Der Ring

Es gibt 141 Antworten in diesem Thema, welches 10.336 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Tariq.

  • Tariq


  • Hey Tariq,

    ich fänd's echt schade, wenn du diese schöne Geschichte jetzt abbrechen würdest. Natürlich ist das einzig deine Entscheidung, aber trotzdem ein / zwei Empfehlungen :):

    Wenn du die Geschichte wegen der o.g. Logiklücken einstampfen willst, dann bitte tu das nur, wenn sie tatsächlich auch dich selbst stark stören und nicht nur ein / zwei Leser. Oder wenn letzteres der Fall ist - hol dir dann zumindest das ein oder andere feedback dazu von den anderen Lesern ein.

    Ich bin bei Thorsten, dass wir nicht wissen, worauf du hinaus willst, aber - basierend auf dem, was wir schon kennen - auf noch nichts gestoßen sind, das man nicht mit überschaubarem Aufwand fixen könnte. Die einzige "harte" Einschränkung sehe ich darin, dass die Überbevölkerung nicht durch Beschränkung der Lebenserwartung zu lösen ist. Bei allem anderen bin ich optimistisch, dass man die bestehende Lösung irgendwie hinbiegen könnte.

    Du hast eine Menge Arbeit in die Geschichte gesteckt (16 Kapitel!). Und die Arbeit hat sich gelohnt - ich fand man konnte die Geschichte super lesen. Ich kann verstehen, dass erst mal Enttäuschung aufkommt, wenn man zu einem recht späten Punkt merkt, dass etwas wichtiges nicht funktioniert. Aber ich glaube nicht, dass das ungewöhnlich ist (leider mangelt es mir da an Erfahrung). Schlimmer wär's, wenn du einen total logischen Plot durchgehend langweilig erzählen würdest. Wenn du willst, nimm doch mal ein paar Tage Abstand zu der Geschichte und überleg dann noch mal ganz nüchtern, ob es wirklich so viel Aufwand wäre, die Story hinzubiegen (im Vergleich zu dem Aufwand, den du schon rein gesteckt hast).

    Und selbstverständlich bin ich bereit alternative Szenarien hier zu diskutieren / Vorschläge zu machen.

  • Novize  Thorsten  LadyK  Etiam  Chaos Rising  Stadtnymphe  AFG


    So. Nachdem ich ein paar Nächte drüber geschlafen und tagsüber gegrübelt habe, wie ich meine Story neu anpacken kann, hab ich mich zu einem Neustart durchgerungen. Das passiert nicht heute oder morgen (ich überarbeite jetzt erstmal meinen liegengebliebenen dritten Band, damit ich das erledigt habe), aber ich habe mir inzwischen viele Dinge aufgeschrieben, die im neuen Plot geändert werden müssen. Ich hoffe, dass ich alle eure genannten Kritikpunkte dabei berücksichtigt habe und nicht wieder Lücken auftauchen, wo ihr einschreiten müsst. Dazu muss ich mich noch ein wenig belesen.


    Also: Es bleibt bei dem, was ich im Post 120 gesagt habe. Ich breche die Geschichte an der Stelle ab. Ein paar Sachen picke ich raus und die Chars nehme ich auch mit. Den Rest trage ich zu Grabe.

    Für eure Angebote, mir zu helfen, bin ich sehr dankbar und ich habe sie auch schon in Anspruch genommen (Discord sei Dank :thumbsup: ). Wenn ich gezielte Fragen habe, würde ich dann einzeln auf euch zukommen. Mir ist grad aufgefallen, dass ich mit jedem von euch bereits eine Konversation am Laufen habe. Ich freu mich weiterhin sehr über euer Interesse und hoffe, dass ich irgendwann euren Erwartungen gerecht werden kann. Mir ist bewusst, dass ich mit der Story ein schwieriges Terrain betreten habe.


    @ Etiam und AFG

    Tut mir leid, dass ich auf eure Kommis jetzt nicht noch einmal besonders eingegangen bin. Trotzdem habe ich mich darüber gefreut und sage euch natürlich herzlichen Dank dafür. Wäre schön, wenn ihr auch beim Neustart wieder mit an Bord seid.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Liebe Tariq ,


    waaas, da ist man ein paar Tage offline und dann das! Wie schade. Mir sind die Logikfehler, die Thorsten und Novize erwähnten, tatsächlich nicht aufgefallen. Ich war eher Typ Leser "Wie geht es weiter und was passiert hier eigentlich?". Meiner Ansicht nach handelte es sich um eine packend geschriebene Geschichte mit winzig kleinen Schönheitsfehlern. Ich mag nach wie vor deinen farbigen Schreibstil und die vielen alltäglichen Details gern, die du wie selbstverständlich mit reinpackst und dadurch die Handlung realistisch abrundest.

    Ich hoffe, dass du vielleicht doch noch was aus dieser Geschichte machen kannst. Liegen lassen und erst in drei Monaten wieder reinschauen ist da sicherlich kein schlechtes Rezept. Nicht nur für dich - sondern auch vielleicht für die Leser hier, die sehr interessiert gewesen wären, wie das Ganze denn nun ausgeht und worauf es hinausgelaufen wäre. Denn: Ich finde es sehr frustrierend, nun nicht das große Ganze zu erfahren... ;( Aber es ist natürlich deine Entscheidung und ich respektiere sie selbstverständlich.


    Auf jeden Fall freue ich mich, wenn du wieder schreiberisch auf die Bühne trittst - egal, womit. Bis dahin! <3

  • Nachdem ich ein paar Nächte drüber geschlafen und tagsüber gegrübelt habe, wie ich meine Story neu anpacken kann, hab ich mich zu einem Neustart durchgerungen.

    Wenn das Dein letztes Wort ist, dann bleibt nur, Dir viel Erfolg damit zu wuenschen Falls Du jemanden fuer Plotdiskussionen brauchst - das Angebot steht. :)

  • @Tariq

    Warum muss ich immer so ein Pech haben. :patsch:

    Erst habe ich so viel Arbeit das ich nicht zum lesen komme und nun habe ich Zeit. Hohle alles nach, will meinen Senf dazu geben...

    Und nu is Schluss.

    Schade das du aufhörst und uns die schon fertigen, nächsten drei Kapitel vorenthältst. Hmm...

    Aber ich kann dein Handeln verstehen. Ich weiß nicht ob ich anders reagieren würde. Denke mal nicht. Ich hoffe das du dieses Projekt nicht in die Tonne trittst und weiter dran bleibst.

    Aber da liegt noch eine Frage auf meiner Zunge, die noch keiner angesprochen hat und auch aus der Handlung nicht klar ist. Warum wurde der Onta verprügelt und starb schlussendlich? Welches Motiv steckt dahinter? Wäre das noch heraus gekommen? oder habe ich das überlesen?

  • Hallo Kamar

    Es bleibt dabei, dass der Ring an dieser Stelle nicht fortgesetzt wird. Aber ich freue mich über jeden, der das bedauert

    Natürlich hoffe ich ganz stark, dass auch Du beim Neubeginn wieder mit dabei bist. Und ich enthalte euch nicht drei, sondern sechzehn Kapitel vor. Die muss ich genauso überarbeiten wie die bereits geposteten. Aber das wird schon.


    Zu deiner Frage wegen des verprügelten Onta: Ich hatte gehofft, dass der Anlass aus diesem Text hervorgeht:

    Also Dwayne“, stieß Ares verächtlich hervor, der mit zusammengezogenen Brauen auf den Schirm starrte. „Axiom Dwayne Coholt. Und zwei seiner Welpen. Ja, das passt zu ihm. Keine Ahnung, was der Onta verbrochen hat, aber das war absolut unangemessen. Sie haben ihn fast totgeprügelt.“ Die flachen Hände, mit denen er sich auf dem Tisch abstützte, ballten sich zu Fäusten. „Der Kerl ist ein widerliches Schwein. So etwas hat er nicht zum ersten Mal getan. Ich weiß von mindestens zwei weiteren solchen Vorfällen. Der Feigling macht sich nicht selbst die Hände schmutzig. Er hat seinen Spaß dran, Ontas zu drangsalieren, und obwohl es bisher niemand bezeugt hat, weiß es jeder von uns. Aber jetzt ist das Maß voll. Ich werde die Commandantin informieren.“

    Es gibt keinen Anlass. Ich wollte die sadistische Ader von Coholt hier aufzeigen. Er quält, weil er es kann und keine Konsequenzen zu befürchten hat. Hat ja bisher auch gut funktioniert. Bis er eben diesmal erwischt wurde. Dass der Onta stirbt, war gar nicht beabsichtigt. Dumm gelaufen.

    Aber ich schreib es mir auf die Liste. Das kann man noch etwas mehr anderen, da hast du völlig Recht.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Hallo Tariq

    ich habe gerade gesehen, dass du hier pausierst und bin etwas erschrocken.

    Obwohl ich zuletzt nicht mehr kommentiert habe (leide unter chronischen Zeitproblemen), bin ich doch ein großer Fan von dieser Geschichte. Ich war sehr beeindruckt von deiner Welt und den extrem weit durchdachten Zusammenhängen und Charakteren. Mein Liebling war übrigens dieser Onta, der so gern in die Illusionskabine gegangen ist. Dein Schreibstil ist sehr avanciert und professionell und du hast lauter interessante Ideen.

    Ich weiß selber, wie es ist, wenn man das Gefühl hat, das Manuskript kracht und es passt so nicht, wie es jetzt ist. Hab das auch schon ein paarmal erlebt. Ich habe auch schon mehrfach umfangreiche Manuskripte komplett umgeschrieben. Manchmal muss das eben sein. Es wird danach noch doppelt so gut.

    Lass dich also nicht unterkriegen, ich denke nicht, dass es eine große Sache ist, die da nicht gepasst hat. Insgesamt war das schon jetzt ein so beeindruckendes Manuskript, dass du da auf jeden Fall was draus machen kannst.

    Bitte lade mich ein, wenn du das Update startest! Dann will ich gerne wieder dabei sein.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • So, für alle, die sich noch an den Ring erinnern und noch einmal mit mir an den Start gehen möchten, sei gesagt: Ich hab mich erneut ran gesetzt und einen neuen Plot entwickelt (die Word-Datei umfasst 4500 Wörter!) :panik:


    Außerdem hab ich zwei Betaleser gewinnen können ( :danke: ), die mir Hilfe beim Ordnen, Strukturieren und auch Ausdünnen meiner Gedanken angeboten haben, bevor ich diese in Textform auf euch loslasse.

    Ich werde euch verlinken, wenn es hier wieder losgeht, und ich freue mich schon auf eure Meinung dazu! Bis dahin erstmal.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Na denn - auf ein Neues. Mein Plot steht im Grundgerüst und ich bin zuversichtlich, dass ich diesmal besser durchkomme als im ersten Versuch. Bei dieser Gelegenheit ein herzliches Willkommen meinen neuen Lesern, die durch Anklicken des Weiterleitungs-Links im Post # 1 oder im Lexikon hier gelandet sind.

    Und dann ein Willkommen zurück meinen Lesern vom ersten Versuch Thorsten  Novize  Kamar  Stadtnymphe  Kirisha  Iskaral  KruemelKakao  Sensenbach  LadyK  Chaos Rising  AFG  @Kanzu  Etiam  Rebirz . Ich hab einfach mal alle verlinkt, die mir damals einen Kommi oder einen Like dagelassen hatten. Und mir ist jetzt erst aufgefallen, wie viele Leser ich eigentlich hatte. =O <3

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    Prolog



    Möchten Sie sich an Dinge erinnern können,
    die Sie nie erlebt haben?
    Dann kommen Sie zu BuyRem!
    Wählen Sie aus einer breiten Palette an Erinnerungen
    und lassen Sie sich von uns entführen!
    Ihre ganz persönliche Erinnerung wartet bereits auf Sie!


    Er war mitten in der Laufzone stehen geblieben. Wie gebannt starrte er auf das Werbeplakat, das die gesamte Breite der Nordwand des himmelblauen Cloudscrapers einnahm.

    Unzählige Male war er auf dem Heimweg vom Colossum schon hier vorbeigelaufen und stets hatte sein Blick die Werbetafel allenfalls flüchtig gestreift.
    Heute nicht.
    Ein Stoß in den Rücken ließ ihn taumeln.
    „Verzeihung“, murmelte der Passant, der ihn angerempelt hatte, und lief dann um ihn herum.
    Der befremdete Blick des Mannes war ihm nicht entgangen. Man blieb nicht in der Laufzone stehen, das wurde einem schon als Kind beigebracht.
    Wortlos reihte er sich wieder ein in den Strom der Menschen. Seine Füße schlugen wie von selbst den Weg zum Rail-Stopp ein, während seine Gedanken bei BuyRem blieben. Sich an Dinge zu erinnern, die man nie erlebt hatte, hörte sich für die Kunden sicher aufregend an. An schöne Dinge, die man sich wohl nie selbst leisten konnte!
    Er schnaubte spöttisch. Wie leicht sich die Menschen ablenken ließen. Wie ahnungslos sie waren. Wie ... sorglos. Ob manchmal bei einem von ihnen der Wunsch auftauchte, sich durch BuyRem eine völlig neue Vergangenheit kreieren zu lassen? Zusammengebastelt aus den Erinnerungen, die man dort zu erleben glaubte? Eine, die nicht real war, die aber die reale einfach – überschrieb. Die Sehnsucht danach löste selbst in seinem Inneren einen Schmerz aus, der ihn sich unwillkürlich zusammenkrümmen ließ. Das Zurückliegende auslöschen ...
    BuyRem. Er kannte die Ansichten, die darüber grassierten. Viele sagten, das Ganze sei Betrug, andere behaupteten, es wäre nichts als Gehirnwäsche, welche die Kunden zu loyalen Untergebenen der Regierung mache.
    Er war an der Hyperrail angekommen. Als Erster betrat er den Lift, der die Passagiere hinauf zur Haltestation brachte, fuhr nach oben und stieg als Letzter aus. Zischend schoss eine der Cabs in dem durchsichtigen Röhrentunnel heran, bremste sanft ab und hielt. Ein kurzes Flimmern verriet, dass die Kraftfelder verschwanden, die die Wartenden vor dem Luftzug schützten und gleichzeitig verhinderten, dass man den Loops, wie die Tunnel genannt wurden, zu nahekam. Menschen strömten aus den sich lautlos öffnenden Türen und bewegten sich in stummem Strom zum Lift mit der fluoreszierenden Aufschrift „Ausgang“ darüber.
    Er sah ihnen gleichgültig nach, während er wartete, bis er einsteigen konnte. Wie gewohnt setzte er sich auf einen einzelnen Sitz neben der Tür. Die Cab startete, so sanft, dass man es kaum merkte. Sie verließ das überdachte Areal des Haltepunkts und schoss dann in ihrem Tunnel in die hell erleuchtete Nacht hinaus.
    Der Anblick der Metropole am Abend war immer aufs Neue atemberaubend. Cloudscraper, integriert in großzügige Grünanlagen, strahlten in den verschiedensten Farben. Zwischen ihnen wanden sich in zwanzig Metern Höhe schlangengleich die Loops der Hyperrail, unter denen wie hingestreut die Einrichtungen lagen, die jetzt zum Leben erwachten. Die Menschen kamen von der Arbeit und suchten Zerstreuung. Unzählige Bars, Spielsalons, Musikhallen, Sportstudios und Etablissements mit zweifelhaftem Ruf öffneten ihre Pforten und warteten auf Kundschaft. Auch BuyRem würde Kunden empfangen. Menschen, die nach Erlebnissen hungerten und die das tägliche Einerlei ihres Daseins satthatten.
    Humania, die neue Hauptstadt, war die mit Abstand modernste Metropole der Welt. In ihrer Mitte thronte das Colossum, ein passender Name für den wuchtigen, schwarzen Klotz und ein angemessener Sitz für die Regierung der Vereinigten Kontinente. Bis dahin hatte sich dieser in Shanghai befunden. Doch die Stadt war von Autos und Menschen verstopft und - wie so viele Millionen-Metropolen - zu einem lärmenden, dreck- und giftstrotzenden Moloch geworden, der seine Bewohner krank machte.
    Das, was sich jetzt unter den transparenten Loops der Hyperrail seinen Blicken darbot, war das Gegenteil. Grün, sauber und friedlich. Trotzdem hasste er Humania und wie so oft wurde der Wunsch in ihm übermächtig, woanders hinzugehen. Aber er machte sich nichts vor: Seine Last würde er mitnehmen. Es war völlig gleich, wo er lebte. Er hatte sich in einen Sumpf von Korruption und Geldgier manövriert, aus dem er mit eigener Kraft nicht herauskam. Und er konnte niemanden um Hilfe bitten.
    Die Cab hielt. Der leichte Ruck ließ ihn aus seinen Grübeleien zurückkehren und aufstehen.
    Zehn Minuten später stand er auf seinem Balkon im einundzwanzigsten Stock des rot angestrahlten Cloudscrapers, in dem er seit seiner Ankunft in Humania wohnte. Unter ihm pulsierte das Leben. Menschen, die am Tag ihrer Arbeit nachgegangen waren und nun ihr Vergnügen suchten. Besonders die Jüngeren kosteten ihre Lebensjahre in vollen Zügen aus, weil sie wussten, wann sie vorbei waren. Vor einem Vierteljahrhundert hatte man begonnen, bei Neugeborenen die Chips zu implantieren, und in fünfunddreißig Jahren würden diese die ersten Opfer fordern. Sechzig Lebensjahre standen jedem Menschen zu. So hatte es die Regierung der Vereinigten Kontinente beschlossen, um der Bevölkerungsexplosion Einhalt zu gebieten.
    Der Sturm der Entrüstung, der nach Einführung der Chips den Globus wie eine Tsunamiwelle umlaufen hatte, war längst abgeflaut. Mit eiserner Hand stellte die Regierung die Implantierung sicher. Sie ließ die Geburtenkliniken von Armeeeinheiten bewachen, gab den mobilen Hebammen Bewaffnete als Schutz und suchte mittels unsichtbarer Scaneinheiten ständig nach nicht gechippten Kindern, deren Mütter in aller Heimlichkeit entbunden hatten. Fand man eines …
    Er nahm einen großen Schluck und verzog das Gesicht, als das bekannte Brennen seine Kehle hinab rann. Alles, was die Funktion und die Existenz des Chips gefährdete, wurde rücksichtlos bestraft. Außer ein selbständiges Entfernen, ohne diesen vorher zu deaktivieren. Dieses Vergehen erledigte sich von selbst. Unzählige Unbelehrbare hatten schon den Beweis geliefert.
    Dieser Chip war der letzte Ausweg der Regierung gewesen. In den vergangenen Jahrzehnten hatte sich besonders in den ärmeren Ländern der sprunghafte Anstieg der Bevölkerung zu einem nicht mehr beherrschbaren Problem entwickelt. Der Planet konnte die Menschen nicht mehr ernähren. Millionen waren bereits verhungert oder an Seuchen zugrunde gegangen. Eine Lösung musste her und dem von der Regierung dafür eingesetzten Gremium war der Chip als die humanste erschienen. Jeder bekam ihn. Es gab keine Ausnahmen. Für niemanden, egal wie er hieß, wo er seinen Platz in der Gesellschaft hatte oder wie dick sein Bankkonto war.
    Und hier war er ins Spiel gekommen. Besser gesagt – Mestor hatte ihn hineingezerrt. Seine Hand umklammerte das Whiskyglas fester, als er den Gedanken erlaubte, zu jenem verhängnisvollen Nachmittag zurückzufliegen, an dem sein Leben aus den Fugen geraten war. Zu den fünf Minuten, die alles verändert hatten: Das Gespräch mit einem seiner ältesten Freunde und gleichzeitig dem Mann, welcher im Begriff war, sich zu einem der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte zu entwickeln.
    Ein bitteres Lächeln ließ ihn für einen Moment die Lippen verziehen. Er war zu Mestors Komplizen geworden, hatte sich drängen lassen, sich geschmeichelt gefühlt von den Lobhudeleien seines Freundes. Die winkenden Goldeinheiten hatten seinen Verstand geblendet und ausgeschaltet. Du hast ausgesorgt, wenn du fertig bist, war ihm zugesichert worden, und du kannst leben, bis dein Körper selbst entscheidet, wann das Ende erreicht ist. Niemand wird davon erfahren.
    Wenn er daran dachte, fühlte er sich elend und vorhin beim Händewaschen hatte er den Blick in den Spiegel gemieden. Langsam hob er seine Rechte, ballte sie zur Faust und betrachtete den quadratischen Umriss des Chips, der sich unter der Haut seines Handrückens abzeichnete. Er war gerade dreißig geworden in dem Jahr, in dem man die ersten implantiert hatte, und damit hatte es auch ihn betroffen. Weitere dreißig Jahre waren ihm damals garantiert gewesen. Heute blieben davon noch fünf. Fünf lange Jahre, in denen ihn seine Taten wie ein dunkler Schatten begleiteten.
    Nein, schlimme Erinnerungen einfach überschreiben und andere an ihrer Stelle bekommen zu wollen, war feige. Ehrlos. Für das, was man getan hatte, musste man geradestehen.
    Wie in Zeitlupe zog er mit der Linken das ComPad aus der Tasche. Der Daumen aktivierte die Sprachaufzeichnung. Während sein Blick über das nächtliche Humania glitt, gab er sein Memo ein und speicherte es. Sorgsam legte er das Pad auf dem kleinen Tisch ab, leerte das Whiskyglas und stellte es daneben.
    Dann sprang er in die Tiefe.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    3 Mal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Liebe Tariq

    Ich mag den Prolog sehr. Die Atmosphäre ist gut eingefangen und es endet mit einem Knall. Die Frage ist, ob du nicht schon zuviel über die Implantate verrätst, aber ich weiß ja nicht wie es jetzt weitergeht. :)



  • Toller Prolog. Ich erinnere mich nicht mehr so genau an den vorherigen, aber dieser ist sehr prägnant, beeindruckend und faszinierend, liest sich auch fein wie Sahneeis.

    Die Idee des programmierten Sterbens mit 60 Jahren ist aber neu, oder? Die Idee ist schockierend pragmatisch. Wir würden uns ja haufenweise Kosten sparen. Man könnte die Rente direkt abschaffen, braucht keine Altersheime mehr und die Gesundheitssysteme würden schlagartig im Geld schwimmen, weil doch sicherlich die Leute über 60 locker 80% der Kosten verursachen. Beerdigungen kämen nicht mehr überraschend, sondern könnten geplant werden ... Total gruselig.

    Außerdem ist der Zelltod ja tatsächlich in unseren Zellen programmiert, auch ohne Chip (nur eben nicht so "gerecht" dass alle genau gleich alt werden).

    Ich hab das Gefühl, dass deine Überarbeitung richtig genial werden könnte, da der Text ja vorher schon sehr beeindruckend war.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Hey Tariq


    Ein paar kleine Anmerkungen habe ich für dich.


    Stimmungsmäßig gefällt mir den Ton, den du angeschlagen hast, wieder gut. Düster und erdrückend ist das ganze und du bereitest auf eine futuristische jedoch auch kaputte Welt vor. Ich denke du willst uns auch vermitteln, dass da noch ein weiteres Geheimnis hinter den Chips steckt. Wenn dem so ist wäre das mein einziger Kritikpunkt. Das könntest du gefühlt noch etwas deutlicher herausstellen. Die Chips an sich sind ja keine böse Überraschung mehr sondern eher das, was die Bevölkerung nicht weiß. :hmm:

    Bin gespannt, wie dein Ring an sich jetzt funktionieren wird. :)

    Da sitzen sie wieder alle und fressen Eis ... Als wüssten sie nicht, wie ein Bier aufgeht!

  • Hallo zusammen :)

    Zuerst herzlichen Dank für eure vielen Likes!

    Sie zeigen mir, dass noch Interesse bei euch besteht. :thumbsup: (zumindest interpretiere ich sie so :rofl: )
    Dann auch ein großes Dankeschön an Sensenbach , Kirisha und Rebirz , für ihre Eindrücke vom Prolog. Ich will mal einzeln

    darauf eingehen:

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Ein interessanter Gedanke und ich grüble gerade, woraus du das zu entnehmen glaubst.

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    Das Gespräch mit einem seiner ältesten Freunde und gleichzeitig dem Mann, welcher im Begriff war, sich zu einem der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte zu entwickeln.

    Du hast ausgesorgt, wenn du fertig bist, war ihm zugesichert worden, und du kannst leben, bis dein Körper selbst entscheidet, wann das Ende erreicht ist. Niemand wird davon erfahren.

    Diese beiden Teile lassen mich das schlussfolgern. Die Chips sind abgesegnet gewesen, also ist sein Mitwirken rechtlich kein "Verbrechen" und die Angeboten von seinem Freund deuten auch darauf hin, das sie noch etwas mehr gemacht haben, als nur die legalen Chips. Ansonsten müsste man ja niemanden schmieren, damit er mitmacht. :)

    Da sitzen sie wieder alle und fressen Eis ... Als wüssten sie nicht, wie ein Bier aufgeht!

  • So, dann mal weiter im Text. Das Kapitel 1 ist zu groß für einen Post, deshalb teile ich es. Vielen Dank für euer Interesse.

    Ach ja, noch was: Ich werde versuchen, einen wöchentlichen Rhythmus einzuhalten beim Posten. Wenn das zu langsam oder zu schnell sein sollte, gebt mir einfach Bescheid. :)


    Zum vorigen Teil (Prolog)


    ~~~ Kapitel 1 (1) ~~~


    Der sanfte Gong, den man in der gesamten vierten Unterebene hören konnte, erklang. Tevor hob den Kopf, schob den Hocker zurück und streckte sich. Die letzten beiden Arbeitstage hatten ihm viel abverlangt. Seit vorgestern war die Kabine neben ihm leer geblieben. Wahrscheinlich war der Onta krank, oder er ... Tevor verbot sich, an der Stelle weiterzudenken.
    Die Aufgaben des Fehlenden musste er übernehmen. Eine anstrengende Schicht lag deshalb hinter ihm, in der er die zusätzliche Arbeit und seine eigene mit höchster Konzentration auszuführen hatte, weil das Band nicht gestoppt werden durfte. Sein Rücken schmerzte vom gebeugten Sitzen und das ständige grelle Licht ließ die Augen tränen. Aber das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Er hatte an beiden Tagen einen Credit erhalten! Das war nicht so leicht für seinesgleichen.
    Doch heute würde er mehr brauchen zur Erholung, als die Freizeitphase wieder nur in seiner fensterlosen Zelle in der dritten Unterebene zu verbringen oder einen Spaziergang auf der Oberfläche in den durchsichtigen Lauftunneln des Innenbereichs zu machen.
    Ich werde um Erlaubnis bitten, eine Stunde durch den Park zu laufen, beschloss er, als er vor den Ausgang seiner winzigen Arbeitskabine trat. Während er wartete, dass dieser sich öffnete, musterte er missmutig seine Gestalt im matt spiegelnden Metall der Tür. Er hasste seine abstehenden Ohren. Außerdem stellte er wieder einmal fest, dass er für einen richtigen Mann zu klein war. Ein unscheinbares Männlein, das nicht auffiel und leicht übersehen werden konnte. Trotzdem hatte er etwas getan, wofür er nun für den Rest seines Lebens büßen würde. Was war es gewesen, das ihm dieses Schicksal eingebrockt hatte? Er konnte sich nicht erinnern, auch wenn er sich den Kopf zermarterte. Wie konnte man das vergessen? Er war Onta, ein Häftling, der wegen Verbrechen an der Menschlichkeit einsaß, und er hatte keine Ahnung, was dieses -
    „Onta Tevor TwoFive-O, verlasse die Kabine.“
    Die Frauenstimme des Computers strahlte Ruhe aus. Nicht dass er das nötig gehabt hätte. Ontas standen in der Rangfolge des Ringes ganz unten und als solcher verhielt man sich unauffällig. Besonders hier in der Produktionsebene. Den Kameras entging nichts und durch den Chip auf dem Handrücken konnte das System jeden seiner Schritte verfolgen. Wer Unruhe zeigte, fiel auf. Und eine Befragung durch einen Axiom oder gar den Commandanten der Emerald-Garde zählte nicht zu den Aktivitäten, mit denen er seine knappe Freizeit verbringen wollte.
    Die Kabinentür war geräuschlos zurückgeglitten und Tevor trat hinaus auf eine der kleinen Plattformen im Transportband. Zwei Meter vor ihm stand wie immer die blonde Onta. Ihr Haar war genauso kurz wie seines und sie trug wie er den grauen Overall. Nur ihr Gang, wenn sie das Transportband verließ, und die etwas breiteren Hüften verrieten, dass sie eine Frau war. Ihr Gesicht hatte er nie gesehen, obwohl sie nach jeder Schicht vor ihm war. Und der Mann mit dem dunklen Haar vor ihr. Der Platz hinter ihm würde auch heute wieder leerbleiben. Sein Nachbar war noch nicht ersetzt worden, denn die Tür der Kabine neben seiner, an der er eben vorüberglitt, öffnete sich nicht. Er musste sich nicht umdrehen, um das zu erkennen. Das oder gar Kontaktaufnahme mit anderen Ontas waren sowieso verboten. Die Kameras sahen alles.
    Vor ihm wurde es heller. Durch eine geschickte Spiegelkonstruktion fiel Tageslicht in den Lichtschacht, der von der Oberfläche bis hier herunter in das vierte Untergeschoss reichte, und das ließ das Grün der Pflanzen an den Innenseiten der Glaswände intensiv leuchten. Nach dem ewigen Grau und dem grellen Licht in seiner Arbeitskabine freute sich Tevor an der kräftigen Farbe. Sein Blick blieb daran hängen, während das Band sich in einen nach oben führenden Lift verwandelte, ohne dass die Standplattformen ihre Position veränderten.
    Eine Etage höher verließ er diese. Die Blonde war nach links in Richtung der Frauenblöcke verschwunden, er selbst wandte sich unter dem wachsamen Blick eines am Lift stehenden Ypir-Gardisten nach rechts, um den Lichtschacht halb zu umrunden und dann im Block O den Korridor verlassen zu können. Nur ein paar Schritte später ließ ihn der Schrei eines Mannes irgendwo hinter ihm im Korridor zusammenfahren. Ein weiterer folgte und dann riss das Schreien nicht mehr ab.
    Zwei Ypir-Gardisten rannten auf ihn zu. Im ersten Moment erschrak er, doch die Männer in den smaragdgrünen Overalls würdigten ihn keines Blickes und stürmten vorbei. Er nutzte die Gelegenheit und wandte den Kopf, um zu sehen, was da passierte. Eigentlich wusste er es. Zwei Männer wanden sich brüllend am Boden, einer direkt neben dem Lift, der andere nicht unmittelbar neben ihm, aber noch immer zu nahe. Zwei weitere Ontas hielten mit schreckensbleichem Gesicht den vorgeschriebenen Abstand, krampfhaft den Blick auf das Geschehen vermeidend.
    Die Gardisten packten jeder einen der Männer am Arm und zerrten sie voneinander weg. Endlich brach das Schreien ab.
    „Du solltest das Warn-Brennen nicht ignorieren, Onta, es sei denn, du stehst auf Schmerz!“, blaffte einer der Uniformierten den an, den er festhielt. „Der Impuls ging von deinem Chip aus! Weil du neu bist, kommst du noch einmal ohne Bestrafung davon. Aber vergiss nicht: Es trifft immer beide!“
    Tevor drehte sich wieder um und ging weiter. Er hatte jedes Wort verstanden und das hämische Grinsen des dritten Gardisten, der neben dem Lift stand, deutlich sehen können. Gänsehaut kroch seinen Rücken hinab, während er auf das „Block O“-Schild vor sich zumarschierte und den Blick starr auf den Boden gerichtet hielt. Die Schmerzen, die der Chip bewirkte, waren ihm auch bekannt. Man hatte das Gefühl, jeder einzelne Nerv würde sich in einen rotglühenden Draht verwandeln, der gleichzeitig alle Stellen des Körpers erreichte. Nur ein einziges Mal hatte er vergessen, den Abstand einzuhalten. Das leichte Brennen auf dem linken Handrücken hätte ihm zeigen sollen, dass er zu lange zu nahe bei einem anderen Onta stand. Doch da es das erste Mal gewesen war, hatte er die Warnung nicht rechtzeitig bemerkt.
    Das Warn-Brennen. Nicht vergleichbar mit dem Schmerz, der Sekunden später folgte, wenn man nicht sofort reagierte. Tevor hob die Linke, ballte sie zur Faust und betrachtete den quadratischen Umriss des Chips unter seiner Haut. Er hatte seine Lektion gelernt. Jeder Onta kannte die Regeln im Ring. Sie waren das Erste, was einem nach der Ankunft hier vermittelt wurde. Die Wichtigste lautete: Wahre den Abstand zu anderen Häftlingen, bleib nicht bei ihnen stehen und sprich nicht mit ihnen.
    Den Nicht-Häftlingen durfte man sich nähern. Das waren zum einen die Servicer, Angestellte im Ring, deren Arbeitsbereiche man an den Farben ihrer Overalls erkannte. Und zum anderen natürlich die Mitglieder der Emerald-Garde in den smaragdgrünen Uniformen. Ypir-Gardisten waren beim kleinsten Regelverstoß sofort zur Stelle. Einmal hatte es in der Onta-Cantina einen Vorfall gegeben. Zwei Frauen hatten über den Abstand hinweg versucht, einander mit einer Art Zeichensprache etwas mitzuteilen. Keine gute Idee. Binnen Sekunden fand sich jede der beiden von zwei Ypir-Gardisten flankiert und hinausgeleitet. Am Eingang der Cantina hatte sie mit finsterem Gesicht einer der sechs Axiome der Emerald-Garde erwartet.
    Tevor hatte seinen Block erreicht. Noch einmal wandte er sich kurz um und sah zurück in den Korridor. Er war leer, nur der Gardist stand wie vorher am Lift. Die bestraften Ontas hatten sich wohl inzwischen aufgerappelt und waren - wie er damals - unter dem strengen Blick der Ypir-Gardisten auf wackeligen Beinen in ihre Zellen getaumelt. Es herrschte wieder Stille.
    Verstohlen atmete er auf und merkte, wie die Anspannung von ihm abfiel. Er litt jedes Mal mit, wenn er sah, wie jemand bestraft wurde. Das einzig Gute daran war, dass es meist kein zweites Mal nötig wurde, weil die Betroffenen es nie vergaßen.


    Hier geht's weiter (Kapitel 1 Teil 2)

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    Einmal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Liebe Tariq

    Das ist eine schöne Einführung des Protas und der Umgebung. Hab nichts zu meckern.