Freakshow: Episode 2

  • Dann schauen wir mal ^^


    Kolja


    W-Wie bitte? Ein Mistkerl sollte er sein? Was hatte er verkehrt gemacht, dass Abigail so über ihn dachte?? Absolut überfordert ließ Kolja die Lawine an Vorwürfen über sich hinwegrollen, unfähig auch nur eine einzige Silbe davon zu begreifen. Wovon redete Abigail denn da bloß?! „Ich verstehe nicht, was du meinst…“, versuchte er dem Trommelfeuer eines Redeschwalls Einhalt zu gebieten; Abigail wurde dadurch jedoch noch wütender auf ihn und schlug einen Tonfall an, den Kolja bis zu diesem Tage niemals zuvor von ihr hören musste.

    „Tu nicht so!“ Vor Ärger ballte sie die Hände zu Fäusten. „Hältst du mich für einfältig? Ich weiß, was du für Spielchen mit mir treibst. Dass du absichtlich alles herabspielst und mich auf Abstand hältst, damit ich dir bloß nicht auf die Schliche komme!“ Fassungslos schloss Kolja den Mund. Sie auf Abstand halten? Ihm auf die Schliche kommen?? Halt. Sprach Abigail etwa von seiner Zuneigung für sie? Hegte sie deshalb einen Groll gegen ihn, weil er sich erst jetzt dazu bereit fühlte, seine Empfindungen mit ihr zu teilen? So musste es ein. Alles andere ergab keinen Sinn. Herrje, sie interpretierte seine Zurückhaltung ja völlig falsch! Nie wollte er ihr mit seiner Vorsicht weh tun, im Gegenteil. Kolja griff nach ihrer Hand. „Abigail, ich-… .“

    „Lass das!“ Mit einer rigorosen Handbewegung schleuderte sie seinen Annäherungsversuch von sich. Die Härte ihrer Geste traf Kolja schlimmer, denn eine zusammenstürzende Backsteinmauer. Gleich den fallenden Ziegeln, hagelten Abigails Anschuldigungen Wort um Wort auf ihn herab und drohten, Kolja unter ihrem Gewicht zu begraben. „Wie lange dachtest du, dieses Theater weiterzuführen?“, verlangte Abigail zu erfahren „Bis ich irgendwann die Hoffnung auf eine Antwort verliere und aufgebe?“ Eine Antwort? Worauf? Auf ihr Liebesgeständnis? Um Himmels willen, nein! Das hieß... doch, ja. Sein ursprünglicher Plan sah eben das vor, aber-... . Die Umstände hatten sich geändert. Kolja verstand Abigails Frustration darüber, so lange von ihm hingehalten worden zu sein. Blödsinn, er konnte sie ihr zu einhundert Prozent nachfühlen! In der Hoffnung, Aufrichtigkeit würde Abigails aufgebrachtes Gemüt besänftigen, gestand Kolja ihr: „Am Anfang dachte ich, das wäre das vernünftigste. Aber so funktioniert das nicht, das ist mir klargeworden.“

    Erschütterung eroberte Abigails Züge. „Dir... dir kommt das einfach so über die Lippen? Ohne einen Funken Reue?“

    „Versteh' das bitte, Abigail“, appellierte Kolja an ihr verständnisvolles Wesen, für das er sie lieben gelernt hatte. „Ich musste annehmen, du würdest das Interesse verlieren. Zwischenzeitlich sah es für mich danach aus und ich wollte uns beiden eine unangenehme Situation ersparen.“ Eindringlich suchte er den Blickkontakt zu ihr und versicherte Abigail in aller denkbaren Ehrlichkeit: „Dich anzulügen oder zu verletzen, lag nie in meiner Absicht.“

    Im Gegenzug für sein Bekenntnis wurde er angezischt: „Mich nicht verletzen? Und was ist mit Scott?“

    Mit...mit Scott? Plötzlich kam sich Kolja vor, als hätte Abigail ihm eine saftige Ohrfeige verpasst. Konsterniert entgegnete er der Wölfin Schweigen.

    „Er ist dein Freund!“, ermahnte sie ihn bestürzt. „Er verlässt sich auf dich und du trittst sein Vertrauen mit Füßen.“

    Was? Nein! Wie konnte Abigail nur solche Behauptungen aufstellen? Würde ihm nicht so extrem viel an seiner Freundschaft zu Scott liegen, dann hätte Kolja sich doch schon längst schamlos an Abigail herangemacht. Seine Beziehung zu Scott gehörte zu den Hauptgründen, aus denen er genau das unterließ. Черт возьми; verdammt noch mal! „Seinetwegen habe ich das doch alles getan.“

    In einer für Kolja qualvoll langsamen Bewegung schüttelte Abigail ungläubig ihren Kopf. „Ich habe dich völlig falsch eingeschätzt. Nicht nur, dass du mich angelogen hast, du hast auch noch Scott hintergangen! Und was ist mit Mister Hayes?!“

    Hayes? Jetzt verlor Kolja den Anschluss. Inwiefern bestand denn zwischen dem Kobold und Koljas Gefühlsleben ein Zusammenhang? Kolja blinzelte einige Mal stutzig und runzelte die Stirn, derweil Abigail ihn fortwährend beschuldigte: „Du hast ihm das Bein gebrochen! Seinen Geräteschuppen zu demolieren ist schlimm genug, aber ihn die Treppe hinabzustoßen - wie skrupellos kann ein Mann sein?!“

    …Moment, Kolja sollte Hayes die Treppe hinabgestoßen haben? Schlagartig dämmerte es ihm. Abigail redete gar nicht von ihnen beiden. „Du redest von Scotts Mannschaft?“

    „Selbstverständlich rede ich von Scotts Mannschaft!“, stieß sie aus. Anschließend packte sie Kolja am Handgelenk und drückte ihm unnötig forsch einen Gegenstand in die Hand. Endgültig verwirrt betrachtete Kolja das Objekt. Ein Fläschchen Feenstaub? „Da hast du es.“ Abigail deutete auf den Flakon, als würde er irgendetwas von dem erklären, was sie Kolja anlastete. „Das ist der Feenstaub aus Mister Hayes' Büro. Der Flasche fehlte der Deckel, erinnerst du dich? Und weißt du, wo ich ihn gefunden habe?“ Sie legte eine theatralische Pause ein. „In deinem Rucksack, Kolja! Das ist deine Flasche Feenstaub. Du hast die Stufen im Büro präpariert. Genauso wie du mit deiner Bärenkraft das Gerätelager aufgebrochen hast!“

    „Du hast in meinen Sachen herumgekramt?“, konfrontierte Kolja Abigail und hob den Blick vom Feenstaub. Was dachte sie sich eigentlich? Auf einmal rumpelte es im Obergeschoss; gleich darauf ertönte Kierans Stimme, „Nichts passiert! War bloß mein Staubsaug-Roboter!“ gefolgt von einem etwas leiseren „Schon wieder die falsche Frequenz.“ Staubsaug-Roboter? Wieso wunderte es Kolja kein bisschen, dass Abigails Bruder die Hausarbeit einer künstlichen Intelligenz überließ?

    Die Ablenkung wirkte nur kurz. Abigail fühlte sich im Recht, unerlaubt Koljas Eigentum zu durchwühlen und verschränkte die Arme. „Habe ich. Und es war absolut berechtigt, wie sich bewiesen hat. Du hast Scotts Mannschaft sabotiert!“

    Das durfte doch alles unmöglich wahr sein. Steckte Kolja in einer schlechten Telenovela fest, oder was lief hier gerade ab? Welcher Teufel hatte Abigail bloß geritten, so einen Unfug zusammenzuspinnen?! Entnervt rieb sich Kolja den Nasenrücken und kämpfte um seine Fassung, während er ihr möglichst nüchtern klarmachte: „Das ist nicht mein Feenstaub. Den Deckel habe ich heute Vormittag im Büro gefunden. Ich wollte ihn Hayes geben, weil ich annahm, er hätte ihn schon vermisst. Aber er wusste nichts von der Flasche, die ich dich eigentlich gebeten hatte, für ihn auf seinem Schreibtisch abzustellen.“ Ertappt verzog Abigail die Lippen. „Also habe ich ihn dir mitgebracht, damit du die Flasche wenigstens anständig verschließen kannst, wenn du schon meine Anweisungen ignorierst.“ Er warf Abigail den Flakon zu und ergänzte: „Du hast dich ja bereits bedient.“

    Anhand ihrer Mimik erkannte Kolja, dass Abigail ihm Glauben schenken wollte. Dennoch beharrte sie auf ihrer haarsträubenden Theorie, Kolja wäre der Übeltäter hinter einer non-existenten Verschwörung. „Trotzdem hast du den Mannschaftsschuppen demoliert. Streite es nicht ab! Außer dir ist niemand in der Lage, die schweren Türen aus den Angeln zu reißen.“

    „Richtig“, bestätigte er ihr trocken. „Ich habe das Lager aufgebrochen.“ Kolja hörte, wie Abigail nach Luft schnappte, doch bevor sich ihr die Gelegenheit bot, ihm mit weiteren Vorwürfen zu belegen, nahm er ihr den Wind aus den Segeln: „Weil Scott mich darum gebeten hat.“

    „Scott hat di-…“

    Unversehens schaltete sich der Fernseher ein und eine Nachrichtensprecherin quasselte übermütig drauf los. Offenbar spielte Kieran in seinem Zimmer mit seiner App herum und entgegen seiner Hoffnung funktionierte sie im Obergeschoss keineswegs besser, denn hier unten. Abigail fackelte nicht herum; sie fasste nach der Fernbedienung, die sich noch von vorhin in ihrer greifbaren Nähe befand, und schaltete das Gerät kurzerhand ab. Doch sie wurde erneut unterbrochen, da sich der Fernseher abermals verselbstständigte und dieses Mal kreischten ein paar halbnackte Sängerinnen ihr künstlich klingendes Gequieke in die Kamera. Mit dem bekannten Befehl via Fernbedienung brachte Abigail sie zur Ruhe. „Das ist die falsche Frequenz, Kieran!“ rief sie ihrem Bruder eine Etage höher zu. Kolja bezweifelte, der Teenager würde ihren Hinweis verstehen, allerdings ertönte sein gedämpfter Respons „Entschuldigung!“ und Abigail vollendete ihren Satz. „Scott hat dich darum gebeten?“

    Also klärte Kolja sie auf: „Bei dem Einbruch wurde die Tür des Lagers so sehr in Mitleidenschaft gezogen, dass sich die Flügel nicht mehr richtig öffnen ließen. Niemand ist mehr in den Schuppen hineingekommen, deshalb sollte ich die ganze Tür ausreißen, damit die Männer wenigstens ihre Ausrüstung rausholen konnten.“

    Zögerlich schaute Abigail aus großen Augen zu ihm hinauf, was Kolja unter anderen Bedingungen unfassbar niedlich gefunden hätte, und wollte wissen: „Ist das wahr?“

    „Moira hat Fotos davon geschossen. Und was sollte überhaupt mein Motiv sein?“

    Auf diese Frage hin rückte Abigail leicht verunsichert mit einer absurden Vermutung heraus, die Kolja niemals in den Sinn gekommen wäre: „...dass du unbedingt in die Mannschaft willst. Scotts Team sucht neue Spieler, aber du wurdest völlig übergangen, obwohl deine Rekrutierung die offensichtlichste Lösung ihres Problems bedeuten würde.“

    Herrschaftszeiten... „Abigail, ich will nicht in die Mannschaft. Ich interessiere mich überhaupt nicht für Fußball. Davon abgesehen wurde ich deshalb nicht gefragt, ob ich beitreten will, weil ich vor ein paar Jahren schon mal ein Probetraining absolviert habe. Was, wie ich dir vielleicht nicht erzählen brauche, ziemlich erfolglos für beide Parteien verlaufen ist. Hast du dir mal angesehen, wie Scotts Männer spielen? Wie ein Rudel hyperaktiver Pit Bulls auf Steroide. Mir würde einiges fehlen, solche unbeherrschten Aggressionen freiwillig auf regulärer Basis über mich ergehen zu lassen.“

    Daraufhin herrschte Stille.

    Dann löste Abigail unverhofft ihre verschlossene Körperhaltung und warf sich an Koljas Brust. „Ooh, Kolja! Verzeih mir bitte“, flehte sie gegen den Kragen seines Hemdes. „Bitte, bitte, bitte! Ich habe es nicht so gemeint, ehrlich! Es war falsch, dir das alles vorzuwerfen. Bestimmt hasst du mich jetzt! Bitte hass' mich nicht! Es tut mir wirklich leid!“

    Trotz seiner Überraschung über Abigails sprunghaften Sinneswandel, schloss Kolja sie intuitiv in seine Arme. Er versicherte ihr: „Ich hasse dich nicht.“

    „Sicher?“

    „Ja.“

    „Wirklich?“

    „Ja.“

    „Also bist du mir nicht böse?“

    Wie sollte er, wo Abigails Bitte nach Vergebung ihm doch so liebevoll die Halsbeuge kitzelte? Für ihn zählte nur eine Sache: Sie vergaß diese alberne Idee, irgendjemand – vor allem Kolja – trieb seinen Unfug mit der Mannschaft. „Nein.“ Sogleich spürte Kolja, wie sich Abigail etwas inniger an ihn presste. Blieb dennoch eine Frage. „Hast du ernsthaft angenommen, ich wäre zu all dem fähig?“

    Abigail blickte ihn an, da dröhnte der Fernseher neuerlich los und zog das Augenmerk der Wölfin auf sich. Dieses Mal war es Kolja, der dem Gerät kurzum das Signal abdrehte und so Abigails Aufmerksamkeit zurück auf seine eigene Person lenkte. Fragend sah er sie an.

    „Nein“, gestand sie beschämt. „Das heißt, ich wollte es nicht glauben. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Aber dann hat alles so gut zusammengepasst und Gwen meinte, dass… .“ Ihre Erklärung blieb unvollendet; stattdessen weitete sie schockiert ihre Augen und fragte: „Denkst du, Gwen hat-…“

    „Nein“, schnitt Kolja ihr umgehend das Wort ab. Gar nichts hatte Gwen. „Gwen ist eine Klatschbase. Du darfst dich nicht von jeder ihrer Mutmaßungen mitreißen lassen, hörst du? Du hast eben erlebt, wohin das führt.“ Hoffentlich lernte Abigail etwas daraus und schenkte künftig keinen Verschwörungstheorien mehr ihren Glauben.

    Wie wundervoll es sich anfühlte, sie in seinen Armen zu halten. Kolja genoss Abigails Wärme sowie den sanften Druck ihrer Handflächen auf seinem Oberkörper. „Und du nimmst mir nicht übel, dass ich dich verdächtigt habe, ja?“, vergewisserte sie sich nochmalig, worauf Kolja ihr gern bestätigte:

    „Nehme ich nicht.“

    Seine Antwort zauberte ein Lächeln auf ihre Züge. „Gut! Kolja, ich bin so froh, dass jetzt wieder alles in Ordnung ist. Die Vorstellung, du könntest ein fieser Schurke sein, hat mich fix und fertig gemacht. Trotzdem habe ich eine Sache noch nicht verstanden. Wenn du vorhin nicht über Scotts Mannschaft geredet hast…“ Interessiert neigte Abigail den Kopf zur Seite, „worüber denn dann?“



    nächster Teil

  • Ein Glück!!! Ich dachte schon, die Beiden trennen sich jetzt im Streit und haben eeeeeewig keine Gelegenheit das aufzuklären und dann wäre das so ein nervenaufreibender Eiertanz geworden XD

    Und auch gut, dass Kolja so gutmütig ist und es Abby verzeiht, dass sie geschnüffelt und ihn zu Unrecht verdächtigt hat ^^

    Gwen ist zumindest nich blöd, weil sie die Zeichen am Schuppen richtig gedeutet hat. Sie hat nur zu voreilig Schlüsse gezogen und Abby mit reingezogen. Abby ist aber auch naiv ...
    Und ich traue Gwen immer noch nicht über den Weg.

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Hab ich mich amüsiert gestern Abend :D köstlich!


    Ich habe gleich zu Beginn bemerkt, dass die beiden voll einander vorbei reden :rofl:

    Aber gut, dass die zwei genug Hirn haben, um die Sache direkt aus der Welt zu schaffen.


    Jetzt bin ich aber gespannt, ob Kolja mit der Sprache rausrücken kann oder sich wieder zu viele Gedanken wegen Scott macht. Ich schätze den Wolf eher so ein, dass er seine Schwester lieber bei seinem besten Freund sehen würden, als bei einem Kerl wie Donnelly :crazy: Ich denke, dass Kolja sich in dem Punkt einfach zu viele Gedanken macht ...


    Oh und wegen Gwen bin ich mir auch nicht sicher, aber irgendwie traue ich ihr auch nicht zu, etwas mit den Sabotageaktionen zu tun zu haben. Ich meine, was hätte sie denn davon? :hmm:


    Naja. Abwarten. Tee trinken und abwarten.


    LG :)

  • Oh und wegen Gwen bin ich mir auch nicht sicher, aber irgendwie traue ich ihr auch nicht zu, etwas mit den Sabotageaktionen zu tun zu haben. Ich meine, was hätte sie denn davon?

    Mit dem Sabotageakt vielleicht nicht unbedingt. Meine Einschätzung gehet irgendwie eher dahin, dass sie Unfrieden in der gruppe stiften will oder zumindest irgendwas im Schilde führt :hmm:
    Aber was sie davon hätte ... Hm, da hab auch keine zündende Idee XD

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Zitat von Miri

    Mit dem Sabotageakt vielleicht nicht unbedingt. Meine Einschätzung gehet irgendwie eher dahin, dass sie Unfrieden in der gruppe stiften will oder zumindest irgendwas im Schilde führt :hmm:

    Aber was sie davon hätte ... Hm, da hab auch keine zündende Idee XD

    Der Gedanke kam mir ja auch schon - aber sie bräuchte einen Grund, um die Gruppe auseinander zu treiben und den sehe ich nicht. Niemand steht ihr im Weg, keiner hat ihr etwas getan und Colin kann sie auch so schöne Augen machen - dafür brauch sie Hayes nicht das Bein zu brechen :rofl:


    Aber vielleicht übersehen wir ja etwas :pardon:


    Skadi hat da bestimmt den übelsten Plottwist geplant :golly:

  • Eure Mutmaßungen und Überlegungen sind sehr interessant zuverfolgen :D


    Und auch gut, dass Kolja so gutmütig ist und es Abby verzeiht, dass sie geschnüffelt und ihn zu Unrecht verdächtigt hat

    Vor allem ist das wohl Abbys Glück ^^ Jeder andere hätte Abby wohl mittlerweile zum Teufel gejagt oder würde langsam in diese Richtung denken :hmm:


    Hab ich mich amüsiert gestern Abend :D köstlich!

    Das freut mich ^^


    Ich schätze den Wolf eher so ein, dass er seine Schwester lieber bei seinem besten Freund sehen würden, als bei einem Kerl wie Donnelly :crazy:

    Da Donnelly besondere, öh... "Umstände" bei Abby (Tod) vorraussetzen würde, glaub ich das auch :ugly:


    Skadi hat da bestimmt den übelsten Plottwist geplant

    Jetzt steh ich ja überhaupt nicht unter Druck :S :rofl:


    Danke für eure Kommentare ^^

  • Worüber er… . Ein neuer Gedankengang verschaffte sich in Kolja Raum. Keiner ihrer Brüder befand sich in Hörweite, somit bot sich ihm gerade die perfekte Gelegenheit, endlich ein klärendes Gespräch mit Abigail zu führen. Er löste die Umarmung und ergriff ihre Hände; wie selbstverständlich verhakte Abigail ihre schlanken Finger mit seinen. Bereit, die Karten offen auf den Tisch zu bringen, öffnete Kolja den Mund. Da prasselte draußen aus heiterem Himmel ein Schwall Wasser gegen die Fensterscheiben des Wohnzimmers – wörtlich gesprochen, denn keine Wolke bedeckte den Himmel. „Kieran, das ist die Sprinkleranlage!“, informierte Abigail ihren Bruder. Wie jetzt? Bediente man heutzutage sogar Sprinkleranlagen per Funk? Hernach widmete die Wölfin ihre Konzentration wieder voll und ganz Kolja. In ihren Augen meinte er, so etwas wie Vorfreude glitzern zu sehen. „Entschuldige bitte, Kolja. Spricht weiter.“

    „Ich habe darüber gesprochen, dass ich dich-… .“

    Poltern, Scheppern, das dumpfe Rumsen eines Aufschlags – ein jämmerlicher Schmerzensschrei drang vom Obergeschoss ins Wohnzimmer und Kolja fuhr alarmiert zusammen. Was zum... ? Ehe er zu reagieren vermochte, entriss ihm Abigail plötzlich ihre Hände und hechtete an Kolja vorbei und in den Flur. „Kieran!“, rief sie voller Sorge um ihren kleinen Bruder und stürzte die Stufen in die zweite Etage hinauf. Umgehend versuchte Kolja, ihr zu folgen, doch mit Abigails Kondition einer Sportlerin konnte er schlecht mithalten. Sie hängte ihn ab und als Kolja die Treppe erreichte, sah er ihre Füße bereits hektisch hinter einer Ecke im oberen Flur verschwinden. Diese Frau und ihre flinken Beine! Während er der Wölfin nachjagte, hörte er Abigails und Kierans aufgeregte Stimmen, übertönt vom Knallen einer zugeworfenen Tür sowie dem Radau unbestimmbarer Schläge gegen eine Wand. Was geschah dort oben?? Just erreichte Kolja das Ende der Treppe, da kamen ihm die zwei Geschwister schon entgegen gehumpelt. Abigail hatte ihrem Bruder den Arm unter die Schulter geschoben und stützte den Teenager beim Laufen ab, dessen Stoffhose an den Knien aufgerissen war und fiese Schürfwunden auf seiner Haut entblößte. Leise wimmernd ließ er sich von Abigail ins Wohnzimmer führen, wo sie ihn auf der Couch absetzte.

    „Was ist passiert?“, fragte Kolja. Dem Krach nach zu urteilen, musste Kieran in seinem Zimmer einen Kampf ausgetragen haben. Er berichtete:

    „Ich weiß nicht. Ich wollte über die App die Lautstärke an meinem Laptop verändern und auf einmal rastet mein Staubsaug-Roboter völlig aus. Irgendwas muss mit dem Signal schiefgelaufen sein, glaube ich.“ Glaubte er? Nach Koljas Einschätzung anhand der letzten fünfzehn Minuten durfte sich Kieran dieser Sache ziemlich sicher sein. Dennoch lieferte das keine Erklärung für die aufgeriebenen Beine. „Jetzt läuft StauSauRo da oben Amok. Er hat meinen Stuhl und meine Topfpflanze umgeschubst und ist mir in die Hacken gefahren. Mann, ich hab' mir bei dem Sturz die Knie am Teppich aufgescheuert! Das tut so weh!“ Dabei stemmte Kieran vorsichtig seine geschundenen Beine gegen die Kante des Fernsehtischchens und bemitleidete sich selbst für seine Verletzungen.

    „'StauSauRo'?“

    „So nennt Kieran seinen Saugroboter“, klärte Abigail Kolja auf, bevor sie ihren Bruder beruhigte: „Mach dir keine Gedanken, Kieran. Wir lassen ihn einfach so lange in deinem Zimmer eingesperrt, bis sein Energiespeicher aufgebraucht ist. Das Gerät ist mittlerweile so alt, wie lange wird er schon im Kreis fahren können, bis sein Akku aufgeladen werden muss?“ Hm, ein alter Staubsaug-Roboter. Demzufolge ein StauSauRierer? Hehe! Stumm kicherte Kolja in sich hinein.

    „Ein bis zwei Stunden“, schätzte Kieran die restliche Laufzeit seiner elektronischen Haushaltshilfe ein und Abigail lächelte ihn aufmunternd an.

    „Na siehst du. Bis dahin bleibst du einfach hier unten.“ Über den schwarzhaarigen Schopf ihres Bruders hinweg warf sie Kolja einen um Verzeihung bittenden Blick zu. Hmpf. Scheinbar stellte sich die Geschwisterliebe dieser Familie seinem persönlichen Glück mit Abigail aus purem Grundsatz in den Weg. Ade Zweisamkeit und Ade Koljas Chance darauf, endlich reinen Tisch zu machen.

    Mit einem Winseln begutachtete Kieran seine ramponierte Haut. 'Meine Güte', dachte Kolja. Es waren doch bloß aufgeschürfte Knie; kein Grund, diese hohen Töne von sich zugeben. Abigail tröstete ihren Bruder, als ob der Junge seinen Lebtag noch keine Schramme erlitten hätte. „Das verheilt schnell wieder. Pass mal auf, spätestens morgen früh wirst du gar nichts mehr davon spüren.“

    „Aber was ist bis dahin?!“, wollte Kieran wissen und Hoffnungslosigkeit dominierte seinen Tonfall. Befürchtete er denn, ihm würden über Nacht die Beine abfaulen? Geduldig schlug Abigail ihm vor:

    „Wir kleben einfach ein Pflaster über die Wunde, okay? Dann kann nichts drankommen. Kolja?“ Sie wies auf die Anrichte unmittelbar hinter dem Bären. „Würdest du bitte in das obere Schubfach schauen? Darin sollte ein Erste-Hilfe-Päckchen liegen.“ Er erfüllte ihr diesen Wunsch, öffnete benanntes Fach und fand, wie angekündigt, ein Stoffetui mit verschiedenen Verbandsmitteln darin. Hm, das Wohnzimmer schien Kolja ein ungewöhnlicher Ort für die Aufbewahrung eines Notfallsets zu sein; andererseits gehörte so was in einer Poly-Familie mit fünf tobwütigen Kindern wahrscheinlich zur obligatorischen Grundausstattung eines jeden Raumes. Vor allem in Verbindung mit Moira.

    Kolja suchte zwei Streifen Pflaster heraus und reichte sie Kieran, bevor er das Etui zusammenpackte und an seinen Platz in der Schublade zurücklegte.

    Derweil er darüber sinnierte, eventuell den Verbandskasten der WG mal wieder auf Vollständigkeit zu überprüfen, blieb Koljas Beachtung an der Dekoration der Anrichte hängen. Abigails Eltern hatten einige Fotos gerahmt und gut sichtbar aufgereiht. Kolja gab zu, die Fotografien bisher nie bewusst wahrgenommen zu haben, was schlichtweg daran lag, dass ihn fremde Familienbilder in den seltensten Fällen interessierten. Dieses eine Foto allerdings... es gefiel Kolja irgendwie. Zwei Kinder im Grundschulalter hockten darauf freundschaftlich auf ein und derselben Schaukel: Ein Junge und ein Mädchen. Kolja brauchte nicht nachfragen, um wen es sich dabei handelte, denn diese hellen Haare zusammen mit den großen, graublauen Augen verrieten zweifelsfrei, dass eine junge Moira ihm da so sanft entgegen lächelte, wohingegen das pechschwarze Haar sowie das zahnlückenentblößende Grinsen eindeutig zu Scott gehörten. Wie alt dieses Foto wohl sein mochte? Zwanzig Jahre? Nein, älter. Vermutlich fünfundzwanzig. Es weckte in Kolja das Gefühl glücklicher Kindheitstage und einer lebenslangen Freundschaft, sodass er absolut nachvollziehen konnte, weshalb Abigails Eltern die Erinnerung an schöne Zeiten hier positioniert hatten. Fast meinte er, das fröhliche Kinderlachen von damals hören zu können. Ob Scotts Kinder, sollte er je welche zeugen, seinem kindlichen Ich ähneln würden?

    „Ein tolles Foto, nicht wahr?“ Abigail war an Koljas Seite getreten und betrachtete ihrerseits die Abbildung. „Papa muss dieses Bild sehr viel bedeuten, sonst würde es nicht hier stehen.“

    „Ich habe noch nie ein Kinderfoto von Scott gesehen“, stellte Kolja fest, jedoch wurde er von Abigail korrigiert:

    „Scott? Nein, nein. Das ist nicht Scott. Der Junge auf dem Foto, das ist Colin.“

    Colin? Quatsch! Jetzt band Abigail dem Bären einen Bären auf. Die Knirpse auf dem Bild hingen regelrecht aneinander; undenkbar, ausgerechnet Colin hätte jemals ein so zutrauliches Verhältnis zu der Banshee gepflegt. „Bist du sicher?“, blieb Kolja daher skeptisch, die enorme Ähnlichkeit zwischen den Brüdern hin wie her.

    Abigail nickte. „Es ist richtig, dass Scott und Moira miteinander befreundet sind aber als sie Kinder waren, haben sie zusammen mit Colin ein Dreiergespann gebildet. Niall hat erzählt, dass Colin und Moira auch ohne Scott hervorragend miteinander spielen konnten und er hätte ihr sogar das Fahrradfahren beigebracht oder wie man auf Bäume klettert. Nur das mit dem Herunterkommen hat sie wohl nie so richtig begriffen.“

    „Wenn man Mama glauben will, dann hat Moira es in der achten Klasse auch geschafft, Colin dazu zu überreden diesen Tanzkurs mir ihr zu besuchen“, warf Kieran von der Couch aus ein und fummelte den Schutzfilm von seinem Pflaster ab. „Ich halte das alles für Märchen.“

    Dem widersprach Abigail. „Also ich kann mir das sehr gut vorstellen. Scott hat sich noch nie für solche Dinge begeistern lassen und Colin besitzt ein echt gutes Rhythmusgefühl. Und wieso sollten Mama und Niall schwindeln?“ Sie erwartete keine tatsächliche Antwort, sondern gab prompt die nächste unglaubliche Anekdote zum Besten: „Einmal ist Moira in einen Schacht gestürzt und um sie da unten nicht allein zu lassen, ist Colin hinterhergesprungen und hat ihr Gesellschaft geleistet, während Scott Hilfe geholt hat.“

    „Unvorstellbar…“, murmelte Kolja. Na ja, bis auf den Teil, Moira sei in ein Loch gefallen. Das glaubte Kolja Abigail nämlich auf Anhieb. So was… Also gab es Zeiten, in denen Colin und Moira unzertrennlich waren. Was für eine bizarre Vorstellung. „Was hat sich verändert?“

    Kolja bemerkte das Zucken ihrer Lippen, als wolle Abigail rege drauf los plappern. Aber sie schien ihre Worte zu überdenken. „Persönlichkeiten verändern sich. Ich befürchte, nicht jede Freundschaft ist dazu gemacht, auf ewig zu halten.“

    Mh, das war eine sehr rationale Begründung, insbesondere für Abigail. Nun gut. Letztmalig inspizierte Kolja die Fotografie. „Ich habe Colin nie so abenteuerlustig grinsen sehen.“

    „Ich auch nicht, Kol“, erklärte Kieran, sodann er behutsam das Pflaster auf sein Knie legte und es jaulend feststrich. Welches Drama der Welpe wohl veranstaltete, sobald er irgendwann in echte Rangkämpfe geriet?

    Was für ein Abend. Binnen einer Stunde hatte Kolja einen Streit mit Abigail geführt, sich mit ihr versöhnt und ihren kleinen Bruder vor einem wildgewordenen Staubsauger gerettet. Kolja nahm nicht an, der Wölfin stünde nach all dem noch der Sinn nach Nachhilfe. Er musterte sie. Gründlich.

    Nein, an Nachhilfe brauchte er wirklich keinen Gedanken zu verschwenden. Abigails Anklage hatte seiner Phantasie wahrlich keinen Abbruch getan, denn Kolja überkam der jähe Wunsch, Abigail zu nehmen und ihren tollen Po auf dieser Anrichte zu platzieren, damit sie ihre langen Beine wie eine Schlange um seine Hüften wickelte bis keiner mehr von ihnen beiden zu benennen wusste, wo Abigails Körper endete und Koljas begann. Seine Ohren gaukelten ihm sogar das entzückte Keuchen vor, welches aus ihrer Kehle kroch, während Koljas Lippen über ebenjene hinwegglitten. Uff. Diese verfluchten Tagträume. 'Zusammenreißen!', bläute sich Kolja ein. Es hielt sich immerhin ein Welpe im selben Zimmer auf. Sowieso beglückte Abigail Kolja mit keinem befriedigten Seufzen; viel eher stierte sie die Fotografie ihres Bruders an und nuschelte ein nachdenkliches „Mh…“ daher.

    'Mh'? „Was ist los?“, wollte Kolja von ihr erfahren.

    „Ich überlege…“ Abigail zeigte auf das Bild. „Moira ist doch angehalten, so viele Fotos wie möglich vom Training zu schießen, richtig?“

    Soweit Kolja korrekt informiert war, durfte man das so behaupten. „Ja?“

    „Und du meintest, sie hätte dich dabei fotografiert, wie du die Tür des Gerätelagers ausgerissen hast.“

    Auch das entsprach den Tatsachen. Worauf zielten Abigails Fragen ab? Da schlugen ihre Gedankengänge einen ihrer berüchtigten Haken und Abigail wechselte abrupt mit einem Lächeln das Thema: „Kolja, ich hätte große Lust, unsere nächste Nachhilfestunde zur Abwechslung bei dir abzuhalten. Was hältst du davon? Eine andere Umgebung für ein effektiveres Lernergebnis?“

    Uhrm, bei ihm? In der WG, meinte sie? Spontan fiel Kolja kein Grund ein, der dagegensprach. „Okay?“

    „Hervorragend!“, freute sich Abigail für Koljas Erachtens etwas zu sehr darüber, anderorts zu lernen und so legte er misstrauisch die Stirn in Falten. Was entging ihm gerade? „Passt dir morgen Abend?“ Kolja überschlug kurz seinen Schichtplan sowie eventuelle andere Termine. Nein, außer der Mittagsschicht standen morgen keine Verpflichtungen an, also bestätigte er Abigails Vorschlag mit einem zustimmenden Heben der Achseln. „Prima! Dann steht unsere Verabredung. So, nach der ganzen Aufregung habe ich aber wirklich Hunger bekommen. Wie steht es mit euch? Wollen wir etwas essen?“

    „Au ja! Kol soll uns was kochen!“, jubelte Kieran los und wurde dafür von seiner großen Schwester belehrt:

    „Kolja ist unser Gast, Kieran. Es ist unhöflich, solche Forderungen zu stellen.“

    „Soll das heißen, du kochst?“ Dem Teenager sackten die Mundwinkel herab.

    „Ja, soll es. Wieso? Stimmt etwas nicht mit meinen Kochkünsten?“, hakte Abigail berechtigter Weise nach, denn Kolja hatte schon das ein oder andere Mal ihre Mahlzeiten probiert und fand zu keiner Gelegenheit Grund zur Beschwerde.

    Ihr Bruder wedelte beschwichtigend mit den Händen. „Nein, dein Essen schmeckt gut.“ Er deutete mit dem Finger auf Kolja. „Seins schmeckt aber noch besser. Mann, ich hätte echt Bock auf Nudeln, Kol.“

    „Kieran!“

    „Was denn? Wenn Kol keine Lust hat, kann er doch Nein sagen.“

    „So läuft das aber nicht.“

    „Warum nicht?“

    Das konnte sich hinziehen. Für die Dauer der Diskussion nahm Kolja auf der Couch Platz und während die Geschwister über ihre Standpunkte hin- und her rechteten, wägte Kolja einstweilen alle Faktoren für eine überaus wichtige Entscheidung ab:

    Bereitete er Tomatensoße oder Pesto zu den Nudeln?



    nächster Teil

  • Dabei stemmte Kieran vorsichtig seine geschundenen Beine gegen die Kante des Fernsehtischchens und bemitleidete sich selbst für seine Verletzungen.

    Danke Kieran - du hast den wahrscheinlich besten Moment in dieser Freakshow zerstört :dash:

    Und das soll ein Wolfpoly sein? Er heult wegen einem aufgeschürften Knie. Das sollte doch zum Standardprogramm gehören xD

    Demzufolge ein StauSauRierer? Hehe! Stumm kicherte Kolja in sich hinein.

    :rofl:

    Bereitete er Tomatensoße oder Pesto zu den Nudeln?

    Das ist seine wichtigste Frage? Na dann :rofl:

  • „Uuuuaaaahhh…“ Ein tiefes, hohlklingendes Brummen erklang aus Koljas Kehle.

    „Ich glaube, ich habe gerade deine Reißzähne gesehen“, scherzte Moira, derweil sich der Bär neben ihr herzhaft gähnend reckte und streckte und seine Beine auf dem kleinen Tischchen vor dem WG-Sofa ablegte, bedacht, mit seinen Füßen keinesfalls gegen Moiras Kamera zustoßen. Die Banshee hatte ihre Ausrüstung dort abgelegt und durch ein Kabel mit ihrem Laptop verbunden, den sie wiederum auf ihrem Schoß balancierte. Den Rücken gegen das Armteil des Sofas gelehnt und die Beine in Koljas Richtung ausgestreckt, schmunzelte sie ihn an.

    „Verzeihung“, bat Kolja über ein zweites Gähnen hinweg für seine Unhöflichkeit um Entschuldigung. Ein Nickerchen käme ihm gerade recht, aber in ein paar Minuten würde Abigail für ihre Nachhilfestunde hier auftauchen und diese konnte er ja schlecht von seinem Bett aus abhalten. Das hieß, falls Abigail ihm jedoch dabei Gesellschaft leistete, nackt und eng mit ihm verschlungen… . Mittels energischer Schläge gegen seine Wangen versuchte Kolja die Vorstellung aus seinem Kopf zu vertreiben; wie eine CD in einem Player, sprang seine Einbildung jedoch nach einem kurzen Aussetzer abermals an und setzte das Kopfkino – oder besser gesagt, den Kopfporno - an exakt derselben Stelle fort. Moira rettete ihn nur kurzzeitig aus dem Sumpf seiner Phantasien. „Du siehst müde aus. Hast du schlecht geträumt?“

    Ob er schlecht geträumt hatte? Fast hätte Kolja darüber gelacht. Von schlechten Träumen durfte wirklich keine Rede sein, beherrschte doch Abigail sein ganzes Denken - nicht nur in jedem seiner wachen Augenblicke, sondern auch, wenn er tief und fest schlief. Mittlerweile verging selten eine Nacht, ohne, dass Kolja im Schlaf von ihr phantasierte und dann mit unerfüllten Sehnsüchten erwachte. Abigail in seinen Armen zu halten, das Gefühl ihres Körpers, der sich dicht an seinen anschmiegte, hatte ihm einen verlockenden Vorgeschmack auf intime Stunden mit ihr geschenkt; als wäre er ein Kind, dem man von einem zuckersüßen Lolli naschen ließ, um ihm die Leckerei sogleich wieder wegzunehmen. Bloß wollte Kolja an keinen Süßigkeiten lecken, sondern an Abig-... Großer Gott, jetzt katapultierte sich seine Vorstellungsgabe erneut geradewegs in die Gosse. Abgespannt strich sich Kolja mit den Händen über sein Gesicht. „Nein“, beantwortete er Moiras Frage. „Ich muss mich erst an meinen neuen Schlafrhythmus gewöhnen.“ Durch die vielen Nachhilfestunden war Kolja dazu gezwungen, seinen Terminplan enger zu fassen. Im Endeffekt bedeutete das für ihn eigentlich nur, auf seine Schläfchen tagsüber zu verzichten aber wenn man Jahre lang die Freiheit besaß, zu beinah jeder denkbaren Zeit zu Bett gehen zu können, stellte das für den eigenen Energiehaushalt schon mal eine Herausforderung dar.

    „Du bist wirklich viel öfter unterwegs.“ Moira tippte beiläufig auf ihrem Laptop herum, als sie vollkommen richtig vermutete: „Liegt das an der Nachhilfe?“ Auf Koljas bestätigendes Nicken hin, erkundigte sie sich: „Wie schlägt sich Abby so?“

    „Sie macht Fortschritte“, meinte Kolja. „Aber sie lässt sich viel zu schnell ablenken.“

    „Das möchte ich glauben.“

    Die Betonung ihrer Worte ließ den Bären stutzen. Wieso sagte Moira das so merkwürdig? Ahnte sie etwas von dem, was zwischen Abigail und Kolja vor sich ging? Kolja beobachtete die Banshee, die ihre Augen auf den Bildschirm gerichtet hielt und unbeteiligt in einem für ihn unbekannten Takt mit den Füßen wackelte. Die Öhrchen ihrer flauschigen Häschenhausschuhe wippten dabei munter hin und her. Mh, vermutlich entwickelte Kolja Paranoias.

    Im Hausflur wurde es plötzlich laut. Dank seinem Hörsinn registrierte Kolja das rege Geplapper einige Sekunden bevor Moira das Haupt Richtung Wohnungstür drehte; dann schepperte das Schloss und der Lärm sprudelte in die Wohnung. „Jetzt lass mich endlich mal mit deinem Scheiß in Ruhe! Ich hab' doch schon zugesagt, was willst du denn noch von mir?“, hörte man Scott schimpfen, als er ins Wohnzimmer trat. Unmittelbar darauf folgte ihm seine kleine Schwester.

    „Ich gehe nur sicher, dass du es nicht vergisst. Vielleicht ist das unser letztes Treffen, das wir in Papas Garten abhalten können, bevor Mama und er aus ihrem Urlaub zurückkehren. Scott, das wird ein toller Abend! Wir werden leckeres Essen haben und unter dem Sternenhimmel die laue Sommernacht genießen. Du weißt doch, die Luft kribbelt so herrlich zwischen Litha und Samhain. Oh! Kolja, Moira Liebes!“

    Die Wölfin entdeckte Banshee und Bär auf dem Sofa sitzend und eilte heran, um voller Vorfreude die Hände auf der Rückenlehne aufzustützen. „Ihr kommt am Samstag auch, ja?“

    „Sagt zu, sonst geht die Diskussion endlos weiter“, maulte Scott und checkte die Uhrzeit auf seinem Smartphone. „Und ich will mein Telefondate mit Hazel nicht verpassen.“

    Gemeinschaftlich nickten Moira und Kolja, was Abigail als Zusage wertete, also kam sie auf etwas Anderes zu sprechen: „Schaust du dir Fotos an, Moira?“ Ehe Koljas Mitbewohnerin antwortete, umrundete Abigail das Sofa und zwängte sich auf die Sitzfläche in der Mitte. Moira nahm gerade ihre Füße herunter, da stellte Abigail bereits die nächste, neugierige Frage. „Sind das die Bilder vom Training?“

    „Ja, sind es. Ich schaue alle Aufnahmen durch und nehme ein paar Bildbearbeitungen vor.“

    „Bildbearbeitungen?“, wiederholte Abigail Moiras Wortwahl. „Deine Fotos sind so toll, was willst du sie denn bearbeiten?“

    Die Banshee lächelte über das Kompliment, klärte Abigail jedoch auf: „Wenn ich im Freien fotografiere habe ich selten Einfluss auf die Lichtverhältnisse. Dann wirkt ein Foto später zu hell oder zu dunkel. Um ein wenig Farbkorrektur oder stärkere Kontraste komme ich also leider nicht drum herum. Solche Feinheiten lassen sich zum Glück am Laptop ausgleichen, mehr verändere ich auch nicht an den Bildern.“ Wie immer, wenn Moira anfing über ihre Leidenschaft zu philosophieren, wollte sie gar nicht mehr aufhören darüber zu erzählen. „Es gibt Fotografen, die ihre Bilder bis zur Unkenntlichkeit nachbearbeiten. Zum Beispiel retuschieren sie Falten und Narben weg oder verzerren die Farben total. Davon halte ich nichts. Meiner Meinung raubt so was den abgelichteten Motiven ihre Individualität und ihre Vielfalt. Die Fotografie ist eine Kunst, die uns die Möglichkeit schenkt, das Leben einzufangen, wie es ist. Ich werde nie verstehen, wie man diese spannenden Ecken und Kanten abschleifen kann, bis nur noch eine glattpolierte, langweilige Karikatur des ursprünglichen Fotos übrigbleibt.“ Danach verfiel Moira in einen Monolog über Tonwerte, den Charme der analogen Filmfotografie und weshalb die Personen auf alten Abbildungen des frühen neunzehnten Jahrhunderts allesamt so griesgrämig dreinschauen. Kurzzeitig schenkte Abigail den Ausführungen ihre Konzentration, schweifte allerdings beizeiten mit den Gedanken in andere Gefilde ab, wie Kolja an ihrem Gesichtsausdruck abzulesen vermochte. Er konnte es ihr nicht verdenken. Bei Moiras Fachchinesisch verlor er genauso schnell den Faden. Viel mehr schien Abigail das kleine Lämpchen an Moiras Kamera zu interessieren, das in einem gemächlichen Takt aufblinkte und vermutlich die intakte Verbindung mit dem Laptop signalisierte. Skeptisch beobachtete Kolja, wie Abigail die Hand hob und ihre Fingerspitze den zahlreichen Knöpfchen neben dem Blinklichtlein entgegenführte. So wenig Kolja über Fotografie und Kameratechnik verstand, eine Sache wusste er auf jeden Fall: Moderne Technik konnte sensibel reagieren und Abigails Vater fände es mit ziemlicher Sicherheit keineswegs witzig, eine Kamera im Wert eines durchschnittlichen Nettomonatslohns ersetzen zu müssen, weil seine noch unter elterlicher Verantwortung stehende Tochter ihren Spieltrieb nicht unter Kontrolle hielt. Mit liebevoller Strenge drückte Kolja Abigails Hand deswegen herab, bevor sie noch irgendeinen Schaden an den Einstellungen der Kamera anrichtete. Jedoch ließen sich Abigails Finger sogleich wieder von dem Blinken anziehen, wie ein Vampir von der nächsten Blutspendeklinik. Also zwang Kolja sie abermals mit fürsorglichem Druck, die Hand zu senken. Als Abigail ihn daraufhin fragend ansah, schüttelte er mahnend den Kopf. Finger weg… . Für den Moment verstand Abigail seine nonverbale Anweisung – um sie nach wenige Sekunden zu vergessen und erneut ihre Fingerspitze auf die Kamera zuzubewegen. So, Schluss damit. Kolja fasste besitzergreifend nach Abigails Hand, legte sie bestimmend auf ihrem eigenen Schoß ab und hielt sie dort fest umschlossen. Keinen Zentimeter käme sie Moiras absurd teuren Kamera zu Nahe.

    Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er, wie Abigails Blick von den umschlungenen Fingern zu seinem Gesicht wanderte, zugleich Moira dazu überging, über Belichtungszeiten zu referieren. Kolja gab sich große Mühe so zu wirken, als tangierte es ihn nicht, von Abigail angeschmachtet zu werden, obwohl er am liebsten schamlos zurückgeschmachtet hätte. Keine gute Idee, solange die Banshee neben ihnen saß und Scott zudem jederzeit aus seinem Schlafzimmer wiederkehren konnte, in welches er zwischendurch zum Telefonieren verschwunden war.

    Endlich fand Moiras Fachvortrag ihren Abschluss und Kolja löste hastig seinen Griff um Abigails Finger, als seine Mitbewohnerin ihre Augen von den Fotos auf den Bildschirm losriss. „Entschuldigt ich, ich habe mich wieder verplappert.“

    „Das macht nichts, Moira“, beruhigte Abigail ihre Freundin und wies auf den Laptop. „Darf ich mir deine mal Fotos ansehen?“

    Verwundert blinzelte Moira sie an. „Alle?“ Abigail bejahte, weswegen Moira sie darüber informierte: „Das sind einige. Und die wenigsten davon konnte ich schon nachbearbeiten.“

    „Das macht nichts. Ich bin doch eh einmal hier und habe den ganzen Abend Zeit.“

    Den ganzen-…. Und die Nachhilfestunde? Misstrauisch zog Kolja die Stirn kraus.

    „Wie du möchtest“, meinte Moira und übergab Abigail den Laptop. „Ich muss aber gleich zu einem Job los. Die Bilder sind alle auf der Festplatte gespeichert, da kannst du dich durchklicken. Bitte gib Acht, nichts zu löschen, ja? Viele Fotos sind Spontanaufnahmen, die lassen sich nicht nachstellen.“ Im Anschluss stand sie vom Sofa hoch, nahm ihre Kamera und ging zum Flur.

    „Viel Spaß, Moira“, wünschte Abigail ihr.

    „Danke. Euch beiden auch viel Spaß.“ Man vernahm das Klappern der Wohnungstür und die Banshee war weg.

    Ungeduldig rückte Abigail den Laptop auf ihren Beinen zurecht. „So, dann wollen wir mal.“

    „Was machst du da?“, wollte Kolja von ihr wissen. Fehlte ihr etwa jetzt schon die Konzentration, dass sie der erstbesten Ablenkung nacheilte, wie ein eurasischer Pferdespringer der Dämmerung? Normalerweise schaffte sie es, zumindest ein paar der Aufgaben zu lösen, bis ihre Aufmerksamkeitsspanne riss.

    „Ich schaue mir Fotos an.“

    Ja, das hatte Kolja begriffen. „Warum?“

    „Weil Moiras Fotos toll sind. Und vielleicht finde ich ja einen schönen Schnapsschuss von uns zweien oder von meinen Brüdern“, behauptete Abigail und fügte ein wenig leiser hinzu: „Oder von irgendwelchen Saboteuren.“

    Entgeistert gaffte Kolja sie an. Durfte das denn die Möglichkeit sein! Diese Frau raubte ihm noch den letzten Nerv. Nicht das geringste Bisschen schien sie aus dem gestrigen Drama gelernt zu haben. Immerhin deutete Abigail seine Mimik korrekt und unternahm den Versuch, ihre Unbelehrbarkeit herabzuspielen. „Es sind nur Fotos, Kolja. Niemand wird sich angegriffen fühlen, weil ich ein paar Bilder betrachte.“ Ihre Mundwinkel formten ein bezauberndes Lächeln und zärtlich strich Abigail ihm über den Oberarm. „Und sollte doch jemand aus dem Bildschirm kriechen, bist du ja hier um mich zu beschützen.“

    Bildete sie sich etwa ein, ihre Zutraulichkeiten würden Kolja in irgendeiner Weise besänftigen? Nun, ja. Ein wenig taten sie das. Trotzdem! „Du hast das geplant“, dämmerte es Kolja. Von wegen eine andere Lernumgebung für mehr Effizienz – Abigails Wunsch, die Nachhilfestunde in die WG zu verlegen, diente einzig dem Zweck, Moira abzufangen. Zu dem unschuldigen Augenaufschlag, den Abigail Kolja sodann zuwarf, fehlte bloß noch der Heiligenschein über ihrem Schopf. Er forderte zu erfahren: „Was soll das bringen?“

    „Ein Bild unseres Übeltäters, natürlich.“ Mit einigen schnellen Befehlen via Touchpad öffnete Abigail einen Ordner; dem Datum seiner Bezeichnung nach zu schließen, stammten die Fotografien darin aus der Zeit kurz vor dem Einbruch in das Gerätelager. „Im besten Fall hat Moira, ohne es zu ahnen, unseren Bösewicht auf frischer Tat ertappt oder uns fällt etwas Anderes auf. Eine zwielichtige Person zum Beispiel, die ständig um die Mannschaft herumschleicht. Aha!“ Ihr schlanker Finger zeigte auf den Laptop. „Wer ist das? Diesen Mann habe ich noch nie gesehen!“

    Um zu erkennen, wovon Abigail sprach, lehnte Kolja sich ihr entgegen. „Das ist O'Maley.“ Der Wildkater des Teams, der wegen einer Überdosis Katzenminze in der Entzugsklinik steckte. Abigail konnte ihn schlecht kennen, da er eingeliefert wurde, ehe sie mit ihren Pseudoermittlungen begonnen hatte.

    „Oh…“, gab sie von sich, deutete jedoch sogleich auf eine andere Gestalt. „Ha! Aber er hier gehört nicht dazu!“

    „Das ist das Modell auf einem Werbeplakat auf der anderen Straßenseite.“ Aufgrund der Perspektive wirkte es, als würde der abgebildete Mann in unmittelbarer Nähe zu den Spielern stehen.

    „Bist du sicher?“

    „Auf seinem Shirt steht groß 'I love ESB' aufgedruckt. Warum sollte jemand ein Shirt tragen, er würde seinen Energieversorger lieben?“

    „Na, wenn er das eben tut…“ Die Wölfin rief das nächste Foto auf. „Aber der da!“, wies sie Kolja auf eine düstere Figur hin. „Willst du etwa abstreiten, wie bedrohlich dieser Mann aussieht? Schau ihn dir an, Kolja. Dieser verstohlene Blick über seine Schulter. Der grimmige Ausdruck in seinem Gesicht und die farblose Kleidung, mit der er seine Gegenwart zu vertuschen versucht. Alles an ihm schreit förmlich 'kriminell'.“

    „Abigail...“ In der Folge blickte Kolja sie an. „Das ist Scott“. Ihr Bruder hatte sich lediglich die Kapuze seines Pullovers über den Kopf gezogen. Wobei Kolja einräumte, dass Abigail mit ihrer Einschätzung gewissermaßen den Kern der Sache traf.

    Verdrossen ließ sich der Bär in seine Ecke des Sofas fallen. Weil Abigail nur wegen Moiras Fotos auf ein Treffen in seiner Wohnung beharrt hatte, fühlte er sich von ihr ausgenutzt. Hieß das, sie würde den Rest des Abends nur vor diesem dummen Laptop hängen, anstatt sich mit Kolja zu beschäftigen? Er zog daraus den Schluss: „Die Nachhilfe fällt heute also aus.“

    „Nein, nein! Wir fangen nur ein bisschen später an, okay? Sobald ich die Bilder gesichtet habe, legen wir sofort los, versprochen“, gelobte Abigail und hauchte Kolja zur Aufmunterung einen federleichten Kuss auf die Wange. „Es wird auch gar nicht lange dauern. Das Training findet doch nur alle paar Tage statt.“ Sie schob den Laptop in eine bequeme Position. „Wie viele Fotos kann Moira denn da schon geschossen haben?“

  • Abigail


    Nach dem zweitausendachthundertsiebenundvierzigsten Foto verlor Abby die Lust.

    Haargenau hatte sie sämtliche Details im Vorder- wie im Hintergrund nach verdächtigen Aktivitäten untersucht und obgleich jedes einzelne Bild zweifelsfrei Moiras Talent bezeugte, forderten zweieinhalb Stunden intensives Betrachten, Observieren und Analysieren ihren Tribut. Das ewiglange Starren auf den winzigen Laptopmonitor rief in Abby geistige wie körperliche Erschöpfungserscheinungen hervor und die Erkenntnis, längst nicht die Hälfte aller Aufnahmen durchgearbeitet zuhaben, nahm einen drastischen Negativeinfluss auf ihre Motivationskurve. Wie unglaublich viele Fotografien Moira zusammengetragen hatte! Oftmals zeigten unmittelbar aufeinanderfolgende Serien ein und dasselbe Motiv, lediglich um wenige Millisekunden zeitversetzt – absichtlich, vermutete Abby, um den bestmöglichen Moment einzufangen. So bewundernswert die Wölfin diese vor Leben sprudelnden Eindrücke auch fand, wollte sie an diesem Abend keine weiteren abgekämpften Poly-Männchen betrachten. Vor allem nicht, wenn es sich dabei um ihre eigenen Brüder handelte. Auf der Jagd nach Colins Porträt musste Moira aus Verzweiflung zu wahrlich jeder sich bietenden Gelegenheit den Auslöser betätigt haben, denn gefühlt stand Abbys Bruder auf einem guten Drittel aller Fotografien im Mittelpunkt. Unter anderem dokumentierte eine der vielen Fotoreihen, wie er sich nach dem Training aus einem durchgeschwitzten, klebrigen Trikot quälte. Moira benötigte scheinbar tatsächlich dringend eine Abbildung von ihm, wenn sie Colin sogar in solch pitschnasser Verfassung ablichtete.

    Abby lenkte den Blick vom Laptop weg und rieb ihre müden Augen. Sie hatte sich so lange mit den Fotos beschäftigt, dass es draußen bereits dämmerte und das einfallende Licht aus der Küche sorgte indirekt für gedämpfte Beleuchtung im Wohnzimmer. Wenn Abbys Suche doch nur Ergebnisse erzielt hätte. Gelegentlich hatte sie gedacht, auf eine heiße Spur gestoßen zu sein, doch Kolja wusste jedweden ihrer Verdachte auszuräumen. Seit geraumer Zeit schwieg der Bär allerdings, daher schaute Abby zu ihm herüber. Oh, wie niedlich! Kolja war eingeschlafen und schlummerte friedlich vor sich hin. Einen Arm unter seinen Kopf geklemmt und den anderen auf dem Bauch gebettet, ruhte er zurückgelehnt auf dem Sofa. Er atmete ruhig und mit jedem Atemzug wurde seine Hand gemächlich hoch und wieder herab gehoben. Entzückt beobachtete Abby das leichte Flimmern seiner geschlossenen Lider. Wovon er wohl träumte? Das Licht aus der Küche verfing sich in seinem braunen Haar und floss herrlich über seine Strähnen hinweg, wie eine karamellige Dessertsoße über eine Portion köstliches Schokoladeneis. Liebend gern hätte Abby Kolja zärtlich über die glattrasierten Wangen gestreichelt und sich anschließend an ihn gekuschelt, um seinen betörenden Duft nach Schnee, salziger Luft und Honig zu inhalieren.

    Am meisten lockte sie jedoch sein Mund.

    Im Traum schien Kolja sich mit jemanden zu unterhalten, denn seine Lippen vollführten diese verspielten Zuckungen, welche Abby oftmals während eines Gesprächs an ihm beobachtet hatte – gerade so, als wären sie davon unterfordert nur Vokale zu formen. Sie stellte den Laptop weg. Es juckte ihr in den Fingerspitzen, den Schwung von Koljas Oberlippe nachzufahren und die geschmeidigen Bewegungen mit ihren Sinnen ertasten zu dürfen. Das Gefühl auf ihrer Haut. Auf ihren Lippen... . Darauf bedacht, Kolja keinesfalls aus dem Schlaf zu reißen, beugte sich Abby behutsam über ihn. Sein Lippenspiel übte eine hypnotische Wirkung auf sie aus, so gab sie ihrem Bedürfnis nach, legte sacht die Kuppe ihres Zeigefingers auf seinen Mund und strich zart darüber hinweg.

    Die Berührung ließ Kolja erwachen. Der Bär blinzelte einige Male orientierungslos und sah schließlich Abby an. „Ich wollte dich nicht wecken“, sprach die Wölfin gedämpft, derweil sie ihm fortwährend ihre Zärtlichkeiten schenkte. „Hast du gut geschlafen?“

    „Bin ich denn wach?“

    Koljas Frage entlockte Abby ein Kichern. Er war so süß. „Ja, bist du.“ Daraufhin huschte ein Lächeln über seine Züge, dank dem Abbys Herzschlag verliebt über die eigenen, figurativen Füßchen stolperte. Wohliges Kribbeln füllte ihren Bauch, als sie auf ihrem Oberschenkel Koljas Handfläche liebevoll entlangwandern spürte. Während sie im Gegenzug mit Fingerspitzengefühl seinen Mund und seine Wangen liebkoste, schlich sich die Erinnerung an ein faszinierendes Detail über Bären in ihre Gedanken, welches Hazel ihr einst verraten hatte: „Du hast Greiflippen.“

    Da wandte Kolja auf einmal unangenehm berührt den Blick ab, um ihn sogleich wieder auf Abby zu richten. „Stört dich das?“, wollte er von ihr wissen.

    Ob es sie störte? Davon durfte keine Rede sein. Niemals würde irgendetwas an Kolja Abby stören können, denn dazu war er einfach viel zu perfekt.

    Was für bildschöne Schattenspiele das Schummerlicht des Wohnzimmers doch auf sein Gesicht zauberte. Die Kontraste zwischen Hell und Dunkel schmeichelten Koljas Wangenknochen sowie der Wölbung seiner Brauen – eine unausgesprochene Einladung an Abby, jede einzelne Kontur intensiv zu erkunden. Und anfangen wollte sie bei seinem Mund. Bedächtig brachte Abby ihre Lippen näher an seine heran. „Nein“, hauchte sie Kolja ihre Antwort zu. Sie fühlte seinen Atem sanft ihre Nasenspitze kitzeln. Nur noch ein winziges, verlockendes Stück. „Im Gegenteil.“

    Dann kam Kolja ihr entgegen.

    Er umfing Abby mit beiden Armen und drückte seinen wundervollen Mund auf ihren. Tausend farbenfrohe Schmetterlinge platzten zugleich in Abbys Brust aus ihren Kokons hervor und stiegen ihr flatternd direkt in den Kopf. Überall prickelte es heiß; in Abbys Wangen, auf ihrer Haut unter Koljas Fingern, in ihrem Schoß... .

    Eine Tür wurde hörbar geöffnet.

    Und plötzlich war Kolja weg.

    Wo…? In derselben Sekunde, in der Abby verwirrt ihre Augen aufschlug und Kolja beinahe schon verschreckt auf seiner Seite des Sofas hockend vorfand, betrat Scott vom Schlafzimmerflur aus das Wohnzimmer. „Seid ihr etwa immer noch beim Lernen? Bei der Dunkelheit seht ihr ja gar nichts“, kommentierte Abbys Bruder die Lichtverhältnisse und tatschte voller Elan gegen den Schalter für die Wohnzimmerlampe. Schlagartig überflutete das grelle Licht der Deckenbeleuchtung den Raum und zwang Abby, kurzzeitig die Lider zuzukneifen. Dahin war das sinnliche Ambiente. Scott trottete arglos am Sofa vorbei bis in die Küche hinein; man vernahm leises Klappern, danach kehrte er seelenruhig mit einer Flasche Wasser zu ihnen zurück. Seine Aufmerksamkeit fiel auf den Laptop. „Schaut ihr euch etwa Moiras Fotos an? Bin ich auch drauf? Rutscht mal!“ Ehe Abby überhaupt vollständig aus ihrem liebestrunkenen Delirium erwachen konnte, machte Scott bereits einen Satz über die Rückenlehne des Sofas und landete mit seinen Allerwertesten wie eine unüberwindbare Trennwand genau zwischen Wölfin und Bären. Halt, das…! Das passte Abby jetzt aber in keiner Weise! Was wurde aus ihrem romantischen Moment mit Kolja? Ihr Bruder zog den Laptop auf seinen Schoß und navigierte sich durch die zahlreichen Bilder. Also das fand Abby nun wirklich unfair! Ein flüchtiger Kuss - mehr wurde ihr nicht gegönnt? Welche Verbrechen hatte sie begangen, dass das Karma ausgerechnet jetzt Scott vorbei schickte, um die intime Atmosphäre mit Kolja zu stören? Unzufrieden stemmte Abby die Ellenbogen auf die Knie.

    „Colin. Colin. Nochmal Colin. Mann, auf wie vielen Fotos ist der denn drauf? Ist ja langweilig“, nörgelte Scott an Moiras Fotosammlung herum, worauf Abby einzig mit einem verdrießlichen „Mh-Mh“ reagierte, während sich Kolja schweigend gegen die Armlehne des Sofas quetschte.

    Nur beiläufig schenkte sie dem Bildschirm ihr Augenmerk. Doch plötzlich entdeckte Abby etwas. „Warte, stopp!“ Sie nahm Scott den Laptop aus den Händen und rief eines der letzten Fotos auf. Offenbar gehörte es zu einer neuen Serie, denn die Perspektive unterschied sich erheblich von den Ansichten zuvor. Im Vordergrund absolvierten ein paar von Scotts Mannschaftskameraden ihre Aufwärmübungen; Abbys Interesse galt jedoch den Geschehnissen dahinter. Um die Details besser zu erkennen, vergrößerte die Wölfin die Ansicht.

    „Hast du mir jetzt das Ding aus der Hand gerissen, um dir 'nen dummen Geräteschuppen anzugucken??“

    „Nicht den Schuppen“, klärte Abby ihren Bruder auf. Aha! Hatte sie es doch geahnt! Mit einem triumphierenden Grinsen drehte sie den Männern zur besseren Sicht den Laptop zu und deutete auf einen ganz konkreten Punkt innerhalb der Abbildung. „Sondern wer um ihn herumschleicht. Kommt sie euch bekannt vor?“

    Hernach neigten sich Scott und Kolja zeitgleich dem Bildschirm entgegen.

    „Das gibt's doch nicht…“, murmelte Kolja verdattert und Scott blaffte augenblicklich los: „Macht die Alte sich da an unserem Schloss zu schaffen?“

    Genau das tat sie.

    Kunterbunte Haut, kunterbunte Haare.

    Es war eine der Feen.



    Nächster Teil

  • Das war ja sooo klar, dass die beiden keine Zeit für sich haben xD

    In einer WG auch schwer umzusetzen. :D


    Die kurze Stelle war aber auf jeden Fall sehr schön Skadi :D


    Jetzt bin ich gespannt, was nun passiert. Immerhin scheint Abby recht zu haben und die Feen stecken hinter den Sabotagen :hmm: Gerade weil Scott das Bild ebenfalls gesehen hat :D

    Rache dürfte schwierig werden ... ich danke da nur an den Schrat zurück xD


    Es bleibt spannend :)

  • Danke für deine Kommentare, Lady ^^






    Kolja


    „Nein.“

    „Was meinst du mit, 'Nein'?“

    Nein.“

    „Aber du musst doch zugeben, Kolja, dass das Foto ein stichhaltiger Beweis dafür ist, dass die Feen in das Gerätelager eingebrochen sind. Das kannst du unmöglich abstreiten.“

    „Doch.“

    „Wieso? Selbst auf dem kleinen Bild sticht diese Oonagh-Fee unverkennbar durch ihre farbenfrohe Erscheinung hervor. Was sollte sie am Gerätelager treiben, wenn nicht irgendeine Gemeinheit vorzubereiten?“

    „Das weiß ich nicht.“

    „Siehst du? Es kommt nur diese Erklärung in Frage. Und du hast selbst gesagt, dass die Feen Ärger bedeuten.“

    Kolja räumte einige saubere Gläser zur Seite und atmete durch. Seit gestern Abend kannte Abigail kein anderes Thema mehr, denn dieses angebliche 'Beweisfoto' und ließ Kolja nicht einmal während seiner Arbeit damit in Ruhe. Im Moment gab es im Tír na nÓg wenig zu tun, was in den Aufgabenbereich eines Kochs fiel und der Bär wünschte wirklich, das Gegenteil wäre der Fall.

    Er musste gestehen, etwas verbittert zu sein. Redeten Abigail und er doch ruhig über die Feen und redeten sie doch ruhig über die Aussagefähigkeit irgendeines Fotos in einem fiktiven Kriminalfall – aber verloren sie ja kein Sterbenswörtchen darüber, was zwischen ihnen passiert war. Hätte Scott sein Schlafzimmer nur eine Minute später verlassen, hätte er Kolja in flagranti dabei erwischt, wie er seiner herzallerliebsten kleinen Schwester liebestoll die Zunge in den Hals schob. Spielte der Kuss für Abigail denn tatsächlich bloß eine untergeordnete Rolle, zweitrangig hinter einer blöden Fotografie?

    Des Frieden Willens, und weil sich Scott ebenfalls im Schrankraum aufhielt, schluckte Kolja seinen Unmut herab. „Habe ich, ja“, gab er Abigail Recht, was seine Einschätzung der Feen betraf. „Deswegen wirst du dich daran halten, was Scott und ich dir gesagt haben, und von ihnen fernbleiben.“

    Das passte Abigail ganz und gar nicht. „Dann kommen sie ungeschoren davon!“

    „Abigail,...“ Zu ihrer Ermahnung schlug Kolja bewusst einen strikten Tonfall an, „ich habe dir bereits erklärt, was ich von dir im Hinblick auf die Feen erwarte. Ich werde dieses Thema kein weiteres Mal mit dir durchdiskutieren.“

    „Ich kann doch die Beweise nicht einfach ignorieren!“, protestierte sie gegen seine Anweisung, also wurde Kolja deutlich:

    „Es gibt keine Beweise. Dieses Foto, das du gefunden hast, ist im besten Fall ein haltloses Indiz. Genau wie du bin ich mir sicher, dass die Fee nichts Gutes im Sinn hatte, als Moira sie fotografiert hat aber das einzige, was man sieht, ist, wie sie am hellen Tag, umgeben vom vollständigen Fußballclub ein Vorhängeschloss betrachtet. Das genügt nicht, um jemanden anzuklagen. Und selbst wenn es das täte, verbiete ich dir, mit den Feen zu sprechen.“ Ende der Diskussion – für Kolja. Abigail sah das gegenteilig. Eingeschnappt verzog sie ihren süßen Mund.

    „Du behauptest, es würde nicht genügen aber es ist ein vielversprechender Anfang für weitere Nachforschungen.“

    „Wenn du so denkst, dann gib Hayes das Foto, damit er damit zur Polizei gehen kann.“ Oder zur Versicherung, was für die Feen wahrscheinlich die härteren Konsequenzen bedeutete. „Aber die Feen bleiben für dich tabu.“

    „Hör auf ihn, Schätzchen. Ich hatte mal eine Fee als Kunden, also einen von der männlichen Sorte, und das war eine Katastrophe.“ Aus irgendeiner Ecke des Pubs tauchte Gwen plötzlich auf und nahm auf dem freien Barhocker neben Abigail Platz. Wie gewohnt, wenn sie wegen eines Termins mit Hayes das Tír na nÓg besuchte, trug sie eines ihrer freizügigen Kleider; heute im schwarz-weiß-gestreiften Zebrafellmuster. Da hatte sie sich bei ihrer Kleiderwahl wohl ein bisschen Inspiration von der Zebra-Fee abgeholt. Der Sukkubus setzte die Anekdote fort: „Nach jedem Treffen mit ihm hat mir der Feenstaub in allen Ecken und Ritzen meines Körpers geklebt und das Zeug übersteht so einige Duschgänge, glaub mir. Was auch immer du vorhast, lass die Finger von den Feen.“ Das... war nicht die Art von Beistand, die Kolja unbedingt gebraucht hätte aber zumindest stimmten Gwen und er im Konsens ihrer Kernaussagen überein.

    „Igitt! Feenstaub zwischen den Zehen oder in der Nase stelle ich mir unangenehm vor“, dachte Abigail laut, woraufhin Gwen amüsiert den Ellenbogen auf dem Tresen aufstützte.

    „Wenn es nur dort gewesen wäre, Spätzchen. Sagen wir es so: Selbst drei Monate nach meinem letzten Termin mit diesem Typen kamen sämtliche Tampons während meiner Regel glitzernd wieder aus mir raus.“ Urgh. Was?

    Zum Glück von Koljas persönlichem Wohlbefinden schien Abigail kein Interesse zu verspüren, dieses Thema zu vertiefen. So holte sie ihr Smartphone hervor und hielt Gwen das Display entgegen. Dabei deutete sie mit dem Finger auf einen bestimmten Punkt und Kolja ahnte, was die Wölfin ihrer Freundin zeigte: Dieses unsägliche Foto schon wieder. Kolja wusste nicht, was Moira davon hielt, dass Abigail ohne zu fragen eine ihrer Fotografien auf ihr Smartphone zog, doch das mussten die beiden Frauen unter sich klären. „Sag mal, Gwen. Erkennst du zufällig, wer das hier ist?“, fragte Abigail den Sukkubus.

    „Hab' ich den Titel 'die Neue in der Stadt' ohne es zu wissen an jemand anderen weiterreichen müssen oder warum fragst du mich solche Dinge, als würde ich die Leute hier kennen?“ Abigail zuliebe warf sie dennoch einen Blick auf das Smartphone und meinte: „Das ist diese laufende Konfettitüte vom letzten Sonntag.“

    „Ja, unverkennbar!“, gab Abigail ihr Recht. „Aber was ist mit dem Mann daneben?“

    Anhand ihrer Fingerbewegung erkannte Kolja, wie Abigail das Bild vergrößerte. Beim intensiven Observieren hatte die Wölfin neben der Regenbogenfee nämlich eine zweite Person entdeckt und spann nun Theorien über einen vermeintlichen Komplizen zurecht. 'Leider' – aus Abigails Sicht gesprochen - ließ sich der unscharfe Pixelhaufen jedoch selbst mit sehr viel Phantasie unmöglich identifizieren.

    Gwen betrachtete den Fremden kurz und hob hernach ahnungslos die Achseln. „Keine Ahnung.“

    „Wirklich nicht?“

    „Herzchen, der Typ trägt einen blonden Kurzhaarschnitt und Cargohosen. Allein an der Kasse im Supermarkt findest du mindestens drei Männer dieser Sorte herumstehen. Du wirst schon mehr Informationen liefern müssen, um einen Namen zu bekommen.“

    Das war eindeutig nicht die Auskunft, auf die Abigail gehofft hatte. Ernüchtert ließ sie die Schultern hängen, wofür Kolja sie tröstend in den Arm nehmen wollte, wenn diese Geste keinen so kontraproduktiven Effekt bei Abigail bewirken würde. Auch Gwen registrierte ihre Enttäuschung.

    „Kopf hoch, meine Süße“, munterte sie sie auf. „Es gibt noch etliche andere Leute, die du fragen kannst. Irgendwer wird Blondie schon erkennen. Der Kerl hängt schließlich mit einer Fee ab, wie viele Typen können das schon von sich behaupten?“ … Was sollte das? Wieso fütterte Gwen Abigails Hirngespinste mit diesen Ideen? Argwöhnisch beobachtete Kolja den Sukkubus, wie er die Wölfin anstachelte. „Wenn du genug herumfragst, kommt am Ende auch was dabei heraus.“

    Abigail nickte daraufhin entschlossen. „Du hast Recht, Gwen. Ich werde herausfinden, wen die Feen in ihrer Nähe tolerieren und dann kann ich den Kreis der Verdächtigen anhand des Fotos eingrenzen. Danke! Du hast mir enorm weitergeholfen!“ Zum Dank schenkte sie dem Sukkubus eine freundschaftliche Umarmung. „Jetzt entschuldigt mich bitte“, sagte sie anschließend und rutschte von ihrem Barhocker. „Ich muss mal für kleine Mädchen. Bin gleich wieder da!“

    Kolja wartete, bis sich Abigail außer Hörweite befand. Dann sprach er ein Machtwort: „Hör damit auf.“

    „Womit soll ich aufhören, mein Großer?“ Gwen mimte die Ahnungslose, daher präzisierte Kolja seine Anweisung:

    „Damit, Abigail diese Flausen über irgendwelche Detektivspielchen in den Kopf zu setzen. Sie entwickelt schon genug eigene Schnapsideen und braucht nicht noch von dir angestiftet zu werden. Halt dich ihr gegenüber zurück.“

    Seine bestimmende Wortwahl missfiel Gwen, denn sie musterte Kolja abschätzig. „Habe ich die Rundmail verpasst, in der steht, dass du mir Vorschriften machen darfst?“

    Kolja ignorierte den Spott und ermahnte sie: „Das ist kein Spaß. Abigail ist so versessen auf diese Spurensuche, dass sie blindlings in Situationen hineinrennt, deren Ausgang sie nicht abschätzen kann. Deine Mutmaßungen sind für sie, metaphorisch gesprochen, Wegweiser mitten in den Schlamassel hinein. Nicht nur, dass sie sich an Orte begibt, an die sie nichts zu suchen hat - dass du mich verdächtigt hast, in das Gerätelager eingebrochen zu sein, hat Abigail so sehr verwirrt, dass wir in einen Streit geraten sind. Sie hätte sich beinahe für immer von mir abgewandt.“

    „Das wäre immerhin überhaupt eine Art Entwicklung in eurer Beziehung gewesen, nicht wahr?“

    Ihr Zynismus traf Kolja mit gnadenloser Härte.

    Verärgert starrte er Gwen an, die seinem strafenden Blick ungerührt standhielt und zur Provokation eine ihrer schwarzen Brauen hinaufzog.

    Schlussendlich ergriff sie versöhnlich das Wort. „Okay, schau mal, Papabär. Ich mag Abby und ich mag dich. Deswegen ein gut gemeinter Hinweis: Eventuell solltest du darüber nachdenken, weshalb deine Anweisungen und Vorschriften bei Abby auf taube Ohren stoßen. Nur weil du ihre Vaterkomplexe befriedigst, heißt das nicht, dass sie von dir wie ein kleines Mädchen behandelt werden will. Du kannst ihr den ganzen lieben, langen Tag vorkauen 'Abby tu dies nicht, Abby lass jenes sein!' ohne etwas bei ihr zu erreichen, denn diese Litaneien kennt sie zur Genüge von ihren Brüdern. Von dir will sie als erwachsene Frau angepackt werden. Das dürfte dich mit Sicherheit keine Überwindung kosten, nicht wahr?“

    Vor Schreck klappte Koljas Kiefer einige Male auf und ab. Woher ahnte Gwen etwas von den Gefühlen, die er für Abigail hegte? Und von Abigails Wünschen? Und hatte Gwen dieses Wissen bereits an Colin weitergetragen und dieser wiederum an Scott?? „Schau mich nicht an, als hätte ich dich mit der Hand unter Abbys Bluse erwischt“, forderte Gwen und wies auf Koljas Gesicht. „Ich bin ein Sukkubus, was erwartest du? Ich kann das Blut praktisch rauschen hören, das dir ihretwegen in den Schritt schießt. Wenn du Abby ernsthaft von ihrer Nancy Drew-Nummer abbringen willst, wirst du schon andere Saiten aufziehen müssen, als ihr eine Taschengeldkürzung anzudrohen.“ Die Betonung ihres Schlusssatzes, ließ wenig Zweifel daran, worauf Gwen mit ihrem Ratschlag hinauswollte. Sie redete weiter: „Es tut mir leid, wenn ihr zwei meinetwegen Streit hattet. Ich habe nicht damit gerechnet, dass Abby dich wegen meiner Spinnereien direkt vors Strafgericht zerrt. So viel gesunden Menschenverstand hatte ich ihr eigentlich zugetraut.“ 'Grundsatzfehler Nummer eins', dachte sich Kolja. Zumindest in der aktuellen Generation der Fitzpatrickfamilie schien der gesunde Menschenverstand vollständig aus dem Erbgut verdrängt worden zu sein, anderenfalls hätte Kolja im vorletzten Winter Scott wohl kaum davon abhalten müssen, einen frostigen Laternenmast abzulecken. „Ich will genauso wenig, dass Abby etwas passiert, wie du“, erklärte Gwen. „Und ich schicke sie auch nicht aus purem Amüsement auf Fährtensuche.“

    Auf diese Behauptung hin sah Kolja sie an.

    Also hob Gwen schuldbewusst die Hände. „Okay, das ist gelogen. Ich finde es unheimlich unterhaltsam, wie sie sich auf der Jagd nach angeblichen Hinweisen wie ein überdrehter Wolfswelpe im Kreis dreht, als würde sie ihren eigenen Schwanz schnappen wollen. Und du stimmst mir sicherlich zu, Großer: sie ist echt zum Küssen niedlich, wenn sie vor Freude über einen Teilerfolg umherspringt wie ein Ping-Pong-Ball.“

    Das war Abby tatsächlich. Trotzdem beharrte Kolja darauf, dass Gwen ihr keinen zusätzlichen Nährboden für diesen Unsinn lieferte. „Bitte ermuntere sie nicht mehr“, bat er den Sukkubus letztmalig. Dieser legte den Kopf zur Seite.

    „Ich mache dir einen Vorschlag, Papabär.“ In Gwen Augen blitzte es verschmitzt, als sie sich Kolja verschwörerisch über den Tresen hinweg entgegen lehnte. Dem Bären schwante schlimmes. „Ich gehorche und du machst endlich Nägel mit Köpfen. Dieser Eiertanz, den ihr beide aufführt, verliert nämlich langsam an Originalität.“

    Nägel mit Köpfen? Eiertanz? Versteckte sich dahinter eine sexuelle Anspielung, die an Kolja vorbeiging? Gwen meinte zudem: „Es wäre Abby gegenüber beispielsweise ein hervorragender Beweis an Intimität, wenn du aufhören würdest, sie bei ihrem vollen Namen zu rufen, als würdest du sie gleich auf ihr Zimmer schicken. Ich kenne deine Herzensdame nicht einmal halb so lang wie du und bin über diesen Punkt hinaus. Außerdem will ich wissen, wie du es dir vorstellst, beim Sex ihren Namen zu stöhnen. A-bi-gail – So viel Luft hat man zwischen zwei Atemzügen ja gar nicht.“

    Ihr Name. Klang Kolja wirklich so streng, wenn er den Vornamen der Wölfin verwendete? Abigail… Abby… . Mh. Den Unterschied im Tonfall durfte man schwerlich abstreiten. Wahrscheinlich würde Kolja sich ebenso getadelt fühlen, wenn ihn jemand bei seinem vollständigen Namen nannte.

    „Ich werte dein Grübeln als Zustimmung“, entschied Gwen und wandte Kolja ihren unbedeckten Rücken zu – gerade im rechten Augenblick, als die Tür des Pubs geöffnet wurde und Colin, dicht gefolgt von Moira, eintrat.



    Nächster Teil

  • Spielte der Kuss für Abigail denn tatsächlich bloß eine untergeordnete Rolle, zweitrangig hinter einer blöden Fotografie?

    Dann sprich sie doch selbst darauf an ... *rollt mit den Augen*

    Männer ...

    Des Frieden Willens, und weil sich Scott ebenfalls im Schrankraum aufhielt, schluckte Kolja seinen Unmut herab.

    :lol:

    Wenn er sich doch selbst nicht traut Abby in Gegenwart von Scott darauf anzusprechen, dann sollte er von Abby auch nicht erwarten, dass sie mit dem Thema anfängt :patsch:

    „Womit soll ich aufhören, mein Großer?“ Gwen mimte die Ahnungslose, daher präzisierte Kolja seine Anweisung:

    „Damit, Abigail diese Flausen über irgendwelche Detektivspielchen in den Kopf zu setzen. Sie entwickelt schon genug eigene Schnapsideen und braucht nicht noch von dir angestiftet zu werden. Halt dich ihr gegenüber zurück.“

    Das ist gemein.
    Ich weiß, dass aus Kolja nur die Sorge spricht, aber er traut Abby überhaupt nichts zu.
    Ja, es mag gefährlich und vielleicht auch dumm sein sich mit den Feen anzulegen (obwohl man Abby, glaube ich, nicht unterschätzen sollte), aber Kolja traut ihr überhaupt keine eigene Meinung zu, sondern glaubt immer, sie von anderen beeinflusst. Geschweige denn, dass er eigentlich stolz auf ABby sein sollte, dass sie ihre Stimme für das Recht erhebt und nicht einfach darüber schweigt! *hmpf


    *ist offiziell sauer auf Kolja

    Colin, dicht gefolgt von Moira,

    :grinstare:

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Ich habe ja schon gelesen, aber wollte dir trotzdem noch einen Kommentar dalassen Skadi :D


    Das ist schon witzig... dieses hin und her zwischen Abby und Kolja. Aber ich denke, Kolja bevormundet sie etwas zu sehr ... Ich meine, sie ist ja kein kleines Kind mehr. Und ich schätze, man sollte Abby nicht unterschätzen. Immerhin ist sie auch ein Wolfpoly.


    Andererseits gebe ich Kolja recht und sie sollte sich von den Feen fern halten. Immerhin hat sie miterlebt, was die Feen machen. Der arme Schrat xD


    Boah. Und irgendwie habe ich noch gar keine Ahnung, wohin du uns mit der Episode führst :D


    LG :)

  • Danke für eure Kommentare, LadyK  Miri ^^


    Aber ich denke, Kolja bevormundet sie etwas zu sehr ... Ich meine, sie ist ja kein kleines Kind mehr.

    Kolja ist eben kein Mr Perfect. Irgendwelche Macken muss er haben, wenn sein einziger Fehler sonst nur darin besteht, die Klappe nie aufzukriegen ^^


    Boah. Und irgendwie habe ich noch gar keine Ahnung, wohin du uns mit der Episode führst

    Das tut mir Leid :/ Ich hatte eigentlich gedacht, Abbys Detektivspielchen wären ein offensichtlicher Faden und die Hinweise, die ich im Text neben Abbys Untersuchungen einstreue, würden helfen, ihn zu verfolgen. Vermutlich liegt mein Grundsatzfehler schon darin, eine Liebesgeschichte mit einer Pseudokrimigeschichte verbinden zu wollen, vor allem für mich als jemand, der eigentlich gar kein Schreiber ist. Das ist wohl zu viel, zumal Ep2 zusätzlich noch die Handlung aus Ep1 aufgreifen und gleichzeitig Ep3 vorbereiten muss.

  • Während die Banshee auf ihrem Weg durch den Schankraum kurz anhielt, um Scott zu begrüßen, stapfte Colin schnurstracks an seinem Bruder vorbei und direkt auf Gwen zu. Selbstverständlich setzte er sich auf den freien Hocker neben dem Sukkubus – wohin auch sonst? - und seine Pupillen klebten förmlich an ihrem Körper. „Na?“, sprach er sie an und Gwen erwiderte den Gruß gleichermaßen:

    „Na?“ Im Anschluss beugte sie sich zurück und schenkte Moira ein bisschen Beachtung, die gerade auf den Platz zu Colins verbleibender Flanke kletterte. „Schön dich zu sehen, Mäuschen.“ Moischen. Da war es wieder.

    „Hi, Gwen.“

    „Mir gefällt dein Hemd“, kommentierte Gwen ihr Oberteil im Schottenmuster. „Es erinnert mich an zuhause. Sehr authentisch!“

    Die Banshee drückt darauf ein knappes „Danke“ hervor und stupste verhalten die Snackschale vor ihr auf dem Tresen an. Colin blieb beim Thema Kleidung, wenngleich ihm Moiras Erscheinung offensichtlich kaum egaler sein konnte. Für ihn existierte einzig und allein Gwen. „Gewagtes Kleid.“

    „Oh, gefällt es dir etwa nicht?“ Sie grinste den Wolf neckisch an und überschlug demonstrativ ihre schlanken Beine, sodass es dem männlichen Hirn unmöglich blieb, sie eingehend zu studieren. „Ich kann dir zeigen, wo der Reißverschluss ist. Dann kannst du es mir sehr gern ausziehen.“

    „Also ich finde das Kleid sehr schön an dir. Du solltest es auf jeden Fall anbehalten.“

    Zeitgleich richteten Kolja und Gwen ihre Augen auf Moira.

    Mit indolenter Miene zerbröselte die Banshee eine der Salzstangen aus der Snackschale in etliche kleinen Teile und wischte die Krümel danach mit der Handkante auf den Fußboden. Kolja war überrascht. Für Moiras Verhältnisse kam ihr Zwischenruf ungewohnt spitz herüber; fast schon schnippisch, insofern seine Mitbewohnerin überhaupt zu derartigen zickigen Reaktionen fähig sein sollte. „Danke schön, Mäuschen“, überging Gwen Moiras fragwürdigen Unterton. Im selben Moment kehrte Abigail… Abby zusammen mit Scott zum Tresen zurück.

    Solange Hazels Auslandsaufenthalt andauerte, galt Scotts Hauptinteresse dem Nachrichteneingang seines Smartphones und den eventuell darin eingegangenen Lebenszeichen seiner Freundin. Kein Wunder also, dass er auch jetzt am Telefon hing, derweil seine Schwester munter Moira und Colin begrüßte. Das rege Geplapper der Wölfin im Hintergrund, bemerkte Kolja das missmutige Zucken in den Zügen seines Freundes. „Ist alles in Ordnung?“, erkundigte er sich bei Scott, solange der Rest von Abby abgelenkt wurde.

    Der Rüde antwortete: „Hazel hat gefragt, ob wir unser Telefondate heute Abend vorverlegen können.“

    Und das störte Scott? „Hast du keine Zeit?“

    „Doch“, sagte er. „Aber sie will danach mit einem ihrer Kollegen zu irgend so einer Veranstaltung gehen, zu der der Typ sie eingeladen hat.“

    „Das ist doch nett.“ So musste Hazel ihre Freizeit in Deutschland nicht allein verbringen. Kolja erinnerte sich noch gut an das Gefühl der Einsamkeit, ohne Familie und Freunde in einem fremden Land gestrandet zu sein und er freute sich für Hazel, so schnell Anschluss gefunden zu haben. Scott hingegen tat das nicht.

    „Aber der Kerl hat sie nicht einzuladen! Hazel ist meine Freundin, wieso sagt sie überhaupt zu!?“

    „Das wäre nicht passiert, wenn sie 'nen Ring am Finger tragen würde“, mischte sich nunmehr Colin ein, den das Liebesleben seines Bruders mehr interessierte, als … worüber die Frauen auch immer plauderten. „Wärt ihr verheiratet, hätte es sich dieser Uni-Futzi drei Mal überlegt, sie irgendwohin schleppen zu wollen.“

    Plötzlich schauten Scott und Kolja alarmiert einander an.

    Dann ließ Scott Knall auf Fall sein Smartphone unter der Kasse verschwinden und Kolja schnappte wahllos das nächste Wischtuch. Keine Sekunde später kam Hayes mit seinem Gipsbeinchen und der rosaroten Krücke aus dem Büro gehumpelt. Beim Tresen angekommen, musterte der Leprechaun seine Angestellten kritisch und wollte seinen Kellner und den Koch offensichtlich harsch zurück an die Arbeit befehlen. Allerdings Scott gab sehr überzeugend vor, die Abrechnung zu machen, unterdessen Kolja einen imaginären Fleck auf der Holzoberfläche des Tresens den Gar auspolierte. So schnaubte Hayes einmal übellaunig und hinkte zu den Toilettenräumen weiter.

    Nachdem die Tür hinter ihm zugefallen war, fischte Scott sein Smartphone hervor. Kolja legte das Tuch beiseite.

    „Armer Mister Hayes“, bemitleidete Abby den Chef ihres Bruders. „Es scheint mit seinem Bein nicht besser zu werden. Hoffentlich kann er bald diesen hinderlichen Gips ablegen.“

    „Hoffentlich nicht.“ Umgehend setzte Abby an, Scott für dessen Widerspruch zu tadeln, aber er schob bereits seine Rechtfertigung nach. „Der Alte macht mit seinem Klumpfuß beim Gehen so viel Krach, dass man ihn schon aus dem Nebenraum antraben hört. Ist wie so ein Frühwarnsystem, so zu tun, als würden wir arbeiten, damit er uns nicht vollschnauzt, weil wir Pause machen.“

    „Man hört die Aufschläge auf dem Parkett über das Gemurmel der Gäste hinweg“, stimmte Kolja Scott mit einem Nicken zu, worauf Moira einwarf: „Ich habe gar nichts gehört.“

    „Du bist ja auch kein Poly.“ Scott lenkte sein Augenmerk zurück auf das Smartphone. „Ich weiß, was ich wegen Hazel mache. Ich verbiete ihr einfach, mit dem Penner auszugehen.“

    „Ja sicher. Und ganz bestimmt wird sie dir gehorchen und nach deiner Pfeife tanzen. Weil Hazel das ja schon immer getan hat“, spottete Colin - begründet, wie Kolja fand. Allein aus schierem Trotz würde die Hexe ihren Kollegen begleiten, sollte Scott seine Drohung wahrmachen und ihr Vorschriften auferlegen wollen. Moira versuchte, den Wolf zu beruhigen. „Nur, weil ihr Kollege sie einlädt, muss er doch kein romantisches Interesse an Hazel haben, Scott. Wahrscheinlich verstehen sich die zwei einfach nur gut. Vergiss nicht, dass Hazel allein in Deutschland ist und auch ihre sozialen Kontakte braucht.“

    „Oh!“ Begeistert klatschte Abby in ihre Hände. „Oder du fliegst zu ihr, Scott, und überraschst sie mit einem Besuch! Hazel würde sich so darüber freuen! Und wenn du einmal dort bist, kannst du ihr gleich deinen Heiratsantrag machen, dann hat sie einen guten Grund, so schnell wie möglich nach Irland zurückzukehren.“ Scotts Reaktion auf die Idee seiner Schwester beschränkte sich auf einen verstörten Blick und Kolja pflichtete ihm stumm bei. Womöglich dachte er hierbei zu altmodisch; seiner Auffassung nach sollte die Beziehung zwischen Hazel und Scott erst mal ein volles Jahr überdauern, ehe irgendwelche Hochzeitspläne geschmiedet wurden. Oder wenigstens ein halbes… .

    Kolja schloss sich Moiras Meinung an: „Es gibt genug Beispiele für harmlose Freundschaften zwischen Männern und Frauen. Mach dir keine Sorgen, Scott. Hazel weiß, was sie tut.“

    Der Wolf grummelte etwas Unverständliches in seinen Bart hinein, zeigte sich schließlich aber überzeugt. Gewissermaßen. „Na gut. Es stimmt wahrscheinlich, was ihr sagt. Moira und ich sind immerhin auch nur Freunde. Und zwischen dir und Abby…“, behauptete Scott an Kolja gerichtet, „läuft ja genauso wenig, wenn ihr euch trefft.“ Ein spontaner, innerer Schweißausbruch überfiel Kolja, vor allem als Gwen belustigt das Kinn abstützte und schmunzelnd hinzufügte:

    „Ja, die zwei sind ein echtes Paradebeispiel für platonische Zuneigung.“

    Da schleuderte Scott nochmals unversehens das Smartphone von sich und Kolja schupste eine willkürliche Anzahl Gläser von A nach B, um sie sogleich in einem normalen Tempo zurück an ihren Ausgangsort zu sortieren. Alsdann schwang die Tür zur Herrentoilette auf und Hayes tapste zurück durch den Schankraum. Nicht jedoch, ohne Scott und Kolja beim Vorbeigehen überaus misstrauisch zu beäugen. Argwöhnisch humpelte er am Tresen vorüber, verschwand hinter der Ecke – und tauchte plötzlich wieder auf. „Kommt nicht auf die Idee, mich verarschen zu wollen!“

    „Wir doch nicht, Chef“, schworen Kolja und Scott unisono und da Hayes ihnen mangels Beweise keine Untätigkeit unterstellen durfte, blieb ihm wenig mehr übrig, denn murrend in sein Büro zu verschwinden. Zur Sicherheit warf Scott dem Kobold einen Blick hinterher, bevor er mit Kolja belustigt auf ein High Five einschlug.

    „Eure Routine in dieser Sache ist beinahe faszinierend“, stellte Gwen fest.

    „Es macht so ein dumpfes Geräusch, wenn sein Gipsfuß auf dem Boden aufkommt.“ Scott überlegte kurz, wie er es beschreiben sollte. „So ein gleichmäßiges klonk – klonk – klonk.“

    „Findest du?“ Für Koljas Ohren hörten sich Hayes unbeholfene Schritte anders an.

    „Ja. Du nicht?“, wollte Scott wissen, also antwortete Kolja:

    „Ich finde, es klingt mehr nach einem Tok – tok – tok

    „Nach einem Tok – tok – tok?“

    „Ja.“

    „Nicht nach einem Klonk – klonk – klonk?“

    Der Bär schüttelte den Kopf. „Nein. Nach einem Tok – tok – tok

    Tok – tok – tok“, wiederholte Scott die Lautmalerei für sich. „Irgendwie schon, ja… Aber auch nach einem Klonk – klonk – klonk

    Klonk – klonk – klonk“ Kolja ließ den Laut über seine Zunge rollen. Mh… . Gänzlich falsch lag Scotts Gehör damit nicht. „Es könnte auch ein Tonk – Tonk – Tonk sein.“

    Tonk – Tonk – Tonk.“ Nachdenklich formte Scott den Klang nach und schließlich gab er Kolja Recht. „Stimmt. Danach klingt es am meisten. Tonk – Tonk – Tonk.“

    Tonk – Tonk – Tonk.“

    Tonk – Tonk – Tonk.“

    Tonk – Tonk – Tonk.“

    „Es wundert mich kein Bisschen, dass Hazel den Job hier hingeschmissen hat“, unterbrach Colin die Onomatopoesie zwischen seinem Bruder und Kolja und erinnerte Scott auf diese Weise an sein eigentliches Problem:

    „Was soll ich denn jetzt Hazel antworten?“

    „Sag ihr, sie soll den Dreckskerl gefälligst zum Teufel jagen.“

    „Nein!“, widersprach Abby Colin. „Wenn du das tust, Scott, wird Hazel denken, du würdest ihr nicht vertrauen. Wünsch ihr einen angenehmen Abend und wenn du dir Sorgen um sie machst, bitte sie um eine Nachricht, sobald sie wieder zuhause ist.“

    Zwischen den Empfehlungen seiner beiden Geschwister hin- und hergerissen, schaute Scott von einem zum anderen und fällte schließlich seine Entscheidung. Er zeigte auf Abby. „Ich nehm', was sie sagt.“

    „Ach“, schnaubte Colin zynisch. „Und als nächstes schlägst du direkt in 'Der ungezähmte Highlander' nach, wenn du Beziehungstipps brauchst.“

    „Willst du mir jetzt was erzählen, Mister Langzeit-Single?“

    Außerdem wies Abby ihren Bruder auf folgendes hin: „Ich habe durchaus Ahnung, wovon ich rede. Immerhin habe ich bereits eine Beziehung geführt – mit Stuart.“

    Infolgedessen gaben Scott und Colin synchron ein abwertendes Prusten von sich, weswegen Abby die Wolfsrüden belehrte: „Nur, weil ihr zwei ihn nie akzeptiert habt, heißt das nicht, dass meine Beziehung zu ihm nicht echt gewesen wäre. Wir waren schließlich vier Jahre lang zusammen, hatten Gefühle füreinander und Sex und-….“

    „La la la la la!“ Colin und Scott pressten die Hände auf die Ohren und versuchten lautstark, Abby zu übertönen. Und ehrlich gesagt wünschte Kolja ebenso, den letzten Teil überhört zu haben. Der Bär gab sich keinen Illusionen hin. Ihm war bewusst, dass Abby ihr bisheriges Leben keineswegs damit verbracht hatte, untätig auf sein Erscheinen zu warten, sowie vice versa. Auf die unverblümte Erinnerung an ihr vorheriges Liebesleben, sowie auf einen konkreten Namen, zu dem Koljas Verstand unweigerlich ein Gesicht zusammenpuzzelte, hätte er trotzdem verzichten dürfen. Eine unbegründete Abneigung gegen diesen Stuart überkam Kolja. Herrgott, jetzt entwickelte er bereits Eifersuchtsanfälle und das wegen eines Unbekannten, zu dem Abby keinerlei Kontakt mehr pflegte.

    „Jetzt werdet ihr albern!“, warf Abby ihren Brüdern vor, die ihr stur das Gehör verweigerten. „Seht der Realität ins Auge. Ich bin eine erwachsene Frau. Ich hatte Sex und werde in Zukunft Sex haben. Colin! Scott!“

    „Ich hör' das alles nicht. La la la la!“

    Frustriert blies Abby Luft zwischen ihren hübschen Lippen hervor. Kolja konnte den Rüden ihr Verhalten schwerlich verübeln, schließlich wollte er genauso wenig etwas über Nadeschdas Sexgewohnheiten erfahren, wie die zwei über Abbys. So verhielt es sich mit Brüdern und Schwestern – egal, ob das liebe Schwesterlein zarte zweiundzwanzig, oder wie in Koljas Fall, reife fünfzig Jahre zählte.

    „Ärgere dich nicht, Süße“, munterte Gwen die Wölfin auf. „Die zwei müssen dir nicht zuhören. Das muss nur der Mann deiner Begierde. Richtig, Papabär?“ Sie zwinkerte Kolja vielsagend an und Kolja drängte eine Angstattacke zurück, als Colin entgegen jeder Erwartung eine Reaktion zeigte.

    „Häh? Was?“

    „Nichts, mein Schöner.“ Zu Koljas immenser Erleichterung unterließ Gwen weitere Andeutungen und so, wie Colin von ihrem bezirzenden Lächeln vereinnahmt wurde, hatte er das Gehörte aller Wahrscheinlichkeit nach bereits wieder vergessen. Völlig auf den Sukkubus fixiert, langte er in die Snackschale vor Moiras Nase. Kolja musste die Mimik der Banshee fehlinterpretieren – das, oder Moira litt heute tatsächlich unter einer schlechten Laune, denn es wirkte auf ihn, als würde sie Colin jeden Moment die Erdnussflips einzeln an den Kopf werfen, die er just mit verknalltem Blick Richtung Gwen in seinen Mund schob.

    Mittlerweile tippte Scott endlich seine Nachricht an Hazel in sein Smartphone ein. Doch auf einmal stieß er einen Fluch aus und ließ das Telefon auf den Tresen fallen. „Au! Scheiße Mann, das Ding hat mir einen Schlag verpasst!“

    Und dann spielte alles verrückt.



    Nächster Teil

  • „Also ich finde das Kleid sehr schön an dir. Du solltest es auf jeden Fall anbehalten.“

    Zeitgleich richteten Kolja und Gwen ihre Augen auf Moira.

    Mit indolenter Miene zerbröselte die Banshee eine der Salzstangen aus der Snackschale in etliche kleinen Teile und wischte die Krümel danach mit der Handkante auf den Fußboden.

    :pump: Sensationell, Moria!!! Schnapp ihn dir!

    Und dann spielte alles verrückt.

    Huch. Das ist ja jetzt ein mieser Cut xD


    Ich bin gespannt, was da jetzt passiert ist ... haben die Feen da ihre Finger ... ihren Glitzer ... im Spiel? :ninja:

    Zumindest scheint das nichts gutes zu bedeuten. Hoffentlich hat Scott es noch geschafft, ihrer Herzdame eine vernünftige Nachricht zu schicken - das könnte sonst peinlich werden :rofl:


    Vielleicht könntest du uns ja mit einem Part außer der Reihe überraschen :stick:


    LG