Mücke und der Elfendieb


  • P R O L O G



    ☙•❧

    »To die would be an awfully big adventure«

    (Peter Pan)

    Original von James Matthew Barrie

    1860-1937

    ☙•❧




    Er war kein Angsthase.


    Ganz egal, was diese Blödmänner auch sagten. Fero fürchtete sich nicht. Niemals, wirklich nie, aber diese verfluchte Stadt machte ihn nervös. Berlin war groß, fremd und so endlos grau. Selbst die bunten Lichter, mit denen sich die unzähligen Bars wie männliche Pfauen aufplusterten und präsentierten, vertrieben nie ganz diese Leere, die wie Nebel über dem Asphalt hing. Fero hasste die Oberwelt.


    Er bevorzugte die alten Tunnel unter der Stadt, dort, wo der Himmel endlich war und Erwachsene keinen Zutritt hatten. Dort, wo es keine Großen gab. Keine Regeln. Keine Verbote, die scheinbar nur für Kinder galten. Die Hände tief in den Tachen seiner ausgeblichenen Jeans vergraben, summte Fero eine zusammenhangslose Melodie. Er summte immer, wenn er unter freiem Himmel war. Das war die einzige gute Sache an der verdammten Oberwelt. Hier stiegen die Melodien gen Himmel empor und verteilten sich, vom Wind getragen bis ans andere Ende der Welt. Musik wurde hier vergessen. Wie die meisten Geräusche erzeugten die gesummten Melodien kein Echo, sondern wurde einfach weggeweht. Unten in den Tunneln war Musik gefährlich, die Dunkelheit hatte Augen und vor allem Ohren und man wusste nie, wer einem gerade zuhörte.


    Zwischen Asphaltboden und schwarzer Unendlichkeit summte Fero seine Einsamkeit hinweg. Einsamkeit war in Ordnung. Einsam und verloren fühlte sich jeder mal und es hatte nichts mit Angst zu tun. Mit Einsamkeit kannte sich Fero aus. Wenn er eine Sache in den Tunneln gelernt hatte, neben dem Umgang mit dem Messer und die Tatsache, dass jedes Geräusch einen umbringen konnte, dann war es, dass man sich sogar in einer eng zusammengerauften Bande alleine fühlte.


    Nur noch zwei Straßen, dachte er. Er summte noch ein wenig lauter. Ein wenig schneller. Nur noch zwei Straßen, dann bin ich weg von diesem beschissenen Himmel ohne Ende.


    Man konnte dem Himmel nicht trauen. Von dort kam nur Ärger, ganz egal, ob es Regen oder Bomben waren. Fero hasste beides. Die eine Kacksache machte ihn permanent krank, ließ die Welt nass und feucht und die Knochen kalt werden, und die andere Kacksache hatte seine Heimat zerstört. Fero hörte auf zu summen, als er sich mit zitternden Fingern eine selbstgebaute Zigarette anzündete. Es war eine schöne Zigarette. Nicht so ein armseliges und schiefes Ding, wie sie Pips immer rauchte. Fero war ein echter Zauberer, was den Umgang mit Tabak und Papier anging. Er war ein geschickter Junge mit geschickten Fingern. Manchmal, wenn er in der Nacht an seiner üblichen Wand lehnte und auf Kundschaft wartete, baute Fero kleine Frösche und Kraniche aus altem Kaugummipapier. Es waren schöne Tiere, sauber gefaltet und glattgezogen und könnte man von Origami leben, wäre Fero der reichste Junge auf der Welt. Er würde nie wieder andere Menschen anfassen müssen. Die Zigarette glühte wie ein kleines Leuchtfeuer in der Dunkelheit, als er kräftig an ihr zog.


    Nur noch zwei Straßen ...


    Das Summen setzte wieder ein. Nur kam die Melodie nicht aus Feros Mund, sondern strich unangenehm über seinen Nacken. Er fluchte, als er sich vor Schreck an der Zigarette verbrannte und wirbelte in einer einzigen Bewegung herum, die Zigarette in der einen Hand, in der anderen sein hektisch gezücktes Springmesser. Da war niemand. Die Straße war leer, weit und breit kein Lebewesen in Sicht. Und dennoch spürte er, dass er nicht alleine war. Etwas war hier, ganz in seiner Nähe.


    »Komm raus, du Arschloch!«


    Fero stocherte mit dem Messer in die Luft. Beine gespreizt. Brust aufgeplustert. Angriff war die beste Verteidigung und ein verlorener Junge kannte keine Angst. Wer hat Angst vor den Schatten der Nacht? NIEMAND! Und wenn sie kommen? DANN KÄMPFEN WIR! Feros Herzschlag hämmerte hart gegen seinen Brustkorb. Seine Finger waren schwitzig und glitten ohne wirklichen Halt über das abgegriffene Messer. Er lauschte angestrengt, während er sich umsah.


    Das Summen setzte wieder ein. Leise und beruhigend. Der eben noch bis an die Haarspitzen angespannte Junge ließ schlaff das Messer sinken. Ein Gefühl von Geborgenheit durchströmte ihn. Von Liebe. Diese Stimme. Diese Melodie. Fero kannte diese Melodie, auch wenn er nicht wusste woher. Aber was spielte es schon für eine Rolle? Die Hauptsache war, dass er ihr vertrauen konnte. Dieser Melodie konnte man folgen. Sie beschützte einen, wie ein Regenmantel den Körper vor der herabstürzenden Nässe. Alles würde gut werden, das spürte Fero ganz genau. Jeder Nerv seines Körpers vibrierte wie die Saiten einer Harfe, die sanft angezupft wurden.


    Die Melodie war so unfassbar vertraut, so zart, so schön und Fero hatte das Gefühl vor Freude zu sterben. So klang pures Glück. Hoffnung. Ein Happy End. Er musste nie wieder hungern. Nie wieder Männer mit leeren Augen anfassen und sich auch nie wieder für ein paar lausige Scheine anfassen lassen. Niemand konnte ihm je wieder etwas anhaben. Keine Erwachsenen. Keine Schatten und Lauscher in den Tunneln. Kein endloser Himmel. All das versprach ihm die Melodie und Fero bewegte sich wie in Trance.


    Er lachte, glücklich und so laut, wie er schon seit Jahren nicht mehr gelacht hatte. Er streckte beide Hände nach dem Summen aus. Nach all dieser Liebe.


    Die Melodie verstummte.

  • Heyho N. Kalinina

    Zuerst mal: Schön, daß ich wieder was von Dir lesen darf.


    Und Whow - wie immer ist es intensiver Stoff. Dein Talent, in kurzen Sätzen vieles vor meinem inneren Auge entstehen zu lassen, finde ich ziemlich einzigartig.

    Und was die längeren Sätze betrifft...da bin ich jedes Mal erst recht ziemlich baff.

    Den Spoiler verinnerlichend und diesen Satz aus dem Text heraiisragen zu sehen, warte ich jetzt mal auf das, was noch kommt.

    Wer hat Angst vor den Schatten der Nacht? NIEMAND! Und wenn sie kommen? DANN KÄMPFEN WIR!

    :thumbup::thumbup::thumbup:

  • K A P I T E L

    - 1 -



    ☙•❧

    »Wendy knew that she must grow up. You always know after you are two. Two is the beginning of the end«

    (Peter Pan)

    Original von James Matthew Barrie

    1860-1937

    ☙•❧




    Mücahits ohnehin schon beschissene Nacht wurde noch ein ganzes Stück beschissener, als sein Chef den Mund aufmachte. Eine äußerst lästige Angewohnheit.


    »Ehrlich, Junge. So geht das nicht. Das ist das dritte Mal in dieser Woche, dass sich Kunden über dich beschweren. Willst du mich ruinieren?«


    »Er war ein Arschloch.«


    »Na und? Das ist jeder, der nach Mitternacht in den Laden gestolpert kommt. Aber siehst du mich die Nerven verlieren? Nein. Ich habe meine Emotionen im Griff. Diese Arschlöcher bezahlen nämlich unseren Lohn. Geld. Money. Cash. Verstehst du das? Keine Arschlöcher, keine Kröten.«


    Ein heftiges Pochen direkt hinter Mücahits Stirn kündigte eine ausgemachte Migräne an. Normalerweise kündigten sich diese Anfälle schon Tage vorher an, alles schmeckte irgendwie bitter und jedes noch so gedimmte Licht stach in den Augen, aber diese Migräne war eine von der spontanen Sorte. Kurzfristig, aber nicht weniger bösartig.


    »Hast du das verstanden, Junge?« Pawełeks Worte randalierte in Mücahits Schädel wie eine Gruppe betrunkener Hooligans, die nach einem verlorenen Spiel auf Fans des gegnerischen Fußballteams trafen. »Junge, hörst du mir zu?«


    »Ja, verdammt nochmal.« Mücahit rieb sich konzentriert die pochenden Schläfen. Er atmete tief ein und langsam wieder aus. Jede Faser in seinem Körper konzentrierte sich mit nahezu manischer Entschlossenheit darauf, jetzt bloß nicht auszurasten. »Ich bin nicht dein beschissener Junge, Paw.«


    Pawełek verschränkte mürrisch die extrem behaarten Arme vor der Brust. Sie erinnerten Mücahit irgendwie an kleine Babyaffen, die verzweifelt irgendwo Halt suchten. »Du bist von 17.00 bis 03.00 Uhr verdammt nochmal Molly Ringwald, wenn ich dir das sage, Junge. Ich bezahle deinen Arsch, also habe gefälligst Respekt vor mir und meinem Lebenswerk.«


    Einen kleinen Spätkaufladen am Kotti als Lebenswerk zu bezeichnen war entweder verflucht traurig, oder verdammt minimalistisch. Aber so war Pawełek nun einmal. In den Händen des Polen wurde selbst Scheiße zu Gold. Zumindest seiner Meinung nach. Für den Rest der Welt blieb Scheiße nun mal eben Scheiße.


    »Wir haben außerdem eine weitere schlechte Bewertung im Netz. Du hast einer Kundin das Smartphone aus der Hand gerissen und es aus dem Laden geworfen? Willst du mich ruinieren, Junge? Reiß dich zusammen. Du bist ein junger Mann. Flirte mit den Ladies. Sei der Kumpel von den Kerlen. Von mir aus auch umgekehrt, juckt mich nicht, aber bekomme deine verdammten Wutanfälle in den Griff. So eine Kacke kannst du echt nicht bringen.«


    Zu Mücahits Verteidigung musste man dazu sagen, dass die Smartphone-Lady echt gestresst hatte. Sie hatte die ganze Zeit lautstark telefoniert, alles zweimal angefasst und war immer und immer lauter geworden. Die Dame hatte einen Rauswurf provoziert.


    »Sie hat telefoniert, Paw.« Mücahit nahm die Hände von den immer noch pochenden Schläfen und ballte sie zu Fäusten. Er atmete tief ein. Langsam wieder aus. »Ich hasse es, wenn Leute laut telefonieren. Wieso telefoniert eigentlich jeder Arsch so viel? So viel wie die Alte gequatscht hat, kann niemand zu erzählen haben. Und ihre Stimme. Du hättest ihre Stimme hören sollen. Messer auf Tafel, sag ich dir.«


    Pawełek seufzte schwerfällig und rieb sich müde über das Gesicht, während er polnische Verwünschungen in seine Hände murmelte. Er war unrasiert und trug das gleiche Hemd wie gestern. Zudem gab es keine Spur des schmucklosen Eherings, den er sonst immer trug. Mücahit sprach, bevor er genauer darüber nachdenken konnte. Ein echter Klassiker.


    »Heute Nacht wieder auf dem Sofa gepennt, Boss?«


    »Das geht dich einen Scheiß an.« Pawełek war ein Mann, der seinen privaten Frust in sich hineinfraß. So ein einsamer Trinker, der in Unterwäsche müde auf dem Sofa hockte, während sich seine zukünftige Ex-Frau wütend im ehemals gemeinsamen Schlafzimmer verriegelte als wäre es Fort Knox.


    Mücahit war dieses Drama Leid. Seit vier Monaten herrschte im Hause Zieliński eisernes Schweigen, abgelöst von kurzen und heftigen Vorwürfen, Beleidigungen und cholerisches Gekeife. Zwölf Jahre Ehe hin oder her, seiner Meinung nach war Pawełek ein Schlappschwanz, Mathilda eine herzlose Schlampe und die Ehe ohnehin etwas, was viele Menschen in den falschen Hals bekamen. Aber wie so oft scherte sich niemand um Mücahits glorreiche Meinungen. Eine echte Schande, seiner Meinung nach.


    Pawełek knurrte etwas auf Polnisch, dann stampfte er ohne ein weiteres Wort davon, wobei er es sich nicht nehmen ließ gegen eines der Regale auf dem Weg zur Tür zu treten. Osteuropäische Süßigkeiten stürzten wie selbstmörderische Lemminge vom Regal in die Tiefe und blieben unbeachtet auf dem Boden liegen. Die Ladentür knallte so laut hinter Pawełek zu, dass Mücahit fast der Schädel explodierte.


    »Arschloch«, knurrte er und zeigte der alten Holztür beide Mittelfinger.


    Mücahit ließ sich Zeit mit dem Aufsammeln der suizidalen Süßigkeiten. Er hasste Süßkram. Genau wie Kaugummi und Zigaretten. Es war wie mit allen Dingen, von denen man irgendwann im Leben zu viel gehabt hatte. Es hing einem zum Hals raus. Auch wenn sich Mücahit nicht direkt daran erinnern konnte, jemals viel von diesen Dingen konsumiert zu haben. Er wusste es einfach, tief in seinem Inneren. Es war das gleiche Wissen, welches einen als Erwachsener davon abhielt herzhaft in ein Stück Seife reinzubeißen, das nach Vanille roch und geformt war wie ein Stück weiße Schokolade. Man wusste einfach, dass man als Kind diesen Fehler gemacht und daraus gelernt hatte, auch wenn es keine Erinnerung daran gab. Es war der Lauf der Zeit. Es gehörte zum Heranwachsen Omas teure und gut riechende Deko-Seife zu futtern. Wobei sich Mücahit nicht einmal an seine Großmutter erinnern konnte. Wie immer, wenn er versuchte einen klaren Gedanken in diese Richtung zu spinnen und zu verfolgen, wurde das Pochen hinter seiner Stirn nahezu unerträglich und er ließ den Gedanken los, ehe der Schmerz zu heftig wurde.


    Mücahit war gerade dabei die Zeitschriften zu sortieren - ein wortloses Friedensangebot für Pawełek, bevor ihn der Alte im Scheidungswahn tatsächlich noch rauswarf-, als er sich beim gedankenlosen Summen erwischte. Es war eine nichtssagende Melodie und Mücahit hielt mitten in der Bewegung inne, dabei die neuste Ausgabe einer geschmacklosen Klatsch-Zeitschrift in der Hand, die das Papier und die gefällten Bäume nicht wert war. Zwei Euro für sich ewig wiederholenden Klatsch und Gewinnspiele, wo sicher nie irgendwer was gewann. Mücahit stopfte die Boulevard-Zeitung brutal in die Vorrichtung des Verkaufsständers und zog verärgert die Augenbrauen zusammen.


    Er summte nie.


    Niemals.


    Jede Form von Musik beunruhigte Mücahit. Ganz egal, ob es akustische Töne oder leiser Gesang war. Ein gedankenverlorenes Summen. Ein unvorsichtiges Pfeifen. Sobald eine Melodie erklang, sei sie noch so stümperhaft, krampfte sich in Mücahit alles zusammen. Seine Organe schienen sich dann jedes Mal brutal gegenseitig aus dem Weg drängen zu wollen, ohne eine Ahnung davon zu haben, in welche Richtung sie wollten. Manchmal bildete sich Mücahit ein, beim Erklingen von Musik den Gestank von abgestandener Luft, Schweiß und Pfeffer in der Nase zu haben. In den wirklich schlimmen Nächten roch Mücahit nicht nur das Elend, er träumte auch von einem viel zu kleinen Stoffzelt, einem sonderbaren Leuchten und Kinderstimmen, die mit ihm sprachen. Er träumte von Reißzähnen in der Finsternis und einem unheimlichen Donnern in der Ferne.


    Ratter-Ratter-Peng-Ratter-Ratter-Peng ...


    Ein lautes Krachen erklang.


    Mücahit stolperte fluchend gegen den Zeitungsständer und legte einen halb komischen, halb halsbrecherischen Tanz aufs Parkett, während er verzweifelt nach Halt suchte, ohne dabei den Ständer umzuwerfen.


    »Was soll der Scheiß?«, blaffte er in Richtung Eingang, kaum hatte er sich und den Ständer gefangen. Der Neuankömmling war der korpulente Nachtlieferant, irgendein Cousin von Pawełek. Der Kerl nickte immer, egal was man zu ihm sagte und hatte das nervöse Grinsen eines Mannes schief im Gesicht kleben, der die meiste Zeit seines Lebens nicht verstand, was zur Hölle nochmal die Welt eigentlich von ihm wollte. »Ich schwöre, ich hänge diese verdammte Tür heute noch aus.«


    Der Cousin nickte, lächelte neutral und nickte noch etwas mehr.


    »Man kann diese Tür ganz normal öffnen. Normal. Verstehst du? Kein Knallen. Kein BUMM-BANG!«


    Wieder Nicken. Wieder Lächeln.


    »Leck mich, Alter. Du verstehst kein verdammtes Wort von dem was ich sage, stimmt’s?«


    Nicken. Lächeln.


    Der Cousin schlurfte an Mücahit vorbei, trug ein paar leere Kisten aus dem Vorratsraum zum im Halteverbot parkenden Lieferwagen und ein paar volle Kisten vom Lieferwagen in den Vorratsraum - und so weiter. Er schien Mücahit in seinem emsigen Hin- und Her längst wieder vergessen zu haben. Musik drang aus den kleinen In-Ear-Kopfhörern, von denen der Fahrer einen im linken Ohr hatte, den anderen lässig nach unten baumelnd um den Hals trug.


    »Yo!«, rief Mücahit nach einer Weile. »Wo ist der Lieferschein?«


    Der Cousin zuckelte achtlos an ihm vorbei und machte mit seiner Arbeit weiter. Er ignorierte Mücahit mit einer Ausdauer, die fast schon bewundernswert war. Vermutlich könnte die Welt untergehen und der Kerl würde sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Dieser Mistkerl war die Ruhe in Person. Volle Kisten wurden hereingetragen, leere Kisten verladen und Mücahit war so kurz davor zu explodieren.


    »Alter«, sagte er langsam. »Ich habe gerade eine echt beschissene Nacht. Also versuche wenigstens mich zu verstehen. Do you speak english?«


    Lächeln. Dann ein kurzes Winken zum Abschied.


    »Du verfluchter - «


    Die Tür knallte lärmend ins Schloss. Nicht weniger schwungvoll wie bei Pawełeks Abgang. War vermutlich so ein verdammtes Familiending; Türknallen und wortlos abzischen. Gereizt massierte sich Mücahit die Stirn, die inzwischen nicht weniger als seine Schläfen pochte. Ein unangenehmes Ziehen im Kiefer machte klar, dass sein Schädel wieder in Mörderlaune war. Diese Migräne würde böse werden, da hatte er keinen Zweifel. Spätestens in zwei oder drei Stunden würde Mücahit wie ein Häufchen Elend hinter der Kasse des Spätkaufladens hängen und wünschen, er wäre nie geboren worden.


    Was eine elendige Scheißnacht.



    ☙❧



    Irgendetwas stimmte nicht.


    Da war sich Malika ganz sicher. Sie konnte sich auf nichts und niemanden in dieser Welt verlassen, aber ihr Bauchgefühl hatte immer Recht. Es war dumm, nicht auf sein Bauchgefühl zu hören und Dumme wurden auf der Straße nur selten alt.


    Malika beobachtete misstrauisch die Passanten in der U-Bahnstation, während sie mit ihrer Flöte spielte und überlegte, ob es sich überhaupt lohnte, hier ihre Musik zum Besten zu geben. U-Bahnhöfe waren schlecht für das Geschäft, denn es blieb nur selten irgendwer stehen. Die Menschen strömten in die Bahnen ein und aus, jeder mit sich selbst beschäftigt und die Blicke in Richtung Ausgang. Termine, Termine, Termine ...


    Malika mochte keine U-Bahnhöfe. Sie verbrachte die Tage und Abende lieber in den Parks der Stadt, aber es schüttete schon seit Stunden wie aus Eimern. In den unterirdischen Bahnhöfen stank es zwar immer nach Pisse, aber wenigstens war es trocken. Zudem kam sie von hier aus direkt mit der U9 zur Unterkunft, wo sie ab 22 Uhr etwas zu Essen bekam und ein Bett zum Schlafen. Die Damen dort waren ganz nett und es wurde kaum etwas gestohlen.


    Aktuell war es kurz nach acht und Malika musste sich somit noch etwas die Zeit vertreiben, ehe sie in die trockene Wärme der Unterkunft fliehen konnte. Es war einer der wenigen Orte in dieser Stadt, an denen überhaupt an Schlaf zu denken war. Die trockenen Plätze unter den Brücken waren unbrauchbar, seit die Stadt sie mit einem Minenfeld aus Asphaltspitzen geschmückt hatte. Beschissene Taubenabwehr – nur für Obdachlose. Ein Jammer, dass Menschen im Gegensatz zu Vögeln nicht einfach davonfliegen konnten. Irgendwo in Richtung Süden.


    Malika gab ein paar Melodien zum Besten, die niemanden interessierten. Die Menschen stampften an ihr vorbei, als würde sie dort gar nicht sitzen, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt und einen Becher zu ihren Füßen. Doch wie immer folgte Ärger der Ignoranz dicht auf.


    »Yo, Fotze!« Zwei Halbstarke kamen auf sie zu. Gang bemüht lässig. Die Hände tief in den Taschen der Trainingshosen. »Bock, mal auf unseren Flöten zu spielen?«


    Die Jungs grinsten blöd.


    »Schon mal eine Flöte im Arsch gehabt?«, fragte Malika tonlos. Sie schob ihren gefütterten Parka zur Seite, damit diese zwei Arschgeigen ihr Messer sehen konnten. »Geht brav weiter, bevor mir noch was wirklich spitzes ausrutscht.«


    Die Jungs zeigten ihr den Mittelfinger, aber Malika ignorierte sie. Diese zwei Halbstarken waren nicht der Rede wert. Große Klappe, nichts dahinter. Kein Grund zur Sorge. Malika kannte ihre Pappenheimer. Es gab die Halbstarken, die Besoffenen, die Junkies und die wirklich üblen Typen. An jeder Ecke lauerte Gefahr, wenn man zur falschen Zeit den falschen Arschlöchern im Weg saß. Auf der anderen Seite fuhr lärmend eine U-Bahn ein. Menschen stiegen aus, Menschen stiegen ein. Ein kleiner Hund kam freudig auf Malika zu, doch ehe sie die Hand nach ihm ausstrecken und ihn streicheln konnte, wurde er brutal an seiner Leine zurückgerissen.


    »Böser Hund!«, blaffte ihn seine alte und faltige Besitzerin an. »Böser, böser, böser Hund! Pfui!«


    Malika reinigte gerade ihre Flöte, wenig hygienisch mit Spucke und Puste, als eine Kinderstimme neben ihrem linken Ohr erklang.

    »Diese verfickten Hexen lassen einen nie ihre Hunde streicheln.«


    Malika bekam fast einen Herzinfarkt.


    »Was zum - «


    Ein kleiner Junge hockte neben ihr, höchstens sechs oder sieben Jahre alt. Der Bursche war blass, nahezu gespenstisch bleich und hatte die Augen leicht zusammengekniffen. Sein zorniger Blick galt der Alten, die ungeduldig ihren Hund zum Ausgang des U-Bahnhofs schleifte. Malika hatte keinen Dunst, wo her der kleine Scheißer plötzlich herkam.


    »Ich kann sie für dich abstechen«, sagte der Junge im Plauderton und schenkte Malika ein zahnlückiges Grinsen. Er hatte Locken, die ihm am Schädel klebten. Der Kleine schien geradewegs aus dem Regen in der Traufe gelandet zu sein. »Kostet dich nur was.«


    Malika sah sich verstört nach Erwachsenen um, die zu dem Kleinen gehörten, doch niemand schien sich für den Jungen zu interessieren. Instinktiv reinigten ihre Finger weiter die Flöte, während Malikas Verstand Amok lief. Ihre Alarmglocken schrillten.


    »Keine Musik«, sagte der Junge ernst und deutete auf Malikas Flöte. »Nicht hier. Niemals unter der Erde. Sie hören dich sonst.«


    »Wer?« Malika sah sich erneut nach einem Erwachsenen um. Einem genervten Vater, einer hysterischen Mutter, aber niemand kam auf sie zugeeilt, um das Kind von der Obdachlosen wegzuzerren.


    »Na, die Lauscher.« Der Junge tippte sich gegen die Nasenspitze. »Bist du irgendwie dumm, Lady?«


    »Wo sind deine Eltern?«, fragte Malika misstrauisch.


    Der Junge starrte sie an, als hätte sie den Verstand verloren.


    »Meine was?«


    »Deine Eltern. Mama und Papa.« Und weil Malika ein sehr offener Mensch war, fügte sie rasch hinzu; »Oder hast du Mamas? Papas? Man kann ja mehrere haben.«


    Der Junge zuckte nur mit den Schultern und kaute auf Fingernägeln herum, die fast noch schmutziger waren als Malikas. Die Hände des Jungen sahen aus, als hätte er erst kürzlich im Dreck gewühlt. Generell schien das Outfit des Jungen aus einem „Mode für den jungen Ausreißer“- Katalog aus den 80ern zu stammen. Ausgeleierte Schlafanzughose, zwei verschiedenfarbige Gummistiefel und ein kleiner Rucksack mit dem Aufdruck der Ninja Turtles, der gut gefüllt war. Irgendwas daraus tropfte zu Boden. Es war kein Regenwasser, dafür war die Flüssigkeit zu dunkel. Sie erinnerte Malika irgendwie an Blut.


    »Sag mal, Kleiner. Bist du von zu Hause weggelaufen?«


    »Wen juckt’s.« Der Junge kniff die Augen zusammen. »Bist du’s?«


    »Klar. Schon vor Jahren.«


    Der Junge nickte und betrachtete eingehend Malikas Becher mit Kleingeld. »Gute Wahl«, sagte er altklug. »Erwachsene machen nur Ärger. Alles Quatsch mit Soße.«


    »Verstehe«, sagte Malika und verstand überhaupt nichts. Sie schraubte ihre Flöte wieder zusammen und wollte sie gerade an ihre Lippen setzen, als der Junge zornig kreischte. Ehe Malika reagieren konnte, wurde ihr wütend die Flöte aus den Händen gerissen. Der Junge flitzte in Blitzgeschwindigkeit über die Plattform und sprang achtlos geradewegs ins Gleisbett.


    Malika hatte sich gerade einmal fluchend auf die Beine gerafft, als der kleine Dieb bereits im dunklen U-Bahn-Tunnel verschwunden war. Niemand der Anwesenden schien etwas bemerkt zu haben, denn kein besorgter Erwachsener lief ihm nach, niemand rief verstört nach Bahnhofspersonal. Die elektronische Anzeige verkündete, dass in einer Minute die nächste U-Bahn einfuhr. Der Junge würde gnadenlos überrollt werden. Vorausgesetzt, er bekam nicht vorher schon einen elektrischen Schlag. Waren U-Bahngleise überhaupt elektrisch geladen? Oder war das nur eine dieser tausend Lügen, die man im Laufe des Lebens erzählt bekam – und niemals vergaß? Malika war drauf und dran laut um Hilfe zu rufen, als ihr Blick auf den Boden fiel. Es dauerte einen Moment bis sie verstand, was sie an der kahlen Stelle zu ihren Füßen störte.


    Dieser kleine Dreckskerl hatte nicht nur ihre Flöte, sondern auch ihren Münzbecher geklaut.

  • Heyho N. Kalinina

    Auch wenn ich den Namen "Mücahit" irgendwie im Text als ziemich stressig zu lesen empfinde, isses für mich okay, weil der Rest deiner Schreibe in jedem Satz so dicht am Echten ist, daß ich 'ne Gänsehaut kriege.

    :nummer1:

    Mit wenigen Sätzen den Puls einer dreckigen Stadt einfangen und dann dort zwei Charaktere zu etablieren, die Teil davon sind.

    Das ist gut.

    :D

  • Hallo N. Kalinina

    Ich bin mir noch nicht sicher, was ich von der Geschichte halte - dafür ist noch zu wenig passiert und die Erzählstränge noch lose - und kann dir auch nicht versprechen, dass ich dran bleibe, dafür hab ich gerade zu viel eigenes Zeug am Laufen. (Ich habe das bisherige gestern gelesen, weil ich den halben Tag auf einen Anruf gewartet und dabei irgendwie nichts anderes zustande gebracht habe...) Ich wollte jedenfalls ein paar Anmerkungen loswerden:


    Auf eine Art gefällt mir dein Stil, da sind ein paar schöne Beobachtungen und Bilder drin. Dann reist es mich aber an manchen Stellen wieder irgendwie durch Kleinigkeiten raus. Ich bin mir nicht sicher, ob das daran liegt, dass die Geschichte "über wenige Tage hinweg entstanden ist", also einfach nur so runtergeschrieben wurde... Na ja, ein paar Sachen, die mir etwas aufgestoßen sind im Spoiler.


  • @Katharina Wow! Vielen herzlichen Dank für deine tollen Eindrücke und Hinweise. Dein Text hat mir sehr geholfen. Ich wohne ja selbst in Berlin und daher bin ich etwas "blind" für die Eindrücke der Leser, die die Stadt nicht so kennen. Auch deine Anmerkungen bezüglich des Prologs wurden sehr zu Herzen genommen.


    Der Name "Mücahit" spielt eine große Rolle, daher wurde er (leider) etwas mehr als nötig erwähnt. Dieser Mangel wird aber umgehend behoben. Malikas Teil wird sich (vorerst) aber nicht ändern. Ich arbeite selbst freiberuflich für eine Orga für Street-Kids und da fielen mir genau diese Gedanken auf. Diese Menschen kümmern sich um nichts, nehmen vieles einfach an - aber fühlen sich um so mehr selbst im Stich gelassen. Das wollte ich irgendwie vermitteln.


    Ganz ist es der Sache noch nicht würdig. Daher nochmals DANKE für deine Zeit und deine hilfreichen Anmerkungen.


    Ich wünsche einen zauberhaften Sonntag.


    N.


    :fox:


    @ Der Wanderer Mensch, was würde ich nur ohne dich machen? Nicht viel, denke ich. Herzlichen Dank für deine Anregung. Der (peinliche) Fehler wurde umgehend behoben. Nochmals ein herzliches DANKE dafür.


    Es ist unglaublich, wie dieses Forum einem hilft und es bleibt eine Ehre hier sein zu dürfen.


    Nochmals DANKE für deine Umsicht, dein kritisches Auge und deine Meinung, die mir sehr viel bedeutet.


    Herzliche Grüße aus Berlin,


    N.