Freakshow: Episode 2

  • Hier geht es jeden Dienstag mit der zweiten Episode der Freakshow weiter. Das vollständige Genre der Geschichte ist nach wie vor Humoristic Urban Romantasy, aber so viele SubGenres lässt mich das Forum ja nicht vergeben :pardon:

    Um mit Episode 2 mithalten zu können, müsst ihr Episode 1 gelesen haben: Freakshow: Episode 1


    Wer das getan hat, kennt den Disclaimer schon:

    Das Ganze ist für mich ein just-for-fun-Projekt, also persönliches Entertainment des Schreibens Willen, um mich an überzeichneten Figuren und doofen Witzen auszutoben. Deswegen werde ich die Geschichte auch nicht überarbeiten, denn dafür hält sich mein schriftstellerischer Ehrgeiz zu stark in Grenzen. Ich werde nichts an den Figuren ändern, ich werde nichts an den Szenen ändern und auch nicht meinen Schreibstil. Diese Geschichte ist ein reines Spaßprojekt für mich und soll vorrangig mir selbst gefallen :) Bitte respektiert das, genauso wie ich es respektiere, solltet ihr eure Zeit lieber in Texte investieren wollen, die Korrekturen und Verbesserungen wünschen.





    Ein Wolfsrüde mit Trennungsschmerz, eine sabotierte Fußballmannschaft, scharfe Highlander und ein geleistetes Versprechen unter Freunden - was das mit Sexphantasien über Nachhilfelehrer, überteuerten Energydrinks, der digitalen Vernetzung in den sozialen Medien, Feenstaub und dem einzig wahren Ein-für-alle-Mal zu tun hat und weshalb nichts davon einen Mann so sehr auf Trab hält, wie die kleine Schwester seines besten Freundes:



    Freakshow


    Episode 2 – Vertrauen ist gut, Kontrolle ist Bär




  • Abigail


    „Wenn du mich nicht auf der Stelle absetzt, wirst du dein blaues Wunder erleben, das schwöre ich dir! So lasse ich mich nicht behandeln! Jetzt nimm sofort deine Hände von mir weg! Hörst du, Kolja?! Ich will hier runter!“

    Aufgebracht trommelte Abigail mit den Fäusten gegen Koljas Rückenmuskulatur. Wie ein nasses, muffiges Bündel Stroh hing sie über seiner Schulter, schimpfte und strampelte heftig mit den Beinen um ihre Freiheit. Entführung! Genau darum handelte es sich, denn sie wurde von diesem Unhold Kolja gegen ihren Willen verschleppt und das ausgerechnet auf Anweisung ihres eigenen Bruders. Herrje, sie brauchte keinen Aufpasser! Abby war eine erwachsene Frau; niemand musste sie im Auge behalten, nur weil Scott heute Nacht dem fiesen Alphawolf Finn O'Rourke das Handwerk legte. Aber jeglicher Protest stieß auf taube Ohren. Kolja würdigte ihre Gegenwehr mit konsequentem Stoizismus und eisernen Griff um ihre Taille. Einem unfassbar eisernen Griff. „Ich sage es zum allerletzten Mal!“, warnte Abby ihn eindringlich. „Lass mich los! … Huch!“

    Mit einmal hörten die Wohnhäuser auf, im Rhythmus zu Koljas gemächlichen Trott zu schwanken. Gleichzeitig neigte sich Abbys Blickwinkel und ehe sie sich versah, stand sie aufrecht mit beiden Füßen auf den Pflastersteinen des Gehwegs. Oh! Das... na also! So fühlte sich die Wölfin gleich wesentlich wohler, wenngleich sie sich wirklich wünschte, Kolja wäre ihrer Bitte etwas eher nachgekommen. Sie zupfte ihren verrutschten Faltenminirock, sowie die darunterliegenden schwarzen Leggins zurecht. Der unfreiwillige Abmarsch aus dem Tír na nÓg hatte sie ganz schön durchgeschüttelt. „Danke! Aber weißt du, Kolja?“, tadelte Abby den Bärenpoly. „Das war unnötig. Ich bin kein kleines Mädchen und komme hervorragend ohne Hilfe zurecht. Wenn es dir nichts ausmacht, werde ich daher den Rest des Wegs nachhause allein gehen.“ Zur Verdeutlichung ihrer Entschlossenheit stemmte Abby die Hände in die Seiten. Schließlich dämmerte es gerade erst und um die verbleibende Strecke sicher zurückzulegen, benötigte sie keinen großen, starken Beschützer wie Kolja. Obwohl Abby gern zugab, dass der Freund ihres Bruders dank seiner Körperhöhe von über einem Meter und neunzig und dem breiten Kreuz durchaus... eindrucksvoll wirkte. Auf die eine, wie die andere Weise.

    Ihr Entschluss schaffte es, Kolja erstmalig seit ihrem Aufbruch eine Reaktion zu entlocken. Er musterte ihr Gesicht und erklärte: „Du bist zuhause.“

    Wie bitte? Verdutzt betrachtete Abby ihre Umgebung. Im Halbdunkel erkannte sie die aufgereihten Terrakottafiguren ihrer Mutter, die über die Auffahrt hinweg leblosen Blicks gebannt Kierans Basketballkorb bestaunten, als hätte einer von ihnen einen spektakulären Drei-Punkte-Wurf vollbracht. Tatsache. Pflichtbewusst hatte Kolja sie direkt vor der Haustür abgeliefert.

    „Du hast mich bis nachhause getragen?“, stellte Abby erstaunt fest. Mit knapp einem Meter achtzig zählte sie zu den hochgewachsenen Frauen und als ob ihre Größe nicht genügte, ein entsprechendes Gewicht auf die Waage zubringen, sorgten die Muskeln durch das regelmäßige Volleyballspiel für zusätzliche Masse. Kurz gesagt: Abby stellte wahrhaft kein zartes Leichtgewicht á la Moira dar. Nichtsdestotrotz hatte Kolja sie vom Pub bis zur Türschwelle geschleppt und zeigte darüber keinerlei Erschöpfungserscheinungen.

    Aus den Schubladen ihres Gedächtnisses versuchte Abby eine Erinnerung hervorzukramen, wann sie zuletzt von einem Mann von den Füßen gehoben wurde. Hatte das seit ihren frühen Kindheitstagen überhaupt jemand? „Das ist beeindruckend“, staunte sie. Man lief immerhin fast vierzig Minuten bis hier her!

    Kolja legte den Kopf schief, was entsprechend seinem Wesen wohl einem anerkennenden Nicken gleichkam. „Und du hast die ganze Zeit über gezappelt und gezetert. Das ist auch beeindruckend.“

    Sein Kompliment brachte ihre Mundwinkel mit derselben spielenden Leichtigkeit nach oben, mit der Kolja Abby auf Händen zu tragen vermochte.

    Oh je, halt! Was tat sie denn da? Sie sollte ihm doch verübeln, sie wie eine verspätete Paketlieferung behandelt zu haben, die es nicht rechtzeitig bis Weihnachten an ihr Ziel geschaffte hatte. Außerdem lächelte man den besten Freund seines großen Bruders nicht verträumt an. Das tat man nur mit Männern, die man mochte. Das hieß, selbstverständlich mochte Abby Kolja. Bloß nicht auf diese besondere Art, auf die man für einen attraktiven Mann schwärmte. Wobei diese Bezeichnung in Abbys Augen definitiv auf ihn zutraf, denn sie stand unheimlich auf große Männer und seine Nase und die Augenbrauen wiesen diese herrlich geradlinigen Akzente auf, die Abby einfach anbetungswürdig fand. Ah... worauf wollte sie noch gleich hinaus? Manchmal schlugen ihre Gedanken eigenmächtig Purzelbäume, ohne Abby zu fragen, ob sie mitspielen möchte.

    Egal. Kolja und sie kehrten von keinem Date heim, also warteten sie wohl kaum darauf, dass der jeweils andere den ersten Schritt wagte und sie als krönenden Abschluss ihrer Verabredung miteinander rumknutschten, bis Abbys Vater von drinnen aufgebracht über den Lichtschalter der Außenbeleuchtung das Signal zur Verabschiedung morste. Die gebührende Zeitspanne, die ein Mann vor dem Haus einer jungen Frau verbringen durfte, war nach Abbys Auffassung demnach überschritten. „Ich bin jetzt daheim, genau wie Scott es wollte. Du hast deinen Auftrag ausgeführt. Du darfst gehen“, enthob sie ihn somit seiner Pflichten und unterstrich ihre Worte mit der dazu passenden, wegschickenden Handbewegung. Allerdings schien Kolja die Situation gegenteilig einzuschätzen.

    „Nein.“

    „Nein?“

    Er zuckte mit den Schultern. „Scott will, dass ich auf dich aufpasse, solange er beschäftigt ist. Ich bleibe deswegen bei dir, bis er sein Problem mit O'Rourke aus der Welt geschafft hat.“

    Natürlich musste der beste Freund ihres Bruders ebenso unnachgiebig sein, wie er selbst. Nun gut. Irgendwie imponierte ihr Koljas Pflichtgefühl gegenüber Scott ja. „Wie du meinst“, gab sie vor, einzulenken und verschränkte die Arme ineinander. Sicher gab es eine Möglichkeit, ihren unerwünschten Leibwächter abzuwimmeln. Der Beschützerinstinkt von vier Brüdern deckte Abbys Bedarf an Kindergärtnern beileibe; auf einen weiteren Wachhund konnte sie wahrlich verzichten! Da Kolja und Scott offenbar gewisse Charakterzüge teilten, glaubte Abby auch bereits eine Idee zu haben.

    Unterdessen zog Kolja sein Smartphone hervor und überprüfte den Messanger-Dienst nach eventuellen neuen Nachrichten. Abby beobachtete kurz die Bewegungen seiner Finger und überfiel Kolja dann in seiner Arglosigkeit mit den magischen Zauberworten, durch die Scott und Colin jederzeit Reißaus vor ihr nahmen: „Sag mal, hast du Lust auf eine Runde SingStar? Ich habe eine neue Erweiterung mit neuinterpretierten Folkmusik-Titeln gekauft.“ Allein die Erwähnung ihres Lieblingsspiels vertrieb ihre Brüder schneller vom Grundstück, denn jede Polizeisirene.

    Doch Kolja... Kolja blickte nicht einmal von seinem Telefon auf. Kein Anflug von Widerwillen lag in seiner Stimme. „Ja, warum nicht“, antwortete er entspannt.

    Perplex löste Abby ihre Haltung. Hatte Kolja eben wirklich von sich gegeben, was ihre Ohren ihr weiszumachen versuchten? Bisher hatte sich noch nie jemand dazu bereit erklärt, mit ihr zu spielen. 'Ja, warum nicht.' Oh Gott. Vibrierte der Bass seiner Stimmbänder schon immer derart aufregend zwischen ihren Organen nach? Vor lauter Verblüffung teilten sich Abbys Lippen. Atemlos glitt dazwischen hervor: „Colin hat die Schrauben aus der Konsole gedreht... .“

    „Ich drehe sie wieder rein.“

    Und da wurde Koljas Erscheinung von einem sanften Licht umhüllt, welches sich als wohltuende Wärme in Abigails Brust zur Ruhe bettete und mit wundervoller Zärtlichkeit ihr Herz streichelte. Pochend sang dieses Koljas Namen, dessen bloße Gegenwart hingebungsvoll jeden einzelnen ihrer Sinne liebkoste. Konnte es denn sein, dass sie...?

    „Wieso ist die Lampe angegangen?“, wollte Kolja wissen und sah zu der Lichtquelle an der Hausfassade, die mit ein paar Zentimetern Abstand über seinem Kopf hing. Dem Bewegungsmelder für die Vorgartenbeleuchtung schien zu diesem Zeitpunkt die Sonne weit genug hinter dem Horizont verschwunden zu sein, sodass er sich berufen fühlte, seinen angedachten Dienst zu verrichten und für Helligkeit zu sorgen. Diese Antwort bekam Kolja jedoch nie zu hören. Stattdessen holte Abby tief Luft.

    „Kolja?“

    „Mh-mh?“

    Abby verschränkte die Finger vor dem Oberkörper und während sie glücklich über beide Ohren hinweg strahlte, setzte sie ihn mit größter Freude darüber in Kenntnis: „Ich glaube, ich liebe dich!“

    Daraufhin entzog Kolja der Lampe seine Aufmerksamkeit und richtete sie voll und ganz auf Abby. Seine Augenbrauen zuckten.

    „Uhrm, was?“



    nächster Teil

  • Oh Gott, Abby! :rofl:


    Ich bin ja mal gespannt, wie diese Episode wird. Offensichtlich geht es hier mehr um Abby und Kolja. Wie du weißt, konnte ich der kleinen Wölfin in Episode 1 nicht viel abgewinnen. Das könnte also spannend werden! Vielleicht schafft sie es ja doch noch, meine Einstellung zu ihr zu ändern :D


    Jedenfalls war die Situation herrlich amüsant. Während sie ihn voll anhimmelt, macht er sich Gedanken, warum das Licht angeht xD

    Und dann seine Reaktion auf das Liebesgeständnis :D

    Nun muss ja irgendwas passieren, denn wir wissen aus Ep. 1 ja, dass die beiden Sing Star gespielt haben, als die anderen das Problem mit Donnelly gelöst haben :D

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • LadyK Lol, bei deinem Avatar habe ich mich gerade gefragt, ob mien Handy jetzt seinen eigenen Account angelegt hat :lol:
    Aber das Bild ist einfach toll!


    Okay, nun zum eigentlichenThema XD
    HAHAHAHAHAHAHAHAHA Abby ist so geil!!!
    Fällt einfach mit der Tür ins Haus, dabei hat sie zwei Minuten vorher noch geleugnet Kolja auf diese Weise zu mögen :rofl:

    Geht auf jeden Fall schon mal gut los :D
    Vor allem freue ich mich darüber mehr über Abby und Kolja zu erfahren :phatgrin: Die mochte ich in der letzten Episode schon.
    Vor allem will ich Scotts reaktion sehen. Schließloch sollte Kolja auf Abby aufpassen und nicht ihr herz gewinnen :P
    (Naja, sofern Kolja noch etwas geistreicheres beizusteuern hat als "Uhrm, was?" XD

    Aber wenn er jetzt auf dem Absatz kehrt macht, hat Abby ihr Ziel auch erreicht :P
    (Obwohl ich die Vorstellung, dass ein bäriger Typ wie Kolja Singstar sind, zum schießen finde!)

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Danke für die Kommentare LadyK Miri . Sehr schön, dass euch der erste Part schon zum Lachen bringen konnte ^^


    Vielleicht schafft sie es ja doch noch, meine Einstellung zu ihr zu ändern

    Schauen wir mal ob sie das packt ^^

    Vor allem will ich Scotts reaktion sehen. Schließloch sollte Kolja auf Abby aufpassen und nicht ihr herz gewinnen

    Hierzu kann ich dir spoilerfrei verraten, dass Scotts Reaktion auf Kobby ein wichtiger Punkt in der Handlung werden wird. Dein Wunsch wird dir also definitiv erfüllt werden :D

  • Acht Wochen danach.


    Eigentlich fand Abby an jeder Jahreszeit gefallen. Der Herbst verwandelte die Landschaft in ein prächtiges Farbenmeer, während der Winter zu gemütlichen Abenden mit einer heißen Tasse Tee in netter Gesellschaft einlud und im Frühling die Natur frisch erholt und voller Tatendrang aus ihrem verdienten Schönheitsschlaf zu neuem Leben erwachte. Doch der Sommer entfaltete seine ganz eigene Wirkung auf Abby. Die Sonne kam öfter hervor, beglückte jedermann länger mit ihrer Anwesenheit und allzu gern ließ sich Abby von ihrer heiteren Laune anstecken, um sie wiederum selbst unter ihren Liebsten zu verbreiten. Außerdem stand das Litha-Fest bevor, die Sommersonnenwende, die bis Samhain die Luft mit einem einzigartigen, magischen Hauch anreicherte.

    Auch heute zeigte sich das Inselklima gnädig – ein idealer Tag, um im Beisein guter Freunde auf der elterlichen Terrasse zu entspannen. Auf dem Stuhl neben Abby saß Moira und blätterte in einer Zeitschrift über Fotografie, derweil Kolja die Goldfische in einem Teich etwas weiter hinten im Garten begutachtete. Genau genommen begutachtete er sie weniger, als dass er mit hochgekrempelten Hosenbeinen bis zu den Kniekehlen im Wasser stand und einen Anstarrwettbewerb gegen das eigene Spiegelbild abhielt. Alles in allem herrschte eine angenehme, friedliche Stimmung. Wirklich friedlich, dachte Abby unbekümmert.

    Dann erklang aggressives Knurren und noch in derselben Sekunde stürmten zwei übergroße, schwarze Wölfe durch Abbys Sichtfeld. Mit gefletschten Zähnen und schwelenden, gelben Augen gingen sie aufeinander los; der eine versetzte dem anderen einen Biss in den Stop und als sein Gegner ihn abschüttelte, zerschmetterte sein Gewicht die umstehende Dekoration. Eine unschuldige Terrakottaente verlor auf einen Streich all ihre Küken. Apathisch stierte sie auf die zerschellten Überreste ihrer Familie, bis ihr eine Hinterpfote dasselbe Schicksal zuteilwerden ließ und sie schlussendlich mit ihren Kindern im Terrakottahimmel wiedervereint wurde. Beziehungsweise in der Restmülltonne, sobald jemand den Unrat wegräumte. Abbys Blick wechselte von dem Scherbenhaufen zu den raufenden Wolfsrüden. „Muss das denn sein?“, fragte sie vorwurfsvoll. Ihre Brüder schafften es einfach, in jede denkbare Situation Unruhe hineinzubringen!

    Vollständig zurückverwandelt, landete Colin rücklings im Gras und wenige Schritte von ihm entfernt kämpfte sich Scott auf die Beine. Ihre Auseinandersetzung hatte beide Männer offensichtlich verausgabt, denn Colin musste erst einmal zu Atem gekommen, bevor er seinen Bruder anmotzte. Über seiner Braue zeichnete sich ein Kratzer ab. „Hast du Penner sie noch alle?? Ich hab' gesagt, nicht ins Gesicht!“

    „Als ob das bei deiner hässlichen Hackfresse noch einen Unterschied machen würde!“, knurrte Scott zurück und bekam unversehens Colins Gegenrede um die Ohren gepfeffert:

    „Und als ob bei deinem Gestank 'n Bad in der Klärgrube einen Unterschied machen würde!“

    „Jungs, das reicht!“, schritt Abby verbal sowie physisch dazwischen, weil sich Scott bereits wieder streitsüchtig vor Colin aufbaute. In letzter Zeit schien ihr Bruder überaus reizbar zu sein. Noch Reizbarer, als Abby von ihm gewohnt war und das sollte bei Scotts unbeherrschter Persönlichkeit etwas heißen. Unbedeutende Kleinigkeiten, die ihm normalerweise an seinem – momentan unbekleideten – Allerwertesten vorbeigingen, brachten ihn dieser Tage auf Hundertachtzig. Neulich hatte er die Rückscheibe eines Kleinwagens eingeschlagen, bloß, weil der Fahrer den Bürgersteig zugeparkt hatte und Scott nicht daran vorbeikam. Und als der Fahrzeughalter Scott im Anschluss erbost zur Rede stellte, richtete Scott mit seinem Gesicht dasselbe an, wie mit der Scheibe. Irgendwas drückte ihm auf die Leber. Na, das lockte Abby schon aus ihm heraus! „Was ist denn los, Scott? Du benimmst dich neuerdings wie ein Choleriker. Bedrückt dich etwas?“ Falls er ein offenes Ohr benötigte, so stand ihm Abby natürlich jeder Zeit zur Verfügung! Scott war ihr großer Bruder und wenn er sich den Kummer von der Seele reden musste, würde sie für ihn da sein. Das spezielle Band zwischen Geschwistern war es, was die Welt zusammenhielt.

    Bevor Scott eine Antwort geben konnte, platzte Colin dazwischen: „Unser Strohwitwer ist angefressen, weil sich sein Frauchen lieber um Lepra kümmert, statt um seine Libido.“

    „Laber keinen Scheiß!“, kläffte Scott prompt, wobei die Impulsivität seiner Reaktion seine anschließenden Behauptungen dicke, fette Lügen strafte. „Soll Hazel doch machen, was sie will. Ist mir egal! Was kümmert's mich, wann und für wie lang sie nach Irland zurückkommt. Als ob ich ihretwegen springen würde.“

    Scott sprang, als sein Smartphone just in diesem Augenblick zu läuten begann. Wie aufs Stichwort schmetterte es eine klassische Variante von 'The Star Of The County Down' und zuckelte vibrierend über den Gartentisch, auf dem Scott es abgelegt hatte.

    „Wenn man vom Teufel spricht...“, mokierte sich Colin. Dieser unromantische Kerl. Dabei waren die zwei doch so süß zusammen! Um sofort mitzukriegen, wenn Hazel ihn anrief, hatte Scott ihrer Nummer einen eigenen Klingelton zugewiesen und sobald die Melodie einsetzte, kramte er jedes Mal ganz hektisch nach seinem Smartphone. Bestimmt gab es einen wunderbaren Grund, aus dem Abbys Bruder ausgerechnet dieses Lied für seine Freundin auswählte – oder weshalb die beiden sich so gern gemeinsam in Küchen aufhielten. Hach, wie schön die Liebe doch sein konnte!

    Eilig schnappte Scott seine schwarze Jogginghose von einem achtlos fallengelassenen Kleiderhaufen und schlüpfte überstürzt von einem Hosenbein ins nächste. Leider erreichte er das Smartphone nicht rechtzeitig und die Musik verstummte mit Beginn des ersten Refrains. Aufgelegt. Eventuell war auch nur wieder die Verbindung abgebrochen. Das Funksignal in dieser Gegend ließ echt zu wünschen übrig, weswegen Abby lieber über die Festnetzleitung telefonierte oder Internetdienste benutzte. Jedenfalls wirkte Scott enttäuscht, als er das schweigende Telefon vom Tisch nahm und erntete dafür auch noch Colins Spott: „Deine Freundin sollte mal 'ne Pille gegen Einfallspinselei entwickeln, dann bekommt sie mit dir das ideale Versuchskaninchen und du wenigstens mal deine Doktorspielchen von ihr.“

    Oh, ein solches Medikament herzustellen wäre für Hazel doch ein Klacks! Schließlich gehörte sie zu den begnadetsten Hexen in Abbys Bekanntenkreis, zu dem neben Hazel selbst immerhin auch noch die Köchin der College-Mensa zählte. Ein Mittel, dank dem man gegen alles Erdenkliche immunisiert wird, braute ihr so schnell niemand nach. Zurecht würde man sie bald rufen als Dr. Hazel-... .

    Da wurde Abby bewusst, dass sie Hazels Nachnamen ja gar nicht kannte. Für sie war Hazel immer einfach Hazel gewesen. Die große Liebe ihres Bruders! Mehr brauchte Abby nicht über sie wissen, um die sympathische Westirin aus Galway in ihr Herz zu schließen.

    Zur Vervollständigung ihres Gedankens wollte sie die Informationslücke füllen. „Scott, wie lautet eigentlich Hazels Nachname?“

    „Burns“, antwortete Scott abgelenkt und tippte emsig eine Nachricht in sein Smartphone ein.

    „Burns? Der Nachname deiner Freundin ist Burns?“ Colin prustete und versuchte ziemlich erfolglos ein Lachen hinter seinen Lippen einzusperren. Seine Mundwinkel zappelten undiszipliniert auf und ab. Was fand er denn bitte schön so lustig an diesem Namen? „Hazel... deine Hexe... heißt Burns. Also Hazel, the witch, burns?“ Wie er es aussprach, ging Colin jede Selbstbeherrschung flöten und er brach endgültig in lautstarkes Gelächter aus. Abby runzelte die Stirn.

    „Hast du ein verdammtes Problem, oder was?“, fuhr Scott ihn ernsthaft wütend an und wischte Colin damit schlagartig das Amüsement von den Zügen. Beschwichtigend hob dieser die Hände vor die Brust, ehe ihm sein Bruder noch an die Kehle sprang. Ging es um Hazel, verstand Scott wahrlich keinen Spaß.

    „Reg dich mal ab, ja? War doch bloß ein Scherz.“

    Alsdann wurde er von Scott mit konsequenter Nichtbeachtung bestraft. Eventuell beanspruchte aber auch bloß das Smartphone voll und ganz Scotts begrenzten, geistigen Kapazitäten. „Scheiß Funkloch“, knurrte er und hielt das Telefon in sämtliche Himmelsrichtungen. Als das offensichtlich in keinem zufriedenstellenden Ergebnis resultierte, stapfte Scott auf der Suche nach Empfang durch den halben Garten und Abby wähnte ihren Bruder vor ihrem inneren Auge schon in den Beerensträuchern landen.

    Abgelenkt wie Scott aktuell war, ergriff Abby die Gelegenheit und kniff Colin fest in die Seite.

    „Au! Hast du sie noch alle?“, protestierte er und schlug ihre Hand weg. Weil er nach wie vor nackt vor ihr stand, erwischten Abbys Nägel die ungeschützte Haut. Hoffentlich zwiebelte es richtig!

    „Nimm gefälligst Rücksicht auf ihn! Eine Beziehung zu führen ist schwer genug, wenn man so oft voneinander getrennt ist, wie die zwei.“ Dass Abby ihm das tatsächlich sagen musste!

    Er verzog den Mund. „Was heißt hier Beziehung? Die beiden bezeichnen sich als Paar, aber sie leben ja nicht mal auf derselben Landmasse. Ich versteh's echt nicht. Ist so was überhaupt erlaubt?“

    Diese Frage konnte nur Colin allen Ernstes stellen. Sein Dasein als Langzeit-Single trieb ihm unbestreitbar den allerletzten Rest seines Zartgefühls aus und offenbar schien er diesbezüglich dringend eine Standpauke nötig zu haben. Indem er den geröteten Abdruck ihrer Finger unterhalb seiner entblößten Rippen rieb, schickte Colin Abbys Gedenken allerdings unbewusst in eine andere Richtung: „Willst du dir nicht endlich eine Hose anziehen?“

    „Ne, wieso?“, fragte Colin gleichgültig.

    „Es sind Frauen anwesend!“ Fand sich denn kein bisschen Anstand in diesem Mann?

    Allen Anschein nach lautete die Antwort auf diese Frage Nein, denn Colin sah Abby verständnislos an und meinte: „Du bist's doch gewohnt, uns nackt zu sehen.“ Ja, das mochte durchaus sein. Aber Punkt Eins: Nur weil Abby einer Polymorphengattung angehörte und daher die Männer in ihrer Familie von klein auf nach jeder Rückverwandlung in ihrer vollumfänglichen Glorie zusehen bekam, bedeutete das keineswegs, dass sie dieses Privileg auch unbedingt in Anspruch nehmen wollte.

    Punkt zwei: Derzeit hatte Abby keinen festen Freund, jedoch könnte sich das in naher Zukunft schnell ändern und dann wollte sie sich die sinnlichen Momente intimer Zweisamkeit mit ihrem Schatz auf keinen Fall dadurch verderben, beim Anblick eines Penis an ihre Brüder denken zu müssen.

    Und schlussendlich Punkt drei: „Es geht nicht um mich! Was ist mit Moira?“

    Colin richtete sein Augenmerk auf die Banshee, als wäre ihm ihre Existenz eben erst wieder in den Sinn gekommen. Der Überraschungsangriff der Rüden hatte sie erschrocken von ihrem Stuhl hochgescheucht. Zutiefst beschämt verbarg sie ihren hochroten Kopf hinter dem Hochglanzeinband ihrer Zeitschrift und schirmte auf diese Weise gleichzeitig ihren Blick vor Colins Gestalt ab. Zumindest schien das ihr Plan gewesen zu sein. Im Resultat waren ihre Finger auf halber Strecke in eine Schockstarre gefallen, sodass Moiras blaue Augen weitoffenstehend über den Rand der Seiten hinweg... nun ja, Colin fixierten. Oh je, armes Ding. Hoffentlich setzten ihre rubinleuchtenden Wangen vor lauter Hitze nicht das Papier in Flammen. Abby fühlte es der Banshee nach. Einmal hatte sie als Teenager ihre Eltern beim Sex überrascht und damals war sie genauso zur Salzsäule erstarrt. Es war wie bei einem schrecklichen Verkehrsunfall mit mehreren Schwerverletzten. Weder wollte man hin-, noch konnte man wegsehen. Mit Nachdruck forderte Abby ihren Bruder deshalb nochmalig auf: „Bitte, Colin!“

    Beide Hände auf die blanken Hüften gestemmt, rollte Colin genervt die Augen und stieg im Anschluss zu Abbys Zufriedenheit in seine Jogginghose. Er ließ den grau umsäumten Gummibund gegen seinen Bauchnabel schnippen. „So oft wie die schon von irgendwelchen Typen verlassen wurde, hat die in ihrem Leben doch schon haufenweise nackte Kerle gesehen“, kommentierte er zynisch.

    „Colin!“ Entsetzt verschlug es Abby die Sprache. Wie konnte er nur so gemein zu Moira sein?

    Seine Strafe folgte umgehend, denn unvermittelt landete Moiras Zeitschrift einen Volltreffer mitten in seinem Gesicht. Sichtlich verärgert funkelte die Banshee Colin an und senkte dabei ihren Wurfarm. Also das hatte er nun wirklich verdient!

    Das Magazin fiel ihm raschelnd vor die Füße. Oh-oh! Abby schwante schlimmes, als Colin es wortlos vom Rasen aufsammelte, sodann mit bedrohlicher Ruhe auf Moira zuschritt und sich vor ihr aufbaute.



    nächster Teil

  • Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Danke für den Kommentar Miri ^^

    Zitat von Miri

    Meinst du Kopf?

    Nein, ich meine schon den Stop ^^ So bezeichnet man bei Hunden und Wölfen den Stirnabsatz, also was bei uns Menschen der Augenbrauen-Nasenwurzel-Bereich wäre.


    Zitat von Miri

    Hazel!!! *flötet herum*

    Richtig erkannt xD


    Zitat von Miri

    ... :rofl: *räuspert sich* Colin ist so taktlos! XD

    Oh ja xD Und ich liebe ihn dafür :rofl: Er ist nicht umsonst mein Baby <3


    Zitat von Miri

    10 Euro auf Moira!

    Die Wette ist platziert :D Hihi!

  • Ach. Ich mag Colin :D

    Hab ich gelacht! Ich glaube, er und ich würden uns prächtig verstehen xD


    Aber süß auch, was Abby immer so denkt. Voll der Gutmensch :D

    Ob Moira und Colin ein Paar werden? Ich glaube nicht. Dazu sind sie zu unterschiedlich und Colin neigt schon sehr dazu, ziemlich ekelhaft zu werden, auch wenn er das nicht ernst meint :)


    Zitat von Miri

    10 Euro auf Moira!

    :D da mache ich mit!

    Das wird gut!


    Kann weiter gehen Skadi :)

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • Ob Moira und Colin ein Paar werden? Ich glaube nicht. Dazu sind sie zu unterschiedlich und Colin neigt schon sehr dazu, ziemlich ekelhaft zu werden, auch wenn er das nicht ernst meint

    Aber Scott und Hazel passen rational auch überhaupt nicht zusammen.
    Und irgendwie fände ich es voll niedlich.
    Ich hatte vorhin schon das Bild im Kopf, dass Colin sich vor Moira aufbaut und sie dann einfach küsst #manchmalkannichjadochkitschig

    Aber es geht in der Episode ja um Kobby ... XD

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  • Ich sitze gerade grinsend vorm PC Miri  LadyK :D Eure Mutmaßungen sind sehr, sehr unterhaltsam!

    Wenn ich das richtig interpretiere, seid ihr also #TeamCoira, oder wie? :rofl:


    Zitat von Miri

    10 Euro auf Moira!

    :D da mache ich mit!

    Das wird gut!

    Armer Colin, die Wetten stehen gegen ihn xD


    Ich hatte vorhin schon das Bild im Kopf, dass Colin sich vor Moira aufbaut und sie dann einfach küsst #manchmalkannichjadochkitschig

    Da wäre "sich vor ihr aufbauen" aber die falsche Richtung. Bei dem Größenunterschied zwischen den beiden müsste er sich runterbeugen :D Random FanFact.


    Aber richtig, hier geht's um Kobby ^^ 🐻🐺

  • FunFact am Rande:


    Meine beiden kleinen Hunde haben gerade miteinander gerauft und ich hatte dabei sofort das Bild von den kämpfenden Scott und Colin vor Augen :rofl:

    Da hab ich doch glattweg meinen Kakao über den Tisch geprustet xD


    Zitat von Skadi

    Eure Mutmaßungen sind sehr, sehr unterhaltsam!

    Schön, wenn wir dich unterhalten können :D:P

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  • Da wäre "sich vor ihr aufbauen" aber die falsche Richtung. Bei dem Größenunterschied zwischen den beiden müsste er sich runterbeugen :D Random FanFact.

    Mir ist schon klar, dass Colin groß, bzw Moira ziemlich zierlich ist - Aber er kann ja auch nur antäuschen :grinstare:

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  • Schlagartig verblasste die Schamesröte auf den Wangen der Banshee, als würde sie angesichts Colins einschüchternden Aura die Flucht ergreifen - Etwas, was Moira augenscheinlich gerade auch liebend gern täte. „Vorsicht, Schätzchen“, warnte Colin sie mit rauer Stimme, während er ihr mit den zusammengerollten Seiten vor dem schneeweißen Näschen herumwedelte. „Wirf' nochmal deinen Scheiß nach mir und ich versohle dir damit den Hintern.“ Sein kühler Unterton verdeutlichte die Bereitschaft, seine Drohung tatsächlich umzusetzen. Moira schluckte schwer, dennoch trotzte sie der Bravade. Was für ein tapferes Wesen sie doch war!

    Die Banshee versuchte Colin die Zeitschrift abzunehmen, aber dieser zog ihr das Objekt ihrer Begierde flugs unter den Fingern weg. Sie griff ein zweites Mal danach und erneut erwischte ihre Hand einzig die Luft. „Bitte gib sie her“, verlangte Moira schließlich von ihm.

    Er weigerte sich. „Nö.“

    „Ich will sie noch lesen.“

    „Dann hättest du mich nicht damit bewerfen sollen.“

    „Die Zeitschrift gehört mir!“

    „Hol sie dir doch.“

    Notgedrungen akzeptierte Moira die Herausforderung und langte zu. Doch wie zu erwarten, spielte Colin unfair. Er hob die Zeitschrift mit ausgestrecktem Arm über seinen Kopf und entzog sie somit endgültig Moiras Reichweite. Die Banshee schaute ihn frustriert an. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und renkte sich beinahe bei dem Versuch aus, die knapp fünfundzwanzig Zentimeter Größenunterschied zu überwinden. Sie hüpfte sogar an Colin empor, der unbeeindruckt seinen Arm von ihr weg neigte.

    Abby seufzte. Seit den Ereignissen um Hazels Bullet Journal gehörten ihre Gruppentreffen zum gewohnten Wochenablauf. Manchmal unternahmen sie etwas in der Stadt, manchmal sahen sie einen Film an und manchmal gammelten sie bloß gemeinschaftlich herum. So wie heute beispielsweise. Es ging ihnen um die Zeit, die sie zusammen verbrachten. Was Moira und Colin anbelangte, so hatte Abby gehofft, das Verhältnis der beiden würde sich verbessern. Gewissermaßen war das auch der Fall, immerhin redete ihr Bruder mittlerweile mit Moira und mied ihre Gegenwart nur noch selten auf Teufel komm raus, als litt sie an der Beulenpest. Trotzdem endeten die Wortwechsel der beiden in der Regel wenig freundschaftlich. Die zwei waren in ihrem Umgang miteinander einfach heillos festgefahren.

    Apropos fahren. „Wann holst du mich morgen eigentlich ab?“, fragte Abby ihren Bruder. Dieser wechselte die Hand, mit der er Moiras Zeitschrift festhielt. Die Banshee schnaubte entmutigt, weil ihre Bemühungen derart erfolglos blieben, dass Colin bereits die Blutzufuhr einschlief. Er antwortete: „Gar nicht.“

    „Du hast gesagt, du fährst mich morgen zum Supermarkt!“ Kieran und sie benötigten neue Lebensmittel. Darüber hinaus konnten ihre Eltern jeden Tag aus ihrem Urlaub bei Abbys Tanten und Onkel zurückkehren und sollten nach der langen Fahrt nicht erst noch die Einkäufe erledigen müssen.

    „Jap, das wird nix“, meinte Colin leichthin.

    Abby versuchte ihm daher zu erklären: „Aber ich kann unmöglich alles mit dem Bus nachhause tragen. Und außerdem hast du das meiste der Vorräte weggefuttert.“ Das musste er doch einsehen.

    Oder vielleicht auch nicht. Über Moiras auf und ab hopsenden, aschblonden Schopf hinweg erkannte Abby, wie Colin die Achseln hob. „Lass dich halt von Kieran fahren.“

    Kieran? Ernsthaft? „Kieran ist fünfzehn“, erinnerte Abby ihn. „Der Kleine ist ja noch nicht einmal alt genug, um die Fahrerlaubnis zu machen.“ Davon abgesehen gab es dank Colin und Scott keinen Zweitwagen mehr in der Familie, weshalb es allein schon an einem fahrbaren Untersatz mangelte.

    In all dem sah Colin kein Problem. „Und weiter?“

    Kritisch schürzte Abby die Lippen. Nein, es machte keinen Sinn, mit ihm oder Scott über dieses Thema zu diskutieren. Für Scott stellte eine fehlende Fahrerlaubnis grundsätzlich kein Hindernis dar, um sich hinter das Lenkrad eines Wagens zu setzen und Colin besaß die offiziellen Dokumente bloß deshalb, weil sie in vielen Handwerksberufen zu den Voraussetzungen für eine Festanstellung gehörten. Zum Glück suchte sich ihr Nesthäkchen Kieran seine Vorbilder in anderen Personen, als diesen zwei Rabauken.

    Offenbar bemerkte Colin den missbilligenden Ausdruck auf ihrem Gesicht. Jemand meinte einmal zu Abby, sie sähe damit aus wie ihre Mutter und vermutlich zeigte dieser Blick deswegen seine Wirkung gegenüber ihren Brüdern. „Tut mir ja leid“, rechtfertigte sich Colin nämlich. „aber mein Terminplan für morgen ist voll. Nach der Arbeit haben wir 'ne Mannschaftsbesprechung im Tír na nÓg und dann muss ich noch mit Ohli zum Tierarzt.“

    Ohli? Tierarzt? Diese beiden Begriffe in ein- und demselben Kontext gefielen Abby keineswegs! Besorgt erkundigte sie sich: „Ist er krank?“

    Zu Abby Erleichterung verneinte Colin kopfschüttelnd. „Ne, ihm müssen nur mal wieder die Klauen abgeschmirgelt werden. Er hinterlässt schon Spuren im Laminat. Und ich lass bei der Gelegenheit gleich mal meine Schutzimpfung gegen die Staupe auffrischen.“

    Oh, ach so. Dann war Abby ja beruhigt. Gleichzeitig brachte es sie auf eine Idee: „Der Supermarkt liegt auf dem Weg. Kannst du mich nicht absetzen und auf dem Rückweg wieder einsammeln?“

    Colin überlegte und lehnte indessen seinen Oberkörper zur Seite, um den Abstand zwischen Moiras Fingerspitzen und der Zeitschrift zu vergrößern. Schließlich stimmte er zu: „Das geht klar.“ Yay! Na bitte! „Du musst aber direkt in den Pub kommen.“

    Ja, ja, kein Problem. Das sollte Abby schaffen. Dafür brauchte sie auf der Heimfahrt vom College lediglich zwei Haltestellen eher aus- und in eine andere Buslinie umsteigen. „Super! Vielen Dank, Colin! Während du fährst, kann ich Ohli vielleicht mit ein paar Streicheleinheiten beruhigen.“ Auf die Art schlugen sie zwei Fliegen mit einer Klappe, denn Colins pelziger Gefährte fürchtete sich doch so vor den lauten Motorengeräuschen.

    Ihr Angebot wurde augenblicklich von Colin zurückgewiesen. „Vergiss es. Du lässt deine Griffel von ihm.“

    „Wieso denn?“, verlangte Abby zu erfahren. Sie liebte Tiere und Tiere liebten Abby! Vor allem Ohli verdiente ein ganz besonders großes Stück ihrer Zuwendung. Hach, beim Anblick dieser tiefschwarzen Augen und den großen Zähnen schmolz man regelrecht dahin. So drollig!

    Mit seiner freien Hand deutete Colin auf seine Stirn. „Weil er das letzte Mal, als ich dir erlaubt habe ihn hochzunehmen, vor lauter Stress eins seiner Hörner abgeworfen hat und dich musste ich ins Krankenhaus fahren, damit man dir die Bisswunde am Finger näht. Nochmal mach ich das Theater nicht mit.“

    Ach, diese Geschichte meinte er. Das war doch nichts weiter als ein Missverständnis gewesen. Ja, Ohli hatte ihr damals fast die Fingerkuppe abgebissen, allerdings lag so etwas in seiner Natur und ganz bestimmt trug weder sein Instinkt, noch Abbys überschwängliche Tierliebe Schuld an diesem bedauerlichen Unfall. Es gab also keinen Grund, Groll aufeinander zu hegen. Sicherlich teilte Ohli ihre Ansicht.

    In diesem Moment schien für Moira der Punkt erreicht zu sein, an dem ihr der Geduldsfaden riss. Sie stoppte ihre Bemühungen, Colin ihr Eigentum zu entreißen, sah trotzig zu ihm hinauf und ohne Vorwarnung hieb sie ihm rabiat das Profil ihres Turnschuhs auf die ungeschützten Zehen. Colin schrie vor Schmerz auf. Aus Reflex griff er nach seinem Fuß und ließ dabei die Zeitschrift fallen, die Moira eilig schnappte und mit ihr auf Sicherheitsabstand zu dem Wolfsrüden ging. Besser war es, denn Colin fand ihre Aktion alles andere als lustig. „Das wirst du bereuen!“, knurrte er zornig und machte einen Satz auf die Banshee zu. Erschrocken wich Moira ihm aus, aber Colin klebte trotz temporärer Behinderung an ihren Fersen und zwang sie zur Flucht durch den Garten. Unweigerlich fühlte sich Abby an ein Kaninchen erinnert, welches hakenschlagend vor einem Fressfeind reißausnahm - Ein aschblondes, kuschliges Kaninchen, verfolgt vom großen, bösen Wolf. Kurzzeitig überlegte Abby, einzuschreiten, entschied sich schlussendlich jedoch dagegen. Colin würde Moira schon nichts Ernsthaftes antun. Er mochte hin und wieder ein echter Schuft sein, ein gewalttätiger Mistkerl steckte hingegen auf keinen Fall in ihm. Wahrscheinlich würde er Moira nur kopfüber bei den Goldfischen im Teich versenken.

    Automatisch richtete Abby ihre Augen auf die entsprechende Stelle im Garten. Wenn sie ehrlich sein sollte, fügte sich das künstliche Gewässer schwerlich in das Gesamtbild des Grundstücks ein, was schlichtweg daran lag, dass die Pläne ihres Vaters ursprünglich gar keinen Teich vorsahen. Aber irgendwann war Scott in die Pubertät geraten und aufgrund des geringen Altersunterschieds somit beinahe simultan auch Colin. Seinerzeit mussten Abbys arme Eltern also gleich die doppelte Dosis hormongesteuerter Zerstörungswut in Schach halten und blöderweise stellte sich die Formulierung 'Tut was Sinnvolles mit eurer Energie und grabt den Garten um!' als fatal heraus, da die zwei unzähmbaren Wolfpolyrüden die elterliche Anweisung wörtlich nahmen und mit ihren massiven Pfoten an einer völlig willkürlichen Stelle ein lächerlich großes Loch in den Rasen buddelten. Immerhin hatte Abbys Papa Fergus trotz aller Verärgerung auf Anhieb einen Nutzen in der Grube erkannt. So ganz sicher war sich Abby zwar bis heute nicht, ob er seine beiden Söhne tatsächlich lebendig darin begraben hätte, allerdings wurde dieses Vorhaben am Ende sowieso vereitelt, weil ihre Mutter Saoirse den Spaten bereits dafür verwendete, ihn Scott und Colin aufgebracht über die Schädel zu ziehen. Über die folgenden Monate hinweg wurde das Loch stattdessen zu einem Gartenteich mit Goldfischen ausgebaut, da die Tiere laut Abbys Vater 'im Gegensatz zu seinen Söhnen wenigstens einen schönen Anblick bei der Fütterung boten.' Damals war Abby noch zu jung gewesen, um sich selbst an diese Ereignisse zu erinnern; ihr ältester Bruder Niall konnte es dafür umso besser. Fiel wegen seiner ruhigen Persönlichkeit sein Eigenanteil zur Anekdotensammlung der Familie schon gering aus, so eignete er sich ausgezeichnet, diese zum Besten zu geben. Na ja. Eventuell mussten sich seine jugendlichen Schandtaten auch einfach bloß von Colin und Scott in den Schatten stellen lassen.

    Abbys Augenmerk verharrte fasziniert beim Gartenteich. Es war keineswegs die glitzernde Oberfläche, welche ihren Blick magisch anzog.

    Die Teichpumpe schickte sanfte Ringe über den Wasserspiegel hinweg und konzentriert beobachtete Kolja die Wellen, die entstanden, sobald sie gegen seine Beine plätscherten. Selbstständig trugen Abbys Füße sie zu dem Bärenpoly herüber und mit jedem Schritt nahm ihr Herzschlag um einen vollen Takt zu. Außer ihnen beiden schien gerade jeder aus der Clique abgelenkt zu sein, sodass Kolja und Abby einander überlassen blieben – ein höchst rar gesäter Moment, bei insgesamt fünf Personen. Leider.

    Etwa zwei Monate lag es zurück, dass Abby ihm ihre Gefühle mitgeteilt hatte. Bisher stand ihr Geständnis unkommentiert zwischen ihnen. Sie wartete nicht unbedingt auf eine Reaktion von Kolja; schließlich teilte man jemanden seine Zuneigung mit, damit derjenige von den Emotionen erfuhr, die er hervorzurufen vermochte. Nichtsdestotrotz schwebte Abby irgendwie in der Luft.

    Vielleicht hatte Kolja sie ja missverstanden. Englisch, vor allem mit irischem Akzent gesprochen, konnte für jemanden mit fremder Muttersprache schon einmal zu einer kleinen Herausforderung werden, zudem Russisch sowieso wenige Gemeinsamkeiten mit der germanischen Sprachfamilie Westeuropas aufwies.

    Sollte Abby eine Sache von Hazel und Scott gelernt haben, dann, dass Kommunikation das Ah und Oh in zwischenmenschlichen Beziehungen darstellte. Im schlimmsten Fall würde Abby ihr Leben lang vergeblich auf eine Rückmeldung von Kolja warten. Nein, das kam unter keinen Umständen in Frage! Ihr Entschluss stand fest: Sie bat Kolja um ein Date – nur sie zwei – und wie auch immer seine Antwort ausfiel, kannte sie zumindest ihre Chancen bei ihm. Entschlossen öffnete sie ihren Mund.

    Ehe ein einziger Vokal daraus hervordrang, stieß Kolja plötzlich seinen Arm ins Wasser. Die unerwartete, abrupte Bewegung ließ Abby erschrocken zusammenzucken und vor Verblüffung weiteten sich ihre Augen. Als der Bär sich aufrichtete, zappelte in seiner Hand einer der Goldfische um sein Leben. Kolja wartete geduldig, bis das kleine Geschöpf vor seinem Schicksal kapitulierte und entließ es sodann unverzüglich wieder in die beschränkte Freiheit des Gartenteichs.

    Zufrieden wischte er seine nasse Hand an seinem Hosenboden ab. Abby fiel es schwer, den Blick von dem feuchten Abdruck loszureißen und noch viel, viel schwerer, keinesfalls ihre eigenen Finger darauf abzulegen. Dabei lieferte die Kontur auf dem dunklen Jeansstoff die perfekte Vorlage… . 'Beherrschung, Abigail Fitzpatrick!', ermahnte sie sich gedanklich selbst. Angaffen konnte sie ihn auch nach einer Abfuhr noch. „Kolja?“

    Auf den Klang seines Namens hin drehte sich der Bärenpoly zu Abby um. Bei ihrem Anblick formten seine Lippen dieses hinreißende Lächeln, das Abbys Knie jedes Mal zuverlässig in heißen, frischgestampften Kartoffelbrei mit Sahne verwandelte. Flatternden Magens stellte sie endlich ihre Frage: „Hast du Lu-…“

    „Platz da!“

    „Nein, Colin! Nein, nein, neinneinne-… .“ Moiras spitzer Schrei erklang, unmittelbar darauf ein lautes Platschen und zugleich schirmten Abby und Kolja ihre Gesichter vor den umherspritzenden Wassermassen ab. Keine Sekunde später tauchte aus den Wellen, wie bei einer Nixe, der helle Haaransatz der Banshee auf. Aufgeregt und von oben bis unten pitschnass, hechelte Moira nach Sauerstoff.

    „Das war's wert“, verkündete Colin vom Rand des Teiches aus und rieb sich unterdessen den strapazierten Gehörgang. Danach klopfte er verrichteter Dinge die Hände aneinander ab, bevor er schlussendlich selbstzufrieden aus der Szene stolzierte.

    Sprachlos sahen sich Kolja und Abby an.

    Dann brachten sie Moira rasch ins Trockene.



    nächster Teil

  • „Wirf' nochmal deinen Scheiß nach mir und ich versohle dir damit den Hintern.“

    :grinstare:

    Zum Glück suchte sich ihr Nesthäkchen Kieran seine Vorbilder in anderen Personen, als diesen zwei Rabauken.

    Kieran würde ich auch gern noch besser kennenlernen :D

    „Hast du Lu-…“

    „Platz da!“

    „Nein, Colin! Nein, nein, neinneinne-… .“

    ... Ich seh schon. Zwischen Kolja und Abby wird es genauso nervenaufreibend, wie mit Scott und Hazel ablaufen XD
    Aber wenn es so einfach wäre, wäre die Geschichte ja auch innert weniger Posts beendet ^^

    Also lasse ich mich einfach überraschen.

    (Schade, dass der "Kampf" zwischen Moira und Colin so ungleich ist ... Für meinen Geschmack hätte Colin viel mehr verdient D Vielleicht ergibt sich Gelegenheit ja noch, wo Moira ihm richtig eins auswischen kann. Freundschaftlich versteht sich :P
    Obwohl ich das Gefühl nicht loswerde, dass die Beiden sich zwar nicht leiden können, aber irgendwie trotzdem miteinander flirten

    #Frühlingsgefühle und #RosaroteBrille XD Viele Beziehungen und enge Freundschaften beginnen mit: "Anfangs konnte ich dich nicht leiden" XD Wie auch immer. Ich bin gespannt ^^ )

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Scheiße. Wir haben die Wette verloren Miri :rofl:


    Arme Moira... Arme Abby. Armer Kolja? :schiefguck:

    Mir tun sie alle leid, außer Colin. Der hätte eine Abreibung sowas von verdient.


    So kam Abby also wieder nicht dazu, mit Kolja ins Gespräch zu kommen und naja ... wichtigere Schritte einzuleiten :D

    Schätze, die werden noch eine ganze Weile mit Unterbrechungen rechnen müssen. Und wie es scheint, wissen die Brüder auch von nichts :S

    Könnte witzig werden :D


    LG

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • Danke für eure Kommentare ^^


    Kieran würde ich auch gern noch besser kennenlernen

    Das wirst du auch :D Versprochen.

    Aber wenn es so einfach wäre, wäre die Geschichte ja auch innert weniger Posts beendet

    Mir schwebt da folgendes im Kopf vor:

    Abby: "Ich liebe dich!"

    Kolja: "Ich liebe dich auch!"

    Und so ritten die beiden auf einem edlen Schimmel in den Sonnenuntergang. Colin zog einen Vergleich zwischen Moira und dem Pferdehintern und Scott fand genug Empfang, um mit Hazel telefonieren zu können. Alle waren zufrieden.


    - Ende -


    Für meinen Geschmack hätte Colin viel mehr verdient D Vielleicht ergibt sich Gelegenheit ja noch, wo Moira ihm richtig eins auswischen kann.

    Mir tun sie alle leid, außer Colin. Der hätte eine Abreibung sowas von verdient.

    Tja, Moira fehlt eben der Arschloch-Faktor, um Colin gleiches mit gleichem zu vergelten :D Wobei sie im Notfall ja einfach nur einmal ordentlich schreien brauch ^^


    Scheiße. Wir haben die Wette verloren Miri

    *steckt sich die 20 Euro in die Tasche* Tehe.

  • XD

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Kolja


    Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte. Ob mit oder gegen den Uhrzeigersinn, von links auf rechts oder um neunzig, einhundertachtzig oder zweihundertsiebzig Grad – Sämtliche Überlegungen führten wieder und wieder zu ein und demselben Ergebnis: Er, Kolja Dmitrijew, saß in einer echten Zwickmühle. Sein Pflichtgefühl gegenüber seinem besten Freund kratzbalgte sich mit der rationalen Vernunft darum, wem von beiden Kolja schlussendlich nachgeben sollte. Teilweise kam ihm sein innerer Zwiespalt wie eine dieser klischeebeladenen Darstellungen alter Zeichentrickserien vor, in denen ein karikativer Engel von der einen, und ein Teufel von der anderen Schulter aus ihrem Herren zuflüsterten, um dessen Entscheidung nach ihren eigenen Interessen zu beeinflussen. Nur, dass in Koljas Situation beide Seiten einen schlüssigen Standpunkt vertraten.

    Seit fast zehn Jahren waren Scott und er beste Freunde. Kein Streit, keine Frau und kein materielles Gut schaffte es, sie auseinander zu drängen. Kolja genoss Scotts vollstes Vertrauen und vice versa. Doch dieses Versprechen, welches er ihm gegeben hatte, drohte Kolja auf direkten Weg in die Bredouille zu manövrieren. 'Kannst du auf meine Schwester aufpassen, während ich beschäftigt bin?', hatte Scotts Bitte gelautet und wie sollte Kolja ihm sein Ehrenwort darauf verweigern können? Und oh Mann! Nie war Scott derart beschäftigt gewesen, wie aktuell. Wenn seine Gedanken den Mond darstellten, dann waren Hazel und die Fußballmannschaft der dazugehörige Planet, denn gegenwärtig kreiste Scotts sowieso schon arg eingeschränktes geistiges Leistungspotenzial einzig um diese zwei Aspekte seines Lebens. Zu Koljas Sorge vergaß Scott manchmal vor lauter ungewohnter Denkprozesse sogar zu essen, was der Bär vor allem daran merkte, dass seine vorgekochten Mahlzeiten nur noch selten auf mysteriöse Weise aus dem Kühlschrank verschwanden. So ging das keinesfalls weiter. Irgendwann fiel Scott ja vom Fleisch. Vielleicht wurde es mal wieder Zeit für einen spontanen Besuch im nächsten All-You-Can-Eat-Restaurant auf Koljas Kosten. Vorausgesetzt, sie fanden eins in der Umgebung, für das ihnen trotz Colins endlosen Magenvolumens kein Hausverbot erteilt worden war.

    Kolja wusste, wie sehr seinem Freund das Wohlbefinden seiner kleinen Schwester am Herzen lag. An dieser Stelle rückte er ins Spiel und behielt Abigail an Scotts Stelle im Auge. Wobei Kolja bisher keinen Grund sah, aus dem sie einen Aufpasser nötig haben sollte. Scotts Schwester mochte übermütig sein und das Leben hatte ihr noch nicht die jugendliche Naivität ausgetrieben; in Koljas Augen kam sie allerdings trotzdem sehr gut allein zurecht. Gelegentlich musste man sie bloß von den Füßen heben und umdrehen, damit sie in die richtige Richtung flitzte. Sinnbildlich gesprochen. Na ja. Und auch wörtlich. Die Frau verfügte über ganz schön flinke Beine!

    Scotts Beschützerinstinkte gehörten wohl zu dieser Großer Bruder-Kleine Schwester-Beziehungskiste, die Kolja als quasi-Einzelkind schwer nachvollziehen konnte. Jedenfalls blieb ein Versprechen ein Versprechen und da Scott offensichtlich einiges an Abigail lag, wollte Kolja ihm den Gefallen tun.

    Was aber, wenn sich mit einmal Gefühle entwickelten, wo keine sein sollten? Unangebrachte Empfindungen, die einem der beiden betroffenen Personen Unbehagen bereiteten? Vor zwei Monaten hatte Abigail Kolja aus heiterem Himmel mit ihrem Liebesgeständnis überrumpelt. Aus lauter Überforderung waren ihm damals keine passenden Worte eingefallen und seitdem vermied Kolja es tunlichst, dieses Thema erneut aufkommen zu lassen. Er wollte keine chancenlose Zuneigung schüren oder romantische Wunschträume nähren, für die keine Hoffnung auf Erfüllung bestand. Natürlich hielt sich Kolja gern in Abigails Gesellschaft auf, doch um ihrer aller Seelenfrieden willen blieb ihm offenbar kaum etwas Anderes übrig, als gebührenden Abstand zu ihr zu wahren.

    So sprach die Vernunft.

    Dagegen legte Koljas Pflichtbewusstsein brüllend Veto ein. Man konnte niemanden aus der Ferne beschützen. Um seinem Versprechen gegenüber seinem besten Freund gerecht zu werden, musste sich Kolja notwendiger Weise in Abigails Nähe begeben. Das brachte ihn zurück zum Ausgangspunkt seiner Grübelei. Jegliche Überlegung führte ihn über dieselbe Ausfahrt von der Autobahn seiner Gehirnwindungen herunter, über die er anfänglich losfuhr. Unabwendbar würde es in bitterer Enttäuschung und unerfüllten Erwartungen enden. Entweder auf Scotts Seite.

    Oder auf Koljas.

    Manche Begegnungen hinterließen einen besonderen Eindruck. Andere erwischten einen mit der vollen Wucht einer Dampflokomotive auf voller Fahrt und Abigail… Nun, in ihrem Fall entsprach Koljas erstes Aufeinandertreffen mit ihr einer frontalen Kollision mit einem Hochgeschwindigkeitszug.

    Über Jahre hinweg kannte er Abigail lediglich vom Hörensagen aus Scotts Erzählungen, vergleichbar mit der Nebenfigur eines Romans, die bei ihrer Erwähnung als gesichtslose, ungreifbare Vorstellung vor dem geistigen Auge erschien. Und als Kolja zum letzten St. Patrick's Day erstmalig in Person vor ihr stand, hatte es ihn sprichwörtlich aus den Socken gehauen. Der Optimismus und die Leichtigkeit, mit denen Abigail durchs Leben ging, zogen Kolja jeden Tag aufs Neue in ihren Bann. Sie steckte so voller Spontanität und sprudelte vor Energie, wie die Große Kaskade vor dem Peterhof.

    Was dachte Kolja denn? Als ob Abigail etwas an einem Mann fand, der die Tage gemächlich mit Kochen, Schlafen und Schachspielen herumbrachte. Aller Wahrscheinlichkeitsberechnungen nach war ihr überraschendes Liebesbekenntnis nur ein Produkt ihrer Sprunghaftigkeit gewesen - das Ergebnis der Umstände an jenem Abend, angestachelt von Abigails hyperaktiven Romantikempfinden. Anderenfalls hätte sie mit Sicherheit weitere Annäherungsversuche unternommen, anstatt den platonischen Umgang mit ihm fortzuführen, den sie ohnehin schon zueinander pflegten. Im Grunde wäre es unproblematisch, Abigail einfach auf ihre Gefühle anzusprechen. Dadurch setzte Kolja allerdings ihr ungezwungenes Verhältnis aufs Spiel und bevor es deswegen unangenehm zwischen ihnen beiden wurde, akzeptierte er lieber seine Rolle als heimlicher Verehrer. Seinen Kalkulationen zufolge stellte das die klügste Entscheidung dar. So umging er außerdem das Risiko, Scotts Unmut auf sich zu ziehen, denn das wollte Kolja unbedingt verhindern. Was für ein Schlamassel. Zuletzt hatte sich Kolja während der Scheidung seiner Eltern vor dreiundzwanzig Jahren solchermaßen unsäglich hin- und hergerissen gefühlt.

    Mit einem unhörbaren Seufzen konzentrierte sich Kolja wieder auf seine Arbeit und holte aus einer Kiste unter dem Tresen eine weitere Tüte Paprikachips hervor. An diesem Nachmittag traf sich die Fußballmannschaft von Scott und Colin im Tír na nÓg, um irgendwelche wichtigen Dinge zu besprechen. Weil Hayes es ausnutzen wollte, eine so große Gruppe im Pub zu haben, sollte Kolja eine extragroße Portion salzhaltige Snacks verteilen, sodass die Männer ordentlich Durst bekämen und ein Getränk nach dem nächsten ordern würden. Kolja zählte die anwesenden Sportler durch: '… семь, восемь, девять' – sieben, acht, neun. Neun Männer, Scott eingeschlossen. Neben dem Wolf entdeckte Kolja noch einen Wildkater, drei Rotfüchse, einen Dachs sowie zwei Marder. Die ganze Mannschaft bestand exklusiv aus Polymorphen, was laut Scott angeblich etwas mit dem Spielspaß zu tun hätte und damit, dass 'Menschen immer gleich so rumheulen mussten, wenn man ihnen mit voller Wucht in die Kniescheiben grätschte'. In ihrer menschlichen Form versammelten sich die Polys um einen der Tische. Manche standen, andere saßen und das unkoordinierte Gerede von neun Männern sorgte für einen entsprechenden Lautstärkepegel im Pub. Mh, neun. Bestand eine Fußballmannschaft nicht eigentlich aus elf Spielern?

    Knisternd riss Kolja die Chipstüte auf und verteilte den Inhalt auf verschiedene Schalen. Für einen Moment betrachtete er sein fragwürdiges kulinarisches Meisterwerk, beurteilte es abschließend als akzeptabel und trat, je eine Schale in den Händen, hinter dem Tresen hervor.

    „Pass gefälligst auf, wo mit deinen Quadratlatschen hin trampelst, Dmitrijew!“, schimpfte eine Stimme auf Höhe von Koljas Gürtellinie. Er senkte seinen Blick zum Ursprung des Gezeters und sah mit einmal in das miesepetrige, speckige Antlitz seines Chefs. Wegen dessen geringer Körpergröße war Kolja der Leprechaun hinter dem Tresen verborgen geblieben. Hayes schnaubte genervt, forderte hernach seine Vorfahrt ein und hinkte mit herunterhängenden Mundwinkeln an seinem Koch vorbei. Eventuell täuschte es ja, aber seit seinem Unfall vor wenigen Tagen schien er sogar noch übellauniger zu sein, als man es normalerweise von ihm gewohnt war. Okay, vermutlich würde es Kolja an seiner Stelle genauso aufs Gemüt schlagen, sich bei einem Treppensturz im eigenen Pub das Bein zu brechen und in der Folge auch noch an eine mit bunten Stickern beklebte, rosarote Krücke für Kinder gebunden zu sein, weil es keine Gehhilfen für Erwachsene in Koboldgröße gab. Ein wenig von der plumpen Bewegung hypnotisiert, beobachtete Kolja, wie sein Chef mit seinem Gipsbeinchen an den Gästen vorbei humpelte und schließlich bei Scotts Mannschaftskameraden stehen blieb. Auffordernd starrte Hayes zu dem Wildkatzenpoly hinauf. Der schien jedoch etwas geistesabwesend zu sein, bekam die Anwesenheit des Kobolds gar nicht erst mit und als Hayes daraufhin die Geduld ausging, schmetterte er dem größeren Freak rabiat die Krücke gegen das Schienbein. Über das schmerzvolle Jammern des Katers hinweg, schnauzte Hayes ihn an: „Muss ich dir wollknäuelkotzenden Rattenfresser erst ans Bein pissen, bevor dein minderbemitteltes Gehirn rafft, wie man mit hilfsbedürftigen Krüppeln umgeht?“

    Überfordert glotzte der Kater Hayes an. Danach griff er ihm betröppelt unter die wurstigen Ärmchen, hob den Leprechaun auf die Tischplatte hinauf und somit stand Hayes im Zentrum der Männeransammlung. Seine kritischen Augen musterten die Fußballspieler um ihn herum. „Wo steckt Fitzpatrick?!“, forderte er barsch zu erfahren.

    „Ich bin doch hier“, meldete sich Scott verwirrt, da der Kobold ihm praktisch ins Gesicht schrie. Dieser winkte unflätig ab.

    „Du doch nicht. Ich rede von dem kleinen Fitzpatrick!“

    „Reg dich ab, Hayes. Ich war nur pinkeln.“ Aus den Toilettenräumen kam Colin angetrottet und nahm, mit seinem Feuerzeug spielend, seinen Platz im Kreis der Fußballmannschaft ein. 'Kleiner Fitzpatrick'. Wenn es zwischen den Brüdern überhaupt einen Größenunterschied gab, dann entstand dieser nach Koljas Einschätzung einzig und allein dadurch, dass Scott diese Stoffturnschuhe ohne jegliches Profil unter der Sohle trug, während Colins schwarze Schnürboots ihn um wenige Zentimeter anhoben. So oder so ergab Hayes Unterscheidung der zwei keinerlei Sinn, zudem Kolja die Bezeichnung 'klein' aus dem Munde eines Kobolds generell recht unpassend fand. Obschon er hinzufügen musste, einen ebenso wenig geeigneten Maßstab vorgeben zu können. Für Kolja war so gut wie jeder 'klein'. Letztendlich bezog sich Hayes wahrscheinlich auf den Altersunterschied der Brüder und wieder einmal musste sich Kolja darüber wundern, weshalb diese Muttersprachler von 'groß' und 'klein' sprachen, wenn sie doch 'älter' und 'jünger' meinten. Wozu gab es diese Worte, wenn man sie nie verwendete?

    Der Leprechaun blaffte Colin an: „Das heißt immer noch Trainer Hayes, klar?! Wir halten hier eine offizielle Mannschaftssitzung ab, also benehmt euch auch so, ihr prostataverkrampften Flachpfeifenbläser! Und jetzt spitzt die Ohren. Ich will mich nicht tausend Mal wiederholen, bis es endlich auch der letzte von euch Idioten kapiert hat.“


  • Mit den Snackschalen beladen, tapste Kolja zum Tisch der Mannschaft herüber. Ihn interessiert wenig, was die Männer miteinander zu bereden hatten, da man ihn mit Fußball noch nie hinter dem Ofen hervorlocken konnte. Er schenkte Hayes Ausführungen daher kaum Beachtung, aber wie immer machte es der proletenhafte Auftritt seines Chefs für sämtliche Freaks im Pub unmöglich, einfach wegzuhören. „Okay, erstmal eine Klarstellung: Sollte einer von euch unlustigen Witzbolden auf die Idee kommen, mich zu fragen ob ich von meinem Regenbogen gefallen oder über ein Kleeblatt gestolpert bin, penetriere ich demjenigen solange den Rachen mit meiner Krücke, bis er einen Topf voll Gold ausscheißt“, erklärte Hayes und spielte auf sein eingegipstes Bein an. „Schiebt euch eure Sprüche in den Arsch, sonst übernehme ich das für euch. Ist das bei allen angekommen? Gut! Dann zu Tagesordnungspunkt eins: … .“

    Der Kobold genoss die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Männer, was bei seinem fordernden Tonfall kein großes Kunststück darstellte. Kolja verspürte keine Lust, sich durch den gaffenden Haufen hindurch bis zum Tisch zu drängeln, darum tippte er einem der Füchse in der hinteren Reihe auf die Schulter und drückte diesem, als er sich umwandte, wortlos den Knabberkram in die Hände. Verdutzt sah das Füchslein ihn an, doch Kolja kehrte bereits zum Tresen zurück.

    Üblicherweise fand sein Arbeitstag in der Küche statt. Gerade gab es jedoch keine Essenbestellungen, also weshalb sollte Kolja in diesem ungemütlichen, sterilen Edelstahlloch herumhocken? Wie auf Zuruf kündigte sich in diesem Moment auch gleich Gesellschaft für ihn an.

    Die Eingangstür des Tír na nÓgs schwang auf und das Klacken hoher Absätze auf dem Parkett verriet Kolja die Identität des Neuankömmlings, ohne, dass er ihn überhaupt ansehen brauchte. Aus Anstand tat er es trotzdem.

    Knallrote High Heels und schier endloslange Beine, die in einem verführerischen Hüftschwung ihren kurvigen Abschluss fanden, kamen zielgerichtet auf Kolja zugeschritten. Das kurze, hautenge Kleid raubte dem Vorstellungsvermögen eines Mannes jeglichen Spielraum und der Anblick löste eine La Ola sich fasziniert hebender Köpfe unter den Gästen aus. Diese Frau durfte man unmöglich als hübsch bezeichnen, genauso wenig tat ihr das Prädikat 'schön' Gerechtigkeit an. Sie war außergewöhnlich betörend und sich dessen ohne jeden Zweifel vollauf bewusst. Es lag in ihrer Natur, eine solche Wirkung zu entfalten, denn als Sukkubus baute sich ihre Existenz auf dem sexuellen Verlangen der Männer auf - sowohl im finanziellen, als auch im vitalen Sinne.

    Elegant nahm Hayes' Stammprostituierte auf einem Barhocker Platz, schlug die Beine übereinander und begrüßte Kolja gutgelaunt: „Wie geht's, Papabär?“

    „Hallo, Gwen“, erwiderte er die Begrüßung. „Feierabend für heute?“

    „Noch nicht. Einen Termin habe ich noch.“ Sie deutete mit ihrem schwarzhaarigen Schopf dezent in die Richtung des Leprechauns und offenbarte durch die Bewegung ihren raspelkurzen Sidecut. „Dürfte aber nicht lang dauern“, scherzte sie augenzwinkernd.

    Mittlerweile zählte Gwen zu den Stammgästen des Pubs, was nur zum Teil an ihrem Dauerarrangement mit Koljas Chef lag. In ihrer Freizeit suchte sie die Gesellschaft von Freaks und da das Tír na nÓg in dieser Hinsicht seit je her konkurrenzlos blieb, landete Gwen zwangsläufig auf den Barhockern ihrer eigenen Kundschaft. Hatte man erst einmal die Phase überwunden, in der ihre Sukkubusaura das männliche Gehirn metaphorisch durch den Fleischwolf leierte, konnte man echt nette Gespräche mit ihr führen. Manchmal erinnerte sie Kolja auf gewisse Weise an Hazel. Beide Frauen besaßen eine ordentliche Dosis Selbstbewusstsein und eine noch größere Portion an Klugheit. Während Hazel allerdings die Position der analytischen Denkerin einnahm, blitzte aus Gwens schmalen, blauen Augen die berechnende Raffinesse einer Geschäftsfrau, die ganz genau wusste, was sie wollte, wann sie es wollte und wie sie es erreichte. Außerdem zeigten sich die zwei Frauen ähnlich zurückhaltend, wenn es um ihr Gefühlsleben ging. Der Unterschied bestand lediglich darin, dass sich Hazel aufgrund ihres Charakters reserviert verhielt, wohingegen Gwen schlichtweg gegen heftige Empfindungen abgestumpft zu sein schien. Im Laufe ihrer Bekanntschaft hatte Kolja sie trotz allen Humors kein einziges Mal lauthals aus vollem Herzen lachen gehört. Alles in allem stand für Kolja eine Sache mit ziemlicher Sicherheit fest: Sollten Hazel und Gwen irgendwann aufeinandertreffen, würden sie einander nicht im Geringsten ausstehen können.

    Der Sukkubus kehrte ihm den Rücken zu, um ihr Augenmerk auf die Fußballmannschaft zu richten und drängte Kolja damit die Aussicht auf ihre unbedeckten Schulterblätter auf. Kolja war wirklich kein Fan dieses offenherzigen Kleidungsstils. Ihm gefiel an Frauen, sowie an ihm selbst, mehr lässig elegante Kleidung, beziehungsweise wie Modekennerin Abigail es konkretisierten würde: Smart Casual. Sie musste es wissen, denn ihre Klamottenauswahl traf diesen Dresscode so zielgenau, als hätte sie ihn erfunden. Mh. Jetzt schlich sich Scotts Schwester schon wieder in seine Gedanken, obwohl er doch gerade eine andere Frau begutachtete.

    Die Ellenbogen auf dem Tresen hinter ihr abgelegt, musterte Gwen Scotts Mannschaftskameraden und ein Weilchen verfolgte sie interessiert Hayes' Vortrag über Taktiken, Trainingspläne und anstehende Spiele gegen rivalisierende Teams. „Der Typ in dem Foo Fighters-Bandshirt…“, erkundigte sie sich bei Kolja, ohne ihren Blick von den Spielern abzuwenden, „ist das Scotts Bruder?“

    Der Bär suchte die Oberteile der Männer nach entsprechenden Aufdrucken ab. Er fand den Schriftzug und antwortete: „Du meinst Colin?“

    Anscheinend musste Kolja seinen Namen etwas zu laut ausgesprochen haben, da Colin sich unvermittelt zu ihnen herumdrehte. Weil es bloß Kolja war, der über ihn redete, blickte er sogleich wieder nach vorn, doch dann bemerkte er aus den Augenwinkeln Gwen und sein Kopf schnellte zu ihr zurück. Er stoppte sogar für einen Moment sein Spiel mit dem Feuerzeug. Grazil hob sie ihre Hand und winkte Colin zu. Man erlangte den Eindruck, die beiden wären miteinander bekannt aber in diesem Fall hätte Gwen wohl kaum seinen Namen vergessen. Auf Colins Gesicht breitete sich jedenfalls ein geschmeicheltes Grinsen aus.

    „Fitzpatrick!!“

    „Was denn?!?“, reagierte Scott irritiert auf Hayes' Gebrüll, wurde jedoch von seinem Chef links liegen gelassen. Dieser starrte stattdessen Colin mahnend an, was dem Wolf kaum mehr entlockte, als ein genervtes Prusten. „Ich hör doch zu, Mann.“

    Ganz offensichtlich fand der Kobold Colins Reaktion keineswegs angemessen, denn seine Pausbäckchen bildeten vor Ärger lauter rote Flecken. „Blubber' mich noch mal so voll, und ich geb' deinem hässlichen Mund was zu tun!“, pflaumte er Colin an. „Dann stopf ihn dir so tief mit meinen haarigen Eiern, dass mein Schwanz dir die Luftröhre wie eine Flöte perforiert und ich, nachdem ich sie dir ausgerissen habe, darauf unsere Nationalhymne pfeifen kann!“

    „Der Umfang der Löcher würde passen“, hörte Kolja Gwen kommentieren. Das hieß, er erschloss sich ihre Worte aus dem Kontext. Manchmal fiel es ihm schwer, sie zu verstehen. Den irischen Dialekt dieser Gegend erfasste sein Gehör schon gar nicht mehr und vermutlich hatte er selbst einige Betonungen und Begrifflichkeiten übernommen, ohne es überhaupt zu bemerken. Bei Gwens Aussprache geriet er dagegen ins Straucheln. Sie sprach noch einmal völlig anders als Scott, Abigail, Moira, Colin oder Hayes. Besonders R-Laute klangen ungewöhnlich aus Gwens Mund, beinahe so, als drückte sie bei der Bildung des Konsonanten die Zungenspitze gegen die Rückseite ihrer Zähne. Zumindest beruhigte es Kolja, dass seine Freunde ebenso über ihren Dialekt stolperten. Scott überforderte es zum Beispiel immer wieder, wenn Gwen bei ihm einen 'Swally' bestellte und niemand im ganzen Gebäude den blassesten Schimmer hatte, was zum Kuckuck sie damit meinte.

    Erneut wurde die Tür des Pubs von außen geöffnet und ein weiterer Gast trat ein. Und in Koljas Brust ging die Sonne auf.

    Selbstverständlich tat sie das nicht wirklich, denn die Wasserstoffgase und der notwendige Druck zur Entstehung eines Sterns würden Kolja umbringen, ganz zu schweigen von den daraus resultierenden, enorm heißen Temperaturen. Abigails Anblick löste allerdings unbestreitbar positive Reaktionen in seinem Gehirn aus, dessen Signale den Hohlraum hinter seinen Rippen von innen heraus wie ein brodelnder Erdkern mit Leben füllten. Kolja gab sich Mühe, Scotts jüngere Schwester nicht wie ein verknallter Spinner anzugaffen. Sie lief ein paar Schritte durch den Schankraum, besah dabei forschend ihre Brüder und als sie realisierte, dass die beiden noch beschäftigt waren, setzte sie ihren Weg bis zu Kolja fort. Er hätte sich zu gern eingebildet, Abigail suchte gezielt nach ihm, aber wahrscheinlich hatte sie lediglich die Menge nach irgendeinem vertrauten Gesicht abgescannt.

    Mit einem Lächeln, welches einzig Abigails Lippen derart bezaubernd zu formen vermochten, sprach sie ihn an. „Hey Kolja.“

    „Hallo Abigail.“

    Die Wölfin deutete auf die Fußballmannschaft. „Weißt du, wie lange die Besprechung noch dauert?“

    Mh. Kaum angekommen, dachte sie wieder ans Gehen. So gesehen unterstützte sie Kolja damit bei seinem Vorhaben, keine zu enge emotionale Bindung zu ihr zu entwickeln. Dennoch wäre es gelogen zu behaupten, ihre Aufbruchsstimmung enttäusche ihn nicht.

    „Nein“, lautete Kolja knappe Antwort auf ihre Frage. Abigail blickte ihn daraufhin mit hochgezogenen Augenbrauen an. Wartete sie auf etwas?

    Was es auch sein mochte - als sie erkannte, dass Kolja keine weiteren Informationen liefern würde, hüpfte sie auf einen freien Barhocker. „Na gut!“, flötete Abigail fröhlich. „Dann muss ich mich eben gedulden. Ist es okay, wenn ich solange hier warte?“ Koljas gestattendes Nicken war eigentlich überflüssig, da Abigail offensichtlich aus reiner Höflichkeit fragte und ihm lediglich ihren Entschluss in Form eines gut verschnürten Rhetorikpäckchens zur Kenntnis gab. Außerdem saß sie ja sowieso bereits. Was sollte Kolja also großartig dagegen sagen?

    Kolja beherrschte keinen Small Talk. Wirklich nicht. Er hasste es, die Luft mit überflüssigen, inhaltsleeren Worten zu verpesten; gleichermaßen unangenehm hing allerdings das Schweigen zwischen ihnen, zudem Kolja wusste, wie viel und wie gern Abigail schwatzte. „Möchtest du etwas trinken?“, versuchte er es mit etwas Unverfänglichem. Grundsätzlich hatte der Koch die Finger von den Getränken zu lassen, doch Hayes' sah es mit der strickten Aufgabenverteilung im Tír na nÓg nicht so eng. Dank dieser Einstellung sparte Koljas Chef Ausgaben für Personal, welches nur zu bestimmten Gelegenheiten gebraucht wurde. Beispielsweise verrichtete Kolja gemeinsam mit Scott, neben ihren alltäglichen Aufgaben, den Dienst eines Rausschmeißers. Vor allem Scott zeigte ein außerordentliches Talent dafür, Leute mit einem Arschtritt auf die Straße zu befördern. Zum jetzigen Stand führte er die diesjährige Pub-interne Rangliste mit einer beeindruckenden Statistik von achtundfünfzig hinauskomplimentierten Krawallmachern an, während Koljas überschaubare Quote von zwei ihn am entgegengesetzten Ende der Tabelle verweilen ließ. Seine Position störte Kolja keineswegs. Konflikte löste er viel lieber auf friedlichem Wege und es missfiel ihm, wenn Leute Angst vor ihm empfanden. Zum Glück entsannen sich in der Regel die meisten Rabauken ihrer guten Kinderstube, sobald Kolja bloß seinen Kopf zur Küchentür hinausschob.

    Der langen Rede kurzer Sinn: Solange das Geld in der Kasse landete, durften Hayes' Angestellten machen, wonach es ihnen beliebte. Na ja. Zwei Dinge ausgenommen. Regel Nummer zwei und Regel Nummer vier besagten nämlich eindeutig: Keine Verwandlungen im ganzen Pub, beziehungsweise keinen Sex in der Küche - wer auch immer auf die blöde Idee kommen sollte, ausgerechnet in diesem kaltgefliesten Kabuff eine Nummer zu schieben.

    Abigail dachte kurz nach und entschied sich sodann: „Ja, bitte. Ich nehme ein Bitter Lemon.“

    „Kommt sofort“, murmelte Kolja und griff nach einem sauberen Glas unter dem Tresen. Sein Plan sah vor, Abigail das Getränk zu spendieren. Denn so traurig es klang, das Bitter Lemon blieb das so ziemlich Nächste an einem Date mit Abigail, was Kolja jemals erleben würde. Bevor er ihr dieses Angebot jedoch unterbreiten konnte, hob die Wölfin ihre Umhängetasche im Vintagestil auf den Tresen und wühlte darin herum. „Mein Portmonee ist schon wieder bis nach unten gerutscht. Warte einen Moment.“

    Es wäre der perfekte Augenblick gewesen, sie in ihrer Suche zu unterbrechen, aber Kolja ließ sich viel zu sehr davon ablenken, was diese Frau alles aus ihrer Tasche heraus zum Vorschein brachte. Völlig baff klappte er den Mund zu und betrachtete den Stapel aus diversem Kram, der sich vor seiner Nase nach und nach aufstapelte:



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