Vrouwen dienest

  • Mundburt verweigert den Hunden ein Wettrennen.


    Als ich auf die Herrin zutrat, blickte sie durch mich hindurch, als sei ich Luft. Ergeben beugte ich das Knie, zog mein Barett vom Kopf und wartete. Ihre beiden Zofen, geputzt und geschniegelt wie Maibäume, betrachteten mich, als wär´ ich ein Haufen Dreck – jedenfalls kam es mir so vor.

    „Bedeckt Euch und steht auf,“ befahl die Herrin endlich, „und setzt Euch neben mich, aber nicht zu nah.“

    Gehorsam setze ich mich halbärschig auf den Brunnenrand.

    „Herr Mundburt von Wolkenstein“, fuhr sie ziemlich kreischig fort, „was soll ich von einem Pagen halten, der die Hof-Etikette nicht beherrscht!“

    Ich merkte, wie mir kalte Schweißperlen auf die Stirn traten.

    „Allergnädigste Herrin... ich... ich bitte vielmals um Verzeihung“, stotterte ich, „welche Hof-Etikette meint Ihr?“

    „Schweig, böser Knabe!“, zischte sie, „und mach den Fehler durch alberne Entschuldigungen nicht noch peinlicher!“

    Ich schwieg gehorsam.

    „Gottseidank ist der Herzog diesem Hause dank der Erfolge meines Gemahls sehr gewogen, und so konnte ich Schlimmeres verhüten. Du jedenfalls hast Glück im Unglück. Ich konnte erreichen, dass der Herzog deine Bestrafung in meine Hände legte.“

    „O Herrin –“

    „Nimm zunächst dies!“ Blitzschnell versetzte sie mir eine Ohrfeige, allerdings eine ziemlich zahme ohne Saft und Kraft. Ich empfand es mehr als einen halb-freundschaftlichen Backenstreich.

    „Auf die andere Wange auch noch eine!“, rief ich ohne zu überlegen.

    „Bube! Was erlaubst du dir? Anscheinend verkennst du deine Situation! Dies ich kein Mummenschanz! Für jemanden, der den Herzog beleidigt hat, solltest du mehr Zerknirschung an den Tag legen!“

    „Ich hätte den Herzog beleidigt?“

    Das alberne Lachen der beiden Zofen brachte mich völlig aus der Fassung. „Ich wüsste nicht – – O je!“ Jetzt ging mir ein Licht auf! Beschämt klatschte ich mir mit der Hand vor die Stirn, dass die Spatzen von der Linde stoben. Das war´s! Ich Hornochse hatte vergessen, den Herzog vor der Ballade persönlich mit 'Euer Erlaucht und gnädigster Herr Herzog' anzureden, wie es die Etikette vorschrieb! Hatte ich in der Aufregung total vergessen. Und dieser Blödmann von Mönch hatte mich nicht darauf hingewiesen. Um das Tächtelmächtel ging es also gar nicht! Mir fiel ein Stein vom Herzen.

    „Weißt du, dass der Herr auf Wolken-Kuckucksheim einen Domestiken, dem ein ähnlicher Lapsus widerfuhr, halb tot geprügelt hat?“

    „Ja, Herrin, ich hab davon gehört“, bestätigte ich kleinlaut. War ja wochenlang Gesprächsthema Nummer eins gewesen.

    „Prügeln lasse ich dich nicht, Bursche, schließlich bist du einer der Unsrigen, wenn auch ein Unwürdiger, und auf der Burg gibt es genug Prügelknaben*. Für dich habe ich mir etwas anderes ausgedacht.“

    Begeistert sprang ich vom Brunnenrand und fiel auf die Knie. „Herrin!“, rief ich, „betraft mich! Bestraft mich hart! Eine Strafe von Eurer Hand, wie auch immer sie ausfallen sollte, ist keine Strafe, sondern eine Köstlichkeit!“

    In meiner Liebestollheit deutete ich das Aufblitzen in ihren Augen als geheime Bewunderung meines Mutes.

    „Eine Köstlichkeit, sagst du? Nun gut, Bursche, die sollst du haben! Steh gefälligst auf!“

    Sie winkte dem Jagdmeister, der schon seit einiger Zeit wartend in der Nähe stand. „Herr Walther“, sagte sie, als der Mann bei uns stand, „hüllt diesen Knaben in ein Wolfsfell, und dann kommt mit ihm zurück.“

    Herr Walther führte mich in eine Remise, in der die Attrappen für den Fang von Wölfen, Bären und Hirschen aufbewahrt wurden, stülpte mir ein Fell über und band es gehörig fest. Noch ahnte ich nichts Böses; wahrscheinlich, so dachte ich, sollst du auf allen Vieren kriechen und wie ein Wolf jaulen, zusammen mit einem brummenden Bären und einem röhrenden Hirschen, mit allerlei Kunststückchen zwischendurch; ein beliebtes Spektakel, das die Zuschauer reihenweise in Lachkrämpfe versetzte. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wie grausam diese Frau sein konnte, auch wenn sie wie ein Engel daherkam. Und ich wusste auch nicht, dass mich jede ihrer Grausamkeiten fester an sie band.

    „Lauft auf allen Vieren und heult wie ein Wolf!“, rief die Herrin, als wir zurück waren. Sie nahm einen Stecken und trieb mich damit an. Zu spät bemerkte ich die Teufelei. Erst als das Fallgitter hinter mir herunter krachte, ahnte ich, was sie mit mit vorhatte, doch nun war es zu spät. Ich befand mich im Zwinger, jenem Raum zwischen der Wehrmauer und den Wirtschaftsgebäuden, in dem bei hohem Besuch tatsächlich ab und zu lebende Raubtiere gegeneinander gehetzt wurden.

    Ich blickte hoch. Auf der Bastion standen dicht gedrängt die Zuschauer und ließen es an blöden Bemerkungen nicht fehlen.

    „Ha!“, rief ein Arschlappen, „wo ist der Schneider, der sein Fell wieder zusammenflickt?“ – Ein anderer: „Warum? Ist doch nicht sein Fell!“ – „Ach was Schneider!“, grölte ein Hirntölpel, „einen Arzt braucht er, einen Chirurgen!“ – „Hoho, sagtet Ihr Arzt? Einen Abdecker braucht er, einen Abdecker!“ – „Arzt oder Abdecker! Kommt doch eh aufs Selbe hinaus!“, ein Fünfter. Ein ganz kesser Witzbold schrie: „Meint Ihr den hiesigen Knochendreher?


    Ha! Der ist Arzt für sich und seinen Beutel! Indessen

    streben die Patienten, von Geschwüren zerfressen!“


    Rohes Gelächter belohnte diesen schlechten Scherz.

    Ehe ich einen Plan fassen konnte, rief die Herrin: „Nun spute dich, Page, die Hunde sind los!“

    Wütendes Gekläff erscholl, und schon stürzten Castor und Pollux, zwei Jagdhunde aus der Meute des Herren, auf den vermeintlichen Wolf zu. Die Tiere wurden stets sehr knapp gefüttert, um sie für die Jagd scharf zu halten, und dementsprechend zausten sie das Fell. Ihr stinkender Atem raubte mir fast die Besinnung. Wenn es auch nicht mein Fell war, so war ich doch nahe daran, meine Seele dem Allmächtigen zu empfehlen. Immer wieder sprangen mich die Bestien an; hatte alle Mühe, zu verhindern, dass sie mir nicht auch noch mein eigenes Fell zerbissen. Doch auf einmal, wie durch Zauberhand bewirkt, ließen sie ab; setzten sich hin, begannen, friedlich mit dem Schwanz zu wedeln. Geistesgegenwärtig erkannte ich meine Chance: Sie hatten den Menschen gewittert! Für einen Hund ist der Mensch so etwas wie der Kaiser für seine Untertanen, ein unbegreiflich hohes Wesen, dessen Worte man kaum versteht, denen man aber trotzdem Folge leisten muss. Jetzt galt es, mich als der erkennen zu geben, der ich war, nämlich Mundburt, ihr Treiber, dem sie das Gesicht leckten. Doch so heftig ich auch zog, zerrte und fluchte, es gelang mir nicht, das vermaledeite Wolfsfell zu lockern, geschweige denn abzuwerfen; der Hurensohn von Jagdmeister hatte mich fest eingebunden wie einen Rollbraten im Bratnetz. Schon machten die Köter knurrend Anstalten, sich wieder auf mich, oder besser: Auf den vermeintlichen Wolf zu werfen, offenbar durch dessen heftigen Bewegungen und den Geruch des Fells gereizt.

    Auf der Bastion war es still geworden, gespannt harrte man der Dinge, die da kommen würden. Normalerweise wurden bei solchen Verlustierungen Wetten abgeschlossen; ich selbst hätte in diesem Moment keinen abgenagten Hühnerflügel auf mich gesetzt. Verzweifelt suchte ich nach einem Ausweg... Ich wusste, die Leute wollten Blut sehen, hatte es ja selbst oft so gehalten... Zum Henker, was mach ich bloß!, dachte ich. Die verdammten Hunde erkannten mich nicht, denn ich roch ihnen zu stark nach Wolf, und nicht nach Mundburt, da halfen auch keine beruhigenden Worte! Zu allem Überfluss bekam ich wieder Leibschmerzen; die Aufregung war mir auf den Darm geschlagen.

    Da kam mir die zündende Idee. Ha, triumphierte ich, ihr lausigen Hasenschwänze da oben auf der Galerie! Diese Suppe versalz ich euch, und zwar gründlich!

    Noch heute, nach mehr als einem Vierteljahrhundert, wo ich dies meinem Schreiber in den Gänsekiel diktiere, bin ich wieder erstaunt, wie durchschlagend meine Idee war. Gut, sie war ziemlich abartig, mehr noch, es war eine arge Schweinerei. Doch, Herr im Himmel, Schweinerei hin, Schweinerei her, wer denkt schon an saubere Füße, wenn er im Morast versinkt. Zog mir die Hose runter, legte mich auf den Rücken, winkelte die Beine an und präsentierte meine Hinterpforte. Die Köter kamen und schnupperten nach alter Hundeart; jetzt drückte ich kräftig meine Eingeweide zusammen und spie ihnen donnernd eine Tracht klumpigen Darmsaft auf die Nasen. Der Erfolg hätte nicht besser ausfallen können. Castor und Pollux machten kehrt und liefen prustend und jaulend davon.

    ________

    *Nicht adelige Knaben, die statt der adeligen bestraft wurden.


    Mundburt hadert mit seinem Schicksal.


    Manche hielten diesen Streich für genial, andere für die Ausgeburt eines kranken Hirns. Einig waren sich allerdings alle: Die Art und Weise, wie ich den Feind in die Flucht geschlagen hatte, war einzigartig. Wenn auch kein Blut geflossen war, so hatte ich anscheinend trotzdem etlichen hartgesottenen Humpenrittern und Tellerausleckern ein Erzvergnügen bereitet. Es gibt ja immer und überall Leute, die über den gröbsten Unsinn lachen. Doch die Meinung der Leute interessierte mich einen kalten Kehricht. Wichtig war: Was sagte die Herrin dazu? Ja länger ich darüber nachdachte, desto mehr kam ich zu der Überzeugung, dass ihr das nicht gefallen haben konnte, denn ich hatte mich der Menge in der unwürdigsten Pose gezeigt, in der sich ein Ritter in spe normalerweise nur als unmündiges Wickelkind präsentiert. Andererseits: Hatte ich nicht hohe Geistesgegenwart besessen, eine Tugend, die ein Ritter unbedingt braucht?

    Um Gewissheit zu erlangen, zu welcher Seite ihre Ansicht neigte, bat ich um eine Unterredung, doch eine dieser albernen Kammerzofen teilte mir schmallippig und ziemlich von oben herab mit, die Herrin sei für mich nicht zu sprechen.

    Da lag ich nun in meiner Kammer und leckte mir die Wunden, denn einige Bisse und Kratzer hatte ich doch abbekommen. Aber es waren nicht nur fleischliche Wunden, die ich zu lecken hatte... Jetzt war Gewissheit: Frau Mathilde, Herrin auf Burg Schwarzenraben, der ich zum


    vrouwen dienest


    bestimmt war, der Traum meiner einsamen Nächte, dieses holde Wesen hatte mich verstoßen!

    Eine tiefe Traurigkeit überkam mich. Ach, was soll nun werden?, dachte ich. Was ist ein Ritter ohne Dame? Noch viel weniger als einer ohne Pferd! Ein neues Pferd bekommt man schnell, hingegen eine neue Dame? Ha! Ein Ritter ohne Fehl und Tadel wollte ich werden, wie mein großes spanisches Vorbild, und stattdessen, was war ich? Ein Knabe ohne Pferd und Adel! Da war es auch kein Trost, dass ich als ausgelernter Knappe demnächst die zweifelhafte Ehre haben würde, den Herrn auf Turniere zu begleiten, sein Pferd zu striegeln, ihm die Stiefel zu putzen, sein Schwert zu fetten, den Harnisch zu ölen.

    Ach was, Ehre! Wie sagte doch mein Vater oft? Ehre, sagte er, ist, wenn man sonst nichts davon hat!

    Doch dann traten Ereignisse ein, das mich für einige Zeit auf andere Gedanken brachten.

    Zunächst: Acht Tage nach diesem Streich wurde ich sechzehn Jahre alt und einen Tag darauf feierlich zum Knappen ernannt. Womit ich diese Ehre verdiente, weiß ich nicht; vielleicht empfand die Herrin ja Gewissensbisse und das Bedürfnis nach Wiedergutmachung.

    Wie gesagt, ich weiß es nicht.

    Aber eines weiß ich: Die Frage, warum mich jetzt gerade eine Mücke sticht, mich, Mundburt zu Wolkenstein, und nicht meinen Bruder Lofhar; warum nicht Schwester, Oheim, Vater, Vatersvater usw., Mutter, Muhme, Muhmesmuhme, Magd, Mamsell, und auch nicht irgendeine, sondern just diese eine, bestimmte Mücke, und nicht etwa anno 1346, auch nicht am 13. Augusto in der siebten Stunde, sondern genau in diesem Augenblick, und auch nicht ins Gesicht, nicht in den Nacken, Ellenbogen, Hals, nicht in die Hand, in die Nase, in den Hintern und so weiter, sondern genau zwei Daumen unterhalb der Kniekehle, wo doch noch viele andere mögliche Stichstellen ungenutzt blieben – diese Frage, klatsch!, ist leichter zu erklären als die Launen einer Frau.

    Nun gut. Die Höflichkeit des Sängers verlangt, dass er sich kurz fasse, denn


    ein kurzes Wort dringt auf zum Himmel eh´r,

    ein langer Zug macht nur die Kanne leer.


    Da ist nämlich noch die ach so traurige Geschichte meiner Kammerzofe, der vom Teufel besessenen Hildegardis, die ich Euch unbedingt erzählen muss.


    Forts. folgt

  • Hallo McFee ,

    den Abschnitt fand ich von der Länge her sehr kurzweilig und angenehm zu lesen! Du hast mich mal wieder zum Lachen gebracht:

    „Herr Mundburt von Wolkenstein“, fuhr sie ziemlich kreischig fort, „was soll ich von einem Pagen halten, der die Hof-Etikette nicht beherrscht!“

    Ich merkte, wie mir kalte Schweißperlen auf die Stirn traten.

    „Allergnädigste Herrin... ich... ich bitte vielmals um Verzeihung“, stotterte ich, „welche Hof-Etikette meint Ihr?“

    „Schweig, böser Knabe!“, zischte sie, „und mach den Fehler durch alberne Entschuldigungen nicht noch peinlicher!“

    Normalerweise würde ich ja jetzt die Feministen-Keule schwingen. Ich weiß aber aus eigener Erfahrung, dass Frauen tatsächlich genau. so. reagieren. (können). Vorallem dieses "Ich will es nicht erklären, was du falsch gemacht hast, da musst du schon selber drauf kommen" :D

    der Herr auf Wolken-Kuckucksheim

    Wieder eine genialistische Annäherung an Petersilius Pilzschnitzel!!! Ich liebe deine Namen. Bitte mehr davon!


    LG

    Stadtnymphe

  • Mundburt lernt die Macht der Liebe kennen.


    Ich bewohnte jetzt im Erdgeschoss des Burgfrieds eine geräumige Kammer, die nach dem Zwinghof hinausging, denn als Knappe hatte ich Anspruch auf eine bessere Wohnung und einen Diener. Eines Morgens, ich war kaum aufgewacht, wurden meine Augen durch den Anblick eines reizenden Wesens entzückt, das mir meinen Morgentrunk servierte. Es war ein junger Page von vielleicht vierzehn, fünfzehn Jahren, rang und schlang und biegsam wie eine Weidengerte. Mit seiner marmorweißen Haut, seinen feurigen, unschuldigen Augen, seinem in lieblicher Unordnung um den Kopf wallendem Haar, erschien er mir wie das Idealbild knabenhafter Schönheit.

    „Seid Ihr mit Eurem Bett zufrieden, Herr Knappe?“, sprach er mich an.

    „Sehr zufrieden sogar! Doch, doch... Gewiss hast du es gemacht. Wie heißt du, schöner Knabe?“

    „Hildegardus.“

    „Und weiter?“

    „Nichts weiter.“

    „Mein Lieber, jeder Mensch hat doch einen Nachnamen.“

    „Nicht jeder. Nur der Mensch von Adel. Ich bin einfach Hildegardus. Basta.“ Zwei scharfe Falten umspielten seine schönen Lippen, was ihn daran hinderte, in diesem Moment eine vollkommene Schönheit zu sein.

    Da ich schwieg, fuhr er fort: „Soviel ich weiß, habt Ihr keinen Diener; ich werde Euch deshalb bedienen, und denke, Ihr werdet mit mir zufrieden sein.“

    „Wer hat dich geschickt?“

    „Die Burgherrin.“

    Heureka!, dachte ich, sie hat mich also doch noch nicht vergessen!

    Hildegardus erledigte seine Aufgabe mit so viel Aufmerksamkeit und Anmut, dass ich schon fürchtete, ich könnte mich in ihn verlieben. Mir war nicht entgangen, dass Amor unter den Knechten und Mägden der Burg ein munteres Spiel trieb. Doch ich wusste vom Monsignore, dass solche Liebe nicht gottgefällig ist.

    Ich setzte ich mich auf, und er half mir, mein Untergewand anzuziehen, wobei er züchtig die Augen schloss* und von hundert Sachen schwatzte, wirres Zeug, von dem ich nichts verstand. Bevor er ging, warf er mir ein zartes Lächeln zu, das mich erröten ließ.

    Ich beging den Fehler, mich nicht über diesen Pagen zu erkundigen. Ehrlich gesagt, ich hätte auch nicht gewusst, bei wem, denn der Burgherr weilte gerade auf einem Turnier, tja, und die Herrin zu fragen getraute ich mich nicht.

    Am nächsten Morgen zur gleichen Zeit erschien er wieder, munter wie ein Fink, in einen weißen, weiten Umhang gehüllt, wohlriechend frisiert und mit zierlicher Fußbekleidung. Ich forderte ihn auf, sich wieder an mein Bett zu setzen.

    „Bist du schon lange auf der Burg? Ich habe dich noch nie gesehen“, fragte ich.

    „Nicht lange.“

    „Leben deine Eltern noch?“

    „Mein Vater.“

    „Und die Mutter?“

    „Gestorben“, war die kurze Antwort.

    Ich fragte ihn noch dies und das, doch er antwortete widerwillig, und ich stellte keine weiteren Fragen.

    Tags darauf setzte er zu einem neuen Angriff an. Er fragte mich, ob er nicht zu mir kommen, sich neben mich legen könne, ihm sei kalt, und er habe schon gemerkt, ich hätte Hitze genug. Tatsächlich tobte draußen ein Unwetter und blies feuchtkalte Luft durch das undichte Fenster.

    Diese Bitte, in aller Unschuld vorgetragen, konnte ich unmöglich abschlagen. In dem Drang, geistreich zu erscheinen, sagte ich: „Gerne! Aber gib Acht, dass du dich nicht verbrennst!“

    Er lachte. „Seid Ihr denn ein Teufel?“

    „Und wenn ich einer wäre?“

    „Dann wäre ich Samuel!“

    „Ach du, du siehst aber nicht aus wie ein gefallener Engel!“

    Er lachte. „Wäre dieser Engel Euch dann lästig?“

    „Tatata! Und wenn, dann wärst du die angenehmste Last, die ich mir ausdenken kann! Aber verriegele vorher die Tür. Wenn jemand hereinkäme, er könnte Gott weiß was denken.“

    Er verriegelte die Tür, dann kroch er ohne Umstände an meine Seite.

    Ich muss mit Blindheit geschlagen gewesen sein, dass ich immer noch nichts merkte.

    Obwohl mir seine Nähe nicht unangenehm war, ergriff mich eine innere Unruhe, die ich mir nicht erklären konnte. Dumpf fühlte ich, dass mit diesem Pagen etwas nicht stimmte. So blauäugig, wie er tat, war doch auf dieser Burg, wo hinter allen Ecken und Enden die Unzucht lauerte, kein Zwölfjähriger mehr!

    Plötzlich verließ er seinen Platz und ging.

    Nach zehn oder zwölf Tagen durchtriebener Tändelei – oft waren seine rosigen Wangen nur zwei Finger breit von meinem Mund entfernt – rollte mein Blut vor Verlangen, sie mit Küssen zu bedecken – doch eine innere Stimme befahl mir, davon Abstand zu nehmen. Ich hatte das bestimmte Gefühl, dass diese Küsse mir Unglück bringen würden. Also entschloss ich mich, ihn am nächsten Morgen zu bitten, nicht mehr zu mir zu kommen.

    Nach einer Nacht, die sich schwer beschreiben lässt, verfolgt von seinem Bild und dem Gedanken, dass er am Morgen zum letzten Mal an meinem Bett sitzen würde, erschien er, kaum war der Tag angebrochen, freudestrahlend, heiter wie ein Sonnenstrahl an einem Maimorgen. Sein schöner Mund lächelte, sein üppiges Haar war wieder in der reizendsten Unordnung. Mit offenen Armen eilte er auf mein Bett zu.

    Plötzlich blieb er stehen und rief: „Herr Knappe, was ist mit Euch? Seid Ihr krank?“

    „Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.“

    „Ach! Und weshalb nicht?“

    „Weil ich mich entschlossen habe, dir etwas mitzuteilen, das für mich sehr traurig ist, das mir gleichwohl deine Achtung zutragen wird.“

    „Ei, ei, ei, wie Ihr redet... Entweder seid Ihr wirklich krank oder verrückt, was aufs Gleiche hinausliefe! Was ist mit Euch? Wartet, ich werde Euch einen Beruhigungstee holen, und dann sagt Ihr mir, worum es geht.“

    Er ging und kehrte mit dem Tee zurück; indem ich trank, bemühte er sich, mich aufzuheitern, und es gelang ihm, mich zum Lachen zu bringen. Nachdem er etwas Ordnung gemacht hatte, schloss er die Tür, denn der Wind wehte heftig; dann forderte er mich auf, etwas beiseite zu rücken, ich tat es, und er setzte sich zu mir.

    „Nun, Herr Knappe, worum geht es?“

    Seine Blicke raubten mir fast den Verstand.

    Trotzdem fand ich die Kraft, ihm meinen Zustand zu erklären, in den er mich versetzte, ihm all die Leiden und Qualen zu schildern, die mir mein Verlangen bereiteten, was zudem nicht gottgefällig sei; stellte ihm vor, dass ich dieses Leben nicht länger ertragen könne und dass ich schon einer Herrin versprochen sei und dass der Minnedienst eine heiteres Gemüt und eine keusche Seele erfordere und weiß Gott noch was alles für einen Unsinn.

    Er hörte mich mit unbewegtem Gesicht an.

    Endlich bat, nein, beschwor ich ihn, nicht mehr in dieser Kammer zu erscheinen.

    Plötzlich sprang er auf, warf sein Gewand ab – vor mir stand eine Venus, schöner noch als die Venus von Milo, weil mit weniger Muskeln und Speck beladen. Doch nach gewissen Anzeichen zu urteilen war diese Venus erheblich älter als der Page von eben.

    Mir verschlug´s den Atem, und vor Verblüffung fehlten mir die Worte. Schließlich stammelte ich: „Zieht Euch wieder an, Ihr werdet Euch erkälten.“ Dann, als ich mich wieder im Griff hatte: „Was soll die Verstellung? Wie kann ich überhaupt sicher sein, dass Ihr eine Jungfer seid und nicht eine Chimäre? Oder sogar der Teufel? Denn Ihr habt mich wie Beelzebub in Versuchung geführt! Verlasst auf der Stelle dieses Zimmer!“

    Nun brach sie in Tränen aus, und ihre Tränen rührten mich. Ich beugte mich vor, um sie ihr zu trocknen, ohne zu bedenken, dass ich dabei in ihren offenen Busen blicken musste, dessen Reize auch einen erfahrenen Seemann hätten Schiffbruch erleiden zu lassen.

    „Wie kommt Ihr überhaupt dazu, Euch als Knabe auszugeben?“, sagte ich, milder gestimmt, „warum wähltet Ihr nicht den direkten Weg?“

    Die falsche Venus sah mich mit verweinten Augen an. „Hättet Ihr mich dann als Pagen angenommen? Wo Ihr Euch doch der ritterlichen Minne verschrieben habt?“

    „Da habt Ihr allerdings Recht. Der Minnedienst erfordert eine heiteres Gemüt und eine keusche Seele.“

    „Das sagtet Ihr schon.“

    Ein fürchterlicher Gedanke stieg in mir auf. „Ha! Sagt mir, hat Euch die Herrin geschickt, um meinen ehrlichen Sinn zu prüfen? Ja oder nein!“

    „Wie kommt Ihr denn darauf? Nein, mit der Herrin habe ich nichts zu tun. Ich bin Kammerjungfer bei der Frau des Truchsess, einer dummen Person, die mich den ganzen Tag herumkommandiert. Ich bin gekommen, weil ich Euch liebe.“

    „Weiß die dumme Person davon?“

    „Nein.“

    „Wie heißt Ihr denn überhaupt?“

    „Na wie wohl? Hildegardis.“

    Es entstand eine kleine Pause.

    „Soso“, sagte ich nach einer Weile, „Ihr liebt mich also. Aber ich kann Euch nicht lieben.“

    „Nun, wenn Ihr mich auch nicht liebt, so kann das doch kein Grund sein, mich gleich zu verstoßen! Wir können doch Freunde werden! Und, was mich besonders betrübt ist, dass der Gedanke an mich Euch krank gemacht hat. Hab auch die halbe Nacht wach gelegen, jawohl, aber nicht aus Kummer, sondern weil ich Euer Bild vor Augen sah, und immer, wenn mich der Schlaf übermannte, wachte ich wieder auf, um mich zu überzeugen, dass es noch da war, Euer Bild. Hatte ich nicht daher allen Grund, heute morgen lustig zu sein?“

    Nach diesen Worten fing sie wieder an zu weinen und rief von Zeit zu Zeit: „Ach, ich Unglückselige! Ach, ich Unglückselige!“

    Dieser Gefühlsausbruch war mir peinlich, und gerne hätte ich die Situation beendet, doch ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

    Mit einem Mal beugte sie sich noch weiter zu mir herüber, und ich roch ihren frischen Atem. „Mundburt, liebst du mich denn gar kein bisschen? Ein klitzekleines bisschen würde mir schon reichen!“ Sie sah mich mit ihren schönen Augen starr an. „Ich würde alles tun“, gurrte sie, „was du mir befiehlt, damit du wieder gesund wirst. Wenn Ihr aber, um wieder gesund zu werden, meinen Anblick nicht mehr ertragen könnt, dann ist es mir auch recht.“

    Sie schlug die Augen nieder, und wieder ließ sie ihren Tränen und Seufzern freien Lauf. Auch ich war ergriffen, doch obwohl ich mit den Tränen der Frauen noch keine Erfahrung besaß, fühlte ich, dass all das, was sie hier sagte und tat, nicht glaubwürdig war, eine Komödie, und es flößte mir Angst ein. In meiner Not beging ich die Dummheit, sie zu fragen: „Hildegardis, wenn es noch etwas gibt, was ich für Euch tun kann, dann sagt es!“

    Mir einem Mal war aller Kummer aus ihrem Gesicht verschwunden. Sie stand auf, gab mir eine Ohrfeige und rief: „Du dummer Junge!“

    Dann rannte sie aus der Kammer.

    Ich war am Ende meiner Kräfte.

    _________

    * Zu der Zeit schlief man häufig unbekleidet.


    Mundburt dankt Gott, kein Teufel gewesen zu sein.


    Um wieder zu Kräften zu kommen ging ich hinunter in den Zwinghof, zu den Hühnerställen, und schlürfte die noch warmen, gerade erst gelegten Eier, damals eine meiner Lieblingsspeisen, und mindestens ein Dutzend.

    So verging eine Woche, es vergingen zwei Woche, ohne dass ich Hildegardis wiedersah. Auf einer so großen Burg mit über hundert Menschen und ständig ein- und ausfahrendem Volk ist es nicht schwierig, sich aus dem Weg zu gehen. Bald war ich überzeugt, dass sie mich vergessen habe, und auch ihr Bild in meinem Kopf verblasste allmählich.

    Doch, meine lieben Zechbrüder und Kegelschieber, ihr ahnt es schon: Das Drama war noch nicht zuende

    Eines Abends trat eine Küchenmagd an mich heran und flüsterte: „Hildegardis liegt krank in ihrer Kammer und wünscht Euch zu sprechen.“

    Auf einmal war die Erinnerung an all die Wirrnisse, die das durchtriebene Frauken über mich gebracht hatte, taufrisch wieder da; ich war nahe daran, den Ritter an den Nagel zu hängen, die Burg zu verlassen und Priester zu werden. Doch eine geheime Macht zog mich zu ihr hin.

    Die Tür der Kammer war nur angelehnt, ich fand Hildegardis in ihrem Bett, die Decke bis zum Hals hochgezogen, mit hochrotem Gesicht, anscheinend fiebernd. Sowie sie mich sah, warf sie die Bettdecke ab, ihr nur halb bekleideter Körper bäumte sich wie in furchtbaren Krämpfen auf und ließ mehr sehen als schicklich war, sie warf sich nach rechts, nach links, teilte Fußtritte und Faustschläge aus und schrie wilde Verwünschungen.

    Ich kannte weder die List der Frauen und die Tücke ihrer Enttäuschungen, noch wusste ich, was ich denken sollte. Ich wunderte mich nur, dass mich der Anblick kalt ließ.

    Ein Herr, der sich gleich darauf als ihr Vater vorstellte, und der Doktor traten ein. Der Doktor sagte, die Krämpfe kämen von einem Teufel, der in sie gefahren sei, doch der Vater wollte nichts davon wissen und verlangte kalte und heiße Wechselbäder sowie die Behandlung mit heilkräftigen Kräutern. Ich musste über beide lächeln, denn ich ahnte, woher die Krankheit kam: Von einem Teufel, der in dieser Kemenate stand, und der alles andere als in sie gefahren war.

    Allmählich beruhigte sie sich, und kurz darauf war sie eingeschlafen.

    Der Vater, dem der Kummer das Gesicht zeichnete, sagte zu mir: „Herr Mundburt, bitte bleibt noch, sie hat nach Euch verlangt.“ Dann verließen er und der Arzt den Raum.

    Sowie die Tür ins Schloss fiel, schlug Hildegardis die Augen auf und blickte mich starr an. „Da seht Ihr, was Ihr angerichtet habt“, sagte sie, als wäre nichts gewesen. „Wenn Ihr Euch weiter weigert, werde ich sterben.“

    Verblüfft über so viel freche Unverfrorenheit erwiderte ich: „So schnell stirbt sich nicht, und Ihr allemal nicht. Was soll diese lächerliche Komödie?“

    „Was steht Ihr da bei der Tür? Kommt doch näher! Oder habt Ihr etwa Angst vor mir?“

    „Keinen Schritt!“, rief ich, „ja, ich habe Angst, aber nicht vor Euch, sondern vor dem Teufel, der in Euch steckt!“

    Sie ließ ein wüstes Gelächter hören. „Ihr seid genau so ein Dummkopf wie dieser Doktor Eisenbart! Nur Ihr steckt voller Saft, während der ausgetrocknet ist wie eine Strohpuppe.“

    „Eure Anzüglichkeiten stoßen mich ab. Ich gehe.“

    „Oh, bitte geht noch nicht“, jammerte sie in verändertem Tonfall und streckte mir eine Hand hin. „Wenn Ihr kein Unmensch seid, gebt Ihr mir wenigstens einen Kuss auf die Hand.“

    Obwohl ich ahnte, dass es ein Hinterhalt war, wurde ich weich. Indem ich mich über ihre Hand beugte, zischte sie mir zu: „Ich lasse dich nicht, und sollte ich dabei zur Hölle fahren!“

    Mich durchfuhr ein heißer Schrecken. Wenn sie tatsächlich vom Teufel besessen war, worauf einiges hindeutete, und ich hätte mich näher mit ihr eingelassen – unausdenkbar! Ich dankte Gott, dass er mir die Stimme gesandt hatte, um mich zu warnen.

    Entsetzt ließ ich ihre Hand los und stürzte aus der Kammer.


    Mundburt erfährt die Wirkung gekreuzter Besen.


    Den restlichen Tag und den Abend hörte man nichts mehr von ihr. Dann, gegen Mitternacht, ertönte plötzlich wieder ihr Geschrei, alle Welt lief in ihre Kammer, ich ausgenommen, denn ich blieb ruhig liegen und versuchte trotz des Lärms weiterzuschlafen. Zum Teufel, dachte ich, lass sie schreien, irgendwann wird sie sich schon beruhigen. Doch sie beruhigte sich nicht. Es schien, als habe sie es sich in den Kopf gesetzt, mich auch noch aus der Ferne zu martern. Nach einer Stunde unruhigen Hin- und Herwälzens stand ich auf und kleidete mich an. Dann ging ich zu ihrer Kammer und spähte durch den Türspalt, um zu sehen, was da los war.

    Außer der vermeintlich Kranken befanden sich in der Kammer drei weitere Personen: Ihr Vater, der Doktor und die Burg-Hebamme, die ihr in die Welt geholfen hatte, und die auch ihre Taufpatin war. Diese Frau erklärte ohne Umschweife, dass sie die Ursache der Krankheit entdeckt habe: Eine Hexe habe ihr Mündel verzaubert, und sie wisse auch, wer die Hexe sei.

    Ich trat ein.

    Hildegardis lag ruhig in ihrem Bett und starrte mich mit glasigen Augen an. Für einen Moment hatte ich den Eindruck, als grinse sie.

    „Das kann durchaus sein“, sagte der Doktor, der bekanntlich derselben Ansicht war, „aber man darf keine voreiligen Schüsse ziehen. – Wer ist die Hexe?“

    „Es ist die alte Küchenmagd, ich habe mich am Abend davon überzeugt.“

    „Das ist doch Unsinn!“, rief der Vater, „wie kommt Ihr darauf?“

    „Ich habe die Tür zu meiner Kammer mit zwei gekreuzten Besenstielen versperrt, die sie entkreuzen musste, um hereinzukommen. Aber sie ist zurückgewichen und durch eine andere Tür gegangen. Also ist sie eine Hexe, sonst hätte sie die Besen entkreuzt.“

    Bei diesen Worten ergriff mich eine heftige Abneigung gegen diese Frau, doch ich sagte nichts.

    „Holt die Magd her!“, befahl der Vater, dem eine Welle des Zorns das Gesicht rötete.

    Man brachte die Frau herbei, der noch das Stroh ihres Nachtlagers in den wirren Haaren steckte.

    „Weshalb seid Ihr am Abend nicht durch die gewöhnliche Tür dieser Frau eingetreten?“, fragte der Vater streng.

    Die Magd blickte ihn einäugig an, das andere Auge war blind. „Ich weiß nicht, was Ihr meint, Herr.“

    „Habt Ihr nicht an der Tür das Andreaskreuz gesehen?“

    „Welches Andreaskreuz?“

    „Die gekreuzten Besenstiele.“

    „Gekreuzte Besenstiele? Nein, ich hab nichts dergleichen gesehen.“

    „Wisst Ihr genau“, fragte der Vater die Hebamme, „dass es diese Magd war und keine andere?“

    „Aber sicher doch! Hab doch Augen im Kopf!“

    „Also, gute Frau“, setzte der Vater, an die Magd gerichtet, das Verhör fort, „habt Ihr nun das Andreaskreuz gesehen? Ja oder nein!“

    „Wie oft soll ich das denn noch sagen? Ich hab nichts gesehen!“

    „Spiel hier nicht die Unschuld vom Lande!“, zischte die Hebamme, wütend über die ungeschickte Fragerei, „wo hast du letzte Nacht geschlafen?“

    „Bei meiner Nichte, die in die Wochen gekommen ist.“

    „Du lügst!“, schrie die Hebamme außer sich, „ich will dir sagen, wo du warst! Zum Sabbat warst du, denn du bist eine Hexe und hast mein Mündel verhext!“

    Die arme Magd blickte die Hebamme fassungslos an, dann spuckte sie ihr ins Gesicht. „Was sagt Ihr da?“, schrie sie, „ich eine Hexe? Ihr... Ihr seid selber eine!“

    „Na warte, ich werde dich prügeln!“, schrie jetzt die Hebamme und machte Anstalten, sich auf die Magd zu stürzen. Die floh aus der Stube, die Hebamme hinterher.

    „Schluss jetzt!“, schrie der Vater und lief ebenfalls hinterher. Da fast alle schrien, achtete niemand auf die Geräusche, die jetzt von der Kranken ausgingen. Es war ein eigenartiges Keuchen und Glucksen, so, als wollte jemand lachen, dem der Hals zugeschnürt wird. Aber als ich an ihr Bett trat, lag sie apathisch da und blickte mich grinsend an.

    „Lasst diese Komödie“, zischte ich ihr zu, „warum wollt Ihr die Menschen, die Euch lieben, gegen Euch aufbringen? Es gibt noch andere hübsche Knaben auf der Welt!“

    Sie wendete den Kopf zur anderen Seite, ohne mich weiter zu beachten.


    Forts. folgt

  • Hallo McFee ---

    das war ein sehr unterhaltsamer Abschnitt, den ich flüssig und schnell heruntergelesen habe. Wie immer amüsant verfasst, vielen Dank. Ich wusste nicht, welche Wendung ich verblüffender fand: a) dass sich da ein junger Page an den trotteligen Mundburt heran macht, b) dass dieser nicht drauf einsteigt oder c) dass der bildhübsche Page sich dann als Zofe herausstellt, die Mundburt d) aber auch nicht interessiert! So viel Charakter hätte ich ihm ehrlich gesagt nicht zugetraut, sagtest du doch auch, du willst ihn regelmäßig ins Fettnäpfchen treten lassen.

    Aber für Beziehungsdramen bin ich immer zu haben, also bin ich gespannt, was Hildegardis sich nun einfallen lässt -- und ob Mundburt drauf reinfällt.


    LG

    Stadtnymphe

  • Hallo Stadtnympfe#,


    So viel Charakter hätte ich ihm ehrlich gesagt nicht zugetraut,

    Ich auch nicht, es ist auch nicht Char., was ihn davon abhält, sondern die Angst, dass die Herrin davon erfährt und ihn endgültig verstößt. In dieses Fettnäpfchen will er partout nicht treten. Außerdem hat er die Freuden der Liebe ja schon mit Gerlind genossen. Und als womanizer mag ich ihn nicht darstellen.


    Ich freue mich wieder über deine Kommentare (auch schon zum letzten Post). Danke.<3



    Gibt es schließlich eine bessere Form, mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?

    Charles Dickens


    LG, McFee


  • Mundburt hört, wie der Teufel aus Hildegardis fährt.


    Die übrige Nacht und den nächsten Tag kamen die Krämpfe nicht wieder, und man nahm aufatmend an, dass Hildegardis auf dem Wege der Besserung sei. Der Doktor äußerte die Vermutung, das Geschrei habe den Teufel ausgetrieben, was noch lächerlicher war als das, was er bisher gesagt hatte; der Vater, dem es gelungen war, die Magd mit einem Silbergroschen zu besänftigen, schwieg; ich, der ich die wahre Ursache der Krankheit kannte, sagte nichts, denn ich war gespannt, wie die Komödie ausgehen würde.

    Am nächsten Tag jedoch kamen die Anfälle wieder, schlimmer als zuvor. Hildegardis schrie, biss wütend um sich, warf ihr volles Nachtgeschirr an die Wand, redete wirres Zeug, spie der Magd, die ihr das Bett machen wollte, ins Gesicht, lästerte das Vaterunser, verdrehte das Ave Maria, behauptete, die Hostie sei nicht der Leib Jesu, sondern nur ein Stück gebackenes Mehl.

    Diese Lästerung, die sie leicht hätte auf den Scheiterhaufen bringen können, gab den Ausschlag. Nun zweifelte niemand mehr daran, dass sie wirklich vom Teufel besessen sei, denn nur der Teufel konnte so verwegen sein, solche Lästerungen auszustoßen, und, was fast noch schlimmer war, einen Kapuziner zu beleidigen.

    Man bestellte einen Exorzisten.

    Als Hildegardis den Teufelsaustreiber sah, der ein sehr hässlicher Mann mit einer blauen Knollennase und einem gewaltigen Zausbart war, brach sie in wüstes Gelächter aus und schleuderte ihm die gröbsten Beschimpfungen ins Gesicht. Sie verstörte alle Anwesenden, mich eingeschlossen; nannte ihn einen Dummkopf, ein stinkendes Vieh, ein ungewaschenes Subjekt, einen verlogenen Heuchler. Der Geistliche, erbost über so viel Frechheit, nahm sein großes Kruzifix und schlug sie damit, wobei er schrie: „Fahre aus, Satanas, fahre aus!“ (Hinterher behauptete, er habe nicht die Besessene, sondern den Teufel geschlagen.) Er hörte erst auf, als Hildegardis ihm laut lachend den blanken Hintern entgegenstreckte.

    Anscheinend hatten beide den Verstand verloren.

    Der Doktor flüsterte dem Vater zu, es sähe so aus, als habe sich der Teufel im Gehirn seiner Tochter eingenistet, worauf der gute Mann helle Tränen vergoss. Mit kam es eher vor, als säße der Teufel in ihrem Hintern.

    Der Kapuziner fing nun an, mit vorgehaltenem Kruzifix und lauter Stimme die fürchterlichsten Beschwörungsformeln zu rufen, dabei vermied er es, die Besessene anzublicken. Danach forderte er den bösen Geist auf, ihm seinen Namen zu nennen.

    „Ich heiße Hildegardis.“

    „Nein, das ist der Name eines getauften Mädchens.“

    „Wenn du es besser weißt, warum fragst du dann?“

    „Antworte, Satanas!“, brüllte der Mönch.

    „Na gut. Aber sage mir erst, wie du heißt.“

    „Ich heiße Ezechiel.“

    „Und ich heiße Gabriel und bin ein gefallener Engel!“

    „Gut, Gabriel, dann versprich mir, die Wahrheit zu sagen.“

    „Gut, Ezechiel, ich verspreche es, wenn du das Gleiche tust.“

    „Ich verspreche es.“

    „Gut, dann sage mir: Liebst du deinen Bart?“

    Der Exorzist blickte sich verzweifelt um. Dieser Teufel war anscheinend stärker als seine Wissenschaft. Ich staunte über die Kaltblütigkeit, mit der Hildegardis den Kapuziner an der Nase herumführte.

    Der Doktor flüsterte dem Exorzisten zu: „Weiter, Hochwürden, weiter! Gebt nicht auf! Gleich habt Ihr ihn!“

    „Ja, ich liebe meinen Bart“, schrie der Mönch außer sich vor Wut, „und jetzt fahre aus! Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, fahre aus! Satanas, hörst du mich? “

    „Na gut, ich fahre aus! Aber zuvor schneidest du dir den Bart ab!“

    Nach diesen Worten brach Hildegard in ein solches Gelächter aus, dass es mir grauste. Dabei ließ sie einen gewaltigen Furz ab –

    „Er ist ausgefahren!“, rief der Doktor begeistert, „jetzt ist er ausgefahren! Euer Andacht, das war gute Arbeit!“


    Mundburt bittet den Monsignore um Rat und Absolution.


    Wer jetzt meint, die Geschichte sei zuende, der irrt sich. Das bittere Ende kommt erst noch.

    Am Abend wurde Hildegardis von einem heftigen Fieberfrost geschüttelt, und vier Tage später kamen die Blattern zu Ausbruch. Die Bedauernswerte wurde von dieser Pest so überzogen, das der Arzt am sechsten Tag an ihrem ganzen Körper nicht eine einzige Stelle finden konnte, die verschont geblieben war. Sie lag mit geschlossenen Augen da, und als man entdeckte, dass auch Mund und Kehle ganz mit Blattern überzogen waren, fürchtete man um ihr Leben. Nur mit Mühe flößte ihr die Hebamme einige Tropfen Honig ein. Hildegardis lag bewegungslos da, nur ihre Brust hob und senkte sich leicht. Die junge Schönheit war etwas Abscheu Erregendes geworden, und ihr Anblick entsetzlich! Doch trotzdem zog es mich mehrmals am Tag an ihr Lager, wo ich mit Tränen in den Augen ihr aufgedunsenes Gesicht betrachtete. Ihr Kopf hatte sich um ein Drittel vergrößert, die Nase war kaum mehr zu sehen; der Doktor fürchtete um ihre Augen, auch wenn sie dem Tod entrinnen sollte. Das Lästigste jedoch war der säuerliche Pestgestank, den ich dennoch tapfer aushielt.

    Am neunten Tag schickte man nach dem Priester, der ihr die Absolution erteilen und die Letzte Ölung geben sollte.

    Mich überkam eine große Niedergeschlagenheit. Ich machte mir Vorwürfe, dass ich allein an ihrem Zustand schuldig war; ich bildete mir ein, wenn ich rechtzeitig den Grund ihrer Krankheit offenbart hätte, wäre diese ganze Farce der Teufelsaustreibung nicht nötig gewesen, und dann hätte Hildegardis auch Gott nicht gelästert. Ich war fest davon überzeugt, dass die Blattern die Strafe dafür waren, dass sie die heilige Hostie verhöhnt hatte. Mir schnürte sich das Herz zusammen bei dem Gedanken, dass sie durch meine Schuld sterben könnte. In meiner Not wandte ich mich an den Monsignore, als er die Kammer der Kranken verließ.

    „Ehrwürdiger Vater“, sagte ich, „kann ich Euch einen Moment sprechen?“

    „Natürlich, mein Sohn! Worum geht es denn?“

    „Ich habe schwere Schuld auf mich geladen“, sagte ich gemäß der Formel, die er mir selbst beigebracht hatte, „und bitte um Euren Rat und Absolution.“

    „Hier nicht, mein Sohn, gehen wir in die Kapelle.“

    Im Beichtstuhl erklärte ich ihm, was mich bedrückte.

    „Dass du geschwiegen hast, Mundburt“, sagte er, als ich mit meinem Vortrag fertig war, „das war nicht recht, denn es hat dazu geführt, dass sich die Jungfer vergaß und den Leib Christi lästerte, Gott möge ihr verzeihen. Ich war nicht dabei, sonst hätte ich den Vorfall dem Heiligen Officium melden müssen, was für sie übel hätte ausgehen können –“

    „Aber die Lästerung haben doch alle gehört!“, unterbrach ich ihn verzweifelt.

    „War sie da nicht schon besessen? Also waren es nicht ihre, sondern des Teufels Worte. Nun zu den Blattern... Da sei ganz beruhigt. Der Herr will das Leben, nicht den Tod des Sünders, den will nur der Teufel. Wenn auch einige meinen, Krankheiten seien Geißeln Gottes, dann stelle ich die Frage: Was hat das junge Ding gesündigt, dass es den Tod verdient?, und ich antworte: Nichts! Die Blattern hat weder Gott noch der Teufel geschickt, die Kranke hat, ohne es zu wissen, verdorbenes Wasser getrunken oder schlechte Luft eingeatmet. Also sei beruhigt mein Sohn, hier trifft dich keine Schuld. Als Buße für dein Schweigen gebe ich dir drei Vaterunser und sechs Ave Maria auf, die du für Hildegards Genesung betest, denn noch besteht Hoffnung, dass sie wieder gesund wird. “

    „Danke, Vater! Segnet mich!“

    „Ich segne dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen. Gott schütze dich!“

    Ich war kaum aus dem Beichtstuhl, da rief er mir noch nach: „Und vergiss das Beten nicht!“

    Ha, dachte ich, das braucht Ihr mir nicht zu sagen! Fiel, wild entschlossen, für Hildegardis´ Genesung nicht nur drei Vaterunser und sechs Aves, sondern deren zehn und zwanzig zu beten, vor dem Altar auf die Knie und schickte die Gebete in einer Geschwindigkeit ab, die selbst den versiertesten Diakon verblüfft hätte. Und, meine Lieben, ihr werdet es nicht glauben, der Herr nahm meine Gebete an!

    Das Fieber legte sich, sie begann lebhafter zu werden, aber die Qualen waren noch nicht vorbei. Jetzt erfasste sie ein entsetzlicher Juckreiz; man band ihr die Hände Fest, sonst hätte sie sich das Gesicht blutig gekratzt, und sie wäre so hässlich geworden, dass sie niemand mehr ansehen mochte.

    Als sie wieder gesund war, verließ sie die Burg, denn als Kammerzofe war sie, so wie sie jetzt aussah, nicht mehr geeignet. Ihr Vater verheiratete sie an einen Schuhmacher in der Stadt, ein schweigsamer, finsterer Geselle, der genau so schwer von den Blattern gezeichnet war wie sie.

    Was aus ihr weiter geworden ist, weiß ich nicht.


    Mundburt wird von einer Taube ins Ohr gepickt und schöpft wieder Mut.


    Hildegardis´ Schicksal vergrößerte noch meine Niedergeschlagenheit, denn immer noch ging die Herrin mit kaltem Blick an mir vorüber.

    Betrübt blickte ich zu dem Käfig mit der Taube, der von der Decke der Kammer herunterhing. Mein Vater hatte ihn dagelassen mit der ausdrücklichen Weisung, das Tier loszuschicken, wenn mir ein Unglück widerfahren sei und ich Hilfe brauchte. Er werde sofort kommen und nach dem rechten sehen. Ich solle vorher nur der Taube einen schwarzen Wollfaden ums Bein binden. „Nichts fliegt schneller und findet sicherer den Weg zurück“, versicherte er, „als eine Taube, die ihre Jungen verlassen musste.“

    Ich stand auf, öffnete den Käfig und nahm das Tier heraus; es schmiegte sich an und zwackte mich sanft ins Ohr, als wollte es mich auf etwas hinweisen, das ich hören sollte, aber nicht hörte – – doch, jetzt hörte ich es! Diesmal war es die Stimme meines Vaters, die ich vernahm, und er sagte:


    Dass du die Rose hast, das merkst du an den Dornen!


    Und ein andermal:

    Ein´ schöne Frau war immer rar,

    die nicht auch widerspenstig war.


    Hei!, rief ich und machte einen Luftsprung. Also das war´s! Ich hatte sie, die Rose, ich hatte sie, nur war ich auf die Dornen nicht gefasst gewesen. Wie konnte ich nur auf die hirnrissige Idee kommen, die Herrin habe mich verstoßen! Sie wollte mir nur ihre Dornen zeigen! Schwirr, die Taube landete im Käfig, die Klappe schlug zu. Fröhlich sang ich:


    „Gott meine Seele,

    dem Kaiser mein Leben!

    Mein Herz den Damen!

    Für mich die Ehre! Amen!“


    Jetzt wusste ich, was zu tun war! Ich musste hinaus in die Welt und mich als Ritter beweisen. Dann würde ich den Falken bezwingen!

    Die Tür sprang auf. Gerlind.

    „Alles in Ordnung?“

    „O ja! Es ist wieder alles in Ordnung! Mein Entschluss steht fest.“

    „Welcher Entschluss?“

    „Ich werde Burg Schwarzenraben verlassen.“

    „Was willst du?“, rief sie überrascht, „die Burg verlassen? Und wie willst du das anstellen, Mann? Du hast kein Geld, kein Pferd, keinen Harnisch, kein Schwert, und auch wenn du das alles hättest, kämst du ohne Erlaubnis nicht am Torwächter vorbei.“

    „Das mit dem Torwächter lass mal meine Sorge sein, alles andere wird sich finden. Ich muss hinaus in die Welt und mich als Ritter beweisen. Dann werde ich den Falken bezwingen!“

    „Welchen Falken?“ Gerlind sah mich betrübt an, so wie man einen Kranken ansieht. „Mundburt, tu´s nicht! Draußen wimmelt´s von Räubern und wilden Tieren!“

    „Das schreckt mich nicht! Schließlich will ich ein Ritter werden und kein Advokat!“

    Plötzlich fiel mir Gerlind um den Hals. „Mundburt, o Mundburt!“, rief sie, „liebst du mich denn nicht? Wenigsten ein ganz klein wenig?“

    Nicht nur, dass mir diese Frage irgendwie bekannt vorkam, ich hatte sie schon lange erwartet und – gefürchtet. Nichtsdestotrotz musste sie jetzt ehrlich und ohne wenn und aber beantwortet werden. „Nein, Gerlind“, sagte ich, „du bist mir eine liebe Freundin und ich schätze dich sehr, aber lieben kann ich dich nicht! Meine ganze Liebe gilt der Herrin!“

    Gerlind trat mit dem Fuß so heftig auf den Boden, dass es den Leibhaftigen aus dem Schlaf geschreckt hätte. „Elender Lügner!“, schrie sie, „von wegen Herrin! Beim Deichert!° Diese kleine pockennarbige Schlampe hast du geliebt! Glaubst wohl, euer Treiben ist mir verborgen geblieben? Ha! Wenn das die Herrin erfährt, ist es aus mit dir! Und dass sie es erfährt, darauf kannst du Gift nehmen!“

    „Sie wird nichts erfahren, weil es nichts zu erfahren gibt“, sagte ich kalt, „und jetzt hör auf hier herumzuschreien, sonst werf ich dich raus!“

    „Die Mühe kannst du dir sparen. Ich gehe freiwillig.“

    Ich griff nach ihr, doch sie entwand sich. „Gerlind, versteh doch! Zwischen Hildegardis und mir war nie etwas Ernsthaftes. Ich habe von Anfang an gemerkt, dass ihr der Teufel im Leib steckte und sie nicht angerührt. Ehrlich.“

    „Pa! Jetzt auch noch kneifen!“

    „Ich kneif nicht!“

    „Dann schwör´s!“

    „Ich schwör´s, bei allem, was mir – “

    „Schwör´s auf die Bibel!“ Sie nahm die Bibel von meinem Nachttisch und hielt sie mir hin. Ich legte drei Finger drauf und tat den Schwur.

    Sichtlich beruhigt fragte sie: „Wie kommst du aus der Burg?“

    „Über einen geheimen Gang, den ich entdeckte, als ich den Marschall auf den Auslug führte.“

    „Du bist also fest entschlossen?“

    „Ja.“

    „Gut, ich komme mit! Ich werde deine Marketenderin$ sein! Keine Widerrede, sonst lass ich dich in Ketten legen!“

    ***

    Was sagt Ihr, Schreiber? Keine Dinte mehr im Fässchen? Dann hurtig auf und nachgefüllt! Das Beste kommt noch!

    _________

    ° Teufel. § Eine Händlerin, die eine Armee begleitet. In diesem Fall besteht die Armee aus einer einzigen Person.


    Forts. folgt

  • Hallöchen McFee ,


    heute war ich mal schnell, also bekommst du eine druckfrische Rückmeldung. Es hat sich wieder sehr flüssig und flott gelesen. Ich frage mich allerdings, was von Hildegardis' wüsten Aktionen nun echt war und was gespielt. Außerdem, eine solch boshafte Natur, die sie an dem "armen Exorzisten" (wer hätte das gedacht!) zum Vorschein bringt, hätte ich ihr auch nicht zwingend zugetraut.

    Amüsant zu lesen war es wie immer auch, aber dieses Mal spielte eine dramatische Note mit hinein, die mir gut gefiel. Außerdem finde ich Mundburts Charakter von Mal zu Mal weniger rückgratlos. Er wird mir annähernd sympathisch --- wahrscheinlich, bis du ihn ins nächste Fettnäpfchen wirfst. ^^

    Überdies: Was ist ein Auslug? (Oder ist das ein Rechtschreibfehler von "Ausflug"?)

    Und was ist ein Marketender? Hier hätten wohl deine typischen Zeichen wie °^" mal besonderen Sinn gemacht.


    LG

    Stadtnymphe


  • Zweites Buch: Mundburts fantastische Reise durch die Welt

    Der dritte Haufen



    Boreas.....................................................................Riese

    Kopf, Hund, Wurst.........................................Flüchtlinge

    Traudel, Margarete...............................................Unken

    Bufonis.........................................................deren König

    Willibold v. Lerchenhorst.........................Bürgermeister

    Neidhardt Mühlenknecht..................................Beamter

    Schlagtot, Kotzinschuh, Pissdiewandan..............Räuber


    Zum Geleit


    Wie? Was? Im Ernst? Ho, ha + hi!

    Solche Gestalten saht ihr noch nie!

    Da ist ein Mensch gleich ohne Kopf

    und noch dazu ein armer Tropf;

    Da = die Mutter gleich der Schwester -

    hab´s selbst gesehn, mein Allerbester -

    Windbräute, die nur Winde essen

    + Würste, die sich selber fressen!

    Ei! Seht dies Büchlein doch mal an,

    dann wisst ihr, ob man´s glauben kann!


    – Herr Graf*, seid Ihr bereit?

    – Gut denn! Also schreibt und lasst nichts aus!

    ______________

    * Schreiber


    Mundburt besteht seine erste Bewährungsprobe und gewinnt einen Riesen als Freund.


    Das Land vor uns glich einer arabischen Steinwüste. Statt auf liebliche Hügel mit Wäldern und Wiesen blickten wir auf ein Trümmerfeld, auf ein heilloses Chaos aus Steinen und Felsen, die wie von Zyklopenhand wahllos dahin geschleudert schienen. Und überall Staub, Staub, Staub.

    „Wo sind wir denn hier gelandet?“, rief Gerlind überrascht.

    „Ich fürchte, auf dem Mond!“

    Doch einige dieser Felsen sahen wie zu Stein gewordene Lebewesen aus: Ich sah Castor und Pollux, erstarrt in ewig-felsenfester Treue, erkannte den Hund des Heros Makedon; sah Romulus und Remus, bewegungslos in ihrer Zitzenseligkeit; erkannte sogar Meeresgetier, das über den kargen, staubigen Boden sich windend erstarrt war. Und über dieser seltsamen Einöde wölbte sich ein blendend weißer Himmel; woher die Helligkeit kam, war nicht genau zu erkennen. Sie schien hinter einem Berg hervorzuquellen, der sich am Horizont in nebulöse Höhe erhob.

    Das Sonderbarste aber war diese schwarze Scheibe, die hoch am Himmel hing, und von der schwarze Strahlen wie Medusenhaare ausgingen.

    „Das ist ja eigenartig“, staunte Gerlind, „der Stollen war nach meinem Gefühl gar nicht so lang, und doch sind wir auf dem Mond gelandet! Und diese schwarze Sonne... seltsam. Ich glaub, ich träume! Kneif mich mal!“

    Ich kniff sie.

    „Autsch! Doch nicht so stark, du Flegel!“

    „Jedenfalls träumst du nicht“, lachte ich. „Hätte auch nicht gedacht, dass gleich hinter unserem Berg eine völlig andere Welt liegt. Aber so ist das mit den Geheimgängen. Man weiß nie, wohin sie einen führen.“

    „Spar dir deine Gemeinplätze, du Ritter ohne Pferd und Adel! Auf geht´s!“

    „Ha! Wohl ohne Pferd, aber mit Adel! Schließlich bin ich ein von!“

    „Den Adel meine ich nicht! Ich meine den, der vom Herzen kommt und nicht vom Taufschein!“

    Ich biss mir auf die Lippen. „Das wird sich bald ändern, verlass dich drauf!“

    Unter dergleichen angenehmen Geplauder kamen wir zunächst zügig voran; Gerlind, auf Schusters Rappen, trug den Proviant; meine Wenigkeit ritt auf besagtem Stecken, mit einem Hafersack als Rüstung und einem Kochtopf als Helm; zum Schwert diente mir ein altes Küchenmesser – zugegeben, eine ziemlich dürftige Montur, aber immer noch besser als gar keine.

    Allmählich wurde der Weg schwieriger; Dornsträucher und hartes Gras machte uns das Gehen zur Qual. Schon seit einiger Zeit lag ein seltsames Geräusch in der Luft, ein eigenartiges Rasseln und Pfeifen; es erinnerte mich an meinen Vater, wenn er seinen Rausch ausschlief, nur war es jetzt viel lauter. Das Rasseln und Pfeifen verstärkte sich noch, je mehr wir uns dem Berg näherten.

    Plötzlich schrie Gerlind auf und tanzte auf einem Bein herum. „Verdammt!“, schimpfte sie, „das hier ist doch die reinste Hölle! Beim Henker, konntest du nicht einen anderen Weg nehmen?“ Sie hatte sich einen Dorn in den Fuß getreten.

    „Du bist lustig! Wie konnte ich wissen, wo der Gang endet? Schließlich ist er geheim.“

    „Wenn das so weitergeht, kehre ich um!“

    „Das kannst du gerne tun, mein Täubchen, ich halte dich nicht! Nur zur Erinnerung: Wer wollte denn unbedingt mit?“

    „Bäh!“

    „Außerdem fürchte ich, du wirst den Weg zurück zur Burg nicht mehr finden, denn ein Geheimgang ist an beiden Enden geheim.“

    „Rede keinen Unsinn! Du wirst doch wohl den Gang finden! Wir sind noch keine viertel Meile gegangen!“

    „Nichts da! Ich bin nicht ausgezogen, um gleich wieder umzukehren!“

    „Du mit deinem blöden Rittertum! Lern was Anständiges –“

    Ich machte die Ohren zu, kniete nieder, um ihr den Dorn auszuziehen – da bebte die Erde, und eine Donnerstimme rief: „Beim stiernackigen Zeus, wer wagt es, meine Ruhe zu stören?“ Ich drehte mich um und traute meinen Augen nicht, der Berg – oder was ich dafür gehalten hatte – richtete sich auf, Geröll rieselte herab, Staub hüllte uns ein und nahm uns die Sicht. Als die Luft wieder einigermaßen klar war, standen vor uns zwei mächtigen Säulen, auf denen eine himmelhohe Gestalt schwankte. Ich legte den Kopf in den Nacken und blickte in die Höhe. Gegen den weißen Himmel hoben sich zwei ovale Schatten ab, darüber schwebte ein Kranz schwarzer Streifen. Was ich anfangs für Strahlen der schwarzen Sonne gehalten hatte, war die Haare des Riesen, und die beiden dunklen Ovale seine Nasenlöcher.

    „Schau mal“, sagte Gerlind und wies nach rückwärts, „wir kriegen Besuch!“ Ich blickte mich um – und mir wurden die Knie weich. Der steinerne Hund, ein riesiges zottiges Vieh, rannte mit sabbernden Lefzen und lüsternen Blicken auf uns zu. Jetzt waren auch die anderen Felsen zum Leben erwacht; Romulus und Remus sprangen herum und hetzten den Köter weiter auf, stachlige Kugeln rollten über den Boden, Nattern- und Otterngezücht zischte mich an – es war entsetzlich.

    Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel und besann mich nicht lange. Zog mutig mein Schwert und drang gegen die Bestien vor; rief: „Hinweg, Ungeheuer!“; machte einen Ausfall und stach zu; schrie: „Nimm das, du Satansbraten!“, vollzog einen Kreuzschritt vorwärts, drehte mich auf dem linken Fuß um die eigene Achse, machte einen Schritt rückwärts, dann eine Finte, stach hier hin, da hin, dort hin; hieb nach oben, nach unten, nach rechts, links, wieder rechts, wieder links; wirbelte Staub auf, machte einen Salto vorwärts, drehte mich auf dem rechten Fuß, stach zu, brüllte: „Ha, nimm das und stirb!“; machte einen Salto rückwärts, fuhr den Bestien in die Parade, retirierte, avancierte, parierte, filetierte, tranchierte, säbulierte, schnabulierte, quinquilierte – machte alles, was ich nicht gelernt hatte und doch konnte, schrie „Bingo!“; wurde endlich gewahr, das es nichts mehr zu fechten gab, denn Hund, Kinder, Viehzeug lagen friedlich im Halbkreis vor mir und starrten mich mit offenen Augen an. Da kam Gerlind angehumpelt, warf sich in meine Arme, rief: „Mundburt, o Mundburt, du mein starker starker Held! Du bist der tapferste Ritter, dem ich jemals begegnet bin!“ und drückte mir einen Kuss auf den Mund. Doch ehe ich den Kuss erwidern konnte, bebte die Erde erneut, und ein gewaltiges Brausen erfüllte die Luft. Wieder rieselten Staub und Geröll herab: Der Riese schlug sich lachend auf die Schenkel. „Hohoho!“, tönte es wüst von oben, „das nenn ich verdammt tapfer! Eine Maus mit dem Mut eines Löwen!“

    „Löwen sind nicht mutig!“, rief ich zurück, „sie sind nur groß und stark; der Mut ist die Stärke der Schwachen!“

    „Was flüsterst du? Ich verstehe dich nicht!“, kam es dröhnend zurück, „steigt in meine Hand, ihr beiden Winzlinge, damit ich euch hochheben und besser hören und sehen kann!“

    Der Koloss beugte sich vor und hielt uns seine offene Hand hin. Doch ohne Leiter war es unmöglich, die Handfläche zu erklimmen. Doch schon sprangen Romulus und Remus herbei und schoben uns hoch. Der Riese richtete sich wieder auf und hielt sich die Pranke vors Gesicht. –

    Nie werde ich diesen Anblick vergessen. Ein Wald wie aus abgestorbenen Eichbäumen umgab Kinn und Mund des Titanen, knorriges Gestrüpp wucherte ihm aus Nase und Ohren, die Gesichtshaut war mit Runzeln und Rinnen bedeckt wie der Rücken einer Echse, die Augenbrauen glichen Wallhecken, wie man sie bei den Friesen findet. Die Nase – ha, ein schwarzblau angelaufener, knolliger, ungeheurer Fleischberg, von Kratern übersät, aus denen Grasbüschel wuchsen. Und dann diese Augen! –

    Kennt Ihr, meine Lieben, den Bergsee beim Laacher Kloster? Manche behaupten, dort sei einmal ein Komet eingeschlagen und der Krater habe sich mit Wasser gefüllt; andere wiederum meinen, die Erde habe sich feuerspeiend aufgetan und ein heidnischer Gott habe den Brand mit Wolkenbrüchen gelöscht. Wie dem auch sei, der See ist tiefblau und unergründlich, und um ihn zu umrunden benötigt ein Reisiger mehr als eine Stunde. So ähnlich waren die Augen des Riesen: Tiefblau, unergründlich und weit, von Wimpern wie Igelstacheln besäumt.

    Der Gigant öffnete den Mund – und ein feucht-warmer Wind wehte uns an. Der Anblick war furchterregend. Vor uns lag eine Art Tropfsteinhöhle, der Eingag so groß wie zehn Scheunentore; die Zähne zwei Reihen weißer und spitz zulaufender Säulen, herabhängend sowie aufsteigend, dahinter wölbte sich die Zunge wie eine riesige fette warzige Feuerkröte.


    Mundburt betätigt sich als Höhlenforscher und erlebt seltsame Dinge.

    Ich aber, der ich euch diese wahre Geschichte erzähle, sagte zu Gerlind: „Bin gleich wieder zurück“, lief ins Maul des Riesen, denn Höhlen hatten mich schon immer fasziniert. Kletterte auf seine Zunge und sah mich um. Bei allen guten Göttern, was sah ich da! Möge mich Thalia mit Ruten peitschen, wenn ich auch nur ein einziges Wort lüge! Ich ging da umher wie im Dom zu Ulm und sah in mystischer Dämmerung hohe Säulen und weite Hallen. Irgendwo tief unten, in einem finster-fernen Schlund, gurgelte und rauschte es. Im Weitergehen sah ich Wiesen, Felder und große Wälder, feste Städte und hohe Kastelle, die gewiss nicht kleiner waren als Ulm und meine Vaterburg.

    Nachdem ich etwa eine halbe Meilen gegangen war, stieß ich auf einen Mann, einen braven Alten, der einen Acker mit Jauche begoss. Erstaunt fragte ich: „Muss das sein? Das stinkt ja drei Meilen gegen den Wind“ – „Ich dünge mein Feld, damit die Prügel gut wachsen“, war die Antwort. – „Und warum pflanzt Ihr Prügel?“, fragte ich verblüfft. – „Ei, lieber Herr“, gab er zurück, „bin nicht mit gefütterte Hosen geboren worden. Die Prügel sind mein Broterwerb, ich verkaufe sie in der Stadt, die Ihr dort hinten liegen seht.“ – „Herrje“, sagte ich, „ist denn hier eine ganz andere Welt? Eine, in der Prügel statt Ähren auf den Äckern wachsen?“ – „Was sagt ihr da? Eine andere Welt?“ – „Ja, eine ohne Sonne, Mond, einer Unzahl an Sternen und allerlei geheimnisvollen Dingen.“ – „Ich habe in meinem Leben noch nie Sonne, Mond und Sterne gesehen, kenne nur diese Welt und vermisse keine andere.“ – „Wie heißt denn die Stadt, in der Ihr Eure Prügel verkauft?“ – „Bastonia.“

    Ich grüßte den Alten und ging weiter. Unterwegs begegnete ich einer Gestalt in einem weißen Gewand und mit dem Kopf eines langschnäbligen Vogels, die ein Schmetterlingsnetz in die Luft warf. „Was macht Ihr da“, sprach ich die Gestalt an, „warum werft Ihr das Schmetterlingsnetz in die Luft, in der kein einziger Schmetterling fliegt?“ – „Ich fange Schreie ein“, antwortete er, „seht Ihr? Da war gerade wieder einer!“ – „Ich höre keine Schreie“, erwiderte ich.“ – „Dann seid ruhig und hört genau hin!“ – Tatsächlich, von irgendwoher erklang leise, aber deutlich vernehmbar, vielfältiges Geschrei. – „Wozu fangt Ihr denn Schreie?“, fragte ich verwundert.“ – „Schreie sind mein Broterwerb. Wenn ich ein Schock voll habe, gehe ich in die Stadt und verkaufe sie auf dem Markt.“ – „Wie heißt denn die Stadt, in der Ihr Eure Schreie verkauft?“ – „Bastonia.“

    Nachdenklich ging ich weiter. „Was für eine seltsame Stadt muss das sein, dieses Bastonia“, murmelte ich, „in der Prügel und Schreie auf dem Markt angeboten werden.“

    Nach einiger Zeit gelangte ich an einen See, auf dem ein Fischer seine Netze auswarf. „Was fischt Ihr da, lieber Mann?“, rief ich ihm zu. Der Mann drehte mir sein Gesicht zu. Es war über und über mit Tränensäcken bedeckt. „Ich fische geweinte Tränen!“, rief er zurück, „in der Stadt herrscht ein Mangel an frischen Tränen! Sie werden zu Tausenden vergossen, aber niemand fängt sie auf. Wenn meine Netze voll sind –“

    „– bietet Ihr sie auf dem Markt an!“, rief ich und ging weiter.

    Bald gelangte ich an die Mauern der Stadt Bastonia, die wohlbefestigt und reich betürmt war; als ich aber hineingehen wollte, senkte der Torwächter seine Pike und rief: „Heda, junger Freund, erst muss ich Euren Gesundheitspass sehen!“ – „Herrscht denn hier die Pest?“, fragte ich erstaunt. Er: „Nein. Aber ich darf weder Lahme noch Kranke einlassen.“ Während ich noch über diese Antwort staunte, erschollen hinter der Stadtmauer dumpfe Schläge und starkes Gebrüll; es hörte sich an, als werde dort jemand heftig geprügelt. Auf meine Frage hin sagte der Wächter: „In anderen Städten leben viele Leute vom Giftmischen, Betrügen und Töten; die Bastonier aber davon, dass sie sich prügeln lassen, sodass sie mit Frau und Kindern verhungern müssten, wenn sie längere Zeit ungeprügelt blieben. Viele Männer können ihren Freudenlümmel nicht anders aufrichten, als wenn man sie gehörig stäupt und federt. Beim heiligen Priaps, wollte man mich so peitschen wie den da, das würde mich, hol´s der Teufel, gehörig in Form bringen.“ Der Torwächter machte eine Bewegung, als wolle er es jedem Moment wahr machen.

    „Lasst das“, sagte ich schnell, „so wie Ihr mir vorkommt, glaub ich´s Euch aufs Wort.“

    „Die Sache ist die“, fuhr der Wächter fort, „wenn ein Wucherer, ein korrupter Ratsherr oder ein geldgieriger Advokat aus einer anderen Stadt einem Edelmann etwas Schlechtes antun oder ihn finanziell ruinieren will, so dingt er einen Bastonier, der den Mann aufs Gröbste misshandelt, beleidigt, beschimpft, ihn auf jede nur denkbare Weise schikaniert, wie es ihm sein Auftraggeber befohlen hat, bis der Edelmann, wenn er nicht ganz stumpfsinnig ist, sich gezwungen sieht, den Bastonier von seinen Knechten gründlich verprügeln zu lassen, ihm mit dem Degen über den Kopf zu hauen, dass die Schwarte platzt, oder ihn aus dem Fenster zu werfen, dass er sich den Hals bricht. Daran hat der Bastonier dann genug, um mindestens sechs Monate davon zu leben; für ihn sind Prügel oder gebrochene Knochen die beste Ernte. Denn der geschundene Bastonier erhält nicht nur von seinen Auftraggebern Geld, sondern auch noch von Gericht wegen vom Edelmann eine satte Entschädigung, manchmal derart üppig, dass dieser dabei sein gesamtes Vermögen verliert und noch froh sein kann, wenn er nicht im Gefängnis verfaulen muss. Versteht Ihr nun?“

    „Ah, ich verstehe sehr gut!“, sagte ich, „weil das tagtäglich passiert, gehen den Leuten langsam Prügel und Schreie aus!“

    „Die Tränen auch. Diese Stadt ist nichts für Waschlappen.“

    „Und die Gerichte machen diesen Unfug mit?“, wand ich ein.

    „Hoho!“, rief der Wächter drohend und senkte seine Pike, „hütet Eure Zunge, Mann! Wagt nicht, das Gerichtswesen dieser Stadt zu beleidigen? Ihr seid ein –“

    Der Wächter fing an, mich mit der Pike zu kitzeln und aufs Übelste zu beschimpfen. Inzwischen war Volk herbeigelaufen, viele mit Knüppeln und Stangen bewaffnet. Oha, dachte ich, wenn das mal gutgeht. Doch wider Erwarten blickten mich die Leute nicht feindselig an; im Gegenteil, einer bot mir seinen Knüppel an und rief: „Lasst Euch das nicht gefallen, haut ihn, der Sauhund hat Prügel verdient!“ – Andere nahmen dem Wächter die Pike ab und hielten sie mir hin. Da erkannte ich die Falle und lief weg.


    Der Wind hatte gewechselt; kam er bisher von achtern, so kam er jetzt von vorn. Allmählich stieg das Gelände an, und ich gelangte an einen Abhang mit schönen Bäumen und weißen Landhäusern. Dahinter gähnte ein tiefer schwarzer Schlund, aus dem es gurgelte, zischte und pfiff. Über dem Schlund hingen zwei riesige eiförmige Gebilde°, die sich leicht im Wind bewegten. Ich nahm einen Stecken und berührte vorsichtig eines dieser Rieseneier. Augenblicklich erscholl ein gewaltiges Brausen und Dröhnen, aus dem Wind wurde ein Orkan, ich wurde hochgehoben, sauste durch die Luft, und eh ich mich´s versah, fand ich mich neben Gerlind wieder.

    „Ich dachte, du kommst nicht mehr zurück“, meckerte sie, „was gab´s denn da so Interessantes?“

    „Ach, das erzähl ich dir später mal.“

    ___________

    ° Seine Mandeln


    Mundburt und Gerlind entgehen knapp einer Katastrophe.


    Nachdem sich der Riese ausgehustet hatte, brüllte er: „Was sagtest du eben?“

    „Ich sagte: Löwen sind nicht mutig, sie sind nur groß und stark; Mut ist die Stärke der Schwachen!“

    „Sprich lauter, ich verstehe dich immer noch nicht!“

    „ICH SAGTE: EIN LÖWE IST NICHT MUTIG; MUT IST DIE STÄRKE DER SCHWACHEN.“

    Eine Träne von der Größe eines Straußeneis klatschte mir vor die Füße. Ich blickte hoch: tatsächlich, der Riese weinte.

    „WARUM WEINST DU, RIESE?“

    „Ich weine, weil ich weinen muss!“, brüllte es aus der Höhle, so laut, dass ich es kaum verstehen konnte und sich Gerlind genervt die Ohren zuhielt, „die Götter haben mich zum Weinen verdammt, und das schon seit Anbeginn der Welt! Nur im Schlaf finde ich Ruhe.“

    „UND WARUM DAS? HAST DU ETWAS VERBROCHEN?“

    „Ja, das schlimmste aller Verbrechen! Ich habe die Götter beleidigt.“

    „KÖNNTEST DU ETWAS LEISER SPRECHEN?“, schrie ich, „BIN SCHON GANZ TAUB!“

    „Ich spreche doch leise! Wenn ich laut rede, fallen tausendjährige Eichen um wie Gras, das Meer erhebt sich und zerschlägt die Schiffe der Seefahrer!“

    Schon vor einiger Zeit hatte es zu Nieseln begonnen, obwohl sich am Himmel kein Wölkchen zeigte. Ich wartete, und tatsächlich fuhr der Riese fort: „Meine Gemahlin Atlantis ertrank vor undenklichen Zeiten im nördlichen Meer, daraufhin verfluchte ich die Götter! Zur Strafe verwandeln sie mich, meine Kinder und meinen Hund zweimal am Tag in Felsen, und in der restlichen Zeit muss ich weinen. Gegen der Beschluss der Götter kann man nichts machen.“

    „UND WIE HEISST DU, RIESE?“

    „Mein Name ist Boreas*.“

    „BOREAS!“, fragte ich, so laut ich konnte. „WO SIND WIR HIER?“

    „Wenn du es genau wiss– ha – HA –“

    „Hinwerfen!“, schrie ich und riss mich und Gerlind blitzschnell nieder. Kaum lagen wir, da explodierte ein gewaltiges – TSCHIIHH; ein eisiger Wind, mit Regentropfen und Hagelkörnern vermischt, fegte über uns hinweg. Jetzt wusste ich auch, woher der Nieselregen gekommen war: Der Riese hatte eine feuchte Aussprache.

    „Entschuldigung“, sagte Boreas, „dieser verdammte Staub ist mir in die Nase gestiegen. Nun mal zu euch, Kinder. Woher kommt ihr, und wo wollt ihr hin, he?“

    „HEY, ALTER!“, protestierte ich lautstark, „WIR SIND KEINE KINDER! ICH BIN SECHSZEHN EINHALB UND DIE HIER WIRD NÄCHSTEN MONAT SIEBZEHN!“

    „Aber, aber... War nicht abschätzig gemeint, du Hitzkopf! Es liegt daran, dass ich von dem verfluchten Weinen nicht mehr klar sehe.“

    „ACH SO... WIR KOMMEN VON BURG SCHWARZENRABEN, UND ICH WILL IN DIE WELT ZIEHEN UND EIN RITTER WERDEN. DIESE JUNGFER HIER IST MEINE MARKETENDERIN.“

    „Soso, in die Welt willst du ziehen und ein Ritter werden. Nur ich fürchte, so einfach wird das nicht gehen. Blick dich doch mal um!“

    Ich blickte mich um, und was ich von hoher Warte sah, war in der Tat nicht sehr ermutigend. Überall Steine, Geröll und Staub, so weit das Auge reichte, eine Landschaft wie Lunas Wohnung**. Dort, wo der Riese gelegen hatte, begann ein tiefe Schlucht, ein Abgrund, so tief und schwarz, dass es mir grauste. Darüber, in weiter, weiter Ferne, erhoben sich schwarz schimmernde Berge mit wolkenverhangenen Gipfeln. So, wie es aussah, war an ein Weiterkommen nicht zu denken.

    „Hei ho!“, rief der Riese, als er meine Enttäuschung sah, „nun lass den Kopf nicht hängen, junger Mann! Siehst aus wie ein Affe, der aus Versehen in eine Zitrone gebissen hat! Denk daran: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Beim stiernackigen Zeus! Dass du das Zeug zum Ritter hast, hab´s eben mit Vergnügen gesehen. An Mut fehlt es dir nicht, mein Freund. Was dir gewaltig fehlt ist eine ordentliche Ausrüstung: Ein Pferd, ein Harnisch, ein ordentliches Schwert! Doch damit kann ich leider nicht dienen, leider, nimm dafür dies hier.“ Mit der anderen Hand griff sich der Riese ins Maul, es krachte, und er hielt mir einen langen, spitzen Stab hin – das Ende einer seiner Zähne. „Nimm ruhig“, sagte er, als ich zögerte, „in tausend Jahren ist der Zahn wieder nachgewachsen, und bis dahin komme ich ohne ihn aus. Für dich ist er nützlicher als für mich. In meinem Alter lebt man sowieso von dem, was man nicht isst. Damit kannst du dich besser verteidigen als mit dem albernen Küchenmesser. So, und jetzt werd ich für euer Fortkommen sorgen.“

    Boreas beugte sich herab und legte die Hand auf den Boden; sofort sprangen seine Rangen hinzu und halfen uns hinab. Dann trat er an den Rand des Abgrunds, öffnete seinen Hosenlatz – und ein gewaltiger Strahl ergoss sich rauschend in die Schlucht.

    Ich blickte unsicher zu Gerlind, denn pinkelnde Männer, noch dazu, wenn sie dabei stehen, sind für Frauen kein angenehmer Anblick. Dachte ich – doch die grinste nur.

    „Mann, Mundburt, was guckst du so entsetzt?“, rief sie, „glaubst du im Ernst, ich hätte noch nie einen pinkelnden Mann gesehen? Die Knaben pissen von der Burgmauer, wer am weitesten kommt, hat gewonnen. Doch, Himmel, solch einen Strahl wie den da hab ich allerdings noch nie gesehen.“

    Inzwischen war die Senke zu einem weiten, schäumendem Meer geworden. Die erstarrten Meerestiere erwachten und schlängelten ins Wasser. Der Riese bückte sich, nahm einen großen Stein auf und warf ihn in die Fluten; sowie der Stein die Wasseroberfläche berührte, verwandelte er sich in eine winzige Schnigge mit einem weißen, viereckigen Segel, die gerade zwei Personen Platz nebst Gepäck bot.

    „So, nun Abfahrt!“, röhrte der Riese, „potz Blitz ahoi und gute Fahrt! Besonders Euch, Jungfer Marketenderin, alles Gute! Und, verdammt nochmal, passt gut auf Euren Ritter in spe auf! Will euch noch aufs offene Meer blasen, bevor ich wieder zu Stein erstarre!“

    Ich wollte ein Dankeswort rufen, doch mir versagte die Stimme. Das ständige Brüllen hatte mir die Kehle ruiniert.

    ____________________

    * Nordwind. ** wie auf dem Mond


    Forts. folgt

  • Aha, endlich habe ich eine Erklärung, warum die Geschichte in "High Fantasy" angesiedelt ist, wir haben hier einen Übertritt ins Fantastische. Wenn auch dieser mir etwas Kopfschmerzen bereitet -- ich hatte mich gerade so schön an die Burgatmosphäre gewöhnt, und diese neue Welt erscheint mir doch sehr abstrus! Ist es ein Paralleluniversum? Und ist die Welt im Mund des Riesen dann ein untergeordnetes Paralleluniversum??( Fragen über Fragen! :D

    Andererseits kann die Geschichte ja nicht "nur" ums Mittelalter gehen, Phantastik muss ja auch rein. ^^

    „Außerdem fürchte ich, du wirst den Weg zurück zur Burg nicht mehr finden, denn ein Geheimgang ist an beiden Enden geheim.“

    Herrlich!

    Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel und besann mich nicht lange. Zog mutig mein Schwert und drang gegen die Bestien vor; rief: „Hinweg, Ungeheuer!“; machte einen Ausfall und stach zu; schrie: „Nimm das, du Satansbraten!“, vollzog einen Kreuzschritt vorwärts, drehte mich auf dem linken Fuß um die eigene Achse, machte einen Schritt rückwärts, dann eine Finte, stach hier hin, da hin, dort hin; hieb nach oben, nach unten, nach rechts, links, wieder rechts, wieder links; wirbelte Staub auf, machte einen Salto vorwärts, drehte mich auf dem rechten Fuß, stach zu, brüllte: „Ha, nimm das und stirb!“; machte einen Salto rückwärts, fuhr den Bestien in die Parade, retirierte, avancierte, parierte, filetierte, tranchierte, säbulierte, schnabulierte, quinquilierte – machte alles, was ich nicht gelernt hatte und doch konnte

    Ein Satz über acht Zeilen.

    Fantastisch!


    der Eingag

    *Eingang

    lief ins Maul des Riesen, denn Höhlen hatten mich schon immer fasziniert.

    Hier kommt mir die Argumentation nicht schlüssig vor, wird doch - aus Mundburts Sicht - vorher eindrücklich geschildert, wie unangenehm des Riesen Ausdünstungen sind. Und seine in einem Nebensatz kurz erklärte "Faszination" wiegt das auf? Hmmmmm...

    Bei Wotan!

    Momentchen, ist Boreas nicht aus der griechischen Mythologie? Woher kennt der Wotan?:D


    LG

    Stadtnymphe

  • Hallo Stadtnymphe,

    vielen Dank für dein Feedbäck!

    Ich hatte mich gerade so schön an die Burgatmosphäre gewöhnt

    Der originale "Vrowen dienest" handelt von einem Ritter namens Ulrich von Lichtenstein, der 1222 den Ritterschlag erhielt und, um seiner Vrowe zu gefallen, allerlei Torheiten beginnt. Unter anderem lässt er sich einen Finger abhacken, woraufhin sie ihn auslacht. Enttäuscht zieht er in die Welt und unternimmt dabei höchst seltsame Abenteuer. Als er nach 13 Jahren feststellen muss, dass er seiner Herrin gedient hat, "ohne Habdank" zu erhalten, sucht er sich eine neue, weil man nicht "ohne Herrin und Minne sein soll." Wieder zieht er hinaus, jetzt als König Artus, der gerade aus dem Paradies gekommen ist.

    Von dieser Geschichte, die mir nur als grobe Inhaltsangane vorliegt, ließ ich mich zu einer möglicherweise noch fantastischeren animieren, allerdings ohne Motive des Vrowen dienstes zu verwenden (Kolportage liegt mir nicht). Ich wollte daraus eine antikisierende Abenteuergeschichte mit gesellschaflichem Zeitbezug machen, und so ist manche Szene zur Satire geraten. Eine so genaue Leserin wie du wird sicherlich die eine oder andere bekannte Figur wiedererkennen.

    Ist es ein Paralleluniversum? Und ist die Welt im Mund des Riesen dann ein untergeordnetes Paralleluniversum?

    Ja, und noch mehr. Es gibt ernsthafte mathematisch untermauerte Spekulationen, dass nicht nur ein, zwei, vier, zehn, sondern eine unendliche Zahl von Parallelwelten möglich sind, die gleichzeitig neben meiner oder deiner existieren. Gewinnt man nicht überhaupt manchmal den Eindruck, dass jeder Mensch in einer anderen Welt lebt? Und so habe ich jede der Inseln, auf die M & G demnächst verschlagen werden, als eigenes Universum gebildet.

    Hier kommt mir die Argumentation nicht schlüssig vor, wird doch - aus Mundburts Sicht - vorher eindrücklich geschildert, wie unangenehm des Riesen Ausdünstungen sind.

    Da muss ich dir Recht geben. Diese Szene ist eingeschoben und dramaturgisch gesehen fehl am Platz, denn sie unterbricht das Geschehen. Ich lasse sie trotzdem stehen, nehme aber den Mundgeruch heraus (auch wenn der nicht vom Riesen selbst stammt).

    Momentchen, ist Boreas nicht aus der griechischen Mythologie? Woher kennt der Wotan?

    Da hast du mich - - knirsch! - - bei einer unverzeihlichen Nachlässigkeit ertappt! Wird verbessert!

    Lg

    McFee

  • Mundburt erfleht ein Wunder und wird auf höchst seltsame Weise erhört.


    Boreas´ Atem blies uns voll ins Segel, und wir kamen bei leicht bewegter See zügig voran. Gerlind hatte es sich auf dem Hinterkastell bequem gemacht und kämpfte mit dem Schlaf. Scherte sich keinen Deut darum, dass wir nicht wussten, wohin die Reise ging und wir ins Blaue segelten. Ich brach eine Wurst übers Knie und biss hinein, denn das Gebrüll hatte mich mächtig hungrig gemacht. Während ich aß, hing ich meinen Gedanken nach.

    Endlich hatte ich Klarheit über zwei Probleme, die mich brennend interessiert hatten, die mir aber auf Burg Schwarzenraben niemand beantworten konnte oder wollte, noch nicht einmal der Monsignore. Vor einiger Zeit war ein Friese auf der Burg eingekehrt, ein fußläufiger Rompilger, der beim Wein seltsame Dinge erzählte. Unter anderem behauptete dieser Saufaus, das Meer, an dem er lebte, verschwinde zweimal am Tag bis auf den blanken schwarzen Boden und käme zweimal am Tag wieder zurück; dann weiter, dass das Wasser dieses Meeres salzig schmecke. Ich war noch nie am Meer gewesen, kannte es nur vom Hörensagen und wollte mehr erfahren. Als ich ihn fragte, wo das Meer denn bliebe und woher das Salz käme, zuckte der Spinner mit den Schultern und wechselte die Weinsorte. Ich hielt die Erzählung lange Zeit für eine Ausgeburt des Alkohols, bis ein Salzfahrer aus der Bretagne Ähnliches erzählte. Als ich ihn ausfragte, woher er das Salz bekäme, schwadronierte dieser Wachtelfänger unverständliches Zeug, in dem immer wieder Meerwasser, der Mond und irgendwelche „Gezeiten“ vorkamen; ich schalt ihn einen Schnarchhals und ließ ihn sitzen. Jetzt endlich wusste ich es! Wusste, woher der Wachtelfänger das Salz herbekam, und was es mit diesen Gezeiten auf sich hatte: Wenn der Riese Boreas genug pisste, füllte er das Meer wieder auf, das ja bekanntlich über den Rand der Erdscheibe abläuft, und Urin ist nun mal salzig.

    Neugierig beugte ich mich über die Reling, steckte den Finger ins Wasser und kostete; tatsächlich, es schmeckte salzig. Das Wasser war so klar, dass ich bis auf den tiefsten Grund sehen konnte. Da sah ich Triton, der auf einer großen Seemuschel blies, Glaucos, Proteus, auch Nereus in seinen Fesseln und noch viele andere Meergötter und Ungeheuer; ferner eine Menge Fische und Meeresgetier verschiedenster Art, silberne Blitze, vielarmige Kraken, plumpe Quappen. Und alles tanzte, flitzte, sprang, hüpfte; atmete Blasen aus, sprühte, schleimte, jagte oder scharmützelte; legte sich in Hinterhalt und schoss wie ein Pfeil hervor, erklärte Krieg und schloss Frieden. Ich war so hingerissen von diesem Anblick, dass ich erst nach einer Weile bemerkte, dass der Wind aufgehört hatte zu blasen. Erstaunt blickte ich zurück – vom Riesen und seinem Anhang war nichts mehr zu sehen, nur der Berg mit den schwarzen Strahlen und lebloses Land. Die See glänzte glatt wie ein Spiegel, kein Lüftchen wehte, das Segel hing schlaff und leblos herab. Es war so ruhig, dass mir Gerlinds regelmäßig-tierhafte Atemzüge wie das Rauschen von Windmühlenflügeln vorkamen. Um zu prüfen, ob noch Bewegung in dem Kahn war, spuckte ich ins Wasser – Schiff und Spucke blieben auf gleicher Höhe. Peilte einen dieser fernen Felsen an – nichts bewegte sich, das Schiff stand.

    Also, Mundburt, sprach ich zu mir, spanne deine Muskeln an, leg dich ins Zeug und rudere. Schließlich bist du ausgezogen, um die Welt kennenzulernen, und nicht, um untätig herumzusitzen und auf den nächsten Wind zu warten. Doch wo waren die Riemen, in die ich mich hätte legen können? Noch nicht einmal ein Brett, das Ersatz gebildet hätte, war da, geschweige denn ein einziger Riemen. Jetzt entdeckte ich auch, dass das Schiff weder Pinne noch Ruder besaß. Schweißperlen traten mir auf die Stirn. Sollte dieser Erzschelm von Riese... Zerbiss, um Gerlind nicht zu wecken, einen jämmerlichen Fluch und fing an zu suchen. Suchte an Backbord, Steuerbord, Dollbord – nichts; suchte auf/unter den Sitzen – verdammt nochmal, nichts. Hob die Klappe zur Bilge hoch – nichts. Schob Gerlinds Schlafbeine nach links/rechts – wieder nichts. Guckte unter ihren Hintern – zum Teufel, alles Mögliche, nur kein Riemen. Drehte sie auf die andere Seite – –

    „Wer klopft da an meine Hinterpforte und begehrt Einlass? Seid Ihr es, junger Ritter in Spe?“

    Schon hatte sie mich umhalst und mir einen Kuss aufgedrückt, und ihre schlanken Finger nestelten an meinem Hemd.

    „Später, mein Herz!“, wehrte ich ab, „erst muss ein kleines Problem gelöst werden.“

    „Das wäre?“

    „Es geht kein Wind.“

    „Dann mach einen!“

    „Ha-ha! Das Schiff steht, es bewegt sich weder vorwärts noch rückwärts. Wenn das so weiter geht, verhungern und verdursten wir.“

    „Dann rudern wir eben!“

    „Ei, mein Schnuckelchen, dann gib doch mal die Riemen her!“

    „Riemen?“

    Voller Verzweiflung blickte ich zum Himmel, bereit, den HERRN um ein Wunder anzuflehen, ein klitzekleines Wunder nur, denn jetzt konnte nur noch ein Wunder helfen. Wenn unser HERR und Heiland auf dem See Genezareth dem Sturm Einhalt gebieten konnte, dachte ich in meiner wenig heiligen Einfalt, dann könnte er umgekehrt auch einem Wind befehlen, zu wehen. Wie pflegte doch der Monsignore zu sagen? Wer aus bescheidenem Herzen fleht, dessen Bitten werden erhört. Also warf ich mich auf die Knie, streckte die Arme himmelwärts wie die heilige Dorothea auf dem Altarbild in der Burgkapelle und erflehte aus bescheidenem Herzen ein Wunder. Doch nichts dergleichen geschah; kein Wind kam auf, nicht der kleinste Luftzug regte sich.

    Dafür geschah etwas viel Seltsameres.

    Die schwarze Sonne dehnte sich aus, zerplatzte in tausend Stücke zu einem durchsichtigen Schleier, der den Himmel verdunkelte; der Schleier machte hoch in der Luft einen weiten Schwenk hinter das Schiff, verdichtete sich zu einem breiten Keil, der sich herabsenkte – und ein kräftiger Wind kam achtern auf, verursacht vom Flügelschlag einer unüberschaubaren Zahl schwarzer Vögel.

    Das Wunder war geschehen, doch auf eine Art, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. –

    ***

    Während mein Graf gerade seine Feder spitzt, staune ich über meine damalige Naivität. Wie konnte ich annehmen, dass der HERR genau das tat, was ich von ihm verlangte? Bildete ich mir doch tatsächlich ein, ich könnte einen GOTT dazu bewegen, seine Naturgesetze, die er doch in Seiner Erhabenen Weisheit selbst geschaffen hat, zu verraten!! O grausame Überheblichkeit! Gut, der Mensch steht mit GOTT auf du und du. Aber was heißt das schon. Auch der Großfürst von Kiew lässt sich von seinen Untertanen mit du anreden, trotzdem tut er nicht, was irgendein hergelaufener Wicht von ihm verlangt, höchstens, er gibt Befehl, den Jammerlappen wegen dieser Frechheit die Knute zu geben. Und von unserem Herrgott verlangen die Leute alle möglichen und unmöglichen Wohltaten, mich eingeschlossen... Heute denke ich, die Welt ist voller Wunder, die man nicht erflehen muss, doch man sieht sie nicht, weil man falsche Erwartungen hat.

    Doch nun zurück zum Geschehen.

    Voller Freude dankte ich Gott für seine Güte und verzehrte, zusammen mit Gerlind, die andere Hälfte der Wurst.


    Mundburt und Gerlind bewahren einen Geköpften davor, seinen Kopf zu verlieren und gewähren ihm Asyl.


    Der Wind blähte von achtern her das Segel, und wir nahmen wieder Fahrt auf. Durch mehrmaliges Schwenken der Flugrichtung erreichten es die Vögel, uns auf Kurs zu halten. Erquickt durch die Wurst und beruhigt durch die glückliche Fügung, ließen wir den lieben Gott einen guten Mann sein und vertrieben uns die Zeit mit allerlei neckischen Spielchen. Als ich einmal meinen Hintern über die Reeling hing, um mich zu erleichtern und anschließend die Fische beobachtete, die sich auf meine Hinterlassenschaft stürzten, schien es mir, als schwömmen sie mit dem Bauch nach oben. Ach schien es mir, dass Medea ihre Schlangenhaare nicht auf dem Kopf, sondern am Hintern trug. Doch ich hielt es für eine Sinnestäuschung und dachte nicht weiter drüber nach. Gegen Mittag erreichten wir eine Insel, und wir gingen an Land, um Vorräte einzukaufen.

    Schon nach wenigen hundert Schritten fiel mir auf, dass auf diesem Eiland einiges anders war als auf der Welt, die ich kannte. Während einer Romfahrt mit dem Herrn hatte ich die Alpen gesehen; ihre grünen Matten und die schneebedeckten Gipfel. Hier war es genau umgekehrt: Die Gipfel waren grün, und die Matten schneebedeckt. Wir kamen an einem kleinen Gehölz vorbei, dessen Anblick Gerlind in heiteres Lachen versetzte; es sah auch zu ulkig aus. Aus dem Boden wuchsen fass-dicke, runde, mannshohe Stämme mit einer Art Flaschenhals, aus dem ein wurzelähnliches Gewirr kurzer blattloser Zweige heraushing. Anscheinend steckten die Bäume mit den Wipfeln in der Erde* und streckten ihre Wurzeln in die Höhe.

    Die nächste Überraschung bot ein Feld, übersät mit ovalen, glitzernden Gebilden. Ich trat näher und beugte mich über den Acker. Die Gebilde waren wie Fische mit Schuppen bedeckt; hunderte Augen starrten mich mit kaltem Blick an, hier und da klappte ein Maul auf und zu, als schnappe es nach Luft.

    „Es sind Fische!“, rief ich Gerlind zu, die auf dem Weg stehengeblieben war, „Acker-Schollen, die vermutlich auf Regen warten!“ In der Tat entdeckte ich weiter hinten Fischernetze, über Pfosten gespannt.

    Ob die Enten mit den Bäuchen nach oben flogen und die Hasen auf den Ohren liefen, entzieht sich meiner Kenntnis. Allerdings lege ich meine Hand dafür ins Feuer, dass die hiesigen Fischer die Heringe schon gesalzen aus dem Meer zogen.

    Wir hatten allerdings keine Gelegenheit, solche Abnormitäten zu beobachten, denn unsere ganze Aufmerksamkeit wurde schon wenig später von einer Gestalt in Anspruch genommen, die, mit dem Rücken an einen Heuballen gelehnt, am Boden saß. Im Näherkommen sah ich, dass der Gestalt – der Kleidung nach ein Mann – der Kopf fehlte, zumindest an der Stelle, wo ihn jeder anständige Christ zu tragen pflegt, nämlich auf dem Hals; die Mörder hatten ihm den abgeschlagenen Kopf quer unter den Arm geklemmt.

    Entsetzt prallte ich zurück.

    „Gerlind!“, rief ich, „lass uns schnell umkehren! Vielleicht treiben sich die Mörder ja hier noch herum, und wir sind die nächsten Opfer!“

    „Hör auf zu lamentieren “, sagte Gerlind erstaunlich gefasst, „siehst du hier irgendwo Blut?“

    Ich blickte mich um. Nein, Blut war nirgends zu sehen. Ehe ich mich wundern konnte fragte Gerlind: „Hörst du nichts?“

    „Mein Gott, was soll ich denn hören? Hier ist doch –“

    „Herrgottnochmal! Sei mal einen Augenblick still.“

    Ich schwieg – tatsächlich, jetzt hörte ich es deutlich. Jemand schnarchte entsetzlich.

    „Ha!“, rief Gerlind, „das übertrifft alles, was wir bisher auf dieser Insel gesehen haben! Würde mich nicht wundern, wenn sie hier auf der Kirchturmspitze baden und sich die Füße im Dorfteich trocknen. Möglicherweise laufen sie hier alle mit dem Kopf unter dem Arm herum, und Kopflosigkeit ist Normalität.“

    „Gerlind-Schatz, was meinst du denn? Ich... ich verstehe nichts!“

    Das Schnarchen verstummte, der Kopf schlug die Augen auf, starrte erst mich, dann Gerlind, dann wieder mich an, und plötzlich erfüllte namenlose Angst seinen Blick. Der Acephale** sprang mit dem Kopf unter dem Arm auf, wühlte mit der freien Hand in einer Tasche seines Rocks herum und warf ein paar Münzen vor uns in den Staub.

    „Erbarmen, liebe Leute“, jammerte er mit allen Anzeichen des Entsetzens, „bei meiner Ehre, das ist alles, was ich habe! Bitte, tut mir nichts! Hab eine Frau und sechs unmündige Kinder! Muss außerdem eine alumna° – “

    Er stutzte, seine Hände packten den Kopf, hoben ihn erst vor meinen Hals, dann vor Gerlinds. „Gott sei Dank, Ihr seid nicht von hier“, sagte er, beziehungsweise sein Kopf, ruhiger, geradezu erleichtert, „woher kommt ihr, Fremdlinge, und wohin wollt ihr, wenn die Frage erlaubt ist?“

    „Sie ist es“, antwortete ich, „ein Wind hat uns an Eure Insel verschlagen. Wir sind auf der Durchreise und kommen aus Deutschland, unserem lieben Vaterlande.“ Dann haspelte ich mein Verslein vom Knappen ab, der auszog – na, ihr wisst schon.

    „Wenn es möglich ist, würden wir gerne unseren Proviant auffüllen“, ergänzte Gerlind.

    Der Kopf legte die Stirn in Falten. „Deutschland... Deutschland“, murmelte er, „irgendwie kommt mir der Name bekannt vor...“ Der Mann schnippte mit dem Finger. „Hei, jetzt bab ich´s! Ist das dieses Land, wo allen Fremden herrschaftliche Quartiere bereitet und köstliche Speisen vorgesetzt werden? Wo diejenigen, die nicht arbeiten, mit gebratenen Tauben gefütt –“

    „Nicht ganz“, unterbrach ich ihn kühl; ich mag Leute mit Vorurteilen nicht, erst recht nicht, wenn sie auch noch maßlos übertreiben. „Mal was anderes, guter Mann! Warum hattet Ihr Angst, als Ihr uns erblicktet, und was erschien Euch an unseren Hälsen so interessant, dass Ihr sie angestarrt habt wie ein Dieb das Tafelsilber?“

    „Das verhält sich so“, sagte der Kopflose und klemmte den Kopf wieder unter den Arm, und zwar quer, „uns werden kurz nach der Geburt von beamteten Halsabschneidern die Köpfe abgeschnitten, die Schnittstellen werden mit einer Wundsalbe bestrichen, und wenn die Körper im lauffähigen Alter sind, klemmt sich jeder seinen Kopf unter den Arm und zieht davon. Sollte sich jedoch jemand in seinem späteren Leben als Mörder oder Verbrecher erweisen, wird ihm der Kopf wieder aufgenäht, damit man ihn schon von Weitem erkennt und rechtzeitig Reißaus nehmen kann. Deshalb hielt ich Euch zunächst für Räuber –“

    „Ah, verstehe!“, sagte ich, „dann saht Ihr, dass unsere Hälse kein Naht aufweisen und erkanntet, dass wir ehrliche Fremde sind, und damit habt Ihr, bei Gott, durchaus Recht. Nur eines verstehe ich nicht. Wozu überhaupt dieses Kopfabschneiden? Das ist doch... hmm... nun ja... für meinen Geschmack ziemlich verkehrt herum.“

    „Und für meinen erst!“, rief Gerlind aufgebracht, „das ist doch nichts als ein teuflischer, widerwärtiger Hokuspokus.“

    Er darauf: „Seht es mal so, schönes Frauken, diese Daseinsform bietet große Vorteile. Bevor uns unser Großer Wohltäter, König Erdo-Ghan I., diese Möglichkeit schenkte, waren viele Leute mit ihren eigenen Köpfen unglücklich. Und da dem Großen Wohltäter das Glück seines Volkes am Herzen liegt, befahl er: Kopf ab, und zwar sofort nach der Geburt, ehe sich die Leute mit dem falschen Kopf abgefunden haben. Wer später feststellt, dass er den falschen Kopf hat, kann ihn jetzt unschwer gegen einen anderen tauschen.“

    „Ist das Kopfabschneiden nicht gefährlich?“, wollte mein schönes Frauken wissen. „Ich könnte mir vorstellen –“

    „Mitnichten. Zuvor wurden gründlich die Magier und Medizinmänner befragt, und die versicherten, das Risiko, beim Kopfabschneiden zu sterben, sei bei kunstgerechter Operation geringer als bei einem Ritterturnier.“

    „Beim heiligen Pankraz!“, rief ich, „wie kann denn jemand mit seinem Kopf unglücklich sein! Ich für meinen Teil könnte mir keinen besseren wünschen!“

    „O ja, lieber Herr, sogar sehr! Früher, da war viel Unzufriedenheit im Volk. Einer mit einem Dummkopf hätte gerne einen Schlaukopf gehabt; ein Schwachkopf lieber einen Schafskopf; ein Sturkopf einen Starrkopf oder umgekehrt; ein Flachkopf einen Dickkopf; ein Zylinderkopf einen Mützenkopf; ein Brückenkopf einen Gelenkkopf; ein slawischer Rundkopf einen ägyptischen Langkopf; ein Kleinkopf –“

    „– einen Quatschkopf!“, rief ich, doch der Querkopf redete unverdrossen weiter.

    „ – einen Großkopf; ein Kurzkopf einen Stutzkopf; ein Pilzkopf einen Kohlkopf. Und dann ist da noch das leidige Nasenproblem, denn es gibt keinen Kopf ohne Nase! Einer mit ner Hakennase hätte gerne ein Stubsnase; da hat einer eine Nase wie eine Stocklaterne und hätte gerne eine Fitznase, einer mit einer Bovist-Nase wünscht sich eine Felsnase; ein anderer will eine Dachnase, ein vierter ein Fühlnase –“

    „Hey!“, rief Gerlind, „wenn man sich hier die Körperteile aussuchen kann, dann hätt ich gerne einen Meerbusen!“

    Doch ohne auf diese Albernheit zu reagieren fuhr der Mann – beziehungsweise sein Kopf – unverdrossen fort: „ – dieser wünscht sich eine, die gut riechen kann, jener eine, die nach gar nichts riecht; ein sechster eine Hornnase, ein siebter eine Askenase –“

    „Guter Freund, bitte –“

    „ – ein achter –“

    „Ich glaub´s ja!“, rief ich händeringend und mit Schweißperlen auf der Stirn, „aber Ihr habt die Querköpfe vergessen, wie Ihr anscheinend einen habt! Was ist mit denen?“

    Der Mann legte den Finger an die Lippen, was ziemlich ulkig aussah. „Pssst, nicht so laut!“, tuschelte er. Bildete ich es mir ein, oder zuckte der Mann zusammen? Auf jeden Fall senkte er beträchtlich die Stimme, blickte sich ängstlich um, als habe er tatsächlich das Tafelsilber gestohlen, und hielt seinen Kopf nah an mein Ohr.

    „Euch kann ich es ja sagen“, flüsterte der Mund, „Ihr seid fremd, werdet mich schwerlich verraten. Unserem König geht es gar nicht um das Wohl des Volkes, wie seine Leute Tag und Nacht trommeln, sondern um das seiner Sippschaft. Sämtliche wichtigen Staatsämter sind mittlerweile mit hörigen Schwachköpfen besetzt, die nichts anderes im Kopf haben, als sich die Taschen zu füllen. Hingegen die Querköpfe – ach, ach, es ist ein Trauespiel! Wenn die königlichen Querkopfjäger einen finden, nehmen sie ihn sofort weg, obwohl der eine oder andere Querkopf unserem Volk vermutlich gut tun würden... Aber kein Wort zu jemandem, ich bitt Euch! Kritik am Großen Wohltäter ist ein schweres Verbrechen und wird mit Kopfannähen bestraft. Und da werden natürlich Köpfe verwendet, die einem wie mir das Leben zur Hölle machen, zum Beispiel die von notorischen Weltverbesserern oder faulen Beamten.“

    „Guter Gott!“, rief ich, „das ist ja furchtbar! Und wie ich sehe, habt Ihr einen dieser Querköpfe!“

    „Einen der letzten! Keiner darf es wissen, sonst bin ich ihn los, und sie geben mir stattdessen einen königlichen Schwachkopf.“

    In einiger Entfernung war ein Mann stehengeblieben, eine dürre Gestalt auf Spindelbeinen, den Kopf mit einer bemerkenswert flachen Stirn unterm Arm und einem großen Strohhut auf dem Hals. Als der Acephale ihn bemerkte, brachte er seinen Kopf sofort in die Senkrechte, und der Mund flüsterte: „Pssst... Ein Spitzel vom Sicherheitsdienst des Königs.“ Laut rief er: „Kommt nur heran, Meister Hohenegg, „dies sind Fremde und ehrliche Leute!“

    Meister Hohenegg kam heran und hielt seinen Kopf mir und Gerlind sofort auf den Hals. „Potztausend!“, rief der Kopf, „feine Arbeit! Bei allen hakennasigen Querköpfen, in welcher Werkstatt hat man Euch Eure Köpfe wieder aufgenäht?“

    „In keiner“, erwiderte ich, „denn sie waren nie ab, unsere Köpfe, und sie werden, so Gott will, auch immer auf unseren Hälsen bleiben!“

    „Aus welchem Land seid ihr denn?“

    Gerlind sagte es ihm und noch einiges mehr.

    „Hmmm... seltsames Land, dieses Vaterland...“, brummte der Meister, „wo die Verbrecher geköpft werden und sich die ehrlichen Leute hinter hohen Mauern°° einschließen.“ Er wandte sich seinem Landsmann zu. „Freundchen, sah ich da eben nicht einen Querkopf, he?“

    „Aber nicht doch, Meister! Da müsst Ihr Euch verguckt haben.“

    „Ich hab auch keinen gesehen“, log ich.

    „Na schön! Aber lasst Euch nicht erwischen!“ Der Meister lüftete kurz seinen Strohhut und ging davon.

    „Puh, das war knapp“, keuchte der Kopf. Sein Herr zog ein Tuch und wischte ihm die Stirn. „Dieser Hohenegg ist ein scharfer Hund, dabei sieht er aus wie der gute Nachbar! Lange halte ich diese ewige Bespitzelung nicht mehr aus! Wenn man sie wenigstens erkennen könnte, diese Schleimscheißer! Aber diese Leute tragen ihren Kopf genau so unterm Arm wie jeder anständige Mensch in diesem Lande auch.“ Er, beziehungsweise sein Querkopf, sah erst mich, dann Gerlind, dann wieder mich an, und im selben Moment wusste ich, was jetzt kam. „Ihr fahrt übers Meer. Würdet ihr mich mitnehmen?“

    Mit so etwas Ähnlichem hatte ich schon gerechnet und mir ein paar Ausflüchte zurecht gelegt. „Hmm, nun mal nachgedacht, lieber Mann, unser Boot ist nicht mehr als eine klitzekleine Nussschale und alles andere als hochseetauglich. Kaum für uns beide groß genug. Und außerdem... Was ist, wenn Eurer Kopf über Bord rollt und von den Haien gefressen wird, na? Wollt Ihr in der Fremde kopflos herumlaufen? Denkt doch –“

    Ich wurde unterbrochen. „Schaut mal wer da kommt“, raunte Gerlind und zeigte in die Richtung, in welcher der Spitzel verschwunden war. Der kam zurück, jetzt in Begleitung zweier Männer, alle drei mit dem Kopf im Arm, und zwar senkrecht.

    Der Acephale begann zu zittern.

    „Hohenegg, Kim-Junkim, Xi-Pnigpink!“, rief er entsetzt, „die schlimmsten Querkopfjäger des Landes! Lieber Herr, ich bitt Euch –“

    Jetzt galt es, keine Zeit zu verlieren. „Kommt, schnell!“, rief ich, klemmte meinen Zahnspieß unter den Arm und rannte los.

    „Wie heißt Ihr eigentlich?“ fragte ich im Laufen.

    „Nennt mich Acephalos. Und wie lauten Eure werten Namen?“

    „Mundburt und Gerlind!“

    Wir sprangen ins Boot; ich bohrte den Zahn in den Grund und stieß kräftig ab, gerade noch rechtzeitig, bevor die Schergen den Strand erreichten.

    _____________

    ** Der Schädellose. * Hier irrt der Verf. Es handelt sich um Baobabs in der Trockenstarre, eine tropische Baumart.

    ° Pflegekind. °° Klostermauern


    Forts. folgt

  • Also, über diesen Abschnitt scheinst du dir ja ordentlich den Kopf zerbrochen zu haben:D , McFee !

    Meine endlose Lamentei darüber, dass es sehr vergnügsam zu lesen und stilistisch hochgradig niveauvoll ist, kennst du ja schon zur Genüge. Heute also mal nur das, was mir aufgefallen ist. Denn vielleicht war dein Kopf ja manchmal andernorts ;)

    Endlich hatte ich Klarheit über zwei Probleme, die mich brennend interessiert hatten, die mir aber auf Burg Schwarzenraben niemand beantworten konnte oder wollte

    Wenn Mundburt diese Probleme schon auf der Burg so brennend interessiert haben, warum tauchen sie dann hier zum ersten Mal auf? Ich entsinne mich nicht, darüber vorher schon mal was gelesen zu haben.

    zuckte der Spinner mit den Schultern und wechselte die Weinsorte.

    Sehr nonchalant! :D

    Während mein Graf gerade seine Feder spitzt,

    Interessant. Das schreibt der Graf also im Prinzip nicht mit, es ist also nicht medial schriftlich. Dass es trotzdem da steht, ist eigentlich fast schon einer linguistischen Analyse würdig. :alien:

    Ach schien es mir,

    *Auch

    kommen aus Deutschland, unserem lieben Vaterlande.

    Hmmm. Im Mittelalter hat man es doch schwerlich schon als "Deutschland" bezeichnet. Das war das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Oder??

    König Erdo-Ghan I.

    Köstlicher Name!

    „O ja, lieber Herr, sogar sehr! Früher, da war viel Unzufriedenheit im Volk. Einer mit einem Dummkopf hätte gerne einen Schlaukopf gehabt; ein Schwachkopf lieber einen Schafskopf; ein Sturkopf einen Starrkopf oder umgekehrt; ein Flachkopf einen Dickkopf; ein Zylinderkopf einen Mützenkopf; ein Brückenkopf einen Gelenkkopf; ein slawischer Rundkopf einen ägyptischen Langkopf; ein Kleinkopf –“

    „– einen Quatschkopf!“, rief ich, doch der Querkopf redete unverdrossen weiter.

    Der Abschnitt hat mir ganz besonders hervorragend gefallen. Jaja, diese Querköpfe... hat man heutzutage immer noch... aber nun sind sie ein ganz anderes Problem.

    ach, ach, es ist ein Trauespiel!

    *Trauerspiel

    „Schaut mal wer da kommt“, raunte Gerhild

    Momentchen --- ich habe immerhin aufmerksam genug gelesen um zu wissen, dass die Gute Gerlind heißt.

    Kim-Junkim, Xi-Pnigpink

    Noch mehr köstliche Namen!!

    Es handelt such um Baobabs

    *sich



    Auf bald!

    Stadtnymphe

  • Hallo Stadtnymphe@,

    es ist mir immer wieder ein Vergnügen, deine Komm. zu lesen...

    Wenn Mundburt diese Probleme schon auf der Burg so brennend interessiert haben, warum tauchen sie dann hier zum ersten Mal auf? Ich entsinne mich nicht, darüber vorher schon mal was gelesen zu haben.

    Ich schlage Folgendes vor: Weil er zum ersten Mal auf See ist und die Flaute zum Anlass nimmt, über dieses Problem nachzudenken.

    Interessant. Das schreibt der Graf also im Prinzip nicht mit, es ist also nicht medial schriftlich. Dass es trotzdem da steht, ist eigentlich fast schon einer linguistischen Analyse würdig.

    Hier tritt der Erzähler aus der Geschichte heraus. Wie der Komödiant, der die Bühne verlässt und sich unter die Leute mischt. Ich dachte, ob es wohl jemandem auffällt? Dir ist es aufgefallen. Bravo.

    Noch mehr köstliche Namen!!

    Nicht nur das, meine Liebe.... Erdo-Ghan = berüchtigter Möchtegern-König in einem mit der EU assoz. Morgenland; Hohenegg = Honecker, ehem. Staatsratsvorsitzender der DDR; Kim-Junkim, Xi-Pnigpink = die leicht verfremdeten Namen der Parteichefs von Nordkorea bzw. China; allesamt berüchtigte Querkopfjäger...


    Hmmm. Im Mittelalter hat man es doch schwerlich schon als "Deutschland" bezeichnet.

    Die Bezeichnung Deutschland wird seit dem 15. Jahrhundert verwendet, ist in einzelnen Schriftstücken aber schon früher bezeugt; in der Frankfurter Übersetzung der Goldenen Bulle (um 1365) heißt es Dutschelant.

    Was die Schreibfehler betrifft bitte ich weitenhin um Nachsicht.
    LG

    McFee

    Wenn man den Kopf schüttelt sollte man sich erst vergewissern, dass man einen hat.

    Truman Capote

  • Werter McFee ,


    natürlich ist mir dies bereits aufgefallen:

    Nicht nur das, meine Liebe.... Erdo-Ghan = berüchtigter Möchtegern-König in einem mit der EU assoz. Morgenland; Hohenegg = Honecker, ehem. Staatsratsvorsitzender der DDR; Kim-Junkim, Xi-Pnigpink = die leicht verfremdeten Namen der Parteichefs von Nordkorea bzw. China; allesamt berüchtigte Querkopfjäger...

    ... aber nochmal herzlichen Dank!! Diese kleinen Bonmots und Anmerkungen machen die Geschichte doppelt lesenswert.

    Die Bezeichnung Deutschland wird seit dem 15. Jahrhundert verwendet, ist in einzelnen Schriftstücken aber schon früher bezeugt; in der Frankfurter Übersetzung der Goldenen Bulle (um 1365) heißt es Dutschelant.

    Und hier danke ich für die Erleuchtung!!


    Freundlichst^^

    Stadtnymphe


  • Mundburt verhindert ein Unglück, und Gerlind näht Acephalos den Kopf an.


    Ich erspare Euch, Schreiber, die Dankeshymnen, die Acephalos meiner wackeren Gefährtin Gerlinden und mir sang, und wende mich sofort dem weiteren Geschehen zu. –

    Wie ich es befürchtet hatte, hätte unser neuer Mitfahrer beim Sprung in die Schnigge beinahe den Kopf verloren, denn als er versuchte, auf dem schwankenden Schiff das Gleichgewicht zu halten, lockerte er den Griff, und der Kopf rutschte ihm aus dem Arm. Nur meiner Geistesgegenwart war es zu verdanken, dass er nicht ins Wasser fiel. Ich riet ihm deshalb dringlich, sich vorsichtshalber den Kopf annähen zu lassen, auf See müsse man mit allem rechnen, auch damit, dass das Boot mal kentere, und schließlich habe er dann auch beide Hände frei. Dabei pries ich Gerlinds Nähkünste. Tatsächlich hatte sie jüngst einem Jagdhund, dem ein Wolfsrüde beide Hinterbeine abgebissen hatte, diese – allerdings stark verkürzt – so kunstfertig angenäht, dass das Tier wieder laufen konnte, dabei aber zu sitzen schien, was die Hasen derart verblüffte, dass sie das Hakenschlagen vergaßen und zur leichten Beute wurden.

    Nach einigem hin und her erklärte sich Acephalos grundsätzlich bereit, die Operation durchführen zu lassen; allerdings war er noch unschlüssig, ob als Querkopf oder Hochkopf. Ich für meinen Teil tendierte zum Hochkopf, denn das Zusammenleben mit einem Querkopf, der sich auch noch als Quatschkopf erwies – und dann noch auf engstem Raum – stellte ich mir ziemlich problematisch vor. Acephalos hingegen wäre natürlich, wo er jetzt von jeglicher Bedrohung frei war, gerne weiterhin als Querkopf durch die Welt gelaufen; Gerlind äußerte keine Meinung. Wir kamen überein, zunächst das locus operandi zu besichtigen. Acephalos setzte sich achtern auf eine Bank, seinen Kopf, Hals nach oben, im Schoß. Während mich seine beiden Augen von unter herauf anstarrten, löste ich die Schutzschicht, zog sie vorsichtig ab und gewahrte ein Gewirr von Knochen, Sehnen, Schläuchen und Muskeln; den gleichen Anblick bot das Gegenstück, nachdem ich auch dieses freigelegt hatte.

    „Himmel!“, rief ich, „wie soll das gehen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles so zusammengefügt werden kann, wie es zusammengehört. Das sieht ja vertrackter aus als das Labyrinth von Knossos!“

    Doch da hatte ich Gerlinds Findigkeit unterschätzt. „Man kann“, sagte sie und löste zwei große dicke Gewandnadeln aus ihrem Oberkleid, „man muss nur höllisch Acht geben, das alles richtig aufeinander sitzt.“ Die eine Nadel steckte sie in die Luft-, die andere in die Speiseröhre des Patienten, dann setze sie den Kopf passgerecht darauf. „Nicht wackeln“, sagte sie, zog Nadel und Zwirn aus ihrem Beutel, und hast du nicht gesehen, war der Kopf angenäht. Dann forderte sie den Patienten auf, den Mund zu öffnen, griff hinein und zog die beiden Nadeln wieder heraus.

    Acephalos, der die Prozedur mit stoischer Ruhe ertragen hatte, drehte den Kopf nach rechts – nach links – beugte ihn vor – warf ihn in den Nacken – der Kopf saß tadellos.

    „Ein Meisterstück!“, lobte er mit einem Blick voller Bewunderung. Auch ich war hingerissen, nahm Gerlind in den Arm und küsste sie. „Ha! Nun werde ich mich noch mutiger in den Kampf stürzen!“, rief ich begeistert, „sollte ich ein Glied oder sogar den Kopf verlieren – du, mein Täubchen, wirst sie mir wieder annähen!“

    Allerdings sollte es sich bald herausstellen, dass die Operation doch nicht so tadellos gelungen war, wie es zunächst schien.


    Landung auf Heparitanien. Der Krieg der Würste.


    Die schwarzen Vögel waren verschwunden, dafür driftete uns eine schwache Strömung auf eine Insel zu, die eine handbreit steuerbord auf dem Wasser lag. In einer unbewohnten Bucht, unweit eines Wäldchens mit schönen hohen Bäumen, gingen wir vor Anker. Vom Wäldchen her floss ein reizender Bach mit silbernem, süßem Wasser dem Meer zu. Unter dem Blätterdach richteten wir die bescheidene Küche ein und knauserten nicht mit dem Feuerholz. Zwei Planken, die als Treibgut am Strand lagen, dienten über zwei große Steine gelegt als Tisch.

    Während Gerlind auftrug, fragte ich: „Acephlos, wie sollen wir Euch nennen, jetzt, wo Euer Kopf auf dem Hals sitzt?“

    „Nennt mich doch einfach Cephalos.“

    „Ach was!“, sagte Gerlind, „ewig diese Fremdwörter! Ich weder Euch Kopf nennen!“ Und dabei blieb es.

    Mitten im fröhlichen Tafeln erscholl hinter uns plötzlich Kriegslärm, der allmählich näher kam. Alarmiert kletterte ich auf einen hohen Baum, von wo ich einen Blick ins Innere der Insel werfen konnte. Was ich da sah, war über alle Maßen merkwürdig. –

    Wie gerne würde ich jetzt, meine lieben Wurstesser und Biertrinker, ein Schauermärchen erzählen, damit mir wenigstens der eine oder andere von euch Glauben schenkt, denn was ich jetzt berichte, ist schier unglaublich, aber die reine Wahrheit. Wer mir trotzdem nicht glaubt – ich trag´s ihm nicht nach, denn schließlich ist die Wahrheit manchmal unwahrscheinlicher als die offen vorgebrachte Lüge. –

    Was ich sah, war dies: Es schien, als sei Mars mit seinen Kriegsheeren gekommen, um die Insel zu verwüsten. Von rechts, von einem staubigen Hügel etwa eine viertel Meile entfernt, warf sich ein unüberschaubarer Kriegshaufen unter dem Schall von Dudelsäcken, Querpfeifen, Zinken und Trompeten in voller Wucht gegen einen anderen Haufen, der, ebenfalls von Kriegsmusik angestachelt, von einem kahlen Hügel zu meiner Linken herabstürmte. Die blanken Rüstungen glänzten in der Sonne, ebenso die Kämpfer, die wie die Truppen Alexanders aus aller Herren Länder zusammengewürfelt schienen; ihre Anzahl schätzte ich auf zweihundertfünfzig Tausend. Manche Gesichter waren hell wie bei den Friesen, andere braun wie die der Söhne Arabiens, und ein ganzes Schwadron schien aus Nubien, dem Land der Mooren, zu stammen. Angeführt wurden die Parteien jeweils durch mehrere große, kräftige Krieger in rötlich schimmerndem Harnisch, die seltsame Mütze auf dem Kopf trugen+. Ich sah eine Unzahl Feldzeichen, Fahnen, Wimpeln, Wappen, Piken – allerdings weder Scharfschützen noch Pferde. Deshalb nahm ich an, dass es auf einen Kampf Mann gegen Mann hinauslaufen würde. Die Wucht des Angriffs, die stolze, aufrechte Haltung der Kämpfer, der selbstbewusste Ausdruck ihrer Mienen überzeugten mich, dass hier keine Milchbärte am Werk waren, sondern kampferprobte Veteranen.

    Wenn ich ehrlich bin, und ich bin es, und, zum Henker, dabei soll´s auch bleiben (denn ein Erzähler kann leicht die Gunst des Publikums verspielen, wenn er beim Flunkern erwischt wird), – wenn ich ehrlich bin, irgendwie freute ich mich sogar auf den Kampf, denn das Hauen und Stechen in voller Rüstung und mit heruntergelassenem Visier, diese ganze anonyme Kriegsmaschinerie, dieses mauernzerfetzende Antwerk* gegen einen Feind, den man nicht sieht, und der einen mit kochendem Pech begießt, all das ist eigentlich nicht mein Fall. Ich möchte das Weiße im Auge des Rivalen sehen, der es gewagt hat, meiner Herrin einen Handkuss zuzuwerfen, möchte mich mit ihm messen, ihn meine Stärke spüren lassen, möchte seine Angst riechen, seine Wut schmecken, möchte frei entscheiden, ob ich ihn töte oder schone. Auf den Punkt gebracht: Ich bin Ritter der Minne, nicht des Krieges.

    Die verfeindeten Heere waren jetzt vielleicht noch hundert Schritte voneinander entfernt, da tauchte zunächst auf der Kuppe des rechten Hügels eine Kriegsmaschine auf, ein Katapult oder Blide, der Großen Sau ähnlich, die im Jahre 1280 bei der Belagerung von Wien eingesetzt wurde, und unmittelbar danach auf der gegnerischen Seite ein Flammenwerfer von einer Größe, die mich in Erstaunen versetzte. Die Blide wurde geladen und abgeschossen; eine gelbbraune Masse ergoss sich über die Feinde, die von der Wucht des Angriffs zu Boden gerissen wurden. Nun kam auch der Flammenwerfer zum Einsatz, eine riesige Stichflamme schoss in die gegnerischen Linien, deren verzweifeltes Gebrüll die Luft erschütterte.

    Mittlerweile war das Kampfgeschehen näher an das Wäldchen herangerückt, und ich konnte Einzelheiten erkennen. Aber zunächst roch ich Unvermutetes, nämlich süßen Senf und den Duft von gebratenen Würsten. Dann erkannte ich zu meinem großen Erstaunen, dass die Kämpfer Würste unterschiedlicher Zubereitung waren; links standen die Leberwürste mit ihren Mannen, rechts die Blutwürste (die ich irrtümlich für Mooren gehalten hatte) und ihre Barone; die Knappen waren Brühwürstchen, und die Generäle dicke fette Fleischwürste.

    Hand aufs Herz, hättet ihr das gedacht, meine Lieben? Ich auch nicht. Aber schon liefen einige Krieger auf das Wäldchen zu, denn die linke Flanke der Leberwürste begann sich aufzulösen. Ich konnte genau erkennen, dass es Leberwürste auf kopfloser Flucht waren. Gerade ging eine Blutwurst vorbei, die eine gefangene Leberwurst mit sich führte.

    Ich sprang vom Baum und erstattete Bericht.

    In das ungläubige Schweigen hinein raschelte es; zwei Leberwürste, ganz mit Senf beschmiert, sprangen aus dem Gebüsch, kurz darauf ihre Verfolger, zwei Fettwürste, wilde verwegener Burschen von kräftiger Gestalt. Als sie uns sahen, stutzten sie; Cephalos-Kopf besaß die Geistesgegenwart, die beiden Leberwürste zu ergreifen und in die Proviantkiste zu sperren; die Fettwürste wollten Reißaus nehmen. Der einen stellte ich ein Bein, die andere entkam. Jetzt torkelte ein schwerverletztes Brühwürstchen heran, drehte sich einmal um seine Achse und fiel um; es war von oben bis unten klaffend aufgeplatzt. Gleich darauf erschien eine Blutwurst mit einem Schaschlikspieß im Leib; auch dieses arme Würstchen wurde eingesackt. Weitere Kriegswürste rannten vorbei, anscheinend bereit, sich eher ins Meer zu stürzen als in Gefangenschaft zu gehen und ihr Wurstdasein auf dem Grillrost auszuhauchen. Wir, die günstige Gelegenheit nutzend, konnten einfangen: Drei Blutwürste mit schweren Brandwunden, eine schon etwas ältere Cervelatwurst, drei geräucherte Mettwürste (die „Söhne Arabiens“), zwei Schinkenwürste, ferner fünf gekochte Zwiebelwürste, drei Frankfurter, zwei Wiener, eine Mortadella, eine Lyoner Fleischwurst nebst vier Weißwürsten; dann kamen noch eine Chorizo, zwei Landjäger, eine Salami und etliche Walliser Trockenwürste hinzu. Nachdem der Kriegsgott so großartig für unsere Verpflegung gesorgt hatte, packten wir alles zügig zusammen und stachen wieder in See.

    Ich hätte gerne noch eine dieser fetten Generalswürste eingefangen, um sie gehörig auszukochen, doch man kann eben nicht alles haben.

    ______________

    + die Wurstzipfel. * Belagerungsmaschinen. ** Gefolgsleute


    Mundburt schlichtet einen Streit unter den Gefangenen. Die Erzählung der Cervelatwurst.


    Ich nahm die gefangene Fettwurst, brach sie übers Knie und aß die eine Hälfte, die andere überreichte ich Gerlind; Kopf nahm eine vom Flammenwerfer gegrillte Fleischwurst. Wir hatten die Mahlzeit kaum beendet, da begann die Kiste mit den Gefangenen heftig zu wackeln und zu stoßen; aus ihren Inneren war lautes Getöse zu hören. Ich sprang hinzu und öffnete den Deckel: Eine Blutwurst hielt eine Leberwurst beim Hals und versuchte offensichtlich, sie zu erwürgen. Die anderen Würste standen oder lagen drumherum und feuerten die Streithähne an.

    „Beim Henker!“, rief ich, „könnt ihr noch nicht einmal kurz vor eurem Ende aufhören, euch zu streiten?“ – „Die Blutwurst hat angefangen“, keuchte die Leberwurst, „ich habe friedlich dagelegen und in mich hineingehorcht, da drückte mir diese stinkende Furie –“ – „Ha, selber Furie!“, giftete die Blutwurst zurück, „friedlich nennst du das? Du hast mich mit diesem ekelhaften Senf bekleckert, wo ich doch Senf aus tiefstem Herzen verabscheue.“ – „Und du, alte Kräuterhexe? Zerkratzt mir mit deinem Brandschorf die Pelle!“ – „Selbst in Schuld!“, rief ein dickes Weißwürstchen, das aussah, als könne es jeden Moment platzen, „warum machst du dich auch an sie heran? Blutwürste sind immer heimtückisch, auch wenn sie ganz harmlos aussehen, man darf ihnen nicht trauen!“ – „Pah!! Und Leberwürste sind Feiglinge!“ – „Arschfiedel!“ – „Mein ist die Rache, spricht die Blutwurst.“ – „Sausack!“ – „Hinterfotziges Miststück!“

    „Schluss jetzt!“, rief ich und zog mein Schwert, „noch ein Mucks, und ich schicke euch Hauptmann Wurstmesser!“

    Das wirkte, sofort war Ruhe. Ich angelte die greise Cervelatwurst aus der Kiste, die bereits von einer grau-weißen Schimmelschicht überzogen war, schlug den Deckel wieder zu zog das Messer.

    „Lieber Herr!“, jammerte die Cervelatwurst, „schont mich! Ich kann Euch unzerteilt mehr dienen als in Scheiben geschnitten.“

    „Gut, was hast du zu bieten!“

    „Ich könnte Euch einiges über die Wurstinsel erzählen, und warum Ihr die Nachbarinsel nicht betreten solltet.“

    „Na schön“, sagte ich, „du bist gut geräuchert und lange haltbar, also hat es mit dir keine Eile. Wie soll ich dich nennen?“

    „Nennt mich einfach Wurst.“

    Wir gingen zu den anderen und setzten uns. „Also“, sagte ich, „Wurst, was hast du zu berichten?“

    „Haben wir Zeit?“, fragte Wurst.

    Ich blickte aufs Segel. Es hing schlaff herab, von keinem Lüftchen bewegt.

    „So wie es aussieht, reichlich.“


    Die Erzählung der Cervelatwurst.


    „Dann fange ich von vorne an. Ähem... Nach allem, was die alten Geschichtsschreiber und Sänger über unsere glorreichen und ehrenhaften Väter und Vorfahren berichten, lebten Leber- und Blutwürste einst friedlich nebeneinander, jeder in seinem Lande und nach seiner Art; die Blutwürste in Sangritanien*, die Leberwürste in Heparitanien**. Es war Brauch und Sitte, das Nachbarvolk dadurch zu ehren, dass einmal im Jahr eine mit Geschenken beladene Abordnung in die befreundete Hauptstadt fuhr, wo sie mit militärischem Waffengepränge und Trompetenschall empfangen wurde; wie der König von Frankreich, wenn er zum ersten Mal nach seiner Krönung eine Stadt besucht.

    Als beim ersten Freundschaftsbesuch der Anführer der Leberwurst-Delegation vor dem König der Blutwürste, Benevolens I°°, auf die Knie fiel, um ihm die Füße zu küssen, litt es dieser nicht, hob ihn auf, nannte sich einen Unwürdigen, dem nicht zukomme, dass ihm jemand die Füße küsse, umarmte und küsste den Gast. Ein halbes Jahr später, zu Johannis, erfolgte der Gegenbesuch; König Farcimen I, genannt Liberalis maximus#, ließ es sich nicht nehmen, den königlichen Freund mit noch köstlicheren Geschenken zu beglücken. So versuchte jede Partei die andere an Großzügigkeit zu übertreffen. Bald barsten die Wagen fast vor Gold, Silber, Edelsteinen, Gewürzen; nicht genug damit, auch das Volk ließ sich nicht lumpen; freiwillig brachten die Menschen kostbare Ringe, goldene Nadeln, Pantoffeln mit erlesenen Stickereien, Hühner, Schweine, Enten, Hasen, Papageien, Pelikane, Stachelschweine und anderes Getier, das ihnen die freien Stunden versüßte. Da war keines braven Hauses Kind, das nicht hingegeben hätte, woran sein Herz hing.

    Als alle bewegliche Habe einschließlich der Mägde, Knechte und Findelkinder verschenkt war, machte man sich an den Immobilienbesitz. Schlösser, Burgen, Wehrtürme, Herrenhäuser, Badhäuser, Lusthäuser, Kartenhäuser, Wolkenkuckucksheime, geheime Staatsräte; Gutshöfe samt Wiesen, Weiden, Wäldern; Almen, Ammen, Matten, Hochbeete, Tiefbeete, Rotebeete – alles wurde lächelnd hingegeben, als wär´s ein Apfel und ein Ei.

    Dann kamen die Pfründen, Ämter, Sporteln, Tantiemen an die Reihe: Fiskulen%, Salzpfannen, Steinbrüche, Tongruben, Schlangengruben, Schrangen+, Marktbuden, Brodtbänke, Kniebänke, Fußbänke, Sandbänke – alles wurde heiteren Herzens verschenkt. Der Abt wurde zum Bettelmönch, der Bettelmönch gab lächelnd seinen Bettel hin; der Dompfaff verschenkte sein Kirchenamt und verdiente sich sein Brot mit Singen; der Brauer verschenkte sein Braurecht und trank hinfort seine Tränen, der Fiskulenbesitzer gab seine Fiskule her und fing hinfort keine Fisch, sondern Spatzen.

    So ging es mehrere Jahre hin und her, und eines Tages verkündeten die Wirtschaftsweisen das Ende des Geschenkwahnsinns, denn so könne es nicht weitergehen, die Vorräte seinen erschöpft, die Barbaren bis aufs Hemd ausgeplündert. Doch anstatt auf sie zu hören und Vernunft anzunehmen wurden sie verhöhnt und verlacht; man nannte sie Spaßverderber und notorische Schwarzseher. Die Kämmerer und Marranen$ schrien, sie sollten sich scheren, in ihre Klosterzellen zurückkriechen und dort bei Dünnbier und Schwarzbrot die Kakerlaken belehren.

    Und siehe: Es ging noch weiter, allen Unkenrufen der Fachleute zum Trotz.

    König Farcimen, der Große Geber, erklärte sich seinem mildtätigen Freund aus freien Stücken und auf ewige Zeiten tributpflichtig; die erste Zahlung von einer Million Talern erfolgte in vierundachtzigkarätigem Gold; Benevolens antwortete mit zwei Millionen; König Blutwurst mit drei Millionen, der Mildtätige mit vier Millionen. Allerdings schummelten beide Seiten; aus Gelbgold wurde Graugold, dann Rotgold und Grüngold, schließlich Weißgold, dann wurde Blei untergemischt, schließlich Eisen – es kümmerte niemanden, denn zu kaufen gab es längst nichts mehr, die Menschen lebten von dem, was ihnen Hund und Katz übrig ließen.

    Als alle Goldvorräte aufgebraucht waren, rief der Große Geber – der jetzt wieder am Zuge war – seine Barone und die Vertreter der Stände zusammen und legte ihnen eine Zessionsurkunde vor, in der er sein gesamtes Königreich mit allen In- und Exklaven an seinen königlichen Freund abtrat, was von allen Beratern entschieden begrüßt wurde. Als König Benevolens davon erfuhr, brach er in salzige Tränen aus; unverzüglich eilten Diener mit Eimern herbei und fingen die Tränen auf, denn Salz war mittlerweile wertvoller als Gold. Dann trommelte er seine Hofjuristen zusammen, die ein Dokument erarbeiten mussten (soweit sie noch die Kraft besaßen, einen Federkiel in ein Dintenfass zu tauchen und wieder herauszuziehen), in der er sein gesamtes Königreich mit allen In- und Exklaven an seinen Freund abtrat, was von allen Beteiligten entschieden begrüßt wurde.

    Wer nun denkt, das Wettschenken sei an einem Punkt angelangt, wo es nicht mehr weiterging, der irrt schon wieder. Zu groß war der Drang der edlen Könige, sich als der Schenkfreudigere zu erweisen.

    So erreichte denn, wiederum kurz vor Johannis, König Farcimen die Botschaft, König Benevolens habe die Absicht, seine Tochter, sein Ein und Alles, seiner 'Augen Stern und Weide', wie ein Hofpoet schmalzte, die erhabene, schöne, tugendsame, verständige, gebärfreudige (und so weiter) Prinzessin Farciminis sandwico++, ihm, seinem Bruder, dem erhabenen, weisen, mildtätigen, sieghaften, volkreichen (und so weiter) König als Mätresse zu geben.

    Als der König der Leberwürste davon erfuhr, brach er über die Gutherzigkeit des Königs der Blutwürste in helles Schluchzen aus. Sofort ließ er ein Dokument verfertigen, in welchem er dem Freund und Bruder nicht nur seine Tochter, sein Ein und Alles, seiner Augen Stern und Weide, die erhabene, schöne, tugendsame, verständige, gebärfreudige (und so weiter) Prinzessin Peragitatio caseum+* – nein, nicht nur diese, sondern – – Schreiber, kommt Ihr mit? Gut denn, also weiter – darüber hinaus auch noch seine Frau nebst Hauptbuhlin anbot (die er gerne losgeworden wäre, denn alle drei waren die reinsten Hauskreuze und überdies so hässlich wie Pavianärsche).

    Benevolens brach in noch hellere Tränen aus als Farcimen und brachte in wohlgesetzten Worten und schöner Rede die unendliche Dankbarkeit zum Ausdruck, die er seinem Bruder gegenüber empfinde, allein, ein solch gewaltiges Geschenk könne er nicht annehmen (was sollte er auch mit drei weiteren Furien beginnen, seine eigene reichte ihm schon), denn alles, was er bisher getan, versicherte er hoch und heilig, sei nicht der Rede wert; wenn er sich ehrenhaft gegen seinen königlichen Freund betragen hätte, so habe er damit nicht mehr als seine Schuldigkeit getan und erwarte keinen Dank.

    Dieses Palimpsest wurde auf der Gegenseite mit tiefer Bestürzung zur Kenntnis genommen, die allmählich in Wut und Zorn überging. „Was?“, schrie König Farcimen und stürzte die letzte Kanne Wein seines Königreichs hinunter, „dieser königliche Flegel wagt es, mein königliches Geschenk zurückzuweisen? Hofmarschall! Ihr reitet sofort hinüber zu Benevolens und stellt ein Ultimatum! Schreiber, fix ans Werk!“

    Doch das Ultimatum wurde nicht angenommen und der Hofmarschall unter Beschimpfungen vom Hof gejagt.

    Sofort holte der König der Blutwürste, aufs Äußerste gereizt, zum Gegenschlag aus. Unter dem Vorwand, den Streit ausräumen zu wollen und eine Normalisierung der gestörten Beziehungen zwischen ihren Ländern zu erreichen, lud er die Gegenseite zu einem Versöhnungsbankett ein. Ein Überläufer berichtete jedoch, dass dies bei Bier und Leberwurstbroten geschehen solle. Diese Indiskretion führte schließlich zum Krieg. Seitdem werden jedes Jahr zu Johannis Waffengänge durchgeführt, im Wechsel auf Heparitanien oder auf Sangritanien. Öfter geht nicht, denn beide Parteien sind mittlerweile zu Tode erschöpft, die Völker ausgeblutet.“

    Der Erzähler schwieg.

    „Bist du dir sicher, Wurst, dass du die Könige nicht manchmal verwechselt hast?“, fragte Kopf, „ging ziemlich heftig hin und her.“

    „Ganz sicher bin ich nicht, aber was soll´s. Sind doch alle der eine wie der andere.“

    „Na dann stärk dich erst einmal“, sagte Gerlind, ganz Hausfrau, „das Erzählen hat dich bestimmt hungrig und durstig gemacht. Hier, trink!“

    „Dank, Jungfer! Ist aber nicht nötig! Bin voll bis obenhin, und mein Erzeuger hat mir genug Wasser beigemischt, dass es bis ans Ende meiner Tage reicht!“

    ____________

    * Von sanguis, lat. Blut, ** von lat. hepar, Leber, °° der Mildtätige, # König Wurst, der größte Geber aller Zeiten, $ jüdische Finanzaufseher, % Fischereirechte, + Verkaufsstände, ++ Neulatein: Wurstbrot, +* Käseschnitte.


    Forts. folgt

  • Hallo McFee ,


    ich gebe ehrlich zu, dass ich nicht mehr ganz bis zum Ende gelesen habe. Dein Schreibstil ist toll wie immer, keine Frage. Für mich hat die einstige mittelalterlich angehauchte Erzählung aber inzwischen einen Grad der Absurdität, fast schon des Surrealismus erreicht, an dem ich die Handlung einfach nicht mehr ernsthaft nachvollziehen kann... Aus diesem Grund habe ich beispielsweise auch Kafka (obwohl der bei Weitem nicht so humorvoll ist wie du) nicht gut weggesteckt: Es war mir einfach zu abstrus. Ich bin sehr begeistert von deinem Einfallsreichtum und Wortwitz. Zur Charakterentwicklung kann ich nicht viel sagen, zwar hat sich Mundburt mittlerweile ordentlich gemausert, aber ich halte ihn für einen unzuverlässigen Erzähler (da er sich selbst ja in gewisser Weise darstellt^^) und bin mir auch unsicher, ob und wann er mal wieder völlig ins Fettnäpfchen tritt...

    Acephlos, wie sollen wir Euch nennen

    Hier dachte ich, das wäre ein Rechtschreibfehler. Hieß der Gute nicht anders? Acephalos?

    Wenn ich ehrlich bin, und ich bin es, und, zum Henker, dabei soll´s auch bleiben (denn ein Erzähler kann leicht die Gunst des Publikums verspielen, wenn er beim Flunkern erwischt wird)

    Hier haben wir ein sehr schönes Beispiel für den unzuverlässigen Erzähler. Mundburt behauptet ehrlich zu sein, aber der Leser kann ihm das beim besten Willen nicht ganz abnehmen - zu komisch, zu übertrieben wirkt es zuweilen und das machte bisher ja auch den Charme aus. Jetzt, da sich die Welten so rasch ändern, komme ich als Leserin und großer Fan von festgesteckten Atmosphären, nicht mehr mit. Da fehlt mir wahrscheinlich die Vorstellungskraft. Die Burg war ein bisschen das Zuhause dieser Erzählung, aber in der großen, weiten und sehr unregelhaften Welt, die du da jetzt eröffnest, fühle ich mich sehr orientierungslos. Tja, vielleicht ist auch einfach die Schilderung von irgendwelchen Wurst-Kämpfen nix für mich, wer weiß :D

    Immer noch großartig finde ich die Namen und Personengestaltung, die du vornimmst. Das macht dir so leicht niemand nach und dafür braucht man eine große Portion Witz und Esprit. Hut ab.


    LG

    Stadtnymphe

  • Hallo Stadtnymphe@,

    vielen Dank für deine offenen Worte.

    Aus diesem Grund habe ich beispielsweise auch Kafka (obwohl der bei Weitem nicht so humorvoll ist wie du)

    Ha, ich und Kafka in einem Satz! Welche Ehre! Doch Hand aufs Herz, zuviel der Ehre! K. thront im Literaturhimmel mindestens zwei Wolkenschichten über mir.


    Grad der Absurdität, fast schon des Surrealismus erreicht,

    Absurd ja, surreal ja, aber nicht abstrus, denn dann wäre es ohne innere Logik. Irgendeiner, ich glaube es war Sartre, sagte einmal, das Absurde sei nur eine übersteigerte Form des Alltäglichen, und auch in surreal steckt immer noch real. Was ich meine ist dies: Vor einiger Zeit spielte sich in dieser Stadt folgendes ab: Ein Haufen Coronaleugner war im Stadtpark mit Mikrofon und Musik zu einer Demo zusammengekommen, gleichzeitig hatten Mitglieder der Antifa-Szene in Baumwipfeln Bass-Lautsprecher installiert. Beide Seiten begannen nun, sich dröhnend zu beschallen. Mein erster Gedanke war: Das ist Krieg mit akustischen Mitteln, mein zweiter: Die armen Würstchen haben immer noch nicht den Ernst der Lage begriffen. Das ist der reale Hintergrund zu diesem absurden Kapitel.

    Dass ich der Realität wohl manchmal weit voraus bin zeigt dieses schöne Beispiel: Man wird sich vielleicht erinnern, dass Mundburts Vater sein "richtiges Geld" an einer intimen Stelle versteckt hielt. Ich erfand das vor etwa einem halben Jahr. Neulich stand in der Zeitung, der Zoll habe an der Grenze zur Schweiz einen Mann aufgegriffen, der 100T Euro "freischwingend in der Unterhose" mit sich führte. Ob der wohl meine Erzählung kannte?


    Hier haben wir ein sehr schönes Beispiel für den unzuverlässigen Erzähler

    Ich gebe höflich zu bedenken, wer denn hier überhaupt erzählt? Mundburt doch nicht wirklich, denn was der vorträgt ist doch die Version des "Herausgebers" Schreyvogel, der nach seinen eigenen Worten ein Narr von Gottes Gnaden ist, und der berichtet nun wiederum, was sich der Verfasser dieses, nämlich icke, in seinem närrischen Kopf hat einfallen lassen. Bleibt zu fragen, wer von den dreien der größere Narr ist...

    , komme ich als Leserin und großer Fan von festgesteckten Atmosphären, nicht mehr mit

    An dem Sujet interessierte mich nicht nur das Burghaft-Beschauliche, sodern auch das Mittelalterlich-Närrische, das sich manchmal bis ins Absurde steigert, wie etwa bei dem Ritter, der gegen Windmühlenflügel kämpft oder dem, der auf einem Schachbrett Krieg führt. Außerdem kehrt Mundburt, einer neuen Herrin ergeben, nach langer Reise wieder nach Burg Wolkensten zurück. Es juckte mich in der Feder, in etliche deftig-absurde Abenteuer eine Satire auf das Menschlich-Allzumenschliche hineinzuschummeln ohne allzu deutlich zu werden, und ich verspreche,


    dass meine Narretei nie ganz frei von tieferer Bedeutung sei.


    LG, McFee

  • Außerdem kehrt Mundburt, einer neuen Herrin ergeben, nach langer Reise wieder nach Burg Wolkensten zurück. Es juckte mich in der Feder, in etliche deftig-absurde Abenteuer eine Satire auf das Menschlich-Allzumenschliche hineinzuschummeln ohne allzu deutlich zu werden, und ich verspreche,


    dass meine Narretei nie ganz frei von tieferer Bedeutung sei.

    Nun denn --- ich werde das mal weiterverfolgen.:whistling:

  • Mundburt schlichtet einen Streit zwischen Wurst und Kopf


    Auf einmal fing Kopf an, die Arme zu werfen und wie wild mit den Beinen zu strampeln. Sein Mund war weit aufgerissen, sein Atem ging stoßweise, gleichzeitig donnerte es aus seinem Hintern, dass man meinte, Wotan persönlich hause darin. Doch seltsam: Kopfs Augen lachten. Als der Anfall vorüber war und er wieder ruhig sitzen konnte, sagte er: „Entschuldigt vielmals, Ihr Lieben, ich wollte lachen, aber es ging nicht. Das Lachen blieb mir im Halse stecken, und statt die Luft nach oben auszustoßen, stieß ich sie nach unten aus.“

    Da hatten wir es! Offensichtlich hatte Gerlind Kopfs Haupt doch nicht vollkommen passgerecht aufgenäht. Ein Nervenstrang, der für das Lachen zuständig war, war wohl auf einen Verdauungsnerven geraten. Doch nun war es zu spät, eine erneute Operation kam nicht infrage; und bei Licht gesehen hätte es schlimmer kommen können, etwa, dass er weinen wollte und sich bepisste, oder dass er beim na ihr wisst schon in die Laken schiss.

    „Worüber hättet Ihr denn gerne gelacht, lieber Mann, wenn Ihr gekonnt hättet?“, fragte Gerlind.

    „Mich lächerte wegen Wursts Erzählung!“

    „Drückt Euch bitte genauer aus“, grunzte Wurst.

    „König Farcimen der Erste besaß keine Tochter, sondern zehn Söhne.“

    „Woher wollt Ihr das wissen?“

    „Ich weiß es eben.“

    „Unschinn!“, rief Wurst, „ich bin Magischter der Wurschtologie, Fachbereich Leberwurscht, und habe ein Traktat über das Königshaus Farschimen verfasst, das sogar der Bapscht gelesen hat. Dort wird eine Tochter mehrfach erwähnt.“

    „Und ich bin Magischter der Tautologie!°“, ereiferte sich Kopf, „und habe ein Buch über das Königshaus Furzimen geschrieben, das sogar der Bapscht nicht gelesen hat. Ihr habt nicht gründlich genug geforzt... äh... geforscht! In den Dokumenten der Leberwurscht-Universität zu Heparis wird nie eine Tochter erwähnt.“ – „Vielleicht eine andere, nicht diese.“ – „Doch, diese.“ – „Zum Teufel, wollt Ihr behaupten, ich lüge?“– „Beim Henker! Wollt Ihr behaupten, ich erzähle das Blaue vom Himmel?“ – „So sieht´s doch aus!“ – „Herr, ich verbitte mir das!“ – „Das ist mir Wurscht!“ – „Ihr seid ein arger Schnepfendreck!“ – „Ihr seid ein versalzenes Luder! “ – „Ihr ein stinkender Arschlappen!“ – „Und Ihr ein Pissbogen!“ – „Ihr seid ein –“ – „Ihr seid ein – “ –

    „Meine Herren!“, rief ich, „Schluss jetzt! Könnt Ihr Euch nicht wie normale Menschen benehmen? Wozu dieser unnötige Streit? Sind nicht die Schriften der Alten voll von Widersprüchen? So behauptet Aristoteles, Frauen hätten keine Seele, Plato hingegen meint, sie hätten Vogelseelen. Ein anderer Schriftsteller – ich glaub, es war Ariost, berichtete von Schafen mit Schwänzen wie Bratpfannen*. Man schlug den Schwanz über das Schaf, drehte es um und legte es auf den Bratrost. Man glaubt´s, oder man glaubt´s nicht. Demzufolge hatte Farcimen eine Tochter, oder er hatte keine. Wo ist da ein Problem?“

    „Hmmm... ist auch wieder wahr“, sagte Kopf.

    „Hol der Teufel den Teufel“, sagte Wurst, „so gesehen...“

    „Na seht Ihr“, lachte Gerlind, „es geht doch!“

    „Apropos Wurst“, sagte Kopf, „gibt´s nicht bald was zu essen? Hab einen Kohldampf wie eine ägyptische Heuschreckenplage.“

    Gerlind schlachtete ein paar Gefangene, ich köpfte eine Flasche Roten, und wir ließen es uns schmecken.

    „Sag mal, Wurst, du bist Magister? Hätt ich nicht gedacht!“, sagte ich.

    „Ha! Wohl weil ich eine Wurst bin? Solltet Euch nicht so sehr ans Äußere halten, Herr! Mancher aufgeblasene Lackel ist nichts anderes als ein armes Würstchen, und ein anderer, der ziemlich wurstig daherkommt, von Herzen doch ein ehrlicher Kerl.“

    „Dann muss ich dich ja mit Euch anreden.“

    „Schaden tät´s nicht. Ehre, wem Ehre gebührt.“

    Eine Insel kam in Sicht. „Ist das diese Insel, Magister Wurst, von deren Besuch Ihr uns dringend abratet?“, fragte ich.

    „Genau das ist sie! Gebt mir noch etwas Bedenkzeit, dann erzähl ich euch auch, warum ich davon abrate.“

    „Ich frage mich schon seit einiger Zeit“, sagte Gerlind, „wo die Vögel geblieben sind. Wenn wir weiter so langsam vorankommen, bin ich Oma, aber du immer noch kein Ritter.“

    „Soll das ein Heiratsantrag sein?“, fragte ich vergnügt, nicht nur, weil mir der Wein allmählich in den Kopf stieg.

    „Werd nicht albern! Ich möchte eine Antwort, kein Geschwätz!“

    „Wie du willst, mein Schnuckelchen. Das mit den Vögeln war ein Wunder, aber Wunder wiederholen sich nicht. Oder hat unser Herr Jesus irgendwann ein Wunder zweimal gewirkt? Nein! Er hat einmal den Lahmen gehend und den Blinden sehend gemacht, er ist einmal über den See Genezareth geschritten, er hat einmal Wasser in Wein verwandelt. Nie zweimal.“

    „Du redest Unsinn, mein Lieber. Wieso wiederholt sich dann das Wunder des Sonnenaufgangs jeden Tag aufs Neue, he?“

    „Das ist kein Wunder, mein Täubchen, sondern ein Werk der Dämonen, welche die Sonne um die Erde bewegen.“

    „Apropos Wein“, bemerkte Kopf und fuhr das letzte Brühwürstchen ein, „wenn ich das richtig sehe, Jungfer Marketenderin, gehen unsere Weinvorräte dem Ende entgegen.“

    „Und die Brühwürstchen auch“, ergänzte Wurst, der um sein Leben fürchtete, spitz.

    „Dann wird es Zeit, dass wir endlich eine Insel finden, in der wir uns restaurieren können“, meinte Gerlind.

    ___________

    ° Etwa: Des unnützen Wissens.* Fettschwanzschafe, eine heute noch in Asien verbreitete Rasse.


    Mundburt, Gerhild und Kopf vertreiben auf außergewöhnliche Weise die Piraten der Diebsinsel.


    Inzwischen waren wir der Insel so nahe gekommen, dass ich Einzelheiten erkennen konnte. Dem Augenschein nach handelte es sich um ein gebirgiges, aber völlig karges Land, in dem kein Baum, kein Strauch, kein Haus, weder Windmühle noch Kirchturm, noch irgend ein anderer Hinweis einer Besiedlung zu entdecken war.

    „Die Diebsinsel“, sagte Wurst angewidert, „es wimmelt dort von Steuerhinterziehern, korrupten Verwaltern, betrügerischen Bankleuten, Falschgeldwechslern, geldgierigen Prälaten, findigen Bankrotteuren, Taschendieben, Spitzbuben aller Art, kurz, dem Bodensatz der Gesellschaft, getrieben von Gier, Neid und Missgunst. Die kleinen Kinder dort schreckt man nicht mit dem Schwarzen Mann, sondern mit dem Ehrlichen Mann.“

    „Und warum sehe ich keine Burg, kein Dorf, keine Stadt?“

    „Alles gestohlen! Sie nehmen alles, was sich fortschleppen lässt, sogar Steine. Seht Ihr den Berg dort hinten mit der Doppelspitze? Er ist über zehntausend Ellen hoch, doch wo ist sein Schnee? Gestohlen! Obwohl ihnen der Schnee beim Abstieg unter den Händen zerrinnt, stehlen sie ihn, nur weil sie ihm dem Nachbarn nicht gönnen. Ein Wunder, dass die Bergspitzen noch da sind. Wege und Straßen? Gibt es nicht mehr! Wege nehmen sie weg, Straßen schlagen sie ein und rennen mit den Bruchstücken davon. Besonders gerne nehmen sie ein Bad – “

    „Ich kannte mal einen“, unterbrach Kopf, „der behauptete, die Sonne sei nur zum Schein da und nicht wirklich, denn schließlich spricht man von Sonnenschein. Vielleicht haben sie die ja auch –“

    Wurst ließ sich nicht unterbrechen. „Sie riskieren Leib und Leben, wenn sie versuchen, die Wolken einzufangen, nur damit der Regen auf ihren Acker und nicht auf den des Nachbarn fällt. Früher gab es dort viele Nachtigallen, heute nicht mehr eine einzige. Keiner gönnt dem anderen ihren Gesang. Wenn sie könnten, würden auch noch die Luft stehlen.“ Wurst betupfte sich die Stirn. „Es ist ein Jammer! Noch bis vor wenigen Jahren war diese Insel eine blühende Landschaft, ein wahres Paradies mit grünen Wäldern, rauschenden Flüssen, ertragreichen Äckern. Jetzt, Ihr seht es ja, ist es eine teuflische Einöde.“

    „Wovon leben sie?“, wollte Gerlind wissen.

    „Von Raubrittertum und Piraterie. Sie nehmen sich die gestohlenen Sachen gegenseitig wieder ab.“

    „Und wo wohnen sie, wenn sie ihre Behausungen zerstört und die Trümmer verschleppt haben?“

    „Sie wohnen in Berghöhlen, deren Eingänge sie mit großen Steinen verschließen, aus Angst, die Höhlen könnten bestohlen werden. Deshalb rate ich dringend davon ab, die Insel zu besuchen. Wo es Diebe und Spitzbuben gibt, sollte man niemals ankern. Es sind verdammte Seelen, an denen noch nicht einmal der Teufel interessiert ist. Sowie sie uns entdeckt hätten, würden sie uns bis auf die Haut ausplündern.“

    „Wir sind schon entdeckt!“, rief Kopf aufgeregt, „schaut mal! Da!“

    Aus einer Bucht, die unseren Blicken bisher durch eine Felsnase verborgen geblieben war, erschienen Boote, die in rascher Fahrt direkt auf uns zukamen. „Verdammt, auch das noch!“, rief Wurst entsetzt, „Piraten der Diebsinsel, der Schrecken des Meeres! Jetzt heißt es, kühlen Kopf bewahren, sonst sind wir verloren!“

    „Was schlagt Ihr vor?“, rief ich, „bei unserer gegenwärtigen Geschwindigkeit haben sie uns in Nullkommanichts eingeholt, und unsere Bewaffnung besteht nur aus einem Wurstmesser und einer Zahnspitze!“

    Wir überlegten hin und her, von Zeitnot gedrängt. Plötzlich kam mir eine Idee. „In solchen Situationen helfen nur außergewöhnliche Mittel, mit denen niemand rechnet“, sagte ich. Alle blickten mich erstaunt an.

    „Als da wären?“

    „Ich höre überdeutlich“, sagte ich, „wie es in unseren Eingeweiden kollert und rumort, denn wir haben bis auf Wurst alle sehr gut gegessen und getrunken, und der Zeitpunkt der Entleerung ist nicht mehr fern. Warum also nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und statt später damit gleich jetzt zu beginnen? Mit etwas Druck müsste es gehen. Diese Art der Verteidigung habe ich schon einmal mit durchschlagendem Erfolg angewandt.“ Ich erklärte in knappen Worten, bei welcher Gelegenheit, und was zu machen sei.

    Die Piraten kamen immer näher; ihr martialischer Anblick verhinderte weitere Diskussionen. Kurzentschlossen zogen Kopf und ich die Hosen runter und Gerlind ihren Rock hoch; legten uns mit angewinkelten Beinen rücklings auf die Bänke, die blanken Hintern in Richtung Piraten. Wurst gab das Kommando; daraufhin schossen wir lärmend die Breitseite ab und hörten, wie die Ladungen ins Wasser klatschten.

    Der Erfolg übertraf meine kühnsten Erwartungen.

    Die Piraten sprangen ins Wasser und balgten sich um die Beute. „Das ist meine!“, schrie einer und versetzte seinem Kontrahenten einen brutalen Faustschlag mitten ins Gesicht, worauf der, nicht faul, dem Schläger ein Auge ausstach; „He, du Laus!“, grölte ein anderer, „wirscht woll deine dreckichten Finger davon lassen?“ Er erhielt einen saftigen Hieb über den Schädel, sodass ihm die Kopfschwarte in Fetzen hing. „Scheißkerl!“, grölte ein dritter, „gönnscht auch keinem was!“ usw. usf.

    „Manchmal reden sogar Schurken die Wahrheit“, meinte Gerlind, während wir uns wieder< zuknöpften.


    Mundburt erhält einen Brief von seinem Vater und antwortet mit dessen eigenen Worten.


    Wir setzten lachend unsere Reise fort, ohne auf etwas Nennenswertes zu stoßen. Es war bohrend langweilig, weder auf See noch am Himmel zeigte sich die geringste Veränderung, alles war blank, glatt, bewegungslos, still. Die Zeit floss dahin wie zäher Schleim. Kopf schlug vor, Gedichte zu erfinden, wobei jedes Gedicht die Fortsetzung des vorherigen sein sollte. Tatsächlich brachte die Poeterei etwas Abwechslung, wenn auch nur kurz.

    Einige dieser 'Erzeugnisse' habe ich noch im Gedächtnis und gebe sie hiermit zum besten:


    ein ritter hatte sinen lip

    gewaget dur eine schoene wip,

    bei der er slief vil tougen.


    Diu naht diu duhte ir nit ze lanc,

    er war ir in den ougen

    und in dem herzen nit ein dorn.


    Seht an der Zinne blies ins horn

    der wahter, da von si erschrac

    an liebes arme: si waehnte, es waere tac.


    Einen kleinen Lacher erntete Wurst, der folgende Strophe erfand:


    Ich weiz niht, frouwe, was minne sinnt:

    mich lat diu liebe sere engelten,

    daz ich der jahre bin ein kint.*


    Und so weiter und so fort. Aber auch das Verse-Erfinden konnte uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zeit nutzlos verrann, und schließlich starrten wir schicksalsergeben und mit trüben Sinnen ins Weite.


    Am dritten Tag hörte ich plötzlich über mir Flügelschlag; eh ich mich´s versah, saß meine Taube Liebto auf meiner Schulter und zwackte mich ins Ohr.

    „Oh!“, rief ich verblüfft, „Liebto, mein Täubchen! Wie hast du mich gefunden, du treues Tier?“ Schließlich bildete ich mir ein, in einer anderen Welt unterwegs zu sein. Doch eine Brieftaube, scheint´s, findet überall hin. Jetzt bemerkte ich die Hülse, und ein angenehmer Schreck durchfuhr mich. „Hei, eine Nachricht von der Herrin!“, rief ich entzückt, „sie hat mich also noch nicht vergessen!“ Erwartungsvoll öffnete ich die Kapsel und zog einen Brief heraus.

    „Na, was schreibt deine Herrin?“, fragte Gerlind spitz, „hat sie dich wirklich noch nicht vergessen?“

    Wenn ich ihn auch nicht lesen konnte, so erkannte ich doch sofort die Handschrift unseres Schreibers auf Burg Wolkenstein. Die Schriftzeichen waren eng auf ein hauchdünnes Stück Pergament gekritzelt. Ein Brief meines Vaters, auch gut.

    „Herr Magister“, bat ich Kopf, „könnt Ihr mir diesen Brief vorlesen?“


    Vielgeliebter Söhnrich“, schrieb mein Vater, „die Zärtlichkeit, welche ein Vater schon von Natur aus einem geliebten Sohn entgegenbringt, ist in Anbetracht und Erwägung der besonderen Vorzüge, womit die göttliche Gnade dich gesegnet, dermaßen in mir gewachsen, dass ich, seitdem du von mir geschieden, keinen anderen Gedanken mehr fassen kann als an dein Wohlergehen. Mein Herz seufzt unter schwerer Besorgnis, besonders anbetracht der Nachrichten, die ich von Burg Schwarzenraben empfange. Möge deine Reise unter einem guten Stern stehen und von keinem Unheil oder Missgeschick betroffen sein, denn wahre Liebe ist nie frei von Furcht, auch wenn die Furcht noch so unbegründet ist. Um meinen Geist von solcher Angst zu befreien, habe ich Liebto ausgesandt, um über dein Wohlbefinden Gewissheit zu erlangen. Denn ist der Anfang einer Reise glücklich, so kann man danach leicht auf den Fortgang schließen und das Weitere voraussehen und bemessen. Stecke also, mein Sohn, etwas in die Hülse, woran ich erkennen kann wie es dir geht. Du kannst dir nicht vorstellen, wie mich die Nachricht, du habest Burg Schwarzenraben verlassen, betrübt, von dem schönen Geld, das nun zum Teufel ist, ganz zu schweigen. Aber du bist alt genug, um zu wissen, was du tust, ich mache dir keinen Vorwurf. Gottes Friede sei mit dir. (Gruß auch von Mutter, die in letzter Zeit arg kränkelt).“

    Dein dich liebender Vater.

    Geg, im Jahre des Herrn... den... zu Burg Wolkenstein


    Während Kopf las, wurde mir das Herz schwer. Der gute Papa. Wenn auch nur die Hälfte von dem, was er da schrieb, ernst gemeint war (bis auf die Sache mit dem Geld), dann hat selten ein Vater einen Sohn so geliebt wie er.

    Gerlind riss mich aus meinen trüben Gedanken. „Na, nu, vielgeliebter Söhnrich“, höhnte sie, „was stecken wir denn dem lieben Papa in die Hülse, he?“

    „Tja, wenn ich´s nur wüsste.“

    „Wenn´s meiner wär, wüsst ich´s schon.“

    „Und?“

    „Am liebsten ein Stück Scheiße!“

    „Wenn ich dich so höre, du Hexe!“, rief ich aufgebracht, „wär´s doch wohl besser gewesen, ich wär allein losgezogen.“

    „Nanana, wer wird denn gleich...´tschuldige, war nicht so gemeint. Mein Vater ist ein Dreckskerl, ich erinnerte mich wieder an die eine oder andere Sauerei und bekam Sodbrennen.“

    „Schon gut. Nur, was stecke ich ihm denn nun in die Hülse? Was meinst du?“

    „Hmnja, dazu müsste ich erst mal wissen, wie du dich fühlst.“

    „Nicht besonders. Fahre seit Tagen in einer Nussschale übers Meer und bin meinem Ziel, ein Ritter zu werden, keinen Deut nähergekommen. Weiß auch nicht, wo die Reise endet. Vielleicht treiben wir ja direkt auf den Orkus zu.“

    „Hmm... klingt nicht gerade hoffnungsvoll. Wüsste auch nicht, was du ihm unter diesen Umständen in die Hülse stecken könntest, ohne ihn noch weiter zu beunruhigen.“

    „Sehe ich genauso, und ihn belügen will ich nicht.“

    „Ähem“, machte Kopf, „ich hätte da eine Idee, wie Ihr Euren Herrn Vater nicht belügt und trotzdem eine gute Nachricht schickt.“

    „Wie soll das denn ohne Lüge gehen?“, rief ich ärgerlich, „Herr, was redet Ihr da!“

    „Wer redet denn von lügen... Ihr sollt ihn mit seinen eigenen Worten beruhigen. Wo wäre da eine Lüge?“

    „Wie soll das denn gehen?“

    „Indem Ihr ihm schreibt. Gebt Eurem Vater einfach zu verstehen, dass es Euch gut geht und die Reise erwartungsgemäß verläuft. Das wird ihm die Last von der Seele nehmen.“

    „Aber das wäre doch gelogen, mir geht´s doch nicht gut. Außerdem kann ich nicht schreiben.“

    „Müsst Ihr auch nicht. Und lügen braucht Ihr auch nicht.“

    „Was denn nun?“, schnauzte Gerlind. „Mensch, Kopf, seid Ihr besoffen?“

    „Selten weniger als jetzt.“

    „Habt Ihr denn Feder und Dinte?“

    „Nein, aber Ihr habt ein Wurstmesser.“

    Wir mussten wohl ziemlich dämlich aus der Wäsche geschaut haben, denn Kopf lärmte wieder mordsmäßig aus dem Hintern. Nachdem sich der Wind gelegt hatte, sagte er: „`tschuldigung, aber ihr wisst ja... Meine Idee ist die: Ihr kratzt alle überflüssigen Worte aus dem Brief heraus, was stehenbleibt, ist die Botschaft in Eures Vaters eigenen Worten.“

    „Ha, raffiniert!“, rief Wurst und machte einen Luftsprung, „Ihr wollt ein Palimpsest erstellen!“

    „Richtig“, bestätigte der Magister, „diese Art des Schriftwechsels wird in vielen Kanzleien geübt, einfach deshalb, weil Pergament zum Wegwerfen zu kostbar ist. Und weil es des Vaters eigene Worte sind, kann es auch nicht gelogen sein. Gebt her, ich mach das. Aber lasst mich erst zuende essen.“

    Als er endlich fertig war, nahm Kopf das Messer und schabte das Pergament ab, wobei er bestimmte Worte stehen ließ. Dann reichte er mir das Schriftstück und zitierte aus dem Gedächtnis:


    Vielgeliebter Vater... die Zärtlichkeit................................. ist in Anbetracht und Erwägung der besonderen Vorzüge, womit die göttliche Gnade dich gesegnet, dermaßen in mir gewachsen, dass ich, seitdem du von mir geschieden, keinen anderen Gedanken mehr fassen kann als an dein Wohlergehen.................................................................................................................................................................................................................................................................................................................M....eine Reise unter einem guten Stern und von keinem Unheil oder Missgeschick betroffen..................................................................................................................................................

    ................................................................................................................................................................

    ...................................................................... ist...................glücklich...................................................

    .....................................................................................................................Gottes Friede sei mit dir....


    „Fantastisch!“, rief ich, „Herr Magister, Ihr seid ein Tausendsassa! Das 'du' wird mir Vater bestimmt verzeihen, und das Geschabsel als Mangel an Material erklären.“

    „Darf ich mal sehen?“, fragte Wurst. Er überflog das Palimpsest und sagte: „Ich bin zwar nur eine einfache Cervelatwurst, aber dennoch kann ich die Wahrheit von einer Lüge unterscheiden. Dies hier jedenfalls ist nicht die Wahrheit, denn die Botschaft stimmt nicht mit den tatsächlichen Verhältnissen überein.“

    Kopf fuhr hoch. „Wollt Ihr schon wieder –“

    „Was regt Ihr Euch denn auf?“, rief Wurst unwillig, „kann man mit Euch denn kein vernünftiges Wort reden? Ich will nur darauf hinweisen, dass hier zwar die eigenen Worte des Vaters stehen, denen aber ein anderer Sachverhalt untergeschoben wird, den er nicht erkennen kann. Das ist für mein Rechtsempfinden nicht nur verlogen, sondern ziemlich hinterhältig. Irgendwo steht: Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen! Und Ihr habt aus sauer süß gemacht, nur mal so am Rande festgestellt.“

    „Meine Herren!“, sagte ich, bevor der Streit wieder eskalierte, „bitte! Das ist doch wohl meine Sache, was ich meinem Vater schreibe! Sogar die Heilige Schrift erlaubt Notlügen, wenn damit ein höherer Zweck verfolgt wird!“

    „Und außerdem was ist, wenn sich unsere Situation schon Morgen bessert?“, rief Gerlind, die wie immer praktisch dachte, aus der Kombüse heraus, wo sie gerade Zwiebeln schnitt. „Dann stimmt´s doch!“

    Ohne mich weiter um die Streithähne zu kümmern, rollte ich das Pergament ein und steckte es in die Hülse. Wehmütig blickte ich dem Täubchen nach, wie es sich in den Himmel schraubte und Kurs auf meine Vaterburg nahm.

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    *Minnesang, 14. Jahrh.

    Forts. folgt