Die Jahresuhr

  • Gleich vornweg, das hier ist ein ganz und gar sinnfreier Beitrag, inspiriert durch auf dem Sofa liegen und aus dem Fenster gucken. Nicht wundern also^^



    „Es interessiert mich überhaupt nicht, wer von euch angefangen hat!“

    Die Mutter stand mit verschränkten Armen und dem Blick einer zornsprühenden Göttin vor ihrer zwölfköpfigen Kinderschar. In der Linken wippte noch die Haselnussgerte, die sie gerade von einem Strauch hinterm Haus abgeschnitten hatte. Doch aufgrund der Streitereien, deren Auswirkungen mittlerweile das ganze Umfeld mitbekam, war sie gezwungen gewesen, ihre Bande zu sich zu zitieren und dieser die Leviten zu lesen.

    „Was ist passiert?“, wandte sie sich an den fünften Spross. Der fuhr sich durch das sonnengelbe Haar.

    „Der April hat schon wieder Hagel gemacht! SCHON WIEDER! Erst klaut er mir die Kirschblüten, dann hat er so viel Sonne, dass alle Welt schon im Garten sitzt. Und wenn ich dann dran bin, schickt er Hagel!“ Die Anklage war vernichtend.

    „Da kann ich doch nichts dafür!“ fuhr der Belastete auf. „Ich habe nun mal gerade keinen Regen zur Verfügung, den ich schön mit Sonne und Schnee und Wind mixen kann. Denkst du, mir macht das Spaß, die ganze Zeit konstante Temperaturen und strahlend blauen Himmel zu präsentieren? Ich werde schon nicht mehr ernst genommen!“

    „Heul doch!“, knurrten die größten Zwillinge. „Ihr müsst euch wenigstens nicht anhören, dass kein Kind Schlittenfahren kann und es trotzdem die ganze Zeit doof draußen ist. Wenn es nach uns gehen würde, hätten wir alles mit einer schönen Schneedecke überzogen, aber nein – März muss ja wieder alle seine Blumensamen zu uns rüberschicken, auf dass die Krokusse im Februar blühen.“

    „Als ob ich das freiwillig machen würde!“, zürnte die älteste Tochter. „Ich würde ja auch gerne meine Pflanzen Schritt für Schritt aufblühen lassen, damit es immer was neues zum Staunen und freuen gibt. Stattdessen explodieren die Wiesen binnen weniger Tage mit allem, was das kreucht und fleucht.“

    „Und dann besinnt sich der April seiner Pflichten und schickt nochmal Frost, damit alles wieder stirbt“, kicherte eine der braunhaarigen Vierlingsmädchen.

    „Ihr seid besser ganz still!“, brauste der Oktober auf. „Ihr langweiligen Dinger mit eurer Dürre, eurer Hitze und der ganzen Sommer-Monotonie. Eine wie die andere. Früher galt ich noch als Liebling, die Leute genossen die letzten warmen Tage, in meinen Zuständigkeitsbereich fiel die Erntezeit, die Kastaniensammelei und die Vorbereitung auf die langen kalten Wintermonate.“

    Verächtliches Schnauben vom November. „Ja danke, ich wurde die letzten Jahre als überdurchschnittlich warm deklariert. Wenn der erste Advent bei mir landete, schien draußen meistens die Sonne und die Leute machten im Tshirt ihren Sonntagsspaziergang.“

    „Was soll ich da sagen?“, murrte der Dezember. „Alle Welt erwartet Postkarten-Schnee-Idylle. Kann mich nicht entsinnen, wann ich das letzte Mal ordentlich Schnee gebracht hätte, oder über mehrere Tage Dauerfrost. Keiner von uns ist mehr das, was er mal war, aber hauptsache, der Mai beschwert sich über Hagel. Vergiss deine Eisheiligen nicht!“

    Der Mai machte eine wegwerfende Geste. „Ach die. Die haben mich vergessen in den letzten Jahren!“

    In diesem Moment krachte ein Donnerschlag und die Monate zogen die Köpfe ein. Das Gewitter über dem Gesicht von Frau Jahr verhieß nichts Gutes.

    Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

    Im Mund.

    Quer.

    Und ohne zu sabbern.

    :whistling:


    Meine Geschichte

    Elemental

  • Gleich vornweg, das hier ist ein ganz und gar sinnfreier Beitrag,

    Au contraire!!! Kiddel Fee

    Diese kleine Erzählung finde ich ganz und gar nicht sinnfrei. Die ist vielmehr sehr genau auf den Punkt und gut beobachtet.:thumbup:

    Die einzige kleine "Schwäche":

    Man erfährt bereits im zweiten Absatz, daß die zwölf Kinder gar keine sind...ich frage mich, ob man das nicht mit irgend einem listigen Schreibtrick hätte hinauszögern können.


    Also mir hat's gefallen. Danke dafür.:danke:

  • Eine schöne Kurzeschichte Kiddel Fee :thumbup:


    Vor allem trifft sie den Nagel auf den Kopf. Genauso stelle ich mir das vor mit den Jahreszeiten. Wie so zankende Kinder :rofl:

    "Jetzt bin ich dran!"

    "Nein, ich!"

    "Aber ..."

    "NEIN!"


    LG

  • Ja, ein sehr hübsches, kleines Geschichtchen :) Sehr passend und außerdem unterhaltsam. Ich konnte mir die zwölf Streithähne sehr gut vorstellen, ebenso, wie die erzürnte Mutter, die wahrscheinlich nicht zum ersten Mal einschreiten musste :rofl:


    Vielleicht solltest du öfter mal auf dem Sofa liegen und aus dem Fenster schauen? Wenn sowas dabei rum kommt ^^

  • Wie die anderen hier auch, finde ich deinen sinnfreien Beitrag ganz und gar nicht sinnfrei :)


    Die Geschichte ist schön kurz und prägnant ausgeführt und ich denke, alle, die irgendwie mit Kindern zu tun haben, wissen ganz genau wie es sich anfühlt, Frau Jahr zu sein. Im Übrigen finde ich „Frau Jahr“ eine sehr schöne Bezeichnung, gefällt mir gut und passend, dass sie erst am Ende fällt.


    Davon abgesehen bin ich ein Fan von Personifizierungen solcher abstrakten Dinge :D