Freakshow: Episode 2

  • Hay Skadi.

    Deine Geschichte ist super. So viel wie eben habe ich schon lange nicht mehr gelacht, so ganz alleine vor meinem Computer. Ich sah bestimmt wie eine Verrückte aus.

    Deine Charaktere sind richtig gut ausgewählt. Alle haben schöne und lustige Eigenschaften. Wenn man deine Geschichte liest, versinkt man sofort. Alles um einen herum verschwindet. Dein Schreibstil ist besonders und das macht die Geschichte noch besser. Ich muss sagen, ich bin eigentlich nicht so der Typ der Geschichten liest, die aus der Er/Sie Perspektive geschrieben sind, aber deine Geschichte war so fesselnd, da konnte man gar nicht aufhören zu lesen. Mir war es egal. In deiner Geschichte und deinem Schreibstil fühle ich mich richtig wohl. :)

    Fantasy Girl <3

  • Hallo Fantasy Girl <3 und vielen lieben Dank für das Lob und die netten Worte ^^ Es freut mich sehr, dass dir meine Geschichte, meine Figuren und mein Stil so gut gefallen, dass dich sogar die Erzählperspektive, entgegen eigener Vorlieben, nicht gestört hat.


    So viel wie eben habe ich schon lange nicht mehr gelacht, so ganz alleine vor meinem Computer. Ich sah bestimmt wie eine Verrückte aus.

    Lachen ist gesund und wer nicht lacht, der gibt ein Stück Lebensqualität auf :D

  • Abigail


    „Du verdammter Wichser! Dich mach ich fertig!“, brüllte Scott wutentbrannt, holte aus und gerade im letzten Moment gelang es Kolja, sich unter seiner heranschnellenden Faust hinweg zu ducken. Der Bär verharrte nicht in der Defensive. Er nutzte die Gelegenheit, Scott am Arm zu packen, zerrte ihn mit einem kräftigen Ruck näher und rammte ihm dann unversehens die Schulter gegen die ungeschützte Brust. Durch die enorme Krafteinwirkung wurde Abbys Bruder rückwärts an die Wand gewuchtet; dort heftete Kolja den tobenden, zähnefletschenden Wolf fest. Mit Händen und Füßen setzte sich Scott gegen den unerbittlichen Griff seines Freundes zur Wehr, doch aus eigener Erfahrung wusste Abby, dass Widerstand keinerlei Wirkung angesichts Koljas übermenschlicher Stärke zeigte. „Pfoten weg, Bär!“, forderte Scott aus tiefer Kehle knurrend. „Dem Scheißkerl reiß ich den Arsch auf! Hast du das gehört, Ward?! Dir stopf' ich das Maul!“

    Diese und noch einige weitere, wirklich sehr unhöfliche Drohungen, spie Scott über Koljas breites Kreuz hinweg einem anderen Kellner entgegen und einzig der Bär hielt ihn wie ein Bollwerk davon ab, seinen Worten Taten folgen zu lassen. Auf der anderen Seite des Schankraums zwang Colin den Adressaten der Beschimpfungen auf Abstand zu seinem Bruder, indem er sich einschüchternd nahe vor Scotts Arbeitskollegen aufbaute und zur Warnung die Zähne bleckte. Oh je, oh je! Kurzzeitig wägte Abby ab, schlichtend in die Situation einzugreifen. Allerdings sorgten Kolja und Colin bereits dafür, dass es zu keinen Handgreiflichkeiten kam und ehrlich gesagt wollte Abby lieber nicht zwischen einem austickenden Wolfsrüden und seiner Beute stehen. Bei aller geschwisterlicher Hingabe wurde sie von ihren Brüdern nämlich keineswegs mit Samthandschuhen angefasst. Ohnehin erwiderte Ward – so hatte Scott seinen Kollegen doch gerufen, richtig? - die ihm entgegengebrachten Aggressionen allerhöchstens geringfügig. Er wirkte auf Abby eher genervt? Zermürbt? Gefrustet? Irgendwie schaffte es seine Mimik, alle drei Emotionen simultan abzubilden. Jedenfalls schien ihn die angekündigte Gewalt kaum einzuschüchtern, obgleich das Gespenst in seinem gegenwärtig vollständig materialisierten Zustand durchaus physischen Schmerz spüren und fürchten sollte.

    Ein Gespenst also. Wie interessant! Man erahnte es an Wards leichenblassen Fingern und den farblosen Wangen. Kreislaufschwierigkeiten gehörten zu den typenspezifischen Problemen, mit denen sich Gespenster herumplagen mussten und deshalb floss das Ektoplasma oft zu unregelmäßig in die einzelnen Körperregionen, um einen kontinuierlichen, einigermaßen lebendig wirkenden Teint zu imitieren. Vermutlich strahlten Wards Ohren ähnlich weiß; der der obere Teil seiner Ohrmuscheln wurde jedoch von den blonden Spitzen seines pragmatischen, äußerst pflegeleichten Kurzhaarschnitts verdeckt. Die Frisur verfehlte Abbys persönlichen, höchsteigenen Geschmack aber sie unterstützte stilistisch hervorragend die ähnlich pragmatische Kleidung, in die Ward seine hagere Gestalt hüllte: Cargohosen in erdigen Farben, einfache Turnschuhe und dazu eines dieser schlichten, schmucklosen Baumwollshirts, die man unkompliziert überall im Multipack zu kaufen bekam. Uh! Wahrscheinlich konnte Ward seine Kleidung in ein und demselben Waschgang erledigen. Wie praktisch! Und... na ja, pragmatisch eben. Aber trotzdem praktisch! Abby opferte jedes Mal gefühlt Stunden dafür, ihre getragenen Klamotten nach heller Wäsche, bunter Wäsche, schwarzer Wäsche, Feinwäsche, Kochwäsche, Handwäsche oder Wolle zu sortieren und dann ratlos zu überlegen, auf welchen dieser Häufchen sie nun ihre schwarz-weiß-getupfte Bluse werfen sollte.

    Hoppla, worauf wollte Abby ursprünglich hinaus? Irgendwie war ihr der rote Faden abhandengekommen. Hatte es mit Kurzhaarschnitten zu tun...? Egal! Es sah sowieso niemand so umwerfend gut mit einem Kurzhaarschnitt aus, wie Kolja. Niemand! Kein einziger Mann auf der Welt.

    Abby schlängelte sich an den Tischen und den aufgescheuchten Fußballspielern aus Scotts Mannschaft vorbei. Sie erkannte die Männer von den Spielen wieder, bei denen Abby im Publikum gesessen und das Team kräftig angefeuert hatte. Doch Abby war nicht wegen der heutigen Mannschaftsbesprechung in den Pub gekommen.

    Der Grund ihrer Anwesenheit saß mit grazil überschlagenden Beinen und in einem wirklich knappen, hellblauen Kleid auf einem Barhocker am Tresen und beobachtete, sichtlich bestens davon unterhalten, das Spektakel zwischen Abbys Bruder und dessen Kollegen. Kolja mochte der Ansicht sein, die Fußballmannschaft litt lediglich unter einer Pechsträhne, aber Abby hielt an ihrer Überzeugung fest: Jemand spielte dem Team ihrer Brüder übel mit und sie würde schon herausfinden, wer und wieso! Mr Hayes Freundin erschien Abby dahingehend der ideale Startpunkt sein. Eifersucht war ein starkes Motiv und Abby wusste, wozu Verlustängste eine Frau anzutreiben vermochten. Ein kleiner Stoß und der untreue Freund stürzte in sein Verderben. Zudem der Sukkubus keinen Hehl daraus machte, wie sehr ihn der Zank der Männer erheiterte. Aus Genugtuung womöglich!

    Abby mimte Nonchalance, als sie auf dem freien Hocker neben Gwen Platz nahm und mit einem Wink zu Scott den Sukkubus ansprach: „Worüber streiten die zwei?“

    „Ich habe keine Ahnung“, antwortete Gwen, ohne ihre blauen Augen für eine einzige Sekunde von Wolf und Geist abzuwenden. Huch, sie sprach ja mit Akzent! „Und wie ich die beiden kenne, wissen sie es selbst nicht.“ Dann umspielte ein Lächeln ihre vollen Lippen. „Ist es nicht faszinierend? Rohe Gewaltbereitschaft unter Männern und voller Körpereinsatz. Ich würde Geld dafür bezahlen, so was jeden Tag ansehen zu dürfen.“

    „Findest du?“ Automatisch richtete Abby ihren Blick auf die besagten Streithähne weiter hinten im Schankraum. Was meinte Gwen? Abby entdeckte bloß ihre Brüder und die benahmen sich wie immer. Hach! Aber dafür war Kolja einfach unglaublich. Mit welcher Kraft er Scott daran hinderte, auf Ward loszugehen, obwohl sein Freund ihm bereits halb auf der Schulter hockte. In ihm steckte so viel Stärke, so viel Geduld, so viel Besonnenheit! Sein Anblick und die beeindruckende Demonstration seiner Muskeln ließen Abby dahinschmelzen.

    'Nicht jetzt!', rief sie sich selbst zur Räson und vertrieb mittels einiger sanfter Schläge die Wärme aus ihren Wangen. Sie wollte doch Gwen befragen, nicht Kolja gedanklich ausziehen! Ehe Abby also tatsächlich vor lauter Hitze zerfloss und von ihrem Barhocker auf das Parkett tropfte, lenkte sie ihre ganze Konzentration wieder auf den Sukkubus. Dieser schien insbesondere von Colins Erscheinung gefesselt zu sein.

    „Will Mister Hayes nicht dazwischen gehen?“, fragte Abby als nächstes. Was für ein schlauer Schachzug von ihr! Redeten sie einmal über den Kobold, konnte Abby ganz beiläufig auf seinen Sturz zu sprechen kommen und weitere Informationen herauskitzeln.

    Nach wie vor hielt Gwen es für unnötig, ihrer Gesprächspartnerin ihr Augenmerk zu schenken. „Kann er nicht. Er ist nicht hier.“

    „Wo steckt er denn?“

    Gwen winkte gleichgültig ab. „Keine Ahnung. Vielleicht ist er beim Arzt, um sein Bein untersuchen zulassen. Vielleicht auch nicht. Ehrlich gesagt ist es mir völlig egal, wo er sich herumtreibt.“ Aha! Diese Wortwahl kannte Abby von Scott, wenn er versuchte, seinen Trennungsschmerz zu überspielen. Nur klang er dabei wesentlich unglaubwürdiger. Oder andersherum ausgedrückt: Gwens Behauptung klang überzeugend. Nichtsdestotrotz brachte sie dadurch von selbst auf den Tisch, worauf Abby hinauswollte. „Oh ja. Mister Hayes' Bein“, griff sie es augenblicklich auf, bevor ihre Chance dazu noch von einer lapidar daher gesagten Bemerkung hinweggekehrt wurde. „Das ist wirklich schlimm. Man kann ihm nur gute Besserung wünschen.“

    „Wenn du das sagst.“

    „Wie ist das eigentlich passiert?“ Weil Gwen wenig Interesse daran zeigte, ein Gespräch über den Leprechaun zu führen, musste Abby ihr wohl oder übel aus der Nase ziehen, was sie erfahren wollte.

    Der Sukkubus erzählte gelangweilt: „Hayes ist die Treppe runtergestürzt, die von seiner Wohnung ins Büro führt. Das ist schon alles.“

    „Musste er lange warten, bis Hilfe gekommen ist?“

    „Nö“, gurrte Gwen. „Glen und Kelly, die zu der Zeit Schicht hatten, haben das Gepolter gehört und sofort einen Arzt gerufen.“

    Je mehr Gwen von sich gab, desto deutlicher nahm Abby ihre ungewohnte, harte Aussprache wahr. Okay. Ihren Ausführungen zufolge, stand dem potentiellen Täter kein Zeitfenster zur Verfügung, um unmittelbar nach seiner Tat zu fliehen, denn dann wäre er direkt in die beiden Kellner gerannt, die Hayes zur Hilfe geeilt sind. Seine einzige Möglichkeit bestand somit darin, sich bis zum passenden Moment im Obergeschoss versteckt zu halten und später durch den Schankraum das Tír na nÓg zu verlassen. Dieser wäre aber mit Sicherheit bis in die Morgenstunden voller Gäste und den Angestellten gewesen. Das bedeutete, man hätte denjenigen auf jeden Fall entdeckt und Fragen gestellt – außer, die Person ging regulär im Büro ein und aus. Ha! Wie ausgefuchst Abby doch sein konnte. Jetzt zahlte es sich aus, sämtliche Staffeln von Criminal Minds gesehen zu haben.

    Abby unternahm einen weiteren Versuch, den Dialog in eine informative Richtung zu stupsen. „Dann wird wohl niemand den Sturz beobachtet haben, oder?“

    „Unwahrscheinlich“, stimmte Gwen ihr zu. „Die Bürotür ist normalerweise abgeschlossen und außer Hayes haben bloß ein paar der Kellner einen Schlüssel.“ Ja, das ergab Sinn. An Stelle des Kobolds würde Abby den Zugang zum Büro genauso kontrollieren wollen, wenn man darüber ihre Privatwohnung erreichte. Hm. Als Mr Hayes' Freundin besaß Gwen doch bestimmt ebenso einen Schlüssel zu seinen Räumen, oder? Als hätte Gwen Abbys Gedanken gehört, fügte sie der Vollständigkeit halber hinzu: „Und selbstverständlich hat er mir einen gegeben.“

    „Oh, okay!“ Abby war nah dran - nah dran an einem Geständnis, das spürte sie! Vorsichtig, damit ihr sorgsam aufgestapeltes Kartenhaus auf keinen Fall zusammenfiel, stellte sie dem Sukkubus noch eine Frage: „Warst du denn in seiner Wohnung, als Mister Hayes gestürzt ist?“

    Da löste sich aus Gwens Brust ein genervtes Seufzen und zum ersten Mal seit Beginn ihrer Unterhaltung, schaute sie Abby direkt an. „Bist du langsam fertig mit den Detektivspielchen? Dein Frage-Antwort-Quiz wird nämlich wirklich langweilig. Kürzen wir das ganze ab, indem ich dir das Endergebnis verrate, okay? Ich habe Hayes nicht die Treppe runtergestoßen.“



    nächster Teil

  • Oh Gott, Abby :rofl:


    Sie ist so süß, wie sie da Gwen befragt und die bekommt natürlich sofort mit, was da abläuft. Da der Sukkubus der Wölfin voll den Wind aus den Segeln genommen xD


    Mich würde interessieren, warum die anderen kurz davor standen, sich auseinanderzunehmen bzw. warum Scott den Geist auseinander nehmen will xD


    Geil fand ich natürlich auch, wie Abbys Gedanken immer wieder zu Kolja geschwenkt sind ... :D


    In diesem Sinne ... Lady hatte ein unterhaltsames Frühstück :D


    LG

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • Guten morgen, Lady ^^

    Sie ist so süß, wie sie da Gwen befragt und die bekommt natürlich sofort mit, was da abläuft.

    Abby ist eben mein quietschsüßes, sahne- und naivitätgefülltes Schokoladeneclair mit Streußeln :rofl:

    Mich würde interessieren, warum die anderen kurz davor standen, sich auseinanderzunehmen bzw. warum Scott den Geist auseinander nehmen will xD

    Um mal Gwen zu zitieren: "Das wissen die zwei nicht mal selbst" :D

    Geil fand ich natürlich auch, wie Abbys Gedanken immer wieder zu Kolja geschwenkt sind ...

    Gut, dass das auffällt. Ich wollte gern erreichen, dass man mitbekommt, wie sie vor lauter Liebesduselei für ihn kaum einen Gedanken zuende spinnen kann, ohne dass Kolja darin eine Rolle spielt ^^

    In diesem Sinne ... Lady hatte ein unterhaltsames Frühstück

    Das freut mich :)

  • Ertappte schnappte Abby nach Luft. „Was? Nein, ich wollte dir nicht unterstellen, dass du-...“ Das hieß... Doch. Eigentlich wollte sie das. Woher ahnte Gwen nur, worauf ihre Fragen abzielten?

    „Erspar' uns das Schauspiel bitte“, fiel diese ihr ins Wort. „Du bist nämlich nicht gerade ein Columbo und ich bin kein hirnloser Pferdehintern. Mir ist klar, was dein Verhör bezweckt und wenn du es genau wissen willst: An dem Tag, an dem Hayes gestürzt ist, war ich nicht mal im Pub. Ich war einkaufen. Möchtest du den Kassenzettel mit Datum und Uhrzeit sehen, Miss Marple?“

    Obwohl Gwen der Verlauf ihres Gesprächs sichtbar gegen den Strich ging, lag in ihrer Stimme weder Aggression, noch Frustration. Stattdessen reagierte sie mit nüchternem Sarkasmus. Oh je, wie unangenehm! Was musste der Sukkubus jetzt bloß über Abby denken? Dabei war sie sich so sicher gewesen, subtil vorzugehen. Nun gut. Für Abby gab es keinen Grund, am Wahrheitsgehalt von Gwens Alibi zu zweifeln. Eine Abigail Fitzpatrick stand zu ihren Fehlern und wenn sie jemanden zu Nahe trat, verlangte das nach einer Entschuldigung! „Tut mir leid, falls ich dich beleidigt habe“, bat sie sie um Verzeihung. „Ich musste herausfinden, ob du etwas mit dem Unfall zu tun haben könntest. Weißt du, ich bin mir hundertprozentig sicher, dass jemand Mister Hayes' Fußballmannschaft schaden will und sein Sturz ist Teil eines großen, heimtückischen Plans. Ich habe nichts gegen dich, ehrlich. Du hast bloß den engsten Kontakt zu Mister Hayes. Also hielt ich es für denkbar, du wärst dafür verantwortlich.“

    Der Sukkubus neigte den schwarzhaarigen Schopf und betrachtete die Wölfin nachdenklich. Danach beruhigte sie sie: „Schon gut. Um mich zu beleidigen, gehört etwas mehr dazu. Trotzdem bin ich neugierig. Aus welchem Grund sollte ich deiner Meinung nach denn Hayes oder seinen Männern etwas antun wollen?“

    Oh! Das wusste Abby prompt zu beantworten. „Aus Eifersucht natürlich!“

    Daraufhin presste Gwen ein kurzes, spottendes Lachen aus ihrer Kehle. „Eifersucht? Ich? Wegen wem? Wegen Hayes etwa?“ Als Abby überzeugt nickte, prustete der Sukkubus erneut los.

    „Was ist daran so lachhaft?“

    Gwen kicherte noch einmal auf wirklich erstaunlich anmutige Weise in ihre Faust, bekam sich allerdings rasch wieder ein. Sie erklärte: „Um seinetwegen eifersüchtig zu werden, müsste ich Hayes mögen. Und eine andere Frau müsste Interesse an ihm zeigen und das wird nie passieren.“

    Damit verwirrte sie Abby. „Aber du bist doch seine Freundin.“ Oder meinte Gwen, Mr Hayes nicht nur zu mögen, weil sie ihn ja sogar liebte?

    „Ach, Schätzchen“, klärte Gwen sie auf. „Hayes und ich sind kein Liebespaar. Er bezahlt mich für Sex. Das ist alles, was zwischen uns besteht. Ein Dienstleistungsvertrag.“

    ...Oh.

    Oh!

    Das...! Also das... . Oh. Darauf wollte Kolja also hinaus, als er gesagt hatte, Abby würde ihr Verhältnis missinterpretieren. Gwen arbeitete für Mr Hayes als Prostituierte! Uh, diese Bezeichnung klang ja schrecklich abwertend. Gab es denn keinen freundlicheren Begriff für ihre Berufsbezeichnung? „Da scheine ich wohl etwas falsch verstanden zu haben“, räumte Abby ein und hakte noch mehr nach: „Prostitution also. Darf ich fragen, wie es denn dazu kommen konnte?“ Hatte Gwen die Schule abgebrochen und stand nun ohne Abschluss da? Oder benötigte sie womöglich dringend Geld, welches sie auf keinem anderen Weg zu beschaffen wusste? Irgendetwas musste ihr widerfahren sein; anderenfalls hätte sie wohl kaum angefangen, ihren Körper zu verkaufen.

    Offenbar traf keine von Abbys Vermutungen ins Schwarze. „Tu nicht so, als wäre ich ein Sozialfall, ja?“, verlangte Gwen und runzelte verstimmt ihre ebenmäßige Stirn. „Ich bin ein Sukkubus. Ich bin von Sex abhängig. Nach dem Schulabschluss stand ich nicht vor der Wahl, Meeresbiologin oder Anwältin zu werden. Ich musste mich entscheiden, ob ich aus eigennütziger Wohltätigkeit die Beine für Männer breitmache oder finanziell davon profitieren will.“ Während sie sprach, verdeutlichte Gwen den monetären Aspekt ihrer Worte, indem sie den Zeigefinger gegen ihren Daumen rieb. Dann lächelte sie selbstüberzeugt. „Hat sich rausgestellt, dass in mir die geborene Geschäftsfrau steckt. Ich verdiene gut, erledige brav meine Steuererklärung und am Ende bleibt noch was für meine Altersvorsorge und eine Zahnversicherung übrig. Und für diese Schönheiten hier.“ Sodann hob Gwen ihr schlankes Bein, um Abby freie Sicht auf die Schuhe zu gewähren, die sie an diesem Tag trug und die selbstverständlich perfekt zu der Farbe ihres Kleides passten. Bei ihrem Anblick wurden Abbys Augen groß.

    „Sind das etwa echte Louis Vuittons?“

    „Nicht schlecht, was?“ Stolz begutachtete Gwen die Pumps und ließ ihre Füße im Anschluss wieder herab. „Das Beste ist, dass ich sie als Arbeitskleidung von der Steuer absetzen kann.“

    Wow! Für ein Paar dieser Schuhe bezahlte man mehr, als Abby in einem ganzen Jahr für neue Klamotten ausgab! Selbst die Auslaufmodelle aus der vergangenen Saison überstiegen das verschmerzbare Budget eines Normalverdieners. „Sie sehen super aus!“, bewunderte Abby sie voller Begeisterung. „Und du hast so herrlich schmale Füße. Dir steht sicher jeder Schuh fabelhaft.“ Da überkam sie ja beinahe kleiner Anflug von Neid. Bei Abbys hochgewachsenen Statur wurde es nämlich kompliziert, überhaupt schicke Damenschuhe in der passenden Größe zu finden. Sie schwärmte weiter: „Ich liebe Schuhe! Sobald ich von zuhause ausgezogen bin, werde ich mir eine Wohnung mit einem extra Zimmer nur für meine Schuhe und Klamotten mieten. Das wird mein eigener, begehbarer Kleiderschrank.“

    „So ein Zimmer habe ich“, prahlte Gwen mit einem Augenzwinkern. „Und es ist unglaublich toll. Eventuell lade ich dich bei Gelegenheit auf einen kleinen Rundgang durch meine Kleiderkammer ein. Dann kannst du Inspiration sammeln.“

    „Wirklich? Das fände ich großartig!“ Vor Vorfreude klatschte Abby vergnügt die Hände ineinander; anschließend reichte sie Gwen eine davon. „Ich bin übrigens Abby. Abby Fitzpatrick.“

    „Baobhan-Sith MacFarlane“, stellte sich der Sukkubus vor. Ähm, wie bitte? Teilweise machte es dieser gutturale Akzent wirklich schwer, aus Gwens Redefluss einzelne Silben herauszuhören. Konzentriert versuchte Abby, die Laute mit den Lippen nachzuformen.

    Bah-wenn-schi?“

    „Das war sogar ziemlich richtig.“ Gwen schmunzelte amüsiert. „Du kannst mich Gwen nennen. Das tun die meisten.“

    Ah, sehr gern! „Okay, Gweni!“ Doch kaum sprach Abby aus, gebot Gwen ihr bereits via einer eleganten, dennoch strengen Handbewegung zu schweigen.

    „Nein“, sagte sie bestimmend. „Es heißt Gwen. Nur Gwen. Das ist schon ein Spitzname. Den müssen wir nicht verniedlichen, okay?“

    Oh. Na gut. Dann blieb es eben bei Gwen. Für Abby stellte sich trotzdem die Frage: „Wie kommt man denn von Baobhan-Sith auf Gwen?“

    Der Sukkubus hob die Achseln. „Spitznamen ergeben nicht immer Sinn. Kennst du jemanden namens Richard?“

    Ja, das tat Abby tatsächlich. „Einer meiner Onkel heißt so.“

    „Wie ruft ihr ihn?“

    Was für eine Frage! Fröhlich flötete Abby los: „Na 'Onkel Dick'!“

    Unversehens wandten ein paar der Gäste ihr Augenmerk von dem improvisierten Kampfring der Kellner ab und richteten es stattdessen auf die junge Wölfin am Tresen. Vielleicht hatte sie den Kosenamen ihres Verwandten ein wenig zu enthusiastisch vorgebracht? „Siehst du, was ich meine? Kein sehr schmeichelhafter Name, wenn du mich fragst“, kommentierte Gwen die irritierten Gesichter der Freaks. „Besonders nicht, wenn man ihn in einer englischsprachigen Kneipe ohne jeglichen Kontext herumbrüllt.“

    Schnell verflog das Interesse der Gäste an den beiden Frauen und heftete sich dafür zurück an Scott und Ward. Abby gab zu, dass Gwen einen gewissen Standpunkt vertrat, was die Sinnhaftigkeit von Spitznamen anbelangte. Gwen. Gwen MacFarlane also. Augenblick! MacFarlane? „Du bist Schottin!“, sprudelte die Erkenntnis aus Abbys übereifrigen Mund hervor. Jetzt wusste sie auch Gwens Akzent einzuordnen. Diese tat ihrer neuen Bekanntschaft den Gefallen, ihrer schottischen Schnauze freien Lauf zu lassen und bestätigte grinsend: „Aye, Lassie. Gebürtig und in der Keine-Ahnung-wievielten Generation aus Inverness.“

    „Inverness!“ Euphorisch japste Abby. „Das liegt in den Highlands!“ Gwen war eine Highlanderin! Wie die tapferen und unheimlich klugen Heldinnen aus Abbys Lieblingsromanen! In diesen Geschichten siegte am Ende stets die Liebe der Protagonistin zu dem tapferen, starken und selbstverständlich umwerfend gutaussehenden Schotten ihres Herzens. In der Regel fanden die zwei Liebenden erst nach einigen steinigen Umwegen zueinander aber dafür gestaltete sich der Moment, in dem sie ihren Gefühlen endlich nachgaben, wie eine wunderbare Explosion ihrer Emotionen. Vor allem von den Sexszenen konnte Abby nie genug kriegen. Leise seufzte sie. Nach genau so einer Liebesgeschichte sehnte sie sich in ihrem Leben. Bis auf den Teil mit den Umwegen. Den durften die Autoren gern als Stilmittel ihres Genres behalten. „Was hat dich denn dazu getrieben, Schottland zu verlassen?“, zeigte Abby ihr ehrliches Interesse an Gwens Herkunft. Für sie war der Gedanke, ihre Familie und Freunde zurückzulassen, um in ein fremdes Land zu ziehen, absolut unvorstellbar. Ohne ihre Eltern und Geschwister würde Abby schneller eingehen, denn die Grünpflanze, die sie vor einigen Jahren Scotts Obhut überlassen hatte. Binnen weniger Tage!

    Gwens Antwort fiel gewohnt prosaisch aus: „Der Brexit. Ich mag ich das Konzept der Europäischen Union und Irland bleibt die einzige Option, solange man nicht gleich aufs Festland ziehen will. Und eigentlich lebt es sich hier ganz gut, zumindest nicht schlechter als in Schottland. Dein Freund wird sich ja bestimmt auch nicht grundlos ausgerechnet hier niedergelassen haben.“

    „Mein Freund?“ Welcher Freund? Derzeit führte Abby gar keine Beziehung. Entsprechend ratlos vollzog die Wölfin die imaginäre Linie nach, die sich zwischen Gwens richtungsweisender Fingerspitze und einem Punkt am Ende des Pubs spann. Und sie endete bei... Kolja?

  • :rofl:Abby .... mein Gott, Abby... schön peinlich xD


    Naja. Zumindest hat Gwen ihr das nicht übel genommen. Sie scheinen sich ja auch zu versehen jetzt.


    Zitat von Skadi

    Gwen war eine Highlanderin! Wie die tapferen und unheimlich klugen Heldinnen aus Abbys Lieblingsromanen!

    Ah. Ich glaube nicht, dass Gwen einer solchen Heldin ähnelt. Hoffe ich doch xD


    Zitat von Skadi

    Nach genauso einer Liebesgeschichte sehnte sie sich in ihrem Leben

    Mit Kolja? Na, der wird sich bedanken :rofl:

    Ganz tolle Vorlage hast du dir für deine Wunschwelt ausgesucht, Mädchen xD


    Ach. Ich finde Abby süß. So richtig schön naiv :crazy:

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
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    Meine Geschichte
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  • Hallöchen ^^


    Naja. Zumindest hat Gwen ihr das nicht übel genommen. Sie scheinen sich ja auch zu versehen jetzt.

    Jap, Gwen ist zum Glück unkompliziert, hihi :D


    Ah. Ich glaube nicht, dass Gwen einer solchen Heldin ähnelt. Hoffe ich doch xD

    Schauen wir mal, ob in Gwen ein quietschsüßer Romantikkern mit Karamelfüllung steckt :rofl:


    Mit Kolja? Na, der wird sich bedanken

    Der weiß gar nicht, wie ihm geschiet, wenn Abby irgendwelche theatralischen Coverbilder nachspielen will xD


    Ach. Ich finde Abby süß. So richtig schön naiv

    Aus Interesse: Wie stehst du mittlerweile denn generell zu Abby? Ich weiß ja, dass du in Ep 1 nicht viel mit ihr anfangen konntest ^^

  • Zitat von Skadi

    Aus Interesse: Wie stehst du mittlerweile denn generell zu Abby? Ich weiß ja, dass du in Ep 1 nicht viel mit ihr anfangen konntest ^^

    Mhm. Naja. Mittlerweile komme ich ganz gut mit ihr aus. Sie ist halt naiv und so, aber solche Charaktere brauch eine Geschichte auch :)


    Ich amüsiere mich jedenfalls immer prächtig :D

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
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  • „Kolja ist nicht mein Freund“, stellte Abby unverzüglich Gwens Annahme über die Art ihres Verhältnisses zu dem Bärenpoly richtig, woraufhin der Sukkubus skeptisch eine Braue nach oben zog.

    „Bist du sicher?“

    Durch ein Nicken bejahte Abby geknickt und nutzte die Gelegenheit, sich einmal gründlich den Kummer von der Seele zu reden: „Ich wünschte, er wäre es. Bloß scheint Kolja kein Interesse an mir zu haben.“ Unweigerlich blickte sie zu ihm herüber. Imposanter Weise war es Scott in der Zwischenzeit gelungen, sich aus Koljas unnachgiebigen Bärengriff freizustrampeln und auf Ward zuzustürzen. So weit, dem Gespenst tatsächlich an die Gurgel zu gehen, kam er jedoch nie, denn Kolja hatte ihm rechtzeitig von hinten die Arme unter die Achseln geklemmt und hielt den tobenden Wolfsrüden trotz aller fluchenden Gegenwehr an Ort und Stelle fest. Erneut himmelte Abby Kolja stumm von Weitem an. Er sah einfach so unfassbar göttlich aus, wenn er Körpereinsatz zeigte! „Neulich habe ich ihm vorgeschwärmt, was für eine traumhafte Liebesbeziehung wir miteinander führen könnten. Darauf hat er überhaupt nicht reagiert. Das Ganze war mir am Ende so peinlich, dass ich zurückgerudert bin und so getan habe, als meinte ich das alles nur als theoretisch.“

    „Hm“, stieß Gwen einen kurzen Laut durch die Nase aus. „So was. Dabei hätte ich echt einen Wochenlohn daraufgesetzt, dass zwischen dir und Papabär eine dieser heimlichen Romanzen läuft, von der niemand etwas spitzkriegen soll.“ Mit einem Blick zu Scott ergänzte sie: „Was bei den Pappnasen, mit denen er sich umgibt, jetzt auch nicht unbedingt die größte Herausforderung darstellt. Ich meine, dass du ihn anschmachtest könnte nur noch dadurch offensichtlicher werden, indem dir herzchenförmige Blasen zu den Ohren hervorblubbern.“

    „Ob ihn das beeindrucken würde?“ Sehnsuchtsvoll stemmte Abby die Ellenbogen auf die Oberschenkel und stützte das Kinn auf den Fäusten ab. Wie konnte jemand, der sich im selben Raum wie sie befand, dermaßen unerreichbar bleiben, als trenne sie ein ganzer Kontinent? Das Ziel ihrer Andeutungen gegenüber Kolja hatte darin bestanden, seine Empfindungen hervorzulocken und ihm gleichzeitig ihre Bereitwilligkeit zu signalisieren, diese romantischen Gefühle mit größter Hingabe zu teilen. Ach, aber vielleicht gab es von seiner Seite aus auch einfach keine Zuneigung, die von Abby erwidert werden konnte. „Ich habe ihn sogar nonverbal aufgefordert, mich zu küssen. Meine Signale haben ihn aber völlig kalt gelassen.“

    „Das mit den Signalen ist Schwachsinn“, meinte Gwen trocken. „Dass man Männern Signale geben müsste, stammt von irgendwelchen Weibern ohne Selbstwertgefühl, die zu feige sind, sich die Blöße einer Abfuhr zu geben und deswegen ihre Kerle zum ersten Schritt provozieren wollen. Wenn du unseren Papabär in die Finger kriegen willst, musst du ihn schon direkt anpacken. Männer sind keine Hellseher.“

    Schon. Allerdings... „Ich habe ihm meine Liebe gestanden“, beichtete Abby ihr, ohne die Augen für eine einzige Sekunde von ihrem liebsten Kolja loszureißen. Noch direkter konnte sie wohl schwerlich werden.

    Da erlebte sie Gwen zum ersten Mal im Laufe ihrer erst kürzlich geschlossenen Bekanntschaft überrascht. „Oh“, war alles, was dem Sukkubus dazu einfiel. „Okay. Tja, keine Ahnung. Ich kann nur das beurteilen, was ich sehe und ich sehe einen Mann, der liebend gern seine Zunge so tief in dich hineinstecken würde, als wärst du ein halbleerer Honigtopf.“

    Abrupt richtete Abby sich auf. Was sagte Gwen da? Meinte sie das ernst? „Du denkst, er will mir einen Zungenkuss geben?“

    „Nein, Spätzchen. Keinen Zungenkuss.“ In Anbetracht der Ernsthaftigkeit des Themas und seiner Bedeutung für Abby, wechselte Gwen ihre Sitzposition. Angesicht zu Angesicht verriet sie: „Papabär verbirgt es ziemlich gut, aber ich bin ein Sukkubus. Mir kann er nichts vormachen. Sobald du den Pub betrittst, verändert sich seine Körperhaltung. Er beobachtet dich. Er behält dich im Auge, egal in welche Ecke des Gebäudes du spazierst. Wenn du redest, hängen seine Augen förmlich an deinem Mund und ich bezweifle stark, dass es noch eine sichtbare Kurve an deinem Körper gibt, die er nicht auswendig kennt. Der Mann könnte dich aus dem Kopf zeichnen. Übrigens scheint er echt auf deinen Hintern abzufahren.“

    Und plötzlich katapultierten Abbys Knie sie von ihrem Barhocker hoch, wie einen Springteufel aus seiner Schachtel. Die Enttäuschung, die ihr eben noch schwer auf den Schultern kauerte, verpuffte schlagartig und befreit von ihrer Last, schlug Abbys Innenleben ausgelassen Saltos. Kolja empfand etwas für sie! Oh, wie wundervoll! Abby war nicht nur bereit, Gwens Behauptungen Glauben zu schenken – ihr Herz und ihr Verstand hatten sie bereits im vollumfänglichen Einvernehmen als unumstößliche Wahrheit akzeptiert. Vor lauter purem, überschwänglichem Glück drohte Abbys Brust wie ein großer, roter, herzförmiger und mit Glitzer und rosa Konfetti gefüllter Luftballon zu platzen. Hach, am liebsten würde Abby vor Freude losträllern!

    Weil Abby derart unvermittelt von ihrem Sitz aufgesprungen war, musterte Gwen sie argwöhnisch. „Was ist denn jetzt?“, wollte sie wissen.

    „Ich gehe zu ihm und packe ihn an! So, wie du mir geraten hast.“ Schließlich hatte Abby schon viel zu lang eine viel zu große Distanz zu ihrem Kolja wahren müssen.

    „Damit habe ich nicht gemeint, dass du ihn an Ort und Stelle besteigen sollst. Ich halte das sogar für eine echt schlechte Idee“, stellte Gwen klar. Weshalb zeigten sich die Leute in Abbys Umfeld in letzter Zeit bloß so kritisch gegenüber ihren Plänen? Mit einem subtilen Nicken deutete der Sukkubus auf Colin und Scott und dabei fielen ein paar einzelne, schwarze Haarsträhnen über ihren Sidecut. „Die zwei Haudegen bei ihm sind deine Brüder, richtig? Das erklärt, weshalb dir etwas an der Fußballmannschaft liegt. Jedenfalls scheinen die beiden gerade ganz wild darauf zu sein, ihre Aggressionen an jemanden auszulassen. Was glaubst du, was sie mit deinem Kuschelbären anstellen, wenn sie denken, er würde sich an dir vergreifen?“

    Ach herrje! Die Gegenwart ihrer Brüder hatte Abby ja völlig verdrängt. Nach wie vor vertrat sie die unerschütterliche Ansicht, Scott würde die Verbindung zwischen ihr und seinem besten Freund befürworten, ja, sogar Freude über ihre Liebe zueinander empfinden. Allerdings neigte ihr großer Bruder dazu, Trugschlüsse zu ziehen und bei dem aufgebrachten Gemütszustand, an dem er in diesem Moment litt, gingen mit Scott schnell einmal die Reißzähne durch. Nein, er erfuhr besser zu einem späteren Zeitpunkt von Abbys und Koljas gemeinsamen Liebesglück.

    Gwens Frage diente offenbar als rhetorisches Mittel, denn ohne eine Sprechpause einzulegen, redete sie weiter: „Davon abgesehen will nicht jeder hier im Pub unbedingt euer Rumgekitsche miterleben müssen. Warte, bis ihr zwei allein seid und erfüll' Papabär dann seine Sexphantasien.“

    Sexphantasien? Ein zurückhaltender, ausgeglichener Mann wie Kolja sollte erotischen Tagträumen nachhängen? Unvorstellbar! Andererseits... ganz bestimmt schlummerte tief in ihm drin brennende Leidenschaft, die darauf wartete, hervorgelockt zu werden. Von Abby! Eigenmächtig malte ihre Vorstellungskraft farbenfrohe Bilder davon, wie Kolja keuchend und nackt über ihr lehnte. Sein blanker, starker Körper rieb sich lustvoll an ihrem; sein erregtes Stöhnen glitt geschmeidig in ihre Ohren und kitzelte ihr das Trommelfell. Puh! Auf einmal schien es, jemand hätte Abby glühende Kohlen in die Kleider geschmuggelt. Unter so viel Hitze schmolzen ihr die Kniekehlen weg und ermattet plumpste Abby auf den Sitz ihres Barhockers. Es gab da lediglich ein kleines Problem: „Wenn ich nur wüsste, wie seine Wünsche aussehen. Kolja ist viel zu wohlerzogen, um über Obszönitäten zu erzählen.“ Erst recht in Anwesenheit von Frauen. Aufs Neue begann Abby damit, den Bärenpoly anzuschmachten. Seine Manieren waren einfach formvollendet. Er öffnete für Abby Türen, ließ ihr bei jeder Gelegenheit den Vortritt, trug schwere Dinge für sie und wenn sie irgendwohin gingen, sorgte Kolja stets dafür, dass Moira und sie einen Sitzplatz bekamen, auch wenn er selbst dadurch stehen musste. Abby legte beide Hände auf ihre zartpochende Brust. Für sie war Kolja der strahlende Ritter in glänzender Rüstung.

    In Abbys Wissenslücke in Bezug auf Koljas sexuelle Sehnsüchte sah Gwen kein Hindernis. Kurzerhand schlug sie vor: „Dann leb' stattdessen deine eignen Phantasien aus“ und beugte sich Abby mit einem frivolen Schmunzeln im Gesicht entgegen. „Und versuch mir nicht weiszumachen, du hättest keine. Das kauf ich dir nämlich nie im Leben ab.“

    Was brachte es, es zu leugnen? „Um ehrlich zu sein, spukt mir da neuerdings tatsächlich etwas Konkretes durch den Kopf“, gestand Abby und wurde präzise: „Seit kurzem gibt mir Kolja Nachhilfeunterricht und ich stelle mir immer öfter vor, wie wir beisammensitzen, um uns herum liegen meine Unterlagen und die Aufgabenblätter verstreut und konzentriert betrachte ich die Gleichung auf dem Papier in meinen Händen. Kolja trägt seine Brille. Er sieht wirklich unglaublich gut mit seiner Brille aus, weißt du? Auf einmal nimmt er mir das Blatt aus den Fingern und legt es zur Seite. Er schaut mir tief in die Augen und dann lehnt er sich entschlossen über mich, drückt mich mit seinem Gewicht rücklings herab und küsst mich leidenschaftlich. Nach einiger Zeit genügen ihm meine Lippen nicht mehr, weshalb er mit ihnen meinen Hals und mein Schlüsselbein entlangwandert. Er würde gern noch mehr von mir erkunden, aber meine Kleidung ist ihm im Weg. Also entfernt er Kleidungsstück um Kleidungsstück, bis ich nackt vor ihm liege und wir dann inmitten unzähliger Matheaufgaben zusammen... .“

    „Wenn du mir gleich mit 'Liebe machen' ankommst, dann schwöre ich, gehe ich höchst persönlich zu Goofy und Pluto da drüben und stecke ihnen, aus wessen Astloch ihr Braunbärenkumpel seinen Sirup nuckeln will“, wurde Abby von Gwen unterbrochen. Todernst knallte der Sukkubus die harten Fakten auf den Tisch. „Du willst, dass Kolja es dir auf seinem sinnbildlichen Lehrerpult richtig besorgt.“

    Das war eine sehr unromantische Formulierung, doch im Großen und Ganzen konnte man das so ausdrücken, ja. Es traf unbestreitbar den Kern der Sache. Unschlüssig fragte Abby: „Ist das schräg?“

    „Nein Süße, das ist nicht schräg“, beruhigte Gwen sie. „In meiner Heimat hatte ich einen Klienten. Einen von deiner Sorte, einen Wolfpoly. Zu den Terminen mit ihm musste ich mich als Schaf verkleiden und ich meine damit keins dieser nuttigen Kostüme, in denen junge Mädels in den USA zu Halloween um die Häuser ziehen. Ich rede von dem vollen Programm mit Wollmantel, Stummelschwänzchen, falschen Schlappohren, Schleife, Glöckchen und Blök-Lauten. Das ist schräg. Was du dir zusammenphantasierst, ist niedlich. Und sehr detailreich. Wenn du jedoch deine Wunschträume Realität werden lassen willst, verlangt das nach einem Stellungswechsel.“ Auf Abbys fragende Mine hin, zwinkerte Gwen ihr zu. „Sei du diejenige mit der Leidenschaft, die ihn aufs Kreuz legt. Der Rest läuft von selbst. Das kann ich dir versprechen.“

    Okay. So sollte es sein! Bei der nächsten Gelegenheit würde Abby Kolja ihre Leidenschaft demonstrieren. Ah! Eventuell erübrigte Kolja ja heute spontan etwas Zeit für eine Nachhilfestunde? 'Nein', mahnte sich Abby selbst zur Geduld. Ihre erste gemeinsame Nacht mit Kolja sollte keinesfalls zwischen Tür und Angel stattfinden. Außerdem hatte sie ihn überhaupt erst unter einem Vorwand darum gebeten, die Nachhilfe heute ausfallen zu lassen. Sie benötigte schließlich die Zeit, um Gwen zu verhören. Apropos Verhör: „Kolja glaubt übrigens nicht daran, dass jemand die Fußballmannschaft sabotiert. Er tut alles als eine Pechsträhne ab.“

    Grüblerisch sah der Sukkubus Abby daraufhin an. „Ich weiß nicht“, meinte Gwen nach kurzer Bedenkzeit. „Es könnte beides der Fall sein. Regionalsport ist für manche eine ziemlich große Sache und ich habe Leute schon aus bescheuerteren Gründen durchdrehen sehen. Ich kann dir zeigen, wo Hayes gestürzt ist. Vielleicht bist du danach schlauer.“

    „Wäre das möglich?“ Den Tatort in Augenschein zu nehmen, würde Abby bei ihren Ermittlungen enorm weiterbringen. Aus ihrem Ausschnitt fummelte Gwen bereits den Büroschlüssel hervor.

    „Ich habe doch gesagt, ich besitze den Schlüssel zum Büro und Hayes ist derzeit sowieso nicht da.“ Hervorragend! Da bewies sich glatt wieder einmal, wie hilfreich der Kontakt zu den richtigen Personen sein konnte, egal wie gern Colin über Abbys umfangreichen Bekanntenkreis spotte. Ein wissendes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich wusste, dass dir Mister Hayes' Wohl ein bisschen am Herzen liegt.“

    „So ein Quatsch. Der Winzling ist meine lukrativste Einnahmequelle und ich habe keine Lust auf finanzielle Einbußen, nur, weil jemand Koboldkegeln mit ihm spielt.“ Anmutig rutschte Gwen von ihrem Sitz herab. „Unabhängig davon mag ich deine Attitüde. Mit dir hänge ich ab jetzt öfter rum. Jetzt komm, solange niemand auf uns achtet.“

  • Ach! Ich mag Gwen :D

    Wie sie alles immer so schön auf den Punkt bringt xD


    Wobei Abby und Gwen ja rein optisch mit Sicherheit ein super Pärchen abgeben :P


    Ich bin schon gespannt, ob an Abbys Vermutungen mit der Sabotage etwas dran ist. Obwohl das schwer vorstellbar ist.


    Oh. Aber auf die Szene mit ihr und Kolja bin ich noch mehr gespannt :grinstare:

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak