HEAVEN (Band II)


  • Kapitel 7.1


    „Also gut! Wie wird es nun weitergehen?“, fragte Elias mehr dem Anstand geschuldet, die beiden Fürsten glauben zu lassen, er würde sie in seine Entscheidung mit einbeziehen. Wenn er ehrlich war, stand sein Entschluss schon lange fest und daran würde weder das heutige Abstimmungsergebnis noch die Erwartungshaltung der Oberen etwas ändern.
    „Uns bleibt nicht mehr viel Zeit“, sagte Metatron daraufhin und musterte Elias, als ahne er, was in seinem Kopf vorging. „Sobald wir Maruth ausgeschaltet haben, wird Erzengel Michael seinen Platz einnehmen und das Heer anführen…“ Nachdenklich betrachtete er Elias eingehend und die Pause, die er machte, ließ darauf schließen, dass ihm die nächsten Worte nicht sonderlich leicht fielen. „Welches Schicksal das Orakel auch immer für dich bestimmt haben mag, so deutet doch alles darauf hin, dass dein Platz derweil bei den Menschen zu sein scheint…“
    Elias atmete auf. Insgeheim hatte er befürchtet, man würde ihn auch gegen seinen Willen zum Bleiben verpflichten, doch dieser Kelch schien gerade an ihm vorbeigezogen zu sein.
    „Michaels Rückkehr wird die Moral der Truppen stärken und viele Zweifler wieder zur Vernunft bringen. Ihm gehört die bedingungslose Loyalität des Heeres, das weiß ich“, sagte er mit einer gewissen Erleichterung in der Stimme. „Ich werde zurückkehren und Emilia suchen. Ich muss sie finden! – Allerdings werde ich Waffen brauchen!“ Abwartend sah er Seraphiel und Metatron an.
    „Ja “, antworteten beide wie aus einem Mund und ihr synchrones Nicken erinnerte zum wiederholten Mal an eineiige Zwillinge. „Du wirst unbegrenzten Zugang zur Waffenkammer erhalten“, ergänze Seraphiel und obwohl Elias wusste, dass dies ein großzügiges Zugeständnis war, wollte er sich nicht vorstellen, was er tun würde, sollte man sich bei der bevorstehenden Abstimmung gegen ihn und sein Vorhaben aussprechen.
    Der Versuch, seinen Plan auf eigene Faust umzusetzen, mit den wenigen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, wäre ohne jeden Zweifel das reinste Kamikazeunternehmen! Daran würde auch der reichhaltige Waffenfundus in dem überquellenden Depot der himmlischen Streitkräfte nichts ändern.
    In dem Moment öffnete sich die große schwere Flügeltür und lautes Stimmengewirr flutete den Raum. Die Gruppe der Engelsfürsten trat ein und verteilte sich wieder auf ihre Sitze. Kaum hatten alle ihre Plätze eingenommen, kehrte unerwartet schnell Ruhe ein und Seraphiel übernahm erneut den Vorsitz.
    „Nun. Da die Beratungszeit recht kurz ausgefallen ist, gehe ich davon aus, dass es innerhalb der Ebenen zu einem einstimmigen Ergebnis gekommen ist.“ Sein Blick wanderte durch die Menge und das allseits zustimmende Nicken bestätigte ihm, dass er mit seiner Vermutung richtig gelegen hatte.
    „So bitte ich Euch nun, einen Vertreter zu bestimmen, der sein Votum, stellvertretend für die gesamte Ebene, abgeben wird. Solltet ihr euch dafür entscheiden, Elias als den Auserwählten anzuerkennen, hieße das auch, ihm in allen Belangen Treue zu schwören und ihn nach allen Kräften zu unterstützen. Sollte es an dieser Stelle noch Unklarheiten geben, wäre jetzt der Zeitpunkt gekommen, diese offen auszusprechen.“ Seraphiel hielt einen Moment inne und wartete ab, ob sich noch jemand zu Wort melden wollte.
    Elias` Nerven waren zum Zerreißen gespannt und jede Faser seines feinstofflichen Körpers schien wie elektrisiert. Einen kurzen Augenblick fragte er sich, ob er der Belastung noch länger würde standhalten können oder ob er nicht vielmehr dem Verlangen nachbeben sollte, die hohen Herren erneut an die Brisanz der Lage zu erinnern und sie zur Eile anzutreiben.
    Seine mühevolle Zurückhaltung war einzig der Tatsache geschuldet, dass ´Ungeduld` unter den Engeln als achte Todsünde verschrien war, weshalb ein solches Vorgehen für den Ausgang der Abstimmung mit Sicherheit nicht eben förderlich gewesen wäre. Ohnehin, so rief er sich in Erinnerung, hatte er den Bogen bereits überspannt und seinen Bonus dahingehend längst ausgeschöpft.
    Mit einer Mischung aus Erleichterung und gespannter Erwartung nahm er nun aber zur Kenntnis, dass Metatron vortrat und sich räusperte.
    Endlich!
    Als er nach feierlichem Vorgeplänkel, der Prüfung der Beschlussfähigkeit und einer weiteren ergänzenden Ansprache zur Trageweite der heutigen Entscheidung schließlich zum Ende seines Monologs kam, waren weitere wertvolle Minuten verstrichen, wovon jede einzelne an Elias` dünnem Nervenkostüm zerrte.
    „Diejenigen unter Euch, die ihr ausgewählt wurdet, die Stimme für Eure Ebene abzugeben, erhebet Euch nun!“, hallten Seraphiels Worte mit der Intensität eines Glockenschlags von den Wänden wider, und die spannungsgeladene Atmosphäre legte sich wie ein knisterndes Energiefeld über den gesamten Raum.
    Aufgeregt rieb Elias die Handflächen aneinander und beobachtete das Spektakel von seinem Platz aus mit größter Aufmerksamkeit. Jetzt war der Moment gekommen, in dem sich alles entscheiden würde. Alle weiteren Schritte hingen einzig und allein von dem ausstehenden Ergebnis dieser Abstimmung ab. Ihm stockte der Atem, als sich die Engel als Repräsentanten für ihre Ebene von ihren Plötzen erhoben.
    Cerviel setzte sich als Erster in Bewegung. Aufgrund seines kritischen Einwandes heute Abend, war der kurzhaarige Engel mit dem Sommersprossengesicht Elias noch gut in Erinnerung geblieben. Als nächstes stand Zadkiel auf, dessen Bekanntschaft er bereits bei seiner Urteilsverkündung vor wenigen Wochen gemacht hatte und auch Rafael gesellte sich zu dem erlesenen Kreis dazu. Wie nicht anders zu erwarten, erhob sich kurz darauf Camael, sein ehemaliger Mentor von seinem Platz, um die ´Gewalten` zu vertreten.
    Insgesamt zählte Elias schließlich acht Engel, wovon ihm vier jedoch gänzlich unbekannt waren.
    Herr, lass es gut gehen!, dachte er bei sich, während seine Zuversicht aus ihm herausströmte und dahinschwand wie ein flüchtiger Luftzug.
    Gerade, als in ihm die Frage aufkam, wer der fehlende neunte Engel sein würde, schob sich Seraphiel an ihm vorbei und platzierte sich bei den anderen. Er war es scheinbar, der die Stimmabgabe für die erste und höchste Ebene übernahm.
    Elias Anspannung wurde zunehmend größer und als auch nach einer gefühlten Ewigkeit noch immer nichts geschah, wurde ihm bewusst, dass er keinen blassen Schimmer hatte, wie genau die Stimmabgabe von statten gehen würde.
    Konnte es sein, dass die Fürsten die Angelegenheit auf mentalem Wege austrugen und das Ganze an ihm vorbeiging?
    Er hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gebracht, da tauchte wie aus dem Nichts ein intensives Leuchten auf, das die neun Stimmträger von Kopf bis Fuß einhüllte.
    Der strahlende Glanz, der plötzlich von ihnen ausging, verstärkte sich, als sie mit ihren Händen grell schimmernde Lichtgebilde erzeugten, die in den verschiedensten Farben zu schillern begannen.
    Im selben Augenblick flammten die bis dahin still vor sich hin flackernden Feuerschalen ringsum auf. Erst jetzt bemerkte Elias, dass es genau neun an der Zahl waren. Die Frage danach, ob das nun reiner Zufall war oder es etwas mit den neun Ebenen seines Reiches zu tun haben mochte, erübrigte sich, als sich die wabernden Energiekugeln von ihren Erschaffern lösten und sich mit schwereloser Leichtigkeit direkt auf die lodernden Behältnisse zubewegten.
    Kaum berührten die schwebenden Gebilde die emporzüngelnden Flammen in den bronzefarbenen Kübeln, verschmolzen sie damit zu einem grellen Lichtblitz, der das Preatorium für einen kurzen Augenblick in ein Meer aus Farben tauchte.
    Ein beinahe hypnotisches Flimmern hing in der Luft und obwohl Elias absolut keine Ahnung hatte ob das, was sich dort vor seinen Augen abspielte gut oder schlecht für ihn war, fühlte er sich überwältigt von der ungebändigten Kraft, die durch ihn hindurchfuhr.
    Nach und nach löste sich der durchscheinende Vorhang glitzernder Teilchen auf, die gemächlich umherflogen, bevor sie wie von einem unsichtbaren Windhauch erfasst mit beinahe tänzerischer Eleganz auf ihn herabrieselten.
    Wie angewurzelt stand er da und ließ langsam den Blick an sich herunterwandern. Ungläubig betrachtete er seine Hände, die auf wundersame Weise funkelten, ebenso, wie wahrscheinlich der Rest seines Körpers, der jedoch von seinem Gewand bedeckt wurde, weshalb er es nicht mit Gewissheit sagen konnte.
    Zusehends verblasste der zauberhafte Glanz und zurück blieb das gewöhnliche Leuchten, welches Elias in seiner körperlosen Gestalt umgab.
    „Somit wäre der Beschluss einstimmig!“, drang Seraphiels Stimme wie aus weiter Ferne an sein Ohr.
    Wie jetzt? Das war`s?
    Elias konnte es nicht glauben. Sollte es das tatsächlich gewesen sein?
    Der zufriedene Ausdruck, mit dem Seraphiel und Metatron ihn bedachten, bestätigte ihn in seinem Verdacht und als sich die gesamte Fürstenschar obendrein vor ihm verneigte, glaubte er kurzzeitig einer Illusion zum Opfer zu fallen.
    Sie hatten ihm ihr Vertrauen bekundet und würden sich ihm anschließen. Fast glaubte Elias, den riesengroßen Felsbrocken aufschlagen zu hören, der ihm soeben vom Herzen gefallen war. Seine Mundwinkel begannen zu zucken und verselbstständigten sich zu einem breiten jungenhaften Grinsen.
    Es schien ihm angebracht, ein paar Worte an die Abgesandten zu richten, weshalb er sich straffte und die Anspannung abzuschütteln versuchte, die ihn in den vergangenen Minuten fest im Griff gehabt hatte.
    Dann trat er ans Rednerpult und sog die ehrfürchtige Stille ein, die sich ausgebreitet hatte. Weitere Sekunden verstrichen, in denen er seinen Blick über die Reihen wandern ließ, so, wie er es immer tat, wenn er sich der vollen Aufmerksamkeit seiner Zuhörer gewiss sein wollte.
    „Der heutige Tag, wird in die Geschichte unseres Reiches eingehen…“, setzte er schließlich mit fester Stimme an. „Denn dies ist der Tag, an dem wir entschieden haben, einen neuen Weg zu beschreiten – Einen Weg, der uns ins Ungewisse führen und das Licht der Erkenntnis, welches unser steter Begleiter war, in tiefe Schatten tauchen wird. Aber …“, er machte eine Pause, um den folgenden Worten mehr Gewicht zu verleihen, „…man wird sich ebenso daran erinnern, dass dies der Tag war, an dem sich die Sphären zu einem neuen starken Bündnis vereint haben. Einem Bündnis, das durch die Macht der Gemeinschaft dem Untergang trotzen und das Böse bezwingen wird.“ Ob es seine eigenen Worte waren, die ihn beflügelten oder es vielmehr an dem Umstand lag, dass er sie hier und jetzt an die Oberen seines Reiches richtete, wusste er nicht, doch spürte er deutlich, wie er von einer Welle unbändiger Hoffnung erfasst wurde, die seinen Geist mit einem schier grenzenlosen Optimismus flutete. Nie zuvor war er sich einer Sache so sicher gewesen. Niemals einem Sieg derart gewiss, wie jetzt gerade.
    „Wir werden Dagon besiegen!“, hörte er sich kurz darauf sagen. „Ich weiß es! Ich spüre es in mir! Wir werden es schaffen … Seite an Seite mit den Menschen! – Möge Gott der Allmächtige uns beistehen!“
    Elias hatte sich in Rage geredet und ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, hob er die geballte Faust über seinen Kopf-eine Geste, wie sie im himmlischen Heer häufig vor großen Schlachten zu beobachten war, um sich selbst oder den Kameraden Mut zu machen oder sich gegenseitig anzuspornen.
    Das zaghafte Klopfen auf den Schreibpulten signalisierte die zurückhaltende Zustimmung der Engelsfürsten, doch als Verchiel und Camael seinem Vorbild folgten und ihre Fäuste über ihre Köpfe streckten, schlossen sich ihnen nach und nach alle anderen an.
    Der Anblick dieser einheitlichen Kampfansage und die Entschlossenheit, welche ihm aus den Augen der Engel entgegenschlug, verursachte bei Elias eine Gänsehaut. Er wusste, dass die meisten von ihnen keinerlei Kampferfahrungen hatten und ihnen mehr als unwohl zumute sein durfte, bei der Vorstellung, was auf sie zu kommen würde. Dennoch waren sie bereit, ihm zu folgen.
    Das Gefühl, das von ihm Besitz ergriff, war unbeschreiblich und das erste Mal, seit er das Praetorium vorhin betreten hatte, war er erfüllt von einer tiefen Zuversicht.
    „So sei es denn“, sagte Seraphiel in feierlichem Ton. „Wir werden umgehend alle erforderlichen Maßnahmen in die Wege leiten.“
    Eine ergebene Verbeugung, die in ihrer Bewegung exakt auf die von Metatron abgestimmt war, besiegelte auf eindrucksvolle Weise den Beschluss.
    Es dauerte einen Moment bis Elias das darauffolgende Schweigen in Verbindung mit den abwartenden Blicke, die sich auf ihn richteten, einzuordnen vermochte. Erst mit einiger Verzögerung wurde ihm klar, dass man offenbar darauf wartete, seine Befehle entgegenzunehmen.
    „Sämtliche Engel müssen sich auf der Stelle kampfbereit machen“, setzte er daraufhin schließlich an und wendete sich dabei Camael und Verchiel zu. „Ihr müsst so schnell wie möglich die Truppen aufstocken und dafür zu sorgen, dass sie einsatzfähig gemacht werden. Maruth darf auf keinen Fall Verdacht schöpfen, dass die Engel der anderen Ebenen das Heer unterstützen werden, bedenkt das.“
    Das knappe Nicken der beiden kam fast einem Salutieren gleich. Ungewollt musste Elias schmunzeln, als er die Kampfeslust in ihren Augen aufblitzen sah, die er von sich selbst nur zu gut kannte.
    „Wenn Dagon tatsächlich das Lichterfest ausgewählt hat, um seinen Angriff in Szene zu setzen, dann werden wir ihn gebührend in Empfang nehmen“, sagte er und verschränkte mit selbstgefälliger Lässigkeit die Arme vor der Brust. „Nie im Leben wird er mit einer solch starken Gegenwehr rechnen und genau diesen Überraschungsmoment werden wir uns zu Nutze machen.“
    „Wie genau ist dein Plan?“, schaltete sich nun Michael ein und bedachte Elias mit einem fragenden Blick.
    Mit beiden Händen stützte sich Elias am Pult ab und nahm einen tiefen Atemzug. In der Vergangenheit waren seine Ideen schon so oft niedergeschmettert worden, dass er beinahe geneigt war, die Ernsthaftigkeit dieser Frage anzuzweifeln. Alleine die unverändert wohlwollenden Mienen seiner Zuhörer, die erwartungsvoll auf seine Antwort warteten, bestärkten ihn darin, sich einen Ruck zu geben.
    „Sie sollen uns maßlos unterschätzen … sich in Sicherheit wiegen. Sie werden glauben, dass es ein Kinderspiel wird“, begann er und spürte, wie die innere Überzeugung in ihm heranwuchs. „Einen Teil der Truppen werden wir eindringen lassen, bevor wir die Grenzübergänge abriegeln und ihnen den Rückzug verwehren. Diese Ausgeburten der Hölle werden sich wünschen, niemals einen Schritt über unsere Schwelle gesetzt zu haben…“
    Ein maliziöses Grinsen breitete sich auf Michaels zarten Zügen aus und verzerrte sein sanftmütiges Engelsgesicht zu einer Maske boshafter Schadenfreude. Die Vorzüge, die sich aus einem beinahe doppelt so großen Heer ergaben, ebenso wie der taktische Spielraum, welcher sich dadurch für ihn eröffnete, schienen ihm zu gefallen.
    „Ein Teil unserer Krieger wird sich in einem Hinterhalt vor den Toren bereithalten und sich der Nachhut annehmen“, ergänzte er Elias` Ausführungen, als habe er dessen Gedanken erahnt.
    „So ungefähr hatte ich mir das vorgestellt“, antwortete Elias mit anerkennendem Nicken, während er Michael ein verschwörerisches Lächeln zuwarf. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie sich der große breitschultrige Erzengel gemeinsam mit Camael und Verchiel später einen gerissenen Schlachtplan ausdenken würde, um Dagons Armee ins offene Messer rennen zu lassen.
    Dann heftete sich sein suchender Blick an Rafael, der scheinbar bereits darauf gewartet hatte, von ihm weitere Instruktionen zu erhalten, da er sich augenblicklich straffte und eine Haltung annahm, die von tiefem Respekt zollte.
    „Die Engel der dritten Sphäre werden schnellstmöglich, und ohne großes Aufsehen zu erregen, die Übergänge zur Menschenwelt passieren…“, setzte er erneut an. „Du und Cerviel, ihr werdet die Evakuierung der Menschen übernehmen. Schafft sichere Rückzugsmöglichkeiten und Sammelstellen, die den Irdischen Schutz bieten…“ Hörbar ließ er die Luft ausströmen und hielt einen kurzen Moment inne, bevor er weitersprach. „… Und jeder, der sich uns anschließen möchte, ist willkommen … Wir können jede Unterstützung gebrauchen.“
    Der Gedanke daran, diese zerbrechlichen Wesen aktiv in die Kampfhandlung einzubeziehen, missfiel ihm nach wie vor, und dennoch war er von der Hoffnung erfüllt, dass sich die ´Schafe` in diesem Fall den ´Wölfen` nicht widerstandslos ergeben würden.
    „Wir werden jeden kampftauglichen Freiwilligen mit dem Mal versehen und in den Gebrauch unserer Waffen einweisen“, bestätigte ihn Rafael und senkte sein Haupt in einer ehrfurchtsvollen Verneigung.
    „Gut!“, brachte Elias schließlich mit einem Seufzen hervor. „Wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass Dagon so lange wie möglich im Ungewissen über unsere Pläne bleibt. Das Ganze steht und fällt mit seiner Ahnungslosigkeit.“ Mit einer ruckartigen Bewegung stieß er sich von dem Pult ab.
    „Wir werden unser Möglichstes tun“, meldete sich nun Metatron wieder zu Wort, der gemeinsam mit Seraphiel auf ihn zuschwebte. Ihre durchscheinenden Gestalten erinnerten in ihrer zauberhaften Farbenvielfalt an das Naturschauspiel schimmernder Polarlichter.
    „Geh` nun und finde das Mädchen. In spätestens drei Tagen wird die Hölle über uns hereinbrechen und du wirst zu einer wichtigen Leitfigur für den menschlichen Widerstand werden. Es bleibt nicht mehr viel Zeit…“, fügte Metatron hinzu. „Lass dich von deiner inneren Stimme leiten und vertraue auf die Prophezeiung. Möge der Herr uns allen beistehen.“ Wohlwollend legte er Elias die Hand auf die Schulter, während dieser die Lippen aufeinander presste und ihm stumm zunickte.
    „Habt vielen Dank“, richtete er sich abschließend an das Plenum und ließ seinen Blick ein letztes Mal über die Gruppe von Engeln gleiten, die das erste Mal, seit dem Anbeginn der Zeit, nicht mehr länger durch Hierarchieebenen voneinander getrennt waren. Sie waren zu einer Einheit verschmolzen. Wenn er auch nicht wusste wie, so hatte er es dennoch vollbracht, die Sphären miteinander zu vereinen.


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    Kapitel 7.2

  • Ja, das passt schon recht gut - sehr stimmungsvoll wie die Abstimmung geloest ist!:thumbup:


    Was Dir wahrscheinliich nicht leicht faellt aber hier echt gut wirken wuerde - mehr militaerischer Jargon, damit der Leser einen Eindruck bekommt dass da professionelle Engel am Werk sind (Michael macht das ja auch nicht erst seit gestern).


    Ach ja - Kamikaze ('goettlicher Wind') stoert mich hier in dem Zusammenhang ein bisschen - das ist so... unenglisch...

  • Da kann das Drama ja beginnen! Man fiebert mit, wie es weitergeht, also Ziel voll erfüllt. Die Szene gefällt mir sehr gut, schöne Engelsmagie (die Abstimmung :thumbup:) , Elias mit einer holprigen (dadurch authentischen) und passenden Braveheart-Ansprache. Man will faktisch gleich weiterlesen...

    Teils sind mir ein paar Sätze etwas zu lang, ist beim lesen manchmal etwas anstrengend. Wobei ich sagen muss, an einer Stelle passt der lange Satzbau richtig gut. "Als er nach feierlichem Vorgeplänkel, der Prüfung der Beschlussfähigkeit und einer weiteren ergänzenden Ansprache zur Trageweite der heutigen Entscheidung schließlich zum Ende seines Monologs kam, waren weitere wertvolle Minuten verstrichen, wovon jede einzelne an Elias` dünnem Nervenkostüm zerrte." Man kann dadurch die Ungeduld gut im Satzbau nachfühlen und hier finde ich es als Stilmittel sehr gelungen.


    Für mehr blümchenpflückende Orks, blutrünstige Elfen und vegetarische Drachen!

  • Diese Szene finde ich sehr schön! Besonders die Engelsmagie bei der Abstimmung hat unheimlich schöne Stimmung gemacht (so geheimnisvoll und überirdisch). Gerne mehr davon!!

    Auch die in die Luft gehobenen Fäuste - richtig gut.


    Die einzige Stelle, die mich ein wenig ins Stocken gebracht hat, war folgende.

    Anfangs wird davon geredet, dass Maruth abgesetzt und Michael an seiner Stelle eingesetzt werden soll. Das ist ja auch soweit klar.


    Später heisst es dann auf einmal, Maruth dürfte keinen Verdacht schöpfen. Klingt widersprüchlich. Wenn er abgesetzt wird, dürfte ihm das doch reichlich verdächtig vorkommen.

    Klar, ich weiss schon, vermutlich ist es zeitlich gesehen so geplant, dass Maruth zuerst im Posten bleibt und in Sicherheit gewogen werden soll und er erst nachher abgesetzt wird. Ich würde das aber vielleicht doch auch im Text so andeuten, damit es nicht unlogisch klingt oder aus dem Lesefluss reisst.

    Maruth darf auf keinen Fall Verdacht schöpfen, dass die Engel der anderen Ebenen das Heer unterstützen werden, bedenkt das.“


    Schafft sichere Rückzugsmöglichkeiten und Sammelstellen, die den Irdischen Schutz bieten…“

    Aha... was meint er? Bunker?

    bin schon gespannt auf die irdische Panik, die eintrifft, sobald die ersten Schutzengel auf die Erde flattern und was von Sammeln in Bunkern erzählen vor einer apokalyptischen Gefahr... Ich hoffe du wirst uns diese Bilder nicht vorenthalten :chaos:



    „Wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass Dagon so lange wie möglich im Ungewissen über unsere Pläne bleibt.

    Und du glaubst also, diese Vorbereitungen (Engel der 3. Sphäre in Scharen auf die Erde und Sammeln von Menschenmassen in Bunkern) - wird Dagon übersehen?

    Er müsste ziemlich blind sein...

    Oder passiert das erst NACH seinem Angriff auf dem Lichterfest? ich glaube da wäre ein Zeitplan wichtig.

    Oder Unsichtbarkeitsmäntel


    Klingt alles sehr cool, ich bin super gespannt, wie es weiter geht! :love:


  • Weil ich gerade so schön in Fahrt bin, schiebe ich mal den abschließenden letzten Teil dieses Kapitels hinterher. Ist auch nicht so lang :)



    Kapitel 7.2


    Kaum hatte Elias das Praetorium verlassen, beschleunigten sich seine Schritte und er verfiel in einen immer schneller werdenden Laufrhythmus. Hatte er bis gerade eben noch versucht, seine menschliche Seite in die hinterste Ecke seines Verstandes zu verdrängen, so übermannte ihn jetzt das komplette Ausmaß seiner Emotionen und nahmen Dimensionen an, die er nicht für möglich gehalten hatte.
    Die Kombination aus tiefer Besorgnis um Emilia, der Angst, im schlimmsten Fall zu spät zu kommen und die daraus resultierende Wut über all jene, die er dafür würde zur Verantwortung ziehen müssen, braute sich in ihm zu einer hochexplosiven Gefühlsmischung zusammen.
    Der lange Gang, der sich durch das endlose Gemäuer zog, wurde zu beiden Seiten von lodernden Fackeln ausgeleuchtet, die am Mauerwerk befestigt waren. Noch nie zuvor hatte er sich so sehr über die Weitläufigkeit dieses Areals aufgeregt und mit jeder Minute, die verging, zog sich seine Brust ein Stück enger zusammen.
    Immerzu sah er Emilias Gesicht vor sich, wie sie ihn aus angsterfüllten Augen hilfesuchend ansah. Ihr Blick klagte ihn an.
    Sein Gefühlsleben, das ihn so einzigartig unter den Engeln und letztlich sogar zu dem ´Auserwählten` machte, war derzeit mehr als lästig, da es ihn daran hinderte, seine Gedanken auf das Wesentliche zu fokussieren und sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren.
    Elias wusste, dass dies keine optimalen Voraussetzungen waren. Auch, wenn er das mangelnde Gefühlsspektrum seinesgleichen und die fehlende Empathie, die damit einherging, in der Vergangenheit oft als abstoßend empfunden hatte, wünschte er sich jetzt im Moment nichts sehnlicher, als einfach einen Hebel umlegen und seine Empfindungen abschalten zu können.
    Mit zitternden Händen, öffnete er die große schwere Holztür, die zu der Waffenkammer führte. Kaum hatte er die Türschwelle passiert, entflammten die Feuerschalen, die ringsum verteilt standen, und tauchten den hohen fensterlosen Raum in ein flackerndes Licht.
    An Halterungen, die in die Steinmauer eingelassen waren, hingen Unmengen an Engelsschwertern und Dolche verschiedenster Größen und Formen. Andere Kampfgerätschaften, wie Peitschen, Armbrüste, Speere und Schilde wurden ordentlich in den dafür vorgesehenen Aufhängungen aufbewahrt.
    Zielstrebig stellte er eine Auswahl aus dem Arsenal zusammen und wickelte alles in ein breites Leinentuch ein, das er mit einem Lederriemen befestigte. Dann ging er auf das deckenhohe Regal mit den Fächern zu, in denen sich die Kampfmonturen befanden. Mit geübten Handgriffen nahm er sich, was er brauchte.
    Über das weiße langärmige Leinenhemd und die dazu passende enganliegende Hose legte er eine Art Schutzpanzer an, der sich wie eine zweite Haut an seinen athletischen Körper schmiegte um ihn vor Verletzungen zu schützen.
    ´Unverwundbarkeit` hin oder her. Bislang war das bloße Theorie und er hatte keine große Lust, eine böse Überraschung zu erleben. Außerdem trug er seine Kampfrüstung mit Stolz und sie zeichnete ihn als Krieger des himmlischen Heeres aus.
    Das bronzefarbene Material der Montur erinnerte an eine Art Metall, war aber um einiges leichter und zugleich widerstandsfähiger, als alles, was man aus der Menschenwelt kannte.
    Im Schaft der braunen, fast kniehohen Stiefel, versenkte Elias einen Dolch, griff dann nach den Ledermanschetten, die er sich um die Handegelenke band und schob auch hier zu jeder Seite einen Dolch in die dafür vorgesehenen Riemen. Zuletzt legte er den Waffengurt um die Hüften und schnallte sich eine weitere Halterung auf den Rücken.
    Dieses altvertraute Ritual mit seinen automatisierten Abläufen sorgte dafür, dass er ein Stück weit wieder zu sich selber fand und bedeutend ruhiger wurde. In dieser Montur fühlte er sich nicht nur stark und bereit, es mit jeder finsteren Bedrohung aufzunehmen, sondern obendrein erweckte sie in ihm ein tiefes Urvertrauen, hier und jetzt genau das Richtige zu tun.
    Die Kampfausrüstung würde ihn nur in seiner körperlosen Engelsgestalt schützen, das war ihm klar. Sobald er sich in der Welt der Irdischen materialisieren würde, müsste er eine unauffälligere Garderobe wählen. Sobald der Kampf losginge, bräuchte er aber nur seine menschliche Hülle fallen lassen und könnte als Krieger des himmlischen Heeres daraus hervor steigen. Soweit der Plan.
    Er schulterte das zusammengerollte Leinentuch mit den Waffen, drehte sich noch ein letztes Mal um und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Was für eine Verschwendung, dachte er.
    Für den Moment würde er nur das Notwendigste mitnehmen können und darauf vertrauen müssen, dass weitere Waffen folgen würden. Kaum hatte er den Fuß über die Schwelle gesetzt, erlosch das Licht hinter ihm und er ließ die schwere Türe ins Schloss fallen.


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    Kapitel 8: Zur falschen Zeit...

  • Liebe Rainbow

    Ich hab an diesem Abschnitt nichts auszusetzen. Die Frage, die sich mir stellt ist wie die Waffe einzuordnen sind. Sind es "magische" Waffen, mit denen auch Menschen gegen Dämonen eine Chance haben? Wie treten die Dämonen in der Menschenwelt auf, kann ein beherzter Elitesoldat mit dem irdischen Waffenarsenal etwas ausrichten? Oder geht das nur mit den mittelalterlichen Waffen aus dem göttlichen Arsenal. Anders gesagt: Wenn du die Wahl hättest und einem Feuerdämonen gegenüber stündest. Was wäre effektiver ein göttlicher Bogen oder eine gute, solide Boden-Luftrakete?

    Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.


    Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz

  • Hey Rainbow



    LG

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • Danke für eure Rückmeldungen, Sensenbach und Lady :)


    Sind es "magische" Waffen, mit denen auch Menschen gegen Dämonen eine Chance haben? Wie treten die Dämonen in der Menschenwelt auf, kann ein beherzter Elitesoldat mit dem irdischen Waffenarsenal etwas ausrichten?

    Elias hat ja im ersten Band zu erklären versucht, dass man die gepanzerten Körper der Feuerdämonen lediglich mit den geweihten Klingen der Engelsschwerter durchstoßen kann. Insofern haben die Menschen tatsächlich nur mit dem himmlischen Waffenarsenal eine realistische Chance.


    Das wiederum stelt die Engel vor das Problem, dass die Menschen diese Waffen eigentlich nicht führen können...sie wären entweder nutzlos oder würden, weil sie so verdammt mächtig sind, den Menschen in Stücke reißen oder ihn verglühen lassen... was weiß ich. Auf jeden Fall nichts Gutes :D


    Deshalb müssen die Menschen, die sich bereit erklären kämpfen zu wollen mit dem "Mal" versehen werden, welches sie dazu befähigt, die Waffen zu berühren und sie gleichfalls benutzen zu können....das wird aber später noch alles erklärt werden.


    Was wäre effektiver ein göttlicher Bogen oder eine gute, solide Boden-Luftrakete?

    Ich würde den Bogen nehmen :) ... also, ich denke mir mal, dass man sich mit der Rakete bestimmt ein bisschen Zeit verschaffen und die Dämonen in ihre Einzelteile zerlegen kann .... wirklich in die andere Dimension zurückschicken, kannst du sie aber nur mit den entsprechenden Waffen, da sie sich ansonsten ganz einfach wieder zusammensetzen können...a la Terminator eben.


    Du merkst, ich kann mich noch nicht ganz anfreunden damit, dass Elias sie als strahlender Held aus dem Griff des Bösen befreit xD

    Ich bin mir aber sicher, dass du da noch was geplant hast

    Ja, es wird nicht ganz so reibungslos laufen und es wird in jedem Fall Verluste geben ... am Ende erwartet sie alle noch eine dicke Überraschung und das Ende von Band II wird wahrscheinlich nicht jeden in gleicher Weise glücklich stimmen.... aber wenn ich mich jemals zum Weiterschreiben aufraffen kann, dann folgt ja noch ein dritter Teil und da wird dann hoffentlich alles wieder gut! ^^


    :danke:euch beiden für`s Lesen....

  • Der Krieger rüstet sich für die Schlacht.

    Tolle Szene. Eigentlich macht er ja nichts anderes als sich anzuziehen, aber es macht tatsächlich total viel Spaß, ihm dabei zuzusehen. Vielleicht könntest du das Engelsschwert noch etwas ausschmücken... (da ist noch Potenzial nach oben: was unterscheidet die himmlischen Waffen von irdischen?) aber auch so gefällt mir die Szene richtig gut!

    Tja, ich hab in einem meiner Schubladen-Manuskripte auch so eine Szene (nur mit einem ganz anderen Krieger). Ich glaub, ich kann da noch viiiiiel von dir lernen.


    Was wäre effektiver ein göttlicher Bogen oder eine gute, solide Boden-Luftrakete?


    Der war gut!!!

  • Hm, in dem Abschnitt hetzt Du ein bisschen... und entfernst Dich dafuer von Elias.


    so übermannte ihn jetzt das komplette Ausmaß seiner Emotionen und nahmen Dimensionen an, die er nicht für möglich gehalten hatte


    Zu analytisch - das klingt wie ein Philosophietraktat, nicht wie jemand der gleich ausrastet.


    Die Kombination aus tiefer Besorgnis um Emilia, der Angst, im schlimmsten Fall zu spät zu kommen und die daraus resultierende Wut über all jene, die er dafür würde zur Verantwortung ziehen müssen, braute sich in ihm zu einer hochexplosiven Gefühlsmischung zusammen.


    Wirklich viel zu analytisch - nicht behaupten dass er eine hochexplosive Gefuehlsmischung hat - es den Leser erleben lassen! Was denkt der, was fuer Bilder kreisen in seinem Kopf, was fuer Gedanken wird er nicht mehr los, wie fuehlt er sich?


    Elias wusste, dass dies keine optimalen Voraussetzungen waren. Auch, wenn er das mangelnde Gefühlsspektrum seinesgleichen und die fehlende Empathie, die damit einherging, in der Vergangenheit oft als abstoßend empfunden hatte, wünschte er sich jetzt im Moment nichts sehnlicher, als einfach einen Hebel umlegen und seine Empfindungen abschalten zu können.


    Geh' an ihn ran. Schreib' seine Gedankenfetzen aus - so ist das viel zu entfernt als dass man da mit ihm mitleiden wuerde.


    Die Szene hat so viel Potential - Elias hat an einer Front gewonnen, aber realisiert dass an der Front die ihm am wichtigsten waere gar nichts passiert ist und er eher Zeit verschenkt hat - das ist ein toller Zwiespalt, den Du analysierst, aber uns nicht erleben laesst.:(

  • Danke Thorsten und Kirisha für eure Rückmeldungen. Ich habe mir ein paar Notizen an den Rand gemacht und schaue später, ob ich den Teil noch mal aufrolle. Vielleicht bastle ich da noch ein bisschen dran. :)


    Jetzt gibt es erst mal einen Ortswechsel und wir schwenken zu Melanie. Kann sich überhaupt noch jemand an sie erinnern? Sie wurde in dem Kapitel mit dem Kollegenabend erwähnt.

    Damals war für mich sonnenklar, dass ich dieses Kapitel unbedingt aus ihrer Perspektive schreiben muss. Jetzt überlege ich, ob das so klug war. Vielleicht hätte ich es aus Silas Sicht schreiben sollen? Aber dann wäre es nur halb so spannend :hmm:


    Eigentlich gefällt es mir so ganz gut, aber vielleicht ist das auch wieder so eine nostalgische Verbundenheit, die man mit seinen alten Texten hat. Mich würde eure Meinung dazu interessieren. Gerne auch erst am Ende des Kapitels. Es besteht nur aus zwei Teilen ^^



    Kapitel 8
    Zur falschen Zeit ...


    Die schwachen Strahlen der Dezembersonne fielen durch das kleine Sprossenfenster und tauchten die Teeküche des Wohnheims in ein angenehm warmes Licht.
    Wie konnte ein Ort, an dem das Chaos tobte, so friedlich wirken?, dachte sich Melanie, als sie sich erschöpft auf einen der klapprigen Plastikstühle sinken ließ, der Bestandteil der improvisierten Sitzecke war.
    Abgekämpft lehnte sie sich nach hinten und rieb sich den Nacken, in der Hoffnung, die unangenehme Verspannung lösen zu können, die ihre Schultern schwer wie Blei machten.
    Hörbar ließ sie den Atem ausströmen und beobachtete gedankenverloren die feinen Staubpartikel, die scheinbar schwerelos durch die Luft tanzten.
    Das hier war die erste Pause seit ihre Schicht um sieben Uhr begonnen hatte und inzwischen zwar es bereits Mittag.
    In den letzten Tagen hatte sich die Situation immer mehr zugespitzt und langsam wusste sie nicht mehr, wo ihr der Kopf stand.
    Während all der Jahre, die sie bereits hier arbeitete, hatte sie noch nie zuvor eine so radikale Veränderung in den Krankheitsverläufen der Patienten erlebt. Angefangen mit der Selbstentzündung einer Bewohnerin, die nach wie vor noch nicht gänzlich aufgeklärt war, bis hin zu einer Vielzahl weiterer Suizidversuche.
    In der angrenzenden Klinik sah es noch weitaus schlimmer aus, da hier die Platzkapazitäten längst überschritten waren und dennoch täglich neue Notfälle gemeldet wurden. Alle anderen umliegenden Krankenhäuser boten das gleiche Bild.
    Die Symptomatik war in der Regel immer dieselbe: Paranoide Wahnvorstellungen in Verbindung mit akuten Angstzuständen und Selbstzerstümmelung bis hin zum Suizid.
    Es schien fast so, als sei die ganze Welt auf einen Schlag verrückt geworden.
    Hinzu kam der merkwürdige Anruf, den sie gestern Abend erhalten hatte und der ihr seit dem keine Ruhe mehr ließ.
    Es war der junge Mann gewesen, der ihr vor wenigen Tagen von Emilia vorgestellt worden war. Freddy, so glaubte sie sich erinnern zu können, war sein Name.
    Ob sie wüsste, wo sich seine Freundin aufhalte, hatte er sie gefragt und dabei sehr beunruhigt gewirkt. Die Sorge in seiner Stimme, als er ihr zu erklären versucht hatte, dass Emilia verschwunden war und die eindringliche Bitte, Melanie möge ihn umgehend anrufen, wenn ihr irgendetwas einfallen sollte, klang noch immer in ihr nach und verursachte ihr ein ungutes Gefühl.
    Vor allem, da sie ihm keine große Hilfe gewesen war und nach wie vor keinen blassen Schimmer hatte, was mit ihrer Kollegin geschehen sein könnte. Es war defintiv nicht gut, zum jetzigen Zeitpunkt zu verschwinden – das war alles, was sie wusste.
    Seufzend schloss sie die Augen und richtete ihr Gesicht zum Fenster, um die wohltuende Wärme der einfallenden Sonne auf ihrer Haut zu spüren, während sie weiter ihren Gedanken nachhing.
    In diesem Moment steckte Silas den Kopf zur Türe herein. Sein beinahe lautloses Erscheinen, ließ sie zusammenzucken und als Melanie ihn sah, erschrak sie innerlich bei seinem Anblick.
    Er wirkte deutlich übernächtigt, seine Haare standen wüst zu allen Seiten ab und der Drei-Tage-Bart erinnerte mehr an Robinson Crusoe, als an den Leiter dieser Einrichtung. Tiefe Ränder lagen unter seinen Augen, sein Gesicht wirkte eingefallen und blass.
    „Morgen“, sagte er mit kratziger Stimme und ging sich müde mit beiden Händen durch die Augen, als er die Küche betrat.
    „Morgen ist gut“, erwiderte sie. „Sag mal, hast du hier geschlafen?“ Ungläubig schüttelte sie mit dem Kopf.
    „Es gab letzte Nacht drei Neuzugänge“, antwortete er stöhnend, während er sich eine Tasse mit Kaffee vollgoss. „Mein Pieper steht im Moment nicht mehr still. Ich habe es einfach nicht nach Hause geschafft.“ Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Arbeitsplatte und nahm einen Schluck aus seiner dampfenden Tasse.
    „Was ist bloß los im Moment?“, fragte sie. „Warum drehen plötzlich alle durch? Das ist doch nicht mehr normal.“
    Der Ausdruck in Silas Augen verfinsterte sich und sein Blick war starr auf sie gerichtet. „Wenn du mich fragst, ist das der Anfang vom Ende, Melanie“, sagte er mit ruhiger ausdrucksloser Stimme. „Es wird noch schlimmer werden. Schon bald werden wir nichts mehr dagegen unternehmen können und das Chaos wird über uns hereinbrechen. Wenn du klug bist, gehst du jetzt nach Hause und regelst deine Angelegenheiten.“
    „Was denn für Angelegenheiten?“, fragte sie sichtlich verwirrt. „Wovon redest du denn da? Ich kann doch jetzt nicht einfach nach Hause gehen. Ich habe noch Dienst bis um vierzehn Uhr und außerdem werde ich hier gebraucht.“
    Ein abfälliges Schnauben entfuhr ihm. „Niemand braucht dich hier, Melanie. Du kannst nichts mehr tun. Wenn ich dir einen Rat geben darf, dann geh zu den Menschen, die dir etwas bedeuten und verbringe die letzten Stunden mit ihnen. Ich würde es tun“, sagte er, senkte nachdenklich den Kopf und starrte in seine Kaffeetasse.
    Fassungslos betrachtete Melanie ihn und fragte sich, ob er vielleicht selbst den Verstand verloren hatte. Sie hatte ihn immer als bodenständig und sehr professionell eingeschätzt. Er war niemand, der sich so leicht aus der Ruhe bringen ließ oder mit Druck nicht umzugehen wusste, was ihm letztlich auch die Leitungsposition eingebracht hatte. Was war bloß in ihn gefahren? Sie erhob sich von ihrem Stuhl und ging langsam auf ihn zu.
    Vom Alter her hätte er durchaus als ihr Sohn durchgehen können. Vielleicht war das auch der Grund, warum jetzt gerade mütterliche Gefühle in ihr hoch kamen und sie das Verlangen verspürte, ihn tröstend in den Arm zu nehmen. Er wirkte so niedergeschlagen und verloren.
    „Was ist denn los mit dir?“, fragte sie ruhig, als sie sich auf ihn zubewegte. „Geht es dir nicht gut? Möchtest du darüber reden?“ Inzwischen war sie ihm so nah gekommen, dass sie nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um ihn zu berühren.
    Plötzlich hob er abwehrend die Arme und signalisierte damit, sie möge nicht näher kommen. Seine Gesichtszüge wurden hart, fast so, als trage er eine Maske und mit einem lauten Knall stellte er die Kaffeetasse hinter sich auf die Arbeitsplatte.
    „Nein verdammt, es geht mir nicht gut und nein, ich möchte nicht darüber reden! Lass mich einfach in Ruhe, okay?“, schrie er ihr entgegen. „Geh nach Hause, Melanie. Fahr zu Paul ins Krankenhaus und kümmere dich um ihn. Hier gibt es nichts mehr für dich zu tun. Ich werde den anderen dasselbe sagen.“ Einen tiefen Atemzug nehmend massierte er sich die Stirn, als habe er schreckliche Kopfschmerzen. Besorgt und erschrocken zugleich starrte Melanie ihn an.
    „Ich wünsch dir viel Glück“, sagte er jetzt deutlich ruhiger, drehte sich um und verließ die Küche. Melanie blieb alleine und sprachlos zurück. Was bitteschön war das gerade gewesen? Noch immer zitterten ihre Knie vor Aufregung und sie fühlte sich, als sei sie gerade von einem LKW angefahren worden. So in Rage hatte sie Silas noch nie zuvor erlebt.
    Resigniert ließ sie sich auf den Stuhl zurückfallen und versuchte, sich zu beruhigen. Was hatte er damit gemeint, es würde schlimmer werden und es sei nicht mehr aufzuhalten? Was verdammt nochmal war hier überhaupt los?
    Sie musste dringend mit ihren Kollegen darüber sprechen und sie fragen, was sie davon hielten. Mühsam erhob sie sich wieder, doch als sie auf den langen Flur heraustrat, konnte sie niemanden ausfindig machen. Ihr zaghaftes Rufen wurde von einer unheimlichen Stille verschluckt. Niemand antwortete ihr. Wahrscheinlich waren alle gerade mit irgendetwas beschäftigt.
    Sie beschloss, nach unten in die Verwaltung zu gehen und betrat das kalte sterile Treppenhaus, das für gewöhnlich nie benutz wurde.
    Den Aufzug hatte man gestern außer Betrieb nehmen müssen, weil er immer öfter ausgefallen und steckengeblieben war, ohne dass der Techniker einen Grund dafür hatte ausfindig machen können.
    Auf dem Weg nach unten passierte sie die große Stahltüre, die in den angrenzenden still gelegten alten Krankenflügel führte, der schon seit Jahren aufgrund seiner Renovierungsbedürftigkeit unbenutzt war. Umso ungewöhnlicher war es, dass diese Türe nun einen Spalt weit offen stand. Melanie blickte sich um, auf der Suche nach einem Anhaltspunkt, der eine Erklärung dafür abliefern würde.
    Sie konnte nichts und niemanden ausfindig machen. Langsam öffnete sie die Türe und blickte in einen langen Gang, der durch eine Art Notbeleuchtung an den Wänden in ein schummriges Licht getaucht wurde. Der muffige Geruch, der ihr entgegenschlug, ließ sie zu der Erkenntnis kommen, dass hier bereits seit Uhrzeiten nicht mehr gelüftet worden war.
    „Hallo“, rief sie zaghaft in die dunkle Stille. Keine Antwort. Verunsichert blickte sie hinter sich in das Treppenhaus zurück und fragte sich, was sie tun sollte. Diese Türe dürfte eigentlich nicht offen stehen, so viel stand fest. Wer hatte sie geöffnet? War hier jemand unerlaubt eingedrungen?
    Unter normalen Umständen hätte sie jetzt Silas darüber informiert. So, wie der im Moment drauf war, konnte sie sich aber nicht vorstellen, ihn damit zu behelligen. Ein weiteres Mal rief sie „Hallo, ist da jemand?“ Es blieb still.
    Ein ungutes Gefühl überkam sie. Vorsichtig betrat sie den Flur und tastete sich Schritt für Schritt voran. Am Ende des Gangs konnte sie eine Lichtquelle ausmachen, auf die sie nun zusteuerte. Eine Gabelung. Zu der einen Seite setzte sich der Gang fort, zur anderen Seite tauchte eine gewundene Metalltreppe auf, die abwärts führte. Nach wie vor herrschte Totenstille. Roch es hier verbrannt?


    Hier geht`s weiter:

    Kapitel 8.1

  • Das ist doch mal ein krasser Perspektivwechsel. Da lernt man den Schrecken der normalen Menschen gut kennen, im Angesicht der hereinbrechenden Dämoneninvasion. Gefällt mir gut, auch das Silas wieder mal seine Zerissenheit deutlich zeigt. Zwei Fragen die sich mir aktuell stellen, aber villeicht schon mit dem nächsten Abschnitt hinfällig sind. Silas (oder die Dämonen) hat auf irgendeine Weise alle dazu gebracht zu verschwinden, er hat aber nicht Melanies Geist beeinflusst. Sind die anderen freiwillig gegangen und haben die Patienten im Stich gelassen, oder wurden sie unsanfter entfernt? Ich will aber nicht zu viel spekulieren und bin neugierig, wie es weitergeht, auch wenn es sicher nichts gutes ist, für die arme Melanie.


    Für mehr blümchenpflückende Orks, blutrünstige Elfen und vegetarische Drachen!

  • Der Abschnitt ist sehr gut, sehr verstörend. Mir gefällt auch der Perspektivenwechsel, passt hier sehr gut.

    Silas kommt sehr gut rüber und als Leser bekomme ich selbst ein mulmiges Gefühl.


    Was du vielleicht noch deutlicher machen könntest, wäre die Beziehung, in der Melanie zu Emilia steht. (Ist nur eine Kleinigkeit)


    Vor allem, da sie ihm keine große Hilfe gewesen war und nach wie vor keinen blassen Schimmer hatte, was mit ihrer Kollegin geschehen sein könnte.


    Sie sind doch Arbeitskollegen? Also weiß Melanie zumindest, ob Emilia noch krankgeschrieben ist oder ob sie eventuell zu ihrem Dienst nicht erschienen ist - in dem Fall wäre das sicher Gesprächsthema gewesen.

    Ich denke, Melanie sollte auf dem Schirm haben "Emilia hatte einen Unfall und noch nicht wieder gesund" oder so, und so hätte sie es Freddy wohl auch übermittelt?


    Ansonsten... sehr schön gruselig! Ich habe irgendwie gar kein gutes Gefühl, was Melanie betrifft...

  • Ja. Das ist sehr gut :thumbup:


    Silas verliert langsam aber sicher die Nerven, Melanies Gefühle hast du ebenfalls super beschrieben. Und zum Ende hin wurde es nochmal herrlich mysteriös. Sowas gefällt mir :D


    Ich habe so eine dunkle Vorahnung, lass mich aber überraschen. Mal sehen, ob ich recht behalte oder nicht



    LG :)

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • Steven Rainbow King schreibt hier also auch!


    Ich finde den Abschnitt gut und spannend. An Melanie konnte ich mich jedoch nicht mehr erinnern. Ist die Frage, ob man sie irgendwo vorher noch etwas besser herausstellen könnte.

    Möglicherweise ist sie ja jetzt Monsterfutter…

    Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.


    Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz

  • Alexander2213 , Thorsten , Kirisha , LadyK , Sensenbach


    Vielen Dank für eure Rückmeldungen. Ich freue mich, dass euch der Teil gut gefallen hat. Ich merke, dass es mir Spaß macht so gruselige Sachen zu schreiben :D

    Nun wollen wir also mal sehen, wie es mit der guten Melanie weitergeht. Ach ja,...vielleicht noch mal kurz zur Erinnerung: SIE war es, die Emilia zu dem Kollegenabend bei Freddy abgeholt hatte. Die beiden haben sich bei der Gelegenheit kurz kennengelernt...Emilia war im Anschluss mit ihr zum Weihnachtsmarkt gefahren und sie waren von den Krähen angegriffen worden. Klingelt da was?


    Ich muss mal sehen, wie sich das zusammenhängend liest und ob ich da erklärend noch was hinzufügen muss, um Melanie wieder in Erinnerung zu rufen. :hmm:


    Aber jetzt geht`s erst mal weiter...


    Kapitel 8.1


    Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem Körper aus und erneut fragte sie sich, ob sie das Richtige tat. Vielleicht wäre es doch klüger, umzukehren und Hilfe zu holen.
    Plötzlich vernahm sie ein schabendes Geräusch, das sie nicht zuordnen konnte. Mit klopfendem Herzen und darum bemüht, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, trat sie auf die erste Treppenstufe. Auf der vierten Stufe beugte sie sich vorsichtig über das Geländer und versuchte, einen Blick auf das darunter liegende Geschoss zu werfen.
    Neonröhren verliefen an der Decke und sorgten dafür, dass die Etage gut ausgeleuchtet war. Auf der untersten Treppenstufe lag etwas. Es sah aus, wie ein Kleidungsstück. Ein Schal vielleicht? Sie musste näher heran, um das definitiv beurteilen zu können. Auf Zehenspitzen schlich sie die restlichen Stufen herunter und griff nach dem Stück Stoff.
    Es verschlug ihr den Atem, als sie es erkannte. Das war Emilias Halstuch. Sie hatte es vorgestern noch auf dem Weihnachtsmarkt getragen und Melanie hatte ihr ein Kompliment gemacht, weil sie fand, dass der Bronzeton super zu ihren Augen passte. Wie zum Teufel sollte Emilias Schal hier her kommen? Das war absurd.
    Ihr wird doch nichts zugestoßen sein?, fragte sie sich und wurde unweigerlich an das Telefonat mit Freddy erinnert. Ohne darüber nachzudenken, griff sie in ihre Gesäßtasche und holte ihr Mobiltelefon heraus. Mit zittrigen Fingern tippte sie eine Nachricht. „Habe Emilias Schal gefunden. Melde mich später nochmal …“
    Dann schaltete sie das Telefon aus, damit sie nicht durch einen eingehenden Anruf verraten würde. Mutig spinkste sie um die Ecke, einen weiteren lang gezogenen Flur entlang, von dessen Seitenwänden Türen abgingen, in die kleine Fenster eingelassen waren. Bestimmt waren das früher einmal die Unterkünfte für die Patienten gewesen, die in Sicherheitsverwahrung genommen wurden.
    Dieser Teil des alten Krankenflügels musste so etwas, wie eine geschlossene Abteilung gewesen sein mit, für damalige Verhältnisse, hohen Auflagen, was die Ausbruchssicherheit betraf.
    Ein Geräusch riss Melanie aus ihren Gedanken. Sie hörte Schritte über sich auf der Treppe, die sich schnell näherten. Mit einer hastigen Bewegung fuhr sie herum, so dass ihr das Telefon aus der Hand fiel. Erleichtert atmete sie auf, als sie in Silas` Gesicht blickte, der nicht minder überrascht darüber zu sein schien, sie hier anzutreffen. „Meine Güte, Silas. Hast du mich vielleicht erschreckt“, keuchte sie und hielt den Schal fest vor ihre Brust gepresst.
    Silas` Augen wanderten von Melanie zu dem Schal und ein finsterer Ausdruck legte sich auf seine versteinerte Miene. Ob Entsetzen, Verzweiflung oder einfach Ärger vermochte sie nicht genau zu sagen. Einen Augenblick standen sich beide wortlos gegenüber. Dann schüttelte er resigniert den Kopf.
    „Warum konntest du nicht einfach auf mich hören, Melanie? Warum bist du nicht nach Hause gegangen, wie ich es gesagt habe?“ Seine Stimme schwoll an und die qualvolle Sorge, die darin mitschwang, spiegelte sich in seinem Gesicht, als er an ihr vorbeisah.
    In dem Moment erst bemerkte sie, dass sie nicht länger alleine waren. Eine unheilvolle Vorahnung wurde in ihrem Geist lebendig, als der Geruch von Schwefel in ihre Nase stieg und ihr Nacken von einem warmen Luftzug gestreift wurde.
    Das Unbehagen, das in ihr hochkroch und mit der Macht eines Hammerschlags sämtliche Alarmglocken in ihr zum Läuten brachte, jagte ihr einen eiskalten Schauer über den Rücken. Mit Mühe versuchte sie, dem unerklärlichen Impuls zu widerstehen, auf der Stelle davonzulaufen.
    Langsam und mit angehaltenem Atem drehte sie sich um und sah in die entstellte Fratze des übergroßen Ungetüms, dem die verkohlten Hautfetzen vom Körper hingen. Die rot glühenden Augen in den tief eingelassenen Höhlen des verbrannten Schädels fixierten sie mit schauderhaftem Frohlocken und das dämonische Grinsen dieser Kreatur zog ihr die Kehle zusammen. Lediglich ein klägliches Wimmern brachte sie zustande, als sich die schwelende Hand mit den rasiermesserscharfen Krallen nach ihr ausstreckte.
    Panisch wich sie einen Schritt zurück, auf Silas zu, stürzte über die untere Stufe und landete unsanft auf dem Treppenabsatz. Ein hysterischer Schrei entfuhr ihrer Kehle. Verzweifelt versuchte sie, auf Silas zuzukrabbeln, in der Hoffnung, dass er ihr aufhelfen würde. Ihre ausgestreckte Hand erreichte sein Hosenbein und krallte sich darin fest, während ihr angstverzerrtes Gesicht ihn hilfesuchend anflehte. Er wandte den Blick von ihr ab, befreite sein Bein aus ihrem Griff und stieg eine Stufe höher, von ihr weg. Das blanke Entsetzen nahm von ihr Besitz, als sie verstand, was das bedeutete. Er würde ihr nicht helfen.
    Im selben Moment, spürte sie, wie etwas nach ihr griff, sich um ihre Taille schlang und sie unbarmherzig von ihm wegzog. Verzweifelt versuchte sie, sich an dem Treppengeländer festzuklammern, doch mit einem festen Ruck hatten sich ihre Finger gelöst.
    Das Echo ihres Schreis hallte durch den langen Flur und schien nicht abreißen zu wollen. Die Kreatur schloss sie ein, wie ein Stahlkorsett und plötzlich fühlte sie eine Hitze in sich aufsteigen, die sekündlich unerträglicher wurde, bis sie schließlich vor Schmerzen aufheulte.
    Ein Entkommen war nicht möglich, keinen Zentimeter konnte sie sich bewegen. Sie war hilflos ausgeliefert und gefangen. Der Schmerz raubte ihr den Verstand, als sie mit weit aufgerissenen Augen sah, dass ihre Haut zu qualmen begann und sich Flammen darauf ausbreiteten, die sich unaufhaltsam über ihren gesamten Körper verteilten.
    Nur noch verschwommen nahm sie die Umrisse auf der Treppe war, der Schatten, der sich von ihr abgewandt hatte, weil er ihr Leiden und ihren qualvollen Todeskampf nicht mit ansehen wollte. Brandblasen bildeten sich auf ihrem Körper, der langsam zu verkohlen begann und ihr Blut schien von innen zu kochen.
    Der blonde Pagenschnitt war innerhalb kürzester Zeit dahin geschmolzen, die zerfetzte Kleidung eins geworden mit dem verstümmelten Körper und das Kreischen verstummte erst, als sie nach einer gefühlten Ewigkeit und unerträglichen Schmerzen das Bewusstsein verlor und den Tod als gnädige Erlösung willkommen hieß.


    Hier geht`s weiter:

    Kapitel 9: Böses Erwachen

  • Liebe Rainbow

    Schön das du es getan hast (will ja nicht Spoilern), dies verdeutlicht, dass es jetzt ernst wird. Gut auch, dass die Freunde durch das Telefonat jetzt wissen, wo sie suchen müssen.


    Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.


    Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz

  • So etwas habe ich ja schon befürchtet gehabt, was es aber nicht weniger schaurig macht. Arme mutige Melanie! Die Geschichte hast du konsequent durchgezogen, was passend ist und den Ernst der Lage sehr gut rüberbringt. Allerdings hätte ich sie als Person nicht gleich zuordnen können, dazu ist die Passage mit dem Weihnachtsmarkt zu weit weg. Allerdings wird es ja im Laufe der beiden Abschnitte wieder nach und nach in Erinnerung gerufen.


    Für Silas und seinen Charakter ist es wieder ein Mosaiksteinchen mehr. Man merkt, dass er es widerwillig tut, aber doch ohne Gnade. Immerhin konnte Melanie noch ein Botschaft absetzen und wir wissen jetzt, wo Emilia zu Gast ist. Die Szene, wo sie Silas trifft und bevor das Monster da ist, hätte für mich gefühlt ein kleines bisschen umfangreicher sein können. Das Dilemma von Silas ist wirklich interessant, durch die Zerrissenheit ein sehr interessanter Charakter.


    "spinkste" Kannte ich als Begriff noch gar nicht, was mich kurz verwirrt hat, auch wenn es im Kontext natürlich völlig klar ist.


    Für mehr blümchenpflückende Orks, blutrünstige Elfen und vegetarische Drachen!

  • Okay. Dann war das wohl nichts mit meinen Theorien xD

    Dann eben nicht!


    Die Szene war gut, sehr gut sogar. Ich bin mir ziemlich sicher, dass deine Geschichte jetzt auf volle Fahrt geht. Es verspricht spannend zu werden, gerade weil Silas insgesamt ein sehr komplexer Charakter ist - er ist auf jeden Fall sehr interessant.


    Apropos - Melanie ist doch die Kollegin, die Emilia zum Kollegentreffen abgeholt wurde, oder? Ich konnte mich an sie eigentlich gut erinnern :)

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


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