Ja, real. Weißt du etwas über die Mythologie – vielleicht von Walter?“
      „Naja, ich weiß, dass es da mehrere Welten geben sollte, irgendwie eine von den Göttern, und eine auf der die Menschen leben und so.“
      „Richtig. Es sind neun. Die Welt, auf der wir uns hier befinden heißt Midgard, das ist die Welt, die du kennst – Die Welt der Menschen und Tiere und Pflanzen. Die Welt der Götter, die sich Asen nennen, heißt Asgard.“ Leif hörte ihr schweigend zu. Besonders interessierte es ihn eigentlich nicht, aber es schien wichtig zu sein. „Dann gibt es noch sieben weitere; zum Beispiel Wanaheim, dort leben die Wanen, eine andere Götterart, aber die haben inzwischen nicht mehr so viel zu melden. Oder Helheim, oder auch nur Hel, dort regiert die herrschsüchtige Göttin Heloder Hela mit eiserner Hand über die nicht in Ehre Gefallenen, die dort eine grausige Zukunft erwartet. Und dann gibt es Muspelheim, das Reich der Feuerriesen, ihr Boss heißt Surturund das ist ein übler Typ, aber aktuell schläft er einen unendlichen Schlaf … noch. Hoffen wir zumindest. Der Rest ist eigentlich gerade egal, damit du einen Überblick bekommst. Und das, was dir noch fehlt, um die Situation zu verstehen, wirst du noch lernen.“
      Hillylächelte Leif an, sie schien sehr glücklich darüber, endlich einen Anfang gefunden zuhaben, „Was kennt du für nordische Götter?“
      „Naja, Odin, den kennt ja jeder –“
      „Genau, Odin, das ist der Herr aller Asen. Er trägt viele Namen, unter anderem wird er auch Allvater genannt. Wen kennst du noch?“
      „Mo- Moment. Odin ist der Allvater?“, fragte Leif überrascht nach, „haben den nicht die beiden Typen erwähnt?“
      „Ja, das haben sie. Deren Namen sind übrigens Hugin und Munin. Munin war der, der etwas höflicher wirkte. Sie sind Beobachter und Hüter des Wissens. Ihre wahre Gestalt ist die zweier Raben. Sie stehen direkt unter Odins Befehl und beobachten für ihn alles, was in den anderen acht Welten geschieht – allerdings müssen sie jeden Abend zurück in Asgardsein. Der Allvater macht sich immer ein wenig Sorgen, dass sie irgendwann einmal nicht zurück kommen. Muninhütet alles Wissen von der Vergangenheit für ihn, es wäre furchtbar, wenn es verloren gehen würde. Hugin ist dafür der bessere Beobachter – wobei man sich trotzdem manchmal wundert, wie schlecht er darin zu sein scheint.“
      „Warte, du sagst das so, als wäre das ganze Wirklichkeit – aber das ist doch nur eine uralte Mythologie!“, Leif fühlte sich noch immer überfordert.
      „Du verstehst es nicht, Leif“, sagte Hilly mit einem leicht ungeduldigen Unterton, „das alles ist die Wirklichkeit! Es gibt Odin wirklich, und die neun Welten und die zwei Typen vorhin sind eigentlich Raben. Das ist alles echt! Die nordische ˋMythologieˋ mit all ihren Göttern, Welten, Monstern und sonderbaren Wesen gibt es tatsächlich. Ich verstehe, dass das gerade alles zu viel für dich ist, aber die Zeit drängt.“
      Der letzte Satz weckte Leifs Interesse, aber etwas anderes war ihm noch wichtiger: „Wenn ich jetzt mal annehme, du hättest Recht, was spielst du dann für eine Rolle in dieser Götterwelt, wie hieß sie, Asgard? Du bist doch nicht etwa eine Göttin?“
      „Nein“, ein kurzes Schmunzeln umspielte ihre Mundwinkel, „ich bin keine Göttin, sondern eher eine hohe Kriegerin Odins. Von meiner Sorte gibt es über ein Dutzend, sozusagen die Elitekämpfer des Allvaters, die für ihn alles mögliche erledigen.“
      „Du verarschst mich!“, Leif lachte kurz auf, doch das Lachen blieb ihm im Halse stecken, dafür schien die Situation zu ernst.
      „Kennst du den Begriff der Walküren?“
      Leif bekam große Augen: „Du … bist eine Walküre?“ Er wusste, was die Walküren waren, das war einer der Begriffe, den er von Walt aufgeschnappt hatte.
      „So ist es. Eine unserer Hauptaufgaben ist es, Einherjer, das sind in Ehre gefallene Krieger, vom Schlachtfeld abzuholen und nach Asgard zu geleiten. Davon bin ich derzeit jedoch befreit. Denn ich bin hier um dich zu beschützen und im richtigen Moment in deine Rolle einzuweihen.“
      „Halt halt! Stop, halt! Du bist wirklich eine Walküre?“, sie nickte erneut, „ist Hilly denn dein richtiger Name? Und ist das dein richtiges Aussehen oder kannst du dich wie die beiden Typen – Hugin und Munin hießen die? – verwandeln? Und das mit deinen Eltern… das war alles nur erfunden?“
      „Ja… ich habe keine Eltern, zumindest nicht auf dieser Welt, das war immer nur eine Ausrede, weil ich mit dir befreundet sein musste – und wollte.“
      „Das heißt, unsere Freundschaft war für dich nur ein Job?“, Leifs Kehle zog sich zu.
      „Nein!“, sie hatte fast feuchte Augen, „nein, wirklich nicht. Du bedeutest mir sehr viel und ich stand jeden Tag kurz davor, dir die Wahrheit einfach zu sagen. Aber dann dürfte ich mich direkt in Hel melden.“ Sie unterbrach sich selber: „Soll ich dir die anderen Fragen noch beantworten? Du hast recht, ich könnte mein Aussehen verwandeln, um hier in Midgard nicht zu sehr aufzufallen. Aber das hier“, sie blickte kurz an sich herab, „das bin ich, nur um einiges jünger. Und mein Name, naja also Hilly ist eine Kurzform.“
      „Wovon?“
      „Von … Brunhildr.“
      „Wow“, Leif kratzte sich hinter dem Ohr, und fuhr mit den Fingerspitzen über seine Narbe, „das klingt echt beeindruckend!“
      „Ja ich weiß“, ihre Stimme war weiterhin ruhig, jetzt schien sie sich wieder wohler zu fühlen, „aber ich mag den Namen nicht wirklich. Er ist mit Blut befleckt und Leid und Tod. Unzählige Tode. Zu viele Tode. Zu viele habe ich nach Helheim geschickt, auch jene, die dort eigentlich gar nicht hingehören. Aber so waren die Zeiten… Ich habe endlich meine Vergangenheit hinter mir gelassen. Trotzdem steht mein wahrer Name weiterhin für das Grauen. Also bleib bitte bei Hilly.“
      „Du, du hast getötet?“, der Junge bekam eine Gänsehaut.
      „Ja, und ich bin nicht stolz drauf.“
      Das waren viele neue Dinge. Diese ganze komplizierte Mythologie sollte wahr sein? So wirklich konnte er das nicht glauben. Es würde aber auch all die verrückten Dinge, die in den letzten Tage geschehen waren, erklären, die Rune, die er während dieses Anfalls in der Schule gesehen hatte, und der sonderbare Traum… der Traum!
      „Kannst du doch etwas mit den Sachen aus meinem Traum anfangen? Und dem Stein?“
      „Ja, ich wusste von Anfang an, wovon du sprichst, aber ich konnte dir das nicht sagen. Heimdall beispielsweise ist ein weiterer Ase, er ist sowas wie der Wächter Asgards, er sieht und hört alles, auch im Schlaf. Wenn Gefahr droht, bläst er das Gjallarhorn um die anderen Götter und Bewohner Asgards zu warnen. Und er ist derjenige, der den Bifröst bewacht.“
      „Den … was?“
      „Den Bifröst. Das ist die Regenbogenbrücke, die deine Welt Midgard, mit meiner Welt Asgard verbindet und die ich nehmen muss, um zu dir zu kommen. Heimdall kann ihn öffnen und schließen.“
      „Klingt nach einem Türsteher.“
      Hilly musste lachen: „Ja, ein bisschen wie ein Türsteher. Er ist auch ähnlich grimmig wie der durchschnittliche Türsteher, aber hinter seiner Brust schlägt ein weiches Herz voller Mitgefühl. Man muss wissen, wie man mit ihm umzugehen hat. Aber das ist eh bei den meisten Asen so, auch bei Odin oder Thor – den kennst du ja sicherlich.“
      „Ja klar! Das ist der Gott des Donners und Sohn von Odin.“
      „Richtig, einer von vielen Söhnen“, deutete Hilly an.
      Leif hatte das Gefühl, ein wenig zu verstehen, was sie ihm da erzählte. Was er jedoch nicht verstand, und was ihn neugierig machte, konnte er nun nicht länger für sich behalten: „Das klingt ja alles schön kompliziert. Aber warum solltest du mich beobachten, was will dein Boss Odin von dir?“
      „Erst mal bitte ich dich, nicht so über ihn zu reden, er hört das gerade bestimmt. Und um deine Frage zu beantworten: Naja, du bist besonders, Leif. Es ist nicht nur, dass du ‘nen nordischen Vornamen hast. Also, es kommt vor, dass Götter aus Asgard nach Midgard kommen, um sich ein wenig an den Menschen zu belustigen, dazu gehört auch, naja, Sex.“
      „Du willst sagen, dass Götter manchmal Menschen vögeln?“, die Vorstellung fand der 16jährige lustig.
      „Ganz genau“, auch Hilly musste kurz lachen, „und wenn dabei ein Kind gezeugt wird, ist dieses Kind zu einem Teil auch ein Gott. Meistens hat es dann auch bestimmte göttliche Eigenschaften, die es von seinem göttlichen Elternteil geerbt hat. Es gibt Gründe, warum deine Mutter dich nach deiner Geburt so unsanft loswerden wollte; sie befürchtete einen wie dich nicht erziehen zu können, sie hatte Angst, du würdest zu sehr nach deinem Vater gehen.“
      „Was? Du weißt, wer meine Eltern sind?“, langsam reichte es Leif mit lebensverändernden Nachrichten.
      „Naja, so halb. Aber eines weiß ich und das wirst du akzeptieren müssen. Leif, durch deine Adern fließt Asenblut.“
      „Was? Das kann nicht sein! Du erzählst mir Märchen!“, er wäre fast aufgesprungen.
      „Nein, glaube mir… du bist ein Halbgott.“
      Ein Halbgott? Ich? Niemals! Was sich Hilly da auch immer ausdenkt, das ist Quatsch. Wie sollte so etwas möglich sein? Meine Eltern waren irgendwelche Idioten, die ein Kind auf der Straße ausgesetzt haben.
      „Das klingt sehr ausgedacht.“ Es klang wie aus einem schlechten Film.
      „Ist es aber nicht und ich werde es dir beweisen. Aber alles zu seiner Zeit.“
      „Okay, selbst wenn ich sowas bescheuertes wie ein Halbgott wäre, was wollt ihr dann von mir? Warum lasst ihr mich nicht einfach in Unwissenheit das langweilige Leben eines simplen Menschen leben? Ich müsste ja Zeit meines Lebens nicht erfahren, dass ich anders wäre als die Menschen um mich herum!“
      „Weil wir dich brauchen. Außerdem würdest du dann deine Fähigkeiten irgendwann selber, auf möglicherweise unangenehmste Weisen kennenlernen. Aber viel wichtiger ist, Midgard schwebt in großer Gefahr, und du bist der einzige, der es retten könnte.“
      „Das klingt wirklich wie aus ‘nem schlechten Film“, grummelte Leif.
      „Ja vielleicht, aber das ist es nicht.“
      „Okay. Selbst wenn, wie soll ich denn den Planeten retten? Und wovor?“
      „Das kann dir besser jemand anderes erklären. Schreib Louise oder Walt ‘ne Nachricht, du würdest heute Nacht bei mir übernachten – ich muss dir was zeigen… ich muss dich an einen anderen Ort bringen.“

      Sechstes Kapitel: Der Bifröst

      Nach diesen Worten war Hilly, die nicht Brunhildr genannt werden wollte, obwohl Leif den Namen irgendwie cool fand – der klingt mega episch!–, aufgestanden, hatte stumm ein paar Sachen in dem Haus zusammengesucht und in einem alten, mit ähnlichen Mustern wie die auf der Tischdecke verzierten, Ledersack verstaut. Leif hatte nicht alles gesehen, aber darunter war Kleidung, welche, die er kannte, aber auch welche, die recht sonderbar aussah, aus rauem Leinenstoff und Pelz. Klimpernd flog auch ein Kettenhemd in den Sack.
      „Du packst deine Sachen? Und was soll ich machen?“, hatte er gefragt.
      „Mach dir keine Sorgen“, kam die Antwort durch die Wohnung gerufen, „dafür wird gesorgt.“
      Während Hilly weiter durch das Haus blitzte rief Leif bei sich zuhause an. Walt ging ans Festnetztelefon und hatte die Übernachtung mit seiner ruhigen Art schnell bewilligt. Er fragte nur, was mit Kleidung und Duschsachen war, aber Leif überspielte das schnell mit „Das ist nicht das Problem.“ Ein „Dann ist gut – also habt einen schönen Abend, morgen ist ja schon Samstag. Grüß Hilly von mir –“ kurze Pause „– und auch von meiner Frau. Und von Sean sowieso, der ist ja nahezu vernarrt in sie“, er lachte kurz auf, „und melde dich wenn du weißt, wann du morgen zurück bist.“
      Das ging ja einfach, wunderte sich Leif. Aber sein Ziehvater akzeptierte wohl, dass er langsam erwachsener wurde, etwas was seiner Ziehmutter durchaus schwieriger fiel.
      „Es ist alles erledigt. Aber ich muss mich irgendwann morgen im Laufe des Tages mal melden“, rief er Hilly zu.
      „Kriegen wir hin“, kam die Antwort.
      Kurz darauf hatte Hilly ihn am Handgelenk gepackt und sie hatten das Haus verlassen.
      „Wo gehen wir hin?“, Leif konnte die Neugier nicht mehr unterdrücken, „wohin bringst du mich?“
      „Na wohin wohl!“ Ja wenn ich’s wüsste, hätte ich ja nicht gefragt, dachte Leif, sie wird mich doch nicht etwa nach Asgard–
      „Asgard? Du bringst mich doch nicht nach Asgard!“, rief er aus, blieb stehen und riss sich von ihrem Griff los.
      Auch Hilly blieb stehen. „Ja natürlich; du glaubst mir nicht, also werde ich dir zeigen, dass ich nicht gelogen habe, dass ich mir das alles nicht ausgedacht habe.“
      Leif hatte einen Kloß im Hals. War das nicht gefährlich? War Hilly vielleicht doch verrückt und schubste ihn gleich von einer Brücke oder so? Quatsch! Hilly war vielleicht eine verrückte Person, aber sie war nicht krank. Wie kommst du auf so einen Scheiß, du Idiot!, rügte Leif sich selber.
      Aber trotzdem kam ihm das alles komisch vor, wie sollte sie überhaupt nach Asgard kommen?
      „Aber … aber wie kommen wir dahin?“
      „Ich habe dir vom Bifröst erzählt, oder?“
      Leif nickte.
      „Wir haben das große Glück, dass es ganz in der Nähe einen Ort gibt, an dem er durch die Atmosphäre dringen und sich einen Weg auf deine Welt bahnen kann.“
      „Echt?“, das klang alles so surreal, „und wo ist dieser Ort?“ Jetzt war wieder Leifs Neugier gepackt.
      „Ganz in der Nähe, ich sagte ja: Glück“, mit diesen Worten drehte sichdie Walküre um und lief weiter. Die Walküre … auch das klang so surreal.
      Aufgeregt lief Leif ihr hinterher – alle Zweifel waren gerade vergessen und die Erschöpfung aus den Knochen gewichen. Jetzt war Leif nur noch neugierig, so neugierig wie selten in seinem Leben; außer vielleicht an dem Weihnachten, an dem er von Walter ein Baumhaus geschenkt bekommen hatte. Es thronte immer noch an einer alten Eiche im großen Garten hinter dem Haus, auch wenn weder Leif noch Sean noch damit spielten. Dafür fühlte sich der 16jährige inzwischen zu alt.
      „Und wenn du– ich meine, wenn es diesen Ort Asgardwirklich gibt, was soll dann als nächstes geschehen?“, fragte er und hatte Schwierigkeiten mit Hillys schnellem Schritt mitzuhalten.
      „Diese Entscheidung liegt nicht bei mir“, sie sah weiter geradeaus, „aber was auch immer dann passieren sollte, ich stehe dir bei.“
      Sie war schon eine liebe Person, schoss es Leif durch den Kopf. Er bereute es, heute zuweilen etwas harsch zu ihr gewesen zu sein. Er mochte Hilly sehr.
      Jetzt blieb sie stehen, sah ihm in die Augen und sagte: „Ich werde dich die ganze Zeit über beschützen, wenn es nötig werden sollte. Du wirst nie alleine sein.“ Sie lächelte.
      Er musste lächeln.
      Als sich Hilly wieder zum Gehen umwandte, fragte Leif: „Und wo müssen wir jetzt hin?“
      „Komm, es ist nicht mehr weit, nur noch bis zum Washington Park.“

      Nach wenigen Minuten bogen sie von der Straße, an der auch die beiden Schulen, auf die Hilly, Leif und Sean gingen, lagen ab auf einen Kiesweg, von dem sich nach links und rechts eine große Wiese verbreitete. Auf dieser standen einige alte Bäume, der Weg war gesäumt von Sitzbänken in regelmäßigen Abständen und Laternen. Diese verbreiteten bereits müde ihr gelbes Licht, denn die Sonne war inzwischen untergegangen.
      In dem kleinen Park trafen sich nach Unterrichtsschluss oder in langen Pausen häufig Schüler von der Junior High und verbrachten mit unterschiedlichen Freizeitaktivitäten Zeit hier – in einer Ecke des Parks befand sich auch ein kleiner Bolzplatz, Tischtennisplatten und ein Spielplatz für kleinere Kinder, auf dem sich aber auch oft die Teenager tummelten um den nächsten Unsinn auszuhecken, den sie anstellen wollten. Denn in den Augen mancher Erwachsener machten Teenager ja nichts anderes als Unfug.
      In der Mitte des Parks befand sich ein kleiner See, an dem jeweils links und rechts ein Fußweg entlang führte, von denen dann mehrere schmalere Wege abzweigten. An einem von diesen stand ein kleines Denkmal, Leif konnte sich nicht merken wofür, es war mit Sicherheit irgendein Krieg.
      Nun durchquerten sie das Tor zum Park, das noch offen stand. Die rötlichen Steinpfeiler auf der linken und der rechten Seite waren über ihren Köpfen durch einen metallenen Bogen verbunden, der die Lettern des Namens formte und von dem der Lack abblätterte, seit Leif den Park kannte. Die zwei großen, ebenfalls metallenen Torflügel folgten dem Schicksal des Bogens.
      Sie ließen das Tor schnell hinter ihnen und liefen durch den menschenleeren Park. Irgendwo huschte etwas durch das Gebüsch, vielleicht ein kleiner Vogel oder ein Kaninchen, ein Eichhörnchen sprang über ihren Köpfen von Ast zu Ast und weiter entfernt rief eine einsame Taube. Hoffentlich um Hilfe, so ein ekelhaftes Vieh.
      Hilly steuerte auf den See zu. Dort, wo sich der Weg teilte, um den See zu flankieren, betrat sie den Rasen und lief weiter. Der Boden senkte sich sanft zum Ufer herab. Es gab keinen richtigen Strand, die Wiese endete direkt dort, wo das klare Wasser in sanften Wogen auf die Erde traf und gelegentlich kleine Steinchen anspülte. Links und rechts wuchs am Ufer niedriger Schilf, der ein Zuhause für kleine Vögel bot. Es herrschte eine unglaubliche Ruhe, von den Straßengeräuschen kam hier nicht mehr als ein kaum merkliches, unterschwelliges Rauschen an.
      Als Leif neben ihr stehen blieb und die Szenerie betrachtete, die sich seinen Augen bot, blieb ihm der Atem weg.
      „Es ist… wunderschön“, hauchte er.
      „Ja ist es“, antwortete Hilly fast flüsternd, „aber es ist nicht nur das. Es ist ein magischer Ort.“
      Sie machte einen Schritt nach vorne, sodass die Wellen bereits die Spitzen ihrer Schuhe umspielte.
      „Schau dort“, sie zeigte mit der Hand auf eine bestimmte Stelle am Grund des Sees, drei, vielleicht vier Meter vom Ufer entfernt.
      Leif folgte mit seinem Blick ihrem Arm und starrte angestrengt ins Wasser, er versuchte zu erkennen, was sie meinte. Er machte auch einen Schritt nach vorn, um es besser erkennen zu können.
      Dann entdeckte er, was Hilly gemeint hatte: Im dunklen Wasser konnte man eine helle, unförmige Steinplatte erkennen – sie wirkte wie von einer nicht vorhandenen Lichtquelle angestrahlt. Auf der Platte war etwas zu erkennen. Leif kniff die Augen zusammen, um die eingeritzten Linien und die Form die sie bildeten besser erkennen zu können.
      Als er es erkannte, begann sich alles um ihn herum zu drehen. Er bekam höllische Kopfschmerzen und seine Sicht verschwamm. In seinen Gehörgang bohrte sich ein furchtbares Dröhnen, das immer stärker wurde – das gleiche Dröhnen wie gestern in der Schule. Unbeholfen machte er ein paar Schritte zurück und hielt sich den Kopf. Sein Herz raste und er hörte seinen eigenen Herzschlag. Zu dem Dröhnen gesellte sich ein schrilles Kreischen, dass sich noch schlimmer in die Ohren sägte.
      Er fiel auf die Knie und stützte sich ab. Erneut schmerzte seine Narbe. Hilly hatte sich anscheinend zu ihm gebeugt und fragte besorgt wie durch die Wattewand: „Leif? Alles gut? Ist das wieder so ein Anfall wie gestern in der Schule?“
      Und dann sah er es erneut vor seinem inneren Auge: die Rune. Und diesmal war sie um einiges deutlicher. Sie sah aus wie zwei Pfeilspitzen, die mit den offenen Seiten in einander ragten.
      Die Rune … es war die selbe wie auf dem Stein im Wasser.
      Fokussiere dich, Leif, konzentriere dich, verdammt! Das kann so nicht weitergehen. Er schloss die Augen und versuchte, ruhig einzuatmen. Er musste Herr über dieses Gefühl werden. Er musste es besiegen – er durfte nicht sein Sklave werden.
      Der Schmerz wurde schlimmer und schlimmer. Das Atmen fiel ihm immer schwerer. Er keuchte. Das Kreischen und Dröhnen und seine schmerzende Narbe nahmen ihm fast das Bewusstsein. Ihm wurde langsam schwarz vor Augen.
      Leif riss den Mund auf und schrie. Es war ein unmenschlicher Schrei, der immer leise anfing und immer lauter und höhe wurde und der gefühlte Minuten andauerte. Er hatte das Gefühl, er würde ihn nicht steuern können.
      Es reicht! Ich … muss… Ich… bin… stark genug!
      Plötzlich vernahm er etwas in seinem Ohr, was der tiefen, dröhnenden Stimme aus seinem Traum ähnelte. Dieses Geräusch vertrieb die anderen und plötzlich formte es ein Wort: „Stopp.“
      Ja, es war wieder eine Stimme in seinem Kopf – aber diese hier klang anders als die im Traum, sie klang nicht ganz so tief und alt.
      Wie auf diesen Befehl war alles vorbei. Seine Sicht war wieder klar, die Geräusche waren verschwunden. Nur die Rune leuchtete auf der Steinplatte.
      „Leif, alles gut?“
      „Ja… jetzt schon“, keuchte der Junge.
      „War das wieder so ein Anfall wie in der Schule?“
      „Ja… ich habe wieder diese Rune gesehen“, er zeigte ins Wasser.
      „Echt? Das war diese Rune, die du gestern gesehen hast?“
      Er nickte.
      „Dann… dann hat er dich gerufen“, hauchte Hilly ehrfürchtig und blickte vielsagend gen Himmel.
      „Was? Wer?“, Leif richtete sich wieder auf und versuchte durch langsames, gesteuertes Atmen seinen Puls zu beruhigen, „wer hat mich gerufen?“
      Hilly gab keine Antwort sondern machte ein paar Schritte nach vorne, während sie wie abwesend in den Himmel starrte, als würde sie einen bestimmten Punkt in der Ferne ansehen.
      Es schien sie nicht zu stören, dass ihre Schuhe nass wurden.
      „Ähm … Hilly?“ Sie reagierte nicht.
      „Hilly?“ Noch immer keine Reaktion.
      Stattdessen blieb sie stehen, legte den Kopf in den Nacken und fing an, die Arme langsam gen Himmel zu recken. Was geht denn jetzt ab? Skeptisch blieb Leif hinter ihr stehen und beobachtete sie. Sollte er etwas sagen? Oder machen? Oder war es richtig, sie gerade in Ruhe zu lassen? Was machte sie denn da? War das irgendein Ritual oder so etwas?
      Und dann vernahm er es: Hilly schien irgendetwas vor sich her zu murmeln. Es klang wie ein leiser Singsang in einer Leif unbekannten Sprache. Langsam wurde sie lauter. Und lauter. Bis sie eine Lautstärke erreicht hatte, die die eines normalen Gesprächs überschritten hatte. Trotzdem verstand der Junge die Wörter nicht.
      Er lauschte ihren Worten und plötzlich kamen ihm Gedanken: War er wirklich ein Halbgott? Hilly meinte das alles so ernst, er glaubte nicht, dass es ein schlechter Scherz war. Und wenn er ein Halbgott wäre – was bedeutete das tatsächlich für ihn und für seine Familie? Er wollte Sean, Louise, Walt und das ungeborene Mädchen nicht verlieren!
      Plötzlich wurde er aus diesen Gedanken gerissen, als er meinte, einzelne Wörter wie „Gjallarhorn“, „Heimdall“ in Hillys monotonem Gebrabbel zu erkennen. Er wurde hellhörig. Und dann folgte das Wort „Bifröst“ mit einem langgezogenen, gerollten r. Einmal, zweimal und noch häufiger.
      Dann verstummte die Dunkelhaarige. Allerdings verharrte sie in ihrer Position. Es herrschte Stille. Sekunden lang. Nur das Wasser des Sees brandete leise vor Leifs Füßen und ein leichter Wind war aufgekommen.
      Weiterhin Stille.
      Hilly rührte sich nicht und Leif wurde ein wenig nervös. Was war das? Warum passierte denn nichts? Was sollte überhaupt passieren? Er traute sich nicht, nachzufragen und dadurch die Ruhe zu stören. Vielleicht brauchte die Walküre diese auch gerade? Der Teenager war ratlos.
      Doch dann fing plötzlich die Luft an zu vibrieren, was man auch am See sah: Die Wasseroberfläche kräuselte sich und überschlug sich, warf wild um sich und schleuderte Tropfen an Leifs Jeans. Was … was geschieht hier?
      Aus dieser bewegten Luft bauschte sich ein Strudel direkt über dem See auf, der wie eine kleine Wolke aussah, die um sich schlug und wild hin und wogte. Vorsichtig wich Leif ein paar Schritte zurück. Gebannt starrte er jedoch auf diese Wolke – welche unaufhaltsam wuchs und inzwischen über dem gesamten See ragte. Dem angeblichen Halbgott blieb der Atem weg.
      In der Mitte der Wolke schien sich ein kleines, grelles Licht aufgetan zu haben, in welches er nicht gucken konnte, ohne die Augen schließen zu müssen. Dieses sonderbare Licht hatte eine unbeschreibliche Farbe, einerseits dachte Leif, es wäre strahlendweiß, aber andererseits schien es alle Farben des Regenbogens zu enthalten.
      Das Licht wuchs ebenfalls, aber viel schneller als die Wolke, der Park schien bereits taghell erleuchtet.
      Doch von einer Sekunde auf die nächste endete das Wachstum der beiden, mit einem saugenden Geräusch zogen sich Wolke und Licht zurück bis sie fast verschwunden waren … nur um eine Sekunde später in einer Lichtexplosion aufzugehen.
      Leif erschrak, hielt sich die Hände als Schutz vor dem gleißenden Licht vor die Augen und drehte sich davon weg. Dann war alles still.
      Vorsichtig nahm er die Hände von den Augen, und blickte auf den Boden – das gleißende Licht musste verschwunden sein, aber irgendeine andere Lichtquelle schien da zu sein, denn er warf einen Schatten.
      Behutsam drehte er sich um und ihm viel die Kinnlade herunter: Oberhalb des Sees befand sich ein riesiger Regenbogen, der vor Hillys Füßen begann und bis in den Nachthimmel ragte. Er leuchtete kräftig und bunt, aber sah ungewohnt dicht aus. Beim genaueren Betrachten fiel Leif auf, dass der Regenbogen wie eine große geschwungene Treppe breite Stufen hatte, die hinauf führten.
      Er hat dich gerufen“, sagte Hilly, drehte sich zu Leif um und machte dabei eine einladende Handbewegung, „darf ich dir vorstellen: der Bifröst. Unsere Brücke, unser Weg in andere Welten, Heimdalls Herzstück.“
      Staunend begab sich Leif neben Hilly und beschaute ihn von unten bis oben, den Bifröst.
      „Wow“, sagte er stimmlos, doch es wurde nicht ansatzweise dem gerecht, was sich seinen Augen bot, „ich habe noch nie etwas so majestätisches gesehen.“
      „Manche sagen dem Bifröst Empfindungen nach – also wenn er wirklich welche haben sollte, dann hat ihn das sicher sehr geschmeichelt“, lächelte Hilly.
      „Aber“, plötzlich bekam Leif einen schrecklichen Einfall, „aber was ist, wenn das hier jemand sieht?“
      „Keine Sorge“, Hillyzog ihn am Handgelenk näher an den Bifröst heran und Leif meinte, ein leises Knistern von ihm ausgehend zu vernehmen, „den Bifröstkann niemand sehen, nur meinesgleichen, deinesgleichen, die Götter natürlich und die Einherjer.“
      Das beruhigte ihn.
      Erst jetzt sah er einige Meter in der Höhe auf dem Regenbogen einen großen, hell leuchtenden Torbogen stehen, der keine Flügel hatte, sondern aus dessen Zentrum ein helles Licht in die Nacht waberte.
      „Ist das…?“
      „Ja, das ist sie, das ist die Pforte nach Asgard.“
      Leif staunte; er hätte noch Stunden damit verbringen können.
      „Wollen wir?“, fragte Hilly und machte einen ersten Schritt auf den Bifröst.
      Er nickte und machte eine Schritt nach vorn. Ganz vorsichtig setzte er einen Fuß auf die unterste, leuchtende Stufe. So richtig vertrauen, konnte er dieser Treppe noch nicht, sie sah nicht so aus, als würde sie einen Menschen tragen können.
      „Keine Angst“, Hillyschien seine Zweifel zu bemerken, „diese Treppen tragen selbst Odins Ross, Sleipnir, und der ist riesig und dazu noch achtbeinig.“ Sie lachte und lächelte ihn aufmunternd an.
      Beherzt machte Leif den Schritt und stand mit beiden Füßen auf der Stufe.
      „Wooaah!“
      Es fühlte sich im ersten Moment ein wenig so an, als würde man über Holzbalken laufen, die auf Wasser schwammen. Aber sonderbarer Weise schien die Materie fester zu werden, um so länger man sich darauf befand.
      Er nahm eine weitere Stufe. Und musste lachen.
      „Es ist witzig beim ersten Mal, oder?“, fragte Hillygrinsend.
      „Ja“, lachte Leif und rannte ein paar Stufen hinauf bis er stehen blieb und sich umsah. „Die Aussicht ist der Hammer.“
      „Jap“, sagte Hilly, als sie bei ihm angekommen war, „aber die kannst du wann anders auch noch begutachten. Jetzt müssen wir echt weiter.“ Sie nahm ihn am Handgelenk und lief auf das große Tor zu.
      Während die beiden diesem immer näher kamen, schien sich der Bifröst hinter ihnen abzubauen und das Licht des Tors wurde immer eindringlicher, bis es schließlich Leifs gesamtes Blickfeld einnahm.
      Dann traten sie wie durch eine Nebelschwade durch das Licht und für einen Moment war alles dunkel.



      Ja, das ist jetzt eine ganze Menge :D
      Ich hoffe, es gefällt euch trotzdem :)
      LG
      Thráin


      Am Ende der Zeiten werden wir streiten
      mit Feuer, Eis und mit Blut
      Wenn Welten verbrennen und Götter vergeh'n
      stirbt mit uns der Hass und die Wut.



      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Thráin () aus folgendem Grund: Korrektur, danke @Sarah Habe jetzt mal alle fehlenden Leerzeichen ergänzt - ich hoffe, ich habe alle gefunden. Danke Formatierung -.- :D

    • Neu

      Thráin schrieb:

      Dann öffnete er die Augen wieder und zwang sich zu einem kurzen Lächeln.Zeit, für ein paar Stunden zu vergessen, was gestern und heute Nacht war.
      Kapitel 3: Zwischen Lächeln & Zeit, fehlt eine Leertaste ^^

      Ich finde zu viele "Dann", könnte aber auch nur an mir liegen ^^

      Thráin schrieb:

      Dort drängte er sich durch die schaulustige Traube, bahnte sich mit Ellenbogenstößen bestimmt noch vorne.
      Du meinst sicher "nach vorne" oder?


      Thráin schrieb:

      „Es reicht, du Arschloch“, Leif klang wie Wölfin, der Wurf gerade bedroht wurde.
      So klingt es besser :) "Leif klang wie eine Wölfin, deren Wurf gerade bedroht wurde"


      Thráin schrieb:

      Er wusste, dass es er wütend werden konnte,
      Das "es" stört dort.


      Thráin schrieb:

      Dann wandter sich zu der Traube:
      Dann wandte er sich der Traube zu:

      Thráin schrieb:

      Damit hatte dieser nicht gerechnet, für ihn war klar gewesen, dass Sean sein Bruder ist, nur, dass er sie unterschiedliche leibliche Eltern hatten.
      Diesmal ist es das "er"^^
      "nur, dass sie unterschiedliche leibliche Eltern hatten."

      Thráin schrieb:

      Dann hat er Sprüche über Momund Dad gemacht
      Leer leer leertasteeee^^

      Thráin schrieb:

      Hillywar ebenfalls fassungslos gewesen.

      Thráin schrieb:

      wobei Hillyein wenig sonderbar reagierte.

      Thráin schrieb:

      Hillyhatte ganz große Augen.

      Thráin schrieb:

      Leif sprach ihm erneut Mut zu und schrieb auch, dass Hillyauch der Überzeugung war, er würde das gut hinbekommen und Louise würde nicht wütend sein.
      Kurz darauf klingelte es zum Stundenende.
      Magst du die nicht?

      Das war mal alles zu Kapitel 3 sry @Thráin
      -Ándoh ré sá deríon. Die Seele ist im Wasser.-

      -Hör die Worte, hör mein flehen, musst mich heute wieder sehn. Überquere die große Schwelle,
      komm zurück an diese Stelle.-

      ~Sarahs Geschreibsel~
      ~Magie~
    • Neu

      @Sarah hey :) also schon mal danke dafür :* die Rechtschreibfehler kommen daher, dass ich es noch nicht im Hinblick darauf Korrektur gelesen habe und die Formationsfehler kommen durchs Einfügen in den Browser :/

      Ich werde das alles später korrigieren.

      LG

      PS: Wen mag ich nicht? :D


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    • Neu

      Also ich habe jetzt mal alle fehlenden Leerzeichen ergänzt - ich hoffe, ich habe alle gefunden :D
      Und das muss echt ein Formatierungsproblem sein, werde mich darüber mal erkundigen, sorry dafür, dass es das Lesen so schwierig gemacht hat.

      LG


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