• Ein goldener Apfel.

    Eine Stadt voller Willkür.

    Sechs Diebe ohne Erinnerung an die Vergangenheit.

    Und ein Auftrag, bei dem es um alles geht...



    Genre: Urban Fantasy, Young Adult


    Untenstehende Spoiler sind nur Hintergrundinformationen, die vor dem Lesen NICHT zu Gemüte geführt werden müssen.

    1

    JEMIMA

    (Abschnitt 1)


    Die Schlinge zog sich zu.

    Der Goldrausch war voller Qualm und nur fleckig beleuchtet von Talgkerzen, aber das reichte, um mir einen einwandfreien Blick auf Chione Bels Gesicht zu ermöglichen. Subjektiv betrachtet, war sie ein korpulentes, blasses Mädchen, dem Zartrosa ungefähr so gut stand wie einem Metzgersohn. Objektiv gesehen, erinnerte sie mich an ein Walross. Ein Walross, das zugegebenermaßen ziemlich gut Blechfink spielte.

    Ich schaute weg von Chione aka perfides Walross und nahm die Umgebung in mir auf. Ihr gegenüber saß Finnian am Kartentisch. Er hatte Ale auf die Tischplatte geschüttet und runzelte die Stirn. Das machte er immer, wenn er etwas ausheckte. Andererseits hatte Finnian permanent irgendeinen dummen Spruch auf den Lippen. Es wunderte mich nicht sonderlich, dass er Chione gerade etliche davon um die Ohren warf.

    »Ich hab gehört, deine kleine Hausratte denkt schon an die Familienplanung«, feixte er. Chione sah ihn wütend an. Ihr Boss, Rouven Altair, war im Abgrund als »die Ratte« bekannt, und sie schien es nicht zu schätzen, auf ihn angesprochen zu werden. »Oder bist du von Natur aus so fett?«

    »Halt die Schnauze und verlier weiter, Mondin.«

    »Mit dem größten Vergnügen, vorausgesetzt, du machst noch mal diesen sinnentleerten Blick – ah, da ist er! Genau den meinte ich!«

    Ich gab ein dezentes Hüsteln von mir. Das war unklug, aber nötig. Finnian übertrieb es manchmal gewaltig, und das Problem war, dass er keine Grenzen kannte. Und unser Plan besagte, dass er sich verdammt noch mal an die Grenzen zu halten hatte.

    Chione schaute kurz hoch und bemerkte mich. Ich drehte mich wieder zur Bar um, einem schmutzigen Tresen mit jeder Menge eingestaubter Flaschen, und konzentrierte mich auf meine Rolle: die angetrunkene Turteltaube, Stammgast im Goldrausch, per Du mit dem Barkeeper. Das war ich glücklicherweise wirklich, aber nicht, weil ich rauchige Spelunken mit zynischem Namen so reizvoll fand, sondern weil der Typ hinterm Tresen mein knappes Outfit, die kholgefärbten Augen und mein dick aufgetragenes Lächeln zu würdigen wusste.

    »Nächste Runde«, sagte der Kartengeber hinter mir. »Einsätze, bitte. Mondin?«

    Finnian spielte. Natürlich.

    »Bel?«

    Jetzt wurde es spannend. Entweder, Chione hatte noch nicht genug davon, Finnian zu beleidigen, oder er spielte nicht so schlecht, wie er tat. Ich versteifte mich kurz, ehe ich das vertraute Klimpern von Sesterzen hörte.

    »Eine Karte aufdecken.«

    Chione gab ein Knurren von sich. Das schien etwas Gutes zu bedeuten. Wieder prasselten Münzen auf den Tisch, und selbst aus der dämmrigen Entfernung konnte ich das hungrige Leuchten in Finnians Augen sehen. Das war sein zweites Problem. Er war verdammt spielsüchtig.

    Im Eingangsbereich tat sich etwas; die Wache, die davor stand und nur durchsuchte Gäste einließ, öffnete die Tür. Herein kam eine schmächtige, goldblonde Gestalt, den Mantelkragen hochgeschlagen. Ich versuchte, ihm keine Beachtung zu schenken, sondern warf dem Barkeeper einen langen Blick unter meinen Wimpern hindurch zu. Cyril ging währenddessen durch den Raum, bedächtig wie jemand, der sich nicht so schnell für einen Spieltisch entscheiden kann, und blieb dann vor Chione und Finnian stehen.

    »Ist hier noch Geld zu vergeben?«, fragte er. Ich trank schnell meinen Rotwein. Cyril klang immer ein bisschen zu höflich, zu bemüht für den Abgrund.

    »Frag doch mal die Dame hier«, witzelte Finnian. »Sie bekommt gar nicht genug davon, gegen mich zu verlieren.«

    »Ich bekomme gar nicht genug davon, mir vorzustellen, wie meine Faust in deiner Fresse landet, Rotlöckchen«, schnaubte Chione.

    Der Kartengeber erweiterte die Runde, ein Stuhl rutschte über den rauen Holzboden. Ein weiteres gutes Zeichen. Jetzt war Cyril mit von der Partie. Ich musste nur dafür sorgen, dass der Barkeeper nicht allzu genau hin schaute. Das Prinzip einer Spielhöhle wie dieser war einfach: Der Kartengeber bestimmte das Spiel, aber der Eigentümer machte die Regeln. Und im Fall des Goldrauschs war der Eigentümer zugleich der Barkeeper, ein drahtiger, allzeit nervöser Typ namens Forsyth, mit dem ich mich jetzt beschäftigen musste.

    Ich wandte mich bemüht locker an ihn. Das schien ihn noch mehr zu verwundern, weil ich ihn vorher so angeschmachtet hatte. »Hast du oft illustre Gäste hier?«

    »Illustre...? Im Sinne von reich?« Forsyth sah mich empört an. »Ich werde sicher keine dieser Details an irgendwelche potentiellen Diebesbanden weitergeben, Abgrund hin oder her. Das hier ist ein ehrbares Etablissement!«

    Ja, sicher. Wenn man mal die fehlenden sanitären Anlagen, das unverputzte Gemäuer mit der Schimmelentwicklung und die ranzigen Flaschenetiketten außer Acht ließ. »Daran habe ich auch nie gezweifelt«, flötete ich. »Ich habe mich nur gefragt, ob es sich lohnt, zwecks neuer Bekanntschaften öfter hierher zu kommen. Der Wein ist nicht schlecht, aber die Gesellschaft...«

    »Ich kann Ihnen versichern, zu mir kommen jede Menge beachtlicher Persönlichkeiten. Letzte Woche war Phoebe Rex höchstselbst hier, mit ihrem Leibwächter. Und vor ein paar Tagen hat Keira Elly hier einen Ale bestellt. Unglaublich, nicht wahr?«

    »Einen Ale? Was für ein Meilenstein für die Menschheit«, sagte ich und versuchte gar nicht erst, meinen Sarkasmus zu unterdrücken. Das war ein aussichtsloses Unterfangen.

    Die Tür schwang wieder auf und spuckte einen Schwall erdiger Kälte und eine hochgewachsene Silhouette hinein. Mein Herz machte einen kurzen Satz. Wenn ich nicht seit einem Jahr mit ihm in dieser Stadt festgehangen hätte, hätte ich Jaro nicht wiedererkannt: Seine Nase war schief und blutete, seine Augen schillerten blutunterlaufen, und er schien zu hinken. Die Hände steckten in seinen altbewährten roten Fäustlingen aus aufgeplatztem Leder, und der dunkle Pullover war durchgeschwitzt. Das war mein Bruder, wie er leibte und lebte; ein Amateur-Boxer, der behauptete, Profi zu sein.

    »Jaro, altes Haus«, rief Finnian. »Mensch, ist irgendetwas anders an dir? Du siehst so verändert aus! Ist es ein Stilwandel? Eine neue Frisur? Oder, Moment, hat es möglicherweise was mit Blut und Eiter zu tun?«

    »Einfach widerwärtig«, befand Chione über ihre Karten hinweg.

    Das entlockte meinem Bruder ein knappes Grinsen. »Du solltest mal den Anderen sehen.«

    Ich behielt Forsyth im Auge. Er mochte es nicht, wenn sich Schlägereien in seiner Kneipe abspielten, deswegen hatten wir die Prügelei davor arrangiert. Erst hatten wir Chione zum Kartenspiel gelockt, sie mit niedrigen Einsätzen und immer riskanter werdenden Manövern an ihren Platz gefesselt, und als Rouvens Adjutant Tjasse sie hatte holen wollen, hatte Jaro ihn einfach im Vorbeigehen bespuckt und mit Latrineninhalt verglichen. Und schon hatte Tjasse Chione vergessen.

    Finnian stöhnte etwas zu theatralisch. »Ich wusste nicht, dass Leute mit Fettanzügen so gut Kartenspielen können.«

    »Wie bitte?«

    »Oh, Entschuldige, ist das etwa... echt? Das ist mir ja jetzt peinlich. Ich hätte schwören können, vor zwei Wochen warst du noch schlank wie ein Grashalm!«

    »Ich erhöhe auf alles, was ihr habt«, fauchte Chione.

    Das war das Signal. Ich hörte, wie Cyril sich verschluckte, ehe er hysterisch sagte: »Moment mal... Sehen Sie sich das an! Der – der Würfel! Er ist gezinkt!«

    Der Kartengeber runzelte die Stirn. »Das ist eigentlich nicht möglich. Lassen Sie mich sehen-«

    »Ihr Würfel, Rabi! Und...«, Cyril schnappte sehr überzeugend nach Luft, »ihre Karten! Sie hat falsche Karten!«

    »Was produzierst du da für verbalen Trockendünger?«, sagte Chione gereizt. »Als ob ich betrügen würde! Wie zum Aasgeier sollte ich das tun?«

    Ich verkniff mir ein Lächeln. Kein Wunder, dass Walrösser keine Ahnung hatten, wie man einen ordentlichen Betrug anzettelte.

    Damit Forsyth noch nicht auf vorschnelle Ideen kam, bestellte ich mir zusätzlich zu meinem Rotwein noch einen Met, auch wenn mir bereits der Kopf dröhnte. Als Forsyth sich zu seiner verstaubten Gläsersammlung umwandte, konnte ich dem Gespräch wieder folgen.

    »Tatsächlich«, sagte der Kartengeber in einer Mischung aus Unglauben und Entsetzen. »Der Würfel ist nicht ganz gleichmäßig. Und was für Karten verwenden Sie da, Anisatan Bel? Im Muster auf der Rückseite ist die Ziffer der Karte aufgedruckt! Das ist illegal!«

    »Kein Wunder, dass sie gewonnen hat«, sagte Finnian anklagend. »Niemand gewinnt gegen Finnian Mondin, den legendärsten Blechfinken unter den Abwasserkanälen.«

    »Und niemand sonst spricht von sich in der dritten Person«, murmelte Cyril.

    »Hören Sie mal, das ist ausgeschlossen«, erklärte Chione mit einer gesunden Prise Ärger. »Ich betrüge nicht. Fragen Sie mal Rouven, wenn der hört, dass ich betrogen haben soll, reißt er Ihnen die Eingeweide raus und trocknet sie auf seinem Gartenzaun. Ich betrüge nicht.«

    »Anisatan, die Beweislage ist leider eindeutig. Sie haben von einem gezinkten Würfel und einem nicht erlaubten Kartenset profitiert. Die anderen beiden Spieler haben kaum noch Geld.«

    Finnian nickte großmäulig. »Und das ist eine wirklich traumatisierende Erfahrung, dieses Verlieren. Ich verlange Schmerzensgeld.«

    Er hatte so laut geredet, dass ich fünfzehn Weine hätte bestellen können, ohne dass es etwas genützt hätte; Forsyth stellte die Metflasche ab und eilte hinter der Bar hervor. Seine habichtartigen Augen zuckten besorgt von einem Spieltisch zum Nächsten – die ganze Spelunke war erfüllt von einer murmelnden Atmosphäre, und Finnians Schauspielerei machte das Ganze ziemlich kaputt. »Gibt es hier Probleme?«

    »Nein, aber hier gibt es dich«, schoss Chione grimmig zurück. Rouven Altairs Walross schien vor einem ihrer berühmten Wutanfälle zu stehen. Ich ging vorsorglich aus der Schusslinie.

    »Rabi, diese Spielerin hat betrogen«, erklärte der Kartengeber und hielt die Beweisstücke ins funzelige Fackellicht. »Dem Gesetz nach muss sie ihr Geld zurückgeben und gebrandmarkt werden.«

    »Was?«, schrie Chione und fuhr keuchend von ihrem Stuhl hoch. »Das ist doch nicht euer-«

    Ich glitt von meinem Hocker und stakste auf meinen Stiefeln zu Forsyth hinüber. »Verzeihung, Rabi, ich habe das Ganze gesehen. Wenn du willst, mache ich eine Zeugenaussage für die Schergen.«

    Chione versuchte, mitsamt ihrer Fettmassen zum Ausgang zu stürmen. Leider hatte sie die Rechnung ohne meinen schweigsamen, muskelbepackten Bruder gemacht, der sich in ihren Weg stellte. Wütend kreischte sie auf.

    »Sie sollten alle hier bleiben, meine Herren. Ich informiere die Schergen. Todd-« Forsyth fuchtelte mit den Händen in Richtung des Türhüters, »sorg dafür, dass Anisatan Bel das Gebäude nicht verlässt!«

    Cyril wischte sich eine Schweißperle von der Stirn. Ich war mir nicht sicher, ob die Geste echt war oder gespielt. »Das hat mir gerade noch gefehlt.«

    »Keine Angst«, sagte Forsyth, dessen dünne Lippen schon wieder angefangen hatten zu zittern. Anscheinend fürchtete er, der kleine Zwischenfall könnte ihm ehrbare Kunden vergraulen. Cyril war zweifellos einer der ehrbareren Kunden. »Für Sie gilt das Verbot natürlich nicht. Wenn Sie keine Zeugenaussage machen wollen...«

    »Äh, nein. Ich, äh, hatte an das Kartenspiel geglaubt. Jetzt so dreist betrogen worden zu sein...«

    In meinem Nacken hörte ich ein leises, unverwechselbares Lachen. Ich versuchte, es zu ignorieren.

    »Ich kann die Zeugenaussage machen«, warf ich ein, ehe Cyril hyperventilieren konnte. »Von mir aus auch mit meinem Namen...«

    Forsyth schob mir ein Blatt klammes Papier hinüber, getränkt von Alkoholflecken. Ich nahm den Griffel, den er daneben legte, und sah ihn beklommen an. »Aber... du wirst meinen Namen nicht weiterverraten, oder? Ich möchte nicht damit in Verbindung gebracht werden, die große Chione in Verruf gebracht zu haben...«

    Die große Chione – oder eher die fette Chione? – begann im Hintergrund zu kreischen, als zwei Schergen in die Spelunke marschierten. Natürlich. Überall Spitzel, überall Konsulkrieger.

    »Nein, ich verstehe schon«, beeilte Forsyth sich zu sagen. »Sie sind eine ehrbare Dame, Anisatan. Es tut mir leid, dass ich daran gezweifelt habe. Sie haben eine Betrügerin aus meinem Lokal vertrieben. Ich werde diskret sein.«

    »Gut.« So zögernd wie möglich schrieb ich »Kassandra Jordan« hin. Ich war mir ziemlich sicher, dass Forsyth den Namen einer kleinen Handlangerin der Bluthände nicht kennen würde, wenn er schon so sehr damit angegeben hatte, Keira Elly ein Ale verkauft zu haben. Und andererseits würde Forsyth gar nicht anders können, als den Schergen diesen Namen weiterzugeben. Dass ich ihn allerdings um Diskretion bat, war glaubwürdiger, als wenn ich voller Schadenfreude Kassandras Namen herausposaunte.

    Ich fragte mich, wie Chione aussehen würde, wenn sie hörte, dass sie von ihren eigenen Leuten verraten worden war. Ich hatte keine Ahnung, ob sie und Kassandra sich nahe standen, aber das war gleichgültig, solange wir nur einen Keil zwischen die Bluthände getrieben hatten.

    Die Bluthände waren eine der vier großen Gangs, die im Abgrund ihr Unwesen trieben. Bisher waren sie immer aus einem skrupellosen Triumvirat angeführt worden – Rouven Altair Schrägstrich die Ratte, Tjasse Lindstrom und eben Chione Bel. Solange Tjasse mit ein paar Rippenbrüchen und einem herausgequetschten Gehirn im Rinnstein lag, Chione von den Schergen verhört werden und Rouven sich deswegen die Augen ausheulen würde, hätten wir die Oberhand. Genau das war der Plan gewesen.

    Irgendwann hatten die Schergen die wutschnaubende Chione abgeführt, die uns wüste Drohungen hinterher schrie, und Finnian war mit der Miene eines Märtyrers aus dem Goldrausch gewankt, tödlich betrübt über sein verlorenes Geld. Es war nur Drama, aber ich ließ trotzdem zu, dass Cyril Chiones Einsätze einsammelte und sie ihm hinterher brachte. Jaro verschwand, ohne sich nach mir umzusehen, und ich sah ihn gerade noch in Richtung Boxclub laufen. Dann leerte ich meinen Rotwein – der Met war bereits ausgetrunken – und schlug eine andere Richtung ein als die Jungen. Potentielle Beobachter würden nicht glauben, dass zwischen uns allen mehr bestand als eine zufällige Kneipenbekanntschaft.


    (Ende Abschnitt 1)

  • Ich mag eigentlich Geschichten im Urban Fantasy Setting, bin mir allerdings noch nicht ganz sicher inwieweit das auch für solche gilt, die in einer anderen Welt spielen. Aber da ich momentan eine Beschäftigung brauchte, habe ich mir den Teil mal durchgelesen. Soll heißen: ich kann noch nicht versprechen, dass ich dran bleiben werde.


    Sprachlich liest sich dein Text angenehm. Du verwendest eine abwechslungsreiche Beschreibung und weißt sicherlich mit deinen Worten umzugehen.

    Das Setting erinnert mich bis jetzt an diverse postapokalyptische Welten, geprägt von Bandenstrukturen und Machtkämpfen, auch wenn sich das vielleicht noch relativiert, abhängig davon wer oder was der Konsul ist.


    Inhaltlich hat mich der Text jetzt noch nicht komplett in seinen Bann gezogen, aber es ist ein solider Einstieg, der durchaus Fragen zurücklässt, auf die ich eine Antwort wissen möchte.


    Ein paar kleine Ungereimtheiten habe ich allerdings gefunden:

    »Ich kann Ihnen versichern, zu mir kommen jede Menge beachtlicher Persönlichkeiten.

    Hier sollte wohl eher ein "dir" stehen, nachdem sie ja auf Du mit dem Barkeeper ist


    Bisher waren sie immer aus einem skrupellosen Triumvirat angeführt worden – Rouven Altair Schrägstrich die Ratte, Tjasse Lindstrom und eben Chione Bel.

    Möglicherweise nicht zwingend, aber jedenfalls in meinem Verständnis, bezeichnet ein Triumvirat eher den mehr oder weniger gleichrangigen Zusammenschluss, wenn ich dich richtig Verstanden habe, steht hier allerdings Rouven eindeutig über den anderen beiden.



    Interessant wäre dann auch, wie es, abhängig vom Setting und Chiones Position, mit Leibwächtern aussieht.



    Ich war mir ziemlich sicher, dass Forsyth den Namen einer kleinen Handlangerin der Bluthände nicht kennen würde

    Aber sie ist sich nicht sicher, dass Chione sie nicht kennt. Würde der ganze Plan nicht ziemlich nach hinten losgehen, wenn Chione und Kassandra sich nahestehen und Chione sich entsinnt, dass Kassandra nicht in der Bar anwesend war?



    Und letztlich, mehr als Kenntlichmachung eines interessanten Punktes, dessen Beantwortung mich im Laufe der Geschichte interessieren würde: Wie kommt es, dass scheinbar überall Konsulschergen zur Stelle sind, sich aber dennoch eine Bandenkriminalität nennenswerten Ausmaßes entwickeln konnte?



    Alles in allem in meinen Augen ein gelungener Einstieg, mach weiter so :)

    - Große Männer werden im Feuer geschmiedet. Das Privileg der Kleineren ist es, das Feuer zu entfachen. -


    - nur ein Irrer steigt in das Raumschiff eines Verrückten -

  • Ich habe mir den Text (noch) nicht durchgelesen.

    Nur Deine gespoilerten "Bemerker".


    ... und ich muss sagen, sie ziehen mich nicht wirklich an.


    Die Nationalitäten-Liste:
    Wenn es Dir gelänge, diese Unterschiede zwischen den Menschen"rassen" im Text darzustellen, wäre es, so glaube ich, günstiger.

    Young-adult bedeutet nicht gleichzeitig: "Das verstehst Du sonst ja nicht..."


    Die Personen-Liste:

    Du hast ein ziemlich großes Ensemble. Das ist völlig legitim. Dieses aber komplett an den Beginn zu stellen, halte ich für unglücklich. Auch hier denke ich: Wenn es Dir gelänge, die Personen dann vorzustellen (Optik, Habit, Stellung) wenn sie in der Story auftauchen, fühlt man sich (fühle ich mich) nicht so überrollt.

    Auch hier: Young-adult bedeutet nicht gleichzeitig: "Das verstehst Du sonst ja nicht..." (Trau Deinen Lesern, auch den jüngeren, ruhig etwas zu...)


    Der Klappentext: Intressant. DER würde mich ziehen...



    Den Text zieh ich nachm Mittagsschlaf, okay?

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
    -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • Heyho Stadtnymphe ,


    eines vorneweg: Dein Stil gefällt mir. Der ganze Abschnitt liest sich flüssig runter, da gibt's nichts, an dem das Auge hängenbleibt.

    Aber Deine Personenübersicht zu Beginn - weia!

    Das ist für jeden Leser ein Informations - Overkill. :panik:


    Der Wanderer

  • Hey Stadtnymphe :)



    LG,

    Rainbow

  • Vor allem, weil es zum Teil widersprüchlich war, plötzlich Vor-und Nachnamen kreuz und quer durch den Text flogen und Cyril dann mit Anisatan angesprochen wurde

    Wurde er nicht - da bin ich mir ganz sicher. Rainbow:D:D:D

    Ist aber auch ein gutes Indiz dafür, wie verwirrt der Leser am Ende der Lektüre im Augenblick zurückgelassen wird.


    Der Wanderer

  • Ich möchte noch einen kleinen Nachtrag machen. Da du inzwischen ja durchaus viel negative Kritik zu deinem Informationsverhalten bekommen hast, möchte ich an dieser Stelle zu Protokoll geben, dass ich das nicht so negativ gesehen habe.

    Ja, natürlich ist es schön und bequem, wenn man als Leser einen Charakter mit Vor-, Nachname, Rang, Titel, Zugehörigkeit und Aussehen vorgestellt bekommt. Allerdings finde ich auch, dass man dem Leser ein gewisses Maß an intellektueller Anstrengung abverlangen darf.

    Mittelfristig sollten sich zwar alle notwendigen Informationen ergeben - aus dem Text selbst, wie richtig angeführt wurde - aber dies muss meiner Meinung nach nicht in den ersten fünf Sätzen zu einem Charakter geschehen. Ich finde man vergisst hier im Forum schnell, dass man nur einen Ausschnitt vor sich hat, der vielleicht ein bis drei Buchseiten erfasst und betrachtet das ganze etwas als abgeschlossene Einheit, die sich aus sich selbst heraus erklären muss.

    Wichtig ist in meinen Augen also, dass sich die offenen Fragen hinsichtlich Welt, Titel/Anreden (ich gehe davon aus, dass Anisatan ein solcher ist), etc. in den folgenden Teilen erklären, nicht aber zwingend bereits hier.

    Was die Namen angeht, ergibt sich die Zugehörigkeit mMn weitgehend aus dem Inhalt der Aussage, problematisch ist aber bei freien Settings, dass man nicht zwingend zwischen Namensteil und Anrede unterscheiden kann. Erklärender Weise wäre es daher in der Tat ganz gut, hier oder im folgenden mal den vollständigen Namen einfließen zu lassen.

    - Große Männer werden im Feuer geschmiedet. Das Privileg der Kleineren ist es, das Feuer zu entfachen. -


    - nur ein Irrer steigt in das Raumschiff eines Verrückten -

  • Hallo liebe Kritiker Der Wanderer  Kelamith und Rainbow ,



    Liebe Cory Thain ,

    lieben Dank für deine Rückmeldung!

    . und ich muss sagen, sie ziehen mich nicht wirklich an.


    Die Nationalitäten-Liste:
    Wenn es Dir gelänge, diese Unterschiede zwischen den Menschen"rassen" im Text darzustellen, wäre es, so glaube ich, günstiger.

    Das wird im Text noch herausgestellt. Allerdings erst später, und da ich hier immer nur kleine Schnipsel posten kann, damit es nicht zu lang wird, habe ich mich entschieden, das davor zu setzen.


    Auch hier: Young-adult bedeutet nicht gleichzeitig: "Das verstehst Du sonst ja nicht..." (Trau Deinen Lesern, auch den jüngeren, ruhig etwas zu...)

    Ich habe das davor gesetzt, damit Leser, die nicht aus dem Bereich kommen, das Setting nachvollziehen können. Ist ja ein spezifisches Genre, mit dem nicht alle etwas anfangen können. :P


  • LG,

    Rainbow

  • Liebe Rainbow ,

    Die Begriffe sind Anreden. Ich habe das jetzt in meinem Dokument als Erklärung hinzugefügt. "Rabi" stammt aus dem Arabischen und bedeutet "(mein) Herr". (Gibt's aber auch in anderen Sprachen. Z.B. ist ja der Rabbi der jüdische Pfarrer.) "Anisatan" ist die weibliche Anrede. Nochmal ganz lieben Dank für deine Kritik.


    Ich mache jetzt mit dem Rest des Kapitels weiter. Vielleicht klären sich ein paar Fragen auf. Ich würde mich freuen, wenn irgendwer es sich zu Gemüte führt, aber nach den ersten Kritiken kann ich verstehen, wenn da keiner Bock drauf hat:huh: Nichtsdestotrotz...

    _____________________________________________________________________________________________________________________ Kapitel 1, JEMIMA, Abschnitt 2

    Er holte mich ein, als ich noch nicht mal zwei Tunnelwindungen gegangen war. Ich hatte damit gerechnet und ärgerte mich trotzdem. Niemand hängte einfach so Valee Eljson ab. Niemand kam ihm davon, ohne dass er einen zumindest zur Schnecke gemacht hatte. Sogar sein Name klang wie ein Fluch – Valii.

    »Er hat es dir nicht abgekauft«, sagte er.

    »Du schuldest mir einen Met«, gab ich verärgert zurück.

    Ich hatte gewusst, dass er die ganze Zeit in der Ecke sitzen und uns alle beobachten würde, während wir uns zu Narren machten. Ich hatte es nur irgendwie nicht wahrhaben wollen. Wir schlugen einen weiteren unterirdischen Gang ein, von dessen lehmartiger Wand ein stetiger Tropfenfluss rann, und ich sah ihn verstohlen von der Seite an.

    Valee Eljson war eine Legende. Er war das Schauermärchen, das die Mütter ihren kleinen Kindern erzählten, wenn diese nicht einschlafen wollten. Er war die Drohung, die entnervte Abgrundbosse, Drogenschmuggler und Händler ohne letzten Ausweg äußerten. Obwohl er kaum älter war als wir. Und er war der Anführer der Pulvis, unserer Gang, zu der Finnian, Cyril, eine Assassinin namens Ling und seit neuestem auch Jaro und ich gehörten. Was wiederum bedeutete, dass Valee Eljson der Garant war, warum Jaro und ich noch am Leben waren.

    »Ich wollte nur einer Alkoholvergiftung deinerseits vorbeugen«, sagte besagter Garant ohne den Hauch eines Lächelns, und schritt zügiger aus. Valee lächelte nie. Er machte auch keine Scherze wie Finnian – er meinte alles bitterernst. Ich hatte es für Sarkasmus gehalten, als er mir auf den Kopf zusagte, dass er eine zitternde Memme nicht gebrauchen könne. Dann hatte ich mir meine hochhackigen Schuhe angezogen und dem Auftrag namens Chione Bel zugestimmt.

    »Ist ein Dankeschön zu viel verlangt?«, erwiderte ich.

    »Forsyth sollte dir vielleicht Danke sagen, für die netten Ausblicke, die du ihm gewährt hast. Alles, was ich sehe, ist, dass wir noch lange nicht fertig sind mit dem Plan.«

    Ich zupfte rotwerdend meine netten Ausblicke zurecht. Irgendwann, nachdem Jaro und ich bei den Pulvis aufgenommen worden waren, hatte ich mich einmal gefragt, ob Valee nicht auch einfach nur ein Junge mit einem Herz war. Ich hatte mir an dieser Frage die Zunge verbrannt. Wenn es jemanden gab, der kein Herz hatte, dann war es Valee.

    »Wo ist Ling?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln. Valees Assassinin und erste Adjutantin war eigentlich fast immer bei ihm. Sie hatte ein Arsenal an ziemlich scharfen Messern, die kein Vergleich waren zu ihrem schneidenden Blick, mit dem sie ihre Umgebung aufspießte. Aber momentan sah ich sie nirgendwo.

    »Unterwegs.« Valee kniff die Lippen aufeinander. Er hasste es, wenn jemand Fragen stellte. Er hasste es ganz besonders, wenn ich Fragen stellte.

    Ich verdrehte die Augen und ging schweigend weiter. Der Abgrund bestand aus einem komplizierten Tunnelsystem – zahllose Gänge, Schächte und lichtlose Erdschlünde –, und wenn man nicht aufpasste, konnte man sich schnell in diesem Labyrinth verlieren. Wenn Finnian betrunken war, erzählte er liebend gern von dem Mädchen, das sich vor Jahren hier verirrt hatte und erst wieder gefunden worden war, als sich ihre Haut bereits von den weißen Knochen schälte. Zur Orientierung hatte irgendwer vor langer Zeit Pfeile und Symbole in die Wände gemeißelt, die beispielsweise zur Grotte der Sünder führte – dem einzigen neutralen Terrain in den Tunnelwindungen –, oder hinauf zur Miseria, dem Platz, auf dem sich die unterirdischen Lokale wie der Club der Sieger, der Kerkerkönig oder eben der Goldrausch befanden. Aber weil allzu genaue Angaben nur unser Versteck an die anderen Banden verraten könnten, hatte Valee vor ein paar Monaten sämtliche Pfeile und Symbole, die annähernd verräterisch sein könnten, entstellt. Er hatte Pfeile in andere Richtungen gespiegelt, Schilder unkenntlich gemacht oder falsche Bezifferungen drangeschrieben. Das war der Grund, warum ich immer eine Begleitung brauchte, wenn ich zurück zu unserem Versteck wollte. Jaro durchkämmte den Abgrund mittlerweile wie ein zielgerichteter Schlafwandelnder, aber ich hatte anscheinend nicht die nötige Orientierungskompetenz.

    Noch so ein Punkt auf der Liste von Dingen, die Valee an mir hasste: Er musste hin und wieder meinen Babysitter spielen.

    Zum Glück dauerte der Weg bis in unser Versteck nicht so lange, wenn man schwieg und schnell ging. Ein paar Mal mussten wir uns in steinerne Einbuchtungen ducken, wenn Valee glaubte, dass uns jemand entgegen kam, aber glücklicherweise bogen besagte Leute immer vorher ab und verschwanden mit ihren irrlichternden Fackeln eine andere Abzweigung entlang. Wenn wir auf sie getroffen wären, hätte es sein können, dass Valee sie zusammenschlug. Er hasste es, wenn sich irgendwer zu nahe an unserem Revier herumtrieb, und er kannte keine Gnade. Das hatte ich mittlerweile auch gelernt.

    Um genau zu sein, hatte ich eine Menge über Valee gelernt:

    Wenn ich glaubte, dass er schlief, dann lag ich falsch.

    Wenn er verschwand, durfte man keine Fragen stellen; es sei denn, man legte keinen großen Wert auf den Besitz seiner Zunge.

    Seine Pläne waren widerstandslos zu befolgen.

    Die Aktion »Chione überführen« war einer von Valees Plänen gewesen, und es erstaunte mich nicht, dass sie reibungslos funktionierte. Wenn Valee etwas plante, dann war es gründlich durchdacht und wasserdicht. Er hatte darauf spekuliert, dass Chione sich von Finnian anstacheln lassen und deshalb nicht bemerken würde, wie Cyril ihre Karten und ihren Würfel vertauschte, während sie Jaro anstarrte und sich fragte, ob Tjasse möglicherweise das Gehirn aus den Ohren herauskam. Er hatte darauf gewettet, dass Forsyth – der einzige anständige Kneipenbesitzer des Abgrunds – sofort die Schergen rufen und der Betrügerei ein Ende machen würde, während andere Gastwirte sich vermutlich nur erheitert die Hände gerieben hätten. Und ihm war auch bewusst gewesen, dass man mit einer gut platzierten falschen Zeugenaussage eine ganze Bande gegeneinander aufstacheln konnte. Was das wiederum mit Geld zu tun hatte, erschloss sich mir noch nicht ganz – Chione hatte nicht so hemmungslose Einsätze verballert, wie ich gern gehabt hätte –, aber vermutlich war das nur ein weiterer Pfeiler in Valee Eljsons wahnwitzigem Gehirn.

    »Apropos wahnwitzig«, sagte ich, weil ich es einfach nicht lassen konnte. »Warum hast du eigentlich nur zugeschaut und Däumchen gedreht, während wir die ganze Arbeit machen mussten?«

    Wir erreichten unser Versteck. Valee sah sich nicht nach allen Seiten um – das hätte auffällig gewirkt, und außerdem hatte er sich schon die letzten zwanzig Meter lang überzeugt, dass uns niemand gefolgt war –, sondern winkte mich hinter sich her. »Ich schätze eine gute Unterhaltung. Obwohl das nicht gut, sondern eher mittelklassig war. Aber man muss nehmen, was man bekommt.«

    Er drückte leicht gegen die Hohlwand, sodass sich der Mechanismus aktivierte und eine steinerne Tür nach hinten klappte. Als ich diesen Vorgang das erste Mal gesehen hatte, hatte ich so laut nach Luft geschnappt, dass Valee mir die Hand auf den Mund presste. Denn die Steintür passte sich äußerlich perfekt an die Wand an, nicht einmal der Hauch eines Spalts war zu sehen, bis zu dem Moment, an dem man die poröse Druckstelle im Tuff berührte. Ich hatte von den Verstecken der anderen Banden gehört – die Ellings nutzten ein System aus Strickleitern in den Katakomben, die Bluthände hatten sehr offensichtliche Eingänge, die sie jedoch rund um die Uhr bewachen ließen, und die Schwarzen Teufel verschanzten sich hinter strategisch gut zu verteidigenden Tunnelkurven – und fand immer noch, dass unser Versteck das beste war. Die anderen Gangs hatten keine Ahnung, wo wir lebten, während wir über sie bestens im Bilde waren. Naja, zumindest Valee und Ling. Ich war froh, wenn ich zurück nach Hause fand.

    Hinter der Steinwand, die sich mit einem kurzen, dumpfen Laut wieder schloss, erstreckte sich ein weiterer Gang, der sich nach wenigen Metern viermal gabelte. Diese künstliche Kreuzung sorgte dafür, dass sich potentielle Eindringlinge erst einmal verirrten, bevor sie uns aufstöbern konnten, und dann gingen sie uns in eine Seidenfaden-Falle: Der Faden bewegte bei Berührung des Fußknöchels eine Glocke, die alarmierend zu bimmeln begann. Ich hatte das einmal ausgelöst, als ich versehentlich in den zweiten statt in den dritten Gang eingebogen war. Ich hatte Valee nie wütender erlebt.

    Deshalb passte ich seither genau auf, dass ich die richtige Abzweigung nahm, selbst im Dunkeln, so wie jetzt. Ich konnte Valee nicht sehen, aber ich hörte seinen Atem und seine Schritte, während er mir voran in den Tunnel einbog. Auf Fackeln oder Öllampen hatte er hier bewusst verzichtet, um Fremde abzuschrecken. Ich streckte die Hände aus, um mich an der lehmartigen Wand abzustützen, während ich mich vorwärts tastete.

    Er merkte es. Natürlich. Valee entging nie etwas, selbst wenn er mir voraus lief und es stockfinster war. »Soll ich dir fürs nächste Mal einen Krückstock besorgen?«, fragte er.

    »Wie wäre es einfach mit einer Lampe?«

    »Leute mit Geistesblitzen haben so etwas nicht nötig.«

    Oh. Wow. Ich stolperte ihm hinterher und machte meine hohen Schuhe für mein unelegantes Taumeln verantwortlich. Und meinen Alkoholgenuss.

    Nach etwa dreißig Metern machte der Tunnel eine abrupte Kurve, und dahinter war ein blickdichter Vorhang angebracht, unter dem Valee jetzt hindurchschlüpfte. Ich tat es ihm gleich und blinzelte in mattes Licht. Zuhause. Endlich.

    Vor einem halben Jahr hätte ich es niemals für möglich gehalten, ein unterirdisches System, das früher primär für Wasserleitungen und andere unschöne Transportwege angelegt worden war, einmal mein Zuhause zu nennen. Unser Versteck war ein gewundenes Gewölbe, bestehend aus mehreren kleinen Zwischenräumen und Höhlen, die sich aneinanderschmiegten. Der Boden bestand ebenso wie die Wände aus Tuffgestein, das sich gut in kleine Treppchen und Aufgänge gestalten ließ. Ein paar dünne Rohre, die zwanzig Meter nach oben führten, sorgten für Sauerstoffzufuhr. Manchmal sickerte schwaches Licht durch sie herab – unser einziger Anhaltspunkt für die Zeit an der Oberfläche. Ansonsten lebte man hier unten abgeschieden und einsam. Am Anfang hatte ich mich gefürchtet, ob uns irgendwelche Banden überfallen würden, aber mittlerweile hatte ich gelernt, der Sicherheit des Verstecks zu vertrauen. Außerdem wusste ich, dass ich Rouven Altair, Tjasse Lindstrom oder meinetwegen auch Chione Bel deutlich der Anwesenheit von Valee Eljson vorziehen würde.

    Zum Glück blieb es mir erspart, seinen kalten Blick weiter zu ertragen. Dass bereits Licht brannte, war das Zeichen, dass wir nicht allein waren. Besser so. Ich hielt es durchaus für möglich, ihm meine Absatzschuhe an den Kopf zu werfen. Stattdessen zog ich sie aus und humpelte durch die Gewölbe.

    Im ersten stapelten sich auf ein paar provisorischen Lederkoffern getrocknete Früchte und Konserven, unser spartanischer Essensvorrat. Ein Wassereimer stand in einer Ecke, der Regenwasser auffing. Im Raum dahinter hatte jemand ätherisch duftende Kerzen angezündet, deren Widerschein die runden Wände erhellte. Auf einem der gestohlenen, purpurroten Kissen saß eine anmutige Gestalt im Lotussitz und reagierte nicht, als ich eintrat.

    »Erschrick jetzt nicht«, sagte ich. Leider vergeblich.

    »Wieso sollte ich?«, fragte sie naserümpfend, ohne die Augen zu öffnen. »Ich habe dich schon auf zehn Meter gehört. Du klingst wie ein asthmatisches Wildschwein.«

    »Ah, der Charme der bezaubernden Zhang Ling«, sagte ich ironisch. »Warum warst du nicht im Goldrausch? Finnian hat sehr überzeugend so getan, als hätte er noch nie im Leben Karten gespielt.«

    »Lass mich raten. Rauch, billiger Alkohol, und Mädchen, die dem Barkeeper schöne Augen machen. Ich bin zu schlecht im Schauspielen, als dass ich da nicht würgen müsste.«

    Ich warf meine Schuhe mit Absicht in ihre Richtung, verfehlte sie aber. Das lief ja super. Kaum hatte ich den Heimweg mit Valee überstanden, musste ich mir fiese Sprüche von seiner Adjutantin anhören. Ich beschloss, in den nächsten Raum zu gehen und mich in meine Hängematte zu werfen, aber Ling hielt mich auf.

    »Wurde Chione überführt?«

    Ich warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu, den sie nicht wahrnahm. Ling war ungewöhnlich groß – größer als Cyril, Valee und ich –, hatte porzellanweiße Haut und glattes, schwarzes Haar, das sie immer zu einem festen Knoten steckte. Am irritierendsten waren ihre Augen, so schmal wie Sicheln. Ich war froh, dass sie sie geschlossen hatte. Lings Pupillen waren meuchelnde Macheten. »Danke, wir haben alles gut hinbekommen.«

    »Unglaublich. Ich hatte erwartet, du würdest es vermasseln. Valee hätte mich den Job ja selber machen lassen, aber das wäre irgendwie unglaubwürdig gewesen. Ich bin zu intelligent für so was.«

    »Ach, intelligent nennst du das? Ich würde das eher als krankhaft sadistisch bezeichnen.« Ich hatte endgültig genug und marschierte in die kleine Grotte, die Jaro und ich uns teilten. Ling sagte nichts mehr; ich hoffte, dass sie in ihrer Meditation zu Stein gefror.

    Ich setzte mich in meine Hängematte und ließ die schmerzenden Füße baumeln. Von weiter weg hörte ich, wie Valee mit Ling sprach – gedämpft und raunend, sodass es nach Geheimnissen schmeckte. Was auch immer die beiden miteinander verband, hatte sehr viel mit unsympathischer Ausstrahlung zu tun.

    Seufzend lehnte ich mich zurück. Irgendwann würde die Nacht vorbei sein, Valee und Ling würden verschwinden, wohin auch immer, und mein Bruder käme zurück; mit weiteren Blutergüssen und einem grimmigen Lächeln, weil er gewonnen hatte. Auf mehr konnte ich im Moment nicht hoffen. Die Realität war nicht auszublenden.

    Ich, Jemima Feyngold, lebte unterhalb einer seltsamen Stadt. Ich konnte mich an die letzten Monate erinnern, aber an das, was vorher gewesen war, nur noch bruchteilhaft. Da waren Fetzen, die manchmal durch mein Gedächtnis spülten: Eine Frau, die meine Hände nahm und mich zwang, mich zu konzentrieren; Tinte auf ihrer Haut; alte, ledergebundene Bücher. Ich konnte mich an meinen Vater erinnern, aber nur, weil Jaro und ich ihn wieder gefunden hatten. Wir waren in Eden, der seltsamen Stadt, angekommen und hatten uns auf die Suche nach ihm gemacht. Er hatte uns in die Arme geschlossen, uns aufgenommen, und eines Tages hatten die Schergen ihn überfallen und verschleppt.

    Und jetzt war er tot und wir allein.


    (Ende Kapitel 1)

  • Hey Stadtnymphe :)



    LG,

    Rainbow

  • Heyho Stadtnymphe ,

    hätte ich das Kapitel in einem Rutsch lesen können, hätte ich Dich nicht mit halb so vielen Fragen genervt...


    Was sagt mir das für die Zukunft?

    Das man nicht immer gleich wie ein Bulle auf's Gatter losstürmen sollte - wieder was gelernt, danke dafür!:thumbup:

    Als negative Kritik, so wie Kelamith das geschrieben hat sehe ich das trotzdem nicht. Das war halt der erste Eindruck beim Lesen und ganz sicher nicht abwertend auf die Erzählung gemeint.


    Und daher auch ein klares JA meinerseits zum weiterlesen.

    Ich mache jetzt mit dem Rest des Kapitels weiter. Vielleicht klären sich ein paar Fragen auf. Ich würde mich freuen, wenn irgendwer es sich zu Gemüte führt, aber nach den ersten Kritiken kann ich verstehen, wenn da keiner Bock drauf hat.

    Jetzt hab' ich genug Anhaltspunkte, um die meisten Charas einordnen zu können und auch ein Setting, daß jetzt schon ziemlich spannend ist.

    Bitte mehr davon.


    Der Wanderer


    Oh, eines noch. Den letzten Satz des Kapitels finde ich einfach großartig:

    Und jetzt war er tot und wir allein.

    Steckt eine Menge drin in den sieben Wörtern.

    Chapeau.

  • Hey, Stadtnymphe ,

    ich hab mir mal den ersten Teil durchgelesen. Insgesamt finde ich das einen gelungenen, spannenden Einstieg in eine Geschichte! Zugegeben, bei Urban Fantasy denke ich an ein eher modernes Setting, grob heutige Zeit, grob an einem Ort in dieser Welt. Als ich das Personenverzeichnis gesehen habe, war ich unweigerlich gedanklich bei "Das Lied der Krähen" und "Das Gold der Krähen". Das passt auch gut zum Inhalt der Geschichte (bisher). Das klingt jetzt vielleicht so, als würde ich dir unterstellen, nichts eigenes zu schreiben. Das täuscht. ^^ Gerade das Lied der Krähen war so cool, da lese ich gerne mehr davon. Und dein Stil lässt sich einfach angenehm und flüssig lesen.



    Viele Grüße,

    Asni

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • Hallo, lieben Dank für eure Rückmeldungen!

    Rainbow  Der Wanderer  Asni

    Ich mache nun mal weiter. Vielleicht reizt es euch ja doch zum Weiterlesen. :rolleyes: Vermutlich tauchen wieder Fragen auf, aber aufgrund der Länge ist das hier nur Teil 1 des nächsten Kapitels. Im zweiten Abschnitt wird sehr viel davon beantwortet, versprochen.


    2

    FINNIAN

    (Abschnitt 1)


    »Also, ich verlange eine Erklärung«, sagte ich, kaum dass wir auf unseren Kissen und Pferdedecken lungerten und Pistazien verschlangen. »Mein Ruf ist für immer geschädigt! Morgen wird alle Welt wissen, dass ich gegen ein menschgewordenes Stück Hackfleisch im Blechfink verloren habe, und dann nimmt mich keiner mehr ernst!«

    »Dich nimmt sowieso keiner ernst«, sagte Jem.

    »Hör auf, andere wegen ihres Aussehens zu verurteilen«, sagte Ling mit geschlossenen Augen.

    »Du hast nicht verloren«, beteuerte Cyril, der die Weinflasche umgestoßen und sich einen funkelnden Blick von Valee eingefangen hatte. »Wir haben ihr glaubhaft gemacht, sie würde betrügen, und du hast mit Absicht schlecht gespielt.«

    »Und außerdem hat das nichts mit deinem Ruf zu tun, der war vorher schon geschädigt«, bemerkte Valee. »Stichwort Opium.«

    Jaromir sagte nichts.

    Ich seufzte und rieb mir die Augen. »Mein Geld hätte ich trotzdem gern verdreifacht. War das nicht der springende Punkt, dass wir Geld bekommen wollten?« Ich schaute nicht zu Valee hinüber, aber meine Fragestellung war eindeutig an ihn adressiert. Seitdem Farid tot war, schmiedete Valee die Pläne, koordinierte Missionen und Raubzüge, und er hatte immer Erfolg gehabt. Jedes. Einzelne. Mal.

    »Nur Geduld«, sagte Ling mit einem kühlen Lächeln. »Mehr Geld ist unterwegs. Während ihr euch eine dezente Rauchvergiftung in dieser Spelunke geholt habt, war ich bereits bei einem neuen Auftraggeber und habe ihm klargemacht, dass die Bluthände keine Option mehr darstellen, um eine kostspielige Übereinkunft abzuschließen. Die Nachricht, dass Chione Bel eine korrupte Betrügerin ist, hat den Ruf der Bluthände sehr in Mitleidenschaft gezogen...«

    »Mir kommen glatt die Tränen«, murmelte ich. Tatsächlich war Kartenspiel eins der wenigen Dinge, bei denen im Abgrund die Ehre zählte.

    »Was für ein Auftraggeber?«, fragte Cyril.

    »Und was für eine kostspielige Übereinkunft?«, hakte Jem nach. Sie trug nicht mehr die skandalös kurze Kleidung, sondern einen riesigen Pullover ihres Bruders. Es war schwer zu sagen, was ihr besser stand. Ich konnte allerdings sehen, dass die Anderen das weniger interessierte. Ling feilte sich mit einem ihrer Messer die Fingernägel, Jaro aß Trockenpflaumen, Valee verschwendete sowieso nie unnötige Blicke auf andere Leute, und Cyril schien eher an Jaro interessiert zu sein als an seiner Schwester.

    »Kostspielig im Sinne von Wir holen uns jede Menge Kohle«, sagte Valee. »Letzte Woche haben die Bluthände eine ziemlich großzügige Anfrage erhalten, von einem anonymen Auftraggeber. Wie schade, dass sie jetzt... indisponiert sind.«

    »Dann ging es also nur darum, Rouven eins auszuwischen?«, fragte Jem anklagend.

    Valees eisiger Blick traf sie, und sie duckte sich zusammen. »Du hast mir nicht zugehört. Der Auftrag der Bluthände wird bald unserer sein. Morgen treffe ich den Boten des Auftraggebers, mit dem Ling heute schon die groben Eckpunkte ausgehandelt hat, und erfahre die Details. Aber weil die Ratte letzte Woche ihr Maul nicht halten konnte, wissen wir zumindest schon mal, dass es um ein wertvolles Relikt gehen soll.«

    »Ein Relikt?«, fragte Jaro.

    »Das ist ein alter, archaischer Gegenstand«, sagte Valee widerwillig, »oft mythologisch besetzt, von hoher kultureller Bedeutung...«

    »Ich weiß, was ein Relikt ist.« Dass Jaro überhaupt so viel redete, war genauso ungewöhnlich wie dieses Statement über seine Allgemeinbildung.

    »Wunderbar.« Valees Lächeln triefte vor Spott. »Fast hätte ich dir ein Fremdwörterbuch gestohlen.«

    »Welchen Wert hat dieses Relikt?«, erkundigte sich Cyril. Der blonde, blasse Junge war noch nicht allzu lange dabei – im Vergleich zu Valee und Ling war er der reinste Jungspund –, und trotzdem hatte er sich schon die essentiellsten Fragen angewöhnt. Welcher Wert? Wie viel Geld? Welches Risiko?

    »Cyril, dein gewiefter Verstand wird dich noch mal sehr weit bringen«, prophezeite ich. »Ich sehe da für dich exzellente Zukunftschancen um die Ecke lauern. Wie wäre es denn mit Drogenboss? Opiumlieferant? Sklavenhändler?« Das war ein Insiderwitz, denn Cyrils Vater war wirklich Sklavenhändler. Zumindest im Geheimen. Cyril hatte fast der Schlag getroffen, als sein Vater ihm eröffnet hatte, dass er plane, das Geschäft an seinen Sohn zu übergeben. Bis dahin hatte Cyril geglaubt, Priamos Odell betreibe lediglich Aktienhandel. Das Ende vom Lied war, dass Cyril jetzt hier saß, Milch mit Honig schlürfte und sich von dürftigem Trockenobst ernährte, statt auf Galeeren übers Meer zu schippern.

    »Wenn du diese Optionen für exzellente Zukunftschancen hältst, weiß ich, warum du noch nie aus dieser Kloake hier heraus gekommen bist«, bemerkte Jem und wischte sich das dichte schwarze Haar aus dem Gesicht.

    Ling hatte ihre verknoteten Beine gelöst und wirkte ungeduldig. »Der Informant sagte, wir sprechen über einen Betrag in Höhe von mehreren Millionen Denaren. Vielleicht fünf. Vielleicht acht.«

    »Machen wir mal elf draus«, sagte Valee mit schmalen Augen. Diese Miene verhieß Unheilvolles. Valee war ein ausgezeichneter Feilscher, und mir tat der Mann jetzt schon leid, den er morgen treffen würde.

    »Elf.« Cyril blieb der Mund offen stehen. »Elf Millionen Denare?«

    »Hörst du schlecht, oder hast du ein Auffassungsproblem?«

    »Elf Millionen...« Cyril ruderte mit den Händen in der Luft herum. »So viel hat noch nie eine Bande verdient. Jetzt kapiere ich, warum du Chione Bel unbedingt auf einen Stuhl setzen musstest, der unter ihrem Gewicht fast zusammengebrochen wäre.«

    »Der Spruch hatte richtig Biss«, lobte ich ihn. »Weiter so, irgendwann wirst du das Level erreichen, das ich mit sechs Jahren hatte.«

    Cyril sah mich entgeistert an. Er war mit Sicherheit der netteste und höflichste Sklavenhändlersohn, den ich kannte, und er hockte ausgerechnet mit einer Bande von Verbrechern, Vollwaisen und Dieben in einem finsteren Loch. Das nannte sich wohl Schicksal.

    »Genug geplaudert«, sagte Valee und erhob sich. Ich wusste, was jetzt kam: Unser Anführer würde nach draußen verschwinden, so schnell und lautlos, dass niemand ihm folgen konnte. Gustave und ich hatten das früher mehrmals probiert, aber Valee beschatten zu wollen, war aussichtslos. Er war ein Phantom in den lehmigen Tunneln, nur ein Schatten unter vielen, und er konnte jeden abhängen. Immer, wenn wir ihn verfolgt hatten, war die Mission an schmerzenden Blasen, stechendem Atem und heilloser Verwirrung gescheitert. Wir hatten keine Ahnung, wohin Valee nachts ging. Was sich in seinem Kopf abspielte. Und als ich ihn damit aufgezogen hatte, eine Vorliebe für leichte Mädchen verheimlichen zu wollen, hatte er mir einen so strafenden Blick zugeworfen, dass ich mir eine Woche lang bloßgestellt vorkam.

    Also sagte ich jetzt nichts, während er ging, sondern zog nur vielsagend die Augenbrauen hoch. Ich merkte, dass Jem ihm finster hinterher starrte. Valee war schlank und schmal, mit der moccafarbenen Haut der Misce, und die Haare fielen ihm auf die kantigen Wangenknochen. Er verstrahlte etwas Gefährliches, Besonnenes – das pure Gegenteil von Jem, die immer ein wenig irritiert und spontan wirkte.

    »Gut, dann kann die Party ja beginnen«, sagte ich laut genug, dass Valee es noch hätte hören können, wenn er sich die Mühe gemacht hätte. »Hat jemand Lust auf Blechfink? Oder Mora? Oder Pentelitha?«

    »Hast du eigentlich schon mal überlegt, dir den Spruch Ich will Aufmerksamkeit, spiel mit mir auf die Stirn zu tätowieren?«, fragte Ling missbilligend.

    Jem grinste. »Du hast doch grade erst verloren, Finnian. Willst du es darauf ankommen lassen?«

    »Ich wäre ja für Schach«, sagte Cyril eifrig.

    »Oh nein«, stöhnte ich. Sklavenhändler Junior war ein Ass in logischen, langweiligen Brettspielen. Mit Glück und Risiko konnte er rein gar nichts anfangen. Ich fragte mich immer noch, wie er so lange im Abgrund überleben hatte können.

    »Okay«, sagte Jaro, ohne die Miene zu verziehen. Jaro war ein Hüne von annähernd zwei Metern; schweigsam und verschlossen, kein bisschen wie seine Zwillingsschwester. Ich hatte keine Ahnung, ob sich hinter seiner Wortkargheit ein brillanter Geist versteckte, aber wenn er zustimmte, mit Cyril Schach zu spielen, schien er zumindest keine Hobbys zu haben.

    »Na, dann viel Freude im Club der Spaßbremsen«, sagte ich und seufzte erneut. Jem sah mich herausfordernd an. Ich stand auf und bedeutete ihr, mir zu folgen.


    (Ende Abschnitt 1)

  • Heyho Stadtnymphe ,

    Sicht- , Perspektiv- und Charakterwechsel. Ziemlich cool, weil ich damit gezwungen bin, von einem der Protas in den nächsten zu schlüpfen.8)


    Gar nicht so einfach...ich dachte immer mal wieder wie Jem und mußte dann zurückrudern, um wieder Finnian zu "sein".

    Ich hab's erst nicht verstanden - aber jetzt isses klar:


    "Ich" - Erzählweise in Gegenwartsform.


    Kann mich nicht erinnern, sowas bisher mal irgendwo gelesen zu haben. Ein starkes Neuland für mich.:thumbup::thumbup::thumbup:


    Eine interessante Herausforderung, denn solltest Du mich durch Valees oder Lings Augen schauen lassen habe ich jetzt schon leichten Schiss.8);(8)


    Andererseits für mich interessant: Kann man diese Art des Erzählens über eine längere Zeit aufrecht erhalten?


    Bitte verblüff mich,


    Der Wanderer


    P.S.:

    Den hier fand ich echt gut:

    Er war mit Sicherheit der netteste und höflichste Sklavenhändlersohn, den ich kannte...

    ...und unter Blinden ist der Einäugige König.^^^^^^

  • Lieber Der Wanderer ,

    dann versuche ich doch direkt mal, dich zu verblüffen, und mache weiter. Lieben Dank für dein Feedback.


    Kapitel 2/ FINNIAN/ Abschnitt 2


    Jem heftete sich in meinen Kielsog, als ich die Grotte verließ und nach hinten ging, durch ein paar niedrige Gänge bis zu dem Keller, in dem ich schlief. Unser Versteck war so verwinkelt, dass Gustave – unser poetischstes Mitglied – es irgendwann »Schneckenhaus« getauft hatte, und der Name war daran hängen geblieben wie eine Flohplage. Zumindest hatte ich eine Absteige ganz für mich allein, mit einer strohgefüllten Matratze, auf der meine Pistolenhalfter lagen. Ich tätschelte sie wie meine Babys, während Jem sich missmutig umsah. Sie und ihr Bruder schliefen in einem größeren Gemäuer, und im Gegensatz zu Lings ordentlicher Schlafecke mit einem zitronengrünen Futon sah meine Matratze aus wie eine Quarantänestation.

    Ich grinste sie an. »Sieh an, du bist mir also gefolgt. Dabei habe ich doch einen gewissen Ruf...«

    Jem schnaubte. »Oh ja, Chiones wabbelige Fettmassen schlottern vor Angst.«

    »Sie war eine Ausnahme. Normalerweise bringe ich die Mädels nicht zum Zittern.«

    Unter ihrem schwarzen Pony saß Spott in ihren Augen. »Und du hast mich in deine stinkende Schlafstätte gelotst, damit ich dich jetzt anschmachte und dir die Füße küsse?«

    »Nicht die Füße

    Jem warf einen Blick über die Schulter. Schwach drang das Klappern der Schachfiguren zu uns hinüber. Von Ling war nichts zu hören; wahrscheinlich war sie mit ihren Messern verschwunden und meditierte irgendwo bis ins Wachkoma. Jem seufzte und setzte sich auf die Matratze. Ich tat es ihr nach und beförderte eine bauchige Flasche aus meinem Strohversteck.

    Sie machte große Augen. »Du hortest Wodka?«

    »Was denkst du denn? Von Regenwasser allein kann man nicht überleben«, sagte ich.

    Jem nahm mir die Flasche aus der Hand und entkorkte sie mit einer Nagelfeile. Dann ließen wir den Wodka zwischen uns hin und her gehen. Sie lehnte sich gegen die kalte Wand und schloss die Augen.

    »Ich hasse ihn«, sagte sie schließlich.

    Ich musste nicht fragen, wen sie meinte. »Jeder mit einem gesunden Menschenverstand hasst Valee. Das ist ein Naturgesetz.«

    »Aber du hasst ihn nicht.«

    »Zweifelst du etwa gerade meinen gesunden Menschenverstand an?« Aber es stimmte. Ich hasste Valee nicht. Ich empfand nicht einmal Ablehnung. Ich war zwölf Zentimeter größer als Valee. Ein einziges Mal hatte ich gesehen, wie seine Augen anfingen zu leuchten. Leider hatte er nicht mich angesehen, sondern Farid.

    Ich räusperte mich. »Ich glaube, Val ist verändert... seit der Sache mit Farid. Du hast ihn ja nie kennengelernt, aber Farid war so was wie unser großer Bruder. Der Edelmütige. Der Held. Er hat die Pulvis gegründet und uns alle aus der Scheiße gezogen; Ling, Gustave, Valee und mich.«

    »Wie ist er gestorben?«

    »Es gab eine fünfte Gang. Rooks Erben. Sie waren überall; jeder Vierte war ihr Spitzel oder wurde von einem Spitzel belauscht. Und sie hatten 'ne Menge Kohle und hübsche Verstecke. Einer von ihnen, Honza, hat auch unsere Verstecktür gebaut. Naja, Farid wollte immer mehr, als er tragen konnte, und ganz besonders konnte er die Herablassung der Rooks nicht ertragen. Er infiltrierte ihr Spitzelsystem, schleuste falsche Nachrichten weiter, brachte die Organisation durcheinander. Und als das System kollabierte, knüpfte er sich den Anführer der Rooks vor, Rami. Es hätte alles gut gehen können; Farid war ein Superkrieger, aber Rami hatte seine Infiltrierung durchschaut und Farid ebenfalls falsche Informationen gegeben. Farid dachte, er würde Rami überfallen und dann an die Spitze der Rooks treten, so wie das üblich ist, aber er wurde bereits erwartet. Wir alle. Gustave und Farid sind dabei draufgegangen, und als wir uns schwer verwundet in unsere Absteige zurück geschleppt hatten, fanden wir dort eine Art Testament, das Farid geschrieben hatte, lange vorher. Für den Fall, dass er zu Staub zerfallen würde, hatte er Vorkehrungen getroffen.«

    Jem kaute auf ihren Lippen herum. Das Zeichen dafür, dass ihr das Thema des Staubfalls noch immer nicht behagte. Ich hatte Männer gesehen, die in ruhiger Erwartung dasaßen und sich plötzlich in körniges Nichts auflösten, und ich hatte Leute beobachtet, die nicht wussten, wie ihnen geschah. Aber es lief immer auf dasselbe Prinzip hinaus.

    Wer in Eden ankam, bekam eine Zahlenfolge auf den Arm tätowiert – meine lautete 18 611 –, und nach Ablauf dieser Tage löste sich der Körper auf. Dann war man tot, unwiderruflich. Man konnte sein Ende planen, vorausgesetzt, man konnte die Zahlenfolge zu seinem Ankunftstag in Eden zurückverfolgen, oder man konnte versuchen, sein Ende zu vergessen. So oder so gab es immer noch die Möglichkeit, vorher zu sterben: An Unfällen, Krankheiten, Mord oder Dummheit. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich irgendwann wegen Letzterem draufgehen würde.

    »Naja, Farid hatte eine Erklärung verfasst, dass er Valee für den geborenen Anführer der Pulvis halte und er seinen Platz einnehmen sollte, wenn Farid sich in Staub oder ein blutiges Wrack verwandeln sollte. Valee fragte uns, ob wir etwas dagegen hätten. Wir akzeptierten natürlich. Und Valee hat eine Menge für uns getan; er hat Farid gerächt und die Rooks zerstört, er hat Geld hereingeholt und uns dieses Versteck besorgt.«

    »Und er ist das größte Arschloch der Atmosphäre.«

    »Das kann ich dir mit Blut unterschreiben.« Ich setzte ein anzügliches Grinsen hinterher. »Wohin du willst.«

    »Bevor du zu den Pulvis kamst...«, sagte Jem leise. »Was hast du da gemacht? Wie bist du zu ihnen gestoßen?«

    Ich wusste, worauf sie anspielte. Valee hatte sie und Jaro im Fischerdorf gefunden, verzweifelt und auf der Flucht vor den Schergen. Ich hatte keine Ahnung, warum sie geflohen waren, aber ich wusste zumindest, dass Jem lieber weiter in der zugigen Kate gehaust hätte als hier im Abgrund. In der Hinsicht hatte Jaro für sie mit entschieden, indem er sich Valee anschloss.

    »Ich erinnere mich kaum«, sagte ich leichthin, um die Lüge zu übertönen. »Alles, was ich noch weiß, ist, dass ich schon damals ein ziemlich umwerfender Typ war.«

    »Verfremdete Selbstwahrnehmung und Gedächtnisverlust scheinen hier unten echte Volkskrankheiten zu sein.«

    »Erinnerst du dich denn?«

    Jem starrte ins Leere. »Ich sehe manchmal... eine Frau. Die mir etwas sagt, das ich nicht verstehe. Ich kann mich an den Geruch von Tinte erinnern, an irgendwelche Bücher, und an eine große Stadt mit Kopfsteinpflastern. Aber ich habe keine Ahnung, was ich dort gemacht habe und wie ich hierher gekommen bin. Ich weiß, dass ich immer bei Jaro war. Aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern.«

    »So geht es uns allen«, gab ich zurück. Ihre Worte ließen meinen Nacken prickeln, und wie ein umgelegter Hebel kehrte die Vergangenheit zurück: das Lachen meines Bruders, unsere Ankunft, die Zahlen auf unseren Armen, und schließlich dieses verfluchte Antiquariat. Ich hätte alles gegeben, dieses Geschäft nie betreten zu haben. Oh, Aljoscha.

    »Was glaubst du, woran das liegt?«, fragte Jem. »Warum kommen wir nach Eden, haben keine Ahnung, wer wir genau sind und was wir erlebt haben, und doch kommt uns so vieles bekannt vor?«

    Ich zuckte mit den Schultern. »Übergreifende Amnesie? Giftige Gase? Gehirn-OP?«

    Sie ließ nicht locker. »Ihr müsst doch irgendeine Theorie haben.«

    »Du hast ja keine Ahnung, wie oft ich diesen Satz schon gehört hab! Beinahe noch häufiger als Wow, bist du heiß, kannst du dich ausziehen?«

    »Nicht witzig«, sagte Jem, grinste aber.

    »Wir haben tausendmal darüber geredet. Ich schätze, das tun hier alle. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der keinen Terminus hatte« - so wurde die Zahlenfolge auf unserem Arm genannt - »oder der wusste, wo er herkam. Ling glaubt, das Ganze sei eine Verschwörung der Regierung. Farid hat immer behauptet, der Konsul wäre für so was nicht intelligent genug. Dann haben sie sich darüber regelmäßig in die Haare gekriegt.«

    »Aber...« Jem hielt inne und schaute die Wodkaflasche an, als gäbe es nichts Interessanteres. »Du musst dich doch auch daran erinnern. An diese Leute, die einem zuerst begegnen. Sie sagen dir, du bist jetzt in Eden und dass du dich an die Gesetze halten musst. Sie haben keinen Terminus.«

    »Das sind Sklaven«, erklärte ich. »Die wahrscheinlich für die Regierung arbeiten; niemand weiß das genau. In meinem Fall waren es glatzköpfige Frauen in Seidenkleidern. Ich dachte, ich halluziniere.«

    Jems Miene wurde eine Spur verkniffener. Anscheinend hatte sie dasselbe erlebt.

    Dann sagte sie: »Aber ich... ich hatte überall Blut, als ich aufgewacht bin.«

    Ich sah sie nicht an. »Ich auch.«

    Jems Lippen formten ein O.

    »Es war nicht nur Blut«, fuhr ich fort. »Wir... ich hatte auch Holzsplitter in den Klamotten, im Mund hatte ich Metall. Und überall Schürfwunden. Den Gehrock musste ich wegschmeißen, es war eine riesige Sauerei.«

    »Ich hab gehört, es ist verboten, etwas zu besitzen... das man vorher hatte.«

    »Das kann ich dir so ziemlich bestätigen«, sagte ich. Aljoscha hatte versucht, unsere Vergangenheit zu rekonstruieren, und war dabei erwischt worden. »Ich kenne nur eine Person, die etwas besitzt, das nicht von hier stammt.«

    »Und wer soll das sein?«, fragte Jem.

    »Ling.«

    Das schien sie zu überraschen. Ich war mir nicht sonderlich im Klaren, wie Jem und Ling übereinander dachten, aber ich kannte Ling. Sie war eine von gefühlt zwanzig Occulti in der Stadt, und das war noch eine Untertreibung dafür, für wie besonders sie sich hielt.

    Jem klang jetzt auffällig desinteressiert. »Ach ja, und was ist es? Eine handschriftliche Anleitung, wie man Leute vergrault?«

    »Glaubst du wirklich, dafür braucht sie eine Anleitung?«, witzelte ich. »Sie hat ein Buch, ziemlich abgegriffen. Roter Einband mit einem goldenen Stern. Ich habe die Schrift noch nie in Eden gesehen, deshalb schätze ich, dass sie es hierher mitgebracht hat.«

    »Danke für die Info. Wenn Ling mir noch mal blöd kommt, kann ich sie an die Schergen verpfeifen.« Jem stand auf und streckte sich. Ich verstand das Signal, blieb aber trotzdem sitzen.

    »So ist Ling nun mal«, sagte ich, während Jem über meine langen Beine hinwegstieg. »Sie würde dir für ein falsches Wort die Augen auskratzen, und setz dich besser nicht auf eins ihrer Messer. Aber sie würde nie ein Geheimnis verraten.«

    »Auch nicht an Valee?«

    »Valee«, sagte ich bedeutungsvoll, »findet jedes Geheimnis von selber heraus.«

    Jem ging zum Gang zurück, das Kinn trotzig vorgereckt. »Mein Geheimnis bekommt er nicht.«

    »Hat es was mit einem Typen zu tun?«, rief ich ihr nach. »Ich könnte ihn umlegen, wenn du willst.«

    »Netter Versuch.«

    »Das war keine Bitte. Ich werde jeden Typen umlegen, den du mir verschweigst.«

    »Gute Nacht, Finnian.« Und bevor ich mir's versah, war sie weg, verschluckt vom Halbdunkel.


    (Ende Kapitel 2)

  • So, jetzt bin ich auch wieder zum Weiterlesen gekommen. Falls du deine Frequenz beibehältst, werde ich sicher nicht halb so oft kommentieren wie du postest, aber verfolgen möchte ich die Geschichte trotzdem.


    Zum zweiten Teil:


    Teil zwei


    Teil 3:

    - Große Männer werden im Feuer geschmiedet. Das Privileg der Kleineren ist es, das Feuer zu entfachen. -


    - nur ein Irrer steigt in das Raumschiff eines Verrückten -

  • Hallo liebes Forum. Vielleicht wird ja irgendjemand hierauf noch aufmerksam. Würde mich freuen.


    3

    JEMIMA

    Abschnitt 1


    Seitdem Jaro und ich zu den Pulvis gekommen waren, kam ich mir vor wie ein Vampir. Die Tunnel, Katakomben und Abwasserkanäle waren jetzt unser notgedrungenes Zuhause, und allmählich fragte ich mich, was Sonnenlicht bedeutete.

    Deshalb war ich über die Maßen überrascht, als Valee mir am nächsten Tag einen Auftrag gab. Allein, ohne Jaro. Und nicht im Abgrund, sondern in Eden.

    »Dreizehn Uhr, Handelsbörse«, sagte er kurz angebunden wie immer und ging bereits ins nächste Gewölbe, vermutlich um Finnian und Cyril ebenfalls wortkarge Befehle zu erteilen. »Und zieh dir was an, man sieht deinen Bauchnabel. Von oben.«

    Wenn ich vorher überrascht gewesen war, kannte meine Perplexität jetzt keine Grenzen mehr. Valee hatte mich angesehen? Ich schüttelte den Kopf und ging ihm hinterher. »Mein Spiegel hat mir ziemlich deutlich gemacht, dass dieses Outfit perfekt ist und ich es tragen soll.«

    »Dein Spiegel ist ein Idiot.«

    Ich wollte ihm eine Reihe hässlicher Schimpfwörter an den Kopf werfen, aber er redete bereits mit Finnian, der ein Leinenhemd in einem Eimer auswrang. Anscheinend war es sein einziges Hemd. Ich starrte auf seine Bauchmuskeln und musste mich abwenden.

    »Ich brauche dich und Ling im Tantalus«, sagte Valee. »Ein paar von den Teufeln treffen sich heute dort, Wettsaufen und Glücksspiel inbegriffen. Ich will, dass ihr beide darüber diskutiert, dass Lissa Salomon ihre Goldbarren während ihrer Reise nach Kusch in ihrem Haus gelassen hat, mehr oder weniger unbewacht; und ob sich ein Einbruch lohnen würde.«

    Finnian drehte sich um und schüttelte das Hemd aus; Wassertropfen spritzten. Er sah auf unverschämte Weise gut aus – flache Muskulatur, die Haut gebräunt, wenn auch nicht so sehr wie Valees, und seine Locken hingen ihm nass im Nacken. Ich merkte, dass ich ihn anstarrte, und dass er das ebenfalls merkte. Er zwinkerte mir zu. »Ich versteh schon«, sagte er zu Valee. »Ich soll also alle Vorzüge betonen und Ling sagen, wie bescheuert sie ist? Krieg ich eine Art Lebensversicherung oder so?«

    Valee lachte nicht. Natürlich nicht. »Ich kann dir versichern, dass du es überleben wirst. Vorausgesetzt, Big Ric und seine Melonenköpfe fallen auf deine mangelhaften Schauspielkünste herein.«

    »Was ist mit dem Auftrag?«, fragte ich in seinen Rücken hinein. Er drehte sich nicht zu mir um, aber seine Schultern spannten sich an: das deutliche Zeichen dafür, dass er mich schon wieder für unausstehlich nervig hielt.

    Ich funkelte wütend seinen Hinterkopf an. Valee hatte braunes, fast schwarzes Haar, unregelmäßig geschnitten, das ihm über die Ohren bis zur Kante seines Kiefers fiel. Es war glatt, aber immer ungekämmt, und verlieh ihm etwas Wildes.

    »Alles zu seiner Zeit, Täubchen. Zu viele dumme Fragen machen es übrigens nicht leichter, eure Ärsche zu organisieren.«

    »Ich habe dich nicht darum gebeten«, sagte ich bissig. »Ich kann meinen Arsch selber organisieren. Was soll ich bei der Handelsbörse?«

    »Die Ohren offen halten. Dein Gehirn benutzen. Jedenfalls kannst du es ja mal versuchen.«

    Ich schluckte meine wütenden Tiraden herunter und wartete mühsam, bis er gegangen war, um wahrscheinlich Cyril und Ling zur Schnecke zu machen. Finnian hatte endlich sein Hemd angezogen und fuhr sich durch die roten Locken. »Willst du ein bisschen Opium? Das beruhigt.«

    »Ich bin gerne wütend«, erwiderte ich. »Es erinnert mich an das Essentielle im Leben.«

    »Und was wäre das?«

    »Dass Valee Eljson einen kräftigen Tritt verdient.«

    Finnian band sich seine Revolverhalfter um. Ohne seine Waffen links und rechts an den Hüften wirkte er irgendwie unvollständig. Das war nur logisch – er war der Heckenschütze, unser Sniper, und im ganzen Abgrund bekannt für seine Treffsicherheit. »Das klingt nach einem plausiblen Motto«, sagte er. »Versuch, dich nicht umbringen zu lassen, Täubchen.«

    Angesichts Valees Spitznamen zuckte ich zusammen. »Nenn mich noch mal so und deine Gedärme können dir beim Sterben zusehen.«

    Eine Weile lieferten wir uns ein Wortgefecht, das damit endete, dass er mich schnappte, unter den Arm klemmte und durchkitzelte. Dann erschien Ling auf der Bildfläche, gekleidet in einen schwarzen Overall, an dem ein einzelner roter Stern befestigt war, und warf uns einen verachtenden Blick zu. Finnian verabschiedete sich reumütig, dann verschwanden sie nach draußen ins Tunnelsystem. Ich nahm meinen Mut, meine hohen Schuhe und eine Taschenpistole aus unserer Waffentruhe und verließ das Versteck.

    Nach Eden gelangte man auf vielerlei Wege. Es gab mehrere Häfen, die nach zweifelhaften Führungspersönlichkeiten der Stadt benannt worden waren, etliche Viertel, in die ich noch nie einen Fuß gesetzt hatte, es gab Stadttore, Flusswege und natürlich den Weg aus dem Abgrund. Offiziell existierten drei große Tunnel, die ans Tageslicht führten, über steile Treppen und an engen Kurven entlang. Einer der Tunnel wurde allerdings schon seit Jahren von den Bluthänden abgeriegelt, und der mittlere führte direkt zur Miseria, weshalb ihn viele unberechenbare Leute benutzten. Ich wählte den Tunnel in der Nähe der Goldgrube, einer großen Höhle, die mehrere Etablissements zweifelhaften Rufs beherbergte. Einige dieser zweifelhaften Etablissements gehörten zufälligerweise uns.

    Ich hatte also wenig zu befürchten, als ich den Weg zur Goldgrube einschlug. Ein paar Fackeln beleuchteten die schmalen Gänge, aber ich war trotzdem verhältnismäßig froh, als ich in der Goldgrube ankam. Hier herrschte nur wenig Betrieb; es war schließlich Vormittag, und die Feierlustigen, Opiumabhängigen und Strolchdiebe krochen gerade erst aus ihren Betten. Hin und wieder »verirrten« sich ein paar von den Ellings oder den Schwarzen Teufeln in die Goldgrube und spionierten nach Informationen. Und dabei stellten sie sich meistens gar nicht übel an. Letztes Mal hatte ich Gerrec La Touche von den Ellings erst erkannt, als er keine fünf Meter vor mir stand. Und das, obwohl er bestialisch nach Alkohol stank.

    Aber jetzt war niemand Verdächtiges unterwegs. Vor der Blauen Taverne entdeckte ich den alten Mell, einen Schmuggler von der Fischerinsel, der sich mit einem Laufmädchen unterhielt. Die Läufer waren gut erkennbar an ihrer einheitlich braunen Kleidung und den Aufnähern, die Auskunft darüber gaben, dass sie unberührbar und neutral waren. Ich fragte mich, welche Information der alte Mell wohl übermitteln wollte und wem.

    Neben der Blauen Taverne befand sich das O'Reilly, ein Pub, der für seine deftigen Kräuterliköre ebenso bekannt war wie für seine Untertauchmöglichkeiten. Der Keller des O'Reilly war Anfangspunkt mehrerer kleiner Tunnel, über die weder die Schwarzen Teufel noch die Ellings Bescheid wussten, weil wir den Besitzer regelmäßig für sein Schweigen bezahlten.

    Ich hielt mich möglichst bedeckt. Zwar kannten die anderen Banden mich nicht als Mitglied der Pulvis, aber es gab immer ein paar Vögelchen, die zwitscherten. Also ging ich mit gesenktem Kopf an ein paar blassgrün gekleideten Kurtisanen vorbei, die lachten und unverhältnismäßig früh Alkohol tranken. Aber das hier war der Abgrund. Hier gab es keine Regeln, keine Gesetze. Nicht einmal die Schergenpatrouillen, die regelmäßig über die Tunnelsysteme hereinbrachen wie ein Gewittersturm, konnten sich über die Sittenlosigkeit und den Moralverfall, wie sie es nannten, hinwegsetzen. Die Kurtisanen hatten schwarze, aufgemalte Tränen in den Augenwinkeln, aber keine Amethyste im Haar – das Zeichen dafür, dass sie nicht zum Freudenhaus Amethyst gehörten, sondern wahrscheinlich für Zuleika Bara arbeiteten. Bara unterhielt eines der nobleren Etablissements – in Eden, nicht im Abgrund. Es ging das Gerücht, dass einige hochrangige Schergen ihre Kunden waren.

    Ich wandte mich ab, damit die Kurtisanen mein Gesicht nicht sehen konnten. Denn Zuleika Bara war nur zweitrangig eine Freudenhausbesitzerin. Vordergründig war sie eine erstklassige Spionin, Informantin und Nachrichtenhändlerin. Wenn jemand wissen würde, dass die Pulvis zwei Neuzugänge zu verzeichnen hatten, dann sie. Und mit ein paar gewechselten Denaren würden es bald auch die anderen Gangs wissen.

    Es gab einen Grund, warum ich vorsichtig sein musste. Im Abgrund galt das ungeschriebene Gesetz, dass jeder, der nicht neutral operierte, das irgendwie kenntlich machen musste. Die Bluthände färbten sich die Handteller mit Henna rot, dessen Gestank man schon aus zehn Metern Entfernung erkennen konnte. Die Ellings schnitten sich als Initiierung die Ohrläppchen durch. (Und auch sonst war bei ihnen im Oberstübchen definitiv etwas falsch.) Die Schwarzen Teufel ließen sich eine Teufelskralle tätowieren. Und die Pulvis ließen sich, auf Farids Geheiß hin, eine einzelne Haarsträhne weiß färben. Meine Strähne war weniger gut erkennbar, da ich sie meistens unter den anderen Haaren verdeckte, aber Valee trug seine offen zur Schau gestellt. Sie zu verstecken, war sinnlos: Jeder kannte Valee Eljson.


    (Ende Abschnitt 1)

  • Heyho Stadtnymphe ,


    schöner Abschnitt. Ich habe jetzt viel über Jemimas Umgebung gelernt...und auch einiges über ihre Gang. Sehr atmosphärisch geschrieben, ich mag's. Hier noch ein bis drei Anmerkungen:

    Ich merkte, dass ich ihn anstarrte, und dass er das ebenfalls merkte.

    Jemima merkt nicht, das sie ihn anstarrt. Das tut sie einfach. Also vielleicht eher so: "Ich starrte ihn an. Und Finnian spürte das."

    Ich funkelte wütend seinen Hinterkopf an.

    1.Valee kann die Wut gar nicht wahrnehmen, die Jamima erfüllt (abgesehen davon, daß es ihn nicht interessiert). Darüber hinaus gebrauchst Du den Satz 2. als Einleitung der Beschreibung von Valees Frisur. Irgendwie hat das eine für mich mit dem anderen nichts zu tun.

    Die Läufer waren gut erkennbar an ihrer einheitlich braunen Kleidung und den Aufnähern, die Auskunft darüber gaben, dass sie unberührbar und neutral waren...

    Im Kontext zum Abgrund hatte ich sofort die Nachrichtenläufer aus dem Film "City of Ember" vor Augen...:smoker:

    »Versuch, dich nicht umbringen zu lassen, Täubchen.«

    Angesichts Valees Spitznamen zuckte ich zusammen.

    Auch wenn Du angedeutet hast, daß manches kürzer geschrieben werden kann, hier mußt Du verlängern, vielleicht so: "Angesichts des Spitznamens, den Valee mir verpasst hatte zuckte ich zusammen."


    Sonst könnte man Valee als das Täubchen verstehen...^^



    Der Wanderer

  • Ist das deiner Meinung nach relevant? Ich wollte den Leser absichtlich im Ungewissen lassen, da eigentlich die Frage keine Rolle spielt, sondern die Antwort, die sie bekommen hat...

    Es ist nichts was ich mich groß fragen würde, also nicht relvant im Sinne von wichtig für die Geschichte bzw. das Verständnis, aber deine Formulierung wirft bei mir diese Frage auf. Wenn das aber dein Ziel war, ist das okay.

    Nordisch? Echt?

    Hatte Valees Nachname in die Ecke geschoben, aber rückblickend vermutlich fehlinterpretiert.

    Ich nehm das mal als Kompliment.

    So war es auch gedacht :)



    Den neuen Teil finde relativ durchschnittlich ohne große Höhen und Tiefen. Der (kurze) Abschnitt in dem sie ins Schmachten verfällt hat mich persönlich irgendwie ein bisschen rausgerissen, einfach weil es inzwischen so klischeebehaftet ist und deine Beschreibung genau in diese Kerbe schlägt. Objektiv betrachtet ist es natürlich überhaupt nicht schlimm und auch von der Beschreibung durchaus im Rahmen.

    Die neuen Informationen die wir hier erhalten haben finde ich interessant, auch wenn es sich bisher eher um atmosphärische Details handelt, die zwar durchaus wichtig für die Geschichte und ihre Wirkung sind, meine Neugier aber natürlich noch nicht befriedigen :D

    Das System mit dem neutralen Nachrichtendienst ist eine gute Idee und vermittelt zusammen mit den Erkennungszeichen eine Art "Ehrenkodex", auch wenn es mir ein bisschen schwer fällt mir vorzustellen, dass das lückenlos eingehalten wird. Gibt zwar durchaus historische Beispiele für derartiges, dann hat allerdings meistens eine Instanz über die Einhaltung gewacht. Das heißt irgendjemand müsste ja auch hier für Sanktionen sorgen.

    - Große Männer werden im Feuer geschmiedet. Das Privileg der Kleineren ist es, das Feuer zu entfachen. -


    - nur ein Irrer steigt in das Raumschiff eines Verrückten -