Freakshow: Episode 2

  • Ein Cliffhanger der anderen Art XD
    Gefällt mir :D
    Vor allem bin ich gespannt, was Abby alles dabei hat und was das Zeug über sie aussagt :)
    Armer Kolja und arme Abby. Sie schlägt sich wirklich tapfer und Kolja will einfach kein Risiko eingehen, sich länger mit ihr unterhalten zu müssen und sie am Ende doch abzuknutschen, obwohl er gerade versucht ihr zu erklären, dass das nicht geht, weil kleine Schwester von seinem besten Freund XD

    herrje, ich seh's schon kommen, dass zwischen Scott und Kolja nochmal richtig knallen wird X/
    Naja, es sind Männer. Die werden sich sicher wieder zusammenraufen und gegen eine klärende Schlägerei zwischen Wolf und Bär hätte ich auch nichts einzuwenden XD Allerdings muss Hazel dann aber dabei sein, damit Scott auch jemanden hat, der ihm danach beim Ego trösten hilft XD

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Danke für deinen Kommentar, liebe Miri ^^

    Naja, es sind Männer. Die werden sich sicher wieder zusammenraufen

    Meinst du? xD Also dass zumindest Scott eine ziemliche Zicke ist, dürfte er bewiesen haben :rofl:


    Allerdings muss Hazel dann aber dabei sein, damit Scott auch jemanden hat, der ihm danach beim Ego trösten hilft XD

    Hazel: "Awww, there, there. Du bleibst mein guter Junge. Wer ist mein guter Junge? DU bist mein guter Junge!" xDD

  • Also mit den letzten beiden Teilen warst du wohl voll in deinem Element Skadi :D

    Hayes hat's einfach drauf, Menschen bzw. Freaks in den Boden zu stampfen. Na gut, mit seiner Statur muss er sich ja irgendwie Größe verschaffen... und wenn's mit Worten ist :D


    Koljas Gedankengänge sind aber auch ... interessant xD

    Jetzt bin ich aber gespannt, was Abby da aus ihrer Tasche zieht. Frauenhandtaschen haben ja bekanntlich Rolltreppen installiert, damit richtig viel Kram reinpasst :D

    Kaugummis, Feuerzeuge (obwohl man gar nicht raucht), Kugelschreiber, ausgekippte Tick-Tacks... ein einzelnes Taschentuch... naja. Und so Frauenzeug halt :crazy:

  • Hallo LadyK ^^

    Also mit den letzten beiden Teilen warst du wohl voll in deinem Element Skadi :D

    Hayes hat's einfach drauf, Menschen bzw. Freaks in den Boden zu stampfen.

    Hm-hm :D Vielleicht gehe ich in manchen meiner Figuren mehr auf, als ich sollte :rofl: :saint:


    etzt bin ich aber gespannt, was Abby da aus ihrer Tasche zieht. Frauenhandtaschen haben ja bekanntlich Rolltreppen installiert, damit richtig viel Kram reinpasst

    Als ich den Part geschrieben habe, hab ich aus Interesse auch meine Tasche durchgeguckt und oh boy :rofl: Was da alles drin rumschwirrt, obwohl ich im Vergleich zu anderen Frauen wirklich wenig mit mir rumschleppe.


    Danke für deinen Kommentar :love:

  • Ein Aktenordner voller Collegeunterlagen, eine leere Mehrwegwasserflasche, zwei Päckchen Zellstofftaschentücher, eine kleine Tube Handcreme sowie Desinfektionsmittel, ein recht abgegriffenes Notizbuch, ein Kitschroman, ein Stoffbeutel, mehrere einzelne Tampons, ein Mäppchen voller Schreibutensilien, Abigails Smartphone, ihre Schlüssel, ein angebrochener Blister der Anti-Baby-Pille, irgendwelche Zettel, ein Tafelwerk, ein Regenschirm für den Fall eines spontanen Wolkenbruchs, ein Päckchen Pfefferminzbonbons und Lippenbalsam. Abigail wurde und wurde nicht fertig, auf der Suche nach ihrem Geld das Innenleben der Tasche umzukrempeln. Wow. Befand sich ein schwarzes Loch da drin, oder wie um alles in der Welt schaffte diese Frau es, derart viel Plunder unterzubringen? In seinem Rucksack trug Kolja meistens wenig mehr mit, als Geld, einen Schlüsselbund, seine Brille sowie das Smartphone und gelegentlich sein Schachbrett, wenn er auf eine Partie irgendwohin ging.

    Skeptisch beäugte Kolja die Sachen und überflog den Buchdeckel des Romans, den Abigail augenscheinlich aktuell las. 'Der Highlander, der mich tief berührte'. Ob des Titels runzelte er die Stirn. Wie jetzt, 'tief'?

    „Ah, hier ist es!“, kommentierte Abigail den erfolgreichen Abschluss ihrer Suche und zog mit einer ausladenden Geste ihr Portmonee hervor - ein bisschen zu ausladend, denn mit ihrer Bewegung erwischte sie versehentlich die Ecke des Notizbuches, welches in der Folge vom Tresen flog und dabei den ganzen Krimskrams mit sich in die Tiefe riss. Klimpernd purzelten die vielen, vielen Einzelteile auf das Parkett.

    Sogleich tapste Kolja hinter dem Tresen hervor und hob Abigails Besitztümer an ihrer statt vom Boden auf. „Ach Herrje. Das-… Danke schön, Kolja. Das ist lieb von dir.“ Sie strich eine ihrer schwarzen Haarsträhnen hinter ihr Ohr und schien etwas verlegen zu werden. Warum? Wegen ihres Missgeschicks? Jeder stellte sich doch hin und wieder tollpatschig an.

    Koljas Gedanken wechselten abermals die Richtung, als er einen der losen Zettel aufklaubte und automatisch den Schriftzug darauf erfasste: 'Suche Nachhilfelehrer im Fach Mathematik auf Collegeniveau. Bezahlung je Stunde und nach Vereinbarung. Bei Interesse, nimm ein Fähnchen mit!' Ein lächelnder Smiley zierte den Abschluss der Überschrift und dahinter deutete ein Pfeil auf den unteren Rand des Papiers, der in abreißbare Schnipsel zurechtgeschnitten und mit Abigails Kontaktdaten versehen worden war. „Du suchst Hilfe in Mathematik?“, hakte Kolja nach und deutete auf das Papier in seiner Hand. „Wozu braucht man für Sozialpädagogik ein Mathe-Modul?“

    Ihrer Antwort ging ein resigniertes Seufzen voraus und hilflos warf Abigail ihre Hände in die Luft. „Das weiß ich auch nicht. Es wird eben verlangt! Das einzige was ich weiß ist, dass ich diese Prüfung bestehen muss, wenn ich nächstes Frühjahr meinen Abschluss machen will. Sonst werde ich nicht für die Bachelorarbeit zugelassen. Aber egal wie sehr ich mich anstrenge, ich bekomme diesen ganzen Rechenkram einfach nicht in meinen Kopf. Also, dass auf einmal Buchstaben in Gleichungen gestreut werden, wie bei einem Kreuzworträtsel, obwohl es in Mathe eigentlich um Zahlen geht, damit habe ich mich ja in der Mittelstufe schon notgedrungen abgefunden. Jetzt stehen aber auf einmal Brüche in den Brüchen und als ob das nicht reichen würde, kommen auch noch fremdländische Buchstaben oder Satzzeichen dazu und Zahlen, die irgendwelchen alten Männern gehören. Wusstest du, dass man Ansprüche auf eine Zahl erheben kann?! So wie dieser Herr Uhu mit seiner Zahl?“

    Ein Herr Uhu mit seiner Zahl? Was hatten denn Vögel mit-… Halt. „Du meinst die Eulersche Zahl?“

    Abigail ignorierte Koljas Korrektur und setzte ihren frustrierten Redeschwall fort. Vor lauter Aufregung nahm ihre Sprechgeschwindigkeit rasant Fahrt auf. „Sobald ich versuche, die Zahlen in meinem Gehirn zu sortieren, löst sich alles in einen schwarzen, nebelhaften Dunst auf. Wie soll ich so jemals berechnen können, wo und wann sich zwei Züge treffen, die zur gleichen Zeit in Killarney und Dundalk losfahren, wenn ich doch bloß weiß, wie lang der Schatten ist, den eine Coladose mit einem unbestimmten Fassungsvermögen wirft??“

    Kolja blinzelte. Ihm hatten mathematische Problemstellungen nie Schwierigkeiten bereitet, was logisch war, denn anderenfalls hätte er wohl kaum sein Diplom in Mathematik erworben. Bestimmt konnte er Abigail helfen, wenigstens ihre Prüfung zu bestehen. 'Nein', ermahnte er sich gedanklich selbst. Sein Ziel bestand daraus, Distanz zu ihr aufzubauen und indem er ihr Nachhilfelehrer wurde, käme er ihr so nahe, wie niemals zuvor. Schlechte Idee, ganz schlechte Idee. Doch Abigail schien ernsthaft verzweifelt zu sein und Kolja wäre ein echter Mistkerl, ihr seine Hilfe zu unterschlagen. Sein Verstand wälzte sämtliche Für- und Gegenargumente von einer Hirnhälfte in die andere, bis seine Entscheidung letztlich feststand.

    „Jedenfalls will ich den Zettel an das schwarze Brett im Supermarkt hängen. Vielleicht habe ich ja Glück, wer weiß“, erklärte Abigail und wollte Kolja die Suchanfrage aus den Fingern ziehen.

    Dieser hielt den Zettel allerdings zurück. „Das musst du nicht.“

    „Wie meinst du das?“

    Schulterzuckend zerknüllte Kolja das Papier und verkündete: „Ich helfe dir.“

    Das Mienenspiel der Wölfin wechselte infolgedessen unstet von Freude zu Hoffnung, Unglaube und wieder zurück. „Ist das dein ernst?“ Mit einem Nicken bestätigte Kolja seinen Entschluss und wurde dafür prompt von Abigail mit dem strahlendsten Strahlen belohnt, mit dem er je angestrahlt wurde. Wie unglaublich süß sie aussah, wenn sie sich über etwas freute.

    Jedoch fiel ihr Hochgefühl im nächsten Moment drastisch ab, genau wie ihre Mundwinkel. „Aber ich kann dir nicht mehr als ein paar Euro in der Stunde anbieten“, gestand Abigail und ihrem traurigen Gesichtsausdruck nach zu urteilen, sah sie ihre Privatstunden bereits zum Fenster hinausflattern.

    Ob die Entlohnung gering oder üppig ausfiel, konnte Kolja schlecht einschätzen. Sowieso spielte es keine Rolle für ihn. „Ich will kein Geld von dir. Sieh es als Freundschaftsdienst.“ Gegenüber Scott oder ihr selbst, durfte Abigail nach eigenem Belieben aus seinen Worten herausinterpretieren.

    Abigails Augen wurden größer und größer. Und dann fiel sie Kolja plötzlich um den Hals. „Oh vielen, vielen Dank, Kolja! Das ist großartig! Du bist mein Lebensretter. Ich weiß deine Hilfe zu schätzen, wirklich! Wenn es irgendetwas gibt, egal was, womit ich mich bei dir revanchieren kann, dann sag es, ja?“

    'Du könntest mich den Rest meines Lebens so umarmen', schlugen Koljas Gefühle eigenmächtig auf ihr Angebot hin vor. Halt, aus! An so etwas durfte er auf keinen Fall denken! Allerdings schmiegte sich Abigail so wundervoll an ihn, als wäre ihr Körper passgenau eigens dafür gegossen worden, in seinen Armen zu liegen. Kolja vermisste ihre Berührung mit der Sekunde, in der Abigail ihn losließ und zurück auf ihren Barhocker hopste.

    Sie machte Nägel mit Köpfen: „Wollen wir uns morgen treffen?“

    Morgen? Mh, Koljas Schicht endete am frühen Nachmittag und bisher standen keine anderweitigen Verpflichtungen an. „Gern. So gegen vier? Bei dir?“

    „So gegen vier bei mir“, reimte Abigail vergnügt und schlug aus lauter Vorfreude die Hände zusammen. „Und nochmal vielen Dank! Ich werde mich anstrengen, versprochen. Du wirst deine Entscheidung, mir zu helfen, nicht bereuen!“

    Daran hegte Kolja ernsthafte Zweifel. Seine Vernunft schlug ja jetzt schon Alarm, Kolja solle die Nähe dieser Frau keinesfalls zu sehr genießen, da es am Ende doch bloß wieder in gebrochenen Herzen resultieren würde.

    Der chaotische Stimmenwirrwarr der Fußballer deutete den Abschluss der Mannschaftsbesprechung an und veranlasste Kolja, seine Augen auf Scotts Team zurichten. Eine Sache wollte Hayes noch loswerden, ehe er seine Männer entließ und stieß einen schrillen Pfiff aus, der die Spieler noch einmal zur Ruhe befahl. „Zum Schluss will ich noch was sagen. Ich weiß, dass es in letzter Zeit echt mies für uns gelaufen ist. Mein Sturz, einer unserer Sponsoren ist abgesprungen und irgendwelche Wichser haben unser Gerätelager geknackt. Außerdem sind uns mit Hogan und Smith gleichzeitig der elfte Mann und unser einziger Auswechselspieler abgehauen. Aber das juckt und nicht, klar?! Diese Penner aus den anderen Mannschaften fegen wir locker zu zehnt vom Platz, wie die verreckten Schmeißfliegen unter den knarzigen Betten, auf denen ich ihre fetten Mütter knalle. Die mögen vollbesetzt sein, doch wir sind tollwütig! Zeigen wir, dass sie uns trotz Überzahl unsere haarigen Arschritzen auskratzen können!“

    Der Leprechaun klatschte darauf in die Hände, was das Schlusssignal bedeutete, da sich die Gruppe um ihn herum auflöste, bis Hayes alleingelassen auf der Tischplatte zurückblieb. Mit aufgeblasenen Wangen glotzte er den Männern nach. „Hey! Will mir vielleicht mal jemand hier runter helfen?“

    „Das ist wohl mein Stichwort“, erwähnte Gwen und rutschte gewohnt elegant von ihrem Sitz herunter. Durch Abigails Auftauchen hatte Kolja ihre Anwesenheit völlig verdrängt. Das musste etwas bedeuten, denn einen Sukkubus konnte Mann unmöglich mal eben einfach so ignorieren. „Wir sehen uns, Papabär.“

    Sie stolzierte auf ihren halsbrecherisch hohen Absätzen auf Hayes zu und kreuzte dabei den Weg von Colin und Scott. Der ältere der beiden tauschte einen neutralen Gruß mit Gwen aus, wohingegen Colin sie angetan musterte und ihr sogar einen Blick hinterherwarf - und andersherum ebenso, bis Gwen schließlich mit Hayes verschwand. Den beiden gefiel offenbar, was sie sahen.

    Die Brüder gesellten sich zu Abigail und Kolja an den Tresen und nahmen auf den Barhockern links und rechts ihrer Schwester Platz. Das Bild, wie die zwei Abigail flankierten, als wären sie ihre leibeigenen Bodyguards, passte perfekt. Trotz zeitweisen, geschwisterlichen Zanks, ließen Scott und Colin wirklich gar nichts auf ihre Schwester kommen und verteidigten ihr Wohlergehen sowie ihren Ruf mit der aggressiven Härte zweier Kampfhunde. Kolja hatte bereits miterlebt, wie sich die beiden irgendeinen jungen Kerl vorknöpften, nur weil dieser ihrer Ansicht nach Abigail einen Wimpernschlag zu lang angaffte. Man wollte den Fitzpatrickbrüdern also wahrlich keinen echten Grund liefern, für Abigail einzustehen. Zudem gerade Scott einen besonderen, meist unbegründeten Hass entwickelte, wenn es um die Ex-Freunde seiner Frauen ging. Egal ob Moira oder Abigail: wer ihnen weh tat, dem tat Scott noch viel, viel mehr weh. Und seine Freundin Hazel musste nicht einmal selbst einen Groll gegen ihre vorherigen Männer hegen, damit er ihnen am liebsten die Kehle zerbeißen würde. Kolja atmete tief durch. Seine Freundschaft zu Scott stellte einen sehr guten Grund für ihn dar, Abigail in Frieden zulassen. Keine Romanze der Welt war es wert, den besten Freund zu verlieren. Daher überließ Kolja Scott seiner Ahnungslosigkeit und beobachtete, wie er und eine Schwester einander begrüßten.

    „Was hat euer Trainer damit gemeint, es würde mies für euch laufen?“, erkundigte sich Abigail neugierig bei ihren Brüdern über Hayes' Schlussworte. Das Interesse am Leben ihrer Geschwister sowie die Fürsorglichkeit, die sie ihnen entgegenbrachte, entzückten Kolja immer wieder. Solche Zuwendung hatte er in seiner Kindheit mangels eigener, gleichaltriger Geschwister leider nie erfahren dürfen.

    Scott winkte ab. „Nur eine Pechsträhne, nichts weiter. Ging in letzter Zeit ein bisschen was schief, das ist alles. Du hast die Liste ja gehört.“

    „Ich finde, das sind ganz schön viele Unglücksfälle auf einmal. Da ist doch etwas faul“, grübelte Abigail skeptisch, woraufhin Colin von ihrer anderen Seite aus mutmaßte:

    „Ich sag's euch, die Feen sind ins Lager eingestiegen. Die langweilen sich, weil O'Rourke immer noch zu tun hat, sein Rudel zu sortieren und ihnen deswegen nichts auf die Fresse geben kann.“



    nächster Teil

  • Abigail wurde und wurde nicht fertig, auf der Suche nach ihrem Geld das Innenleben der Tasche umzukrempeln.

    Ist ja fast wie Hermines Zaubertasche im Siebten Band :D

    „Jedenfalls will ich den Zettel an das schwarze Brett im Supermarkt hängen. Vielleicht habe ich ja Glück, wer weiß“, erklärte Abigail und wollte Kolja die Suchanfrage aus den Fingern ziehen.

    Dieser hielt den Zettel allerdings zurück. „Das musst du nicht.“

    „Wie meinst du das?“

    Schulterzuckend zerknüllte Kolja das Papier und verkündete: „Ich helfe dir.“

    ... Awww! Nachhilfe!!! Wie ... süß!

    'Du könntest mich den Rest meines Lebens so umarmen', schlugen Koljas Gefühle eigenmächtig auf ihr Angebot hin vor.

    hach! *schmacht*
    Die beiden tun mir leid. Sie wollen und wissen nicht, dass jder jeweils andere will und dürfen sie überhaupt, weil wegen Scott???


    und am Ende bahnen sich schon wieder schwierigkeiten an. Die Episode wird super :D

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    - F. Scott Fitzgerald


  • Die Feen. Kolja musste seine ganz persönlichen Erfahrungen mit ihnen sammeln, obwohl er gern auf sie verzichtet hätte. Damals lebte er erst seit relativ kurzer Zeit in dieser Stadt und seine Freundschaft zu Scott bestand höchstens ein paar Wochen, als sie unbegründet anfingen, ihn zu drangsalieren. Beziehungsweise bestand es aus der Sicht des Schwarms schon ein Grund: Kolja war Ausländer und angeblich stahl er ihnen die Jobs – Welche Jobs auch immer damit gemeint sein sollten, denn zu jener Zeit hatte er ganz frisch als Koch im Tír na nÓg angefangen und verfügte über gar keine Kapazitäten, um zusätzlich mehreren Leuten ihre Arbeitsplätze streitig zu machen. Gab es also eine noch größere, unkreative Pseudobegründung, um jemanden auf die Nerven zu gehen? Von magiebegabten Wesen sollte man echt mehr erwarten dürfen.

    Man konnte die Feen mit Fug und Recht als speziell bezeichnen, sowohl im Hinblick auf ihre Erscheinung, als auch in ihrem Benehmen. Weil Feen zu den ältesten Arten unter den Freaks gehörten und die Legenden und Mythen über sie bis ins tiefste Mittelalter zurückdatieren wurden, bildeten sie sich sonst etwas auf ihr Dasein ein. Sie verlangten Sonderbehandlungen, nahmen sich Überheblichkeiten sowie unangemessene Freiheiten heraus und ginge es nach ihnen, würde jeder Freak sofort einen Kniefall vor ihnen hinlegen, sobald man sie auf der Straße antraf. Dabei blieben sie letztendlich nur verzogene Gören, die zu prätentiösen, anmaßenden Erwachsenen herangereift waren und vor lauter Arroganz keine Argumente kannten, außer ihren Fäusten. Nur wenig unterschied sie von Finn O'Rourkes Wolfsrudel – und gleichzeitig lagen doch Welten zwischen ihnen und ihren Erzfeinden.

    Jedenfalls teilte Kolja Colins Einschätzung, was die Aktivität des Schwarms betraf. Gegenwärtig schienen die Probleme mit den Feen zuzunehmen und das vermutlich tatsächlich deshalb, weil ihnen der Gegenpol fehlte, von dem sie sonst in Schach gehalten wurden. Bisher wahrten sie Abstand zu Kolja. Noch. Zum Glück konnte der Bär darauf zählen, von Scott jederzeit den Rücken freigehalten zubekommen.

    Colin theoretisierte noch ein bisschen mehr herum: „Und zwischen dem Litha-Fest und Samhain dreht doch eh alles am Rad, was mit Magie zu tun hat. Als hätt' das Jahr seine Tage, Mann. So'ne richtige Zimtzicke auf Regelblutung.“ Er lehnte den Oberkörper zurück, um Scott mit einem breiten Grinsen ansehen zu können. „'N Glück, dass Hexen nicht magisch sind, was?“

    Sein Bruder kratzte sich sodann nachdenklich den Scheitel. „Mh-mh. Hazel ist so schon anstrengend genug, wenn sie ihre Tage hat.“

    „So wechsellaunig kommt sie mir aber nicht vor“, nahm Abigail die Hexe in Schutz und bevor Kolja überhaupt auf die Frage kam, weshalb sie über den Zeitraum von Hazels Monatsblutung im Bilde war, erklärte sie es im selben Atemzug schon fröhlich selbst: „Wir sind übrigens synchron!“ Uhrm, okay. Das musste wohl so ein Frauending sein.

    „Es sind nicht ihre Launen“, stellte Scott überfordert richtig. „Sie wird … na ja… dauergeil. Und wenn sie durch ist, will sie es immer und immer wieder treiben, um die aufgestaute Energie einer ganzen Woche abzubauen. Das bringt mich echt an meine Grenzen.“ Kaum ausgesprochen, legte sich ein trauriger Ausdruck über Scotts Züge. „Aber sie ist ja eh nicht hier.“

    Im nächsten Augenblick nahm Kolja ein klägliches, hohes Geräusch aus Scotts Richtung wahr. Erst dachte er, ihm pfiffen bloß die Ohren; die Blicke von Abigail und Colin verrieten ihm jedoch, dass sie den Ton ebenso hörten. Ungläubig verzog Colin das Gesicht. „Alter, winselst du etwa?!“ Da pflegte Kolja seit fast zehn Jahren eine tiefe Freundschaft zu Scott und trotzdem war ihm nie bewusst gewesen, dass Scott überhaupt derartige Laute zustande brachte.

    Wie zu erwarten, wenn seine Liebesbeziehung Thema wurde, fiel Scotts Reaktion übertrieben ungehalten aus: „An meiner Stelle würdest du auch winseln, aber dafür müsste dich erst mal 'ne Frau an sich ranlassen, du Pisser!“

    Colin setzte zu einer gewiss noch unhöflicheren Erwiderung an, ließ sie im Endeffekt jedoch unausgesprochen, da das Smartphone in Scotts Hosentasche mit einem hellen Signalton nach der Aufmerksamkeit seines Besitzers verlangte und diese auch voll und ganz geschenkt bekam. Genervt wedelte Colin daraufhin mit der flachen Hand vor seinem Gesicht herum – die universelle Geste um wortlos auszudrücken: 'Der Kerl hat echt 'ne Scheibe!'

    „Gibt es was Neues von Hazel?“, wollte Abigail erfahren und schielte wissbegierig auf das Smartphonedisplay.

    Die Mundwinkel ihres Bruders sackten vielsagend ab. „Ne. Ist nur schon wieder so eine schwachsinnige Kettennachricht. Welcher Vollpfosten leitet so eine Scheiße denn bitte weiter?“

    Er hätte es anders formuliert, doch grundsätzlich stimmte Kolja Scott zu. Gut siebenundneunzig Prozent aller umlaufenden Kettennachrichten waren reiner Unfug, denn dieses ganze Gestammel über Pech in der Liebe, den Tod eines Elternteils oder irgendwelche finanziellen Schicksalsschläge, sollte man den Text an keine wahllose Anzahl seiner Kontakte weiterleiten, stammte aus der Feder gelangweilter Menschen und erzielte daher sogar noch weniger Wirkung, als die kleinen Etiketten, die Moira zum Zweck der Mülltrennung an den Abfalleimern in der WG-Küche angebracht hatte. Wirklich niemand nahm Kettennachrichten in entferntester Weise ernst, obwohl sie ihren Ursprung keinesfalls in läppischer Spielerei fanden. Eine Priese Magie und eine Kettennachricht konnte mir nichts, dir nichts zu einem waschechten Fluch werden. Das digitale Zeitalter kannte selbst vor den guten alten traditionellen Verwünschungen kein Halt. Heutzutage genügte es, via Textmessanger generische, unpersönliche Botschaften zu versenden, während man früher seinem Opfer den Unsegen noch von Angesicht zu Angesicht zu unken, oder zumindest vor dessen Haustür einen abgetrennten Tierkopf auf einen Pfahl aufspießen musste. In der Regel vermochten einzig magiebegabte Freaks Flüche zu wirken, was aufgrund der wahrlich albernen Reputation der Kettennachrichten selbst den überkandidelten Feen zu doof war. In Koljas Augen musste man also schon sehr leichtgläubig sein, um einer Kettennachricht auf dem Leim zu gehen.

    Scott löschte den Text aus dem Verlauf und schob das Smartphone zurück in seine Hosentasche. „In letzter Zeit ist wieder mehr von dem Rotz im Umlauf“, meinte Colin gleichgültig und angelte nach einer etwas entfernt stehenden Snackschale voller Salzstangen und Erdnüsse. „Steckt die Menschheit in 'nem Sommerloch, oder haben die echt nix besseres zu tun?“

    Abigail hob ihre schlanke Hand. „Ich tippe auf das Sommerloch“

    „Jup, Sommerloch“, vergab Scott seine Stimme und Kolja schloss sich dem an:

    „Sommerloch.“ Neulich stand in der Tageszeitung allen Ernstes ein Artikel über die derzeitige Wuchshöhe der Rasenfläche vor der Stadtverwaltung und was für ein Jammer es sei, dass der demolierte Rasentraktor des Hausmeisters wegen Haushaltskürzungen nach so vielen Jahren nie ersetzt wurde. Beim Lesen hatten Kolja schon Schuldgefühle geplagt. Aber Scott und er waren damals betrunken und keineswegs im Vollbesitz ihrer geistigen Zurechnungsfähigkeit gewesen, als sie diesen spontanen Wettstreit darüber abgehalten hatten, wer von ihnen beiden den schwersten Gegenstand am weitesten werfen konnte. Ergebnis: Kolja siegte mit einem Rasentraktor auf einundzwanzig Meter gegen Scotts vollbeladenen Mülleimer auf elf Meter. Seitdem testete die Stadtverwaltung immer wieder verschiedene Varianten, ihren Grasbestand in den Griff zu bekommen, unter anderem auf ökologischem Wege mithilfe der Herde Schafe eines ansässigen Bauern. Allerdings forderte der Tierschutz letztlich die Umsiedlung der Tiere, die aus unerfindlichem Grund völlig verstört das Fressen verweigerten. Unerfindlich blieb dieser Grund jedoch nur, solange niemand auf dieselbe Idee wie Scott und Kolja kam und im angetrunkenen Zustand ausprobierte, ob sich Schafe in ihrer Funktion als Rasenmäher genauso weit werfen ließen, wie ihr benzinbetriebener Vorgänger.

    Gleich mehrere Salzstangen ragten aus Colins Mundwinkel hervor und wippten rege auf und ab, derweil Scotts Bruder seine Lästereien über die Menschen fortführte: „Menschen sind echt bescheuert. So'nen Scheiß wie Kettennachrichten, das nehmen die für voll aber die Heinzelmänner müssen von der Sozialhilfe leben, weil ihnen niemand mehr Münzen und Hemden auf die Stufen legt. Ich mein, die Aliens braten ihnen ihr fettes Klotürgekritzel in die Felder und trotzdem glaubt keiner von denen an Ufos und so'n Kram.“

    „Tut Kolja auch nicht“, bemerkte Scott nebenbei, was Kolja unweigerlich in den Fokus von Colins Spott rückte:

    „Echt jetzt? Du bist 'n Typ, der sich in 'nen verdammten, auf allen Vieren, zwei Meter fünfzig großen Bären verwandeln kann. Wie zur Hölle kannst du da nicht an Aliens glauben?“

    „Ich glaube an die Existenz außerirdischen Lebens“, erklärte Kolja. „Und ich halte den Gedanken, die Erde als bewohnbarer Planet sei ein einzigartiges Produkt mehrerer absurder Zufälle, für zentrovertiert. Irgendwo außerhalb unseres Sonnensystems gibt es mit Sicherheit Leben, doch dass diese Lebensformen für bemannte Weltraumreisen hoch genug entwickelt sind und von allen Himmelskörpern ausgerechnet zu uns reisen, und das mehrfach über Jahrtausende hinweg, entzieht sich jeder sinnhaften Wahrscheinlichkeitsrechnung. Das ist genauso anthropozentrisch, wie die Behauptung, der Mensch sei alleinschuldig am Klimawandel. Er hat ihn bloß stark beschleunigt.“

    Das Wippen der Salzstangen stoppte und Colin, wie auch Scott, glotzte den Bärenpoly an. „'Anthro'-was?“

    Kolja hob die Achseln. „Das ist bloß meine Betrachtungsweise. Die müsst ihr nicht teilen. Ich kann schließlich auch nicht alles nachvollziehen, was ihr für logisch haltet.“

    „Was meinst du denn damit?“, fragte Abigail ihn darauf mit hochgezogenen Brauen und die zwei Linien feiner, schwarzer Härchen schlugen dabei einen geradezu perfekten Bogen, fand Kolja.

    „Zum Beispiel die Bezeichnung 'Freak'. Warum sollte man sich selbst als Freak bezeichnen?“ In den ersten Jahren seines Aufenthalts in Irland hatte sich Kolja regelmäßig davon angegriffen gefühlt, sobald ihn jemand als Freak betitelte. Für ihn haftete nach wie vor ein fahler Beigeschmack an dem Begriff, obwohl er mittlerweile an seine Verwendung als neutralen Terminus gewohnt war.

    „Die negative Assoziation des Wortes entstand erst in den dreißiger Jahren durch die abwertende Verwendung im Kontext mit Missbildungen durch die Filmbranche und durch das NS-Regimes Deutschlands. Davor benutzte man es als wertungsfreie Beschreibung von, nach damaliger Auffassung, zufälligen, unübersehbaren Abweichungen in der Natur. Im englischsprachigen Raum setzte sich 'Freak' als allgemeiner Sammelausdruck für Fabelwesen und Monster aller Art schon viel eher durch, nachdem P.T. Barnum Mitte des neunzehnten Jahrhunderts mit seinem Wanderzirkus eine Oberkategorisierung salonfähig machte.“

    Simultan drehten Kolja, Abigail und Colin ihre Gesichter zu Scott, der desinteressiert das Kinn abstützte und ihnen dreien unbeeindruckt entgegenblinzelte. Das… das waren ungewöhnlich komplizierte Sätze für Scotts Verhältnisse. Und ein bemerkenswert eloquentes Vokabular. „Hazel, bist du da drin?“, feixte Colin und klopfte Scott mit ausgestrecktem Arm gegen den Kopf. Dieser schlug ihm unwirsch die Hand weg.

    „Lass die Scheiße!“

    „Erzähl mir nicht, dass das deine eigenen Worte waren.“

    „Hazel hat's mir halt so erklärt.“

    Positiv von ihrem Bruder überrascht, gab Abigail zu: „Ich hätte nie gedacht, dass ihr zwei über solche Dinge redet.“ Ebenso wenig hätte Kolja es. Mit Scott führte man keine klugen Gespräche und sein Eigenantrieb, seinen Wissensschatz durch neue Erkenntnisse zu bereichern, tendierte gegen den absoluten Nullpunkt. Dass eine Frau wie Hazel unter allen Männern der Welt ausgerechnet ihn auswählte, erschien im ersten Moment vielleicht absurd. Doch es funktionierte und offensichtlich hatte Scott etwas an sich, was seinen fehlenden Intellekt in Hazels Augen wettmachte.

    „So kann man das jetzt nicht sagen“, lenkte Scott auf die Feststellung seiner Schwester hin ein und verschränkte beiläufig die Hände im Nacken. „Hazel wird nach jedem Orgasmus extrem redselig und dann quatscht sie über das erste, was ihr einfällt.“

    „Und du merkst dir das?“ Die Skepsis seines Bruders entlockte Scott ein Schulterzucken.

    „Sie vergisst im Delirium immer, was sie mir erzählt und nach dem fünften oder sechsten Mal bleibt selbst in meinem Hirn was von dem schlauen Kram hängen.“

    Ehe die Brüder ihre Unterhaltung über die post-orgastischen Zustände von Scotts Freundin vertiefen konnten, kam Abigail auf das ursprüngliche Thema zurück. Sie fragte Kolja: „Wie nennt man uns Freaks denn in deiner Heimat?“



    nächster Teil

  • Huhu Skadi


    Dann will ich auch mal von mir hören lassen! Nicht, das du denkst, mich interessiere die Geschichte nicht mehr xD


    Kolja ist schon niedlich irgendwie - seine Gedankengänge sind oft noch verwirrender als Scotts :D

    Außerdem wirkt er manchmal so richtig … plump xD



    „Die negative Assoziation des Wortes entstand erst in den dreißiger Jahren durch die abwertende Verwendung im Kontext mit Missbildungen durch die Filmbranche und durch das NS-Regimes Deutschlands. Davor benutzte man es als wertungsfreie Beschreibung von, nach damaliger Auffassung, zufälligen, unübersehbaren Abweichungen in der Natur. Im englischsprachigen Raum setzte sich 'Freak' als allgemeiner Sammelausdruck für Fabelwesen und Monster aller Art schon viel eher durch, nachdem P.T. Barnum Mitte des neunzehnten Jahrhunderts mit seinem Wanderzirkus eine Oberkategorisierung salonfähig machte.“

    Okaaayyyy … Scott? Geht´s dir gut? :ugly:

    „Hazel, bist du da drin?“, feixte Colin und klopfte Scott mit ausgestrecktem Arm gegen den Kopf. Dieser schlug ihm unwirsch die Hand weg.

    „Lass die Scheiße!“

    „Erzähl mir nicht, dass das deine eigenen Worte waren.“

    „Hazel hat's mir halt so erklärt.“

    :rofl:


    Die beiden Teile waren wieder sehr unterhaltsam :nummer1:

    Kaputt gelacht habe ich mich, das sage ich dir xD


    LG

  • „Es gibt keine spezielle Bezeichnung“, lautete seine Antwort. „Wir sagen einfach мы.“

    „Wie?“

    Er wiederholte das Wörtchen für Abigail. „Mui.

    „Und das heißt übersetzt...?“

    „Wir.“

    „'Wir'?“

    „Ja.“

    Alsdann polterte Colin drauf los: „Ernsthaft? 'Wir'? Gehört das etwa zu dieser bolschewistischen Sozialismusscheiße von euch Russen?“ Kolja überlegte, ob er Scotts Bruder darauf hinweisen sollte, dass die Zugehörigkeit der Bolschewisten zum Sozialismus weniger mit der tatsächlichen politischen Ausrichtung zu tun hatte, denn ihrer eigenen Selbstdarstellung, aber Abigail meinte bereits: „Also mir gefällt es! Man fühlt sich dadurch so miteinander verbunden und weniger allein.“

    „Wenn du's so super findest, dann wander' doch nach Leningrad aus“, musste sie im Gegenzug Colins Zynismus ertragen. Manchmal verspürte Kolja den starken Drang, ihm einmal mit eindringlicher Strenge zu bedenken zu geben, wie er eigentlich dachte, mit Abigail reden zu dürfen. Davon abgesehen wurde die Stadt Leningrad schon vor Jahrzehnten in ihren einstigen Gründungsnamen, Sankt Petersburg, umgetauft, sodass Leningrad kaum mehr blieb, als ein Schriftzug auf Koljas Geburtsurkunde, gleich neben dem verblassenden Siegel der Союз Советских Социалистических Республик, der UdSSR.

    Doch Abigail störte sich nicht an Colins harschem Tonfall und klärte ihren Bruder auf: „Leningrad ist doch gar nicht mehr aktuell.“

    „Braucht ja auch keiner“, warf Scott von der Seite ein und legte das Smartphone weg, welches er zwischenzeitlich abermals hervorgeholt haben musste. Da Scott über die Multitaskingfähigkeiten eines Scheunentors verfügte, war Kolja völlig klar, dass sein Freund bis eben mit lediglich einem halben Ohr zugehört hatte – wenn er überhaupt die Ablenkung durch sein Telefon benötigte, damit seine Gedanken in weitentfernte Sphären abdrifteten. „Sollen die, wie jeder andere, eben Celsius oder Fahrenheit benutzen.“

    Verwirrt zog Kolja die Stirn kraus. Uhrm, was? In welchem Zusammenhang standen denn jetzt Temperatureinheiten-...?

    Oh. Okay. Er verstand es. Leningrad. Grad. Wie in Grad Celsius. Da hatte Scotts Verstand aber einen wirklich weiten Haken geschlagen.

    „Scott, Leningrad ist ein russischer Eigenname. Der wird seit der Auflösung der Sowjetunion 1991 nicht mehr verwendet. Genauso wie Stalingrad“, teilte Abigail ihr Wissen mit ihrem ahnungslosen Bruder, welcher daraus ehrlich überrascht schlussfolgerte:

    „Stalin hat sich auch mit dem Wetter beschäftigt?“

    Offensichtlich steckte Scott in einer Sackgasse der eigenen Hirnwindungen fest und Kolja ahnte, wie wenig erfolgreich ein Befreiungsversuch verlaufen würde. Umso mehr beeindruckte ihn Abigails Kenntnisse über seine Heimat, denn in den westlichen Ländern wurde der Geschichte Russlands bloß ein verschwindend geringer Teil des Schullehrplans zugestanden, wenn sie überhaupt Platz darin fand. 1991 … zu jener Zeit war Abigail noch nicht einmal gezeugt worden. Mh. Schlagartig fühlte sich Kolja steinalt.

    Was ihren Bruder anging, so musste Abigail wohl dasselbe denken, wie er und tauschte einen diesbezüglich eindeutigen Blick mit dem Bären aus. Colin für seinen Teil nutzte die Gelegenheit, um nach einem kurzen Check der Uhrzeit seinen - und dementsprechend auch Abigails - Aufbruch bekanntzugeben. „Wir fahren jetzt. Ich muss Ohli noch von zuhause abholen.“

    „Na gut“, willigte Abigail ein und schob den ganzen Krempel auf dem Tresen wieder in ihre Tasche. „Tschüss, Scott. Und bis morgen, Kolja!“ Bei ihren letzten Worten strahlte die junge Wölfin Kolja an und ehe sie und Colin endgültig zur Tür des Pubs hinausverschwanden, winkte sie ihm noch einmal zu. Verhalten erwiderte Kolja die Abschiedsgeste. Genau. Bis Morgen.

    So blieben die zwei besten Freunde unter sich zurück. „Wieso 'bis morgen'?“, stellte Scott Kolja skeptisch mit einer hochgezogenen Braue zur Rede und seine Frage ließ Kolja übel werden, als hätte ihm sein Freund jetzt schon die Faust in den Magen versenkt. Urgh. Am liebsten wollte Kolja die Aussage verweigern. Sich allerdings hinter Scotts Rücken mit seiner Schwester zu treffen, würde alles nur viel, viel schlimmer machen und eigentlich tat Kolja ja nichts Falsches. Er verabredete sich schließlich nur wegen ihrer Noten mit Abigail. 'Na sicher'. Nicht einmal er selbst schluckte diese Behauptung.

    Also legte Kolja die Karten auf den Tisch: „Ich gebe ihr Nachhilfestunden für ihre Mathematikprüfung.“ Aus pragmatischer Sicht dienten die Treffen tatsächlich nur dem Zweck, Abigail erfolgreich durch die Klausur zu bringen.

    Die gehobene Braue in Scotts Zügen senkte sich unheilverkündend tief zu der anderen und seine Lippen entblößten warnend seine Zähne. „Du? Meiner Schwester?“, presste er rau aus der Kehle hervor und die bedrohliche Vibration seiner Stimme wanderte direkt in Koljas Nacken. Als perforierten ihm unzählige, eiskalte Nadeln seine Haut, die ihm tief ins Fleisch eindrangen, setzte es ihm die Nervenenden unter Strom – ein eindeutiges Warnzeichen seiner tierischen Instinkte angesichts einer drohenden Gefahr. Um die wachsende Anspannung zwischen ihm und Scott aus seinen Muskeln zu vertreiben, rieb Kolja fest mit der Hand über die Rückseite seines Halses und beantwortete sodann in Erwartung eines großen Knalls die Frage seines Freundes mit einem Nicken.

    Scott spie aus: „Wäh, Mathe! Was für ein Dreck“ und entspannte im Anschluss seine Mimik. „Find' ich klasse, dass du ihr hilfst. Abby hat echt ihre Probleme mit diesem Zahlengedöns. Vielen Dank, Mann!“ Zugleich er sprach, versetzte er Kolja einen freundschaftlichen Klaps gegen den Arm.

    Puh! Demnach galt Scotts spürbarer Unmut gar nicht Koljas Abmachung mit seiner Schwester. Die Erkenntnis beschwichtigte Koljas erhitztes Braunbärengemüt, das Kribbeln verschwand und damit lösten sich auch die unangenehmen Verspannungen in seiner Nackenmuskulatur. „Keine Ursache“, erwiderte er und beschloss, besser kein Umdenken bei Scott zu provozieren. Seine Augen wanderten zur Wanduhr des Pubs, oder wie Hazels bevorzugte Definition dafür lautete: Zu dem Wecker auf dem hervorstehenden Stützbalken. In etwa dreißig Minuten hatte Kolja Feierabend. „Gehen wir gemeinsam nachhause?“ Die Schichten der Kellner und der Köche endeten zeitversetzt, doch Scott und Kolja warteten in der Regel aufeinander, um gemeinschaftlich den Nachhauseweg anzutreten.

    Heute würde Kolja jedoch allein losziehen müssen. „Ich kann nicht“, murrte Scott, schlagartig mies gelaunt. „Ward kommt heute nicht und ich muss seine Abendschicht übernehmen.“

    „Schon wieder?“

    Ein aggressives Knurren ersetzte jedwede Antwort.

    Caoimhin Ward. Langsam glaubte Kolja wirklich, ihr neuer Kollege legte es gezielt darauf an, es sich mit der restlichen Belegschaft zu verscherzen. Ständig störte er den Schichtplan, indem er sich extrem kurzfristig krankmeldete oder viel zu spät auftauchte, wodurch er die verbleibenden Kellner indirekt dazu zwang, bis zu seinem Erscheinen Überstunden zu schieben. Dabei schaffte es ja selbst Scott mit seiner unterentwickelten Arbeitsmoral, einigermaßen pünktlich im Tír na nÓg aufzuschlagen. Im Nachhinein versuchte Ward sein Fernbleiben durch Ausreden zu entschuldigen, die kaum fadenscheiniger ausfallen konnten. So behauptete er unter anderem mit schöner Regelmäßigkeit verschlafen zu haben, aber jeder Freak wusste ganz genau, dass Gespenster gar keinen Schlaf brauchten. Zudem er bei den Unmengen an Energydrinks, die er den lieben langen Tag hinab becherte, eh kein einziges Auge zu bekäme. Wobei Kolja selbstverständlich klar war, dass der Geist keineswegs wegen des Koffeinrausches eine Dose nach der nächsten leerte, sondern weil die Inhaltsstoffe seine Ektoplasmabildung ankurbelten, was ihm wiederum erlaubte, sich komplett zu verstofflichen. Erfahrungsgemäß kamen in einer von Menschen dominierten Gesellschaft transparente, freischwebende Schemen nämlich ziemlich schlecht an.

    Für Gespenster gehörte die Rezeptur zur Herstellung von Energydrinks zu den bahnbrechenden Errungenschaften der modernen Zeit. Die Erfinderin, eine Hexe wie Hazel, ging zu Recht in die Geschichtsbücher ein, einer ganzen Bevölkerungsgruppe eine bessere Lebensqualität ermöglicht zu haben. Allerdings neigten die Menschen dazu, in einigen Produkten ihren nächsten Modetrend zu sehen und dann drängelten sie sich mit dem größten Vergnügen die Position der Hauptkonsumenten hinein. Der Hype um Energydrinks bildete lediglich ein Beispiel für ihr unberechenbares Kaufverhalten, so wie damals bei diesen Plateauschuhen, welche ursprünglich den Kobolden und Gnomen ihr Dasein unter lauter hochgewachsenen Wesen vereinfachen sollten. Oder als nach dem ersten Weltkrieg ein Elf für seinesgleichen das Wattestäbchen entwickelte, weil er und seine Artgenossen mit herkömmlichen Hygieneartikeln nie in die engen Ecken ihrer spitzen Ohren gelangten. Nun gut. Zumindest die Hersteller dürften die unverhofften Absatzsteigerungen freuen. Und wer genoss schon nicht das Gefühl, den Innenraum seines Gehörgangs mit einem Wattestäbchen zu massieren? Irgendwie fand Kolja den egozentrischen Irrglauben der Menschen, die Welt wäre allein für ihre Bedürfnisse entstanden, ja ganz putzig. Auf den Dosen von Wards bevorzugtem Energydrink stand immerhin in großen, unübersehbaren Buchstaben das Wort 'Monster' aufgedruckt und dennoch schaffe es die Menschheit, diese offensichtliche Botschaft des Verpackungsdesigners zu verpassen.

    Gegenüber Ward verschwieg man derartige Überlegungen, solange man weder Zeit, noch Nerven für eine ausgedehnte Suada über die Kommerzialisierung von Grundbedürfnissen erübrigen konnte. Im Wesentlichen vertrat Kolja dieselbe Meinung wie er. Doch wenn Ward einmal damit anfing, über ein Thema zu lamentieren, dann lamentierte er. Und lamentierte. Und lamentierte. Solche wasserfallartigen Wortergüsse kannte Kolja von Abigail; im Unterschied zu dem Geist versprühte die Wölfin dabei einen bestrickenden, positiven Esprit und verfiel niemals in diese Endzeitstimmung, wie Ward sie verbreitete. Manche Leute wollten sich einfach miserabel fühlen.

    Trotz der wenigen Sympathie, die Kolja gegenüber Ward aufbrachte, war er bisher in keinen nennenswerten Konflikt mit ihm geraten. In Scotts Fall durfte man das leider nicht behaupten. Sie alle vermissten Hazel, Scott dagegen litt schwer unter der Abwesenheit seiner Freundin. Im Rahmen ihrer Dissertation hatte sie an einer Universität in Deutschland eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin angenommen und musste aufgrund wichtiger Laborexperimente für ein paar Wochen auf dem Festland bleiben. Vorübergehend sahen sie und Scott sich deswegen gerade einmal sporadisch. Hazels abruptes Fernbleiben musste für den Wolf ein echter Schock sein, schließlich waren die beiden für sehr lange Zeit direkte Kollegen gewesen und somit gewohnt, beinahe täglich aufeinander zu hocken. Es tröstete Scott kein Stück, dass die Hexe nach Abschluss der Tests eigens Urlaub dafür nahm, die verlorene Zeit in Irland nachzuholen. So lautete jedenfalls der Deal der beiden, denn ohne dieses Versprechen hätte der Wolf mit Sicherheit eher die ganze Welt abgefackelt, als seine Freundin freiwillig ziehen zu lassen.

    Dass nun ausgerechnet jemand wie Ward Hazels alte Stelle als Kellnerin im Pub übernahm, zernagte Scott sichtlich das sowieso angeschlagene Gemüt. In seinen Augen musste es so wirken, als wolle man seine Freundin ersetzen und aus Hayes' Perspektive als Arbeitgeber entsprach das sogar den Tatsachen. Ward hatte daher von Anfang schlechte Karten bei Scott, selbst wenn der Geist nicht... nun ja ... eben er wäre. Scotts Trennungsschmerz feuerte den brodelnden Sud beidseitiger Antipathie kräftig an und beim nichtigsten Anlass ging das Gebräu ab, wie ein ganzer Liter überkochende Frischmilch. Tätliche Auseinandersetzungen zwischen den zwei Männern zählten mittlerweile schon fast zur Tagesordnung.

    Mh. Trennungsschmerz und tätliche Auseinandersetzungen. Die Kombination dieser Begriffe führte Koljas Denkrichtung unweigerlich zurück zu seinem Dilemma mit Abigail. Eigentlich wollte er Scott ja keinen Nährboden liefern, seine lockere Einstellung bezüglich der Nachhilfestunden für seine Schwester doch noch zu überdenken. Aber Kolja bedeutete die Freundschaft zu ihm viel zu viel, als dass er sie einem Risiko aussetzen wollte. Also ging der Bärenpoly lieber auf Nummer sicher und fragte: „Ist es wirklich in Ordnung für dich, wenn ich mich mit Abigail treffe?“

    „Machst du Witze?“, antworte Scott ohne zu zögern und verscheuchte Koljas Zweifel symbolisch mittels einer abwinkenden Handbewegung. „Ich kenne niemanden, der den ganzen Mathekram besser draufhat, als du. Ich meine, du rechnest ja sogar mal eben so im Kopf an der Supermarktkasse mit, obwohl die Alte hinter dem Barcodescanner 'nen verdammten Geschwindigkeitsrekord aufstellt.“ Hm-Hm. Manche Kassiererinnen schienen es ernsthaft auf einen überquellenden Rückstau an Waren anzulegen, weil sie die Einkäufe schneller über das Band zogen, als man sie verpacken konnte. Die hohen Piep-Signale des Kassensystems machten dabei immer den Eindruck auf Kolja, in einer Identitätskrise zu stecken und sich eigentlich als das Elektrokardiogramm einer Etruskerspitzmaus zu identifizieren.

    Neben Koljas mathematischer Begabung gab es für Scott noch einen zweiten Grund, aus dem er in seinem Freund den perfekten Nachhilfelehrer für Abigail sah: „Und außerdem brauch ich mir bei dir keine Sorgen machen, dass du Abby an die Wäsche gehst. Nicht so wie bei diesen College-Bengeln, die sie doch bloß mit ihren dreckigen Fingern überall angrabschen wollen. Zwischen dir und Abby läuft da ja rein gar nichts.“

    Aua.

    Kolja hing nun wirklich keinen desillusionierten Wunschvorstellungen nach, in welcher er mit Abigail glücklich verliebt über blühende Wiesen sprang; dennoch tat es weh, die Realität wie einen kalten, toten Fisch um die Ohren geklatscht zubekommen. Mit seiner Einschätzung über die Intensität ihrer Beziehung vollführte Scott eine echte Punktlandung. Ein resigniertes Seufzen wollte sich seinen Weg aus Koljas Brust bahnen. Er drängte es zurück, indem er Scott versicherte: „Richtig. Da läuft überhaupt nichts.“



    nächster Teil

  • Armer Kolja :(

    Ich überlege gerade wie hoch der Altersunterschied zwischen Kolja und Abby ist... naja. Wo die Liebe hinfällt und so, da ist Alter nicht so wichtig :D


    Jedenfalls hat Scott nicht dazu beigetragen, dass der Bär sich besser fühlt... Ich bin gespannt, wann Kolja tatsächlich mit der Sprache rausrückt. Oder Scott erwischt die beiden in Flagranti... Das wäre aber ziemlich mies ... oder der Bär schweigt weiter und weiter und weiter ... auch das wäre mies.


    Ich bin gespannt, wohin und diese Episode noch führt :)


    LG

  • „Du bist da, wie schön! Oh Kolja, du glaubst ja nicht, wie sehr ich unserer ernsten Nachhilfestunde entgegengefiebert habe, denn mit dir als Lehrer wird meine Prüfung ganz bestimmt ein Kinderspiel. Ich fühle mich so motiviert! Meinetwegen können wir sofort loslegen“, überfiel Abigail ihn, bevor Kolja auch nur drei Schritte in ihr Elternhaus getan oder zumindest ihre Begrüßung erwidert hatte. „Ich habe schon alles vorbereitet, sodass wir ohne zu trödeln gleich mit dem Unterricht anfangen können. Das heißt, natürlich werde ich mir viel, viel Mühe geben, damit du auf keinen Fall das Gefühl bekommst, mit mir tatsächlich bloß deine Zeit zu verschwenden. Ich bin dir so dankbar dafür, dass du mir hilfst, Kolja. Das kannst du dir nicht vorstellen. Gibt es etwas, was ich dir bringen kann? Möchtest du Tee?“

    Seinen Rucksack gerade einmal zur Hälfte abgesetzt, blinzelte Kolja Abigail entgegen. Uhrm, Tee? Klar, warum nicht? Er hob zu der Antwort an, eine Tasse zu nehmen, doch sein Atem wurde ungenutzt von Abigails Redefluss hinfort gespült. Mithilfe ihrer Finger zählte sie dem Bären auf: „Wir haben Kräutertee, Schwarzen Tee, Grünen Tee, Heiße Zitrone, Pfefferminztee, Weißen Tee, Fenchel-Kümmel-Anis-Tee, Salbeitee, Rooibostee, Ingwertee, Brennnesseltee, eine Waldbeerenmischung, Kirsch-Bananen-Tee, Hagebuttentee, Kamillentee, Fencheltee und oh! Es müssten noch ein paar Beutel dieses aromatisierten Kuchentees im Schrank sein, die Kieran bevorzugt trinkt. Zimtschnecke und Himbeertörtchen zum Beispiel.“ Zimtschnecke und Himbeertörtchen…? „Du kannst selbstverständlich Milch oder Zucker für deinen Tee bekommen oder trinkst du ihn lieber pur? Wie trinkt man denn in Russland den Tee? Eine Weile habe ich meinen Earl Grey mit Orangensaft gemischt. Man soll nicht glauben, wie lecker diese Kombination schmeckt. Hm, das könnte ich wirklich wieder einmal trinken. Was meinst du, Kolja?“

    Der Bärenpoly musterte Abigails Mund und als er sich sicher war, dass daraus vorerst kein weiterer Sturzbach an Worten hervor ran, sagte er: „Ich mag Kräutertee.“

    „Auch keine schlechte Wahl. Möchtest du vielleicht Honig dazu?“

    Ja, bitte. Auf Koljas Nicken hin eilte Abigail schnurstracks in die Küche davon und im nächsten Moment hörte er das Rauschen des Wasserkochers, als auch das Klirren der Tassen. Heute schien einer dieser Tage zu sein, an dem Abigail mit einer besonderen Dosis Tatendrang aus ihrem Bett gesprungen sein musste und Kolja fand sie in diesem Zustand unglaublich niedlich. Bei so viel Vorfreude auf ihre Nachhilfe lag ihr wohl wahrlich viel an ihren Noten.

    Da Kolja wie bestellt und dann nicht abgeholt im Flur herumstand, trat er bis ins Wohnzimmer durch und ließ neben der Couch seinen Rucksack auf den Boden fallen. Wie von Abigail angekündigt, lagen auf dem Couchtischchen diverse Schreibutensilien bereit, zusammen mit einem Taschenrechner, ausgedruckten Aufgabenstellungen und einem Lehrbuch. Einzig eine Sache wirkte fehl am Platz: das vollständig aufgebaute Schachbrett, welches Abigail des Freiraums wegen bis zur Tischkante geschoben hatte. Offensichtlich pausierte das Spiel, denn die wenigsten Figuren harrten noch in ihrer Anfangsstellung und die vielen Bauern im Zentrum verrieten Kolja zweifelsfrei das Ende der Eröffnung. Auf den schwarzen Feldern ließ sich eine leichte Staubschicht erkennen. Die Spielpause dauerte also schon ein Weilchen und weil Kolja bezweifelte, man würde noch weiterspielen wollen, rückte er den weißen Springer vor. „мат“, murmelte er geistesabwesend in seiner Muttersprache. Schachmatt.

    „Wie hast du das gemacht?“

    Ertappt fuhr Kolja zu der fremden Stimme herum. Wie aus dem Nichts stand plötzlich ein junger Mann im Türrahmen zum Flur und betrachte den Bärenpoly mit regem Interesse. Nein, kein junger Mann, revidierte Kolja – ein Teenager und ging man nach den kurzgeschnittenen, schwarzen Haaren, den braunen Augen sowie der generellen Ähnlichkeit zu Scott und Colin, dann gehörte er unbestreitbar zum weitreichenden Klan der Fitzpatrickfamilie. In einer Hand hielt er sein Smartphone und ein Kabel verband das Gerät mit den knopfartigen Kopfhörern in seinen Ohren. Einer davon hing ausgestöpselt herab. Vermutlich, damit sein Träger Kolja besser verstand.

    Der Junge schloss zu ihm auf, deutete auf das Schachbrett und wiederholte seine Frage. „Was war das für ein Zug? Ich sitze seit Tagen ratlos vor der Aufstellung und du kommst hier rein und setzt den schwarzen König mal eben so schachmatt.“ Über die verschobenen Höhen und Tiefen des Stimmbruchs hinweg, hörte Kolja ein kehliges Kratzen aus der Tonlage des jungen Rüden heraus; derselbe markante Klang, den er von Scott und dessen Bruder kannte und welcher gleichermaßen in Abigails Mezzosopran wiederhallte.

    „Entschuldige. Ich wollte dein Spiel nicht verderben“, bat Kolja um Verzeihung, ungefragt die Spielfiguren versetzt zu haben, woraufhin der Teenager ihn mit großen Augen ansah.

    „Wie? Nein, nein! Keine Sorge, das macht nichts. Ich habe sowieso festgesteckt. Du spielst auch Schach? Kannst du mir beibringen, so superschnell zu spielen, wie du?“

    Ob er… Ehe Koljas Verblüffung eine Reaktion auf die Frage des unbekannten Wolfs zuließ, schob Abigail ihren Schopf um die Ecke. „Möchtest du Tee, Kieran?“

    „Ist noch was von dem Himbeertörtchentee da?“, machte dieser seine Entscheidung vom vorhandenen Teesortiment abhängig und nachdem Abigail bejahte, nahm er das Angebot freundlich lächelnd an. Moment. Kieran? Bei dem Teenager an Koljas Seite handelte es sich um Kieran? Überrascht blinzelte Kolja ihn an. Scotts jüngster Bruder passte rein gar nicht zu dem Spitznamen, mit dem seine Geschwister ihn oft betitelten. 'Der Kleine' war so hochgewachsen, dass ihn, wenn überhaupt, nur eine halbe bis maximal ganze Fingerbreite von Scott und Colin trennte und den überproportional großen Füßen und Ohren nach zu urteilen, bestand für Kieran definitiv noch Luft nach oben. Wörtlich gesprochen. Huh. Womöglich befand er sich irgendwann auf einer Augenhöhe zu Kolja.

    Als Abigail Kolja und ihren Bruder beieinanderstehend entdeckte, trat sie vollständig hervor und entsprechend ihrer gastfreundlichen Art, machte sie sie miteinander bekannt: „Das ist übrigens Kolja. Scotts Freund, weißt du noch? Er hilft mir mit meinen Matheaufgaben.“

    Alsdann breitete sich Erkenntnis auf Kierans Gesicht aus. „Du bist Kolja? Cool, Mann! Abby und Scott haben schon von dir erzählt. Nett, dich mal endlich persönlich kennenzulernen“, meinte er und gab Kolja auf ihre neugeschlossene Bekanntschaft hin schwungvoll die Hand. Für seinen schlaksigen Körperbau hatte der Teenager einen ganz schön festen Händedruck, bemerkte der Bärenpoly und gab das Kompliment an Kieran zurück: „Ebenso.“

    „Hast du mit Sean geredet?“, wollte Abigail in der anschließenden Sekunde wissen und wies auf Kierans Telefon. „Wie schlägt er sich so?“

    Ihr Bruder ließ die Schultern hängen. Bekümmert antwortete er: „Wie sich ein Zauberer zwischen Litha und Samhain eben schlägt. Es ist gerade echt schwierig mit ihm. Von jeder Kleinigkeit lässt er sich auf die Palme bringen und er reagiert so wahnsinnig schnell über. Jetzt haben ihm seine Eltern Hausarrest gegeben, weil er seine Schwester im Streit in ein Kaninchen verwandelt hat. Das verdirbt ihm auch bloß wieder die Laune und… na ja. Es ist schon unfair. Als ob uns die Pubertät nicht schon genug zu schaffen macht. Da brauchen wir diesen magischen Zyklus-Kram echt nicht auch noch.“ Während der letzten paar Sätze, stellte Kieran Blickkontakt zu Kolja her, als ob dieser wüsste, über wen Abigails Bruder eigentlich redete.

    „Du meinst, er hat sie in eine Kröte verwandelt“, korrigierte Abigail ihn sodann. Viele Leute hielten es für ein pauschales Vorurteil, dass Zauberer ihre Opfer allzu gern in die Hülle von Kröten zwingen würden aber betrachtete man die Statistiken, verbarg sich hinter diesem Klischee tatsächlich ein quantitativer Fakt. Bemerkenswerter Weise wurden diese Zahlen nur marginal von der Beliebtheit einzelner Tierarten beeinflusst. Den Ausschlag gaben stattdessen die Fingerfertigkeiten der Zauberergemeinschaft. Zauberer wirkten ihre Magie mithilfe bestimmter Handbewegungen, das wusste so gut wie jeder Freak. Dass aus diesen Gesten im Laufe der Zeit die Gebärdensprache entwickelt wurde und genau wie bei diesem Ableger jede Haltung eine eigene Bedeutung besaß, war hingegen weniger bekannt. Schon ein abstehender Finger vermochte die Kernaussage einer Zeichenfolge zu verändern. Nun bot der Fundus an Handzeichen aus irgendeinem Grund eine redundante Vielzahl an Synonymen für das Wort Kröte an. Wollte ein Zauberer also eine Person in ein Tier verwandeln und führte er die dazu notwendige Geste nicht perfekt aus, erwischte er mit sehr großer Wahrscheinlichkeit eines dieser Ersatzworte. Kolja hatte sich die Zusammenhänge vor vielen Jahren von einer Kommilitonin und Zauberin erklären lassen, mit der er … nun ja. Heutzutage durften sie davon sprechen, miteinander liiert gewesen zu sein.

    Ratlos hob Kieran die Achseln. „Nein, nein. In ein Kaninchen. Die müssen ihren eigenen Kot fressen, um zu überleben, weil sonst ihre Verdauung nicht funktioniert und Sean meint, das sei eine größere Bestrafung, als ein paar hässliche Warzen.“ Da war was dran. Kolja schwankte, ob er die Denkweise dieses Seans für außerordentlichen diabolisch, oder außerordentlich kreativ halten sollte. So oder so beschloss er für sich, zukünftig keinem pubertierenden Zauberer einen Grund zu geben, sauer auf ihn zu sein.

    Abigail brachte ihr Mitgefühl für die Situation der zwei Teenager zum Ausdruck. „Hoffentlich geht es für Sean bald wieder bergauf. Es ist wirklich schrecklich, wenn man seine Freunde leiden sieht und ihnen rein gar nicht helfen kann.“

    „Spätestens nach Samhain ist er wieder der Alte“, erklärte Kieran optimistisch. „So lief es bis jetzt in jedem Jahr ab. Er kann nichts dafür, dass seine Stimmung Saltos schlägt und bisher hat er sich im Nachhinein immer für sein Verhalten entschuldigt. Ich bin einfach geduldig, dann renkt sich alles wieder ein. Er ist eben mein bester Freund.“ Erneut bezog er Kolja durch einen Blick in die Unterhaltung ein. Ja. Beste Freunde. Niemals gab man sie kampflos auf.

    Für Kieran schien damit das Schlusswort zu dieser Angelegenheit gesprochen und so lenkte er das Gespräch in eine andere Richtung: „Apropos Stimmung. Geht's Scott mittlerweile besser?“

    „Noch nicht, nein“, meinte Abigail. „Das wird es wohl erst, wenn seine Freundin wieder in Irland ist. Er vermisst Hazel nach wie vor sehr.“ Ein sanftes, gerührtes Seufzen folgte ihrer Antwort. „Ist das nicht einfach wundervoll? Scott ist so sehr in sie verliebt! Hach, ich bin ein kleines bisschen neidisch auf die zwei. Ich wünschte, ich hätte auch wie Scott mein Ein-für-alle-Mal erobert.“ Mh. Jetzt bildete sich Kolja vor lauter Schwärmerei für Abigail schon ein, sie sähe gezielt ihn dabei an. Sein hoffnungslos verknallter Verstand spielte ihm echt üble Streiche.

    Im Gegensatz zu seiner älteren Schwester zeigte Kieran weniger Empfänglichkeit für derartiges kitschiges Gesäusel. Skeptisch runzelte er die Stirn. „Findest du nicht?“, sprach Abigail ihn auf sein stummes Minenspiel an.

    „Ehrlich gesagt verstehe ich es nicht. Also, Scotts Freundin ist sicher eine prima Frau aber im Moment leben die zwei nicht mal auf derselben Landmasse. Ich weiß nicht, geht das? Ist so was überhaupt erlaubt?“ Offenbar steckte ein Stück von Colin in dem jungen Rüden.

    Tadelnd blies Abigail die Wangen auf, doch da drang aus dem Nebenraum das laute, blubbernde Geräusch des Wasserkochers an Koljas feinen Hörsinn und mit Sicherheit entging Kieran einer vor Romantik triefenden Zurechtweisung nur deshalb, weil Abigail sogleich in die Küche flitzte. Nach ein paar Augenblicken trug sie unbekümmert ein Tablett mit drei frisch aufgebrühten Tassen Tee ins Wohnzimmer. Keine Silbe verlor sie über das vorangegangene Thema von eben. Tja. So einfach ließ Abigail sich ablenken.

    Kieran griff nach einer grünen Tasse mit weißen Tupfen. In verschnörkelten Lettern stand auf dem Papierfähnchen, welches am Ende des Teebeutelfadens über den Tassenrand hing, 'Himbeertörtchen' aufgedruckt. „Ich nehme meine Tasse mit nach oben. Meine Hausaufgaben rufen. Hat mich gefreut, Kolja und vielleicht klappt es ja irgendwann mal mit dem Schachspiel.“ Zum Abschied prostete der Teenager Kolja mit seinem Himbeertörtchentee zu.

    „Vergiss dein Schachbrett nicht“, pfiff Abigail ihn noch einmal zurück. „Wir benötigen den Platz auf dem Tisch.“

    Ein wenig überfordert betrachtete Kieran daraufhin abwechselnd die Tasse in der linken, das Smartphone in seiner rechten Hand sowie das Schachbrett auf dem Tisch. „Ähm… könntest du...?“

    Natürlich konnte Abigail. Sie wischte die Spielfiguren vom Brett, wandte es um und verteilte die Figuren flach auf einer Hälfte. Im Anschluss klappte sie alles zusammen, sodass eine kleine Kiste entstand. Diese klemmte sie ihrem Bruder unter die Achsel und nachdem er seinen Dank ausgesprochen hatte, balancierte Kieran seine Fracht vorsichtig aus dem Raum. Klar. Wozu auch das Telefon aus der Hand legen, nicht wahr?

    „So, dann wollen wir mal!“ Eifrig beschloss Abigail den Beginn ihrer Nachhilfestunde und bot Kolja einen Platz auf der Couch an.



    nächster Teil

  • Huhu Skadi :)


    Freut mich, dass wir Kieran auch mal kennen lernen und interessant, dass er Schach spielt. Ich weiß nicht, ob du das schon mal erwähnt hattest :)

    Und Hauptsache, Kieran bittet Kolja auch um Hilfe xD Der arme Bär!


    Zitat von Skadi

    Wir haben Kräutertee, Schwarzen Tee, Grünen Tee, Heiße Zitrone, Pfefferminztee, Weißen Tee, Fenchel-Kümmel-Anis-Tee, Salbeitee, Rooibostee, Ingwertee, Brennnesseltee, eine Waldbeerenmischung, Kirsch-Bananen-Tee, Hagebuttentee, Kamillentee, Fencheltee und oh! Es müssten noch ein paar Beutel dieses aromatisierten Kuchentees im Schrank sein, die Kieran bevorzugt trinkt. Zimtschnecke und Himbeertörtchen zum Beispiel.“

    Warum sehe ich vor meinem inneren Auge jetzt eine Skadi, die vorm Schrank in der Küche steht und runterrattert, was sie alles an Teesorten dort hat? :D


    Jetzt bin ich gespannt, wie die Nachhilfestunde so abläuft :grinstare:


    LG :)

  • Hallo LadyK ^^


    Freut mich, dass wir Kieran auch mal kennen lernen und interessant, dass er Schach spielt. Ich weiß nicht, ob du das schon mal erwähnt hattest

    Relativ am Anfang von Episode 1 wurde mal fallen gelassen, dass Kieran im Schachclub seiner Schule aktiv ist. Aber das war zu dem Zeitpunkt mehr ein FunFact ohne Relevanz. Da müsste man als Leser schon ein sehr sehr gutes Gedächtnis haben, um sich jetzt daran erinnern zu können :D


    Warum sehe ich vor meinem inneren Auge jetzt eine Skadi, die vorm Schrank in der Küche steht und runterrattert, was sie alles an Teesorten dort hat?

    :ninja: :saint: Das könnte oder könnte auch nicht den tatsächlichen Umständen entsprechen :rofl:


    Danke für deinen Kommentar ^^

  • Unter Einhaltung eines angemessenen Abstands setzte er sich neben die Wölfin und kramte aus seinem Rucksack ein Brillenetui hervor. „Du bist Brillenträger?“, fragte Abigail, derweil Kolja die Bügel seiner Sehhilfe auseinanderbog und das Gestell hernach auf seinem Nasenrücken platzierte.

    „Ich brauche sie nur zum Lesen von gedruckten Texten. Auf die Ferne sehe ich gut.“ Die Sehkraft von Bären war generell eher mittelmäßig und wurde mit voranschreitendem Alter merklich schlechter. Auf kurz oder lang würde Kolja dauerhaft eine Brille tragen müssen; ein bisschen Zeit blieb ihm bis dahin allerdings noch.

    „Ich sehe dich heute zum ersten Mal mit Brille. Mir gefällt sie. Sie steht dir wirklich gut.“ Tat sie, ja. Deswegen hatte Kolja damals dieses Modell mit dem breiten, braunen Rahmen und den kantigen Gläsern ausgewählt. Abigail stützte das Kinn auf ihren verschränkten Finger ab und ihre Lippen formten dieses schöne, friedliche Lächeln, welches keine andere Frau der Welt nachzuahmen schaffte. Oh Mann. Wenn sie Kolja doch nur seinetwegen so verträumt ansehen würde, anstatt wegen eines Accessoires. Nichtsdestotrotz freute er sich über das Kompliment und eilig suchte er etwas an Abigail, mit dem er ihr im Gegenzug genauso schmeicheln durfte. Wobei, nein – er brauchte nicht zu suchen. Ihm fielen auf Anhieb dutzende atemberaubende Dinge an ihr ein und die Schwierigkeit bestand viel mehr darin, sich für eines davon zu entscheiden. Sollte Kolja ihr vielleicht gestehen, wie aufregend dieser sportlich zurückgebundene Pferdeschwanz, den sie heute trug, ihren schlanken Hals betonte? Hm, besser nicht. Am Ende hielt sie ihn noch für einen notgeilen Perversling. Oder für einen Vampir. Also beschloss Kolja, die Flatterie sein zu lassen und beschränkte sich auf ein schnödes „Danke schön.“ Großartig. Jetzt spukte ihm der Wunsch durch die Gedanken, ausgiebig die Konturen ihrer Hals- und Schlüsselbeinpartie nachzufahren. Sowohl mit den Fingern, als auch mit dem Mund… .

    Mathematik! Darum ging es hier. Flugs nahm Kolja eines der Übungsblätter und richtete seine Konzentration auf den Text. Offensichtlich hatte Abigail schon ihre eigenen Versuche angestellt, einen Lösungsansatz zu entwickeln, denn unterhalb der Aufgabenstellungen entzifferte Kolja ihre handschriftlichen Bleistiftnotizen. Anhand des erfolglosen Gekritzels wurde für Kolja bereits eins von Abigails Grundproblemen deutlich. Er erklärte ihr: „Extremalaufgaben verlangen nicht in jedem Fall eine konkrete Zahl im Endergebnis. Manchmal wird ein Term gesucht oder eine Beschreibung der Eigenschaften, die ein Wert mitbringen muss, damit der beschriebene Fall aus der Aufgabenstellung eintreten kann. Zum Beispiel indem der gesuchte Faktor größer oder kleiner Null ist. Dabei ist es egal, wenn er selbst unbestimmt bleibt. Wichtig ist die kausale Wirkung. Anders ausgedrückt heißt das, sobald d-…“ Kolja stockte, als er seine Augen vom Papier hob. Was…was starrte Abigail ihn so gebannt an? Klebte ihm etwas an der Nasenspitze? Am Kinn…?

    „Was tust du da mit deinen Lippen?“

    Ertappt presste Kolja seinen Mund zu einer schmalen Linie zusammen.

    „Wenn du sprichst … zucken sie irgendwie? Als ob du mit ihnen spielst.“

    „Bloß eine Eigenart von uns Bären“, wiegelte Kolja Abigails Beobachtung unangenehm berührt ab und verkroch sich hinter dem Aufgabenzettel in seinen Händen. Aber Abigails Hartnäckigkeit gönnte ihm keinen Frieden.

    „Das ist mir noch nie an dir aufgefallen. Man muss genau hinsehen, so dezent sind die Bewegungen. Ich kann das gar nicht mit meinen Lippen nachmachen.“ Den Wahrheitsgehalt ihrer Behauptung stellte sie unter Beweis, indem sie ihren Mund einen Spalt öffnete und besagte Lippen leicht spitzte. Der Anblick hypnotisierte Kolja.

    Nachdem Abigail ihr Unvermögen, Koljas Lippenbewegungen zu imitieren, ihrer Einschätzung nach hinreichend demonstriert hatte, kicherte sie belustigt und sinnierte: „Wahrscheinlich bemerke ich es erst jetzt, weil du sonst nicht so viel redest. Erst recht nicht an einem Stück.“

    „Das ist möglich“, gab Kolja zu und stierte konsequent die Druckbuchstaben auf dem Papier an. Könnten sie jetzt bitte zur Nachhilfe zurückkehren und damit aufhören, über seine Lippen zu reden? 'Und über Abigails… .'

    In einer Kurzfassung wiederholte Kolja, was er zuvor über den Lösungsansatz von Abigails Matheaufgaben gesagt hatte. Gerade wollte er dazu übergehen, mir ihr ein konkretes Beispiel zu bearbeiten, als sie völlig unvermittelt und ohne jeden Kontext verkündete: „Weißt du, ich habe nachgedacht.“

    Uhrm…? „Worüber?“ Über die Aufgabe? Über ihre Nachhilfestunden?

    Keine seiner Vermutungen traf zu. „Diese ganzen Fehlschläge, die Scotts und Colins Fußballmannschaft in letzter Zeit durchmacht…“, begann Abigail ihre Erörterung, „Ich denke, da steckt etwas dahinter. Es muss so sein!“ Moment. Was? Wie? Fußball? Auf welchem Wege kam denn nun diese Herleitung in ihrem Kopf zustande? Kolja zog die Stirn kraus, während die Wölfin ins Detail ging. „Sie verlieren Spieler und Geldgeber, ihr Trainer bricht sich bei einem Sturz das Bein und der Schuppen mit ihren Sportgeräten wird Opfer von Vandalismus. Findest du nicht auch, dass das ziemlich viele Unglücksfälle für gerade einmal zwei Wochen sind?“

    In der Tat hätte der alte Gauß an der Häufung so vieler negativer Vorfälle seine schiere Freude. Trotzdem bestand für Kolja kein Anlass zur Sorge. „Sie haben eben eine Pechsträhne“, schätzte er die Situation ein.

    „Keine Strähne, ein ganzer Zopf, wenn du mich fragst. Ich meine, wie hoch ist bitte die Wahrscheinlichkeit, dass eine einzige Mannschaft in so kurzer Zeit dermaßen viel Pech erlebt?“

    „Willst du es ausrechnen?“, spaßte Kolja und tippte mit dem Finger auf den Aufgabenzettel. Er lachte leise, als Abigail ihm darauf frech die Zunge entgegenstreckte.

    „Sehr lustig. Aber im Ernst. Etwas geht da nicht mit rechten Dingen zu! Und ich denke auch zu wissen, was das ist.“ Geheimniskrämerisch neigte sich Abigail in seine Richtung und legte eine dramatische Sprechpause ein. Dann weihte sie den Bären in ihren Verdacht ein. „Gezielte Sabotage.“

    Sogleich hob Kolja skeptisch die Brauen. „Wer sollte denn davon etwas haben?“, wollte er zweifelnd von ihr erfahren. Sie sprachen hier schließlich von dem ü-30-Team eines kleinstädtischen Freizeitsportvereins und nicht von der milliardenschweren Profimannschaft der UEFA Champions League. So beeindruckend die Manöver von Colin und Scott auch waren, wen interessierte denn schon eine Bande Hobbyfußballer der Regionalliga?

    „Eben das gilt es herauszufinden. Warte kurz, ich habe dazu etwas vorbereitet.“ Kaum ausgesprochen, hüpfte Abigail von der Couch und verschwand aus dem Zimmer. Einen Augenblick später kam ihr entzückender Po rückwärts durch den Türrahmen gewackelt, ehe der Rest der Wölfin folgte. Sie zog eine dieser mobilen, weißen Tafeln herein, die mittlerweile in so gut wie jeder Bildungseinrichtung die altmodischen Kreidetafeln ersetzten, und schob sie an eine von der Couch aus gut sichtbaren Stelle. Mit einem blauen Stift hatte Abigail darauf eine Art Mindmap eingezeichnet, sowie ein paar Namen notiert. Stolz nahm sie Position neben ihrem Werk ein. „Und? Was sagst du?“

    „Du hast ein Whiteboard organisiert“, stellte Kolja fest. Also wenn man Abigail eine Sache schwerlich vorwerfen durfte, dann, ungenügend Hingabe zu zeigen.

    Scheinbar zielte ihre Frage auf eine andere Reaktion ab, denn ihr Blick wechselte kurz verdutzt zwischen dem Whiteboard und dem Bären hin und her. Sie klärte ihn alsdann darüber auf: „Also, eigentlich nicht. Ich brauchte es nur aus dem Keller holen. Kieran hat mir beim hinauftragen geholfen.“

    „Wozu steht in eurem Keller ein Whiteboard?“ Vielleicht dachte Kolja ja zu altertümlich aber entsprechend seiner Auffassung gehörte ein Whiteboard eher weniger zu den Gegenständen, die man üblicherweise in einem Keller einlagerte.

    Abigail holte Luft. Oha. Da bahnte sich eine etwas längere Geschichte an. „Scott und Colin hatten während der Pubertät eine Phase, in der sie irgendwelche wahllosen Dinge angeschleppt und im Garten verbuddelt haben. Schuhe, Spielzeug, Fahrradständer, Gartenmöbel, Straßenlaternen. Was sich eben zum Vergraben anbietet.“ Natürlich tat es das. „Als Papa irgendwann auf das Whiteboard gestoßen ist, wussten die zwei schon nicht mehr, woher es ursprünglich stammt. Niall meint, Papa hätte überall herumgefragt, es hätte aber nie jemand Anspruch darauf erhoben. Also haben meine Eltern es zu dem Klavier und dem ganzen restlichen Sperrgut in den Keller gestellt, falls doch noch einmal jemand danach fragen sollte. Sie benutzen es nur hin und wieder für Spieleabenden mit ihren Freunden.“

    Irgendwie schafften es die Anekdoten dieser Familie zuverlässig, noch mehr Rätsel aufzugeben, als sie effektiv lösten. „Ihr habt ein Klavier im Keller stehen“, griff Kolja eines davon auf.

    „Der Versuch meiner Eltern, Colins Interesse für Musik in eine kultivierte Richtung zu lenken. Er wollte es nicht mitnehmen, als er ausgezogen ist, weil in seiner Wohnung nicht genug Platz für ein so großes Instrument ist. Und da außer ihm niemand in der Familie spielt... .“ Abigail ließ den Satz unbeendet stehen.

    So was. Dass ausgerechnet in Scotts Bruder ein Virtuose schlummerte, hätte Kolja niemals vermutet und zwangsläufig fühlte er sich an seine eigenen, misslungenen Geigenstunden erinnert. Was auch immer seine Mutter damals geritten haben musste, ausgerechnet diese schrunzelige Baba Jaga als Lehrerin zu engagieren - die alte Dame hatte ihrem Wesen definitiv alle Ehre bereitet und Kolja die Musik durch ihr überkritischen Gezeter grundlegend vermiest. Oder wie Scott es ausdrücken würde: Das hatte die faltige Hexe so richtig vergeigt. Der Bär schmunzelte. Hehe. Vergeigt.

    Weg vom fehlgeschlagenen Bildungsauftrag seiner Kindheit und zurück ins hier und jetzt. Kolja wurde von der Neugierde überwältigt. „Spielt Colin denn gut?“

    „Für die großen Bühnen der Welt ist er eher nicht geeignet“, formulierte es Abigail diplomatisch nach einem kurzen Zögern. „Aber er kann ziemlich überzeugend 'All The Things She Said' nachspielen. Die Madbones-Version, meine ich.“ Aha.

    Unweigerlich hefteten sich Koljas Augen wieder an die Schriftzeichen auf dem Whiteboard, was sich unmöglich verhindern ließ, weil die Tafel gefühlt ein ganzes Fünftel des Wohnzimmers beanspruchte. In der Mitte waren alle Ereignisse aufgelistet, die die Fußballmannschaft in letzter Zeit heimgesucht hatten. Hayes' Unfall stand an erster Stelle. Von diesem Pool aus verliefen Linien zu tabellarisch aufgeführten Namen, über denen in Großbuchstaben die Überschrift 'Verdächtige' prangte. Mann. Abigail meinte es mit ihrer Verschwörungstheorie tatsächlich ernst.

    „Ich habe alle Informationen zusammengetragen, die wichtig sein könnten: Was passiert ist, wer dafür verantwortlich sein könnte und solche Dinge“, erörterte sie, was Kolja bereits von selbst erfasst hatte. Beziehungsweise war er ihr sogar einen Schritt voraus, denn er kannte immerhin die Namen ihrer mutmaßlichen Verschwörer. Zum Beispiel bezeichnete das Whiteboard Gwen beschönigend als 'Mister Hayes' Sukkubus-Freundin'. Huh. Unter Garantie würde der Sukkubus vehement Einspruch gegen diese Betitelung erheben. Der Ausdruck 'Freundin' verfehlte die Art ihrer Beziehung zu Koljas Chef nämlich mit einer größeren Entfernung, denn Scott den Mindestwert für einen durchschnittlichen Intelligenzquotienten. Kolja teilte sein Wissen mit Abigail, indem er sie darüber informierte: „Der Sukkubus heißt Gwen.“

    „Oh, Danke!“ Von woher auch immer zauberte die Wölfin einen Marker hervor und ergänzte Gwens Namen neben der entsprechenden Zeile. Im selben Zusammenhang hakte Kolja nach:

    „Weshalb verdächtigst du sie?“

    „Ist das nicht offensichtlich?“

    Nicht so wirklich, nein. Der Bär schüttelte den Kopf, daher hob Abigail lehrend den Finger und klärte ihn auf: „In der Kriminalistik geht man davon aus, dass die meisten Verbrechen aufgrund von drei großen Motiven verübt werden: Geld, Macht und… “ Auffordernd schaute sie Kolja an; dieser schaute ratlos zurück. „Liebe!“, verkündete sie sodann begeistert. „Aus Liebe, der größten Kraft auf Erden! Eifersucht ist ein so starkes Gefühl. Wir tun schrecklich dumme Dinge, wenn wir befürchten, jemand könnte uns die Person weggenehmen, die wir lieben. Sollte… ähm…“

    „Gwen.“

    „Ja, Gwen. Sollte Gwen befürchten, dass sich Hayes hinter ihrem Rücken mit anderen Frauen trifft, würde sie das bestimmt sehr mitnehmen. Also mich würde das fertigmachen. Dich nicht auch, Kolja?“

    „… Ja?“, antwortete er unschlüssig. Was blinzelte sie ihn denn so an?

    Zufriedengestellt plapperte Abigail munter weiter: „Womöglich hegt sie deshalb Rachegedanken und was täte Mister Hayes mehr weh, als die Fußballmannschaft scheitern zu sehen, in die er als Trainer sein Herzblut steckt?“

    „Eine Steuerüberprüfung durch das Finanzamt.“ Unter anderem. Nur ungern verpasste Kolja Abigails farbenfroher Phantasie einen Dämpfer, denn er fand es jedes Mal unheimlich niedlich, wenn sie ihre eigene Realität zurecht spann. Dennoch startete er einen Versuch, Abigail auf ihren Irrtum hinzuweisen. „Ich glaube, du missinterpretiert das Verhältnis zwischen den beiden.“ Davon abgesehen zweifelte Kolja es sehr stark an, dass man die Motivation hinter einer Straftat auf gerade einmal drei Beweggründe herunterbrechen konnte. Scott und Colin sammelten ihre Ordnungswidrigkeiten beispielsweise aus purer Langeweile.

    Abigail ignorierte seinen Einwurf jedoch. „Letztendlich ist das Motiv sowieso zweitrangig. Mein Plan sieht folgendermaßen aus: Wenn ich mit genug Leuten rede, gelingt es mir bestimmt, den Kreis der Verdächtigen nach und nach einzugrenzen, bis ich irgendwann den Saboteur identifiziert habe. Irgendjemand muss ihn beobachtet haben, bewusst oder unbewusst. Und denjenigen werde ich ausfindig machen. Ha! Niemand sabotiert ungestraft meine Brüder.“ Entschlossen stemmte sie die Fäuste in die Seiten.

    Das klang nach einer klugen Vorgehensweise – in einer Fernsehserie. Nicht aber in der realen Welt, in der sich eine überengagierte Studentin der Sozialpädagogik einbildete, Amateurdetektivin spielen zu dürfen. Normalerweise drängte Kolja niemanden ungefragt seine Meinung über ein Thema auf, das ihn nicht persönlich betraf. In diesem Fall musste er allerdings eine Ausnahme machen und teilte Abigail deshalb seine Bedenken mit. „Das ist eine schlechte Idee.“



    nächster Teil

  • Hallo Skadi :)


    Abby ist aber auch der Knaller :rofl:

    Ihre Gedankensprünge möchte ich auch mal haben. Nur, um zu gucken, wie die so zu Stande kommen xD

    In dieser Hinsicht kann ich Kolja gut verstehen. Sein Glück nur, dass er eine recht schnelle Auffassungsgabe hat :ugly:


    Naja, so schnell wird aus einer Nachhilfestunde eine Hobby-Detektei :D

    Hier kann ich Kolja nur zustimmen. Das ist eine dumme Idee, dass Abby ihre Verdächtigen befragen will :schiefguck:

    Außerdem sollte sie sich eher um ihre Matheschwäche kümmern! :grumble:


    Bin gespannt, wie es weitergeht :)


    LG

  • Hallo Lady ^^

    Abby ist aber auch der Knaller :rofl:

    Ihre Gedankensprünge möchte ich auch mal haben. Nur, um zu gucken, wie die so zu Stande kommen xD

    Ach, wir haben noch so einige Teile aus Abbys Sicht vor uns. Da werden wir ihre farbenfrohe Gedankenwelt mit Sicherheit einmal live und in Action erleben :D


    Danke schön für deinen Kommentar ^^

  • „Wieso denn?“ Überrascht löste sie ihre siegessichere Körperhaltung. Klar, dass Abigails Plan in den Augen seiner Schöpferin wasserdicht und ohne jeglichen Schwachpunkt erschien. Kolja beurteilte das Ganze hingegen etwas kritischer:

    „Weil du dir Ärger einhandeln könntest.“ Und dank seines Versprechens gegenüber Scott war er derjenige, der Abigail von ebensolchen fernzuhalten hatte.

    Sie zog daraus ihre eigene Schlussfolgerung. „Also denkst du doch, dass mehr dahinterstecken könnte!“

    „Nein. Tue ich nicht“, stellte Kolja klar. „Nur kenne ich dich mittlerweile gut. Du bist wie Scott. Ihr wollt mit dem Kopf durch die Wand und tretet dabei anderen mit eurer ungestümen Art auf die Füße. Nicht jeder reagiert gelassen auf so was.“ Zudem Abigail Colins Verdacht übernommen und der Liste an Verdächtigen die Feen hinzugefügt hatte. Diese Typen verstanden absolut keinen Spaß. Vor allem die Frauen verhielten sich wie echte Biester und zeigten nicht einmal gegenüber O'Rourke und dessen Rudel Furcht. Ihr Schwarmdenken ließ ihnen eine unberechenbare Gruppendynamik zuteilwerden, an welcher sich selbst ein gestandener Alphawolf wie er die Zähne ausbiss. Zusammengefasst: Wenn man schlau war, wahrte man so viel Abstand wie möglich zu den Feen. „Außerdem hast du gar kein Recht dazu, Ermittlungen anzustellen. Am Ende bekommst du noch eine Anzeige wegen Belästigung“, fügte Kolja seiner Begründung hinzu.

    Leider blieben seine Einwände wirkungslos. Abigail verschränkte abwehrend die Arme und zog einen süßen Schmollmund. „Was heißt hier, ich hätte kein Recht? Ich habe die Pflicht meinen Brüdern zu helfen! Wir sind Geschwister, wir stehen für einander ein.“

    Ja. Und Kolja befürchtete, dass Abigails Leichtsinnigkeit eben aus dieser Überzeugung heraus entstand. „Das ist löblich“, räumte er ein, „aber du tust deiner Familie einen größeren Gefallen, indem du dich aus Problemen raushältst. Deine Brüder und dein Vater können dich nicht aus jeder Misere retten.“

    Außer einem mauligen Blick bekam Kolja keine Reaktion von Abigail. Er bat sie deswegen: „Lass die Leute einfach in Ruhe“ und beließ es dabei. „Möchtest du jetzt mit den Matheaufgaben weitermachen?“

    Augenscheinlich mochte sie das. Missmutig schweigend kehrte Abigail zu ihrem Platz auf der Couch zurück. Diese bedingungslose Treue zwischen den Fitzpatrickgeschwistern würde für Kolja wohl ein lebenslanges Mysterium bleiben. Seine Beziehung zu seiner eigenen Schwester lief da wesentlich distanzierter ab; genau genommen musste Kolja verdammt scharf darüber nachdenken, ob er in diesem Jahr überhaupt schon ein Wort mit Nadeschda ausgetauscht hatte. Oder in den letzten fünf.

    Kolja nutzte die wahrlich seltene Gelegenheit, Abigail stumm zu erleben, und demonstrierte ihr, wie viele relevante Werte sich allein schon aus der Aufgabenstellung herausfiltern ließen – bis sie ihn erneut unterbrach. „Ich verstehe es nicht.“

    „Okay. Soll ich noch mal ganz von vorn anfangen?“

    Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Ich rede nicht von der Aufgabe.“ Eindringlich sah Abigail ihn an und forderte dann zu erfahren: „Wieso bist du so überzeugt davon, dass bei all diesen Vorfällen niemand seine Finger im Spiel hat?“

    Hing sie gedanklich etwa weiter bei ihrem angeblichen Komplott fest? Allmählich gelangte Kolja wirklich zu der Überzeugung, dass Abigails Noten weniger durch einen Mangel an mathematischem Verständnis gefährdet wurden, denn durch ihre unzureichende Konzentrationsgabe. „Die Umstände lassen diese Schlussfolgerung nicht zu“, begründete er seinen Standpunkt in der Hoffnung, Abigail würde dadurch einsichtig werden. „Es gibt keinen Anlass zu vermuten, jemand würde die Mannschaft sabotieren. Ich halte den Verdacht sogar für realitätsfern. Geldgeber springen ab, genauso wie Spieler, wenn die Lebensumstände keine Vereinsaktivitäten mehr zulassen. Den demolierten Schuppen könnte man der Zerstörungswut von O'Rourkes Männern oder den Feen zuschreiben, diese Möglichkeit räume ich ein. Aber Hayes vorsätzlich die Treppe hinabzustoßen, grenzt dagegen an Bösartigkeit. In meinen Augen ist eine Verkettung ungünstiger Ereignisse plausibler, als die Theorie, jemand konspiriere gegen eine Amateurfußballmannschaft.“

    „Die Umstände können aber auch täuschen“, wandte Abigail ein. „Denk darüber nach! Du hast damals selbst dein Geld darauf verwettet, Scott und Hazel würden niemals miteinander ausgehen und jetzt feiern die zwei bald ihr vierteljähriges Jubiläum. Oder schau einfach nur uns beide an.“ Hm? Wieso denn sie beide? „Den Umständen nach, müssten wir ein Liebespaar sein.“

    Zum Glück hatte der Bärenpoly gerade keinen Schluck aus seiner Tasse genommen, anderenfalls würde er Abigail in dieser Sekunde den Tee entgegenspucken, wie die Sprinkleranlage im Garten ihres Vaters. So gaffte er die Wölfin lediglich wie ein Vollidiot an. „Ist dem so?“, gab er Gelassenheit vor und richtete die Position seiner Brille. Mann, was für ein erbärmlicher Versuch, über seine Verlegenheit hinwegzutäuschen.

    Ein Nicken begleitete Abigails Antwort. „Natürlich. Du musst zugeben, Kolja, dass die Voraussetzungen für eine lebenslange Liebesbeziehung zwischen uns nahezu perfekt sind.“

    „Sind sie das.“ Und lag es nur an ihm, oder wurde es tatsächlich schlagartig heiß hier drin? Kolja befürchtete, wie eine Dampfpfeife zu qualmen, sollte er jetzt den Kragen seines Hemdes lüften.

    Erneut ein Nicken. „Oh ja! Wir würden hervorragend von den Persönlichkeiten des anderen profitieren! Mein jugendlicher Elan würde deinen gemäßigten Alltag in Schwung halten und im Gegenzug dafür ließest du mich an deiner weitreichenden Lebenserfahrung und gesammelten Weisheit teilhaben.“

    Moment mal. Weitreichende Lebenserfahrung? Gesammelte Weisheit? Für wie alt hielt Abigail ihn eigentlich?? „Ich bin fünfunddreißig, nicht dreiundfünfzig Jahre alt.“

    „Und ich bin zweiundzwanzig und nicht... zweiundzwanzig. Egal! Was man auch nicht unterschätzen sollte ist, dass Scott mit Hazel zusammen ist und sie ist eine Hexe. Das heißt, meine Eltern wären vorbereitet und deswegen nicht mehr ganz so enttäuscht, dass du kein Wolf bist.“ Was Abigail damit ansprach, war die altbackene Erwartungshaltung, seinen Partner unter seinesgleichen zu suchen: Ein Hexer nahm sich eine Hexe, ein Kobold eine Koboldfrau, eine Wölfin einen Wolfsrüden. Fertig. Glücklicherweise bröckelte dieses antiquierte Denkmuster seit einer halben bis ganzen Dekade wie schlecht verarbeiteter Putz von einer modrigen Betonmauer. Vergleichbar mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen oder Tätowierungen, hatten Romanzen zwischen verschiedenartigen Freaks ihr Stigma verloren und genossen zumindest unter den jüngeren Generationen Akzeptanz. Einzig konservativ eingestellte Freaks taten sich schwer mit dieser Entwicklung, sowie ein paar Angehörige der älteren Jahrgänge, die es schlichtweg nicht anders kannten. Scheinbar gehörten Abigails Eltern zu letzteren Kategorie. Mh. Hätte die Gesellschaft diesen Punkt schon vor fünfzehn Jahren erreicht, dann wäre Kolja vermutlich längst mit seiner Zauberin von damals verheiratet - und von ihr geschieden.

    Unbeirrt setzte Abigail ihre Ausführungen fort. „Wir schauen dieselben Serien, mögen dasselbe Essen, sind beide gern an der frischen Luft. Du läufst bevorzugt auf der rechten Seite, ich auf der linken. Ich lege Wert auf gute Manieren und du bist ein Gentleman. Außerdem isst du den Rand meiner Pizza auf, den ich nicht mag. Oh, und ich spiele liebend gern mit dem Frisbee und du kannst so unglaublich weit werfen. Und das Beste ist, du hast die ideale Größe für einen Zehenspitzenkuss.“

    „Einen was?“

    „Einen Zehenspitzenkuss“, wiederholte Abigail für Kolja. „Bei einem Zehenspitzenkuss fordere ich von dir einen Kuss ein, indem ich dir entgegenkomme und mich dafür auf die Zehenspitzen stelle. Und du brauchst nichts weiter tun, als deine Lippen zu spitzen. Etwa so.“ Um ihre Worte zu veranschaulichen, legte Abigail ihren Kopf sacht in den Nacken, schloss die Augen und wie beschrieben, formten ihre Lippen einen wundervollen Kussmund. Oh Gott, was für eine einladende Geste. Kolja rang mit seinen hochkochenden Gefühlen um die nötige Selbstbeherrschung, auf keinem Fall dem Drang in seiner Brust nachzugeben und seine Lippen tatsächlich auf ihren dargebotenen Mund zu senken. Ein einzelner, klarer Gedanke kämpfte sich tapfer seinen Weg bis in Koljas Verstand vor und er drehte sich voll und ganz um eine einzige Erkenntnis: Abigail verzichtete auf den Konjunktiv. Was...was wollte sie Kolja mit all dem mitteilen?

    Nach einigen Sekunden, die er untätig damit verschwendete, Abigail dümmlich anzuglotzen, blinzelte sie ihm unter einem leicht gehobenen Augenlid an. Anschließend richtete sie sich auf. „Hast du gesehen, was ich meine?“

    Sein Nicken beantwortete ihre Frage. Ja. Hatte er. Definitiv.

    „Apropos Scott“, fing Abigail abermals an zu erzählen. „Ihr zwei seid Freunde. Er hält sehr viel von dir und vertraut dir blind. Wir müssten deshalb nicht mal befürchten, dass sein Beschützerinstinkt mit ihm durchgeht, so wie es bei meinen bisherigen Freunden der Fall war. Scott akzeptiert dich bereits in meiner Nähe und wenn er Ruhe gibt, hält automatisch auch Colin die Füße still.“ Dachte sie. Kolja wünschte, ihren Optimismus teilen zu können, doch dafür fehlte ihm schlicht und ergreifend die rosarote Brille, durch die Abigail ihr Umfeld betrachtete. Für den Bären stand unumstößlich fest: Scott würde vor Wut rasen, sollte Kolja seine Schwester anfassen. Oder schlimmer: Ginge die Beziehung zu Abigail in die Brüche, verlor Kolja unvermeidlich seinen besten Freund. Dieses Risiko konnte es unmöglich wert sein.

    Nicht wahr?

    Da Kolja ihr eine verbale Reaktion auf das Gesagte schuldig blieb, schien Abigail das Thema beenden zu wollen. Sie nahm einen Bleistift sowie den Zettel mit der Aufgabenstellung und dabei gab sie diesen einen Satz von sich, der Kolja härter vor den Kopf stieß, denn der Tritt eines wildgewordenen Minotaurus': „So rein hypothetisch gesprochen, meine ich.“

    Das traf.

    Wider besseren Wissens hatte Kolja seiner Hoffnung den Höhenflug erlaubt, eine unterschwellige Bedeutung in Abigails Äußerungen hineinzuinterpretieren. Jetzt schlugen diese Erwartungen mit der fatalen Wucht eines Meteoriten auf dem Boden der Tatsachen auf und anstatt in die Erdoberfläche, sprengten sie bei ihrem Sturz einen desaströsen Krater in Koljas Gefühlswelt. Okay, Lektion gelernt. Das passierte, wenn man seine eigenen Vorsätze über den Haufen warf. „Klar. Hypothetisch.“ Was sonst. Jedenfalls hatte Abigail ihre Behauptung über den Einfluss der äußeren Umstände hinreichend bewiesen. „Wenn du so argumentierst, hast du Recht. In unserem Fall führen die Umstände wirklich nicht zu einem naheliegenden Ergebnis“, pflichtete Kolja ihr daher abschließend bei und verurteilte dadurch seine Zuneigung zu Abigail, weiterhin und bis zum Ende aller Tage hinter Schloss und Riegel zu verrotten. Na ja. Wenigstens bewahrte er auf diese Weise seine Freundschaft zu Scott. Denn wenn Kolja von etwas überzeugt war, dann, dass Scott möglichst keinen Wind von all dem bekommen sollte.



    nächster Teil

  • Huhu!

    „Okay. Soll ich noch mal ganz von vorn anfangen?“

    Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Ich rede nicht von der Aufgabe.“ Eindringlich sah Abigail ihn an und forderte dann zu erfahren: „Wieso bist du so überzeugt davon, dass bei all diesen Vorfällen niemand seine Finger im Spiel hat?“

    Boah .. Diese Frau ist unglaublich :S

    „Den Umständen nach, müssten wir ein Liebespaar sein.“

    Zum Glück hatte der Bärenpoly gerade keinen Schluck aus seiner Tasse genommen, anderenfalls würde er Abigail in dieser Sekunde den Tee entgegenspucken, wie die Sprinkleranlage im Garten ihres Vaters. So gaffte er die Wölfin lediglich wie ein Vollidiot an. „Ist dem so?“, gab er Gelassenheit vor und richtete die Position seiner Brille. Mann, was für ein erbärmlicher Versuch, über seine Verlegenheit hinwegzutäuschen.

    :rofl:

    Wie geil! Da muss er sich glatt erstmal die Brille zurecht ruckeln xD

    dann wäre Kolja vermutlich längst mit seiner Zauberin von damals verheiratet - und von ihr geschieden.

    :rofl::rofl:

    Um ihre Worte zu veranschaulichen, legte Abigail ihren Kopf sacht in den Nacken, schloss die Augen und wie beschrieben, formten ihre Lippen einen wundervollen Kussmund. Oh Gott, was für eine einladende Geste. Kolja rang mit seinen hochkochenden Gefühlen um die nötige Selbstbeherrschung, auf keinem Fall dem Drang in seiner Brust nachzugeben und seine Lippen tatsächlich auf ihren dargebotenen Mund zu senken.

    Schalalalala - Küss sie doch!

    *hust*


    Das wäre aber so ein richtiger Hollywood-Kuss werden können :golly:

    Denn wenn Kolja von etwas überzeugt war, dann, dass Scott möglichst keinen Wind von all dem bekommen sollte.

    Ohhhh … Ich glaube nicht, dass das klappt :pardon:


    LG