Das Fenster nach Weraltéra (Menschensohn)

  • Hier meine ersten Auszüge von "Das Fenster nach Weraltéra" mit Prolog und den ersten Kapiteln. Ich hoffe, es ist hierfür nicht zu viel, aber das ganze Werk würde wirklich den Rahmen sprengen :)


    Prolog

    „Wir haben es geschafft“, keuchte die alte Frau.

    Sie kauerte schwer atmend und mit schmerzverzerrtem Gesicht auf allen Vieren. Regen, der auf die Lichtung im Wald auf sie hernieder prasselte, vermischte sich mit einem Rinnsal aus Blut, das ihr aus einer klaffenden Wunde auf der Stirn lief. Es sah fast so aus, als würde sie Blut weinen. Ihr schwarzer Umhang war mit Schlammspritzern übersät und ihre mausgrauen Haare klebten zerzaust auf ihrem Kopf. Doch das merkwürdigste an ihr waren ihre Augen. Sie leuchteten unnatürlich grün.

    „Bist du dir sicher?“, fragte ein dicklicher Mann mit Vollbart und ergrautem Haarkranz, der einige Meter von ihr entfernt aufzustehen versuchte. Seine Stimme war zittrig. Er hatte einen mit Gold verzierten moosgrünen Reisemantel an, der an mehreren Stellen halb zerfetzt und blutfleckig war. Auch er hatte diese grün leuchtenden Augen. Langsam und stöhnend humpelte er in Richtung der alten Frau.

    „Bist du dir sicher?“, rief der alte Mann noch einmal, dieses Mal ungeduldiger und lauter.

    „Ja doch!“, sagte die kauernde Frau nun ebenso laut, richtete sich wie in Zeitlupe auf und wandte sich dem Mann zu. „Vandol ist endlich aus dieser Welt geschieden, um nie wieder zurückkehren zu können!“

    Ein Seufzer der Erleichterung war von dem alten Mann zu vernehmen, dann humpelte er weiter zu der Frau und stützte sie. Die beiden schauten sich auf der schlammigen Lichtung im Wald um, als würden sie nach etwas suchen.

    „Da vorne ist er“, sagte die Frau und ihre Stimme klang auf einmal, ganz als hätte sie nun eine furchtbare Gewissheit. Sie ging langsamen Schrittes auf eine junge Erle am Rande der Lichtung zu, während der alte Mann humpelnd hinter ihr herlief. Dort, hinter dem kleinen Baum im Schlamm, lag ein Mann, die Arme und Beine von sich gestreckt. Seine grünen Augen leuchteten nicht mehr. Er hatte hellblonde, schon mittlerweile ins graue übergehende Haare mit einem gleichfarbigen Vollbart. Blut floss aus vielen auf seinem Körper verteilten Wunden. In seinen Gesichtszügen stand selbst in seinem Tod noch ein schmerzverzerrter Ausdruck. Er musste stark gelitten haben.

    „Ohne ihn hätten wir es nicht geschafft“, sagte die alte Frau nun mit erstickter Stimme. Durch den Regen konnte man nicht erkennen, ob sie weinte oder ob es nur das vom Himmel herabfallende Wasser war. „Er wusste, dass er den Angriff gegen Vandol nicht überleben würde. Er wusste es! Und trotzdem hat er es getan. Nur um uns die Chance zu geben, unsere Kräfte zu vereinen und gegen dieses Monster einzusetzen.“

    „Sein Tod war nicht umsonst!“, sagte der alte Mann. „So konnte es uns immerhin gelingen, Großmeister Vandol zu vernichten!“

    „Sag nicht Großmeister!“

    Die alte Frau richtete sich jetzt zu voller Größe auf. Ihre Augen flackerten bedrohlich.

    „Großmeister verpflichten sich dazu, ihre außerordentlichen Fähigkeiten nur für das Gute und das Wohl Weraltéras einzusetzen!“

    Sie seufzte und sackte wieder in sich zusammen.

    „Nein, Vandol war schon lange kein Großmeister mehr.“

    Sie blickte traurig auf den toten Mann herab, beugte sich herunter, schloss ihm sanft die Augen und legte ihm ihre Hand auf die Stirn. So kniete sie stumm eine Weile, ihre eigenen Augen ebenfalls geschlossen. Der alte Mann stand bedrückt und mit gesenktem Haupt daneben. Dann richtete sich die Frau mit einem Mal auf und wandte sich dem älteren Mann zu, der nun ebenfalls seinen Kopf wieder hob.

    „Was das andere betrifft, so solltest du wissen, dass wir Vandol nicht vernichtet, sondern der Kräfte beraubt verbannt haben!“

    „Pah“, antwortete der Mann und sein Bart erzitterte als er sprach. „Wo besteht da schon der Unterschied? Vandol wird niemals zurückkehren können. Es ist schlicht unmöglich.“

    Die Frau zögerte einen Moment, bevor sie wieder etwas sagte. Sie wirkte sehr nachdenklich.

    „Vermutlich hast du Recht.Und dennoch, wie konnte Vandol überhaupt so mächtig werden?“

    „Die Frage ist jetzt nicht mehr wichtig“, antwortete der alte Mann und machte eine wegwerfende Geste. Dabei verlor er das Gleichgewicht, so dass er fast umfiel und sich grade noch an einem kräftigen Ast der Erle festhalten konnte.

    „Wichtig ist doch nur“, keuchte er, als seine Beine ihn wieder sicher trugen. „Dass das Monster nun ohne Kräfte aus unserer Welt verbannt ist.“

    Die Frau blickte ihn lange und durchdringend an, schnaubte verächtlich und setzte grade an, eine Antwort zu geben. Doch da zögerte sie auf einmal, legte einen Finger auf den Mund und lauschte konzentriert. Der Mann tat es ihr gleich und legte den Kopf leicht schief. So standen sie einige Sekunden ganz ruhig.

    „Wir kriegen Besuch. Es scheint unsere Seite zu sein“, sagte die Frau schließlich und der Mann nickte. Sie gingen langsam ein Stückchen von der Lichtung fort in eine dunklere Ecke des Waldes, in der sie kaum zu sehen waren und warteten ab. Wenige Minuten später kündigte lauter werdendes Hufgetrappel die Ankunft von mehreren Reitern an. Mit einem Mal preschten gut zwanzig Reiter wie aus dem Nichts mit ihren schnaubenden Pferden auf die Lichtung und stoppten abrupt.

    „Wo geht es weiter?“, rief einer der Reiter. Er trug wie alle anderen eine schwarzgrüne, aus Leder und Eisen angefertigte Rüstung. Auf seiner Brust prangte ein weißes Abzeichen in Form eines Schildes, auf dem ein rotes Auge zu sehen war.

    „Ich kann sie nicht mehr spüren. Das ist doch unmöglich“, sagte ein anderer. Er hatte ebenfalls ein Abzeichen auf der Brust. Allerdings war bei ihm kein Auge, sondern eine Hand abgebildet. Außerdem glitzerten über seinem Abzeichen fünf goldene Sterne.

    „O nein… Ihr glaubt doch nicht, dass sie…“, sprach ein weiterer Reiter, dessen Rüstung so dreckverkrustet war, dass sein Abzeichen gar nicht mehr zu erkennen war.

    „Nein, wir sind nicht tot, falls ihr das denkt“, rief auf einmal eine Stimme und alle blickten sich erstaunt um. Der alte Mann und die dünne, alte Frau waren unbemerkt aus ihrem Versteck getreten.

    „Großmeister Aegir, Großmeister Ylvi!“, rief der Mann mit den fünf Sternen über seinem Abzeichen. „Ihr lebt. Welch eine Erleichterung!“

    Je weiter die beiden in das Licht humpelten, desto mehr war zu erkennen, wie übel sie zugerichtet waren. Die Körper mit Wunden übersät, die Kleidung zerfetzt und durch den Regen triefnass. Trotzdem strahlten die beiden eine unerklärliche Größe und Macht aus.

    „Ihr seid verletzt!“, rief erneut der Reiter mit den fünf Sternen. „Rangar! Frida! Versorgt die Wunden der Großmeister.“ Zwei der Reiter sprangen sofort von ihren Pferden und kramten Wasser und Tücher aus den Satteltaschen.

    „Wir fürchteten schon, Ihr wäret auf Vandol getroffen“, flüsterte der Mann nun, während Rangar und Frida die Wunde auf der Stirn der Frau abtupften, die offensichtlich Großmeister Ylvi hieß.

    „Das sind wir auch, Meister Haakon, das sind wir auch“, sagte der alte Mann, der Großmeister Aegir hieß.

    Meister Haakon wurde blass und seine Augen groß. Rangar und Frida hörten sofort mit dem Tupfen auf und hielten den Atem an.

    „Ihr seid auf Vandol getroffen? Wie konntet Ihr entkommen?“

    „Wir konnten nicht entkommen“, sagte Großmeister Ylvi. Sie nahm Frida das Tuch ab und tupfte selbst weiter. „Daher mussten wir kämpfen.“

    „Ein offener Kampf gegen Vandol? Aber das ist doch Irrsinn!“

    „Vergesst nicht, dass wir Großmeister sind, Haakon!“, sagte Großmeister Aegir und es klang gezügelter Zorn mit. „Auch wir haben Kräfte, die sich mit denen Vandols messen können“

    Meister Haakon neigte sein Haupt ein wenig, nur um es dann umso schneller wieder zu heben.

    „Verzeiht, Großmeister Aegir, so war das nicht gemeint.“

    „Wir wissen, wie ihr es gemeint habt und ihr habt Recht“, griff Großmeister Ylvi nun ein. „Wir wurden in eine Falle gelockt und standen mit einem Mal Vandol gegenüber. Wir verteidigten uns so gut wir konnten, hatten aber keine Chance, einen Angriff zu starten. Meister Are kam uns überraschend zu Hilfe und…“

    Sie stockte einen Augenblick, während die Reiter gebannt zu ihr blickten. Alles war still. Selbst die Pferde schienen den Atem anzuhalten.

    „Sein Verlust reichte zu unserem Sieg. Meister Ares kühner Angriff gegen Vandol wurde mit dem Tod bestraft, aber es reichte aus, dass wir das Monster vereint besiegen konnten.“

    „Soll das heißen…“, flüsterte Meister Haakon kaum hörbar.

    „Das soll heißen“, sagte Großmeister Aegir jetzt wieder mit lauter Stimme. „Freuet euch, denn der Großmeister des Bösen, Vandol, ist endlich vernichtet und von dieser Welt gegangen! Aber trauert, denn Meister Are wird niemals mehr von den Toten zurückkehren!“

    Einige der Reiter wirkten betrübt und bestürzt, andere konnten ihre Freude nicht verbergen und riefen sie laut heraus. Meister Haakon, dessen Gesichtszüge für einen Augenblick vollkommen ausdruckslos waren, hatte nun den leblosen Körper Meister Ares erblickt und rief seine Leute zur Ruhe.

    „Bahrt Meister Are auf und bringt ihn mit den größten Ehren zurück nach Lysá. Verbreitet dort die Kunde, wie er mit größter Tapferkeit den Tod fand und zusammen mit den Großmeistern Vandol die Stirn bot. Das Böse ist endlich von unserer Welt gewichen! Ein Hussa auf Meister Are, ein Hussa auf Großmeister Aegir und ein Hussa auf Großmeister Ylvi!“

    „Hussa! Hussa! Hussa!“ riefen die Männer und Frauen und reckten ihre Fäuste bei jedem Ruf gen Himmel. Vielen liefen dabei Tränen die Wangen herab. Dann saßen sie ab und einige gingen zu dem gefallenen Meister Are, bedeckten ihn liebevoll mit trockenen Tüchern und legten ihn auf eines der Pferde. Es sah so aus, als würden sie ihn nicht tragen, sondern als würde er von alleine schweben. Dann wies Meister Haakon einige seiner Reiter an, sich zu zweit auf ein Tier zu setzen, und brachte die beiden übrigen Pferde zu Großmeister Ylvi und Aegir. Ohne Probleme und innerhalb eines Augenzwinkerns waren Aegir und Ylvi auf ihre Pferde schon aufgesessen und warteten auf den Rest des Trupps. Als endlich alle in ihren Satteln saßen, blies einer der Reiter in ein Horn und sie ritten los. Meister Haakon mit Großmeister Aegir ganz vorne, Großmeister Ylvi dagegen ganz hinten. Als alle schon los geritten waren, drehte sie ihr Pferd noch einmal zur Lichtung um und blickte gen Himmel. Der Regen fiel sanft auf ihr faltiges Gesicht. Das Blut wurde dabei nicht weggespült. Dann sagte sie, so dass nur sie es hören konnte:

    „Vermutlich hast du Recht.“

    Dann machte ihr Pferd auf dem Absatz kehrt und trabte den anderen Hufe klappernd hinterher. Einige Sekunden später war die Lichtung wieder vollkommen leer und es gab nichts mehr zu hören außer dem stetigen Klopfen des Regens auf dem Boden.

    Kapitel 1

    Heute war ein besonderer Tag. Es war kalt und der Regen trommelte kräftig gegen die Fensterscheiben, die Bäume ächzten und bogen sich im Wind und niemand dachte auch nur im Entferntesten daran, bei diesem Wetter einen Fuß vor die Tür zu setzen. Alle Fenster in der Karl-der-Große-Straße waren hell erleuchtet, an einigen Scheiben waren sogar schon kleine Sterne in bunten Farben geklebt, daneben Schneemänner mit roten Schals und einem Zylinder auf dem Kopf, Lichterketten, die hell und einladend leuchteten. In einem Haus stand sogar schon ein geschmückter Weihnachtsbaum. Auch wenn Weihnachten erst in vier Wochen war, es hatten sich schon viele Bewohner der Straße auf das nahende Fest vorbereitet. Nur in der Nummer 42 nicht.

    Nein, hier dachte man nicht mal im Traum daran, die schöne Weihnachtsdekoration aufzuhängen, geschweige denn Plätzchen zu backen oder Weihnachtslieder im Radio zu hören. Hier rannte Heinrich Reka, ein blasser, schlaksiger Mann mit leicht schütteren rotblonden Haaren aufgeregt im Haus auf und ab. Erst nach oben, die Reisetasche holen, dann nach unten, noch eine Flasche Wasser holen, dann schnell wieder nach oben ins Schlafzimmer, weil noch die Unterwäsche zum Wechseln fehlte, dann Sturmlauf ins Wohnzimmer zu seiner Frau Sandra, die schwer atmend auf der Wohnzimmercouch lag.

    „Wir haben noch gar keine Windeln!“, sagte Heinrich, der seinen grünroten Rentierpulli nahezu vollkommen durchgeschwitzt hatte. So viel Bewegung auf einmal war er gar nicht gewohnt.

    „Wer konnte auch damit rechnen, dass es jetzt schon so weit sein würde?“

    Sandra gab als Antwort nur einen grunzenden Keuchlaut wieder, was Heinrich wohl als Bestätigung ansah.

    „Wozu geben einem die Ärzte eigentlich Geburtstermine, wenn dann doch alles anders kommt? Wenn du mich fragst werden Ärzte überbewertet.“

    Diesmal rollte Sandra sich zur Antwort ein wenig auf die Seite, griff neben das Sofa zu einem mit Wasser gefülltem Eimer, holte einen darin schwimmenden Lappen heraus, legte ihn sich auf die schweißnasse Stirn und drehte sich wieder auf den Rücken. Das Wasser lief in kleinen Rinnsalen ihre Schläfen entlang und bildete auf der Stoffcouch dunkle Flecken, die immer größer wurden, während das Sofapolster im Rhythmus von Sandras Atmung langsam mitfederte. Sandra, die selbst während der Schwangerschaft noch dünn wirkte - die Leute sagten sogar, dass man von hinten betrachtet gar nicht sehen könnte, dass sie schwanger war – hatte ihr sonst zu einem Zopf gebundenes kastanienbraunes Haar offen, einige Strähnen hingen vor Feuchtigkeit triefend in ihren Augen, und das angestrengte Gesicht zeigte nur im Ansatz ihre braunen Augen. Sie richtete sich mit viel Mühe, nahezu in Zeitlupe, auf.

    „Könnten wir dann jetzt vielleicht los? Nicht, dass ich drängeln wollte, aber ich hab das Gefühl, da will jemand raus.“

    Aus seinen Gedanken über Ärzte und falsch errechnete Geburtstermine gerissen, sprang Heinrich sofort wieder auf, wobei er sich den Kopf an der kitschigen grüngelben Hängelampe heftig anstieß.

    „Natürlich!“, würgte er hervor, während er sich eine Hand an die angeschlagene Seite vom Kopf hielt. „Gehen wir los, ich hol den Wagen!“

    Als er die Haustür öffnete und hinausging, packten ihn sofort Wind und Regen, dass er binnen Sekunden klatschnass war. Immerhin waren dadurch die Schweißflecken nicht mehr zu sehen. Rumpelnd parkte er den Wagen so, dass die Beifahrertür direkt zur Eingangstür des Hauses mit der Nummer 42 zeigte. Bevor er aus dem Auto kletterte, vergewisserte er sich noch, dass der Beifahrersitz nicht noch weiter nach hinten geschoben werden konnte. Tropfend stapfte er wieder ins Haus, achtete dabei nicht darauf, dass er schlammignasse Fußstapfen im Flur und Wohnzimmer hinterließ, half der schwer pustenden Sandra auf und führte sie vorsichtig zum Auto. Beim hektischen Ums-Auto-Laufen wäre er noch beinahe auf dem glitschigen Rasenstück ausgerutscht, aber er konnte sich noch wild mit den Armen rudernd und auf einem Bein tanzend abfangen. Kurz fragte er sich, ob wohl jemand von den Nachbarn seine artistische Darbietung gesehen hatte und sich nun vor Lachen kugelte. Dann schob er den Gedanken beiseite – wer schaut schon bei dem Wetter aus dem Fenster, alle anständigen Leute sitzen vorm warmen Kamin – setzte sich ins Auto und drückte das Gaspedal durch. Nach nur wenigen Sekunden waren die roten Rücklichter im Regen und der Nacht verschwunden.

    Neun Stunden später öffnete ein kleiner Junge zum ersten Mal in seinem Leben seine Augen, hörte die Stimmen des Arztes, der Hebamme und seiner Mutter, fühlte die Kühle des Zimmers und fing vor Schreck auf die ganzen Eindrücke, die auf ihn einprasselten, heftig an zu schreien. Es dauerte sehr lange, bis er sich beruhigte und irgendwann auch einschlief. Auf einem blassblauen Armband um sein Handgelenk stand in schlecht leserlicher Handschrift: Mark Reka

    Kapitel 2

    In der Karl-der-Große-Straße 42 ging es heute drunter und drüber. Mama Sandra war gleichzeitig damit beschäftigt, Marmeladenbrote zu schmieren und Mark die Haare zu kämmen, während Papa Heinrich am Küchentisch saß, die Zeitung las und hier und da Kommentare fallen ließ wie „Und, schon aufgeregt, mein Junge?“ oder „Dass du so schnell schon so groß geworden bist, unglaublich.“ Dabei ließ er seine Zeitung immer leicht sinken, um seinen Sohn genau zu betrachten. Mark war mittlerweile sieben Jahre alt, er hatte ähnlich dunkle Haare wie seine Mutter, aber die leichte Blässe von seinem Vater. Vielleicht war er ein wenig schmächtig für sein Alter, aber Sandra pflegte immer zu sagen, dass er ja auch noch genug Zeit habe, um noch ein wenig zu wachsen und wenn es nach ihr ginge, dürfte er gerne auch in dem Alter bleiben und gar nicht größer werden. Mark griff nach einem Paar braunen Ohrenschützern und setzte sie sich auf. Diese Handlung, die jeden Morgen stattfand, sorgte immer wieder für einen nervösen Blickwechsel von Mama Sandra und Papa Heinrich. So auch dieses Mal. Über den Rand seiner Zeitung legte Heinrich die Stirn leicht in Falten, während Sandra versehentlich den Kamm mit Marmelade bestrich. Sie biss sich auf die Lippen und sah abwechselnd Marks Ohrenschützer und Heinrich an. Diese vermaledeiten Ohrenschützer... Angefangen hatte das alles noch vor dem Kindergarten. Mark hatte manchmal auf irgendwelche vermeintlichen Geräusche reagiert, ohne dass es einen Grund dafür gegeben hätte. Schon mit drei Jahren war er häufig träumerisch von seinen Spielen oder vom Sofa aufgestanden und lief scheinbar ziellos umher, auf der Suche nach der Quelle von etwas, was gar nicht existierte. Nachts wurde er einige Male wach und erzählte seinen Eltern von merkwürdigen Geräuschen, die ihm Angst machen würden, obwohl es im ganzen Haus mucksmäuschenstill war. Anfangs kamen Sandra und Heinrich noch darin überein, dass Kinder nun mal eine große Fantasie haben und dass Mark diese Phase schon hinter sich lassen würde, wenn er erst einmal größer wäre. Es wurde aber nicht besser. Der erste Tag im Kindergarten war eine reine Katastrophe: Mark hatte einen dicklichen kleinen Jungen, der Thomas hieß, gefragt, ob er auch das merkwürdige Flüstern hinter ihm hören könne. Thomas blickte sich verwirrt und unsicher um während er lauschte, konnte aber natürlich nicht das Geringste hören, was einem Flüstern ähneln sollte.

    „Von dort, direkt hinter dir!“, setzte Mark wieder an. „Wo kommt das her? Als ob jemand reden würde... aber wer? Vielleicht gibt es hier Geister?“

    Langsam wurde die Sache Thomas immer weniger geheuer. Als Mark immer noch nicht aufhören konnte, von den merkwürdigen Stimmen zu sprechen, hielt Thomas es nicht mehr aus: er brach mit einem Mal in Tränen aus und lief laut schreiend zur Kindergärtnerin Dorothee. Dorothee war eine sehr grob aussehende Frau, die sehr viel Ähnlichkeit mit einer aufrecht stehenden Robbe hatte. Nachdem Thomas ihr alles erzählt hatte, unterbrochen durch vereinzeltes Hicksen vom vielen Schluchzen, hielt sie Mark eine saftige Standpauke, dass man nicht so frech lügen und anderen Angst machen sollte. Mark gab irritiert und verunsichert zurück, dass er doch gar nicht lügen würde, hinter Thomas war doch lautes Geflüster zu hören, auch wenn es nicht leicht zu verstehen war. Dafür bekam er zwei Ohrfeigen und er musste von der erschütterten Sandra abgeholt werden.

    „Kinder wie ihr Sohn haben hier nichts verloren!“, meckerte Dorothee Sandra an, wobei ihr Kinn ordentlich wabbelte. „Der Junge wird doch niemals eine Zukunft haben, wenn sie ihm nicht die Flausen aus dem Kopf treiben! Was der für absurde Geschichten erzählt. Und allen macht er Angst“, sie erhob den gewaltigen Zeigefinger. „Wenn so etwas nochmal vorkommt, dann können Sie sich einen anderen Kindergarten suchen!“

    Im Auto nach Hause erklärte Mark Sandra schluchzend, er habe doch schließlich die Wahrheit gesagt, dafür könnte man ihn doch nicht bestrafen.

    Sandra war sehr interessiert an seinen Erzählungen von den Flüsterstimmen und fragte viel nach. Nach seinen Erklärungen wirkte sie sehr nachdenklich, fand Mark. Wahrscheinlich macht sie sich Sorgen, dachte er.

    Vorfälle dieser Art kamen immer wieder vor. Bei Besuchen bei den Großeltern, beim Einkaufen im Supermarkt oder beim Spazierengehen durch den Park. Mark machte vielen Kindern und auch Erwachsenen mit seinen Aussagen Angst, die dann auch schnell in Wut und Aggression umschlagen konnte.

    „Können Sie ihren verrückten Sohn vielleicht mal zurückhalten? Der gehört doch in die Klapsmühle!“, fuhr ein erboster älterer Mann, der grade mit seinem Handy telefoniert hatte, Heinrich und Sandra an, als sie auf dem Nach-Hause-Weg vom Zoobesuch waren. Mark hatte bei einer weiteren Suche nach den merkwürdigen Stimmen dem Mann das Handy aus der Hand genommen, nur um eben sicher zu sein, dass dieses Mal die Stimmen nicht aus dem Lautsprecher kamen.

    Irgendwann waren Heinrich und vor allem Sandra so verzweifelt, dass sie einen Arzt aufsuchten. Der konnte aber körperlich nichts bei Mark entdecken, er war kerngesund. Nur wenig später suchten sie einen Psychologen auf, der herauskriegen sollte, ob denn mit Marks Innerem alles in Ordnung wäre. Er riet Heinrich und Sandra, nicht mehr auf Marks merkwürdige Anwandlungen einzugehen und ihn, wenn das nichts nütze, für weitere Lügen dieser Art zu bestrafen.

    „Nun, der Junge zeigt klare Anzeichen dafür, dass er verzweifelt nach ihrer Aufmerksamkeit sucht und nur dann zufrieden ist, wenn er mehr davon bekommt als ihm gut tut“, erklärte Dr. Zerra-Faber, der Arzt für die Psychologie, während Mark schweigend daneben saß.

    „Ich würde sagen, dass muss schnellstens unterbunden werden! Stellen Sie sich vor, Sie erlauben ihm“, dabei zeigte er mit einer herablassenden Geste auf Mark.

    „Diese Tagträumereien und Lügenmärchen immer weiter und bestärken ihn sogar noch darin. Dann wird er später ein absolut hoffnungsloser Fall, der nicht mal in der Lage sein wird, selbstständig einkaufen zu gehen. Er würde nie ein echtes und nützliches Mitglied unserer Gesellschaft werden. Sie müssen ihm klar machen, dass Sie das Sagen haben und dass jetzt ein für allemal Schluss mit dem Quatsch ist!“ Dr. Zerra-Faber hielt seinen Vortrag noch eine Viertelstunde in dieser Art weiter, ohne dabei Mark direkt anzusprechen oder überhaupt sichtbar seine Anwesenheit anzuerkennen. Mark verstand nicht alles von dem, was der „Psükologe“ – ein wirklich schwieriges Wort für Mark – so erzählte, aber er begriff, dass irgendetwas nicht mit ihm stimmte. Er war anscheinend wirklich verrückt, er hörte Dinge, die es eigentlich nicht gab. Und das war aus irgendeinem Grund wohl nicht gut, bemerkte er, denn sonst würde seine Mama nicht sehr nachdenklich wirken und Mark immer mal wieder etwas merkwürdig angucken und Papa würde nicht die Stirn in die Sorgenfalten legen, während der Doktor immer weiter redete.

    „Wenn das so schlimm ist, was ich höre, und Mama zum Weinen bringt, dann will ich es nicht mehr hören“, dachte Mark für sich. „Ab jetzt werde ich das nicht mehr tun und dann bin ich auch nicht mehr verrückt, sondern kann normal werden und Mama und Papa müssen sich keine Sorgen mehr machen.“

    So leicht war es aber nicht. Ab und zu hörte er Geräusche, Melodien und leises Getuschel und das an den verschiedensten Orten. Er konnte nichts dagegen machen, denn wie sollte man denn bitte seine Ohren verschließen? Er konnte sie sich ja schließlich nicht immer zuhalten. Aber dann kam ihm die geniale Idee mit den Ohrenschützern! Heinrich hatte immer welche gehabt. Ein dickes, leuchtend rotes Paar Ohrenschützer, die er im Winter zu seinen Spaziergängen anzog, bis Sandra ihm es verbot, weil er damit „Unmöglich aussah“, wie sie es formulierte. An einem Abend saß Mark leise und unruhig in seinem Zimmer und drückte seine Handflächen gegen die Ohren. Jedes Mal, wenn er die Hände von den Ohren nahm, hörte er etwas wie Stimmengewisper und es wollte nicht aufhören. Sandra und Heinrich schliefen schon lange. Sie hörten ja auch nichts, was sie wach hielt. Verzweifelt ging er im Haus umher.

    „Ich will nicht verrückt sein, die Stimmen gibt es nicht, ich will nicht verrückt sein...“

    Da sah er die Ohrenschützer, wie sie leuchtend aus der halb geöffneten Schublade im Garderobenschrank hervorlugten. Sie waren so groß, dass Mark lange brauchte, bis sie richtig eingestellt waren und endlich passten. Und tatsächlich, mit den Ohrenschützern hörte er nichts mehr, es war eine geradezu himmlische Ruhe. Von dort an trug Mark die Ohrenschützer immer mit sich herum. Zu Anfang mussten Mama und Papa immer beim Tragen helfen, wenn sie alle einen Ausflug machten oder sie aus anderen Gründen das Haus verließen. Irgendwann wurde es den beiden aber zu bunt und sie kauften Mark einen kleinen Rucksack, damit er seine Ohrenschützer selbst mitnehmen konnte. Jedes Mal, wenn er nun etwas hörte, wovon er sicher war, dass Sandra und Heinrich es nicht hörten, setzte er sich seine Ohrenschützer auf. Das barg natürlich das Problem, dass er alles andere auch nicht mehr vernünftig hören konnte und daher seine Eltern, wenn sie ihm etwas sagen wollten, ihm immer erst die Ohrenschützer abnehmen mussten.

    So auch dieses Mal.

    „Mark, mein Schatz, wir müssen los“, hörte Mark durch sein rechtes Ohr, von dem seine Mutter den Ohrenschützer wegzog.

    Auf dem Weg zur Schule gingen Mark viele Dinge durch den Kopf. Die Kindergärten hatten ihm eigentlich immer ganz gut gefallen, nur war er es, der den anderen eben nicht gefiel. Er wünschte es sich so sehr, dass es in der Schule alles besser werden würde. Er hatte jetzt seine „Verrücktheit“, wie sie so oft genannt wurde, besser im Griff und wenn er sich besonders anstrengen würde, dann würde es niemandem auffallen und er könnte, mit ganz viel Glück, zum ersten Mal im Leben vielleicht sogar Freunde haben. Bisher hatte er noch nie welche gehabt, denn nachdem er damals Thomas so verschreckt hatte, hatte es sich dieser zur Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass niemand etwas mit Mark zu tun haben wollte. Er hatte sogar anderen Kindern Prügel angedroht, wenn sie mit Mark spielen würden und er erzählte ihnen verrückte Geschichten über Mark, dass am Ende auch alle Abstand von ihm hielten. Die Kindergärtnerin Dorothee trug ebenfalls einiges dazu bei, indem sie zu Mark besonders streng war und dann meistens auch sehr zufrieden wirkte, wenn sie ihn zu Recht gewiesen hatte.

    Nicht mal zu seinen Geburtstagen war jemand erschienen, obwohl er einige Kinder eingeladen hatte. Heinrich und Sandra sagten dann immer, dass es mit der Familie doch eh am schönsten wäre. Jetzt, als er im Auto zur Schule saß, machte ihn allein der Gedanke daran schon ganz kribbelig.

    Freunde.

    Naja, ein Freund würde ja auch schon reichen.

    Kapitel 3

    Das erste, was Mark bemerkte, war, dass die Schule viel größer als ein Kindergarten war. Allein der Pausenhof war schon riesig: komplett mit Sandgruben, Schaukeln, einer Rutsche und einem Klettergerüst, daneben stand sogar ein kleiner Fußballplatz mit alten Toren aus verrostetem Gestänge. Und überall waren Kinder. Manche spielten schon auf dem Pausenhof, einige blieben aber noch versteckt in der Nähe ihrer Eltern, die Schultüten fest an sich geklammert. Mark war begeistert. Nachdem er sich die Erlaubnis von seiner Mutter geholt hatte, stürmte er sofort los. Er wollte als aller erstes auf das Klettergerüst, um von dort aus über die Holzbrücke zur Rutsche zu gelangen. Es machte unglaublich viel Spaß und von oben hatte man sogar eine noch bessere Aussicht auf das Schulgebäude. Die Eingangstür des Hauptgebäudes war sehr groß und in einem knalligen rot gestrichen. Links und rechts standen noch zwei Nebengebäude, die durch einen überdachten Weg mit dem Hauptgebäude verbunden waren. Was man hier alles entdecken konnte. Er ließ den Blick weiterschweifen und sah unten in der Sandgrube, gar nicht weit von ihm, einen Jungen, der mit dem Finger auf ihn deutete. Mark sah sich um. Vielleicht meinte der Junge ja gar nicht ihn, sondern irgendwen oder irgendwas anderes. Aber nun bemerkte er, dass mehrere Kinder zum ihm hoch schauten oder mit dem Finger auf ihn zeigten. Voller Unbehagen nahm er ganz langsam die Ohrenschützer ab, um zu hören, was gesagt wurde. „...den kenn ich schon aus dem Kindergarten. Der ist der totale Spinner. Guck doch, allein die Ohrenschützer“.

    Es war Thomas aus seinem alten Kindergarten. Es hatte sich schon eine kleine Traube an Kindern um ihn versammelt. Er genoss es anscheinend, im Mittelpunkt zu stehen und den Erzähler zu geben.

    „Der ist dann fast rausgeflogen, weil er so ein Spinner war. Unsere Kindergärtnerin hat immer gesagt, dass ihr nie ein verrückteres Kind untergekommen sei. Naja, und so...“

    Mehr konnte Mark nicht hören, mehr wollte er nicht hören. Er klemmte sich wieder die Ohrenschützer über beide Ohren und machte sich an den Abstieg. Er würdigte Thomas und die anderen keines Blickes als er an der Sandgrube vorbeilief und tat so, als würde er nicht mitbekommen, wie ihn alle anstarrten. Wie konnte er so ein Pech haben? Er hatte so sehr auf einen neuen, guten Start gehofft und jetzt war gleich alles mit einem Schlag zerstört. Aber wie konnte er auch so dumm sein, seine Ohrenschützer aufzulassen? Es war schließlich Ende August und es war sonnig und heiß. Wer, wenn nicht ein Verrückter, würde sich bei einem solchen Wetter Ohrenschützer aufsetzen. Was konnte er anderes erwarten, als das Gespött der anderen zu sein?

    In der ersten Unterrichtsstunde durften die Eltern noch mit dabei sein und bei ihren Kindern sitzen. Mark fiel auf, dass sogar die Erwachsenen tuschelten und auch wenn sie nicht mit dem Finger auf ihn zeigten, so war ihm doch klar, dass er das Thema von den meisten hier im Raum war. Er war nicht so töricht, seine Ohrenschützer im Klassenraum aufzulassen. Wie hätte er denn dann auch allein schon seiner Lehrerin zuhören können, Frau Bachenstein. Frau Bachenstein war eine ältere Frau, aber trotzdem wirkte sie durch ihre Schlankheit sehr agil. Die ergrauten Haare trug sie offen, so dass sie einen Rahmen für ihr Gesicht bildeten. Sie begrüßte die Klasse und erklärte allen, wie es nun in den nächsten Jahren weitergehen würde und was sie denn alles Tolles erwarten würde. Dann wurden Namensschilder mithilfe der Eltern gebastelt und aufgestellt. Nachdem die Eltern dann den Raum verlassen hatten, es sollten jetzt nur noch die Kinder anwesend sein, wurde eine erste Sitzordnung festgelegt. Dazu sollten sich erst einmal Kinder zusammenfinden, die sich schon kennen, vom Kindergarten aus oder vielleicht aus der Freizeit oder weil man Nachbar war.

    Der Einzige, den Mark kannte, war Thomas. Und der machte deutliche Zeichen, dass er Mark nicht bei sich haben wollte. Selbst ohne diese Zeichen wäre es Mark nicht in den Sinn gekommen, zu Thomas zu gehen, da blieb er lieber alleine stehen.

    Am Ende war er der Letzte, der noch keinen Sitzplatz hatte.

    „Nun, Mark, dann wollen wir mal sehen“, sagte Frau Bachenstein. „Du kennst hier noch keinen, nicht wahr?“

    Thomas schnitt hinter dem Rücken von Frau Bachenstein eine Grimasse.

    „Dann würde ich sagen...“, sie blickte sich im Klassenzimmer um „..., dass du, ja, hier, neben Linda Platz nimmst. Du hast ja nichts dagegen, Linda, nicht wahr?“, sagte Frau Bachenstein, während sie Mark mit sanfter Gewalt in Richtung des freien Platzes neben dem Mädchen mit den schulterlange, dunklen Haaren, die zu zwei Zöpfen geflochten waren, bugsierte. Mark merkte, dass das Mädchen mit dieser Entscheidung genauso unglücklich war wie er selbst. Ausgerechnet neben einem Mädchen sitzen war nicht grade sein Wunschtraum. Linda rückte mit ihrem Stuhl etwas weiter auf ihre Seite als Mark Platz nahm, ganz so, als hätte er eine ansteckende Krankheit.

    „Wieso hattest du heute früh Ohrenschützer auf?“, flüsterte Linda ihm in einem ruhigen Moment zu, als Frau Bachenstein grade eine Geschichte vorlas und in eine andere Richtung schaute. „Hast du irgendeine Krankheit? Oder werden deine Ohren nur schnell kalt?“

    „Manchmal helfen mir die Ohrenschützer einfach...“ gab Mark leise zurück. Er würde sicher nicht einfach damit herausrücken, dass er ab und zu etwas hören konnte, was eben sonst keiner hören konnte. Im Kindergarten hatte er gelernt, dass man so etwas besser für sich behält, wenn man nicht ein kompletter Außenseiter sein wollte.

    „Aber jetzt brauche ich die nicht mehr!“, sagte er etwas bestimmter und leider auch so laut, dass er zum ersten Mal von Frau Bachenstein ermahnt wurde, leise zu sein. Die anderen Kinder kicherten und Thomas schnitt ihm wieder eine Grimasse.

    Die ersten Wochen vergingen und Marks Hoffnungen, dass es in der Schule schöner sein würde als im Kindergarten, wurden recht schnell zerstört. Zwar war Frau Bachenstein, die sie in jedem Fach unterrichtete – außer Sport, dort war es die Schulleiterin Mönch persönlich, die sie unterrichtete – eine deutlich fairere Lehrerin, aber sie war auch sehr streng. Wer sich nicht an die Regeln hielt, bekam schnell Strafarbeiten. Einmal hatte Mark trotz einer ersten Warnung auch ein zweites Mal mit dem Stuhl gekippelt und verträumt aus dem Fenster geschaut, da musste er schon als Strafe zum Stundenende die Tafel zehn Minuten lang putzen. Andere Kinder bekamen aber deutlich schlimmere Strafen, weil sie sich geprügelt hatten oder die Mädchen an den Haaren gezogen hatten. Das Schlimmste war aber, dass Mark, obwohl er nie wieder seine Ohrenschützer mit in die Schule brachte, wieder einmal ein Außenseiter war und in den Pausen meist allein irgendwo spielte, immer darauf bedacht, dass er niemandem in die Quere kam. Besonders nicht Thomas, der mittlerweile eine Art Anführer einer kleinen Gruppe Jungs geworden war. Jeder Witz von Thomas war anscheinend immer unglaublich lustig, denn die Jungs kugelten sich vor Lachen und wenn er jemanden oder etwas „Scheiße“ nannte, dann sah das seine Gruppe genauso. Mark wäre schon mehrere Male Opfer von Thomas Gang geworden, wenn er nicht so schnell rennen könnte und manchmal auch eine Art Gespür dafür hatte, dass es gleich vielleicht Ärger geben könnte.

    An diesem Tag im späten September war der Herbst endgültig angekommen, der Wind verbog die Büsche und Bäume, so dass diese ganz neue Formen annahmen und ein paar Sekunden später wieder aufgaben. Dabei prasselte ein Regenschauer mit leichter Schräglage herunter und klatschte gegen die Fenster des Klassenzimmers. Das monotone Geräusch des Regens klang angenehm in Marks Ohren und er nahm Frau Bachensteins Erzählungen über die römischen Legionen, die hier einst eine Stadt gegründet haben sollten, kaum noch wahr. Müde stützte er den Kopf seitlich auf seine Hände, damit er den Blick auf das Unwetter draußen genießen konnte. Wie er so da saß und hinausschaute, bemerkte er, dass mit dem Regen irgendetwas nicht stimmte. Einige der stetig gegen das Fenster prasselnden Tropfen färbten sich für einen Augenblick rötlich. War das möglich? Er schaute genauer hin, den Blick nun nicht mehr müde, sondern hellwach nach draußen gerichtet.

    Ja! Je mehr er darauf achtete, desto sicherer war er: Viele der Tropfen schimmerten eindeutig rot, wenn sie auf das Fenster klatschten. Merkwürdigerweise aber nicht alle.

    Er merkte, wie ihm der Mund halb offen stand und schloss ihn. Was konnte den Regen rot färben? Im Religionsunterricht hatte er gelernt, dass es in Ägypten schon einmal Blut geregnet haben sollte oder war es doch ein Fluss voll Blut gewesen? Auf jeden Fall war das Wasser dort auch rot gewesen.

    Aber dieses rot, was er dort sehen konnte, sah nicht nach Blut aus. Es war heller und leuchtete irgendwie von innen heraus. Es sah fast so aus, als wäre die Farbe zuerst im Regentropfen versteckt und offenbarte sich erst beim Aufprall auf die Scheibe. Ein bisschen wie eine Silvester-Rakete. Da drin versteckten sich auch immer die schönsten Farben, die aber erst in der Luft sichtbar wurden, wenn sie explodierten.

    Eine Minute lang starrte Mark fasziniert auf das Schauspiel, das sich vor seinen Augen abzeichnete. Dann bemerkte er etwas. Es waren gar nicht die Regentropfen, die rötlich beim Aufprall schimmerten. Es war etwas ganz anderes… Die Erkenntnis ließ sein Herz viel schneller schlagen und einmal so laut nach Luft schnappen, dass Frau Bachenstein ihre Erzählung kurz unterbrach und ihn mahnend anblickte.

    „Tschuldigung“, stammelte er. Erst als Frau Bachenstein mit der Erzählung fortfuhr, traute er sich, langsam noch einmal zum Fenster zu schauen. Es war unglaublich, was er sah. Nein, nicht das, was er sah, ermahnte er sich selbst. Die rote Färbung kam nämlich nicht durch die Tropfen selbst, sie waren nicht rot, sondern tatsächlich durchsichtig, wie es Wasser eben war.

    Es war das dumpfe Geräusch, was sie auf der Fensterscheibe machten, wenn sie darauf prallten. Es war das Geräusch, das rot war. Es war, als wenn man einen Stein in ein stilles Gewässer schmeißt, dachte er. Zuerst entsteht durch den Einschlag in die Wasseroberfläche ein Wellenring, der sehr gut zu sehen ist, sich dann aber Sekunde um Sekunde ausbreitet und dabei immer flacher wird, bis man ihn kaum mehr wahrnehmen kann. Genauso entstanden und verschwanden die Farben vor Marks Augen. Mit einem Mal stark und kräftig vorhanden, ein Augenzwinkern später noch im Hauch zu erkennen, nur um dann komplett zu verschwinden.

    Wie zum Teufel war es möglich, dass ein Geräusch eine Farbe haben kann, dachte Mark. Das war doch unmöglich... oder etwa nicht?

    In diesem Augenblick prasselte ein besonders starker Schauer gegen das Fenster und ersetzte das rot immer mehr durch eine Art violett. Dann, als ob jemand einen Schalter betätigt hatte, waren mit einem Mal alle Farben verschwunden, obwohl der Regen weiter gegen die Scheibe trommelte. Es verschwand so abrupt, dass Mark sich fast ein wenig erschreckte. Er schaute noch einige Minuten immer wieder zum Fenster, aber die Farben wollten nicht mehr wiederkommen. Das war doch alles sehr merkwürdig…

    Vielleicht hatte er sich doch alles nur eingebildet? Er war schon recht müde und wenn man müde ist, kann man ja auch ein wenig zu träumen anfangen. Am Ende der Geschichtsstunde war er sich fast ganz sicher, dass er sich die Farben nur eingebildet hatte und in der ersten großen Pause, die an diesem Tag wegen des schlechten Wetters eine Regenpause war, hatte er die roten und violetten Geräusche schon fast wieder vergessen.

    Wie immer aß er sein belegtes Brot alleine. Er hatte sich schon daran gewöhnt, dass keines der anderen Kinder mit ihm spielen wollte, aber die Regenpause machte es noch unangenehmer. Normalerweise konnte er draußen durch die Gegend schlendern, wobei er in der Masse nicht besonders auffiel. Heute, als alle Kinder sich gleichzeitig in der Pausenhalle aufhielten, war es nicht zu leugnen, dass jeder trotz des Gedränges einen weiten Bogen um ihn machte, ganz als hätte er eine ansteckende Krankheit.

    „Mir ist langweilig“, hörte Mark eine unangenehm bekannte Stimme durch das allgemeine Gemurmel in der Pausenhalle sagen. „Dieser blöde Regen! Ich hatte mich schon so darauf gefreut, das Baumhaus von den Mädchen platt zu machen.“

    Mark hörte einige Kinder lachen, dann sprach eine andere Stimme.

    „Mach dir nichts draus. Jetzt wird es immer schon eingeweicht, dann kriegen wir es morgen noch viel leichter klein.“

    „Mh…“, grunzte die Stimme von Thomas. „Trotzdem ist mir langweilig. Das ist nervig.“

    „Guck mal! Da drüben“, sagte eine dritte Stimme, die wie er wusste, zu Florian gehörte, dem besten Freund und Gefolgsmann von Thomas. Florians Stimme klang immer wie die einer Zeichentrickmaus. Mark hatte das ungute Gefühl, dass sie ihn entdeckt hatten und wünschte sich ebenfalls das Ende der Regenpause, aber nur, damit er wieder in der Anonymität der Masse untertauchen konnte.

    „Hey Spinner, wo sind denn deine Ohrenschützer?“, sagte Thomas. Sein Tonfall klang bedrohlich und es war ganz deutlich, dass er genau die Lautstärke gewählt hatte, dass nur seine Freunde und Mark ihn gut hören konnten und nicht die aufsichtführende Schulleiterin Frau Mönch, die ihre Runde durch die Pausenhalle drehte. Mark stand auf, um wegzugehen, aber schon beim ersten Schritt merkte er, dass er seinen Platz so ungünstig gewählt hatte, dass er an Thomas und seinen Spießgesellen nicht vorbei kommen würde. Leise fluchte er in sich hinein. Das war dumm von ihm gewesen.

    „Was haste denn da?“, sagte Florian und grapschte mit seinen dreckverschmierten Händen nach Marks Brotdose. Mark, der damit gerechnet hatte, klappte den Deckel der Brotdose mit der einen Hand zu und versteckte sie in einem Rutsch hinter seinem Rücken.

    „Was sagt man dazu?“, zischte Thomas seinen Freunden zu, die schadenfroh zu Grinsen begannen. „Der will sein Essen anscheinend nicht mit seinen Freunden teilen. Ganz schön unhöflich!“

    „Fahr doch zur Hölle“, rief Mark und er klang deutlich mutiger als er sich fühlte. Ein Mädchen drehte sich kurz zu ihm rum, anscheinend hatte sie ihn fluchen gehört, drehte sich dann aber wieder weg.

    „Oho, ganz schön frech… Ich habe das Gefühl, mit dem will ich mein Essen gar nicht teilen. Zuerst will ich mal sehen, was du da überhaupt hast. Mach´ die Dose auf, Spinner.“

    In Mark kochte innerlich vor Zorn. Er wusste, dass er chancenlos gegen die Gruppe war. Thomas alleine wäre vielleicht noch möglich gewesen, denn obwohl er deutlich größer und dicker als Mark war, war er im Grunde nicht sehr stark, besonders wenn man ihm unerwartet Paroli bot.

    Wenn er einfach laut schreien würde, dann stünde innerhalb von Sekunden Frau Mönch neben ihm und er wäre aus seiner schlimmen Lage befreit. Doch zu welchem Preis? Alle würden ihn noch mehr für einen Verrückten halten und damit hätte Thomas genau das erreicht, was er wollte: ihn wieder mal wie einen Verrückten aussehen zu lassen. Diesen Erfolg würde er ihm nicht geben. Ihm blieb also nur eine Wahl übrig. Langsam holte er seine Brotdose, in der sich sein erst einmal angebissenes Vollkornbrötchen befand, belegt mit Käse und Schinken und kleinen Gurkenscheiben. Sein Vater hatte ihm wie jeden Morgen sein Brötchen für die Pause geschmiert. Nun musste er die Dose seinem größten Feind unter die Nase halten und sie öffnen. Thomas beäugte den Inhalt und verzog dann angewidert das Gesicht, als würde er etwas besonders Ekelhaftes betrachten müssen.

    „Igitt, so etwas isst du?“, sagte Thomas und warf einen vielsagenden Blick in die Runde. „Das erklärt doch einiges! Schaut mal, das sieht ja so aus, als hätte da jemanden drauf gespuckt.“

    Mark ahnte, was als nächstes passieren würde, trotzdem reagierte er zu langsam. Wie in Zeitlupe flog die Spucke aus Thomas Mund auf das Brötchen und landete genau in der Mitte auf ein paar festgebackenen Kürbiskernen. Ein schaumiges Rinnsal floss langsam die Stelle hinab, an der Mark einmal abgebissen hatte. Florian und die anderen beiden Jungs, deren Namen Mark nicht kannte, konnten sich kaum mehr auf den Beinen halten vor Lachen. Thomas selbst grinste Mark mit einem besonders dummen Gesichtsausdruck an und wirkte äußerst zufrieden mit sich selbst.

    „Du kannst dein Essen zurückhaben. Wir bleiben sogar bei dir, während du es isst. Gut, oder?“

    Mark konnte sich im Nachhinein gar nicht mehr richtig erinnern, was als nächstes genau passiert war. Er wusste noch, dass er vor Wut gezittert hatte und alles mit einem Mal rauslassen musste. Als er wieder klar denken konnte, saß Thomas vor ihm auf seinem Hintern, das Gesicht bedeckt mit einer Mischung aus einer Brötchenhälfte, fettiger Butter, einem halb abgerissenem Schinkenstück, einer einsamen Gürkchenscheibe und etwas, das bei genauerem Hinsehen seine eigene Spucke sein musste. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Thomas in die Runde. Er hatte wohl mit vielem gerechnet, aber damit anscheinend nicht. Das Lachen seiner Gang war längst verklungen und ohne klare Anweisung ihres Anführers wussten sie merklich nicht, was sie tun sollten.

    „Du mieser, kleiner…“ setzte Thomas an, ohne allerdings den Satz zu beenden, da er sichtlich damit zu kämpfen hatte, nicht in Tränen auszubrechen.

    Ein kurzes, zuckendes Lachen mit einem aufkeimenden Glücksgefühl durchströmte Mark. Das saß also der große Anführer Thomas, der so gerne andere Kinder schikanierte, wie ein Baby auf seinem dicken Hintern. Das war doch mal wirklich lustig.

    „Packt ihn!“, rief Thomas jetzt und zeigte demonstrativ mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf Mark, während er unauffällig mit der anderen eine Träne, die er nicht hatte aufhalten können, von seiner Wange wischte. Dieses Mal war Mark allerdings vorbereitet. Noch bevor ihn einer der Jungs erwischen konnte, hatte er sich schon an Florian vorbeigerempelt und ihn bei der Gelegenheit gleich mit umgeschubst. Ein paar Sekunden später konnte er in der Menge der anderen Schüler in der Pausenhalle verschwinden. Einmal musste er sich noch ganz schnell hinter einem Mädchen wegducken, weil ein Späher aus Thomas Gruppe nur ein paar Meter entfernt an ihm vorbeilief.

    „Was wird das, wenn es fertig ist?“, fragte das Mädchen, hinter dem er sich versteckt hatte. Erst jetzt bemerkte er, dass es Linda war. Auch sie hatte alleine rumgestanden und jetzt setzte sie ihren äußerst skeptisch wirkenden Blick auf. Mark duckte sich noch einmal weg, weil der Späher erneut in seine Richtung schaute. Linda musste ihn für einen totalen Freak halten – wie der Rest der Schule -, aber das konnte er jetzt nicht ändern.

    „Sag mal, verfolgen dich die Jungs?“, flüsterte sie ihm zu, nachdem sie sich in die Richtung gedreht hatte, vor der sich Mark versteckte und sofort den Späher erblickte.

    „Was gibt’s da zu glotzen, Jonathan?“, rief sie, als sich ihre Blicke trafen. „Falls du dein Gehirn suchst, dann wirst du es sicher nicht schnell wieder finden. Es ist ziemlich klein.“

    Der Späher Jonathan warf Linda einen gehässigen Blick zu und für einen Moment sah es so aus, als würde er irgendetwas machen. Er kam ihr gefährlich nah und damit auch Mark. Sie stemmte ihre Hände in die Hüfte und reckte das Kinn. So standen sie sich länger gegenüber, als Mark es ertragen konnte, aber schließlich schnaubte Jonathan und zog dann endlich ab. Mark atmete auf, als er ihn in der Menge verschwinden sah. Vorerst war die Gefahr vorüber, aber er würde eine Weile sehr vorsichtig sein müssen.

    „Hast du denen irgendetwas getan?“, fragte sie einen Augenblick später und Mark hatte den Eindruck in ihrer Stimme klang echtes Interesse, vielleicht sogar Mitgefühl mit.

    „Ich existiere“, antwortete er knapp und zuckte mit den Schultern. Dann nahm er die Beine in die Hand und lief davon. Er wusste, wo er jetzt am besten hin konnte und wo er sicher sein würde: die Dachkammer! Die Dachkammer war sein absolutes Lieblingsversteck, weil niemand sonst wusste, dass die Tür dorthin nie richtig verschlossen war. An einem seiner ersten Tage hatte er unfreiwillig ein Gespräch vom Hausmeister und der Schulleiterin Frau Mönch belauscht – die Schule war in der Pause schon damals ein Ort der Flucht für ihn – und dabei hatte er mitgehört, dass die Tür zur Dachkammer nicht mehr richtig verschlossen werden kann. Damit aber keine Kinder auf die Idee kamen, dort hochzusteigen, hatte der Hausmeister einen kleinen Gummikeil unten an die Tür geschoben. Wenn man es nicht wusste, war der Keil so gut wie nicht zu sehen und jeder Versuch, die Tür aufzumachen, scheiterte natürlich. Wenn man den Keil aber geschickt wegkickte, dann war der Weg nach oben frei. Es war nicht der lauschigste Ort der Welt mit all den alten, eingestaubten Stühlen und Regalen und das Licht fiel auch nur dämmrig durch das schmutzige Dachfenster. Aber immerhin war man hier allein und sicher.

    Er schlängelte sich an einigen Kindern vorbei, schaute sich ein paar Mal um, ob ihn keiner beachtete, dann flitzte er zur Treppe, die auf den Flur führte mit der Tür zur Dachkammer. Routiniert kickte er den Keil weg und öffnete die Tür. Sie quietschte kläglich und so laut, dass man den Eindruck haben konnte, sie wollte nicht geöffnet werden. Mit vier großen Sprüngen überwand er die schmale Treppe nach oben. Erschöpft ließ er sich in seinen Lieblingsstuhl sinken, den er sich so arrangiert hatte, dass er seine Füße auf ein niedriges Regal legen konnte. Er atmete tief durch und schaute durch das verdreckte Dachfenster zum Himmel. Der Regen, der darauf trommelte, machte es auch nicht sauberer, aber das störte ihn nicht weiter. Es sollte alles lieber schön dreckig bleiben, denn dann war klar, dass hier nie jemand hochkam und sein Versteck auch wirklich eins blieb. Er lehnte sich gerade ein wenig kippelnd zurück und dachte darüber nach, wann er sich am besten wieder nach unten trauen könnte, als er etwas hörte, das ihn versteinern ließ.

    „Ich hab es genau gesehen. Er ist hier hoch. Hat so ´ne Sperre weggetreten und ist dann nach oben“, hörte er jemanden sagen.

    „Dann sitzt er in der Falle, der kleine Spinner“, sagte jemand anders. Das war Thomas, da war Mark sich ganz sicher. Und das Schlimmste war, dass er recht hatte: Er saß in der Falle. Aus der Dachkammer gab es nur einen Ausgang und vor dem standen in ein paar Sekunden Thomas und seine Spießgesellen. Blitzschnell richtete er sich auf und ohne groß darüber nachzudenken, griff er sich seinen Stuhl und stellte ihn an den oberen Rand der Treppe. Schnell griff er sich noch zwei weitere in seiner Reichweite und wirbelte damit so viel Staub auf, dass er ein Husten nicht unterdrücken konnte. Gerade, als er alle Stühle in Position gebracht hatte, öffnete sich die Tür und Thomas Gesicht, das mit einem selbstgefälligen Grinsen behaftet war, zeigte sich im Türrahmen. Nur eine Zehntelsekunde später weiteten sich seine Augen vor Schreck und sein Mund formte einen tonlosen Schrei, als Mark ihm einen Stuhl die Treppe hinunter schickte. Er schaffte es noch gerade rechtzeitig, die Tür wieder zu schließen als der Stuhl unglaublich laut mit dem splitternden Geräusch von Holz auf Metall sein Ziel erreichte.

    „Du verdammter... scheiß Freak!“, hörte Mark ihn gedämpft durch die Tür schreien.

    Die Tür ging erneut auf, dieses Mal nur einen Spalt breit. Sofort warf Mark den nächsten Stuhl nach unten, der herunterpolterte und knirschend auf dem anderen landete. Dabei verlor er das linke Bein.

    „Wo die herkommen, da gibt’s noch einige mehr! Versucht´s ruhig noch einmal!“, rief Mark hinunter. Das entsprach nicht ganz den Tatsachen, denn außer dem einen Stuhl, den er noch neben sich stehen hatte, gab es vielleicht noch zwei bis drei andere und die standen in der hintersten Ecke des Dachbodens. Wenn die Jungs unten den richtigen Moment abpassten, konnten sie locker die Treppe bis nach oben gelangen, bevor Mark ein weiteres Geschoss hätte in Position bringen können. Kurz überlegte er, ob er eine der Kommoden oder Regale runterschieben konnte, aber diese waren eindeutig viel zu schwer, als dass er sie alleine hätte bewegen können. Er musste bluffen.

    Dieses Mal dauerte es deutlich länger, bis sich die Tür wieder einen spaltbreit öffnete und die zwei Stühle, die den Zugang leicht blockierten, ein wenig mehr Raum bot. Mark hatte keine Wahl, er musste sofort den nächsten Stuhl herunterwerfen, wenn sie ihm seinen Bluff abkaufen sollten. Krachend landete er auf den anderen zwei, ohne kaputt zu gehen. Für einen Augenblick schaute Mark fasziniert nach unten. Der Aufprall war gelb gewesen. So gelb wie Butterblumen. Und dann war es sofort wieder verschwunden.

    Dann hörte er einen farblosen Tritt von außen gegen die Tür.

    „Dieser miese…“, war von unten dumpf zu hören.

    „Beruhig dich“, sagte die gedämpfte Mäusestimme von Florian. „Ich habe eine viel bessere Idee. Schau mal, da!“

    Was als nächstes passierte und was genau diese bessere Idee war, bekam Mark nicht mit, denn die Jungs hatten anscheinend zu flüstern begonnen. Einen Moment lang war Ruhe. Was konnten die da unten wohl als nächstes vorhaben? Leise flitzte Mark zu einer Ecke, in der noch ein verstaubter Stuhl herumstand, von dessen Sitzfläche nur noch der Rahmen übrig war und der dadurch besonders traurig wirkte. Als er gerade zurückschlich, den kaputten Stuhl in beiden Händen, hörte er, wie sich jemand unten an der Tür zu schaffen machte. Allerdings war nicht das vertraute Quietschen zu hören, wie wenn die Tür geöffnet wurde.

    Es klang viel mehr, als würde… O nein…

    Mark Hände fuhren automatisch zu seinen Hosentaschen und suchten verzweifelt nach etwas, das er normalerweise immer dort rein steckte, wenn er zu seinem Versteck nach oben ging. Aber seine Hände tasteten ins Leere. Er klopfte noch einmal mit den Händen seinen Körper ab, ohne aber noch wirklich Hoffnung zu haben, das zu finden, was er hoffte. Er hatte den Keil unten vor der Tür liegen lassen. Er musste ihn in der Hektik und Aufregung einfach vergessen haben.

    „Und?“ piepste die Stimme von Florian

    Unten wurde die Klinke herabgedrückt und den Geräuschen nach zu urteilen, wurde erst sanft und dann immer kräftiger daran gezogen. Dann kam noch ein weiterer Ruck.

    „Bewegt sich keinen Millimeter“, sagte eine andere Stimme, die wahrscheinlich zu Jonathan gehörte.

    Einen Moment lang lachten alle Jungs unten dreckig, dann gab es einen Tritt gegen die Tür.

    „Hey Freak“, sagte eine Stimme unmittelbar danach, die eindeutig zu Thomas gehörte. „Wenn wir nicht zu dir hoch dürfen, dann darfst du auch nicht mehr zu uns runter. Viel Spaß beim Verrotten da oben. Wir gehen jetzt in den Unterricht.“

    Wieder lachten alle, aber es entfernte sich von Sekunde zu Sekunde. Anscheinend gingen sie tatsächlich. Erst, als sich Mark komplett sicher war, dass das alles nicht doch ein Trick gewesen war, legte er den Stuhl ohne Sitzfläche ab und traute sich wieder, etwas lauter zu atmen. Die Lage, in die er sich das gebracht hatte, war nicht gerade die Beste. Klar, es hätte schlimmer kommen können. Immerhin hatte er die Jungs abgewehrt und verhindert, dass sie ihn hier oben stellten. Was sie mit ihm angestellt hätten, das mochte er sich gar nicht vorstellen. Andererseits saß er hier nun fest. Die Jungs hatten sicher ordentliche Arbeit geleistet. Vorsichtig ging Mark die Treppe herunter und nachdem er einen Augenblick gelauscht hatte, räumte er einen Stuhl nach dem anderen (oder eben das, was noch davon übrig war) wieder nach oben. Dann drückte er die Klinke der Tür nach unten und drückte sich mit aller Kraft gegen die Tür. Sie bewegte sich nicht. Er versuchte es noch ein paar Mal und stützte sich dabei an den Stufen ab, aber die Tür weigerte sich, sich auch nur einen Hauch zu bewegen. Er spürte, wie sich sein Bauch immer hohler anfühlte und ihm leicht übel wurde. Wie sollte er hier nur je wieder rauskommen? Irgendwann würde man nach ihm suchen, natürlich. Aber wenn die Jungs dicht hielten, dann würde keiner so schnell auf die Dachkammer kommen. In einer Stunde war der Unterricht außerdem vorbei und dann würde den restlichen Tag wahrscheinlich niemand mehr im Schulgebäude sein. Und jetzt fiel ihm auch noch ein, dass es Freitag war! Das gesamte Wochenende würde niemand mehr hier sein. Er hätte sich doch lieber verprügeln lassen sollen, dachte er. Verzweifelt war er sich noch ein paar Mal gegen die Tür.

    „Hilfe, Hilfe!“, schrie er und hämmerte mit den Fäusten gegen die Tür. Seine Stimme überschlug sich halb. Die nackte Panik hatte ihn nun vollständig erfasst und Tränen liefen ihm die Wangen herunter. Irgendjemand musste ihn hier rausholen, bevor es zu spät war.

    „Hilfe!“, rief er erneut und trat jetzt mehrmals gegen die Tür. „Holt mich hier raus!“

    „Ganz ruhig, ich bin ja da!“, sagte plötzlich eine sanfte Stimme, die so nah klang, dass Mark nach hinten schreckte, gegen die Treppe stolperte und mit dem Hintern unsanft auf einer der Stufen landete. Sofort stand er wieder auf und legte ein Ohr an die Tür.

    „Wer ist da?“, rief er und die Angst wollte immer noch nicht verschwinden.

    Aber anstelle einer Antwort hörte er, wie sich jemand vor Anstrengung stöhnend an der Tür zu schaffen machte.

    „Mann… die haben das aber ganz schön fest gedrückt“, sagte die Stimme schwer atmend.

    „Du musst den Keil mit dem Fuß wegtreten, das geht am besten!“, rief Mark durch die Tür und versuchte, seine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen. Er hörte, wie draußen halb gegen die Tür, halb gegen den Keil getreten wurde.

    „Na… willst du wohl…. Na endlich!“

    Die Klinke wurde herunter gedrückt und das erlösende Quietschen ertönte.

    Das sommersprossige Gesicht von Linda war nicht wie sonst zu einem skeptischen Blick verzogen, sondern zeigte eine Mischung aus Unglauben und Mitgefühl.

    „Alles okay?“, fragte sie.

    „Ich denke schon“, antwortete Mark, während ihm bewusst wurde, dass seine Stimme schrill klang und er vollkommen verheult aussehen musste. Er drehte den Kopf weg und wischte sich die Tränen mit seinem Handrücken aus den Augen und von den Wangen.

    „Ist schon in Ordnung. Du brauchst dich nicht dafür zu schämen, dass du Angst hattest.“

    „Ich hatte keine Angst“, sagte Mark trotzig und merkte sofort, dass das vollkommen absurd klingen musste. Trotzdem ließ sich Linda nichts anmerken.

    „Das sind echt Schweine!“, sagte sie stattdessen und Mark grunzte zustimmend. „Du kannst von Glück sagen, dass ich bemerkt habe, wie die hier nach oben geschlichen sind. Ich hatte schon im Gefühl, dass die nichts Gutes im Schilde führten. Tja, da habe ich wohl Recht gehabt, was?“ Sie schaute ihn erwartungsfroh an. Vielleicht lag es an der vorherigen Panik, vielleicht aber auch daran, dass Linda auf einmal so viel mit ihm redete, aber er hatte das Gefühl, in diesem Augenblick kaum einen geraden Satz herausbringen zu können. Ihm war immer noch leicht übel. Schließlich nickte er einfach. Linda schien das zu reichen.

    „Hör mal“, fuhr sie fort. „Du siehst ein bisschen fertig aus, wenn ich ehrlich bin. Wie wäre es, wenn ich Frau Bachenstein sage, dass du nach Hause musstest, weil irgendetwas passiert ist? Dann brauchst du heute diese Idioten nicht mehr sehen. Und am Montag überlegen wir uns etwas, wie wir es ihnen heimzahlen können, okay?“

    Mark hätte Linda am liebsten umarmt, aber er hatte immer noch genug damit zu tun, jetzt nicht loszuheulen. Das war alles einfach zu viel. Und vor einem Mädchen durfte kein Junge heulen, so viel war klar. Also nickte er noch einmal.

    Linda lächelte zufrieden. „Wunderbar! Dann geh ich jetzt schnell los, damit ich nicht allzu spät in den Unterricht komme. Du solltest jetzt auch schnell los.“

    Irgendwie schien es ihm unwürdig, jetzt einfach so loszugehen, ohne Linda vernünftig danke zu sagen, aber er war zu nichts anderem in der Lage. Er ging den Korridor entlang, die Treppe hinunter in die Pausenhalle und dann schnell über den Pausenhof zu den Fahrrädern. Ohne zurückzuschauen fuhr er nach Hause. Mit jedem Meter, den er zwischen sich und die Schule brachte, fühlte er sich besser. Der Kloß im Hals verschwand und er konnte wieder freier atmen. Er hatte wirklich Glück gehabt, dachte er. Ohne Linda hätte das alles böse enden können. Was aber noch viel schöner war, war die Tatsache, dass sie ihn nicht wie einen Freak behandelt hat, sondern ganz normal. Sie wollte sogar am Montag wieder etwas mit ihm zu tun haben. Bei dem Gedanken daran machte sein Herz einen kleinen Hüpfer und er fuhr den Weg besonders rasant entlang. Die Autos und die Straßenbahnen, die an ihm vorbeirumpelten, nahm er kaum wahr. Eigentlich war heute doch kein so schlechter Tag. Als die Sonne sogar die letzten Regentropfen ablöste, war er sich sogar sicher, dass dies sogar ein besonders guter Tag war. Zu Hause angekommen öffnete er die schwere, grüne Tür des Mehrfamilienhauses und flitzte die Treppe hinauf in den zweiten Stock. Als er die Haustüre öffnete, wollte er seiner Mutter sofort davon erzählen, dass heute ein richtig schöner Tag war. Sie saß mit dem Rücken zu ihm am Küchentisch und rührte mit dem Löffel in einem Kaffee herum, der so aussah, als wäre er drei Tage alt. Sie drehte sich um als die ihn bemerkte und Mark sah ihr sofort an, dass etwas nicht stimmte.

    „Mark“, sagte sie und ihre Stimme klang vollkommen tonlos.

    „Es ist etwas Furchtbares passiert“.

    Menschensohn - Das Fenster nach Weraltéra :nummer1:

  • Hey ImmoE.Hefter, :)



    LG,

    Rainbow

  • Hey Rainbow,

    sorry, dass ich so lange nicht reingucken konnte, aber hier war viel los! Gerade ist die Zeit etwas knapp, aber ich konnte mir jetzt mal alle deine Kommentare in Ruhe durchlesen. Erst einmal vielen Dank für die ganze Arbeit, das hilft mir enorm! Und keine Sorge, ich fasse das nicht überkritisch auf, sondern freue mich einfach über jede Rückmeldung, die zu einer Verbesserung führen kann! Das soagr sogar sogar ist zB. was, das ich selbst x mal vollkommen überlesen habe, total verrückt :)

    Es startet tatsächlich eher in Richtung eines Kinderbuches, weil es generell aus der PErspektive von Mark geschrieben ist. Es wird zu Beginn zwei Zeitsprünge geben, und dadurch wird die Erzählweise dann auch "erwachsener". Ich gebe mal die nächsten Kapitel rein!

    Vielen Dank schon mal! Du bist ein Engel ;)


    Liebe Grüße


    Immo

    Menschensohn - Das Fenster nach Weraltéra :nummer1:

  • Kapitel 4

    Die morgendliche Sonne hatte nicht mehr genug Kraft, um Marks Gesicht so richtig zu wärmen. Trotzdem genoss er das Gefühl der Strahlen auf der Haut und dass er seine Augen zu Schlitzen verengen musste, wenn das Licht sie streifte. Er saß auf seinem Fahrrad, dessen Sattel er so hoch wie möglich gestellt hatte. Es war ihm trotzdem zu klein. Irgendwann Mal musste es eine satte rote Farbe gehabt haben, von der er aber nicht mehr viel übrig geblieben war. Wo die Farbe nicht abgeblättert oder durch Rost ersetzt worden war, hatte sich das rot in eine Art schmieriges braun verwandelt. Einige Jungs aus seiner Schule hatten ihn schon deswegen aufgezogen, aber das störte ihn nicht weiter. Für ihn war es ein tolles Fahrrad, das ihn treu von Ort zu Ort brachte. Er fuhr die Schillstraße entlang, an deren Ende sich ein kleiner offener Platz befand, an dem an sonnigen Sommertagen zwei Cafés ihre Tische und Stühle aufstellten und Besucher mit Gebäck und Heiß- und Kaltgetränken unter den dort wachsenden Ahornbäume lockten. Zu dieser Uhrzeit waren aber noch alle Tische leer und die Stühle lehnten zusammengeklappt dagegen. Wie jeden Morgen fuhr er bis zur zu der größten der vier hintereinander stehenden Kastanien, stieg von seinem Rad ab und setzte sich auf das Rondell, das um den imposanten Baum angebracht worden war. Er gähnte herzhaft und rieb sich leicht fröstelnd die Arme. Dann schaute er kurz auf seine Armbanduhr. 7:03Uhr. Sie verspätete sich. Das tat sie fast jeden Morgen, deswegen machte er sich keine Gedanken. Zu spät in die Schule gekommen waren sie noch nie, auch wenn sie nahezu nie pünktlich am Treffpunkt war. Geistesabwesend strich er sich mit dem Finger über den Bereich zwischen Oberlippe und Nase. Seitdem dort einige Stoppeln waren, hatte er sich das zur Gewohnheit gemacht. Es war ein cooles Gefühl und er fühlte sich schon halb erwachsen.

    „Hey! Sorry, dass ich zu spät bin“, begrüßte ihn Linda wie fast jeden Morgen. Sie saß auf ihrem nagelneuen Hollandrad, das sie vor zwei Wochen zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte und hielt neben Marks Rad an. Neben ihrem wirkte Marks braunrostiges Rad besonders armselig. Zum Glück schien Linda das ebenso wenig zu stören wie ihn selbst.

    „Wollen wir los?“, fragte sie fröhlich, wobei ihre zum einfachen Pferdeschwanz gebundenen Haare leicht hin und her wogten. „Sonst wird es noch knapp. Und zu Erdkunde will ich wirklich nicht zu spät kommen…“

    Mark richtete sich langsam auf und lächelte sie verschmitzt an.

    „An mir liegt es nicht, wenn wir zu spät kommen.“

    „Du hast ja auch keine langen Haare, die 20 Minuten zum Trocknen brauchen. Ich wette, ich stehe deutlich vor dir auf.“

    „Wenn ich ehrlich bin, hab ich heute früh nicht mal geduscht. Von daher denke ich, dass du sogar Recht haben könntest.“

    Linda rümpfte gespielt angewidert die Nase.

    „Das liegt daran, dass du ein kleines Ekel bist. Und hör endlich auf, dir die Fusseln über deiner Lippe zu streicheln. Das wirkt total lächerlich. Bitte mach´ das weg, bis etwas Richtiges wächst, okay?“

    Das hatte gesessen. Wie automatisch strich er sich noch einmal drüber und zuckte dann mit der Hand wieder zurück, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen.

    „Lass uns jetzt los“, sagte er grummelnd und setzte sich auf sein Fahrrad.

    Sie fuhren los und für ein paar hundert Meter sagte keiner etwas. Mark starrte stur nach vorne.

    „War das zu hart?“, fragte Linda. Mark bemerkte, wie sie sich bemühte, nicht belustigt zu klingen. „Komm schon, das war nicht böse gemeint, aber du musst noch ein bisschen auf einen richtigen Bart warten. Und wenn der dann da ist, wird er bestimmt grandios aussehen!“

    „Das ist es nicht“, antwortete Mark nach kurzem Zögern. „Weißt du, welches Datum wir heute haben?“

    „Warte, ähm, heute ist der… 22. September, oder?“, sagte sie unbekümmert. Dann, schlagartig, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.

    „Oh Mark, es tut mir furchtbar leid, das habe ich ganz vergessen…“

    „Schon gut, es ist ja mittlerweile auch schon acht Jahre her.“

    „Das macht die Sache ja nicht weniger schlimm. Außerdem ist es auch nicht gut, wenn man es vergisst. Deinen Vater darfst du niemals vergessen.“

    Tatsächlich hatte er es heute früh einmal kurz vergessen. Als er aufgestanden war, hatte er einen kurzen Blick auf das schöne Spätsommerwetter draußen geworfen und gelächelt. Dann war es ihm wieder eingefallen. Dieser schreckliche Tag vor acht Jahren. Thomas und seine Bande hatte ihn in der Dachkammer der Grundschule eingesperrt und hatten es in Kauf genommen, wenn er dort tagelang nicht gefunden worden wäre. Linda war es gewesen, die ihn damals gerettet hatte. Es war das erste Mal in Marks Leben gewesen, dass sich jemand für ihn eingesetzt hatte. So wäre dieser Tag für ihn damals trotz allem ein schöner Tag gewesen. Wenn nicht etwas viel Schlimmeres passiert wäre.

    Seine Mutter hatte monatelang kaum ein Wort mehr gesprochen und Mark hatte den Eindruck, dass sie eigentlich nie wieder ganz die Alte geworden war. Manchmal dachte Mark, von ihr wäre nur noch eine Hülle übrig, die zwar gehen und stehen konnte, aber sonst nicht mehr viel. Sie hatte nie geweint, zumindest hatte sie es nie vor Mark gemacht. Wahrscheinlich wollte sie ihn nicht mit ihrer Trauer belasten, aber die Art und Weise, wie sie mit dem Verlust umging, hielt Mark schon damals für ungesund und das belastete ihn mehr als es jede Träne getan hätte. Er selbst hatte viel und hemmungslos geweint. Nicht sofort. Da war er viel zu geschockt gewesen und konnte die Tragweite des Vorfalls überhaupt nicht begreifen. Erst nach einigen Stunden, als ihm klar wurde, dass dies kein Traum, sondern bittere Realität war, kamen die Tränen. Er schloss sich häufig in seinem Zimmer ein und ging wochenlang nicht in die Schule, wo ihn seiner Einschätzung nach sowieso keiner vermisst hatte. Am Tag der Beerdigung seines Vaters wehte kein Lüftchen, aber es regnete in Strömen, ganz als wollte die Welt Anteil an Marks Trauer nehmen.

    Er konnte sich noch erinnern, wie er am Ende ganz alleine vor dem Grab stand. Er hatte extra nicht laut geschluchzt oder geheult, weil er sich sicher war, dass sein Vater in Würde abtreten wollte. Aber die Tränen waren ihm stumm in Bächen die Wangen heruntergelaufen. Und als er sich hatte verabschieden wollen, merkte er, dass ihm die Stimme versagte und bevor er seine letzten Worte an seinen Vater mit gequäkter Stimmer machte, hatte er sie lieber in Gedanken an ihn ausgesprochen.

    Mein liebster, liebster Papa. Du fehlst mir. Ich weiß, dass du nichts dafür kannst, aber warum musstest du so früh gehen? Es ist so unfair. Da du jetzt nicht mehr bei mir sein kannst, werde ich dich in meinem Herzen tragen müssen, wenn das okay ist. Bitte bleib wenigstens dort immer bei mir. Mein liebster, liebster Papa. Du fehlst mir.

    Jetzt, acht Jahre später, hatte er schon lange nicht mehr an seine Abschiedsworte gedacht, aber er wusste sie noch komplett auswendig, wie er sie damals für sich gelernt hatte. Monatelang hatte er diese paar Sätze immer wieder in Gedanken gesagt. Jedes Mal, wenn sein Vater ihm so sehr fehlte, dass es ihm körperlich schmerzte. Oft ging es ihm danach besser. Er hatte nie jemanden von diesen Worten erzählt, weil er sich dafür zu sehr geschämt hatte.

    „Du darfst deinen Vater niemals vergessen. Das ist wichtig“, sagte Linda erneut und holte ihn zurück in die Gegenwart, auf seinem schrottreifen Fahrrad auf dem Weg zum Goethe-Gymnasium. Er schaute sie fast schuldbewusst an, denn er hatte tatsächlich schon sehr lange nicht mehr darüber nachgedacht. Sie hatte wirklich recht. Er durfte seinen Vater nicht einfach so in Vergessenheit geraten lassen. Das freundliche, schmale Gesicht und diese tiefblauen Augen mit den Fältchen drum herum, die sich immer bildeten, wenn er herzhaft lachte. Und gelacht hatte er viel, da konnte er sich gut dran erinnern. Trotz seiner schlaksigen Figur hatte sein Vater eine äußerst tiefe Stimme, die beruhigend auf alle wirkte. Zusammen hatten sie immer viel gespielt und getobt und wenn Mark traurig nach Hause gekommen war, weil ihm andere Kinder deutlich gemacht hatten, was er wegen seiner Absonderlichkeiten für ein Außenseiter war, dann hatte er ihn nahezu immer wieder aufbauen können. Am besten hatte ihm damals die Geschichte vom hässlichen Entlein gefallen, die ihm sein Vater immer vorgelesen hatte. Während er auf seinem Schoß gesessen hatte, hörte er etwas von dem kleinen Entlein, das, als es noch klein war, von allen verstoßen wurde, sich dann aber mit der Zeit zu einem wunderschönen Schwan entwickelte, das von allen gemocht und geliebt wurde.

    „Wenn erst einmal alle begriffen haben, wie toll du bist, dann wird sich alles für dich ändern. Glaub mir!“, hatte er ihm häufig nach dieser Geschichte mit seiner dunklen Stimme gesagt und ihm dann durch die Haare gewuschelt, woraufhin Mark vor Vergnügen fast quiekte.

    All diese Erinnerungen versetzten Mark einen regelrechten Stich. Er würde seinen Vater nie wieder sehen oder hören, ganz egal, ob er sich wünschte, ihn in seinem Herzen zu tragen oder nicht. Alles, was ihm blieb, waren die immer weiter verblassenden Erinnerungen und einige Bilder.

    „Er fehlt dir sehr, oder?“, fragte Linda, als sie an einer der vielen Ampeln, die sich auf ihrem Schulweg befand, anhalten mussten. Da er nicht innerhalb der nächsten zwei Sekunden etwas sagte, nahm ihm Linda die Antwort vorweg.

    „Dumme Frage, natürlich fehlt er dir“, seufzte sie. „Soll ich dich dann heute nach der Schule begleiten, wenn du ihn besuchst?“

    Ihre Stimme hatte eine Tonlage angenommen, von der sie wohl selbst dachte, dass es unbefangen klang, aber Mark kannte sie viel zu gut, um getäuscht zu werden. Sie machte sich große Sorgen um ihn, besonders an diesem Tag. Und gerade dafür war er ihr über alles dankbar, denn es gab nicht viele Menschen auf dieser Welt, die sich Gedanken um ihn machten. Manchmal hatte er sogar den Eindruck, dass Linda sich mehr um ihn kümmerte und ihn besser verstand als seine eigene Mutter, die sich immer weiter in sich kehrte. Aber vielleicht hatte jeder 15jährige diesen Eindruck von seinen Eltern.

    „Das wäre schön“, antwortete er leise und ohne sie anzuschauen.

    „Gut!“, sagte sie und wirkte glücklich. „Dann ist das also abgemacht. Dann treffen wir uns nach der Schule wie immer am Baggersee.“

    „Okay.“

    Die nächsten Momente sagten sie beide nichts mehr und Mark war froh, als die Ampel endlich auf grün umschlug und sie beide wieder in die Pedale treten konnten. Einige schweigsame Minuten später kamen sie an ihrer Schule, dem Goethe-Gymnasium an. Die Schule bot von außen keinen besonders ansprechenden Anblick, wie Mark fand, nur das Hauptgebäude war ein wiederaufgebauter Altbau aus dunklen Klinkersteinen, der ein wenig was hermachte. Alle anderen Neubauten stammten offensichtlich aus einer Zeit, in der es kein Geld gab und zweckmäßig gebaut werden musste. Die zweistöckigen Betonbauten hatten Flachdächer und einige der Außenwände waren nahezu vollständig von Efeu überwuchert. Im letzten Jahr musste diese Üppigkeit allerdings ein wenig gestutzt werden, nachdem ein Junge die Idee gehabt hatte, an den rankenden Pflanzen bis auf das Dach zu klettern. Ein klaffendes Loch in der ansonsten damals undurchdringlichen Efeuwand mahnte die anderen Kinder, was passieren kann, wenn sich die Pflanze wegen zu viel Gewicht von der Wand löst. Der Junge hatte sich einen Arm und beide Schlüsselbeine gebrochen, die Schule wurde verklagt und die rankenden Pflanzen mussten so weit entfernt werden, dass niemand mehr auf die Idee kommen konnte, dort hinauf zu klettern. Was übrig blieb, war ein, wie Mark fand, äußerst tristes graues Gebäude. Immerhin war es von Innen etwas moderner. Linda und Mark quetschten sich, ihre
    Räder schiebend, gemeinsam mit unzähligen anderen Kindern durch das Tor und stellten ihre Räder an dem immer gleichen Stellplatz auf dem großen Fahrradparkplatz ab.

    „Na dann, bis später“, sagte Linda und ging direkt auf eines der hässlichen, neuen Schulgebäude zu. Mark schaute ihr sehnsüchtig hinterher. Sie gingen zwar auf die gleiche Schule, aber es war ihm nicht vergönnt, dass sie auch in die gleiche Klasse gingen. Sein übliches Glück.

    Aber immerhin hatte es Thomas nicht an das Gymnasium geschafft. Die Lehrer an der Grundschule waren zum gleichen Ergebnis gekommen wie Mark selbst, nämlich dass Thomas für die Empfehlung an ein Gymnasium doch ein paar Kerzen auf der Torte fehlten. Nur Florian, dessen Stimme nicht mehr wie die einer Zeichentrickmaus klang, sondern eher wie Fingernägel, die über eine Tafel gleiten, hatte es auch ans Gymnasium geschafft. Zu Marks Leidwesen sogar in seine Klasse. Zum Glück war Florian ohne Thomas nur halb so mutig und er war auch nicht der Anführertyp, dass er eine neue Horde wilder Jungs um sich hätte sammeln können. Mit einer gewissen Genugtuung hatte Mark festgestellt, dass Florian genauso unbeliebt in der Klasse war wie er selbst und was er selbst schon nahezu seit seiner Geburt kannte, musste unbequemes Neuland für Florian sein. Nachdem er sein Rad mit seinem billigen Schloss am Fahrradständer festmachte - wer würde sein Rad auch schon klauen wollen -, schwang er seine Schultasche von der linken auf die rechte Schulter und machte sich auf den Weg zum etwas schöneren Altbaugebäude der Schule, wobei er sich erneut in seinen Gedanken verlor. Als sein Vater gestorben war, ging er noch in die erste Klasse der Grundschule. Bei Frau Bachenstein. Es hatte in Strömen geregnet und es hatte eine Regenpause gegeben, was dafür gesorgt hatte, dass er von Thomas und seiner Bande in der Pausenhalle aufgemischt wurde. Mit einem Mal blieb er im Eingang des Schulgebäudes abrupt stehen, was dafür sorgte, dass ein pummeliger Elftklässler, der nicht mit dem plötzlichen Stillstand gerechnet hatte, gegen ihn stieß. Wortlos wurde Mark als nächstes grob zur Seite geschoben, aber das machte ihm nichts. Ihm war wieder etwas eingefallen. Damals hatte er die Geräusche, die der Regen gemacht hatte, als die Tropfen gegen das Fenster im Klassenraum geprasselt hatten, als Farben sehen können. Rot waren sie zuerst gewesen und hatten ihre Farbe dann noch geändert. Und später, als er in der Dachkammer gewesen war und die Stühle die Treppe nach unten gejagt hatte, da hatte es auch eine Geräuschfarbe gegeben. Gelb. Die Erinnerungen trafen ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Wenn er sich noch weiter zurück erinnerte, dann hatte er damals so viele Dinge gehört und manchmal auch gesehen, die kein anderer wahrnehmen konnte. Das hatte er schon fast wieder vergessen. Er muss damals wirklich einen Schaden gehabt haben, dachte er nachdenklich. Niemals konnte das alles real gewesen sein. Seitdem hatte er so gut wie nie wieder etwas Derartiges wahrgenommen und vielleicht war das auch besser so. Damals hatten diese Dinge seinem Vater nur Sorgen gemacht, auch wenn er versuchte, es Mark nicht zu zeigen. Seine Mutter hatte damals alles etwas lockerer gesehen und seine Spinnereien mit einem gewissen Interesse verfolgt. Aber auch Sie wurde mit der Zeit sichtlich ungeduldiger mit ihm und manchmal hatte er sogar das Gefühl, sie verfolgte ihn, um sicherzugehen, dass er sich nicht in der Öffentlichkeit lächerlich machte. Und seit dem plötzlichen Tod seines Vaters war sie immer merkwürdiger geworden, was Mark ihr aber manchmal nicht verübeln konnte. Es schien, als hätte sein Tod sie gebrochen. Sie hatte ihm nie viel davon erzählen können, vielleicht wollte sie ihn auch einfach mit den furchtbaren Details verschonen, aber Heinrich musste vom Balkon im siebten Stock des Versicherungsgebäudes, in dem er arbeitete, gestürzt sein. Einige Male traute Mark sich mit seinen Gedanken in die Richtung, dass sein Vater vielleicht gar nicht gestürzt, sondern freiwillig gesprungen war. Aber diese Vorstellung war so unerträglich, dass er sich nie lange daran traute. Es konnte einfach nicht sein. Sein Vater wäre niemals gesprungen, dachte er sich auch jetzt wieder. Er hätte doch niemals seinen Sohn und seine Frau einfach so zurück lassen können. Trotzdem wuchs der Kloß in seinem Hals bei dem Gedanken, dass er heute zum Friedhof gehen und ihn besuchen würde. Zum Glück würde Linda mitkommen.

    Der Schultag zog sich nur so dahin. In den ersten beiden Stunden quälte er sich durch die Lateinübersetzungen einer Seite von Caesars Bellum Gallicum, immer verfolgt von den Augen des Anzugtragenden Herrn Hinze, denen nie ein Schüler entging, der etwas nicht korrekt machte. In der folgenden Doppelstunde Englisch konnte man sich wenigstens gut verstecken, wenn man seine Ruhe haben wollte und als am Ende von Biologie endlich die Glocke läutete, atmete Mark seufzend aus. Heute hatte er sich nicht in einziges Mal den gesamten Tag gemeldet, geschweige denn einen anderen Beitrag geleistet, aber das war ihm egal. Immer wenn Linda zu einem anderen Zeitpunkt Unterrichtsende hatte, trafen sie sich nicht mehr an der Schule, sondern bei ihr in der Nähe am neuen Baggersee, der mittlerweile den Namen Silbersee abbekommen hatte. Dort gab es einen kleinen Hügel, auf dem einige Büsche und Kräuter wuchsen und der direkt an den See grenzte. Von der Landseite hob sich der Hügel sanft an, während er auf der Seeseite steil wie eine Klippe abfiel. Im Sommer war dies ein beliebter Ort aller Jugendlichen, um waghalsige Sprünge in den Silbersee zu wagen, der an dieser Stelle selbst am Rand erstaunlicherweise mindestens fünf Meter tief war. Mark versuchte wie jedes Mal, den Hügel mit seinem Fahrrad komplett hochzufahren, was ihm aber immer misslang, da sein Rad natürlich keine Gangschaltung hatte und er sich mit der immer gleichen Stufe hochquälen musste. Resignierend stieg er gute zehn Meter vor dem Ziel ab und schob das Rad langsam den Hügel hoch. Die Büsche verdeckten zwar leicht die Sicht auf die Spitze des Hügels, aber schon vorher war sich Mark sicher, dass Linda noch nicht da war. Sie hätte ihn längst gehört und wäre hinter den Sträuchern erschienen. Langsam schob er seine braune Rostmühle durch einen kleinen Weg zwischen den Büschen. Einige der kleinen Ästchen schlugen nach ihm und kratzten an seinen Beinen, als er sich, das Rad voran schiebend, seinen Weg durch die Botanik bahnte. Dahinter wartete eine halb verdorrte, halb von Kindern plattgetretene Rasenfläche, die zum Rand des Hügels immer dünner wurde. Das Rad lehnte er gegen einen der stabileren Büsche, der halb Widerstand leistete und halb nachgab und das Rad somit in einem Winkel von 45 Grad schweben ließ. Dann setzte er sich an den Rand des Hügels, ließ die Beine baumeln und packte eines seiner belegten Brote aus, das er in der Pause nicht gegessen hatte. Vollkornbrot ohne Butter mit einer Scheibe Fleischwurst. Die Qualität seiner Pausensnacks hatte dramatisch abgenommen, seitdem er sich selbst die Brote schmierte. Seine Mutter stand meist später auf als er selbst, deswegen fiel sie für diese Arbeit weg. Womit er wieder bei seinem Vater war. Es wurde wirklich höchste Zeit für den Besuch. Nachdenklich griff er nach dem Brot und fing an zu kauen. Die Ränder waren schon hart geworden und nach ein paar Bissen legte er es wieder weg. Die Sonne wurde mittlerweile von einigen Schönwetter-Wolken verdeckt und es war deutlich spürbar, dass der Herbst vor der Tür stand. Eichen, die auf der anderen Seite des Sees entlang einer Art Promenade gepflanzt worden waren, zeigten schon deutlich sichtbare gelbe und rote Flecken in ihrem sonst grünen Erscheinungsbild. Die Oberfläche des Sees war wie eine Eisfläche und gab ein erstaunlich schönes, umgedrehtes Zerrbild der Umgebung wider. Da waren die Promenade mit vereinzelten Sitzgelegenheiten und Laternen, die Eichen und darunter die roten und schwarzen Dächer der Häuser dahinter. Mark schaute noch ein wenig tiefer und damit weiter in das Zentrum des Sees. Erstaunlicherweise wurde es dort immer dunkler, obwohl der Himmel sich in weiten Teilen in einem strahlenden blau zeigte und die Sonne sich mittlerweile auch nicht mehr hinter einer Wolke versteckte. Trotzdem war die Spiegelung hier so dunkel, als wäre es tiefste Nacht oder zumindest Dämmerung. Marks Blick ging nun an seinen baumelnden Beinen vorbei auf die Seefläche, die sich nahezu direkt unter ihm befand. Hier war das Bild nicht mehr vollständig in Dunkelheit gehüllt. Trotzdem beruhigte ihn das nicht im Geringsten, denn das, was er dort erblickte, war noch viel merkwürdiger als die vorherige Dunkelheit. Im See unter ihm befand sich ein leuchtender Mond. Zumindest sah es so aus. Der Mond auf der Seeoberfläche verbreitete so viel Licht, dass die angrenzende Fläche beleuchtet wurde und der Blick auf eine Art Hügel frei wurde. Im Hintergrund war deutlich der Umriss von einem Berg zu erkennen. Nein, zwei Berge, deren Spitzen ein wenig zueinander neigten. Im Hintergrund? Im Hintergrund der Spiegelung auf der Seeoberfläche? Mark zwinkerte kurz ein paar Mal. Er musste sich das eingebildet haben. Wie konnte eine völlig andere Landschaft als die in der Umgebung auf dem See gespiegelt werden, bei der es zu allem Überfluss auch noch Nacht war? Er schaute wieder runter. Das Bild war immer noch da. Er stand auf und wollte sich gerade flach auf den Bauch legen, um besser über den Rand des Hügels in den See zu schauen, als er ein Geräusch aus den Büschen hinter sich wahrnahm. Linda musste endlich angekommen sein.

    „Linda, das musst du dir angucken! Das ist total verrückt!“

    „Was du nicht sagst!“, sagte eine Stimme, die eindeutig nicht Lindas war. „Verrückt also? Warum überrascht mich das bei dir nicht?“

    Fünf Jungs kamen den raschelnd den Weg zwischen den Büschen entlang. Es war sehr lange her, dass Mark Thomas zuletzt gesehen hatte. Er war wahrlich riesig geworden und das in jeder Hinsicht. Er musste an die 1,90m groß sein und auch annähernd so breit, wie Mark erschrocken feststellte. Seine Gesichtshaut musste in den letzten Jahren stark gelitten haben, denn dort, wo in Marks Erinnerung noch glatte Babyhaut war, thronten nun einige vernarbte Krater, umgeben von vielen roten, entzündeten Pickeln. Ihm hätte das fast Leid getan, wenn Thomas nicht trotz allem ein Grinsen aufgesetzt hätte, das so schnell nicht wegzuwischen wäre. Die Gefolgschaft war Mark vollkommen unbekannt. Es mussten alles Jungs von Thomas Schule sein. Nur der Junge, der sich zuletzt den Weg durch die Büsche bahnte und ihn schief angrinste, als er ihn saß, war ihm aus seiner Klasse nur zu gut bekannt. Florian wirkte ganz anders als heute im Unterricht, in dem er, wie Mark, still und allein an einem einzelnen Tisch gesessen hatte. Hier war er ein glücklicher Teil der Gruppe, auch wenn er etwas abgeschlagen als letzter gefolgt war. Vielleicht brachte ihm seine Stellung als Gymnasiast bei Thomas und seinen Jungs nicht nur Respekt.

    „Wenn ich euch jemanden vorstellen darf, Jungs“, sagte Thomas süffisant und machte eine ausholende Geste in Marks Richtung. „Das hier ist Mark, der Freak. Der, von dem ich euch schon einiges erzählt habe.“ Er hob vielsagend die Augenbrauen. Die Jungs schauten von Thomas zu Mark und in ihren Blicken lag nun etwas, dass deutlich sagte, dass ein wahrer Leckerbissen vor ihnen stehen musste.

    „Das ist der Freak, Tommy-Boy?“, sagte einer der Jungs, der blondes Strohhaar hatte, etwas kleiner war und dessen Augen irgendwie zu dicht an der Nase lagen. „Den hab ich mir ganz anders vorgestellt. Aber wenn er jetzt schon mal da ist…“

    Er verfiel in ein krächzendes Lachen.

    „Der ist immer noch der gleiche Spinner, das kann ich euch versichern“, rief Florian aus dem Hintergrund und grinste.

    „Klappe zu, Streber!“, rief Thomas laut und seine Pickel wurden unter der Spannung noch eine Spur roter. Das Grinsen auf Florians Gesicht gefror augenblicklich. Anscheinend hatte Florian es auch in dieser Gruppe nicht unbedingt leicht, stellte Mark mit einer gewissen Genugtuung fest.

    „So, was machen wir denn jetzt mit dir?“. Thomas tat einen Schritt auf ihn zu und Mark machte wie automatisch einen Schritt zurück. Das Gesicht von ihm hatte einen gefährlichen Zug angenommen, ganz als wenn er Mark irgendetwas heimzahlen wollte und schon lange darauf gewartet hätte.

    „Was habe ich dir eigentlich getan?“, fragte Mark, mehr um Zeit zu gewinnen, als dass ihn die Antwort groß interessiert hätte. „Geht es immer noch darum, dass ich dich damals im Kindergarten zum Weinen gebracht habe oder wie?“

    Er bereute seine Worte sofort. Thomas Gesicht wurde erneut rot, seine Haut spannte und er rollte sich die Ärmel seines langarmigen Shirts nach oben. In seinem Blick lag der blanke Hass.

    „Halt die Fresse, Freak! Heute kriegst du endlich, was du verdienst.“

    Er tat einen weiteren Schritt auf ihn zu.

    „Hey, Tommy-Boy, ich hab ´ne Idee“, meldete sich einer der Jungs aus der Gang zu Wort. „Lass doch die Streber gegeneinander kämpfen. Dann machen wir uns nicht die Hände schmutzig.“

    „Was?“, rief Florian und das Grinsen war schon lange aus seinem Gesicht verschwunden.

    Thomas ließ Mark nicht aus den Augen, aber nach einigen Sekunden entspannten sich seine Züge wieder.

    „Das ist doch mal eine Idee“, sagte er und dreht sich zu seiner Gang um. „Florian, du kannst dich nützlich machen und zeigen, ob noch etwas in dir steckt.“

    „Ich? Aber wieso ich?“ Seine Worte hatten etwas Gequältes und fast flehendes, aber das schien Thomas nur noch mehr zu gefallen.

    „Weil ich es sage. Außerdem müssen wir ja gucken, ob das Gymnasium dich nicht verweichlicht hat. Denn dann würdest du sowieso nicht mehr zu unserer Truppe passen.“

    Einer der Jungs, der eine schwarze Lederjacke anhatte, auf dessen Arm ein Totenkopf prangte, schubste Florian unsanft nach vorne.

    „Auf geht’s, Streber!“

    Thomas machte einen Schritt zur Seite und lud Florian mit einer schwungvollen Geste ein, an ihm vorbeizugehen. Er schien das alles mehr als zu genießen. Florian hingegen sah aus, als würde er den Gang in ein Gefängnis antreten. Die Schultern hingen ihm herab und er war sehr blass geworden. Mark wog seine Chancen ab. Florian war minmal kleiner als er, aber ansonsten waren sie in Statur und Körperbau sehr ähnlich. Aber selbst wenn er Florian irgendwie besiegen könnte, würden da immer noch vier andere Jungs warten, bei denen er nicht die geringste Aussicht auf einen Sieg hatte. Er musste es irgendwie anders schaffen.

    „Komm schon, Mann!“, sagte Mark zu Florian. „Glaubst du wirklich, du musst den Befehlen dieser Idioten folgen? Du bist doch jetzt schon kein echter Teil mehr von deren Gang, das sieht man doch sofort.“

    Wenn Mark gedacht hatte, dass seine Worte die Zweifel in Florian noch weiter fördern würden, so hatte er sich getäuscht. Auf einmal lag blanker Hass im Gesicht seines Gegenübers und mit einem Schrei stürmte Florian auf ihn zu. Mark hatte kaum Zeit zu reagieren. Er wehrte die Schläge ab und für einen Augenblick rangen die beiden Jungs keuchend miteinander, während sie gegenseitig ihre Arme festhielten.

    „Erbärmlich…“, kommentierte Thomas und die restlichen Jungs lachten dröhnend.

    „Komm, Florian!“, flüsterte Mark schwitzend vor Angst und Anstrengung, während sich die beiden Jungs in einer Art Schwitzkasten hielten. „Du musst das nicht tun… wirklich nicht.“

    „Doch, ich muss“, antwortete Florian so, dass nur Mark es hören konnte. „Ich muss, verdammt nochmal.“

    Mit einem Ruck lösten sich die beiden Jungs voneinander. Ihre Haare waren zerzaust, sie schwitzten und keuchten.

    „War das schon alles?“, sagte Thomas mit einer gelangweilten Stimme. „Mein Gott… du bist echt ein Streber geworden.“

    „Nein, das war noch nicht alles!“, rief Florian übertrieben laut. In seinem Blick lag mehr Angst als je zuvor, bemerkte Mark. Ihm selbst ging es nicht anders. Er würde aus dieser Situation nicht rauskommen, egal, was er tat. Florian wollte zwar nicht gegen ihn kämpfen, aber er hatte keine andere Wahl. Ruckartig machte Florian einen Schritt auf ihn zu und wie schon zuvor trat Mark reflexartig einen Schritt zurück. Nur war dort nichts mehr als die Kante des Hügels. Er stolperte und fiel wie in Zeitlupe langsam hinten über. Das letzte, was er sehen konnte, waren die vor Schreck weit aufgerissenen Augen von Florian.

    Dann fiel er.

    Er fiel sehr tief.

    Menschensohn - Das Fenster nach Weraltéra :nummer1:

  • Heyho ImmoE.Hefter ,


    Pfuuuh!

    Ein offenes Wort:

    Du öffnest das Fenster viel zu spät.


    Nicht mißverstehen: Den Prolog zu Deiner Erzählung finde ich gut:thumbup: (ein paar Anregungen dazu später).


    Der macht sofort Lust auf mehr. Nur...da kommt vier lange Kapitel (ich hab' jetzt ungefähr eine Stunde gelesen...) überhaupt nichts, was mich als Leser neugierig darauf macht, wie und wo sich beide Erzählstränge vereinen.||||||


    Die einzigen Hinweise darauf, daß Mark in irgend einer Weise mit der magischen Welt von Weraltéra verbunden ist, sind die "Stimmen", die er als kleines Kind hört (später, als Teenager dann scheinbar nicht mehr) und die (überaus gelungenen - Chapeau!:thumbup:) Beschreibungen seiner Synästhesie.

    Was da für den Leser fehlt, sind kleine Andeutungen. Daß Mark z.B. nicht nur irgendwelche Stimmen", sondern vielleicht Teile eines Gespräches zwischen Aegir und Ylvi hört, deren Sinn er sich nicht erklären kann (weil die beiden über etwas reden, das in seiner eigenen Welt keinen Sinn hat: Eine magische Zeremonie, die sie gemeinsam vorbereiten, ein Gespräch zweier Wachen über ein bevorstehendes Turnier oder ähnliches, daß es in Mark's Welt nicht gibt).


    Damit würdest Du für den Leser die Verbindung zwischen den Welten aufrecht erhalten, ihn neugierig darauf machen, wann beide Welten aufeinandertreffen und wie. Und Mark hätte einen scheinbar triftigen Grund dafür, warum er sich wie ein Spinner vorkommt.


    Wenn ich als Leser nicht gewusst hätte, daß dies eine Geschichte ist, die sich erst noch entwickeln muß, hätte ich in einer Buchhandlung das Ding nach zehn Seiten zugeklappt und zurückgestellt.


    Daher war ich gerade sehr dankbar dafür, daß Du mit dem Ende des 4.Kapitels scheinbar das Fenster öffnest...:thumbup::thumbup::thumbup:

    Hier noch ein paar Dinge, die mir aufgefallen sind:

    „Wir fürchteten schon, Ihr wäret auf Vandol getroffen“, flüsterte der Mann nun, während Rangar und Frida die Wunde auf der Stirn der Frau abtupften, die offensichtlich Großmeister Ylvi hieß.

    „Das sind wir auch, Meister Haakon, das sind wir auch“, sagte der alte Mann, der Großmeister Aegir hieß.

    Ist doppelt gemoppelt und kann weggelassen werden. Zwei Sätze davor haben wir die Namen der beiden Großmeister bereits kennengelernt. Wenn die Frau demnach Ylvi heißt, wird die Wahl doch eng...:D

    „Sein Verlust reichte zu unserem Sieg. Meister Ares kühner Angriff gegen Vandol wurde mit dem Tod bestraft, aber es reichte aus, dass wir das Monster vereint besiegen konnten.“

    Würde ich so schreiben:


    "Sein Opfer reichte zu unserem Sieg. Meister Ares kühner Angriff gegen Vandol kostete ihn das Leben, aber es reichte aus, dass wir das Monster vereint besiegen konnten."

    Ohne Probleme und innerhalb eines Augenzwinkerns waren Aegir und Ylvi auf ihre Pferde schon aufgesessen...

    Ganz sicher??? Eben noch waren beide zu Tode erschöpft, konnten sich nur humpelnd fortbewegen und mußten ihre Wunden versorgen lassen. Und dann von jetzt auf gleich hoppa???:schiefguck::schiefguck::schiefguck:


    Und hier noch ein paar Kleinigkeiten, die mir in den anderen Kapiteln aufgefallen sind:

    Zwar war Frau Bachenstein, die sie in jedem Fach unterrichtete – außer Sport, dort war es die Schulleiterin Mönch persönlich, die sie unterrichtete – eine deutlich fairere Lehrerin, aber sie war auch sehr streng.

    Fairer als wer? Frau Mönch...? Wenn nicht, kannst Du's nur so gemeint haben:


    "Zwar war Frau Bachenstein, die sie in jedem Fach unterrichtete - außer Sport, dort war es die Schulleiterin Mönch persönlich, die sie unterrichtete (wieder ein Doppelmoppel, den Du nicht brauchst) - eine faire Lehrerin, aber sie war auch sehr streng."

    unter den dort wachsenden Ahornbäume lockten. Zu dieser Uhrzeit waren aber noch alle Tische leer und die Stühle lehnten zusammengeklappt dagegen. Wie jeden Morgen fuhr er bis zur zu der größten der vier hintereinander stehenden Kastanien, stieg von seinem Rad ab...

    Ahorn oder Kastanie? Und wozu der Hinweis darauf, daß die Bäume hintereinander stehen? Für die Handlung hat das Detail doch keine Bedeutung...(oder wird das in Weraltéra nochmal wichtig?).

    Am Tag der Beerdigung seines Vaters wehte kein Lüftchen, aber es regnete in Strömen, ganz als wollte die Welt Anteil an Marks Trauer nehmen.

    :thumbsup::thumbsup::thumbsup:

    Diesen Satz finde ich einfach großartig!

    "...es regnete in Strömen, als wollte die Welt Anteil an Marks Trauer nehmen."


    Die "Tränen der Welt"...Chapeau.

    Mark schaute noch ein wenig tiefer und damit weiter in das Zentrum des Sees.

    Wie wär's damit: "Mark blickte hinaus in das Zentrum des Sees."


    „Was?“, rief Florian und das Grinsen war schon lange aus seinem Gesicht verschwunden.

    Da hast Du Dich in den Vergangenheitsformen vergaloppiert, würde ich sagen. So würde es besser klingen:


    "Was?", rief Florian und das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht."


    Nochmal "Pfuuuhh":D

    Lange gelesen, lange drüber reflektiert. Ich hoffe, es war was hilfreiches dabei.

    Ansonsten bitte gerne mehr...laß die Welten endlich verschmelzen!:thumbup:


    Burk

  • Hey ImmoE.Hefter



    LG,

    Rainbow

  • Wow, vielen Dank für die vielen Rückmeldungen und Anregungen, das ist genial! Diese Tipps sind wertvoller als von allen, die bisher das Buch gegengelesen haben. VIELEN DANK!!

    Ich hatte eine Weile nicht richtig Zeit, reinzuschauen (Arbeit, Kind krank, der normale Wahnsinn :)), aber jetzt konnte ich endlich die ersten Veränderungen einbauen! Die Verschmelzung der Welten wird also schneller kommen müssen.

    Jetzt kommt sie aber, endlich, endlich!


    Kapitel 5

    Mark landete krachend auf dem Rücken. Mitten auf einer hügeligen Fläche mit langen Grashalmen, durchsetzt mit verschiedenen Wildblumen. Der überraschend harte Aufprall schien ihm jede Luft aus den Lungen zu pressen und er keuchte, als er unsicher wieder auf die Beine kam. Nach vorne gebeugt, die Hände auf seine Oberschenkel gestützt, atmete er erst einmal kurz durch, bevor er realisieren konnte, wo er überhaupt war. Er war nicht in den See gefallen, vielmehr sah es hier so aus wie die Spiegelung auf der Seeoberfläche ausgesehen hatte: Es war nicht mehr taghell, sondern es dämmerte. Mark konnte alles in der Umgebung aber immer noch gut erkennen: Er befand sich auf einer hügeligen Wiese und das kniehohe Gras raschelte, als er sich für einige Meter einen Weg bahnte. Er blickte sich um: In der einen Richtung ging es sanft bergab mit einem Blick auf einen kleinen, gluckernden Bach in einem breiten Tal. Vereinzelt sah er dort Erlen und Buchen zwischen Gebüschen stehen und in Fließrichtung des Baches konnte er einen dunklen Wald ausmachen. Allerdings war es schon zu finster, als dass er mehr hätte erkennen können. Auf der anderen Seite des Hügels, auf dem er stand, erhoben sich zwei Berge, auf denen Gräser oder vereinzelt Wildblumen wuchsen. Die kargen und steinigen Gipfel der beiden Berge waren leicht voneinander weggeneigt und es sah im Dämmerlicht so aus, als würde ein Gebirgspass mitten durch diese Berge führen, aber ganz sicher konnte Mark das nicht ausmachen.

    Leichte Panik befiel Mark. Wo war er hier? Hatte der Aufprall im See dafür gesorgt, dass er bewusstlos war und dies alles jetzt grade träumte? Oder, Mark schluckte, war er womöglich in dem See ertrunken, konnte sich aber nicht mehr daran erinnern und dies war eine andere Welt, in die er nun eingedrungen war? Aber er hatte ja nicht mal die Oberfläche des Sees berührt, in den er hätte fallen müssen. Seine Kleidung war auch trocken und immer noch die gleiche und wenn das hier der Himmel sein sollte, würde man dann nicht auch eine etwas andere Garnitur an Klamotten anhaben? Irgendetwas Würdigeres oder Edleres vielleicht. Und sowieso: Dies hier glich nicht mal annähernd seinen Vorstellungen vom Himmel.

    Nein, tot war er nicht, da war er sich sicher.

    Aber wo war er dann? Und wie war er hier gelandet? Er war sich sicher, diese Landschaft in der Reflexion des Sees gesehen zu haben: der Hügel und die zwei Berge mit den merkwürdigen Gipfeln. Aber das warf auch nur noch mehr Fragen auf.

    Mark versuchte, strukturiert vorzugehen. Er schaute sich genauer um auf der Suche nach etwas, das wie ein Weg oder ein Trampelpfad aussah, dem er vielleicht folgen konnte. Er ging den Hügel noch etwas hinauf, in der Hoffnung, dort einen besseren Blick auf die Umgebung zu haben. Der Aufstieg war weiter und anstrengender als er gedacht hatte, grade wegen der immer weiter hereinbrechenden Dunkelheit. Unebenheiten, kleine Löcher oder herausragende Felsen erschwerten ihm den Weg und er stolperte zweimal, ohne aber zu fallen. Er fühlte sich leicht wackelig und unsicher. Das alles war doch vollkommen abstrus: Vor einigen Minuten stand er noch am See und war kurz davor, von Thomas und sein Gang verprügelt zu werden und jetzt war er mit einem Mal auf einem Hügel gelandet, ohne zu wissen wie er hier hergekommen war und wo er überhaupt war. Er schlug sich ein paar Mal mit den flachen Händen gegen seine Schläfen, schloss die Augen für zehn Sekunden und öffnete sie wieder, kniff sich mehrmals so sehr in den Arm, dass es weh tat. Aber es nützte alles nichts. Er stand immer noch auf dem fremden Hügel. Mark schüttelte zweifelnd den Kopf, als ob er damit irgendwem seine Ungläubigkeit zeigen wollte. Einige Minuten später sah Mark ein, dass sich nichts ändern würde, er musste weiter hoch. Oben angekommen konnte er mithilfe des Mondlichtes die Landschaft in zwei Richtungen recht gut erkennen, trotzdem konnte er keinen Weg oder etwas Ähnliches ausmachen. Er entschied sich, bis zum Bach hinunter zu laufen und diesem so gut wie möglich zu folgen, denn dieser war immerhin eine gute Landmarke. Der Abstieg ging schnell und problemlos, aber er fing in seinem kurzen Shirt etwas an zu frösteln, als er dem Bachlauf auf der rechten Seite folgte. Dem Wassergraben zu folgen war nicht immer einfach, häufig standen ihm dornige Gebüsche auf seiner Seite im Weg, die er weitläufig umrunden musste, wenn er sein T-Shirt nicht zerfetzt haben wollte. Ab und zu musste er auch weitere kleinere Bäche überqueren, die sich mit seinem vereinigten. Er bereute, nicht auf der anderen Seite gelaufen zu sein, auf der sehr viel weniger Hindernisse waren. Aber der Wasserlauf war mit jedem gegangenen Meter immer breiter und reißender geworden und er traute es sich nicht mehr zu, diesen zu überqueren. Er musste entweder auf dieser Seite weitergehen oder einige Kilometer zurück, die Seite wechseln, und dort weitergehen. Er entschied sich, auf dieser Seite weiterzugehen, denn es war ja auch möglich, dass es bald auf dieser Seite ebenfalls leichter wurde. Zu seiner rechten lauerte groß und dunkel einer der zwei Berge. Der Wald, den er vom Hügel aus gesehen hatte, war doch weiter vom Fluss (mittlerweile nannte Mark den Bach schon Fluss) entfernt, als er zuerst gedacht hatte. Der Waldrand war nach Marks Schätzung bestimmt einen Kilometer entfernt und befand sich ebenfalls auf der anderen Flussseite. Grade, als er sich Gedanken darüber machte, ob er eine kleine Pause machen sollte, weil er langsam erschöpfte und ihm immer kühler wurde, sah er in der Ferne, am Rand des Berges, einen schwachen Lichtschein. Mark hielt an und starrte konzentriert auf das ferne Licht, um irgendwie erkennen zu können, worum es sich handelte. Er konnte es nicht erkennen. Er musste minutenlang gestanden und gestarrt haben, denn nun fiel ihm auf, dass das Licht langsam näher kam. Es sah aus, wie eine recht hell glühende Kugel, die in der Luft schwebte. Als die Entfernung nur noch etwa hundert Meter betrug, konnte Mark erkennen, dass hinter der glühenden Kugel eine Person lief, die der Kugel auf Schritt und Tritt folgte. Und beide kamen, wie Mark jetzt bemerkte, dem Fluss entgegen, genau auf ihn zu. Der Fremde schien irgendein Lied zu summen, das Mark nicht kannte. Er hatte, durch den Anblick dieser merkwürdigen Person halb in Trance, nicht mal bemerkt, dass er vollkommen ungeschützt und offen am Ufer stand, denn grade hier hatten die dornigen Gebüsche und Bäume auf dieser Seite ein Ende gefunden. Mark löste sich aus seiner Starre und warf sich sofort in das weiche Gras. Ohne den Blick vom Fremden zu lösen, robbte er vorsichtig weiter zum Flussufer, um sich dort am Rand hinter größeren Steinen und Pflanzen besser verstecken zu können. Mark dachte erst, der Fremde würde weiter auf ihn zulaufen, - vielleicht hatte er ihn ja schon längst entdeckt – aber etwa fünfzig Meter vor Marks Versteck bog die Lichtkugel ab und hielt genau im rechten Winkel auf den Fluss zu. Dann überquerte die Lichtkugel den Fluss und der Fremde ging gleich hinterher.

    Dort muss eine Brücke sein, die ich noch nicht erkennen kann, dachte sich Mark. Als der Fremde sich etwas weiter in Richtung Wald entfernt hatte, traute sich Mark aus seinem Versteck und suchte die Brücke, die grade von der Gestalt überquert wurde. Aber so sehr er auch suchte, er konnte nichts dergleichen finden. Nicht einmal aus dem Wasser herausragende Steine, die man vielleicht als Tritt hätte benutzen können. Wie war das möglich? Irgendetwas musste er übersehen haben. Aber was war das überhaupt für eine leuchtende Kugel? Mark hatte es erst für eine Laterne gehalten, aber er war sich sicher gewesen, dass das Licht nirgendwo befestigt gewesen war. Sie war einfach geschwebt. Mark überlegte eine Minute, dann entschied er sich, das Risiko einzugehen, den Fluss irgendwie zu überqueren, selbst wenn er dabei nass werden würde, und dem Fremden zu folgen. Vorsichtig setzte er einen Fuß ins Wasser. Es war so kalt, dass es weh tat und es rann schnell an seinem Knöchel entlang. Zuerst war alles noch problemlos, aber nach zwei bis drei weiteren Schritten war er schon bis zum Knie tief im Wasser, einige Schritte weiter schon bis zur Hüfte. Es war nicht nur die Kälte, die ihm Sorgen machte, es war auch die Strömung, die an seinem Körper riss und ihn davonziehen wollte. Geht es noch ein wenig tiefer, werde ich keine Chance haben, weiterzukommen, dachte Mark. Der Grund des Flusses war zwar nicht glitschig, aber er bestand aus Felsen und größeren und kleineren Steinen, bei denen er damit rechnen musste, dass erstere wackeln und ihn aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Er tastete vorsichtig mit dem Fuß nach einem sicheren Untergrund, in der Hoffnung, es würde bald wieder flacher werden. Das eiskalte Wasser fühlte sich immer mehr an wie winzige Nadeln, die ihm alle kleine, aber schmerzhafte Stiche versetzen wollten. Endlich merkte er, dass der Grund sich immer mehr erhob und mit schweren Schritten war erst Marks Hüfte wieder aus dem Wasser, dann seine Oberschenkel und einige Sekunden später war er wieder an Land. Er hatte es überstanden und hatte den Fluss einigermaßen heile überquert. Vor Kälte zitternd zog er sich seine Schuhe, Jeans und sein T-Shirt aus, um diese wenigstens einmal kurz auszuwringen. Danach zog er alles wieder an, was eine regelrechte Qual war, denn die Sachen waren alle eiskalt, feucht und klamm und fühlten sich widerlich an. Diese gesamte Aktion hatte Mark deutlich mehr erschöpft als er angenommen hatte, außerdem spürte er, wie die Kälte durch seinen gesamten Körper zog und er immer mehr zu zittern anfing. Was war das hier alles für ein Mist, in den er geraten war?

    Er durfte sich jetzt nicht ausruhen, sondern musste schnell wieder in Bewegung kommen und seinen Körper dadurch aufwärmen. Er blickte in die Richtung, in der vor einigen Minuten noch das Licht geschimmert hatte:

    Es war weg.

    Nein, das konnte nicht sein. So lange hatte er für seine Flussüberquerung auf keinen Fall gebraucht, dass der Fremde schon außer Sichtweite sein konnte. Mit leichter Panik und immer noch hemmungslos zitternd blickte Mark das gesamte Gebiet vor und um den Wald herum ab. Nichts. Nur Dunkelheit in verschiedenen Stufen: Der Wald und einige alleinstehende Bäume grenzten sich nahezu pechschwarz vom Rest der Umgebung ab, die Grasflächen wirkten etwas heller, in einem dunklen blau, leicht erleuchtet durch den Mondschein. Hinter ihm rauschte und gluckerte der Fluss mit dem eiskalten Wasser aus den Bergen, während Mark versuchte, sich genau zu konzentrieren.

    Das Licht durfte nicht weg sein! Das durfte einfach nicht sein!

    Er hatte das Gefühl, er spannte seinen Augen regelrecht an, um besser sehen zu können. Und tatsächlich: Ganz schwach, aber aus irgendeinem Grund etwas heller werdend, sah er das Licht wieder. Es bewegte sich, einen Weg bahnend, zwischen großen Baumstämmen entlang. Nach Marks Schätzung bewegte sich der Fremde weiter von ihm weg, wobei der Weg aber auch leicht schräg nach rechts gehen musste. Mark entspannte seine Augen wieder etwas und das Licht wurde gleich wieder schwächer und verschwand dann vollständig, als ob es auf Marks Konzentrationszustand reagieren würde. Er fand das leicht irritierend, schob den Gedanken aber schnell beiseite. Jetzt galt es, das Licht so schnell wie möglich einzuholen. Ihm war klar, dass er nicht ewig in diesen triefnassen Klamotten stecken bleiben konnte, ohne sich massiv zu unterkühlen. Mark setzte zu einem Sprint an, merkte aber schnell, dass seine durchgefrorenen Beine dagegen rebellierten. Im Dauerlauf fühlte er sich deutlich besser und hatte nach einigen Minuten auch das Gefühl, dass etwas Wärme in seinen Körper zurückkam. Allerdings spürte er auch aufkommenden Hunger und vor allem Durst. Alle paar Minuten machte er einen kurzen Stopp und spähte in den Wald. Jedes Mal konnte er zuerst nichts erkennen. Aber nachdem er sich stark konzentriert hatte, erblickte er wieder das schwache Licht und konnte in diese Richtung weiterlaufen. Als er den Wald erreichte, merkte er schon nach wenigen Metern, dass die Bäume zahlreich und dick waren. Den Gedanken, dass er das Licht trotz vieler Reihen Bäume, die zwischen dem Fremden und ihm lagen, sehen konnte, wenn er sich darauf fixierte, schob er erst einmal beiseite. Das wichtigste war, dass er es denn überhaupt sehen und diesem weiter folgen konnte. Die restliche Umgebung des Waldes war nur schwer zu erkennen, immer wieder stolperte Mark über Wurzeln oder stieß gegen niedrige Äste. Trotzdem hatte er das Gefühl, dem Licht immer näher zu kommen. Nach weiteren, hunderten Metern erhellte sich ein Stück des Waldes in der Ferne ein wenig und mit jedem Schritt konnte Mark mehr erkennen. Er ging anscheinend auf etwas größeres, warm erleuchtetes zu. Ein Flackern von einem Feuer war aber nicht zu erkennen. Er verlangsamte seine Schritte und versuchte, nun wieder so leise wie möglich zu sein, denn er wusste nicht, was ihn nun dort erwartetn würde. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Er war sich auf einmal nicht mehr so sicher, ob es eine richtige Entscheidung gewesen war, dem Fremden mit dem Licht zu folgen. Vielleicht hätte er sich doch besser irgendwo ein windgeschütztes, trockenes Fleckchen suchen sollen, dort hätte er seine Klamotten trocknen lassen und auf den Tag gewartet. Vielleicht wäre er auch eingeschlafen und wäre dann wieder in seiner Welt aufgewacht, nicht in dieser merkwürdigen, fremden Welt.

    Getrieben von der Neugier und der Kälte, die er wieder mehr in seinem Körper spürte, schlich Mark aber leicht gebückt und sehr vorsichtig weiter auf die Helligkeit zu. Einmal trat er auf einen toten Ast, was sich für ihn so laut anhörte, dass er fürchtete, jeder im Umkreis von einem Kilometer müsste das gehört haben. Nach einem kurzen, gespannten Lauschen kam er zu dem Schluss, dass er immer noch unbemerkt sein musste. Die Baumreihen lichteten sich langsam und Mark konnte ein Haus erkennen, das in einer leicht herabgesenkten Lichtung stand. Er konnte angelegte Beete erkennen, schöne Rasenflächen, die nicht so weit gestutzt waren, dass hier Wildblumen wachsen konnten. Das Haus selbst war zweistöckig, aus hellen Steinen und dunklem Holz gebaut, und sah leicht windschief aus. Warmes Licht drang aus den mal runden, mal rechteckigen Fenstern heraus. Hinter dem großen Haus konnte Mark jetzt noch ein zweites Gebäude ausmachen, das etwas kleiner war und ein großes Tor besaß. Auf allen Fensterbänken standen langgezogene Tontöpfe mit bunten Blumen. Aus dem Schornstein des Haupthauses kringelte sich dunkler Rauch in den Himmel. Nun konnte Mark auch einen Weg erkennen, der von den beiden Häusern kam und dann rechts an Marks jetziger Position entlanglief. Er hätte einfach nur einige Meter weiter rechts laufen müssen, dann wäre er schon früher auf den Weg gestoßen, aber er hatte sich viel zu sehr darauf konzentriert, schlicht und einfach dem Unbekannten zu folgen.

    Mark schaute sich alles aus dem Schutz der Bäume noch einige Minuten genau an, bevor er sich entschied, das Haus so zu umrunden, dass er weiter durch den Wald lief und dann auf der Rückseite des Gebäudes wieder herauskam. Es schien ihm nicht besonders clever, einfach an die Haustür zu klopfen, ohne zu wissen, was ihn erwarten würde. Dort könnten Räuber auf ihn lauern oder auch irgendwelche gefährlichen Wesen. Schließlich wusste er nicht, wo er war und dieses schwebende Licht war schon äußerst merkwürdig. Er hatte noch nie so etwas gesehen. Vielleicht war es doch nur eine Laterne gewesen und der Fremde hatte eine Halterung dafür gehabt, die Mark nicht erkannt hatte... Das Haus wirkte zwar einladend und harmlos, aber trotzdem, er musste vorsichtig sein und sich erst einmal ein Bild von den Bewohnern des Hauses machen, bevor er sich ihnen zeigte. Grade als er diese Entscheidung getroffen hatte und den ersten, vorsichtigen Schritt machen wollte, öffnete sich die Haustür des Haupthauses und ein großer Mann trat einen Schritt heraus. Mark erstarrte. Durch das helle und warme Licht, dass aus der Tür schien, konnte Mark nur den Umriss des Mannes erkennen.

    „Nun“, rief der große Unbekannte in die Dunkelheit. „Ich habe bemerkt, dass sich jemand hier herumtreibt und am Waldrand vor dem Haus steht. Leider kenne ich Euch nicht, aber es wäre mir eine große Freude, wenn Ihr aus der Dunkelheit und ins Licht treten würdet. Wenn Ihr eine Lagerstätte braucht, durstig und hungrig seid, so lade ich Euch herzlich ein, wenn Ihr nichts zu verbergen habt.“

    Einige Sekunden vergingen, in denen Mark stocksteif da stand. Sein Herz pochte so wild und laut, dass er das Gefühl hatte, es würde gleich aus seiner Brust springen. Wie hatte der Mann ihn bemerkt? War er doch zu laut gewesen? Oder hatte er sich, ohne es zu merken, in den Lichtschein gestellt? Es war alles egal, man hatte ihn ertappt. Er war vor die Wahl gestellt: Er konnte versuchen zu fliehen, mit etwas Glück gelang ihm das sogar. Vielleicht würde der Unbekannte ihm nicht einmal folgen. Aber was dann? Und was, wenn dieser ihm doch folgte… Mark kannte sich hier nicht aus, er hatte nicht mal den Weg entdeckt, der so lange vor seiner Nase gewesen war. Er fühlte seine nasse und kalte Jeans an seinen Beinen kleben.

    Ohne ein Wort zu sagen und nicht nur durch die Kälte zitternd, trat Mark langsam, den Blick nicht vom Unbekannten abwendend, aus seinem Versteck auf die Lichtung.

    Menschensohn - Das Fenster nach Weraltéra :nummer1:

  • Heyho ImmoE.Hefter ,

    jetzt hast Du mich also tatsächlich mit nach Weraltéra genommen - Danke dafür!:thumbup:


    Neue Wege und Möglichkeiten öffnen sich vor meinem inneren Auge...schön.:)

    Aber alte Fehler werden auch gemacht...:(

    Wie Rainbow schon aufgefallen ist: Versuche, Wiederholungen zu vermeiden.

    Er musste entweder auf dieser Seite weitergehen oder einige Kilometer zurück, die Seite wechseln, und dort weitergehen. Er entschied sich, auf dieser Seite weiterzugehen...

    Also so kann das wirklich nicht weitergehen...;);)

    Er musste entweder auf dieser Seite bleiben oder einige Kilometer zurückkehren und das Ufer wechseln. Er entschied sich, auf dieser Seite weiterzugehen.

    Liest sich nicht wirklich perfekt, könnte aber eine brauchbare Alternative sein. Das liegt aber natürlich bei Dir...

    Was aber gar nicht geht ist das hier:

    Der überraschend harte Aufprall schien ihm jede Luft aus den Lungen zu pressen...

    Echt jetzt??? Ein harter Aufprall auf den Rücken "scheint" einem nur die Luft aus den Lungen zu pressen??? Ich weiß ja nicht, ob Du da eigene Erfahrung hast, aber ich habe mal einen Salto über den Fahrradlenker gemacht und kann Dir versichern:

    "Der überraschend harte Aufprall presste mir jede Luft aus den Lungen!!!"

    Wer platt auf dem Rücken landet, hat keine Alternative zu dem, was ihm widerfährt. Die Luft ist dann raus aus der Lunge. Daher ist es ein Fehler, wenn Du sowas im Konjunktiv beschreibst (als gäbe es für Deinen Prota irgendwie eine Alternative...)

    Und was ist an dem Aufprall eigentlich so"überraschend"?

    Mark landete krachend auf dem Rücken.

    Damit hast Du ja eigentlich schon alles gesagt. AUA! ^^^^^^

    Als der Fremde sich etwas weiter in Richtung Wald entfernt hatte, traute sich Mark aus seinem Versteck und suchte die Brücke, die grade von der Gestalt überquert wurde.

    Damit hatte ich ein Verständnisproblem: Wenn sich der Fremde gerade Richtung Wald entfernt hat, wie kann er dann gleichzeitig die Brücke überqueren?


    Aber nachdem er sich stark konzentriert hatte, erblickte er wieder das schwache Licht und konnte in diese Richtung weiterlaufen.

    Denk Dir bitte mal die beiden markierten Wörter aus dem Satz weg und lies ihn dann nochmal. Weniger kann manchmal mehr erzeugen...(ist jetzt aber nur meine persönliche Sichtweise).

    Er war vor die Wahl gestellt: Er konnte versuchen zu fliehen, mit etwas Glück gelang ihm das sogar. Vielleicht würde der Unbekannte ihm nicht einmal folgen.

    Das ist mein abschließender Punkt zur Stimmung in diesem Kapitel. Irgendwie wurde ich beim Lesen nämlich das Gefühl nicht los, daß Du Dir selbst beim Schreiben nicht schlüssig darüber warst, in welche Richtung sich das für Mark entwickeln soll. Eine gefährlich andere Welt? Oder eine, in der er neue Freunde und Verbündete findet?

    Das zeigt mir dieser Satz ziemlich gut. Obwohl der Unbekannte eine Einladung ausspricht, die ich in durchnässten Klamotten, frierend in einer mir unbekannten Umgebung bedenkenlos akzeptieren würde läßt Du Mark darüber nachdenken, ob er die Flucht ergreifen soll.

    Jetzt konnte ich aber im ganzen Kapitel nichts entdecken, vor dem Mark Angst gehabt hätte. Und man flieht nur vor etwas, vor dem man sich fürchtet...

    Wie gesagt: Ist mein persönlicher Eindruck der Situation.


    Fand ich im Gesamten jedoch überaus lesenswert und warte gespannt auf die Fortsetzung...

    Danke!

    :thumbup::thumbup::thumbup:


    Burk

  • Hey ImmoE.Hefter,



    LG,

    Rainbow

  • Hektische Feiertage, Krankheiten und Arbeitsstress liegen hinter mir und nun endlich geht es weiter! Wieder Mal vielen Dank an euch zwei für die vielen Anmerkungen und Hilfen, ihr seid die Besten!


    Next Chapter:

    Kapitel 6

    Innerlich bereitete sich Mark auf eine mögliche schnelle Flucht vor. Sollte der Mann eine Waffe ziehen oder etwas Bedrohliches machen, würde er sofort in das dunkle Dickicht springen und das Weite suchen. Aber der Mann bewegte sich überhaupt nicht, er blieb in der gleichen Position stehen und ließ sich nichts anmerken, als Mark auf ihn zukam.

    „Ich wollte nicht einbrechen oder sie überfallen oder so etwas, falls Sie das denken“, sagte Mark, der das Gefühl hatte, sich erst einmal entschuldigen zu müssen und setzte dabei vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Es war noch nichts Unerwartetes passiert.

    „Du bist mir schon etwas länger gefolgt, nicht wahr?“, sagte der Mann mit einer Stimme, die für Mark belustigt und interessiert klang.

    „Ja“, stotterte Mark, der sich kalt erwischt fühlte. Also hatte der Fremde ihn schon von Anfang an bemerkt. „Tut mir leid. Ich wollte wirklich nichts Böses. Es ist nur so, dass ich nicht einmal weiß, wo ich hier überhaupt bin. Irgendwie bin ich mit einem Mal auf diesem Hügel gelandet und...“, jetzt floss alles aus Mark raus. Er merkte, wie seine Augen anfingen zu brennen. Er blinzelte und blickte jetzt lieber gen Himmel, während er weitersprach. „Ich... ich weiß auch nicht, was überhaupt passiert ist. Ich war eigentlich an dem Bagger-See und dann habe ich da drin diese merkwürdige Spiegelung gesehen. Es sah aus wie das Land hier. Dann kamen Thomas und seine verdammte Gang, die hatten mich erwischt und wollten mich verprügeln. Ich bin in den See gestürzt und war auf einem Mal hier.“ Mark merkte, wie seine Stimme immer hysterischer klang. „Da habe ich irgendwann Sie mit ihrer... ihrer Laterne gesehen und ich dachte, wenn ich Ihnen folgen würde, dann...“

    Aber Mark wusste gar nicht genau, was dann. Mittlerweile stand er nur noch wenige Meter vor dem Fremden, dessen Gesicht er nun aus der Nähe besser erkennen konnte: Der Mann hatte dunkles, graues Haar, dass ihm bis zur Schulter reichte und einen Bart, der am Kinn teilweise noch pechschwarz war, aber ansonsten, wie sein Haar, in einen Grauton gewechselt war.

    Sein Gesichtsausdruck war bei Marks Worten düster und berechnend geworden, als denke er angestrengt nach, während er Mark dabei unentwegt anblickte. Dieser Blick hatte für Mark etwas hypnotisches, denn solche Augen hatte er noch nie gesehen: Sie waren von einem funkelndem, dunklem grün und, da war sich Mark sicher, sie leuchteten tatsächlich ein wenig von innen heraus. Es kam ihm vor wie eine Art Lampe mit grünem Licht, die man auf die niedrigste Stufe herabgedimmt hatte. Das konnte doch nicht möglich sein! Der Fremde schien Mark Gedanken gefolgt zu sein, der nachdenkliche Gesichtsausdruck verschwand und mit einem Lächeln sagte er: „Du hast heute anscheinend viel mitgemacht.“

    Wie um das zu unterstreichen, fing Marks Körper wieder an haltlos zu zittern und zu beben. „Komm erst einmal herein und wärm dich auf. Du brauchst keine Angst zu haben, hier wird dir niemand etwas tun. Etwas zu Essen und zu Trinken steht sowieso schon auf dem Tisch und wir freuen uns über Gäste. Mach´ dir keine Sorgen! Ich bin Meister Levin und du wirst merken, dass auch ich hier nur zu Besuch bin. Aber ich denke, dass unsere Gastgeber genauso denken wie ich.“ Meister Levin macht eine einladende Geste zur Haustür.

    Zögernd ging Mark durch die Tür und Meister Levin folgte ihm und schloss die Tür. Drinnen erwartete ihn eine ganze Familie an einem Küchentisch, der reichlich mit Speisen gedeckt war. Ein Mann mittleren Alters, er hatte dunkelblondes Haar und schon einige Falten im Gesicht, stand auf und schüttelte Mark die Hand, wobei er ihn freundlich anlächelte. „Na, das ist ja mal etwas. Wir kriegen ja öfter Besuch, aber den kennen wir normalerweise. Trotzdem sollst du dich hier willkommen fühlen. Du bist hier bei den Nantwins gelandet. Ich bin Karl. Und das“, er zeigte auf eine kleine Frau mit schulterlangen, dunkelbraunen und leicht welligen Haaren, die ihn warm anlächelte. „Ist meine Frau Lorena. Der da“, er zeigte auf die andere Tischseite an der Wand, wo ein Junge mit ebenso dunkelblonden Haaren wie Karl Nantwin saß. „Ist mein Sohn Arian“. Mark schätzte Arian ungefähr auf sein eigenes Alter. „Und daneben“, er zeigte auf den letzten Platz auf dieser Tischseite. Dort saß ein Mädchen von vielleicht zehn Jahren, die braunen Haare zu einem Zopf nach hinten geflochten. „Sitzt meine Tochter Melina.“ Während die Eltern Mark freundlich anschauten und ihm einen Sitzplatz anboten, bemerkte Mark, dass der Junge und das Mädchen ihn neugierig anstarrten. Melina stand sogar der Mund dabei noch etwas offen und Mark konnte erkennen, dass sie zuletzt vom gebratenen Hühnchen etwas gegessen haben musste.

    Allesamt hatten sie, wie auch Meister Levin, den grünen Funken mit einem blassen Leuchten in ihren Augen. Mark kam der Gedanke, dass für alle anderen wohl eher seine Augen das auffällige waren, denn er war der einzige, der nicht das grüne Glimmen hatte.

    „Ich bin Mark. Und ich, also, es tut mir leid, dass ich hier so hereingeplatzt bin.“

    „Nun ist es aber gut“, sagte Karl Nantwins Frau Lorena und stand auf. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Erst einmal musst du aus deinen nassen Sachen raus. Ich werde dir etwas Trockenes von Arian rauslegen. Und danach kannst du etwas essen. Du musst wieder zu Kräften kommen.“

    Mark war froh und sogar ein wenig gerührt, dass man sich so um ihn kümmerte. Gewohnt war er das nicht. Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn in ein helles Nebenzimmer, in dem ein Bett, ein Kleiderschrank, ein Tisch und zwei Stühle standen. Allesamt waren sie aus verzierten Holz gefertigt.

    Arians Kleidung, die von Lorena rausgelegt wurde, bestand aus einer schwarzen Hose, einem blauen Hemd und einem schwarzen Umhang, dessen Ränder aus braunem Leder bestanden. Es war etwas andere Kleidung als Mark sie gewohnt war, aber sie passte ganz gut und sie wärmten ihn gleich ein wenig auf.

    Als er wieder zurück in die Küche kam, hatten Meister Levin, Karl und Lorena die Köpfe in einer geflüsterten Diskussion zusammengesteckt und alle hatten sehr ernste Ausdrücke auf ihren Gesichtern. Erst als sie bemerkten, dass Mark in der Tür stand, hellten sich alle Mienen wieder auf und Lorena sprang auf. Mark entging nicht, dass Karl und Meister Levin noch einen ernsten Blick zuwarfen. „Das sieht doch gleich viel besser aus. Arian ist zwar etwas größer als du, aber für den Anfang sollte es seinen Zweck erfüllen. Und nun setz dich und iss, du siehst aus, als könntest du es gebrauchen“, sagte Lorena und tat Mark reichlich gestampfte Kartoffeln, gebratenes Hähnchen und gedämpfte Karotten auf. Es sah mehr als köstlich aus.

    „Für dich ist es jetzt an der Zeit, ins Bett zu gehen, es ist schon sehr spät“, sagte Lorena mit Blick auf ihre Tochter.

    „Was? Wieso?“, gab Melina mit empörter Miene zurück. „Ich will noch nicht ins Bett. Ich will erst wissen, wer das ist!“, sagte sie und zeigte auf Mark.

    „Junge Dame, es geht jetzt ins Bett, ich werde dich hochbegleiten.“

    Melina sah sich hilfesuchend in der Runde um, in der Hoffnung, irgendjemand am Tisch würde sich noch für sie einsetzen. Selbst Mark sah sie lange flehentlich an, so als ob er bloß sein Einverständnis geben müsste, dass sie noch auf bleiben könnte.

    „Das ist so unfair“, sagte sie mit einem zornerfüllten Blick zu ihrer Mutter, stand auf und stampfte geräuschvoll und meckernd die Treppe hoch, ohne Lorenas ausgestreckte Hand zu nehmen oder sie noch eines Blickes zu würdigen. Oben knallte eine Tür und wenig später kam Lorena wieder nach unten, mit einer „Ich kann es nicht ändern“- Miene auf ihrem Gesicht.

    „Während du isst, werden wir dir ein paar Fragen stellen müssen“, warf Meister Levin ein, lächelte aber dabei und fügte noch hinzu. „Und wir werden dir sicher auch einige deiner Fragen beantworten.“

    Mark nickte kauend. Ein wenig unbehaglich war ihm bei dem Gedanken, ausgefragt zu werden. Grade bei Meister Levin hatte er das ungute Gefühl, allein durch seine Blicke durchleuchtet zu werden, fast so, als könnten seine Gedanken gelesen werden, wenn er nur lange genug den Blickkontakt aufrecht hielt. Andererseits würde er selbst auch Fragen stellen können und das war Marks dringendstes Bedürfnis. Er musste endlich verstehen, was ihm passiert war. Auf seinem Weg vom Hügel zum Bach hatte er sich schon den Kopf zermartert, aber er war nicht in der Lage gewesen, die Situation, in der er sich befand, auch nur annähernd zu erfassen. Er brauchte auch noch Erklärungen zu dem schwebenden Licht, den grünen-glühenden Augen und in ihm brannte auch die Neugier, wie und wo Meister Levin ihn gesehen oder gehört hatte.

    Mark schluckte seinen Bissen mit Hähnchen und Kartoffeln runter und fing an, seine Geschichte zu erzählen. Ab und zu wurde er von Meister Levin durch Fragen unterbrochen, während Karl, Lorena und Arian mit konzentrierten und ernsten Mienen zuhörten. Besonders interessant war anscheinend die Passage, in der Mark die Spiegelung im See gesehen hatte, denn hier wollte Meister Levin jedes Detail wissen. „Versuch, dich genau zu erinnern! Wie sah der See aus?“

    „Also, zuerst hat der See noch eine normale Spiegelung der Umgebung gehabt. Ich konnte die Bäume und die Häuser erkennen, die dort drum herum stehen. Ich war ein wenig in Gedanken und genoss den Blick, als das Bild auf dem See sich langsam verdunkelte, so als ob der Abend schneller kommen würde. Aber eben innerhalb von 10 Sekunden oder so, versteht ihr? Ich dachte erst, dass vielleicht eine Wolke die Sonne verdunkelt hätte, aber der Himmel war vollkommen klar. Ich hatte dann aber nicht mehr groß Zeit, mich weiter darauf zu konzentrieren, weil ich von Thomas und seiner Gang überrascht wurde.“

    „Von wem?“, warf Meister Levin ein.

    „Von Thomas Polke. Ach, vollkommen egal, das ist so ein Schlägertyp aus meiner Schulklasse. Und er hat immer eine Horde Idioten dabei, die dumm genug sind, sich um ihn zu scharen. Der Drecksack hat mich schon seit dem Kindergarten schikaniert“, Marks Gesichtszüge verdunkelten sich. „Und hat seitdem dafür gesorgt, dass jeder Schultag für mich so unangenehm wie möglich geworden ist. Ein echtes Arschloch eben. Naja, egal. Auf jeden Fall habe ich versucht, denen zu entkommen und bin dabei aber in den See gestürzt, es gibt da so eine recht steile Stelle am Ufer. Die Sache war dann aber die, dass ich nicht wirklich im See gelandet bin. Mit einem Mal war ich hier. Bin auf einem Hügel gelandet, der war in der Nähe der zwei Berge, deren Spitzen zueinander gebeugt sind.

    „Der Ochsenkopf!“, sagte Karl Nantwin aufgeregt. „Dort bist du rausgekommen? Das ist ja wirklich interessant. Dann bist du ja auch schon ein kleines Stückchen gewandert, was?“

    „Ochsenkopf heißen die Berge also?“, sagte Mark und versuchte, sich die beiden Gipfel als Hörner vorzustellen. Nach seiner Erinnerung brauchte man schon viel Fantasie, um dort den Kopf eines Ochsen zu erkennen. Wenigstens wusste er nun den Namen.

    „Von dort oben konnte ich auf jeden Fall einen Bach erkennen, dem ich dann stromabwärts folgte, in der Hoffnung, dort auf jemanden oder etwas zu stoßen. Was dann ja auch passierte.“

    Er blickte Meister Levin kurz an. Im Kopf fragte er sich dabei, ob er mit Meister Levin eigentlich auf jemanden oder etwas oder beides gestoßen war. Aus dem Augenwinkel sah er, wie für einen kurzen Moment ein Lächeln über Meister Levins Gesicht huschte, nur um einen Augenzwinkern später wieder verschwunden zu sein.

    „Ich stieß auf Meister Levin und folgte ihm, dabei musste ich den Fluss überqueren und bin deswegen auch so nass geworden und...“, plötzlich fiel ihm wieder etwas ein, das er sich nicht hatte erklären können.

    „Wie sind Sie eigentlich über den Fluss gegangen? Ich habe gesucht und gesucht und konnte keine Brücke finden.“

    Über das Gesicht aller Anwesenden zog ein wissendes Lächeln, während sie kurz Blicke austauschten.

    Es war Meister Levin, der als erster wieder das Wort übernahm.

    „Ich möchte dich bitten, erst deine Geschichte zu Ende zu erzählen, auch wenn ich nicht erwarte, dass jetzt noch etwas kommen wird, das für uns von großer Bedeutung sein wird. Dennoch möchte ich ganz sicher sein. Bitte, fahr fort.“

    Etwas enttäuscht setzte Mark wieder an, er wurde jetzt hastiger, denn er wollte zum Ende kommen, um seinerseits endlich seine Fragen stellen zu können und die sehnsüchtig erwarteten Antworten zu erhalten. Er erzählte von seinem Weg über die Wiesen, danach durch den Wald und zum Schluss der Ankunft an diesem Haus und dass er dabei immer dem Licht gefolgt war. Auch hier hakte Meister Levin nach.

    „Du konntest das Licht sehen? Die ganze Zeit? Selbst als ich und später auch du schon tief im Wald waren?“

    Mark ahnte, worauf er hinaus wollte und fühlte sich etwas unbehaglich, auch dieses seltsame Vorkommnis erläutern zu müssen. Er hatte gehofft, dass ihn niemand danach fragen würde, denn er kannte die Reaktionen, die normalerweise auf seine Abnormitäten folgten. Er zog es vor, diese Dinge für sich zu behalten. Das einzige, was ihn beruhigte, aber auch gleichzeitig beunruhigte, war der Gedanke, dass Meister Levin anscheinend schon wusste, was Mark gleich erzählen würde.

    „Also“, sagte er, jetzt weniger hastig. „Ich konnte das Licht nicht immer sehen. Ich musste mich sozusagen stark konzentrieren und dann wurde es wieder für mich deutlich, auch wenn es eigentlich von Bäumen hätte verdeckt sein müssen.“

    Er zögerte einen Moment. Er war sich nicht sicher, ob er auch noch das nächste preisgeben sollte, aber es fühlte sich in gewisser Weise befreiend an, weiterzureden. Als würde sich ein Knoten in seinem Magen auf knäueln und langsam lösen.

    „Es war beinahe so, als hätte ich ein zusätzliches Paar Augen, verstehen Sie. Welche, die ich durch Konzentration anstellen konnte und mit denen ich ein anderes Bild hatte. So konnte ich immer wieder Ihrem Licht folgen.“

    Während er das sprach, schaute er runter auf den Tisch, als würde er dem vor ihm liegenden Essen seine abstruse Geschichte erzählen. Vorsichtig blickte er auf und sah die Familie Nantwin erneut neugierige und zum Teil besorgte Blicke austauschen, während Meister Levin äußerst nachdenklich wirkte und seinen Bart kraulte.

    Es dauerte eine kleine Weile, bis Meister Levin wieder das Wort ergriff.

    „Nun, ich denke, du hast uns alles erzählt, was du weißt und was dir wiederfahren ist. Ich werde meine Schlüsse daraus ziehen.“

    Das klang in Marks Ohren nicht besonders beruhigend, aber schon fuhr Meister Levin, jetzt wieder freundlicher wirkend fort.

    „Ich werde dir nun meinerseits einige Informationen geben und auch einige deiner Fragen beantworten, aber viel Zeit werden wir nicht haben, fürchte ich. Ich werde mich sehr bald wieder auf den Weg machen müssen, um Rat einzuholen. Kommen wir aber erst einmal zu dem, das du sicher am dringendsten erfahren möchtest. Auch wenn ich es jetzt noch nicht vollständig verstehe, ist es dir offensichtlich nicht nur gelungen, ein Fenster zu unserer Welt zu öffnen, sondern auch noch durch dieses hindurchzugelangen. Du bist hier in Weraltéra gelandet.“

    In Marks Kopf schwirrte alles.

    „Wie bitte....was, also wo.... wo bin ich gelandet? Weral.... was?“

    „Weraltéra“, antwortete Meister Levin ruhig. „Das, was du im See gesehen hast, war ein Fenster in unsere Welt. Und du bist hindurchgegangen. Wie du in der Lage warst, überhaupt ein Fenster zu öffnen, ist auch mir momentan noch schleierhaft, denn bisher war so etwas noch nie einem Menschen gelungen.“

    „Weraltéra...“, stammelte Mark vor sich hin. Der Knoten, der sich in seinem Magen vorhin gelöst hatte, verkrampfte sich viel schlimmer als vorher. Er konnte das nicht glauben. Das war doch alles nur ein Traum oder er war wahnsinnig geworden. Vielleicht spielte ihm auch nur irgendwer einen sehr cleveren Streich. Dann fiel ihm etwas auf.

    „Moment mal! Noch nie einem Menschen gelungen? Aber ihr kennt doch solche.... solche Fenster, oder etwa nicht? Wie kann es dann noch keinem Menschen gelungen sein?“

    Karl Nantwin rückte etwas unruhig auf seinem Platz herum, aber es war wieder Meister Levin der ruhig und sachlich antwortete.

    „Vor dir ist es auch noch nie einem Menschen gelungen. Einige von uns sind dazu in der Lage, Fenster zu eurer Welt zu öffnen und auch wieder von eurer Welt in unsere zurück zu kommen. Allerdings“, hier macht er eine kurze Pause. „Sind wir keine Menschen, auch wenn wir uns in der Tat sehr ähneln. Wir jedoch sind Orém.“

    Mark wusste nicht mehr, was er denken sollte. Orém? Weraltéra? Er wünschte sich, nicht so viel gegessen zu haben, denn es fühlte sich so an, als wollte das Hühnchen mitsamt Kartoffeln und Karotten wieder an die frische Luft zurück. Er konnte nicht glauben, dass dies keine Menschen sein sollten, sondern Orém. Was immer das zu bedeuten hatte. Jede Erklärung warf in ihm nur noch mehr Fragen auf und sein Bauch fühlte sich mittlerweile so an, als hätte er von Thomas einige saftige Schläge in den denselben bekommen. Mark war sich immer sicherer, dass diese Leute vollkommen verrückt waren. Ihre Geschichte ergab überhaupt keinen Sinn, dachte er sich. Es hielt ihn nicht mehr auf dem Stuhl und er stand auf.

    „Das.... das ist doch Blödsinn! Ihr denkt euch irgendeinen Schwachsinn aus und ich soll das glauben? Weraltéra.... Orém.... ja, natürlich, ich habe ein Fenster aufgemacht und schwupps, bin ich hier in einer anderen Welt gelandet, in der es keine Menschen gibt“.

    Er hatte das Gefühl, langsam hysterisch zu werden. Er klemmte sich einen Oberschenkel ein, beim Versuch, den Tisch an der Wand entlang zu verlassen.

    „Würdet ihr mich freundlicherweise raus lassen, ja?“

    Er quetschte sich am Tisch entlang und eilte zur Haustür. Sie war verschlossen.

    „Lasst mich raus!“, sagte Mark jetzt lauter. Es gelang ihm nicht, den hysterischen Ton in seiner Stimme zu unterdrücken. Niemand am Tisch machte Anstalten, sich zu erheben. Alle sahen sie ihn an. Mark konnte einen Mix aus Angst, Schock und Erstaunen in den Gesichtern der Nantwins erkennen. Er hasste es, so angeblickt zu werden. Fast jeder hatte ihn schon so angestarrt. Als wäre er ein Verrückter. Nicht ganz klar im Kopf. Vielleicht sogar gefährlich. Er hasste ihre Blicke so sehr, dass er es nicht mehr ertragen konnte. Er wollte raus.... nur raus!

    „LASST MICH RAUS!“, schrie er jetzt und trat mit aller Wucht mehrmals gegen die Holztür. Sie gab nicht im Geringsten nach.

    „Mama....?“, kam es mit einem Mal leise von der Treppe. „Was ist passiert, Mama? Warum ist Mark so sauer?“

    Mark blickte sich um. Auf der untersten Stufe der Treppe stand Melina. Sie hielt einen Teddy in der Hand und Mark sah, dass ihr Tränen die Wangen runterliefen. Lorena stand langsam von ihrem Stuhl auf, ging hinüber zur stumm weinenden Melina und nahm sie auf den Arm.

    „Mark hat einen sehr harten Tag hinter sich, weißt du?“, sagte sie. „Er hat heute so viel erfahren und ertragen müssen, dass es ihm zu viel wurde. Und manchmal, wenn es einem eben alles zu viel wird, muss man eben schreien. Er hat es nicht böse gemeint.“

    Mark sackte währenddessen langsam an der Tür zusammen bis er auf dem Boden hockte. Sein Körper fühlte sich wabbelig an wie Gelee und sein Kopf rotierte immer noch. Er hatte aber im Blick von Lorena und Melina nicht mehr Schock, Angst oder gar Abscheu gesehen. Es war Mitleid, das er in den faszinierenden, grün funkelnden Augen von Mutter und Tochter sah.

    „Ist es wirklich wahr?“, fragte Mark mit verzweifelter Stimme.

    Lorena schritt langsam auf ihn zu, Melina immer noch im Arm, ging vor Mark in die Knie, setzte ihre Tochter auf dem Fußboden ab und strich Mark sanft über die Wange.

    „Ja, es ist wahr. Alles ist wahr, was dir grade gesagt wurde“, sagte sie mit sanfter Stimme. „Es ist viel. Aber du wirst es verarbeiten können, da bin ich mir sicher. Nun komm, steh auf, der Boden muss doch eiskalt sein. Setz dich wieder mit uns an den Tisch und wir werden dir helfen, alles verständlich zu machen.“

    Melina stand neben ihm und tätschelte ihm so unbeholfen seine Haare, dass Mark unwillkürlich ein wenig Lächeln musste, worauf sie das Lächeln erwiderte. Er stand auf und setzte sich wieder an seinen Platz. Er schämte sich mittlerweile ein wenig für seinen Ausbruch, aber alle Gesichter am Tisch zeigten Verständnis und keinen Vorwurf.

    „Also“, sagte Mark in einem betont lässigen Ton, so als ob das Gespräch nie unterbrochen worden wäre. „Ihr seid also Orém. Was genau sind Orém?“

    Nun, da sich die Situation wieder etwas beruhigt hatte, war es wieder Meister Levin, der antwortete. Er räusperte sich und legte dir Stirn leicht in Falten, während er anscheinend jedes gesagte Wort genau abwog: „Nun, Mark, wir sind euch Menschen sehr ähnlich und doch gibt es deutliche Unterschiede. Die Gemeinsamkeiten brauche ich dir wohl kaum im Detail näherführen, da es wohl auch eher die Unterschiede sein werden, die dich mehr interessieren werden: Die Menschen sind nur in sehr begrenztem Maße fähig, ihre Sinne einzusetzen, selbst im Vergleich zu vielen Tieren. Natürlich könnt ihr sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen, aber die Grenzen eurer Wahrnehmung und vor allem der Kontrolle eurer Sinne sind äußerst eng gesteckt.“

    Meister Levin machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach. Mark war bis zum äußersten gespannt und musste sich immer wieder zurückhalten, seine aufkommenden Fragen sofort in den Raum zu werfen. Er wollte nicht erneut den Eindruck von Ruhelosigkeit erwecken, sondern sich nun von einer geduldigeren und besseren Seite zeigen. Es verlangte all seine Disziplin ab, denn ihm brannten mindestens zehn Fragen unter den Nägeln, aber er wusste, dass er jetzt geduldig sein musste und er würde alles erfahren.

    „Dies lag“, fuhr Meister Levin fort. „Nach unserem bisherigen Wissen, daran, dass euch Menschen die dafür nötigen Sinneszellen fehlen. Ich denke, dir ist bekannt, dass Menschen nur einen winzigen Teil der wahrnehmbaren Reize aufnehmen und verarbeiten können. Alles andere geht sozusagen an euch vorbei, ohne dass ihr nur das Geringste davon bemerkt. Nehmen wir beispielhaft das Sehen: Ihr habt ein gewisses Spektrum, in welchem ihr Dinge oder Lebewesen erkennen und wahrnehmen könnt. Alles andere bleibt euch verborgen. Aber in den Spektren, die euch fremd sind, gibt es eine Vielzahl an Geheimnissen und Lehren, die wir Orém erkennen, beeinflussen und kontrollieren können.“

    Mark hielt es nicht mehr aus, er musste einfach Fragen einwerfen. „Heißt das, dass auch auf der Erde, also, in meiner Welt, Tiere oder so etwas existieren, die wir Menschen nicht sehen können? Können wir die dann auch nicht fühlen? Was ist, wenn wir mal mit denen aneinander stoßen? Das müssen wir doch spüren können!“

    Meister Levin blickte Mark einen Augenblick mit einer Mischung aus Spott und Mitleid an.

    „Du redest und denkst tatsächlich wie ein Mensch. Nicht mit allen existenten Dingen und Wesen kann man aneinanderstoßen, nur weil man sie sehen kann. Nicht alles ist mit deinem Körper greifbar. Dies ist ein weiterer Punkt, der uns unterscheidet. Der Geist spielt eine entscheidende Rolle, denn erst, wenn etwas mit dem Geist begriffen wird, kann es auch tatsächlich ergriffen werden.“

    Mark verstand kein Wort. Warum sollte man etwas nicht anfassen können, wenn es doch trotz allem existent war? Musste man erst genau verstehen, wie dieses Wesen oder Ding aufgebaut ist, bevor man es berühren konnte oder was meinte Meister Levin damit? Immerhin war ihm klar, dass es anscheinend eine unbekannte Welt in seiner eigenen Welt gab und er versuchte, sich Tierarten vorzustellen, die ihm bisher verborgen waren. In seinem Kopf schwirrten mit einem Mal Mischungen von den verschiedensten Tieren herum: riesige insektenartige Wesen mit Flügeln, die lautlos durch die Lüfte flogen und sich von unsichtbaren Pflanzen ernährten. Plattgedrückte, schwammartige Viecher, die durch Ritzen schwebten und in den Ecken Staub aufwirbelten. Mark hatte auf einmal das Gefühl, auf seinem Körper könnte vielleicht eines dieser Wesen sein. Schon spürte er ein Kribbeln und Jucken auf seine Unterschenkel und er versuchte, sich unauffällig zu kratzen.

    „Wie dem auch sei. Das soll dir erst einmal als erste Information reichen“, sagte Meister Levin mit einem abschließenden Tonfall.

    „Was?“, sagte Mark bestürzt. Er hatte noch viel mehr Informationen erwartet. Er hatte noch dutzende Fragen.

    „Das war alles? Aber wie genau greift man mit dem Geist? Das habe ich noch nicht verstanden. Und was für Geheimnisse gibt es noch, die mir verborgen sind? – Bitte!“ fügte er noch hinzu, als Meister Levin ihn kritisch ansah.

    „Nein. Dieses Wissen ist schon mehr, als jeder andere Mensch weiß und je gewusst hat. Du solltest dich vorerst damit zufrieden geben. Etwas sollst du aber noch wissen, was selbst dir als Mensch aufgefallen sein sollte.“

    Mark entging nicht, dass etwas leicht Abfälliges darin lag, wie Meister Levin ihn als „Mensch“ bezeichnete, aber er veränderte seine Miene nicht und biss sich auf die Zunge. Jede weitere Information könnte ihm weiterhelfen.

    „Du hast ein Fenster in unsere Welt öffnen können. Das ist seit Anbeginn der Zeiten noch nie passiert, zumindest nicht durch einen Menschen. Außerdem hast du auch andere Fähigkeiten gezeigt, die für einen Menschen äußerst merkwürdig und ungewöhnlich sind“.

    Mark erinnerte sich. Er hatte die Lichtkugel bewusst sehen können, obwohl das eigentlich nicht möglich war. Meister Levin sah ihn nun sehr ernst und durchdringend an, als suchte er in Mark Kopf nach bestimmten Antworten.

    „Du zeigst Ansätze, wenn auch noch zum Teil kläglich schlechte, die typisch für uns Orém sind. Die Öffnung eines Fensters zudem ist bisher nur den fähigsten und damit eben auch nur den wenigsten Orém, gelungen. Das alles sind Rätsel, die ich noch nicht lösen kann“, fügte er nachdenklich hinzu.

    Mark schwieg. Er hatte also aus irgendeinem Grund Fähigkeiten der Orém. Dies war dann wohl auch der Grund, warum er schon in seiner Kindheit als Sonderling bloßgestellt worden war. Er konnte schon damals Dinge hören, die niemand anderes wahrnehmen konnte. Die Fähigkeiten weiteten sich jetzt anscheinend aus, so dass er auch seinen Sehsinn in besonderem Maße nutzen konnte. Das alles schien für Meister Levin schon merkwürdig genug, aber die Tatsache, dass er ein Fenster nach Weraltéra öffnen und durchdringen konnte, schien wohl das Außergewöhnlichste zu sein, wenn es selbst von den Orém nur sehr wenige konnten.

    Mark konnte nun zwar ein wenig besser die Logik hinter alledem verstehen, aber eines war immer noch vollkommen unklar: warum er? Wieso hatte er Fähigkeiten, die auf der Erde sonderbar waren, aber in Weraltéra anscheinend normal. Er war schließlich ein Mensch, kein Orém. Seine Eltern waren auch normale Menschen, von denen konnte er diese Eigenschaften kaum geerbt haben. Seine Mutter hatte seine Fähigkeiten zwar immer mit einem ruhigen Interesse verfolgt, aber sie hatte nie Andeutungen gemacht, dass sonst jemand aus der Familie ähnliche Begabungen vorweisen konnte. Tanten und Onkel gab es sowieso nicht, aber vielleicht seine Großeltern, die er in seinem Leben auch noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Er nahm sich vor, seine Mutter bei nächster Gelegenheit zu fragen. Da fiel ihm wieder ein, dass er gar nicht wusste, ob er überhaupt wieder in seine Welt gelangen und sie jemals fragen konnte. Sein Vater war in seiner Kindheit überraschend gestorben und auch wusste er kläglich wenig über seine Großeltern. Karl Nantwin riss ihn aus seinen Gedanken: „Tja, was machen wir denn nun? Ich meine, wie geht es weiter?“

    Die Frage war nicht an Mark, sondern an Meister Levin gerichtet.

    Er nahm sich Zeit mit seiner Antwort, wirkte dann aber entschlossen.

    „Ich werde sofort aufbrechen und den Großmeistern Bericht erstatten. Sie müssen hiervon erfahren und das möglichst schnell. Es ist nicht klar, ob wir uns auf eine Gefahr vorbereiten müssen. Das wird der Rat dann entscheiden. Mark sollte vorerst hierbleiben, bis ich eine Nachricht schicke“

    Mit diesen Worten stand er auf und verabschiedete sich von allen. Melina war auf ihrem Stuhl eingeschlafen, den Kopf auf die Arme gestützt. Sie sabberte ein wenig auf ihren Ärmel.

    „Brauchst du ein Pferd? Eines könnte ich entbehren“, fragte Karl.

    „Es würde mir die Reise erleichtern, vielen Dank! Mach dir keine Umstände, ich weiß, wo ich es finde“, fügte er hinzu, als Karl Anstalten machte, sich zu erheben.

    Als letztes verabschiedete Meister Levin sich von Mark.

    „Es war mir eine besondere Freude, Mark. Ich denke, dieser Tag wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Verzeih mir, dass ich so schnell abreisen muss, aber neben der Vergangenheit und der Gegenwart muss man sich manchmal auch um die Zukunft kümmern und dies habe ich nun vor. Du wirst dich derweil sicher bei den Nantwins wohl fühlen.“

    „Na, ganz bestimmt!“, sagte Karl Nantwin mit einem ermunternden Lächeln in Marks Richtung.

    „Nun denn“, rief Meister Levin, während er die Tür öffnete. „Wir werden uns wiedersehen!“

    Und er ging hindurch und war verschwunden. Einige Augenblicke später war noch ein leises Wiehern zu hören, dann kurzes Hufgetrappel und es war wieder still. Während Mark noch darüber nachdachte, dass die Tür doch vorhin noch verschlossen gewesen war, nahm Lorena das Gespräch wieder auf.

    „Ich würde sagen, es wird langsam Zeit für uns alle, ins Bett zu gehen, nicht wahr? Mark, du kannst in unserem Gästezimmer schlafen. Arian wird dir zeigen, wo es ist. Ich bringe Melina ins Bett. Schau mal, Karl, sie ist schon wieder auf dem Stuhl eingeschlafen. Naja, heute war ja auch schon ein besonderer Abend, nicht? Also, ab ins Bett! Gute Nacht, gute Nacht“, trällerte sie.

    Mark wartete, bis Arian sich von seinem Stuhl erhob, dann setzte er sich auch auf.

    „Komm, ich zeig´ dir, wo es lang geht“, sagte er und die beiden gingen die Treppe hinauf. Im zweiten Stockwerk gab es einen großen Flur, in dessen Seiten einige Türen zu sehen waren. Weiter hinten gab es noch eine Treppe, die wohl auf den Dachboden führte. Arian führte in zu der Tür ganz am Ende des Ganges, sie war recht schmal, aber dafür sehr schön verziert. Im Zimmer war es gemütlich eingerichtet, wie Mark erkannte, als er mit Arian zusammen eintrat: Neben dem hölzernen Bett stand eine kleine Kommode, auf der eine Kerze stand, die Arian nun anzündete. Es gab zwei Fenster, ein rundes und ein rechteckiges. Allerdings war es wegen der Dunkelheit nicht möglich, draußen irgendetwas zu erkennen. Eine weitere Tür führte zu einem kleinen Badezimmer, das sich direkt an sein Zimmer anschloss.

    Während Mark sich umsah, spürte er Arians Blick im Nacken. Er drehte sich langsam um und konnte erkennen, dass Arian nun schnell woanders hinsah.

    „Tja“, sagte Mark. „Vielen Dank! Es ist wirklich nett, dass ihr mich aufnehmt!“

    „Bist du wirklich ein Mensch?“, sagte Arian auf einmal neugierig.

    „Ähm, ja“ antwortete Mark. Ihm war etwas unbehaglich.

    „Irre!“, sagte Arian. „Und du hast ein Fenster geöffnet und bist tatsächlich auch hindurchgetreten?“

    „Ja, irgendwie schon. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich das gemacht habe“, sagte Mark jetzt eine Spur sicherer. Dass jemand etwas beeindruckend fand, was er gemacht hatte, kam nicht allzu häufig vor.

    „Ich kenne niemanden, der so etwas geschafft hat! Ich bin mir nicht mal sicher, ob Meister Levin so etwas kann. Weißt du, so etwas können eigentlich nur die weisesten und fortgeschrittensten Orém. Und das sind echt nicht viele!“, sagte Arian. Er wirkte so beeindruckt von Mark, dass dieser sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen konnte. Es war wirklich schön, dass Arian ihn nicht als Freak ansah oder gar Angst vor ihm hatte.

    „Naja“, sagte Arian mit einem verschmitzten Lächeln. „Ich werde dich jetzt mal schlafen lassen. Wer weiß, wie früh wir morgen von meiner Mutter aus den Betten geschmissen werden. Gute Nacht!“

    „Gute Nacht“, antwortete Mark. Arian schloss die Tür. Während Mark sich mit geöffneten Augen ins Bett legte, konnte er noch hören, wie sich die Familie durch die Flure bewegte, noch kurze, gedämpfte Unterhaltungen geführt wurden, wie sich dann kurze Zeit später „Gute Nacht“ gewünscht wurde und sich Türen leicht knarzend schlossen.

    Mark hatte das Gefühl, dass die Erlebnisse des Tages ihn kaum schlafen lassen würden, aber als er nur einmal kurz die Augen schloss, fiel er sofort in einen tiefen, traumreichen Schlummer.

    Menschensohn - Das Fenster nach Weraltéra :nummer1:

  • Heyho ImmoE.Hefter ,


    sehr schöne Fortsetzung - vor allem schön lang.:)

    Ist mir immer lieber als kurze Häppchen. Rainbow hat wohl schon was bewirkt: Die Wiederholungen sind nicht mehr da:thumbup:.

    Hängengeblieben bin ich selbst nur an drei Stellen:

    Es war etwas andere Kleidung als Mark sie gewohnt war, aber sie passte ganz gut und sie wärmten ihn gleich ein wenig auf.

    Zwei Möglichkeiten: "Die Kleidung wärmte ihn auf" oder "Die Kleider wärmten ihn auf". "Die Kleidung wärmten ihn auf" gibt's nicht...

    Mark entging nicht, dass Karl und Meister Levin noch einen ernsten Blick zuwarfen.

    + "sich", dann passt's.

    Er räusperte sich und legte dir Stirn leicht in Falten, während er anscheinend jedes gesagte Wort genau abwog:

    Würde ich eher so formulieren: "...jedes seiner Worte anscheinend genau abwägend:"

    Du vermittelst mir als Leser, was Meister Levin tut, bevor er spricht. Dann hat er also noch gar nichts gesagt.^^


    Mehr habe ich im Moment nicht. Außer vielleicht, daß ich jetzt beim ersten Lesen ein unbestimmtes Gefühl hatte, daß in der Unterhaltung zwischen Mark, den Nantwins und Meister Levin noch irgendwas fehlt. Ich mag mich da täuschen und mach' jetzt auch Sense, weil schon 1:00Uhr. Werde mir den Abschnitt der Erzählung morgen nochmal reintun. Vielleicht wird dann deutlicher, was ich jetzt grade nicht beschreiben kann.


    Ansonsten sehr cool, Danke!


    Der Wanderer

  • Hey ImmoE.Hefter,



    LG,

    Rainbow

  • Hey Rainbow und Wanderer,


    ja, vielleicht hätte ein bisschen mehr Action sein können. Ich wollte es erst einmal mehr über Spannung laufen lassen, als direkt zu viel Action zu machen. Ihr meint, da fehlt etwas in der Art? Die Sorgen, was seine Ma und Linda wohl denken würden, kommen noch ein bisschen später. Vielleicht sollte ich sie aber tatsächlich etwas früher ansetzen. Hier soll er einfach auch überwältigt sein von all den Neuerungen, dass ihm gar nicht die Zeit bleibt, richtig nachzudenken. Alle anderen Wiederholungsfehler, Tipps und Anregungen nehme ich wie immer auf, mega gut!!!


    Vielen Dank!!


    Hier geht es weiter. Dieses Kapitel ist lang :)


    Kapitel 7

    Mark erwachte so plötzlich, dass er dachte, jemand hätte ihn rüttelnd geweckt. Für einen Moment war ihm, er läge in seinem eigenen, kleinen Zimmer mit dem Holzfensterchen auf der Fussseite seines Bettes. Hier aber waren zwei Fenster: eines war rund und eines war rechteckig. Er sprang mit einem Ruck aus dem Bett auf und starrte durch das runde Fenster hinaus: Es waren eine Rasenfläche und kleine, mit verschiedenen Gemüsesorten bebaute Beete zu sehen. Direkt dahinter schloss sich der Wald an, durch den er selbst schon gewandert war. Das war gestern Nacht. Nachdem Mark auch noch durch das rechteckige Fenster geschaut hatte und einen Hinterhof mit Blick auf die Rückseite der Scheune erhaschen konnte, plumpste er auf den Stuhl, der neben einem kleinen Tisch im Zimmer stand. Es war also kein Traum gewesen. Er war tatsächlich in Weraltéra und das auch noch, wenn er sich richtig an das Gespräch in der vorherigen Nacht erinnerte, als einziger Mensch, den es hier gab. Es war nicht zu fassen. Meister Levin war noch in der Nacht aufgebrochen, um irgendwelche Großmeister zu informieren, dass mit ihm, Mark, der erste Mensch seinen Weg nach Weraltéra gefunden hatte. Ein leichter Schauer lief ihm über den Rücken, bei dem Gedanken, dass er vielleicht als Gefahr angesehen werden könnte und nun in ein Gefängnis müsste. Wenn es denn Gefängnisse in Weraltéra gab. Die Nantwins hatten ihn ja auch sehr herzlich aufgenommen, dafür, dass er mitten in der Nacht als Fremder vor ihrer Tür stand. Auch Meister Levin wirkte in weiten Teilen sehr freundlich, auch wenn Mark nie das Gefühl loswerden konnte, von ihm durchleuchtet zu werden. Geistesabwesend wusch sich Mark im kleinen Badezimmer das Gesicht. Als er wieder aufblickte und sein Spiegelbild erblickte, erschrak er ein wenig. Er sah sehr mitgenommen aus: seine dunklen Haare standen am Hinterkopf ab, er hatte finstere Schatten unter seinen Augen und sein Gesicht wirkte merkwürdig verkrampft.

    „Der erste Mensch in Weraltéra…“, murmelte er seinem Spiegelbild zu. „Denk daran, sie haben immer mehr Angst vor dir als du vor ihnen!“

    Als er sich grade wieder aufs Bett gesetzt hatte, klopfte es an der Tür und er hörte eine hohe, kindliche Stimme.

    „Mark, bist du schon wach?“

    Das musste Melina sein. Sie klang schon putzmunter und fröhlich.

    „Ja“, antwortete Mark etwas zögernd. Er konnte nichts dagegen machen, dass seine Stimme sehr breiig klang.

    „Bist du auch schon angezogen?“, gab Melina noch fröhlicher zurück.

    Mark blickte an sich herunter. Er hatte sich zum Schlafen nicht mal die geliehenen Klamotten ausgezogen. Er hatte immer noch Arians Hose und das Hemd an. Nur den Umhang hatte er noch fahrig über den Stuhl geschmissen, bevor er sich ins Bett gelegt hatte. Das Hemd sah jetzt furchtbar verknittert aus und Mark schämte sich dessen ein wenig.

    „Ja, ich bin auch schon wieder angezogen“, gab Mark zurück. Als ob dieser Satz ein Kommando gewesen wäre, öffnete sich sofort die Tür und Melina kam ins Zimmer herein. Sie hatte ein grünes Kleid an, das ihr bis zu den Knien reichte und hatte ein strahlendes Lächeln auf dem Gesicht. Mark konnte nicht anders, als zurück zu lächeln.

    „Mama hat gesagt, ich soll dich zum Frühstück runterholen. Wir sind alle schon auf und warten nur noch auf dich“.

    Während sie das sagte, streckte sie ihre Hand zu Mark aus. „Du brauchst jetzt keine Angst mehr zu haben“, sagte sie mit dem Brustton der Überzeugung, als Mark ihre Hand in seine nahm.

    „Na, wenn du es sagst. Dann verlass ich mich aber auch darauf“, gab Mark glucksend zurück. Das Mädchen war schon wirklich eine Marke. Sie nickte ihm zu und führte ihn die Treppe hinunter zum gedeckten Frühstückstisch. Alle Nantwins waren tatsächlich schon auf. Karl und Arian saßen auf ihren Plätzen, während Lorena noch herumwuselte und noch einen großen, hellen Käse auf den Tisch stellte. Alles sah köstlich aus und Mark merkte jetzt erst, dass er riesigen Hunger hatte. Es gab einen großen Laib hellen Brotes mit dunkler Kruste, Butter, Honig, Würste und drei verschiedene Blöcke Käse. In den Bechern dampfte heißer Tee.

    „Guten Morgen, Mark!“, sagte Karl munter. „Ich hoffe, du hast gut schlafen können! Ein bisschen müde siehst du ja schon aus.“

    „Wie würde es dir denn gehen, wenn du all das erlebt hättest, was Mark gestern durchgemacht hat?“, warf Lorena streng ein, während sie den hellen Käse nun mit einem Messer in Scheiben schnitt. „Du wärst den ganzen Tag im Bett geblieben, schätze ich“

    „Stimmt, das wäre alles zu viel für Papa gewesen“, ergänzte Arian lachend.

    „Na na, wo bleibt denn da der Respekt vor dem Alter? Ihr seid mir schon eine nette Bande!“, gab Karl halb wütend, halb amüsiert zurück.

    Mark hatte während der ganzen Szene noch gar keine Chance gehabt. „Guten Morgen“ zu sagen. Leicht schüchtern wagte er einen Anlauf.

    „Guten Morgen… Ach, so schlecht habe ich gar nicht geschlafen. Allerdings kann ich immer noch nicht ganz glauben, dass ich wirklich hier bin“, sagte er wahrheitsgemäß, während er am Tisch Platz nahm.

    Lorena und Karl tauschten einen sorgenvollen Blick und Arian guckte leicht betreten auf seinen Teller. Nach einem kurzen Moment des unangenehmen Schweigens ergriff Karl wieder das Wort.

    „Nun, ich denke, wir werden das Beste daraus machen, nicht wahr? Meister Levin hat gesagt, du kannst vorerst bei uns bleiben und wir können dich in der Zeit ein wenig mit allem vertraut machen.“

    Während Karl sprach, begannen alle, sich Brot zu nehmen, reichlich mit Butter zu bestreichen und Wurst, Käse oder Honig auf dieselben zu platzieren. Auch Mark langte ordentlich zu.

    „Du wirst sehen, dass wir hier auf dem Hof genug zu tun haben. Ich werde nicht den ganzen Tag da sein, da ich selbst arbeiten muss. Aber Lorena wird dir noch einiges erklären und zeigen können und dann kannst du sicher etwas mit Arian unternehmen. Es sind nämlich momentan Ferien und daher kann Arian daheim bleiben. Melina ist noch zu klein und wird noch von uns selbst unterrichtet, bis sie dann nächstes Jahr in die große Ausbildung gehen darf.“

    „Wie sieht denn die Schule hier aus?“, fragte Mark. „Und welche Fächer habt ihr?“

    „Wir haben zu Beginn Ausbilder, die mit uns alle Fächer machen, die es gibt. Wir sind dann meistens in Gruppen von acht bis vierzehn Schülern. Da erhält man dann das Basiswissen über alle Sinne und wie wir sie kontrollieren können. Wir haben aber auch Fächer, die nicht mit den Sinnen zu tun haben wie Geschichte, Sprache oder auch in einigen Stunden Menschenkunde. Und nach zwei Jahren spezialisieren wir uns dann auf einen, zwei oder manchmal auch mehrere Sinne und nehmen die dann richtig im Detail durch. Dann hat man auch verschiedene Ausbilder, die unterschiedlich spezialisiert sind. Ich bin jetzt im ersten Jahr der Spezialisierung“

    Mark fand das alles unheimlich faszinierend, aber er konnte sich noch nicht viel darunter vorstellen.

    „Was lernt ihr denn da genau über die Sinne? Ich meine, worauf hast du dich jetzt zum Beispiel spezialisiert?“

    Arian grinste etwas verschmitzt, dann antwortete er: „Also, ich habe mich auf Sehen und Fühlen spezialisiert. Vielleicht werde ich auch noch Hören weitermachen.“

    „Und was macht ihr da konkret? Also, was kannst du dadurch?“, fragte Mark.

    „Nun, es ist alles sehr schwierig, aber ich kann versuchen, dir etwas zu zeigen“, gab Arian zurück. Er sah Mark jetzt mit leicht starrem Blick an und hatte die Stirn in konzentrierte Falten gelegt. Zuerst merkte Mark noch gar nichts, dann hatte er das Gefühl, dass seine Hand, mit der er grade mit einem Löffel sein Brot mit Honig bestreichen wollte, immer schwerer wurde. Es war fast so, als würde etwas Unsichtbares von oben gegen seine Hand drücken und sie mit dem Arm immer weiter nach unten pressen. Mark stemmte sich jetzt dagegen und versuchte, seine Hand und seinen Arm aktiv wieder zurück nach oben zu bewegen. Er drückte gegen den Widerstand an, bis dieser mit einem Mal vollkommen weg war und Mark sich selbst den Honig auf dem Löffel in seiner Hand ins Gesicht schlug.

    „Das war unfair!“, sagte Arian mit leicht empörtem Gesicht. „Du darfst da nicht gegen ankämpfen. Das macht das alles viel schwieriger!“

    „Tschuldigung“, antwortete Mark vollkommen perplex, während er versuchte, den klebrigen Honig mit einer Serviette aus seinem Gesicht zu wischen.

    Die Gesichter aller am Tisch Sitzenden verrieten, dass sie sich mit äußerster Mühe das Lachen verkniffen. Melina biss sich in die Faust, während sie haltlos giggelnd mit dem Kopf unter dem Tisch verschwand.

    „Ja, lacht nur“, bemerkte Mark. „Ich sehe bestimmt super aus, oder?“

    „Arian ist eben ein echter Profi, wenn es ums Beherrschen geht. Da kann nichts schief gehen!“, brüllte Melina unter dem Tisch und brach nun in haltloses Gelächter aus. Es war so ansteckend, dass auf einmal alle laut loslachten. Selbst Mark konnte es nicht mehr in sich halten und prustete los. Er lachte und lachte, bis ihm die Tränen kamen. Es war so ein wunderschönes Gefühl, dass er kaum mehr aufhören konnte. Immer wenn sich alle ein wenig beruhigten, trafen sich wieder zwei Blicke und es ging von vorne los. Am Ende fiel Arian sogar vom Stuhl und riss dabei zwei Teller mit auf den Boden, die scheppernd zerbrachen.

    „Nun ist es aber gut“, sagte Lorena ernst, obwohl sie sich immer noch das Grinsen nicht ganz verkneifen konnte. „Du siehst aus jeden Fall, Mark, dass es selbst als Orém ein wenig länger dauert, bis man sein Fach beherrscht. Es steckt eine Menge Arbeit und Lernerei dahinter. Wenn man es richtig beherrscht, dann sieht es normalerweise so aus.“

    Mit einem Mal fingen alle Lebensmittel und das gesamte Geschirr, das auf dem Esstisch stand, zu schweben an. Erst nur wenige Zentimeter, dann immer höher, bis sie einen guten halben Meter über den Köpfen aller schwebten. Dann fiel alles ganz plötzlich wieder runter, bremste aber kurz vor dem Auftreffen auf der Tischplatte sachte ab und senkte sich sanft wie eine Feder auf den angestammten Platz.

    „Wow....“ entfuhr es Mark unwillkürlich. „Das ist echt krass!“

    „Im Prinzip ist es nicht schwer, wenn man es einmal kann“, antwortete Lorena. „Du kannst alle Gegenstände, ob lebendig oder nicht, im Raum fühlen, wenn du es gelernt hast. Und von dort aus ist es nicht mehr weit und du kannst sie auch beherrschen und sie nach deinen Wünschen einsetzen. Das funktioniert auch mit Lebewesen, ist aber deutlich schwieriger, da diese eben dagegen arbeiten können, wie du es eben getan hast. Da du aber noch keine Erfahrung darin hast, wirst du dich nur körperlich dagegen wehren können, nicht aber mit deinem Geist und deinen Sinnen. Und der Körper ist meist deutlich schwächer als der Geist.“

    „Sie könnten also mich oder eben meinen Körper, kontrollieren, wenn sie es wollten?“, fragte Mark.

    „Das könnte ich, ja. Aber es ist unter normalen Umständen verboten“, gab Lorena zurück.

    Marks Interesse war geweckt. Arians Angriff war leicht abzuwehren gewesen, aber wie würde es sich bei einem erfahrenen Orém anfühlen?

    „Könnten Sie es mit einmal zeigen? Ich fände das sehr interessant!“, fragte Mark.

    Lorena blickte ihren Mann an, der ihr nach ein paar Sekunden kaum merklich zunickte. Lorena seufzte und blickte Mark an. Ohne, dass sich Lorenas Gesichtsausdruck änderte, passierte etwas mit Marks Körper. Er hatte das Gefühl, dass sich ein schweres Gewicht auf seinen Körper legte und eine Eiseskälte über seine Haut nach innen vordrang. Es tat nicht weh, aber das Gefühl war ein sehr unangenehmes und er merkte, dass er nicht mehr in der Lage war, auch nur einen einzigen Muskel zu bewegen. Genauso schnell, wie die Kälte in seinen Körper drang, spürte er nun die Wärme wieder zurückkommen, das Gewicht wurde leichter und er konnte sich wieder bewegen.

    „Und das ist der Grund, Mark, warum man sich nicht mit Lorena Nantwin anlegen sollte“, sagte Karl mit einem leichten Lächeln auf dem Gesicht. „Es geht dir doch gut, oder?“ ergänzte er, als er Marks Gesichtsausdruck sah.

    „Was? Ja klar, es geht schon“, gab Mark zurück. Er atmete etwas schwerer als vorher, ganz als ob er grade einen kurzen Sprint hinter sich gebracht hätte. „Ich kannte sowas nur bis heute noch nicht.“

    Mark wusste nicht, ob er die Fähigkeiten der Orém cool oder bedrohlich finden sollte. Natürlich war es schon etwas Unglaubliches, Dinge und Geschöpfe zu beherrschen und sie machen zu lassen, was man wollte. Aber er war leider ein Mensch und wohl nicht in der Lage, irgendetwas in dieser Art zu vollbringen. Er war nur ein Mensch und damit deutlich schwächer als alle Orém um ihn herum. Wenn nun ein fremder Orém ihn nicht leiden konnte, würde er nicht den Hauch einer Chance haben. Um das Thema aus seinem Kopf zu kriegen, sprach er wieder Arian an: „Also, du machst deine Ausbildung weiter in Fühlen und .... Sehen war es, oder?“

    „Genau!“, gab Arian stolz zurück. „Darin bin ich etwas besser. Soll ich dir eine Kostprobe geben?“

    Mark war sich nicht sicher, ob er das wollte. Ihm schwindelte noch leicht von Lorenas Vorführung. Er hoffte, dass nichts Unangenehmes dabei rauskommen würde. Er wollte aber auch nicht als Schwächling rüberkommen, also stimmte er zu.

    „Es wird auch nicht weh tun, keine Sorge“, sagte Arian, als ob er seine Gedanken gelesen hätte. „Halt einfach mal deine Hände hinter deinen Rücken und streck´ eine bestimmte Anzahl von Fingern aus.“

    Mark tat wie ihm geheißen. Er streckte Daumen und Zeigefinger der rechten und der linken Hand aus. Er guckte skeptisch in die Runde, um sicher zu gehen, dass auch niemand anders am Tisch hinter seinen Rücken gucken konnte. Arian lächelte süffisant und blickte auf die Körperhöhe, auf der sich Marks Hände befinden mussten.

    Er hatte das Gefühl, einen sanften Hauch auf seiner Haut zu spüren, als ob ein leichter Windzug an seinem Körper vorbeiglitt.

    „Zwei links, zwei rechts. Vier also insgesamt“, sagte Arian lächelnd und wirkte dabei nicht mal besonders beeindruckt von sich selbst. Anscheinend war Sehen wirklich sein besseres Fach, dachte Mark.

    „Richtig!“, sagte Mark anerkennend. „Und dies Mal war es nicht mal unangenehm. Ich hab nur einen Hauch auf der Haut gespürt.“

    „Du konntest etwas spüren?“, rief Karl erstaunt aus. „Du konntest wirklich etwas spüren?“

    Mark nickte etwas verwirrt. War das etwas Schlimmes oder Gutes?

    „Das ist in der Tat erstaunlich. Aber gut, du warst auch in der Lage ein Fenster zu öffnen und das Licht im dichten Wald zu sehen.“

    Den letzten Satz sagte er eher zu sich selbst als zu Mark.

    „Trotzdem ist das alles sehr merkwürdig. Wir werden sehen, was Meister Levin uns zu sagen haben wird, wenn er wieder da ist.“

    Mark fühlte sich einmal mehr unwohl in seiner Haut. Die Ungewissheit, wie sein weiteres Schicksal aussehen würde, war kein angenehmes Gefühl.

    „Bitte, Herr Nantwin“, sagte er. „Wissen Sie, was überhaupt mit mir passieren wird? Werde ich zurück in meine Welt können? Ich meine, es muss doch möglich sein, dass für mich wieder ein Fenster als Weg zurück geöffnet wird, oder?“

    Karl wirkte sehr nachdenklich, als er antwortete.

    „Das kann ich dir beim besten Willen nicht sagen. Es ist möglich, dass dir wieder ein Fenster in deine Welt geöffnet wird, aber das ist nicht so leicht wie du es dir vorstellst.“

    „Aber wenn selbst ich es geschafft habe“, unterbrach ihn Mark. „Dann kann es doch nicht so schwierig sein, oder?“

    „Genau da liegt das Problem“, gab Karl ruhig zurück. „Niemand, den ich kenne, ist in der Lage, ein Fenster zu eurer Welt zu öffnen. Und ich kenne eine Menge weise und erfahrene Orém. Nicht mal Meister Levin wird ohne weiteres dazu in der Lage sein. Und dann kommst du einfach so aus dem Nichts und hast ein Fenster geöffnet. Und das als Mensch. Ich denke, die Großmeister werden dich erst einmal sehen wollen, bevor eine Entscheidung gefällt wird. Sie werden herauskriegen wollen, wie das alles möglich gewesen ist. Das ist zumindest meine Einschätzung.“

    Mark hatte den Eindruck, dass sein Frühstück immer mehr wie Pappe schmeckte. Er konnte seinen Bissen kaum runterschlucken, so unwohl fühlte er sich mit der wahrscheinlichen Aussicht, von irgendwelchen alten Orém genau und detailliert durchgecheckt zu werden. Außerdem hatte er das ungute Gefühl, dass ihm immer ein klein wenig verschwiegen wurde. So oder so hatte er aber keine andere Wahl, als sein Schicksal abzuwarten.

    „Okay…“, sagte er nach einem langen Schweigen. „Und bis dahin kann ich bei Ihnen bleiben, nicht wahr? Kann ich denn hier irgendwas helfen oder so etwas?“

    „Sicher kannst du das“, antwortete Karl. „Lorena wird einiges für dich finden und selbst, wenn es nichts mehr gibt, wirst du bestimmt keine Langeweile haben. Ich muss mich jetzt leider verabschieden, ich habe heute noch einiges zu tun.“ Er nahm noch einen letzten Schluck Tee, küsste seine Kinder und seine Frau und drückte Marks Schulter zum Abschied. Dann ging er hinaus und ritt einige Minuten später am Fenster entlang in den Wald hinein.

    Im Laufe des Tages erkundete Mark mit Arian und Melina zusammen den Hof, während Lorena im Haus einige Arbeiten erledigte. Sie wollte partout keine Hilfe annehmen und sah es lieber, wenn die drei Kinder zusammen beschäftigt waren. Später würde es noch genug Arbeit geben, sagte sie. In dem ans Haus angrenzenden Stall war noch ein Pony, das sich grade an frischem Heu gütlich tat und genüsslich kaute. Es war dunkelbraun mit einem weißen Schweif und hieß, wie Melina Mark anvertraute, Anita. Es ließ sich von Melina und Arian bereitwillig streicheln, aber schreckte vor Marks Hand zurück.

    „Du riechst nicht wie wir, deswegen muss sich Anita noch an dich gewöhnen“, sagte Arian. „Du brauchst noch etwas Geduld, bis sie sich an dich gewöhnt hat.“

    Die fünf braun gescheckten Kühe und die sieben Schweine, mit 3 kleinen Ferkeln, waren da schon etwas zutraulicher. Sie ließen sich alle ohne Probleme von ihm füttern und genossen es regelrecht, von ihm ausgiebig am Kopf und am Rücken gekrault zu werden. Hinter dem großen Stall befand sich noch eine kleine Holzhütte mit einer schmalen Tür, worin sich auch noch einige Hühner tummelten, die gackernd am Boden nach Samen pickten. Arian und Melina zeigten ihm, dass es hinter dem Hof noch einen kleinen Weg gab, der nach einigen hundert Metern zu einer hügeligen Grasfläche führte, die von allen Seiten mit mehr oder weniger dichtem Wald umgeben war, aber auch von einem Bachlauf durchquert wurde. Hierhin führten sie die Kühe und Schweine in der Mittagszeit. Mark wunderte sich kurz, dass es keine Zäune gab, aber Arian versicherte ihm, dass die Tiere hier niemals tief in den Wald gingen, sondern meist auf den offenen Flächen blieben. Nach einem köstlichen Mittagessen, es gab Kartoffelsalat, trieben sich die drei in den Gemüsegärten herum und Mark wollte die Waldwege erkunden, um seine Irrfahrt der letzten Nacht zu rekapitulieren. Der Weg kam Mark viel länger vor als noch in der Nacht zuvor.

    Nach einigen Kilometern fing Melina langsam an zu jammern, aber Arian versicherte ihr, dass es nicht mehr lange dauern würde. Und er sollte Recht behalten. Als sie den Rand des Waldes erreicht hatten, konnte Mark den Ochsenkopf wiedererkennen und auch den Bach, der sich zum Fluss entwickelt hatte. Und dort war sogar der Hügel! Der Hügel, auf dem er so plötzlich und unerwartet gelandet war. Ihn jetzt so greifbar wieder vor sich zu haben, auch wenn er noch sehr weit entfernt war, ließ ihm einen Schauer über den Rücken laufen.

    „Dort oben bin ich runterkommen und auf dem Hügel gelandet“, erklärte er den Geschwistern, während er mit dem Finger darauf zeigte. „Und dann bin ich den Bach entlang und dort drüben“, Er zeigte auf eine bestimmte Stelle des Flusslaufes. „Ja, dort drüben muss der Platz sein, an dem ich Meister Levin entdeckt habe und ihm dann gefolgt bin.“

    Es noch mal alles durchzugehen, zeigte Mark nur noch mehr, wie verrückt das alles gewesen war. Da war mal eben so – Plopp - aus dem Himmel gefallen und auf dem Hügel vor dem Ochsenkopf gelandet, dann einem Orém mit Lichtkugel gefolgt und zu guter Letzt mit der Familie Nantwin zu Abend gegessen. Ganz normaler Alltag war das wohl nicht, dachte Mark. Er blickte noch einmal zum Hügel hoch und wollte seinen Blick schon grade abwenden, als etwas Merkwürdiges seine Aufmerksamkeit erregte. Auf dem Hügel bewegte sich irgendetwas. Arian hatte es auch bemerkt, denn mit einem Mal beschattete er seine Augen mit der Hand und blickte konzentriert in die gleiche Richtung.

    „Da oben sind vier Leute“, sagte Arian. „Papa hatte schon so etwas angedeutet, dass das bestimmt passieren würde.“

    „Was machen die denn da?“, fragte Mark neugierig. Er konnte bei aller Konzentration nur sehen, dass dort oben irgendjemand oder irgendetwas war und sich bewegte. Mehr konnte er nicht erkennen.

    „Das müssen Sucher sein. Die kontrollieren die Stelle, an der du runtergekommen bist. Ein Fenster in eure Welt zu öffnen, hinterlässt ziemlich deutliche Spuren, die von einigen Orém zurückverfolgt werden können. Die wurden wahrscheinlich von den Großmeistern geschickt, um deine Geschichte zu überprüfen. Du musst wissen, dass jeder Einsatz von unseren Sinnen gewisse Spuren hinterlässt. Das habe ich in der Ausbildung gelernt. Je stärker der Sinneseinsatz gewesen ist, desto leichter ist er aufzuspüren.“

    Arian zögerte einen Augenblick.

    „Lange werden die wohl nicht brauchen, bis die merken, dass du die Wahrheit gesagt hast. Und dann werden die wahrscheinlich deinen gesamten Weg zurückverfolgen und immer überprüfen, ob du auch weiterhin deine Sinne in größerem Maße eingesetzt hast.“

    Wie zur Bestätigung von Arians Worten war jetzt zu erkennen, dass die Gestalten sich langsam einen Weg den Hügel hinunter bahnten. Und wenn Mark sich nicht täuschte, dann taten sie dies auf genau dem gleichen Weg, den auch er zuvor eingeschlagen hatte. Er konnte sie jetzt immer besser erkennen und mittlerweile auch ausmachen, dass es sich um vier Sucher handelte.

    „Wollen wir langsam wieder zurück?“, sagte Mark, bedacht darauf, dass er nicht allzu unruhig klang. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, dass die Sucher bald zu Ihnen stoßen würden und dann den Menschen fanden, der es gewagt hatte, in ihre Welt einzudringen.

    „Ja!“, rief Melina freudig. „Lasst uns wieder zurückgehen, bevor sich Mama Sorgen macht. Ich habe auch schon wieder Hunger.“

    Auf dem Rückweg redeten die drei nur noch wenig und Mark war der Appetit auch dann noch vergangen, als sie wieder zum Hof der Nantwins zurückkamen. Irgendwann würden die Sucher sicher auch beim Hof ankommen und ihn dann wahrscheinlich auch sehen wollen. Vielleicht würden sie ihn dann sogar schon mitnehmen. Bei dem Gedanken daran bekam Mark Bauchschmerzen und er spielte nur halbherzig mit, als Arian ihm wieder einige Seh-Tricks zeigen wollte. Er lauschte immer wieder, ob er nicht Stimmen oder Schritte hören konnte, die die Ankunft der Sucher ankündigen würde. Aber der Tag verging und niemand kam mehr am Hof der Nantwins an. Mit Ausnahme von Karl, der bei Sonnenuntergang auf seinem Pferd zurückgeritten kam und Mark, der sich endlich wieder etwas beruhigt hatte, einen gehörigen Schrecken einjagte.

    „Papa, wir haben heute Sucher auf dem Hügel vor dem Ochsenkopf gesehen“, sagte Arian, als die gesamte Familie nach dem Abendessen noch im Wohnzimmer auf bequemen Sofas und Sesseln saß. Mark und Arian spielten eine Partie Dame, Lorena stopfte Socken und Karl waren grade die Augen über einem Blatt Pergament zugefallen. Nur Melina lag auf dem Teppich und spielte mit einer graugetigerten Katze, von der Mark mittlerweile wusste, dass sie schlicht „Miez“ hieß.

    „Ich weiß“, gab Karl gähnend zurück. „Ich habe sie noch am Waldrand getroffen und mich kurz mit ihnen unterhalten. Permona war mit dabei, die anderen drei kannte ich nicht. Euch haben sie auch gesehen. Besonders gesprächig waren sie allerdings nicht. Ich schätze, sie sollen erst einmal alle Informationen an die Großmeister weiterleiten, bevor jemand anders davon erfährt. Eigentlich wollten sie auch noch hier bei uns vorbeikommen, aber ich habe ihnen gesagt, dass Meister Levin das gesamte Gebiet am Hof schon erkundet hat. Eigentlich müssen sie das auch gewusst haben, ich nehme eher an, dass sie zu gerne mal einen Blick auf dich geworfen hätten“, sagte Karl abschließend mit einem Blick auf Mark.

    „Und haben Sie schon herausbekommen, wann ich zu den Großmeistern gehen muss?“, fragte Mark.

    „Nein, leider nicht. Aber sehr lange wird es wohl nicht dauern, denke ich“, antwortete Karl.

    Mark Magen fühlte sich etwas flau an. „Und wenn ich dann abgeholt werde, muss ich dann alleine mitgehen, oder…“, Mark war es etwas peinlich, aber er musste diese Frage stellen. „Kommen Sie dann mit?“

    „Tja“, sagte Karl. „Ich werde auf jeden Fall mein Bestes geben. Ich möchte dich dort nicht alleine hinschicken, auch wenn du dir wirklich keine Sorgen zu machen brauchst. Etwas Schlimmes wird dir nicht passieren. Aber ich denke, wir wären alle beruhigter, wenn ich mitkommen könnte. Allerdings kann ich nichts garantieren“, mahnte er abschließend.

    Die Aussicht, den Weg zu den Großmeistern möglicherweise nicht alleine, sondern mit einem der Nantwins zu bestreiten, ließ Mark etwas zuversichtlicher in die Zukunft blicken. So konnte jemand auf ihn aufpassen und mögliche Fehler seinerseits verhindern. Er war sich mittlerweile sicher, dass keiner der Nantwins ihm etwas Böses wollte und sie sich vielleicht sogar für ihn einsetzen würden, wenn es darauf ankam.

    Es dauerte noch 5 Tage, bis es auf einmal unerwartet an der Tür der Nantwins klopfte. Es war früher Nachmittag, draußen regnete es stark und Mark brachte Arian und Melina grade im Wohnzimmer Schnick Schnack Schnuck bei, als Lorena die Tür öffnete und einen Abgesandten der Großmeister vor sich stehen hatte.

    „Guten Tag! Frau Nantwin, wie ich annehme? Mein Name ist Meister Arvid“ stellte er sich im leicht herablassenden Ton vor. Er war groß gewachsen, trug einen schwarzen Reiseumhang und hatte kurzes, platinblondes Haar. Seine Augen wirkten sehr blass in ihrem grünen Schimmer und seine Miene war unergründlich.

    „Ich bin hier“, fuhr er im gleichen Tonfall fort, ohne auf eine Antwort zu warten. „Um den Menschen im Auftrag der Großmeister abzuholen und ihn nach Lysá zu bringen. Er soll sich reisebereit machen“

    „Ich, also“, antwortete Lorena etwas unsicher. „Eigentlich hatten wir mit Meister Levin gerechnet. Außerdem wollte mein Mann Mark auf seinem Weg begleiten. Sie werden noch bis zum Abend warten müssen.“

    „Meister Levin war verhindert und daher wurde ich für diesen Auftrag auserwählt. Und die Großmeister wollen, dass wir uns jetzt, nicht heute Abend, auf den Weg machen“, gab Meister Arvid trocken zurück. „Ist das der Mensch?“, ergänzte er, als Mark mit Arian und Melina hinter Lorena auftauchte. Sie hatten das gesamte Gespräch mitbekommen und Mark hatte bemerkt, dass Meister Arvid trotz seiner offen dargestellten Langeweile und seiner herablassenden Art einen neugierigen Unterton in seiner Stimme nicht verbergen konnte, als er Mark zum ersten Mal zu Gesicht bekam.

    „Das ist er“, antwortete Lorena und legte einen Arm um Marks Schulter, worüber er aus irgendeinem Grund sehr dankbar war. Er fühlte sich äußerst unwohl in der Gegenwart von Meister Arvid. „Und mein Mann und ich können nicht akzeptieren, dass er ohne einen von uns abreist. Ich werde meine Kinder jetzt nicht alleine lassen können, daher werden Sie wohl warten müssen, bis mein Mann wieder da ist.“

    „Frau Nantwin“, antwortete Meister Arvid ungeduldig. „Ihre Fürsorge ist bewundernswert, trotzdem ändert es nichts an der Tatsache, dass ich einem klaren Befehl Folge leisten muss. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass es sicher nicht mein Wunsch war, die Mission auferlegt zu bekommen, den Menschen nach Lysá zu bringen“, bei diesen Worten blickte er Mark zum ersten Mal in die Augen, dem der Anblick der blassen Augen einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Trotzdem hielt er stand und Meister Arvid war derjenige, der als erster die Augen abwand und fortfuhr.

    „Wenn Sie sich also nicht vor den Großmeistern verantworten wollen, wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn sie den Menschen nun reisefertig machen könnten. Ich habe ein Pferd für Ihn bereitstehen. In fünfzehn Minuten werden wir aufbrechen.“

    Er machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück zu den zwei Pferden, die am Waldrand Schutz vor dem Regen gesucht hatten. Lorena schloss die Tür und ging murmelnd in der Küche umher, während Melina stumm einige Tränen die Wangen herunterliefen. Arian schien das Schauspiel seiner Mutter schon zu kennen, denn er gab Mark ein Zeichen, dass er leise sein und abwarten sollte. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte Lorena ihre Sprache wiedergefunden. Sie wirkte immer noch besorgt.

    „Ich kann euren Vater nicht fühlen. Er muss tatsächlich noch weit weg sein, wahrscheinlich bekommt er grade Nachrichten von den dunklen Begleitern. Mark, es tut mir leid, aber ich sehe keinen Ausweg. Du wirst mit Meister Arvid mitgehen müssen. Ich kann nicht verstehen, warum sie nicht Meister Levin geschickt haben“, sagte sie mehr zu sich selbst als zu Mark. „Aber wir können es nicht ändern. Ich werde Karl sofort hinterherschicken, wenn er wieder in meiner Reichweite ist, das verspreche ich dir. Es tut mir furchtbar leid, dich alleine auf den Weg zu schicken. Ich packe dir schnell ein paar Sachen von Arian zusammen und werde dir etwas zu Essen und zu Trinken mit auf den Weg geben.“ Mit diesen Worten machte sie sich sofort auf den Weg in eine Kammer und kam mit einem Reisebeutel zurück, den sie sofort mit Lebensmitteln und zwei ledernen Wasserflaschen füllte.

    Mark und Arian halfen mit, einige Klamotten zusammen zu suchen und sie in den Beutel zu stopfen. Als sie mit allem fertig waren, standen sie für einen Augenblick wortlos in der Küche. Mark hatte den Reisebeutel schon über seine Schulter geworfen, als Melina sich haltlos schluchzend um seine Hüfte schlang.

    „Du musst wieder zurückkommen! Versprichst du mir das?“

    „Ich werde zurückkommen, ich verspreche es dir“, gab Mark zurück und umarmte sie. Er musste nun auch gegen das Brennen in seinen Augen ankämpfen. Er hatte sich bei den Nantwins sehr wohl gefühlt, fast als wäre er ein Mitglied ihrer Familie. Und es war ein sehr schönes Gefühl gewesen, bei jemandem zu sein, der ihn so offenkundig mochte und schätzte. Arian kam auf ihm zu und klopfte ihm flüchtig auf den Rücken, aber auch seine Stimme klang etwas brüchig als er „Mach´s gut!“, sagte. Lorena umarmte ihn als letztes und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Dann sagte sie abschließend „Wir werden uns wiedersehen, Mark. Keine Sorge!“

    Mark drehte sich um, setzte sich die Kapuze seines Reisemantels, der eigentlich Arian gehörte, auf und ging durch die Tür hinaus auf Meister Arvid zu.

    „Rührend“, sagte dieser trocken. „Wären Sie dann so weit? Sitzen Sie bitte auf.“

    Mark war in seinem Leben noch nie auf einem Pferd geritten. Arian hatte ihm zwar in den letzten Tagen gezeigt, wie man auf dem Pony Anita ritt, aber zum einen war er auf dem kleinen Pony noch sehr wackelig gewesen und zum anderen war dies ein riesiges, ausgewachsenen Pferd. Er wollte aber sich auch nicht die Blöße geben, das vor Meister Arvid zuzugeben. Sein Pferd schien seine Angst und Unsicherheit zu spüren und wurde unruhig, als Mark zwei Versuche brauchte, seinen Fuß in den Steigbügel zu stecken. Meister Arvid schien ein Lächeln zu unterdrücken, als er zusah, wie Mark sich ungelenk auf den Sattel setzte und nun unsicher die Zügel in die Hand nahm.

    „Wären wir dann soweit?“, fragte Meister Arvid spöttisch. Mark nickte. Er warf noch einen letzten Blick zurück auf den Hof der Nantwins. Lorena, Arian und Melina standen vor der Tür und winkten ihm zum Abschied zu, als sein Pferd im Trott hinter Meister Arvid auf den Waldweg abbog. Als er sich das nächste Mal umsah, war vom Hof schon nichts mehr zu erkennen, da der durch den Regen entstandene Dunst einen undurchdringlichen Schleier bildete.

    Meister Arvid war kein besonders gesprächiger Wegbegleiter und Marks Stimmung war sowieso auf einem solchen Tiefpunkt, dass ihm nicht nach Reden zumute war. Vereinzelt fielen ihm riesige Regentropfen auf den Kopf und erzeugten dumpfe Töne unter seiner Kapuze. Nach zehn Minuten auf dem Waldweg bog Meister Arvid mit seinem Pferd auf einmal auf einen schmalen und kaum erkennbaren Pfad ab und Marks Pferd folgte den beiden, ohne dass es dafür einen Befehl benötigt hätte. Der Weg wand sich zwischen hochgewachsenen Adlerfarnen hindurch, die an Marks Beinen raschelten und durch seine Berührung einen Schwall Tropfen auf einmal herabfallen ließen. Nach weiteren zwanzig Minuten lichteten sich die Baumreihen langsam und sie konnten auf eine weite, leicht herabgesenkte Ebene blicken. In der Ferne konnte Mark einen umzäunten Hof erkennen, aus dessen Fenstern warmes Licht nach außen drang. Der Weg, auf dem sie sich befanden, führte an diesem Hof entlang und in Mark keimte die Hoffnung, dass sie dort vielleicht eine kurze Rast einlegen könnten, um sich einen Moment am Feuer zu trocknen und vielleicht einen kleinen Happen zu essen. Meister Arvid schien seine Gedanken gelesen zu haben

    „Wir haben noch einige Stunden zu Pferde vor uns, bevor wir eine Rast einlegen werden. Wir sollten das Tempo erhöhen, damit wir bis dahin eine gute Strecke schaffen. Es geht jetzt ab in den Galopp!“ Die letzten Worte waren mehr an sein Pferd gerichtet, als an Mark selbst, denn kaum waren die Worte ausgesprochen, da wurde es auch schon schneller. Meister Arvid war schon mit seinem Hengst vorne weggesprengt. Mark konnte sich kaum halten und es war auch nicht hilfreich, dass der Weg immer wieder äußerst scharfe Kurven aufwies. Er hielt sich so gut wie möglich mit den Beinen am Sattel fest und hielt die Zügel angespannt in den Händen, so wie es ihm Arian auf Anita gezeigt hatte. Trotzdem waren sie viel zu schnell. Mark hatte den Eindruck, dass es Meister Arvid geradezu darauf anlegte, dass Mark die Kontrolle verlor oder dass er jammern würde, er könne sich nicht mehr halten. Aber die Genugtuung wollte er ihm nicht geben und so kämpfte er weiter, um auf seinem Pferd zu bleiben, ohne auf die Schmerzen zu achten, die sein Körper ihm jetzt schon signalisierte. Seine Beine und Arme waren vor Anspannung schon ganz taub und sein Rücken tat enorm weh, von seinem Hintern ganz zu schweigen. Sie ritten an dem Hof vorbei, den Weg immer weiter entlang, über einen kleinen Fluss und dann über eine Kette von Hügeln. Der Regen hatte sich noch weiter verstärkt und am dunklen Himmel zeichneten sich in der Ferne schon einige Blitze ab. Nach gefühlten Stunden erreichten sie endlich eine kleine, verlassene Hütte am Rand eines großen Fischteichs, der von vielen, schmalen Birken umsäumt war. Drinnen brachte Meister Arvid binnen Sekunden im Kamin ein prasselndes Feuer in Gang. Mark hätte sich dafür interessiert, wie er das so schnell geschafft hatte, wenn er sich nicht so hundeelend gefühlt hätte. Erschöpft setzte er sich auf einen Holzstuhl, den er dicht an das Feuer gerückt hatte, packte zwei Äpfel und ein Brot mit Käse aus und kaute müde. Meister Arvid hatte über dem Feuer in einem Kessel einen Tee heiß gemacht, schenkte sich den dampfenden Inhalt in einen Becher und schlürfte genüsslich. Mark bot er nichts an.

    Nach etwa dreißig Minuten war Mark auf seinem Stuhl fast eingeschlafen, als Meister Arvid den Aufbruch ankündigte. Das Gewitter war noch schlimmer geworden und Mark fühlte sich in seinem Sattel jetzt noch elender als vor der Pause. Alle Knochen taten ihm weh und auch wenn er es nie zugegeben hätte, auch das Wetter machte ihm gehörig Angst. Seine Klamotten waren mittlerweile komplett durchnässt und klebten an seinem Körper. Meister Arvid schien von alldem keine Notiz zu nehmen und ritt in schnellem Tempo unbeeindruckt weiter. Mittlerweile musste es auf die Abendstunden zugehen und Mark fielen vor Erschöpfung und Müdigkeit langsam die Augen zu. Sie hatten ihre Geschwindigkeit etwas reduziert, wodurch die Reise wieder etwas angenehmer wurde. Ohne jede Vorwarnung schlug mit einem Mal in geringer Entfernung von Mark ein Blitz mit einem ungeheuer lauten Krachen ein. Sein Pferd bäumte sich vor Schreck auf und warf seinen überraschten Reiter in den Matsch. Von dem plötzlichen Sturz überrascht, landete Mark schmerzhaft auf seinem Rücken, während das Gaul weiter panisch durchging und wild um sich trat. Mark hatte sich grade wieder halb aufgerichtet, als es in völliger Raserei auf ihn zu rannte und ihn in den nächsten Sekunden zertrampeln würde. Mark war wie erstarrt. Alles lief wie in Zeitlupe ab. Er fühlte einen Druck auf seinen gesamten Körper und eine Kälte, die von außen durch seine Haut in sein Innerstes vorzudringen schien. Sein Arme und Beine, ja sein gesamter Körper, gehorchten ihm nicht mehr, sondern bewegten sich wie von allein. Gesteuert wie eine Marionette sprang sein Körper zur Seite und rollte sich hinter einen großen Felsen, genau in dem Moment, in dem sein Pferd ihn erwischt hätte. Der Druck ließ nach, die Wärme kehrte zurück und Mark war erneut Herr über seinen eigenen Körper. Als er sich zitternd im strömenden Regen umsah, erblickte er Meister Arvid auf seinem Pferd, seine Miene unter der Kapuze verriet höchste Konzentration und Anstrengung. Keuchend stieg er ab und Mark hatte das Gefühl, trotz der Kälte und des Regens, Schweißperlen auf seiner Stirn zu erkennen.

    „Verdammter Narr!“, fauchte ihn Meister Arvid an. „Könnt ihr Menschen nicht einmal ein Gewitter überstehen, ohne euch tottrampeln zu lassen?“ Er atmete immer noch so schwer, als hätte er grade einen äußerst langen Sprint hinter sich.

    „Ich… ich konnte nichts dafür, das Pferd…“ stammelte Mark.

    „Es ist dir durchgegangen!“, unterbrach ihn Meister Arvid zornig. „Fang es jetzt gefälligst wieder ein. Das ist das Mindeste, das du tun kannst.“

    Mark drehte sich um. Das war so etwas von unfair. Was konnte er denn dafür, dass der Blitz neben ihm eingeschlagen war und sich sein Pferd daraufhin so erschreckt hatte? Das war schließlich auch das erste Mal, dass er überhaupt auf einem solchen Tier geritten war und dafür hatte er sich schon wirklich gut gemacht. Zitternd vor unterdrückter Wut machte er sich auf den Weg, das ausgebüxte Pferd zu suchen. Es war zu dunkel und verregnet, als dass er weit hätte blicken können, aber er wollte es möglichst schnell finden, um sich vor Meister Arvid nicht wieder die Blöße zu geben. Er konzentrierte sich und blickte sich langsam drehend in jede Richtung, während er angestrengt dachte „Ich muss das Pferd finden, ich muss das Pferd finden, ich muss das…“

    Da! Er konnte etwas erkennen! In der Dunkelheit hob sich ein grauer Umriss in passender Form vom Rest der Schwärze ab. Es war einige hundert Meter entfernt und trotzdem wurde es in Marks Augen immer deutlicher. Gezielt hielt er darauf zu. Irritiert merkte er, wie seine Füße ihn leicht bergauf trugen, bis er eine kleine Anhöhe erreicht hatte, die sich nun wieder senkte. Weiter unten angekommen stand sein Pferd neben einer Trauerweide und graste. Er hatte es durch den kleinen Hügel hindurch gesehen…

    Mark führte es wieder zurück und stellte mit leichter Zufriedenheit fest, dass Meister Arvid ein Anflug von Erstaunen in seinem Blick nicht verbergen konnte. Er hatte sicher nicht damit gerechnet, dass Mark sein Pferd so schnell in der Dunkelheit wiederfinden würde. Ein Augenzwinkern später war seine Miene unergründlich und er hatte erneut seinen herablassenden Ton, als er sprach.

    „Wir werden bald bei einer Hütte sein, in der wir übernachten werden. Es wäre schön, wenn du in der Zeit nicht mehr von deinem Ross fallen würdest.“

    Mark kümmerte sich nicht um die verbale Spitze, nickte bloß und schwang sich mit einem Ruck in den Sattel. Zehn Minuten später konnte er in der Ferne durch den Regenschleier ein Licht erkennen, dass aus den Fenstern eines großen Holzhauses schien. Sie stellten ihre Rösser sicher im angrenzenden Stall unter und betraten die warme Hütte. Direkt am Eingang war ein Wohnbereich mit einer Schenke und einem prasselndem Kaminfeuer in einer Ecke. Meister Arvid klopfte auf die Theke und hinter dem Tresen erschien ein rundlicher Mann mit freundlichem Gesicht und leicht geröteter Nase, der sie trotz der späten Stunde herzlich begrüßte.

    „Willkommen, meine Gäste“, sagte er herzlich und erkannte dann erst, wen er vor sich hatte. „Meister Arvid! Es freut mich, euch wohlbehalten wieder zu sehen. Es ist schon lange her! Ihr reist mit einem jungen Meister? Nun, ihr seid ja pitschnass, wie mir scheint.“ Diese Aussage konnte nur auf Mark bezogen sein, der so aussah, als wäre er mit seinen Klamotten ein paar Runden schwimmen gegangen. Meister Arvid dagegen sah so aus, als hätte ihn nicht ein Tropfen berührt. Nach der freundlichen Begrüßung des Gastwirts waren seine Augen an denen Marks hängen geblieben, aber bevor er noch etwas sagen konnte, hatte ihm Meister Arvid das Wort abgeschnitten.

    „Wir brauchen zwei Zimmer für die Nacht. Dazu eine kleine Mahlzeit. Rasch, wenn es geht.“

    Ohne auf eine Antwort zu warten, zog er Mark von der Theke und vom Gastwirt weg, hinein in eine dunklere Ecke des Gastraumes und bewegte ihn mit sanfter Gewalt auf einen Stuhl und setzte sich selbst auf einen neben ihm.

    „Niemand weiß, dass du ein Mensch bist“, flüsterte er ihm leise zu. „Und in diesem Augenblick braucht es auch noch keiner zu wissen. Halte dich also immer etwas abseits, wenn wir anderen Orém begegnen. Verstanden?“

    Mark nickte. Er verstand zwar nicht, warum dies unbedingt sein musste, aber momentan wollte er eigentlich nichts anderes, als aus seinen triefnassen Sachen raus und in ein warmes Bett. Und gegen eine warme Mahlzeit würde er auch nichts einwenden. Während der Wirt, der sich mittlerweile auch als Temian vorgestellt hatte, Ihnen Ihre Zimmer zeigte, war Meister Arvid nach Marks Eindruck immer sehr darauf bedacht, genau zwischen Mark und Temian zu stehen, so dass dieser keinen guten Blick auf ihn hatte. In Marks kleinem Zimmer prasselte ein Kaminfeuer und auf einem winzigen Tisch standen warmer Apfelkompott, gebratenes Fleisch und ein kaltes Getränk, das nach Pfirsichen schmeckte. Mark aß wie ein Verhungernder, nachdem er sich aus seinen nassen Sachen gepellt und eine Decke übergeworfen hatte. Danach fiel er erschöpft in sein Bett. Seine Beine und Arme schmerzten unangenehm und er konnte vor Müdigkeit kaum einen klaren Gedanken fassen. Hoffentlich war der Weg nach Lysá nicht mehr allzu weit, denn lange würde er eine solche Tortur sicher nicht durchstehen. Er schloss die Augen und versuchte sich vorzustellen, was ihn bald erwarten würde, wenn er den Großmeistern vorgeführt wird. In seinem Kopf entstand das Bild von einem alten, dunklen Gerichtssaal, die Zuschauerreihen gefüllt mit grimmig blickenden Orém. Er wurde vor das Richterpult geführt, das so hoch war, dass er überhaupt nicht erkennen konnte, wer dahinter saß. Auf einmal stand er am Rande eines reißenden Flusses. Stromschnellen glitten an Felsen vorbei und rissen schäumend Äste und Blätter mit in die Tiefe. Er lief grade auf einen großen Felsen, der von dem reißenden Wasser umspült wurde, als er auf der anderen Seite jemanden sehen konnte. Es war sein Vater. Er ging am Ufer entlang und wirkte traurig oder besorgt. Dann auf einmal sah er Mark und seine Gesichtszüge hellten sich sofort auf, während er zügig näher an das Ufer ging. Freudig rief er ihm etwas zu, aber Mark konnte über das Tosen und Rauschen des Flusses nichts verstehen. Auf einmal wirkte sein Vater panisch, er lief auf seiner Uferseite auf und ab und rief ihm wild gestikulierend etwas zu, aber der Fluss verschluckte seine Worte und zerriss sie zu Fetzen. Mark wollte zu seinem Vater hinüber, aber er konnte beim besten Willen keinen Weg finden, den er sicher über die Stromschnellen nehmen konnte. Sein Vater wurde immer aufgeregter und deutete mit dem Finger auf etwas, dass sich hinter Mark befinden musste. Er drehte sich um und sah seine Mutter.

    „Mama“, schrie er gegen das Tosen des Flusses an. „Wir müssen da irgendwie rüber! Papa ist auf der anderen Seite. Irgendetwas ist nicht in Ordnung!“

    Sie guckte ihn mit großen Augen an „Du musst deine Kräfte benutzen, Mark. Nur so kannst du zu ihm gelangen.“ Sie sprach ganz leise und doch hörte Mark jedes Wort, als hätte sie es ihm ins Ohr geflüstert.

    Mark war sich sicher, dass er über den Fluss schweben könnte, wenn er sich nur konzentrieren würde. Er würde schweben, so wie es damals auch Meister Levin gemacht haben musste. Auf der anderen Seite schrie sein Vater immer lauter, doch keines der Worte wollte vollständig zu ihm vordringen. Noch bevor Mark seine Augen geschlossen hatte, um sich für das Schweben richtig zu konzentrieren, sah er, wie sein Vater einen verzweifelten Sprung in den Fluss machte. Er kämpfte mit den tosenden Wogen, um zu Mark zu gelangen, aber er war chancenlos. Panik überfiel Mark. Sein Vater würde sterben, wenn er nicht schnell etwas tat und ihn rettete. Der Fluss zerrte ihn immer wieder gnadenlos unter die Wasseroberfläche und weiter stromabwärts. Mark hörte sich selbst schreien, als er auch in den Fluss sprang und sofort von den Wassermassen hin- und hergerissen wurde. Sein Schrei wurde erstickt und das letzte, was er sah, war seine Mutter, die mit enttäuschtem Blick am Ufer stand. Sie machte nicht die geringsten Anstalten, ihm zu helfen, nein, sie zeigte generell kaum eine Regung. Sie blickte ihn nur vom Felsen herab an und sah ihm zu, wie er dem Ertrinken immer näher kam. Er spürte, dass er nicht mehr lange die Luft würde anhalten können, der Drang zu atmen wurde immer größer. Grade als es nicht mehr aushielt und er spürte, wie das Wasser im letzten verzweifelten Akt durch seine Luftröhre in seinen Lungen gesogen wurde, wurde er plötzlich am Arm aus dem Wasser gerissen. Er schnappte prustend und keuchend nach Luft.

    Es war Meister Arvid, der ihn am Arm festhielt. Mark starrte ihn entsetzt an und nur langsam wurde ihm bewusst, dass er sich in seinem Bett in dem kleinen Zimmer im Gasthaus befand. Kein Fluss rauschte und weder sein Vater noch seine Mutter waren da. Er atmete schwer, war nassgeschwitzt und hatte sich so in seine Bettwäsche eingerollt, dass er sich kaum bewegen konnte. Seine Lunge, in die er grade vermeintlich das Wasser eingeatmet hatte, schmerzte bedenklich und er musste erst einige tiefe Atemzüge machen, um das sichere Gefühl zu haben, dass die frische Luft in jede Ecke seiner Lunge vordringen konnte. Meister Arvid beäugte ihn dabei berechnend. Nach einem kurzen Moment sagte er dann kühl: „Es wird Zeit, dass du dich fertig machst, wir brechen sofort nach dem Frühstück auf. Komm in den Gastraum unten, wenn du dich angezogen hast.“

    Nach diesen Worten ging er langsam hinaus und schloss die Tür wieder hinter sich.

    Mark war noch ganz zittrig, als er sich seine Klamotten wieder anzog. Sie waren alle wieder trocken, obwohl er sie in der Nacht nicht mal vor das Feuer gehängt hatte. Auf dem Weg nach unten hörte er, dass im Gastraum wohl einiges Gemurmel herrschte. Es waren wohl doch mehr Gäste anwesend als er gestern gedacht hatte. Aber sie waren ja auch wirklich sehr spät angekommen, da waren sicher schon alle auf ihren Zimmern. Auf der Treppe kam ihm Meister Arvid entgegen. Er wirkte aus irgendeinem Grund noch gereizter, als er ohnehin schon immer war.

    „Ich habe uns etwas eingepackt, wir werden auf dem Weg frühstücken“, sagte er kurz angebunden. „Komm jetzt mit, wir gehen sofort.“

    Er packte Mark am Arm und zog ihn mit sanfter Gewalt nach unten. Dort erwartete ihn eine Überraschung. Es waren nicht einfach ein paar Gäste im Raum, die sich unterhaltend frühstückten. Der Raum war geradezu brechend voll. Von überall her blickten ihn aus ihren Gesichtern grün schimmernde Augen an, die meisten neugierig, viele freundlich und manche erstaunt oder berechnend. Mark verstand nicht sofort, weswegen dieser Auflauf stattfand und blickte irritiert umher. Dort waren Männer, Frauen und sogar Kinder. Die Stille war greifbar und erst da realisierte Mark, dass all diese Orém nur gekommen waren, um ihn zu sehen. Mark, den Menschen. Mit einem Mal fühlte er sich äußerst unwohl und bedrückt und ließ sich nun bereitwillig von Meister Arvid durch die Menge ziehen, während einige Gäste nun anfingen zu tuscheln. Zügig und wortlos sattelten sie ihre Pferde und ritten los, Meister Arvid voran. Einige Orém waren tatsächlich mit hinausgekommen und hatten ganz offen gegafft.

    Das Wetter war an diesem Tag deutlich schöner. Zwar war es noch sehr bedeckt, aber ab und zu fand die Sonne kleine Lücken in der Wolkendecke. Sie machten zwischendurch eine kurze Pause an einem kleinen Wäldchen, um zu frühstücken, ritten dann aber ohne irgendein Wort zu sagen immer weiter. Vorbei an einem langgezogenen Hügel, an kleinen Bächen und Wiesen, dann wieder kurze Abschnitte durch Wälder und Lichtungen, bis sie nach einigen Stunden in einem weiten Tal vor einem einzelnen, hoch in den Himmel ragenden Berg standen. Am Fuße des Berges befand sich ein langgezogener See mit kristallklarem Wasser, auf dessen Oberfläche sich die Umgebung spiegelte. Am Rand dieses Sees konnte Mark eine kleine Stadt erkennen. Sie verlief vom Ufer aus hin bis zu dem Berg und zog sich an diesem sogar ein Stück hoch. An höchster Stelle der Stadt stand ein Schloss, das in einer solchen Weise matt schimmerte, dass Mark für einen Augenblick glaubte, die Mauern seien aus Mondlicht gebaut. Es hatte drei Türme, die alle zur Seeseite zeigten und die sie umgebenden Gebäude aus Stein weit überragten. Bei genauerem Hinsehen bemerkte Mark, dass es keinen Landweg zu dieser Stadt gab. Man konnte sie nur erreichen, wenn man den See überquerte. Hierfür war eine riesige Brücke konstruiert worden, die sicherlich hundert Meter lang und zehn Meter breit sein musste. Trotz des trüben Wetters sah alles wunderschön aus. Mark schloss seinen Mund wieder, von dem er gar nicht bemerkt hatte, dass er offen gestanden hatte.

    „Wir sind da“, sagte Meister Arvid. „Das hier ist Lysá. Die Stadt unserer Großmeister und Hort des Wissens Weraltéras. Setz deine Kapuze wieder auf. Die Nachricht deiner Ankunft wird hoffentlich noch nicht bis zu allen vorgedrungen sein und ich will mit dir möglichst unbemerkt zur Feste. Die Großmeister erwarten dich.“

    Es dauerte noch eine ganze Weile, bis sie den Anfang der Brücke endlich erreichten. Eine Wache stand müde an einem großen Pfeiler aus Stein und nickte allen zu, die nach Lysá ritten oder gingen. Meister Arvid hatte Mark eingebläut, dass er stur nach unten blicken sollte, aber er konnte nicht anders, als ab und zu einen Blick zu riskieren. Für einen Augenblick trafen sich die Blicke von ihm und der Wache und er fürchtete schon, sie würde sich ihm in den Weg stellen, aber dann schaute er doch woanders hin und nickte jemand anders zu. In der Stadt angekommen sah er schöne Häuser, die zwar manchmal schief, aber trotzdem stabil wirkten. Sie waren meist aus dunklem Holz gefertigt und viele Pflanzen, Büsche und Sträucher säumten die kiesigen Wege. Blumen mit den schönsten Blüten, die Mark je gesehen hatte, drehten ihre Köpfe im Wind und schienen dabei immer ein wenig ihre Farben zu verändern, während sie sich bogen. Der Weg veränderte sich nun, aus den kleinen Gassen wurden breitere Wege und Straßen, die nun aus hellen Steinen gefertigt waren. Es ging leicht bergauf, als sie ein großes Tor erreichten, durch das sie von einem untersetzten Mann in weinrotem Umhang durchgewunken wurden. Mark bemerkte, dass sie nicht auf das Haupttor der Burg zuhielten, sondern einen kleinen Bogen machten, um dann durch einen gepflegten Garten hindurchzureiten, der sich neben der Burg entlang zog. Das Ziel war ein unauffälliger, von Kletterpflanzen umrankter Seiteneingang mit einer schmalen, leicht gewundenen Treppe. Im Gegensatz zum vorderen Burghof war hier überhaupt kein Treiben ausmachen, keine Menschenseele war zu sehen. Keine Orémseele, korrigierte sich Mark im Geiste, Menschen waren hier ja sowieso keine. Sie saßen ab und sobald sie sich der Tür näherten, sprang diese wie von Geisterhand auf. Meister Arvid führte Mark durch einige schlecht beleuchtete Flure, über grade und gewundene Treppen, an Gemälden von Landschaften und ehrwürdig aussehenden Orém vorbei, bis Mark komplett die Orientierung verloren hatte. Alleine würde er aus diesem Labyrinth nicht so schnell wieder rausfinden, dachte er bei sich, als Meister Arvid abrupt stehen blieb.

    „Wir sind da“, sagte Meister Arvid und deutete auf eine schwere, mit Eisen beschlagene Holztür. „Wenn du hineingegangen bist, ist mein Auftrag erfüllt“.

    „Sie kommen nicht mit?“, fragte Mark erstaunt. Meister Arvid war ihm nicht grade besonders lieb geworden, aber doch ein wenig vertraut. Das erneute Allein-gelassen-werden behagte ihm nicht besonders.

    „Nein, ich habe keine Befugnis dazu. Ich habe außerdem nur den Auftrag, dafür zu sorgen, dass du durch die Tür gehst. Von mir selbst war keine Rede. Die bisherige Reise hat mir auch gereicht, ich habe nun wieder deutlich wichtigere Dinge zu tun. Geh nun, du wirst erwartet“

    Unsicher und mit einem flauen Gefühl in der Magengegend öffnete Mark die Tür, er riskierte einen letzten Blick zu Meister Arvid, der aber starr nach vorne blickte und kein Zeichen der Anteilnahme zeigte. Dann ging er hindurch und schloss die Tür mit einem schnellen Ruck wieder hinter sich.

    Menschensohn - Das Fenster nach Weraltéra :nummer1:

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    LG,

    Rainbow