HEAVEN (Band II)

  • Hallo Rainbow,

    zur Engelsdebatte kann ich nicht soviel sagen. Ich verstehe beides etwas. Engel sollten allgemein etwas weltfremder und abgehobener sein, quasi aus einer anderen Welt. Deine Engel menscheln schon sehr. Allerdings finde ich es auch nicht so schlimm, die Charaktere auch der Engel kommen gut rüber und es liest sich schlicht gut weg (und das ist ja das wichtigste!). Ohne die bereits angestoßene Debatte hätte ich vermutlich, schlicht drüber weggelesen.

    Um Micahs Engelshaftigkeit zu zeigen, könnte ich mir vorstellen, dass ihn die Erde und Menschen nicht sehr stark interessieren und man es deutlich zeigt. Also z.B. stärkeres erstaunen, warum Elias ihn am Vorabend des Krieges quasi in hinterwäldlerische primitive Menschenland schicken will. Allerdings hängt viel davon ab, wie er später auf der Erde auftritt und das kann ich ja noch nicht sagen, insofern den Vorschlag nur unter starkem Vorbehalt betrachten.


    Zur Buffy-Debatte kann ich nur sagen. Die Serie als ganzes ist schon sehr gelungen. Gerade weil es kaum eine Serie gibt, die so gekonnt die unterschiedlichsten Genres miteinander verbindet.


    Für mehr blümchenpflückende Orks, blutrünstige Elfen und vegetarische Drachen!


  • Ich schicke euch mal ein kurzes Lebenszeichen von mir, damit ihr nicht denkt, ich sei im Weihnachtrubel irgendwie untergegangen. ^^

    Im Moment sitze ich fleißig an der Überarbeitung des nächsten Teils, wobei mir jetzt erst aufgefallen ist, dass es da noch einiges mehr zu tun gibt, als ich ursprünglich dachte. Na ja, das erklärt zumindest, warum es hier derzeit nicht weitergeht.

    Aber ich bin dran und ich glaube, es wird nun nicht mehr lange dauern, bis ich euch die Fortsetzung endlich zeigen kann. Die darauffolgenden Kapitel stehen soweit und mit denen bin ich auch recht zufrieden, weshalb es dann wahrscheinlich wieder etwas zügiger vorangehen wird. Na ja, mal sehen.


    Bis dahin, genießt die kleine Pause und die restliche Adventszeit :santa2:


    LG,

    Rainbow

  • Es ist soweit und ich kann euch endlich die überarbeitete Fortsetzung zeigen. ^^ Natürlich wisst ihr nicht, wie das Ganze im Ursprung aussah, aber seid gewiss, dass es vorher viel oberflächlicher und weniger ausgeschmückt war. Ich hoffe, ich habe es nun nicht übertrieben und die zusätzlichen Details an der richtigen Stelle eingeflochten.

    Leider ist dieser Part nun etwas länger geraten. Ich hoffe, das ist nicht schlimm. Wie immer freue ich mich über eure Rückmedungen und konstruktive Kritik...



    Kapitel 4.1


    Die Sorge um Emilia trieb ihn an, sich schnell wieder von Micah zu lösen.
    Noch immer glaubte er den Nachhall des pochenden Schmerzes zu spüren, der ihm soeben durch die Glieder gefahren war.
    Was im Namen aller Erzengel mochte ihr widerfahren sein? Wenn sie seinem Rat gefolgt war, dann musste sie bei Freddy sein!
    Es gab nicht sonderlich viel, das ihr dort geschehen konnte-es sei denn, Dagon hatte seine Lakaien bereits auf sie angesetzt und sie waren an Ort und Stelle überfallen worden.
    Die ernüchternde Erkenntnis, dass der Schutzsegen, mit dem er sie versehen hatte, in dem Fall unbrauchbar gewesen wäre traf ihn wie ein Schwall ätzenden Dämonensekrets und die Vorstellung, dass Emilia gemeinsam mit ihrem Freund in die Klauen jener gnadenloser Geschöpfe geraten waren, ließ ihn innerlich erschaudern.
    Was machst du noch hier? Kehr sofort um! Du hast es ihr versprochen! … hallte seine eigene aufgebrachte Gedankenstimme in seinem Geist, während sich die furchtbaren Bilder zweier um ihr Leben kämpfender Menschen in seiner Fantasie zu einem grausamen Horrorszenario zusammensetzten.
    Er wusste, es wäre ein aussichtsloser Kampf, der entweder in Tod oder Gefangenschaft enden würde.
    Nur mit größter Mühe widerstand der dem unsagbaren Drang, sich Micah zu schnappen und sich mit ihm gemeinsam auf den Weg zu machen, um sich zu vergewissern, dass mit Emilia alles in Ordnung war.
    Doch tief in seinem Inneren wusste er, dass das nicht ging.
    Wenn er den Fürsten seinen Plan unterbreiten und dafür Sorge tragen wollte, dass er in die Tat umgesetzt wurde, musste er sich auf der Stelle zusammennehmen und sich darauf konzentrieren, was er als nächstes vorhatte.
    Aber wie sollte es ihm gelingen, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, wenn ihn diese schrecklichen Gefühle plagten? Die Ruhe, welche sich stets vor einem Kampf in ihm ausbreitete und seine Sinne schärfte; die wilde Entschlossenheit, bis zum Äußersten zu gehen und zu tun, was getan werden musste, das alles schien in dem heillosen Chaos unterzugehen, das diese überschäumenden Emotionen in ihm auslösten.
    Innerlich seufzte er resigniert auf. Mit seinem unschlagbaren Talent, sich in Schwierigkeiten zu bringen, hatte er sich dieses Mal zweifellos selbst übertroffen.
    Nicht nur, dass er mit Emilia aufgrund der Verschmelzung auf recht eigentümliche Weise verbunden war und im Falle ihres Ablebens Gefahr lief, gleichfalls das Zeitliche zu segnen. Er hatte sich in sie verliebt – und das wog unendlich schwerer!
    Was die Engel als ´stärkste Emotion` der Menschen bezeichneten, war ungewollt zu seiner größten Schwäche geworden und trotz der Ironie, die sich hinter dieser Erkenntnis verbarg, ließ sich die schaurige Wahrheit nicht verleugnen:
    Noch nie zuvor hatte er sich derart verletzlich und angreifbar gefühlt, wie jetzt gerade. Als habe man ihn seiner Kräfte beraubt und ihn ohne brauchbare Waffe den Abstieg zur Hölle antreten lassen, wo ein ganzes Heer seelenloser Dämonen auf ihn wartete.
    Einzig die wundersame Wärme, die von dem Inhalt seiner Tasche ausstrahlte beruhigte ihn, als ginge eine unsichtbare Macht davon aus, die feine pulsierende Kreise zog und sich in sanften Wellen über ihn legte.
    Nichtsahnend, was sich gerade in ihm abspielte, musterte Micah ihn nach wie vor, als rechne er damit, dass Elias erneut von jetzt auf gleich zusammenbrechen könnte.
    Mit einem Anflug von Wehmut erwiderte Elias den durchdringenden Blick seines Freundes. Alles an dem jungen Engel war ihm vertraut: Die Kampfmontur, die sich stets über seinen breiten Schultern spannte, als sei sein muskulöser Oberkörper nicht gewillt, sich in eine unnachgiebige Form pressen zu lassen; das breite Kinn, welches er oft nach vorne schob, wenn es brenzlig wurde und seine Augen, die ebenso wie seine eigenen, in flüssigem Silber glänzten und in denen Elias neben dem unnachgiebigem Kampfgeist seines Kameraden eine tiefe Verbundenheit zu erkennen glaubte.
    Das Einzige, das nicht ins Bild passte, weil es ihm neuerdings fremd vorkam, war er selbst.
    „Komm schon … bevor ich es mir anders überlege!“, riss Micah ihn aus seinen trüben Überlegungen und deutete in Richtung des Ausgangs, woraufhin sich Elias in Bewegung setzte, um ihm zu folgen.
    Sie mussten schleunigst zur Übergangsdimension gelangen, einem jener Knotenpunkte, der sein Reich mit der irdischen Welt verband.
    Auf dem Weg dorthin erklärte Elias seinem Freund, was sich seit ihrem letzten Gespräch vor einigen Wochen ereignet hatte.
    Er berichtete von dem gescheiterten Versuch, Emilias Seele ins Licht führen zu wollen und der daraus resultierenden Verschmelzung mit ihrem Geist.
    Die Gefühle, welche ihn seit dem mit ihr verbanden, riss er nur kurz an. Er ahnte, dass Micah, trotz erhöhter Bereitschaft, nicht dazu in der Lage sein würde, auch nur ansatzweise nachempfinden zu können, was dies für ihn bedeutete.
    Micahs einzige Leidenschaft galt seinem Schwert und einem guten Kampf. Ihm auf die Schnelle die Komplexität der menschlichen Liebe erklären zu wollen, käme dem aussichtslosen Unterfangen gleich, einen bereits kopflosen Kadir-Dämon enthaupten zu wollen, weshalb Elias davon absah, das Thema weiter als nötig zu vertiefen.
    Schnell kam er deshalb zu dem Punkt, an dem Jesaja ihm von der Prophezeiung berichtet hatte und erläuterte die Konsequenzen, die sich daraus für sie ergaben.
    Plötzlich und völlig unerwartet blieb Micah so abrupt stehen, dass Elias eine Sekunde brauchte, bis er registrierte, dass sein Freund nicht mehr neben ihm herlief.
    „Moment! Soll das heißen, das Orakel von Berisea hat uns bereits vor mehreren tausend Jahren eine verschlüsselte Botschaft hinterlassen, wie wir diesen Krieg gewinnen können? … Und du glaubst, du könntest derjenige sein, der… “
    Elias sah sich aufmerksam um, bevor er Mica in eine kleine Nische zog, noch bevor er den Satz vollenden konnte.
    „Ganz genau!“, antwortete er und holte die Schriftrolle aus seiner Tasche hervor. Vorsichtig löste er das zartglänzende goldene Band, welches als Verschluss diente und faltete das Pergament vor Micahs staunenden Augen auseinander.
    „Dafür werden sie dich endgültig dran kriegen, das weißt du schon“, entfuhr es Micah mit einem fassungslosen Kopfschütteln, während sein ungläubiger Blick an Elias haftete, als habe dieser nun ein für alle mal den Verstand verloren.
    „Ja, vielleicht. Vielleicht aber auch nicht“, entgegnete dieser in kühlem Ton und ließ seinen Kameraden damit in dem Glauben, dass er es war, der die Freveltat begangen und die Prophezeiung aus dem Correnthium gestohlen hatte. Er wusste nicht, woher er mit einem mal die Gelassenheit nahm, doch war es, als spielten die Konsequenzen ohnehin keine große Rolle mehr. Als hätten sie das noch nie.
    „Hör zu, Micah. Wenn sie einen ´Auserwählten` haben wollen, dann werden sie einen bekommen!“, sagte er. „Und wenn das meine Chance ist Emilia zu retten, dann werde ich sie nutzen.“
    Mit gerunzelter Stirn sah Micah ihn an, als gebe er sich alle Mühe Elias` Beweggründe nachzuvollziehen.
    „Es geht hier nicht nur um das Mädchen, Eli. Vergiss das nicht! Egal, was dich mit ihr verbindet …
    „Glaubst du, das weiß ich nicht?“, schnitt Elias ihm das Wort ab. „Aber was ist, wenn sie tatsächlich das fehlende Element ist? Die Quelle, aus welcher der Prophezeite seine Kraft zieht … Was ist wenn…“
    „Wenn du wirklich der Auserwählte bist?“, beendete Micah für ihn den Satz und die Stille, die darauf folgte, ließen seine Worte seltsam befremdlich klingen.
    Elias wusste, dass sich das alles mehr als verrückt anhörte, aber aus dem Mund seines Freundes fiel es ihm ungleich schwerer, selbst daran zu glauben. Müde fuhr er sich über das Gesicht und ließ hörbar die Luft ausströmen, bevor er sich erneut Micahs prüfendem Blick stellte.
    „Es spielt keine Rolle, ob du daran glaubst oder nicht. Ich … ich bitte dich nur darum, nach Emilia zu schauen und dich zu vergewissern, dass es ihr gut geht. Mehr verlange ich gar nicht.“
    Micahs erhobene Braue verriet, was er von Elias` Worten hielt. „Und was wirst du tun?“
    „Ich werde mit den Fürsten sprechen. Wir müssen die Truppen verstärken und auf der Erde einen Widerstand gründen. Das ist unsere einzige Möglichkeit, wenn wir Dagons Angriff abwehren wollen“, antwortete Elias, während er das Pergament in seinen Händen zusammenrollte und es vorsichtig in seiner Tasche verstaute.
    „Du hast vor, mit den Fürsten zu sprechen?“ Entsetzen gepaart mit völligem Unverständnis schwang in Micahs Stimme mit, während er Elias aus schmalen Augen ansah. Genauso gut hätte dieser ihm erzählen können, dass er vorhatte einer ´pazifistischen Meditationsgruppe` beizutreten. Der Ausdruck auf dem Gesicht seines Freundes wäre in etwa derselbe gewesen.
    „Ich muss es versuchen. Wenn sie mich anhören, kann ich sie vielleicht von meinem Vorhaben überzeugen … Außerdem werde ich sie dazu befragen, was es hiermit auf sich hat.“ Er deutete auf den Inhalt seiner Tasche.
    „Du bewegst dich am Rande des Abgrunds, Bruder“, brachte Micah mit einer beschwörenden Bestimmtheit hervor und umfasste Elias Schultern, womit er seinen Worten noch mehr Nachdruck verlieh. „Damit kommst du niemals durch. Maruth steht bereits in Verhandlung mit den Fürsten. Er will sie davon überzeugen, die Zugänge zur Menschenwelt zu kappen und sämtliche Barrieren zu versiegeln. “
    „Ich weiß! … Deshalb muss ich ihn davon abhalten!“, entgegnete Elias entschlossen. „Wir dürfen die Menschen nicht ihrem Schicksal überlassen. Das … das wäre … nicht richtig!“
    Micah sah ihn daraufhin verblüfft an. Die Irritation darüber, dass Elias Partei für die Irdischen ergriff, schien ihm kurzzeitig die Sprache zu verschlagen. Schweigend standen sie einander gegenüber, während ihre silbern glänzenden Augenpaare einander taxierten.
    „Es scheint dir wirklich ernst zu sein“, stellte Micah schließlich fest, ohne das Blickduell zu unterbrechen.
    „Das ist es!“, bestätigte Elias mit einem knappen Nicken, ohne seinerseits den Blick von seinem Freund abzuwenden.
    „Also gut!“ Seufzend stieß Micah die Luft aus, als würde er sich geschlagen geben. „Nehmen wir nur einmal an, das alles würde stimmen, und du wärst tatsächlich derjenige, den das Orakel vorhergesagt hat. Dann hieße das also, wenn der Irdischen etwas zustoßen würde, wären deine besonderen Fähigkeiten als Auserwählter dahin und die Prophezeiung bliebe unerfüllt, richtig?“
    „So in etwa“, stimmte Elias zu.
    „Mh“, brummte Micah nachdenklich. „Im Grunde ist es doch paradox, dass ein einzelner Mensch für den Fortbestand des gesamten himmlischen Reiches entscheidend sein soll, und das, wo wir gerade ernsthaft in Erwägung ziehen, die Menschen Dagon auszuliefern. Mit dieser Entscheidung würden wir uns demnach selbst zerstören.“ Fasziniert über seine eigene Feststellung schüttelte er den Kopf.
    „Das ist es, was ich die ganze Zeit versuche, dir zu sagen, Micah. Und wenn Maruth derartige Pläne verfolgt, dann sollten bei uns eigentlich alle Alarmglocken läuten ...“
    Micahs weiche Züge veränderten sich und nahmen einen Ausdruck an, den Elias nur zu gut an ihm kannte. Sein zartes Engelsgesicht, in dem sich für gewöhnlich Sanftmut und Güte spiegelten, verdunkelte sich und eine wilde Entschlossenheit schob sich wie ein düsterer Schatten über seine Miene.
    „Worauf warten wir dann noch?“, sagte er barsch und nun war er es, der Elias am Arm packe und sich in Bewegung setzte, als hätten sie keine Zeit mehr zu verlieren.


    Als sie an dem Portal ankamen, stellten sie erleichtert fest, dass hier aufgrund der verhängten Sperre lediglich eine Mindestbesetzung anzutreffen war, weshalb es nicht ganz so turbulent zuging, wie sonst. Der Übergang, der die Dimensionen voneinander trennte, bestand aus einer Vielzahl dieser Portale, die halbkreisförmig angeordnet waren.Mit ihren silbern schimmernden Oberflächen, die sich in feinen Wellen wie flüssiges Quecksilber kräuselten, erinnerten die tunnelförmigen Gebilde Elias immer wieder daran, wie schmal die Grenze zwischen seiner und der Welt der Menschen war. Auch, wenn die Barriere für die Irdischen ein unüberwindbares Hindernis darstellte, bestand sie letztlich nicht aus vielmehr als einem Gemisch hochkonzentrierter Energie, welche es den Engeln ermöglichte, die Tür zur fünften Dimension zu öffnen und sie zu passieren.
    Vorsichtig spähte Elias um die Ecke, um sicherzugehen, dass sie nicht mit einem der patrouillierenden Engel zusammenstoßen würden. Nachdem er sich versichert hatte, dass die Luft rein war, winkte er Micah rasch aus der sicheren Deckung und schob ihn vor eine der Türen.
    „Hör zu, Bruder. Emilia ist in jeder Hinsicht etwas Besonderes. Aber mal ganz davon abgesehen, wie wichtig sie womöglich für die ganze Sache ist, ist sie in erster Linie wichtig für mich. Du musst mir versprechen, dass du nicht von ihrer Seite weichen wirst. Auch, wenn es schwierig wird und sie dich zwischendurch zum Teufel scheren will. Lass sie nicht aus den Augen, versprich es mir.“
    „Ja natürlich. Ich habe verstanden. Du kannst dich auf mich verlassen“, sagte Micah ungeduldig. Offenbar konnte er sich nicht vorstellen, was derart schwierig an dieser Aufgabe sein sollte, dass Elias so vehement darauf herumritt.
    „Du hattest bisher kaum Berührungspunkte mit den Menschen, Micah“, gab Elias zu bedenken. „Viele ihrer Verhaltensweisen dürften dir fremd sein. Es ist nicht immer ganz leicht nachzuvollziehen, was in ihnen vorgeht, weil sie nun mal nicht immer nach logischen Gesichtspunkten handeln. Das ist einerseits verwirrend aber andererseits auch faszinierend. Du wirst sehen. Gerade deshalb solltest du dir das aber nicht so einfach vorstellen. Menschen haben einen eigenen Willen, das darfst du niemals vergessen. Du kannst sie nicht ohne weiteres dazu zwingen, dir zu vertrauen oder auf dich zu hören. Sie werden zum Großteil von ihren Gefühlen gesteuert…“ Einen kurzen Moment hielt er inne, dann nahm er einen tiefen Atemzug. „Micah, was ich dir damit sagen will ist, dass du mit Widerständen rechnen musst, die dir bisher nicht bekannt sind. Für gewöhnlich bekommen die Engel der dritten Sphäre eine ziemlich umfangreiche Ausbildung, in der sie auf ihre Aufgabe in der Menschenwelt vorbereitet werden. Darauf müssen wir jetzt leider aus Zeitmangel verzichten. Also, lass dich einfach darauf ein, in Ordnung? Du packst das schon.“
    Micah zog eine Augenbraue hoch und erwiderte Elias` Blick mit verständnisloser Skepsis. Seine Gedanken standen ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Er kämpfte üblicherweise gegen Dämonen. Das war seine Bestimmung. Warum sollte er sich von gewöhnlichen Sterblichen und deren Eigenarten einschüchtern lassen?

    Elias konnte seinen Freund nur zu gut verstehen. Schließlich war das auch seine Einstellung gewesen, bevor er Hals über Kopf in die Welt der Menschen geworfen worden war.

    Wenn er heute an seine erste Begegnung mit Emilia zurückdachte, konnte er nicht anders, als über sich selbst den Kopf zu schütteln.

    Nie zuvor hatte er ein derart störrisches Wesen getroffen und noch viel weniger hätte er sich träumen lassen, was diese kleine zierliche Person mit ihren großen karamellbraunen Augen und ihrem losen Mundwerk in ihm auszulösen vermochte.

    Selbst ein Schlagabtausch mit einer neunköpfigen Hydra hätte ihm mehr Sicherheit vermittelt, als die ersten Wochen, die er auf der Erde zugebracht hatte.

    Es blieb ihm nichts anders übrig, als zu hoffen, dass Micah die Situation schon irgendwie meistern würde.

    „Wo finde ich sie denn jetzt?“, riss dieser ihn nun aus seinen Gedanken und atmete dabei hörbar aus.
    „Wenn sie auf mich gehört hat, was ich sehr hoffe, dann müsste sie bei Freddy sein, ihrem Nachbarn", antwortete Elias. "Wir schicken dich direkt dorthin. Irgendwie habe ich die Verbindung zu ihr verloren. Ich habe keine Ahnung, was du da vorfinden wirst – Also sei vorsichtig!“ Ein weiterer mahnender Blick wanderte in Micahs Richtung.
    „Bin ich immer!“, entgegnete sein Freund und ein selbstgefälliges Grinsen huschte über dessen Gesicht.

    Elias ließ seine flache Hand über die Umrandung des Portals gleiten woraufhin ein leises Summen ertönte, das zunehmend lauter wurde. Der wabernde Durchgang veränderte sich und nahm nun eine bläuliche Färbung an, die es ermöglichte schattenhafte Umrisse auf der anderen Seite zu erahnen.
    „Wenn du die beiden dort antriffst, wird es wahrscheinlich das Beste sein, reinen Tisch zu machen und Freddy in die Sache einzuweihen. Er ist in Ordnung. Wir werden die Menschen ohnehin nicht länger im Ungewissen lassen können und müssen sie auf Dagons Angriff vorbereiten. Wenn die Fürsten meiner Idee Gehör schenken, werden in den nächsten Tagen hoffentlich mehr Engel folgen, und wir können beginnen, die Schutzmaßnahmen einzuleiten.“ Elias klopfte seinem Freund auf die Schulter und drückte ihn dann zum Abschied noch einmal fest an sich. „Ich komme nach, so schnell ich kann. Sag ihr das. Und … gib ihr das hier von mir.“ Er zog sein Armband mit der Inschrift aus, das ihn als Krieger des himmlischen Heeres auszeichnete.
    Licht und Schatten sind wir … Nur kurz flammte die erste Zeile des himmlischen Codex auf, bevor sie wieder erlosch und sich in dem dunklen Material verlor wie in einem tiefschwarzen Meer.
    Micah sah ihn entgeistert an, und schien nicht recht zu wissen, was er davon halten sollte, dass sich Elias von diesem bedeutungsschweren Erkennungszeichen so ohne weiteres zu trennen bereit war. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, nahm er das Armband aber an sich und nickte Elias dann kurz zu.
    „Na schön, Bruder. Wir sehen uns“, sagte er zum Abschied.
    „Ja, wir sehen uns“, antwortete Elias, als sich die Türe schloss und Micah vor ihm verschwand.


    Hier geht`s weiter:

    Kapitel 5 (Die Stunde der Wahrheit)

  • Liebe Rainbow

    Ein neuer Abschnitt, der mir gut gefallen hat. Insbesondere, wie Micah vergeblich darauf vorbereitet wird, wie chaotischen die Menschen sind. Ich bin jetzt sehr gespannt was Micah vorfindet und ob er Emilia überhaupt findet.


  • Gefaellt mir gut - mit viel Augenmerk auf das Gefuehlschaos das Elias da heimsucht- und auf seinen onflikt zwischen Pflicht und Sorge um Emilia.


    Ein Thema wuerde ich nochmal anschauen:


    Die Irritation darüber, dass Elias Partei für die Irdischen ergriff, schien ihm kurzzeitig die Sprache zu verschlagen.


    Ich weiss Du hattest es schon aufgebracht dass die Engel mit dem Gedanken spielen die Menschen ihrem Schicksal zu ueberlassen - aber... zwischen Gott und Menschen Mittler zu sein ist ja eigentlich ihre Bestimmung - zumindest klassisch.


    Daher koennte ich verstehen dass sie mit dem Gedanken spielen ob sie auch ohne Menschen koennten - aber dass Micah hier irritiert ist dass Elias 'die Partei' der Irdischen ergreift, das ist schon ein gutes Stueck haerter. Da wird jetzt eher ein Szenario von Feindschaft geschildert - das impliziert dass die meisten Engel irgendwie schon lange mit den Menschen abgelschlossen haben und Micah damit rechnet dass ihm jeder recht gibt wenn er ueber ein Bier ueber die Menschen laestert.


    Kann so sein, aber das Thema wuerde ich halt noch besser in der Geschichte anlegen.


    Und hier sind noch zwei kleine:


    Die Kampfmontur, die sich stets über seinen breiten Schultern spannte, als sei sein muskulöser Oberkörper nicht gewillt, sich in eine unnachgiebige Form pressen zu lassen


    Kampfmontur klingt recht modern - ich dachte die hatten schon Schwerter? Sollte da nicht eher eine... Ruestung zu passen? Wie stelle ich mir eine Kampfmontur so vor?


    Der Übergang, der die Dimensionen voneinander trennte, bestand aus einer Vielzahl dieser Portale, die halbkreisförmig angeordnet waren und wie Fahrstühle aussahen, mit Schiebetüren und jeder Menge Knöpfe und Schalter im Inneren.


    Meh - hast Du wahrscheinlich schon kommen sehen, aber mir ist sowas zu technisch :D


    Aber es ist Deine Geschichte :pflaster:

  • Hi Rainbow


  • Danke, Sensenbach, Thorsten und Fly für eure Kommentare :)


  • Muss ich mal drüber nachdenken... du meinst, man könnte es etwas veranschaulichen, indem man seine persönlichen Erfahrungen mit rein nimmt? :hmm: Ich schaue mal, was sich da machen lässt. Die Kunst ist ja immer, es nicht ausufern zu lassen und den Dialog nicht zu sehr zu strecken, wenn du verstehst, was ich meine. Zu viele eingeflochtene Gedankengänge nehmen immer auch Tempo raus...aber ich überlege mir was. In jedem Fall eine gute Idee von dir!

    Ich denke wenn der Teil soweiso aus seiner Sicht ist kann man gut sowas mitreinnehmen. Natürlich nicht zu viel, aber es war ja auch für ihn eine ziemliche Umstellung ... wäre also nur logisch wenn er manchmal darüber nachdenkt oder auch Vergleiche zieht.

  • Hey Rainbow


    meinen Senf zu diesem wirklich sehr gelungenen Text voller herrlicher Details (wie ich finde:love:) kennst du ja schon, darum wiederhole ich mich hier nicht. Ich habe gesehen, dass du den Anfang noch etwas nachgebessert hast, das gefällt mir sehr gut!

    Dieser Konflikt, in dem Elias jetzt steckt: er ist fast verrückt vor Sorge um Emilia, darf ihr aber nicht persönlich helfen, weil das Überzeugen der Engelfürsten von dem großen Plan wichtiger ist und das darf er leider nicht delegieren sondern muss selber ran - da geht es dann ja schließlich um das Überleben des Himmels und der Menschheit, was wichtiger ist als ein Einzelschicksal - das ist ein genialer, klassischer Konflikt und sorgt für extreme Spannung. Das hast du hier in der überarbeiteten Version auch viel deutlicher gemacht als in der Ursprungsversion (so weit ich mich erinnere).

    Wie es mit Micah weitergeht, weiß ich im Prinzip ja schon und freu mich schon drauf, aber ich lass mich mal überraschen. Vielleicht hast du da ja auch noch etwas dran gedreht. Bin auf jeden Fall seeehr gespannt!

  • Okay. Jetzt geht's langsam ans Eingemachte :smoker:


    Ich bin gespannt, was Micah unternimmt, wenn er Emilia nicht bei Freddy vorfindet. Ich würde erstmal einen Wutanfall bekommen und irgendein Glas an die Wand werfen :D


    Ansonsten habe ich nicht viel zu sagen, passt alles so, würde ich sagen. Außer, dass mir die Beschreibung mit den Portalen irgendwie ein bisschen zu technisch vorkam. Mit den Knöpfen und so ... Fahrstühle? Hm. Gut, soll mich jetzt aber nicht weiter stören :D


    LG :)

    „Sobald wir ihn finden, wird er seine gerechte Strafe bekommen" - Meister Karak

    "Dann... werde ich ihn töten" - Meister Rüstan


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • Danke, Kirisha und LadyK für eure Rückmeldungen. :)


    Ich mache jetzt mal mit dem nächsten Kapitel weiter, in welchem ihr die Engelsfürsten kennenlernen werdet. Ich bin schon sehr gespannt, was ihr davon halten werdet, also lasst mich gerne an euren Gedanken beim Lesen teilhaben. Da ich noch ein bisschen daran herumgebastelt habe, könnten sich ein paar Fehlerchen eingeschlichen haben ... oder blöde Wortwiederholungen ... oder anderer Nonsense :D ... na ja, schaut einfach mal.


    Nachtrag: Ich werde den Anfang in jedem Fall noch ein bisschen aufpeppen und diesen Besprechungssaal etwas spektakulärer beschreiben. Ein paar Ideen habe ich diesbezüglich schon, die müssen jetzt nur noch umgesetzt werden ^^ (Stand 01.01.2020)



    Kapitel 5

    Die Stunde der Wahrheit


    Die Versammlung des Rates hatte bereits begonnen, als Elias schwungvoll die große Flügeltür öffnete und ohne Vorankündigung den dahinterliegenden Saal betrat.
    Das Praetorium, wie man den eigentümlichen Besprechungsraum mit den hohen Decken und den aufsteigenden, halbrund angeordneten Sitzreihen nannte, war Elias nur aus Erzählungen bekannt, weshalb er einen Moment brauchte, um das beeindruckende Bild, das sich ihm nun bot in seiner Gesamtheit auf sich wirken zu lassen.
    In den riesigen bodentiefen Mosaikfenstern brach sich das von außen einfallende Licht, welches sich wie ein fein flimmernder bunter Schleier über das Geschehen legte. Elias hatte einmal gehört, dass die verschiedenfarbigen Strahlen, welche die Plätze in unterschiedlicher Weise beleuchteten, Rückschlüsse darüber zuließen, welche Stellung der darauf sitzende Engel einnahm, doch konnte er sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, welcher Farbe welche Bedeutung zukam. In dem Moment verwünschte er sich dafür, dass er diesen Dingen nie mehr Beachtung geschenkt hatte.
    Darum bemüht, seine Anspannung niederzukämpfen, lenkte er seine Aufmerksamkeit auf die kunstvoll verzierten Chorstühle mit den hohen Rückenlehnen und den aufwendig eingearbeiteten Schnitzereien. Keine dieser Sitzgelegenheiten glich der anderen, was ihn in seiner Theorie bestärkte, dass sie sich je nach Position und Rang ihres Besitzers offenkundig unterschieden.
    Die beiden Feuerschalen, die rechts und links neben dem Rednerpult entzündet worden waren, warfen flackernde Schatten an die Wände und hinterließen den Eindruck, als würden die mystischen Ornamente, die sich quer über die gesamte Decke zogen, zum Leben erwachen.
    Ohne, dass er es gewollt hätte, ließ er sich von dem spektakulären Anblick gefangen nehmen, den die in Gold und Bronze gefassten Wandmalereien boten, welche in scheinbar unendlicher Höhe die gewölbte Kuppel zierten.
    Erhaben blickten die Abbilder der Fürsten von dort oben auf ihn herab und vermittelten ihm augenblicklich das Gefühl, auf die Größe eines Sandkorns zusammenzuschrumpfen.
    Mit einem lauten Krachen fiel die schwere Pforte hinter ihm ins Schloss und erinnerte ihn auf unsanfte Weise daran, weshalb er hier war.
    Der Redner, der soeben noch die volle Aufmerksamkeit seiner Zuhörer gehabt hatte, verstummte und die Blicke aller Anwesenden wanderten in Richtung Tür.
    Ein Raunen ging durch den Saal, einige schüttelten die Köpfe über dieses frevelhafte Zuspätkommen und die damit verbundene Störung der heiligen Sitzungsordnung, während andere den Nachzügler mit neugierigen und verwunderten Blicken bedachten.
    Den ganzen Weg hierher war Elias durch die Sorge um Emilia angetrieben worden und die Frage danach, was ihr zugestoßen sein könnte, weshalb er sich nur spärlich auf das Zusammentreffen mit den Abgesandten der verschiedenen Sphären hatte vorbereiten können.
    Unaufhörlich kreisten die Gedanken in seinem Geist: Konnte es tatsächlich sein, dass er der Auserwählte war, von dem in der Prophezeiung die Rede war? Spielte das überhaupt eine Rolle? Würde er sich anders verhalten, wenn er es nicht wäre? Letzteres konnte er für sich mit einem klaren ´Nein` beantworten.
    So oder so würde er es als seine Aufgabe sehen, die nahende Bedrohung für sein Reich und für die Welt der Menschen abzuwenden. Er würde nichts unversucht lassen, seine Pläne an die befehlshabenden Entscheidungsträger zu übermitteln und sich für deren Umsetzung einzusetzen. Das war seine Bestimmung.
    Die Unruhe im Saal flaute langsam ab und Elias spürte die spannungsgeladene Atmosphäre, die ihm entgegenschlug. Jetzt gab es keinen Weg mehr zurück.
    Abschätzend ließ er den Blick durch den Raum schweifen und versuchte, sich einen Überblick über die anwesenden Engelsfürsten zu verschaffen. Gut die Hälfte der Sitzreihen war durch die strahlenden Lichtwesen in ihren weißen Kutten belegt, deren Leuchtkraft unterschiedlich stark ausgeprägt war.
    Am Rednerpult machte er Rafael aus, den er als neuen Vorgesetzten während seiner kurzen Dienstzeit in der dritten Sphäre bereits kennen und schätzen gelernt hatte. Als Vertreter der Erzengel und der Schutzengel hatte Elias fest mit seiner Anwesenheit gerechnet und obwohl sich die Überraschung über sein Erscheinen nun auf den Zügen des Engelsfürsten spiegelte, signalisierte dieser ihm mit einer einladenden Handbewegung näherzukommen.
    Nervös kämmte Elias sich mit den Fingern die zerzausten schulterlangen Haare aus dem Gesicht und räusperte sich kurz, bevor er die Anwesenden mit einer angedeuteten Verbeugung begrüßte.
    „Guten Abend“, sagte er knapp. „Tut mir leid, wenn ich hier so reinplatze und diese Runde stören muss. Ich habe etwas mitzuteilen, dass sphärenübergreifend von Bedeutung sein wird“, purzelten die Worte aus seinem Mund und er war selber erstaunt darüber, wie redegewandt er plötzlich war. Mit langen Schritten marschierte er auf Rafael zu, der seine Begrüßung erwiderte und einen Schritt zur Seite trat, um ihm das Wort zu überlassen. Elias dankte ihm und wandte sich dann den vielen Augenpaaren zu, deren Blicke ihn auf ganz unterschiedliche Weise fixierten. Einige wohlwollend, andere skeptisch und abschätzend, die meisten in jedem Fall aber neugierig und zugewandt.
    „Ich bin Elias. Göttlicher Vertreter der zweiten Sphäre und Krieger des himmlischen Heeres“, sagte er mit fester Stimme. Er ging davon aus, dass sein Bekanntheitsgrad trotz der besonderen Verdienste im himmlischen Heer und seiner unrühmlichen Versetzung in die dritte Sphäre, wohl kaum bis zu allen Engelsfürsten durchgedrungen sein dürfte. Nachdem er allerdings seinen Namen Preis gegeben hatte, wurde ein leiser Tumult entfacht. Es hatte den Anschein, als löse seine Anwesenheit eine stille Begeisterung aus und die Unsicherheit in den Gesichtern der Engel wich einer gewissen Erkenntnis. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, als habe man insgeheim auf ihn gewartet.
    In dem Moment erhoben sich zwei Engel mit besonders glanzvoller Erscheinung von ihren prunkvollen Stühlen. Schneeweiße Haare fielen ihnen über die Schultern und ihre Augen glänzten silbern in den makellosen Gesichtern. Trotz der jugendlichen Züge strahlten sie eine unbeschreibliche Weisheit aus und wirkten aufgrund ihres fast identischen Aussehens wie eineiige Zwillinge. Sechs Flügel schimmerten hauchzart hinter ihren Rücken. Sie waren nicht mehr, als eine angedeutete Silhouette, die erst bei genauer Betrachtung ins Auge fiel.
    Das mussten Seraphiel und Metatron sein, die regierenden Fürsten der ´Seraphim`, auch bezeichnet als der ranghöchste Chor der Engel. Sie waren es, die Gott am nächsten standen und das Licht seiner Herrlichkeit reflektierten.
    Augenblicklich spürte Elias, wie sein Mund trocken wurde und sich das beklemmende Gefühl kläglicher Bedeutungslosigkeit in seiner Brust ausbreitete. Zwar war er noch nie der Überzeugung gewesen, dass man jemandem aufgrund seines Ranges mehr Respekt entgegenbringen musste, doch konnte er sich einer gewissen Ehrfurcht vor diesen Wesen, die auf der höchsten spirituellen Entwicklungsstufe standen, die es in seinem Reich zu erwerben gab, nicht erwehren.
    Beide falteten die Hände vor der Brust und verneigten sich, um Elias zu begrüßen. Dann betrachteten sie ihn mit kühler Anmut.
    „Sei gegrüßt, Elias. Es herrschte Ungewissheit darüber, wann du zu uns finden würdest“, sagte Seraphiel in ruhigem melodischem Tonfall.
    „Wir waren uns nicht sicher, wie lange du brauchen würdest, dich zu deiner Bestimmung zu bekennen und dem Ruf zu folgen“, ergänze Metatron. „Dass du nun hier bist, heißt wohl, dass du kommst, um deinen Platz einzunehmen!“
    Stille durchzog den Saal und sämtliche Blicke waren erwartungsvoll auf Elias gerichtet. Wie gebannt warteten alle auf seine Antwort.
    Also doch! – Diese heuchlerische Meute!
    Elias glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Die Arroganz, die ihm aus diesen Worten entgegenschlug war für ihn kaum fassbar. Man hatte ihn die ganze Zeit über im Unklaren gelassen, ihn dem Glauben ausgesetzt, aufgrund seiner Andersartigkeit minderwertig zu sein und ihn zuletzt sogar bezichtigt, er könne zur Gefahr für das himmlische Reich werden, da man ihm insgeheim unterstellt hatte, ein Abtrünniger zu sein und auf Dagons Seite zu wechseln.
    Der Schmerz und die Enttäuschung über das Urteil, welches seine Degradierung nach sich gezogen hatte, saßen nach wie vor tief.
    Wie selbstverständlich ging man nun scheinbar davon aus, er würde diese Schikane einfach vergessen und tun, wofür man ihn ausgewählt hatte. Was auch immer das konkret bedeutete.
    Er konnte sein abfälliges Schnaufen nicht unterdrücken und schüttelte fassungslos den Kopf, während er den beiden mächtigen Engeln gegenüber stand und ihre Blicke trotzig erwiderte.
    „Mein Platz?“, fragte er und ein kaltes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Wo soll der eurer Meinung nach sein? An Fäden aufgehängt, die in euren Händen liegen, damit ihr über mich verfügen könnt, wie über eine Marionette?“
    Die Stille, die eben noch geherrscht hatte, wurde durch leises Getuschel durchbrochen. Seraphiel und Metatron tauschten einen flüchtigen Blick aus, ehe sie sich Elias mit unverändert freundlicher Miene wieder zuwandten.
    „Deine Unbeugsamkeit und dein Rebellionsdrang sind uns bereits zu Ohren gekommen, Elias. Und trotzdem ist es zutiefst beeindruckend, dich kennenzulernen. – Einen Engel, der über einen derart ausgeprägten eigenen Willen verfügt, wie du es tust“, sagte Seraphiel und Elias glaubte tatsächlich so etwas wie Anerkennung in seiner Stimme heraushören zu können. „Sprich, warum bist du zu uns gekommen?“
    Einen kurzen Moment überlegte er. Dann straffte er sich und ließ seinen Blick über die Sitzreihen schweifen. „Ich bin hier, um in Erfahrung zu bringen, was ihr unternehmen werdet, um Dagon aufzuhalten. Insbesondere interessiert es mich, wie ihr hinsichtlich der Bedrohung für die Menschen zu verfahren gedenkt. Ich habe erfahren, dass große Teile des himmlischen Reiches sich dafür ausgesprochen haben, die Menschen opfern zu wollen. Das kann und will ich nicht zulassen. Ich bin hier, um euch meinen Plan zu übermitteln.“
    Seraphiel nickte hoheitsvoll. „Elias. Es gibt etwas, dass du wissen musst: Vor langer, sehr langer Zeit, empfingen die Ersten von uns ein göttliches Zeichen – eine Prophezeiung, die uns ein höheres Wesen ankündigte…“
    „Die Existenz dieser Prophezeiung ist mir bereits bekannt“, fuhr Elias ihm unwirsch ins Wort und verzichtete darauf, seinen abwertenden Tonfall zu beschönigen. Im gleichen Moment zog er das zusammengerollte alte Pergament aus seiner Tasche hervor und hielt es für jedermann gut sichtbar in die Höhe. Fast so, als habe es nur darauf gewartet, sich selbst in Szene zu setzen, begann das Mitbringsel auf magische Weise zu leuchten. Das grelle Licht schwoll an, breitete sich nach und nach in dem Saal aus, bis seine pulsierenden Strahlen, auch den letzten Winkel erreicht hatten.
    Ein überraschtes Staunen legte sich über die Anwesenden, welches keinen Zweifel daran ließ, dass nun auch die höheren Sitzreihen darüber im Bilde waren, was er da bei sich trug.
    „Ziemlich riskant, wenn ihr mich fragt, ein solch wichtiges Schriftstück im Correnthium aufzubewahren, wo es offenbar für jedermann zugänglich ist“, gab er offenkundig zu bedenken. „Es wäre für Dagon ein Leichtes gewesen, seine Spürhunde darauf anzusetzen und dann haarklein zu erfahren, aus welcher Quelle der Auserwählte seine Macht schöpft und wie man sie ihm wieder nehmen kann.“ Die Fahrlässigkeit, mit der die obersten Abgesandten seines Reiches agierten, ließ ihn für den Moment vergessen, welche Folgen sein respektloses Verhalten für ihn haben könnte. „Es ist mir außerdem unbegreiflich, wie ihr willkürlich ein menschliches Wesen auswählen konntet, um es auf Gedeih und Verderb an unser Schicksal zu binden“, fuhr er fort.
    Ungerührt nahm er das kollektive Murmeln aus dem Zuhörerraum auf, das erst durch eine knappe Handbewegung Seraphiels unterbunden wurde. Starr blickte er auf Elias herab.
    Wenn ihm dessen herausfordernder Ton und seine offene Kritik in irgendeiner Art bitter aufstießen, so ließ er es sich zumindest nicht anmerken. Auch die aus dem Correnthium entwendete Prophezeiung schien ihn wenig zu beeindrucken. Stattdessen wendete er sich mit unverändert wohl wollender Stimme wieder an Elias.
    „Die Verschmelzung deines Geistes mit dem ihren war in vielerlei Hinsicht von besonderer Wichtigkeit für uns. Sie hat deinen Blick für das Menschliche geschärft und dich gleichzeitig zu unserer effektivsten Waffe im Kampf gegen Dagon gemacht“, sagte er und obwohl keinerlei Argwohn in der Miene des Engels erkennbar war, konnte Elias sich nicht des höhnischen Untertons erwehren, der in Seraphiels Worten mitschwang.
    Warum nur hörte sich das mehr nach einer arroganten Belehrung als nach einer Erklärung an?
    „Die Welt der Menschen steht kurz vor der Vernichtung“, fuhr Seraphiel fort, ohne, dass sich auf seinem bildschönen Gesicht auch nur irgendeine emotionale Regung abgezeichnet hätte. „Jeder Irdische ist in gleicher Weise in Gefahr. Aber lediglich sie ist auserkoren, den Ausgang des Krieges für uns zu entscheiden.“ Er räusperte sich, bevor sich sein wachsamer Blick wieder an Elias haftete. „Vorausgesetzt, sie bleibt weiterhin unversehrt.“
    Die Worte schwirrten in Elias Geist umher und fügten sich nur langsam sinnvoll aneinander. Die berechnende Vorgehensweise dieser oberen Engelsfürsten, und die damit einhergehende Gefühlskälte, verursachte ihm eine Gänsehaut. Einmal mehr war er froh, dass er sich von diesen Wesen unterschied und in der Lage war, Gefühle zu empfinden. Es schien fast so, als arbeiteten sie stur ihren Plan ab. Erst den Engel degradieren und in die Menschenwelt schicken, dann die Verschmelzung mit einem menschlichen Geist hervorrufen um zu guter Letzt mit dem Auserwählten eine Waffe zu schaffen, die für alle die Rettung bedeuten kann. Zum wiederholten Male kam er sich wie ein Spielball vor, der nach Belieben hin- und hergerollt wurde. Und was sollte das überhaupt heißen: So lange Emilia unversehrt bliebe?
    Ein Schatten legte sich über sein Gesicht und plötzlich überkam ihn eine düstere Vorahnung.
    „Was ist mit ihr geschehen?“, schoss es dann aus ihm heraus. „Ihr wisst es, hab ich recht? Irgendetwas stimmt nicht mit ihr.“ Er machte zwei lange Schritte auf die beiden Fürsten zu und spürte, wie sich seine Hände ungewollt zu Fäusten ballten.


    Hier geht`s weiter:

    Kapitel 5.1

  • Hey Kirisha


  • Hey Rainbow

  • Hi Rainbow

    „Ich bin Elias. Göttlicher Vertreter der zweiten Sphäre und Krieger des himmlischen Heeres“

    haha das ist aber mal eine Vorstellung xD irgendwie könnte ich dabie nicht ernst bleiben :D

    Also doch! – Diese heuchlerische Meute!

    Ja! Genau meine Meinung!!


    Wir kommen der Sache näher! Und Elias setzt sich auch mit diesem Auserwählten Dings auseinadere was ich sehr gut finde! Und irgendwie hat er bei dieser Diskussion menschliche Züge gezeigt was ich ja toll finde :D

  • Ja, das liest sich richtig schoen - da kommen auch die Erzengel gut rueber in ihrer Andersartigkeit. Die uebrigends meine Sympathie haben - irgend jemand scheint im Himmel also auch mal nachzudenken statt einfach nur nach Gefuehl draufzuhauen.


    Warum Elias sich davon so hintergangen fuehlt ist mir nicht klar - er ist Engel und sollte damit an die goettliche Erkenntnis seiner Oberen glauben, und er ist Soldat und sollte wissen dass der kleine Trupp der ins Feld geschickt wird um dabei draufzugehen den Feind aus der Reserve zu locken und somit viele andere Verluste zu vermeiden nicht darueber informiert wird.


    Aber besonders schoen finde ich, wie sich die Erzengel einfach nicht von ihm provozieren lassen:D


    Das ist ein sehr gelungener Abschnitt!



    ohne Vorankündigung den Konferenzraum betrat

    Thorsten ist der Konferenzraum hier wieder zu modern - die Idee von Kirisha den genauer zu beschreiben unterstuetze ich uebrigends :)

    Ich bin Elias. Göttlicher Vertreter der zweiten Sphäre und Krieger des himmlischen Heeres

    Isser aber doch grade gar nicht mehr - er ist ja zum Schutzengeldienst degradiert worden. Finde ich irgendwie out of Charakter dass er da luegt - ich haette eher erwartet dass er grummelnd aber erhobenen Hauptes ehrlich bleibt.

  • Hi Rainbow,


    jetzt habe ich mir doch etwas zu viel Zeit gelassen um weiterzulesen :/


    Hier mein Feedback zu Kapitel 2:



    LG Remoni


    Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.
    Mahatma Gandhi

  • Hallo Rainbow,

    endlich bin ich wieder mit etwas mehr Zeit gesegnet und habe mich auf den aktuellen Stand bei dir gebracht. Hier meine Anmerkungen zu den letzten beiden Abschnitten.


    LG Alexander


    Für mehr blümchenpflückende Orks, blutrünstige Elfen und vegetarische Drachen!

  • Danke noch mal Kirisha, 97dragonfly , Thorsten , Remoni und Alexander2213 für euer Feedback.:)


    Ich bastle gerade an einer Lösung, um die Portale und auch diesen Besprechungssaal fantastischer darzustellen. Da ihr das fast einstimmig bemängelt habt und euch da mehr Zauber und Magie wünschen würdet, will ich mal ein bisschen in der Spezial-Effekte-Kiste wühlen :D ... aber bevor ich euch dann meine Überarbeitung zeige, mache ich zunächst hier an der Stelle weiter.




    Kapitel 5.1



    „Wir … haben sie verloren! Es besteht Grund zu der Annahme, dass sie entführt wurde“, antwortete Seraphiel, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken oder eine andere Form von Betroffenheit zu zeigen.
    „Ihr … ihr habt sie …“, stammelte Elias ungläubig. „Wie konnte das passieren? Wie konntet ihr den für unser Reich bedeutsamsten Menschen verlieren und womöglich in die Hände des Feindes geraten lassen? Ich fasse das nicht! - Es wäre eure Aufgabe gewesen, sie zu beschützen!“ Seine Worte hallten von den nackten Wänden wider und das Echo seiner kraftvollen Stimme bebte anklagend durch den Saal.
    Emilias Bild zeichnete sich vor ihm ab und die Vorstellung, dass sie jetzt gerade in diesem Moment von einer Übermacht dämonischer Wesen an einem finsteren Ort gefangen gehalten wurde, womöglich Todesängste ausstehen musste und sich von ihm im Stich gelassen fühlte, ließ seine mühsam beherrschte Fassade augenblicklich dahin bröckeln.
    Ohne, dass er auch nur irgendetwas dagegen hätte ausrichten können, stieg eine unbändige Wut in ihm auf und drängte die sehr viel weniger machtvollen Gefühle von Verzweiflung und Hilflosigkeit in den Hintergrund.
    Kurz war er versucht, sich Seraphiel zu schnappen, ihn am Kragen zu packen um ihn zu schütteln, bis ihm seine Überheblichkeit aus dem Gesicht fiele. Nur mit äußerster Mühe widerstand er dem Drang sich seinem Zorn hinzugeben und sich von der lähmenden Finsternis einhüllen zu lassen, die seinen Verstand außer Gefecht zu setzen drohte.
    Bleib ruhig!
    Den Kiefer fest aufeinander gepresst, besann er sich darauf, was er den Rekruten an der Akademie einzutrichtern versuchte:
    Nur ein besonnen geführtes Schwert trifft sein Ziel.
    Sein Ziel! Unter keinen Umständen durfte er es aus dem Auge verlieren. Nie im Leben würde er auf die Unterstützung der Fürsten zählen können, wenn er sich jetzt zu einem tätlichen Übergriff hinreißen ließ - so verlockend die Vorstellung seiner Hand an ihren dünnen Hälsen auch sein mochte.
    Erschrocken darüber welche Richtung seine Gedanken einschlugen, rief er sich selbst zur Ordnung, als könne es ihm auf dem Wege gelingen, die Intensität der menschlichen Emotionen im Zaum zu halten, welche ihn seiner Konzentration berauben wollten.
    Wenn dies der Dauerzustand war, dem die Irdischen tagtäglich ausgeliefert waren, dann wunderte es ihn nicht, dass sie dem Wahnsinn verfielen und sich gegenseitig auslöschten.
    Die erdrückende Stille, hing wie ein undurchdringlicher Schleier in der Luft und keiner der Anwesenden gab auch nur einen Laut von sich. Lediglich Elias` Atemzüge, die stoßweise und viel zu hektisch kamen, zerrissen die erzwungene Ruhe.
    In dem Moment trat Rafael auf ihn zu und legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter. „Es nützt niemandem, wenn du jetzt die Kontrolle über dich verlierst, Bruder. Lass die menschlichen Gefühle nicht die Oberhand gewinnen und dein Handeln bestimmen. Du brauchst einen klaren Kopf, also beruhige dich und höre zu“, sprach er in freundlichem aber bestimmenden Tonfall und sah Elias dabei eindringlich in die Augen.
    Mit beiden Händen fuhr sich dieser durch die Haare, legte den Kopf in den Nacken und nahm einen tiefen Atemzug. Rafael hatte recht.
    Er musste lernen, seine Gefühle, die sich inzwischen in verwirrender Weise verstärkt hatten, unter Kontrolle zu bringen, wenn er sein Vorhaben in die Tat umsetzen wollte. Außerdem würde er Emilia wohl kaum helfen können, wenn er sich wie ein umherlaufender Irrer aufführte.
    Hörbar ließ er die Luft ausströmen, bevor er seinen Blick wieder auf Seraphiel und Metatron richtete.
    „Also gut. Klärt mich auf. Ich bin ganz Ohr!“, sprach er schließlich und verschränkte erwartungsvoll die Arme vor der Brust. Er hoffte, auf die Weise das Zittern in seinem Inneren niederkämpfen zu können, das von ihm Besitz ergriffen hatte.
    Die beiden Fürsten sahen ihn abschätzend an, ebenso wie all die anderen Engel, die wie teilnahmslose Zuschauer von ihren Plätzen auf ihn herabsahen. Elias glaubte zu ahnen, was sich in ihren Köpfen abspielte.
    Die Irritation über sein sonderbares Verhalten stand ihnen förmlich ins Gesicht geschrieben. Sie musterten ihn aus schmalen Augen als seien sie sich noch nicht ganz sicher, wie sie mit seiner Art umzugehen gedachten. Offenbar war es etwas gänzlich anderes, den Auserwählten mit seinen menschlichen Attributen in Aktion zu erleben, statt ihn nur aus der Ferne zu studieren, wie ein biblisches Artefakt, kam es ihm in den Sinn.
    Ohne auch nur im Entferntesten zu ahnen, welche Gedanken in Elias tobten, holte Seraphiel schließlich Luft, bevor er zu einer Erklärung ansetzte:
    „Es war uns nicht möglich, der Irdischen unseren Schutz zu gewähren, denn auch ihre Geburt stand unter dem Stern der Vorbestimmung. Eines Tages sollte sie sich mit dem Auserwählten vereinen und ihm damit zu der Macht verhelfen, die letzte große Schlacht unserer Zeit zu schlagen…“, sagte er in feierlichem Ton, während seine silbernen Augen einen verheißungsvollen Glanz annahmen. „Die ausdrückliche Anweisung von ´Oben` lautete jedoch, dass sie ihr Leben ohne unser Zutun und unsere Einflussnahme bewältigen sollte. So, wie es das Schicksal für sie bestimmt hatte. Mit allen Erfahrungen, egal, wie schlimm sie auch sein mochten. Und daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert…“
    Darum bemüht, mit der Verarbeitung der Informationen hinterherzukommen, die auf ihn niederhagelten wie die Splitter einer detonierenden Seraph-Granate, versuchte Elias, den Sinn hinter Seraphiels Worten zu erfassen.
    Wollte man ihm gerade allen Ernstes weismachen, dass Emilias Gefangennahme unausweichlich gewesen war, weil Gott es so angeordnet hatte?
    Beim Schlag des Donnerkeils! Das durfte doch alles nicht wahr sein! Schließlich war es nicht sonderlich schwer, sich auszumalen, was Dagon mit ihr anstellen würde, wenn er sich der Bedrohung bewusst würde, die von ihr ausging. Immerhin konnte sie sein gesamtes Vorhaben torpedieren-selbst, wenn sie sich darüber überhaupt nicht im Klaren war.
    Ihr Leben baumelte am seidenen Faden … und das Schlimmste an allem war: Er trug die Schuld daran! Er selbst hatte die Gegenseite quasi zu ihr geführt. Es viel ihm schwer, sich vorzustellen, dass DAS nicht abwendbar gewesen wäre.
    Hätte man ihn von vorneherein in die Mission eingeweiht, wäre es mit Sicherheit nicht so weit gekommen. Aber NEIN! Man hatte es ja vorgezogen, ihn im Ungewissen zu lassen und darauf zu warten, dass ihn der ´Ruf` ereilen und er seiner Bestimmung folgen würde.
    Resigniert fuhr er sich über das Gesicht.
    Er wusste, dass es in seinem Reich Gang und Gäbe war auf das Schicksal zu vertrauen und darauf, dass sich egal, was auch komme, der göttliche Wille erfülle, doch hatte er das in der Vergangenheit nie zum Anlass genommen, die Kontrolle abzugeben.
    Schließlich konnte er sich während eines brenzligen Gefechts auch nicht darauf verlassen, dass ihm der Allmächtige in seiner unendlichen Güte Rückendeckung geben würde.
    Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass es besser war, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
    Und nun steckte ausgerechnet er mittendrin in dieser dubiosen Inszenierung und war zu allem Überfluss auch noch für die Hauptrolle bestimmt.
    Um ein Haar hätte ihm diese Feststellung ein müdes Lächeln abgerungen, doch spürte er förmlich, wie sich der Boden zu seinen Füßen auflöste und ihm der Halt abhanden kam.
    Die Angst, sich selbst zu verlieren, gerade in diesem entscheidenden Moment, der so immens wichtig war und der ihm alles abverlangen würde, legte sich über ihn wie der unheilverheißende graue Nebel der Sümpfe Nedorias.
    Nimm dich zusammen, Eli!, mahnte er sich zum wiederholten Male, und startete einen neuerlichen Versuch, die Informationen, die in seinem Kopf herumwirbelten zu ordnen.
    „Wie im Namen Luzifers konnte Dagon überhaupt von der Prophezeiung erfahren?“, fischte er die dringendste Frage aus dem Durcheinander seines verwirrten Verstandes. „Und davon, dass ich…“
    Er brach ab, da es ihm nach wie vor schwer fiel, das Unglaubliche auszusprechen.
    „Er war einst ein Engel, Elias. Vergiss das nicht! Es gibt so einiges, das er über unser Reich weiß“, gab Seraphiel mit ernster Miene zu bedenken. „Außerdem müssen wir davon ausgehen, dass wir einen Verräter in unseren Reihen haben, der ihn mit Informationen versorgt und seine Dämonen die Übergänge zur Menschenwelt passieren lässt …“, schob er in nüchternem Ton hinterher, als informiere er Elias über die irdische Sterbebilanz des vergangenen Quartals und nicht etwa über die akute Bedrohung der inneren Sicherheit ihres Reiches.
    Dabei war die Darlegungsweise des Fürsten noch nicht mal das Schlimmste. Vielmehr war es die ungnädige Erkenntnis, mit seinem Verdacht richtig gelegen haben, welche dafür sorgte, dass eine lähmende Kälte in Elias aufstieg und verhinderte, dass er seinen stillen Triumph darüber auskosten konnte. Warum nur musste er immer mit allem recht behalten?
    „Wer ist es?“, fragte er gefährlich leise durch zusammengebissene Zähne.
    „Wir gehen davon aus, dass es sich um Maruth handelt“, lieferte Metatron die Antwort, welche Elias insgeheim bereits befürchtet hatte. „Es gibt einige nicht autorisierte Sphärensprünge, die wir ihm nachweisen können und eine Vielzahl anderer Ungereimtheiten, die den Verdacht bestätigen.
    Maruth!
    Wie die glühend heiße Lava des Infernum, welcher sich am Rande des Höllenschlunds mit der Kraft eines alles vernichtenden Stroms in die Tiefen der Unterwelt stürzte, brannte sich der Name in seine Eingeweide.
    Kurz schloss Elias die Augen und ließ für einen unbeherrschten Moment zu, dass die dunklen Erinnerungen welche er mit dem Heerführer verband, über ihn hinweg schwappten.
    Die in Flammen aufgehenden Leiber seiner Kameraden … die Übermacht an Dämonen, denen sie plötzlich gegenübergestanden hatten … der aussichtslose Kampf, der ihn sein halbes Bataillon gekostet hatte…der stechende Blick aus den eiskalten Augen seines Vorgesetzten, der ihm bei seiner Rückkehr bestätigt hatte, dass er aus purer Berechnung in dieses Massaker geschickt worden war …
    „Es nützt nichts, ihn jetzt unter Arrest zu stellen“, sprach Seraphiel in die drückende Stille herein und riss Elias damit aus seinen düsteren Überlegungen. „Wir müssen damit rechnen, dass er weitere Anhänger hinter sich gebracht hat, wovon sicher jemand seinen Platz einnimmt, wenn er nicht mehr ist. Dagon wäre gewarnt und damit könnte sich plötzlich alles beschleunigen. Das ist das Letzte, das wir jetzt gebrauchen können.“ Er seufzte. „Für den Moment wird uns nichts anderes übrig bleiben, als Maruth zu beschatten und dafür zu sorgen, dass er keinen Schaden mehr anrichten kann, bis wir einen konkreten Plan entwickelt haben und ihn in Gewahrsam nehmen können.“
    Elias` Brust zog sich zusammen bei der Vorstellung, dass Maruth trotz offenbar bedrückender Beweislage, nach wie vor herumstolzierte, mit seinem menschenfeindlichen Gedankengut unbehelligt das himmlische Heer infiltrierte und auf Dagons Seite zog. Die Tatsache, dass er in die finsteren Machenschaften des Dämonenfürsten eigeweiht zu sein schien und höchstwahrscheinlich auch über Emilia und ihren Aufenthaltsort Bescheid wusste, erschwerte es ihm zusätzlich Ruhe zu bewahren.
    Er spürte, dass ihn nichtmehr viel davon trennte, die Kontrolle zu verlieren und diesen elenden Verräter eigenhändig zur Verantwortung zu ziehen.
    Mit Daumen und Zeigefinger umfasste er seine Nasenwurzel und schloss für einen Moment die Augen. Maruth würde seine gerechte Strafe erhalten und für seine Vergehen bezahlen müssen. Der Gedanke daran, dass der Zeitpunkt kurz bevorstand, verschaffte ihm eine beruhigende Genugtuung.
    „Na schön…“, gab er schließlich widerwillig seine Zustimmung. Als Krieger des himmlischen Heeres war er mit der taktischen Kriegsführung soweit vertraut, dass er die Vorteile hinter dieser Strategie erkannte, auch, wenn sie ihm nicht wirklich gefiel. „Aber was geschieht mit Emilia?“, schob er die Frage hinterher, die schon die ganze Zeit über an seinem Nervenkostüm zerrte. „Wir können sie wohl kaum in Dagons Gewalt lassen. Weiß man, wo sie gefangen gehalten wird?“
    Eine beklemmende Stille breitete sich aus und zu Elias` Erstaunen war es Erzengel Michael, der sich plötzlich aus den Reihen erhob. Wie hatte er ihn bisher in der Menge übersehen können?
    Mit seiner imposanten Statur überragte er Seraphiel und Metatron um einige Köpfe und ließ die beiden mächtigen Fürsten im Vergleich zerbrechlich und zartgliedrig wirken. Sein bronzefarbener Harnisch, reflektierte das Licht der Flammen, welche in den Schalen zu Elias` Füßen vor sich hin flackerten und sorgte dafür, dass seine markanten Gesichtszüge in einen warmen Glanz getaucht wurden. Seine prächtigen Schwingen, von denen es hieß, sie könnten ganze Dämonenscharen mit nur einem einzigen kräftigen Schlag beiseite fegen, ragten anmutig zusammengelegt, hinter seinen breiten Schultern hervor.
    Wenn man ihn so sah, bestand kein Zweifel daran, dass dies der eigentliche Anführer der himmlischen Heerscharen war und er laut seiner göttlichen Bestimmung dazu auserkoren sein sollte, die Streitkräfte zu kommandieren.
    Elias hatte nie so ganz verstehen können, warum ihm ausgerechnet Maruth vor die Nase gesetzt worden war, doch hatte es in der Vergangenheit offenbar plausible Gründe dafür gegeben, die sich seiner Kenntnis entzogen.
    „Wir haben versucht, sie aufzuspüren…“, setzte der Hüne nun mit einer kräftigen tiefen Stimme an, die jedes Kriegshorn problemlos übertönt hätte. „…doch war es uns bislang nicht möglich, sie zu finden. Es ist, als sei sie vom Erdboden verschwunden. Wir glauben, dass man ihren Geist manipuliert hat, um ihre Signatur zu zerstören. Dabei wurde höchstwahrscheinlich auch die Verbindung zu dir unterbrochen.“
    Elias erstarrte. Die Signatur bezeichnete das einzigartige Lebenslicht eines jeden Menschen, das ihn von Geburt begleitete und ihn unverwechselbar machte. Die Tatsache, dass es in Emilias Fall erloschen war, konnte nur zwei Dinge bedeuten:
    Entweder man hatte tatsächlich Mittel und Wege gefunden, die Ortungsfunktion dieses göttlichen Peilsenders abzuschalten und sie von der Bildfläche verschwinden zu lassen oder … sie war bereits tot.
    NEIN! Wäre sie tot, dann würde ich das spüren, versuchte er sich selbst zu beruhigen und schob den lähmenden Gedanken in den hintersten Winkel seines Geistes.
    Dafür trat eine andere Erkenntnis aus den Tiefen seines Bewusstseins hevor, die ihn mit der vernichtenden Kraft eines einschlagenden Kometen traf.
    „Es gibt nur eine Art von Dämon, der dazu in der Lage ist, in den Geist der Menschen einzudringen und ihn so präzise zu beeinflussen“, presste er hervor.- Beim Allmächtigen!“
    Seelenfresser! Warum um alles in der Welt ausgerechnet die widerwärtigsten und mit Abstand gefährlichsten Kreaturen, die die Unterwelt zu bieten hat?
    Das blanke Entsetzen nahm von ihm Besitz und die Sorge um Emilia wurde schier unerträglich, als er sich den Schmerz in Erinnerung rief, der ihm vorhin durch die Glieder gefahren war.
    Der Gedanke, dass sie der Tortur dieses grausamen Eingriffs ausgeliefert gewesen war, zog ihm die Kehle zusammen.
    Wie hatte es Dagon geschafft, diese Bestien für seinen Plan gewinnen zu können? Für gewöhnlich waren sie für ihr Einzelkämpfertum bekannt. Aufgrund ihrer unantastbaren Stellung innerhalb des Dämonenreiches hatten sie bislang nie nötig gehabt, sich mit jemandem zu verbünden. Was hatte Dagon ihnen angeboten? Womit hatte er sie locken können? Plötzlich wieder eine Erkenntnis. Elias presste die Lippen aufeinander und schloss für einen Moment die Augen. Dann nahm er einen tiefen Atemzug.
    „Er wird die Menschen nicht einfach auslöschen“, sagte er und blickte zwischen Michael, Seraphiel und Metatron hin und her. „Er wird sie zuvor an die Seelenfresser ausliefern. Das war sein Lockangebot. Nur deshalb kämpfen sie an seiner Seite, weil sie auf dem Wege ihre eigene Macht stärken können. Mit jeder menschlichen Seele, die sie sich einverleiben, wachsen ihre Stärke und ihr Einfluss.“
    Beide Arme um den Oberkörper geschlungen, marschierte er ruhelos vor den unteren Sitzreihen auf und ab.
    „Wie kann er ernsthaft glauben, diese einmal entfesselte Gewalt kontrollieren zu können? Diese Kreaturen sind nicht beherrschbar, sie hören auf niemanden und sind auch niemandem gegenüber loyal… - Das wird das reinste Massaker!“, sprach er mehr zu sich selbst und schüttelte unablässig mit dem Kopf. Hektisch strich er sich die lästigen Haare aus dem Gesicht, verschränkte die Hände im Nacken und richtete den Blick an die hohe Decke des Konferenzsaals.
    „Es ist gut möglich, dass du damit richtig liegst, Elias“, hörte er Michael antworten. „Dagon ist so voller Hass, dass er alles in Kauf nehmen würde, um seinen Plan umzusetzen. Selbst, wenn das bedeutet, einen Pakt mit dem Teufelsgesindel der Unterwelt schließen zu müssen. – Wir sollten uns also auf das Schlimmste vorbereiten.“ Seine eisblauen Augen nahmen einen kämpferischen Glanz an, als er Elias ansah und erinnerte damit an den obersten Kommandanten, der er einst war und sicher bald wieder sein würde.
    „Warum hat er bislang noch keine Forderung gestellt?", fragte Elias und zog die Stirn kraus. „Worauf wartet er?“
    „Wir gehen davon aus, dass Dagon das bevorstehende Lichterfest ausgewählt hat, um den Angriff gegen das himmlische Reich und die Menschen zu inszenieren. Die Zusammenkunft aller Engel wäre für ihn der ideale Zeitpunkt und obendrein eine Zurschaustellung unserer Verwundbarkeit“, schaltete sich nun Seraphiel wieder ein.
    „Das Lichterfest ist in drei Tagen“, stellte Elias nüchtern fest.
    „Korrekt“, erwiderte Seraphiel knapp.
    Grundgütiger! – Drei Tage!
    Elias war sich nicht sicher, was er schlimmer fand. Die Tatsache, dass ihnen nur noch wenige Tage blieben, um sich auf den bevorstehenden Angriff vorzubereiten oder die Gewissheit darüber, dass Emilia – sollte er sie nicht vorher finden – bis dahin in Dagons Gewalt bliebe. Den lähmenden Gedanken daran, was geschehen würde, sollte er ihr etwas antun, erlaubte er sich gar nicht erst zu Ende zu denken.


    Hier geht`s weiter:

    Kapitel 5.2

  • Liebe Rainbow

    Die letzten Kapitel haben mir gut gefallen. Insbesondere, dass die höheren Engel hier im Gegensatz zu Elias schön distanziert rüber kommen. Das macht deutlich, dass Elias etwas besonderes ist.

    Ich finde auch, dass Elias angemessen emotional reagiert. So hast du ihn durchaus vorher angelegt.