Der Rote Sturm

  • Cedric verlor keine Zeit. Als Rory hinter ihm aus der Tür trat, dirigierte er seinen jungen Freund ohne große Worte weg von dem erleuchteten Platz, an dessen Rand sich das Wirtshaus und andere Etablissements von zweifelhaften Ruf drängten.

    Ich finde gut, dass du reingenommen hast, dass sich über die eigene Schuld zumindest Gedanken gemacht werden. Ansonsten ist auch das Verarbeiten der Situation gut gemacht, wie sie da am Fluss stehen.

    Interessant ist es jetzt natürlich mit der Rückkehr. Ich dachte nur Rory sei unerlaubt auf der Straße. Aber Cedric meint ja UNSERE Abwesenheit fällt auf. Aber das kann auch nur so daher gesagt sein. Mal schauen ^^

  • Kapitel 3


    Der krachende Donnerschlag direkt über dem Haus riss sie aus dem Schlaf. Mit einem Aufschrei fuhr sie hoch und hatte Mühe, sich zurechtzufinden. Keuchend verharrte sie, in ihrem Bett kauernd, krallte die Rechte in den Kragen des weißen Hemds und wartete, bis die Traumfetzen verflogen und ihr die Gelegenheit gaben, wieder in der Wirklichkeit anzukommen.
    Wieder donnerte es.
    Seufzend schwang sie die Beine aus dem Bett und rieb sich mit den Handballen kräftig über das Gesicht. Im Zimmer war es still und auch die Geräusche des sonst so geschäftigen Hauses wurden vom gleichmäßigen Rauschen des Regens geschluckt. Es roch nach nassem Staub.
    Barfuß ging sie über den grob gezimmerten und vom vielen Schrubben blanken Holzfußboden, trat an das kleine Fenster ihres Quartiers und sah hinaus. Viel gab es freilich nicht zu sehen. Die Giebel der Nachbarhäuser glänzten nass und dunkel, auf den gepflasterten Straßen war bei diesem Wetter nicht mal die Nachtwache unterwegs.
    Noch immer schien die Luft schwül und dick. Das Zimmer fühlte sich auf einmal zu eng für sie an. Ihr Traum ließ sie nicht los und wieder hatte sie das Gefühl, gelähmt dazustehen, während das Unheil wie eine immer größer werdende Welle auf sie zurollte.
    Bevor die Angst sie zu überwältigen drohte, verließ sie die kleine Kammer, in der ihre Schlafstatt lag und trat in das große Treppenhaus. Von hier aus führten unzählige Türen zu winzig kleinen Zimmerchen, in denen ihre Familie schlief. Leise schlich sie die Stiege hinauf, um niemanden aufzuwecken.
    Auf der anderen Seite des großen mehrstöckigen Hauses, im Obergeschoss mit weitem Blick auf die Handwerkerviertel, lag ein kleiner überdachter Balkon. Dorthin wollte sie.
    Als sie den schmalen Durchgang erreichte, blitzte es wieder. Das gleißende Licht erhellte die Gestalt eines Mannes, der auf der Balustrade saß, den Kopf an den hölzernen Pfosten gelehnt hatte und scheinbar selbstvergessen dem Regen lauschte.
    Für einen Moment erwog sie, sich zurückzuziehen und nicht zu stören, doch da sah er schon auf. Ein feines Lächeln hob seine Mundwinkel, obwohl es im Dunkeln der Nacht kaum zu sehen war.
    “So spät noch auf? Fürchtest du dich wieder vor dem Donner?”
    Wie zur Bestätigung grollte der Himmel drohend, doch die schweren Schläge von vorhin wurden dumpfer. Das Unwetter zog bereits weiter. Trotzdem wehte der Wind Wasserschwaden über die hölzerne Brüstung und machte den Balkon nicht wirklich gemütlich.
    Ihr Vater schwang die Beine vom Geländer und trat zu ihr. “Im Nachthemd hier draußen. Du bist von Sinnen. Komm mit rein und dann kannst du mir erklären, warum du hier in der Finsternis herumwanderst.” Letzteres sollte wohl vorwurfsvoll klingen, doch der sanfte Blick aus seinen Augen widersprach ihm.
    Sie folgte ihm zurück ins Haus und er führte sie hinab in einen der drei Salons im Erdgeschoss. Diese Zimmer waren die größten im Gebäude und auch die einzigen, in der mehrere Sitzgelegenheiten Platz fanden, weshalb sich der Großteil der Bewohner zumeist hier aufhielt, wenn sie nicht unterwegs waren.
    Im Salon war es noch warm, aber dunkel. Mit sicherer Hand fand ihr Vater die Kerzen und die Zündhölzer und bald erhellte mildes Kerzenlicht die schon leicht verschlissenen Sofas und den wackligen Tisch in der Mitte, tanzte in den Glasscheiben der Fenster raus zur Straße.
    “Setz dich.” Seine Stimme war bestimmt. Dann drehte er ihr den Rücken zu begann, in einer Truhe an der Wand zu wühlen.
    Langsam ließ sie sich auf eines der abgewetzten Polster sinken, zog die Beine an und musterte ihre schlanken Füße. Ein wenig unbehaglich war ihr zumute. Ihr Vater hatte sie sicher nicht ohne Grund hier herein gebeten. Hatte sie etwas falsch gemacht? Zwar war sie sich keiner Schuld bewusst - außer der, in einem dünnen Hemd durchs Haus marschiert zu sein - doch ihr Vater schwieg so hartnäckig. Eigentlich hatte sie ihm von ihren Träumen erzählen wollen, von dieser Nacht für Nacht wiederkehrenden Vision …
    Ein Schauer überlief sie und fröstelnd zog sie die Schultern hoch. Im selben Moment trat er wieder zu ihr und eine Decke wurde über ihre Schultern gelegt, weich, aber nicht zu dick. Schweigend zog sie die ausgefransten Ecken vor ihrer Brust zusammen.
    “Warum kommst du nicht zu mir, wenn dich etwas bedrückt?”
    Er klang verärgert, doch sie ahnte, dass es nur deswegen war, weil sie sich ihm nicht anvertraut und ihre Sorge mit sich selbst ausgemacht hatte. Wie er so dastand, die Hände im Rücken verschränkt und in die Kerzenflammen starrend, wirkte er … gekränkt.
    “Pa, ich … es tut mir leid.” Kurz erwog sie aufzustehen und ihn zu umarmen, doch eine leise Stimme in ihr flüsterte, dass dies nicht der geeignete Moment dafür war. Also blieb sie sitzen und starrte wieder auf ihre Fußzehen. “Ich hatte nicht … ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst. Mir war nicht einmal klar, dass du bereits bemerkt hast-”
    Er wandte den Kopf und sah sie direkt an. Seine Miene war eine Mischung aus Belustigung und Mitleid. Es war sinnlos, ihm etwas vorzuspielen.
    “Natürlich habe ich es bemerkt.” Er wanderte ein paar Schritte hin und her. “Sieh dich doch an. Dunkle Ringe unter den Augen, noch blasser als sonst und wenn du nicht ein paar Pfund verloren hast, fresse ich einen Besen! Irgendetwas treibt dich umher.” Er blieb hinter dem einzigen Stuhl im Raum stehen und packte die Lehne, als wäre diese ein Gegner, den man zerbrechen musste. Die schwarzen Lederhandschuhe knarrten warnend.
    “Du bist jetzt beinahe erwachsen, ich verstehe, wenn du mir nicht - alles sagen willst. Aber du weißt, ich werde dir jederzeit zuhören und dir immer die Wahrheit sagen.”
    Sein Blick traf den ihren und sie wusste, dass er dasselbe auch von ihr erwartete. Gleichzeitig registrierte sie die Anspannung in seiner ganzen Haltung. Er wirkte wie ein Raubtier, dass sprungbereits auf dem Boden kauerte und mit einem Mal erkannte sie den Grund seiner Sorge.
    “Oh, Pa! Du denkst, ich hätte einen Mann?”
    Kurz weiteten sich seine Augen, doch dann hatte er sich wieder im Griff. Trotzdem wagte er es offenbar nicht, den armen Stuhl loszulassen.
    Lächelnd stand sie auf und trat zu ihm hinüber, schmiegte sich an ihn und bohrte ihre Nase in das vertraut duftende Leinenhemd. “Kein Mann der Welt könnte dich ersetzen, Pa”, murmelte sie. “Und ohne deinen Segen werde ich niemandem meine Hand reichen.”
    Ihr Vater schlang die Arme um sie und hielt sie fest. Eine Weile standen sie so, dann schob er sie sanft von sich und strich ihr eine dunkelrote Locke aus der Stirn. “Möchtest du mir etwas anderes sagen?”
    Sie sah in seine dunkelbraunen Augen, in denen sich Sorge und Wachsamkeit abzeichneten. Kurz zögerte sie, dann ging sie wieder zum Sofa hinüber und ließ sich erneut auf die Polster fallen. “Ich träume seit einiger Zeit jede Nacht denselben Traum. Immer denselben. Nichts anderes mehr.”
    Ihr Vater schwieg und lauschte aufmerksam, als sie ihm von ihrer nächtlichen Heimsuchung berichtete. Schließlich schenkte er aus der Karaffe ein Glas Wasser ein und reichte es ihr. Dann lehnte er sich mit verschränkten Armen an die Kommode.
    “Das ist interessant. Es verwundert mich nicht, dass dich deine Traumbilder aus dem Bett treiben.”
    “Meinst du, es hat etwas zu bedeuten?” Sie merkte selbst, wie bange die Frage klang.
    Nachträglich strich er über seinen tadellos getrimmten Bart. “Ich bin mir nicht sicher. Vielen Träumen darf man keine große Bedeutung bemessen. Doch deiner erscheint jede Nacht aufs Neue mit erschreckender Klarheit.” Grübelnd nahm er seine Wanderung durchs Zimmer wieder auf. “Du sagst, du stehst auf der Zitadelle?”
    “Ja. Ich nehme es zumindest an. Die ganze Stadt liegt zu meinen Füßen und hinter mir sind die Berge.” Ratlos zuckte sie mit den Schultern. “Ich war noch nie in dieser Ruine. Der Ausblick ist mir unbekannt.”
    “Und der Glockenturm? Was ist dort?”
    “Das wollte ich dich fragen. Ich … habe nur das Gefühl, dass dort etwas auf mich wartet, dass ich dieses Etwas dort herausholen muss, bevor die Stadt zerstört wird. Aber ich weiß nicht, was es ist.”
    Sinnierend starrte ihr Vater auf den Teppich. “Der Glockenturm … vielleicht müsste ich Informationen einholen. Die Zitadelle, der Glockenturm …”
    Jetzt war sie doch ein wenig erstaunt. “Du glaubst, es ist wichtig, oder? Ich bin nicht einfach nur verrückt?”
    “Nein, das bist du nicht.” Er kam zu ihr herüber, hockte sich vor sie und nahm ihre Hand in seine breiten Pranken. Sie spürte die Schwielen in den warmen Handflächen, die der Griff seiner Waffe durch viele Jahre harte Arbeit dort hinterlassen hatte. “Du bist nicht verrückt. Ich denke, dass dieser Traum durchaus etwas bedeutet. Was, kann ich nicht sagen. Noch nicht.”

  • Die Szene ist wunderschön! Das Gespräch mit dem Vater kommt richtig gut rüber, er ist mir gleich irgndwie sympathisch. Wie ein alter Bär, der seine Jungen beschützen will. Auch top, dass er seine Tochter so ernst nimmt (da könnten sich viele Väter in der echten Welt eine Scheibe von abschneiden).

    Ich habe nichts auszusetzen und freue mich auf den nächsten Teil ^^

    Spring - und lass dir auf dem Weg nach unten Flügel wachsen ~R.B


    Sometimes you have to be your own hero.

  • Hi Kiddel Fee
    die Szene ist finde ich sehr schön stimmig erzählt. Die Art und Weise, wie über den Traum gesprochen wird, macht auf jeden Fall neugierig. Die Beziehung der Beiden kann man sich auch gut vorstellen. Mir ist eigentlich nichts Größeres aufgefallen. Daher hier nur ein paar kleinere Bemerkungen: