Kriegerkönigin

Es gibt 149 Antworten in diesem Thema, welches 11.074 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Rainbow.

  • Hey Kirisha,


    Na mal sehen, ob die Sache nun klarer wird.

    Jepp! :thumbsup: Genau sowas in der Art hat mir gefehlt. Das fand ich als Erklärung einleuchtend und irgendwie als Hintergrundgeschichte zu Shalimar (kann ich ihn nicht weiter Turris nennen? :rolleyes: ) ganz cool.


    Dass sich für ihn Murissas Geschichte im Gegenzug wieder mal nach einem Märchen anhört, kann man sich nur allzu gut vorstellen. :rofl:Schön, wie er sie am Ende auf die Schippe nimmt. Dabei spricht sie tatsächlich die Wahrheit.


    Kann weitergehen :gamer:

  • Danke Rainbow und Thorsten

    Ich glaube, ich muss diese Namensänderung doch etwas gründlicher bearbeiten.


    Und hier nun der Schluss des Kapitels:


    13.3 Das Fluchmal

    Unglücklich flüsterte ich: „Ich hätte nicht so viel flunkern sollen. Ich mache das auch nicht wieder, das verspreche ich dir. Aber das mit dem fliegenden Pferd stimmt wirklich. Von heute an, von jetzt an, sage ich dir nur noch die Wahrheit!“

    „Unglücklicherweise verdreht sich anscheinend auf deinen Lippen jedes einzelne Wort zu einem neuen Schwindel, selbst wenn du das vielleicht gar nicht willst“, erwiderte er hart. „Selbst wenn du mich dabei mit so unschuldigen Blicken anschaust, dass es einen Eisberg schmelzen könnte.“

    „Ich schwöre dir, dass ich dich nie wieder anlügen werde!“

    „Schwöre nicht so viel, mach es lieber. Na schön. Bist du also auf einem fliegenden Pferd geflohen oder nicht?“

    „Ja, das bin ich!“

    „Und wo ist es jetzt, warum habe ich es noch nicht gesehen?“

    Mist. Ich wusste, dass diese Frage kommen würde.

    „Das hat mir jemand gestohlen.“

    Seine Blicke gefroren zu Eis. Er sagte nichts mehr. Ich würde ihn verlieren. Was sollte ich nur machen, um sein Vertrauen zurück zu gewinnen?

    „Es war ein so feines Pferd“, fing ich deshalb an einfach weiter zu erzählen, so als hätte ich nicht gemerkt, dass er kein Wort glaubte. Bei der Erinnerung traten mir die Tränen in die Augen. „Schon unterwegs haben es alle angestarrt und wollten es mir wegnehmen. Hoffentlich ist es nicht verhungert! Hier in der Gegend ist es so schwer, an Fische heranzukommen.“

    Er blickte mich finster an. „Murissa. Verdammt, hör bitte auf um den heißen Brei herum zu fantasieren. Mit jeder neuen Erklärung versteigst du dich in immer aberwitzigere Ausreden. Das geht nicht. Kein Mensch hält sowas aus. Wenn du mir nicht helfen willst, sag es einfach. Es ist vielleicht sowieso besser, wenn ich dich da nicht mit hineinziehe.“

    „Aber ich will dir helfen!“

    „Dann sag mir, wo der Schlüssel ist!“

    „Wenn ich das doch nicht weiß?“

    Shalimar legte mir einen Finger auf die Lippen. Sichtlich enttäuscht nahm er seine Hand dann zurück und fuhr sich mit fahrigen Bewegungen durch die langen Haare. „Gut. Ich habe dich schon verstanden. Ich werde dich nicht nötigen, Dinge zu tun, die du verabscheust. Geh du deinen Weg und ich gehe meinen. Aber sei bitte so gut und erzähle nicht herum, was ich dir gezeigt habe. Ich will nicht, dass andere davon erfahren und ... sich dann vielleicht vor mir erschrecken.“

    Er reichte mir die Hand und ich wusste, wenn ich sie nahm, war es ein Abschied für immer. Ich würde ihn nie wieder sehen und dieser Fluch, oder auch der dämonische Ring – je nachdem, was davon effektiver war - würde ihn vernichten. Ruckartig zog ich meine Hand zurück.

    „Aber es ist überhaupt nicht so, wie du denkst!“, rief ich verzweifelt. „Während ich mir Geschichten ausdenke, verwandeln sie sich irgendwie in Wahrheiten ... Die Idee mit dem Meermädchen zum Beispiel. Es stimmt, das war erlogen, als ich dir das aufgetischt habe. Auch das Untermeer oder die Meeresprinzen ... Ich musste das doch damals sagen, sonst hätte mich niemand in deiner Gruppe respektiert, nicht mal du selber. Aber, Shalimar, inzwischen habe ich herausgefunden, dass das alles wahr ist! Ganz ehrlich, ich bin WIRKLICH eine echte Meerjungfrau und nicht alle Seen sind so höllisch dunkel, wie du sagst, die sind eigentlich klar und wunderschön, und wusstest du, dass manche Wassermenschen unter Wasser singen?“

    „Murissa!“, fauchte er mich an. Er schloss einen Moment lang die Augen. Dann öffnete er sie wieder und ich sah eine tiefe Verlorenheit darin, und eine Abwehrhaltung, die mich erschreckte.

    „So, das stimmt alles! Und wo sind deine Flossen? Zeig sie mir!“

    Ich bückte mich und hob mein Hosenbein hoch, damit er das lederne Band um mein rechtes Fußgelenk sehen konnte.

    „Ich hab den Feen ein magisches Fussband geklaut, das meine Beine in Flossen verwandelt, schau hier.“

    Er zog die Augenbrauen hoch.

    „Das funktioniert wohl nur im Wasser, nehme ich an?“

    Deutlich hörte ich die Ironie in seiner Stimme heraus.

    „Ja, leider“, flüsterte ich.

    „Ist dann ja direkt schade, dass es in Tandra keine Seen oder Flüsse gibt und ich dich also nicht bewundern kann.“

    Das wurde nur immer schlimmer. Lahm fügte ich hinzu: „Ich führe es dir vor, sobald es eine Gelegenheit gibt.“

    Er nickte. „Mach das.“

    Dann verstummte er endgültig.

    Ein ungutes Schweigen breitete sich zwischen uns aus. Das Licht der Kerze warf dunkle Schatten über sein Gesicht, die hin und herflackerten. In mir erstarb alle Hoffnung darauf, den Weg zurück zu ihm finden zu können. Es half überhaupt nicht, die Wahrheit zu sagen! Da hätte ich ruhig weiter lügen können.

    Wir starrten uns an, ohne ein Wort zu sagen. Als warteten wir beide darauf, jemand könnte die Anklagen löschen, die jetzt zwischen uns hingen und die Luft zum Atmen vergifteten.

    Er räusperte sich.

    „Also dann.“

    Schon drehte er sich um und ging mit schweren Schritten zur Ausgangstür. Ich wollte ihn aufhalten, mich an ihn klammern, aber was hätte ich damit erreicht? Also blieb ich stehen wie eingefroren und sah ihn aus meinem Leben verschwinden. Wie trostlos die Welt plötzlich aussah. Wie arm und kalt.

    Der Dämon im Park, schoss es mir plötzlich durch den Kopf. Ich war doch eigentlich hergekommen, um ihn davor zu warnen.

    Er hatte schon die Tür erreicht und schob gerade den Riegel zur Seite, da rannte ich ihm nach und hielt ihn am Arm fest.

    „Eins muss ich dir unbedingt sagen“, presste ich keuchend hervor. „Dieser Monstergeist im Gruftenpark... Ich glaube, das ist ein Dämon! Der wird uns morgen alle umbringen! Das erfinde ich nicht, Shalimar. Kannst du das bitte der Priesterin sagen und sie um Hilfe bitten?“

    Er schüttelte sich, als wäre meine Hand eine lästige Spinne, die er verscheuchen wollte.

    „Warum sagst du ihr das nicht selbst?“

    „Weil dann alle erfahren, dass ich Magie sehen kann und dann fliege ich aus der Stadt heraus.“

    Einen grausigen Moment lang stellte ich mir vor, ich müsste morgen wieder zu den Gruften gehen und ein ganzes Heer dieser Geister würde mich anfallen. Wie sollte ich den nächsten Tag überstehen? Aber ... Bestimmt würde er mir auch die Geister wieder nicht glauben.

    „Schön.“ Seine Stimme klang kalt und gezwungen. „Wenn dich das beruhigt, sage ich es ihr.“

    Mir fiel ein ganzes Tonnengewicht vom Herzen. Ohne dass ich begriff, was ich machte, hing ich ihm im nächsten Moment um den Hals und flüsterte: „Danke! Danke!“

    Seine Wärme umüllte mich und verwirrte noch die paar verbleibenden klaren Gedanken, die ich eventuell gehabt hatte. Es kam mir ja fast vor, als erwiderte er meine leidenschaftliche Umarmung, als wollte auch er mich gar nicht loslassen.

    Aber das Gefühl verging schnell, schon schob er mich zur Seite.

    „Hör auf damit.“

    „Es ... tut mir leid.“

    Da hatte er sich schon umgedreht und im nächsten Moment hörte ich seine schnellen Schritte die Treppe herunterhasten.


    Wie ich aus dem Turm herausgekommen bin, weiß ich nicht mehr. Auch nicht, wie ich die Gesindekammer erreichte. Die ganze Welt krachte über mir zusammen und es war mir herzlich egal, wie es danach weitergehen sollte. Die Mägde waren leider noch wach. Sie lachten und quasselten ohne Pause. Aber ich hätte sowieso nicht schlafen können. Mit weit offenen Augen legte ich mich auf mein Strohlager, aber sah doch nichts außer der Erinnerung an Shalimars harte und verschlossene Miene.

    Lautes Geschrei riss mich aus meiner dumpfen Betäubung. Jemand rief sehr laut und deutlich meinen Namen.

    „Murissa!“

    „Murissa! Wo steckst du denn!“

    Das waren die Stimmen der Mägde. Schritte kamen näher. Wollte jemand zu mir? Warum denn das? Mehrere mir gänzlich unbekannte Soldaten und Höflinge umringten mein Lager.

    Der Büttel? Ein Strafgericht? Hatte ich was ausgefressen? Ausnahmsweise war mein Gewissen blütenrein. Oder hatte ich irgendeine Missetat begangen, von der ich nicht mehr wusste?

    Ich war schlagartig hellwach und richtete mich auf.

    „Was ist los?“, fragte ich, tief erschrocken.

    „Bist du Murissa?“, fragte einer der Höflinge polternd. „Die Elgo, die am Tempel Geschichten von einer fremden Königin erzählt hat?“

    Ach du lieber Himmel.

    „Ich? Was soll ich erzählt haben? Was wollt ihr von mir?“

    War heute noch nicht genug Unheil über mich hereingebrochen?

    Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig. Die fremde Königin. Die hatte ich schon längst wieder vergessen. War es ein Problem, dass ich am Tempel etwas von ihr erzählt hatte? Sollte das eine Anklage werden? Ich hätte die Priesterin nicht besuchen sollen. Man bekam nur Scherereien an diesen Tempeln.

    „Du kommst mit. Der Fürst will unbedingt von dir selber hören, wen oder was du gesehen hast.“

    „Der ... der der der Fürst?“, stotterte ich. „W-welcher Fürst?“

    „Das fragst du noch? Fürst Silvrin von Aravenna. Hoch mit dir! Komm!“

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Hey Kirisha ,


    wirklich schön geschrieben, wie die Kluft zwischen Turris (! :) !) und Murissa immer größer und größer wird, und das, obwohl sie ja die Wahrheit sagt. Am Ende hat sie mir echt richtig leid getan. Ich konnte ihre Enttäuschung und ihren Frust richtig gut nachvollziehen.

    Und damit nicht genug, kommt jetzt der nächste Schlamassel auf die zu. Der Fürst will sie sehen. Der, den alle Mägde anhimmeln und sich wahrscheinlich beide Beine abhacken würden, um ihn einmal von Nahem zu sehen :rofl:


    Ich habe gerade versucht, in meiner Erinnerung zu kramen, auf was genau jetzt hier angespielt wird. Irgendwie hab ich das nicht mehr auf dem Schirm, was Murissa am Tempel gesagt haben soll :hmm:


    Ansonsten bin ich natürlich schon sehr gespannt auf das Aufeinandertreffen von Murissa und dem Fürsten :gamer:

  • Ansonsten bin ich natürlich schon sehr gespannt auf das Aufeinandertreffen von Murissa und dem Fürsten :gamer:

    Danke schön liebe Rainbow

    Ich wollte eigentlich gerade die Fortsetzung posten (Penthesilea), aber Thorsten war nicht so zufrieden damit und ich habe mich jetzt entschlossen, anstelle der Malaxes-Geschichte das Wasserthema da wieder mehr auszubauen, das ich vernachlässigt hatte, hab da eine ganz gute Idee. Vielleicht wird es damit etwas runder. Also braucht es jetzt noch etwas Zeit.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Ich habe jetzt noch etwas an dem neuen Teil herumkorrigiert. Ob es dadurch tatsächlich besser geworden ist, weiß ich selbst nicht. Na, mal sehen, wie du es findest.


    P14. Alte Sünden und ein neuer Plan

    Penthesilea


    Offenbar sind wir die letzten Kundschafterinnen, die zurückkehren. Als ich aus der Luft das Basislager erblicke, sehe ich um unsere Zelte herum ein eifriges Treiben. Einige Kriegerinnen ziehen sich bereits ihre blau glänzenden Stahlhemden an, schärfen ihre Schwerter oder putzen die schuppigen Leiber der Reitechsen und legen ihnen Schutzpanzer über. Eine größere Gruppe steht im Kreis und diskutiert lautstark. Es sieht aus, als wollten sie schon in die Schlacht aufbrechen.

    Ich greife meinem Flieger in die Zügel und kurve abwärts, bis ich mit meinen Begleiterinnen Chep, Zok, Brynea und Protoe in der Mitte des Lagers lande. Die Flugpferde übergeben wir an die Novizinnen und die beiden betäubten Testerzeuger, die wir in der Stadt Tandra gefangen haben, nehmen sich gleich die Analytikerinnen vor.

    „Holt Thimonae zu mir, ich will die Ergebnisse der ersten Testungen hören – alle Generälinnen in mein Zelt“, befehle ich ihnen.

    Kurz darauf treffen wir meine Anführerinnen auf den Bastteppichen in meiner Besprechungsjurte: Arixes, wie so oft mit einem leicht beleidigten Zug um ihren Schnabelmund. Parchemea, deren Rückenpanzer sie heute hoch nach oben gezogen hat, hinter ihr die silberhaarige Goplea und als Letzte quetscht sich die magere Naftare herein, deren Augen heute komplett abgeschirmt sind, weshalb ich mich frage, ob sie überhaupt etwas sieht. Als zuletzt auch noch unsere Analytikerinnen auftauchen und wir also komplett sind, begrüße ich die Gefährtinnen und eröffne die Besprechung.

    „Habt ihr schon die Testexemplare analysiert?“, frage ich Thimonae, deren bleiches Gesicht unter einem ausladenden Hut kaum zu sehen ist.

    „Die Elgo sind durch“, meldet sie und zuckt gleichmütig mit den Achseln. „Allerdings werden dich die Ergebnisse nicht vom Hocker hauen. Neun Magieträger unter 126 Vorfahren. Besonders viel Zauberkraft werden sie nicht vererben.“ Sie lächelt entschuldigend. „Willst du die Stammbäume sehen?“

    Ehrlich? Ich habe Mühe, mir die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Damarynth, das Hexenland. Wo sind sie denn, alle ihre Hexen? – He, die finden wir schon noch!

    „Danke“, winke ich ab. „Nein, die Stammbäume interessieren mich jetzt noch nicht, kannst sie mir später zeigen. Untersucht die neuen Erzeuger, die wir aus Tandra mitgebracht haben.“

    Thimonae salutiert und verlässt das Zelt.

    „Also ich hätte etwas zum Hockerhauen“, raunt Goplea und erhebt verheißungsvoll ihre ledrige Eidechsenhand. „Wir haben uns die Stadt Darghessa angeschaut. Das ist der nächstgelegene Ort hier, den wir schon von fern gesehen haben. Von dort haben wir sehr interessante Testerzeuger mitgebracht – das Volk nennt sich Skeff.“

    Die Kletterin sieht mich bedeutungsvoll an. Etwas an ihrer Stimme lässt mich aufhorchen.

    „Sind sie schon analysiert?“, frage ich und spüre mein Herz härter schlagen, obwohl mir klar ist, die Analyse wird wohl noch andauern, weil sie gerade erst zurückkamen.

    „Das können wir uns fürs Erste sparen“, erklärt Goplea verschmitzt, legt ihre Hände um ihre Lippen und ruft laut: „Thimonae! Zeig ihnen unsere Beute!“

    Jemand hebt die Leinwand meines Zelteinganges hoch und zwei in schwarze Uniformen gekleidete Erzeuger treten ein. Mir bleibt die Zunge im Hals kleben.

    Es sind schlanke, mittelgroße Krieger mit schwarzen Haaren – aus deren Schulterblättern rechts und links gewaltige fledermausartige Flügel herausragen.

    „Heil dir, großmächtige Kamamé, gelobt und gepriesen sei dein Name“, flüstere ich und starre die Erzeuger an, als könnten sie sich jeden Moment wieder in Luft auflösen.

    „Flieger!“, keucht Chep, „Ich glaub´s nicht, die schauen aus wie Fledermäuse!“

    Zok hinter ihr fängt an zu kichern und unvermittelt brechen alle meine Generälinnen in schallendes Gelächter aus. Fledermäuse … auch ich muss grinsen, denn der Vergleich passt. Alles an diesen Erzeugern ist schwarz, ihre Kleidung, ihre Augen, ihre Haare, ihre Flügel erstrecken sich ledrig und lang in die Höhe und aus ihren Augen leuchtet eine gewisse Wildheit – die ich mir vielleicht nur einbilde. Jedenfalls wäre ich nicht verwundert, wenn sie plötzlich auf den Erdboden stürzen und Mäuse jagen würden.

    Eine Vision steigt vor meinen Augen auf: Ein neues amazonisches Heer, über dessen Köpfen Fliegerinnen den Himmel verdunkeln … welcher Feind könnte uns widerstehen, wenn wir ihm mit geflügelten Kriegerinnen auflauern würden? Augen werden sie machen daheim. Ich sehe schon das Volk von Femiterra am Hafen stehen und bin mir sicher, solch einen Jubel habe ich noch nicht gehört wie jenen, mit dem sie diese Erzeuger empfangen werden!

    Stopp. Gewaltsam muss ich meine Gedanken in die Gegenwart zurückzwingen. Noch sind wir nicht so weit. Erst einmal haben wir eine Schlacht zu gewinnen … gegen Gegner aus der Luft! Ob das leichter ist als im Wasser zu fechten?

    Darum die Luftblockade vor dem Stadttor in Tandra! Sie diente dazu, das fliegende Volk zu blockieren!

    „Was ist mit ihren magischen Eigenschaften?“, frage ich, in der Hoffnung, sie möge bitte unseren Höhenflug nicht gleich wieder verderben.

    „Das sind ganz sicher Strahlenvererber. Wir haben Magiebanne in ihrer Stadtmauer gesehen“, erklärt Goplea und starrt mich selbstzufrieden an. Ich kann es noch gar nicht glauben. Ein Glückstreffer. Alle unsere Wünsche gehen in Erfüllung!

    Okay, noch nicht ganz. Wir müssen den Kampf gegen sie noch gewinnen. DAS wird unter diesen Umständen sicher nicht leicht.

    „Ihre Stadt ist gut geschützt?“, fahre ich fort zu fragen, obwohl ich die Antwort schon ahne.

    „Wie ein Bollwerk.“ Goplea grinst mich an. „Eine ganze Armee patrouilliert auf der Schutzmauer, zwischen ihren Steinen blinken Strahlen, und auch drinnen haben wir haufenweise Truppen gesehen. Aber das schaffen wir schon. Wär doch gelacht.“

    Schlagartig bin ich ernüchtert und fühle mich, als wäre mir ein deftiger Kater in den Kopf gerasselt wie nach einem Rausch.

    „Analysiert die Beute genau, ich bitte darum“, befehle ich und schicke Thimonae mit den Fledermäusen wieder hinaus. Meine Generälinnen sind exaltiert. Sie scheint ein ähnlicher Rausch ergriffen zu haben wie mich gerade eben. Jubelnd schlagen sie sich gegenseitig auf die Schultern, Chep boxt mir so in die Seite, dass ich beinahe gefallen wäre.

    „Hat jemand von euch was Besseres gefunden als diese Flieger?“, frage ich in die Runde.

    Arixes tritt vor. Ihre Augen glitzern eigentümlich. „Ich!“, erklärt sie bedeutungsvoll und klatscht sich mit ihren schwimmhäutigen Fingern auf die Brust. „Ihr werdet euch wundern! – Aber ich lasse den anderen den Vortritt. Naftare? Was hast du entdeckt?“

    Ich weiß, dass Arixes geltungsbedürftig ist und einen Hang zu Übertreibungen hat, aber etwas an ihrer Stimme lässt mich aufhorchen. Wie bitte? Etwas noch Besseres als die Flügelmänner kann ich mir gar nicht vorstellen! Oder ...?

    Parchemea und Naftare geben nacheinander einen kurzen Rapport über die Städte, die sie besichtigten, aber keine von ihnen kann die Fledermäuse toppen.

    Da positioniert sich Arixes siegessicher in unserer Mitte. Sie erhebt theatralisch beide Hände und platzt los:

    „Das Wasservolk der Chyrren! Wir haben die letzten Überlebenden gefunden! Sie werden von Wassergeistern bewacht, darum sind sie nicht so leicht zu finden. Wir haben Bilder on ihnen festgehalten. Saxara! Tritt vor und zeig den Generälinnen, was wir gesehen haben!“

    Eine schmächtige Schwimmerin drängt sich hinter Arixes´ Rücken hervor und verbeugt sich vor mir, wobei sie mich scheu anblickt und dann einen unförmigen Stab aus ihrem Gürtel zieht. Diesen legt sie vor uns auf den Erdboden, kniet nieder und streicht mit der Hand darüber. Über dem Stab beginnt es zu knistern und zu blitzen, dann steigt ein menschengroßes Bild daraus empor. Ich beuge mich näher heran und sehe aus den Augenwinkeln, wie auch die Generälinnen die Augen aufreißen, um das Schauspiel genau zu erfassen.

    Das magische Bild der Kriegerin zeigt einen kleinen See, dessen Wasseroberfläche von einem ganzen Schwarm dieser ekelhaften Wassergeister bevölkert ist. Sie springen und huschen übereinander herum wie Fliegen, die in der ganzen riesigen Gruppe mal hierhin und mal dorthin zischen. Der See brodelt, Wellen klatschen hoch und bleiben in ständigem Aufruhr, weil die Geister niemals stillstehen. Vom Ufer her nähert sich nun eine Gruppe meiner Schwimmerinnen, die vorsichtig auf das Wasser zu stapfen. Sofort zischen die Geister in rasender Geschwindigkeit auf sie zu. Mäuler mit scharfen Zähnen schnappen aus den Fluten, lange Schuppenschwänze klatschen gegen die Wellen. Ein ganzer Pulk dieser aggressiven Wesen jagt am Ufer auf und ab und versucht, in die Flossen der Schwimmerinnen zu beißen. Wären es Wölfe, würden sie sicher um die Wette bellen, doch diese Wasserwesen knurren nicht, kein Laut entweicht ihren Mäulern. Ich höre nur das beständige Klacken ihrer Zähne, wenn sie zusammenschlagen, und das Platschen der Wellen.

    Schlagartig türmen sich die Wellen immer höher, Schaumkronen recken sich in die Luft. Unter lautem Platschen tauchen riesenhafte Gestalten aus dem Wasser auf. Gewaltige schuppige Wesen mit krokodilsartiger Panzerhaut und von Tentakeln überragten Gesichtern stapfen aus den Tiefen. Es ist eine ganze Gruppe von etwa zwanzig Wesen, ungeheuerlich groß wie Riesen. Zu viele für Arixes´ Botentruppe, welche die monströsen Wesen mit großen Augen anstarrt, dann kehrt macht und die Flucht ergreift.

    Das Bild erlischt. Wie aus einem Traum erwacht, finden wir uns im Besprechungszelt wieder. Arixes grinst mich an.

    „Na? Ist das nicht traumhaft? Wir haben das Wasservolk gefunden, das wir erobern wollen!“

    Hm? Meint sie das im Ernst? Beinahe hätte ich laut gelacht, denn ich sehe an den erstaunten Gesichtern um mich herum, dass nur Arixes allein diese Idee fabelhaft findet. Alle meine anderen Generälinnen, ich eingeschlossen, sind mehr als nur froh, wenn wir uns nie wieder mit Fischen und ihren Verwandten beschäftigen müssen.

    „Sehr gut“, lobe ich diplomatisch, während ich gleichzeitig überlege, wie ich das Thema dezent und ohne beleidigend zu werden abwürge. „Und wo sind eure Testexemplare?“

    Sofort erkenne ich an der verärgerten Miene der Schwimmerin, dass ich sie kalt erwischt habe.

    „Hast du die Monster nicht gesehen? Wie sollten wir die mit den paar Leuten einfangen?“, erklärt Arixes wegwerfend, „ich erbitte jedoch deine Erlaubnis, nochmal mit einer größeren Truppe auszufliegen, um das zu erledigen.“

    Glaubst du wirklich, irgendwer in unserem Kreis will noch einmal ins Wasser springen?

    „Abgelehnt“, weise ich sie zurück. „Wir nehmen die Flieger. Ich glaube, dafür gibt es eine Mehrhalt.“

    Naftare und Goplea nicken mir bekräftigend zu, Chep ruft: „Natürlich!“ und auch Parchemea zeigt durch ihren erhobenen Daumen an, dass sie meine Meinung teilt.

    Arixes schnaubt wütend und statt aus dem Mund stößt sie die Luft aus ihren Kiemen aus, die sich dabei abenteuerlich heben.

    „Unsere Aufgabe war es, ein Wasservolk zu besiegen!“, faucht sie.

    „Unsere Aufgabe ist es, das am besten geeignete Volk des Ziellandes zu besiegen“, korrigiere ich hart und werfe ihr einen Blick zu, der sie zum Schweigen bringt.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Kirisha


    Hm, ich weiß jetzt natürlich nicht, wie es vorher war und was genau Thorsten zu beanstanden hatte. Diese Version hier liest sich für mich jetzt soweit ganz schlüssig. Am coolsten fand ich, als die beiden Skeff-Krieger vorgeführt wurden. Die mag ich ja eh. Spätestens seit deiner Dark Prince Geschichte :thumbup: Ich kann mir ungefähr vorstellen, wie die beiden ihre Entführung durch ein Amazonen-Volk finden :rofl:


    Ich nehme an, du hast die Szene mit dem See nachträglich noch eingeführt, um daran zu erinnern, dass sie eigentlich ein Wasservolk erobern wollten, oder? Ich weiß nicht, ob das unbedingt erforderlich ist... aber JA. Wahrscheinlich würde es sonst stutzig machen, warum die so einfach von dem ursprünglichen Plan abkommen. Falls Sie das überhaupt tun. Vielleicht denke ich auch gerade in die falsche Richtung.


    Es war eine Stelle, da hat Penthesilea einen Befehl ausgesprochen, allerdings war es mehr als Bitte formuliert. Das passte für mich nicht ganz. Ich kann gerade nicht zitieren, aber vielleicht findest du es auch so.


    Ansonsten habe ich mich zwischendurch gefragt, warum die gleich ein ganzes Volk unterjochen müssen. Reicht es nicht, eine Handvoll Erzeuger mitzunehmen und die dann entsprechend für ihre Zwecke zu “gebrauchen”? Okay, da kommt die Pazifistin in mir durch :rofl:... obwohl es natürlich auch nicht nett ist, einfach ein paar Männer zu entführen, um sie dann wie “Samenspender” zu halten.


    Aber ja... okay. Die Amazonen sind halt ein kriegerisches Volk. Was will man da machen? :pardon:


    Kann weitergehen :gamer:

  • Ich nehme an, du hast die Szene mit dem See nachträglich noch eingeführt, um daran zu erinnern, dass sie eigentlich ein Wasservolk erobern wollten, oder? Ich weiß nicht, ob das unbedingt erforderlich ist.

    Genau ...

    Ich dachte, ich habe in den ersten Bänden so viel auf dem Wasserthema herumgesprungen, dass es die Leser frustrieren könnte, wenn das in diesem Band nicht mehr so eine Rolle spielt. Es wird außerdem noch etwas kommen, aber erst viel später.

    Aber eigentlich schwächt der Einschub die Szene auch wieder etwas ab.

    Insgesamt würde ich in diesem Kapitel lieber eine neue Episode schreiben als eine Rückblende, aber ich komme einfach nicht drauf, wie ich das schlüssig gestalten sollte (muss dann ja auch zum Folgenden passen und irgendeine Relevanz haben).

    Reicht es nicht, eine Handvoll Erzeuger mitzunehmen und die dann entsprechend für ihre Zwecke zu “gebrauchen”?

    Ich habe es absichtlich nirgends ganz deutlich gesagt, was genau das Ziel ist, aber es wird sich im Lauf der Zeit herausstellen. Wenn man da ein wenig rätselt, ist es vielleicht nicht schlecht.


    P14.2 Alte Sünden und ein neuer Plan

    Wir werden unterbrochen. Ummexes tritt ein, eine von Arixes´ Unterführerinnen.

    „Verzeiht, dass ich störe, aber da wäre noch eine Angelegenheit zu klären, bevor wir die Schlacht vorbereiten“, knurrt sie und blickt zu Arixes, die ihre Lippen zusammenkneift.

    Hm? Habe ich etwas verpasst?

    „Es betrifft hoffentlich nicht dein verlorenes Schäfchen, Malaxes?“, frage ich ahnungsvoll und wende mich nun ebenfalls an die Generälin der Schwimmerinnen.

    Die Antwort sehe ich, bevor ich sie höre. An dem erregten Funkeln in allen Augen, an den geröteten Wangen meiner Generälinnen wird mir klar, dass schon alle Bescheid über etwas wissen, das mir noch keiner wagte zu sagen und vermutlich das gesamte Heer darüber tratscht.

    Arixes knetet verlegen ihre Flossenhände. „Das ist eine schwierige Angelegenheit.“ Sie räuspert sich.

    Nicht doch. Das kann ich jetzt gar nicht gebrauchen.

    „Malaxes hat …“, Arixes´ Stimme wird immer leiser, „… sich darauf berufen, dass du selber eine Tochter zur Welt gebracht hast, die nicht gottgeweiht ist …“

    Als hätte sie mich ins Gesicht geschlagen. Gerade glaubte ich schon, endlich um Ruhm und Ehre ausreiten zu können und jetzt sehe ich, dass ich nicht einmal fest im Sattel sitze und mich jederzeit eine der anderen vernichten kann. Wie immer, geht es um meine Tochter. Dass Raven am Leben bleiben durfte, war eine göttliche Ausnahme. Die allereinzige Ausnahme jemals. Sollte ich eine Regel daraus machen wollen, würde ihr Zorn als erstes über mich persönlich und über meine Tochter herunterbrechen, wie sie mir bereits hundertfach in aller Deutlichkeit zu verstehen gab. Ich schleudere Arixes Blicke entgegen, die wie Blitze nach ihr ausschlagen. „Aber du hieltest es für notwendig, mich vor den Neulingen als eine respektlose Anführerin hinzustellen, der es eingefallen ist, allerhöchste göttliche Gesetze infragezustellen. Sind diese deinen Novizinnen überhaupt bekannt?“

    „Königin!“ Die Schwimmergenerälin baut sich zackig vor mir auf, ihre Wangen glühen. „Natürlich! Jede von ihnen kann sie auswendig herunterbeten!“

    „Da bin ich froh.“ Noch immer mustere ich sie kritisch und merke, wie meine Wut und ihre Entrüstung aufeinanderprallen. „Du wirst eine Versammlung einberufen, die Novizin vor den Kriegerinnen die Gesetze aufsagen lassen und dann rufst du die Göttin an und fragst, welche Strafe wir der Gesetzesbrecherin zuteilen sollen.“

    Arixes salutiert, zögert jedoch einen Augenblick.

    „Ich soll wirklich die Göttin deswegen anrufen? Wer eins der zehn Grundgesetze bricht, wird mit dem Tod bestraft. Die Regel ist klar …“

    Das ist sie. Eisige Kälte durchfährt mich. Meine Kriegerinnen sind wie meine Gliedmaßen, wie Fleisch von meinem Fleisch – ich hasse es, Todesurteile ausführen zu müssen! Noch schlimmer: Wenn ich eine Kriegerin für dasselbe Verbrechen zum Tode verurteile, das auch ich begangen habe, würde ich mir und meiner Tochter quasi selbst das Grab schaufeln. Hier geht es um mehr als nur meine Ehre. Malaxes darf nicht sterben … und ich darf gleichzeitig nicht das Gesicht vor der Göttin und vor meinen Leuten verlieren. Wie winde ich mich heraus?

    „Offenbar glauben hier ja einige, ich hätte mir in Bezug auf Ravens Geburt eine unzulässige Ausnahme erschlichen. Aber auch ich musste die Göttin um ihr Urteil bitten. Darum soll die Novizin dasselbe Recht bekommen wie ich damals!“

    „Jawohl, Königin.“ Arixes nickt mir zu und will schon gehen, doch ich halte sie zurück. In mir zersetzen sich meine Eingeweide, beginnt mein But zu sieden. Arixes bringt mich noch in den Wahnsinn. Zuerst die ungenügende Musterung, die das gesamte Heer gefährdet hat. Dann ihre Meuterei gegen mich und ihre Forderung zum Königinnenkampf. Das alles habe ich geschluckt, denn es war mehr oder weniger noch im Rahmen dessen, was halt mal passieren kann. Aber jetzt das! Ein Angriff auf das Leben meiner Tochter!

    „Nimm dich in acht, Arixes, du trägst für sie die Verantwortung, denn du hast sie als Novizin rekrutiert“, füge ich drohend hinzu. „Im Falle eines Todesurteils zahlst du ihrer Familie das Schmerzensgeld!“

    Die Generälin kneift ihren Schnabel zusammen und ihre Augen beginnen zu blitzen. Ich weiß, dass Arixes ihre Taler hütet wie eine Glucke ihre Brut. Sie soll dafür bluten, wenn sie mich ins Messer laufen lässt!

    Eilig läuft die Generälin aus dem Zelt. Die Nachricht der Verhandlung über Malaxes fegt offenbar wie ein Wirbelsturm durch das Lager und ich höre, wie hunderte von Schritte sich meinem Zelt nähern.

    Ich fühle mich krank. Obwohl ich noch keinen einzigen Schwerthieb getan habe, meine ich schon den Stich in meine eigene Brust zu spüren. Eine Lösung, heilige Göttin … werdet Ihr mir eine geben?

    Vor meinen Generälinnen, die mich plötzlich misstrauisch beäugen, gebe ich mich kalt und ungerührt. Hier Schwäche preiszugeben kann ich mir als Königin nicht leisten.

    „Wir waren dabei, das weitere Vorgehen zu besprechen“, versuche ich die Planungen wieder aufzunehmen, obwohl ich Mühe habe, meine Gedanken nicht zu meiner Tochter und zu der verwünschten Malaxes abschweifen zu lassen. „Konzentrieren wir uns also auf die Flieger. Offenbar leben diese in der Region Darghessa, die nicht weit von unserem Lager ist. Ihr wisst, dass ich Wert darauf lege, den König oder in diesem Fall den wichtigsten Fürsten des Landes persönlich herauszufordern und deshalb werde ich ihn als nächstes in seinem Palast besuchen, um mir ein Bild zu machen. Ich denke, wir sind sicherlich auf dem richtigen Weg, wenn wir dem Fürsten von Darghessa diese Position zuschreiben.“

    „Willst du nicht die Analyse der Testerzeuger abwarten?“, fragt Goplea. „Ich meine, vielleicht sind doch andere Völker interessanter als die Fledermäuse.“

    „Genau … vielleicht sollten wir auch jenen Friedensfürsten in die engere Wahl nehmen, den wir in Tandra sahen“, überlegt Brynea. „Der war doch sicher ein Magievererber. Hast du gesehen, er trug einen Energiestab bei sich.“

    Ein seltsames Gefühl, als wollte mir etwas alle Rippen sprengen, durchtost mich. Nein! Es war nicht falsch von mir, ihn zu ignorieren. Es war das Richtigste, das ich jemals tat.

    „Was sollen wir denn mit einem Friedensverfechter anfangen? Krieger brauchen wir! Sieger und Helden!“ Ich kann nicht verhindern, dass meine Stimme kalt und beißend klingt.

    Die Zelttür öffnet sich und Braxes gibt mir ein Zeichen, dass die Delinquentin erschienen und die Versammlung vollständig ist.

    Daher schreite ich nun nach draußen. Zu Hunderten umringen uns die Kriegerinnen, die in einem weiten Kreis rings um mein Zelt herum stehen und sich bis weit nach hinten ins Lager hinein verteilt haben. Alle Blicke sind auf uns gerichtet. Es ist wichtig, ein solches Urteil öffentlich zu machen, damit andere abgeschreckt werden und sich so ein Vorfall möglichst nie wieder ereignet.

    Drei Schwimmerinnen platschen zu mir auf die kleine Anhöhe herauf. Anscheinend haben sie den Unglücksvogel aus dem Wasser holen müssen, denn sie tropfen alle drei vor Nässe und ihre Algenhaare glänzen.

    Malaxes schleicht sich stolpernd vorwärts, bis sie vor mir angekommen ist und wirft sich dann vor mir auf den Boden. Ich winke Arixes an meine Seite, welche die Verhandlung führen soll.

    Die Schwimmergenerälin baut sich achtunggebietend auf und stemmt beide Flossenhände in die Seiten. „Malaxes von Doshue! Erhebe dich.“

    Zitternd kommt die Angeklagte auf die Beine und starrt mit großen angstvollen Augen in unsere Richtung.

    „Ich erhebe Anklage gegen dich im Namen unserer heiligen Göttin Kamamé!“, fährt Arixes mit donnernder Stimme fort. „Du hast gegen mehrere göttliche Gebote verstoßen. Daher zweifle ich, ob dir die zehn heiligen Gebote Amazonias überhaupt bekannt sind …“

    Wie eine Riesenfontäne überfluten mich Erinnerungen. Ich stehe im Tempel von Femiterra, angeklagt vor dem Rat Amazonias. Auf den Emporen über mir drängen sich die Würdenträgerinnen, von der Kanzel her durchbohren mich die Blicke der Königin und ich spüre den Hass und die Verachtung der Menge, die mich umspült wie ein tödliches, schwarzes Meer, das mich ins Verderben reißen will.

    „Novizin!“, schrillt die wütende Stimme der Königin über mir durch die Luft. „Seit drei Jahren haben wir von dir und der Armee, die nach Djakaaza aufbrach, nie mehr etwas gehört. Doch nun tauchst du plötzlich an unseren Stränden auf – ganz allein. Wo kommst du her? Wo sind die anderen 7000 Kriegerinnen deiner Armee?“

    Djakaaza. Dunkelheit wallt auf wie ein schwarzer Nebel, umhüllt mich, will mich verschlingen. Die Stimme der Königin, scharf wie ein Schwert, durchdringt die Dunkelheit. Ich spüre den Zweifel, die unverhüllte Drohung darin – sie wird mich nicht entkommen lassen.

    „Kriegsgefangenschaft“, bekomme ich kaum hörbar heraus. Was aus den anderen Kriegerinnen des damaligen Heeres wurde, weiß ich nicht. Meine Erinnerung ist unter Bergen von Nebel begraben.

    „Nun rede schon!“, poltert sie ungehalten auf mich los, „wie kamst du frei?“

    Verzweifelt versuche ich einen Zusammenhang herzustellen. Wirbelnde Bilder sind in meinem Kopf, von einem Feuersturm, der mich jagt, von unerträglicher Hitze. Ich falle. Als stürzte ich vom Himmel. Einen Zusammenhang kann ich nicht herstellen.

    Protoe hat mir erzählt, sie hätte mich am Strand unserer Heimatinsel gefunden, angeschwemmt wie ein halb toter Fisch.

    Was soll ich sagen? Wie mich rechtfertigen? Niemals habe ich böse Absichten gehabt! Aber ich kann es nicht beweisen.

    Das Misstrauen um mich herum wächst mit jedem kleinen Augenblick, den ich schweige. Warum dieser Hass? In mir beginnt mein Kampfgeist zu erwachen. Solch eine Behandlung verdiene ich nicht.

    „Ich kam frei durch Magie, Königin“, sage ich laut und versuche, den Blicken meiner Widersacherin standzuhalten.

    „Tatsächlich?“, höhnt die Königin und bleckt verächtlich die Zähne. „Warum hast du drei Jahre gebraucht, um deine Magie anzuwenden? Sag die Wahrheit! Sie schickten dich als eine Spionin! Eine Verräterin!“

    Aus der Empore der Spiritistinnen erhebt sich Lantana, die Stellvertreterin der Hohepriesterin. „Hochverehrte Königin, warum kommst du nicht endlich zum Punkt? Die Novizin ist schwanger – seht sie doch an! Sie hat sich gegen das Gesetz der Göttin versündigt!“

    Nun bricht der Sturm erst richtig los. Hunderte Amazonen springen von ihren Sitzen auf, ich höre das Ruckeln und Schieben der Stühle wie ein grumelndes Gewitter über meinem Kopf und weiß, dass sie jetzt alle meinen Bauch anstarren. Verzweifelt versuche ich, die rasenden Bilder in meinem Kopf zu sortieren – was soll die verrückte Anklage?

    Wütende Rufe zischen wie Peitschenhiebe durch den Tempel: „Sakrileg! Götteslästerung! Sie höhnt unsere Gesetze!“

    Mein Herz trommelt laut und schmerzhaft. Und etwas tritt mich gegen den Bauch.

    Von innen.

    Ich halte den Atem an. Und taste verblüfft an die Stelle unterhalb des Nabels, wo ich diesen kleinen Knuffer spürte.

    Da ist es wieder!

    Ist das wirklich ein Baby? Es muss sehr klein sein, wenn dieser winzige Tritt von seinen Füßchen kam.

    Um mich herum bleibt die Welt stehen. Ich kann nicht rekonstruieren, was ich getan habe und warum ich schwanger bin. Noch kann ich gar nicht fassen, dass es wahr sein soll ...

    Wie aus weiter Ferne höre ich das Gebrüll hunderter Stimmen:

    „Sie verhöhnt unsere Göttin! Tötet sie! – Tötet sie!“

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Hey Kirisha ,


    ich muss ehrlich gestehen, dass ich zu Beginn auf dem Schlauch stand, weil mir diese Malexes-Geschichte etwas aus heiterem Himmel kam. :hmm:

    Ich habe extra nochmal das Ende des vorherigen Parts gelesen, weil ich dachte, dass ich was überlesen habe, aber dem war nicht so. Vielleicht ist es den Unterbrechungen beim Lesen geschuldet, dass ich das jetzt nicht mehr auf die Kette kriege, aber wann hat sich denn Malexes bitteschön mit einem Erzeuger eingelassen? ich meine, das hat sie ja wohl, wenn es auch nicht so direkt zur Sprache kommt...


    Die Idee mit der Verhandlung gefällt mir und der Teil, in dem Penthesilea ihre eigene Vergangenheit Revue passieren lässt, finde ich auch sehr stark...ich habe einfach nur den Anfang nicht geschnallt. Kann man das vielleicht anders einführen? Oder kannst du mir noch mal auf die Sprünge helfen, wenn ich da jetzt was vergessen haben sollte?


    LG,

    Rainbow

  • Oder kannst du mir noch mal auf die Sprünge helfen, wenn ich da jetzt was vergessen haben sollte?

    Das war in Kapitel 9 Verbotene Schwangerschaft. Da wurde die Schwangerschaft entdeckt und Penthesilea hat die Novizin aufgefordert, sich zu "reinigen". Sie dachte zu dem Zeitpunkt, das Problem wäre damit erledigt.

    Durch die lange Zeit, die hier beim Posten vergeht, ist das jetzt sicher schon ein paar Monate her. Aber ich hoffe, wenn man das im Zusammenhang liest, wird man sich schon erinnern.

    Es freut mich aber, dass es dir gefällt. Ich habe da einiges geändert und finde es jetzt auch selbst besser als vorher.


    Leider ist es dadurch ziemlich lang geworden. Zu lang?

    Hier geht es nun weiter:


    14.3 Alte Sünden und ein neuer Plan

    Reflexartig wirbele ich herum und blicke nach oben auf die Emporen um zu sehen, wer mich anklagt. Doch es sind zu viele. Die Rufe klingen von überall.


    Schlagartig verschwinden die alten Bilder. Vor mir steht die unglückliche Malaxes und rezitiert amazonische Gesetze. Genauso wie auch ich damals gezwungen war, das göttliche Recht zu rezitieren, während um mich herum die Menge bereits Todesurteile auf mich herab brüllte.

    „Erstes amazonisches Gebot: Es dürfen bei Todesstrafe keine Männer in Amazonia leben, außer während des Rosenfestes“, stammelt Malaxes mit zitternder Stimme. „Zweites Gebot: Keine Amazone darf ein Kind empfangen, außer während des Rosenfestes. Drittes Gebot: Ein Kind muss von einem traditionell erbeuteten Erzeuger gezeugt, nach heiligem Ritual empfangen und durch eine geweihte Amazone geboren werden – illegitime Kinder haben kein Lebensrecht.“

    Wieder sehe ich mich selbst im Tempel stehen, höre meine eigene Stimme Gesetze aufsagen. Nie werde ich diese Blicke vergessen und nie das seltsame neue Gefühl, das in mir aufwallte. Dieses kleine Wesen, das in mir wuchs, brachte mein Herz zum Schmelzen. So winzig, so schutzlos – und so ganz mein Eigen! Ich musste es verteidigen. Um jeden Preis. Das könnte ganz einfach keine Sünde sein. Niemals hätte ich die erhabene Göttin verärgert. Ich verdiente keine Strafe!

    Malaxes ist derselben Ansicht. Unter Schluchzern stößt sie hervor: „Aber die Wassermänner waren doch Beute. Wir haben sie ordentlich eingefangen … Könnte man mich und ihn nicht nachträglich weihen?“

    „Es waren nur Testexemplare und das wusste jede hier im Lager ganz genau, auch du!“, faucht Arixes. „Außerdem können sie nicht mehr geweiht werden, denn wir haben sie bereits der Göttin geopfert. Unsere Gesetze sind zu befolgen! Dafür wurden sie geschaffen! – Aber ich stehe hier nicht, um über dich zu richten. Ruf die Göttin an. Sie wird entscheiden, was Recht und Gesetz ist.“

    Mit mir ging damals keiner so zimperlich um. Die Königin in ihrer Drachenkanzel warf mir unter dem tosenden Beifall der Rätinnen die Todesstrafe an den Kopf. Kaum hatte sie die Worte gesprochen, als sich schon der Marmorboden unter meinen Füßen zur Seite schob, um mich zu verschlingen.

    In meiner Verzweiflung rief ich die Göttin um Hilfe an. „Großmächtige Herrin! Ich bin unschuldig!“

    Sie blickte gleichmütig auf mich herab. „Ich hörte, du kannst kämpfen. Beweise mir, dass ich Nutzen von dir habe.“

    Ich kann kämpfen? Wo hat sie das denn gehört? Sah sie mich, als ich mir den Weg aus der Gefangenschaft freischlug?

    Wolken von Energie umwehten die Herrin. Ich streckte meine Hände danach aus und zog diese zu mir herunter. Wie stählernes Blut floss sie in meine Adern. Ich sprang aus dem Loch heraus, das sich unter mir aufgetan hatte, und rannte auf die Drachenkanzel zu. Groß und hölzern, wie ein leibhaftiger Drache, erhob diese sich in der Mitte des Tempels, wobei von ihrem Schwanz her über den Rücken eine Treppe führte bis hin zu ihrem Hals, hinter dem sich die Kanzel befand, die aussah wie das gewaltige Maul des Untiers.

    Ich kam nicht weit. Wohin ich auch den Fuß setzte, brach der Boden unter mir weg. Ich lief wie durch ein Moor, das mich in die Tiefe ziehen wollte. Da schleuderte ich ein Seil aus Energie auf die Drachenkanzel zu und umschlang damit die Treppe, die zur Kanzel hinführte. Die Energie durchfloss meinen ganzen Körper, ich spürte das Holz des Bauwerks unter meinen Fingern und konnte es ganz leicht zu mir bewegen. Das gewaltige hölzerne Konstrukt knirschte in den Fugen und trabte, als wäre es lebendig geworden, auf mich zu.

    „Was ist das?“, brüllte die Königin mir entgegen, krallte ihre Hände in die Brüstung ihrer Kanzel und ein Feuerstrahl schoss von dort auf mich zu.

    Geistesgegenwärtig fasste ich meinen magischen Strahl, der die Drachenkanzel noch immer umhüllte, und riss diese seitlich zu Boden. Das lenkte das Feuer ab, das rechts von mir unter eine Empore zischte und dort verpuffte. Die Königin wurde von dem Schwung aus ihrem Pult geschleudert und landete auf dem Marmorboden nicht weit von mir. Eilig zog ich meine Füße aus dem moorigen Untergrund, hechtete mich zu ihr und riss ihr Schwert aus der Scheide.

    Schlagartig verstummte der Krach um uns herum.

    „Königinnenkampf!“, hörte ich jemanden raunen. „Seht doch! Die Novizin fordert die Königin heraus!“

    Gewaltsam zwinge ich die alten Bilder zur Seite. Das ist Geschichte. Es wird sich nicht wiederholen.

    Malaxes liegt immer noch am Boden, mit dem Gesicht nach unten, und wagt sich nicht zu rühren.

    „Steh auf“, faucht Arixes sie an. „Hast du mit Kamamé gesprochen?“

    Malaxes nickt. Langsam kommt sie auf die Beine, wobei ihre breiten, flossenartigen Füße große lehmverschmierte Pfützen hinterlassen, wagt es aber immer noch nicht, mich anzusehen.

    „Was sagt die Göttin?“

    „Sie sagt, ich muss mich entscheiden …“ Ein gewaltiger Schluchzer bahnt sich durch ihre Kehle und lässt sie zittern, „zwischen meinem Kind und ihr!“

    Ich nicke kurz. Die eisige Kälte von vorhin legt sich wie ein Panzer um meinen Körper. Hab ich es doch geahnt. Und ich weiß, was diese nebulösen Worte bedeuten. Sich gegen unsere heilige Göttin zu entscheiden wäre ein Sakrileg, das durch überhaupt nichts zu überbieten ist.

    „Und? Was wirst du tun?“, fragt Arixes kalt.

    Malaxes schluchzt immer noch und bringt kein klares Wort heraus. Dann dreht sie sich ganz langsam zu mir.

    „Aber das ist ungerecht!“ Die Novizin stampft mit den Flossen auf. Sie zittert immer noch, wagt es jetzt allerdings, mich mit Augen anzustarren, in denen Tränen schwimmen. „Königin! Ihr wart auch Novizin, als Ihr schwanger wurdet – ohne Scham und ohne das Gesetz zu achten. Nicht allein das, Euer erster Feldzug war ein Fiasko. Trotzem durftet Ihr das Kind behalten! Anstatt euch für das Versagen im Feld zu strafen, hat man Euch zur Kriegerin, ja sogar gleich zur Königin ernannt. Und Eure Tochter zieht Ihr nicht als Bastard auf, sondern als Prinzessin und Thronfolgerin! Warum werde ich bestraft?“

    Beinahe hätte ich sie angefallen. Tuschelt man etwa so über mich im Heer? Mühsam beherrscht kralle ich meine Hände in meinen Gürtel, damit sie sich nicht in ihren Hals bohren.

    „Du nimmst dir bodenlose Verleumdungen heraus, Malaxes“, sage ich laut und recke drohend den Kopf. „Ich wurde Königin, weil ich meine Vorgängerin herausforderte und im Kampf besiegte. Mich derartig zu beleidigen und mein Amt infrage zu stellen, sehe ich deshalb als eine Herausforderung zum Königinnenkampf an. Nimm dein Schwert, wir regeln das auf der Stelle! Gewinnst du, wirst du danach den Feldzug fortführen - und du musst gewinnen! So wie ich bis jetzt neun Feldzüge gewonnen habe!“

    Malaxes zuckt zusammen. Als ich mein Schwert sirrend aus der Scheide ziehe, weicht sie zurück.

    „Verzeiht! Verzeiht, Königin! Die Verzweiflung hat mir die Sinne verwirrt, ich wollte Euch nicht …“

    Doch in meinen Adern kocht bereits der magische Fluss, schäumt vorwärts über mein Schwert und setzt dieses in Brand. Meterhohe Flammen flackern aus der Klinge. Malaxes macht nicht einmal den Versuch, sich zu wehren, sie erhebt beide Hände, um sich zu ergeben. Deshalb schlage ich nicht mit dem Schwert auf sie ein, nur mit der linken Hand, unter der ich ein Druckfeld erzeuge. Es wirft sie auf die Erde. Ich spüre die Kraft in meiner Hand, die ich auf die Verleumderin herabpresse. Es drückt sie in den Boden hinein, sie keucht und fängt an zu schreien, wobei ich immer wieder das Wort „Verzeihung! – Verzeihung!“ heraushöre. Aber ich lasse sie nicht frei. So eine Anklage will ich nie wieder hören.

    Wieder sehe ich mich als Novizin im Tempel. Mein Kampf gegen Königin Semiramis endete damit, dass ich eine der großen Tempelglocken vom Turm heruntersinken ließ und die Königin darunter einfing wie ein Insekt in einen Topf. Es gelang ihr nicht, sich aus dem Gefängnis wieder zu befreien. Ich nutzte die Gelegenheit, mich ihres Schwertes zu bemächtigen und ganz dreist in die Drachenkanzel hineinzumarschieren, die ich danach wieder hoch in die Luft schwenkte, über die Drachentreppe, wohin sie gehörte. Ich, gerade eben noch geschmähte Spionin und Kriegsverliererin, stand plötzlich in der Königinnenloge. Oh, ich weiß, welches Gefühl Malaxes eben durchzuckte und sie fast zu Tode erschreckte, denn es durchfuhr in dem Moment auch mich. War ich wahnsinnig geworden? Königin? Aber ich musste mich in dieser Position behaupten. Meine andere Alternative war der sichere Tod.

    Noch als ich schon hoch oben im Kopf des Drachen saß und nun aus luftiger Höhe den Würdenträgerinnen auf den Emporen in die Augen blicken konnte, fühlte es sich an wie in einem Hexenkessel.

    Ein Rumoren tönte aus allen Ecken, ein empörtes Raunen und Brummen. Am Boden formierten sich Wächtertruppen und unter der Turmglocke hörte ich dumpf die wütende Stimme der besiegten Semiramis, die ich mit einem kräftigen Druckzauber am Boden festhielt.

    Auf der Empore der Spiritistinnen erschien die Hohepriesterin.

    „Du kannst nicht Königin sein!“, warf sie mir geringschätzig entgegen. „Die Königin muss den diesjährigen Feldzug führen, Aufbruch ist in zwei Wochen. Du unwürdige Novizin bist dazu nicht in der Lage. Du hast keine Erfahrung. Und du hast kein Heer, das den Namen verdient, weil wir in den letzten dreizehn Jahre dreizehn komplette Heere verloren. Alle heldenhaften Kämpferinnen, die wir mal hatten, existieren nicht mehr. Du wirst mit einer Armee aus untauglichen Veteraninnen und zwangsrekrutierten Fischerinnen losziehen müssen, dazu die neuen Novizinnen, die halb blinden Nachtalbinnen, von denen kaum eine ein Schwert führen kann. Amazonia ist dabei unterzugehen! Wir mussten im Rat schon darüber diskutieren, unsere Kriegskultur aufzugeben!“

    Ich reite in den Tod, überlief es mich kalt. Aber es ist auch eine Chance. Meine einzige.

    Darum richtete ich mich in der Kanzel auf und reckte die Schultern. „Ich bin in der Lage, einen Feldzug zu führen. Lasst mich eine Armee aufstellen und ich führe euch zum Sieg – wenn ich dafür mein Kind behalten darf!“

    Eine Wächtertruppe hatte inzwischen die Glocke erreicht und sie mit vereinten Kräften hochgehoben, wonach Semiramis mit gerötetem Gesicht darunter hervorkroch.

    Es fühlte sich seltsam an, die ehemalige Königin plötzlich unter mir zu sehen und selbst über ihr zu thronen. Vertauschte Rollen …

    „Ja, brich ruhig auf in den Krieg! Schicken wir sie fort! Mag sie für ihr großes Maul vor die Hunde gehen, in den Untergang, der ihr gebührt! Lassen wir sie von unseren Feinden zerhacken!“

    Malaxes´ Schreie rufen mich in die Gegenwart zurück. Mein magischer Fels presst sie so hart in die Erde, dass sie kaum atmen kann, keuchend ringt sie nach Luft, ihre Hände krallen sich in den Boden. Aus einigen Schrammen an ihren Armen und Wangen sickert Blut.

    Gut so. Es soll ihr eine Lektion sein.

    Schlagartig lasse ich los.

    Die Schwimmerin schnappt nach Sauerstoff wie eine Ertrinkende. Mehrere Augenblicke liegt sie ganz still. Dann bewegt sie ihre zitternden Glieder und kommt vorsichtig auf die Beine. Sie wagt nicht, mich anzusehen.

    „Ist die Königinnenfrage geklärt?“, frage ich kühl.

    Sie nickt heftig, noch immer mit gesenktem Kopf. Erde klebt an ihrer Stirn, an Brust und Armen.

    Wie ich diese Novizin verachte! Wie konnte es ihr einfallen, sich mit diesem Wasserfisch einzulassen, obwohl sie unsere Gesetze doch ganz genau kennt? Im Traum wäre mir so etwas nicht eingefallen! Wie konnte sie wagen, ihre Schwangerschaft mit meiner auf eine Stufe zu setzen? Sie hat eine Wahl gehabt und sich bewusst für dieses Sakrileg entschieden! Ich dagegen … Nein. Schluss jetzt. Djakaaza ist Geschichte.

    Arixes tritt an meine Seite. Offenbar will sie das Verfahren fortführen und das Urteil sprechen, wie vereinbart. Ich denke, Malaxes sollte inzwischen zur Vernunft gekommen sein, daher trete ich zurück.

    „Nun, wie hast du dich entschieden?“, fährt Arixes die Novizin an. „Für oder gegen die Göttin?“

    Absichtlich hat sie die Frage so gestellt, dass diese ihr die einzig richtige Antwort bereits nahelegt.

    Doch Malaxes schweigt.

    In mir wächst die Wut. Und der Schrecken. Denn jetzt sehe ich ihren Gesichtsausdruck. Sie kann dieses Baby noch nicht fühlen, und doch liebt sie es bereits.

    Dieses Gefühl kenne ich nur zu gut.

    Das darf sie nicht!

    „Du verhöhnst die Göttin“, kommentiert Arixes fassungslos. „Und du hast das Grundgesetz gebrochen, dafür verurteile ich dich zum Tode. Das Urteil wird sofort vollstreckt!“

    Malaxes stößt einen gellenden Schrei aus, sieht sich mit wilden Blicken zu allen Seiten um, als könnte ihr dort jemand helfen, doch sie umgibt eine Mauer des Zorns.

    Arixes zieht ihr Schwert.

    „Knie nieder!“, kommandiert sie.

    Meine Nerven beginnen zu vibrieren. Es widerstrebt mir zutiefst, eine Kriegerin wegen einer Schwangerschaft zu verurteilen. Und noch mehr, ein Baby zu töten! Ich will das nicht unterstützen. Aber ich muss. Als Königin habe ich die göttlichen Gesetze zu vertreten und durchzusetzen.

    Auch Raven hätte damals sterben müssen. Ihre bloße Existenz verstößt gegen das Gebot der Göttin. Im Grunde genommen bis heute. Ich werde ewig um ihr Leben zittern müssen …

    „Ich habe doch noch gar nichts gesagt! Ich liebe unsere Göttin! Ich liebe unser Volk!“, kreischt Malaxes und versucht, davonzulaufen, doch zwei Wächterinnen packen sie sofort an den Armen und halten sie fest.

    „Dann wirst du den dunklen Saft trinken, der dich reinigt?“ Noch immer hält Arixes ihr Schwert drohend in der Hand. Malaxes zuckt zurück. Heftig presst sie die Lippen zusammen und dreht den Kopf zur Seite.

    Mein Herzschlag beginnt zu rasen und mir tritt Schweiß auf die Stirn. Gleich ist sie tot.

    Na und? Sie verdient es! Sie hat mich so schamlos angegriffen, hat sich an der Göttin versündigt …!

    Aber wenn dieses Ungeborene stirbt, kann es auch Raven treffen.

    Soll ich ihr … helfen? Aber wie? Nein, es geht nicht. Es würde ein seltsames Licht auf mich werfen. Und die Göttin ärgern.

    Arixes gibt den Wächterinnen ein Zeichen, woraufhin sie die Gesetzesbrecherin auf die Erde werfen und sie dort festhalten.

    Mir bleibt die Luft im Halse stecken.

    Zeit gewinnen, fährt es mir durch den Kopf.

    „Nicht hier, unter der ganzen Armee“, sage ich so kühl ich vermag. „Sie gehört schon nicht mehr zu uns. Werfen wir sie in den Grenzfluss! Dort können die Wassergeister sie erledigen!“

    Arixes schaut zu mir herüber, leicht verärgert, weil mein Vorschlag das Urteil unnötig verkompliziert. Doch sie widerspricht nicht. „Der Wassertod für eine Schwimmerin“, spottet sie. „Klingt gut. Wächterinnen, packt sie! Führt sie an den Grenzfluss!“

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Hey Kirisha ,


    sorry mal wieder für meine verspätete Antwort. Ich habe diesen Part hier fast vergessen. Erst vorgestern habe ich ihn wiedergefunden. Oh Mann! :patsch:


    Also, ich muss sagen, dass dir dieser Rückblick sehr gut gelungen ist. Die Parallelen zwischen Penthesileas Erlebnissen und dem, was Malaxes gerade wiederfährt, hast du sehr gut dargestellt. Auch, wenn Penthesilea ja ungewollt in diese Misere geschlittert war. Aber ich finde es total spannend, dass ihr Hintergund dadurch noch etwas näher beleuchtet wird.

    Auch finde ich es gut, dass sie hin-und hergerissen ist. Einserseits darf sie sich nicht die Blöße geben, darf keine Schwäche zeigen und bietet Malaxes den Kampf an....und andererseits will sie ihr dann doch wieder helfen, weil sie ihre Ängste kennt.


    Irgendwo hatte ich noch einen Rechtschreibfehler gefunden, aber weil ich vorhin auf dem Handy gelesen habe und ihn jetzt nicht wiederfinde, hoffe ich jetzt einfach mal, dass er dir beim nochmaligen Lesen selbst auffällt. :)


    Ansonsten kann es weitergehen. Ich versuche, jetzt wieder dranzubleiben.

  • Also, ich muss sagen, dass dir dieser Rückblick sehr gut gelungen ist. Die Parallelen zwischen Penthesileas Erlebnissen und dem, was Malaxes gerade wiederfährt, hast du sehr gut dargestellt. Auch, wenn Penthesilea ja ungewollt in diese Misere geschlittert war. Aber ich finde es total spannend, dass ihr Hintergund dadurch noch etwas näher beleuchtet wird.

    Danke schön! Da bin ich froh. Diesen Teil habe ich nämlich geändert, weil Thorsten mit der Vorversion nicht so ganz zufrieden war, und ich auch nicht.



    Und hier nun das Ende dieses Kapitels:


    14.3 Alte Sünden und ein neuer Plan

    Warum habe ich das vorgeschlagen? Was verbessert es an der Lage? Fieberhaft gehe ich diverse Möglichkeiten durch, die der frechen Novizin eine Chance geben könnten. Keine überzeugt mich.

    Malaxes wird totenbleich und ich ahne, dass auch ich aussehe wie eine Leiche, getroffen durch ein Urteil, dass mir nicht gilt und mich trotzdem bedroht.

    Wie auf schwankendem Boden bewegen sich meine Beine vorwärts. Mir ist übel. Schon bildet sich vor mir ein Spalier, das mir den Weg frei macht. Ich gehe in Richtung des Blauen Gebirges und meine Leute folgen mir. Hinter meinem Rücken höre ich Malaxes´ lautes Schluchzen und ihre Rufe um Hilfe und um Gnade.

    Ruf die Göttin, dummes Kind. Wenn du sie nicht überzeugst, kann niemand von uns etwas für dich tun.

    Die Wassergeister werden das blutige Werk grausiger verrichten als es Arixes´ Schwert getan hätte!

    Der Gedanke lässt mir die Haare zu Berge stehen. Ich weiß, ich werde mich fühlen, als ob ich meine eigene Tochter den Wölfen zum Fraß vorwerfe.

    Weiter und weiter stampfen wir vorwärts. Ich höre die Kriegerinnen raunen und rufen: „Gesetzesbrecherin!“ – „Verräterin!“

    Ja. Sie ist eine Verräterin. Sie hat ihr Schicksal verdient. Warum fühle ich mich, als stünde ich mit ihr auf einer Stufe, als hätte ich selber verdient, als Futter für Haifischzähne zu enden? Oh, ich weiß, welche Gefühle entstehen, wenn sich unerwartet so ein winziges Wesen in meinem Inneren regt. Dann gibt es plötzlich keine Gesetze und keine Vernunft mehr – und nicht einmal mehr die größte Göttin von allen behält noch Bedeutung.

    Wir sind da. Riesenhaft türmt sich das mächtige, eisblau schimmernde Gebirge vor und seitlich von uns auf. Etwa zwanzig Schritt weiter rechts erhebt sich das Tor nach Damarynth, das von unserer Seite her offen ist und das wir auf der anderen durch einen Nebel verdecken.

    Könnte ich Malaxes vor den Wassergeistern schützen? Es scheint unmöglich. Sie spüren uns, innerhalb kürzester Zeit ist bereits eine Meute aus gut fünfzig, sechzig geifernden Bestien ans Ufer geschwommen, die mit ihren spitzen Zähnen nach unseren Füßen schnappen. Sie werden Malaxes zerreißen, wenn sie nur die Wasseroberfläche berührt. Fieberhaft irren meine Blicke von den Biestern zu den blau schimmernden, gläsern wirkenden Felsen, dann zum Wasser hin, das an dieser Stelle sicherlich tief hinuntergeht, denn ich erkenne keinen Grund. Soll ich die Geister mit einem Zauber erschrecken, damit sie Malaxes nicht angreifen? Aber mein ganzes Heer würde es sehen …

    Arixes drängt die Verurteilte näher an das Ufer. Doch sie darf das Urteil nicht vollstrecken, wenn ich hier etwas dirigieren will. Ich muss übernehmen. Würdevoll weise ich sie mit den Blicken zur Seite.

    „Danke, Arixes“, nicke ich ihr zu und wende mich dann an Malaxes. „Im Namen der heiligen Kamamé richte ich heute über dich, Malaxes!“

    Meine Stimme hallt schaurig vom blauen Gebirge wider und es kommt mir vor, als hörte ich nicht ein harmloses Echo, sondern eine Anklage gegen mich selbst.

    Mit aller Macht versuche ich mich nicht von der Macht meiner Gefühle davonspülen zu lassen. Ein intelligenter Zauber! Schnell! Der Berg … er besteht aus Gedankenmagie … die durchdringen die Geister nicht! …

    „Du bist angeklagt, eine gesetzlose Frucht zu tragen! Wir verurteilen dich hiermit zum Tode!“

    Rasch und wie ich hoffe unauffällig streiche ich mit dem rechten Mittelfinger über mein Smaragdzepter und ziehe ein wenig von dessen Energie ab. Es ist dieselbe Gedankenmagie, aus der auch der Berg besteht. Das sollte ein guter Schutzschild gegen die Geister werden! Die Flüssigkeit fühlt sich kühl an, wie Tropfen von tauendem Eis. Mit der linken Hand wandle ich meine im Körper lagernde Magie in Windenergie um. Diese beiden ungleichen Strahlenarten bringen mich in ein Ungleichgewicht. Ich taumele, kann kaum auf den Beinen stehen.

    Jetzt. In einem einzigen Wimpernschlag jage ich beide Zauber gleichzeitig auf das verurteilte Mädchen. Die blaue, spiritistische Energie zuerst, die sich wie ein Schutzschild um ihren Körper legt. Dem folgt eine Windböe, die sie fortschleudert ins Wasser. Eine gewaltige Fontäne platscht auf, ich höre die Geister heulen und meine Kriegerinnen schreien. Das Wasser schäumt, riesenhafte Wellen entstehen. Augenblicke später donnere ich ein Feuerrad gegen das blaue Gebirge, das ablenken soll. Beim Aufprall gegen die Felsenwand explodiert es. Alles klingelt und schellt um mich herum. Beißender Rauch umhüllt uns alle und macht es uns unmöglich zu sehen, was unter Wasser passiert.

    Ob sie sich gerettet hat?

    Ich darf nicht nachschauen, das könnte mich verdächtig machen. Ruckartig drehe ich mich um und kehre zu den Zelten zurück. Die Kameradinnen folgen mir nach. Das Bild des verzweifelten Mädchens schwebt wie eine Wolke von Unheil vor meinen Augen her. Es zu verdrängen ist unmöglich.

    Wie, unmöglich? Ich muss. Wir haben einen Kriegszug zu gewinnen.

    „Die Generälinnen zu mir! Lagebesprechung!“, befehle ich.


    Kurz darauf sammeln wir uns in meinem Zelt. Ich bin noch immer aufgewühlt, doch ich zwinge meine Erregung nieder. Nur der Kriegszug zählt und die Beute. Die Flügelmänner aus der Stadt Darghessa. Darghessa wird unser Ziel.

    Ich hole tief Luft und fokussiere meine Gedanken. Darghessa. Eigentlich wollte ich nicht gerade dort kämpfen, wo der finstere Tempel mit seinen Hexen steht – er befand sich ja nicht weit von der Stadt entfernt, aber anscheinend bleibt uns keine andere Wahl. Das wird mich zwingen, diesen Tempel nochmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

    Und dann? Wie führen wir unsere Attacke? Eine durch Magiebanne geschützte Stadtmauer anzugreifen, hinter der geflügelte Wächter stehen, erscheint mir kein guter Plan. Das würde viele Opfer kosten und zu lange dauern. Wir wollen ja rechtzeitig zum Rosenfest wieder daheim sein.

    „Ruhe!“, versuche ich mir Gehör zu verschaffen, denn alle sind so exaltiert, dass sie wild durcheinander reden.

    „Hat jemand eine Idee, wie wir die Soldaten von Darghessa und ihren Fürsten aufs freie Feld locken, wo wir sie leichter angreifen und die Kämpfe schnell entscheiden können?“

    Chep schneidet mit ihrem Schwert Striche in den Sand. Naftare murmelt:

    „Auf welches freie Feld willst du sie denn locken? Auf der Ebene vor der Stadt steht doch dieser Tempel. Da könnten uns die Hexen erwischen.“

    Jetzt hängen alle Augen an mir. Wie knacken wir die Nuss? Wie locken wir sie aus ihrem Nest, ohne ihre Zauberinnen zu alarmieren? Welchen Vorwand könnte ich ersinnen …

    Ich klatsche in die Hände.

    „Der Turnierplatz. Erinnert euch, wir sahen einen in der Nähe der Stadt. Locken wir ihre Krieger dort hin! Und wenn sie noch glauben, es ginge um Spiele, Spaß und Preise, umzingeln wir sie mit der Armee und schlagen zu.“

    „Aber wie lockst du sie zu so einem Turnier?“, grummelt Naftare. „Wer wird kommen, wenn er von fremden Hexen eingeladen wird?“

    „Wir müssen ihnen etwas anbieten, dem sie nicht widerstehen können“, erklärt Goplea sinnierend.

    Noch immer meine ich Malaxes´ Schluchzen zu hören. Ich hoffe wirklich sehr, den Zauber habe ich geschickt genug gesetzt, dass sie eine Chance hat zu überleben. So wie meine Tochter auch.

    „Viele Ritter kommen gern zu einem Turnier“, meint Arixes achselzuckend. „Ich würde sicherlich kommen, schon aus Neugierde.“

    „Das ist nicht genug.“ Naftare blickt sie missbilligend an. „Wir riskieren, dass die interessantesten Kerle fernbleiben. Wie bringen wir sie dazu, unsere Einladung für unwiderstehlich zu halten?“

    Murissas Gedanken, in denen ich stöberte, fallen mir ein.

    „Mit dem, was einen ehrgeizigen Feldherren am allermeisten interessieren dürfte“, erläutere ich. „Der Königskrone!“

    Einige lachen.

    „Wie willst du denn …“

    Aber ich schneide ihnen das Wort ab.

    Es scheint hier einen mächtigen Ring zu geben – er erhebt den Finder zum König des Landes, wie ich von Murissa weiß“, erkläre ich und weide mich an den erstaunten Gesichtsausdrücken der Kameradinnen um mich herum. „Ich glaube, auf dieser Information können wir die Falle bauen, in der wir unsere Beute fangen werden. Goplea, nimm dir geeignete Leute mit, inspiziere den Ort, wo dieser Ring liegt, sie nennen ihn Dämonenfelsen …“

    „Den haben wir auch schon gesehen“, erinnert mich Naftare. „Die Untoten von unserem Kundschafterflug in der Nacht.“

    „Richtig! Murissa glaubt, sie würden diesen urmächtigen Ring bewachen. Das kleine Schmuckstück will ich haben. Aber seid vorsichtig. Die kleinste Berührung mit den Untoten ist lebensgefährlich, darum können die Bewohner den Ring nicht selber heben. Aber wir sollten begabt genug sein. Lasst euch etwas einfallen, wie ihr ohne Schaden an den Ring herankommt.“

    „Das übernehme ich“, sagt Goplea eifrig.

    „Bitte sehr.“ Ich nicke ihr zu. „Flieg gleich los. Nimm dir fünf Flugpferde mit, die anderen lass für mich, denn ich werde auch noch einen Ausflug machen.“

    „Was willst du denn anschauen?“, fragt Chep und fängt ungeduldig an, mit ihrem Schwert in den Sand zu hacken.

    „Hast du nicht zugehört? Ich besuche den Fürsten von Darghessa und mache ihn scharf auf das Turnier. Hoffentlich beißt er an.“

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Sehr schön, Kirisha . Das ist richtig gut geworden. Die Hinrichtung und wie Penthesilea verzweifelt versucht, einen Ausweg zu finden, um Malexes die Flucht zu ermöglichen. Dann der Einfall mit dem Zauber, den ich eigentlich ganz cool fand. Zumindest war er nicht völlig an den Haaren herbeigezogen. ^^


    Den Switch von Hinrichtung zurück zum Feldzug fand ich gut. Das lässt Penthesilea trotz allem noch abgeklärt wirken...obwohl ihr Malaxes nach wie vor nicht aus dem Kopf geht. Und die Idee mit dem Turnier ist gar nicht mal so dumm. Wie geil die meinen, sie könnten mal eben so den Ring besorgen, den die anderen schon seit Uhrzeiten versuchen, in ihren Besitz zu bringen :rofl: Bin schon sehr gespannt, ob es tatsächlich so einfach wird. :gamer:


    Hier noch Kleinkram:

    Mit aller Macht versuche ich mich nicht von der Macht meiner Gefühle davonspülen zu lassen.

    da ist was doppelt :)


    Wie, unmöglich? Ich muss.

    Doch ich muss! (würde ich schreiben. Ohne die Frage. Die nimmt irgendwie Krawumms raus.)


    LG,

    Rainbow

  • Rainbow


    Und nun schwenken wir mal wieder zu Murissa!

    M15. Im Fürstenpalast

    Murissa

    Ehe ich die Sachlage noch richtig begriff, hatten sie mich, man glaube es oder nicht, tatsächlich in die Fürstenburg geführt. Ich – ein unbedeutendes Elgomädchen, für das sich auf der ganzen Welt niemand interessierte (weder meine eigene Mutter noch ein gewisser Hauptmann der Garde) betrat den fürstlichen Palast!

    Zu jeder anderen Zeit wäre ich geblendet gewesen von den riesigen goldgerahmten Bildern an den Wänden, von den ausladenden Schnitzereien und Holzfiguren auf den Türen, den glitzernden Kristallleuchtern an den Decken und den dicken Gardinen aus rotem Samt vor den vielen Fenstern. Jetzt allerdings herrschte in meinem Kopf eine beträchtliche Sonnenfinsternis, die einen dumpfen schwarzen Nebel über alles legte, was um mich her geschah. Schön, ich betrat gerade einen herrschaftlichen Palast, zum ersten und wahrscheinlich einzigen Mal in meinem Leben – aber was für eine Rolle spielte das angesichts der Tatsache, dass ich gerade den Mann meiner Träume für immer verloren hatte? Nachdem ich Shalimar so dreist von vorn bis hinten belogen hatte und er das inzwischen genau wusste, würde er mir wohl nie wieder über den Weg trauen. Und ich könnte es ihm nicht einmal verübeln.

    Jemand öffnete ein Türportal, in dem Smaragde glitzerten, und wir betraten einen Raum, groß wie eine Halle. Ihre Wände schmückten mannshohe prunkvolle Gemälde mit goldenen Rahmen. Die Decke wurde von Marmorsäulen gehalten, über unseren Köpfen baumelten Kronleuchter mit hunderten flackernden Kerzen und es kam mir vor, als blendeten mich Diamanten von allen Seiten. Einen seltsamen Kontrast zu diesem Glanz bildeten die Menschen, die ich auf dem Marmorfußboden stehen sah: Abgesehen von der Leibgarde des Fürsten, welche lediglich dunkle Umhänge über ihre glänzenden und funkelnden gelben Uniformen geschlungen hatten, herrschte eine ziemliche Totengräberstimmung. Und es schien nicht alleine daran zu liegen, dass für morgen ein Begräbnis geplant war. Die Frauen flanierten in rabenschwarzen, mit Saphiren und Samtbändern geschmückten Kleidern, die Männer in ebensolchen Anzügen und Hüten. Sie sahen aus wie Maulwürfe, die sich unvorbereitet in den Glanz der Sonne gewagt haben und gerade überlegen, wie sie sich möglichst schnell wieder in die Finsternis des Erdreiches zurückbuddeln können. Selbst die Dienstboten, die den edlen Herrschaften Weine kredenzten und überall zwischen ihnen hin- und herwuselten, trugen dunkelgraue Leinenhemden.

    Seitlich auf einer kleinen Bühne befand sich ein Orchester aus Leier- und Harfenspielern, die eine säuselige, leise und melancholische Melodie spielten, passend zu der Begräbnisatmosphäre. Die Töne trafen mich schmerzhaft und schienen mich zusammen mit den Maulwürfen in die Finsternis des Erdreiches herunterreißen zu wollen.

    Dort! Spukte es hier? War das nicht die verstorbene Fürstin Kia Sephila von Tandra, die gerade meinen Weg kreuzte?! Zuletzt hatte ich sie tot in einem Sarg gesehen, umgeben von düsteren Dampfschwaden und einem Heer von Totengeistern – und jetzt spazierte sie hier sehr lebendig und in einem kunstvoll gerafften schwarzen Kleid herum. Ihre Augen waren rot umrändert, als ob sie geweint hätte. Mehrere Adelsdamen umringten sie, alle genauso schwarz gekleidet, mitleidig, schweigend. Nach einer Weile kam ich darauf, dass diese hohe Dame die Schwester der Toten sein musste, Fürstin Isimela von Aravenna. Die Gemahlin des Fürsten Silvrin, über welche sich die Dienstmädchen in meiner Kammer so beschwert hatten. Sie sah keineswegs so hochnäsig aus, wie ich mir nach den Beschreibungen vorgestellt hatte. Nur sehr traurig.

    Meine Begleiter führten mich am Orchester vorbei, zwischen zwei Säulen hindurch bis zu einem Nebensaal. Hier war der gesamte Fußboden mit einem so weichen roten Teppich ausgelegt, dass ich meinte darin zu versinken.

    Dann sah ich die Skeff. Ich erschrak so gründlich, dass ich beinahe vor ihr davongerannt wäre. Ganz sicher war dies die berüchtigte Hexe, die Begleiterin des Fürsten, wegen der sich schon die Mägde in unserer Unterkunft die Zungen abgewetzt hatten. Was für ein finsteres Wesen, das mich mit seiner Aura aus schmalen, stechenden Strahlen sofort an die hinterlistige Klymera erinnerte. Sie war nicht viel älter als ich sowie klein und zierlich von Gestalt, wie die meisten von diesem Volk. Mit ihren pechschwarzen Haaren und genau solchen Augen sah sie aus, als wäre sie direkt der Unterwelt entsprungen. Als wäre es ihr in dem Saal zu warm, fächelte sie sich mit ihren langen Fledermausflügeln Luft zu.

    Natürlich machten alle Gäste einen großen Bogen um dieses Geschöpf und ich beeilte mich ebenfalls, an ihr vorbeizublicken und zu hoffen, sie würde vielleicht nicht auf mich achten. Ehrlich gesagt hoffte ich außerdem, auch sonst würde niemand auf mich achten, denn unter all diesen herrschaftlichen Gestalten in ihren prunkvollen Umhängen, Schals, Goldketten und Diademen kam ich mir ungeheuer fehl am Platze vor.

    An einem ausladenden Fenster, das von dicken Samtvorhängen umrahmt wurde, standen zwei Männer. Einer von ihnen war ein hochgewachsener Elgo mit einem gelben gekrönten Löwenwappen, welches seinen tiefschwarzen Umhang zierte. Ich konnte wohl davon ausgehen, dass ich den Fürsten Kimander von Tandra vor mir hatte. Sein Gesicht war zerfurcht, die Augen blutunterlaufen, und in der Hand hielt er ein Weinglas, das leise zitterte. Sein ganzer Ausdruck war umschattet, als stünde er unter einer tiefschwarzen Wolke, aus der bereits ein Gewitter auf ihn heruntergehagelt war und das nächste schon lauerte.

    „Danke, Silvrin, für dein schnelles Kommen“, murmelte er mit leiser und monotoner Stimme. Mühsam hob er den Kopf und blickte seinen Gesprächspartner an. „Ich hörte, dass du die Verhandlungen mit euren Erzfeinden abgebrochen hast, um rechtzeitig zum Begräbnis hier zu sein. Hoffentlich wird dir das nicht zum Schaden.“

    „Das war selbstverständlich“, erwiderte der Mann an seiner Seite. Ich drehte mich zu ihm hin, denn ich erkannte seine Stimme.

    Es war der Fürst Silvrin von Aravenna.

    Was für ein Anblick: Er stand da gerade und still wie ein Standbild, ohne jede Gemütsregung in seinem frischen und offenen Gesicht, so als könnte ihn überhaupt nichts und niemand anfechten. Als stünde er eigentlich wie ein Turm über uns anderen, erhaben und unantastbar. Gleichzeitig strahlte er solch eine Ruhe und Zuverlässigkeit aus, dass ich mich sofort wohlfühlte in seiner Gegenwart. Und absolut sicher. Klar, er war ja angeblich unbesiegbar. Es kursierte ein Haufen Legenden über die wildesten Duelle, die er geschlagen und ohne Ausnahme immer gewonnen hatte. Als ehemalige Bürgerin von Aravenna konnte ich die natürlich alle auswendig herunterbeten. Da es mir an Fantasie nicht mangelte, hatte ich sie vor auswärtigen Marktbesuchern auch schon gehörig ausgeschmückt, weshalb ich nicht mehr genau wusste, was er tatsächlich und was nur in meiner Fantasie vollbracht hatte … Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass diese Legenden sowieso grob übertrieben oder sogar erfunden waren, wie das halt mit Legenden so ist. Aber als ich ihn so nah vor mir stehen sah, hochgewachsen und kraftvoll und so enorm selbstsicher, fing ich an zu glauben, es könnte doch etwas daran sein. Wie viele Parva hatte er sehr angenehme Gesichtszüge, markante Wangenknochen, kurze blonde Haare, und trotz seiner offenkundigen Reife schien er noch jung zu sein. Die blaue aravennische Uniform und der Federhut, den er trug, standen ihm vortrefflich.

    „Möchtest du mir sagen was deiner Gattin geschehen ist?“, fragte er gerade, in Richtung des tandranischen Fürsten gewandt. „Sie war doch nicht krank? Oder ist die Frage unpassend? Dann verzeih, dass ich sie stellte.“

    Der Tandraner nickte schwach.

    „Sie war … krank.“

    Er verfiel in düsteres Schweigen.

    „Es tut mir leid. Ich sehe deinen Kummer und wünschte, ich könnte dir helfen“, erwiderte Fürst Silvrin.

    Fürst Kimander presste die Lippen aufeinander, bis sie sich zu einem harten Strich formten.

    „Sie war ein kranker Mensch mit bösartigen, wirren Fantasien“, stieß er aus, wobei er sich erregte und die Worte schließlich nur so aus ihm herauspurzelten. „Zuerst verlangte sie von mir, ich sollte ein Heer aufstellen und dem verruchten Kindsräuber den Krieg erklären. Ich war gezwungen ihr darzulegen, dass unsere Wache lediglich ausreichend ist, um unsere Stadt zu verteidigen. Niemals könnten wir einen Kriegsherrn wie den Darghessaner bedrohen, ohne in Grund und Boden vernichtet zu werden! Da sperrte sie mich aus ihren Gemächern aus und holte Hexen auf die Fürstenburg!“

    Den letzten Satzteil betonte er bedeutungsvoll, merkte jedoch sofort, dass dieses Detail an dem Aravennafürsten glatt abprallte und ihn nicht berührte. Ärgerlich ließ er sein Weinglas sinken, wobei er die Flüssigkeit darin fast verschüttete.

    „Das verstehst du nicht“, entfuhr es ihm wütend, fast schon anklagend, während seine Blicke unruhig durch den Saal glitten. Und an der dunklen Skeff hängen blieben. Fürst Kimander zuckte zusammen.

    „Und du wagst noch, selber Hexen in meinen Palast zu bringen, hast du keinen Respekt?“, rief er laut. Diesmal war es eine echte Anklage. „Schick das Weib raus! Ich ertrage kein Hexenvolk in meiner Nähe!“

    Silvrin richtete sich auf.

    „Du kennst Pirina. Sie gehört zu meiner Garde und dient mir seit zehn Jahren. Ich muss dich bitten, sie nicht zu beleidigen.“

    „Dies ist mein Palast und du kommst als Gast, darum verlange ich, dass du meinen Regeln folgst!“, ereiferte sich der Tandraner und winkte seiner Wache, die Skeff hinauszuwerfen. „Wären die Hexen nicht, würde meine Frau noch leben!“

    Fürst Silvrin wechselte kurze Blicke mit seiner Gardemagierin. Diese nickte ihm zu und wandte sich zum Gehen.

    „Es ist kein Zeichen von Klugheit, eine Personengruppe pauschal zu verurteilen“, erklärte Silvrin nach einer Weile. „Aber ich verstehe, dass du in Trauer bist.“

    Schweigend hob er sein Glas und hielt es dem Tandraner entgegen, der anstieß. Beide tranken einen Schluck und drehten sich dann wieder dem Fenster zu, vor dem sie standen. Durch dieses fielen sanfte Sonnenstrahlen auf ihre Gesichter. Bis zu jener Ecke, wo meine Begleiter und ich standen, drangen diese nicht vor, dabei hätte ich ein wenig Wärme gebrauchen können. In meinem Kopf lieferten sich wildeste Fantasien einen Boxkampf.

    Was will der Fürst von mir? Vielleicht mein Flugpferd? Oder denkt er, ich wüsste was über den Königsring, das er nicht weiß?

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Hey Kirisha,


    der Part hat sich für mich sehr gut lesen lassen. Mein Anmerkungen und Gedanken packe ich dir mal in den Spoiler :)



    LG,

    Rainbow

  • Danke liebe Rainbow für deine Mühe und fürs Dranbleiben!

    Und hier geht es weiter:


    15.1 Im Fürstenpalast

    Meine Wächter wagten jedoch nicht, die Fürsten in ihrem Gespräch zu unterbrechen, und so verharrten wir in gebührendem Abstand zu ihnen.

    Fürst Kimander nahm einen weiteren Schluck und berichtete mit heiserer Stimme:

    „Kia Sephila und ich haben uns wegen der grausigen Hexen gestritten, die sie auf ihre Kammer rief. Ich wollte ihnen Hausverbot erteilen, aber meine Gemahlin hat sich widersetzt. Also habe ich darauf bestanden, an ihrem Gespräch teilzunehmen. Ich musste mit anhören, wie meine Frau sich erklären ließ, auf welche Weise Menschen zu Tode kommen müssen, damit ihre Seelen sich in Totengeister verwandeln!“

    Die Lippen des Fürsten zuckten. Seine Hände wrangen sich konvulsivisch um sein Glas und ich wartete stumm und mit einer gewissen inneren Anspannung auf den Moment, wo er es zerquetschen würde.

    „Willst du hören wie es geht, Silvrin?“, fuhr Kimander höhnisch fort. „Es reicht nicht, jemanden einfach zu töten. Die Person muss das Gefühl haben, auf dieser Welt noch eine wichtige Aufgabe erledigen zu müssen. Sie muss mit dem Gefühl sterben – nicht sterben zu dürfen. Der Körper darf nicht zu schnell zerstört werden, sonst wird die Seele überrascht und kann sich nicht festhalten … Über solche Dinge redete Kia Sephila stundenlang mit diesen Mörderinnen!“

    Die unberührte Fassade des aravennischen Fürsten zeigte erstmalig kleine Risse, ein düsteres Licht trat in seine Augen.

    „Und wozu das alles? Weshalb brauchte sie einen Totengeist?“

    „Damit der Geist nach Darghessa schwebt, durch alle Wächter und Mauern seiner Burg dringt und den Fürsten Wukur tötet!“

    Fürst Silvrin nickte langsam, während seine Augen sich weiter verdüsterten.

    „Also ein Racheakt, weil er Euren Sohn geraubt hat.“

    „Sie hat jedes Maß verloren. Du hättest hören sollen, wie sie schrie, ihre Stimme gellte durch das ganze Schloss. Als ich versuchte, sie zu beruhigen, ließ sie mich aus ihren Gemächern herauswerfen!“

    Mit abgehackten Bewegungen führte Fürst Kimander sein Glas zum Mund und trank mit tiefen, hektischen Zügen, wobei er sich verschluckte und husten musste.

    Dabei glitt ihm das Glas aus den Händen und ich erwartete es klirrend am Boden aufschlagen, was jedoch nicht geschah. Der flauschige Boden zu seinen Füßen nahm es behutsam entgegen, schien es in seiner dicken Wolle zu umhüllen und zu bewahren, als wollte er mir beweisen, dass dies nicht meine Welt war und ich die Gesetze dieser Sphäre nicht kannte.

    Ehrlich gesagt wollte ich sie auch nicht kennenlernen. Wenn mein Begleiter meinen Arm nicht wie mit einem Schraubstock festgehalten hätte, wäre ich schon längst getürmt.

    „Ich verstehe noch nicht, was sie getötet hat. Die Hexen? Ein Totengeist?“, fragte der aravennische Fürst behutsam.

    „Mehr Wein“, befahl der Tandraner laut und herrisch, worauf zwei Dienstboten an seine Seite sprangen, von denen jeder ihm ein Getränk anbot. Der Fürst griff nach einem, worauf sich die Diener zurückzogen. Ein verzweifelter Zug zerfurchte sein Gesicht, er sah aus, als wäre er plötzlich um zehn Jahre gealtert.

    „Verzeih mir“, lenkte der Aravennaer sehr leise ein. „Du musst es nicht erklären. Es spielt keine Rolle mehr.“

    „Sie tötete sich selbst“, fauchte Fürst Kimander, noch bevor Silvrin geendet hatte, in hartem, wildem Ton. „Die Zofen fanden sie am Morgen mit einem Dolch in der Hand. Sie hat sich die … die … Unterarme zerschnitten … an mindestens zehn Stellen … das gesamte Bett war voller Blut!“

    Der Tandraner setzte das Glas an seine Lippen und trank mehrere tiefe Schlücke.

    „Du bist sicher, dass es nicht eine Zofe getan hat, oder eine Hexe?“, fragte Silvrin.

    „Sie lebte noch, als die Zofen sie fanden, und ließ nach mir schicken.“ Sein Atem wurde flacher, Schweiß trat ihm auf die Stirn und seine Augen begannen unheilvoll zu flackern. „Dieses Bild werde ich nie vergessen. Als ich in ihr Gemach kam, saß sie aufrecht im Bett, am ganzen Leib zitternd, ihr Gesicht wachsbleich und ihre Arme schwammen im Blut. Sie fuchtelte mit dem Dolch in ihrer Hand, sämtliche Zofen waren entweder kreischend an die Zimmerwand gelaufen, eine lag ohnmächtig am Boden. Ich verlangte nach der Wache. Die Garde strömte ins Zimmer. Da schrie sie uns an mit einer zischelnden Stimme wie eine Schlange: Ich werde mich verwandeln! Ich werde Wukur verschlingen, mit Haut und Haar! Ich reiße ihn ins Verderben, er wird bereuen, was er uns antat und ich befreie Kimures, ich hole ihn zu mir zurück!

    Das Schlimmste, sie lächelte, als sie das sagte. Und dann stach sie zu – in ihre eigene Kehle.“

    Alles Blut wich aus seinem Gesicht. Er sah aus, als würde gleich selbst in Ohnmacht fallen.

    Fürst Silvrin schloss die Augen.

    „Warum fragst du nicht, ob sie sich in einen Geist verwandelte?“ Kimander drehte sich ruckartig vom Fenster weg und warf Silvrin dabei einen höhnischen Blick zu. „Nein! Nichts geschah. Sie fiel auf ihr Bett. Ich versuchte ihr den Dolch zu entreißen, aber sie hielt ihn, als wäre er mit ihr verwachsen. Dabei röchelte und gurgelte sie zum Erbarmen … Innerhalb von ein paar Augenblicken wurde ihr Körper schlaff. Ich hielt sie fest, so fest ich konnte, und verlor sie doch!“

    Der Tandraner zog seinen Umhang fester um seinen Leib, als ob er fröstelte. Sein Gesprächspartner schwieg betroffen.

    „Danach kamen die Tempelhexen in den Palast. Sie scherten sich nicht um meinen Protest, behaupteten, es wären Schwingungen in der Luft und es könnte noch etwas passieren. Ich musste sie von meiner Garde herauswerfen lassen, sonst würde sie jetzt noch im Palast herumlungern! Aber sie setzten durch, dass der Sarg mit … dem Leichnam nicht im Palast bleiben durfte. Er steht stattdessen im Fürstenpark. Die Priesterin glaubt, das wäre nötig wegen unserer Sicherheit.“

    „Du glaubst es nicht?“

    „Und wenn es auch so wäre, würden die Hexen alles nur verschlimmern! Ohne sie wäre alles nicht passiert! Sie haben meine Frau angestiftet!“

    Ich wurde immer unruhiger. So etwas hatte ich doch schon geahnt. Nun wusste ich also, warum diese fürchterlichen Geister im Gruftenpark herumtobten. Der Leichnam war dabei, sich in einen Totengeist zu verwandeln. Dass dieses Wesen absolut todbringend sein würde, daran hatte ich keine Zweifel. Hoffentlich würde dann der Rest des Planes auch noch aufgehen und sie würde sich nach vollendeter Verwandlung von uns verabschieden und nach Darghessa entschweben, um dort bösartige Fürsten umzubringen. Leider hatte ich so das dumpfe Gefühl, diese Verabschiedung würde nicht ohne Kollateralschäden vonstatten gehen, die garantiert über mich und alle anderen im Gruftenpark hereinbrechen mussten.

    Hatte Fürst Silvrin mich deshalb an den Palast gerufen? Ging es um den Sarg? Aber was hätte die fremde Königin damit zu tun? Die war doch weit weg im Land Außerhalb. Das ergab keinen Sinn.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • 15.2 Im Fürstenpalast

    Meine Begleiter begannen ungeduldig zu werden. Sie blickten immer wieder von mir zu dem Fürsten von Aravenna. Vermutlich trauten sie sich nicht, ihn in seinem Gespräch zu unterbrechen. Und ich wurde jetzt ebenfalls zunehmend nervös. Was wollte dieser große Mann ausgerechnet von mir?

    Hoffentlich konnte ich den Kopf irgendwie aus der Schlinge ziehen. Vielleicht war es nicht so schlimm … Na klar, wisperte eine drohende Stimme in mir. Wenn es nicht so schlimm wäre, würde sich der Fürst nicht persönlich darum kümmern.

    Gerade schwiegen die beiden Fürsten und blickten einander nur auffordernd in die Augen. Das nahmen meine Begleiter zum Anlass, vorwärts zu gehen und sich achtungsvoll vor dem Fürsten von Aravenna zu verneigen.

    „Dies ist die Dienerin Murissa, die Ihr sprechen wolltet“, sagte einer von ihnen.

    Es war nicht zu erkennen, ob der Fürst das gehört hatte oder sich in irgendeiner Form für mich interessierte. Ein anderes Geschöpf hatte es jedoch aufgeschnappt. Das war ausgerechnet die schreckliche Skeff, die Zauberin, die offenbar vorhin doch nicht verschwunden war, sondern sich nur vor den Blicken ihres Gastgebers versteckt hatte. Sie linste zu mir herüber, musterte mich verächtlich, sagte etwas zu einem Soldaten, der neben ihr stand, und fing dann mit Blick auf meine Pferdemähne an zu wiehern. Ha, ha. So lustig ist das nun auch nicht, wenn man es zum hundertsten Mal hört.

    Nun wurde der Fürst auf mich aufmerksam.

    „Du bist also das Mädchen, das eine mächtige Zauberin getroffen hat?“, fragte er ausgesucht höflich. So als wäre ich eine Palastdame und nicht bloß eine kleine Dienerin. Ich fühlte, wie ich bis über die Haarwurzeln errötete und fiel vor ihm auf die Knie.

    „Steh auf“, hörte ich ihn sagen. Er hatte eine warme Stimme und ich konnte nicht anders, als ihm auf Anhieb zu vertrauen. „Ich will nicht, dass du mich anders behandelst als deine Freunde.“

    Das sagte er tatsächlich. Als ob er mit mir befreundet sein könnte. Ich richtete mich auf und fühlte eine brennende Röte auf meine Wangen steigen. Meine Beine waren wie Watte.

    Er entschuldigte sich bei dem tandranischen Fürsten dafür, dass er kurz eine Sache klären müsse und gleich zu ihm zurückkommen würde. Dann lenkte er mich vom Fenster weg ins Innere des Raumes, in welchem mehrere Säulen die rundlichen Dachkuppeln über uns hielten.

    „Hör mir zu“, sagte er zu mir. „Diese Angelegenheit ist mir ungeheuer wichtig und deshalb bitte ich dich, dich ganz genau an alles zu erinnern, was dir begegnet ist, und mir die Wahrheit zu sagen. In Ordnung?“

    Was war das denn für eine seltsame Einleitung? Wusste er, dass ich eine gewohnheitsmäßige Lügnerin war? Aber ich hatte mir ohnehin vorgenommen, damit aufzuhören. Shalimar wünschte sich eine anständige und aufrichtige Freundin und wie gerne würde ich solch eine sein. Vielleicht gab es eine klitzekleine Chance, dass ich mich noch rehabilitieren könnte! Trotzdem schüchterte mich dieses Gehabe um Wahrheit und Ehre etwas ein – das schien sich irgendwo sehr weit weg von mir zu befinden, in einer Welt, zu der ich keinen Zutritt hatte.

    „Äh, ja klar“, stammelte ich, „in Ordnung.“

    „Ich hörte, du hast das Nebelmeer überquert?“

    Verflixt. Ich begriff auf der Stelle, dass seine Fragen mich erledigen konnten. Diesen magischen Ausflug durfte ich nicht zugeben. Er würde mich sofort als Zauberin abstempeln und ich würde hochkant aus dieser Stadt herausfliegen. Ich musste leugnen. Oder wenigstens entschärfen. Verlegen druckste ich herum.

    „Also … vielleicht habe ich etwas übertrieben, um mich wichtig zu machen …“ Wie peinlich. Vorsichtshalber senkte ich den Kopf, um ihm nicht ins Gesicht lügen zu müssen. „Das war wahrscheinlich … nicht die richtige Grenze, ich habe mir nur eingebildet …“

    „Murissa“, sagte er nachdrücklich. „Hab doch bitte Vertrauen zu mir. Deine Informationen könnten die ganze Welt verändern. Und selbst wenn nicht, selbst wenn dies wieder nur eine Sackgasse ist wie hunderte vorher, werde ich dir trotzdem dankbar sein für deine Offenheit. Du bekommst zwanzig goldene Hellonen für das, was du erzählst, und einen Vorschuss sofort. Verstehst du? Egal, was du für Informationen hast, auch wenn sie mir nicht passen, ich bezahle dich in jedem Fall. Ich möchte nur, dass du dich an die Wahrheit hältst. Dass du keine Information weglässt oder verfälschst. Können wir uns darüber einig werden?“

    Da blieb mir glatt die Spucke weg. Was für eine Rede. Die ganze Welt verändern, wohl kaum! Wieso sollte es für den Fürsten irgendeine Rolle spielen, ob ich das Nebelmeer überquert hatte oder nicht? Er griff in seine Tasche und holte einen Beutel heraus, den er mir in die Hand gab. Ich öffnete ihn hastig. Drinnen waren drei riesengroße goldene Hellonen, Aravennische offensichtlich, denn es war sein Bildnis hinten drauf. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie Goldene in der Hand gehabt. Der Fürst schickte einen Diener aus, der mir einen weiteren Beutel holen sollte. Ich kniff mich heimlich in den Unterarm, um sicherzugehen, dass ich nicht träumte. Au. Ich träumte nicht.

    „Klar können wir uns einig werden“, sagte ich verwirrt. War das ein Anflug von Lächeln auf seinem Gesicht?

    „Du warst also hinter dem Nebelmeer?“, wiederholte er.

    Verwünschtes Wahrheitsgerede. Der wollte mich nur fertig machen und mich aus der Stadt herauswerfen lassen.

    „Eher so … in der Nähe“, nuschelte ich. Das war hoffentlich nicht so arg magieverdächtig, hoffte ich. Mir wurde heiß und kalt. Wenn ich wenigstens wüsste, worauf er hinauswollte.

    „Aber am Nebelmeer wohnt niemand, und niemand geht jemals dorthin“, sagte der Fürst.

    „Äh … ja, das dachte ich auch“, stammelte ich. „Ich hatte nicht damit gerechnet, auf irgendwen zu treffen.“

    „Und dennoch wohnt also in dieser Einöde eine sehr mächtige Zauberin?“, bohrte er weiter.

    „Öh, ja.“ Ich nickte und fühlte, wie mir der Schweiß den Nacken herunterlief. Mussten wir die ganze Zeit über verhexte Orte und solche Sachen reden, über die sich normale Menschen niemals unterhalten würden?

    „Warum fürchtest du dich denn so? Du bist hier sicher“, beteuerte er, nur um mich sogleich weiter zu löchern: „Wer war sie?“

    „Königin Penthesilea“, wisperte ich.

    Hinter einer der Säulen kroch die Skeff hervor, von der ich gehofft hatte, sie möglichst niemals wieder zu sehen. Fürst Silvrin schien keinesfalls überrascht und warf ihr einen viel sagenden Blick zu.

    „Alberner Name“, knurrte die Zauberin. „Der ist garantiert erfunden.“

    „Königin?“, fragte der Fürst verwundert. „Weshalb nannte sie sich so? Du weißt doch genauso gut wie ich, dass wir weder einen König noch eine Königin haben.“

    „Da wohnte ein Volk von blauen Feen, und sie ist ihre Königin“, wisperte ich – und bereute im selben Augenblick, diese Information nicht heruntergeschluckt zu haben.

    Die Skeff stand plötzlich neben uns. Sie lachte abfällig und hob ihre Flügel ein wenig. „Blaue Feen?“, spottete sie, „was soll das denn sein?“

    Auch der Fürst schien meine Worte für nicht sehr vertrauenswürdig zu halten, denn er musterte mich abschätzend und kritisch.

    „Warum redest du plötzlich von einem ganzen Volk? Ich dachte, du hättest nur diese sogenannte Königin getroffen?“

    Ich fühlte mich immer unwohler in meiner Haut. Dieses Gespräch würde nicht gut enden.

    Bitte nicht wieder in den Kerker!

    „Nein, sie hatte auch Leute bei sich …“, murmelte ich und überlegte fieberhaft, wie ich dieses Gespräch abwürgen könnte, „die wohnten da in einer Zeltstadt.“

    Fürst Silvrin starrte mich ungläubig an.

    „Du bist in der Wildnis, wo niemand wohnt, auf eine Zeltstadt getroffen?“

    „Ja“, flüsterte ich. „Ich sagte doch, ich war genauso überrascht wie Ihr.“

    Wieder wechselte er einen Blick mit der finsteren Skeff und ich merkte, wie sein Vertrauen in mich mit der Geschwindigkeit eines fallenden Steines in die Tiefe raste.

    „Nun gut. Du sagtest der Priesterin von Tandra, diese Königin hätte dich allein durch ihre Aura in die Knie gezwungen. Und du hieltest sie für mächtiger als alle Zauberinnen unseres Landes“, fuhr Fürst Silvrin fort, jetzt schon deutlich kühler und weniger eifrig als zuvor.

    „Das war wahrscheinlich alles nur ein Traum“, versuchte ich mich herauszuwinden. „Ich hab das alles geträumt und gehofft, die Priesterin würde mich bezahlen, wenn ich ihr interessante Geschichten erzähle. Verzeiht mir bitte und vergesst es einfach.“

    Bitte lasst mich jetzt gehen.

    Der Ausdruck in seinen Augen machte mich nervös – es lag eine gewisse Unruhe darin.

    „Konnte sie fliegen?“ Er sah mich scharf an. „Du erzähltest der Priesterin etwas von Flügeln!“

    „Ähm, ja“, druckste ich herum. „Jedenfalls in dem Traum. Wie gesagt, ich wollte mich wichtig machen.“

    Aber er ließ nicht locker.

    „Wie sah sie aus?“, fragte er weiter, jetzt mit immer größerer Ungeduld, während ich vergebens überlegte, warum ihn eine fremde Feenkönigin interessieren könnte.

    „Sie war nicht besonders groß und sehr zierlich. Schwarze Haare und dunkle Augen. Ungefähr wie eine Skeff, Ihr wisst schon.“

    „Eine Skeff?“, keuchte er, während hektische rote Flecken auf seine Wangen hinauf und seinen Hals herunterkrochen. „Dann hatte sie also Skeffflügel?“ Die Frage kam in einem drängenden, erstickten Tonfall, der mir nahelegte, sie auf keinen Fall zu verneinen.

    Würde er mich einsperren, wenn ich ihm nicht nach dem Mund redete? Damit musste ich rechnen, wenn diese Geschichte für ihn dermaßen wichtig war. Himmel, ich sah jetzt seine Finger zittern. Der wollte doch wohl keine Geschichte über eine Skeff hören, oder? Ich meine, niemand konnte dieses Volk leiden! Aber … egal was es war, ich durfte ihn nicht enttäuschen. Womöglich würde er mich auspeitschen, wenn ich nicht die richtigen Worte fand.

    Hektisch begann ich ihm von irgendwelchen Flügeln vorzuschwärmen, welche die Königin gehabt hätte. Na prächtig. Schon war ich im nächsten Lügenmärchen drin. Freilich muss ich gestehen, dass ich im Fabulieren von Erfundenem viel besser war als im Umgang mit der Wahrheit.

    War jetzt sowieso schon egal. Ich saß in der Falle.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Hey Kirisha,


    erstmal zum vorletzten Teil. Ich bin im Moment nicht so schnell :)



    Den Rest lese ich später noch ...


    LG,

    Rainbow

  • Hallo liebe Rainbow


    lieben Dank für deine detaillierten Anmerkungen und deine Mühe!

    Nochmal vielen Dank fürs Lesen!

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Hey Kirisha,


    also, mir gefällt es, wie du die Handlungsstränge miteinander vernbindest. Dass der Fürst von der Prieserin Murissas Gerede von der "mächtigen Zauberin" gehört hat und sie daraufhin sprechen will...dass Murissa jetzt wieder in die Enge getrieben wird und sich in ihrer Not auf neue Lügereien einlässt etc. Ich würde gerne mal wissen, welches Interesse der Fürst an Penthesilea hat...wenn er sie überhaupt kennt bzw. meint. Schließlich hat sie ja keine Skeffflügel. :hmm: Bin gespannt, was du dir da ausgedacht hast.


    Hier noch sonstige Anmerkungen / Ideen



    LG,

    Rainbow