Der Flug der Silberschwinge

  • Für Tariq und für Miri - sie wissen, warum.


    Und für Der Wanderer , der mit seinem wiederholten Link-Post eines absolut epischen Musikstücks den nötigen Tritt in den Allerwertesten gegeben hat.




    Der Flug der Silberschwinge



    Die Sonne kam hervor, zauberte goldene Spitzen auf die schneebedeckten schroffen Berge und ließ den Klatschmohn auf den Wiesen blutrot aufleuchten. Strahlend blauer Himmel spannte sich über dem schmalen Tal, an dessen Ende sich die letzte Festung der Aurelier schutzsuchend an den Fels des Gebirgsmassivs schmiegte. Es war ein klarer Morgen, kühl, aber nicht mehr neblig.
    Ame erwartete ihn auf der großen Zinne, die den Ersatz für den völlig zugestellten Burghof bot. Die Soldaten um die Kreatur herum staunten diese mit offenen Mündern an und tuschelten hektisch mit ihren Kameraden. Doch wie immer beachtete Ame die Menschen überhaupt nicht. Erst, als Shouta heraustrat, hob er majestätisch den Kopf und heftete seinen goldenen Blick auf ihn.
    Der Junge marschierte, ohne seine Zuschauer zur Kenntnis zu nehmen, hinüber zu seinem treuen Freund. Mit vertrauten Handgriffen prüfte er den kleinen Sattel aus robustem, aber biegsamen Leder. Seine Finger spannten die Schlaufen, die später seinen Füßen Halt geben würden und streichelten Ames weißen Flügel. Der Speer verschwand in seiner Halterung am Sattel, griffbereit bei jedem Ritt. Dann schwang sich Shouta aufs Ames Rücken.
    Ohne dass eine Anweisung, ein Kommando des Jungen nötig gewesen wäre, spannte das gleißend weiße Wesen seine mächtigen Flügel aus. Ein einziger kraftvoller Satz nach vorn und die Zinnen der Festung waren überwunden. Ame fiel der Tiefe entgegen, die spitzen der schroffen Felsblöcke kamen bedrohlich schnell näher - Shouta lehnte sich im Sattel nach vorn. Sein Freund schlug mit den Flügeln, preschte dem blauen Himmel entgegen und stieg so rasch, dass Shouta im Nu der eisige Wind der Berge an den Haaren riss und ihm den Atem raubte. Der nächste Flügelschlag des Gefährten ließ sie beide über das Tal hinwegfegen.
    Das Rot der Sonne war gewichen, als diese ihren Lauf am Himmel aufnahm. Die Hügel im Schatten des Gebirges, die Wälder und die saftigen Wiesen zwischen den leuchtenden Mohnfeldern wurden in ihr warmes Licht getaucht. Noch schien die Welt tief unter Shouta unberührt, doch er wusste, sein Aufbruch war nur der Beginn gewesen. In wenigen Stunden würde die stille Schönheit am Boden von den Hufen galoppierender Pferde niedergetrampelt und vom Klang der Trompeten zerfetzt werden. Das letzte Aufgebot der Aurelier folgte dem Reiter der letzten Silberschwinge in die alles entscheidende Schlacht.
    Der Krieg zwischen Aurelien und Katagor war kurz und schmerzvoll gewesen. Im Nu hatten die Katagora sämtliche aurelische Truppen massiv dezimiert und die Überlebenden zur Flucht in die letzten Festungen getrieben. Doch auch hier waren diese nicht sicher, denn ihr Feind verfügte über tödliche Waffen - Drachen.
    Katagor - Drachen glichen Schlangen. Schwarzen, fliegenden und sehr schnellen Schlangen. Sie rauschten über den Himmel wie dunkle Kometen und genau wie Kometen brachten sie Feuer und Verderben über all das, was auch nur ihr Schatten streifte. Die schwarzen Flammen, wie sie genannt wurden, fraßen sich durch die Reihen der Aurelier wie die Sichel durch das Getreide und nichts konnte sie aufhalten.
    Auch Shoutas Heimatdorf war mitsamt all seinen Bewohnern dem feindlichen Inferno zum Opfer gefallen. Er selbst blieb unversehrt, weil er sich wieder einmal heimlich davongeschlichen hatte, anstatt auf dem Hof der Eltern seine Arbeit zu erledigen.
    Wann immer er konnte, war er in den Wald gelaufen, wo er sein großes Geheimnis verborgen hielt - Ame, die letzte Silberschwinge, letzter Nachkomme alter Silberdrachen und deren Allianz mit den Greifenweibchen.
    Er hatte Ame großgezogen und ihn tagsüber sorgfältig in einer alten Höhle versteckt. Nachts waren die beiden geflogen, hatten das ganze Land erkundet und sich sogar bis an die Fernen Küsten und in das Gebiet der Feinde gewagt, wobei sie jede Schwarze Flamme mühelos zurückgelassen hatten.
    Ames Geheimwaffe war seine unglaubliche Geschwindigkeit. Er glich dem Wind, er ritt auf den Lüften, er schoss über den Himmel wie ein Lichtstrahl. Weiß glänzte er und sein Flügelschlag hinterließ Silberspuren und goldene Funken. Seine prachtvollen Flügel trugen Shouta sicher überall hin und die Freundschaft der beiden war ein unauslöschlicher Pakt.
    Als Shouta vor den schwelenden Überresten seines Elternhauses gestanden hatte, war Ame gekommen. Ohne eine Bitte, ohne Aufforderung schien er den Kummer seines Kameraden in seinem eigenen Herzen zu spüren und verließ den schützenden Wald, um ihm beizustehen. Schließlich, nachdem der Junge seine bitteren Tränen vergossen hatte, brachen sie gemeinsam auf, um ihre Kraft Aurelien zur Verfügung zu stellen und entweder zu siegen oder zusammen unterzugehen.
    Und sie waren gerade zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Der letzte Spion hatte sich halb zu Tode gehetzt, um die Botschaft rechtzeitig in die einzig übrig gebliebene Festung zu tragen - der finale Angriff der Katagora stand bevor. Ihre Drachen sammelten sich im Kessel von Simedeth, einer weiten Ebene, die rechts und links von hohen Bergen flankiert war. Tausende Soldaten mit glänzenden Rüstungen und messerscharf geschliffenen Schwertern machten sich bereit, Aureliens letzten Überrest aufzuscheuchen und entgültig auszumerzen.
    Drachenreiter mit abscheulichen Masken probten den Angriff aus der Luft, bestrebt, alles zu vernichten, was sich am Boden zu regen wagte. Die Stärke des Feindes war beängstigend, die Zahl der Gegner und besonders die der Schwarzen Flammen niederschmetternd.
    Die Drachen unterstanden dem Kommando eines mächtigen Zauberers, den die Aurelier schon mehrmals auf dem Feld niederzustrecken versucht hatten. Doch auf schwarzmagische Weise war er immer wieder aufgetaucht und so lange er den Befehl über die todbringende Luftflotte des Feindes führte, würden die Aurelier nicht siegen können. Gelenkt durch seine dunkle Kraft gediehen die bösen Kreaturen unter seiner Herrschaft und gewannen an Stärke. Für jede Schwarze Flamme, welche die Aurelier vom Himmel holten, rückten zwei neue Bestien nach.
    Und gegen diese feuerspeiende Übermacht sollten der Junge und sein Freund nun antreten. Shouta spürte, wie ihn die Angst in den Bauch stach, als er den Blick in Richtung der Berge hob, wo der Feind Stellung bezogen hatte. Seine Finger krallten sich fester in das weiche Gefieder von Ame. Er war kein Kämpfer, kein Krieger. Bis vor kurzem hatte er nie etwas geschwungen, was einer Waffe auch nur annähernd glich. Und nun sollte er, ausgerüstet mit einem Speer für fliegende Reiter, einer ganzen Armada Flammen spuckender Monster entgegen treten.
    Ame schien die Angst seines Reiters zu spüren und stieß einen beruhigenden Laut aus, unhörbar, und doch fühlte Shouta den Trost des Freundes tief in sich. Was auch immer kommen mochte - sie hatten einander und keine Schwarze Flamme würde diese Freundschaft trennen können. Liebevoll strich Shouta über den schlanken Nacken des Kameraden, Weiß und Gold umfloss seine Fingerspitzen.
    Neu ermutigt starrte er wieder nach vorn, dem Gebirgsschatten entgegen. Täuschte er sich, oder schlängelten sich dort bereits schwarze Schatten über den Gipfeln? Instinktiv kauerte er sich tiefer in den Sattel und warf einen Blick zurück.
    Hinter ihm, in seinem Windschatten, kroch ein dunkler Keil über die Felder. Aureliens letztes Aufgebot folgte ihm, warf seine verbleibende Kraft in den Ring für eine finale Schlacht unter den Flügeln der Silberschwinge. Der Junge und sein Reittier waren die Gallionsfigur, der die Soldaten folgten, auf Sieg oder Verderben. Sie würden einen sinnlosen Angriff wagen gegen die feindliche Übermacht wagen, um Shouta die entscheidende Zeit zu geben, die er brauchte.
    Seine Aufgabe war entscheidend. Er sollte den Meister der Drachen finden und aufhalten. Denn soviel wusste auch Shouta - wer über die Waffen der Lüfte gebot, sollte ebenfalls fliegen oder sich zumindest weit oben aufhalten. Unerreichbar für die aurelischen Fußsoldaten, die keinerlei Flugmöglichkeiten besaßen - bis jetzt.




    Fortsetzung folgt

    Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

    Im Mund.

    Quer.

    Und ohne zu sabbern.

    :whistling:


    Meine Geschichte

    Elemental

  • Whooha! Kiddel Fee


    Ich erahne Großartiges.


    Und meinen Dank für Deine Widmung...auch wenn Arschtreter ja meistens eher nicht in Ruhmeshallen erwähnt werden.

    :D:D:D

    Aber mit sowas kann ich leben.


    Ohne Fortsetzung aber eher nicht...


    :thumbup::thumbup::thumbup:

  • Hallo Kiddel Fee ,


    ja bitte eine Fortsetzung davon. ^^

    Die Geschichte bisher ist ja schon recht Wortgewaltig geschrieben und ich hatte sehr viel Freude dabei, diesen ersten Teil zu lesen.

    In wenigen Stunden würde die stille Schönheit am Boden von den Hufen galoppierender Pferde niedergetrampelt und vom Klang der Trompeten zerfetzt werden.

    Für mich der beste Satz überhaupt, der einfach so bildhaft ist.

    Wann immer er konnte, war er in den Wald gelaufen, wo er sein großes Geheimnis verborgen hielt - Ame, die letzte Silberschwinge, letzter Nachkomme alter Silberdrachen und deren Allianz mit den Greifenweibchen.

    Beim letzten Teil bin ich allerdings etwas gestolpert: letzter nachkomme ... und deren Allianz. Ich bin der Meinung, dass das vom Satzbau her nicht so passt. :huh: Vielleicht Allianz vorziehen (letzter Nachkomme [aus?] einer Allianz aus alten Silberdrachen und Greifenweibchen)?

    Sie würden einen sinnlosen Angriff wagen gegen die feindliche Übermacht wagen

    Hier ist einmal "wagen" zu viel.

    Seine Aufgabe war entscheidend. Er sollte den Meister der Drachen finden und aufhalten.

    Da er es auch als seine eigene Aufgabe und seinen eigenen Willen ansieht, würde ich das "sollte" (wirkt fremdbestimmt, als hätte er den Auftrag dazu vorher erst erhalten müssen) durch ein "musste" (im Sinne von: ich muss/will) austauschen. Ist wohl aber auch Geschmackssache.


    Beste Grüße

    Charon