Des Wanderers Nachtgedanken

Es gibt 27 Antworten in diesem Thema, welches 3.585 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Der Wanderer.

  • Mein Leben


    Wenn die Kälte mich greift

    und die Wärme mich flieht

    wenn die Angst in mir wächst

    daß das Gute nicht siegt.


    Wenn im Dunkel der Nacht

    meine Seele verzagt

    und im Tagesdämmer

    der Zweifel an mir nagt.


    Wenn der Blick aus dem Fenster

    mir nur Finsternis zeigt,

    ist die Nacht fortgeschritten

    doch das Licht noch so weit.


    Verloren bin ich in der Stille

    des Schlafes, der mich leis umfängt

    verlor'n in meines Traumes Tiefen

    aus dem mein Ich nach oben drängt.


    Erwache ich, bin ich lebendig?

    Eratme ich den neuen Tag?

    Mein Leben, ist's auch unbeständig

    Freut sich auf das, was kommen mag.


    Und sollt' im Dunkeln ich erwachen

    und Finsternis mein Auge seh'n

    so könnt ich trotzdem drüber lachen.

    Denn mein Leben, es war schön.


    (Der Wanderer, 20.12.21)

  • Traumflug


    Tauch in die Nacht und lass Dich treiben

    im Dunkel, glänzend wie das Meer

    schweb mit auf mondbeschien'en Wolken

    leicht weht der Wind rings um Dich her.


    Senk Deinen Blick hinab aufs Land

    das unter Dir im Schlafe liegt

    still ist die Welt in dieser Stunde

    von Morpheus in den Traum gewiegt.


    Ein leichter Hauch durchstreift die Wälder

    Hörst Du die Blätter wispern?

    Nur beinah' kannst Du sie versteh'n

    zu leise ist ihr Flüstern.


    In tiefem Schlummer liegt das Land

    wohin Dein Blick sich wenden mag

    wohl eingehüllt in stillem Frieden

    erwartend einen neuen Tag.


    Steig nun hinauf zum Firmament

    die klare Luft auf deiner Haut.

    Blick weit hinaus zum Horizont.

    Wo jetzt, in diesem Augenblick

    ein neuer Morgen graut.


    Ein schwacher Schein, ein sanfter Schimmer

    unmerklich wird er stärker

    erhebt sich, wandelt Nacht in Dämmer

    trägt Licht in Traumes dunklen Kerker.


    Bald steigt in Wiesen Nebel auf

    Tau glitzert hell im Sonnenschein

    ein erster Hahnenschrei erklingt

    flieg nun zurück und kehre heim.


    Erwachst Du nun im Licht des Tages

    erinn're Dich, was Du geseh'n,

    Nicht nur des Helios' Sonnenwagen

    nein, auch Selenes Licht ist schön.


    Carpe diem et noctem!


    Der Wanderer, 12.06.2022

  • Nie allein


    Ich wüßte gern mehr über das, was wir Freude nennen.

    Dann wäre es mir vielleicht nicht so schwer, dem zu begegnen,

    was Trauer heißt.


    Denn wenn die guten Zeiten,

    die wir genießen, weil sie gut sind,

    denen weichen, die man die schlechten nennt,

    könnte mir die Freude hilfreich sein.


    Und das ist sie auch, natürlich ist sie das.


    Das lachende Gesicht, dem ich einst begegnete

    ist dem sorgenvollen gewichen.

    Die gerade noch weichen Züge verwandelt
    in harte Konturen.


    Sich stellend.

    Einer Realität, die wenig Spiel läßt für Hoffnung
    Aber doch...


    Mich der Verzweiflung hinzugeben

    ehe das Licht des Lebens tatsächlich erloschen ist

    hieße die Dunkelheit in mein Herz zu lassen,

    hieße aufgeben.


    Aber aufgeben ist niemals eine Option.


    Also bleibe ich standhaft im Kampf,

    Hoffnung ist mein Banner

    wehend im Wind des Lebens.


    Diese Flagge trage ich, diese Flagge halte ich hoch

    sie schwebt über uns, mein Freund.


    Wir zwei beide - Du und ich

    Die Freude der vergangenen Tage wird uns tragen durch diese Zeit

    in der wir uns gemeinsam der Finsternis stellen,

    sie durchwandern.


    Daß sich unser Pfad einst teilen wird, ist mir gewiß.

    Aber wie heute ist morgen noch zu früh dafür.

    Der Wunsch nach Ewigkeit jedoch gleichfalls unerfüllbar.


    Gehen wir also, gemeinsam.

    Mit einem lächelnden Gesicht - in den guten wie auch in den schlechten Zeiten.


    (Der Wanderer, 11.08.22)

  • Moin Wanderer! Ich habe mal den Thread überflogen und mich am Gedicht Mein Leben festgelesen :)


    Ich mache bei Gedichten auch immer eine mündliche Prüfung, indem ich sie laut lese. Das fließt sehr schön und einzelne Strophen haben einen deutlichen Rhythmus. Keine Ahnung, wie bewusst du das machst, aber es funktioniert gut. :thumbup:

    Inhaltlich ist es ja sehr gegenständlich, nicht abstrakt. Da lese ich neben der Tag- und Nachtbeschreibung einen geschlossenen Frieden mit der eigenen Sterblichkeit heraus, aber ohne Lebensmüdigkeit, sondern auf eine positive Weise.


    Ein kurzer Vorschlag, der einzige, der mir einfallen wollte:

    Wenn im Dunkel der Nacht

    meine Seele verzagt

    und in des Tages Dämmer (Vorschlag: "und im Tagesdämmer", passt besser zu Vers 1 der Strophe mMn)

    der Zweifel an mir nagt.

    Das würde die Strophe mMn aufwerten :D

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • Heyho kalkwiese

    Wo Du recht hast, hast Du recht.

    und in des Tages Dämmer

    "und im Tagesdämmer"


    Danke für den Hinweis, seinen eigenen Kram mal laut zu lesen. Dein Vorschlag ist in der Tat "weicher".

    Habe ich gerade übernommen und danke Dir dafür.

  • Herbst


    Der Sonne Schein, vor kurzem noch so gnadenlos,

    fast schmerzhaft brennend

    fällt durch mein Fenster schräg herein.

    Doch wenig Wärme ist darin, stattdessen

    kühler Abendschein.


    Das Abendlied der Amsel auf dem Dach:

    Ich hör es jeden Tag ein kleines bißchen früher.

    Wenn's dann verstummt und die Dämmerung fällt

    erschallt einsam der Ruf der Krähe.

    Einmal, zweimal – dann Stille und Nacht.


    Und der Kastanie Frucht, sag: Hab ich's verträumt?

    Sie hing doch gestern noch im Baum

    in grüner Stacheligkeit sich wiegend im Wind.

    Nun liegt sie vor mir auf dem Weg,

    geplatzte Schalen, glänzende Frucht.

    Und die Kinder sammeln sie in ihre Taschen, so wie ich's früher tat.


    Es war doch gestern erst,

    als sanft der Wind durch grüne Blätter strich

    und wispernd dann die Bäume sich unterhielten.

    Ist es nicht seltsam?

    Nun erzwingt der Wind der Bäume Schweigen.


    Mit jedem Blatt, das braun und müde geworden

    vom Ast sich lösend zu Boden taumelt, verblassen die Worte

    verstummen die Stimmen mehr und mehr

    die vor kurzem noch so vieles besprachen.


    Nur kurz noch, dann recken sich kahle Zweige

    schweigend dem trüben Grau der Wolken entgegen,

    die, von kaltem Wind getrieben

    einen jeden Tag verkürzen.

    Dunkel der Morgen, fahl das Licht des Tages

    und schnelle Nacht zu früher Stunde.


    Dies ist die Zeit, in der die Wanzen träumen.


    (Der Wanderer, 19.09.22)

  • Aww, das gefällt mir, Der Wanderer . Und es trifft so ziemlich genau meine Gedanken. Es ging zu schnell. Gestern noch heißer Sommer mit Waldbränden, heute schon 7°C als ich halb sechs aus dem Haus ging. Wo ist der Altweibersommer?

    Du hast schöne Bilder verwendet und schöne Eindrücke eingefangen und in Verse gereiht. Nochmal: Gefällt mir richtig gut! :thumbup:

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



    :cookie:


    ___________________

  • Die Lügner


    Hüte dich vor denen, die weisse Gewänder tragen

    als Zeichen ihrer vermeintlichen Unschuld.

    Denn in einem anderen Land ist Weiss die Farbe des Todes.


    Hüte dich vor denen, die dich und deine Waffen segnen,

    denn wer Waffen segnet, will den Frieden nicht.

    Er nimmt deinen Tod in Kauf, um sich zu bereichern.


    Hüte dich vor denen, deren Stimmen am lautesten erschallen.

    Es sind zumeist die, welche nichts zu sagen haben.

    Zu schreien heißt nur, sich nicht sicher zu sein.


    Hüte dich vor der Furcht, du könntest einen Fehler machen.

    Aus Fehlern lernt man, dafür sind sie da.

    Wer keinen begeht, wird die Welt nicht begreifen.


    Nur: Sie zu wiederholen

    wie es so viele immer wieder tun, bedeutet:

    den Lügnern recht zu geben.


    So schwer es auch ist, den falschen Weg zu meiden,

    so ist es doch nicht unmöglich.

    In dir liegt die Kraft dazu.


    Lass dich nicht blenden - dich nicht verwenden.

    Zuviele liegen schon in dunklen Gräbern.

    Die noch vor einer Sekunde eine Zukunft hatten.


    Fortis Esse!



    (Der Wanderer, 26.09.22)