Der Rote Sturm

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  • Ihr Lieben , ich habe euch lange warten lassen! Entschuldigung!


    kurze Zusammenfassung für alle, die weiterlesen wollen, aber keine Ahnung mehr haben, um was es eigentlich ging:


    Anlässlich seines 16. Geburtstages kehrt der Kronprinz Eneas, von seinem treuen Freund Cedric "Rory" genannt, zurück an den Königshof. Dort hat sein Onkel Effed, um den sich finstere Mord-Gerüchte ranken, alle Macht in den Händen. Eneas ist misstrauisch und weiß nicht, wie er sich dem Regenten gegenüber verhalten soll. Dabei gerät er in Streit mit Cedric.


    Kapitel 5


    Grübelnd starrte Cedric an die mit aufwendigen Malereien verzierte Holzdecke über seinem Bett. Er hatte sich nach ihrer Rückkehr so, wie er war, auf sein Lager fallen lassen und die gewissenhafte Dienerschar, die mit Wasser und Seife, Kamm und Erfrischungen aufgeschlagen war, unwirsch hinausgeschickt. Für einen Moment brauchte er Ruhe.
    Der Disput mit Rory erfüllte ihn mit Unruhe. So sehr er sich auch den Kopf zerbrach, er verstand seinen Freund einfach nicht. Schlimmer, noch nie hatte ein Streit mit ihm ein derart schlechtes Gefühl hinterlassen.
    Seufzend verschränkte er die Arme im Nacken und ließ seine Gedanken zurückwandern. Zehn Jahre schon kannte er seinen Freund. Zehn Jahre …


    Cedric strich sich gereizt durch die Haare. Der Aufenthalt am Hofe von Lord Symon währte erst wenige Stunden, doch bereits jetzt hatte der Junge die Nase gestrichen voll. Unmengen von Menschen drängten durch die Gänge des ehrwürdigen Palastes, dabei hatten die entsetzlichen Zeremonien und Empfänge noch gar nicht angefangen. Mit Schaudern erinnerte er sich an die lange Reihe festlich gekleideter, stark parfümierter Personen, die darauf warteten, ihrem Lehnsherrn die Aufwartung machen zu dürfen. Selbst er, obwohl erst elf, hatte neben seinem Vater ausharren müssen und sich wegen seines angeblich unziemlichen Betragens schon mehrere Rügen eingehandelt. Umso wohltuender war es nun, der Enge entkommen zu sein. Er schüttelte sich, als müsste er den Duft der muffigen Räume, der Körperausdünstungen loswerden und trabte tief durchatmend Richtung Stall.
    “Was zum …?” Schon an der Boxentür bemerkte er, dass sein sonst so träger Wallach aufgeregt war. Der Braune rollte mit den Augen und wieherte unwillig, während er nervös in der Box umhertänzelte. Als Cedric beruhigend über die Nase seines Pferdes strich und es beim Halfter nahm, öffnete er mit der anderen Hand die Tür. Im Halbdunkel des Stalles dauerte es einen Moment, doch dann erkannte er, was sein Tier so aus der Fassung gebracht hatte.
    Ein kleiner Junge hockte in der hintersten Ecke der Box. In den hellblonden Haaren hingen Strohhalme und er hatte sich zusammengekauert, wahrscheinlich um sich vor ungewollten Pferdetritten zu schützen. Das feine weiße Hemd unter der bestickten Weste strotzte vor Dreck.
    “Hoheit?!” Cedric rutschte fast das Herz in die Hose. Er hatte den kleinen Prinzen vorhin nur flüchtig gesehen. Der Junge war anwesend gewesen, als Cedrics Vater die Grüße an Lord Symon überbracht hatte, doch wirklich interessiert hatte er Cedric nicht. Dennoch erkannte er den Blondschopf sofort wieder. Und ihm wurde klar, dass die Anwesenheit des Prinzen in seiner Pferdebox unweigerlich Ärger nach sich ziehen würde. Instinktiv trat er ein und zog die Tür hinter sich zu, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.
    Der kleine Besucher blickte zu ihm auf. Er schien grimmig wirken zu wollen, doch in den hellen Kinderaugen blitzte auch Angst auf.
    Lächelnd legte Cedric seinen Zeigefinger an die Lippen. Dann nahm er den Striegel, den er mitgebracht hatte, und fing an, unter beruhigendem Gemurmel seinen Wallach zu striegeln. Die Stallburschen mochten verwundert sein, dass ein Herrensohn diese Arbeit selber machte, doch er liebte diese Tätigkeit. Und jetzt bot sie die perfekte Deckung.
    Eneas musterte ihn kritisch und folgte seinen Bewegungen argwöhnisch, als fürchtete er, dass Cedric es sich doch anders überlegen und die Palastwachen rufen könnte. Ein paar Mal öffnete er den Mund, als wollte er etwas sagen, doch dann schwieg er weiter.
    Cedric drängte ihn nicht. Summend arbeitete er sich durch das Fell seines vierbeinigen Kameraden, bis dieses glänzte. Dabei wirbelte er neuen Dreck auf, der sich auf dem prinzlichen Haupt niederließ. Während er zur Hufpflege überging, kam die Gelegenheit, ein paar Worte an seinen Besucher zu richten. “Was tut Ihr denn hier?”
    Trotz kroch über das schmutzige Kindergesicht und die Unterlippe schob sich bockig vor. Nein, sehr gesprächig war der Bursche nicht.
    Während Cedric an einem hartnäckigen Stück Pferdemist herumkratzte, dachte er an den feierlichen Anlass seines Besuches bei Lord Symon. Der Prinz würde morgen seinen sechsten Geburtstag feiern, und wie es der alte Brauch verlangte, wurde er bei dieser Gelegenheit allen wichtigen und unwichtigen Edelleuten des Landes als der zukünftige Herrscher präsentiert. Ob der Kleine gewusst hatte, welche Rolle er spielte? Offenbar nicht. Wahrscheinlich war dies der Grund, warum der Prinz beim Empfang dagestanden hatte wie ein verschrecktes Eichhörnchen. Und todsicher hatte es etwas damit zu tun, dass sich Eneas jetzt hier in der Box versteckte.
    Sicher suchte man ihn längst im Palast des Herzogs, denn es ging schon auf den Abend zu und in zwei Stunden würde das große Geburtstagsbankett in vollem Gange sein. Das Donnerwetter, das den Kleinen erwartete, wenn er in diesem Aufzug vor Lord Symon trat, konnte sich Cedric lebhaft vorstellen. Und was sein Vater dazu meinen würde, darüber brauchte er sich erst recht keine Illusionen zu machen.
    Seufzend wandte er sich erneut an seinen Besucher. “Hoheit, bei allem Respekt - Ihr habt Euch eine ungünstige Box als Versteck ausgesucht.”
    Nachdenklich prustete der Bursche die hellblonden Fransen aus der Stirn. “Ihr könntet so tun, als hättet Ihr mich nie gesehen”, schlug er vor.
    Das war durchaus eine Möglichkeit. Doch Cedric fürchtete, wenn er jetzt einfach ging, würde in wenigen Minuten ein Stallbursche angerannt kommen und ihm mitteilen, dass sein treuer Wallach offenbar davongesprengt war. “Irgendwann werdet Ihr aber entdeckt, Hoheit. Spätestens zur Fütterungsrunde.”
    “Bis dahin will ich weg sein”, entgegnete der Junge ernst.
    Cedric sah seine schlimmen Befürchtungen bestätigt. Eneas schien ausrücken zu wollen, und das - hol’s der Teufel - ausgerechnet mit seinem Ross. “Mein Prinz, ich halte das für eine ausgesprochen schlechte Idee. Seht, mein Pferd ist beinahe doppelt so groß wie Ihr. Ohne Hilfe werdet Ihr niemals auf seinen Rücken kommen, ohne Zügel könnt Ihr ihn nicht reiten. Warum nehmt Ihr nicht Euer eigenes Reittier?”, fragte er und verfluchte sich im selben Moment, dass er dem kleinen Ausreißer auch noch hilfreiche Vorschläge machte.
    Eneas hob eine Augenbraue und wirkte damit auf einmal sehr königlich. “Knubbel kann nicht so schnell laufen. Er ist doch nur ein Pony.”
    Resigniert räumte Cedric das Putzzeug auf das kleine Regal über dem prinzlichen Haupt. “Hoheit, Ihr könnt unmöglich auf einem ausgewachsenen, ungesattelten Pferd davonreiten. Noch dazu unbemerkt. Wahrscheinlich hättet Ihr sämtliche Wachen Eures Oheims auf den Fersen, bevor Ihr überhaupt die Stadtmauern erreicht.”
    Seine Worte schienen Eindruck zu machen, denn der Kleine senkte betroffen den Kopf. “Aber ich will hier nicht bleiben”, flüsterte er plötzlich erstickt. “Ich will kein König werden. Ich habe Angst.” Die schmalen Kinderschultern begannen zu beben.
    Hilflos stand Cedric da und lauschte dem Schniefen. Ab und zu sah er die kleine Kinderhand zur Nase wandern und dort wenig königlich drüberwischen. Schließlich kauerte er sich vor den Prinzen und legte ihm die Hand auf die Schulter. “Es hilft nichts, vor etwas wegzulaufen. Manchmal muss man mutig sein.”
    Kinderaugen, in Tränen schwimmend, richteten ihren Blick auf ihn. Der Junge lauschte ihm aufmerksam. “Ich habe auch Angst, wisst Ihr? Vor meinem Vater und den ganzen Menschen hier.”
    Ein schiefes Lächeln war der Dank für seine Ehrlichkeit. “Wirklich?”, flüsterte Eneas.
    “Wirklich”, gab Cedric zurück. “Aber ich möchte nicht weglaufen. Ich will mutig sein und stark werden. Damit niemand mehr über mich bestimmen kann.”
    Kurz schwieg der Kleine, dann trat so etwas wie Entschlossenheit in seine Augen. “Ich will auch mutig sein.” Rasch erhob er sich, aber dann schien ihm doch wieder etwas bange zu werden. “Kommt Ihr mit mir?”

  • Kurz schwieg der Kleine, dann trat so etwas wie Entschlossenheit in seine Augen. “Ich will auch mutig sein.” Rasch erhob er sich, aber dann schien ihm doch wieder etwas bange zu werden. “Kommt Ihr mit mir?”

    :)

    Die Szene ist gut geworden. Der Dialog zwischen den Kindern ist unterhaltsam, realistisch und transportiert die gewünschte Atmosphäre. Es bringt dem Leser die Beziehung der Beiden jedenfalls nochmal gut näher.

    Mir ist irgendwie jetzt erst aufgefallen, dass Rory erst 16 ist. Irgendwie hätte ich ihn mir älter vorgestellt. Wenn seine Verlobte vor drei Jahren gestorben ist, war er da 13 (und seine Verlobt 30). Sprich, da war er schon recht früh verlobt. Ist aber ja vielleicht unter den Adelshäusern nicht unüblich.

  • Hallo Kiddel Fee;;


    vorab: Mir gefällt dein Erzählton sehr sehr gut. Es ist sprachlich schön gebaut, die Sätze stimmen, das Ambiente und die Atmosphäre funktionieren. Das macht definitiv Lust auf mehr, wirklich gut :thumbsup:

    Auch die Szene im Einzelnen finde ich schön gewählt und erzählerisch gut gelöst.

    Zwei Dinge sind mir allerdings aufgefallen:

    Es ist für mich nicht stimmig, dass AEneas so völlig unbemerkt der Hofgesellschaft entkommt. Er ist der Thronfolger, ergo gibt es eine ganze Reihe von Personen, deren einzige Aufgabe es ist, auf ihn aufzupassen. "Hoplla, das Kind verloren!" kann ganz schnell das Aus für diese Personen bedeuten. Natürlich ist es möglich, dass er sich davonstiehlt - muss er ja, sonst gäbe es ja die Szene nicht. Aber so etwas bleibt nicht lange unbemerkt (das wird zwar in einem Satz angedeutet, erscheint aber bei Weitem nicht so gravierend, wie es tatsächlich ist). Ich würde es also logischer finden, wenn man schon aktiv nach ihm sucht und eine gewisse Aufregung ausgebrochen ist (wurde er entführt? etc.). Cedric hat keinen Bock auf das und geht lieber zu seinem Pferd... Umso besser würde diese Szene in der abgeschlossenen Pferdebox wirken, als Kontrast zur hektischen Außenwelt. Das würde auch für Cedric neue Handlungsmöglichkeiten schaffen - bringt er als "Retter" das Kind gleich zurück und setzt sich in Szene? Nimmt er die Schuld auf sich ("Ich wollte dem Kronprinzen nur mein Pferd zeigen"), um sich in Eneas so einen zukünftigen Verbündeten zu schaffen? Oder wird er sogar verdächtigt und der versuchten Entführung bezichtigt? Ein Mix aus beidem? Etc. :)

    Das zweite: Eneas Denkweise kommt mir für einen Fünfjährigen fast zu erwachsen vor. Dass Knubbel (toller Name!) als Pony nicht so schnell laufen kann, der Gedanke einer geplanten Flucht anstatt einfach wegzurennen... Das ist schon relativ abstrahierend gedacht.



    Ein paar Kleinigkeit sind mir zusätzlich noch aufgefallen:


    um sich vor ungewollten Pferdetritten zu schützen

    Pferdetritte sind als relativ unangehme Erscheinungen des Lebens meistens ungewollt ;)


    der sich auf dem prinzlichen Haupt niederließ

    In dem hängt ja schon Stroh und Dreck, außerdem kommt mir die Formulierung doch etwas gestelzt vor ?(


    Zitat

    Während Cedric an einem hartnäckigen Stück Pferdemist herumkratzte, dachte er an den feierlichen Anlass seines Besuches bei Lord Symon. Der Prinz würde morgen seinen sechsten Geburtstag feiern, und wie es der alte Brauch verlangte, wurde er bei dieser Gelegenheit allen wichtigen und unwichtigen Edelleuten des Landes als der zukünftige Herrscher präsentiert. Ob der Kleine gewusst hatte, welche Rolle er spielte? Offenbar nicht. Wahrscheinlich war dies der Grund, warum der Prinz beim Empfang dagestanden hatte wie ein verschrecktes Eichhörnchen.

    Ich kenne jetzt nur das letzte Kapitel, aber das hat mich etwas verwirrt: Irgendwie ist es ja doppelt gemoppelt, wenn jemand schon bei einem Empfang präsentiert wird, der als Auftakt für eine nahezu augengleiche Folgeveranstaltung dient? Oder missverstehe ich da was? Wird das eine Art Krönung in spe oder so?


    Zitat

    Sicher suchte man ihn längst im Palast des Herzogs, denn es ging schon auf den Abend zu und in zwei Stunden würde das große Geburtstagsbankett in vollem Gange sein. Das Donnerwetter, das den Kleinen erwartete, wenn er in diesem Aufzug vor Lord Symon trat, konnte sich Cedric lebhaft vorstellen. Und was sein Vater dazu meinen würde, darüber brauchte er sich erst recht keine Illusionen zu machen.

    Das würde ich weiter oben hintun, nach dem Satz "des Prinzen in seiner Pferdebox unweigerlich Ärger nach sich ziehen würde." Denn da geht man ja näher auf den Ärger ein - und dort passt es besser hin.


    Freue mich jedenfalls zu lesen, wie es weitergeht :thumbup:

  • Hallo Kiddel Fee,


    die Geschichte ist spannend! Wer ist das Mädchen? Wer oder was ist in diesem Turm? Was hat der Onkel vor? Ich freue mich auf die Antworten :D


    Bisher fand ich alles stimmig. Eigentlich bin ich nur an einer Stelle hängen geblieben:

    Rory parierte mühelos. Obwohl beide Männer ihre viel Kraft in die Attacken steckten, landete keiner einen Treffer. Das war wenig verwunderlich. Seit frühester Kindheit hatten sie zusammen trainiert, Schwertkampf, Boxen, Schwimmen, Reiten. Sie waren ein eingespieltes Team, so fein aufeinander abgestimmt, dass der Herzog in Rerys einmal im Scherz gemeint hatte, sie wären eine Seele in zwei Körpern.

    Instinktiv würde ich die beiden eher als Jungen bezeichnen :D Aber das kann man, gerade in dem Setting, ja auch ganz anders sehen.


    Liebe Grüße

    M.

  • Hallo , Jota und Moog , schön, dass ihr mit dabei seid! Vielen Dank für eure ausführliche Kritik!


  • Jemand eilte an der Box vorbei und auf einmal bemerkte Cedric die aufgeregten Stimmen, welche durch den langgestreckten Holzbau schwirrten. Stiefeltrappeln, “Eneeeeeeeeeeeas!”-Rufe und hastige Kommandos störten die sonst so friedliche, heuduftgeschwängerte Ruhe des Stalls. Offenbar schien die Suche nach dem Prinzen jetzt weitläufig und von vielen Leuten durchgeführt zu werden, es wurde immer lauter.
    Eneas schrumpfte in sich zusammen, als wolle er eins mit dem dunklen Holz hinter sich werden.
    Derweil rechnete Cedric blitzschnell seine Optionen durch. Es war inzwischen unmöglich, mit dem Prinzen gemeinsam dieses Gebäude ungesehen zu verlassen. Zwar konnte er sich allein auf den Rückweg machen, doch die vergangenen Minuten hatten ihn dummerweise mit dem kleinen Kerl an seiner Seite verbunden. Er würde ihn jetzt nicht zurücklassen und darauf hoffen, dass der nächste Finder auch so mitleidig sein würde.
    Genauso wenig konnte er den Jungen einfach am Kragen packen und zu seinem Oheim schleifen, ohne sich weiter um ihn zu kümmern. Vielleicht wurde ihm sogar vorgeworfen, mit Eneas gemeinsame Sache gemacht zu haben …
    Jetzt kam er aus der Angelegenheit nicht mehr heraus. Innerlich wappnete er sich für das Donnerwetter des Lord Symon und die Prügel vom Kammerdiener seines Vaters, dann nickte er dem Prinzen aufmunternd zu und zog den Riegel von der Boxentür zurück.

    Vom Stall aus hatte Cedric einen hervorragenden Ausblick über den vorderen Hof, der eingefasst von bunten Blumenrabatten in der Mittagssonne lag. Wo sich sonst um diese Stunden nur die dicken Palastkatzen und einige niedere Höflinge niederließen, wimmelte es jetzt nur so von Menschen. Dienerschaft, Küchenpersonal, Wachleute. Sogar einige der herrschaftlichen Gäste wanderten über das Gelände, um beiläufig in die Büsche zu spähen.
    Lord Symon stand mit verschränkten Armen auf der obersten Treppenstufe gleich neben den prächtigen Säulen. Er blickte mit sturmumwölkter Miene auf ein Häuflein zitternder Gestalten herab, das vor ihm im Staub kniete, nicht aufzublicken wagte und sich ganz offensichtlich weit weg wünschte. Sein Haushofmeister schien gerade ein Strafgericht zu halten, das es in sich hatte, denn nicht nur die arme Dienerschaft zog den Kopf ein, sondern auch alle Umstehenden.
    Gerade nahm Cedric allen Mut zusammen, um gemeinsam mit Eneas den Weg ins Unvermeidliche anzutreten, als sein Vater auftauchte. Offenbar hatte dieser, zusammen mit einigen seiner Bediensteten, ebenfalls gesucht und war nun zurückgekehrt, um Meldung zu machen.
    Jetzt auf diesen Hof zu gehen würde Selbstmord bedeuten, doch als Cedric den Kopf einziehen und wieder ins Dunkel des Stalles verschwinden wollte, fiel der Blick seines Vaters auf ihn. Ein Ruck mit dem Kinn, die Aufforderung war klar. Cedric hatte herzukommen. Sofort.
    Eneas stieß in seinen Rücken, als der Junge versuchte, sich hinter ihm zu verstecken. Innerlich seufzend drehte sich Cedric um und beugte sich kurz zu ihm herunter. “Das ist für mich genauso unangenehm wie für dich. Bringen wir es hinter uns, okay?” Er klopfte ihm ermutigend auf die Schulter.
    Der Junge atmete einmal tief durch, dann richtete er sich auf und seine Miene wurde entschlossen. Er lief los, direkt an Cedric vorbei, marschierte aus dem Stall heraus wie ein winziger General und schritt direkt auf die Eingangshalle zu.
    Um ihn herum blieben die Leute stehen, starrten ihn an und fingen an zu tuscheln. Cedric beeilte sich, dem Prinzen zu folgen. Unter keinen Umständen würde er seinem Vater direkt ins Gesicht sehen, also heftete er den Blick auf Lord Symon und schloss schnell zu Eneas auf, damit dieser nicht alleine vor seinen Oheim treten musste.
    Als sie vor der Treppe ankamen, war es mittlerweile so still geworden, dass Cedric seinen Vater vor Zorn schnaufen hörte. Jetzt erst fiel ihm auf, wie das Ganze wirken mochte. Der Prinz schmutzig, er nur ein wenig verstaubt - jeder der Anwesenden musste dasselbe glauben: dass er den jungen Eneas zu irgendeinem Unfug überredet hatte.
    Kein Wunder, dachte er nach einem vorsichtigen Blick nach links, dass die Zornesader auf der Stirn seines Vaters pochte.
    Lord Symon schwieg. Er musterte sie beide nachdenklich, dann winkte er Cedric einen Schritt nach vorn. “Cedric, nicht wahr?”
    Stumm nickte er. Plötzlich schien da ein dicker Kloß in seinem Hals zu sitzen. Er verneigte sich mit der Hand auf der Brust. “Euer Diener, Mylord”, bekam er heraus und hoffte, dass dies nicht die letzten Worte waren, die er an seinen Lehnsherren richten würde.
    Besagter Lehnsherr ließ weiterhin den Blick auf ihm ruhen. “Du hast meinen Schützling gefunden”, meinte er schließlich. Sein Tonfall ließ keine Emotion erahnen.
    Was wird das hier nur, schoss es Cedric durch den Kopf. Sein Magen verknäulte sich und ihm war mit einem Mal fürchterlich heiß in dieser Mittagssonne. “Ja, Mylord”, entgegnete er und hoffte von Herzen, dass niemand das Zittern in seiner Stimme hörte.
    “Ich bin überrascht, weißt du?” Gemächlich kam der Lord die Treppe hinunter, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. “Ziemlich überrascht. Jeder, der mich beeindrucken will, hat nach Eneas gesucht und ausgerechnet du hast ihn gefunden.” Jetzt blickten die dunklen Augen zu dem Prinzen hinüber. “Und da du ihn nicht hierher geschleift hast, wird er dir vertraut haben und freiwillig gefolgt sein. Habe ich recht?”
    Mühsam schluckte Cedric. “J…ja, Mylord. Seine Hoheit befand sich in der Box meines Pferdes und … wir haben ein bisschen miteinander geredet.” Er hörte selbst, wie lahm das klang. Aus dieser dummen Antwort konnte man alles heraushören oder nichts. Je nachdem, welcher Laune man gerade war. Besser, er sah nicht zu seinem Vater.
    “Eneas, komm zu mir.” Lord Symons Befehl war nicht laut ausgesprochen worden, trotzdem zuckte Cedric zusammen. Als er zögernd den Kopf hob, sah er das bleiche Gesicht des Prinzen. Mit zusammengepressten Lippen kam der Jüngere an seine Seite.
    “Das war nicht dein erster unerlaubter Ausflug, Eneas.” Mit verschränkten Armen blickte der Lord auf sie beide herab. “Zu deinem Glück ist Cedric auf dich gestoßen. Ich denke, er verdient deinen Dank.”
    Schweigend wandte sich Eneas zu Cedric um und neigte den Kopf. “Ich danke dir.”
    “Keine Ursache …ich …” Cedric wusste nicht, was er sagen sollte. Er kam sich sehr unbeholfen vor. Am liebsten hätte er sich wieder in die Pferdebox verkrochen. Jetzt starrten ihn alle an. Doch Lord Symon war noch nicht fertig mit ihnen.
    “Ich befürchte, Eneas, dass dies nicht dein letzter Versuch bleiben wird, der Ordnung in meinem Haus zu entkommen. Dir fehlt noch immer das Gespür für Verantwortung. Deshalb werde ich dir mehr davon übertragen. Vom heutigen Tage an bleibt Cedric an deiner Seite. Er wird mit dir in den Unterricht gehen, mit dir reiten, fechten. Er wird lernen, was du lernst und sehen, was du siehst. Er wird dein treuer Vertrauter sein.”
    Getuschel setzte ein, es klang wie das Summen eines Bienenstocks. Cedric selbst erstarrte regelrecht. Er sollte hier bleiben, an der Seite des Thronerben. Lord Symon befahl ihm, der treue Freund des Prinzen zu werden. Welche Perspektiven boten sich ihm da? Würde das funktionieren? Konnte man eine Freundschaft befehlen? Wollte Eneas das überhaupt?
    Der Prinz neben ihm schien ebenfalls aus allen Wolken zu fallen. Doch dann verbeugte er sich tief vor seinem Oheim und, mit einer halben Drehung, auch vor Cedric.
    “Ich verstehe, Sir. Er wird mein Freund sein. Mein Vertrauter. Und derjenige, der die Strafe tragen wird, wenn ich wieder ungehorsam bin.”
    Zufrieden nickte Lord Symon. “Deine rasche Auffassungsgabe spricht für dich. Das sind gute Voraussetzungen - für einen König.”

  • Liebe Kiddel Fee,

    den Abschnitt fand ich gut. Die unerwartete Wendung ist gelungen: aus Cedriks Perspektive macht es Sinn, dass er eher eine Zurechtweisung erwartet. Aus der Perspektive der anderen ist wiederum das Verhalten von Lord Symon das logische. Dass das für Cedriks Vater nicht gilt, liegt vielleicht daran, dass er wusste, dass sein Sohn nicht nach dem Jungen gesucht hatte.

    Zwei Dinge sind mir aufgefallen:

    Offenbar schien die Suche nach dem Prinzen jetzt weitläufig und von vielen Leuten durchgeführt zu werden, es wurde immer lauter.

    Auf den ersten Blick scheint es gewagt, den Prinzen in einer öffentlichen Aktion zu suchen. Sobald bekannt ist, dass der (noch hilflose) Prinz verloren gegangen (und unbewacht) ist, eröffnet das für zwielichtige Gestalten natürlich die Möglichkeit ihn zu entführen oder zu beseitigen. Ich persönlich würde dezent ein paar professionelle Suchtrupps los schicken. Damit die Szene funktioniert brauchst du aber diese öffentliche Suchaktion. Ungefährlich würde das ganze dann, wenn aus dem Hof so ohne weiteres niemand ungesehen rein oder raus kommt. So kann Lord Symon sicher sein, dass der Prinz noch auf dem Gelände ist und sich gleichzeitig nur vertrauenswürdige Personen auf dem Hof befinden. Man könnte also in einem Halbsatz irgendetwas von den Wachen am Tor fallen lassen o.ä.

    Dir fehlt noch immer das Gespür für Verantwortung. Deshalb werde ich dir mehr davon übertragen. Vom heutigen Tage an bleibt Cedric an deiner Seite.

    Hier habe ich nicht ganz verstanden, in wieweit das Eneas mehr Gespür für Verantwortung bringen soll. Im Prinzip überträgt er doch damit die Verantwortung auf Cedrik, oder?

    Zum anderen wirkt es ein kleines Bisschen zu spontan, dass Symon Cedrik so schnell diese wichtige Aufgabe überträgt. Vielleicht würde es Sinn machen, zu erwähnen, dass er ihn oder vielleicht seinen Vater zumindest ein Bisschen kennt. Alternativ könnte er ihm noch ein Bisschen auf den Zahn fühlen - nur so eine Idee. Was aus meiner Sicht durchaus passt ist, dass der ausschlaggebende Grund für seine neue Aufgabe das Auffinden von Eneas war.

  • Kiddel Fee


    Juhuu ein neuer Teil!

    Die Stimmung und das drohende falsche Bild von Cedrics Taten sind stark gezeichnet! Mit diesen Reaktionen hatte ich so gar nicht gerechnet. Ich habe direkt um Cedrics Wohl gefürchtet! Dass daraus dann Cedrics besondere Stellung folgt, ist eine tolle Idee. Die düstere Stimmung aus den ersten Teilen wird für mich dadurch noch tiefer. Die beiden scheinen ja vom Regen in die Traufe zu kommen :D


    Zitat

    Derweil rechnete Cedric blitzschnell seine Optionen durch.

    Ich persönlich, aber das ist nur meine Meinung, mag den Hinweis auf „blitzschnelles“ Nachdenken nicht so sehr. Wenn Cedric blitzschnell handelt oder auf eine Lösung kommt, die mir als Leser nie/kaum eingefallen wäre, würde mir das etwas über seine Intelligenz sagen. Aber hier hat er doch gar nicht so viele Optionen. Am Ende ruft er dann einfach nur den Prinzen und geht mit ihm ein paar Schritte zum Tor. Da wirkt „blitzschnell“ auf mich etwas übertrieben.

    Er würde ihn jetzt nicht zurücklassen und darauf hoffen, dass der nächste Finder auch so mitleidig sein würde.

    Hier habe ich mich gefragt, wie ein anderer mitleidloser Finder reagieren würde. Da Cedric seine Optionen schon betrachtet hat, müsste er doch erkannt haben, dass es kaum einen Unterschied macht, wer den Prinzen findet?


    Das war es auch schon :)

    Liebe Grüße

    M.