[Arbeitstitel] Der Hunger

  • Nachdem meine anderen Projekt aktuell so ein bisschen ins Stocken geraten sind :patsch:, hab ich unlängst mal wieder an meinem Jugendbuch weitergearbeitet. Es soll eine Abenteuergeschichte für die Altersgruppe 12 (+-2 Jahre :P) werden. Sowas ist natürlich immer total schwer selbst zu beurteilen. Für eure Rückmeldungen wäre ich darum umso dankbarer :)


    Ich sag mal gar nicht sooo viel vorab, sondern schmeiße euch mal den Prolog hin :phatgrin:. Viel Spaß!


    Teil 1 - Der Hunger

    Kapitel 1 - Nimm Platz am Feuer


    Das also sollte der Junge sein, von dem die ganze Stadt seit seiner Ankunft sprach? Die Matrosen, die sich um ein kleines Lagefeuer auf dem Vorplatz des Palastes scharten, tauschten vielsagende Blicke. Besonders beeindruckend sah er ja nicht aus, wie er in seinem einfachen Wollmantel über das Pflaster ging: klein gewachsen, fast schmächtig, dazu die relativ große Nase und der unsichere, scheue Blick, den er ihnen im Vorübergehen zuwarf. Fast als fürchte er sich vor ihnen…
    So ganz und gar nicht, wie man sich einen strahlenden Helden aus einer Prophezeiung eigentlich vorstellte – und ganz und gar nicht der Held, den man sich in der belagerten Hauptstadt wohl herbeisehnte.


    Für einen Moment blieb der Junge vor dem mächtigen Palasttor stehen und sah sich unschlüssig um. Die aufmerksamen Blicke der Seeleute in seinem Rücken verunsicherten ihn offenbar. Nervös trat er von einem Fuß auf den anderen und sah suchend an der prunkvollen Fassade des Palastes empor, als könnten ihn die pompösen Türme oder die hohen, verzierten Bogenfenster behilflich sein. Dann erst bemerkte er, dass ein Bronzeflügel des gewaltigen Tores vor ihm einen winzigen Spalt breit offenstand. Erleichtert setzte er sich in Bewegung, schlüpfte mit eingezogenem Kopf wie ein Schatten hindurch und – verschwand aus dem Blickfeld. Das Geräusch, mit dem hinter ihm der mächtige Torflügel ins Schloss fiel, hallte wie ein Hammerschlag über den ganzen Platz und kam als Echo von den gegenüberliegenden Häusern zurück.
    Dann wurde es wieder still, so still, dass man nur das leise Prasseln der Regentropfen auf den Dächern ringsum hören konnte.

    Die Matrosen kratzten sich nachdenklich am Kopf. Was hatte dergleichen zu bedeuten? Normalerweise ließ man dieser Tage niemanden in den Palast, schon gar nicht durch das streng bewachte Haupttor. Aber den Jungen hatte man offenbar sogar erwartet…
    Einer der Seemänner rümpfte missmutig die Nase und schimpfte gleich darauf los. „Was will so einer wie der schon bei unserem Herren, dem Comte? Nehmt es mir nicht übel, Freunde, aber so ein junges Bürschlein? Wie alt mag er sein? Vierzehn? Fünfzehn vielleicht? Fast noch ein Kind! Das verheißt nichts Gutes, wenn man so einem dahergelaufenen Wichtigtuer überhaupt Gehör schenkt. Das kann übel ausgehen – auch für uns.“


    Als ihm niemand antwortete, biss der Matrose noch ein Stück Kautabak ab, reichte den fast schwarzen Strang seinen Kameraden weiter und kaute geräuschvoll mit offenem Mund. Das Zeug schmeckte herb, fast bitter und färbte die Zähne braun. Aber etwas Besseres zu beißen gab es momentan nicht. Und wenn der Tabak auch nicht satt machte, so vertrieb er wenigstens für ein paar Stunden das Gespenst des Hungers, das die Stadt seit Wochen fest im Griff hatte.


    „Abwarten, sag ich“, antwortete nach einer längeren Pause ein anderer mit vollem, grauem Haar und rauchiger Stimme, dessen alte Augen schon so manchen Sturm und so manche Schlacht gesehen hatten. Einer jener drahtigen Seefahrer, die über Jahrzehnte von der sengenden Sonne und der salzigen Gischt auf hoher See geformt werden, bis sie nur mehr aus Zähigkeit, Gleichmut und Abgebrühtheit zu bestehen scheinen. „Für uns kann es ja nur besser werden. Zu verlieren haben wir schon längst nichts mehr. Schau uns an: Wir sind verdammt dazu, hier untätig herumzusitzen. Genau so gefangen, wie unsere Schiffe im Hafen.“


    Auch er saß in einen groben Mantel aus gewachstem Tuch gehüllt auf einem notdürftig behauenen Holzbalken und starrte in das niedrige Lagerfeuer, um das sich die kleine Gruppe an Matrosen versammelt hatte – eigentlich um zu beratschlagen, was nun anzufangen sei. Aber nur wenige der rauen Gesellen beteiligten sich noch an dem träge dahinplätschernden Gespräch, die meisten starrten mutlos in die niedrigen Flammen, die fast schon am Verlöschen waren. Die Würfelbecher lagen ungenutzt daneben, keiner hatte noch Lust oder Geld zum Spiel. Tage vergehen so langsam, wenn man zum Nichtstun und Abwarten gezwungen ist.


    Von Zeit zu Zeit blickte einer mit zusammengekniffenen Augen in den bewölkten Himmel. Der Regen, der seit Tagen ununterbrochen aus den dunklen Wolken fiel, hatte die ganze Stadt aufgeweicht. Die Strohdächer troffen vor Nässe, auf dem Straßenpflaster standen Pfützen voll schmutzigem Wasser, da und dort schoben sich frierende Hunde wie Schatten durch die Gassen und in den Baracken war es feucht und muffig. Vor allem aber kam mit dem unablässigen Regen die Kälte. Und mit der Kälte sank der Mut.


    „Wenn wir nur raus könnten“, warf ein anderer nach minutenlanger Stille ein, „aufs Meer.“ Als wäre das ein vereinbartes Kommando, wandte die Gruppe ihre regennassen Köpfe in Richtung des geschlossenen Hafenschotts, hinter dem die Wogen des Grünen Meeres unablässig in Richtung der Kaimauer anrollten. Zwar hemmte der Regen die Sicht und die Wolken eines salzig schmeckenden Dunstes vernebelten die Luft, aber trotzdem waren sich alle gleichermaßen sicher: Weit hinten, fast an der Bruchlinie des Horizonts, ließen sich zwei bedrohliche, schwarze Schemen ausmachen, die vor der Insel Patrouille fuhren. Die zwei kolossalen Galeonen aus der königlichen Armada, die Tag und Nacht auf- und abkreuzten und so niemanden von der Insel entkommen ließen. Nachts blinkten ihre Signallaternen in der Dunkelheit, als zwinkerten sie allen, denen die Insel durch die Blockade des Seewegs zum Gefängnis geworden war, voller Hohn zu.

    Seit Wochen wiederholte sich dieses Schauspiel Abend für Abend. Aber nun beschlich sie alle das Gefühl, dass die Umrisse der Kriegsschiffe mit jedem Tag ein wenig deutlicher wurden. Dass man etwas mehr von ihrer Takelage oder den Masten erkennen konnte, als gestern noch. Oder dass der Bug sich nun klarer vor der Fläche des Meeres abzeichnete. Einbildungen, von der Angst genährt? Nein, diesmal nicht, diesmal ließ das alles nur einen Schluss zu: Sie näherten sich. Langsam aber beständig, wie zwei Wölfe, die sich an eine sicher geglaubte Beute herantasten und darum keine Eile kennen. Bald würde man die Geschütze an Deck zählen können, zwei oder drei Dutzend dunkle Mündungen, die in ihre Richtung zielten. Die Schlinge zog sich zu – und der abgeschotteten Insel ging langsam aber sicher die Luft aus.

    Der Comte tat, als ließe er sich davon nicht beindrucken und regierte seine Stadt in diesen Tagen mit eiserner Faust. Jeder noch so kleine Verstoß wurde streng geahndet. Außerdem hatte er per Befehl die Wachen auf der turmhohen Kaimauer verdoppeln lassen und überall Posten stationiert. Aber was würde das im Falle eines Angriffs schon tatsächlich bringen? Es war nicht mehr als eine leere Geste, von der sich nur Narren, Leichtsinnige, Blöde – oder noch schlimmer – Patrioten beruhigen ließen. Wenn es eine Schlacht gab, würde sie sich auf dem offenen Meer entscheiden.

    Die Matrosen hörten eine Woge brechen und geräuschvoll an den Backstein der Kaimauer schlagen. Es klang wie ein Vorbote des Kanonendonners.
    „Diese verdammte Blockade. Wie lange werden sie die noch aufrechterhalten?“, murmelte einer aus der Gruppe. Und in seiner gesenkten Stimme lag schon der Unterton der nackten Panik, die langsam wie ein Gift um sich griff und sich bald der ganzen Stadt bemächtigen würde. Vor allem, wenn man dem Hunger nicht schleunigst Herr würde. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis das Chaos ausbrach. Nur die kleinsten Boote wagten sich im Schutz der Nacht noch für ein paar Stunden aufs Meer hinaus und konnten heimlich ein paar Netze voll Fisch einholen, die der Comte dann auf den Plätzen von der Stadtwache verteilen ließ. Aber diese mageren Rationen reichten längst nicht, um wirklich alle zu sättigen. Sie zögerten nur das Verhungern hinaus – und die Menschen spürten es. Ihre Mienen wurden von Tag zu Tag verzweifelter und feindseliger. Im Inneren der Insel sollte es bereits erste Kämpfe geben, immer weniger Vorratslieferungen trafen bei der Hafenstadt ein. Viel Zeit blieb ihnen nicht mehr, bevor… etwas geschehen würde. Ein paar Tage. Oder eine Woche. Bestenfalls.


    „Die werden einfach warten, bis wir nicht anders können, als selbst anzugreifen - oder hier umkommen. Mit unseren kleineren Fregatten haben wir im offenen Kampf keine Chance. Also verhungern oder in den Meeresgrund gebohrt werden. Das kommt dann aufs selbe raus“, antwortete man ihm düster.

    „Oder bis der Comte aufgibt“, warf einer zögerlich ein. Es klang mutlos, als glaubte er selbst nicht daran.

    „Ein Comte gibt nicht auf“, belehrte ihn sofort der Alte, als wollte er jede falsche Hoffnung von vornherein zerstören, so süß sie in einem solchen Moment auch schmecken musste. „Klammert euch nicht an diesen Strohhalm. Denn selbst wenn es tausend Matrosen, Soldaten, Frauen oder Kindern ins Verderben reißt, gibt ein Comte nicht auf. Wenn ich in all den Jahren eins gelernt habe, dann dass wir kleinen Leute denen da oben völlig egal sind“, er schoss einen feindseligen Blick in Richtung des Schlosses mit seinen prachtvollen vier Türmen ab und deutet mit dem ausgestreckten Arm nach den hell erleuchteten Fenstern in der prunkvollen Fassade. „Seht ihr das? Golden getünchte Mauern. Also ob wir davon abbeißen könnten“, er schnaubte verächtlich. „Aber seine eigene edle Haut wird der Comte schon noch retten, auch wenn alles andere vor die Hunde geht, macht euch nur darum keine Sorgen. Desto eher ihr begreift, dass wir vom Comte und den seinen nichts zu erwarten haben, desto besser ist es für uns alle. Für ihn sind wir nur Werkzeuge, Mittel zum Zweck. Nicht mehr wert, als der Sold, den er uns zahlt.“

    Der Alte brach in ein bitteres Gelächter aus, das gespenstisch über den leeren Platz hallte. Niemand wagte es einzustimmen oder ihm zu widersprechen.

    „Und was sollen wir deiner Meinung nach jetzt tun? Irgendwas müssen wir doch unternehmen?“

    „Das Einzige, was wir können: Abwarten. Spart eure Kräfte, ich habe das Gefühl, dass ihr sie sehr bald brauchen werdet“, entgegnete der Alte und zuckte die Schultern. Als wäre damit alles gesagt, stopfte er sich eine kleine Pfeife, die er aus einem abgenagten Maiskolben geschnitzt hatte und entzündete die Füllung mit einem Kienspan aus dem Lagefeuer.

    „Abwarten und den Jungen machen lassen?“, kam es entgeistert zurück. „Diesen dahergelaufenen Wichtigtuer?!“
    „Genau. Lasst den Jungen machen. Das wird schon“, raunte er vielsagend. Und um seine verwitterten Züge deutete sich ganz sachte das einzige Lächeln an, das an diesem Tag in der belagerten Stadt gelächelt wurde.

    Einmal editiert, zuletzt von Jota () aus folgendem Grund: Nach den Anregungen das Kapitel noch ein bisschen überarbeitet.

  • Jota


    Sehr gut geschrieben, mich hat es direkt mit reingezogen. Besonders gefallen haben mir zwei Beschreibungen.

    a und dort schoben sich frierende Hunde wie Schatten durch die Gassen


    nd in seiner gesenkten Stimme lag schon der Unterton der nackten Panik, die langsam wie ein Gift um sich griff und sich bald der ganzen Stadt bemächtigen würde. Vor allem, wenn man dem Hunger nicht schleunigst Herr würde.

    Das Einziege was mich gestört hat oder ich nicht als passend empfunden habe ist

    zurück. „Diesen Pimpf?!“

    Für mich gehört das Wort eher in die Zeit Ende 19. Anfang 20. Jahrhundert. Obwohl der Sinn als "der kleine Furz" durchaus passt.

    Kurzgeschichte "Unerwartet"


    Wie und Warum ist Haga zur Stadtwache gekommen?

    Warum schickt man keinen epischen Helden mit fundierter Monsterniederhack-Ausbildung?

    Fragen über Fragen ...



    Der Weg zum Selbst (Arbeitstitel)

  • Danke Bluefox für die schnelle Rückmeldung :) und die Anregung

    Für mich gehört das Wort eher in die Zeit Ende 19. Anfang 20. Jahrhundert. Obwohl der Sinn als "der kleine Furz" durchaus passt.


    Da hast du Recht, das passt wirklich nicht. Ich nehms raus. Hat auch eine Wortgeschichte, dir mir alles andere als sympathisch ist (wusst ich gar nicht, dachte das kommt aus dem Mittelalter).

  • Kein Problem. Schade nur das wieder ein ziemlich gutes Wort befleckt wurde in so einer kurzen Zeitspanne.


    Für alle die sich jetzt wundern packe ich mal den Wiki-Link mit rein. Ich hoffe ich darf das...


    https://de.wikipedia.org/wiki/Pimpf

    Kurzgeschichte "Unerwartet"


    Wie und Warum ist Haga zur Stadtwache gekommen?

    Warum schickt man keinen epischen Helden mit fundierter Monsterniederhack-Ausbildung?

    Fragen über Fragen ...



    Der Weg zum Selbst (Arbeitstitel)

  • Hi Jota !

    hab ich unlängst mal wieder an meinem Jugendbuch weitergearbeitet. Es soll eine Abenteuergeschichte für die Altersgruppe 12 (+-2 Jahre :P ) werden.

    Sehr gut! Bin dabei. Und deshalb auch nicht traurig, erst mal von Heldrik nichts zu hören.^^



    Das also sollte der Junge sein, von dem die ganze Stadt seit seiner Ankunft sprach?

    Den ersten Satz finde ich --- hammer. Anders als derart platt kann ich's gar nicht ausdrücken. Es kommen geradezu Harry-Potter-Vibes auf: Alle reden nur noch von einem auserwählten Jungen, der so besonders aber gar nicht aussieht. Sehr beliebt in den Jugenddomänen. Und der erste Satz macht direkt Lust auf mehr.

    so vertrieb er wenigstens für ein paar Stunden das Gespenst des Hungers,

    und diese Personifikation ist dir auch sehr gut gelungen.. Hut ab.

    Generell, ich mag deinen Schreibstil wahnsinnig gern!!!


    Danach geht für mich die Verwirrung aber erst los. (Ich habe allerdings auch ein Gläschen Wein getrunken...:wein:)


    Zunächst war mir das Setting und der Ort völlig unklar. Comte, das beschwor für mich venezianische Illusionen herauf. Dann geht es um Matrosen, aber befinden sie sich auf einem Schiff im salzigen Wind? Was ist mit dem Jungen, der erwähnt wird, dem angeblich Gehör geschenkt wird --- er wird irgendwie im Laufe des Kapitels kaum noch erwähnt und dadurch der erste schöne Satz völlig irrelevant? Ich lese weiter und erfahre, nein, kein Schiff, sondern irgendein Lagerfeuer, aber wo befindet es sich? Irgendwie wird kein Kartenspiel praktiziert, also doch kein Wirtshaus? Ich erfahre etwas über Kautabak, empfinde dies aber nicht als wichtig für das, was ich gern verstehen würde, nämlich das ganze Drumherum der Story.
    Auch hätte ich gern erfahren, wer genau der Erzähler ist. Ist er auktorial, kein Problem, aber das ist ja hier nicht der Fall, also wer schildert uns das Ganze?

    Tage vergehen so langsam, wenn man zum Nichtstun und Abwarten gezwungen ist.

    Dies ist ein schöner allgemeiner Floskelsatz, mag ich gern. Finde es daher auch absolut okay, dass er im Präsens ist. Natürlich ist die Neugier geweckt, worauf die Matrosen denn warten.


    Als wäre das ein vereinbartes Kommando gewesen, wandte die Gruppe ihre regennassen Köpfe in Richtung des geschlossenen Hafenschotts, hinter dem die Wogen des Grünen Meeres unablässig in Richtung der Kaimauer anrollten. Zwar hemmte der Regen die Sicht und die Wolken eines salzig schmeckenden Dunstes vernebelten die Luft, aber trotzdem waren sich alle gleichermaßen sicher, weit hinten, fast an der Bruchlinie des Horizonts, zwei bedrohlich schwarze Schemen erkennen zu können, die vor der Insel Patrouille fuhren

    Hui, was für Schachtelsätze. Mir schwirrt der Kopf!


    Die Schlinge zog sich zu.

    Den Satz mag ich. (Ist nämlich der erste in meiner Geschichte.:P)

    Der Comte hatte per Befehl die Wachen verdoppeln lassen

    Hier stellt sich mir wieder die Frage, wer dieser Comte ist. Arbeiten die Matrosen für oder gegen ihn? Und bin ich eventuell schwer von Begriff??(



    Denn selbst wenn es tausend Matrosen, Soldaten, Frauen oder Kindern ins Verderben reißt, gibt ein Comte nicht auf. Wenn ich in all den Jahren eins gelernt habe, dann, dass wir kleinen Leute denen da oben völlig egal sind“, er schoss einen feindseligen Blick in Richtung des Schlosses mit seinen vier prachtvollen Türmen ab und deutete mit dem ausgestreckten Arm nach den hell erleuchteten Fenstern in der prunkvollen Fassade.

    Hier würde ich einen Punkt nach der Wörtlichen Rede machen, um den ellenlangen Satz etwas einzukürzen, ich kam nicht mehr hinterher. Habe die Stelle mal grün markiert.


    „Abwarten und den Jungen machen lassen?“, kam es entgeistert zurück.

    Aha. Nun endlich wird der geheimnisvolle Junge (wo befindet er sich denn während des gesamten Gesprächs? Ist er anwesend?) wieder thematisiert. Für meinen Geschmack etwas zu spät. Soll heißen: Ich bin irre neugierig, was zur Hölle er denn "machen" soll.:D So eine Seeblockade ist ja nicht ohne, eine Hungersnot auch nicht.


    Bin gespannt!


    LG

    Stadtnymphe

  • Hallo Stadtnymphe

    danke, dass du es dir angeschaut hast :)

    Es kommen geradezu Harry-Potter-Vibes auf: Alle reden nur noch von einem auserwählten Jungen, der so besonders aber gar nicht aussieht. Sehr beliebt in den Jugenddomänen.

    Ach ja, da war doch was :thumbsup:Schuldig. Auch wenn die Prophezeiung bei mir ein bisschen einen anderen "Twist" haben sollte.

    Zunächst war mir das Setting und der Ort völlig unklar. Comte, das beschwor für mich venezianische Illusionen herauf. Dann geht es um Matrosen, aber befinden sie sich auf einem Schiff im salzigen Wind?

    Auweh, auweh, auweh :( Verwirrung ist gar nicht gut. Ich hatte eigentlich gehofft, dass sich die Szenerie (Matrosen sitzen um ein Lagerfeuer in einer belagerten Stadt) schon relativ zu Anfang erschließt. Das Lagerfeuer hab ich darum schon in den Kapitel-Titel geschrieben und die Stadt gleich in den ersten Satz. Allerdings klar, Matrosen klingt nach Schiff und Wellengang - wobei das ja mit einem Lagerfeuer nur begrenzt harmoniert, es sei denn, man will den Rest der Strecke schwimmend zurücklegen :D Das werd ich dann wohl noch irgendwie deutlicher rüberbringen müssen.

    Comte, das beschwor für mich venezianische Illusionen herauf.

    Genau in die Richtung soll es gehen. Wenigstens mal ein Wort, das in die richtige Richtung lenkt. Gedach habe ich mehr an eine Art Inselreich statt ausgedehnter, riesiger Landstriche. Ich finde das irgendwie reizvoll, weil eine Insel ja so etwas Unausweichliches hat: man läuft sich immer wieder über den Weg.

    Hui, was für Schachtelsätze. Mir schwirrt der Kopf!

    Da werd ich, auch eingedenk der angedachten Zielgruppe, sicher noch vereinfachen müssen. Dach ich mir schon beim Schreiben:P Allerdings dass man dich so leicht ins Schwirren bringt, hätte ich auch nicht gedacht ^^


    Was ist mit dem Jungen, der erwähnt wird, dem angeblich Gehör geschenkt wird --- er wird irgendwie im Laufe des Kapitels kaum noch erwähnt und dadurch der erste schöne Satz völlig irrelevant? Ich lese weiter und erfahre, nein, kein Schiff, sondern irgendein Lagerfeuer, aber wo befindet es sich? Irgendwie wird kein Kartenspiel praktiziert, also doch kein Wirtshaus? Ich erfahre etwas über Kautabak, empfinde dies aber nicht als wichtig für das, was ich gern verstehen würde, nämlich das ganze Drumherum der Story.
    Auch hätte ich gern erfahren, wer genau der Erzähler ist. Ist er auktorial, kein Problem, aber das ist ja hier nicht der Fall, also wer schildert uns das Ganze?

    wo befindet er sich denn während des gesamten Gesprächs? Ist er anwesend?

    Die Idee war einerseits, den Jungen, der Alexandré heißt und der Protagonist der Geschichte ist, im Prolog sozusagen als Randfigur erscheinen zu lassen. Er ist da ja nicht dabei, sondern, wie im ersten Satz geschrieben, "im Vorübergehen" begriffen. Er löst also durch seine schmächtige Erscheinung quasi den Dialog aus. Die Szene kehrt übrigens später aus seiner Sicht wieder.


    Andererseits wollte ich damit punktuell die Situation schildern und vorausdeuten: eine belagerte (oder vielmehr see-blockierte) Stadt, in der langsam die Hungersnot ausbricht. Alexandré ist mittendrin und muss "etwas" tun. Was, soll der Leser natürlich erst im Laufe der Geschichte erfahren.

    Nach dem Kapitel gibt es einen Cut - und es geht (personal erzählt) weiter mit "Ein halbes Jahr zuvor", also dann wird die Geschichte bis zu diesem Punkt aufgerollt.

    Leider bringen all diese Erläuterungen nichts, wenn es sich nicht aus dem Text selbst erschließt, hm :censored: Danke für deine Anmerkungen.

  • Allerdings dass man dich so leicht ins Schwirren bringt, hätte ich auch nicht gedacht ^^

    das MUSS an meinem Wein gelegen haben:alien: !


    Im nüchternen Tageslicht hab ich nun noch mal drübergeschaut, die Fragezeichen von gestern sind aber überwiegend geblieben.

    Allerdings, alles was du an Erklärungen hinzufügtest, nützt natürlich nicht viel, da es mir hier nur als Paratext angeboten und nicht im eigentlichen Text erklärt wird. Die Idee, den Auserwählten erst mal als Randfigur erscheinen zu lassen, ist reizvoll, wirft aber ein paar Probleme auf. Nämlich zum Beispiel das, dass ich die ganze Zeit während des Lesens dachte: "Häh? Und was ist jetzt mit dem Jungen? Hat er ihn vergessen?" Dadurch traue ich der Erzählinstanz nicht mehr --- bis zum Ende wieder der Schlenker kommt, aber noch mehr Fragen auslöst.

    Naja, da ist wahrscheinlich eine elegante Zwischenlösung gefordert.

    Und ja, definitiv: den Raum und den Erzählort klarer beschreiben. :)



    LG

    Stadtnymphe

  • Hallo Jota

    Es soll eine Abenteuergeschichte für die Altersgruppe 12 (+-2 Jahre :P ) werden.

    Da gehöre ich wohl nicht mehr zur Zielgruppe, aber den Auftakt fand ich sehr schön. :thumbsup:

    Das also sollte der Junge sein,

    Besonders den Anfang mag ich xD

    Er wirft auch viele Fragen auf, die da noch nicht beantwortet werden und macht dann einen Schwenker zu den Matrosen, sehr passend übrigens zu: Kapitel 1 - Nimm Platz am Feuer.

    Ich weiß zwar noch nicht genau, was da los ist, aber mir scheint, der Alte hat da ziemlich große Zuversicht. Na dann mal sehen, ob er recht behält.

  • Soooo, erstmal die Antwortbox :)




    Und jetzt geht´s aber weiter, damit man auch langsam mal erfährt was da eigentlich los ist, wieso das Teil "Der Hunger" heißt und wer der rätselhafte Junge aus dem ersten Kapitel ist. Oder besser gesagt: sein wird :P

    Bei den anfänglichen Absätzen (bis zur Passage mit der Küche) beschleicht mich das Gefühl, man sollte jeweils zwei oder drei Sätze wegen der Länge ausstreichen, finde aber selbst nicht die richtigen :dead: Vorschläge immer willkommen.

    Kapitel 2 - Ein halbes Jahr zuvor


    Schon das Licht an diesem Tag war anders. Das war das Erste, das Alexandré auffiel, als er in seiner Kammer allmählich aus einem tiefen, traumlosen Schlaf erwachte und verwundert um sich zu blicken begann. Alles schien heute in ein seltsames, düsteres und irgendwie… schiefes Zwielicht getaucht, das wie ein grauer Hauch an allen Oberflächen haftete. Alexandré blinzelte einige Male und kniff die Augen zusammen, kroch aber schließlich widerwillig unter dem warmen Laken hervor, kleidete sich in der kühlen Morgenluft zügig an und blickte von seinem Fenster aus prüfend in den Hof des Gutshauses hinab. Er stutzte: alle Farben waren matt und blass, wie ausgewaschenes Leinen. Die Umrisse der Bäume und Wiesen, das unbenutzte Ochsengespann, dessen Räder knöcheltief im Matsch des Hofes steckten, ja selbst die dahinterliegende Fläche des Meeres erschienen Alexandré nicht in ihrer vertrauten vollen Färbung, sondern in einem kraftlosen Grau. Irgendwie schien das sonst so satte Strahlen der Sonne den Boden heute nicht richtig zu erreichen, als würde es auf den letzten Metern an Kraft verlieren – obwohl keine einzige Wolke am Himmel zu sehen war. Als hinge ein unsichtbarer Filter oder Schirm über der Landschaft. Oder als wäre ein Zauber im Gange, der die ganze Szenerie verschleierte und eine unheilvolle Stimmung verbreitete.

    Und noch etwas war ungewöhnlich: Seine Unterarme auf den steinernen Fenstersims gestützt, stand Alexandré für einen Moment mit geschlossenen Augen da und lauschte konzentriert. Tatsächlich: Kein einziger Laut war zu hören. Nirgends. Alles, was Alexandré wahrnehmen konnte, war eine ungewöhnlich tiefe, fast gespenstische Stille. Sonst wurde um diese Zeit bereits überall am Hof emsig gearbeitet, der metallische Klang von Hammerschlägen oder einer Axt, die wuchtig Brennholz spaltete, drang in die Zimmer, Schritte polterten die Gänge entlang, die Knechte lachten und die Mägde schnatterten unablässig. In der Küche wurde manchmal sogar gesungen und spätestens eine Stunde nach Sonnenaufgang klopfte es lautstark auch an seiner Tür, um ihn zur Arbeit zu rufen. Der Duft von frisch gebackenem Brot lag in der Luft, die Hunde kläfften und stritten sich um die Knochen vom Vortag, zwischendurch flatterten Gänse und Hühner lautstark über den Hof. Heute fehlte all das. Jetzt wusste Alexandré auch, was ihn geweckt hatte: Es war diese gänzlich ungewohnte Abwesenheit jeglichen Geräuschs, die ihm irgendwie falsch erschien. Sie war um Vieles störender als der übliche Lärm während der Werkstunden, die rege Betriebsamkeit, an die er sich mit seinen fünfzehn Jahren ohnehin längst gewöhnt hatte.

    Er öffnete die Tür seiner Kammer einen Spalt breit und lugte unschlüssig auf den Gang hinaus, schob sich dann behutsam in den Flur und schlich die hölzerne Treppe ins Erdgeschoss hinab. Der weitläufige Thronsaal mit den geknüpften Teppichen an den Wänden und der langen, hölzernen Tafel lag wie ausgestorben da. Sonst saß hier zumindest irgendein Langschläfer, der rasch sein Frühstück nachholte oder jemand, der schnell ein Loch in seinem Schuh oder seiner Mütze flickte. Automatisch wanderte Alexandrés Blick zum Thron. Ein wuchtiger Sessel mit stämmigen Beinen, den man sauber aus dunklem, spiegelblank poliertem Holz gearbeitet hatte und der auf einem erhöhten Podest am Ende des Raumes platziert war. Aber obwohl er alles überragte, fehlte ihm jedweder Prunk und jede Verzierung – er wirkte viel mehr schlicht, einfach und, trotz seiner erhöhten Position, geradezu bescheiden. Unweigerlich musste Alexandré dabei an seinen Vater denken, der in regelmäßigen Abständen darauf platznahm, das blanke Richtschwert quer über seinen Schoß bettete und mit der gebotenen Würde seine Pflichten als König der Insel erfüllte. Geduldig hörte er die Bittsteller an, die aus eigener oder fremder Schuld in Not geraten waren und ihn mit der Hoffnung auf Unterstützung aufsuchten. Manchmal saß Alexandré heimlich auf der Treppe und lauschte mit gespitzten Ohren den Gesprächen. Meist ging es bei diesen Audienzen um nicht mehr als eine milde Gabe in Form eines Sack Korns für den Winter, um einen Rechtsspruch bei der Aufteilung des Ackerlands oder die Beilegung von Streitigkeiten zwischen verfeindeten Nachbarsleuten: zerbrochene Krüge, verschobene Grenzsteine oder ungehorsame Kinder, die sich immer so verheirateten, dass es ihren Eltern ganz und gar nicht passen wollte. Alexandré bewunderte seinen Vater für die Geduld, mit der er diese Nichtigkeiten verhandelte. Mit unvergleichlicher Gelassenheit schenkte er auch dem geringsten seiner Untertanten sein Ohr und verriet niemals ein Anzeichen von Überdruss oder Gereiztheit, selbst wenn sich die Verhandlung seit zwei Stunden um ein angeblich gestohlenes Paar Lederstiefel drehte.

    Natürlich, auf dem Papier war sein Vater immerhin ein waschechter König, ein Regent von königlichem Geblüt, wie es auf der ganzen Welt nur wenige geben mochte. Aber in der Realität gebot er lediglich über diese kleine Insel, die hauptsächlich aus Acker- und Weideland bestand und neben ein paar Dutzend einfacher Bauernfamilien und deren Gesinde nur noch von Rehen, Hühnern, Gänsen, Möwen und meckernden Ziegen bewohnt wurde. Ein kleines, beschauliches Reich, weit entfernt vom Trubel und den gefährlichen Intrigen der Hauptinsel im Grünen Meer, auf der mächtige Herrscher in ihren Palästen die Zepter schwangen und die Geschicke des Volkes glücklich leiteten – oder es ins Verderben stürzten. „Natürlich bin ich ein König“, pflegte Alexandrés Vater zu sagen und lächelte immer schelmisch, wenn er dann noch leiser, fast murmelnd hinzufügte: „aber nur ein ganz ganz kleiner.“
    Das galt auch für Alexandré selbst: Er war in der Tat der einzige Sohn eines Königs und somit ein waschechter Prinz – aber genauso gut hätte er der zweite oder dritte Sohn eines wohlhabenden Bauers aus seiner Heimat sein können. Er musste am Hof seiner Familie tüchtig mit anpacken, das Vieh morgens auf die Weide treiben, im Herbst bei der Ernte helfen und das Korn dreschen. Er balgte sich mit den Bauernjungen auf den Feldern, als wäre er einer der ihren. Gut, er konnte lesen, schreiben und rechnen, er konnte halbwegs passabel reiten und ein wenig fechten. Aber ein angeblich königliches Blut, das seine Adern durchfloss und ihn aufgrund seiner Geburt von seinen Freunden trennen sollte? Er spürte nichts davon. Wenn er sich aufgrund einer Unachtsamkeit in der Küche in den Finger schnitt, kam dieselbe, rote, klebrige Flüssigkeit aus der Wunde, die in jedem Menschen dieser Welt pulsierte.

    Auch so etwas wie adeligen Luxus gab es auf der kleinen Insel nur in den Geschichten über die Hauptstadt und ihre Bewohner, um die sich unzählige Legenden rankten, die aber – wie immer bei Legenden – zum einen Teil drastisch übertrieben und zum anderen Teil gleich gänzlich frei erfunden waren. Alexandré kannte sie nur von den Geschichtenerzählern und Sängern, die sich alle zwei oder drei Jahre mit ein paar Händlern hierher verirrten und für einen großen Krug Starkbier, ein Nachtmahl und eine Handvoll klingelnder Münzen stundenlang von kühnen Heldentaten, feigem Verrat und den unsagbaren Reichtümern in der Ferne berichteten. Der ganze Hofstand hing dann wie gebannt an ihren Lippen und malte sich in Gedanken alles lebhaft aus. Alexandré liebte diese seltenen Abende, an dem sich alle um ein Lagerfeuer versammelten und den Geschichten lauschten. Und obwohl er nicht wusste, was er von diesen überschäumenden Gerüchten wirklich zu halten hatte, nahmen ihn die Erzählungen mit unheimlicher Macht gefangen. Ein Schloss aus purem Gold, dessen Verließe unermessliche Reichtümer verwahrten? Ein Hof, an dem sich adelige Damen von nobler Blässe leidenschaftlich um aufstrebende Prinzensöhne stritten und die gemeinsam mit ihren Auserkorenen in die Höhe stiegen oder unaufhaltsam in die Tiefe fielen? All das bewacht von einer glänzenden Armee von zehntausend Mann, in schimmernde Rüstungen und wallende Mäntel gekleidet, jeder einzelne bereit sein Leben freudig auf dem Altar der Freiheit zu opfern? Ein Schloss aus purem Gold, konnte es so etwas überhaupt geben? Das „Schloss“ seiner eigenen Familie war ein gewöhnliches Gutshaus. Zwar lebten sie im einzigen zweistöckigen Gebäude auf der gesamten Insel, das wegen seiner Höhe nur von der weiß getünchten Kirche mit den hölzernen Doppeltürmen überragt wurde, aber seiner Natur nach unterschied sich ihr Zuhause nicht von den übrigen Bauerngehöften – der reich dekorierte Thronsaal mit dem hölzernen Thron war die einzige Ausnahme.

    Eigentlich ein ganz beschauliches Leben. Aber in den letzten Wochen hatte sich irgendetwas verändert, ein Gefühl der Unzufriedenheit und Gefahr hatte sich eingeschlichen, das von Alexandrés Vater ausging. Normalerweise spürte man in jeder Handlung des Königs und in jeder Entscheidung, die er mit Bedacht fällte, wie sehr er das Land und die Menschen liebte, die hier lebten. Oft schlichtete er einen schwelenden Streit einfach, indem er beide Partien aus eigener Tasche entschädigte, Nachsicht statt Rachsucht übte oder Gnade vor Recht ergehen ließ. Sein Wort galt den Bauern als Gesetz – vor allem weil er immer mit Vernunft und Umsicht entschied und mehr das Wohl der anderen als das eigene im Sinn hatte. Das Vertrauen, das die Bauern Alexandrés Vater im Gegenzug dafür schenkten, schien ihm voll und ganz zu genügen. Aber in letzter Zeit hatte sich sein Wesen langsam zu verdunkeln begonnen, als fiele ein Schatten auf seine Seele. Er lachte seltener und weniger herzlich, seine Bewegungen wirkten fahrig und abwesend, und oft saß er starr wie eine Statue vor dem Kamin und starrte ins Feuer, ohne sich zu regen. Er wirkte alt in diesen Momenten, so alt, dass Alexandré heimlich erschrak. Etwas lastete auf dem König, als würde sein Inneres vergiftet. Und wie immer bei Königen stand es niemandem zu, ihn nach der Ursache für seine Trübsal zu fragen. Auch Alexandré nicht. Also ließ man es bleiben und wunderte sich im Stillen.

    Ein Geräusch aus der Richtung der Küche riss Alexandré aus seinen trübsinnigen Gedanken. Er durchquerte mit schnellen Schritten den Thronsaal und stieß eine Sekunde später die Tür zur Küche auf. Sofort schlug ihm der Geruch von kaltem Braten, abgestandenem Rauch, Suppe und Brennholz entgegen. Die Fensterläden waren geschlossen und sperrten das Sonnenlicht aus, auch das war höchst ungewöhnlich für diese Tageszeit. Auf den ersten Blick schien ihm der Raum mit den pechschwarzen Rußflecken, die an allen Wänden und besonders nahe des Rauchfangs angesetzt hatten, darum komplett menschenleer. Erst dann gewahrte er einen zierlichen Umriss, der sich hinter der Kochstelle zusammengekauert hatte und unschlüssig ein Stück Brot in Händen drehte. Es war die hagere Gestalt seiner Mutter, die in einem einfachen Leinenkleid auf der Ofenbank nahe dem Herd saß.
    „Warum ist niemand hier?“, platzte Alexandré heraus, ohne sich mit einer Begrüßung oder auch nur einem flüchtigen „Guten Morgen“ aufzuhalten.
    Die Königin sah ihrem Sohn wortlos in die Augen, ließ aber nach einer kurzen Weile, ganz als könnte sie Alexandrés fragendem Blick nicht standhalten, den Kopf sinken. Ihr langes, aschblondes Haar fiel nach vorne und schloss sich vor ihrem Gesicht wie ein Vorhang. Alexandré wurde das bittere Gefühl nicht los, dass sie zuvor lange und heftig geweint hatte.
    „Wo sind denn alle?“, fragte er, nun schon etwas behutsamer und ruhiger, und ließ sich neben seiner Mutter auf die niedrige Holzbank sinken. Da ihm nichts Besseres einfiel, legte er seinen Arm um sie. Allmählich steigerte sich seine innere Unruhe fast bis zur Angst. Was sollte das ganze Getue? War jemand gestorben? Wo war eigentlich sein Vater?
    „Fort“, hauchte seine Mutter nur. „Dein Vater hat sie für heute fortgeschickt.“
    „Den ganzen Hofstand? Das ganze Gesinde?“, fragte Alexandré ungläubig.
    „Ja“, gab seine Mutter einsilbig zur Antwort. „Ans Wasser. Um nach den Hütten und Fischerbooten zu sehen“, fügte sie nach einer Weile hinzu, „und sie instand zu setzen.“ Ihre Hände zuckten und ihre Finger waren ineinander verkrampft. Als Alexandré unauffällig nach unten schielte, fiel eine einzelne ihrer Tränen auf die glatt geschliffenen Dielen des Küchenbodens und hinterließ einen kleinen, schimmernd blauen Flecken.
    „Ans Wasser? Um diese Jahreszeit? Was… ist denn geschehen?“
    Seine Mutter seufzte. Anscheinend war ihr klar geworden, dass er nicht eher aufgeben würde, ehe er zumindest einen Teil der Wahrheit kannte. Wie schmerzvoll diese Wahrheit auch immer sein mochte.
    „Heute Nacht“, berichtete seine Mutter endlich mit brüchiger Stimme, „kam ein Bote an. Von den Herniglonder im Norden. Es heißt, es gibt Probleme mit der Ernte. Große Probleme. Wir wissen noch nichts Genaues, aber scheinbar“ – sie unterbrach für eine Sekunde und schluckte die aufwallende Furcht hinunter – „steht es schlimm um das Ackerland. Sehr schlimm sogar.“
    Alexandré überlegte für einen Moment und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Herninglond war sozusagen die Kornkammer der Insel, dank des fetten Ackerlands erreichten sie jeden Herbst von dort dutzende Ochsenkarren: über und über mit prall gefüllten Säcken voll Getreide bepackt. Ein Vorrat, der über den Winter zusammenschmolz und immer dann aufgezehrt war, wenn die Ernte des ersten Frühgetreides ins Haus stand. Wenn diese dringend benötigte Reserve nun schmaler war als üblich? Der letzte Winter war ungewöhnlich hart gewesen, sie hatten nichts aufsparen können. Und Tribut mussten sie schließlich auch noch leisten.
    „Warum hat Vater mich nicht sofort wecken lassen?“, fragte er dann.
    „Er wollte, dass du dich ausschläfst.“
    „Wozu?“
    Aber Alexandrés Frage blieb ohne Antwort. Seine Mutter zuckte bloß die Schultern und sank zurück in ihr Schweigen. Alexandré verstand den Wink: Mehr wollte sie nicht preisgeben. Aber erwartete sie etwa, dass er sich damit zufrieden gab? Eine nervöse Unruhe ergriff allmählich von ihm Besitz, seine Finger begannen zu kribbeln, als hätte er sie mit heißem Wasser verbrüht. Er stand auf und begann unter dem wie abwesend schimmernden Blick seiner Mutter auf- und abzugehen.
    „Du kannst nichts tun“, sagte sie schließlich, als hätte sie seine Gedanken erraten. Alexandré nickte automatisch. Äußerlich blieb er ruhig, aber in ihm brodelte es. Er begann sich völlig hilflos zu fühlen. Natürlich konnte er nichts tun, das war ihm völlig klar. Aber ebenso wenig konnte er hier rumsitzen und einfach abwarten, auch wenn sein Vater offensichtlich genau das von ihm verlangte.


    Ohne einen wirklichen Plan zu haben, lief er plötzlich los. Er fegte ungeachtet des mahnenden Rufs seiner Mutter durch die Küchentür, sprintete durch den Thronsaal mit den bunten Teppichen und entkam durch die offenstehende Flügeltür ins Freie. Mit ausgereiften Schritten überquerte er den menschenleeren Hof, hetzte vorbei an dem gemauerten Wasserbrunnen und scheuchte eine Gruppe Hühner auf, die lautstark schimpfend in alle Richtungen zerstob. Sein stoßweise gehender Atem verflüchtigte sich als weiße Wolken in der kühlen Morgenluft.

    In vollem Laufschritt bog er in das niedrige Tor des Viehstalls ein und hastete an den Gehegen für die Ziegen und Schweine vorbei zu den zwei Pferdekoppeln, die man ganz hinten in dem strohgedeckten Holzgebäude aus ein paar gehobelten Brettern errichtet hatte. Der feuchte Dunst, der im Inneren herrschte und nach Stroh und Mist schmeckte, legte sich schwer wie Blei auf Alexandrés Lungen. Nach Luft schnappend kam er schließlich bei der Koppel an und stürmte erwartungsvoll hinein – nur um enttäuscht und keuchend stehenzubleiben. Das Reitpferd der Familie, ein sehniger, kraftvoller Falber, den sein Vater vor drei Jahren auf einem Viehmarkt am östlichen Festland für einen stattlichen Batzen Geld erstanden hatte, war verschwunden. Alexandré schalt sich selbst einen Narren. Natürlich. Sein Vater würde den Weg nach Herninglond kaum zu Fuß angetreten haben. Noch weniger, wenn Eile geboten war und es auf jede Minute ankam. Denn selbst bei schnellem Schritt war es ein reichlich beschwerlicher Marsch über die schmalen Feldwege und nur für einen geübten und ausdauernden Wanderer in einem vollen Tag überhaupt zu schaffen. Außer natürlich man hatte das Pech, von einem der berüchtigten Regengüsse ihres Landstrichs erwischt zu werden, die wie aus dem Nichts dunkle Wolken aufs Firmament schoben und die Erde mit Massen an Wasser durchtränkten. Dann versank man bis zu den Knöcheln im Schlamm und eine Strecke, die sich bei Sonnenschein in wenigen Stunden leicht absolvieren ließ, konnte gut und gerne zwei volle Tage in Anspruch nehmen.

    Die Anstrengung machte Alexandré allmählich zu schaffen, es rächte sich, dass er auf ein Frühstück verzichtet hatte und morgens direkt aus dem Bett gesprungen war. Er lehnte sich an einen Pfosten, fasst sich kurz an die Schläfen und zwang sich zur Ruhe, bis der aufkeimende Schwindel wieder abebbte. Dann drehte er sich betont langsam um und warf einen prüfenden Blick in die andere Koppel, aus dem ihm die dunklen Augen ihres alten Schimmels Hektor entgegensahen. Seine Nüstern hatten das kräftige Schwarz bereits eingebüßt und waren im letzten Herbst einer Mischung aus grauen und rosigen Flecken gewichen. An sonnigen Tagen öffnete Alexandré ihm manchmal das Tor und sah wohlwollend zu, wie das alte Pferd frei im Hof herumlief und neugierig in die Fenster lugte oder heimlich Stroh vom tief heruntergezogenen Dach zupfte. Aber seit Hektor offenbar stärker werdende Schmerzen in den Gelenken plagten, nahm er das Angebot auf Freigang immer seltener an und blieb lieber in seiner Koppel um Hafer zu fressen. Sein Vater war vermutlich einfach zu gutmütig, um Hektor… nun ja.

    Trotzdem entriegelte Alexandré jetzt das hüfthohe Tor, tätschelte dem Pferd beruhigend den Hals und fuhr ihm mit der Hand zärtlich durch die schütter gewordene Mähne. „Tut mir leid, alter Junge“, raunte er dem Tier entschuldigend ins Ohr, als er ihm den schweren Sattel auf den Rücken hievte und das Zaumzeug anzulegen begann, „aber heute wirst du galoppieren müssen wie früher.“
    Der Schimmel tänzelte für ein paar Sekunden nervös, beruhigte sich aber sogleich wieder, als ihn Alexandré ins Freie führe. Mit großen Augen sah sich Hektor um und legte die Ohren an. Auch er spürte offenbar die eigenartige Stimmung, die heute von dem ganzen Gehöft Besitz ergriffen hatte. Für einen Moment hielt Alexandré inne und blickte zum Firmament auf. Tat er überhaupt das Richtige? Aber bevor seine Überlegungen zu einer Antwort führten, gebot ihm ein innerer Zwang, fest die Zügel zu ergreifen. Er wusste nur eines: Er musste sofort aufbrechen. Alexandré wappnete sich geistig für alles, was auf ihn zukommen mochte und schwang sich mit einer fließenden Bewegung in den Sattel. Er musste einfach in Erfahrung bringen, was im nördlichen Teil der Insel vor sich ging.

    Im Hintergrund glaubte er noch einen weiteren Ruf seiner Mutter zu hören, die ihn zurückhalten wollte, als er dem Pferd die Sporen gab und vom Hof jagte, ohne zurückzublicken.

    Einmal editiert, zuletzt von Jota () aus folgendem Grund: Kleine stilitsische Änderungen

  • Heyho Jota


    Zunächst mal: Hut ab.

    Das mache ich selten so schnell, aber im Falle Deines obigen Posts mehr als gerne.

    Weil ich da in jedem Satz soviel Liebe für Details entdecke. Kleinigkeiten nur, die jemand anderer weggelassen hätte - oder die ihm gar nicht in den Sinn gekommen wären:

    ...die man ganz hinten in dem strohgedeckten Holzgebäude aus ein paar gehobelten Brettern errichtet hatte.

    Sowas finde ich famos: Nicht nur von Brettern zu reden, sondern zu erwähnen, daß es "gehobelte" sind. Du bringst das ständig in Deinen Sätzen ein und das macht mir unheimlichen Spaß, weil sich mir das Gesamtbild z.B. des Hofes dadurch so plastisch darstellt, als würde ich selber zum Pferdestall laufen.:thumbup:


    Daher kann ich mich Stadtnymphe 's Meinung weiter oben, Du würdest "Schachtelsätze" schreiben, ganz und gar nicht anschließen. Es sind teilweise recht lange Sätze, zugegeben, aber ich habe beim Lesen keinen finden können, bei dem ich nochmal zurückgemußt hätte, um den Sinn zu erfassen.

    So wie's bei dem hiergeschah:

    :D:D:D

    Bei sowas würde ich mich auch beschweren kommen, sei gewiß!:assaultrifle:


    Schreibst Du aber nicht. Sondern einen tollen Stil, den ich nur bewundere. Bitte mehr davon!

  • Heyho Jota

    Das hier habe ich fast vergessen:

    Er wirkte unendlich alt in diesen Momenten, so alt, dass Alexandré heimlich erschrak.

    Das Wort "unendlich" in diesem Satz finde ich überzogen (und angesichts dessen, was der König eigentlich ist auch unpassend.)


    "Er wirkte alt in diesen Momenten, so alt, dass Alexandré heimlich erschrak."


    Die Steigerung ist durch's "so" völlig ausreichend gegeben, mehr braucht's da eigentlich nicht, finde ich.

  • Das mache ich selten so schnell, aber im Falle Deines obigen Posts mehr als gerne.

    Der Wanderer danke, danke, danke vielmals :D Es freut mich wirklich von Herzen, wenns gefällt.

    Was die Sätze angeht, ich bin schon einer, der manchmal mehr reinpackt, als eigentlich gut ist ;) Aber die Schwäche ist mir bekannt und ich versuche mich, so gut es eben geht, zusammenzureißen. Freut mich, wenns für diesmal gelungen ist und es nicht als Überfrachtung sondern als Detailverliebtheit durchgeht :thumbsup: Der Grat ist ja manchmal wirklich schmal, weil man dem Leser dadurch auch immer ein bisschen vorenthält, was er ja eigentlich so schnell wie möglich erfahren möchte: was passiert.
    Aber wenn die Balance hier stimmt und dich die Szene reinzieht, ist es mir natürlich umso lieber.


    Das Wort "unendlich" in diesem Satz finde ich überzogen (und angesichts dessen, was der König eigentlich ist auch unpassend.)


    "Er wirkte alt in diesen Momenten, so alt, dass Alexandré heimlich erschrak."

    Da hast du eigentlich Recht, "unendlich alt" ist wahrscheinlich nur der Ozean. Etwas zu viel. Danke dafür, ich nehms raus.

  • Wow! Du hast einen echt tollen Schreibstil, es ist eine richtige Freude, deinen Text zu lesen. :thumbsup:

    Um es mal platt auszudrücken: ich mag es, wenn ein Text "Kopfkino" bei mir auslöst, also wenn er Bilder, Stimmungen und Personen so herüberbringt, dass ich mühelos ein Bild erhalte, "drin" bin und "drin" bleiben möchte. Dein Text war ab der ersten Zeile HD Qualität. Ich freue mich auf mehr.

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker