Experiment Erde

  • Nur die schwindende Helligkeit verriet, dass der Tag sich dem Ende neigte. Wie so oft drang kein Sonnenstrahl durch die dichte Wolkendecke die das verwüstete Land seit er denken konnte bedeckte. Ihm war es nur recht. Seine fahle Haut vertrug keine Sonne und seine Augen waren für Dunkelheit und Zwielicht geschaffen.
    Entspannt hockte er auf dem Dach des Kirchturms und spähte in die Ferne. Seit mehreren Tagen hungerte er. Seit Tagen hatte sich keine Beute in sein Revier gewagt, obwohl die eingefallenen Wohnhäuser in der Nähe immer wieder Leute anlockte, die versuchten, noch etwas brauchbares in den Überresten zu finden. Am Horizont zeichneten sich die stählernen Gerippe von ausgebrannten Wolkenkratzern ab. Immer wieder fragte er sich, wie die Menschen dort wohl einst gelebt haben mochten. Er ließ den Blick über den Vorort schweifen. Etwa einhundert Meter von ihm entfernt war immer noch das Wrack des Transportflugzeugs zu erkennen, in dessen Bauch er vor einiger Zeit noch ein Gefangener gewesen war. Doch er hatte es geschafft, sich von seinen Fesseln und aus der Kiste zu befreien und sich endlich zur Wehr zu setzen. Nun war er frei und die Männer, die ihn transportieren sollten, hatten ihm geholfen am Leben zu bleiben.
    Plötzlich erfasste er eine Bewegung in seinem Augenwinkel. Ruckartig drehte er den Kopf und fixierte die Schemen in der Ferne. Deutlich erkannte er zwei Menschen, die durch die Ruinen streunten und etwas zu suchen schienen.
    Ein leises Knurren entkam seiner hungrigen Kehle, während die beiden ein Einfamilienhaus betraten. Bald würden sie die Kirche und seine ausgelegten Köder entdecken. Leute trugen eine Menge Kram mit sich herum, für den er keine Verwendung hatte. Die Menschen jedoch freuten sich und ließen oft jedwede Vorsicht außer acht, wenn sie die Rucksäcke und Waffen entdeckten.
    Kurz darauf erkannte er den Lichtkegel einer Taschenlampe, der sich aus der Tür des Einfamilienhauses bewegte. Unwillkürlich kniff er die Augen zusammen. Aus dieser Entfernung blendete das Licht ihn zwar nicht, doch er hatte sich daran gewöhnt, grelles Licht zu meiden. Die Besucher näherten sich der alten Kirche. Selbst für ihn war der Sprung von der Spitze des Turms zu hoch, weshalb er behände hinunterkletterte und auf der Mauer des Hauptgebäudes Position bezog. Das Dach des einstigen Religionsstätte war längst zerstört, sodass er von außen einen guten Blick auf das Innere seines Zuhauses hatte. Wie ein Gargoyle hockte er auf dem Stein und wartete geduldig, bis die beiden Männer die Kirche betraten. Der Hunger schrie ihn an, endlich anzugreifen, doch er zwang sich zu warten.
    „Was soll das denn?“, fragte einer der beiden Besucher. Sein blondes Haar war zu einem langen Pferdeschwanz gebunden und sein schlaffer Rucksack verriet, dass er noch nicht viel brauchbares gefunden hatte.
    Der andere hatte kurzes, dunkles Haar und verbarg sein Gesicht hinter einem Tuch, das er sich bis über die Nase gezogen hatte. Schulterzuckend musterte er den Köder.
    „Sieht aus, als hätte jemand seinen Kram hier liegenlassen“, meinte er.
    „Warum sollte dieser jemand so etwas tun?“
    „Woher soll ich denn das wissen?“, maulte der Vermummte. „Aber jetzt gehört es uns!“
    Lachend begannen die beiden, die dargelegten Waffen, Kleidungsstücke und Rucksäcke in ihre eigenen zu stopfen.
    Ihr Beobachter wartete noch einen Moment, um sicherzugehen, dass seine Besucher abgelenkt waren. Lautlos richtete er sich auf und balancierte gekonnt über die bröckelige Mauer. Als er nahe genug war, machte er sich bereit zum Sprung.

    "Deine Augen zeigen nur Lügen! Nur sein Geschenk wird die Wahrheit offenbaren!"

    - Mileon Kheleron Onmor Akhol Ravareen, Knochenwandler der Kinder der Knochenspinne


    "Ich bin die letzte lebende Vertreterin meiner Familie. Dafür habe ich gesorgt!"

    - Yersinia Aurelia Empera Akhol Ravareen, Königin der Pestilenz der Kinder der Knochenspinne



    Die Flammen von Narak
    Chaotische Kurzgeschichten

  • Hyde lag auf einer Liege, um sie herum ein Trugbild einer Tropenlandschaft samt azurblauem Meer. Die passenden Geräusche zur Optik kamen aus unsichtbaren Lautsprechern und selbst der Wind wurde naturnah simuliert.
    Sie hatte Urlaub und genoss ihn, wobei sich allmählich die Langeweile in ihr breitmachte. Kein Cocktail - oder der darin enthaltene Alkohol - konnte die Leere füllen, die sie verspürte. Irgendwann waren alle Feste gefeiert, alle besteigbaren Typen bestiegen und ... Nach über sechs Wochen der Ruhe wurde Hyde stinklangweilig. Seufzend lag sie in der Liege und zählte bereits die Sekunden, da meldete sich ihr Kommunikator und sie leitete die Nachricht auf den Stecker in ihrem Ohr weiter.
    "Emilia Hyde wird umgehend im Besprechungsraum A3 verlangt. Wir bitten um Diskretion, danke für Ihr Verständnis."
    "Alpha und Omega sei dank", stöhnte Emilia und richtete sich auf. "Ich dachte schon, ich müsste mir ein Hobby suchen."
    Die junge Frau warf sich einen Bademantel über, schlüpfte in ihre Samtschuhe und stapfte so aus dem Erholungsbereich des Raumschiffes. Da sie ihr Glas noch nicht geleert hatte, beschloss sie, es einfach mitzunehmen.
    Binnen kürzester Zeit stand sie im Raum A3, umgeben von ihren Vorgesetzten, die sie verwirrt musterten, während Hyde den letzten Rest ihres Cocktails durch den geschlängelten Strohhalm sog. Das Geräusch hallte durch den Raum und sorgte dafür, dass die Blicke der Herren nur noch skurriler wurden.
    "Was?", hakte Hyde nach. "Es hieß 'umgehend'!"
    Captain Lorres, ein Mann Ende vierzig, räusperte sich und zog die Krawatte seiner Uniform gerade.
    "Naja, die Zeit, sich etwas anzuziehen, hätten wir Ihnen geben."
    "Ich habe doch etwas an!", entgegnete Hyde, zog den Gürtel ihres Bademantel etwas enger und suchte sich einen freien Platz.
    "Die VEN bittet uns, ihnen bei einem entflohenen Alien behilflich zu sein", fing Lorres umgehend an und fuhr sich durch sein dunkelbraunes Haar. "Dazu haben sie uns einen Kontaktmann geschickt, der uns alles erklärt."
    Kaum hatte Lorres dies fertig erzählt, stand bereits ein recht jung wirkender General auf und legte die passende Projektion in die Mitte des Tisches.
    "Guten Tag meine Damen und Herren. Mein Name ist Devin Cromwell und ich bin ihr Kontaktmann bei dieser Mission."
    "Was der wohl für eine Haarspülung benutzt ...", schweifte Hyde unterdessen gedanklich ab, während der blonde Herr dem Rest alles erklärte. "Sein Haar glänzt wie Seide. Der Wahnsinn ... Wie der wohl so jung General geworden ist? Lorres schuftet seit Jahrzehnten für die VEN und dümpelt auf diesem Idiotenfrachter herum. Dieser Cromwell hat sicherlich Beziehungen." Ein leises Kichern drang über ihre Lippen und wieder waren die Blicke auf Emilia gerichtet. Diesmal räusperte sie sich und bat per Handzeichen Cromwell, fortzufahren. "Sicherlich tiefgehende Beziehungen, dieses Ferkel ..."
    "Haben sie alles soweit verstanden?", wollte der General wissen.
    Emilia nickte, auch wenn sie keinen Meter zugehört hatte - wie üblich.
    "Beim Scheitern der Mission wird die VEN jede Art von Beteiligung von sich weisen", fügte der Blondschopf mit seinen undurchdringlichen braunen Augen hinzu und sah jeden der Einsatzkräfte der Truppe an, die Lorres trotz Urlaubszeit entbehrte. "Also sorgen sie bitte dafür, dass sie nicht scheitern."
    "Machen Sie sich mal keine Sorgen. Ein einzelnes Alien einfangen ... Wie schwer kann das schon werden?", sprach Hyde. "Sie werden ja nicht ohne Grund zu uns gekommen sein, wenn Sie der Meinung wären, diese Leute hier wären zu nichts zu gebrauchen."
    "Das stimmt wohl", bestätigte Cromwell, allerdings erst nach einem nachdenklichen Zögern. "Aber es liegt auch daran, dass wir vom inneren Bereich zur Zeit niemanden entbehren ... können!"
    "Wann soll es losgehen?", wollte Emilia wissen und wurde bereits zum dritten Mal seltsam angesehen.
    "Wie ich bereits sagte", wiederholte sich der General beinahe schon genervt, "in einer Stunde. Die Zeit drängt und wir dürfen nicht riskieren, dass sich das gesuchte Objekt fortbewegt."
    Da dieser Teil der Information anscheinend zu dem gehörte, was bereits vorgetragen worden war, aber Emilia verpennt hatte, war die Reaktion vermutlich verständlich.
    "Eine Stunde ...", meinte Hyde und sog Luft durch ihre zusammengebissenen Zähne, "das wird knapp."
    "Knapp?", fragte Cromwell und betrachtete sie strengen Blickes, während Lorres tief in seinem Sessel versank.
    "Also, zuerst einmal muss ich mich duschen, dann etwas Körperpflege betreiben. Ich will ja nicht stinken wie die Jungs, wenn man uns in ein winziges Raumschiff zwängt, um uns über dem Zielort abzuwerfen. Zudem ist mein Kampfanzug noch in der Rei-"
    "Sie werden über einem verdammten Ödland abgeworfen!", schrie der General los und unterbrach damit Hydes Ansprache.
    Allerdings zuckte diese nicht einmal zusammen. Diese Gegenargumente war sie bereits gewohnt.
    "Es ist der Mannschaft scheiß egal, nach was Sie riechen!", fuhr er fort. "Sie haben in einer Stunde im Hangar zu sein!"
    "Da hat wohl jemand seine besondere Woche", nuschelte Emilia ihren Kameraden zu, von denen einige versuchten, ihr Grinsen hinter einem Stück Papier zu verbergen.
    "Abtreten!", schrie Cromwell und zeigte strikt mit seinem manikürten Zeigefinger in Richtung Tür.


    "Wer glauben die, wer ich bin? Einer ihrer Soldaten?", begann Emilia Selbstgespräche, nachdem sie sich in ihren hautengen Kampfanzug gezwängt hatte. "Jackel, echt einmal, noch ein Eis abends mehr und wir erleben eine unschöne Überraschung, wenn ich mich bücke."
    Auch wenn Hyde wusste, dass ihre andere Hälfte sie nicht hören konnte, wollte Hyde diese Tatsache nicht unausgesprochen lassen. Ihr sensibleres Ich hatte anscheinend im Urlaub nichts Besseres zu tun, als sich Unmengen an Filme anzusehen und dabei Süßkram zu futtern, den sie dann wieder abtrainieren durfte. Eine verhältnismäßig geringe Strafe dafür, dass Hyde ganz andere Dinge tat, die Jackel ausbaden durfte.
    "In einer Stunde ...", äffte die junge Frau noch einmal den unsympathischen General nach, dessen Auftrag ihr zwar die Langeweile nahm, aber trotzdem nervte. Konzentriert kontrollierte Emilia ihren Gürtel und versicherte sich, alles dabei zu haben. Vor allem die Ampullen, von denen sie eine zur Hand nahm, auf dem der Buchstabe "H" stand. Das sollte sicherstellen, dass Jackel die Mission nicht behinderte und weiter in ihrem Inneren schlummerte. Rasch spritze sie sich das Mittel in den Hals und warf die leere Kartusche in den Müll. Einmal ließ sie ihren Nacken kreisen, um das unangenehme Gefühl zu vertreiben, dass die Injektion jedes Mal auslöste. Es war ein Kribbeln, als würde eine Horde Ameisen an ihrem Hals und im Nacken hinaufmarschieren.
    Dann musste sie los und würde mit den obligatorischen zehn Minuten Verspätung eintreffen. Aber da die Mechaniker noch am Raumschiff zu Gange waren, fiel es beinahe nicht auf.
    Cromwell verteilte unterdessen neue Kommunikationsgeräte und sammelte die anderen ein. Das kam Emilia irgendwie seltsam vor, aber hinterfragte dieses Vorgehen nicht weiter, als der General meinte, dass dies an der Sicherheitsstufe lag, die sie bearbeiteten. Er war nun ihr Kontakt, nicht Lorres. Wie sonst auch drückte sie sich den Stöpsel ins Ohr und bestieg dann das Raumschiff.
    Wie Hyde während des Flugs mitbekam, wurden sie über einem Flugzeugwrack abgeworfen. Landen wollte der Pilot nicht. Gut nur, dass Hyde nicht unter Höhenangst im Gegensatz zu Jackel litt, die sich schon auf einer Leiter in den Overall schiss. Dabei befand sie sich all die Zeit im All ... im luftleeren Raum, aber bei einer Leiter zog die Ärztin ihre Grenze.
    Hin und wieder dachte Hyde auch darüber nach, was für eine Art Alien der VEN wohl entflohen war. Die einfachen Besatzungen bekamen kaum etwas mit, was die Obrigkeiten beschlossen. Es sei denn, es handelte sich um direkte Befehle. Kämpfen, nicht kämpfen, retten, nicht retten. Sie waren Schachfiguren. Gut bezahlte Schachfiguren und zudem mussten sie nicht mit den Aussteigern in der Ödnis um das Überleben kämpfen. Also worüber sollte sie sich beschweren? Höchstens darüber, dass das Haar des Generals mehr glänzte als ihres.


    Die Warnleuchten blinkten und der überaus nicht nervtötende Ton erklang, der alle aufforderte, aus der Luke auszusteigen, die sich am hinteren Teil des Raumschiffes öffnete.
    Die übereifrigen Herren in ihren schwarzen Ganzkörperanzügen, sechs an der Zahl, stiegen vor Emilia aus. Sie hatten zuvor schon Wetten abgeschlossen, wer das Alien einfängt und bei der Rückkehr einen Abend lang nichts zu zahlen hatte. Hyde interessierte das nicht. Sie wollte ins Geschehen und heil wieder raus. Und da sie auf Schusswaffen immer verzichtete, war sie ohnehin nicht die Person, die voranging, sondern sie beobachtete zunächst alles aus sicherer Entfernung, um ihren Gegner zuerst einschätzen und dann ausschalten zu können. Hinzu kam, dass VEN das Alien lebend haben wollte - wenn es ging. Daher sollte es lediglich betäubt und nur in der Not erschossen werden.
    Emila stieg als letzte Turnbeutelvergesserin aus und sah schon nach kurzer Zeit dem Wrack des Flugzeugs. Weit und breit war nur Sand, Geröll und ein paar zerstörte Gebäude. Durch den Wind, der ungehalten über die Landschaft fegen konnte, sah es aus, als sei alles von einem rötlichen Nebel umhüllt. Insgesamt wirkte die Gegend überaus trostlos. In diesem Radius, den sie erblicken konnte, sollte sich das Alien aufhalten, das VEN zurück benötigte. Das sollte nicht allzu schwer werden, denn rundum gab es nicht viel, wo es sich verstecken konnte.
    Emilia sprang und öffnete zur gegebenen Zeit ihren Fallschirm, der sie sicher zum Boden gleiten ließ. Unten angekommen, löste sie den Schirm und sah dabei zu, wie Derek bereits die Landezone für das Shuttle kennzeichnete, wenn ihre Mission erfolgreich gewesen sein sollte. Hyde zog sich ihren Helm vom Kopf und musterte die Gegend. Es war ruhig. Nur der versprochene Wind pfiff über den ebenmäßigen Boden und das Klicken der Schusswaffen der Männer erklang, welche die Betäubungspfeile einlegten.
    "Wir sollten uns zuerst das Wrack ansehen!", gab Derek, der rund einsneunzig große Soldat von sich und zog auch seinen Helm ab, der sein von Narben durchzogenes Gesicht offenbarte.
    Wortlos nickte Emilia und folgte dem Rest zum ausgebrannten Gerippe, das förmlich im Sand zu stecken schien. Die Geräuschkulisse veränderte sich, als die schweren Stiefel das Metallgehäuse betraten und von Heranschleichen konnte nicht mehr die Rede sein.
    "Keine Überlebenden!", meldete ein anderer Soldat.
    "Wundert mich gar nicht", nuschelte Hyde und betrachtete die Fetzen, die überall um die Absturzstelle herumlagen.
    "Ist sich Cromwell sicher, dass sein Alien überhaupt noch lebt, wenn es in dem Frachter gewesen war?", stellte wieder ein anderer infrage.
    Es riecht nach Tod ...
    Hyde zuckte mit ihren Schultern und alle gingen in den Bereich, der einmal der Frachtraum gewesen war. Dort änderte sich das Bild und der Geruch rapide. Waren zuvor Cockpit und Sitzbereich lediglich vom Absturz zerrissen gewesen, so sah der Frachtraum aus, als hätte dort zusätzlich noch ein Kampf stattgefunden. Überall hing vertrocknetes Blut an den verbogenen Wänden und Brocken undefinierbarer Körperteile lagen herum. Einer der Soldaten musste eilig seinen Helm abnehmen und vergeudete das gute Mittagessen an den Boden außerhalb des Wracks.
    "Das kann auch durch den Absturz verursacht worden sein", gab Derek zu bedenken und sah sich um. "Wenn die Menschen durch die Gegend geschleudert wurden ..."
    "Das stimmt", gab ihm Emilia zunächst recht. "Aber wo sind dann die Leichen. Der Absturz hat sie sicherlich nicht atomisiert."
    "Aussteiger?", fragte ein anderer. "Vielleicht haben die alle beerdigt, bevor wir kamen."
    Derek schüttelte seinen Kopf. "Nein, die zerfleddern bloß die leblosen Körper und laufen weiter."
    "Scheint so, als habe unser gesuchter Freund den Absturz überlebt und er die Leichen weggeschafft", mutmaßte Hyde und verließ das Wrack. "Wir sollten uns in den Gebäuden umsehen. Allem voran ...", ihr Blick fiel auf die nahegelegene Kirche, "dort!"
    "Glaubst du etwa, unser Alienfreund ist gläubig geworden?", erklang es von Seiten desjenigen, der sich nochmal sein Essen hatte durch den Kopf gehen lassen.
    "Nein!", antwortete Emilia sachlich. "Aber dort drin ist es kalt und dunkel, während hier draußen bereits knapp vierzig Grad sind. Nicht einmal wir halten es lange ohne Wasser in diesen Anzügen aus. Zudem gibt es in den meisten Kirchen Brunnen zum Weihen von ... Zeugs. Das verspricht zumindest Wasser ..."
    Nach dem Anblick des Wracks, sah Hyde im Augenwinkel, wie einige der jüngeren Soldaten ihre Waffe mit scharfer Munition ausstatteten. Dies war zwar nicht das, was ihnen nahegelegt worden war, aber es beruhigte auch Emilia etwas, dass sie nicht nur mit Heija-Bubu-Kapseln schossen. Wer wusste schon, wie das Ding darauf reagieren würde.
    Vorsichtig brachten alle die Distanz vom Wrack zur Kirche hinter sich und Emilias Nackenhaare stellten sich auf.
    Wir werden bereits beobachtet!
    Die Soldaten erhoben ihre Waffen, entsicherten sie und passierten voran die Mauern der ehemaligen Glaubensstätte. Hyde hielt etwas Abstand. Sie wollte sich nicht noch einmal eine Kugel einfangen, nur weil jemand einen nervösen Finger besaß.
    Die Gruppe teilte sich auf.
    Derek lotste drei - mit ihm einbegriffen - links um die Kirche herum, der Rest sollte rechts herumgehen und zunächst den Außenbereich absichern. Danach würden sie erst das Gebäude betreten.
    Hyde betrachtete derweil die alten Grabsteine, die rechts neben der Kirche standen. Die Witterung hatte die Gravuren unleserlich gemacht und würden das Geheimnis, wer alles dort lag, nicht mehr preisgeben. Es war totenstill. Nur die Schritte auf dem sandigen Untergrund zeugten von der Anwesenheit der Truppe.
    "Bei uns ist alles ruhig!", erklang es durch Emilias Knopf im Ohr.
    "Bei uns auch!", antwortete einer der Soldaten, der vor Hyde lief. Aber kaum geantwortet, erklangen plötzlich Schüsse von der anderen Seite der Kirche und alle nahmen buchstäblich ihre Beine in die Hände und rannten um das Gebäude herum. Immer mehr Schüsse und Geschrei folgten. Emilia glaubte sogar die Worte "Abbrechen, abbrechen ..." zu hören, aber zwischen all dem Lärm hätte das auch "Erbrechen" gewesen sein können.
    Ihre Mannschaft kam am Ort des Geschehens an und was sie sahen, war nicht die Art von Alien, die sie irgendwie erwartet hätten.
    Eine humanoide Lebensform richtete sich vor ihnen auf, während die drei Soldaten blutend am Boden lagen.
    Ein spitzer Schrei entwich der Kopfgeldjägerin und mit weit aufgerissenen Augen sah sie das Wesen an.
    "Was bei allen Sternen ...", stotterte Emilia und sah, wie das Wesen seinen auseinandergeklafften Kiefer zu einem Gesicht zusammenfügte und eine überaus lange Zunge zurück in dem verschwand, was seinen Mund darstellen sollte.
    Das Ding sah aus wie eine Mischung ... Als hätten ein Nacktmull, ein Kolibri und ein Primat ein Kind des Grauen gezeugt. Zerfetzte Kleidung hing vom fahlen Körper der Gestalt, die sich in den Schatten der Kirche zurückzog.
    Wild begann auch ihr Trupp zu schießen, während Hyde zu den Männern lief, aber nichts weiter als deren Tod feststellen konnte. Ihre Gesichter waren geradezu zerfetzt worden, ebenso wie Teile ihrer Körper.
    "Das Vieh wollte sie fressen!", schrie einer der Männer und rannte in die Kirche, dicht gefolgt von seinen Kameraden.
    "Das Vieh hat gerade drei unserer Leute getötet und ihr rennt ihm in gleicher Anzahl nach?", schrie Hyde. "In ein Gebäude mit Deckungsmöglichkeiten? Seid ihr irre?"
    Kurz war Hyde überlegt, eine der daliegenden Waffen zu ergreifen, entschied sich aber dagegen. Sie war keine gute Schützin und wenn sie daneben schoss, dann machte sie das Ding womöglich nur noch aggressiver. Sie sah sich hektisch um und ihr Herz schlug ihr bis in den Kopf. Sie musste anders vorgehen.
    In etwas Entfernung entdeckte sie eine Bodenluke zum Keller der Kirche. Vermutlich ein alter Eingang für Vorräte. Rasch nahm sie ihren Schneidbrenner zur Hand und durchtrennte das rostige Schloss, um die beiden alten Holzklappen öffnen zu können. Der Gestank, der ihr dann entgegenschlug, war bestialisch.
    "Was ist das für ein Alien?", wimmerte sie mit dem Unterarm an ihrer Nase. "Den Geruch bekomme ich nie wieder aus meinen Haaren."
    Hyde aktivierte die Taschenlampe an ihrem Anzug, die den Boden vor ihr erhellte, so wie etwas die Umgebung. Es war kühl und düster in dem alten Gewölbe, von dem sie sich sicher war, dass er ein etwas neuerer Friedhof darstellte.
    Während sie den Hinterhalt vorzog, hörte sie etwas entfernt die anderen schießen und schreien. Als lautstarke Meldungen in ihr Ohr drangen, schaltete sie den Kommunikator aus.
    Diese trainierten Gorillas sind selbst Schuld. Rennen einfach einem Feind nach, den wir nicht kennen!
    Aber Emilia musste feststellen, dass es die Schreie nur dämpfte, sie nicht direkt im Ohr zu haben. Die Steindecke war wohl nicht dick genug, die Vorgänge über ihr im Keim zu ersticken.
    Aber sie musste sich auf sich selbst konzentrieren. Irgendwie musste sie die Mission zu Ende bringen. Und wenn nicht, zumindest zur gegeben Zeit den Rückzug antreten. Sie lief also weiter und bog um ein paar Ecken, wobei der Gestank immer intensiver wurde. Die junge Frau bereitet sich innerlich darauf vor, gleich auf ein paar Leichen zu treffen. Für den Anblick, der sich ihr dann bot, war aber nicht einmal sie unempfindlich genug. Sie dachte zumindest einmal kurz über Erbrechen nach. Halb verweste Leichen baumelten von einem alten Wasserrohr, das an der Decke entlang lief und es wirkte, als sei Hyde gerade tatsächlich in den Vorratskeller der Kreatur geraten.
    Es reichte ihr. Kurzerhand rief sie Cromwell an und schilderte ihm die Situation, von der sie sicherlich Bescheid wussten. Der General tat auch gar nicht so, als habe er die Schreie und Tatsachen nicht vernommen, die von der Truppe ausgetauscht worden waren.
    "Sie haben einen Befehl!", sagte er nur. "Ich sagte Ihnen, wenn Sie scheitern, wird VEN jedwede Beteiligung abstreiten."
    "Abstreiten ist das eine ...", entgegnete Hyde leise. "Aber uns abholen ..."
    "Ohne das Alien wird niemand abgeholt!", erwiderte Cromwell strickt, dem Hyde spontan akuten Haarausfall wünschte ... und noch mehr. "Scheitern Sie, scheitert die Mission und wir sind gezwungen, alle Beweise zu vernichten."
    "Soll das heißen ..."
    "Sie haben noch fünfzehn Minuten, nachdem nun die Lebenszeichen ihrer Kameraden erlischt sind, um das Objekt zu sichern. Danach werden wir einen Präventivschlag einleiten."
    "Einen was?", sprach Hyde ungewollt laut. "Wegen einem Alien? Ist das überhaupt ein Alien? Was ist das?"
    Keine Antwort erklang mehr aus dem Kommunikator und auch sonst herrschte erneut Totenstille. Keine Schüsse oder Schreie waren mehr zu hören. Das Einzige, was Emilia vernahm, waren urplötzlich Schleifgeräusche und Schritte.
    Panisch sah sie sich um und entdeckte einen alten hölzernen Kleiderschrank.
    Ich verstecke mich vor einem Monster in einem Schrank ... Der Tag wird immer mieser!
    So lautlos wie möglich stieg Hyde in den Schrank, schaltete ihre Taschenlampe aus und ließ die beiden Türen einen Spalt offen. Nach einer Weile entdeckte sie das Nicht-Alien. Es schleifte zwei Soldaten in sein ... Nest und hängte mit Hilfe alter Seile auch sie an das Rohr, welches schon bedrohlich knarrte.
    Ich bin bei einem verdammten Kannibalen gelandet! Jackel wird mich umbringen, wenn es das Ding nicht tut.
    Diese Erkenntnis sorgte dafür, dass Hyde sich nicht besser fühlte. So gar nicht. Auch als sie in der Enge ihren Kommunikator aus der Tasche zog, um die Zeit zu kontrollieren, wurde ihr Angst und Bange. Sie hatte noch zwölf Minuten Zeit, ehe VEN ihren wohlgeformten Arsch in die Luft sprengen würde.
    Was mache ich jetzt? Was mache ich jetzt?
    Hyde riskierte einen weiteren Blick und sah die Kreatur wieder den Raum verlassen. Mit so etwas hatte sie es noch nie zu tun gehabt. Mit Straftätern, mit entflohenen Kriegsgefangenen ja, aber ein Wesen, das andere Menschen fraß, war ihr vollkommen unbekannt. Vor allem eines, das sich blitzschnell zu bewegen wusste und für welches diese Umgebung ideal war, sich zu verstecken.
    Als Emilia in etwa sicher war, dass das Ding den Raum verlassen hatte, öffnete sie die Schranktüren und trat nach außen. Die junge Frau konnte nur mutmaßen, dass das Monster die restlichen Leckerbissen ebenfalls dort in den Keller schleifen würde, daher galt es, diesen schnell zu verlassen.
    So leise, aber schnell wie möglich, suchte sie in dem bestehenden Teil der Kirche nach der Treppe, die sie nach oben bringen würde. Sie musste sich ein Versteck suchen. Irgendetwas, das eine Explosion einigermaßen überstehen konnte. Aber als sie oben ankam, stellte sie lediglich fest, dass nur noch Segmente der alten Kirche standen. Von außen zunächst nicht umgehend ersichtlich, gab es beinahe kein Dach mehr, nur Bruchstücke des Gebälks mit Ziegeln und teils blanke Wände umrahmten das Innere, die wegen der teilweise erhaltenen Fenster den Eindruck erweckt hatten, es stand besser um das Gebäude. Hydes Kampfgeist kehrte dennoch zurück. Heute würde nicht der Tag werden, an dem sie den Löffel abgibt, nein. Sie hatte ein Toupet mit Cromwell zu rupfen. Dieser Kerl hatte sie in eine Todesfalle gelotst. Und er wusste darum!
    Hyde passierte den Altar, der gerade noch so erkennbar war und suchte etwas Deckung zwischen den herumliegenden Sitzbänken. Da trat das Alien auch wieder ins Innere. Es schien die Sonne zu meiden, denn es hatte sich die Kapuze seines zerfledderten Pullovers über den Kopf gelegt. Still schweigend tat Emilia einen Schritt nach dem anderen von dem Wesen weg, als sie plötzlich gegen einen Stein trat. Das Echo hallte zwischen den Wänden lauter wider, als es hätte nötig sein müssen.
    Nein!
    Vorsichtig lugte Emila um die Bank herum und sah, wie das Ding sich aufrichtete und sich umsah. Zunächst betrachtete es nur seine Umgebung, aber dann begann es sich, in leicht gebückter Haltung umzusehen.
    Hyde entschloss sich, den Rückzug anzutreten und schlich zur gegenüberliegenden Bank, um etwas Abstand zwischen sich und den Kannibalen zu schaffen. Aber es half alles nichts. Das Ding würde sie finden, also musste sie zunächst versuchen, die Situation zu beherrschen. Sie nahm einen tiefen Atemzug und stand auf.
    "S-Schönes Zuhause haben Sie da", sprach Emilia stockend und lenkte so die Aufmerksamkeit der Kreatur auf sich. "Es zieht etwas, aber ... das vertreibt schlechte ... Gerüche?"
    Das Wesen blieb stehen und betrachtete die junge Frau. Dabei klaffte immer mal wieder der Kiefer des Dings auf und zu, was ihn selbst unruhig wirken ließ. Als wusste es nicht, was es nun tun sollte.
    Emilia schluckte trocken.
    "I-Ich bin zwar keine Innenausstatterin, aber etwas Farbe würde den Wänden guttun. S-Steht das eigentlich unter Denkmalschutz? Nein?"
    Während die Kopfgeldjägerin redete, schritt sie vorsichtig Richtung Ausgang, kurz mit der Zeit im Auge, die ihren sicheren Tod bedeutete, wenn sie es nicht schaffte, einen Unterschlupf zu finden.
    "Was wollt ihr?", fragte die Kreatur mit kratziger Stimme, als sei es mal Kettenraucher gewesen.
    "Du-Du kannst reden? Das ist ja ... nicht noch unheimlicher, wow ... Also ... Wir, ich und die Kerle, die du getötet hast, wurden geschickt, um ein Alien einzufangen, aber ... das hat wohl nicht so gut funktioniert bisher."
    Immer noch schritt Emilia rücklings von dem Wesen weg, dabei versuchte sie, keine hektischen Bewegungen zu machen.
    Die Kreatur begann zu fauchen und öffnete noch ein Stück demonstrativ seinen Kiefer, während es plötzlich auf Emilia zuging.
    "Ich bin unbewaffnet!", erklärte Hyde und streckte ihre Arme leicht in die Luft, damit es sah, dass sie eigentlich keine Bedrohung darstellte. "Ich bin eine unbewaffnete Frau, die nicht vorhat, dich einzufangen!"
    Sichtlich überrascht legte das Ding seinen Kopf auf die Seite.
    "Sondern?", wollte es wissen, und Emilia erspähte links hinter sich die Treppe, die nach oben führte. Sie konnte nur beten, dass diese nicht mittendrin aufhörte, so wie alles in diesem Gebäude.
    Schnurstracks dreht sie sich um und rannte davon. Sie wusste nicht wohin, sie wusste nur, dass sie noch fünf Minuten besaß, bis ihr alles um die Ohren flog. So schnell sie konnte rannte sie die Treppe hinauf und hörte, dass das Wesen ihr folgte.
    "Hör auf, mir zu folgen!", schrie Emilia. "Ich will dir nicht wehtun müssen und ich hab dazu auch gar keine Zeit!"
    Zu ihrem Glück ging die Treppe weiter und führte so weit hoch, dass sie im Turm ankam, wo auch nur noch Bruchstücke vorhanden waren, aber zumindest stand dort das Dach noch. Eilig stieß Emilia die Tür auf und schlug sie gleich wieder hinter sich zu, um der Kreatur den Eintritt zu verwehren. Allerdings war es stärker als es aussah. Emilia konnte nur dabei zusehen, wie ihre Beine und Stiefel mit Leichtigkeit über den Boden geschoben wurden.
    "Ach, komm schon, das ist unfair!", krakeelte die Kopfgeldjägerin und ließ die Tür los, von der sich schnell rückwärts entfernte.
    Die Kreatur stieß die Tür ganz auf, richtete sich bedrohlich auf und knurrte sie weiterhin an. Dabei kam die junge Frau nicht umhin, das ganze Blut zu bemerken, das nicht nur an dessen Händen klebte, sondern auch sonst seinen halben Körper bedeckte.
    "Ich habe kein Interesse an dir!", erklärte Emilia. "Du bist mir scheiß egal! Ich würde nur gerne noch etwas leben. Lass mich einfach gehen!"
    "Und dann?", verlangte das Wesen zu wissen, während es sich Emilia näherte. "Kommen mehr?"
    "Mehr?", wiederholte Hyde und musste kurz lachen. "Nein. Es kommen nicht mehr, denn man hat meine Kameraden und mich hereingelegt. Das was kommt, ist das da!"
    Emilia zeigte auf die Rakete, die sich bereits im direkten Anflug befand und einen leicht sichtbaren Kondensstreifen am Himmel hinterließ.
    "Sie töten uns beide!"
    Ohne eine Antwort des Wesens abzuwarten, sprang Emilia durch einen breiten Riss in der Mauer des Turms auf einen winzigen Teil des noch stehenden Daches und schlitterte die Ziegel hinunter. Am Ende angekommen ergriff sie die rostige Regenrinne, die umgehend aus der Halterung gerissen wurde. Hyde schrie, was ihre Kehle hergab, und das war viel. Die Regenrinne brach vom Dach ab, machte eine 180°Wende und schleuderte Hyde durch ein großes Buntglasfenster der Kirche, wodurch sie in Begleitung von Lärm und fliegenden Glassplittern zu Boden stürzte. Zum Glück - eigentlich nicht - bremsten die herumliegenden Holzbänke ihren Fall. Stöhnend und vor Schmerzen windend, drehte sich Hyde auf den Rücken und versuchte, herauszufinden, ob sie stark verletzt war. Zwischen Geröll und Holzsplittern liegend, konnte sie das nicht sofort feststellen. Aber eigentlich besaß sie auch nicht die Zeit dazu. Die einzige Überlebenschance, die ihr noch blieb, war der Keller. Ziemlich ungelenk richtete sich Emilia auf und war sichtlich geschunden von ihrem Sturz. Blut lief an der Stirn hinunter, das rechte Bein tat ihr weh und auch ansonsten konnte sie jeden Knochen ihres Körpers spüren. Als sie sich an einer Bank festhielt, tropfte auch von ihrer rechten Hand genug Blut, um einen tiefen Schnitt zu markieren, den das Glas in ihre Handaußenseite gerissen hatte.
    "Die können mich nicht hinauswerfen und töten, ich kündige ...", nuschelte sie unter Schmerzen und versuchte, Richtung Kellertreppe zu humpeln.
    Unterdessen war die Kreatur wesentlich eleganter vom Dach gestiegen, indem es sich einfach an der Wand festhielt und diese kopfüber hinunter kletterte.
    "Na toll, Spiderman ist er auch", sprach Hyde mehr zu sich selbst als zum Wesen. "Hast du es immer noch nicht verstanden? Ich bin nicht dein Feind! Dieses fliegende Ding da draußen ist es aber."
    Unterdessen nahm Hyde ihren Kommunikator aus der Hosentasche und den Stöpsel aus dem Ohr. Falls sie es überleben sollte, wollte sie der VEN eine spätere Verfolgung nicht allzu leicht gestalten. Die Gerätschaften sollten zerstört werden.
    Das Ding lief dann an ihr vorbei, ergriff ihre linke Hand und zerrte sie mit in den Keller. Emilia konnte kaum schritthalten, da ihr Bein vermutlich verstaucht war, aber sie riss sich zusammen.
    "Wehe du frisst mich!", drohte sie in ihrer Verzweiflung. "Ich werde dir dann sowas von den Magen verderben, darauf kannst du dich verlassen!"
    Es vergingen nur wenige Sekunden, dann war der Aufprall der Rakete nicht nur zu hören, sondern auch zu spüren. Alles wackelte und versank in einer riesigen, heißen Staubwolke. Überall brachen hörbar Bauten ein, die zuvor noch gestanden hatten und auch der Keller gab leicht nach, indem Deckenteile hinunterkrachten. Gerade noch im Gewölbe angekommen, erfasste sie die Druckwelle von außen und knipste ihr zunächst die Lichter aus.

    "Habent sua fata libelli."

    ("Bücher haben ihre Schicksale.")

    - Terentianus Maurus

  • Das Geräusch von berstendem Glas und Scheppern von Metall hallte durch die teilweise aufgebrochenen Straßen der Stadt, als die Frau wenig elegant durch das Fenster bugsiert wurde und in drei Fahrräder klatschte, die irgendein Vollidiot dort geparkt hatte.
    „Dir bringe ich Manieren bei, Mädchen.“
    Atharra stöhnte schmerzverzehrt und öffnete langsam die Augen. Der fette Kopf eines Warzenschweines steckte den Kopf durch das kaputte Fenster und zeigte ihr schwarzmodrige Zähne. Das Gesicht war zerknautscht, als hätte das Schwein versucht seine Stalltür mit dem Kopf zu öffnen – mehrmals.
    „Versprich nichts, das du nicht halten kannst, Warzenschwein“, lachte Atharra, während sie aus dem verbogenen Metall herauskroch.
    Rot flackerte Wut in dem Faltenteppich.
    „Wie hast du mich genannt?“ Er schwenkte die Faust bedrohlich durch die Luft.
    „Warzenschwein“, wiederholte Atharra ungerührt. In aller Ruhe fischte sie nach dem Flachmann an ihrem Gürtel und nahm einen Schluck. Der Selbstgebrannte ihres jüngsten Bruders rann ihr den Hals hinunter, während sie dabei zusah, wie sich das Schwein durchs Nadelöhr presste.
    „Na warte, das bezahlst du teuer!“, brüllte es dabei.
    „So viel bist du nun auch nicht wert.“ Atharra zuckte die Schultern. Dann blieb das Schwein im Nadelöhr stecken.
    Fäuste flogen in Atharras Richtung, doch keine davon fand ihr Ziel - trat sie einen Schritt zurück.
    Hinter dem Kerl erklang lautes Gelächter.
    Gelassen nahm die Sammlerin noch einen Schluck. Zwar war sie kein Fan des Selbstgebrannten ihres Bruders, aber es schmeckte noch immer besser als die Plörre, die sie ihr in diesem Saftladen als Bier verkaufen wollten. Das Zeug wollte vielleicht einmal Bier werden, war aber noch vor dem Gären des Hopfens falsch abgebogen, ohne es bemerkt zu haben und dann eifrig in Richtung widerlich gerannt.
    Atharra zuckte die Schultern. Es war nicht ewig schade rum.
    Als sie gedanklich in die richtige Zeit zurückkehrte, hatte das Schwein bereits bemerkt, dass es feststeckte und brüllte nun noch wütender umher. Auf der anderen Seite des schmalen Fensters schienen einige der Besucher der Absteige zu versuchen, den Kerl aus seiner Lage zu befreien. Nur schien es, als waren sie sich nicht sicher, ob sie drücken oder schieben sollten.
    „Erstaunlich“, meinte sie, „wie es Menschen in der heutigen Zeit, abseits der großen Städte noch schaffen, so ein Volumen zu halten.“ Es juckte sie in den Fingern, dem Kerl nochmals in den speckigen Unterleib zu pieken. Der Grund, dass es zu dieser aberwitzigen Situation gekommen war.
    „Na warte, wenn ich hier rauskomme, dann … “
    Atharra lachte auf.
    „ … dann werde ich leider nicht mehr hier sein.“ Sie hob ihren Metallarm zum Gruß, ehe sie sich abwandte. „Hat Spaß gemacht, aber ich muss dann mal. Ich habe einen wichtigen Termin, den ich nicht verpassen darf.“ Es schien erstaunlich, sie hatte das erste Mal in ihrem Leben eine Kneipenschlägerei gewonnen. Ein Hoch auf das schmale Fenster.
    Hinter ihr tobte es, was Atharra genauso lang ein Grinsen ins Gesicht zeichnete, bis es laut krachte und die Taverne durch das Fenster im Erdgeschoss einen hautfarbenen Klumpen auf die Straße kackte. Die Fahrräder verschwanden komplett.
    Atharra hob die Augenbrauen. Sie versuchte ihre Chancen neu berechnen. Als sie aber sah, wie das Warzenschwein sich in eine äußerst unförmige Schildkröte verwandelte, entschied sie, dass sie es dabei belassen konnte.
    „1 zu 1209“, feierte sie ihren Sieg, ehe sie doch die Beine in die Hände nahm und über die unförmige Straße davonhumpelte. Das metallene Popp ihres Beines mischte sich dabei wunderbar in das Gebrüll des Kneipenwirts.
    Wie gern hätte sie in diesem Moment ihren Jeep, mit welchem sie in diese Stadt gekommen war. Aber wegen der aufgebrochenen Straßen, konnte man das Fahrzeug in der Stadt vergessen.
    Aus ihrer Hosentasche holte sie eine Taschenuhr, die sie irgendwo gefunden und wieder auf Vordermann gebracht hatte.
    „Das wirst du noch bereuen!“, hörte sie das Schwein brüllen. „Hör auf meine Worte! Wir werden uns wiedersehen.“
    Ohne sich umzudrehen, verschwand Atharra in der nächstbesten Gasse.
    „Das will ich doch hoffen“, flötete sie noch.


    Es dauerte nicht sehr lang, bis sie an ihrem Wagen angekommen war. Es stand noch immer an der gleichen Stelle, an der sie es abgestellt hatte. In der Werkstatt eines Kerls, der sein Geschäft in einer dunklen Seitenstraße betrieb und bei dem ein muskelbepackter Kerl mit Narben und Tattoos vor dem Eingang herumlungerte.
    „Ciarán, da bist du ja“, sprach ein Mann, der mit dreckigen Hosen und Öl an den Händen auf sie zukam.
    Atharra ignorierte ihn und lief auf ihren Jeep zu.
    „Hast du alles verkauft?“, wollte sie wissen, während sie durch das Fenster ihre Rückbank betrachtete.
    Aus dem Augenwinkel sah sie wie der Dreckige nickte und sich die Hände an einem Fetzen Stoff sauber wischte.
    „Waren wirklich gute Sachen dabei. Wurde mir regelrecht aus den Händen gerissen.“
    Eigentlich war es Atharra lieber, wenn sie ihre Sachen selbst an die Leute herantrug, aber manchmal brauchte sie die Hilfe der Ortskundigen einfach und es gab niemanden, der sich auf dem Schwarzmarkt in dieser Stadt besser auskannte, als Bob.
    Der Hinterhofhändler suchte in der Tasche seiner Latzhose und hielt Atharra dann noch einen Fetzen Papier entgegen.
    Was soll das sein?“ Atharra fingerte nach dem Zettel. „Wenn da wieder ein plumper Versuch ist, mir deine Funknummer anzudrehen, dann pustet dir mein Colt das Hirn aus dem Schädel.“
    Wieder lachte Bob, wodurch seine schiefen Zähne zum Vorschein kamen.
    „Mach dich nicht lächerlich.“ Er hielt inne und griff sich an den linken Arm. „Ich habe daraus gelernt.“
    Mit gekräuselter Stirn betrachtete Atharra die Zahlenfolge auf dem Papierfetzen. Die Frequenz eines Funkgerätes war es wirklich nicht. Aber auch sonst konnte sie damit nicht viel anfangen. Wertlos.
    „Weißt du, mein Leben wäre sehr viel einfacher, wenn ich auch nur Zahlen auf einen Zettel krakeln müsste und könnte mir davon mein Essen kaufen.“
    „Das ist nicht nur irgendeine Nummer“, meinte Bob und tippte mit dem Zeigefinger auf dem Papier herum. „Einer der Käufer hat ihn mir gegeben. Das ist ein Code.“, meinte er.
    Atharra hob die Augenbrauen.
    „Ein Code für was?"

    Bob zuckte die Achseln.
    „Wenn ich das wüsste. Der Kerl, der ihn mir gab, sah ziemlich wichtig aus. Vielleicht solltest du die Zahlen mal von einem Profi prüfen lassen.“
    Atharra hielt inne, als sie von draußen Stimmen hörte. So ein Mist. Eilig stopfte sie den Zettel in ihre Tasche und sprang dann über die Tür ins Innere ihres Jeeps. Ihre Zeit wurde langsam knapp.
    „Okay, ich nehme das diesmal an, aber wehe, du hast mir wieder in den Tank gepisst, statt ihn mit richtigem Benzin zu füllen, dann mache ich Schweizer Käse aus dir.“
    Atharra grinste spitz. Sie presste den Hebel in den ersten Gang und ließ den Motor aufheulen. Als sie losfuhr, rollte sie Bob beinahe über die Füße, weshalb dieser zurückspringen musste.
    Sie fuhr an Pepe am Eingang vorbei und blickte dann in die Gasse, in die Richtung, aus der sie Minuten zuvorgekommen war. Tatsächlich schob sich dort gerade ein breiter Schatten ins Bild. Ein dickes Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht, während sie laut winkend auf sich aufmerksam machte.
    „Da bist du ja!“, hörte sie das Schwein noch brüllen, während sie mit quietschenden Reifen in die andere Richtung davonfuhr.
    „Bob wird meine Schulden zahlen“, rief sie noch, dann war sie außer Hörweite.
    Wenn der Kerl ihr schon nur ein wertloses Stück Papier gab, statt dem üblichen nutzlosen Schrott, dann konnte er auch Herrn Fettschwabbel für sie bezahlen.



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Mit einem kaum hörbaren Surren drehte sich die Kamera und erfasste die Person, die sich dem Hauseingang näherte.
    Curtes schielte auf den Überwachungsmonitor und sein linker Mundwinkel hob sich frech, als er auf die Entertaste drückte. Jetzt war der Moment gekommen, seinen neuesten Einbau zu testen. Neugierig beugte er sich dem Monitor entgegen und beobachtete das Schauspiel, das er gleich zu sehen erhoffte. Mit einem weiteren Tastenschlag zoomte er mit der Kamera auf die Gestalt, die nun vor der Haustür stand.
    Zu sehen, dass diese wohl Probleme damit hatte, die Haustür zu öffnen, gab ihm die Bestätigung, dass die Verriegelung das tat, was sie tun sollte.


    “Kurt Schnellbesen!”
    Curtes schreckte zurück, als das Gesicht einer alten Frau übergroß auf dem Bildschirm auftauchte.
    “Ich bin nicht dein Versuchskaninchen!” Wütend fuchtelte sie mit ihren Händen, während sie unmissverständliche Worte aussprach und ihm befahl, sofort mit seinem Spielchen aufzuhören; sprach Drohungen aus, was mit ihm passieren würde, wenn er nicht auf sie hörte.
    “Sein Name ist nicht Kurt”, erklang eine künstlich klingende, daher emotionslose Stimme und die Dame schoss herum.
    Vor ihren Augen schwebte eine Drohne in sicherer Entfernung.
    “Susi!”, zischte die Frau. “Mach’ dir Tür auf, sonst zieh ich dir den Akku!”, drohte sie weiter.
    “Das kann ich nicht.”
    “Kurt!”, wandte sie sich wieder der Kamera zu. “Ich komme in dieses Haus, und wenn ich drin bin, ziehe ich dich raus auf den Versammlungsplatz!”
    Kaum, dass sie es ausgesprochen hatte, hörte sie die Entriegelung der Tür. Eine Drohung die bei ihrem Enkel immer wirkte. “Und jetzt hilf mir mit den Einkäufen!”


    Seufzend versperrte Curtes mit einer Tastenkombination seinen Computer und stand auf. Er verstand einfach nicht, wieso seine Großmutter immer wieder wegen seinen Erfindungen meckerte. Schließlich baute er diese ja nicht, um sie zu ärgern, sondern um sie zu beschützen.
    Für ihn war alles, was sich auf der anderen Seite der Haustür befand eine große Gefahr. Auch wenn sie bisher nie das erlebt hatte, was er bereits in jungen Jahren hatte erleben müssen, so wäre es ihm am liebsten, dass auch sie das Haus nicht verlassen müsste oder würde.
    Sein Großvater hatte nicht umsonst den Keller in einen sicheren Bunker umgebaut, der es auch erlaubte, Lebensmittel für einen langen Zeitraum zu lagern, um im Falle einer weiteren Apokalypse zu überleben. Sie müssten die Kühlkammer und Regale nur entsprechend auffüllen und bräuchten dann über mehrere Jahre hinweg ihr Heim nicht mehr verlassen.
    Großmutter Yvette aber bestand auf soziale Kontakte, die sie nicht hätte, würde sie nie wieder nach draußen gehen. Auch das konnte Curtes nicht nachvollziehen. Immerhin war eine Kommunikation zu anderen möglich, ohne dass man ihnen gegenüber stand.
    Außerdem, so fand er, was das viel Gesünder. Denn Menschen trugen bekanntermaßen Keime und Viren mit sich herum. Die Gefahr, sich also bei ihnen anzustecken war dann gleich Null.
    Und man müsse die abfälligen Blicke nicht sehen, oder ertragen. Und berührt, oder geschlagen werden konnte man auch nicht.


    Bevor er Yvette half, zückte Curtes ein kleines Gerät aus seiner Hosentasche und tippte auf der Tastatur herum.
    “Ich will dich nicht ärgern”, ertönte die künstliche Stimme aus dem kleinen Sprachcomputer.
    “Ich weiß doch”, antwortete sie ihm und tätschelte liebevoll seine Wange; untermalt mit einem ebensolchen Lächeln. “Und jetzt hilf mir, bitte. Ich hab’ den ganzen Kram schon hierhin geschleppt.”
    Stumm nickte Curtes und packte mit an. In der Küche griff er erneut nach seinem Kommunikator, nachdem er die zwei Tüten auf die Anrichte gestellt hatte. “Wieso benutzt du nicht den Wagen, den ich dir gebaut habe?”
    “Das ist mir zu umständlich. Ich kann mir einfach nicht merken, wie dieses Teil funktioniert. Und bis es dann mal zwei Meter gefahren ist, war ich dreimal einkaufen.”
    “Du musst ihm doch nur sagen, wohin er fahren soll und er fährt von alleine”, gab er erneut ein und tippte schon den nächsten Satz.
    “Ich bleibe beim Altbewährten. Das hält mich jung”, unterbrach sie ihn und legte ihre Hand auf seine, damit er mit dem Tippen aufhörte. “Was möchtest du heute Essen, mein Junge?” Dass Curtes selbst nach ihrer Berührung die Stelle mit einem Tuch reinigte, ignorierte Yvette genauso, wie die Tatsache, dass er nicht angefasst werden wollte.


    Bevor er jedoch über seinen Kommunikator antworten konnte, ertönte ein alarmierendes Piepen und schreckte ihn auf. Sofort eilte er die Kellertreppe wieder nach unten, warf sich förmlich in seinen Stuhl und entsperrte hastig den Computer mit seinen üblichen, langen und hieroglyphischen Passwörtern.
    “Ihr Ficker!”, fluchte er vor sich hin und begann wild auf die Tatstatur einzuhämmern. Das Militär kam seiner versteckten Backdoor gefährlich nahe. Kontern konnte er nur, wenn er eine zusätzliche Schleife um sein Türchen legte, die die feindliche Software umleitete und in ein Labyrinth fühte.
    “Noob”, grinste er schelmisch vor sich hin und erheiterte sich an dem Spiel mit dem unbekannten Gegenüber. Dieser merkte ganz gewiss, dass er geblockt wurde, würde aber so schnell nicht ausfindig machen können, woran es lag. “Und jetzt nimm das!” Einmal kräftig schlug Curtes auf die Entertaste und im selben Moment stoppte auch der warnende Piepton.
    Der Pfad, den der Spezialist des Militärs gegangen war, hatte Curtes so umstrukturiert, dass er ihn so schnell nicht nochmal finden würde.
    Zufrieden griff er nach seinem Nasenspray, inhalierte den Inhalt einmal kräftig und ließ sich entspannt in seinen Stuhl zurückfallen. “Acer hat dich gefickt, mein Freund.”
    Ein bisschen bedauerte er es jedoch, dass das Spielchen schon wieder vorbei war. Denn er belustigte sich immer wieder gerne an einem Duell gegen einen anderen Hacker. Bisher aber gab es nur drei Menschen, die ihm das Wasser reichen konnten. Und keiner von ihnen würde je für das Militär arbeiten, dem war sich Curtes sicher.

    The tiger and the lion may be more powerful...
    ... but the Wolf does not perform in the circus.

  • Hustend schob er Geröll und Staub von sich, als das Grollen der fallenden Steine sich gelegt hatte. Er hatte es geschafft sich selbst und dir bewusstlose Frau weit genug in seinen Keller zu befördern um sich vor den unmittelbaren Auswirkungen der Explosion in Sicherheit zu bringen. Der Tunnel hinter ihnen war zusammengefallen, aber das Gewölbe direkt über ihnen hatte standgehalten. Weitestgehend. Die junge Frau, lag unter einem Holzbalken und ein paar Steinen begraben, aber schien soweit unversehrt. Nur ein paar Lichtstrahlen fielen durch einen kleinen Riss in der Decke und erlaubten ihm so, seine Begleiterin zu sehen.
    Sie trug dieselbe Kleidung wie die Männer, die sie begleitet hatten, trug jedoch im Gegensatz zu jenen keine Waffe mit sich. Dies war auch der Grund, warum er beschlossen hatte, mit ihr zu reden und sie nicht genauso zu beseitigen.
    Er näherte sich ihr und brachte sein Gesicht dicht an ihres heran. Ihre Haut war ebenmäßig und hell, wodurch sie sehr jung wirkte. Erneut hustete er und strich mit seiner krallenbewehrten Hand neugierig über die weiche Wange der Frau.
    Daraufhin stöhnte sie leicht auf und öffnete die Augen. Es dauerte einen Moment, ehe sie ihn erschrocken anstarrte und zurückzuweichen versuchte. Schnell stellte sie fest, dass sie nicht weit kam und stieß mit dem Kopf an dem Geröll hinter sich an.
    „Lass deine dreckigen Griffel von mir!“, fauchte sie und schlug seine Hand weg.
    Leise knurrend zog er seine Hand weg und legte den Kopf etwas auf die Seite.
    Plötzlich begann sein Gegenüber lauthals zu schreien, woraufhin er irritiert etwas zurückwich.
    Was ist das?“, schrie sie und schien mit einer Person zu ihrer Linken zu reden.
    „Ich weiß es nicht!“, beantwortete sie ihre eigene Frage.
    „Was ist hier los?!“
    „Das, kann ich dir allerdings sagen ...“, meinte die Frau zu sich selbst und erzählte von den vorangegangenen Vorkommnissen.
    Fasziniert und verwirrt von der Frau, die offensichtlich mit sich selbst diskutierte musterte er sie.
    „Es hat alle Soldaten getötet?“, wollte die unwissende Hälfte wissen.
    „Wir sollten es vielleicht nicht 'es' nennen. Wir wollen es … ach verdammt … ihn?“
    Offenbar einig darin, nicht weiterzuwissen, starrte sie ihn fragend an, was er ebenso erwiderte und mit einem röchelnden Knurren bedachte.
    „Na toll, siehst du, jetzt haben wir es verärgert“, stellte die sicherere Hälfte fest, woraufhin die andere etwas winselnd fragte, ob 'es' sie nun auch töten würde.
    „Das hätte es schon mehrfach, wenn es das gewollt hätte, glaub mir.“
    Sie begann zu weinen und wimmern, woraufhin ihre Emotionen sofort wieder verstummten.
    „Nein Jackel … tu das nicht. Du wei-“
    „Dass du nie zu Wort kommst, wenn ich heule?“
    „Genau.“
    Er fragte sich, was mit der jungen Frau nicht stimmte und betrachtete das Schauspiel.
    „Was bist du … ihr?“, fragte er dann mit kratziger Stimme und hustete kurz.
    „Das fragt gerade das Richtige!“, maulte sie sicherer erscheinende Stimme, woraufhin die Frau ihren Kopf leicht senkte und mit weinerlicher Stimme weitersprach.
    „Wir sind zwei Menschen in einem Körper."
    „Zwei ziemlich unterschiedliche Menschen.“
    „Das kannst du an unseren Augen erkennen. Ich, Emilia Jackel, habe braune Augen, Emilia Hyde hat blau-graue Augen.“
    „Sie ist eine Heulsuse und ich nicht.“
    Überfordert mit der doppelten Persönlichkeit vor sich hustete er erneut und musterte die tatsächlich unterschiedlich farbigen Augen der Frau, die scheinbar Emilia hieß … oder hießen. Er war sich nicht ganz sicher.
    „Du … ihr blutet“, merkte er an und öffnete nervös den zusätzlichen Kiefer, der im geschlossenen Zustand an eine Narbe am Kinn erinnerte.
    Ein spitzer Schrei entfuhr Emilia – offenbar Jackels Hälfte.
    „Was ist mit seinem Gesicht?!“, wollte sie wissen, woraufhin prompt Hydes humorlose und präzise Antwort kam.
    „Es ist so etwas wie ein Menschenfresser!“
    „EIN WAS? Und wir bluten? Wo?“, keifte Jackel und begann ungelenk ihren Körper abzutasten.
    „Am Kopf und an deiner Hand.“
    „Warum immer meine Seite?“, jammerte die weinerliche Hälfte Emilias.
    „Weil wir beide leider Rechtshänder sind, wenn wir alleine agieren.“
    Einen Moment war es ruhig, ehe die beiden unterschiedlichen Augen ihm fixierten.
    „Willst du uns jetzt doch fressen?“, fragte Jackel mit zitternder Stimme.
    Er wusste nicht, wie er mit seinem Gegenüber umgehen sollte. War sie Futter? Feind? Oder gar Freund? Auf jeden Fall war sie interessant, weshalb er beschloss, zu sehen, wohin das Gespräch ihn führte.
    „Noch nicht“, stellte er klar und musterte Emilia. „Warum bist du zwei?“
    „Noch nicht? Wie beruhigend!“, winselte Jackel, woraufhin er sich wunderte, wie schnell sie zu beruhigen war – und warum sie dann noch so jämmerlich klang.
    Emilia griff sich mit der linken Hand an den Hinterkopf drehte ihren Kopf. Mit den Fingern schob sie ihre Haare auseinander und offenbarte eine kreisrunde kahle Stelle.
    „Wir haben eine Gemeinsamkeit ... wir mögen keine Schusswaffen“, meinte sie mit sicherer Stimme und wurde kurz darauf wieder etwas unsicherer..
    „Als wir jünger waren, bekamen wir in den Kopf geschossen. Dabei ist wohl etwas ... kaputtgegangen.“
    „Aber wir leben immerhin.“
    „Wenn du das ab jetzt leben nennst. Ich bin meinen Job los und vermutlich werden wir gejagt.“
    „Könnte schlimmer sein“, antwortete Hyde und zuckte mit der Schulter.
    „Schlimmer?“
    „Wir könnten an seinem Wasserrohr hängen ... als Snack.“
    Er versuchte ihren schnellen Worten und Persönlichkeitswechseln zu folgen, merkte aber schnell, dass es ihm schwerfiel. Vielleicht sollte er sie doch zum Futter erklären, immerhin war es ihre Schuld, dass sein Vorrat nun verschüttet und vermutlich ungenießbar war.
    „Ob du es mir glaubst oder nicht, das wäre mir gerade beinahe lieber“, nuschelte Jackel, woraufhin sofort Hyde wieder das Wort ergriff.
    „Und was bist ... du?“
    „Das weiß ich nicht“, gab er zu und näherte sich ihrem Gesicht. Er starrte sie an und versuchte, das Wesen vor sich zu verstehen und ihm Informationen zu entlocken. „Ich habe gehofft, das konntest du mir sagen … ihr.“
    Immerhin war sie mit den anderen gekommen um ihn einzufangen oder zu töten, da lag der Verdacht nahe, dass sie mehr über ihn wusste. Wussten.
    „Komm mir mit deinem Mund nicht zu nahe!“, flehte Jackel beinahe und wich seiner Nähe aus.
    "Tut mir leid. Ohne ein paar Hintergrundinformationen, sind wir beide vermutlich vollkommen ahnungslos“, kam ihr Hyde zu Hilfe.
    „Wir haben nicht die geringste Ahnung.“
    Offenbar waren die beiden sich einig, denn Emilia nickte bestimmt vor sich hin.
    „Aber Jackel ist immerhin hilfreicher als ich“, merkte Hyde an. „Sie ist die Ärztin von uns beiden.“
    Bei der Erwähnung ihres Berufs, wurde er hellhörig. Die Weißkittel, die er vor seiner Flucht kennengelernt hatte, hatten sich auch als Ärzte bezeichnet. Er hatte keine guten Erinnerungen an sie. Knurrend öffnete er den Kiefer ein Stück und offenbarte ihr etwas mehr von ihrem möglichen Ende.
    „Ärztin ...“, zischte er durch den Schlitz an seinem Kinn und näherte sich ihrem Gesicht ein Stück.
    „Ich glaube, es mag deinen Beruf nicht“, murmelte Hyde eindringlich.
    „I-Ich bin medizinischer Offizier eines Raumschiffes. Ich kümmere mich um verletzte Soldaten! Das ist doch nichts Schlechtes. Warum werde ich angeknurrt?“, wimmerte Jackel. „Hyde ist die, die dich einfangen wollte. Ich habe nichts damit zu tun. Ich helfe anderen!“
    Sie starrte ihm angestrengt in die Augen um dem Anblick seines Mundes zu entgehen.
    „Geeeeeeh weg!“, brachte Jackel anschließend etwas lauter hervor und klang beinahe flehend.
    Hyde hingegend presste ihren Finger gegen seine Stirn und schob ihn ein Stück von sich.
    „Mal im Ernst, Mojo, das ist zu nah. Einer Frau kommt man nicht zu nahe, wenn sie es nicht will“, erklärte sie. „Und Jackel will das so gut wie nie!“
    „Vor allem riecht er wie eine Restmülltonne, die seit Wochen in der prallen Sonne stand!“
    Er drehte den Kopf kurz zur Seite, um der verhassten Berührung zu entgehen und fauchte sie mit weit aufgerissenem Kiefer an. Selbst seine Zunge spaltete sich während der offensichtlichsten Drohgebärde, zu der im Stande war.
    „Wer hat euch geschickt?“, wollte er dann wissen.
    Panisch begann Jackel zu weinen und schloss ihr eines braunes Auge.
    „Es wäre leichter ... mit dir zu reden, ... wenn du Jackel nicht ... so eine heiden Angst ... machen würdest“, bemühte sich Hyde, etwas zwischen dem Gewimmer ihrer anderen Hälfte zu sagen.
    „Seine Zunge sieht aus wie ein fleischfressender Kaktus!“, stellte Jackel weiterhin weinend fest und eine Träne ließ ihr über die Wange.
    „Jetzt beruhige dich. Noch hat es uns nicht gefressen.“
    „Darauf zu warten, dass es das macht, ist reinste Folter!“
    Er schloss seinen Mund, als er einsah, dass es Emilias hilfreicher Hälfte leichter fallen würde, ihm Informationen zu geben.
    „Wer hat euch geschickt?“, wiederholte er die noch unbeantwortete Frage energischer.
    „Die VEN. Das ist die militärische Macht auf diesem Planeten. Sie beschützt und verteifigt diesen Planeten hier.“
    „Ja, ich versorge ihre Verletzten und Hyde findet Menschen für sie, die sie suchen.“
    Er schwieg einen Moment und musterte die seltsame Frau vor sich. Es gab nicht vieles, was er in seiner Zeit der Gefangenschaft gelernt hatte. Die Welt außerhalb der Labore war ihm unbekannt, genau wie die Natur eines Menschen, der keinen weißen Kittel trug – für ihn waren sie zuerst einmal Nahrung. Doch eine Sache war ihm in all den Jahren klar geworden, die ihre Aussage nur noch verwirrender machte.
    „Ich bin kein Mensch.“

    "Deine Augen zeigen nur Lügen! Nur sein Geschenk wird die Wahrheit offenbaren!"

    - Mileon Kheleron Onmor Akhol Ravareen, Knochenwandler der Kinder der Knochenspinne


    "Ich bin die letzte lebende Vertreterin meiner Familie. Dafür habe ich gesorgt!"

    - Yersinia Aurelia Empera Akhol Ravareen, Königin der Pestilenz der Kinder der Knochenspinne



    Die Flammen von Narak
    Chaotische Kurzgeschichten

  • Jackel atmete tief durch, als sie merkte, wie sich Hyde in das Innere ihres Kopfes zurückzog. Nun war sie alleine ... mit einem Monster. Aber bevor sie erneut zu Weinen anfing, riss sie sich zusammen und atmete tief durch. Sie versuchte, in dem Ding vor ihr, eine andere Lebensform zu sehen, auf welche sie schon sehr oft getroffen war. Zwar versuchten jene, sie nicht zu fressen, aber auch das musste Emilia hinten anstellen, wenn sie nicht noch in Hydes Kampfanzug pinkeln wollte.
    Für die junge Frau fühlte es sich an, als liefe sie Gefahr, das falsche Kabel einer Bombe durchzuschneiden, wenn sie etwas Falsches sagte, aber sterben würde sie auch so, wenn sie dort liegenblieb.
    "Sie werden kommen und nachsehen, ob wir tot sind", merkte die Ärztin leise an. "Die VEN, meine ich. Sie überlassen nichts dem Zufall. Wir sollten ... verschwinden."
    "Wohin?", wollte das Wesen wissen und mustert sie ruhig.
    Das war eine gute Frage ... eine sehr gute Frage, über die Jackel erstmal nachdenken musste. Als Hyde ihr von der Mission erzählte, hatte jene erwähnt, wo der Auftrag stattgefunden hatte, daher ...
    "Wir müssen nach Norden. Irgendwo dort gibt es eine kleine Siedlung. Vielleicht können wir uns dort erstmal verstecken und finden jemanden, der uns hilft. Immerhin können wir nicht als wir selbst herumlaufen. Wir brauchen ... neue Klamotten und ... so etwas. Du brauchst vor allem erst einmal etwas, das die Bezeichnung von Kleidung überhaupt verdient. Wobei ich dankbar bin, dass du das Konzept dessen überhaupt verstanden hast, wenn du kein Mensch bist."
    Ein hysterisch, unsicheres Lachen folgte von Emilia und sie versuchte, sich aufzurichten. Das war mit all dem Geröll gar nicht so leicht, aber da sie nicht allzu verletzt schien, gelang es ihr.
    Das Ding schaute sie noch kurz an, während sie sich aufrichtete und begann dann, zu graben.
    "Und wie nennt man dich?", wollte sie wissen, damit sie es nicht immer "Monster" oder "Ding" in ihren Gedanken nennen musste. Innerlich beschloss sie aber zunächst, dass es sich bei ihm um einen Er handelte. Körperbau und Stimme sprachen dafür.
    "Ich weiß nicht", antwortete es und zerrte an einem Balken herum. "Sie nannten mich 'Hundertsiebenunddreißig'."
    "Eine Nummer. Naja, das spricht schon dafür, dass du kein eigenständiges Wesen bist, sondern vielmehr ein ... Erfindung."
    Jackel half etwas und nahm ein paar lose Brocken zur Hand, um sie an das andere Ende des winzigen Raumes zu legen, der ihnen geblieben war. Hundertsiebenunddreißig legte unterdessen den Balken achtlos zur Seite.
    "Und das heißt?", hakte er nach, ohne sie anzusehen - was ihr ganz recht war - und kümmerte sich weiter um einen Ausgang.
    "Naja ...", setzte Jackel unsicher an, weil sie nicht wusste, ob er hören wollte, was sie zu sagen hatte. "Das heißt, ein Teil von dir kann sehr wohl menschlich sein. Wahrscheinlich sogar über neunundneunzig Prozent. Der Rest ist etwas anderes und lässt dich so aussehen wie du aussiehst und sein wie du bist. Es bedeutet, dass dich Menschen hergestellt haben, einen Hybriden, dessen Zweck oder Verwendung mir nicht bekannt ist."
    Urplötzlich wandte sich Hundersiebenund-geht-das-nicht-kürzer ihr zu und starrte sie mit seinen gelben Schlangeniriden an.
    "Kannst du das herausfinden?", wollte er wissen, und Jackel hielt erschrocken inne.
    "Ich? Öhm ... Ja, das kann ich. Wenn ich die Geräte dazu hätte, könnte ich womöglich sogar deine DNA-Spender herausfinden, dein Alter und ... eigentlich alles. Nur von hier aus geht das natürlich nicht. Ich brauche ein Labor. U-Und ich müsste bis dahin am Leben bleiben."
    "Ich gehe nicht mehr in ein Labor!", meinte er dann und grub weiter.
    "Du musst ja auch nicht mitkommen", erwiderte Emilia nuschelnd. "Es reicht, wenn ich ein paar Zellen von dir isoliere. Dazu reicht Speichel, Blut oder ..." Sie musterte ihn noch einmal. "Sagen wir Speichel oder Blut!"
    Haare besaß er ja anscheinend keine.
    "In Ordnung", stimmte er schließlich zu, und Jackel hoffte, dass das ebenso bedeutete, sie vorerst am Leben zu lassen.
    Nach einiger Zeit schafften sie es, sich einen kleinen Tunnel zu graben, der sie nach draußen brachte.
    Die Bombe, die VEN auf sie losgelassen hatte, hatte in einem Radius von zwei Kilometern alles dem Erdboden gleichgemacht, sodass Emilia sich kurz am Nachthimmel orientieren musste, damit sie nicht noch in die falsche Richtung liefen.
    Dennoch mussten sie sich beeilen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann VEN dort nach ihren Leichen suchen würde - und keine fanden.
    Humpelnd und ungelenk folgte Emila dem Hybriden, der etwas schneller zu Fuß war, was er auch anmerkte.
    Die Ärztin konnte ohne Schmerzmittel aber keine Abhilfe schaffen, was ihre Gehbehinderung anging. Die Verstauchung würde sie noch eine ganze Weile verlangsamen.
    Die Wolkenkratzer in etwas Entfernung konnten aber eventuell gegen aufkommenden Durst und Schmerzen Abhilfe schaffen, wenn sie nicht vollständig geplündert worden waren. Humane Reisende und Sucher in der Zone nahmen oftmals nur mit, was sie brauchten und ließen Kleinigkeiten für andere zurück. Ein ungeschriebenes Gesetz unter den Bewohnern, was aber nicht alle Plünderer einhielten. Emilia musste auf etwas Glück hoffen.
    "Können wir dir nicht einen anderen Namen geben?", wollte Emilia irgendwas wissen. "Für eine passende Identität brauchen wir ohnehin einen und der andere ist eindeutig zu lang."
    "Mach doch", erwiderte er desinteressiert und musterte ihren Arm.
    "Ich?", hakte sie noch einmal nach. "Ich soll das machen? Du musst doch dann auf den Namen hören und dir muss er gefallen, also ..."
    Sie verschränkte automatisch ihre verletzte Hand auf den Rücken. Sie wollte sie nicht noch abgebissen bekommen.
    "Ich kenne keine Namen." Er hielt kurz inne und betrachtete nur ihren linken Arm. "Was sind das für Bilder?"
    Verwirrt darüber, dass ihn nicht die Verletzung, sondern die Tätowierungen interessierten, atmete sie erleichtert durch.
    "Achso, die", sprach sie lachend. "Das sind Tätowierungen. Hyde hat sie machen lassen und für die linke - ihre - Körperhälfte habe ich es ihr erlaubt. Das sind Muster oder Bilder, die eine tiefere Bedeutung für den Träger haben. Für Hyde ist das der einsame Wolf und so etwas. Sie vertraut keinem und arbeitet lieber alleine. Das lassen sich die Menschen freiwillig auf die Haut malen, für die Ewigkeit. Also, solange sie leben ... Hyde kennt vermutlich auch mehr Männernamen als ich."
    "Ich habe auch so eine ... Tätowierung."
    Emila sah den Hybrid an und dieser offenbarte ihr danach seine vollständige Produktnummer, was ihre Theorie noch einmal untermauerte.
    "Das ist nicht das gleiche", erklärte sie jedoch. "Deine war sicherlich nicht freiwillig. Sie beschreibt die Forschungsreihe. Du stammst aus der Reihe C und du bist das hundertsiebenunddreißigste Modell. Was mich mitunter noch mehr beunruhigt, sollte es mehr wie dich geben."
    "Gibt es nicht!", antwortete C und Emilia sah ihn an.
    "Da bist du dir sicher?", wollte sie wissen, denn anhand seiner Gefangenschaft konnte das mitunter unmöglich sein, dass er das explizit sagen konnte.
    "Sie sagten immer, ich wäre der einzige Erfolg. Der Rest war ... Nahrung."
    "O-kaaaay", antwortete Jackel gedehnt und mehr als verunsichert. "Seine eigene Art essen lassen, das ist ja kein bisschen abscheulich ... Kein Wunder halten sie dich geheim. Das Vorgehen deiner Erschaffer verstößt so ziemlich gegen alles, was die Ethikkommission jemals beschlossen hat."
    "Die was?"
    Jackel überlegte, wie sie das am besten erklären sollten.
    "Es gibt einen Rat aus Menschen, die noch über Firmen und Gemeinschaften wie VEN steht. Diese Menschen bestimmen, was richtig und was falsch ist. Menschen mit anderen Spezies mischen ist etwas, was diese Personen gar nicht gerne sehen. Wenn dieser Rat mitbekommt, was VEN getan hat, wird es dort einen kompletten Umsturz geben und die Verantwortlichen werden ihrer Ämter enthoben. VEN mag die Erde beschützen, aber sie sind nicht Alleinherrscher hier. Auch VEN muss überwacht werden. Und wie man sieht, genauer als man denkt."
    "Dann bin ich eine Gefahr für sie", erkannte C richtig.
    "Ja und ich auch, denn ich weiß von dir."

    "Habent sua fata libelli."

    ("Bücher haben ihre Schicksale.")

    - Terentianus Maurus

  • Atharra lehnte sich genervt an ihren Wagen und sah auf die Silhouetten der Wolkenkratzer, die sich nicht weit am Horizont abzeichneten. Qualm stieg dort auf. Zwar konnte Atharra nicht sehen, was genau dort dampfte, aber ein bloßes Feuerchen war es sicherlich nicht. Seit zwei Stunden schraubten sich Staub und Asche bereits in die Luft.

    So weit sie wusste, trieben sich in den Ruinen der Stadt Plünderer herum und mehrere kleinere Gruppen Menschen wohnten dort noch dauerhaft. Aber im Grunde war es eine von vielen Städten, die aufgegeben und langsam von den Weiten der Wüste verschluckt wurden. Die Menschen hatten größere Städte schon nach der Katastrophe nach und nach verlassen. Denn wo es Güter gab, gab es auch immer Leute, die sich nicht an die neuen und zum Teil auch ungeschriebenen Gesetze hielten. Sicherer lebte man in kleinen Gemeinden, in denen man sich kannte und schützte.

    Nach einem Blick in die Ferne überlegte sie, ob sie nicht einen Abstecher machen sollte. Dunkel war es mittlerweile sowieso und der Wind flaute unangenehm auf. Davon abgesehen hatte sich Bob offenbar nicht nur ihrer Beute bemächtigt, um sie zu verkaufen und ihr ein äußerst nutzloses Stückchen Papier anzudrehen, sondern sich auch noch einen Spaß daraus gemacht, ihr ein Reifenventil kaputt zu machen. Der konnte was erleben, wenn sie ihn das nächste Mal in die Finger bekam.

    Genervt seufzend klaubte sie ihre Waffen vom Beifahrersitz, schloss ab und marschierte in Richtung Stadt. Hoffentlich stand ihr Jeep noch, wenn sie zurückkam und hoffentlich fand sie schnell, was sie suchte.

    "Ein blöder Code auf einem blöden Zettel und dann macht der blöde Kerl mir noch den blöden Wagen kaputt ... diesmal ist der Blödmann zu weit gegangen", fluchte sie, während sie an einer Sanddüne vorbei auf die ersten Gebäude zulief. Das musste seine Rache für die unzähligen Male sein, in der sie ihm Schläger auf den Rücken geschmiert hatte.

    Eine Windböe blies ihr etwas Sand ins Gesicht. Nicht mehr lang und es würde vermutlich ein Sandsturm durch die Wüste toben. Hoffentlich hatte sie bis dahin die Ruinen erreicht. Sie hatte wenig Lust, sich an diesem sowieso schon bescheidenen Tag auch noch Sand aus Stellen zu kratzen, an denen Sand nichts verloren hatte.

    "Ich hätte im Bett bleiben sollen", murrte sie, während sie sich ihr Tuch vor das Gesicht zog.



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Seit gefühlten Stunden humpelte Hyde bereits mit diesem ... Etwas durch die karge Landschaft und es wurde windig. Immer mehr Sand wurde aufgewirbelt und so langsam bekam Emilia das Gefühl, dass sie sich einen Unterschlupf suchen sollten.

    "Es wird hier gleich sehr ungemütlich werden!", meinte Hyde deswegen und schielte zu ihrem gefräßigen Begleiter hinüber.

    "Warum?", verlangte C zu wissen, und etwas erstaunt sah Emilia ihn an.

    "Na, weil hier gleich ein Sandsturm aufziehen wird ... und der scheuert immer so."

    C schaute in den Himmel. Anscheinend wusste er nicht, was sie machen sollten. Wie auch? Abgesehen von der Kirche, scheint er noch nicht viel von der menschlichen Welt mitbekommen zu haben.

    Hyde atmete tief durch und schaute sich um. "Wir sollten uns einen Unterschlupf für die nächsten Stunden suchen. So ein Sandsturm raubt einem die Luft zum Atmen."

    C zeigte skeptisch auf ein etwas entferntes Autowrack, und Hyde betrachtete das gute Teil. Es besaß zumindest noch alle Scheiben, obwohl die meisten gesprungen waren. Die Reifen fehlten und Emilia vermutete, vermutlich auch die gesamte Elektrik sowie Motor. Solche Fahrzeuge wurden meist bis auf das Gehäuse und ein paar Sitze ausgeschlachtet. Allerdings behagte nicht einmal ihr der Gedanke, mit C auf kleinsten Raum eingesperrt zu sein. So ein Auto bot wenig Raum für Gegenwehr, sollte dem Ding anfangen, der Magen zu knurren.

    "Ja, das käme hin", räumte sie ein, schaute aber musternd zwischen dem Unterschlupf und C hin und her.

    "Auf was warten wir dann?", verlangte C zu wissen, der sie fragend ansah.

    Emilia rieb sich über die Stirn und atmete tief aus. "In Ordnung, aber behalte deine Reißzähne da, wo sie hingehören. Ein lüsternder Blick Richtung meiner Schlagader und ich verpass dir solch einen Tritt, dass die nächsten Genexperimente noch etwas davon haben!"

    "Ich habe kein Interesse an deiner Schlagader", erwiderte C und ging vor zum Wagen. Emilia trottete wenig begeistert hinterher. Wo war sie da nur reingeraten? Es sollte ein einfacher Auftrag werden. Reingehen, Zielperson einfangen, rausgehen, abends an der Bar einen mit den Jungs kippen ... Die Jungs hatte sich C gekippt, und vermutlich stand Emilia ganz oben auf der Abschussliste der VEN. Aber das reichte ja noch nicht für den ultimativen schlechtesten Tag aller Zeiten. Nein, jetzt sollte sie sich noch mit diesem Vampir-Zombie-Monster in ein Auto drängen. Es klang furchtbar romantisch. "So geht es Jackel wohl bei ihren Dates ...", nuschelte Hyde vor sich hin und schaute dann kurzerhand ins Innere des Autos.

    "Was ist ein Date?", fragte C und schaute Emilia über ihre Schulter, um ebenfalls ins Auto zu sehen.

    "Psssss ...", antwortete Hyde und gab C mit einer wedelnden Handbewegung hoffentlich zu verstehen, dass das zu nah war.

    Verwirrt legte C seinen Kopf auf die Seite und trat einen Schritt zurück.

    "Ein Date ist ...", setzte Hyde an und zog mit einem Ruck die rostige Autotür auf, "wenn man sich mit einer anderen Person verabredet." Aber irgendwie ahnte Emilia, dass diese Erklärung wahrscheinlich nicht ausreichen würde. Sie stieg ins Auto, in dem selbst die Sitze geplündert worden waren und hockte sich nach hinten auf das blanke Metall.

    C folgte ihr und es wirkte, als hätte er seine Beute in dem Klapperkasten ausgemacht. Sein fragil wirkendes Erscheinungsbild kroch bedächtig in das Fahrzeug, und ließ Emilia noch etwas weiter zurück rutschen. Selbst der taffen Agentin ging bei diesem Anblick der Arsch auf Grundeis.

    "Wozu verabreden?", bohrte C weiter und blieb hockend vor ihr sitzen.

    "Wenn ein Mann eine Schnalle geil findet, dann ...", setzte sie an, wurde aber von C unterbrochen.

    "Eine was?"

    Hyde seufzte, dann anders. "Wenn ein Mann eine Frau geil findet, dann ..." Wieder wurde sie unterbrochen.

    "Was heißt 'geil'?"

    Hyde bekam Risse in den Augen. "Wenn ein Mahann eine Frahau ausreichend nett und ... gutaussehend findet, dann läd er sie zum Essen ein."

    "Um sie zu essen?", wollte C wissen, und Hyde sah ihn mit zuckendem Augenlid an.

    "Nein, du Freak!", schimpfte sie. "Um mit ihr gemeinsam zu essen ... in einem Restaurant. Einem Ort, an dem man etwas zu essen kaufen kann!"

    C nickte verstehend und schwieg einen Moment, in dem Emilia ihre Beine an sich zog und mit ihren Armen fest umklammerte. Er schien es verstande zu haben. Sie schaute kurz aus dem Fenster, aus dem sie erkannte, dass der Sandsturm sich alle Mühe gab, die Umgebung in einen milchig orangenen Brei zu verwandeln.

    "Was heißt 'kaufen'?", setzte C plötzlich die Frage nach, und ein wütender Schrei schwängerte die Umgebung um das Auto herum, der sich langsam im tosenden Wind verlor.

    C schaute verwirrt. "Hast du Schmerzen?", wollte er wissen, und Hyde befürchtete, dass er sie noch aus Mitleid aufaß, deshalb verneinte sie das, auch wenn es nicht ganz stimmte.

    "Pass mal auf, mein Freund, ich gebe dir jetzt mal einen Crashkurs darin, was Menschen sind und was sie so machen. Nur, damit wir in der Siedlung nicht gleich so dermaßen auffallen, dass man uns gleich verhaftet. Was bei deinem Geruch beinahe unmöglich ist, aber ... was solls."

    Kurzerhand versuchte sie C klarzusammen, was Menschen waren, aßen, tranken - vor allem sich nicht gegenseitig. Es sei denn, man war ein "Monster". Dass man die Sachen, die man haben wollte, bezahlen musste. Dass man Geld verdiente, in dem man arbeiten ging oder plünderte. Alles das, was ihr auf Anhieb einfiel.

    C hörte zu, versuchte sich anscheinend alles zu merken und starrte sie unentwegt an. "Und eine andere Regel sagt: Starre niemals dein Gegenüber an! Blinzle zumindest mal, du wirkst wie ein Serienkiller ... Der du auch bist, aber ... das muss man ja nicht auf Anhieb merken."

    C blinzelte überrascht.

    "So ist es besser!", meinte Hyde und sah wieder aus dem Fenster. Der Sturm würde anhalten und die Sonne ging bereits unter. Ihr Mage begann zu knurren und ihre Lippen waren bereits vollkommen ausgetrocknet. Sie ahnte, dass sie unbedingt die Siedlung erreichen mussten, wenn sie bei Kräften bleiben wollte. Ansonsten sah C es vielleicht noch als Akt des Mitleids an, sie zu essen. Nachdenklich schwieg die taffe Frau und wurde sich allmählich über die Tragweite der Geschehnisse bewusst. Jackel hatte Recht. Sie hatten beide alles verloren - mal wieder. Erst den gesunden Menschenverstand, jetzt ihre Identitäten. Schon oft hatte Hyde auch Jackel mit ihren Aufträgen an den Rand des Wahnsinns geführt, aber nie war es so schlimm gewesen. Nie standen sie auf der Abschussliste ihrer Arbeitgeber. Und für was das alles? Hyde schielte kurz zu C, der eher wahllos seine Umgebung musterte. Für ein Wesen, das den Charakter eines Neugeborenen besaß. Einem Neugeborenen, das Menschen aß. Was für eine kranke Scheiße lief bei VEN? Was sollte jemand wie er der Organisation bringen? Reinen Mord an anderen? Einen strategischen Vorteil? Waren die Menschen nicht mehr gut genug?

    "Es wird dunkel", merkte C an, und Hyde nickte.

    "Sag mir jetzt nicht, dass du Angst im Dunkeln hast", antwortete sie müde.

    "Ich jage im Dunkeln", konterte er und ja, das machte mehr Sinn.

    "Daraus wird heute Nacht nichts. Der Sturm wird das verhindern. Wir sollten bis morgen früh warten, bis wir irgendetwas tun."

    Nach Stunden des Schweigens schlief Hyde ein, obwohl sie mit aller Macht versucht hatte, das zu verhindern. Wer wollte schon in der Gegenwart eines Menschfressers einschlafen? Aber diesen Kampf verlor sie, bevor der Morgen graute.

    "Habent sua fata libelli."

    ("Bücher haben ihre Schicksale.")

    - Terentianus Maurus

  • Nachdenklich betrachtete er die schlafende Frau vor sich. Er wusste nicht, was er tun sollte, da sie nicht den Eindruck machte, als würde sie ihn mögen. Zumindest die Hälfte von ihr, die bisher meistens mit ihr geredet hatte. Den weinerlichen Teil von ihr hatte er nur kurz erlebt. Aber konnte er ihr vertrauen? Immerhin kam sie von den Leuten, die ihn … eingesperrt hatten. Aber sie war genauso wie er von ihnen angegriffen worden. Oder war das nur ein Trick, um sein Vertrauen zu gewinnen? Nervös öffnete er seinen Kiefer. Vielleicht sollte er sie einfach fressen und alleine weitergehen. Aber er war nicht hungrig. Zudem war diese Frau interessant. Es war das erste Mal gewesen, dass sich jemand mit ihm unterhalten und Fragen beantwortet hatte. Irgendwie wollte er das nicht verlieren. Er schloss den Mund wieder und musterte Emilia, die plötzlich ihre braunen Augen öffnete.

    Erschrocken schrie die junge Frau auf. „Es war kein Traum!“, rief sie und wich von ihm zurück.

    Schweigend sah er sie einen Moment an. Er wusste, was ein Traum war, er hatte des öfteren die seltsamen Bilder in den wenigen Stunden seines Schlafes gesehen. „Der Wind ist vorbei“, teilte er ihr dann mit und hoffte, sie würde sich etwas beruhigen. Er erntete eine ungläubigen Blick.

    Wind?“, hakte sie nach, woraufhin er sich erinnerte, dass die braunen Augen zu der weinerlichen Hälfte Emilias gehörten. Knapp erklärte er ihr warum sie dort im Auto saßen.

    Emilia nickt kurz und atmete durch. „Wie weit sind wir gekommen?“, fragte sie dann.

    Er konnte es ihr nicht genau sagen. Lediglich anhand der zerstörten Gebäude konnte er grob die Entfernung abschätzen, aber durch seine lebenslange Gefangenschaft, hatte er so seine Probleme damit. „Einen Tag sind wir gelaufen. In Richtung der hohen Gebäude.“

    Noch einmal nickte sie und schlug vor, weiterzugehen.

    Er musterte sie kurz. Sie wirkte nicht, als wäre sie dazu ohne weiteres in der Lage. Sie war blass und sah erschöpft aus. „Schaffst du das?“, fragte er daher.

    Bestimmt nickte sie erneut. „Ich muss!“, meinte sie und deutete auf die Tür.

    Er stieß sie auf und kletterte aus dem Fahrzeug. Der Sturm hatte die Landschaft mit einer weiteren Schicht Sand bedeckt, sodass es ihm ohne die Gebäude in der Ferne schwer gefallen wäre, sich zu orientieren.

    Warum musst du?“, erkundigte er sich bei Emilia, die gerade aus dem Auto stieg.

    Wenn ich nichts zu trinken finden kann, dann ... sterbe ich irgendwann.“

    Er brummte und überlegte, was die andere Emilia ihm erzählt hatte, was sie trinken würde. „So ein Bier?“, schlug er vor, ein bisschen stolz darauf, es behalten zu haben.

    Kein Bier. Dadurch verliert man mehr Flüssigkeit als man gewinnt. Wasser!“

    Wasser“, bestätigte er und sah sich um. „Bei den Häusern?“ Er deutete zu den Gerippen der Wolkenkratzer in der Ferne.

    Ja, nur ...“, sie folgte seinem Blick und musterte die Umgebung. „Hier werden sich überall Müllsammler herumtreiben. Vermutlich wurden die Gebäude bereits vollkommen ausgeräumt.“

    Sehen wir nach“, meinte er und lief los. Stehenzubleiben war auch keine Lösung und vielleicht fanden sie ja doch etwas nützliches. Die Sonne brannte auf ihn herunter. Der alte Pullover schützte ihn etwas, aber die Hitze unter der Kapuze machte ihm zu schaffen. Er keuchte hörbar.

    Geht es dir gut?“, fragte Emilia und lief ihm hinterher. Als er sich umdrehte, blickte sie ihn unsicher an. Immer wieder ließ sie den Blick in die Umgebung schweifen, als suchte sie nach etwas.

    Warm“, grummelte er als Antwort und rieb sich über die brennenden Handrücken, die der Sonne schutzlos ausgeliefert waren. Er musste mehr darauf achten, sie im Schatten zu halten. „Suchst du etwas?“

    Sie schüttelte den Kopf. „Ich möchte nur nicht überfallen werden.“

    Misstrauisch musterte er sie. „Von mir?“ Immerhin war sonst niemand da. Er hatte nicht vor, sie zu jagen und war der Meinung, er hätte dies deutlich gemacht. Er folgte ihrem Blick, doch die Sonne war zu grell um seinen Augen eine klare Sicht zu ermöglichen. Er sah nur Sand und verschwommene Umrisse von alten Häusern und Fahrzeugen.

    Da du mich im Schlaf nicht gefressen hast, eher weniger von dir“, erläuterte Emilia. „Aber diese Müllsammler sind häufig … fiese Gesellen. Kriminelle.“

    Er wusste nicht genau, was ein Krimineller war, aber er ging davon aus, dass es nichts gutes war. Dennoch wollte er es genau wissen und fragte nach, was die Müllsammler taten.

    Überfallen Leute, von denen sie denken, sie tragen Nützliches herum“, erklärte sie. „Nicht alle sind so, wirklich ... aber einige. Nach so einem Sturm bietet es sich an, nach Festgefahrenen zu suchen.“

    Nickend wandte er sich wieder um. „Meine Kapuze bekommen sie nicht.“ Viel nützlicheres konnte er sich nicht vorstellen. Er stapfte weiter in Richtung der Wolkenkratzer. Dort gab es sicherlich Schatten!

    Emilias Lachen unterbrach seine Gedanken. Erneut wandte er sich zu ihr um und musterte sie laut lachende Frau verwundert.

    Deine Kapuze ...“, japste sie, während sie Luft holte.

    Was ist damit?“, fragte er verwirrt. Er fasste sich an den Kopf und presste den Stoff an seine empfindliche Haut.

    So etwas interessiert sie nicht“, erklärte Emilia und deutete dann auf die Spritzen an ihrem Gürtel. „Das schon mehr. Meine Injektionen würden sie für wahrscheinlich für Drogen oder Medizin halten.“ Der Anblick der Spritzen sorgte für ein flaues Gefühl in seinem Magen. „Mal abgesehen davon, dass dieser Kampfanzug einiges an Geld auf dem Schwarzmarkt bringt“, fuhr sie fort. „Wobei er mich gerade mehr kocht als beschützt.“

    Dann zieh ihn aus“, schlug er vor. Wenn der Schaden größer war als der Schutz, gab es keinen Grund, das Kleidungsstück anzulassen. Er selbst hatte schnell gelernt, dass seine Haut in der Sonne verbrannte und die Hitze unter der Kaputze dem vorzuziehen war.

    Sehr lustig“, entgegnete sie mit einem seltsamen Tonfall.

    Lustig?“, hakte er nach. Er wollte keinen Scherz machen und fragte sich, was sie an seiner Aussage zum Lachen fand.

    Halb nackt möchte ich Sammlern noch weniger über den Weg laufen“, meinte sie, nachdem sie ihn einen Moment skeptisch gemustert hatte.

    Macht das einen Unterschied?“, wollte er wissen. „Dann können sie dir den Anzug nicht mehr stehlen.“

    Ja!“, rief sie energisch, woraufhin er überrascht zusammenzuckte. Damit hatte er nicht gerechnet. „Also ja“, fuhr sie daraufhin ruhiger fort. „Es gibt Menschen, die andere Menschen zu gewissen ... Sachen zwingen. So wie dich in deiner Gefangenschaft. Bei Frauen ist es ... was anderes. Viel Haut zu zeigen, suggeriert Männern, dass eine Frau leicht zu haben ist. Ich lasse demnach den Anzug an ... und wenn ich deshalb draufgehe ...“

    Verstehend nickte er. „Dann töten wir sie“, verkündete er wie nebenbei. Während seiner Zeit in den Laboren hatte er nur selten die Gelegenheit gehabt, sich gegen die Männer und Frauen, die ihm Dinge antaten zu wehren. Doch wenn es ihm gelang, fühlte er sich gut. Daher hatte er keine Scheu, Angreifer auszulöschen.

    Töten … klingt irgendwie tödlich“, entgegnete Emilia. „Aber vielleicht sind die Menschen hier draußen auch gang nett. Dann ... muss niemand gegessen werden.“

    Klingt nicht so“, stellte er fest.

    Endlich erreichten sie den Schatten des Wolkenkratzers. Die brennende Hitze schwand etwas und die Straßenschluchten taten sich vor ihnen auf. In einigem Abstand standen zwei Männer neben einem Autowrack und schienen es zu durchsuchen.

    Vielleicht sollte ich lieber Hyde holen ...“, murmelte Emilia, aber er schüttelte den Kopf.

    Nein!“ er mochte die weinerliche Seite der jungen Frau lieber. Sie war nett.

    Sollen wir uns verstecken?“, wollte sie wissen und akzeptierte seinen Einwand scheinbar widerstandslos.

    Er sah die alten Gebäude hinauf. Sie boten genügend Halt, um daran emporzuklettern. Von dort oben hätte er einen hervorragenden Ausblick und Angriffspunkt auf die Sammler. Zudem würden sie dort sicherlich nicht nach ihm Ausschau halten. Er brummte nachdenklich. „Sind die beiden … Kriminelle?“

    D... Das weiß ich nicht“, gab Emilia zu. „Das weiß man erst, wenn es meist zu spät ist.“

    Dann geh sie fragen“, wies er sie an. Noch einmal blickte er das Stahlbetongerippe hinauf. „Ich schaue von oben zu.“

    Emila lachte unsicher. „Das ist ein Scherz?!“, meinte sie leise und warf einen Blick zu den Sammlern.

    Er schüttelte den Kopf und suchte mit den Krallen halt im Beton. „Wenn sie dich angreifen, helfe ich dir.“

    O... Okay“, stimmte sie zögerlich zu, während er begann, sich an der Mauer hochzuziehen. „Muss ich dazu schreien oder ein Saveword äußern?“

    Er wusste nicht genau, was sie meinte, versicherte ihr aber, einen Schrei als Zeichen zu erkennen.

    Zögerlich ging Emilia auf die beiden Männer zu. Immer wieder blieb sie stehen und murmelte vor sich hin. Sie schien es nicht eilig zu haben.

    Er hingegen kletterte Rasch das Gebäude hoch. Auf Höhe des dritten Stocks näherte er sich den Sammlern. Als er neben ihnen stand hielt er inne und wartete. Er merkte, dass Emilia immer wieder zu ihm blickte, doch er fixierte sich auf die Männer. Sie waren in Sprungweite.

    Plötzlich hob einer der beiden den Kopf und starrte Emilia an. Sein Gesicht war unter einem dreieckigen Tuch verborgen und eine dreckige Baseball-Mütze sollte ihn wohl vor der Sonne schützen. “Wen haben wir denn da?”, meinte er zu Emilia und stieß seinen Kameraden an.

    Auch dieser hob seinen Kopf. Er trug eine eng anliegende Brille und ebenso ein Tuch über dem Mund.

    E... Entschuldigt ... Ich habe mich verlaufen und suche eine nahegelegene Siedlung“, erzählte Emilia, woraufhin der mit der Mütze nur lachte.

    Soso“, antwortete der andere und schob sich die Brille zurecht. „Eine Siedlung sucht sie.“

    Der erste näherte sich ihr und erinnerte an ein Raubtier. „Was macht so eine Hübsche denn ganz alleine im Ödland? Das ist gefährlich!“

    Emilia lachte verunsichert und machte einen Schritt zurück. „Ich hab wohl den letzten Bus verpasst, wie es aussieht.“

    Um etwa hundertfünfzig Jahre ...“, murmelte der mit der Brille und ging ebenso auf sie zu. Bald standen sie beide neben ihr und packten ihre Arme. „Mal sehen, was du bereit bist, für die Informationen zu bezahlen!“

    Der Schatten auf der Mauer musterte ihr Vorgehen. Er versuchte sich einzuprägen, was sie taten und ob dieses Verhalten von Emilia als angemessen aufgefasst wurde. Auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, dass die grobe Behandlung Zuspruch finden würde – aber er wusste nicht viel von Menschen.

    Bitte macht das nicht“, versuchte Emilia die beiden von ihrem Vorhaben abzubringen. „Ich möchte nicht, dass jemand verletzt wird.“

    „Bist du bewaffnet?“, fragte der mit der Mütze und zog den Reißverschluss ihres Anzugs auf.

    Der andere zog ein Messer und hielt es ihr vor die Nase. „Die einzige, die hier verletzt wird, bist du!“, verkündete er. „Also halt's Maul und mach, was wir sagen.“

    C öffnete mehrmals aufgeregt seinen Kiefer. Es klang nicht wie ein freundliches Gespräch und selbst ihm wurde klar, dass die beiden Emilie zu etwas zwingen wollten. Zu was genau wusste er nicht, aber er erkannte den Befehlston. Doch noch wartete er ab.

    C?!“, rief Emilia mit unterdrückter Panik in der Stimme. „Jetzt wäre etwas Hilfe gut!“ Sie versuchte, sich aus dem Griff der beiden Kriminellen zu winden, die weiter an ihrer Kleidung zerrten.

    C? Was redet das Weib?!“

    Keine Ahnung.“ Der Brillenträger sah sich um, achtete aber nicht auf den in der Höhe sitzenden C. „Hier ist keiner.“ Er wandte sich wieder an Emilia und hielt ihr das Messer an den Hals. Erneut schrie er sie an, sie solle still sein.

    Emilia rief noch einmal nach C, während der mit der Mütze einige Schritte von ihr weg machte und die Umgebung untersuchte.

    Dieser erkannte ihren Ruf als Schrei und spannte seine Muskeln zum Sprung. Mit einem gewaltigen Satz stieß er sich von der Wand ab und landete auf dem überraschten Mann. Er spürte die Knochen seiner Beute brechen und ein markerschütternder Schrei hallte durch die Häuserschlucht. Noch ehe der mit dem Messer sich umdrehen konnte, hatte C schon beide Hände des Verwundeten in seinen kräftigen Händen fixiert. Mit einer fließenden Bewegung ließ er seine lange Zunge vorschnellen und rammte sie dem panischen Mann in die Kehle. Der Schrei verkam zu einem Gurgeln und ein weiterer Angriff mit der harten Spitze der Zunge gegen seinen Schädel ließ ihn verstummen. C knurrte und fixierte dann den anderen Mann.

    Was zur Hölle …!“, keifte dieser und schlug mit dem Messer in seine Richtung, als er auf ihn zustürmte.

    C spürte die Klinge, die ihn am Unterarm verletzte, aber sein massiger Körper rammte den Mann zu Boden. Mit einem schnellen Griff drehte C ruckartig den Kopf des Brillenträgers, bis er das unschöne Knacken der Wirbel vernahm und seine Beute schlagartig verstummte und erschlaffte.

    Er atmete kurz durch und stand dann auf. Mit noch immer offenem Kiefer wandte er sich an Emilia und wollte sehen, ob sie in Ordnung war.

    Die junge Frau starrte ihn nur an. Sie war blass und wankte leicht, ehe sie einfach umfiel.

    C eilte zu ihr. Verwirrt musterte er sie. Deutlich sah er das Heben und Senken ihres Brustkorbs durch den geöffneten Reißverschluss. Da er keine Verletzung erkennen konnte, ging er davon aus, dass sie wieder aufwachen würde. Er selbst erinnerte sich an Momente während Untersuchungen, als er das Bewusstsein verloren hatte. Er war immerhin auch immer wieder aufgewacht.

    Schnell überprüfte er die Rucksäcke der Sammler und beschloss, sie mitzunehmen. Emilia würde schon wissen, was sie davon gebrauchen konnten.

    Er betrachtete die beiden toten Männer und kam zu dem Schluss, dass er seine Beute nicht verschwenden wollte. Wer wusste schon, wann er wieder etwas zu essen fand.

    "Deine Augen zeigen nur Lügen! Nur sein Geschenk wird die Wahrheit offenbaren!"

    - Mileon Kheleron Onmor Akhol Ravareen, Knochenwandler der Kinder der Knochenspinne


    "Ich bin die letzte lebende Vertreterin meiner Familie. Dafür habe ich gesorgt!"

    - Yersinia Aurelia Empera Akhol Ravareen, Königin der Pestilenz der Kinder der Knochenspinne



    Die Flammen von Narak
    Chaotische Kurzgeschichten

  • Atharra sicherte ihre Waffe und steckte sie zurück in den vorgesehenen Holster.
    „O-kay“, gab sie gedehnt von sich, während sie sich weiter in den Schatten des Hochhauses zurückzog. Die Augen weiterhin auf das Ding gerichtet, das sich gerade mit dem Gesicht über einen der Plünderer lehnte. Wenn man glaubte, alles gesehen zu haben und nichts wäre mehr neu oder überraschend, kam ein Ding um die Ecke und spaltete seinen Kiefer wie ein unglaublich hässlicher Schmetterling.
    Atharra wandte sich ab, als die menschenähnliche Kreatur Zunge und Kiefer im Toten vergrub. Mehr erkannte sie aus ihrem Versteck heraus nicht. Aber der Umstand kam ihr eher zum Vorteil. Alpträume hatte sie sowieso schon, noch mehr konnte sie nicht gebrauchen.
    Woher kam dieses Vieh? Und was machte es hier?
    Sie beschloss, dass es gesünder wäre, sich an einem anderen Ort weiter Gedanken darüber zu machen und nebenbei vielleicht noch nach einem neuen Ventil für ihren Jeep zu suchen. Jedenfalls gesünder, als ebenfalls ausgesaugt zu werden.
    Genervt schüttelte Atharra den Kopf. Sollte das Ding sich an den beiden Plünderern laben. Hauptsache, sie wurde nicht die Nachspeise.
    Ein kurzer Blick auf die Frau, dann schlich sie rückwärts. Immerhin schien sie nun auch ohne ihr Eingreifen außer Gefahr. Mehr oder weniger. Das Vieh schien die Frau nicht anzugreifen. Was sich diese Wahnsinnigen in ihren luxuriösen Raumschiffen für Haustiere hielten, war nicht ihr Problem. Und wenn sie sich schnell genug verdünnisierte, würde das hoffentlich auch so bleiben.
    „Diese blöden Affen von VEN", moserte sie, während sie sich weiter an der Wand in die Gasse schob. „Als hätten wir hier unten keine anderen Sorgen…schicken sie uns auch noch… das.“
    Am Ende der Gasse gestikulierte Atharra wild zurück. Wahrscheinlich war der Schnaps einfach nicht mehr gut gewesen, den sie gefunden hatte. 150 Jahre alter Schnaps konnte nicht mehr gut sein. So musste es sein. Ihre Augen hatten ihr einen Streich gespielt.
    „Red’ dir das nur ein, wenn du dich damit besser fühlst", rief sie aus. Bei ihrer Rückkehr musste sie definitiv ihren Leuten davon erzählen. Diese Geschichte würde in jeder Kneipe einschlagen wie eine Bombe.
    Weiterhin über das Bild nachdenkend, das sie gesehen hatte, humpelte sie die breite Straße weiter. Je schneller ein Ventil gefunden war desto schneller wäre sie weg.
    Das erste Auto erwies sich jedoch als Fehlschlag. Im Grunde war von dem Fahrzeug nur noch das Metallgerüst vorhanden. Auch bei den nächsten war nicht mehr viel zu holen. Lediglich ein leerer Werkzeugkoffer wurde wie zum Spott zurückgelassen.
    „Diese Möchtegernplündererarschtrompeten. Wenn ich davon einen in die Finger bekomme, dann…“ Sie drehte der Luft den Hals um, ehe sie in einem anderen Wagen hinter und unter den Sitzen zu suchen begann.


    Nach gefühlten Stunden, in denen sie schwitzend durch die ausgestorbenen Straßen gehumpelt war und sich mittlerweile auch ihrer Jacke entledigt hatte, fand sie endlich, was sie suchte. Zwei Vollidioten, die einen Reifen herumschleppten. Soweit sie es von weitem beurteilen konnte, glich dieser der Machart ihrer eigenen Reifen.
    „Hey, ihr“, rief sie den beiden Männern entgegen. Mit etwas Glück gelang es ihr, den Kerlen den Reifen abzuluchsen.
    Erschrocken wandten sie sich in ihre Richtung, dann warfen sie sich verwirrte Blicke zu.
    Die Zeit nutzte Atharra, um sich ihnen zu nähern.
    „Einen schönen Reifen habt ihr da.“
    „Ja“
    , gab einer von ihnen von sich und verbarg den Reifen dabei hinter seinem Rücken.
    „Was haltet ihr von einem Handel?“
    „Nicht viel“
    , gab der andere von sich. Seine Hand ging zu seinem Gürtel, in welchem eine uralte Glock hing.
    „Nana“, Atharra hob die Arme, „ich will euch nicht angreifen. Gegen zwei so starke Männer habe ich doch sowieso keine Chance.“ Sie versuchte sich an einem unschuldigen Lächeln. „Es ist nur“, sie deutete hinter sich, „mein Wagen ist vor der Stadt liegen geblieben und ihr wollt doch eine arme Frau nicht allein in der Wüste lassen.“
    „Doch“
    , gab der Mann mit dem Reifen misstrauisch von sich.
    Autsch.

    „Ich werde natürlich dafür bezahlen“, knurrte Atharra. Im Wagen würde sich sicherlich noch irgendwas finden, was man den beiden Idioten als wertvoll aufschwatzen konnte.

    Die beiden warfen sich erneut Blicke zu, ehe sie sie eingehend von oben bis unten musterten wie Schlachtvieh und sich dann erneut unsicher ansahen.
    „Nein danke, lieber nicht.“ Beinahe angeekelt verzog der eine das Gesicht.
    Wütend trat Atharra einen Schritt an den Kerl heran, der gut einen Kopf größer war als sie. Über die plötzliche Bewegung irritiert, wehrte er sich erst nicht, als sie ihn am Kragen packte und ihn auf Zahnbürstenlänge an sich heranzog.
    „Das habe ich nicht gemeint, du Lappen!“, zischte sie ihn an. Sie sah wie sein Kumpel die Glock zog. „Und was heißt hier bitte ‚nein danke‘?“

    Mit ihrem Metallbein trat sie dem Größeren auf den Fuß, was ihm einen Schmerzensschrei entlockte, der wenig männlich zwischen den Häusern widerhallte. Augenblicklich war die Glock seines Kollegen auf sie gerichtet.
    „Hört mir mal zu“, fauchte sie, während sich der Mann versuchte aus ihrem Griff zu befreien, doch ihr Metallarm hielt ihn zuverlässig fest und sie aus dem Gleichgewicht zu bringen, würde ihm so leicht auch nicht gelingen. „Wir haben zwei Möglichkeiten, um diese Sache zu beenden. Nummer eins: ihr gebt mir das Rad freiwillig oder Nummer 2: ich nehme mir das Rad mit Gewalt.“
    „Oder wir erschießen dich und behalten das Rad“,
    meinte der mit der Glock und entsicherte.
    Atharra konnte sich ein selbstgefälliges Lachen nicht verkneifen, hielt den Blick aber weiterhin auf den Größeren gerichtet, der nun auch auf die Idee gekommen war, seine Glock aus seinem Gürtel zu friemeln.
    „Glaube mir, ehe du den Abzug gedrückt hast, habe ich dir schon eine Kugel zwischen die Augen gejagt.“ Ein Grinsen schoss über ihr Gesicht, während sie mit der freien Hand nach seinem Arm griff, diesen verdrehte und ihm seine Waffe entriss. Sie ließ von ihm ab und trat mit der Handfeuerwaffe zurück. Geübte Finger leerten das Magazin und drehten die nutzlose Waffe dann am Zeigefinger in der Luft. Das alles geschah so schnell, dass der Bewaffnete sie nur verwirrt ansah und der Größere überrascht auf seine leere Hand sah. „Allerdings habe ich keine Lust durch unnötig viel Lärm die Handlanger von VEN anzulocken.“
    „VEN hat Truppen hierhergeschickt?“
    Der Mann blinzelte mehrmals, ehe er zu lachen begann. „Du lügst doch!“
    „Möglich“
    , erwiderte Atharra und grinste selbstgefällig. „Oder aber, ich habe vor nicht mal vier Stunden welche gesehen. Wer weiß.“ Sie zuckte die Schultern. „Du kannst es gern herausfinden. Aber dann bin ich weg und sammle den Reifen ein, wenn die Typen euch zerlegt haben. Ich meine, mit dem Teil unter dem Arm sieht man ja sofort, dass ihr Plünderer seid.“
    Die Unsicherheit, die in die Augen der beiden Männer trat, nährte Atharras Zuversicht.
    „Was sollten die Truppen hier suchen? Hier ist nichts!“ Der Größere ließ die Finger knacken.
    „Vielleicht suchen sie ein Ersatzrad?“, lachte Atharra, ehe sie ernst wurde. „Sehe ich aus, wie eine Hellseherin? Keine Ahnung. Aber offenbar haben sie eine neue Waffe bei sich, die sie furchtbar gerne an ahnungslosen Plünderern testen.“ Sie dachte an die Kreatur, die sie bei der Soldatin gesehen hatte.

    „Eine neue Waffe?“ Unterdrückte Angst schwoll in der Stimme des Bewaffneten mit, als er zu seinem Kumpel blickte. Er schluckte. „An Plünderern?“
    „Was für eine Waffe?“
    , grollte der Größere und funkelte Atharra an.

    „Ich kenne mich mit sowas jetzt auch nicht aus, aber ich würde auf etwas Biologisches tippen.“ Nachdenklich strich sie sich über das Kinn und dachte an die Kreatur. Ja, biologisch traf es ganz gut.
    „Scheiße!“, fluchte der Bewaffnete. „Eine Biowaffe?! Wir sollten verschwinden, wenn die das Ding hier hochjagen, sind wir die Ersten, die draufgehen.“
    Der Größere von beiden hob jedoch nicht völlig überzeugt die Augenbraue und durchbohrte Atharra mit seinem Blick. „Du verarschst uns doch.“
    „Du kannst ja gerne nachschauen“
    , gab Atharra gelassen von sich. Sie deutete in die Richtung, aus der sie kam. „Ein Stück in die Richtung liegen sicherlich die Überreste der armen Schweine, die es zuerst erwischt hat.“ Die beiden folgten ihrem Blick, dann ertönte ein Klicken, als der Bewaffnete seine Glock sicherte und mit den Worten "ich bin zu jung zum Sterben" davonrannte.

    Atharra und der andere Mann blieben zurück.

    „Heißt das jetzt, ich bekomme den Reifen?“



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -