Freakshow: Episode 2



  • Besorgniserregende, bunt flimmernde Streifen sprengten die Anzeige des Smartphones und mehrere Apps öffneten und schlossen sich in absolut willkürlicher Reihenfolge. Praktisch im selben Augenblick hörte Kolja das Radio in der Küche anspringen, welches sein Co-Koch dort aufgestellt hatte. Die Kasse zeigte wirre Zahlen an, katapultierte scheppernd ihre Lade hervor und das Telefon in Gwens Hand, das sie zwischenzeitlich woher auch immer hervorgezaubert haben musste, gab sämtliche Signaltöne gleichzeitig von sich, indessen die Zeiger des Quarzweckers oben auf dem Stützbalken den Rekord für die meisten vollständigen Umrundungen innerhalb weniger Sekunden brachen. Als nächstes flackerten die Deckenlampen und aus dem Büro vernahm man Hayes lästerlich seinen Computer verteufeln. Was zum-…? Sah Kolja einen schwachen, transparenten Schleier über den Tresen schweben, oder gaukelten ihm seine Augen lediglich Dinge vor? „Ich glaube, ich habe einen Fleck auf der Netzhaut…“, meinte Moira dasselbe zu erkennen und blinzelte einige Male angestrengt. Da kläffte Scott in das Off: „Verpiss dich, Ward! Du störst!“ Wörtlich gesprochen.

    Die Lichter pulsierten heftig.

    Danach verblasste der Schleier und der Normalzustand kehrte zurück.

    „Scheiß Gespenst“, lästerte Scott über seinen Kollegen, bevor er sein Smartphone anzufassen riskierte und seine unterbrochene Textnachricht fortsetzte. Kolja empfand ja wahrlich viel Toleranz gegenüber dem Unfug, den Wards transluzente Gegenwart mit seinem Umfeld anstellte – immerhin konnte der Geist diese Eigenheit seiner Art unmöglich mal ebenso abstellen. Nachdem Kolja allerdings dank der Zusammenarbeit mit Ward nunmehr etliche dieser paranormalen Phänomene miterlebt hatte, musste er gestehen: Er verstand voll und ganz, weshalb Familien fluchtartig Haus und Hof aufgaben, sobald sich ein Gespenst in ihren Vier Wänden einnistete. Diese unkalkulierbaren Paroxysmen unerklärlicher Ereignisse wurden ziemlich schnell lästig, besonders, wenn man binnen weniger Wochen zu gleich drei Begebenheiten den Tiefkühlschrank notleeren musste, weil Wards Aura das Kühlsystem außer Gefecht setzte.

    Wards Aktivitäten gewöhnt, brachte Gwen unbeeindruckt ein neues Thema auf den Tisch. Natürlich galt ihr Interesse hierbei vorrangig Colin, denn er war es, den sie gezielt ansprach: „Wieso kennst du dich eigentlich mit den Buchtiteln von Romantikliteratur aus?“ Auf seinen fragenden Gesichtsausdruck hin, präsentierte der Sukkubus dem Wolf ihr Smartphone, exakter gesagt: Die Ergebnisse einer Suchanfrage für 'Der ungezähmte Highlander' – dem Titel, den Colin vor wenigen Minuten fallen gelassen hatte. „'Der ungezähmte Highlander' von Hannah Howell. Das ist ein echtes Buch. Woher kennst du es?“

    „Ist das nicht der Roman, den du dir mal von mir ausgeliehen hast?“, warf Abby ein, weshalb Moira sogleich ungläubig nachhakte:

    „Colin, du liest Liebesromane?“

    „Blödsinn!“ In einer ausladenden Geste winkte der Rüde jedwede Unterstellung ab. „Was will ich mit solchen Schnulzen? Ich hab' mir den Mist nur deshalb reingezogen, weil ich 'ne Wette gegen Niall verloren hatte und zur Strafe an seinem fünfunddreißigsten Geburtstag 'ne Buchvorstellung über einen dieser Schinken abhalten musste. Ich musste den Partygag für den Affen spielen! Keine Ahnung, weshalb ich ausgerechnet auf diesen Titel gekommen bin, wahrscheinlich hat er sich durch das Trauma einfach in meiner Hirnkruste festgebrannt.“

    „Aber Colin…“ Nachdenklich legte Abby einen Finger auf ihr Kinn. „Nialls fünfunddreißigster Geburtstag ist doch schon zwei Jahre her. Das Buch hast du dir erst letzten Herbst von mir geborgt.“

    „Häh?“

    Erwischt. Amüsiert kicherten Moira und Gwen in sich hinein und steckten Kolja mit ihrer Belustigung an. Na so was. Da offenbarte ausgerechnet Colin ein Interesse für kitschige Liebesgeschichten. Nun ja, gewisse Berührungspunkte unter Geschwistern existierten eben in jeder Familie und Abbys Faible für romantische Literatur gehörte mit Sicherheit zu den harmloseren Gemeinsamkeiten zwischen Bruder und Schwester.

    Im Gegensatz zu den beiden anderen Frauen verpasste die Wölfin die Pointe der Situation. Mit ehrlicher Wissbegierde wollte sie von Gwen erfahren: „Sind die Männer in Schottland eigentlich wirklich so, wie sie in meinen Büchern dargestellt werden?“

    „Wenn es in meiner Heimat vor dauergeilen Sexgöttern wimmeln würde, wäre ich bestimmt nicht hier, Spätzchen.“ Der Sukkubus wandte sich an Kolja und Scott. „Übrigens bringe ich euch ungern in eine unangenehme Situation, Jungs, aber euch ist schon bewusst, dass da ein nackter Mann zu euren Füßen sitzt, ja?“

    Ein nackter…? „Häh?“, stieß Scott aus, woraufhin Gwen mit dem Finger auf das verspiegelte Whiskeyregal jenseits des Tresens deutete und erklärte: „Ich sehe sein Spiegelbild.“

    Zugleich senkten Scott und Kolja ihr Augenmerk hinab.

    Und Ward blinzelte ihnen entgegen. „Hallo.“

    „Was soll der Scheiß?!“, belferte Scott das Gespenst prompt an, das zwischen ihm und Kolja auf dem Fußboden hockte und an einem Energydrink nippte. Genau genommen verfehlte die Beschreibung 'nackt' die realen Umstände, denn um von Nacktheit zu reden, sollte Koljas Auffassung nach der komplette Körper einer Person sichtbar sein. Von Ward war hingegen kein Stück mehr zu erkennen, als Kopf, Brust sowie den oberen Hälften seiner Arme. Der Rest von ihm schien mit der Luft zu verschmelzen, weswegen man den Eindruck bekam, die Getränkedose würde von Geisterhand an seinen Mund geführt werden – was letztlich auch den Tatsachen entsprach.

    Mit gleichgültiger Stimme beantwortete Ward Scotts Frage: „Ich verstoffliche.“ Zweifellos tat er das.

    „Wieso hast du dich denn überhaupt aufgelöst, Caoimhin?“, wollte Moira von dem Geist wissen und beugte sich dafür über den Tresen hinweg. „Du weißt doch, dass du nur wieder Ärger mit Mister Hayes bekommst, weil du in diesem Zustand keine Kundschaft bedienen kannst.“

    „Die Insistenz meiner olfaktorischen Reizwahrnehmung hat die Beständigkeit meines Stoizismus' erschüttert, weshalb ich ihr zu Lösung des Problems kurzzeitig meiner fleischlichen Hülle entsagt habe.“ Nachdem Ward in monotoner Stimmlage seinen Beweggrund herunter gerattert hatte, nahm er einen beiläufigen Schluck seines Energydrinks und Kolja meinte beobachten zu können, wie sich folglich ein paar Zentimeter unterhalb seiner Brust langsam ein Bauchnabel abzeichnete. Unterdessen wagte Moira eine Übersetzung:

    „Das heißt, dir hat die Nase gejuckt?“

    „Mir hat die Nase gejuckt.“

    „Was für ein Bullshit!“ Gereizt warf Scott die Hände nach oben. „Mach deinen Mist gefälligst woanders, Mann! Geh in die Abstellkammer oder weiß der Geier wohin aber verzieh dich von hier. Deinetwegen spinnt mein Smartphone rum.“

    „Nein“, schmetterte Ward die Aufforderung des Wolfes ab. „Ich bin kein Besen. Ich gehöre nicht in die Abstellkammer.“

    Oh-oh. Diesen Widerspruch würde Scott doch nie im Leben hinnehmen. Nicht, wenn er von Ward stammte. Zu Koljas Erleichterung begrenzte sein Freund seine Aggressionen allerdings auf wütendes Zähnefletschen. „Pah!“, knurrte er. „Ist mir doch scheißegal, was du treibst. Ich geh jetzt vor die Tür. Von dort wird sich meine Nachricht ja wohl abschicken lassen. Wenn Hayes fragt, sag ihm, ich bringe den Müll raus oder so.“ Weil sich seine Bitte an Kolja richtete, nickte der Bär und Scott stapfte mitsamt Smartphone hinter dem Tresen hervor und zur Vordertür des Pubs hinaus.

    Entzückt blickte Abby ihrem Bruder nach. „Ist es nicht unglaublich süß, wie wichtig Scott die Nachrichten von Hazel sind?“

    „Süß? Nein“, gab Ward von unterhalb des Tresens ungefragt von sich. „Viel eher bedenklich. Meiner Meinung nach begibt sich Fitzpatrick geradewegs in eine Abhängigkeit, Bestätigung durch diese Frau zu erfahren. Er sollte lernen, seinen Zwang zu durchbrechen und die niederen Impulse zu bändigen.“

    „Harte Worte von jemanden, der sich in Luft aufgelöst hat, weil er sich nicht mehr den Riechkolben kratzen wollte.“

    Ward ignorierte Colins Einwurf und redete weiter: „Zudem es seiner Beziehung aufgrund der Distanz einer physischen Greifbarkeit mangelt. Ich frage mich, inwiefern es der Definition einer Liebebeziehung entspricht, wenn sich beide Individuen auf unterschiedlichen Landmassen aufhalten. Ist diese Konstellation überhaupt erlaubt?“

    „Das nennt man 'Fernbeziehung'“, mischte sich nunmehr Gwen ein. „Und es gibt viele Paare, für die dieses Konzept übergangsweise hervorragend funktioniert.“

    „Außerdem ist Scott ein Wolf und unsere Partner sind für uns Wölfe extrem wichtig!“ Abby hob belehrend den Zeigefinger. „Wölfe leben monogam. Das bedeutet, wenn wir einmal unser Ein-für-alle-Mal gefunden haben, bleiben wir den Rest unseres Lebens mit dieser Person verbunden. Wir können gar nicht anders! Und wenn man uns voneinander trennt, dann leiden wir. Manche vergehen sogar vor Kummer. Nach der Beerdigung von unserer Großtante Fiona hat es zum Beispiel nur wenige Wochen gedauert, bis auch Großonkel Angus unabsehbar verstorben ist, um ihr zu folgen.“

    „Großonkel Angus war dreiundneunzig Jahre alt und hatte vergessen wie man kaut. Was soll 'n da unabsehbar gewesen sein?“

    „Willst du etwa bestreiten, dass wir besondere Bindungen entwickeln, Colin?“

    Gleichgültig zuckte der Rüde mit den Schultern. „Will ich nicht. Ich find's bloß dämlich, für irgend 'ne Romanze das letzte Stück Hirn über den Haufen zu werfen.“

    Das Läuten eines Smartphones verhinderte Abbys Replik und damit vermutlich auch einen erneuten Hick-Hack zwischen den Geschwistern. Es war Gwens Telefon, welches die Aufmerksamkeit seiner Eigentümerin begehrte. „Die Arbeit ruft“, verkündete der Sukkubus und rutschte von ihrem Hocker herab. „Wörtlich gesprochen. Wir sehen uns.“

    „Mach's gut Gwen. Viel Spaß!“

    'Viel Spaß'. Mh. Kolja überlegte, ob 'Viel Spaß' angesichts von Gwens Job zu den angebrachten Floskeln gehörte. Auch Gwen schmunzelte über Abbys Abschiedsworte, bedankte sich aber dennoch dafür. „Danke, Süße. Und Ciao, Colin.“ Sie berührte den Wolf am Oberarm, bevor sie grazil von dannen spazierte.

    Das Kinn auf der Hand abgestützt und den Ellenbogen auf den Tresen gestemmt, schmachtete Colin ihr hinterher. Sogar nachdem sämtliche Türen hinter der Schönheit ins Schloss gefallen waren, blinzelte der Wolf liebestrunken in ihre Richtung. Ein Seufzen entwich seiner Brust. Moment. Colin seufzte? Zu keinem Zeitpunkt ihrer Bekanntschaft hatte Kolja Scotts Bruder jemals seufzen hören. Er stand wirklich heftig unter dem Einfluss von Gwens Sukkubusaura. Das, oder der Mann war ehrlich Hals über Kopf verliebt. „Gwen ist echt toll“, schwärmte Colin. Dann schepperte es plötzlich.

    In einer unbedachten Bewegung musste Moira ihre Snackschale vom Tresen gepfeffert haben, denn die Keramik kreiselte wild auf dem Parkett umher und verteilte ihren krümeligen Inhalt schwungvoll auf dem Holz. Wow, in dem Schlag hatte Energie gesteckt. „Oh, das… tut mir leid. Ich kehre es weg!“, bat Moira mit blassen Wangen um Verzeihung und unternahm bereits Anstalten, von ihrem Hocker zu kletterten. Doch Kolja hielt sie zurück.

    „Lass es liegen. Nachher wird sowieso gekehrt.“

    „Nein, nein“, beharrte Moira darauf, das Unglück aufzuräumen, welches sie angerichtet hatte. „Ich mach das schon.“ Anschließend lief die Banshee zur Abstellkammer herüber; vermutlich, um Kehrblech und einen Besen zu beschaffen. Sogleich stellte Abby ihre Hilfsbereitschaft unter Beweis und rückte die Hocker aus dem Weg.

    „Colin, würdest du bitte ein Stück rutschen?“, forderte sie ihren Bruder auf, etwas Platz für Moira zu machen. Allerdings schwelgte der Rüde nach wie vor in rosaroten Traumsphären und zeigte keinerlei Reaktion auf Abby. „Colin. Colin! Du sollst rutschen, hörst du?“

    Das tat er nicht. Und während die beiden Frauen mit Putzgeräten bewaffnet um Colin herumtanzten, vernahm Kolja zu seinen Füßen ein aufdringliches Schlürfen. „Hey, Dmitrijew.“ Der Bär richtete seine Augen zu Boden und ein mittlerweile vollständig vorhandener Ward schaute ihm entgegen. „Tust du mir einen Gefallen?“

    „Welchen?“, wollte Kolja erfahren.

    Das Gespenst leerte seinen Energydrink. „Kannst du mir vielleicht eine Hose besorgen?“

  • Die besten Freundschaften begannen mit einer gebrochenen Nase.

    Bis heute konnte Kolja nie in Erfahrung bringen, aus welchem Grund sich Scott damals eingemischt hatte. Vielleicht wollte er eine offene Rechnung mit den Feen begleichen oder er brauchte eine Gelegenheit, angestaute Energie loszuwerden. Womöglich war ihm aber auch einfach nur langweilig gewesen, als er vor nunmehr beinahe zehn Jahren einfach so aus dem Nichts auftauchte, um sich in eine Auseinandersetzung mit dem Schwarm auf Koljas Seite zu schlagen. Wieso die Feen seinerzeit überhaupt gewalttätig ihm gegenüber geworden waren, blieb dem Bären wohl auf ewig ein Rätsel. Im Eifer des Gefechts hatte er Scott jedenfalls einen saftigen Hieb ins Gesicht verpasst und als die Feen schlussendlich abgezogen waren, hatte Kolja auf Scotts blutüberströmte Nase gedeutet und den Grundstein ihrer zukünftigen Freundschaft gelegt: 'Soll ich dich in die Notaufnahme bringen?'

    Gemeinsam saßen die zwei Freunde auf den Stufen, die zur Haustür der Fitzpatrickfamilie führten, und beobachtete die Bilderflut auf Kierans Smartphonedisplay. Mit bemerkenswerter Fingerfertigkeit klickte sich der Teenager durch zahlreiche, zahlreiche Fotos der Feen und irgendwie erinnerten die stark repetitiven Selfies Kolja an Moiras Fotoserien – mit dem Unterschied, dass die Banshee ihre Sammlung früher oder später auf die besten Schnappschüsse reduzierte, wohingegen die Feen ihre mit Filtern überladenen Selbstporträts gnadenlos dem Internet aufzwangen. „Mann… wozu braucht man so viele Fotos von sich selbst?“, kommentierte Scott die niemals abbrechen zu wollende Wand an Kussmündern, albernen Gesten und pseudonachdenklichen Blicken in die Ferne. Kolja fragte sich dasselbe. Von ihm existierten gerade einmal eine Hand voll Fotos; die meisten davon stammten von Moira, wobei Kolja vor kurzem Abby den Wunsch erfüllt und mit ihr zusammen für ein Foto in ihre Handykamera gelächelt hatte. Es bedurfte wohl einer besonders intensiven Selbstverliebtheit, derart oft die eigene Person abzulichten und die Ergebnisse im Anschluss in die sozialen Medien zu spülen, wie die Feen es taten. Weshalb sollte es irgendwelche fremden Leute interessieren, wie man aussah? Und reichten dafür denn nicht ein, maximal zwei Bilder aus? „Na für Instagram“, klärte Kieran seinen großen Bruder auf, als sei die exzessive Selbstdarstellung auf einer hochfrequentierten Plattform mit unkontrollierbaren Zugriffen von Hinz und Kunz ein völlig natürlicher Prozess. „Außerdem ersetzt es für die Feen das Schwarmdenken. Die ganzen Handynetze und Funksignale und so, die stören nämlich ihre Kommunikation. Früher hat das gemeinschaftliche Bewusstsein der Feen über weite Entfernungen funktioniert, aber das klappt jetzt wegen den ganzen Frequenzen in der Luft nur noch, wenn sie zusammen sind. Also sind sie irgendwann auf die sozialen Netzwerke ausgewichen und halten sich darüber gegenseitig auf dem Laufenden, wo sie sind und was sie so treiben.“ Aha. Und dazu benötigte es also mehrere Gigabytes an Datenmüll, anstatt einer kurzen Textnachricht.

    Stichwort Textnachricht: Wie auf Zuruf schob sich auf Kierans Smartphonedisplay just eine Benachrichtigung in den Vordergrund und Kieran wäre unmöglich Kieran, wenn er als Vertreter der Generation Smartphone nicht augenblicklich seinen Posteingang aufgerufen hätte. „Hm, eine Kettennachricht“, murmelte der Welpe, nachdem er den Inhalt gelesen hatte und wurde sogleich von Scott angeranzt:

    „Was für ein Schwachsinn. Lösch' den Scheiß einfach.“

    Doch Kieran äußerte Bedenken. „Ich weiß nicht. Die Kettennachricht kommt von Sean und zwischen Litha und Samhain ist er immer so unberechenbar. Soll ich das riskieren?“

    „Ich sag dir nur eins, Kleiner“, warnte Scott den Teenager. „Denk nicht mal dran, den Dreck an mich weiterzuleiten. Wenn ich nachher so beschissene Kettennachricht auf meinem Smartphone sehe, sage ich Niall, er soll dein Tinderprofil hacken und peinliche Babyfotos von dir hochladen! Du weißt, er kann das.“ Drohend hielt der Wolf Kieran den Finger vor die Nase; dieser schaute Scott verwirrt an.

    „Tinder? Scott, ich bin fünfzehn! Ich habe auf Tinder nichts verloren.“

    „Dann eben Twitter oder wie der Mist heißt.“

    Da verzerrte mit einmal pures Entsetzen Kierans jugendliche Züge. „Was?! Nein! Bitte Scott, lass meinen Twitteraccount in Ruhe! Ich habe doch gerade erst die fünfhundert Follower erreicht.“

    „Behalt' halt diese Kettenscheiße für dich.“

    „Aber sie kommt von Sean!“

    „Nicht mein Problem!“

    Über den brüderlichen Zank hinweg vernahm Kolja, wie hinter ihnen die Haustür geöffnet wurde. Er wandte sich nach dem Geräusch um und erblickte Abby. „Wo steckt denn Colin? Er wollte doch unbedingt den Kuchen probieren, sobald er fertig ist“, hinterfragte die Wölfin den Verbleib ihres Bruders. Gleich im darauffolgenden Moment bekam sie ihre Antwort.

    Im Wipfel eines nahegelegenen Obstbaumes raschelte es; danach hörte man eine Axt mehrfach auf Holz einschlagen, ehe ein lautes Knacken ertönte und ein kompletter Ast auf dem Rasen aufschlug. Keinen Meter daneben landete eine kleine Handaxt im Gras, gefolgt von Colin, der sich geschickt wie ein Äffchen am Stamm des Obstbaumes herabhangelte. Unten angekommen, klopfte der Rüde verrichteter Dinge die Handflächen aneinander ab. „Der passt, würde ich sagen“, bewertete er seine Ausbeute und... und sah sich um. Suchte Colin etwas? Der Blick des Wolfes sprang verdutzt von links nach rechts und letztlich hinauf zu der Baumkrone über seinem Schopf. Genervt rollte er mit den Augen. „Du schaffst es nicht allein runter, richtig?“

    Es verging eine kurze Pause, bis zwischen den Blättern ein zartes Stimmchen zögerlich zugab: „…Nein.“

    „Wieso bist du überhaupt hochgeklettert, wenn du keine Ahnung hast, wie du wieder vom Baum runterkommst?“, verlangte Colin vorwurfsvoll zu erfahren.

    „Ich habe gedacht, dass ich es dieses Mal hinkriegen würde.“ Nun, das durfte man bewiesenen Maßen als Irrtum abstempeln. Colin schätzte die Situation offensichtlich ähnlich ein und obwohl es ihm augenscheinlich gegen den Strich ging, streckte er auffordernd seine Arme aus. Erneut erklang das Rascheln des Blattwerkes und dann fiel eine Moira wie ein reifes Äpfelchen zwischen den Ästen hervor, direkt in Colins sicheren Griff.

    „Danke, Colin.“

    „Du musst beim Klettern auf deine Füße gucken, nicht zum Boden“, predigte Colin der Banshee, während er sie absetzte. „Das erzähl' ich dir jetzt seit fünfundzwanzig Jahren.“

    „Und du wirst es mir wahrscheinlich noch weitere fünfundzwanzig erzählen müssen, bis ich es irgendwann lernen werde.“ Weitere fünfundzwanzig Jahre? Zu diesem Zeitpunkt würden Moira und Colin ihren achtundfünfzigsten, beziehungsweise sechsundfünfzigsten Geburtstag gefeiert haben. Kolja wollte das Schauspiel auf keinen Fall verpassen, sollten die zwei in diesem Alter allen Ernstes noch auf Bäumen herumturnen.

    Neben dem Bären stimmte Kieran köstlich amüsiert einen melodischen Sing-Sang an. „Moira und Colin sitzen auf 'nem Ast“, feixte er auf Kosten der beiden, „und sie kü-...“ -'ssen sich fast'? So endete der Reim doch, oder? Dem Welpen blieben die Verse allerdings im Halse stecken, denn Colin durchbohrte ihn mit einem mörderisch kalten Blick, der selbst Kolja das Fürchten zu lehren vermochte. „...kümmern sich um Ohli“, dichtete Kieran daher spontan ein neues Ende für seinen poetischen Erguss zusammen. Oha. Da hatte er gerade so die Kurve bekommen, bevor er bei den Radieschen gelandet wäre. Wenn die Mitglieder der Fitzpatrickfamilie nämlich eine Sache spielend leicht zustande brachten, dann war das nach Koljas Ansicht, mit ihren Wolfspfoten so tiefe Löcher zu buddeln, um einen ausgewachsenen Menschen darin unter der Erde verschwinden zu lassen – und ebenso einen Wolfpoly-Welpen.

    „Ist der Ast etwa für Ohli?“, fragte Abby und an Stelle von Colin, nickte Moira.

    „Colin meint, es sei nicht genug, ihn nur im Garten frei herumlaufen zu lassen. Er braucht etwas, woran er seine Zerstörungswut abbauen kann.“

    „Hieran sollte sich das kleine Monster auf jeden Fall ein Weilchen die Zähne ausbeißen.“ Colin hievte ein Ende des am Boden liegenden Astes hoch, dessen Umfang gut und gern Moiras Oberarm übertraf.

    „Darf ich Ohli den Ast bringen?“, bat Moira um Erlaubnis, Colins Haustier zu nahe zu kommen und sie strahlte glücklich, als der Wolf zustimmend mit dem Kopf in Richtung Garten wies. Was für ein erheiterndes Bild es bot, wie die zierliche Moira dem hochgewachsenen Colin diesen wirklich unnötig sperrigen Ast aus den Händen nahm und ihn mitsamt Laub und Zweigen unbeholfen über den Rasen hinweg um das Haus herum zerrte.

    „Ooh! Warte Moira, ich komme mit zu Ohli!“, jauchzte Abby sogleich und hüpfte bereits übermütig zwischen Kolja und Scott die Stufen hinab. Doch plötzlich knurrte Colin sie angsteinflößend an und fletschte sogar vor ihr die Zähne. Erschrocken wich Abby vor ihrem Bruder zurück. „Du hältst dich von ihm fern!“, befahl er ihr aus rauer Kehle. Im Gegensatz zu Kolja, dessen Muskeln ihn eigenständig auf die Füße katapultiert hatten, fasste Abby Colin trotz des ersten Schrecks keineswegs als Bedrohung auf. Eingeschnappt blies sie ihre Wangen auf.

    „Ich möchte Ohli bloß streicheln.“

    „Nein!“ Colin beharrte auf sein Verbot, was Abby keinesfalls ohne weiteren Protest akzeptierte.

    „Aber Moira darf ihn auch anfassen!“

    „Moira musste ich auch noch keine sieben Mal in die Notaufnahme fahren, weil sie Ohli trotz Knurren und gefletschter Zähne unbedingt knuddeln wollte und sie quietscht ihm auch nicht die Ohren voll wie 'n rostiges Türscharnier.“ 'Ironischer Weise', fügte Kolja in Gedanken hinzu.

    Abby beschwerte sich: „Das ist unfair!“ Aber sie erreichte mit ihrem Einspruch keinerlei Einlenken bei ihrem Bruder. Er blieb stur.

    „Is' mir egal. Ich will dich keinen Schritt näher als zwei Meter zu ihm sehen, kapiert?“

    In seinem Nacken spürte Kolja langsam einen Krampf abklingen. Wegen Colins Aggressionen gegenüber Abby wären Koljas Instinkte um ein Haar durchgedreht und kurzzeitig wollte sich der Bär in ihm Hals über Kopf zu Abbys Schutz auf den Wolfsrüden stürzen. 'Was für eine lächerliche Reaktion', schollt sich Kolja selbst. Colin war ihr Bruder, herrje! Trotz aller Drohungen würde er Abby nie im Leben ernsthaft etwas zu leide tun; das wusste Kolja doch ganz genau. Fing er denn etwa damit an, sich Beschützerinstinkte anzumaßen? Ein dichter Pelz bürstete seine Fingerspitzen, als Kolja seine strapazierten Wirbel massierte.

    Der Clinch der Geschwister wurde schließlich von Kieran unterbrochen. „Können wir jetzt endlich essen?“



    nächster Teil

  • Hach ... eine Freakshow, wie ich sie erwarte ... herrlich :D


    Dieses Bild mit Ward :rofl:Ich habe mich weggelacht!!!


    Auch der aktuelle Part war wieder sehr schön. Obwohl ich mich Frage, warum sie die Instagramseiten der Feen durchstöbern :hmm: - ob sie sich davon versprechen, den Saboteur zu finden? Mal sehen!


    Außerdem könnten Abby und Kolja langsam mal reinen Tisch machen, bitte :D




  • „Lass uns warten bis alle da sind, okay?“ Abby hatte keine Ahnung davon, was ihretwegen in Kolja vorging und zu Koljas Glück traf das ebenso auf Scott zu.

    „Niall hat eben geschrieben, er kommt nicht“, unterrichtete der Wolf seine Schwester.

    „Wieso denn nicht?“

    Schulterzuckend erzählte Scott: „Er hat keinen Babysitter gefunden und will Kate nicht allein mit den Kindern lassen.“ Nachvollziehbar, fand Kolja. Sollte Nialls Rasselbande nämlich die gleiche Gruppendynamik entwickeln, wie deren Tante und Onkel, würde Kolja genauso wenig die nötige Grausamkeit aufbringen können, der armen Frau die alleinige Obhut dieser Milchzahnteufel zuzumuten. Vor allem wenn sie kurz vor der Geburt eines vierten Kindes stand.

    Abby bedauerte die Abwesenheit des ältesten Fitzpatrick-Sprosses. „Oh, wie schade. Na gut. Dann fehlt bloß noch Gwen.“

    „Du hast Gwen eingeladen?“ Natürlich wurde Colin bei der Erwähnung des Sukkubus sofort hellhörig. Da meldete sich hinter ihm eine Frauenstimme zu Wort:

    „Hat sie, Spätzchen.“ Der Rüde drehte sich infolgedessen um und entdeckte die schöne Gwen, die verführerisch lächelnd hinter ihm auf der Auffahrt auf ihn wartete. „Überraschung.“ Sie trug ein ähnliches Outfit wie zum Fußballspiel am letzten Sonntag; heute prangte auf ihrem Shirt jedoch das Bandlogo der Flogging Mollys – dasselbe Motiv, welches auch auf Colins Brust aufgedruckt war. Was für ein Zufall! Mehr oder weniger. „Schickes T-Shirt“, erfreute sich Gwen an dieser Fügung. Colin dagegen brachte wenig mehr zustande, denn den Sukkubus hoffnungslos verschossen anzugrinsen.

    „Gwen, da bist du ja. Wie schön!“ Im Schnellverfahren wickelte Abby stellvertretend für alle anwesend die allgemeine Begrüßung ab und kam zum wesentlichen: „Dann können wir jetzt auch essen, Kieran. Colin, du kannst ein Stück Kuchen haben.“

    Doch Colin reagierte nicht.

    Colin liebäugelte stattdessen viel lieber mit Gwen und schenkte seiner Schwester ungefähr so viel Aufmerksamkeit, wie Scott dem Putzplan, den Moira für die WG aufgestellt hatte. Dabei verpasste Colin doch normalerweise niemals die Chance auf einen Snack. Selbst, als Gwen an ihm vorbei stolzierte, existierte einzig sie und nur sie allein für den Wolf. Langsam bezweifelte Kolja, dass Scotts und Abbys Bruder lediglich einer Sukkubusaura aufsaß. Er hegte scheinbar eine ehrliche Faszination für Gwen.

    An diesem Tag bekam er es allerdings unerwartet mit einem Nebenbuhler zu tun. „Du musst Kieran sein“, sprach Gwen den Teenager an und wurde im Gegenzug von diesem mit weit offenstehendem Mund angegafft, als probte er für den Theaterclub irgendeine expressionistische Darstellung eines klaffenden Gullys ohne Deckel. Sie tätschelte ihm die Wange und meinte: „Was für ein hübsches Kerlchen du bist, Laddie. Du wirst mal ein richtig Schöner, da bin ich mir sicher. Die Mädchen in deinem Alter sind echte Glückspilze.“

    „...Glrb!“, lautete die Erwiderung. Armer Kieran. Er konnte einem schon leidtun. Als ob ihm die Pubertät mit ihren Hormonachterfahren das Leben nicht schon schwer genug machte, drosch nun auch noch Gwens Aura erbarmungslos auf ihn ein. So glotzten also gleich zwei Fitzpatrickbrüder den Sukkubus an, derweil dieser die Hände in die Seiten stemmte und interessiert das Grundstück in Augenschein nahm. „Das ist ein tolles Haus. Gefällt mir gut. Nur den Rasen würde ich nicht mähen wollen, da braucht man ja sicher Stunden für.“ Dann schaute sie Colin auffordernd an und fragte: „Mag mich jemand herumführen?“

    „Ich kann das machen!“, entsann sich Kieran spontan seiner Fähigkeit, verständliche Silben zu artikulieren und trat einen eiligen Schritt auf Gwen zu. Aber da stand Colin ihm mit einmal im Weg und stoppte den Teenager, indem er ihm einfach die Hand ins Gesicht stemmte und Kieran schmachtenden Blickes gen Gwen beiseiteschob wie einen siffigen Duschvorhang. „Geh im Sandkasten spielen, Kleiner.“

    „Hey! Das-...!“ Kierans Empörung blieb ungehört, zumindest was Colin angelangte, denn dieser joggte bereits eilfertig an Gwens Seite und spazierte mit ihr davon.

    Entgeistert blickte Kieran den zwei Turteltauben hinterher. „Er hat sich einfach dazwischen gedrängelt!“, machte er seiner Enttäuschung Luft und er klang dabei, als wäre er tatsächlich um eine reale Chance bei Gwen betrogen worden. Scott nahm Kolja die Worte aus dem Munde, als er seinem Bruder klarmachte: „Die Frau ist sowieso nicht deine Kragenweite, Kleiner. Und auf die Kopfschmerzen willst du auch verzichten, das kannst du wissen.“ Ach ja. Die Kopfschmerzen. Das hämmernde Dröhnen im Inneren seines Schädels hallte selbst heute noch lebhaft in Koljas Erinnerungen nach.

    „Was für Kopfschmerzen?“, hinterfragte Kieran das Gehörte und bekam von Scott erklärt:

    „Das ist so ein Sukkubusding. Sie verdrehen dir den Kopf, aber wenn du oft genug mit ihnen zu tun hast, wird dein Hirn irgendwann immun gegen diesen Aura-Hokus-Pokus-Mist.“ Er tippte gegen seine Schläfe. „Dann kriegst du erst mal höllische Kopfschmerzen, wie nach viel zu viel Alkohol. Glaub mir, Kleiner, du hast in deinem ganzen Leben noch keinen Kater erlebt, der da ran reicht. Aber danach jucken dich diese Weiber wenigstens nicht mehr.“

    Mit einem stummen Nicken stimmte Kolja Scotts Ausführungen uneingeschränkt zu, bis er unvermittelt Abbys Augen auf sich ruhen spürte. Skeptisch musterte sie ihn. Mh? Was denn? Hatte Kolja irgendetwas falsch gemacht, dass sie ihn auf diese Weise beäugte?

    In der Zwischenzeit stieß Kieran ein frustriertes Prusten hervor. „Mann, Scott. Wie oft denn noch? Ich bin fünfzehn! Ich darf doch noch gar keinen Alkohol trinken. Ich habe keine Ahnung, wie sich ein Kater überhaupt anfühlt.“ Der Teenager zwirbelte gekränkt die Lippen und unweigerlich erkannte Kolja Abbys Züge in dieser Geste wieder. „Was soll Colin haben, was ich ihr nicht auch bieten kann??“ Die klassische Frage, die nur deshalb unbeantwortet blieb, weil Abby Scott ins Wort fiel, bevor er seinem minderjährigen Bruder irgendwelche, für sein Alter unangebrachten Dinge um die Ohren klatschte.

    „Ich kann dir sagen, was Colin nicht hat, Kieran“, munterte sie ihn auf. „Er hat keinen Kuchen. Denn der steht in der Küche und wartet darauf, dass wir ihn essen. Kolja hat sich mit dem Teig selbst übertroffen! So, möchte nun jemand ein Stückchen haben, oder nicht?“



    nächster Teil

  • Kieran und Colin :rofl:

    Wie in so nem schmachtenden Schmalzroman xD


    Obwohl ich Gwen und Colin mag, würde ich trotzdem lieber Colin und Moira als Paar sehen :D


    Das war ein schöner Part ^^

    Jetzt will ich auch was von Koljas Kuchen xD


    LG

  • Danke schön für den Kommentar, Lady ^^

    Den Kuchenwunsch kann ich dir nicht erfüllen, aber dafür einen, den du davor geäußert hast :hmm: (Nein, nicht Coira xD )

    ______



    Der Regen hatte aufgehört und es roch nach nassem Gras - und in der Dunkelheit suchte Kolja nach Abby.

    Eigentlich wollte die Wölfin nur kurz verschwinden, um ein paar zusätzliche Flaschen Wasser zu organisieren. Doch dieses Versprechen lag nunmehr zehn Minuten zurück, sodass Kolja sich besser ihres Verbleibs vergewisserte. Er folgte dem feuchten Weg, der von der Terrasse in den Vorgarten führte und sondierte dabei aufmerksam die gähnende Schwärze um ihn herum. Trotz Einbruch der Nacht erfuhr Koljas Sehvermögen keinerlei Einschränken, da die Augen eines Braunbären dafür geschaffen waren, im Dunkeln gleichermaßen zu funktionieren wie am helllichten Tage. Um Abby ausfindig zu machen, verlangte es jedoch keiner außergewöhnlichen Sinne. Vor dem Haus strahlte nämlich die Außenbeleuchtung auf voller Leistung, welche – wie Kolja selbst erlebt hatte – durch einen Bewegungsmelder an der Haustür aktiviert wurde. Demzufolge trieb sich jemand auf der Auffahrt herum und wer, außer Abby, käme dafür in Frage?

    Irgendwo in der Nähe zirpten gut versteckt ein paar Grillen ihren Nachtgesang und ein Frosch stimmte quakend in ihre Arie ein. Kolja bog um die Ecke des Hauses und dort fand er sie endlich. Einen kompletten Kasten Wasser zu ihren Füßen, plagte sich Abby im Lichtkegel der Lampen mit dem offenstehenden Garagentor herum. So sehr sie auch daran zog und rüttelte, wollte sich das Metall partout um keinen einzigen Zentimeter bewegen lassen. Kolja holte Luft, um der Wölfin seine Hilfe anzubieten – da gab die Aufhängung ein hohles Scheppern von sich und das Tor glitt geschmeidig herab, als hätte man die Scharniere mit einem Stück zerlassener Butter geschmiert.

    „Abby?“

    „Oh, Kolja.“ Genau wie der Bär vermochte Abby dank ihrer tierischen Eigenarten im Dunkeln zu sehen und entdeckte Kolja daher, bevor er überhaupt vollständig aus den Schatten trat. „Ist alles in Ordnung?“

    Er nickte zur Antwort und wies auf das Garagentor. „Und bei dir? Gibt es Probleme?“

    „Das Tor hat sich mal wieder extra stur gestellt“, erklärte Abby in aller Kürze und schenkte Kolja hernach ein liebreizendes Lächeln. „Bist du mir gefolgt, weil du mich vermisst hast?“

    „Ja“, räumte Kolja in aller Ehrlichkeit ein. Ob seines Geständnisses biss sich Abby auf die Unterlippe und sah dabei einfach hinreißend niedlich aus, sodass in Kolja der Wunsch aufkeimte, selbst an ihren Lippen herumzuknabbern.

    „Das ist lieb von dir. Tut mir leid, dass ich so lange weg war. Scott und Colin bekommen das Tor jedes Mal mit einem einzigen Handgriff auf und wieder zu, aber mir fehlt irgendwie das Fingerspitzengefühl.“ Beziehungsweise die nötige Bereitschaft zur brachialen Gewalt. „Ich habe mir überlegt, ob es nicht wirklich an der Zeit wäre, es reparieren zu lassen. Was denkst du, Kolja? Es wäre doch ein nettes Überraschungsgeschenk für meinen Vater, wenn Colin das Tor wiederherrichten würde.“

    Mh. Darauf wollte Kolja ungern sein Geld verwetten. Mr Fitzpatrick duldete schließlich weder Scott, noch Colin auf seinem Grundstück und insofern der Bär eine Einschätzung über die Denkweise des alten Wolfes abgeben durfte, so würde er mit Sicherheit keineswegs glücklich darüber sein, dass sich während seiner Abwesenheit einer seiner beiden Chaossöhne an seinem Hab und Gut zu schaffen machte. Also zuckte Kolja lediglich mit den Achseln, sonst wurde er am Ende noch als Referenz herangezogen. Nachfolgend beugte er sich zu den Getränken herab, hob den Kasten an und deutete Abby sodann den Vortritt. Die Wölfin honorierte seine Hilfe. „Danke schön, Kolja. Du bist wirklich zuvorkommend.“

    Gemeinsam traten sie den Rückweg an und Kolja überlegte. Ihre Freunde hielten sich gegenwärtig allesamt auf der anderen Seite des Gebäudes auf; niemand war da, um ihn und Abby zu stören, sollten sie endlich einander ihre Absichten offenlegen. Diese Chance musste Kolja unbedingt nutzen! Aber wie sollte er das Gespräch bloß beginnen? 'Abby, wir müssen reden!' Urgh, nein. Das klang ja regelrecht danach, als beendete er ihre Romanze, ehe sie sie überhaupt miteinander eingegangen waren. 'Abby, lass uns reden.' Mh. Auch nicht. Viel zu lax. Nachher befürchtete Abby noch, Kolja hegte lediglich ein halbherziges Interesse an einer Beziehung mit ihr.

    „Ich finde es einfach toll, wie höflich du immer bist. Habe ich dir das schon mal gesagt?“, plauderte Abby arglos drauf los, als sie und Kolja die erste Hausecke umrundeten und auf den unbeleuchteten Weg traten. Unterdessen vollführten die Gedanken in Koljas Hirnwindungen fortwährend muntere Flickflacks. 'Abby, ich will mit dir zusammen sein aber ich habe Angst, dass ich dann meinen besten Freund verliere.'? Herrje, da konnte Kolja ja gleich mit einer Haustür auf Abby einprügeln. Sie erzählte zwischenzeitlich weiter:

    „Wenn du mich fragst, sind gute Manieren etwas ganz Großartiges an einem Mann. Jeder sollte eine so gute Erziehung genießen. Und willst du wissen, was ich noch großartig finde?“

    „Was denn?“ 'Abby, ich will da weitermachen, wo wir neulich aufgehört haben.'? 'Abby, ich liebe dich.'?

    Da flötete die Wölfin fröhlich: „Dass du mich geküsst hast.“

    Abrupt blieb Kolja stehen.

    Uhrm, was? Halt. Jetzt... jetzt war Kolja es, der von Abby unter einer Tür begraben wurde. Das kam so unerwartet; er wollte doch den nächsten Schritt wagen und sie mit seinen Gefühlen konfrontieren? Stattdessen hatte sie… und so direkt… .

    Kolja musste Abby für ihr Empfinden einen Augenblick zu lang mit perplex heruntergeklapptem Kiefer angeglotzt haben, denn Unsicherheit eroberte ihre Mimik. „Dir hat es nicht gefallen?“

    Ihr Trugschluss ließ Kolja aus seiner Starre erwachen und eilends stellte er den Wasserkasten ab, der bis dahin wie eine Barriere zwischen ihnen beiden schwebte. „Doch“, versicherte er Abby umgehend. Die Erinnerung an ihren gemeinsamen Kuss drängte ihm die Mundwinkel nach oben. „Ich fand es toll.“

    Zum Dank für sein Bekenntnis belohnte Abby ihn mit einem glücklichen Strahlen und eine angenehme Wärme erfüllte Koljas Magengegend, als würden ihn dampfendfrische Kartoffeln von innen heraus den Bauch aufheizen. „Das freut mich.“ Abby überwand den kurzen Abstand zu ihm und ihre Finger begannen verspielt an den Knöpfen seines Cardigans zu zupfen. Der Anblick hätte Kolja fasziniert, hätten nicht bereits Abbys schöne braune Augen ihn in ihren Bann gezogen. Mit sanfter Stimme sagte sie: „Stell dir vor wie wundervoll es wäre, als Pärchen noch ganz viele weitere Momente wie diesen miteinander zu teilen.“

    Daraufhin huschte ein Schmunzeln über Koljas Gesicht. Wie süß Abby doch war. Selbst wenn sie durch die Blume sprach, glichen ihre Bemühungen trotz allem noch einem Frontalangriff aus der nächsten Hecke heraus. 'Als Pärchen' - die Vorstellung davon spornte Koljas Herzschlag an wie ein Defibrillator. „Was hältst du davon?“, wollte Abby wissen, derweil ihre Handflächen zärtlich über Koljas Rippen wanderten, hinauf über seine Brust hinweg bis zu den Schultern, wo ihre Fingerspitzen ihm liebevoll die Halsbeuge kraulten. „'Kolja und Abby' – Hört sich das für dich genauso gut an, wie für mich?“

    Oh ja. Das tat es. „Es klingt perfekt“, raunte Kolja. Vor allem, da Abbys Mund so herrlich einladend dabei aussah, diese wohlklingenden Silben zu formen. Doch nicht nur ihre Lippen lockten Kolja an wie ein frischer Topf köstlicher Blütenhonig; das Bedürfnis, den Körper der Wölfin dicht an seinen eigenen spüren zu dürfen, gewann Herrschaft über Kolja und mit Freuden kapitulierte er davor. Seine Hände auf ihren Hüften abgelegt, zog er Abby an sich. Alsdann erhob sie sich auf ihre Zehenspitzen. Und Kolja küsste sie. Genussvoll gaben sich Abbys weiche Lippen den begehrlichen Bewegungen Koljas Mundes hin, ließen sich von ihm streicheln, kitzeln, verführen und öffneten sich fügsam für eine zarte Begegnung ihrer Zungenspitzen. Das leise Seufzen, welches Abby just entfleuchte, glitt Kolja ungehindert als angenehmer Schauer das Rückgrat hinab. Nah war auf einmal nicht länger nah genug und innig schlang Kolja seine Arme um Abbys Taille. Sollte es möglich sein, eine Sucht nach einem Kuss zu entwickeln, so befand er sich auf dem besten Weg dorthin.

    Von der Terrasse vernahm das Lachen ihrer Freunde. Unversehens wurde Kolja seines Umfelds gewahr und, oh Gott, was tat er hier eigentlich? Gleich hinter der nächsten Ecke warteten Scott und die anderen und er besaß allen Ernstes die Nerven, nur ein paar Meter von ihnen entfernt in der Dunkelheit mit Abby herumzuknutschen. Mit Abby – Scotts kleiner Schwester, der Schwester seines besten Freundes! „Aber Scott...“, murmelte Kolja zwischen zwei Küssen gegen Abbys Mund. Kaum voneinander getrennt, zogen ihrer beiden Lippen bereits wieder sehnsuchtsvoll einander an. In einer dieser kurzen, nichtsdestotrotz viel zu langen Phasen der Trennung hauchte Abby Kolja verträumt zu: „Was ist mit ihm?“

    „Ich will ihn nicht als Freund verlieren.“

    Da hielt Abby inne. Als würde sie aus einem Schlaf erwachen, blinzelte die Wölfin Kolja fragend an. „Was meinst du damit?“

    Es widerstrebte ihm, doch Kolja entließ Abby aus seiner Umarmung und rückte von ihr ab. Der Moment der Wahrheit war gekommen und Kolja fühlte sich dabei, als müsse er Abby jeden Augenblick vor Übelkeit sein Herz vor die Füße erbrechen. Er fasste sie an den Händen. „Wenn Scott von uns erfährt, wird er denken, ich hätte mich hinter seinem Rücken an dir vergriffen und es als Vertrauensbruch werten. Davon abgesehen hasst er den Gedanken, jemand könnte dir weh tun. Sollte unsere Beziehung zerbrechen, dann werde ich für ihn für immer der Widerling sein, der seine Schwester verletzt hat.“ Zu seinem Leidwesen spürte Kolja, wie Abbys Finger seinen Händen englitten. Gleich einem fetten, schleimigen Kloß verstopften ihm die Worte die Kehle und die trommelnden Schläge, mit denen sein verzweifeltes Herz das ekelhafte Gebilde hervor zu pumpen versuchte, hämmerten ihm hart gegen das Trommelfell. Schmerzlich quollen sie schließlich aus ihm hervor: „Ich kann Scotts Freundschaft unmöglich für dich aufgeben.“

    Jenseits der nächsten Ecke erklang heiteres Geplauder; wahrscheinlich erzählte Gwen gerade eine Anekdote über einen Kunden. „Willst du damit sagen…“, brachte Abby ihren Unglauben zum Ausdruck, „dass du mich zurückweist? Für meinen Bruder?“

    Nein!

    …Doch. Genau das war es, was Kolja tat. Himmelherrgott, er kam sich wie ein echter Mistkerl vor. Ach, wen wollte er täuschen. Er war ein echter Mistkerl, Abby so ein Verhalten zuzumuten. Zurecht traf ihn ihr Blick wie ein Bolzenschuss in die Brust. Enttäuschung lag darin, Unsicherheit sowie ein Funke der Hoffnung, bloß einem üblen Scherz aufzusitzen. Doch dieser Funke erlosch und Kolja erwartete einen Sturzbach an Tränen über sich hereinbrechen. Er erwartete Wut, er erwartete Frustration und Beschimpfungen und verdiente keinerlei Zurückhaltung. Abby schnappte nach Luft. „Kolja, das ist... wundervoll!“



    nächster Teil

  • Hey Skadi Skadi



    Die Interaktion hast du wieder sehr schön geschrieben, sowas liegt dir einfach. Da sind wieder so viele schöne Beschreibungen dabei und auch welche, bei denen man einfach schmunzeln muss xD


    Sehr schön!


    LG :)

  • Danke schön für deinen Kommentar LadyK und für das Lob ^^ *zeigt sich wieder einmal unfähig, mit Lob umzugehen*


    Aber Abby wird seine Zurückweisung bestimmt als Zeichen großer Freundschaft sehen. Sie sieht halt nur das Gute im Menschen

    Ich sehe, du kennst Abby sehr gut und weißt ihren Charakter einzuschätzen :D


    Ab nächsten Dienstag will ich versuchen meinen Veröffentlichungsrythmus wieder aufzunehmen. Zumindest hoffe ich, dass mein Zustand™ es zulässt. Wäre nämlich ganz schön, wenn ich Episode 2 in 2021 abschließend posten könnte. Wer hätte geahnt, dass dieser Teil sich dermaßen aufblähen würde :hmm:

  • Wun-... Halt. Was hatte Abby da gesagt? 'Wundervoll'? Sie musste sich von Kolja abweisen lassen und fand es 'wundervoll'? „Hast du verstanden, was ich dir gesagt habe?“, ging Kolja verdutzt auf Nummer sicher und seine Verwirrung wuchs noch mehr an, als Abby bestätigend nickte.

    „Das habe ich. Oh Kolja, dass du die Zustimmung deines besten Freundes über dein eigenes Glück stellst, beweist deinen ehrenwerten Charakter! Es war wirklich kein Fehler mich in dich zu verlieben.“ Schon hing die Wölfin wieder an Koljas Hals und drückte ihm unbeschwerte Küsse auf die Lippen. Sie meinte zudem: „Und ich denke, dass deine Befürchtungen unbegründet sind. Scott wird sich für uns freuen. Da bin ich mir sicher, denn es gibt keinen Mann von dem er mehr hält als von dir. Aber ich verstehe, dass du ihn nicht vor vollendete Tatsachen stellen möchtest, deswegen solltest du zu ihm gehen und dir seinen Segen abholen. Ich warte solange auf dich, egal ob es nun bis morgen dauert oder die nächsten Tage oder den Rest der Woche. Und danach kommst du gleich zu mir, ja?“ Mit einem letzten Kuss löste sich Abby von Kolja, nahm den Kasten Wasser und kehrte damit munter trällernd zur Terrasse zurück. Überfordert gaffte Kolja ihr nach. Was…was hatte hier eben stattgefunden?

    Ein Rascheln hinter ihm riss Kolja aus dem Wirrwarr seiner Gedanken und der Bär drehte sich nach dem Geräusch um. Skeptisch zog er die Brauen zusammen. Huh? Die Beleuchtung vorm Haus brannte immer noch? Mittlerweile hätte sie sich doch schon längst abgeschaltet haben. Dann flackerte auf dem Boden ein Schatten auf und unweigerlich entwich Kolja ein tiefes Seufzen. Großartig. Offenbar hatte jemand Abby und ihn von der Auffahrt aus beobachtet. Konnte dieser Abend denn noch komplizierter werden? „Du kannst rauskommen“, rief Kolja der unbekannten Person zu. „Dein Schatten verrät dich.“

    Einige Sekunden vergingen, doch letztlich lugte vorsichtig ein hellhaariger Schopf hervor. Gleich darauf trat Moira betroffen auf den Weg. Derart unangenehm berührt, wie die Banshee auf Kolja wirkte, war sie zweifelsohne Zeugin der Szene geworden. „Ich wollte euch nicht belauschen“, erklärte sie kleinlaut. „Du warst bloß plötzlich weg, deswegen wollte ich sichergehen, dass alles in Ordnung mit dir ist.“ Anschließend machte sie einen zögerlichen Schritt auf Kolja zu. „Also… du und Abby, was?“

    Seine Reaktion bestand aus einer resignierenden Geste. „Du hast es miterlebt.“

    Moira gestand ihm: „Um ehrlich zu sein, ich habe so etwas schon seit längerem geahnt. Abby himmelt dich schon eine ganze Weile an, nur war ich mir unsicher, ob du Interesse an ihr hast. Vor allem, nachdem du sie auf dem Fußballplatz hast abblitzen lassen.“

    Nachdem er… „Das hast du also doch mitbekommen.“

    Die Banshee senkte schuldbewusst das Haupt. „Bitte entschuldige, dass ich nichts gesagt habe. Ich hielt es für besser meine Klappe zu halten, um dich in keine unangenehme Situation zu bringen.“

    Somit hatte sich Kolja den wissenden Unterton während seiner Unterhaltungen mit Moira doch nicht eingebildet. Na ja. Es hätte schlimmer kommen können. Lieber ließ sich Kolja von Moira in flagranti mit Abby erwischen, denn von Colin oder schlimmer, von Scott. Ein kümmerlicher Trost angesichts seiner Lage. „Ist schon in Ordnung“, beschwichtigte er Moiras schlechtes Gewissen. „Ich verstehe das.“

    „Das beruhigt mich. Aber sag mal, Kolja… .“ Kritisch legte Moira ihre Stirn in Falten. „Du willst Abby doch nicht wirklich für Scott abweisen, oder?“

    Welche Optionen blieben Kolja denn übrig? „Scott wird durchdrehen, wenn er rausfindet, dass ich Abby zu nahegekommen bin.“

    „Vermutlich, ja“, räumte Moira nachdenklich ein. „Er wird eine Weile toben und über dich schimpfen aber am Ende, denke ich, wird er sich einkriegen. Bisher hat Scott dir doch alles verziehen. Sogar, als du mal den Topspieler der irischen Fußballnationalmannschaft mit dem Grashüpfer aus der Biene Maja verglichen hast und das zählt nach seinen Maßstäben immerhin als Kapitalverbrechen.“ Das stimmte zwar, jedoch unterschlug Moira dabei, dass Scott Kolja zu jener Zeit eine vollzählige Woche lang die eiskalte Schulter gezeigt hatte und das nur wegen eines wildfremden Fußballers. Hier ging es um Abby; für Scott spielte sie in einer völlig anderen Liga. Die Banshee fügte hinzu: „Außerdem glaube ich, dass Scott seine Schwester auf lange Sicht lieber mit dir zusammen sieht, als mit irgendeinem anderen Mann. So gesehen hat er sie dir mit seiner Bitte auf sie aufzupassen ja sowieso schon anvertraut und nachdem du ihm geholfen hast, seine Beziehung zu Hazel zu retten, bist du für ihn so was wie sein persönlicher Held.“

    Wenn Kolja ihren Optimismus doch nur teilen konnte. „Und falls nicht?“, äußerte er pessimistisch seine Zweifel. „Was ist, wenn Abby und ich uns irgendwann trennen sollten? Sie ist noch so jung. Womöglich ist sie schon in wenigen Jahren von mir gelangweilt.“ Die Erinnerung an seine Zauberin und daran, wie schnell er damals ihre Existenz aus seinem Bewusstsein gelöscht hatte, schoss Kolja durch den Kopf. „Dann wäre ich ihr Exfreund und das allein ist für Scott Grund genug, mich zu verabscheuen. Mir liegt viel an Abby aber genauso viel liegt mir an ihm.“

    Anstatt sofort auf seine Bedenken einzugehen, musterte Moira ihren Mitbewohner grüblerisch. Kolja kannte diese Miene; sie verriet ihm, dass die Banshee gerade sorgfältig ihre Wortwahl abwog. Sie kam offensichtlich zu einem Schluss, denn sie sagte: „Niemand wird dir eine Versicherung dafür abgeben können, dass deine Beziehung mit Abby für den Rest eures Lebens halten wird. Nicht mal bei Pärchen wie Scott und Hazel sollte man davon ausgehen, auch wenn Scott einem gern gegenteiliges weismachen will. Aber Abby wird dich schon nicht von heute auf morgen einfach wie ein benutztes Handtuch ablegen. Was das angeht, unterschätzt du sie meiner Meinung nach. Von uns allen ist sie diejenige, die am ehesten weiß was sie will. Und dass sie dich… na ja… dich will, das hat sie in meinen Augen ziemlich deutlich gemacht.“

    „So?“

    Moira nickte. „Du und Scott und ich, wir treiben von Tag zu Tag vor uns hin, ohne eine Ahnung zu haben, wie unser Leben eigentlich verlaufen soll. Bei Abby ist das anders. Ich wette mit dir, sie könnte dir ohne zu zögern ihre komplette Lebensplanung vorlegen. Mit halben Sachen hat sie sich noch nie zufriedengegeben und ich glaube, wenn du nicht genau das wärst, was sie sucht, dann hätte sie von Anfang an keine Gefühle für dich entwickelt. Daher brauchst du dir wahrscheinlich keine Sorgen darübermachen, für sie nur eine Phase zu sein. Selbst wenn, dann hattet ihr zumindest für eine Weile eine schöne Zeit miteinander. Und offen gesprochen… “, eröffnete sie Kolja, „offen gesprochen finde ich, dass es dir gut bekommt, mit Abby zusammen zu sein. Früher hast du in deiner Freizeit häufig zuhause rumgehangen oder dich von Scott und mir mitschleifen lassen. Aber seit du mit ihr anbändelst, ist das fast gar nicht mehr der Fall. Abby animiert dich dazu rauszugehen, zum Beispiel zu Scotts Fußballspielen und dank ihr hast du in Kieran einen neuen Schachkumpel gefunden. Sie kurbelt dein Leben an. Im Gegenzug bringst du ihr turbulentes Wesen zur Ruhe. Das ist für euch beide ein gesundes Arrangement, finde ich.“

    Unsicher fuhren Koljas Finger durch sein Haar. Romantische Belange gehörten eher weniger zu den üblichen Gesprächsthemen zwischen Moira und ihm. Beziehungsweise: hin und wieder redeten sie schon darüber, allerdings stand bei diesen Unterhaltungen bisher immer Moiras Liebesleben im Mittelpunkt und bei den Männern, um die es dabei ging, handelte es sich für Kolja praktisch um Unbekannte. Dieser Ken war ihm beispielsweise zu gerade einmal zwei Begebenheiten unter die Augen gekommen, bevor er Moira einen Korb verpasst hatte. Seinen Freunden ein offenes Ohr zu leihen lag Kolja wahrlich mehr, denn über seine eigenen Romanzen zu philosophieren.

    Doch Moira wäre schwerlich seit Jahren eine enge Freundin, würde sie sein unschlüssiges Schweigen nicht zu interpretieren wissen. So teilte sie ihm ihre abschließende Meinung mit. „Ich halte es für einen Fehler, dein eigenes Glück für Scotts Allüren zu opfern.“

    „Er würde das gleiche für mich tun“, entgegnete Kolja.

    „Aber du kämst niemals auf die Idee so etwas von ihm zu verlangen und umgekehrt wird es sich genauso verhalten, wenn Scott erst einmal Zeit hatte, über alles nachzudenken. Außerdem wirst du ohnehin nicht drum herumkommen Klartext zu sprechen - entweder gegenüber Scott oder gegenüber Abby. Einen Kompromiss gibt es nicht, denn spätestens, wenn du und Abby vielleicht irgendwann mal heiraten solltet, wird selbst Scott anfangen den Braten zu riechen. Und so gesehen hast du Abby ja eh bereits versprochen, die Karten auf den Tisch zu legen.“

    Bitte? Gar nichts hatte Kolja. „Eigentlich habe ich überhaupt nichts zu ihr gesagt.“

    „Eben. Ach komm schon, Kolja“, winkte Moira ab. „Du kennst Abby. Für sie geht doch sogar ein 'Auf gar keinen Fall!' als Zusage durch, wenn es ihr gerade in den Kram passt.“ Dann berührte sie Kolja freundschaftlich am Arm. „Wenn es dir hilft, kann ich dabei sein, wenn du es Scott sagst. Zur moralischen Unterstützung.“

    „Du meinst, zur moiralischen Unterstützung?“ Die Banshee kicherte über Koljas Scherz. Am Ende behielt Moira Recht; es gab keinen Weg um eine Auseinandersetzung herum und je später Kolja den Sprung ins kalte Wasser wagte, desto größere Wellen würde er schlagen. „Danke“, sagte er. „Aber ich denke es ist klüger unter vier Augen mit Scott zu sprechen.“

    Moira nickte verstehend. „Wie du es für richtig hältst. Ich weiß, das ist alles leichter gesagt als getan, vor allem wenn man nicht in deinen Schuhen steckt. Immerhin wird Scott ganz bestimmt niemals einen seiner Brüder in meinem Bett erwischen. Ich habe also gut reden.“

    Da wurden Moira und Kolja plötzlich aus der Dunkelheit heraus von einer Stimme konfrontiert:

    „So, so, so!“

    Sie wandten ihre Köpfe um und aus der Nacht schälte sich Colins Schemen, begleitet von Gwens weiblicher Silhouette. „Was haben wir hier? Heimliche Rendezvous zu zweit?“, spottete der Wolf. „Soll ich Scott schon mal darauf vorbereiten, dass er demnächst aus dem Schlafzimmer nebenan Keuchen und Stöhnen erwarten muss?“ Die Ironie seines Hohns schrie zum Himmel, aber immerhin bedeutete die Anspielung, dass Colin nichts von der vorangegangenen Unterhaltung mitbekommen zu haben schien - anderenfalls wäre ihm der Spaß definitiv im Hals stecken geblieben. Weder Bär noch Banshee gingen auf seinen Zynismus ein. Stattdessen bemerkte Kolja, wie Moiras skeptischer Blick an Gwen entlangwanderte. Der Sukkubus hing zutraulich an Colins Arm und ein bezirzender Augenaufschlag ging mit dem Tadel einher, mit dem sie Colin halbernst zur Ordnung rief. „Zieh sie doch nicht so auf.“

    „Wo wollt ihr denn hin?“, unterbrach Moira die Liebäugelei zwischen den beiden. Gute Frage. Sicher hatten sich die zwei Turteltauben nicht grundlos von der Gemeinschaft auf der Terrasse abgekapselt. Das Duo spazierte an Moira und Kolja vorbei und währenddessen eröffnete Colin ihnen beiläufig: „Ich zeig Gwen die Gegend. Kann ein Weilchen dauern, also rennt uns nicht nach.“

    „Bis später“, warf Gwen ihren Freunden einen Abschiedsgruß zu. Danach verschwanden der Sukkubus und der Wolf hinter der Ecke zum Vorgarten.

    Moira schaute den beiden nach. „Hast du das gesehen?“ Hm? Was meinte die Banshee? Was sollte Kolja gesehen haben? „Sie trägt seine Jacke. Colin hat ihr seine Jacke gegeben.“

    Ach so. Ja, warum nicht? Immerhin hatte es eben geregnet und ohne wärmenden Sonnenschein konnte es da schon mal recht kühl werden. Außerdem ging es hier um Gwen. Für sie entwickelte Colin sogar untypische Wesenszüge wie Fürsorglichkeit.

    Weil Kolja auf ihre Feststellung lediglich mit den Schultern zuckte, sprach Moira ihn direkt auf seine Meinung an: „Geht dir dieses ständige Rumgerurre nicht auch langsam auf die Nerven?“

    Ob es ihn nervte? Na ja, zugegeben: teilweise konnte das Süßholzgeraspel der zwei wirklich etwas aufdringlich werden. Stören tat es Kolja allerdings nicht wirklich. Er schüttelte demzufolge verneinend den Kopf und gab die Frage an Moira zurück. „Nervt es dich denn?“

    „Ich finde es anstrengend“, vertraute die Banshee ihm an. „Ich meine, Hazel und Scott waren auch anstrengend, weil sie so lange gebraucht haben um ihre Gefühle füreinander zu sortieren. Gwen und Colin hingegen… zwischen den beiden geht das alles viel zu schnell, wenn du mich fragst. Sie kennen sich doch gerade einmal zwei Wochen, maximal drei.“

    Abermals hob Kolja überfragt die Achseln. Manche Paare vertrödelten eben keine Zeit und solange sowohl Colin als auch Gwen kein Problem in dem rasanten Fortschritt ihrer Beziehung sahen, weshalb sollte Kolja es dann?

    Von der Auffahrt drang Gwens heiteres Gelächter an Koljas Ohren. Es war kein amüsiertes Kichern und erst recht kein gestelltes Glucksen. Der Sukkubus lachte und das tatsächlich aus tiefsten Herzen. Na so was. Womit Colin es wohl geschafft hatte, der sonst gefassten Gwen diese Laute zu entlocken? Bei Moira löste die Geräuschkulisse ein missbilligendes Kopfschütteln aus, doch schlussendlich gelangte sie zu derselben Einsicht wie Kolja: „Aber eigentlich geht mich das alles auch gar nichts an.“



    nächster Teil

  • Schön, schön :)

    Da scheine ich die gute Abby mittlerweile sehr gut zu kennen xD

    Ich kann Koljas Verpeiltheit sehr gut nachvollziehen. Genau so hätte ich auch da gestanden :D

    Zitat von Skadi

    „Du meinst, zur moiralischen Unterstützung?“

    :rofl:

    Das ganze Gespräch zwischen Moira und Kolja war übrigens sehr süß. Und natürlich hat Moira absolut recht mit dem, was sie sagt!

    Zitat von Skadi

    „Ich finde es anstrengend“, vertraute die Banshee ihm an.

    Oh. Ohhh. Ist da etwa jemand eifersüchtig o.O ... Stoff für Episode 3?


    Jetzt aber bitte erstmal das Gespräch zwischen Kolja und Scott :D:P


    LG

  • Danke für dein Feedback, LadyK ^^

    Bist du enttäuscht wenn ich sage, dass wir erstmal unseren anderen Handlungsstrag vorantreiben werden? :pflaster: Genau genommen schreibe ich das Gespräch zwischen den Männern nämlich gerade erst xD (Ich weiß auch nicht, wie diese Episode so lang werden konnte <.< Wenn ich noch 2 Seiten schreibe, habe ich Episode 1 geknackt und bin noch lang nicht fertig mit Ep2... . Help )

  • Skadi :D


    Ich bin nicht enttäuscht, nein. Immerhin will ich auch wissen, was es mit der Sabotage der Fussballmannschaft auf sich hat :D:P -> da gibt's ja auch noch ungeklärte Fragen.


    Ich finde es auch nicht schlimm, dass die Episode länger wird als die erste. Das ist dann halt so xD


    LG ^^

  • Wie viele Männer benötigte es, um einen tobenden Wolfsrüden zu bändigen? Nach Koljas gegenwärtiger Zählung lautete die Lösung dieses Rätsels: fünf. Und um es exakt auszudrücken: Nötig waren zwei Marderpolys, ein Dachs, ein Rotfuchs sowie ein weiterer Wolf. Unter vollem Körpereinsatz hielten Colin und die anderen Fußballer Scott davon ab, Ward an die blasse Kehle zu springen, derweil Hayes beide Stürmer anbrüllte und dabei fuchsteufelswild seine Gehhilfe hin und her wirbelte. Den Anlass, aus dem sein Freund und das Gespenst mitten in ihrer Trainingseinheit aufeinander losgingen, hatte Kolja verpasst – wenn denn überhaupt eine ernstzunehmende Ursache für ihre Auseinandersetzung existierte. Vom Spielfeldrand aus beobachtete der Bär das Gewusel und kurzzeitig zog er in Erwägung einzuschreiten. Da sich allerdings bereits eine halbe Fußballmannschaft um Scott kümmerte, erschienen Kolja zusätzliche Einmischungen ziemlich redundant und deshalb beschränkte er seine Anteilnahme am Geschehen ausnahmsweise auf bloße Schaulust. Neben ihm saß mit übereinandergeschlagenen Beinen Gwen auf der Spielfeldbarriere und ließ sich von Moira ihre Kamera erklären. Dabei zeigte der Sukkubus ein ehrliches Interesse an Moiras Hobby, indem sie gezielt die Funktionen verschiedener Knöpfe und Lämpchen hinterfragte und Moira stillte diesen Wissensdurst allzu bereitwillig. Schließlich meinte Gwen zu ihr: „Weißt du, Mäuschen? Du solltest auf jeden Fall auch mal vor die Kamera treten, anstatt dich immer nur dahinter zu verstecken. Du würdest ein prima Fotomodell abgeben.“ Ein Vorschlag, der bei Moira auf wenig Begeisterung stieß.

    „Danke“, sagte die Banshee scheu, „aber ich denke nicht, dass das eine gute Idee wäre. Ich besitze nicht die nötige Ausstrahlung für so was.“

    „Das ist Unsinn, Süße.“ Mit einer grazilen Handbewegung scheuchte Gwen Moiras Selbstzweifel hinfort. „Du bist ein wirklich hübsches Wesen mit tollem Haar und Haut wie Porzellan. Auf einem Schwarz-Weiß-Foto wärst du ein echter Hingucker und ich kann dir versprechen: Ich wäre nicht die Einzige, die sich einen gerahmten Akt von dir glatt ins Wohnzimmer hängen würde.“

    Moiras darauffolgendes, verlegenes Gestammel wurde von den wütenden Männerstimmen auf dem Rasen übertönt. Hayes schnauzte Scott an und der wiederum Ward, welcher gelangweilt einen Pfifferling auf den ganzen Trubel gab. „Zieh nochmal so eine Scheiße ab, und ich brech' dir deine verdammten Quadratlatschen!“, kläffte Scott den Geist an. Dieser erwiderte gleichmütig:

    „Du solltest froh über meine Quadratlatschen sein, denn jemand mit normalgroßen Füßen könnte niemals deine verkorksten Pässe annehmen. Zielst du überhaupt oder trittst du blind drauf los und hoffst, die Winde würden den Ball schon in die richtige Richtung pusten?“

    Da durchfuhr ein heftiger Ruck Scotts Körper und beinahe wäre es ihm gelungen, sich aus den Griffen von Colin und der anderen Fußballer loszureißen. Doch ein schriller Pfiff zerfetzte jäh die Luft und die Polys auf den Rasen purzelten allesamt zu Boden wie Kegel nach einem grandiosen Volltreffer. 'Alle Neune', dachte Kolja beim Anblick der – passend – neun wimmernden Spieler, die schmerzerfüllt die Handflächen gegen ihre geschundenen Gehörgänge pressten. Im Gegensatz zu ihnen hatte Kolja seine eigenen Ohren rechtzeitig abschirmen können.

    Unterdessen spuckte Hayes seine Trillerpfeife aus. „Verdammte Scheiße, ihr sollt mir zuhören, hab' ich gesagt!“, zeterte der Trainer der Mannschaft und stapfte dabei erbost mit seiner Gehhilfe auf. „Würde ich einem Haufen hässlicher Vogelscheuchen dabei zuzusehen wollen, wie sie sich gegenseitig an kreischen, dann lade ich meine Schwestern mitsamt Nichten zu mir ein. Wir sind hier beim Training! Reißt unseren Gegnern die Ärsche auf, wie ihr wollt aber untereinander erwarte ich Disziplin und Respekt voreinander, ihr dreimal gefickten Hurensöhne! Also kneift die Arschbacken zusammen, bevor ich euch meine Anweisungen eigenhändig mit einer Stopfnadel auf die Eier tätowiere! “

    Nach und nach kämpften sich die Spieler auf die Füße. So auch Scott. „Aber Ward hat-...“

    „Klappe, Fitzpatrick!“, unterband Hayes augenblicklich jeglichen Einspruch. „Mir ist scheißegal, wer was getan hat. Wenn ich noch ein einziges Wort höre – egal von wem – dann reiße ich demjenigen die Zunge raus und versteigere sie als Sexspielzeug auf Ebay! Und zur Strafe dafür, dass ihr mein Training gestört habt, will ich zwanzig Runden um den Platz sehen. Im Dauerlauf!“

    „Zwanzig Runden?!“ Ungläubig gaffte Scott den Leprechaun an. „Am Stück?!“

    „Soll ich dir zwanzig Mal meine Krücke über den Schädel ziehen damit du kapierst, was ich meine? Los, los, los! Beweg dich!“ Die Drohung erzielte ihre Wirkung, denn Scott nahm eilig die Beine in die Hand und flitzte los. Von Ward durfte man dasselbe dagegen schwerlich behaupten. Er begegnete der Bestrafung durch seinen Trainer mit Gleichgültigkeit, was Kolja wenig verwunderte. Ward war tot; Hayes' Sanktion bescherte ihm höchstens Krämpfe in den Waden und gegen diese half es dem Gespenst, einfach seine feste Hülle aufzulösen. Anhand des Ausdrucks auf seinem Gesicht erkannte Kolja, dass Hayes eine ähnliche Schlussfolgerung traf. Zähneknirschend befahl der Kobold Ward daher: „Du! Geh mir einfach aus den Augen, sofort! Und der Rest ...“, rief er der verbleibenden Mannschaft zu, „der Rest legt zehn Minuten Pause ein!“

    Diese Instruktion brauchte Hayes keineswegs ein zweites Mal zu geben. Die Männer gingen auseinander, wobei sich Colin zu seinen Freunden am Spielfeldrand gesellte. Abbys Bruder sah fix und fertig aus. Sein schwarzes Haar klebte an seiner mit schweiß bedeckten Stirn, die Wangen leuchteten rot vor Anstrengung und sein Brustkorb pumpte abgehetzt nötigen Sauerstoff in Colins Lungen. Kolja würde nie verstehen, warum er und die anderen Spieler sich freiwillig bei prallem Sonnenschein von Hayes über den Platz jagen ließen, oder wie irgendeiner von ihnen unter diesen Umständen noch die Kraft aufbrachte, einen rasenden Scott unter Kontrolle zu halten. An Colins Stelle läge Kolja unlängst halbtot mit dem Gesicht nach unten im Gras. Entsprechend dankbar zeigte sich Colin, als Gwen ihm unaufgefordert eine bereitgehaltene Flasche Wasser reichte, er gierig daraus trank und hernach einen Schwall des kühlen Nass über sein erhitztes Gesicht kippte. Alles in Allem bot der Wolf in seinem gegenwärtigen Zustand kein besonders ästhetisches Bild, fand Kolja. Dennoch zückte Moira ihre Kamera und man vernahm das verräterische Piepsen des Auslösers, indes Colin die Nässe aus seinen triefenden Haaren schüttelte. Irgendwie erinnerte Kolja der Anblick an einen nassen Hund, der sein Fell nach einem Bad von der Feuchtigkeit befreite – und ebenso wie in dieser Vorstellung spritzte sie dabei in alle Richtungen. „Iiiihk!“, quiekte Moira angewidert, als sie und ihre Kamera von dem Gemisch aus Schweiß und Wasser getroffen wurden. „Pass doch auf!“ Unter gesenkten Brauen schaute Colin sie an; dann schleuderte er provokativ seinen Schopf ein weiteres Mal umher und abermals stieß die Banshee einen hohen Laut des Protests hervor. „Colin lass das bitte. Meine Kamera wird nass.“

    „Du bist 'n scheiß Paparazzo.“

    Moira überging die Beleidigung und wischte mit dem Ärmel ihrer Jacke ihre Wangen trocken. Dabei beging sie den Fehler, ihrem Unmut Luft zu machen. „Jetzt stinke ich nach nassem Hund. Das ist wirklich eklig.“

    Oh-oh.

    Hätte sie sich das lieber einmal verkniffen. Colins Blick allein kündigte bereits das Unheil an, welches über Moira hereinzubrechen drohte. „Du findest nasse Hunde also eklig“, knurrte er. Angsterfüllt riss die Banshee ihre Augen auf und versuchte vor dem Wolf auszureißen, aber er packte sie bereits am Handgelenk, um in derselben Sekunde die Wasserflasche zu heben und den Inhalt bis auf den letzten Tropfen wie einen Sturzbach über Moiras aschblondes Haupt zu ergießen. Arme Moira. Sie erstarrte regelrecht vor Schreck. Im Anschluss warf Colin ihr die leere Flasche vor die Füße und seinen Hohn gleich dazu. „'Ne aufgeweichte Heulboje ist auch nicht gerade das, wovon ich nachts träume.“

    Schniefend blickte Moira hinter einem Vorhang aus pitschnassen Haarsträhnen hervor. Manchmal benahm sich Colin wirklich wie ein echtes Arschloch und Kolja hätte etwas gesagt, wenn Gwen nicht bereits für die Banshee einstünde. Das Handtuch in ihren Händen war eigentlich für Colin gedacht; nun legte der Sukkubus es lieber Moira um die schmalen Schultern. „Hier, Mäuschen. Du brauchst das dringender“, tröstete sie sie und richtete danach ihren Tadel an Colin. „Das war unnötig.“

    „Sie ist selber schuld. Ich hab' ihr tausend Mal gesagt, sie soll mich mit dieser bescheuerten Kamera in Ruhe lassen.“

    Colins Rechtfertigung überzeugte nicht nur Kolja kein Bisschen, Gwen neigte ebenfalls kritisch den Kopf zur Seite. „Dir ist klar, dass du deinen Willen am schnellsten bekommst, indem du sie einfach das Foto von dir schießen lässt, ja?“ Offenbar nicht. Nachdenklich fuhr sich Colin mit den Fingern über sein stoppeliges Kinn, als spielte er allen Ernstes zum allerersten Mal mit diesem Gedanken.

    Insgesamt kam der Wolf ziemlich glimpflich davon. Im Vergleich zu der Standpauke, die er durch seine Schwester erfahren hätte, fiel Gwens Kritik geradezu minimalistisch aus. Aber Apropos Abby: Wo steckte sie überhaupt? Eben hatte sie doch noch neben Kolja gestanden und mit ihm eine Nachhilfestunde für morgen Nachmittag ausgemacht. Auf der Suche nach der Wölfin sondierte der Bär den Fußballplatz und entdeckte sie bei den Umkleideräumen – und damit zugleich den Grund, aus dem sie sich von Kolja hatte weglocken lassen.

  • Das war wieder herrlich amüsant Skadi :D


    Hayes! ... oh mein Gott ... Hayes :rofl::rofl:


    Aber wenn Colin noch weiter so einen Mist mit Moira abzieht, mag ich ihn nicht mehr :nono: Geht ja gar nicht! Schön, dass Gwen ihr gleich beigesprungen ist, obwohl sie Colin gegenüber nicht abgeneigt ist :)


    Die Frage ist natürlich, welcher Fährte Abby wieder auf der Spur ist. Ich denke, Kolja wird's herausfinden :D


    Bis bald :)


    LG :)

  • Hallo Lady ^^

    Freut mich, dass ich dich erheitern konnte :D

    Aber wenn Colin noch weiter so einen Mist mit Moira abzieht, mag ich ihn nicht mehr :nono: Geht ja gar nicht!

    Ich erneuere einfach mal meine Vermutung vom letzten Sommer :rofl:

    Zitat von Skadi

    Mich beschleicht eine Vorahnung, du wirst Colin am Ende dieser Episode hassen :D

    Mich beschleicht eine Vorahnung, dass du recht haben könntest :D


    Die Frage ist natürlich, welcher Fährte Abby wieder auf der Spur ist. Ich denke, Kolja wird's herausfinden

    Und wir am Dienstag auch! ^^