Vrouwen dienest

  • Hallo Freunde des Mittelalters! Dies ist die herzhafte, herzerfrischende, herzallerliebste, herz - - was sag ich? die ritterromantische Geschichte des Mundburt von Wolkenstein, der in die Welt zog, um ein rechter Ritter zu werden und dabei die köstlichsten, komischsten, krausesten, ha!, knackigsten Aberteuer erlebte, die man sich denken kann...


    Die Abenteuer des fahrenden Ritters vom Wind

    Mundburt von Wolkenstein, erzählt von ihm selbst.

    Neu herausgegeben und mit Anmerkungen versehen

    von

    J. Schreyvogel,

    außerordentlicher Narr und ordentlicher Prof. an der +++- Universität zu ***

    – – –


    Erstes Buch: Des Ritters Geburt, Jugend und Unterweisung.


    Der erste Haufen


    Mundburt von Wolkenstein..................................Fahrender Ritter

    Burghard von Wolkenstein.............................................sein Vater

    Marie-Louise..............................................................seine Mutter

    Liebto..........................................................................seine Taube

    Apollon.....................................................................seine Pferd

    Hildegardis............................................................eine Verehrerin

    Gerlind.................................................................seine erste Liebe


    Burg Wolkenstein


    Statt eines Vorworts


    Wie man von Nattern pflegt zu sagen,

    dass sie der eig´nen Mutter Leib zernagen,

    so ist´s die Seuche, die in diesen Tagen

    dem Menschen schlägt schwer auf den Magen.

    Doch warum wollt ihr gleich verzagen?

    Lest dieses Büchlein mit Behagen,

    und schon verfliegt das Zittern und das Plagen!

    Wer wird da nach was Bess´rem fragen?


    Mundburts Empfängnis und Erzeuger.


    Als mein Vater, Gottes und des Kaisers Ritter Burghard VII. zu Wolkenstein, Markgraf von Aue-Lichtenfeld, meinte, genug geprasst, gezecht, gefurzt, gehauen und gestochen zu haben, ehelichte er die Freifrau Marie-Louise von Katzenellenbogen-Katerberg aus jungem, aber steinreichem Adel (mein Vater war wieder mal pleite), eine Braut so frisch, so gesund, so lieblich, so entzückend schön, wie man selten eine findet, dazu nicht kirchengläubig, aber opferstöckig. Deren Großvater, Haardnack von Katzenellenbogen, ein Kerl wie ein Hauklotz, hatte vom Kaiser als Dank für geleistete Kriegsdienste fünf Dörfer mit Menschen und Mägden samt Feldflur in bester Lage geschenkt bekommen, die er in blühende Landschaften verwandelte und dann gehörig ausplünderte. An dieser drallen Deern rieb und scharschwänzelte mein Erzeuger, bis er sein Füllhorn ausschüttete; daraufhin förderte sie in angemessener Frist etwas zutage, das die Welt bis dato noch nicht gesehen hatte: Mich.

    Dies geschah im Jahre meiner Geburt dreizehnhundertzweiundzwanzig.

    Mein Papa war in jungen Jahren ein lustiger Geselle und wackerer Haudrauf, der keinem Händel aus dem Weg ging, dazu ein starker Esser und Trinker. Deshalb hielt er sich einen tüchtigen Vorrat an Nahrungsmitteln; zum Beispiel Mainzer und Parmeser Schinken, geräucherte Ochsenbacken, gepökelte Schweinsköpfe, dazu eimerweise Senf; auch an Kaviar durfte es nicht fehlen, noch an Bratwürsten, Leberwürsten, Blutwürsten und anderen in Darmschläuche gepresste Fleischwaren; der Berg an Knoblauch füllte den halben Zwinger. Da er gerne Geselchtes aß, stiegen im ganzen Land die Salzpreise. Auch der Weinkeller war gut und reichlich sortiert; am meisten liebte er Mosel, aber auch eine Arsch-Leckerei* verschmähte er nicht, desgleichen einen Bordeaux, Muskateller, Traminer, Riesling, Fiesling und dergleichen. Er trieb es wie ein Sauspieß und war immer so gefüllt, dass er sich schon beschiss, wenn er nur zu furzen glaubte. Die Humpen krachten aneinander, die Becher klangen, die Fäuste flogen, kernige Flüche und geselliges Grölen erfüllte die Luft.

    Ha! Wenn ihr mir nicht glaubt, fragt meine alte Amme Hildegard, die kann´s euch bestätigen.

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    *Gemeint ist: Aarschleckerchen, eine Weinsorte


    Mundburts Elternhaus.


    Burg Wolkenstein, unser Stammsitz, liegt einsam auf der Spitze eines schroffen Felsens; der Zeigefinger eines urweltlichen Riesen über der Landschaft. Lediglich eine Holzbrücke, von starken Seilen gehalten, verbindet die Burg mit dem Rest der Welt. Zur nächsten Bergwand sind es nur wenige Schritte, doch dazwischen liegt ein Abgrund, so tief, so unheimlich, so unergründlich, dass auch am hellen Mittag kein Lichtstrahl seinen Grund erreicht. Der Volksmund will wissen, dass dort unten ein Drache haust, der es auf herzige Fröken abgesehen hat; tatsächlich verschwindet manchmal eine blutjunge Fraue spurlos, doch ernsthafte Leute suchen das Ungeheuer dann nicht in der Drachenschlucht, sondern auf Burg Hohenlohe, von der aus ein übel beleumdeter Ritter immer wieder Angst und Schrecken verbreitet.

    Dieser einzigartigen Lage ist es zu verdanken, dass Burg Wolkenstein noch nie eingenommen wurde; droht Gefahr, wird die Brücke herabgelassen; sie hängt dann, unerreichbar für die Angreifer, in die Schlucht hinab. Doch wie so oft liegen Segen und Fluch auch hier eng beieinander; denn bei gefällter Brücke ist auch der einzige Zugang nicht nur für die Feinde gekappt, sondern auch für die Kaufleute. Deshalb haben die Burgherren immer darauf geachtet, genug Lebensmittel vorrätig zu halten, denn eine Belagerung zehrt nicht nur an den Nerven. Zusätzlich legte mein Urgroßvater, Markgraf Burghard IV, einen geheimen Flucht- und Versorgungsstollen an, der irgendwo draußen auf der Alb beginnt und irgendwo tief unten im Burgfelsen endet. Da er geheim blieben soll, dieser Gang – seit der Papst Acht und Oberacht über den Kaiser verhängte, ziehen immer öfter marodierende Söldnerbanden durchs Land – beiß ich mir eher die Zungenspitze ab, als dass ich nähere Einzelheiten ausplaudere.

    Da fällt mir ein... Möglicherweise hat meinen Urahn nicht die Angst vor drohender Nahrungsmittelknappheit, sondern die Weissagung der Wahrfrau zu dem Tunnelbau veranlasst.

    – Schreiber, ist genug Dinte für einen Abschweif da?

    Gut, dann schreibt: Im Jahre Zwölfhuntertsechsundneunzig – ein paar Jährchen mehr oder weniger ist´s auch gut – kam eine Bande von Gauklern, Fiedlern und Komödianten auf die Burg, um sich ein paar Heller zu verdienen. Unter ihnen war auch eine lendenlahme Alte, mit einem Buckel wie eine Mansarde und einer Warze wie ein Krötenkopf auf der Nase, der man die Fähigkeit des Zweiten Gesichts nachsagte. Bei einem Gelage nun kam es zu einem starken Wortwechsel zwischen meinem Urahn und einem der Komödianten, beides ausgemachte Hitzköpfe. Mein Urgroßvater nahm, indem der Kerl seine Beleidigungen vorbrachte, einen Ochsenziemer und hieb dem Mimen eins übers Gesicht, worauf der blutend niederging. Das brachte die Alte entsetzlich auf, sie schrie meinen Urgroßvater an: „Hatz, Herz und Hölle! Das habt Ihr nicht umsonst getan! Zur Strafe werden gläserne Heere diese Burg zerstören, und kein Lot Korn wird auf Euren Äckern wachsen!“

    Vielleicht hat es Burghard, der sonst kein Zimperling war, tatsächlich mit der Angst bekommen und ließ den Tunnel als Fluchtweg aushauen. Wie dem auch sei – seitdem sind über hundert Jahre Jahre vergangen, und Burg Wolkenstein steht immer noch, stolz, erhaben, ein Palas zwischen Himmel und Erde. Wahrscheinlich hat die Alte nur gesponnen. Denn was, bitte schön, sind gläserne Heere?*

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    *Eis und Schnee. Fakt ist, dass Burg Wolkenstein seit Mitte15. Jh. verlassen dasteht, wahrscheinlich aufgrund der sogen. Kleinen Eiszeit, die europaweit den Niedergang der Wirtschaft zur Folge hatte.


    Mundburts vorgeburtliche Wahrnehmungen.


    Wenn ich ehrlich bin, an die ersten Wochen meines Daseins im Bauch meiner Mutter kann ich mich nicht erinnern. Meine Wahrnehmungen begannen erst, nachdem mir der Herrgott die Seele eingehaucht hatte. Viel war es nicht; ich weiß nur noch, dass es stockfinster war, doch das störte mich nicht, denn ich kannte ja kein Licht. Verwirrend hingegen waren die vielen unbekannten Geräusche, die auf mich eindrangen. Da pochte, gluckerte, knurrte, knarrte, kratzte, brummte, polterte, zischte, bratzte es; zuweilen waren auch helle bis sehr hohe Töne zu hören, mal sanft und leise, mal ohrenbetäubend stark. Bald lernte ich, die Herkunft dieser Geräusche zu unterscheiden; einige kamen aus nächster Nahe, wie zum Beispiel dieses Brummen und Gluckern, oder von weiter oben, wie dieses regelmäßige Pochen; andere schienen aus weiter Ferne zu kommen. Das waren eigenartige Geräusche, ein Knarren, Poltern, Trommeln und ein seltsames Stimmengewirr, Töne, die mich jedesmal aus dem Schlaf schreckten. Mit der Zeit stellte ich gewisse Regelmäßigkeiten fest; etwa, dass es besonders stark brummte, wenn es zuvor viel gegluckert hatte, oder, dass dieses Lautgewirr, das von draußen kam, immer dann besonders stark war, wenn es gleichzeitig heftig polterte und knarrte. Natürlich konnte ich mir damals keinen Reim auf all diese sonderbaren Laute machen, trotzdem habe ich alle diese Geräusche sorgfältig im Gedächtnis behalten und später aufschreiben lassen, um herauszufinden, was dahinter steckte. Hier ist die Liste und das Ergebnis meiner Nachforschungen:


    Das regelmäßige Pochen – der Herzschlag meiner Mutter

    Die sehr hohen, leisen Töne – ihre Stimme, wenn sie normal redet

    Die sehr hohen, lauten Töne – ihre Stimme, wenn sie eine Magd herunterputzt

    Das Gluckern – ihre Verdauungsgeräusche

    Das Brummen – sie lässt einen fahren

    Das Zischen – sie pisst

    Das Bratzen – sie kackt

    Die hellen Töne – die Stimme meines Vaters

    Das Kratzen – er streicht sich übers Kinn

    Das Poltern – er liefert sich mit einem seiner Zechbrüder einen Faustkampf

    Das Knarren – die Gartenbank unter seinem Gewicht

    Das Röhren – mein Vater rülpst mit offenem Mund

    Das seltsamen Gesänge – mein Vater und seine Zechbrüder lassen es sich gut gehen.


    Zuweilen wurde es ziemlich eng, und zwar immer dann, wenn es draußen hoch her ging. Ich kam erst nach meiner Geburt darauf, aus welchem Grund. Meine Eltern saßen dann am Mittagstisch, und meine Mutter stopfte sich mit Kuddeln* voll, ihrer Lieblingsspeise, während sich mein Vater mit den versammelten Zechbrüdern unter haha! und hoho! über einen Scheißdreck stritt, zum Beispiel, ob das Ei eher da war als die Henne, ob es gesünder sei, dass Bier aus dem Fass zu trinken oder aus Schnabelschuhen und ähnlichen Schwachsinn. An eine dieser Darbietungen kann ich noch gut erinnern, denn es zog gerade ein Gewitter auf (bin mir allerdings nicht mehr ganz sicher, ob es nicht eher meine Mutter war, die da donnerte). Nach dem, was ich später erlebte, muss sich folgendes abgespielt haben:

    „Ha!“, schreit eine raue Stimme, „sagt doch, Herr Ritter, – hick! – was war eher da, der Durst oder das Trinken!“ – „Das Trinken!“, antwortet eine hohe Stimme, „kaum bist du auf der Welt, schon trinkst du!“ – Es war Vaters Stimme, denn trotz seiner enormen Außenmaße klang seine Stimme immer noch wie die eines Jünglings, der den Stimmbruch verpasst hat. – „Unschinn!“, ruft ein anderer heiser und rülpst kräftig, „der Durscht war zuerscht da! Unscher Herr Schesus hat Eschig jetrunken, weil er – rülps – durschtig war!“ – „Hoho! Gab´s denn damals diesen elenden würstchen... ähh... hick... württemberger Krätzer schon?“ Brüllendes Gelächter. – „Ich trink auch ohne Durst!“, wieder mein Vater, „denn regelmäßiges Trinken hält gesund! Ein augenscheinlicher Beweis dafür ist, dass es Leute gibt, die, solange sie nüchtern sind oder zu wenig getrunken haben, einen mit Wein, Bier oder Met gefüllten Becher nicht fest in der Hand halten können, ohne heftig zu zittern.“ Zum ersten Mal erfuhr ich, dass die Sätze meines Vaters umso länger wurden, je mehr er getrunken hatte. – „Manche wackeln sogar mit dem Kopf, wenn sie – upps! – nicht genug intus haben“, bemerkt die raue Stimme. – „Wie kommt es denn“, ruft ein anderer, „dass meine Frau nicht mit dem Kopf wackelt, obwohl sie nicht trinkt?“ – „Ha, ganz einfach, Fr-eund, weil sie kein Ge-hihirn hat, das den G-geist des Wei-weines aufnimmt!!“ – „Oho, du Rattenschwanz, das nimmst du sof-fort zurück, s-sonst –“ – „Was“, lässt sich jetzt eine tiefe Stimme vernehmen, die bisher geschwiegen hatte, „regst du dich auf, Lothar, Fassbier hat doch Recht! Nach Platon sind Frauen aus schwatzhaften Männern entstanden, und im nächsten Entwicklungsschritt werden sie in Vögel verwandelt. Und, hast du bei einem Huhn schon mal Gehirn entdeckt?“ – „Doch, du musst nur genau hinsehen, du Hosenscheißer“, koddert jetzt eine hohe Stimme – die meiner Mutter – „aber wenn ich dich genau ansehe, Freund Rattenschwanz, kann ich hinter deiner Stirn noch weniger Hirn entdecken als hinter einem Hühnerschnabel!“ In die verblüffte Stille hinein ruft mein Vater: „Hey, Ihr Liebden, und Ihr, Frau, hört auf zu streiten! Trinken wir, denn wer immer trinkt, stirbt nicht! Heda, Knappe, die nächste Buteille entkorkt, aber dalli!“ Und Vater brüllt los (gottseidank waren alle diese Geräusche durch die Bauchdecke meiner Mutter gedämpft, sonst wär ich wahrscheinlich taub zur Welt gekommen):


    „Tanzen, springen, schöne Sach`

    trinken Roten oder Weißen

    und nichts tun den ganzen Tag

    außer Pissen oder Scheißen!“


    Da ließ sich auch meine Mutter nicht lumpen, sie lieferte die zweite Strophe:


    „Pisse wie ein junger Gott,

    doch nicht in, sondern neben den Pott,

    wie auch die Glocken von meinem Schatz

    nicht hängen in, sondern neben dem Matz!“


    Und schon fielen die anderen Genossen ein, dem Vernehmen nach alles tüchtige Kumpane, Saufbrüder und Kegelschieber, sodass die Hunde auf den Nachbarburgen zu heulen anfingen:


    Pisse wie ein junger Gott,

    doch nicht in, sondern neben den Pott...


    So ging es hin und her, bis es einen dumpfen Schlag gab; ich vermutete, jemand sei umgefallen, was sich als richtig erwies, denn mein Vater rief: „He, Knecht, einen Eimer Jauche her und ihm ins Gesicht geschüttet, damit er wieder hochkommt!“

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    °Knödel aus fetten Schweinedärmen


    Mundburt lernt seine Eltern kennen und spielt seiner Mutter einen vorgeburtlichen Streich.


    Ja, lieber Leser, du hast richtig gelesen. Ich hörte Vater sagen: „He, Knecht, einen Eimer Jauche her und ihm ins Gesicht geschüttet, damit er wieder hochkommt!“

    Plötzlich verstand ich alles, was draußen geredet wurde, obwohl ich selbst nicht sprechen konnte, denn ich hatte den Mund voll mit einer süßlichen Flüssigkeit. Es war ein Wunder, und ich begreif´s bis heute nicht. Nun ja, Wunder, was heißt das schon bei so einem wie mir. Nicht nur das Hörwunder, nicht nur meine Geburt – mein ganzes späteres Leben war, wenn nicht gerade ein Wunder, dann aber zumindest in höchstem Maße verwunderlich.

    Ein andermal ging es weniger hoch her – es war kurz vor meiner Niederkunft, und mein Vater hielt es wohl für angebracht, eine ernsthaftere Lebenshaltung an den Tag zu legen, zumindest für ein paar Stunden. Da er ziemlich leise sprach, konnte ich nicht alles verstehen, aber was ich verstand, gab mir doch schwer zu denken, sodass ich beinahe meine Geburt verpasste.

    „Ich habe“, sagte mein Papa, „nie lesen und schreiben gelernt, denn ich bin ein Ritter zu Gottes und des Kaisers Ehr, und kein Pfaff oder Afftheiker. Trotzdem kann sich meine Handschrift sehen lassen, was Dutzende von zerhauenen Jammerlappen beweisen. Versteh auch nicht, warum sie jetzt überall diese... äh... Universitäten gründen. Wozu? Brauch kein Latein. Rede, wie´s mir gefällt, nicht Lateinisch sondern Deutsch, auch wenn manche behaupten, das sei ein Afterdialekt, den nur Bauern und Schweine verstünden. Von mir aus! Ich sage Arschloch und nicht culus, sage Scheißdreck und nicht faeces – was übrigens nach nichts riecht – sage Sausack, wozu es, hab ich mir sagen lassen, überhaupt keine Übersetzung ins Lateinische gibt.“

    Es knallte scharf, sodass ich in meinem Warmbad vor Schreck eine Rolle rückwärts machte. Später lernte ich, dass gerade ein Korken aus der Sektflasche geflogen war.

    „Schaut euch doch nur diese akadämliche Jugend an!“, fuhr Vater mit ah!... oh!, das ist ein Tropfen! fort, „haben doch keinen rechten Gewinn davon, sich den Arsch mit der Rute zerstriemen zu lassen, werden vielmehr immer dümmer, einfältiger, verträumter und verwirrter. Wollen eine andere, modernere Welt! Ha, diese Affenschwänze! Papst, Kaiser und die Fürsten sind froh, dass sie so ist wie sie ist, die Welt und wollen sie keinen Deut anders! Daran seht ihr, diese Lernerei zwängt die Jugend geistig doch nur ein, verhindert, dass sie sich geistig entfaltet, und, verdamm mich!, der klare Menschenverstand bleibt letztendlich auf der Strecke. Und was kommt hinten dabei heraus? Pfaffen, Ärzte, Advokaten, Stadtkämmerer, Steuereintreiber und, hol mich der Teufel, ähnliches Gesindel, und alle liegen dem Bürger auf dem Beutel! Dabei ist jeder Narr sicherer im Urteil als einer dieser hodenlahm studierten Rechtsverdreher!“

    „Lieber Mann, übertreibt Ihr jetzt vielleicht nicht ein bissl?“, wand meine Mutter ein.

    „Ich übertreibe? Mitnichten, Frau! Zu Beweis und Exempel erzähl ich Euch mal einen Fall. Hat mir Lothar erzählt, und der redet keinen Stuss.“ Ein eigenartiges Geräusch war zu hören, das sich von all denen unterschied, die ich bisher gehört hatte. Später lernte ich, dass mein Vater gerade seinen Wein schlürfte.

    „Ihr kennt doch, Frau“, hob er an, „den Garkoch am Marktplatz zu Ulm. Eines Tages so um Johannis* setzte sich ein Lanzenträger vor seinen Laden, nahm ein Stück Brot heraus und begann zu essen. Dabei ging seine Nase wie die eines Trüffelschweins, denn der Bratenduft aus der Küche kitzelte seinen Riechsinn. Der Koch ließ das ruhig geschehen; als jener aber sein Brot verzehrt hatte, fasste er ihn beim Kragen und verlangte Bezahlung für den Bratenduft. Der Ulan entgegnete: 'Holla, Freundchen! Hab ich Fleisch angerührt? Bei allen Heiligen: Hab ich nicht!' Also sei er dem Koch nichts schuldig. Wenn er so besorgt um seinen Bratenduft sei, solle er ihn doch einfangen und auf Flaschen ziehen. Außerdem habe er noch nie gehört, dass irgendwo Bratenduft verkauft würde, weder in Rom, London, Paris, und schon garnucht in Ulm, das sich zu diesen Städten verhielt wie ein Hanswurst zum Kaiser. 'Schert Euch zum Teufel!', schrie er, 'Ihr riecht, als habe man nasuam ad culem'**. – Der Koch, aufgebracht von solcher Rede, schrie: 'Nichts da, culem hin, culem her, Ihr zahlt, sonst verklage ich Euch bei Gericht!' Und weiter: Wie käme er dazu, fremde Leute mit seinem Bratenduft kostenlos zu füttern, dann wäre er bald banca rotta. Der Lanzenträger griff nach seine Pike, um sich zur Wehr zu setzen.

    Bei dem Lärm lief das Volk von allen Seiten zusammen. Unter den Gaffern befand sich auch der Baccalaureus Petersilius Pilzschnitzel, ein namhafter Gesetzesschinder und Beutelschneider. Sobald ihn der Garkoch sah, lief er auf ihn zu und schilderte ihm den Fall. Pilzschnitzel legte bedächtig die Stirn in Falten, eine Verrichtung, die laut Gebührenordnung bereits eine Mark kostet, legte den Kopf in den Nacken wie ein Gehenkter, den man vom Seil schneidet – die nächste Mark – flüsterte erst etwas auf griechisch, was sich so anhörte wie hähne-mähn-heu, aebte-mähn-gras – wieder eine Mark – dann auf lateinisch (was ich nicht verstand, denn Mama ließ gerade einen fahren), sagte dann: 'Hmm, zunächst die Beweisaufnahme'. – Er wandte sich an die Zuschauer. – 'Leute!', rief er, 'hat außer dem wackeren Kämpen hier noch jemand Bratenduft gerochen?' – Keiner meldete sich, denn jeder hatte Angst, er müsse bei Verurteilung des Ulanen zahlen. – 'Aber ich rieche ihn doch', zeterte Meister Ewert, 'er kommt direkt aus meiner Küche! Er ist echt und keine Einbildung!' – 'Das mag ja sein', erwiderte Pilzschnitzel, 'aber könnt Ihr auch beweisen, dass ihn der Ulan auch wirklich gerochen hat?' – Natürlich! Er hat deutlich geschnuppert und dabei die Nase bewegt!' – 'Aha!', rief Pilzschnitzel, 'das ist ja schon mal was! Also, Herr Lanzenträger, schnuppert einmal und bewegt dabei die Nase!... Gut, das reicht. Nun, habt Ihr etwas gerochen?' – 'Nein!' – 'Hmnja', brummte der Baccalaureus, 'Meister Ewert, das ist ein schwieriger Fall! Um ihn bewerten zu können, muss ich erst einen Kollegen von der Olfactorischen Facultät als Berater hinzuziehen. Kostet – –' Pilzschnitzel nannte einen gepfefferten Preis.

    Der Garkoch war mittlerweile derart in Harnisch geraten, dass er, um die causa an ein für ihn günstiges Ende zu bringen, seine Großmutter zum öffentlichen Verkehr freigegeben hätte, denn er fürchtete erhebliche Absatzeinbußen, wenn die Kundschaft nur noch röche, aber nicht kaufte. – 'Herr Baccalaureus!', rief er, 'ich zahle jeden Preis –'“

    Hier wurde Papas Rede von einem unangenehm kratzig knisternden Geräusch überlagert, sodass ich nichts mehr verstehen konnte, und das eine Weile andauerte. Später tauchte dieses Geräusch immer dann auf, wenn sich mein Vater das Kinn rieb. Endlich verschwand das Knistern, und seine Worte waren wieder klarer zu vernehmen.

    „ – 'sagte der Narr, ich löse Euch den Fall für ein paar anständige Bratwürste und einen Eimer Senf.' – 'Wie viele wollt Ihr?', fragte der Koch sofort. – 'So viele, wie Sterne in meine Narrenkappe passen!' – 'Einverstanden!', rief der Meister, 'das schaffen wir!' – Der Narr wandte sich an den Ulanen. – 'Seid Ihr zufrieden, Missjö?', fragte er, 'dass der Ulmer Stadtnarr den Streit schlichtet?' – 'Schockschwerenot ja!', rief der, 'ich bin´s zufrieden!' – Der Narr befahl nun dem Lanzenträger, ein Geldstück aus der Tasche zu ziehen, was dieser auch tat und ihm einen florentiner Gulden hinreichte. Der Narr beäugte den Gulden von vorne und hinten, biss auf ihm herum, warf ihn auf die Ladentheke, dass es klimperte, legte ihn dem Garkoch erst auf die Schulter, dann auf die Hand, fragte endlich: 'Glaubt Ihr, dass er echt ist?' Der Garkoch –“

    Wieder erklang dieses Schlürfen, dann fragte mein Vater: „Was meint Ihr, Frau, wie geht die Geschichte wohl aus?“ – „Weiß nicht“, sagte meine Mutter, „hab zum Nachdenken wohl zu viele Kuddeln gegessen!“

    Ha! Aber ich wusste es! Der Garkoch darf an dem Geldstück riechen, und der Narr erklärt ihn für bezahlt! War ja nicht schwer zu erraten. Begann, um auf mich aufmerksam zu machen, wie wild zu strampeln, denn wie gerne hätte ich meiner Mutter unter die Arme gegriffen. Doch anstatt auf mich zu achten, fing sie an zu schreien, als habe sie der Löwe gebissen: „Oh ooh OOOOH!“, rief sie, „ich glaub, es geht los! Ah Aah! AAAH!, lieber Mann, holt die Heb-Amme!“ – Mein Lämmchen“, sagte mein Vater, „hab dich nicht so! Das erste Mal ist immer das schwerste! Du wirst sehen, das Hundertste kommt von selbst!“ – „Pah!“, rief meine Mutter zurück, „von wegen! Vorher schneide ich dir deinen ab!“ – „Meinen?“ – „Ja deinen!“ – „Nicht doch! Wo sollen denn dann –“

    Mir wurd´s zu bunt, ich strampelte wieder los. Mutter kreischte auf, dann war Ruhe. Enttäuscht von solchem Geschwätz verkroch mich so gut es ging, trat aber aus Versehen noch einmal zu. Und wieder ging es los: „Ih iih IIIH, Mann, beeilt Euch, ich halt´s nimmer aus!“ – Das Spiel begann mich zu interessieren. Immer, wenn ich gegen eine dieser weichen Wände stieß, fing meine Mutter an zu jammern und zu kreischen. Doch dann blieb ein Bein irgendwo stecken, auch hatte ich den Eindruck, dass meine Höhle immer enger und trockener wurde. Allmählich wurde ich müde und schlief ein. – –

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    * Johannistag, 21. Juni

    ** die Nase am Hintern


    Mundburts Geburt und Namensgebung


    Ich erwachte, weil mich irgendetwas Kaltes, Zangenartiges gepackt hielt und in eine Richtung zog, die mir nicht behagte. Zwar hatte ich keine Ahnung wohin, doch mein Instinkt sagte mir, dass es mir außerhalb meiner jetzigen Behausung nie wieder so gut gehen würde. Warf also blitzschnell den Hintern herum und sah mich nach einem Fluchtweg um. Unterdessen ging draußen ein Lärm los; hörte die Hebamme schreien: „Jessesmariachosseff, das Kind ist weg, das Kind ist weg!“, worauf meine Vater nach einem kräftigen Rülpser zurückrief: „Kein Problem, Frau Amme, dann machen wir eben ein neues! Wer das erste geschafft hat, schafft auch ein zweites!“

    Inzwischen hatte ich mich auf gut Glück weiter nach oben gestrampelt, gelangte durch einen engen, gewundenen Schlauch in die untere Hohlvene meiner Mutter (später habe ich diesen Fluchtweg an einer geschlachteten und halbierten Sau rekonstruiert), von da aus über die Lunge in die Luftröhre, worauf meine Mutter fürchterlich husten musste. Alles weitere ging jetzt so schnell, dass es sich einer genauen Beschreibung entzieht; nur soviel: Plötzlich war um mich eine rasende Helligkeit, ich fand mich in einem Tuch wieder, und meine Mutter rief: „Das ist es ja, das Kind, mein Gott, wie kann das sein?“ Jetzt wurde es dunkel, denn Vater und die Amme beugten sich über das Tuch. „Potztausend!“, rief Papa, „eine Mundgeburt! Also soll der Kleine Mundburt heißen!“ –

    Ihr glaubt mir nicht? Ihr sagt, es sei gegen alle Wahrscheinlichkeit? Pah! Gerade deshalb, sag ich euch, könnt ihr mir glauben! Erklären uns die Theologen doch, dass der Glaube der Beweisgrund für das ist, was gegen alle Wahrscheinlichkeit steht. Auch in der heiligen Schrift finde ich nichts, was dagegen stritte. Steht nicht dort: Bei Gott ist kein Ding unmöglich? Item! Wenn er wollte, könnte eine Frau ihr Kind durchs Ohr empfangen, warum, in drei Teufels Namen, könnte er nicht zur Abwechselung Freude an einer Mundgeburt haben? Wo doch Plinius von allerlei absonderlichen Geburten berichtet! Wurde Bacchus nicht aus Jupiters Lende geboren, und ist nicht Minerva aus seinem Ohr gekrochen? Und ihr wollt mich einen Lügner nennen? Ich bitt euch, liebe Leute, macht euch den Kopf nicht mit solch törichten Zweifeln dick!


    Forts. folgt

  • Heyho McFee


    Was Neues von Dir?

    Bin sehr gespannt drauf...habe nur heute Abend überhaupt keine Zeit, mir das durchzulesen (Besuch).

    Aber das hol ich morgen nach!:thumbup:

  • Hui, McFee , da hast du aber wieder ordentlich vorgelegt. Ich hab absolut nix zu meckern. Es liest sich locker, flüssig, wenn auch für meinen Geschmack etwas sehr ordinär, aber fängt wenigstens gut die Stimmung ein. Ich mag den Humor und am allerliebsten diese herrlichen Namen! Mein Favorit bisher: Petersilius Pilzschnitzel!:D


    Normalerweise lese ich hier im Forum etwas und sofort läuft mein innerer "Was könnte man verbessern"-Mechanismus mit, aber diesen Exzerpt konnte ich einfach mit Vergnügen lesen. Ja, hin und wieder machst du eine kleine Satzwiederholung, aber ich glaube, das ist beabsichtigt und ich würde das auch nicht ankreiden. Ich bin genau wie der Wanderer gespannt auf mehr.

  • Hallo!

    Ich komme aus versch. Gründen erst jetzt dazu, eine Antwort zu schreiben und bitte um Vergebung...

    Liebe Stadtnymphe, dass du nichts zu meckern hast freut mich, hoffentlich bleibt es so! Trotzdem, spar nicht mit Kritik, denn sollte es gut sein, so kann es immer noch besser werden! Und auch auf dein Urteil, lieber Wanderer, bin ich sehr gespannt! Nun also die Fortsetzung.





    Mundburt trinkt hundert Ammen leer und wird trotzdem nicht satt.


    Zunächst hatten alle Sorge, dass ich wegen meiner Kleinheit überhaupt auf Dauer lebensfähig sei; von solch einem winzigen Kind, das in einem Eierbecher Platz fand, hatte noch niemand gehört. Mein Vater, der nach eigener Auskunft weder lesen noch schreiben konnte aber einen gesunden Menschenverstand besaß, rief, als er meine Wenigkeit erblickte: „Zum Teufel, was ist das? Da hilft nur trinken, trinken, trinken! Mit Wein und Bier wird´s noch nichts, beginnen wir mit Milch!“

    Es erwies sich jedoch bald, dass meine Mutter den ständig wachsenden Bedarf an Milch nicht liefern konnte, was ich mit unbändigem Gebrüll quittierte. Da ließ Vater, dem mein Geschrei die Zechbrüder vergrätzte und den Nachtschlaf raubte, eine Amme kommen, eine dralle Frau mit einem Hintern wie ein westfälischer Ackergaul und einem Busen wie ein Balkon, die mich im Wechsel mit meiner Mutter stillte. Doch das führte dazu, dass ich, auf doppelten Geschmack gekommen, kurz nach dem Absetzen schon wieder in ein heidnisches Gezeter ausbrach. Infolge dieses fatalen Umstands wurde eine zweite Amme gedungen, dann eine dritte, vierte, und als auch diese im Verein mit Mutter meinen Durst nicht stillen konnte, sandte mein Vater Herolde aus und ließ landauf landab verkünden, auf Burg Wolkenstein sei ein Knäblein geboren worden, dessen Durst größer sei als der des sagenhaften Römers Moctuin*. Es würden Milchmütter gesucht, die gegen ein tüchtiges Entgelt für den täglichen Bedarf zu sorgen hätten. Schließlich sollen die Ammen bis über die Zugbrücke hinaus gestanden und auf ihren Einsatz gewartet haben; mein Vater behauptete später, es seien über hundert gewesen. Na ja, war wohl stark übertrieben, denn er nahm es mit der Wahrheit manchmal nicht so genau; ich denke mal, dass neunundneunzig auch gereicht haben.

    Mein Vater betrachtete diese Entwicklung mit sichtlichem Stolz; immer wieder klatschte er in die Hände und rief: „Hoho, aus dem Scheißer wird mal ein strammer Trinker und würdiger Stammhalter! Hab mir ja auch alle Mühe gegeben, ihn ordentlich anzurühren!“

    Doch die Ammen hatten mit mir viel Kümmernis; bei der einen schmeckte mir die Milch nicht, bei einer anderen missfiel mir die Nase; eine dritte roch zu sehr nach Kuhstall, eine weitere derart nach Lavendel, dass mir schlecht wurde und ich ihr den Ausschnitt besudelte. Mal war mir die Milch zu dick, so dass ich sie der Amme zurück und ins Gesicht spie, dann wiederum zu dünn, und ich wurde nicht satt.

    Das dauerte etwa ein Jahr, dann bekam ich das Fläschchen.

    Die Ammen, abgemagert bis auf die Knochen, viele vor der Zeit ergraut, wurden ausbezahlt und nach Hause geschickt. Um den nötigen Bedarf an Frischmilch sicherzustellen, ließ mein Vater hundert Kühe, zweihundert Ziegen und dreihundert Schafe kommen. Da für die vielen Tiere im Zwinghof kein Platz war, ließ er Schiffe aus Schilfrohr bauen (wie´s schon die alten Ägypter taten) und mit den Tieren in den Burggraben setzen. Das Gemuhe, Gemecker und Geblöke war bis weit ins Land hinaus zu hören; seitdem heißt die Gegend vor der Burg 'Das Meckelfeld'. Über diesem tierischen Gebrüll lag noch mein Geschrei, denn ich schrie unentwegt nach Nahrung, umso mehr, als ich schon zu stattlicher Größe herangewachsen war. Mein Vater raufte sich die Haare und meine Mutter, die in letzter Zeit an einem hartnäckigen Frieselfieber litt, von dem niemand wusste, wo es herkam, war nur noch ein Schatten.

    Da machte eine Küchenmagd, die selbst einen Knaben in meinem Alter 'auf der Bank'** geboren hatte, den Vorschlag, einen schönen Bollerwagen bauen zu lassen und mich samt ihrem Söhnchen darin herumzufahren; denn der Anblick der bewegten Natur und die Gesellschaft des anderen Kindes, meinte sie, würden mich sicherlich ablenken. So geschah es. Der Wagen wurde gezimmert, mit vier Holzrädern und einer Deichsel sowie fein ausstaffiert mit Kissen und wärmendem Wollzeug. Dafür, dass mich die Sonne nicht verbrenne und der Regen nicht einnässe, wurde noch ein roter Schirm aus damaszener Tuch angebracht.

    Für das Einnässen sorgte ich dann selbst; das Geschüttel und Geruckel des Wagens brachte meine Eingeweide dermaßen durcheinander, dass ich mich alle Augenblicke bepisste und beschiss; dass die braune Soße mir aus der Halskrause quoll und uns beide, das Söhnchen und mich, aussehen ließ wie die Mooren. Dann wieder war ich schlecht gelaunt, warf den Bankert aus dem Wagen, weil ich annahm, er sei eine giftige Schlange, schrie und strampelte mit den Beinen, riss mir das Kleid vom Leib, schrie, strampelte und schiss; weinte, schrie und pisste; strampelte schrie und weinte; strampelte, weinte und pisste; schrie, strampelte, weinte, pisste und schiss. Um mich auf andere Gedanken zu bringen, wurde eine Gauklerbande auf die Burg geholt, doch das alberne Getue, das sinnlose Herumhopsen, Beine schlenkern und Bälle in die Luft werfen sagte mir nichts, wieder war ich schlecht gelaunt, ärgerlich und zornig. Doch sobald ich mein Fläschchen bekam, wurde ich sanft und still wie ein Lamm.

    Inzwischen war ich zu stattlicher Größe herangewachsen; hatte nach Aussagen meiner Mutter bereits mehr Doppelkinne als sie selbst, einen Bauch wie ein Elefantenhintern, Finger, so dick wie Bratwürste, Oberarme, rund wie päpstliche Bullen, Oberschenkel wie ein Schock Knurrhähne und einen Ackermann wie ein Glockenklöppel.

    War ich bei meiner Geburt zu klein gewesen, so war ich jetzt für mein Alter zu groß; ich wuchs unaufhaltsam, wuchs und wuchs, ein Ende lag nicht in Sicht. War auf dem besten Weg, ein Riese zu werden. Besucher, die meinen Anblick nicht gewohnt waren, schlugen sich vor die Stirn und riefen entsetzt: „Ihr müsst ihm unbedingt die Ration kürzen, sonst wächst er euch noch über den Kopf!“ Die Guten! Das konnten sie nur sagen, weil sie mich nicht kannten! Mir die Ration kürzen! Einen hirnverbrannteren Vorschlag hat die Welt nie gehört!

    Allerdings, es musste etwas geschehen, denn mittlerweile passte ich nicht mehr durch die Tür zu meiner Kammer; auf dem Schoß der Magd, die mir die Flasche gab, hockte ich wie ein dickes Kuckuckjunges vor der halb verhungerten Meisenmutter. Der Tag war abzusehen, wo sogar die Burg für mich zu klein wäre. Eine neue, größere zu bauen kam nicht infrage, denn mein Vater war immer noch pleite; ehrliches Rittertum brachte immer weniger ein. Da war guter Rat gefragt, doch a) wer sollte ihn geben und b) wer soll ihn bezahlen? Auf der Burg jedenfalls herrschte kummervolle Ratlosigkeit, und für Ärzte und andere Beutelschneider fehlte das Geld. Mein Vater hatte, wie schon angedeutet, die schlimmste aller Krankheiten, nämlich ewigen Geldmangel. Dabei war er der allerbeste Kamerad der Welt. Als er starb, brach ein Universum über mir zusammen.

    Da machte eines Tages die Küchenmagd, indem sie meine Flaschen zubereitete, die erlösende Entdeckung. Sie beobachtete nämlich, dass schon der bloße Klang der Krüge und Kannen, in denen die Milch und die Hafergrütze aufbewahrt wurden, mich aufhorchen und verstummen ließ; worauf sie dann, in Anbetracht dieser himmlischen Neuigkeit, mit dem Messer an die Kannen schlug und mit den Deckeln der Krüge klapperte. Da soll ich mich, so der Küchenmagd hoch und heilige Worte, steil aufgerichtet, mit wackelndem Kopf das Lautenspiel nachgeahmt und mit dem Hintern den Bass dazu gegeben haben. Kurz, in Verzückung sei ich geraten und habe sowohl das Schreien als auch das Trinken darüber ganz vergessen. Sofort ordnete meine Mutter an, mich anstatt mit Haferschleim mit Musik zu füttern.

    Schon in aller Herrgottsfrühe, noch vor meinem ersten Schrei, brachte die Magd die leeren Flaschen, Kannen und Krüge zum Klingen, die jetzt in meiner Kammer aufgestellt waren, bei welcher Musik ich erwachte und mit offenen Augen still vor mich hinträumte. Doch magerte ich zusehends ab; ein Doppelkinn nach dem anderen flog dahin wie die Tauben aus dem Schlag; Arme und Beine wurden wieder rank und schlank, bald glich meine Figur einem provencealischen Rebstock, nur mein Amorbengel behielt seine alte Form. Wäre mein Vater vor einem Turnier nicht in meine Kammer gekommen, um mich zum Abschied zu herzen und zu küssen, und hätte er nicht, entsetzt von meinem jämmerlichen Zustand, sofort strengen Befehl gegeben, mich wieder normal zu ernähren – bei allen Heiligen, ich wäre sicherlich verhungert.

    ___________

    * Der neben seiner Braut auch noch ein Weinfass heiratete. ** Unehelich.



    Mundburt zähmt sein erstes Pferd.


    In meinem fünften Jahr schenkte mir mein Vater, damit aus mir ein tüchtiger Reitersmann und Ritter werde, ein Pferd, nicht so groß wie das trojanische, aber nicht weniger beeindruckend, auf jeden Fall edler im Exterieur und feuriger im Wesen. Dabei war es eines der folgsamsten und gelehrigsten Pferde, die ich je zwischen den Schenkeln hatte. Es konnte auf Kufen gehen, laufen, springen, und über Eis; es beherrschte Schritt, Trab, Pass, Galopp, Rack, Walk, Jog, Tölt; auch Eselstritt und Schweinsgang waren ihm nicht fremd, alles ganz wie ich es wollte. Doch seltsam... Dieses Pferd konnte Fremden gegenüber so wild und heißblütig, so ungestüm und unfreundlich, so hochfahrend und bockbeinig sein, dass es niemand außer mir zu besteigen wagte. Wer es doch tat, den warf es vor Wut schnaubend ab, wobei dieser das Genick, jener die Beine, ein Dritter den Schädel, ein Vierter alles zusammen brach. Unerklärlich blieb, warum es nur mich, sonst keinen anderen an sich heranließ.

    Eines Tages entdeckte ich die Ursache für dieses seltsame Verhalten. Ich pflegte nämlich morgens in aller Frühe auszureiten, wenn die Dinge noch keinen Schatten warfen, und Apollon – so nannte ich das Pferd – war die Freundlichkeit selbst. Leicht trabte es dahin, das wiegende Auf und Ab seines Rückens versetzte mich in eine Traumwelt, in der ich ganz die Zeit vergaß. Voller Freude rief ich in die schöne Welt hinein:


    „O flieg, mein Pferd, durch Feld und Flur

    mit stolz geschwellter Brust!

    Verfolgt uns auch der wilde Bär,

    das Reiten ist des Ritters Lust!


    Normalerweise dauerte solch ein Ritt nur wenig mehr als eine halbe Sanduhr, und wir kehrten gewöhnlich um, ehe sich die Sonne aus den Nebeln erhob, die auf der Alb lagen. Doch als ich es diesmal in den Stall führte, war es schon hoher Vormittag, heller Sonnenschein brach durchs Fenster. Da geschah das Unerwartete: Apollon bäumte sich auf, wieherte, tobte, schlug vorne und hinten aus – ich zog die Zügel straff, da schnaubte er wütend, spie Fetzen flockigen Schaums und war nicht zu beruhigen, sooft ich auch begütigend auf ihn einredete. Da machte ich ein Travers, der es zur Seite drehte – schon gab er Ruhe und war wieder brav und folgsam wie ein Lämmchen.

    Wie konnte das sein?

    Vorsichtig näherte ich mich von der Seite, ganz baff und verunsichert ob des plötzlichen Sinneswandels. Apollon stand ruhig da, mit leicht zitternden Nüstern, er schien darauf zu warten, dass ich wieder aufsitze und eine Runde reite.

    Ich tat ihm den Gefallen, saß auf und gab ihm die Sporen; und schon ging es los,


    querfeldein, über Stock und Stein,

    die Zügel straff und flink das Bein!


    Caramba, war das ein Vergnügen! Sein Körper flog, ich mit, sein Schweif wogte, ich mit, Gras spritzte nach allen Seiten davon, Erdklumpen auch – da, plötzlich, bockte er mit geblähten Ganaschen und aufgerissenen Augen, ging hinten hoch, ging vorne hoch; hätte mich sicherlich abgeworfen, doch glücklicherweise konnte ich mich rechtzeitig mit kühnem Sprung in Sicherheit bringen. In diesem Moment schob sich eine Wolke vor die Sonne, in der Kammer wurde es dunkel – und wieder stand Apollon da, zahm wie ein Lämmchen.

    Verwirrt setzte ich mich auf den Boden und blickte das Pferd an. „Apollon“, murmelte ich, „verrat mir deinen Kummer. Warum bist du so wütend?“ Denn dass er wütend gewesen war, das war so klar wie der blaubeurener Blautopf. Nur warum? Hatte er etwa Angst, der Gute? Ich sah mich um. Da war nichts, wovor ein starkes Pferd hätte scheuen können, kein weiß-flatterndes Kleid, kein heller Birkenstamm, kein Mond, der sich in einer Pfütze spiegelte. Allmählich wurde es heller, und wieder begann Apollon zu zittern und zu schnauben; da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, auf einmal erkannte ich die Ursache seiner Wut, sie war jetzt sonnenklar, stand sozusagen schwarz auf weiß vor mir, nur, in drei Teufels Namen, darauf musste ich erst einmal kommen – –

    – Schreiber, diktiere ich zu schnell, kommt Ihr noch mit?

    – Wort für Wort, Herr!

    – Gut, fahren wir also fort.

    Unverzüglich sprang ich auf, führte Apollon in eine schattige Ecke, streichelte und tätschelte ihn – und siehe da, er beruhigte sich und leckte mir die Hand.

    Das war des Rätsels Lösung! Was hatte ich beobachtet, was stand schwarz auf weiß vor mir, warum war Apollon manchmal so wütend? Schreiber, was meint Ihr?

    – Ihr habt mich zum Schreiben bestellt, Herr Ritter, nicht zum Denken.

    – Da habt Ihr auch wieder recht. Gut, denn, ich sag es Euch. Da war sein schwarzer Schatten an der weiß getünchten Wand. Ich hatte entdeckt, dass die Wut des Pferdes aus der Angst vor seinem eigenen Schatten resultierte. – Wenn Ihr wollt, lieber Herr, könnt Ihr jetzt einen kleinen Zwischentrunk einnehmen.


    Mundburt verblüfft die Fachleute mit seinen Reitkünsten.


    Einmal kam der Wappenherold des Kaisers, ein Herr Hugo von Pissard, mit großem Gefolge auf die Burg. Er war auf dem Weg nach Nürnberg (wo gerade ein Reichstag stattfand), als ihn ein furchtbares Unwetter überraschte und mehrere seiner Wagen zerschlug, zudem blieben noch sieben Haupt- und zehn Nebenpostpferde auf der Strecke. An eine Weiterreise war vorerst nicht zu denken, und da Burg Wolkenstein den Ruf eines fröhlichen Weinbergs genoss, was lag da näher, als dort oben einzukehren und das Ende der Reparaturen und den Ersatz der Pferde abzuwarten.

    Dabei war auch sein Sohn Hermann, ein aufgeschossener Knabe mit einem Adamsapfel wie ein Kegel, ein Flegel, Maulheld und Tortendieb, höchst eingebildet, dabei frech und dumm wie ein Rattenschwanz, kurz, ein rechter Pumpenschwengel. Dieses Früchtchen hielt nicht nur seine Wärterinnen zum Narren, sondern nervte auch unsere Leute.

    „Das versteht Ihr nicht!“, orgeltete er dem Haushofmeister zu, einem sechzigjährigen Greis, der nicht nur die Welt kannte, sondern auch wusste, wie man Hosen anzieht „die Hosen knöpft man an den Brustlatz und nicht den Brustlatz an die Hosen!“ Ein andermal rief er mit sich überschlagender Stimme: „Ich kenne Orte in Rom, München, Frankfurt, Mailand, die noch höher gebaut sind als Eure komische Burg!“ Ich stand daneben und hörte es. Alles konnte ich ertragen, nur nicht, dass solch ein Lausekamm meinen Stolz und den meiner Ahnen angriff. „Ha, Bursche!“, rief ich, „bläh du nur die Backen wie ein schottischer Blasbalg! Den Ort möcht ich sehen, wo man direkt aus dem Stall in den Himmel reiten kann wie auf Burg Wolkenstein!“ Noch während ich ihm diese Worte ins Gesicht schleuderte, wusste ich, wie ich mich an ihm rächen konnte.

    Am nächsten Tag stellte ich ihm Apollon vor. Kaum sah er ihn, da brach er schon in höhnisches Gelächter aus. „Ha!“, schrie er, „das soll ein Pferd sein?“ Naserümpfend betrachtete er die Vorderbeine. „Viel zu bodeneng! Dann die Hufstellung, eine einzige Katastrophe!“ Mit hochmütiger Miene wandte er sich den Hinterbeinen zu. „So etwas von Kuhstellung hab ich bei einem Pferd noch nie gesehen!“, rief er. Angeekelt betrachtete er Apollons Rücken. „Mann, kann man auf diesem steifen Bock denn überhaupt reiten?“

    Da hatte ich ihn. „Versuchs doch mal“, sagte ich vor Rachelust zitternd, „wenn du dich länger als ein Glockenschlag oben hältst, schenk ich dir ein Schock Wachteleier.“

    Mittlerweile hatte sein Geschrei mehrere Leute aus dem Gefolge seines Vaters herbeigelockt, unter anderem die Herren Schureit und Schaureit, zwei weithin bekannte Pferdekenner.

    „Na gut“, sagte er mit Gönnermiene, „dann sind´s eben Wachteleier! Die Wette gilt. Man will ja nicht unhöflich sein! Aber wenn der Gaul hinterher lahmt – meine Schuld ist´s nicht.“

    Ich kochte. Dieser arrogante Lümmel. Am liebsten hätte ich ihm seine eigenen Eier abgebissen und als Preisgeld geboten. Stattdessen sagte ich: „Nicht so voreilig, junger Freund. Wer hier hinterher lahmt, ist noch nicht sicher!“

    Er blicke mich blöde an, schwieg aber, und ich führte ihm Apollon zu. „Steig auf“, sagte ich, „und zeig, ob deine Reitkunst so groß ist wie den Maul!“ Dabei drehte ich Apollon so, dass er seinen Schatten an der Wand sehen musste. Kaum saß der Blödmann im Sattel, da begann Apollon zu zittern, und schon lag Hermann, der ahnungslos aufgestiegen war, am Boden.

    „Elende Schindmähre!“, kreischte er und schickte einen gotteslästerlichen Fluch hinterher, „na warte! Dich bezwing ich schon, du Satansbraten!“ Wieder saß er auf, Apollon ging hoch, und wieder lag das Großmaul fluchend auf dem Boden.

    „Ich weiß überhaupt nicht, warum er dich immer abwirft“, sagte ich mit Unschuldsmiene, „bei mir ist er fromm wie ein Lamm!“ Bei diesen Worten drehte ich Apollon so, dass ihn das Licht von vorne beschien, sein Schatten also hinter ihm lag.

    „Ha, das möcht ich sehen!“, rief Hermann und rieb sich den Steiß, „kann mir nicht vorstellen, dass du Hosenscheißer besser reitest als ich!“

    „Dir werd ich´s zeigen!“, murmelte ich, würdigte den Schreihals keines Blickes, rief „olé!“, sprang mit großer Geschicklichkeit in die Luft und stand, Apollons Kopf im Rücken, mit beiden Füßen auf dem Sattel. Dann machte ich einen Salto rückwärts, stellte den Daumen der rechten Hand auf den Sattelknopf, erhob mich, gestützt auf diesen Daumen, mit dem ganzen Körper in die Höhe, drehte mich dreimal um die eigene Achse, überschlug mich und saß, hast du nicht gesehen, auf dem Rücken des Pferdes, und ab ging´s. Apollons Körper wogte wie ein Delphin im Meer, auf und ab, auf und ab. Dabei achtete ich darauf, dass er nie seinen Schatten sehen konnte. Als ich meinte, es sei genug, zügelte ich ihn, stieg herunter, sagte lächelnd: „Na, Missjö, wie gefällt dir das? Wohl etwas zu feurig, mein Apollon, für dich. Solltest erst noch streng üben, bevor du dich auf ein Pferd setzt, und wenn´s ein Schaukelpferd ist!“

    „Schafskopf!“, schrie Hermann außer sich, „gib her!“ und riss mir die Zügel aus der Hand. Doch ehe er richtig saß, hatte Apollon ihn schon wieder abgeworfen.

    Inzwischen waren die Herren Schureit und Schaureit nähergekommen und besahen erst Apollon, dann mich, dann wieder Apollon, dann wieder mich.

    „Hmm...“, brummte Herr Schureit und wackelte bedächtig mit dem Kopf. – „Hä?“, grunzte Herr Schaureit und kraulte sich den Bart. „Sackerment!“, rief Herr Schureit und blickte mich verwundert an. – „Sapperlot!“, rief Herr Schaureit und tätschelte mir die Wange. – „Teufel auch!“, rief Herr Schureit und strich Apollon über den Rücken. – „Bei allen Heiligen!“, sagte Herr Schaureit und sah Apollon unter den Schwanz. – „Bei meiner Seel! Hätt ich´s nicht mit eigenen Augen gesehen, ich könnt´s nicht glauben!“, schnurrte Herr Schureit. – „Ein Bruder Schnellfuß!“ darauf Herr Schaureit. – „Ein Teufelsluder!“ wiederum Herr Schureit. – „Ein Tausendsassa!“ beeilte sich Herr Schaureit hinzuzufügen. – „Ja doch!“ – „Nein doch!“ – „Ein...“ – „Wie?“ – „Ein... “ – „Was?“ – –

    Mir wurde es zu bunt. Behutsam brachte ich Apollon an seinen Platz, ging hinaus, setzte mich auf eine Bank und schaute Hermann zu, der schon vorher fluchend und humpelnd das Weite gesucht hatte. Er war gerade dabei, sich mit der Haube seiner Erzieherin den Hintern zu wischen. Von drinnen hörte ich die Herren Schureit und Schaureit, die sich immer noch nicht beruhigt hatten. „Ein Allerweltsklöterwat-in!“ – „Ein Hurleburle!“ – „Ein Ochsenbeutel!“ – „Ein Krachmandl!“ – „Wie?“ – „Ein... “ – „Was?“ – –


    Mundburt erfährt, woher seine vielen Geschwister kommen.


    Des ungeachtet halte ich es an der Zeit, ein wenig über meine Geschwister zu berichten, doch würde ich nie fertig werden, wollte ich jedem auch nur ein paar dürre Worte widmen. Es waren einfach zu viele. Anscheinend wollte Vater sein Ankündigung vom hundertsten Kind wahr machen. Immer mehr Schreihälse verlangten nach Nahrung, schissen die Windeln voll, standen mit krummen Beinen und Rotznasen im Regen, schossen mit Pfeil und Bogen die Spatzen vom Dach, pinkelten von der Burgmauer, kackten in den Burggraben, standen Kopf, schossen Purzelbäume und verrenkten sich den Hals, griffen den Mägden unter die Röcke, trieben allerlei Schabernack – man sieht, ich beleuchte nur meine Brüder, die Schwestern lasse ich außen vor.

    Woher die vielen Geschwister kamen, blieb mir lange Zeit ein Rätsel (heute weiß ich es: es war Vaters kräftige Natur, sein Einsatz und glückliche Fügung). Zunächst nahm ich an, sie kämen auf die gleiche Art zur Welt wie ich: Als Mundgeburten. Beobachtete meine Mutter scharf, wenn sie hustete oder nieste, doch nie war ein Kind in ihrem Mundtuch. Also nahm ich an, die Winzlinge nähmen den unteren Weg, aber auch in der Abortgrube lag nie ein Kind. Da kam mir der Verdacht, dass nicht Mutter für den Kindersegen verantwortlich war, sondern die fette Sau im Schweinestall, ein rosiger Fleischberg, der dort grunzend und sabbernd einen Wurf Ferkel nach dem anderen zur Welt brachte.

    Als es wieder einmal so weit war, betrachtete ich das Ergebnis mit größtem Interesse. Die kleinen Wesen hatten sich am Bauch der Sau festgesaugt und tranken gierig und schmatzend, ähnlich wie Vater seinen Wein trank, nur nicht so laut. Da durchfuhr mich ein eisiger Schrecken. Auch ich hatte ja viel Getrunken, Vater und seine Genossen tranken immer noch kräftig; wie oft hatte Vater dabei nicht schon lauthals verkündet, dem Trinken verdanke er sein Leben! Herrje, dachte ich, sollten die Säuglinge sich in einer geheimnisumwitterten Nacht aus Ferkeln entwickeln, und der ganze Unterschied läge nicht im Verstand, sondern in der Art ihrer Getränke?

    Indem ich darüber nachdachte fiel mir auf, dass viel Volk auf der Burg offensichtlich überhaupt keinen Verstand hatte: Die Leute taten das, was ihnen der Burgherr befahl, taten das, was ihnen die Burgherrin zuzischte, taten das, was ihnen der Haushofmeister entgegen schrie, taten das, was ihnen der Truchsess, der Jagdmeister, der Pfaffe, der Torwächter – – mit einem Wort: Sie ließen sich herumkommandieren wie ein Rudel Ziegen vom lausigen Hütejungen, und das oft auch noch mit großem Ungeschick. Doch auch hier blieben meine Nachforschungen erfolglos, und in meiner Not wandte ich mich endlich an Mutter.

    Ich setzte mich zu ihr, als sie unter der großen Linde saß und die Laute schlug. „Mutter“, fragte ich, als sie den Leich* beendet hatte, „könnt Ihr mir sagen, woher die vielen Kinder kommen? Kann es sein, dass die dicke Sau sie macht?“

    Mutter, verblüfft: „Wie kommst du denn darauf?“

    Ich: „Irgendwoher müssen sie doch kommen, die vielen Geschwister! In Eurem Mundtuch hat außer mir noch nie wieder eines gelegen, und... und... und in der Abortgrube auch nicht.“

    Mutter sah mich eine Weile mit großen Augen an, dann brach sie in heiteres Gelächter aus, legte die Laute beiseite, nahm mich in die Arme, herzte und küsste mich. „Ach Mundburt, mein Mundburt, du Dummerchen!“, rief sie, „wer hat dir denn das erzählt!“

    „Niemand. Ich dachte mir...“

    „Natürlich sind deine Brüder und Schwestern keine verwandelten Ferkel, wenn sie sich auch manchmal so benehmen“, fuhr Mutter ernst fort, „es sind alles Meeresvögel, die nachts in meiner Kammer landen und sich in Kinder verwandeln. Hast die schon vergessen, was dich der Hochwürdige Herr gelehrt hat?“

    Nun war ich beruhigt, denn der Hochwürdige Herr hatte gesagt, die ungeborenen Wesen schwömmen in der Nordsee, und wenn Eltern einen Kinderwunsch verspürten, hauche der Herrgott ihnen die Seele ein, und dann flögen sie in die Kammer, in der sich die Eltern liebten.

    Ich setzte mich an den Burggraben und betrachtete die Teichhühner und Enten, die dort ihren Geschäften nachgingen. Bald merkte ich, dass diese Auskunft nicht stimmen konnte. Die Vögel tauchten zwar ab, kamen aber immer wieder hoch. Nicht ein einziger blieb unten.

    Sollte es in der Nordsee anders sein?

    Ich dachte nicht weiter darüber nach, denn was der Hochwürdige Herr sagte, war über alle Zweifel erhaben.

    Ja, meine lieben Lustseuchler und Galgenvögel! So war das damals! Hatte keinen Fliegenschiss Ahnung von der Welt und den Menschen! Glaubte alles, was man mir erzählte, besonders, wenn der Erzähler einen schwarzen Rock trug.

    Doch nun weiter.

    _________

    *Lied, Tanz




    Mundburt erfährt, warum sein Vater nie Geld hat.


    Als ich zwölf Jahre alt war, brachte mich mein Vater in den Dienst einer vornehmen Dame, der ich als Edelknabe für vier Jahre dienen sollte. Anschließend, bei entsprechender Bewährung und bestandenen Prüfungen, sollte der feierliche Promotion zum Knappen erfolgen. Doch wie es oft geht, dass nur ein kleines, zufälliges Ereignis einen Menschen berühmt oder auffallend macht, so geschah dies mir, indem mich mein Vater jener Dame zuteilte.

    Die schriftkundige Welt verzeichnete das Jahr des Herrn 1344 im dritten Ascendenten, als Mars und der Wetterhahn der Marktkirche zu Hohenlohe-Rabenstein in Opposition standen.

    Das Wetter war schlecht, der offene Reisewagen ungefedert, der Weg morastig und weit; ich fror und kam fast um vor Langeweile. Um mir die Zeit zu vertreiben sagte ich: „Vater, mir ist so langweilig! Erzählt mir doch eine Geschichte.“

    „Weiß keine“, grunzte er und nahm einen kräftigen Schluck aus der Pulle, „bin auch kein guter Erzähler.“

    „Nun stellt mal Euer Licht nicht unter den Scheffel, Vater“, erwiderte ich, „Ihr könnt sehr gut Geschichten erzählen.“

    „So? Woher – hick – weißt du das denn schon wieder, du Hasenohr, hab dir doch nie eine erzählt!“

    „Doch Vater, habt Ihr! Damals unter der Linde, kurz bevor Mutter mit mir niederkam!“

    Vater setzte die Flasche, die er gerade an die Lippen hielt, wieder ab. „Was quasselst du da? Da warst du Krümel doch noch garnicht auf der Welt!“

    „Doch, war ich! Nur Ihr konntet mich nicht sehen, ich war noch in Mutters Bauch!“

    „Das fabulierst du dir zusammen.“

    „Nein, ich fabuliere nicht.“

    „Lümmel, willst du mich auf den Arm nehmen? Noch so´n Schnack, und ich zieh dir die Hosen stramm!“

    „Das könnt Ihr gerne machen, aber das würde nichts an den Tatsachen ändern.“

    Vater blickte nachdenklich ins Weite, während der Karren wie wild ruckelte und stieß. „Welche Geschichte soll das denn gewesen sein?“, fragte er nach einer Weile.

    „Na die von dem Garkoch und dem Ulanen.“

    „Ach die meinst du!“ Nach längerem Schweigen: „Und, wie ging die Geschichte aus?“

    „Der Narr ließ den Koch an dem Geldstück riechen und erklärte ihn für bezahlt.“

    Mein Vater sah mich von der Seite an und schwieg. Doch dieses Schweigen war jetzt ein anderes als das, was er sonst an den Tag legte, wenn er über Gott und die Welt nachdachte. Dieses Schweigen jetzt knisterte vor Erstaunen.

    Inzwischen waren wir bei der Herberge angekommen, wo das Pferd gewechselt werden sollten. Kaum stand der Wagen, da wankten drei jämmerlich zerlumpte Gestalten auf uns zu, so mager und dürr, als könnte sie ein Kuhfurz umwehen. Bettler. Sie hielten die mageren Hände vorgestreckt und schrien: „Erbarmen, Euer Gnaden, habt Erbarmen, ein Almosen, ein paar Pfennige nur, und wir werden für Euch und euer Söhnchen beten!“

    Mein Vater befahl dem Knecht, sofort weiterzufahren, beugte sich vor, riss ihm die Peitsche aus der Hand und hieb auf das Pferd ein. „Lumpenpack!“, schrie er, „Nichtsnutze, Tagediebe, Faulpelze! Ich werd euch was! Almosen! Hab selbst welche nötig! Sucht euch Arbeit, dann habt ihr Almosen!“ Der Knecht drehte sich halb um und rief: „Mit Verlaub, Herr Ritter, aber ein paar Pfennige hättet Ihr schon geben können. Vielleicht sind sie ja krank und können wirklich nicht arbeiten.“

    „Guck nach vorne und halt keine Volksreden!“, schnauzte Papa, „Arbeit gibt es immer! Müssen ja nicht gerade Spargel stechen. Außerdem hab ich momentan keinen Pfennig übrig. Das bisschen, was ich habe, brauch ich für Mundburts Ausbildung.“

    „Und warum sind wir Hals über Kopf losgefahren?“, wollte ich wissen. „Dann hättet Ihr eben nichts gegeben, und auch gut!“

    „Ha, du kennst die Welt nicht, mein Sohn!“, rief Vater zornbebend, „somit wird es höchste Zeit, dass du sie endlich kennenlernst. Die drei Jammerlappen da hinten waren nur die Vorhut. Beim ersten Pfennig wäre eine ganze Rotte* aus dem Hinterhalt gesprungen, und dann wär´s nicht bei Pfennigen geblieben. Und wenn du nichts gibst, schlagen dir die Halunken noch den Wagen kurz und klein! Dann doch lieber mit müden Gäulen langsamer fahren als auf Schusters Rappen schneller gehen.“

    Ein Sonnenstrahl brach durch eine Lücke in der Wolkendecke und vergoldete die Hänge der Alb. Ein tiefes Glücksgefühl durchströmte mich. Ich dachte: In welch einer schönen Welt lebst du doch! Hinter den Hügeln strömte der Fluss, blauschimmernd, mit Flößen und Booten, am Fluss entlang führte die berühmteste und schönste Straße des Reiches. Das war ein reiches fruchtbares Land mit schönen Dörfern, Burgen, Klöstern, vieltürmigen Städten und prächtigen Menschen... Allerdings... Sie könnte noch schöner sein, diese Welt, wäre da nicht das alte Problem, das mir immer mehr Sorgen bereitete.

    „Vater, darf ich Euch etwas fragen?“

    „Nur zu, mein Sohn!“

    „Ihr seid mir auch nicht böse?“

    „Warum sollte ich?“

    „Wirklich nicht?“

    „Frag endlich, sonst werd ich´s noch!“

    „Warum habt Ihr eigentlich nie Geld? Ihr seid doch kein armer Ritter! Da ist die Burg, da sind Bäche, Wiesen und Wälder, da sind Eure Dörfer –“

    „Schon, schon! Aber was meinst du wohl, du Lauser, was eine Burg mit hundert Leuten, die alle das Maul aufsperren und dir bei jeder Gelegenheit die Hand hinstrecken, so an Unterhalt kostet? Wenn du dich nicht als Raubritter betätigen willst, wie unser lieber Nachbar, wird´s manchmal ziemlich knapp. Und du musst unterscheiden zwischen Grundbesitz und liquiden Mitteln.“

    Von diesen Dingen hatte ich natürlich keine Ahnung. Vater rechnete wohl auch nicht mit einer Antwort, denn er fuhr fort: „Andrerseits liegt es auch an meiner Gutmütigkeit.“

    Aha!, dachte ich, gleich geht´s los! „Da bin ich aber gespannt!“, sagte ich wahrheitsgemäß.

    Vater lehnte sich zurück – soweit es bei der Ruckelei überhaupt möglich war – ließ eine gehörige Portion Luft in seinen Flachmann und begann:

    „Na schön, einmal muss es ja heraus. Einige Leute haben sich gewundert, warum ich vom letzten Kreuzzug praktisch mit leeren Händen zurückgekommen bin, während andere Ritter auf prall gefüllten Beuteln saßen. War ja auch ziemlich verwunderlich. Hmmm... nun ja... Damals ließ ich verlauten, ich sei ausgeraubt worden. War allerdings gelogen, Gott möge mir verzeihen. Den wahren Grund hat noch niemand erfahren, wahrscheinlich hätte mich die Muschpoke für verrückt erklärt und in ein Irrenhaus gesteckt.“

    Vater sah mich feierlich an und räusperte sich ebenso feierlich. „Ähem! Du, mein Sohn, bist der Erste, dem ich die Wahrheit erzähle. Also, höre gut zu und schweige! Der wahre Grund ist der: Das meiste Geld habe ich durchs Verheiraten verloren, und was noch übrig war in Prozessen.“

    „Beim Satan!“, rief ich, „durchs Verheiraten? Vater! Habt Ihr denn mehrere Frauen!“ Ein eisiger Schreck durchfuhr mich. „Weiß Mutter – “


    Forts. folgt.

  • Grundsätzlich find ich das köstlich: Der volksbuchartig, derbe Charakter zusammen mit der adeligen Figur ist gut getroffen. Das Spiel mit den Anmerkungen könnte man in weiterer Folge vielleicht noch ein wenig vertiefen :) Wie planst du das? Weiter im Episodischen oder gibts ein Hauptstück?

  • Hallo Jota,

    vielen Dank für dein Feedback.

    Zu den Anmerkungen: Die Fußnoten dienen nicht unbedingt der Erklärung - das kann man ja fast alles bei Wikip. nachschlagen - sondern sie sollen die Beteuerung des Erzählers unterstützen, dass er nichts als die Wahrheit erzähle, obwohl seine Berichte nichts als Narreteien sind. Wenn du die Zeichen meinst, da mache ich aus der Not eine Tugend; ich kann auf meinem Laptop nichts hochsetzen, und (1) oder ******* ist mir zu sperrig.

    Nun zur Planung.

    Die Idee zu dem Roman kam mir, als ich eine Notiz über das älteste deutsch geschriebene Memoirenwerk des Ulrich von Lichtenstein las, betitelt Frauen Dienst, in dem er die Geschichte seiner Narrheit niederlegte, die ganz im Zeichen des ritterlichen "Minnedienstes" stand. Obwohl er verheiratet war, wählte er sich eine "Herrin", der er "hochgemut" Blumen bringt und ihre manchmal ziemlich bizarre Launen erfüllt. So verlangt sie z. B., dass er in Frauenkleidern durch die Welt reist oder ihr als Liebesbeweis einen abgeschnittenen Finger schickt.

    Indem ich mich mit der "guten, alten, frommen" Zeit beschäftigte, merkte ich, dass sich viele dieser Narreteien auf die heutige Zeit übertragen lassen - in veränderter Form und Erzählweise - und so gerieten etliche Kapitel zur Satire. Zwar haben sich die Zeiten geändert, aber nicht die Menschen. Man wird Glossen finden über die Eitelkeiten kirchlicher und weltlicher Amtsträger, über die Verschwendung von Staatsgeldern, zum Flüchtlingsproblem, zu Machtpolitik und Militarismus; sogar der amerikanische Präsident kommt nicht zu kurz. Und natürlich viel fantasie...

    Von der Form her scheint mir das Episodische für angemessen, erstens, weil es zur Literatur der damaligen Zeit passt, zweitens, weil Neueinsteiger nicht den gesamten Text lesen müssen, um ein Kapitel zu verstehen.

    Meine fantastische Erzählung gliedert sich in vier Abschnitte ("Haufen"):

    1. Mundburts Kindheit

    2. Ausbildung zum Knappen

    3. Wanderschaft und Ritterschlag

    4. Der Ritter vom Wind

    5. Frauendienst

    Vielleicht klingt ja der Titel "Vrouwen dienest" nicht besonders verlockend, aber nun hat das Kind seinen Namen, und dabei soll´s auch bleiben.

    Ich wünsche weiterhin viel Spass beim Lesen.

  • Neu herausgegeben und mit Anmerkungen versehen

    von

    J. Schreyvogel,


    Ich dachte eher, ob es da eine zweite, "konkurrierende" Erzählinstanz aus sozusagen neuzeitlicher Perspektiv gibt (wegen Schreyvogl als Aufklärer gegen das mittelalterlich Mythische). Zumindest hat der Titel in mir diese Erwartungshaltung geweckt. Falls nicht, auch nicht schlimm, war nur eine Frage :)

  • J. Schreyvogel ist eine Doppelexistens aus meiner Erzählung "Der Blaue Turm" in diesem Unterforum. Er lebt als "freischaffender" Narr im Mittelalter und erscheint als Stadtnarr und Professor für Mittelalterkunde in der Jetztzeit. Den "Vrouwen dienest" hat er einem der dortigen Protaginisten geschenkt, der das Buch gerade liest. Angeblich ist Schr. nur Kommentator und Übersetzer, aber aufgrung seiner Doppelexistenz ist anzunehmen, dass er die Geschichte selbst erlebt bzw. erfunden hat. Insofern wäre er sein eigener Konkurrent.

  • McFee , ich habe nun mal den zweiten Teil gelesen. Um ehrlich zu sein, finde ich die Posts fast ein bisschen lang! Wenn ich wirklich etwas zu kritisieren oder rauszuschreiben hätte, würde ich mich ein bisschen verirren:D Aber wie gut, dass ich nach wie vor immer noch begeistert bin und nix zu meckern hab. Klar ist das Verrucht-Obszöne nicht jedermanns Sache (meine jedenfalls nicht!), aber zugunsten der Authentizität kann man da mal drüber hinwegsehen.

    PS: Schlauer Schachzug, direkt erstmal den Dialog mit dem Schreiber einzubauen, gerade wenn es spannend wird.;)

  • Hallo Stadtnymphe!

    Das Verrucht-Obzöne... das, was sich ob szenam, hinter der Bühne abspielt, das, was man nicht zeigt...

    Warum eigentlich nicht, wenn es die Regeln des Anstands nicht allzu sehr verletzt? Warum ist ein Wort wie Scheiße, die zwar stinkt, aber nicht giftig ist, obzön, während eines wie Atommüllentsorgung, der verlogenste aller Euphemismen, in aller Munde ist?

    Na, Hand aufs Herz. Ich habe lange überlegt, ob ich in diesem ehrenwerten Forum tatsächlich so auf die K... hauen sollte. Doch wenn ich lese, dass zur erörterten Zeit mit den Fingern gegessen, der fett-triefende Mund am Ärmel abgewischt, der Löffel mit der Nachbarin getauscht, jedem "Geräusch oder den Gasen freier Lauf gelassen wurde", wie der Verf. vornehm schreibt, dann sehe ich nicht ein, warum ich die Kinder nicht auch beim Namen nennen sollte. Außerdem sind Wörter wie Scheißdreck, verpiss dich, Arschloch, Wichser mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch fest verankert.

    Trotzdem schätze ich deine Empfindlichkeit. Ich habe selbst eine Weile gebraucht, um mich an dieses Fäkal-Verbarium zu gewöhnen.

  • Hey McFee ,

    am besten wäre es übrigens, wenn du mich ver- @gst (also ein @ setzt), dann kriege ich mit, dass du mit mir redest:D

    Ich bin übrigens noch sehr gespannt, warum du die Erzählung ins "High Fantasy" eingeordnet hast. Bis auf die Mundgeburt und einige reichlich fabulöse Elemente, die man aber gut und gerne dem mündlichen Ausschmücken von Geschichten wie auch Till Eulenspiegel, Münchhausen und anderen Sagen zurechnen kann, ist mir da nämlich noch nichts richtig aufgefallen.?( Bisher hätte ich es einfach in derartige Erzählung aus dem Mittelalter eingeordnet.

    Ja, das mit der Fäkalsprache finde ich für den Kontext auch okay. Es ist im Schriftlichen aber doch noch mal ein Unterschied zum Mündlichen, wo derlei Worte natürlich längst Einklang gefunden haben. Ist natürlich eine Umstellung, aber wie gesagt, für den Rahmen, den du vorgibst, vollkommen ok.


    LG

    Stadtnymphe

  • Hallo @Stadtnympfe, das mit dem @ verstehe ich nicht, ich setz es trotzdem.

    Ich bin übrigens noch sehr gespannt, warum du die Erzählung ins "High Fantasy" eingeordnet hast.

    Erstens, weil ich in dem Ufo-rum "mittelalterlich" und "episch" gelesen habe. Zweitens, weil das Bisherige dazu diente, Leser und Protagonisten miteienander bekannt zu machen, und , na ja, nebenbei ein paar schöne Geschichten zu erzählen...

    Das Fantastische kommt demnächst. Z. B. gute und böse Riesen, Leute, die sich ständig küssen und dabei fast verhungern, welche, die mit dem Kopf unter dem Arm herumlaufen, Würste, die sich bekriegen, ein Fischer, der vergossene Tränen fischt, ein Vogelfänger, der statt Vögel Schreie einfängt, ein König, der gerne sein Reich verschenkt hätte und es nicht los wird, und und und...

    Wenn es manchmal etwas zu breit wird, liegt´s eben am Epischen.

    LG.

  • Das Fantastische kommt demnächst. Z. B. gute und böse Riesen, Leute, die sich ständig küssen und dabei fast verhungern, welche, die mit dem Kopf unter dem Arm herumlaufen, Würste, die sich bekriegen, ein Fischer, der vergossene Tränen fischt, ein Vogelfänger, der statt Vögel Schreie einfängt, ein König, der gerne sein Reich verschenkt hätte und es nicht los wird, und und und...

    Das ist ein guter Teaser, dann bleibe ich gespannt.


    Ich meine mit dem @ folgendes:

    Erst @ eingeben und direkt dahinter ohne Leerzeichen den Anfang des Usernamens, dieser wird dann auch vorgeschlagen. Sodass der gesamte Name dann hinterlegt wird: McFee . Tadaa.^^

  • Vater fuhr fort:

    „Hast du Kröten in den Ohren? Unterbrich mich nicht dauernd! Ich sagte verheiraten, und nicht heiraten. Ähem! Also hör zu! Auf dem Rückweg – hick – von Jerusalem kam ich durch viele Städte und Dörfer, und überall das gleiche Bild: Liebesdienerinnen über Liebesdienerinnen, nicht nur junge Mädchen, sondern auch alte Weibsen, die keinen Zahn mehr im Maul hatten, mit strähnigen Haaren und offenen Geschwüren. Besonders schlimm war es in Magdeburg°, wo es von alten Jungfern wimmelte. Diese armen alten Geschöpfe taten mir Leid, denn die Jungen bekamen Männer genug, um sich´s einigermaßen gut gehen zu lassen. Besonders wenn ich mir vorstellte, wie diese guten alten Seelen ihre Jugendzeit verbracht, wie sie ihr Allerheiligstes immer und für jeden, der gerade kam, bereitgehalten hatten, und dass sie jetzt, wo sie keiner mehr haben wollte, ganz kleine Haufen kackten, tat es mir in der Seele weh, und ich sagte mir: Bei Gott, ich werde dafür sorgen, das sie noch einmal vor ihrem einsamen Ende etwas Vergnügen haben! Griff also beherzt in mein Säckel, gab dem Einen fünfzig, einem anderen hundert, dem Dritten zweihundert Gulden, je nachdem wie hässlich, widerwärtig und abscheulich die Bräute waren. Denn je abscheulicher eine war, desto mehr musste ich geben, bevor sich ein Heiratswilliger fand. Eine, die noch nicht einmal der Teufel freiwillig genommen hätte, ging erst bei dreihundert weg. Als ich alle unter der Haube hatte, bestellte ich ein großes Festessen, ein Mordsfressen, ließ nur vom Besten einschenken, das Fleisch stark würzen, in die Suppe ließ ich Fritzchen-Freu-Dich°° und dick Knoblauch rühren, denn auf ein paar Stöße mehr sollte es mir nicht ankommen. Sogleich wurden die Mamsells geil wie alte Maulesel und besorgten ihr Amt ganz vorzüglich, und diejenigen, die gar zu abscheulich und widerwärtig waren oder nicht wollten oder nicht konnten, die ließ ich die Teller auslecken, denn auch ein kleiner Spaß versüßt das Leben.“

    „Das schöne Geld“, sagte ich, „alles für die Katz.“

    „Scheiß doch aufs Geld! Außerdem ist es ja nicht weg, sondern nur woanders. Und wie sagt doch unser Herr Jesus Christus in Bezug aufs Geld, gelobt sei sein Name? Na, Mundburt, was sagt er?“

    „Weiß nicht.“

    „Er sagt: Macht euch Freunde – weiter!“

    „Weiß immer noch nicht.“

    „Er sagt: Macht euch Freunde mit dem – mit dem – nun?“

    „Weiß immer noch nicht, worauf Ihr hinaus wollt, Vater.“

    „Er sagt: Macht euch Freunde mit dem ungerechten – weiter!“

    „Mit dem ungerechten... mit dem ungerechten...“

    „Herrgottnochmal! Wie kann man nur so begriffsstutzig sein. Er sagt: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon! Ja, macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon! Also hab ich wie ein wahrer Christ gehandelt!“

    „Was ist denn Mammon?“

    „Geld, Kleiner, Geld!“

    „Und wieso ist Geld ungerecht?“

    „Wieso wieso wieso... du stellst Fragen wie enthirnter Papagei! Es ist ungerecht, weil´s der Herr so gesagt hat! Und damit basta!“

    Vaters Versuche, mir Bildung beizubringen, wirkten immer etwas unbeholfen.

    __________

    * Rot=Bettler. ° Anspielung auf Magd=Jungfrau. ° ° Sellerie.


    Mundburt erfährt, wie man einen Opferstock unter den Augen der Wächter ausnimmt, ohne erwischt zu werden.


    Nach einer Weile beugte Papa sich zu mir herüber und raunte mir mit einem schiefen Blick auf den Fuhrknecht ins Ohr: „Was ich dir jetzt sage, erzählst du niemandem, verstanden? Einen Teil des Geldes habe ich mir wieder zurückgeholt, indem ich Opferstöcke ausnahm.“

    Ich fuhr zurück. „Ihr habt gestohlen?“

    Vater schüttelte unwillig den Kopf. „Hör zu, bevor du hier herumschreist. Ich habe nur das genommen, was mir die Kirche und die Fürsten nicht geben wollten, was aber mein Teil war, und was einem gehört, kann man nicht stehlen. Ein Kreuzzug, musst du wissen, ist nämlich eine sauteure Angelegenheit. Für alles musst du selber sorgen, für Waffen, Rüstung, Pferde, Proviant, Schmiergelder, einen Knappen, hoho, kriegst du auch nicht für ein Vaterunser, und, und, und. Nun, da wir Jerusalem zurückerobert haben, wo bleibt der Dank? In die hohle Hand geschissen ist noch zu viel gesagt! Ergo hab ich mir nur das geholt, was mir von Rechts wegen zustand.“

    „Und wie habt Ihr das angestellt? Die Opferstöcke sind doch mit schwerem Eisen gesichert, und meist steht noch ein Schweizer* mit einer Pike daneben.“

    „Und bei Kirchenfesten sogar zwei. Tja, du wirst es nicht glauben, Mundburt. Ich hab´s unter ihren Augen getan!“

    Ich blickte Vater erstaunt an, was er sichtlich genoss. „Dass mich doch die Pocken... Vater, jetzt flunkert Ihr aber!“

    „Nicht einen Mückenschiss! Alles hat sich genau so zugetragen, wie ich es erzähle!“

    Von ferne rollte schwerer Donner heran, wir fuhren geradewegs in ein Gewitter hinein. „Da bin ich aber gespannt“, sagte ich zum zweiten Mal.

    Vater schlug den Regenüberwurf zurück, kramte umständlich in seinen Taschen herum, murmelte dabei: „Herrgottnochmal, wo ist er denn... gestern war er doch noch da... ha! da hab ich es, das gute Stück!“ Zum Vorschein kam ein schmaler, schwarzer, metallisch glänzender Gegenstand vom Umfang eines dicken Silbergroschens, der an einer hauchdünnen Kette hing.

    „Dies hier“, sagte er, „ist ein sogenannter Teufelsstein. Er besitzt die magische Kraft, Geldstücke und anderes Metall anzuziehen.“ Er zog seinen Beutel hervor, nahm eine Münze heraus, legte sie in die Nähe des Teufelssteins, und schwupp! flog die Münze auf den Stein zu. Es war unerklärlich, aber wahr. Irgendein Dämon steckte in dem Stein, bis heute weiß ich nicht, welcher. Im Compendium daemonis naturalis des Magisters Schwafelus Schwafelius kommt er jedenfalls nicht vor. „Ich brauchte also nur“ – Vater steckte die Münze wieder in den Beutel und verschnürte ihn sorgfältig – „ich brauchte also nur, wenn die schweizer Pikeure auf den Knien lagen und sich bekreuzigten, den Stein in den Opferstock halten und konnte ihn dann mit einem Rattenschwanz an Kleingeld wieder herausziehen.“

    „Und das hat keiner bemerkt?“

    „Na ja... ein bisschen aufpassen musste ich schon. Meist beugte ich mich mit dem Rücken zu den Aufpassern über den Stock und tat so, als wollte ich mein Geld zählen. Aber, zum Teufel, es war eben nur Kleingeld, was ich da herauszog, nicht der Rede wert.“

    „Woher habt Ihr diesen Stein eigentlich? Doch nicht etwa gefunden?“

    „Nein, gewiss nicht! Aber dass ist nun eine längere Geschichte, und ich weiß nicht – “

    „Ach bitte, Vater, erzählt! Ich will auch brav zuhören und Euch nicht unterbrechen. Ehrenwort!“

    „Na, wenn es so ist...“

    Vaters Augen glänzten, aber nicht allein vom Branntwein, sonder auch vor Fabulierfreude.

    „Aber erst muss ich mich ein wenig stärken! Hab mir den Mund fusselig und die Kehle durstig geredet. Lass uns erst einmal eine Brotzeit machen, dann erzähl ich weiter.“

    _______

    * Schweizergarde, bewaffnete Kirchendiener


    Mundburt verblüfft seinen Vater mit einer gescheiten Antwort.


    So zockelten wir dahin, die Radnaben quietschten und jammerten.

    Während Vater kräftig reinhieb, betrachtete ich ihn. Ein tiefes Gefühl der Verbundenheit durchströmte mich. Wie herrlich war es doch, einen Vater zu haben, der solche Geschichten erzählen konnte! Natürlich ahnte ich, dass nichts von dem, was er da fabulierte, wirklich geschehen war (heute weiß ich es), es sei denn, in seinem Kopf. Er war weder auf einem Kreuzzug gewesen, noch hatte er Opferstöcke ausgenommen, geschweige denn alte Vetteln unter die Haube gebracht. Nur, waren die Geschichten deshalb weniger wahr? Ist ein Traum nicht auch real, solange man ihn träumt? Und Vater war ein Träumer, ein Erz-Romantiker, ein Fabulierer von Gottes Gnaden. Und mich störte es nicht im geringsten, dass er wirtschaftlich eine Null war. Man kann eben nicht alles haben. Nur, eines war mir damals schon klar: Wenn es mehr solcher Väter auf der Welt gäbe, gäbe es auch mehr glückliche Söhne.

    Wieder nahm Vater einen kräftigen Schluck, leckte sich die Lippen und fuhr fort: „Vor Aleppo geriet mein Haufen in einen Hinterhalt; wir hatten eine hinter Gebüsch verborgene Bodenwelle übersehen, weil wir wie gebannt auf die Stadtmauer starrten, die mit Pechnasen# gespickt war. Plötzlich waren wir von sarazenischen Bogenschützen und galatischen Schwertkämpfern umzingelt. An ein Entkommen war nicht zu denken, und ein Nahkampf wäre reiner Selbstmord gewesen. Hmm... nun ja... Ich gebe zu, war damals wohl nicht sehr tapfer... Aber es wurde viel von der Milde muslimischer Könige gegenüber gefangenen Christen erzählt, und wir ergaben uns.

    Man führte uns in die Stadt und in den Palast des Kalifen.“ Vater unterbrach seine Rede und blickte versonnen ins Weite. „Mundburt, so etwas hast du noch nicht gesehen!“, fuhr er schwärmerisch fort, „ha, diese Stadt ist ein Traum! Ich kann nur sagen: Königlich, wahrhaft königlich! Die Gebäude mit auserlesener Ornamentik geschmückt, turmgekrönte Paläste, wuchtig und himmelhoch, prächtige, stolze Bauwerke, Moscheen, Kaufhäuser, Badeanstalten... Ringsum ist das Land von Wasserläufen umgeben, überall sprudeln Quellen... Und dann der Palast des Kalifen... Auf dem Boden herrliche Mosaike, an den Wänden kostbare Teppiche, auf zierlichen Tischen silberne Schalen mit Süßigkeiten, Stühle und Tische vergoldet... Allein das Frauenbad drei Stockwerke hoch!“ Vater seufzte tief. „Oh oh oh! Wenn ich da an unsere bescheidenen Verhältnisse denke, kommen mir die Tränen!“

    „Seid nicht traurig!“, sagte ich. „Ihr seid Euer eigener Herr, während dieser Kalif von seinen so genannten Beratern tyrannisiert wird.“

    Die ersten Tropfen fielen, und wir mussten uns nach einem halbwegs trockenen Platz umsehen. Glücklicherweise tauchte ein Heuschober mit einem Vordach auf, unter dem wir Schutz fanden.

    Während der Regen aufs Dach trommelte, erzählte Vater weiter. Auch eine Sintflut hätte ihn jetzt nicht aufgehalten; notfalls hätte er auch unter Wasser weitererzählt.

    „Nun ja, was soll´s... Die ganze Pracht und Herrlichkeit ging uns am Arsch vorbei, denn wir waren ja Gefangene, unser Schicksal stand in den Sternen. Die Soldaten führten uns in einen Innenhof und befahlen uns, still zu stehen und zu warten. Mit Argusaugen bewachten sie jede unserer Bewegungen. Dann erklang ein Gong.

    Mittlerweile stand die Sonne im Zenit und brannte senkrecht auf unsere Rüstungen, und der Hof entwickelte sich immer mehr zum Backofen. Mein Gott, mir wird jetzt noch schlecht, wenn ich daran denke! Es schien, als hätten sie tatsächlich vor, uns im eigenen Saft zu Tode zu kochen! Minute um Minute verging, niemand kam, um uns zu erlösen! Aber das Grausamste war: Mitten auf dem Hof stand ein munter plätschernder Springbrunnen und verhieß Kühlung! Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, da fiel der erste um, der Seigneur von Canterville. Sofort sprangen Soldaten herbei und schafften ihn weg, wobei heiteres Frauenlachen erklang. Maximum an Perversion: Unser Todeskampf diente den Frauen des Hauses zur Belustigung!“

    Blitz auf Blitz, ein Donner krachender als der andere: Eine rechte Horror-Musik für eine solche Erzählung. Mir liefen Schauer wohligen Entsetzens über den Rücken.

    „Ich erspar uns die nächste halbe Stunde“, fuhr Vater fort, während das Wasser in hellen Bächen vom Dach schoss, „und erzähl nur, wie ich es schaffte, diese arabische Kochkunst ohne größeren Schaden zu überstehen.“

    „Und, wie habt Ihr es geschafft?“, fragte ich, da Vater schwieg.

    „Indem ich mich bepisste.“

    „Indem Ihr Euch – “

    „Ja. Wundere dich nicht, hör zu! Ähem...“

    Na klar, das nächste Examen stand bevor... Ich täuschte mich nicht.

    „Es gibt einen Grundsatz, der da lautet: Ein Ding kann nicht gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten sein, eine Tat nicht zur selben Zeit an zwei verschiedenen Orten geschehen, ein Vorgang kann sich nicht gleichzeitig wiederholen. Stammt von irgendeinem griechischen Denkheini, den Namen hab ich vergessen. Nun, mein Sohn, übertrag diese Maxime einmal aufs tägliche Leben.“

    Nach kurzem Nachdenken erwiderte ich: „Wenn ich´s mir recht überlege, dann bedeutet das: Ich kann nicht gleichzeitig in zwei verschiedene Gräben kacken.“

    Mein Vater klatschte vergnügt in die Hände. „Bravo, mein Sohn! Beim Zeus! Eine gescheite Antwort! Hatte ich von dir auch nicht anders erwartet! Nun, ich erweiterte diese Erkenntnis, indem ich dachte: Hey, nicht nur du kochst, sondern auch deine Urin kocht. Wenn du nun deinen Urin häppchenweise an den Beinen herablaufen lässt, ist er teilweise draußen, also an zwei verschiedenen Orten, ergo müsste es entweder an den Beinen oder in der Blase kühler werden, da er ja nicht draußen und drinnen gleichzeitig kochen kann. Und tatsächlich – ich fühlte, wie Kälte in mir hochstieg. Das Problem war nur, wie dosiere ich das Wasserlassen bis –“

    Ein krachender Donner kündigte das Ende des Gewitters an; am Horizont zeigte sich bereits ein heller Streifen.

    „ – bis zum Sonnenuntergang“, vollendete Vater den Satz, schwieg und blickte mich erwartungsvoll an. In diesem Moment sah ich, wie schön seine Augen waren. „Hut ab, Vater“, sagte ich, „auf diese Idee wäre ich nie gekommen!“

    Vater grunzte zufrieden.

    Da es nur noch tröpfelte, schnalzte der Fuhrknecht mit der Zunge, und weiter ging´s.


    Mundburt rettet seinem Vater das Leben.


    „Was geschah dann?“, fragte ich, „und, sind die anderen Ritter verkocht?“

    „Eins nach dem anderen! Ich war noch mitten in meinen Überlegungen, da dröhnte der Gong, die Prüfung war beendet! Ha! Ich war der einzige, der noch stand. Sofort liefen mehrere durchsichtig gekleidete Haremsbewohnerinnen auf mich zu, besprengten meine Rüstung mit Wasser, öffnetet das Visier und labten mich mit kühlen Getränken, dann führten sie mich in den Serail, zogen mir die Rüstung aus, badeten mich, salbten mich, rieben mich mit wohlriechenden Essenzen ab... na ja, und taten alles mit mir, was in einem muslimischen Serail so dazugehört.“

    „Und die Ritter, waren sie gestorben?“

    „Dem Herrn sei´s gedankt, nein, sie waren nur ohnmächtig geworden.“

    „Wurden die auch gesalbt, abgerieben und so weiter?“

    „Wo denkst du hin! Natürlich nicht! Der Preis winkt nur dem Standhaften! Sie wurden vor die Wahl gestellt, entweder Muselmann zu werden oder den Kopf zu verlieren!“

    „Und, ließen sie sich bekehren?“

    „Der Seigneur blieb diesmal standhaft, von den anderen weiß ich´s nicht.“

    „Ihr habt noch nicht erzählt, wie Ihr an den Teufelsstein kamt.“

    „Hmm... nun ja... wie war das noch gleich... liegt schon so lange zurück... ach ja! Also höre!Nachdem mich die Damen des Hauses also gesalbt, abgerieben und...ähem so weiter hatten, kleideten sie mich in ein weißes Gewand, zogen mir goldene Pantoffeln an, setzten mir einen Turban auf den Kopf und führten mich dem Kalifen vor. Der, mit einem Bauch wie eine schwangere Bärin, lag auf einem mit kostbaren Seidentüchern ausgelegten Diwan, umgeben von seinen Sklavinnen und Sklaven, die ihm Kühlung zufächelten.

    'Herr Ritter', rief er, 'nehmt Platz und greift zu!' Dabei wies er mit müder Geste auf eine mit süßen Köstlichkeiten gefüllte Kristallschale. 'Eure Standfestigkeit ist bewundernswert! Wenn es Eure Intelligenz auch ist, werde ich Euch etwas schenken, mit dem Ihr reich werden könnt!'

    'Wenn es weiter nichts ist, Eure Herrlichkeit', erwiderte ich und verbeugte mich tief, 'und wenn ich nicht wieder in Hitze geraten muss, stehe ich jederzeit Rede und Antwort!' Du weißt, Mundburt, ich bin zwar relativ ungebildet, aber ich bilde mir ein, einen klaren Menschenverstand zu besitzen, und es gibt kaum etwas auf der Welt, das man nicht durch Nachdenken lösen könnte, besonders, wenn Reichtum winkt.

    'Nun denn', sagte der Kalif, 'mein Wesir wird Euch jetzt drei Fragen stellen. Wenn Ihr sie alle beantworten könnt, werde ich mein Versprechen einlösen, wenn nicht – Sklave!'

    Ein Mann mit einem silbernen Tablett trat vor, und auf dem Tablett lag ein – abgeschnittener Kopf!

    Der Sklave nahm ihn bei den Haaren, hielt ihn hoch, Blut tropfte aus dem Hals, beziehungsweise aus dem, was noch davon übrig war. Ich erstarrte! Mein Sohn, du kannst dir nicht vorstellen, was in diesem Moment in mir vorging, denn es war eindeutig der Kopf des – Seigneurs! Diesmal war er standhaft geblieben! Teufel, dachte ich, ist wohl doch nicht weit her mit dem muselmanischen Großmut!

    Doch ehe ich mir schlimme Gedanken machen konnte, trat ein klapperdürrer Greis hervor und rief mit krächzender Stimme: 'Ritter der Christenheit, hört die erste Frage: Der große Gelehrte Ibn al-Motamid behauptet, alle Bewohner Aleppos seien Lügner. Seine Herrlichkeit fragt dich, o Ritter, lügt Ibn al-Motamid oder spricht er die Wahrheit? Die Zeit läuft!' Zwei Sklaven drehten eine riesige Sanduhr um, die nicht mit Sand, sondern Goldkörnern befüllt war. Ich dachte kurz nach und antwortete – nun, Mundburt, was antwortete ich?“

    Um Zeit zu gewinnen fragte ich: „Sagt einmal, Vater, wieso konntet Ihr das alles verstehen? Sprecht Ihr denn arabisch?“

    „Wieso? Ach so, ja.“ Papa rieb sich das Kinn. „Da war natürlich ein Übersetzer – nein, streng genommen zwei sogar. Der eine konnte nur französisch, der andere übersetzte vom Französischen ins Deutsche, möglicherweise nicht immer korrekt. Also, was antwortete ich?“

    „Lasst mich nachdenken. War dieser Ibn al-Dingsbums auch ein Einwohner Aleppos?“

    „Ja, so hörte es sich an.“

    „Dann kann diese Frage nicht eindeutig beantwortet werden, und sie wollten Euch hereinlegen.“

    Vater blickte mich erstaunt an. „Wieso?“

    „Dieser Gelehrte behauptet ja von sich, er sei ein Lügner, denn er ist ja ein Bewohner Aleppos. Wenn aber ein Lügner lügt, erzählt er die Wahrheit. Also müssten tatsächlich alle Bewohner Aleppos Lügner sein. Aber eben weil sie Lügner sind – und somit auch der Gelehrte – dann kann seine Behauptung nicht stimmen. Also lügt er, obwohl er die Wahrheit sagt.“

    Vater sprang auf, wurde aber von einem heftigen Stoß wieder zurück auf seinen Sitzplatz geworfen. „Genau das sagte ich, Mumdburt, genau das sagte ich!“, rief er, „ich sagte: Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten, Ibn al-Motamid lügt und spricht gleichzeitig die Wahrheit! – Also weiter. Der Wesir verbeugte sich und stellte die zweite Frage. 'Wie kommt es, Herr Ritter, dass sich das Bild eines Paddels, den man ins Wasser taucht, auf den Betrachter zukrümmt?' Wieder wurde die goldene Uhr umgedreht.“

    „Und was sagtet Ihr?“

    „Hmmm... nun ja... ich muss gestehen, ich erinnere mich nicht mehr.“

    „Aber die Antwort muss doch vortrefflich gewesen sein, sonst säßet Ihr ja nicht hier in diesem Karren.“

    „Das ist wohl wahr, mein Sohn!“

    Plützlich dämmerte mir was. Vater hatte diese Fragen irgendwo aufgeschnappt, aber die Antworten wusste er nicht mehr. Hei! Das Spiel begann, mir Spaß zu machen und ich beschloss, sein Leben zu retten, auch wenn es nur ein fiktives war.

    „Nun zur dritten Frage, Vater“, sagte ich, „wie lautete die dritte Frage?“

    „Oha... ähh... hmmm... Na ja, das war nun die Schwierigste von allen...“

    Alter Schwede, dachte ich, mich führt Ihr nicht hinters Licht! Ich ahnte: Vater kramte gerade in seinem Hirnkasten nach einer Frage herum! Und sein gutes Gedächtnis ließ ihn nicht im Stich. „Ähem... Der Wesir sagte: 'Erkärt doch, o Gralsritter, warum manche Menschen mit Augenleiden klar und deutlich winzige Mücken vor ihren Augäpfeln sehen, obwohl überhaupt keine Mücken da sind!“

    „Und was habt Ihr geantwortet?“

    „Hmmm... nun ja, gleich, mein Sohn... nicht so stürmisch, sagte die Jungfer, als ihr der Hengst... hahaha! Muss erst ´nen Schluck nehmen... Meine Kehle ist schon wieder trocken wie´n Furz!“

    Dass Vater die Antwort nicht wusste, war sonnenklar. Er hatte sich verrannt. Um die vertrackte Situation für ihn nicht allzu peinlich werden zu lassen, sagte ich schnell: „Lasst mich raten... Ihr habt gesagt... Ihr habt gesagt –“ Von zwei Unwissenden ist manchmal der im Vorteil, dem die unwahrscheinlichste Lösung einfällt. – „Ihr habt gesagt: Edler und hochweiser Herr Wesir! Sie sahen Mücken, weil sie etwas gehört haben, das sie an den Gesang von Mücken erinnerte. Denn nichts ist stärker als die Einbildung!

    „Bei allen Heiligen, genau das hab ich gesagt! Weil nichts stärker – – “

    Ein ungeheurer Stoß, splitterndes Holz, wildes Fluchen – die Karren neigte sich auf die Seite, kippte aber glücklicherweise nicht um, niemand wurde verletzt. Ein Rad war gebrochen. Vater und ich gingen ins nächste Dorf, um Handwerker zu holen und eine Bleibe für die Nacht zu suchen, denn es dunkelte schon.

    Während wir zwischen den Pfützen der Landstraße umhersprangen wie die Hasen, denen man Salz auf den Schwanz gestreut hat, sagte ich: „Vater, habt Ihr´s bemerkt? Ich hab Euch eben das Leben gerettet.“

    „So? Ich wüsste nicht bei welcher Gelegenheit.“

    „Die dritte Frage!“

    „Wie? Was...? Ach du Schlingel, das meinst du! Hmm... nun ja, wenn man es richtig betrachtet, dann sind wir jetzt quitt.“

    „Wie meint Ihr das?“

    „Nun denk doch mal nach, Junge. Ich hab dir das Leben geschenkt, und du hast meines gerettet! Wenn das kein fairer Handel ist!“

    „Vater, Ihr habt mir immer noch nicht gesagt, woher Ihr den Teufelsstein habt!“

    „Den schenkte mir der Kalif als Belohnung für deine guten Antworten!“

    Ja, das war mein Vater, wie er leibte und lebte! Einfach nicht unterzukriegen! Noch jetzt, ach, nach so vielen Jahren, wird mir schwer ums Herz, wenn ich an ihn denke.

    Obwohl er manchmal ziemlich eigensinnig bis zur Sturheit sein konnte. Besonders, wenn es um die Erziehung seiner Söhne ging...

    _____________________________________________

    # Erker mit einem Loch im Boden, durch das siedendes Öl oder kochendes Pech gegossen werden konnte.


    Forts. folgt.

  • Heyho McFee


    Denke nicht, ich hätte aufgehört, Deiner Erzählung zu folgen. Nur finde ich es gemeinhin besser, lange Passagen oder noch besser - die ganze Geschichte zu lesen.

    Das Bild ist dann wesentlich klarer.

    Und was ich bisher gelesen habe finde ich großartig.

    Das werden viele hier nicht so sehen und ich kann's ihnen nicht mal verdenken.

    Die von Dir verwendete Sprache ist aus heutiger Sicht ziemlich grob. Mancher würde sie wohl auch "vulgär" nennen. Mich juckt das nicht sonderlich, ich empfinde es eher als passend.

    Und darüber hinaus hast Du das seltene Talent, diese "mittelalterliche Erzählweise" beizubehalten.Und gleichzeitig noch unglaublich witzige Passagen einzubauen...

  • Hallo Der Wanderer,

    vielen Dank für den wohlwollenden Feedback!

    Die von Dir verwendete Sprache ist aus heutiger Sicht ziemlich grob. Mancher würde sie wohl auch "vulgär" nennen.

    Anscheined befinde ich mich da aber in bester Gesellschaft:
    »Ihr Verstand hängt ihnen wie eine schmutzige Schleppe am Arsch«. Feridun Zaimoglus in »Evangelio«.

    HKW-Literaturpreis für Fernanda Melchor : „Zwischen Blut und Pisse liegt die Hoffnung auf Menschlichkeit.“

    H.M. Enzensberger: „Die Scheisse“, (1964).

    Luther über einen Mann aus dem Stamme Juda: „Einer, so an die wand pisset.“

    Voltaire: "Ein Buch darf alles sein, nur nicht langweilig." Also darf es auch stinken. Und da noch niemand festgestellt hat, dass meines langweilig ist, kann ich nachts ruhig schlafen...

    Doch nun Spaß beiseite.

    Als ich die Erzählung einstellte, ging ich zwei Wagnisse ein, 1. wg. der Sprache, 2. wg. der Länge. Es werden wohl über 60 Kapitel. Ich achte jeden, der diese Sprache nicht schätzt, und dem das Ganze zu lang erscheint. Deshalb habe ich ja den Stoff so gegliedert, dass man nicht das Ganze lesen muss, um an einzelnen Kapiteln sein Vergnügen zu finden. Und aufs Ganze gesehen sind die wenigsten Kapitel in diesem Jargon verfasst.

    Dieser Satz ist im gesamten Kontext sowas von unpassend...

    Warum eigentlich? Der Satz soll kurz und knapp die tiefe Zuneigung ausdrücken, die der Sohn in diesem Moment, wo es kracht und blitzt, für diesen ungehobelten Klotz von Vater empfindet.

    Beziehst Du Dich da vielleicht auf den Kalifen "Harun al Pussah" aus den "Isnogud" - Comics?

    Nein. Ich schöre beim Jupiter lapis: Alle diese Figuren sind auf meinem Mist gewachsen, und Comics schau ich mir schon garnicht an. Sollte es Ähnlichkeiten geben, sind sie rein zufällig.

  • Hallo McFee !

    Wieder sehr unterhaltsame Episoden. Ich frage mich just, ob eigentlich schon bekannt ist, wie Mundburt in etwa aussieht (außer, dass er erst riesig, dann winzig und dann normal groß gewachsen war). Und mich würde interessieren, wie alt er ist, als er mit seinem Vater diese Unterhaltung auf der Kutsche führt -- denn seine Antworten sind ja schon sehr intelligent, aber er scheint viele essentielle Dinge gleichzeitig noch nicht zu wissen.


    Hier noch die Perlen im Schlamm, die ich ganz besonders toll fand:

    Vaters Versuche, mir Bildung beizubringen, wirkten immer etwas unbeholfen.

    Ach, das erinnert mich an mich selbst... :D

    Im Compendium daemonis naturalis des Magisters Schwafelus Schwafelius kommt er jedenfalls nicht vor.

    Petersilius Pilzschnitzel hat hier einen fast würdigen Nachfolger gefunden! :D Aber nur fast! An den Namen kommt nichts ran. Das Buch selbst wirkt auch nicht gerade wahnsinnig spannend:D:D

    „Der Seigneur blieb diesmal standhaft, von den anderen weiß ich´s nicht.“

    Ohhh. Schwarzer Humor. -- Und dann wird das sogar nochmal extra "auf dem Tablett" serviert...:P

    Genau das sagte ich, Mumdburt, genau das sagte ich!“, rief er,

    Hier müsste es dann allerdings Mundburt heißen, nicht wahr?


    Ich mag deine Charakterisierungen. Der Vater ist ja rundum gelungen. Keine böse, keine gute Figur, mittendrin dazwischen, bisschen (sehr) verlogen, aber liebenswürdig, sehr vulgär, aber scheinbar großzügig. Ich bin gespannt, ob ein derartiges Licht auch noch auf die Mutter geworfen wird.

    Generell bin ich gespannt.

    Also, bis demnächst!

    LG

  • Hallo Stadtnymphe,

    Hier noch die Perlen im Schlamm, die ich ganz besonders toll fand:

    Wenn alles Andere Schlamm ist, dann höre ich sofort auf. Oder meintest du Schale?

    Sein Alter steht fest, denn irgendwo steht, dass er 12 war, als er mit seinem Vater nach Burg Schwarzenraben aufbrach, sowie sein Geburtsdatum, kann man aber bei dem vielen Text leicht überlesen. Auf eine Beschreibung habe ich bewusst verzichtet, denn fast jeder kennt einen Lausbuben, der seine Stelle einnehmen könnte. Auch vom Vater soll sich jeder selbst ein Bild malen.

    Wenn Mumdburt der einzige Verschreiber war, dann schätze ich mich glücklich. Werde ihn als Denkmal stehen lassen...

    Auf die Mutter wird kein starkes Licht geworfen, nein. Sie wird noch ein paarmal erwähnt, dann, war´s das. Denn sonst, fürchte ich, komme ich nie an ein Ende. Ich habe dafür aber eine Erklärung eingebaut, indem ich behaupte, sie habe sich nie sonderlich um diesen Sohn gekümmert, weil sie andere Dinge im Kopf hat. Dafür werden andere Frauen beleuchtet...

    Ganz liebe Grüße!

  • Natürlich, liebe Stadtnymphe, habe auch nicht für den Bruchteil eine Sekunde angenommen, dass du es wirklich despektierlich gemeint hast.

    Nochmal etwas zur häufigen Verwendung des Wortes mit S... na, du weißt schon. Ich bin da bei meinen Studien zu diesem Thema auf die Kunstgattung shit paintig gestoßen. Es gibt da Bilder von Hitler und D. Trump, die aus eben diesem Material gemalt sind. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass in einem Haufen... mindestens so viel Wahrheit steckt wie im Bertelsmann Lexikon, dann ist er hiermit erbracht (wobei ich Trump nicht mit H. vergleichem möchte, dass wäre dann doch wohl zu stark). Ich hoffe, ich habe dir nicht irgendeinen Appetit verdorben.