Freakshow: Episode 3

  • Danke Voluptuous Mayday :)

    Das hatte ich so gar nicht mehr auf dem Schirm. Gut, ist auch schon eine Weile her :blush:


    Umso witziger ist es aber irgendwie :rofl:

    Hayes ist auch ein Typ. Aber dem traut man sowas sofort zu xD

  • Man musste kein Paartherapeut sein um zu erkennen, dass sich die Beziehung zwischen Colin und Gwen verändert hatte. Seit einiger Zeit verzichteten die zwei darauf in Gegenwart ihrer Freunde miteinander zu flirten und es wäre geschwindelt zu behaupten, Moira würde die ständige Turtelei vermissen. Mitzuerleben wie Gwen und Colin einander zu jeder sich bietenden Gelegenheit schöne Augen machten, war wirklich nervig gewesen und des Öfteren hatte Moira insgeheim gewünscht, die beiden würden das Interesse am jeweils anderen verlieren.

    So ein für alle Mal.

    Nach Moiras Beobachtungen deutete das Verhalten der beiden auf zwei mögliche Entwicklungen hin: Entweder waren Gwen und Colin endlich zu der Einsicht gelangt, ja so gar nicht zusammenzupassen – oder ihre Balz war erfolgreich verlaufen und somit nunmehr überflüssig. Dass zwischen ihnen nach wie vor ein vertrautes Verhältnis herrschte, erkannte selbst ein Zyklop mit Bindehautentzündung, aber bisher hatte Moira nie einen Kuss zwischen dem Sukkubus und Scotts Bruder beobachtet oder andere Gesten aufgeschnappt, die ein Liebespaar in der Regel austauschte. Händchenhalten zum Beispiel. Das Fehlen von öffentlich ausgelebten Zärtlichkeiten ließ im Fall von Colin und Gwen jedoch keinen echten Rückschluss zu, da Gwen aus beruflicher Gewohnheit Diskretion wahrte und Colin … nun ja. Er behielt sein Gefühlsleben hartnäckiger unter Verschluss denn ein Krampus unartige Kinder in seiner Bütte und selbst Scott gewährte er nur in einen Bruchteil von dem Einblick, was ihn bewegte.

    Auf Scotts durchaus ernst gemeinte Frage antwortete Gwen: „Von wegen Pfütze. Ich komme gerade von einem Kunden, einem Wildkaterpoly der unbedingt einen Eindruck davon bekommen wollte, wie sich ein Blowjob von einer Meerjungfrau anfühlt. Wir sind also in seine Wanne gestiegen und kaum nimmt die ganze Sache Fahrt auf, hält dieser Mistkerl meinen Kopf unter Wasser gedrückt! Ich wäre fast ertrunken, nur weil er Angst um seine Erektion hatte! Dabei bin ich Profi, ich weiß was ich tun muss um nicht von vorn anfangen zu müssen, nur weil ich für drei Sekunden nach Luft schnappe.“ Empört stemmte Gwen die Hände in die Seiten. „Und dann hat dieses ergraute Fellknäuel auch noch die Dreistigkeit besessen sich darüber zu beschweren, wieso ich so herumzapple. Er kann froh sein, dass er seine Eichel noch hat, nachdem ich an seinem Penis hängen musste wie … .“

    „Wie ein Wurm am Haken?“ Colin beendete Gwens angefangenen Satz, woraufhin der Sukkubus ihn entrüstet korrigierte:

    „Eher wie der Fisch an dem mageren Würmchen, das am Haken hängt.“

    „Und du bist mit Klamotten ins Wasser?“, hakte Scott nach, denn Gwens Geschichte lieferte bisher keine Erklärung für das durchnässte Kleid.

    Sie sagte: „Natürlich nicht. Aber nachdem ich es endlich geschafft hatte mich freizukämpfen, bin ich sofort aus der Wanne geflohen und habe meine Sachen gegriffen, da packt mich dieses Ekelpaket am Arm und zerrt mich zurück. Ist das zu fassen!? Erst bringt er mich um ein Haar um und dann beharrt er auf Vertragserfüllung? So schnell wie er ist noch nie ein Kunde auf meiner schwarzen Liste gelandet, das kann ich euch sagen!“ Im nächsten Moment zuckte Gwens Nasenspitze. Ein Niesen folgte der subtilen Regung.

    „Gesundheit.“ Mit gerunzelter Stirn beäugte Moira Gwens eleganten, auf die Farbe ihres Kleides abgestimmten Bolero, dessen dünner Stoff die Schultern des Sukkubus' vor einer frischen Sommerbrise schützte aber die kühlen Temperaturen und die Windböen des Herbstes hielt er kein bisschen ab. Zudem die Feuchtigkeit in Gwens Kleidung praktisch den Nährboden bot, durch den sich die Kälte bis zu ihrer Haut durchfraß. Unter diesen Umständen musste sie sich ja zwangsläufig eine Erkältung einfangen! „Möchtest du meinen Pullover haben?“, bot Moira der bibbernden Gwen an. Zwischen ihr und der Banshee bestand kein gravierender Größenunterschied und darüber hinaus kaufte Moira ihre Kapuzenpullover wegen des Kuschelfaktors sowieso gern eine Nummer zu groß. Dankbar blickte Gwen sie auf dieses Angebot hin an.

    „Oh Mäuschen, du bist ein wahrer Schatz!“

    Sodann kroch Moira aus ihrem bordeauxroten Hoodie, offenbarte ihre darunterliegende Bluse im Schottenmuster und reichte das warme Kleidungsstück an Gwen weiter. Umgehend schlüpfte der Sukkubus hinein. Fein! Jetzt musste sie nicht länger frieren.

    Plötzlich spürte Moira Colins Augenmerk auf sich ruhen. Wes-... weshalb musterte er sie denn so gründlich? Seine Augen glitt eingehend an ihrem Oberkörper entlang und unerklärlicher weise regten seine Blicke Moiras Herzschlag an wie eine Truppe Taiko-Trommler ihre Instrumente. Ihre Wangen wurden warm.

    „Was machst'n du im Winter?“

    Moira brauchte einen Moment um zu begreifen, dass Colin mit seiner Frage auf ihre diversen Kleidungsschichten anspielte. Was meinte er? Ihre Garderobe bestand heute doch nur aus einem Hemd, einem T-Shirt, einer Bluse sowie dem Pullover, den Gwen am Leibe trug. Nun ja, und aus ihrer gelben Regenjacke aber die hing gegenwärtig zwischen den anderen Jacken am Kleiderständer neben der Eingangstür.

    Schon stahl Gwen Colins Beachtung. „Hast du mir meinen Mantel mitgebracht?“

    Der Wolf schob eine Braue hinauf. „Warum sollte ich deinen Mantel mit mir rumschleppen?“

    „Weil ich ihn heute Morgen in deiner Wohnung vergessen habe, als ich wegen des Termins so in Eile war.“

    „An der Garderobe hat vorhin nichts gehangen“, erklärte Colin und brachte Gwen dazu ihre ebenmäßige Stirn in Falten zu legen.

    „Colin, du weißt wie letzte Nacht gelaufen ist. Denkst du ernsthaft ich hätte mir Gedanken darüber gemacht, in welcher Ecke meine Klamotten landen?“

    „Hättest du es getan und deinen Mantel an die Garderobe gehangen, müsstest du jetzt nicht frieren.“

    … Gwen … Gwen übernachtete bei Colin? Aber ihre Wohnung lag doch nur fünfzehn Minuten Fußweg von seiner entfernt; warum schlief sie nicht einfach in ihrem eigenen Bett? Wie verunreinigtes Spülwasser durch den Abfluss gluckerte die Wärme aus Moiras Gesicht in ihren Bauch, verursachte darin Krämpfe und unweigerlich füllte Moiras Phantasie ungefragt die Lücken in dem angedeuteten Szenario aus. Von jetzt auf gleich wollte die Banshee nur noch eins: nachhause und weg von Colin und Gwen.

    Ihr Wunsch fand seine Erfüllung durch Niall. „Ich muss jetzt los und die Kinder von Mama abholen“, sagte er mit Fingerzeig auf die Uhr. „Soll ich dich vielleicht zuhause absetzen, Moira?“

    Darüber musste die Banshee keine Sekunde lang nachdenken. „Das wäre lieb von dir.“ Sogleich rutschte sie von ihrem Hocker herab und piepste ihren Freunden eine einsilbige Verabschiedung zu.

    Gwen rief ihr zwar noch nach: „Du bekommst deinen Pullover gewaschen von mir wieder“ aber Moira reagierte nicht auf den Sukkubus. Stattdessen floh sie an Nialls Seite aus dem Pub.

  • „Danke, dass du für mich einen Umweg fährst.“ Ein rhythmisches Klacken setzte ein, als Niall den Blinker aktivierte. Die Straße in die er gerade einbog führte ihn von seiner eigentlichen Strecke herunter und Scotts großer Bruder würde einmal im Kreis fahren müssen um zurück auf den direkten Weg zu seinem Elternhaus zu gelangen. Moira nahm den extra Aufwand, den Niall ihretwegen betrieb keineswegs als selbstverständlich hin, wohingegen der Wolf gelassen abwinkte.

    „Kein Problem. Die zehn Minuten bringen meinen Zeitplan nicht durcheinander. Außerdem warst du auf einmal so blass um die Nase als ob es dir nicht gut geht. Da lasse ich dich bestimmt nicht erst durch die Stadt laufen.“

    Ertappt rieb Moira die Knie gegeneinander. Ihr abruptes Stimmungstief war Niall also aufgefallen? Na ja, ein guter Beobachter hatte schon immer in ihm gesteckt und ihre Emotionen zu kontrollieren fiel Moira seit je her schwer, zudem man der Empathie eines Vaters von insgesamt vier Kindern wahrscheinlich eh nur schwer etwas vormachte. Ebendieses Einfühlungsvermögen hielt Niall in diesem Moment vermutlich auch davon ab nach der Ursache für Moiras Unwohlsein zu bohren und der Banshee kam es sehr entgegen. Sie wusste ihre Reaktion ja selbst kein bisschen einzusortieren. Moira verbrachte gern Zeit mit Gwen, sie verbrachte gern Zeit mit Colin. Wieso setzte es ihr da trotzdem immer so zu, wenn sich beide gleichzeitig in ihrer Nähe aufhielten?

    Nachdenklich betrachtete Moira ihre Schuhe. Im Fußraum des Beifahrersitzes rollte ein glitzernder Gummiball umher und Butterkekskrümel hingen in der Matte – eine kleine Hinterlassenschaft von Nialls Welpen für ihren Papa. So etwas würde Colin niemals zulassen. Er ranzte Abby bereits an, sobald sie mit etwas Erde unter den Sohlen in seinen Wagen stieg. Im Gegensatz zu seinem kleinen Bruder trieben Niall allerdings wichtigere Verpflichtungen herum, denn seinen Familienvan in einem Zustand zu halten, in dem man vom Fahrzeugboden essen könnte und so gesehen sorgte ja sein Nachwuchs schon dafür, dass man bei Bedarf eine Kleinigkeit fand.

    „Es freut mich übrigens, dass du wieder mehr Zeit mit uns verbringst“, wechselte Moira das Thema und wurde dafür von Niall angelächelt.

    „Ich bin auch froh darüber. Mama und Papa sei ihr Urlaub gegönnt aber die Kinder bei ihren Großeltern abliefern zu können ist für Kate und mich eine große Entlastung. Wir konnten uns seit Ostern kein einziges Mal mit Freunden verabreden und versuch mal einen Termin mit deinem Steuerberater wahrzunehmen, während vier Welpen an dir kleben. Kate und ich haben uns teilweise sogar darum gestritten wer in den Supermarkt rennen und Milch nachkaufen darf, weil das die einzige Möglichkeit für uns war, dem ganzen Familientrubel zu entkommen.“

    Oh ja, das glaubte Moira ihm sofort. Ähnlich erging es ihr schließlich mit ihrer Wohnung und den Treffen, die sie mit ihren Freunden darin abhielt – nur mit dem Unterschied, dass Moira keine Berge an Wäsche bewältigen, Essen für mehrere hungrige Mäuler kochen oder die Unordnung ihrer Mitbewohner aufräumen musste.

    Vor ihrem geistigen Auge flackerten spontan Scott uns Koljas Gesichter auf.

    ...

    Okay, in einer Hinsicht teilte Moira doch dasselbe Los wie Niall.

    Der Wolf erzählte weiter: „Und den Kindern macht es Spaß im Garten meiner Eltern herumzutoben und sich von Mama verhätscheln zu lassen. Sie sind außerdem ziemlich von Kolja begeistert. Zuerst hatten sie Angst vor ihm, aber sie haben sich auch schnell an ihn gewöhnt und finden ihren neuen Onkel jetzt total super. Er kann echt gut mit Kindern umgehen.“

    „Das ist schön“, meinte Moira in aller Ehrlichkeit. Kolja mochte Kinder nämlich wirklich sehr und das letzte was erreichen wollte war, jemanden in irgendeiner Weise Furcht einzujagen – sowohl Kindern als auch Erwachsenen.

    Niall schmunzelte. „Manchmal muss ich ihnen sogar sagen, dass sie Kolja bitte in Ruhe lassen sollen. Sie würden ihm sonst nur an den Beinen hängen und Abby hätte überhaupt nichts mehr von ihrem Freund.“

    Ja … damit sprach Niall einen wunden Punkt in dem Liebesverhältnis zwischen seiner kleinen Schwester und dem Bärenpoly an. „Kolja hat erwähnt, dass er sich mehr Privatsphäre mit Abby wünscht“, vertraute Moira Niall an. „Die beiden müssen wohl selten die Gelegenheit bekommen miteinander allein zu sein, weil immer jemand um sie herumschwirrt. Bei Abby sind es ihre Eltern und Kieran und wenn sich die beiden bei uns verabreden, sind entweder Scott oder ich gleich nebenan.“

    Kurz konzentrierte sich Niall darauf an der vor ihnen liegenden Kreuzung die Vorfahrtsregeln einzuhalten; danach sagte er verständnisvoll: „Ich kann mir vorstellen, dass das ihre Beziehung belastet. Einem erwachsenen Mann wie Kolja dürfte es zudem ziemlich unangenehm sein, unter den Augen seines Schwiegervaters in Abbys Zimmer zu verschwinden wie ein Teenager. Ich befürchte, dieses Problem lässt sich aber nur dadurch lösen, indem sich Abby und Kolja entweder eine gemeinsame Wohnung suchen oder einer der beiden allein lebt. Das oder unsere Eltern müssen nochmal für ein paar Monate verreisen.“ Er lachte, allerdings meinte Moira trotzdem ein bisschen Verzweiflung aus seinen anschließenden Worten herauszuhören. „Nur ein Scherz. Bitte bring meine Eltern nicht auf diese Idee.“

    „Das mache ich nicht, keine Sorge“, versprach die Banshee ihm. Wo sie einmal über Beziehungen plauderten … . „Weißt du zufällig ob Colin und Gwen ein Paar sind?“

    Leider erwies sich Niall im Hinblick auf die Romanze seines Bruders genau wie Moira als völlig ahnungslos. „Das kann ich dir auch nicht sagen. Du weißt ja wie Colin ist. Der einzige mit der er über seine Gefühle redet ist Scott. Du wirst also ihn fragen müssen, solange du Colin oder Gwen nicht direkt darauf ansprechen möchtest.“

    Moira sollte mit Scott über Colins Liebesleben reden? Das … nein, das konnte sie unmöglich tun; am Ende erzählte er Colin von ihrer Neugierde und das durfte auf keinen Fall passieren! Wenn Colin davon erfuhr, dass Moira Interesse an seinem Beziehungsstatus zeigte, dann … dann … na ja, dann wusste er, dass Moira Interesse an seinem Beziehungsstatus zeigte.

    Das anhaltende Schweigen der Banshee veranlasste Niall das Gespräch fortzusetzen. „Wieso willst du das denn überhaupt wissen?“

    Wieso Moira das … ? Nun, weil sie … . Also … . Weshalb fiel ihr denn nur partout keine legitime Begründung ein? „Ich möchte vermeiden, mich irgendwie unangemessen zu verhalten“, sog Moira sich spontan eine Antwort aus den Fingern und puzzelte dafür die ersten wahllosen Gedankengänge zusammen, die ihr durch den Geist schossen. „Wir verbringen schließlich viel Zeit miteinander und das Letzte was ich will ist unwissentlich etwas zu tun oder zu sagen womit ich einen der beiden auf die Füße trete.“

    „So-so.“

    Das klang nicht danach als ob Niall ihr diese Erklärung abkaufte. Zwar verzichtete er auf zusätzliche Kommentare und fokussierte sich auf den Straßenverkehr, aber aus irgendeinem Grund beschäftigte Moira seine Reaktion. „Glaubst du mir nicht?“

    „Oh, doch. Ich glaube dir“, räumte Niall ihre Befürchtung aus dem Weg ohne sein Augenmerk von der Fahrbahn abzuwenden. Nach einer kurzen Sprechpause ergänzte er: „Mir kam es bloß vor als steckt noch mehr hinter deiner Frage“

    „Ach ja?“

    Mit nach vorn gerichtetem Blick nickte Niall. „Ein bisschen hat es danach geklungen, als wolltest du deine eigenen Chancen ausloten.“

    Wie bitte? Auf was für absurde Ideen Niall da kam! „Ich wollte meine Chancen bei Colin nicht ausloten“, wies Moira die Behauptung des Wolfes strickt zurück, woraufhin dieser amüsiert die Lippen kräuselte. Damit verwirrte er Moira vollends. „Was ist so lustig?“

    „Entschuldige, ich lache nicht über dich“, stellte Niall klar. „Ich finde es nur süß, dass du Colin direkt ins Spiel gebracht hast obwohl ich seinen Namen gar nicht erwähnt habe.“

    Plötzlich stieg der Banshee eine siedende Hitze zu Kopf und ihr Gesicht fühlte sich deswegen an als würde es jeden Augenblick schmelzen wie ein Zinnsoldat in der Esse. Oh Gott, hatte sie das getan? Hatte ihr Gehirn bei der Andeutung, Moira könnte eine Vorliebe für eine Person entwickeln tatsächlich automatisch die Assoziation zu Colin hergestellt? Warum?? Das ergab keinerlei Sinn! Über ihre eigene, verquere Denkweise erschrocken starrte Moira Niall an; dieser versuchte sie zu beruhigen:

    „Das muss dir nicht peinlich sein. Niemand kann etwas für seine Gefühle und wenn es dir hilft: Ich denke nicht, dass Colin, Gwen oder einer der anderen eine Ahnung hat, dass du ihn magst.“

    „Das interpretierst du falsch“, wehrte die Banshee seine Unterstellung ab. Das hieß, natürlich besaß Colin in Moiras Augen besondere Qualitäten, mit denen er einer Frau wie ihr mühelos den Kopf verdrehte. Sein Humor war großartig, er nahm die Dinge in die Hand und außerdem strahlte Colin diese entspannte Aura aus, dank der in seiner Gegenwart jegliche Unruhe von Moira abfiel. Davon abgesehen fand Moira seine Züge wirklich attraktiv und sein Kleidungsstil schmeichelte seiner schlanken, hochgewachsenen Statur, die Moi-… Halt, welche Richtung schlugen ihre Überlegungen da gerade ein?! Rasch scheuchte Moira sie auf die richtige Spur, bevor die Banshee noch selbst der Schnapsidee erlag in Colin verknallt zu sein. „Ich mag Colin, aber nicht so wie du denkst. Wenn ich Gefühle für ihn hätte, dann wäre mir das doch schon vor einer Weile bewusst geworden oder nicht?“

    Niall zuckte mit den Schultern. „Vor einer Weile musstest du noch keine Angst haben, dass er mit Gwen durchbrennt.“

    Vertraute Wohnhäuser schoben sich hinter den Seitenscheiben in Moiras Sichtfeld. Ein letztes Mal lenkte Niall seinen Wagen um eine Kurve und dann hielt er an – direkt vor Moiras Haustür. „Da wären wir. Tut mir leid, wenn ich dir zu nahegetreten bin, Moira. Du weißt am besten darüber Bescheid was in dir vorgeht“, sagte er und Moira zwang ihm zuliebe ihre Mundwinkel nach oben.

    „Ist schon in Ordnung. Komm gut nachhause, Niall, und nochmal Danke fürs Heimfahren.“

    „Jeder Zeit wieder.“ Sodann stieg Moira aus dem Auto und nachdem sie die Beifahrertür zugeworfen hatte, fuhr Niall davon.

    Für einen Augenblick schaute sie dem roten Leuchten seiner Rücklichter nach.

    Der Wolf hatte es erfolgreich zustande gebracht, dass sich Moira von ihren eigenen Gedanken überfordert fühlte. Wie um alles in der Welt gelangte Niall bloß zu der Annahme, sie himmelte seinen kleinen Bruder an? Dass die Banshee mehr für Colin empfand denn platonische Zuneigung, das funktionierte doch gar nicht! Colin und Moira kannten einander seit der Grundschule und in diesen fünfundzwanzig Jahren hätten sie ihr gegenseitiges, romantisches Interesse doch schon lange erkannt. Korrekt? Doch, so musste es sein. Mit Sicherheit ging Niall bloß einem Irrtum auf dem Leim und darüber hinaus: selbst wenn man annahm er liege richtig und Moira stand wirklich auf Colin … solange Colin dieses Gefühl nicht erwiderte, spielten ihre Empfindungen für ihn sowieso keine Rolle.

    Und Colins Hinwendung galt nun einmal Gwen.

    Trotzdem ließ eine Tatsache Moira ratlos zurück. Als sie Niall danach gefragt hatte, ob sein Bruder eine feste Beziehung mit dem Sukkubus führte, da hatte Moira insgeheim gehofft.

    Sie hatte gehofft, seine Antwort würde 'Nein' lauten. 'Nein, Colin führt keine Beziehung.

    Colin ist zu haben.'



    nächster Teil

  • Huhu!



    Mir hat das Gespräch zwischen Moira und Niall sehr gut gefallen. Da war viel Gefühl drin und man spürte richtig, wie zerrissen Moira innerlich eigentlich ist. Einerseits ist sie mit Gwen und Colin gut befreundet und anderseits will sie aber nicht wahr haben, dass die beiden eine Beziehung führen (könnten). Ich finde, man merkt, dass Moira die Freundschaft zu Colin wichtig ist, aber ihr Wunsch nach was anderem größer ist. Da kann man sich gut reinfühlen und ich finde es sehr bemerkenswert wie viel Fingerspitzengefühl Niall da beweist - aber gut, als Papa und Ehemann lernt man das wohl auch xD (btw. mag ich den Charakter sehr gerne - der wirkt neben deinen anderen Freaks so herrlich normal :) )



    LG :)

  • Huhu!

    Selber huhu!


    der wirkt neben deinen anderen Freaks so herrlich normal

    Niall ist der Freak unter den Freaks, weil er vom Charakter her kein Freak ist *g*

    Und man glaubt gar nicht wie entspannend es ist, wenn man zwischen all den extremen jemanden wie Niall schreibt. Man fühlt sich voll als würde man Pause machen.


    ich finde es sehr bemerkenswert wie viel Fingerspitzengefühl Niall da beweist - aber gut, als Papa und Ehemann lernt man das wohl auch xD

    Vor allem als Ehemann einer Kreatur, die einem die Kehle ausbeißt wenn sie wütend wird *hust* #EsgibtNixAngsteinflößerendesAlsEineWütendeWölfin


    Danke für's Feedback ^^

  • Ich hab vergessen auf die Spekulation einzugehen:


    Colin


    Manchmal fragte sich Colin, ob andere Leute die gleiche Scheiße durchlebten. Ob sie genau wie er nachts wachlagen, schlaflos die Zimmerdecke anstarrten und sich den Kopf darüber zermarterten, auf was für grandios jämmerliche Weise sie ihre komplette Existenz in eine verdammte Sackgasse manövriert hatten. Gnadenlos hämmerten die Fragen auf Colins übermüdeten Verstand ein: Warum er niemals für irgendetwas oder irgendjemanden gut genug sein würde, weshalb er sowieso grundsätzlich alles falsch machte, wieso Moira ihn nicht liebte und wie er trotzdem so dumm sein konnte, zuzulassen dass sie nach all der Zeit wieder in sein Leben spazierte. Diese bescheuerte Monogamie. Jeder stinknormale Mensch hätte längst einen Schlussstrich gezogen aber dieses behinderte Ein-für-alle-Mal, wie Abby es schimpfte, ließ das ja unmöglich zu. Nein, Colin durfte den Rest seines ach so vielversprechenden Daseins damit verbringen, aus der Ferne eine Frau anzulechzen, welche in ihrer Jugend ohne mit der Wimper zu zucken entschieden hatte keinen Bedarf mehr für Colin zu haben und nun meinte einfach so zurückkehren zu dürfen. Und Colin bewies dank der Fixierung, die man als Wolfpoly entwickelte, genug gottverdammte Idiotie Moira ihre Dreistigkeit auch noch zu erlauben. Er sollte es besser wissen. Fuck, er wusste es besser und dennoch … !

    Eine Grube hatte er für seine Gefühle gegraben. Eine Grube mit einem unerschütterlichen Betonsockel und einer massiven Stahlplatte oben drauf. Abgedeckt, zugeschweißt, fertig. Zehn Jahre hatte diese sinnbildliche Falle ihren Zweck erfüllt und Colins Zuneigung zu Moira unter Verschluss gehalten; zehn Jahre war er Moira erfolgreich aus dem Weg gegangen, um keinesfalls daran erinnert zu werden warum er sie liebte. Daran und dass keine Frau so viel Nachsicht und Sanftmut demonstrierte wie sie, dass keine Frau jemals an ihre Leichtherzigkeit herankommen würde, an ihren Mut und an ihr Engagement und dass sie das zärtlichste Lächeln auf der ganzen weiten Welt besaß – und dass Colin ihr im Gegenzug einen gottverdammten Scheiß bot. Fast hätte er über seine eigene Anmaßung gelacht. Wofür sollte Moira schon ein Wrack wie ihn lieben können?

    Blaues und magentafarbenes Licht fiel durch die Jalousie vor Colins Schlafzimmerfenster. Damals, während der ersten Monate in dieser Wohnung hatte Colin noch geflucht, ob die farbenfrohe Beleuchtung des Vierundzwanzig-Stunden-Kiosks auf der gegenüberliegenden Seite der Straße ernsthaft Tag und Nacht ununterbrochen brennen musste, denn die Leuchtstoffröhren strahlten bis zu Colin in der dritten Etage hinauf und tünchten die weißen Wände mit ihrem Farbenspiel – der Grund, aus dem für Colin in erster Linie überhaupt die Notwendigkeit eines Sichtschutzes bestand. Knapp eine Dekade später störte es ihn allerdings kein Bisschen mehr, im Gegenteil. In Colin weckte die surreale Kombination aus Blau und Magenta immer das Gefühl, die Realität würde sich verzerren und der Welt ihre Anspannung und Geschwindigkeit rauben, weshalb er dem bunten Leuchten gelegentlich mit Absicht Einlass gewährte. Alles in allem war das ein ziemlicher Blödsinn aber na ja. Es half Colin seinen aufgewühlten Geist zu beschwichtigen. Meistens jedenfalls. Heute folterte seine Phantasie ihn lieber damit, lebhafte Bilder davon zu malen wie das blau-magentafarbene Licht wie ein Seidentuch über Moiras blasse Haut sowie über ihr langes, aschblondes Haar hinwegglitt.

    Scheiße Mann, so brachte das nichts. Wenn Colins Verstand ihm nicht bald eine Pause gönnte, würde er kein Auge mehr zu tun und morgen vor lauter Übermüdung schlechte Laune haben. Dann ließ er seinen Frust an seinen Freunden aus, sagte Dinge, die er niemals so meinte und fand die darauffolgende Nacht erneut keinen Schlaf, weil er sich wegen seines eigenen Fehlverhaltens hundsmiserabel fühlte. Er brauchte eine Ablenkung. Also schob Colin die Bettdecke zur Seite, erhob sich von der Matratze und ging zur Schlafzimmertür. Seine sensiblen Ohren vernahmen ein Geräusch als er sie öffnete; gleichzeitig registrierte Colin eine Bewegung in der Dunkelheit und in der nachfolgenden Sekunde huschte Ohli geschwind zwischen den Beinen seines Herrchens hindurch. Verrücktes Vieh. Da stand dem Fellmonster eine eigens von Colin zurechtgezimmerte, mit warmem Stroh gefüllte Kiste zur Verfügung, in der Ohli trotz sperriger Hörner und kräftigen Läufen bequem Platz fand und in der er von niemanden belästigt wurde, und trotzdem ergriff dieses gerissene Höllenbiest jede denkbare Möglichkeit, seinen pelzigen Hintern auf Colins Kissen zu hieven. Na auch egal. Musste Colin morgen eben Tierhaare vom Bezug saugen.

    Barfuß tapste Colin durch das unbeleuchtete Wohnzimmer. So lange wie er mittlerweile in dieser Wohnung lebte, kannte er jede Ecke in- und auswendig wie die Wechselbälger ihre Gänge und das Licht anzuschalten erwies sich deswegen als ziemlich überflüssig. Colin wusste, dass es zu seiner Rechten ins Badezimmer ging und ihn auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes die Türen zur Küche und zum Flur angähnten. Außerdem hätte Colin dank des Sehvermögens eines Wolfes auch ohne Ahnung vom Grundriss zu haben das Sofa im Wohnzimmer gesehen und lief daher keinerlei Gefahr, sich den Zeh am Sofatisch oder dem Fernsehschrank zu stoßen. Stattdessen berührte Keramik Colins Fuß.

    Mitten im Weg lag Ohlis auf den Kopf gedrehter, leerer Futternapf herum. Eigentlich gehörte er neben eine Wasserschale auf die rutschfeste Matte in der Küche, denn dort bekam das kleine Monster immer sein Fressen von Colin kredenzt. Seine Portion um über die Nacht zu kommen hatte Ohli jedoch offensichtlich bereits restlos hinuntergeschlungen und zum Ausdruck seines Protestes gegen diesen Zustand den ratzekahl geputzten Napf einmal durch die halbe Wohnung geschleudert. Colin hob das Gefäß vom Boden auf und stellte ihn vorübergehend auf Ohlis Kiste neben dem Sofa ab; danach fläzte er seine vier Buchstaben auf die Sitzfläche.

    Diese dreckigen Medikamente mussten Colin echt das Hirn zermatscht haben. Um ihn herum scharrte sich eine verdammte Großfamilie, von seiner Fußballmannschaft und seinen Arbeitskollegen gar nicht erst zu sprechen und Gwen, Scott oder Kevin … einer von ihnen erübrigte immer Zeit, um mit Colin abzuhängen. Und trotzdem hockte er jetzt hier wie ein erbärmliches Häufchen Elend, allein in seiner düsteren Wohnung und fühlte sich unsagbar, unsagbar einsam.

    Automatisch wanderte Colins Blick zu seinem Smartphone auf dem Sofatisch. 'Du wirst sofort anrufen und wenn es mitten in der Nacht ist' lautete die Bedingung, unter der ihn sein Vater seinerzeit aus Colins Elternhaus aus- und in eine eigene Unterkunft hatte ziehen lassen: Ihn zu alarmieren, sobald die negativen Episoden überhandnahmen …, sobald das trübsinnige Loch immer tiefer und tiefer wurde und Colin jeglichen Lichtblick aus den Augen zu verlieren drohte. Und welche Alternative blieb ihm schon, denn dieser Anordnung Folge zu leisten? Irgendwie schien Papa den metaphorischen, schwarzen Nebel zu wittern, der phasenweise um Colins Kopf herum waberte und ihm das Gemüt umnachtete. Und sollte er spitzkriegen, dass Colin trotz allem keine Hilfe suchte – Fergus Fitzpatrick würde seinen drittältesten Sohn an den schwarzen Haaren packen und ihn eigenhändig nachhause schleifen. Keine Kompromisse.

    Colin griff nach dem Smartphone. Der Akku zeigte ihm einen Energiestand von einundzwanzig Prozent an oder in anderen Worten: bedenklich gering. Bestimmt motzte das System bald herum und verlangte ans Stromnetz angeschlossen zu werden. Für gewöhnlich nutzte Colin eine der Steckdosen in der Küche dafür, da die Buchsen auf der Arbeitsfläche zu hoch lagen, als dass Ohli ohne Weiteres zu ihnen hinaufspringen und mithilfe seiner großen Zähne das Ladekabel zu Konfetti zerschreddern konnte. Das Leben mit Haustier fand am besten kabellos statt, so viel hatte Colin definitiv gelernt. Der Wolf prustete abfällig. Solange er noch über solchen Mist herumphilosophierte, ging es ihm bei Weitem noch nicht beschissen genug; da konnte er seinen Vater genauso gut in Frieden lassen. Anstatt die Nummer seiner Eltern zu wählen, navigierte sich Colin daher zu seinem Messanger-Dienst hindurch. Drei ungelesene Nachrichtenverläufe zeigte das Programm ihm an. Im Mannschaftschat des Fußballteams gab es etwas Neues, außerdem blinkte es neben Kevins Namen auf und die dritte Meldung stammte aus dem Gruppengespräch der Clique. 'Fröhliche Freak-Freunde' lautete der Name, den Abby der gemeinschaftlichen Konversation mit ihren Brüdern und Freunden verpasst hatte und Colin fand diesen Titel sogar noch dämlicher als das 'Fitz-PUPP-ricks' ihres Geschwisterchats. Als ob es keine gescheitere Bezeichnung für eine Zusammenkunft an Freaks gäbe.

    Weil Colin in diesem Moment kein bisschen der Sinn nach irgendwelchen Organisationsgeplänkel stand und Kevin buchstäblich alle Zeit der Welt besaß, überflog Colin lediglich das geschriebene hin und her seiner Freunde.

  • Etwas interessantes gab es nicht nachzulesen; bloß Abby und Gwen, die versuchten Moira dazu zubewegen an irgend so einem Wettbewerb für Fotografie teilzunehmen. Mann, worüber dachte die Banshee da noch nach? Ihr Konkurrenz hätte echt keine Freude, denn Moira schoss spitzenmäßige Fotos, die einschlugen wie eine Bowlingkugel und statt Kegel walzten sie mit Karacho die Bilder dieser ganzen anderen Fotoheinis um.

    Klasse. Jetzt dachte Colin schon wieder darüber nach, wieso er Moira fantastisch fand. Natürlich würde er einen gottverdammten Teufel tun, ihr das jemals unter die Nase zu reiben - Selbstschutz und so -, genauso wie er ihre Nummer gar nicht erst unter seinen Kontakten abspeicherte und Moira für ihn im Chat deswegen als bloße Zahlenkombination zwischen lauter Namen auftauchte. Colin wusste doch, was für ein armseliges Würstchen er war; dass er wie ein Volltrottel stundenlang ihr Profilbild anschmachten würde, um ihr schlussendlich irgendeinen Bockmist zu schreiben. So was wie 'Hey' oder 'Wie geht's?'. Ernsthaft, für so einen belanglosen Rotz opferte doch niemand seine Zeit.

    'Klappt ja echt super, das mit der Ablenkung von Moira', spottete Colin innerlich über seine eigene Unzulänglichkeit. Der Plan sah vor auf andere Gedanken zu kommen, verfickt nochmal, und nicht, ihnen noch mehr Nährboden zu liefern. So trieb es Colin auf YouTube. Selbst wenn sein Verstand weiter Flickflacks schlug – das Geflimmer der Videos würde Colins Augen hoffentlich ermüden, sodass sein Körper die Reißleine zog und Colin endlich etwas Schlaf gönnte. Mal schauen. Was bot die Videoplattform ihm denn so an? An erster Stelle prangten die Musikvideos der Bands, auf die Colin abfuhr und nach deren Songs er deshalb regelmäßig suchte. Zudem präsentierte ihm die Website irgendwelche Clips der letzten Nachrichtensendung auf RTÉ und dazwischen die visualisierten Anleitungen, die einem dabei halfen bestimmte Musikstücke auf dem Klavier zu spielen. Colin linste zu seinem Digitalklavier. Sein Vater hatte es ihm zum Auszug geschenkt, weil sich Colins akustisches Klavier unmöglich in seiner kleinen Wohnung unterbringen ließ und seitdem im Keller seiner Eltern verstaubte. Was das Digitalklavier anbelangte … . Ihm wurde kein wirklich besseres Schicksal zu teil, denn das Gros seiner Existenz verbrachte es auseinander geschraubt in der Ecke neben Colins Kommode. Im Grunde bestand es lediglich aus der Klaviatur sowie einem Ständer und nahm deswegen nur wenig Raum weg. Eher unregelmäßig baute Colin es auf um darauf zu üben. Irgendwie klang alles darauf furchtbar künstlich und Colin verstand deswegen ziemlich gut, wieso Hazel gedruckten Büchern den Vorzug gegenüber E-Books gab. Trotzdem: Auch wenn er so gut wie nie spielte, das grundsätzliche Interesse bestand weiter und den ein oder anderen Kniff hatte Colin sich bereits erfolgreich von den Pianisten in den Videos abgucken können.

    Und was sollte das da sein?

    Zwischen klassischen Musikstücken drehte ihm der YouTube-Algorithmus ernsthaft eine Pseudodokumentation über die Legende der Werwölfe an. Was für ein Dreck. So ein Hirndünnschiss wie Werwölfe existierte doch gar nicht. Wolfpolymorphen, klar – die tummelten sich rudelweise auf der Erde aber auf keinen Fall so ein abwegiger Mist wie ein Mensch, dem bei Vollmond auf einmal Pelz wuchs. Dennoch klickte Colin das Video an, weil er wissen wollte mit welchen völlig bescheuerten, sogenannten Fakten die Filmemacher sich selbst sowie ihre Zuschauer dieses Mal verkasperten. Wie immer kroch die Internetverbindung mit der Geschwindigkeit einer fußlahmen Schnecke voran, weshalb Colin dem Ladebalken etliche Augenblicke Vorsprung geben musste, ehe das Video letztlich startete und Colins Smartphone ihm zuckende, grelle Lichter ins Gesicht spuckte.

    In einem düsteren Raum vor künstlichem Geflacker zu hocken weckte Erinnerungen. Es ließ Colin an seine Schulzeit denken, spezifischer gesagt an die Ferien, in denen Moira ab und an für mehrere Tage bei Scott übernachten durfte. Die Schlafpartys der beiden hatten meistens stattgefunden, wenn Moiras Vater das Geld für einen Urlaub fehlte und soweit Colins Gedächtnis ihn nicht trog, war das so ziemlich immer der Fall gewesen. Dann hatten Scott, Moira und Colin bis spät in die Nacht gemeinsam vor der Glotze gehangen und sich entweder Filme reingezogen oder an der Konsole ein Spiel gezockt. Scott wollte natürlich ständig irgendeinen Streifen in den DVD-Player schieben, wohingegen Moira auf die neusten Abenteuer aus ihrer Lieblingsspieleschmiede brannte. In diesen Pattsituationen hatte Colin seine ausschlaggebende Stimme oft zu Moiras Gunsten vergeben, einfach nur um sie glücklich zu sehen und ob Film oder Spiel - in jedem Fall hatten sie zu dritt eine gute Zeit verlebt und sich im dunklen Wohnzimmer von Colins Eltern solange von den hyperaktiven Bildern auf der Mattscheibe berieseln lassen, bis ihnen die Augen vor Überanstrengung zu fielen. Dasselbe tat Colin gerade auch.

    Nur, dass heute Nacht niemand bei ihm saß, weder Scott und schon auf gar keinen Fall Moira. Stattdessen kauerte Colin allein auf seinem Sofa. Ohne seinen Bruder und ohne die Banshee. Eine erneute Welle Schwermut überrollte ihn und so hob der Wolf beide Füße auf die Sitzfläche, zog die Knie heran und legte entmutigt die Stirn darauf ab. Konnte sein grenzdebiles Gehirn zur Abwechslung vielleicht mal keinen Bogen schlagen, an dessen Ende Colins mentale Verfassung frontal auf die Fresse flog?

    Die Stimme im Video krächzte etwas von Silber. Angeblich, so führte sie aus, genügte ein Schuss mit einer aus dem Edelmetall gegossenen Kugel, um einen Werwolf auf der Stelle zu töten. Bullshit. Abgesehen davon, dass jeder verreckte, wenn ihm ein Projektil ein lebenswichtiges Organ zerfetzte, richtete Silber als solches keinerlei Schaden bei einem Wolfpoly an. Es zwang ihn lediglich dazu seine menschliche Form anzunehmen. Wahrscheinlich war diese Erkenntnis irgendwann vor hunderten von Jahren mal zu den Menschen vorgedrungen und die hatten es in ihrer grenzenlosen Weisheit von einem Überlieferungsfehler durch den nächsten geleiert, bis ein völlig verdrehter Quatsch bei rauskam wie mit den Kraken. Von wegen schreckliche, bösartige Ungeheuer der See, die ganze Schiffe mitsamt Besatzung in die Tiefe zerrten um sie mit Haut und Haar zu verschlingen. In der Realität waren Kraken schlichtweg bloß unglaublich schmusebedürftig und kuschelten für ihr Leben gern.

    Den Rest der Dokumentation verfolgte Colin desinteressiert gerade mal aus einem Augenwinkel heraus, bis der Sprecher mit einigen lapidaren Worten das Ende des Filmchens verkündete. Sogleich rieb die Videoplattform Colin Empfehlungen für weitere Videos dieser Art ins Gesicht; mit noch mehr Werwölfen und noch mehr angeblichen Informationen über sie. Wieso ploppte dieser Mist überhaupt auf? Dominierten Werwölfe aktuell die Trends, weshalb der Algorithmus meinte Colin solchen Scheiß vor die Nase spülen zu müssen? Zumal es keinerlei Sinn ergab, dass zwischen der ganzen Lykanthropie beiläufig die fünfte Symphonie von Beethoven sowie sein Klavierstück 'Für Elise' vorgeschlagen wurde, als bestünde da ein Zusammenhang. Außerdem musste Colin nach Meinung von YouTube unbedingt und auf jeden Fall einen ganz besonderen Kanal abchecken: 'Die wahren Monsterjäger'. Soweit kam es noch! Nein, Colin genügte es und das beileibe. Lieber wälzte er sich schlaflos von einer Kante der Matratze zur anderen, denn seine Synapsen noch mehr verkleistern zu lassen. Mit einem Druck auf den Powerbutton am Rand des Geräts drehte er dem Smartphone den Saft ab – und kehrte ins Schlafzimmer zurück.



    nächster Teil

  • Hey Voluptuous Mayday :)


    Gestern dachte ich mir noch "Man, hier müsstest du auch kommentieren" und dann im nächsten Augenblick: "jetzt kannst du auch bis morgen warten" :ugly:



    LG

  • Guten Morgen LadyK 🍐 Danke für die Rückmeldung und entschuldige bitte meine säumige Reaktion darauf. Meine Motivation für dieses Forum bewegt sich mittlerweile im Minusbereich, deshalb dauert alles länger mit mir.

    (Ich möchte versuchen regelmäßig neue Teile zu posten, kann aber auch verstehen wenn du sagst, dass es dir unter diesen Umständen zu dumm ist, die Geschichte weiter zu verfolgen).


    _____



    „Und dann ist der Penner einfach weggefahren“, beendete Colin seinen Redeschwall und warf stinkig die Hände in die Luft. Normalerweise lud der Wolf seinen Frust ja immer bei Scott ab; sein Bruder wischte in diesem Moment allerdings murrend einen Haufen Vogelscheiße vom Parkett des Tír na nÓgs auf und um sich auf zwei Dinge gleichzeitig zu konzentrieren, fehlte Scott mehr als nur eine funktionierende Hirnwindung. Daher lieh Kolja stellvertretend sein Ohr.

    „Hast du dir das Kennzeichen gemerkt?“

    Gestern nach dem Training war irgend so ein Depp mit seiner Karre gegen Colins Golf geknallt und anstatt für seinen Fehler geradezustehen, hatte der Mistkerl direkt vor seiner Nase Fahrerflucht begangen. Was für ein Arschloch, Mann! Zähneknirschend verkrampfte Colin den Kiefer. „Keine Chance, der Affe ist direkt vom Parkplatz gedüst.“ Und dank seiner Unfähigkeit rückwärts auszuparken, war Colins Rücklicht jetzt völlig im Eimer. Es reparieren zu lassen kostete einen Haufen Asche und im Gegensatz zu anderen Leuten zauberte der Wolf das dafür nötige Kleingeld unmöglich mal eben so aus der Hosentasche hervor. Fuck, mit eingeschlagenem Rücklicht fischte ihn die Polizei doch schneller aus dem Verkehr, als Colin 'Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer durch unzureichende Schlussbeleuchtung' runter rattern konnte. „Ich hab nur noch erkannt, dass das Kennzeichen aus dem County Cork stammt. Alter, der Typ ist erst mal voll durch das Schlagloch auf der Ausfahrt gebrettert. Hoffentlich hat er sich dabei schön die Stoßdämpfer ruiniert, wobei das bei der alten Kiste, die der fährt, wahrscheinlich eh keinen Unterschied macht.“ Zusätzlich erinnerte sich Colin an die echt hässlich rote Lackierung, durch die das Fahrzeug wirkte wie eine übergroße Paprika und nahm man das alles zusammen, fuhren im Stadtgebiet nicht gerade viele Fahrzeuge herum, auf die diese Beschreibung passte. Mehrmals tippte Colin energisch mit dem Zeigefinger auf die glatt geschmirgelte Holzoberfläche des Tresens. „Sobald ich den Typen auf der Straße sehe, erlebt der sein blaues Wunder und die Rechnung von der Werkstatt darf er mir auch bezahlen, darauf kann er sich verlassen.“ Das brachte Kolja zu der Frage:

    „Übernimmt so was nicht die Versicherung?“

    „Die zahlt nur, wenn ich einen Schaden bei jemand anderen verursache“, klärte Colin den Bären auf. „Für die Reparatur an meinem Wagen müsste die Versicherung dieses Typen aufkommen aber solange ich keinen Schimmer habe, wer mir überhaupt reingefahren ist, bleibe ich vorerst auf den Kosten sitzen. Ich hab' bei der Polizei Anzeige gegen Unbekannt gestellt aber von der Truppe darfst'e ja eh nichts erwarten. Ich meine, die haben bis heute nicht gechecked was wirklich mit Donnelly auf dem Dach passiert ist.“

    Wie aufs Stichwort kam Scott zum Tresen gestapft und ließ verrichteter Dinge seinen noch feuchten Wischmopp in die nächste Ecke fallen. „Scheiß Phönix, ey“, meckerte er herum. „Ich bin Kellner verdammt! Ich werde nicht dafür bezahlt, wie eine Putze ständig die Haufen dieser Dungmaschine vom Parkett zu schrubben. Irgendwann schnappe ich mir das Mistvieh und verkork' ihm den Hintern.“

    Daraufhin hörte man von der Seite ein verunsichertes Krächzen. Nero, die befiederte Ursache für die beschissene Situation des Pubs, hockte auf der Kasse und neigte seinen Kopf um Scott misstrauisch in sein kohlrabenschwarzes Auge zu fassen. Er stellte die Haube auf als der Wolf ihn anschnauzte: „Du dämlicher Vogel, komm bloß nicht auf die Idee mir vor den Tresen zu scheißen!“ Unversehens griff Colins Bruder nach einer leer gefutterten Snackschale und schleuderte das Geschirr wie ein Frisbee in Neros Richtung, der infolgedessen aufgescheucht davonflatterte. Daneben. Hätte Scott die Schale lieber mal dafür verwendet, ein paar Erdnussflips an Colin rüberwachsen zu lassen. Das wäre eine viel sinnvollere Verwendung gewesen und lauter Krümel lagen jetzt außerdem ebenfalls auf dem Boden herum.

    „Du darfst ihn nicht aufregen.“ Mit gerunzelter Stirn blickte Kolja den davonfliegenden Phönix hinterher. „Sonst müssen wir wirklich noch die Feuerwehr rufen und mir fällt keine glaubhafte Ausrede über die Brandursache ein“

    Feuerwehr? „Was'n passiert?“, wollte Colin wissen und bekam von seinem Bruder erzählt:

    „Der Vogel hat uns neulich fast die Bar abgefackelt, weil er sich vor seinem eigenen Spiegelbild erschrocken hat.“ Er deutete auf das verspiegelte Regal hinter ihm, in dem der Bestand an hartem Alkohol den Pub dekorierte. „Gleich zwei Mal und natürlich muss das feige Vieh immer gleich Feuer spucken wie so ein verstopfter Schweißbrenner. Das hat uns den Papierkorb neben der Kasse in Brand gesteckt. Mann, zum Glück wusste Kolja auf Anhieb wo der Feuerlöscher steht.“

    „Wir bewahren ihn seitdem griffbereit unter dem Tresen auf“, ergänzte der Bär. Besser war das wohl auch.

    Fort vom Feuer und dafür hin zum Wasser. Kritisch begutachtete Colin die Pfütze auf dem Boden, welche nach Scotts Wischaktion das Parkett aufweichte. „Willst du das so lassen?“

    Sein Bruder warf einen desinteressierten Blick auf sein Werk. „Jap“, meinte er sodann leichthin, obwohl das Wasser mitten im Weg herumschwamm und der nächste unaufmerksame Tropf, der zum Tresen lief, mit ziemlicher Sicherheit darauf ausrutschte. Davon abgesehen hinterließen solche Lachen immer echt schmuddelige Flecken. Colin würde niemals nachvollziehen können, was so schwer daran sein sollte unnötigen Schmutz von Anfang an zu vermeiden aber was das Thema Ordnung anbelangte, gingen Colins Einstellung und die seines Bruders schon immer weit auseinander. Dementsprechend legte Scott die Frage bereits als hinreichend erledigt ad acta und wandte sich Kolja zu. „Wo haben wir vorhin aufgehört?“

    Der Bär antwortete: „Sie war mit dem Elfen aus eurer Parallelklasse zusammen und später mit dem Hexer, der bei ihrer Trennung so gemein zu ihr war.“

    „Stimmt, und danach kam der eifersüchtige Vampir. Bin ich froh, dass daraus nichts geworden ist. Der Typ ist mir mit seinem ständigen Drama so auf die Eier gegangen.“

    Elf? Hexer? Eifersüchtige Vampire? Worüber quasselten die zwei denn jetzt? Während Colin versuchte den Faden des Gesprächs zu erfassen, zog Scotts Zeigefinger erklärende Kreise in der Luft. „Es gab auch noch diesen Grufti-Spinner und Scott. Also nicht mich, den anderen Scott. Außerdem hatte sie mal was mit einem Nachtalb. Erinnerst du dich? Der Typ hat ihr so einige schlaflose Nächte bereitet und ich meine nicht auf die geile Art. Und der letzte war dann Ken.“

    „Mit all diesen Männern hat sie aber nie eine Beziehung geführt, sondern ist nur kurzzeitig mit ihnen ausgegangen. Da besteht ein Unterschied“, gab Kolja seinem Freund zu bedenken.

    An der Stelle platzte Colins Sarkasmus aus dem Wolf hervor. „Seid ihr zwei seit neusten Gwens Sekretärinnen oder warum listet ihr lauter Kerle auf wie 'n Telefonbuch?“

    Die Erklärung, die Scott ihm daraufhin lieferte, erwischte Colin kalt wie ein mit Eiszapfen gespickter rechter Haken von Väterchen Frost höchstpersönlich. „Wir fassen zusammen, mit welchen Männern Moira bisher so zusammen war. Es ist schon ein halbes Jahr her seit sie wegen diesem Ken rumgeflennt hat. Das heißt, es kann nicht mehr lange dauern bis sie wieder jemanden nachrennt.“ Verschwörerisch lehnte sich Scott zu Kolja vor. „Würde mich nicht wundern, wenn sie sich bereits verknallt hätte.“

    Der Bär widersprach dem. „Aus Moiras Liebesleben lässt sich keine plausible Normalverteilung herleiten, Scott. Zwischen manche ihrer Bekanntschaften lagen wenige Monate und zwischen anderen ein Jahr oder noch mehr. Reduziert man es auf aussagefähige Werte, also die Romanzen die über eine oberflächliche Zuneigung hinausgingen, dann bemisst sich Moiras Statistik auf lediglich drei feste Freunde. Für eine Dreiunddreißigjährige ist das nicht außergewöhnlich viel. Ich hatte genauso viele Beziehungen, bevor ich Abby kennengelernt habe.“

    „Ach komm schon, Mann“, wischte Scott Koljas Einschätzung selbstüberzeugt beiseite. „Ich kenne Moira schon mein ganzes Leben. Ich sage dir: die Frau schleppt uns demnächst einen neuen Typen an.“

    „Scott, es lässt sich unmöglich vorhersagen, wann Moira Interesse an einem Mann entwickelt.“ Kolja beharrte auf seiner Meinung, ebenso wie Scott es tat und unterdessen Colin mit verkrampften Fäusten darum kämpfte seine aufsteigende, zerstörungswütige Frustration nicht am nächststehenden Barhocker auszulassen, kam sein Bruder dem Bären mit einem Vorschlag um die Ecke:

    „Wir können ja darauf wetten. Mein Einsatz darauf, dass Moira bis zum Ende des Herbstes einen neuen Freund hat und du hältst dagegen.“

    An dieser Idee fand Kolja offensichtlich wenig Gefallen. „Ich halte es für falsch auf Moiras Liebesleben zu wetten.“

    „Aber darauf zu wetten ob ich mit Hazel ausgehe ist in Ordnung oder was?“, bellte Scott seinen Freund an und Colin spürte seine Backenzähne wie Mühlsteine aufeinander reiben. Da sein Bruder unbedingt sein Geld auf etwas setzen wollte, dann sollte er es darauf tun, dass hier jeden Augenblick ein paar Tische durch den Pub flogen, denn wenn Colin noch eine einzige Silbe davon ertragen musste, welchen Pennern sich Moira in ihrem Leben schon an den Hals geworfen hatte ohne Colin jemals auch nur mit einer noch so nichtig kleinen Faser ihres Herzens in Erwägung zu ziehen, passierte ein Unglück.

    Völlig auf seine Verbitterung fokussiert, blendete Colins Bewusstsein die Debatte zwischen den zwei anderen Männern komplett aus und erst als Scott seinen Namen erwähnte, erwachte der Rüde aus seinem Gram. Äußerlich unbewegt hob er die Augen zu seinem Bruder. „Dieses Mal bin ich vorbereitet. Die Ohrstöpsel, die Colin mir empfohlen hat sind richtig gut. Mit den Dingern in den Ohren kann Moira im Nebenraum vor Liebeskummer schluchzen und heulen wie sie will und ich muss nicht wieder auf der Couch meiner Eltern übernachten.“ Sodann kratzte sich Scott nachdenklich am Haaransatz und am Ende dieses Denkprozesses murmelte der Wolf in seinen Bart hinein: „Was ja eh nicht mehr geht, weil Mama und Papa schon lange aus dem Urlaub zurück sind. Abgesehen davon ist auf der Couch gar nicht genug Platz für Hazel und mich.“

    Ohne es zu ahnen bot Scott seinem Bruder damit die Gelegenheit eines Themenwechsels.



    nächster Teil

  • Armer Colin :(

    Wenn die anderen nur wüssten ... dann würden sie nicht so über Moira reden, oder?


    Ohne es zu ahnen bot Scott seinem Bruder damit die Gelegenheit eines Themenwechsels

    Ich glaube, das Colin ein Themenwechsel sehr gelegen kommt.

    Dieses Gefühl, was Colin momentan verspürt, kennt bestimmt jeder... man kann richtig mit ihm mitfühlen.


    Ich hoffe, dass diese Episode noch ein bisschen glücklicher für ihn wird :(

    Aber da ich dich und deine Schreibe schon ein bisschen begleiten durfte, gehe ich fest von einem Habby End aus :ugly:


    Edit:

    Ich möchte versuchen regelmäßig neue Teile zu posten, kann aber auch verstehen wenn du sagst, dass es dir unter diesen Umständen zu dumm ist, die Geschichte weiter zu verfolgen)

    Ich würde sagen, mach es wie es für dich am besten ist. Mir gefiel der Wochenrythmus ganz gut, kann aber auch verstehen, wenn man schneller voran kommen möchte :)

    Ich richte mich da nach dir :)


    LG


  • „Ich hab' ja gesagt, die Marke ist super“, nutzte Colin sie und griff Scotts Kommentar über die Ohrenstöpsel auf. Das Hörvermögen vieler Polymorphen war überaus empfindlich, vor allem das der Wölfe und wenn zur Hälfte ein Tier in einem steckte, wurde die eigene Sinneswahrnehmung wegen des ganzen Alltagslärms schnell einer Belastungsprobe ausgesetzt. Durch krächzende Musik in den Geschäften beispielsweise, Klingeltöne mit viel zu hoher Frequenz und nicht zu vergessen durch diesen hirnrissigen Quatsch, dass die Werbung im Fernsehen grundsätzlich viel lauter sein musste, als die Sendung, die sie unterbrach. Ehrlich, welcher Idiot traf solche Festlegungen? In Colins Fall stellte die enorme Lautstärke auf Konzerten ein echtes Problem dar aber er liebte diese Events zu sehr um auf sie verzichten zu wollen. Schutzmaßnahmen mussten daher getroffen werden und so wie andere Leute ständig eine Schachtel Kondome im Schrank aufbewahrten, fand man in Colins Schublade zusätzlich einen Vorrat an Ohrenstöpsel.

    Scott sprang auf den Richtungswechsel der Unterhaltung an. „Alles was ich bisher ausprobiert habe, hat immer gedrückt oder so abartig gejuckt“, berichtete er und bohrte demonstrativ mit dem Finger in seinem Gehörgang herum. „Die Teile von dir bekommt man dagegen echt gut rein und wieder raus und man merkt sie gar nicht, wenn sie einmal drinstecken.“

    Genau aus diesem Grund blieb Colin dem Hersteller ein treuer Kunde. Und außerdem: „Sie trocknen einen auch nicht so aus. Bei den Dingern, die ich vorher benutzt habe, hab' ich gedacht, dass die mich von Innen aussaugen wie so 'n Schwamm“, ergänzte Colin. Was für ein abartiges Gefühl; eine Nacktschnecke die man unter einem Berg an Streusalz begrub litt unter keiner dermaßen ausgetrockneten Haut.

    Zwar leistete Kolja keinen aktiven Beitrag zum Gespräch, dennoch registrierte Colin ein subtiles Zucken in den Zügen des Bären. „Is' was?“, sprach er ihn darauf an und erhielt die Antwort:

    „Ich habe Gwen und Abby neulich die gleiche Unterhaltung führen hören.“

    Aha? „Gwen benutzt doch gar keine Ohrenstöpsel.“ Das wusste Colin hundertprozentig. Aber Kolja meinte:

    „Sie haben nicht über Ohrenstöpsel geredet.“

    „Sondern?“

    Der Bär hob die Brauen. „Über Tampons.“

    Weil Scotts Auffassungsgabe für Gedankensprünge dieser Art viel zu langsam arbeitete, hing Colins Bruder noch beim ursprünglichen Thema fest und so erteilte er Kolja den Ratschlag: „Du solltest dir auch Ohrenstöpsel zulegen. Denk dran, dein Schlafzimmer und das von Moira liegen direkt nebeneinander.“

    „Ich glaube nicht, dass das im Moment eine kluge Idee ist“, äußerte der Bär seine Bedenken. „Mein Geruchssinn funktioniert nach wie vor nicht gut. Wenn ich zusätzlich noch schlecht höre, verliere ich vollkommen die Orientierung.“

    „Was stimmt 'n nicht mit deiner Nase?“ Dass Kolja Probleme mit dem Riechen hatte erfuhr Colin heute zum ersten Mal. Ein Schnupfen schien den Bärenpoly augenscheinlich nicht zu plagen und für irgendwelche Allergien flogen im Herbst zu wenig Pollen in der Luft herum. Oder schluckte Kolja seit neuesten Medikamente, deren Nebenwirkungen ihm den Riechkolben verkleisterten?

    Ratlos erklärte der Bär: „Ich weiß es nicht. Seit ein paar Wochen rieche ich schlecht. Ich kann nicht einmal mehr Abby an mir wittern, nachdem wir intim miteinander waren.“

    Alter … .

    Alter! Musste Kolja ausgerechnet das als Beispiel heranziehen?? Okay, dass er nach einer Nummer mit Abby ihren Duft nicht mehr wahrnahm, verdeutlichte den Wolfsrüden ziemlich effektiv das Ausmaß seines Geruchsverlusts. Trotzdem! Mit solchen Sachen sollte er Colin gefälligst in Ruhe lassen, verdammt. Denn wenn Colin irgendetwas genauso wenig zu Ohren bekommen wollte wie Moiras ellenlange Liste an Liebhabern, dann stand das Sexleben seiner kleinen Schwester mit diesem Meister Petz an oberster Stelle der Rangfolge. Unweigerlich spürte er ein unwilliges Knurren seine Stimmbänder in Vibration versetzen, unisono zu den übellaunigen Lauten aus Scotts Kehle. Beide Brüder akzeptierten die Beziehung zwischen Abby und Kolja. Doch bedeutete das automatisch, sich auch freiwillig die Details darüber zu geben auf welche Weise der Bettvorleger Abby beackerte wie so ein Pflug? Pustekuchen!

    Dann blieb Colin das Murren plötzlich im Halse stecken.

    Zur Tür des Tír na nÓgs kam Moira hineinspaziert. Wobei … nein. Die Beschreibung 'spazieren' tat ihrem leichtfüßigen Gang keinerlei Gerechtigkeit an. Ihre Füße berührten den Boden mit der sanften Ruhe und der Schwerelosigkeit einer herabfallenden Feder und so wie das friedliche hin- und herschaukeln einer solchen ihre hypnotische Wirkung auf einen Betrachter ausübte, zog Moiras Präsenz Colin völlig in ihren Bann. Alles an der Banshee strahlte für den Wolf: die blasse, ebenmäßige Haut, ihre graublauen Augen und nicht zu vergessen Moiras langes, aschblondes Haar. Eventuell trug auch die künstlich-grelle Beleuchtung des Pubs zu diesen Effekt bei aber wen interessierte es? Moira war das helle Leuchten am Ende des finsteren Tunnels, welches Colin aus der Dunkelheit locken wollte ohne ihm jemals die ehrliche Chance zu geben in seine Nähe zu gelangen. Was für eine verfluchte, unfaire Scheiße.

    So schlenderte Moira auf den Tresen zu. Rasch lenkte Colin seinen Blick von ihr ab, sonst gaffte er sie vor lauter Verliebtheit noch an als hätte er sein Gehirn zum Klo runter gespült. Wegen ihres Erscheinens fühlte sich das Innenleben seines Bauchs sowieso schon an wie ein brodelnder Topf frisch gekochtes Chili Con Carne. Schon bereute Colin es, im Vorfeld kein Glas Whiskey bei Scott bestellt zu haben, denn er brauchte ganz dringend etwas, womit er die Wärme in ihm ablöschte und zugleich seine Zuneigung zu Moira in einen tauben Dämmerzustand versetzte – oder was er ein seinem Frust zumindest gegen die nächste Wand donnern konnte.

    Da fraß sich auf einmal ein spitzer Schrei durch Colins Trommelfell. Mehr vor Qual als vor Schreck zuckte der Wolf zusammen und riss den Kopf zur Quelle des schrillen Quiekens herum, nur um Moiras Schopf wortwörtlich Knall auf Fall hinter den Barhockern verschwinden zu sehen. Es folgte ein unüberhörbares Rumpeln mit anschließenden Wimmern.

    „Alles okay?“, rief Scott seiner Mitbewohnerin über den Tresen hinweg zu, die zur Antwort ein leises „Aua“ winselte. In dieser Zeit stapfte Kolja bereits zu der Banshee herüber, sammelte sie wie ein paar fallengelassene Klamotten vom Parkett auf und stellte Moira hernach sicher auf beiden Beinen ab. Ihr Sturz schien den zierlichen Körper ganz schön erschüttert zu haben, da Moira wehleidig das Gesicht verzog und zur Linderung des Schmerzes mit beiden Händen über ihren mitgenommenen Steiß rieb. Gebannt beobachtete Colin die Bewegung. Wenn an Stelle ihrer Handflächen seine über die Rundung ihres Pos streicheln würden, könnte er- … . Fuck! 'Reiß dich zusammen, du Vollidiot', verpasste sich Colin gedanklich einen Arschtritt und zwang seine Augen dazu, regungslos auf die Wanddekoration vor seiner Nase zu stieren. Leider half ihm das kein bisschen das aufkommende nervöse Jucken in seinen Fingern auszublenden. Scheiße, er musste eine Beschäftigung für seine Hände finden, bevor sie noch eigenmächtig irgendwohin langten. In seiner Not kramte Colin also sein Feuerzeug aus der Hosentasche hervor und fing an, es in gewohnter Weise rotieren zu lassen. Der eigentliche Nutzen dieser Fingerübungen bestand darin Colins Gedankengänge an der Leine zu halten, damit er nicht so stumpfsinnig Löcher in die Luft starrte wie Scott es ständig tat oder anderen Leuten unkoordiniert ein Ohr abkaute. Diese Aufgabe wurde nämlich schon vollauf von Abby erfüllt. Wie sich gezeigt hatte, legten die Tricks mit dem Feuerzeug nicht nur seinen sprunghaften Geistesblitzen einen Maulkorb an; ebenso wirksam verhinderten sie, dass sich Colin in irgendwelchen überkochenden Emotionen verhedderte. Er hätte mit größter Freude darauf verzichtet diese Erfahrung überhaupt zu sammeln aber das Leben spielte nun mal auf keinem gottverdammten Wunschkonzert.

    „Ich bin irgendwie ausgerutscht“, erklärte Moira und schaute zu Scotts gepanschten Versuch Neros Misthaufen vom Parkett zu wischen. Natürlich. Wenn es auf der Welt eine Person gab, die mit absoluter Zuverlässigkeit eine Schlitterpartie auf einer Wasserlache hinlegte, dann war es dieser süße Tollpatsch. Moiras kleiner Unfall hatte sie jedenfalls ordentlich durchgeschüttelt, weshalb sich die ein oder andere Haarsträhne aus ihren Zöpfen gelöst hatte. In Colins Augen tat das der Schönheit der Banshee keinerlei Abbruch, zudem ihre Frisuren sowieso grundsätzlich echte Hingucker boten. Heute stellte da keine Ausnahme dar. Von ihrem Seitenscheitel aus führten zwei Flechtzöpfe an der einen Kopfhälfte hinter Moiras Ohr entlang und im Nacken auf die andere Seite, um dort mit einem weiteren Zopf ähnlicher Frisiertechnik zu einem einzigen, großen verflochten zu werden. Colin konnte sich partout nicht vorstellen, wie zum Geier es Moira mit nur zwei Händen schaffte, ihre Strähnen derart kompliziert unter Kontrolle zu bringen. Standen Scott und Kolja früh morgens etwa hinter ihr und liehen ihr ihre Griffel, oder wie?

    Während er in seiner Bewunderung versuchte auf eine Lösung für dieses Rätsel zu kommen, musste er Moira offenbar ziemlich lange angeglotzt haben, denn Moira nahm unversehens Blickkontakt zu ihm auf und wie es nun mal ihrem liebenswerten Wesen entsprach, beschenkte sie Colin mit ihrem zarten Lächeln. Konnte das Weib nicht wenigstens eine arrogante Ziege sein, damit es einem Mann wie ihm ein bisschen schwerer fiel, sie zu lieben? Behutsam fuhr sie mit ihren schlanken Fingern durch das Ende ihres Zopfes und bat Colin um seine Meinung. „Gefällt dir meine Frisur?“

    Darauf durfte Moira ihre Kamera verwetten. Dennoch trieb Colin die Frage umher: „Hat dir 'n Oktopus die Haare gemacht oder was?“

    Schlagartig sackten Moiras Mundwinkel nach unten. Moment, halt. So war das auf keinen Fall gemeint gewesen! Colin wollte doch nur erfahren, wie sie- … . Fuck! Fuck, Mann! Die Zunge wollte er sich abbeißen, verfickte Scheiße noch eins. Moira für ihren Teil machte keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung aber weil Colin gelähmt vom eigenen Selbsthass keinerlei Regung zustande brachte, schüttelte sie die negativen Emotionen ab und nahm Haltung an. So war sie eben. Hinfallen, aufrappeln und weitermachen - egal ob man metaphorisch sprach oder buchstäblich. „Scott?“, suchte sie das Gespräch zu Colins Bruder. „Hast du am Wochenende vielleicht Zeit mir auf dem Friedhof zur Hand zu gehen? Ich will die Blumenschale auf Vatis Grab neubepflanzen aber ich bekomme ja den schweren Topf allein immer so schlecht bewegt.“

    „Klar, kein Ding“, lautete die Antwort, über welche Moira offenkundig froh zu sein schien. Um ein Haar hätte Colin deswegen ein abschätziges Zischen hervorgepresst. Was erwartete sie bitte? Die Freundschaft zwischen ihr und Scott bestand seit der Grundschule; selbstverständlich half Scott ihr. Und sowieso latschte sie ja eh immer zu ihm. Sobald ein Problem bestand, um eine gute Nachricht loszuwerden, wenn sie etwas unternehmen wollte oder sie einen beschissenen Mitbewohner suchte und Colin ab dem Moment, in dem sie und Scott die Sache klar machten, wie einem räudigen Straßenköter die neue Wohnungstür vor der Nase zuschlug. Zum Teufel nochmal, wieso hatte Colin nichts zum zerschmettern parat?!

    „Huhu ihr Lieben, huhu!“ Eine bekannte Stimme trällerte durch den Schankraum. Am Eingang stand Abby und winkte ihren Brüdern und Freunden fröhlich zu, ehe sie guter Laune zu ihnen herüber trabte. Sie, gemeinsam mit dieser Fee Ailbhe im Schlepptau.

  • Kolja passte es kein Stück, dass Abby neuerdings mit ihr abhing und nach der Scheiße, die Ailbhes Schwarm letzten Sommer abgezogen hatte, konnte Colin das dem Bären echt nachfühlen. Soweit er wusste war Ailbhe an der ganzen Soße zwar allerhöchstens marginal beteiligt gewesen, einen fahlen Beigeschmack hinterließ ihr Anblick trotzdem irgendwie. Beziehungsweise … sein Anblick? So wirklich eindeutig vermochte Colin nicht zu bestimmen, ob die Person an Abbys Seite nun eine Frau oder einen Mann repräsentierte. Das Gesicht der Fee besaß sowohl feminine Züge als auch maskuline Ecken und Kanten und sollte ihr dünner, drahtiger Körper an irgendeiner Stelle weibliche Kurven aufweisen, so wurden sie von den schwarzen, ärmellosen Kapuzenpullovern versteckt, die Ailbhe bei egal welcher Wetterlage trug.

    Weshalb Colins Schwester Zeit mit dieser Fee verbrachte, ließ sich schnell auf den Punkt bringen. Die Auseinandersetzung mit dem Schwarm hatte Abby zum Thema ihrer Bachelorarbeit inspiriert und Ailbhe lieferte ihr das nötige Insiderwissen für den Praxisbezug. Irgendwas von wegen sozialen Strukturen und ihrem Zerfall von innen heraus oder so. Um bei der Wahrheit zu bleiben: Colin fehlte der nötige Grips um ein College zu besuchen und Abbys fachkundiges Geblubber ging deswegen schnurgerade über seinen Kopf hinweg wie eine Überlandleitung. Tja, und weil Abby eine Bekanntschaft ja niemals bei einer solchen belassen konnte, zählte Ailbhe mittlerweile zum festen Freundeskreis der Wölfin.

    Auf seinem Weg zum Tresen umschiffte das A-Team die Pfütze und wie zuvor schon von Colin, wurde Scott von seiner Schwester auf die potentielle Unfallgefahr hingewiesen. „Scott, da schwimmt Wasser auf dem Boden. Du solltest es wegwischen bevor jemand darauf ausrutscht und sich verletzt.“ Für diese Warnung durfte es wohl zu spät sein.

    Von ihrem Platz neben Colin suchte Moira das Gespräch zu Ailbhe. „Wie ergeht es dir so ohne deinen Schwarm?“, wollte sie mit ehrlichem Interesse von der Fee erfahren. Colin verzichtete darauf zu hinterfragen, was genau seine Geschwister gemeinsam mit Kolja auf den Feenhügel angerichtet hatten, aber im Nachgang der Ereignisse war es unter den Feen zu argen Zerwürfnissen gekommen und der Schwarm in Splittergruppen zerfallen. Nicht mal die verdammte IRA war dermaßen gespalten, wie die Feen dieser Stadt.

    Im ersten Moment machte es den Anschein, Ailbhe würde Moira überhören. Ziellos wanderten ihre grünen Augen umher, bis sie endlich der Aufmerksamkeit der Banshee gewahr wurde und dadurch aus ihrer Geistesabwesenheit erwachte. Über ihre Antwort brauchte die Fee keine großartigen Überlegungen anstellen. „Oh, ich? Äh ... . Soweit ganz gut. Ich muss mich nur erst daran gewöhnen, dass ich jetzt mein eigenes Ding durchziehe und mir niemand mehr sagt, was ich tun oder wohin ich gehen soll. Das fühlt sich echt merkwürdig an und manchmal vergesse ich deswegen auch, was ich eigentlich gerade machen wollte.“ Die träge Sprechweise der Fee sorgte für ein eigenartiges Zittern in Colins Ohren. Sie redete mit der hohen Stimme einer Frau; zugleich überlagerte jedoch ein untypisches, tiefes Krächzen den vermeintlichen Mezzosopran, wodurch sich Colin der Eindruck aufzwang, es mit einem von Kierans pubertierenden Teenager-Kumpels im Stimmbruch zu tun zu haben. Der Wolf runzelte die Stirn. Sollte man diese Entwicklungsphase mit einundzwanzig Jahren nicht längst abgeschlossen haben?

    „Das glaube ich dir“, behauptete Moira und angesichts der himmelschreienden Ironie ihrer darauffolgenden Worte verdrehte Colin die Augen. „Es muss ein Schock für dich gewesen sein, dass sich dein Freundeskreis von jetzt auf gleich aufgelöst hat. Ihr habt schließlich viele Jahre miteinander verbracht.“

    Anstatt der Banshee direkt zuzustimmen, bestand Ailbhes erste Reaktion darin, nachdenklich den kurzgeschnittenen, von einer Beanie-Mütze bedeckten Schopf zu neigen. „Ach, na ja … . Ganz so wild ist es nicht. Viele Gemeinsamkeiten bestanden eh nicht zwischen uns. Mit ihrem ständigen Geheisch um Aufmerksamkeit sind sie mir immer irgendwie auf die Nerven gegangen und wie sie ständig grundlos auf anderen Freaks herumhacken, das finde ich schon mies.“ Gott, die schlief ja fast beim Reden ein. Colin hätte ja vermutet, die Fee neben seiner Schwester wäre bekifft oder von irgendwelchen anderen berauschenden Substanzen benebelt wie eine Makrele im Räucherofen. Aber von wegen! Die Alte war einfach nur hoffnungslos phlegmatisch. Beiläufig zupfte Ailbhe an einer roten Locke, die unter dem Rand ihrer Kopfbedeckung hervorragte. „Ich denke, ich bin ohne den Rest besser dran.“

    „Dafür hast du ja jetzt sowieso uns“, warf Abby an dieser Stelle ein und berührte die Fee freundschaftlich an ihrem mit Tätowierungen übersäten Arm. 'Uns' … wann hatte Colin eigentlich zugestimmt, dass Abby die Schriftführung seines inexistenten Freundschaftsbuchs an sich reißen durfte?

    Aus Ailbhes Erzählungen schlussfolgerte Moira: „Das heißt, du hast überhaupt keinen Kontakt mehr zu den anderen Feen?“

    Es folgte ein Schulterzucken von Ailbhe. „Mit Oonagh und Fiadh habe ich manchmal noch zu tun aber die beiden sprechen nicht mehr miteinander. Wenn doch, dann zanken sie sich. Seit Oonagh mit Odhrán zusammen ist, ist es noch schlimmer geworden, weil Fiadh ihre YouTube-Scheinromanze mit ihm wohl doch ernst genommen hat und sich nun von den beiden verraten fühlt. Im Gegenzug ist Oonagh sauer, dass Fiadh ihre gemeinsamen Vorräte an Feenstaub leergeräumt hat. Dabei bleibt es doch eh in der Familie.“ Auf Moiras überfragte Mimik hin überkreuzte Ailbhe die Arme, um mit den Zeigefingern in entgegengesetzte Richtungen zu deuten. „Die zwei sind meine Cousinen. Aus unterschiedlichen Seiten der Sippe.“

    Na, das klang ja nach einer super Familie. „Eure Familientreffen müssen echte Spaßveranstaltungen sein“, kommentierte Colin das Gehörte trocken, wohingegen Ailbhe das Positive an dem ganzen Drama betrachtete:

    „Man bekommt jedenfalls einen guten Ersatz geboten, wenn man deswegen seine Lieblingsseifenoper verpasst.“ Von ihrem eigenen Scherz amüsiert, zog die Fee kichernd die sommersprossige Nase hoch und Colin hob skeptisch eine Braue, weil der abrupte Luftzug in ihren Atemwegen für einen vereinzelten, abgebrochenen Schnarchlaut sorgte. Ernsthaft jetzt? Eine grunzende Fee?

    Das beiläufige Gerede über Feenstaub führte in Moiras hübschen Köpfchen zu der nächsten Frage. „Dass sich der Schwarm aufgelöst hat, hat doch sicher Auswirkungen auf euren Handel mit Feenstaub, oder?“

    „Hm, ich glaube nicht. Man bekommt ihn nach wie vor zu kaufen, nur eben von mehreren kleinen Gruppen. So genau weiß ich darüber aber auch nicht Bescheid. Wegen meiner Allergie habe ich mich schon immer von dem Kram ferngehalten.“

    Halt, was laberte die Fee da herum? „Du bist 'ne Fee mit 'ner Allergie gegen Feenstaub?“ Verständnislos schaute Colin Ailbhe an, die ihm sodann im gewohnt säumigen Tonfall folgende Erklärung lieferte:

    „Nicht direkt gegen Feenstaub. Gegen Hausstaub. Für meinen Körper scheint beides dasselbe zu sein.“

    „Bei einer Hausstauballergie reagiert man doch eigentlich auf den Kot von Milben sensibel und nicht auf den Staub als solchen“, wandte Moira ein aber Ailbhe hob auf die Entgegnung der Banshee bloß neutral die Achseln.

    „Wir haben nie behauptet, unser Feenstaub sei klinisch rein.“

    Genau wie Kolja ging Scott Abbys neu geschlossene Freundschaft mit einer Fee tierisch gegen den Strich und dass er sie überhaupt duldete, lag einzig und allein an der durcheinandergewürfelten Rangordnung zwischen ihm und seiner Schwester. Damals auf dem Sportplatz hatte Abby ihm echt deftig den Arsch versohlt und von der Bissverletzung einmal abgesehen, war ihre aggressive Reaktion wirklich gruselig gewesen. Selbst Colin tat seitdem sein Bestes, es tunlichst zu vermeiden in irgendeiner Weise Abbys Ärger zu erregen - und das obwohl er bloß als unfreiwilliger Zaungast zwischen die Fronten geraten war. Dementsprechend beschränkte sich Scott die meiste Zeit auf einen stillen Protest und verfiel in Ailbhes Gegenwart in grummeliges Schweigen. Dass eine Fee an einer Allergie gegen ihr eigenes Markenprodukt litt, schien ihm allerdings zu hoch zu sein. „Häh?“, brach der Wolf sein trotziges Schweigegelübde. „Wie soll das denn funktionieren? Ihr Feen schmeißt doch ständig mit dem Mist um euch.“

    Ailbhe räumte ein: „Mhja, das fand ich auch irgendwie blöd von den anderen. Ein bisschen Rücksicht hätten sie schon auf mich nehmen können. Aber mein Arzt verschreibt mir zum Glück regelmäßig ein starkes Antiallergikum, damit lässt es sich ertragen.“ Und so vollgedröhnt wie Ailbhe sprach, knallte der Kram nicht nur gegen irgendwelche Allergene ordentlich rein. „Zumindest fühlen sich meine Schleimhäute damit nicht an wie … wie … .“ Da verstummte die Fee und gaffte mit offenstehendem Mund zur Decke. Beendete sie ihren angefangenen Satz heute noch mal, oder was? Wonach fühlten sich ihre Schleimhäute nicht mehr an? Erfolglos suchte Ailbhe in der Luft nach dem passenden Begriff für das, was ihr auf der Zunge lag, als würde er sich irgendwo da oben zwischen den Deckenbalken versteckt halten. Aber indem sie Maulaffen feilhaltend ihre Milchzähne sauer werden ließ, lockte Ailbhe höchstens eine lumpige Zahnfee hervor. Schließlich resignierte sie. „Na, ihr wisst schon. Das Ding mit dem man Käse reibt.“

    „… eine Käsereibe?“, half Moira ihr auf die Sprünge und nach Ailbhes beeindruckter Miene zu urteilen, traf die Banshee damit ins Schwarze. Als ob man ein verdammtes Genie sein musste, um darauf zu kommen! Für Colin stand eines fest: Scott und Kolja brauchten sich wirklich absolut keine Sorgen machen, Ailbhe könne Abby in Schwierigkeiten hineinreiten. Dafür war die Fee nämlich eine viel zu große Trantüte. „Das Teil mit dem man den Rasen mäht, nennt man übrigens Rasenmäher“, ließ Colin seinem Spott freien Lauf. In der Folge blinzelte Ailbhe ihn verwirrt an, bevor Abby unvermittelt zu Jauchzen begann.

    „Ooh!“, quiekte sie. „Wie niedlich!“

  • Wie von der Tarantel gestochen fegte Colins kleine Schwester mit einmal hinter seinem Rücken vorbei und zum anderen Ende des Tresens. Was lief denn jetzt bei der schon wieder ab? Dann entdeckte Colin Nero und damit wurde die Sache für ihn ziemlich klar.

    Mit Abby war es immer dasselbe. Beim ersten Anzeichen eines Tieres gingen vor lauter Tierliebe augenblicklich sämtliche Pferde mit ihr durch, womit Abby ebenjene im selben Moment völlig scheu machte. Dass Colin ihr dieses Fehlverhalten schon öfter vorgekaut hatte als eine Kuh ein Büschel Gras, darauf pfiff die Wölfin fröhlich und Ohli nahm wegen ihrer viel zu übermütigen Art bereits fluchtartig Reißaus sobald er Abby bloß in der Nähe witterte. Und mit genau dieser maßlosen Zuneigung drohte sie nun Hayes' Phönix niederzuwalzen. Das arme Vieh. Eben noch hockte es friedlich vor einem Metallgestell voller Papierservietten, um sich einen Spaß daraus zu machen jedes einzelne der weißen Zellstofftücher mit dem Schnabel heraus zu pflücken und anschließend auf den dreckigen Fußboden fallen zu lassen, da preschte Abby auf Nero zu und flötete dabei vor Entzücken in hohen Tönen durch den Schankraum, die selbst Colins Fluchtinstinkte Alarm schlugen ließen. Das gab den Startschuss für das Spektakel, das im Anschluss folgte.

    Der Phönix wusste nicht wie ihm geschah, als dieser Freudensturm auf zwei Beinen plötzlich auf ihn zu brauste. Erschrocken fuhr Nero zusammen, bevor er instinktiv panisch flatternd vor Abby zu entkommen versuchte und dabei mit den Fittichen ein paar leere Gläser umriss. Das Scheppern des Geschirrs wurde von Neros ohrenbetäubend lauten, verängstigten Krächzen überdeckt, was Abby jedoch in keiner Weise abschreckte, im Drang ihn zu streicheln nach dem Phönix zu fassen und so tat Nero in seiner Verzweiflung das, was seinesgleichen auszeichnete: Er spuckte Feuer.

    In denselben abgehakten Abständen seiner Papageienschreie schossen Flammen in der Größe von Colins Feuerzeug zu Neros aufgerissenen Schnabel hervor. Colin erkannte, dass Nero keineswegs darauf abzielte Abby tatsächlich zu verbrennen. Viel mehr diente seine Gegenwehr dazu sie auf Abstand zu scheuchen. Die Taktik zeigte Erfolg, denn Abby sprang postwendend einen Satz zurück. Doch ein Funke verirrte sich, landete auf Neros Serviettenhäufchen und plötzlich stand binnen eines Augenaufschlags der Boden vor Abbys Füßen in Flammen! Sofort fuhr Colin von seinem Barhocker hoch; Kolja war jedoch zur Stelle und mit dem Feuerlöscher bewaffnet erstickte er den lodernden Brand kurzerhand unter einer Schicht pulvrigen Schaums. Scheiße Mann. Das hätte echt schief gehen können!

    Abby betrachtete bestürzt das Unheil unmittelbar vor ihren Schuhspitzen. Hernach hob sie den Blick zu ihrem Freund. „Du hast mich gerettet, mein Hase!“, blubberte sie ihm verliebt zu. Na super, jetzt fing Abby erneut mit diesem Rumgeschmachte an.

    „Abby, lass den Vogel gefälligst in Frieden. Ich muss schon genug hinter dem Federvieh her putzen!“, kläffte Scott unwirsch zu dem Pärchen herüber, unterdessen Nero über ihre Häupter hinweg an einen sicheren Ort segelte: zu einem kleinen Hohlraum zwischen den Deckenbalken. Eilig hüpfte der Phönix in die Nische und Colin sah, wie sein kleiner Körper regelrecht vor Aufregung zitterte. Tja. Ebenso wie Colins Haustier, erwiderte auch das Brathuhn da oben Abbys Tierliebe kein bisschen.

    Was für ein Stress, Mann. Ohli richtete an seinen wilden Tagen ja schon einen Haufen Unsinn an aber einen Brand zu toppen, das schaffte das kleine Höllenmonster nie im Leben. Und nicht nur im unteren Teil des Schankraums sorgte Nero für ordentlich Wirbel. Durch seinen Landeanflug stieb die zentimeterdicke Staubschicht auf den Balken gründlich auf und nun krümelten die feinen Schmutzpartikel zum Tresen hinab. Das blöde dabei: sie rieselten geradewegs auf Ailbhe, die mit in den Nacken gelegten Kopf Nero nachglotzte und anstatt ihren allergischen Hintern vielleicht einmal zur Seite zu schieben, blinzelte die Fee bloß wie so ein Blobbfisch unnütz herum. Es dauerte keine zwanzig Sekunden, da verfärbte eine leichte Röte ihre Augen und Tränen stiegen darin auf. Ailbhes Nasenflügel zuckten, röchelnd schnappte sie nach Luft und dann brach ein heftiges Niesen aus ihr hervor, dem sich ein zweites, ein drittes und ein viertes anschloss. Von jetzt auf gleich wurde die Fee von einem niemals enden wollenden Trommelfeuer durchgeschüttelt – und plötzlich sah Colin Feenstaub.

    Kleine Wölkchen lilafarbenen Glitzers explodierten regelrecht aus Ailbhes Nasenlöchern hervor. Ob des Drucks verteilte sich das feine Puder in der Luft und hüllten den Kopf der Fee in sanft wabernde Schwaden ein, die Ailbhe wiederum inhalierte und ihrer allergischen Reaktion somit zusätzlichen Zündstoff lieferten. „Hatschu! Haaatschu!! Haaaaatschuuu!!“, prustete sie unkontrolliert und blies Colin dabei eine Ladung Feenstaub ins Gesicht.

    „Kannst du das mal sein lassen?!“ Seine Klamotten fingen ja noch an zu glitzern. Unterdessen der Wolf mit wedelnden Handbewegungen den Feenstaub von seinen Atemwegen vertrieb, fasste Abby die Fee fürsorglich an den Schultern und riet ihrer Freundin:

    „Lauf besser ins Bad und wasch dir das Gesicht mit kaltem Wasser, Liebes. Danach geht es dir bestimmt besser.“

    Niesend und keuchend wankte Ailbhe wie geheißen zwischen den Tischen hindurch zu den Toilettenräumen des Pubs. Eine schimmernde Spur zog sich hinter ihr her, die zwangsläufig vor der Schwerkraft kapitulierte und gemächlich auf das Parkett runterfiel. Colin hätte den Mist ja sofort aufgekehrt, sonst blieben noch irgendwelche Flecken zurück aber im Gegensatz zu ihm hielt Scott es für unnötig, einen Besen zur Hand zu nehmen. „Der Typ ist die dussligste Fee, die ich jemals gesehen habe“, stellte Scott lieber fest, ehe sich auf einmal ein verwirrter Blick auf seinen Zügen breit machte. „Oder … das Weib …?“ Huh? Was schaute er Colin denn da so ratlos an? Dachte Scott, sein kleiner Bruder hätte der Fee in die Hose gegrabscht oder woher sollte Colin ahnen was zwischen Ailbhes Beinen abging?

    Es war Abby, die eine abschließende Klärung lieferte: „Ailbhe meint, dass sie selbst nicht wirklich weiß wonach sie sich fühlt. Wir dürfen aber ruhig 'sie' zu ihr sagen, weil sie schließlich eine Fee ist und das grammatikalische Geschlecht davon sowieso weiblich ist.“ Aha. Als ob Colin plante, Abbys neue Freundin zum regelmäßigen Gesprächsthema werden zu lassen.

    Aus den Augenwinkeln registrierte der Rüde, wie sich Moira auf ihrem Barhocker aufrichtete um hinter den Tresen zu linsen. Irgendwas musste die Aufmerksamkeit der Banshee erregt haben, doch woraus dieses Etwas bestand, interessierte Colin in diesem Moment herzlich wenig. Zu sehr lenkte ihn der zarte Hauch lila Feenstaubs ab, der auf Moiras aschblonden Scheitel lag und Colin an die Puderzuckerschicht auf einem Kuchen erinnerte. Der Anblick verleitete ihn unweigerlich zu Phantasien darüber, wie er mit den Fingern durch Moiras Strähnen fuhr und Colin schnaufte deswegen frustriert. In der Realität blieb das einzige, womit er spielen durfte, sein Feuerzeug. Zur Ablenkung versetzte er es in zusätzlichen Schwung.

    „Scott, ist das etwa das Notizbuch von neulich?“, fragte die Banshee ihren Mitbewohner und deutete auf einen Punkt neben der Kasse. Scotts Augen folgten ihrem Fingerzeig und schließlich antwortete er kurz und bündig: „Jap.“

    „Es wurde noch nicht abgeholt?“

    Würde es sonst noch daliegen? Mit einem Kopfschütteln bestätigte Scott Moira das Offensichtliche. „Wir haben es das ganze Wochenende dort stehen lassen ohne dass jemand danach gefragt hat. Jetzt hat Hayes beschlossen, dass es in den Müll fliegt.“

    „Was? Scott, das könnt ihr nicht machen“, legte Moira ihren Einspruch ein. „Die Aufzeichnungen in dem Buch könnten wichtig für seinen Eigentümer sein. Du weißt doch welchen Ärger es Hazel bereitet hat, als ihr Bullet Journal verloren ging.“

    Bei der Erwähnung von Hazels Notizbuch bleckte Scott mürrisch die Zähne und Colin konnte seine Reaktion echt nachvollziehen. Mann, sein Bruder hatte damals echt Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit seine seinerzeit-noch-nicht Freundin ihre Unterlagen zurückerlangte und zum Dank wanderte sie frisch fröhlich aufs Festland aus. Vorübergehend jedenfalls. Ihre Rückkehr stand in knapp zwei Monaten an; trotzdem änderte das in Colins Augen null daran, dass sie in erster Linie überhaupt ohne ihn abgedüst war. So lief das mit einem Wolf nicht! Und dieser Quatsch von wegen Fernbeziehung und so ... so ein Blödsinn würde Colin sowieso niemals in die Birne gehen.

    Zurecht hielt Scott dagegen: „Kann ich was dafür, wenn jeder in dieser Stadt zu dusslig ist, sein dämliches Notizbuch bei sich zu halten? Außerdem ist das nicht meine Entscheidung, okay? Hayes meint, sein Pub sei kein Fundbüro und wenn 'irgendwelche Möchtegernautoren ihre Manuskripte an den Mann bringen wollen, sollen sie gefälligst zum Wertstoffhof fahren.'“ Um zu unterstreichen, lediglich die Wortwahl seines Chefs wiederzugeben, formte Scott mit den Fingern kleine Häkchen in der Luft.

    Da eilte Abby zu Moiras Unterstützung herbei. „Stell dir doch nur einmal vor das wäre Hazels Notizbuch, Scott. Sie wäre furchtbar niedergeschlagen, wenn sie erfahren müsste, jemand hätte es entsorgt. Bestimmt ergeht es dem Besitzer dieses Buches ganz genauso!“ Das war kein Hinterhalt, den die Wölfin da um den größten Schwachpunkt ihres Bruders herum legte - es war ein verdammter Frontalangriff darauf! Kaum etwas schaffte es Scott derart aus dem Gleichgewicht zu bringen denn das Gefühlsleben seiner Freundin. Natürlich knickte er da ein.

    „Nehmt es halt mit, wenn ihr es für so wichtig haltet“, forderte er die beiden Frauen auf und warf besagtes Notizbuch vor Moira auf den Tresen. „Hauptsache Hayes geht mir deswegen nicht mehr auf die Nüsse.“

    Diesem Teil schenkte zumindest Abby schon kein Gehör mehr; sie begann bereits das Notizbuch neugierig von außen zu untersuchen. „Oh Moira, das wird ja so spannend! Anhand der Notizen werden wir Hinweise sammeln, die uns nach und nach zu ihrem Verfasser führen werden. Wir werden Rätsel lösen, Orte erkunden und Leute befragen! Klingt das nicht aufregend?“

    „Nein“, lautete die Antwort darauf. Jedoch erklang sie keineswegs in Moiras Sopran, sondern im tiefen Bass von Kolja. Die Stirn kritisch in Falten gelegt, schaute der Bär Abby an und offenbar passierte zwischen den beiden gerade irgendeine nonverbale Kommunikation. Scheiße, so streng wie Kolja seine Freundin betrachtete, bekam man ja den Eindruck er erteilte ihr gleich Hausarrest. Die Masche zeigte ihre Wirkung, denn Abby schob das Notizbuch kurzerhand zu Moira herüber. „Aber vielleicht ist das ja gar nicht nötig“, ruderte die Wölfin zurück, wobei der Ausdruck in ihren Augen irgendwie den Anschein erweckte, sie würde Kolja in dieser Sekunde insgeheim anlechzen. Was lief nur falsch mit der Frau?

    Plötzlich schmetterte Scott quer durch den Pub: „Du kommst zu spät, Ward!“ Tatsächlich schlurfte das Gespenst just zur Eingangstür hinein und als ihm unmittelbar auf den Fersen ein glücklich schnurrender O'Maley nach schlenderte, konnte sich Colin denken, weshalb Kevin an diesem Tag später aus dem Bett geklettert war. Wie immer interessierte Scotts Rumgekläffe den Geist einen feuchten Husten und daher wanderte er mit gewohntem Gleichmut zur Kasse herüber. Zum selben Zeitpunkt verließ auch Ailbhe die Toilette und weil die zwei ob der Raumaufteilung mehr oder weniger aufeinander zu latschten, fanden sich Fee und Gespenst nach ein paar Schritten auf einmal im Weg des jeweils anderen wieder. Beziehungsweise aus Sicht der beiden formuliert: Sie fanden den jeweils anderen in ihrem Weg wieder.

    Ailbhe schaute Kevin an.

    Kevin schaute Ailbhe an.

    Ein bisschen verloren wirkte Ailbhe angesichts des leichenblassen Mannes schon, welcher ihr – eigentlich nicht wirklich aber für Ailbhe scheinbar doch – gleich einer unüberwindbaren Betonmauer das Weiterkommen versperrte. Im Gegenzug harrte Kevin lethargisch auf eine Handlung seitens der Fee; wahrscheinlich, weil ihm die Zeit sowieso niemals ausging und er deswegen keine Dringlichkeit verspürte, seiner Gegenüber zuvorzukommen. Kam denn ernsthaft keinem der beiden der Gedanke, einfach mal zur Seite zu rutschen?

    „Du musst einen Schritt um ihn herum machen, Ailbhe Liebes!“, rief Abby ihrer Freundin aus der Ferne zu. Es dauerte bis diese Anweisung den Verstand der Fee erreichte, aber dann führte sie sie aus und schien im Resultat ehrlich verblüfft zu sein, nun wieder freie Bahn zu haben. Und Kevin? Der reihte sich indolent hinter Ailbhe ein und so watschelten die zwei im Gänsemarsch auf den Tresen zu.