Es gibt 19 Antworten in diesem Thema, welches 1.688 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Kirisha.

  • Wolfsblut (Teil 1 von 3)

    Vor diesem Tag hatte er sich sein ganzes Leben gefürchtet. Denn heute würde er sterben.

    Umständlich half ihm seine Mutter, das uralte Schwert an seinem Gürtel zu befestigen. Wozu der Umstand? Es würde ihm nichts nützen. Ihre Tränen begannen zu fließen. Diese starke, gefasste Frau weinen zu sehen, berührte ihn tief. Ein weiterer Stich in die Wunde, die ihn schon die ganze letzte Nacht hatte wachliegen lassen. Die ihm seit Wochen wie ein Dorn immer etwas tiefer in den Eingeweiden bohrte.

    Er hatte den Tod immer vor sich gesehen, hatte gewusst, dass er keinen Tag älter als 18 werden würde. Aber er hatte den Gedanken vor sich hergeschoben. Hatte versucht, ihn nicht zu denken.

    Die Sonne dieses Tages eben aufgehen zu sehen, die sich schamhaft hinter Wolken versteckte, zeigte ihm deutlich, dass es nun kein Entrinnen mehr gab.

    Angst wallte in ihm auf. Kalt und unbarmherzig kroch sie in seine Glieder und wand sich wie eine Schlange um seine Brust, die ihn ersticken wollte.

    Es war ein uraltes Ritual, dass alle Söhne der drei Dörfer in ihrem 18. Jahr am Mittsommertag in die Dunkelhöhle gehen und dort die Nacht verbringen mussten. Die Wölfe holten fast alle, stets kehrten nur zwei oder drei ins Dorf zurück. Doch Rick wusste, dass er nicht zu den Rückkehrern gehören würde. Denn er war ein Wolfskind - bereits sein Vater und dessen Vater waren bei diesem Ritual gestorben.

    Seine Mutter band sich ihre Kette mit dem grün schimmernden Smaragd ab und legte sie ihrem Sohn um den Hals. Sein Vater hatte ihr diese Kette geschenkt, in seiner Todesnacht.

    Grausam schnell flog der Tag an ihm vorbei, schon fand er sich in einer Reihe mit den anderen jungen Männern auf dem Weg zur Höhle wieder. Der Himmel über ihnen grollte und donnerte, aus dem Verbotenen Wald hörte er das frohlockende Jaulen und Heulen der mörderischen Wölfe, die sich wohl ebenfalls gerade auf den Weg dorthin machten, in Erwartung ihres alljährlichen Festmahles.

    Rick war mit dem ständigen Hecheln und Knurren aufgewachsen, das jeder der Dorfbewohner hörte, der zu nah am Wolfswald vorbeiging. Er und seine Kameraden hatten Witze darüber gemacht oder es in den Nächten wie ein niemals verklingendes Wiegenlied wahrgenommen. Es mussten hunderte, vielleicht sogar tausende Wölfe in diesen Wäldern leben. Oft sah er ihre Schatten, sah ihre roten Augen wie ein Meer aus Glühwürmchen zwischen den Bäumen glühen. Manchmal hetzten sie in großen Gruppen durch das Gestrüpp, dann knacksten die Äste und kreischten die Vögel, es klang, als rollte eine Lawine aus einstürzenden Bäumen auf das Dorf zu. Die Bewohner hüteten sich, jemals einen Fuß in das Revier der grausamen Räuber zu setzen. Feuerholz holten sie nur aus bestimmten Gegenden, welche ihnen durch Zeichen freigegeben wurden. Die Wölfe überfielen nie einen Dörfler, der ihre Regeln beachtete. Dafür garantierte das Opfer, das sie ihnen in der Mittsommernacht brachten.

    Riesenhaft tauchte die Höhle vor ihnen auf. Ihr Eingang öffnete sich wie das Maul eines Drachen. Deshalb also trugen sie die Fackeln, deren Flammen erleuchteten ihnen den Weg, als sie nun in die steinerne Grotte hineinstiegen.

    Die Fackeln erlöschen um Mitternacht, erinnerte er sich an die gespenstische Stimme seiner Mutter, wenn sie ihm von jener Nacht erzählte, als sie sich in die Höhle schlich, um seinen Vater zu treffen. Versuch, vorher zu verschwinden. Wenn die Glocke zwölfmal schlägt, ist es zu spät. Dann kommen die Wölfe.

    Eine schmale Treppe führte den dunklen Gang hinunter. Rick fühlte seine Beine nicht, welche die Stufen von allein herunterstaksten.

    Unten erreichten sie ein hölzernes Portal, zwei Torflügel mit darauf eingeschnitzten Wolfsköpfen. Die beiden Dorfältesten standen davor. Ihre Gesichter flackerten bleich im unsteten Licht der Fackeln. Tabor hielt eine Rede. Rick verstand kaum etwas, er stand zu weit hinten in der langen Schlange aus schlaksigen jungen Männern. Worte wie Mut und Pflicht flogen über die Köpfe seiner Altersgenossen. Danach begrüßte er alle 22 Jungen mit Namen. Nein, es war keine Ehre: Er prüfte, ob sie vollzählig erschienen waren und sich keiner drückte. Die Kontrolle schien zufriedenstellend, er nickte ihnen zu.

    Nun öffneten sich die Torflügel weit und grelles blaues Licht strahlte ihnen entgegen. Rick überkam der Impuls abzuhauen. Sollten sie sich freiwillig wie Schafe zur Schlachtbank führen lassen? Doch da stieß ihn schon jemand von hinten an und schob ihn nach vorn. War er der einzige, der an Flucht dachte? Unerbittlich rempelten sie ihn, drückten ihn vorwärts. Seine Knie waren so weich, dass sie unter dem Gewicht seines Körpers zusammenzusacken drohten. Schon befand er sich innerhalb der Torflügel – und war hindurch. Das Echo ihrer Schritte hallte in dem endlos hohen Gewölbe über und neben den Jungen wider. Hinter ihnen fielen die Tore dumpf und fatal hallend ins Schloss.

    In seiner Vorstellung hatte er erwartet, in einer Grotte voller Wölfe zu landen, doch der Raum glich einem Saal mit hoher Decke und kein Vierbeiner war in Sicht. Eine vorsichtige Erleichterung ließ ihn aufatmen. Das blaue Licht überall erzeugte eine eigenartige Stimmung, die Gesichter seiner Freunde sahen fremd und gespenstisch aus, aber offenbar würden sie zunächst unter sich bleiben. So hatte es ihm auch seine Mutter erzählt. Erst um Mitternacht würde die Gefahr über sie hereinbrechen.

    „Und jetzt? Ziehen wir unsere Waffen und erwarten sie?“, hörte er irgendwo aus der Menge der Kameraden eine verzerrte Stimme. Eng aneinandergedrängt standen sie im Eingangsbereich, geblendet von den unruhigen Flammen ihrer Fackeln, die sie in Eisenringen an der Wand abstellten. Im Saal war es hell genug, blaue Sterne an der Decke warfen phosphoreszierendes Licht in alle Ecken.

    „Noch vier Stunden bis Mitternacht“, erwiderte ein anderer.

    Von irgendwo erklangen Leiern und ein leiser Gesang. Vielleicht von Geistern, Rick konnte weder Sänger noch Musikanten sehen. An der gegenüberliegenden Wand entdeckte er einen langgestreckten Tisch, auf welchem ein Bankett mit dampfendem Fleisch, Broten und Salaten aufgebaut war. Seitlich davon standen Weinfässer, die bereits angezapft waren. Neben diesen erblickte Rick reglose Gestalten.

    „Ein Geisterbankett“, hörte er eine Stimme neben sich, „schaut mal die Statuen da hinten! Oder sind die lebendig?“

    „Wir müssen nur Dornröschen finden und sie wachküssen, dann erwecken wir das ganze verhexte Schloss zum Leben“, bemerkte ein Kamerad vor ihm. Einige lachten verhalten.

    „Da kommt sie schon!“ Das klang lauter. Ricks Blicke folgten dem ausgestreckten Arm seines Nachbarn.

    Tatsächlich öffnete sich nun eine Tür auf der anderen Seite und etwa zwei Dutzend Mädchen in langen, wallenden Ballkleidern huschten in den Saal hinein. Das seltsame Licht ließ sie wie blaue Feen aussehen. In fieberhafter Erregung musterte Rick ihre Gestalten, huschte von einer zur anderen.

    Sie war dabei. Jay, sein heimlicher Schwarm. Sein Blut begann zu pulsieren und eine bohrende Unruhe breitete sich in ihm aus. Warum musste ausgerechnet sie herkommen? Es würde alles noch schwerer machen.

    Seine Mutter hatte ihm erzählt, dass die Mädchen kommen würden. Bis kurz vor Mitternacht würden sie bleiben. Von einem Wolfsblut geschwängert zu werden war die größte Ehre, die solch eine junge Frau erringen konnte. Es war außerdem für die Dörfer sehr notwendig, denn aufgrund der jährlichen Opferfeste lebten nur wenig erwachsene Männer im Dorf. Die meisten starben in ihrem 18. Lebensjahr ... so wie es Rick bevorstand.

    Sollte er wirklich die letzten vier Stunden seines Lebens damit verbringen, sich um ein Mädchen zu bemühen, das sich angesichts der überwältigenden Konkurrenz sowieso für einen anderen entscheiden würde?

    Unerbittlich spürte er die Augenblicke davonrinnen und sah den kargen Rest verbleibenden Lebens an sich vorbeiwandern.

    Zwei Möglichkeiten, tickte es in seinem Kopf. Entweder findest du einen Ausgang aus der Höhle oder du musst die Wölfe besiegen.

    Das Schwert seines Vaters, das er an seinem Gürtel trug, hatte nach dessen Todesnacht nicht etwa blutüberströmt im Körper einer Bestie gesteckt. Nein: Es hatte in diesem Saal gelegen. In einer langen Reihe neben den Waffen seiner Schicksalsgenossen. So als hätten die Besitzer dieser Schwerter und Äxte, anstatt zu kämpfen, diese lieber fein säuberlich der Größe nach nebeneinander gelegt, wie in einem Museum.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Hallo Kirisha

    Das hat mir richtig gut gefallen! Du erzeugst eine schöne Spannung, indem du uns direkt an Ricks Gedanken teilhaben lässt und hier keinen Erzähler zu Wort kommen lässt. Ich würde vielleicht den Satz

    Denn heute würde er sterben.

    am Anfang gar nicht bringen. Das erklärst du ja später, also erfährt es der Leser sowieso. Aber an der Stelle muss ich es als Leser noch

    nicht wissen und darf mich noch etwas länger fragen, wieso Rick diesen Tag fürchtet. :)

    Die Idee gefällt mir sehr gut und ich bin jetzt schon gespannt auf die folgenden Teile. Ich hoffe, dass Rick heil aus der Sache herauskommt und dass du uns vielleicht mit einem ganz unerwarteten Ende überraschst. Abohaken sitzt, ich bin dabei. :thumbup:

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



    :cookie:


    ___________________

  • Liebe Kirisha

    Das gefällt mir sehr. Wir sind sofort mittendrin und du hast in kurzer Zeit ein spannendes Setup ausgebreitet. Sprachlich schön angelegt und dicht erzählt. Vielleicht noch etwas mehr Lametta dran, also Schilderungen von der Umgebung, dem Dorf und sowas.


  • Kirisha, da verlangt man einfach nur eine klitzekleine Kurzgeschichte und am Ende bekommt man einen Dreiteiler. :rofl:

    Aber Spaß beiseite: Ich freu mich sehr darauf die Geschichte lesen zu dürfen. Zum ersten Teil habe ich leider nicht mehr so viel zu sagen, was nicht schon gesagt worden wäre.


    Vielleicht noch etwas mehr Lametta dran, also Schilderungen von der Umgebung, dem Dorf und sowas.

    Dem würde ich nicht so uneingeschränkt zustimmen. Ich finde es vor allem am Anfang gut, dass du nicht allzu viel Zeit damit verschwendest die Umgebung und so zu schildern, nur das was wirklich nötig ist und das dann mit so tollen Formulierungen wie:

    Riesenhaft tauchte die Höhle vor ihnen auf. Ihr Eingang öffnete sich wie das Maul eines Drachen.

    Das schafft sofort eine bedrückende Atmosphäre und zieht einen geradezu in die Geschichte hinein. Genauere Beschreibungen wären da mMn eher etwas störend.

    Außerdem würde die Geschichte dann noch länger werden (nicht, dass das anfängliche Limit von 250 Wörter nicht ohnehin schon vaporisiert wurde :D )

  • Heyho Kirisha

    Das ist eine starke Eröffnung - die gefällt mir wirklich gut.

    Mit einem aller Wahrscheinlichkeit nach zu erwartenden Ende beginnen, Rick den seit alters her vorgegebenen Weg dorthin gehen zu lassen und das ganze mit einem Rätsel enden lassen

    So als hätten die Besitzer dieser Schwerter und Äxte, anstatt zu kämpfen, diese lieber fein säuberlich der Größe nach nebeneinander gelegt, wie in einem Museum.

    ...da zappel ich hier vor Neugier, wie sich das weiter entwickelt und die vielen kleinen Fragen beantwortet werden, die mir beim Lesen kommen.

    Einzig einen Satz fand ich nicht so ganz rund:

    Er hatte den Tod immer vor sich gesehen, hatte gewusst, dass er keinen Tag älter als 18 werden würde.

    Da würde ich "würde" durch "sollte" ersetzen.

    Mit "würde" lese ich es so, daß es vorherbestimmt, also unabwendbar ist.

    Mit "sollte" lese ich es so, daß es prophezeit wurde, eine Änderung des scheinbaren Schicksales aber durchaus noch möglich ist.

  • Hey Kirisha,


    Das war ein vielversprechender, spannender Einstieg – gerade die ersten Worte

    Vor diesem Tag hatte er sich sein ganzes Leben gefürchtet. Denn heute würde er sterben.

    Das hat gesessen. Auch weil es bei so einer Kurzgeschichte ja ohne Weiteres vorkommen kann, dass der Protagonist tatsächlich stirbt.

    Die Sonne dieses Tages eben aufgehen zu sehen, die sich schamhaft hinter Wolken versteckte, zeigte ihm deutlich, dass es nun kein Entrinnen mehr gab.

    Wie man hier und an vielen anderen Stellen sieht, hast du (wenig erstaunlich) Übung mit Worten und es ist eine Freude das zu lesen.

    Was die Story angeht: zuerst hat mich das natürlich sehr an die Spartaner aus „300“ erinnert. Aber hier verhält es sich schon etwas anders. Zum einen ist die Überlebenschance in der Wolfshöhle sehr gering. Zum anderen scheinen die Wölfe mehr als nur stumpfe Bestien zu sein. Vielmehr scheinen die Menschen im Dorf eine Art „Deal“ mit ihnen zu haben – was die Tiere in meiner Wahrnehmung als intelligente Wesen charakterisiert.

    Die Wölfe überfielen nie einen Dörfler, der ihre Regeln beachtete. Dafür garantierte das Opfer, das sie ihnen in der Mittsommernacht brachten.

    Mir kam hier natürlich sofort der Gedanke, was es mit diesem „Opfer“ auf sich haben könnte? Es scheint nicht rein um die Nahrungsversorgung zu gehen. Sonst könnte man den Wölfen ja auch Schafe o.ä. opfern. Mit der Höhlenszene gewinnt das Ganze dann ja auch immer mehr Ritualcharakter. Da scheint also noch einiges mehr dahinter zu stecken.

    Dann muss die Fortpflanzung vor dem 18 Lebensjahr erfolgen und die Kinder lernen ihre Väter nicht kenne. Interessante Sache.

    Auch diesen Aspekt fand ich sehr interessant im positiven Sinne: man macht sich so seine Gedanken, wie so etwas die Gemeinschaf im Dorf beeinflusst.

    Tatsächlich war eines der ersten Dinge, die ich mich gefragt habe, warum Rick sich nur von seiner Mutter verabschiedet und nicht von seiner Freundin / Frau / Geliebten. Gemeinsam mit dem Ritual in der Höhle suggeriert es, dass er bis zu seinem 18. Lebensjahr noch kaum Kontakt zum anderen Geschlecht hatte.

    Das ist ein interessantes Konzept. Dazu zwei Gedanken. Wenn die Zeit so kurz ist, sollten sich da nicht schon früher Liebschaften mit Kindern als Konsequenz ausbilden? In einer mittelalterlichen Welt ist 18 ja schon recht alt und auch heutzutage warten nicht alle bis 18 …

    Wenn jetzt alle 24 (zwei dutzend) Mädchen an diesem Abend Sex haben, dann werden höchsten 1-2 schwanger und das Dorf wäre ausgestorben. Die jungen Frauen haben ja nicht gleichzeitig ihren Eisprung und nicht jeder Paarungsversuch ist erfolgreich, was die Vermehrung angeht

    Daher bin ich hier ganz bei Sensenbach. Selbst wenn alle Frauen in der Höhle schwanger werden sollten, hätten sie ja nur halb so viele Kinder gezeugt, wie sie mindestens für den Fortbestand des Dorfes benötigen würden. Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass die wenigen überlebenden Männer einiges im Dorf zu tun hätten :), was sie wahrscheinlich auch nicht mehr in einer monogamen Partnerschaft hinkriegen würden. Durchaus möglich - dann hätte diese Dorfgemeinschaft eher so etwas von einem Löwenrudel, wo nur das stärkste Männchen sich fortpflanzen darf.

    In einer langen Reihe neben den Waffen seiner Schicksalsgenossen. So als hätten die Besitzer dieser Schwerter und Äxte, anstatt zu kämpfen, diese lieber fein säuberlich der Größe nach nebeneinander gelegt, wie in einem Museum.

    Dieser Abschluss macht gelungenerweise neugierig. Ich bin auf jeden Fall gespannt auf den nächsten Teil!

  • Hey Kirisha,


    ich bin jetzt auch endlich mal dazu gekommen, hier reinzulesen und muss sagen, dieser Anfang gefällt mir schon recht gut. Die Idee an sich finde ich richtig cool, obwohl es eine grausame Vorstellung ist und ich gerade die trostlose Stimmung von Rick sehr gut nachvollziehen konnte. Ich bin schon sehr gespannt, wie du das weiterspinnen wirst.

    Seine Mutter hatte ihm erzählt, dass die Mädchen kommen würden. Bis kurz vor Mitternacht würden sie bleiben. Von einem Wolfsblut geschwängert zu werden war die größte Ehre, die solch eine junge Frau erringen konnte. Es war außerdem für die Dörfer sehr notwendig, denn aufgrund der jährlichen Opferfeste lebten nur wenig erwachsene Männer im Dorf. Die meisten starben in ihrem 18. Lebensjahr ... so wie es Rick bevorstand.

    Ah...Gott sei Dank kommt diese Erklärung, denn sonst hätte ich mich genau DAS gefragt. Wie können sie verhindern, dass sie quasi aussterben, weil es ja irgendwann kaum mehr Männer geben dürfte. Aber so kaufe ich dir das ab. ^^



    Das Schwert seines Vaters, das er an seinem Gürtel trug, hatte nach dessen Todesnacht nicht etwa blutüberströmt im Körper einer Bestie gesteckt. Nein: Es hatte in diesem Saal gelegen. In einer langen Reihe neben den Waffen seiner Schicksalsgenossen. So als hätten die Besitzer dieser Schwerter und Äxte, anstatt zu kämpfen, diese lieber fein säuberlich der Größe nach nebeneinander gelegt, wie in einem Museum.

    Interessant :hmm: Ich habe da spontan eine Theorie. Vielleicht sind die Männer ja gar nicht wirklich gestorben, sondern selbst zu Wölfen geworden. Das würde auch dafür sprechen, dass es so schrecklich viele Wölfe in den Wäldern gibt...aber ich lese mal gespannt weiter :gamer:


    LG,

    Rainbow

  • Vielen Dank für eure spannenden Anmerkungen!


    Tariq


    Sensenbach

    Iskaral

    Der Wanderer

    Novize

    Rainbow

    und hier kommt nun die Fortsetzung:


    Wolfsblut - Teil 2 von 3

    „Uns bleibt nur die Flucht“, hörte er den langen Tobar von vorne laut rufen, der auch im Dorf immer den Ton angegeben hatte. „Es muss einen anderen Ausgang oder ein Versteck geben. Vielleicht einen Keller, eine Rumpelkammer? Suchen wir! Ein paar von euch gehen die Treppe hoch und wir anderen forschen unten!“

    Rick verstand sofort, warum Tobar unten suchen wollte, denn die Mädchen huschten ja gerade heran. Einen Moment zögerte er und überlegte, ob er Jay ansprechen sollte, doch wie schon so oft brachte er den Mut nicht auf. Außerdem machte es keinen Sinn, die wenigen verbleibenden Lebensstunden zu verschwenden, wenn es vielleicht eine winzige Hoffnung gab, doch einen Ausweg zu finden. Darum drückte sich Rick zu der unebenen hölzernen Treppe hin, die sich seitlich der hohen Grotte erhob, und stieg nach oben. Mehrere Jungen folgten ihm hinauf. Das leise Knarren der hölzernen Stufen wurde von dem lauten Hallen der Schritte in der Höhle und dem verlegenen Kichern der Mädchen übertönt.

    Im Obergeschoss erblickte Rick einen düsteren Gang, in dem sich auf der rechten Seite zahlreiche an Felsgestein befestigte Türen befanden, in gleichmäßigen Abständen hintereinander. Eilig öffnete er eine Tür nach der anderen. Es zeigten sich kleine Räume, in jedem fand er ein niedriges Bett mit einer darauf ausgelegten zusammengefalteten Daunendecke, beleuchtet von demselben blauen Sternenlicht wie in der Hauptgrotte. Alle Zimmer sahen genau gleich aus. „Nirgends ein Ausgang“, rief ihm resigniert einer der Kameraden entgegen, der ihm von ganz hinten entgegen kam.

    Rick!, hörte er plötzlich eine Stimme, dumpf und fremdartig. Sie schien aus der Wand zu kommen. Er zuckte zurück. War jemand im Nebenzimmer? Er kontrollierte den Raum.

    Niemand. Sein Herz donnerte. Die Stimme war deutlich gewesen. Wer rief ihn hier mit solchem tiefen Grabesklang?

    Vielleicht sind es Geisterwölfe. Sie sind schon hier und können uns jederzeit fressen.

    Er hastete zur Treppe zurück und rannte abwärts. Die Treppenstufen schienen gegen seine Füße zu schlagen. Stechender Schmerz raste durch seine Füße, bis zu den Oberschenkeln hoch. Er schrak zusammen. Steckten Messer in den Brettern? Doch nichts war zu sehen. Das Reißen stoppte nicht an seiner Hüfte, nun zersetzte es seinen Magen, dann schien es seine Arme auseinanderziehen zu wollen. Kaum eine Stelle an seinem Körper, die nicht schmerzte.

    Vielleicht werden uns gar nicht die Wölfe umbringen, sondern es sind Stoffe in der Luft, oder von dem Bankett? Der Geruch der dampfenden Delikatessen schien die ganze Halle auszufüllen. Krampfhaft hielt sich Rick am Treppengeländer fest und kämpfte gegen eine Ohnmacht. Als seine Sinne endlich wieder klarer wurden, sah er unterhalb seiner erhöhten Position von der Treppe herab Jay stehen. Der lange Gohr aus dem Mitteldorf redete mit ihr und sie lachte.

    Irgendwo schlug eine Turmglocke neun Mal.

    Noch drei Stunden zu leben. Die werden wohl an mir vorbeirasen wie Herzschläge. Und ich soll im Ernst dabei zuschauen, wie mir Gohr in das einzige Mädchen ausspannt, das mir was bedeutet, während ich schon dabei bin, in die Gruft zu stürzen? Was habe ich eigentlich zu verlieren?

    Ohne weiter nachzudenken, setzte sich Rick auf das Geländer, um weiteren Kontakt mit den Stufen zu vermeiden, rutschte abwärts und landete direkt neben dem Pärchen. Als er am Boden aufprallte, jagte ein geradezu überwältigender Schmerz in seine Füße. Er erstickte einen Aufschrei, nur ein dumpfes Keuchen entfuhr ihm.

    Gohr baute sich vor ihm auf.

    „Warst du das? Hast du eben meinen Namen gerufen?“, knurrte er feindselig. „Sollten wir uns nicht besser unterstützen, statt uns gegenseitig fertigzumachen?“

    Rick blickte auf. Der lange Kerl vor ihm sah verändert aus, scheinbar geschrumpft, dafür hatte sich sein Lippenbart verstärkt. Selbst seine Stimme klang fremd.

    „Da ist ein Wesen in der Wand“, erklärte Rick und zeigte nach oben. „Vielleicht der Tod. Oder der Teufel. Er hat mich auch gerufen.“

    „In der Wand, hm?“, schnaubte Gohr wütend. „Und wen ruft es, jeden von uns?“

    „Nur die, die sterben sollen“, ergänzte Rick achselzuckend. Aus irgendeinem Grund tat es gut, das böse Thema knallhart auszusprechen. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Jays Augen feucht waren. Bestimmt hatte sie Angst. Überlegte sie gerade, mit Gohr mitzugehen? Oder hätte Rick eine Chance … wenn er nun etwas zu ihr sagte? Aber seine Zunge klebte ihm am Gaumen fest, so wie immer, wenn er sie in der Nähe sah.

    „Es muss nicht so enden, wie es immer geendet hat!“, warf Jay ein. Einen kurzen Moment lang streiften ihn ihre Blicke, dann schlug sie die Augen nieder, ohne Gohr überhaupt zu beachten.

    Rick schlug das Herz heftiger. Vielleicht sah sie in dem dämmrigen blauen Licht nicht mehr, dass seine Beine ungleich lang waren und er rechts auf den Zehenspitzen gehen musste, um nicht zu hinken? Im gnadenlosen Sonnenlicht des Tages hatte das natürlich schon immer jedes Mädchen registriert. So gesehen bot ihm diese Höhle eine Chance. Die einzige und letzte Chance seines kurzen Lebens. Er musste sie nur nutzen.

    „Bist du hungrig?“, brachte er mit seltsam unklarer Stimme heraus und schaffte es zum ersten Mal, sie direkt anzuschauen. Diesmal wich sie seinem Blick nicht aus.

    „Bloß nicht“, versicherte Jay mit einem angewiderten Seitenblick auf die angerichtete Tafel hin. „Wenn du mich näher da ranschiebst, kotze ich dir wahrscheinlich auf die Schuhe. Wir mussten vor dem Eintritt einen scheußlichen Saft trinken, der mir fast den Magen weggeätzt hat.“

    „Wozu?“ Ein Hochgefühl überkam ihn, als schwebte er mit dem Mädchen auf einer Wolke. „Ah, ich kann´s mir denken. Bestimmt ein Fruchtbarkeitstrank.“

    Sie grinste schwach. „Das wäre zu einfach. Dafür mussten wir schon wochenlang Kräutersuppen löffeln! Nein, der Saft war für etwas anderes.“ Sie verzog die Lippen. „Einige wollten ihn nicht trinken, aber die Ältesten sagten, wer nicht trinkt, stirbt. – Habt ihr das Zeug auch bekommen?“

    Nein. Wir sollen ja sterben. Die Wölfe müssen ihr Opfer bekommen.

    Einen Moment lang war es ihm fast egal. Die Schlacht würde er verlieren, aber das Mädchen hatte er gewonnen! Jay lehnte sie an ihn, wie lange hatte er davon schon geträumt! Er spürte das Grinsen, das sich auf seinen Lippen ausbreitete und seine Brust wärmte. Für einen Augenblick war es machtvoller als das Reißen an seinen Unterschenkeln und das Bohren in seinen Händen, das ihn nun abwechselnd heimsuchte. Bald kamen Schmerzen in seinen Kieferknochen hinzu, als wollte etwas seine Wangen auseinanderreißen.

    Doch ihre schmale Hand in seiner fühlte sich an, als hätte er gerade den größten Schatz des Universums gehoben. Er war ein König! Doch die Angst nahm schnell wieder überhand. Was verursachte die Schmerzen? Zerstörte ihn etwas von innen? Würde dieser Raum ihn töten, bevor die Wölfe kämen?

    Durch das Gedränge der vielen anderen Paare im Saal hindurch führte Rick seine Eroberung an eine Säule hin. Noch nie hatte er jede einzelne Faser seines Körpers so deutlich gespürt, noch nie die Gegenwart eines Mädchens so intensiv in sich eingesaugt. Sie sagte kein Wort, doch er fühlte ihre Blicke in atemberaubender Intensität auf sich liegen. Später würde sie ihrem Sohn erzählen, er Augen gehabt wie glühende Kohlen und ein goldener Schimmer hätte seinen Kopf umgeben, und wenn er den Knauf seines Schwertes berührte, wäre eine solche Kraft durch ihn gefahren, dass nicht nur der Boden unter ihren Füßen, sondern gar die ganze Höhle bebte. Solche Geschichten hatte ihm jedenfalls seine eigene Mutter über jene Nacht erzählt, die sie mit seinem unbekannten Vater verbrachte. Sie konnte sich noch an jede einzelne seiner kleinen Gesten erinnern, konnte jedes einzelne Wort und sogar die Art, wie jener es betont hatte auswendig wiederholen. Sie wusste, wie seine Nase sich gekräuselt hatte, als er sie küsste ...

    „Du bist so oft um unser Haus geschlichen und hast dich in den Büschen versteckt. Warum kamst du nie in unser Haus, wenn meine Mutter dich rief?“, riss Jay ihn aus seinen Gedanken und lächelte ihn an.

    „Warum hast du mich nicht gerufen? Ich wollte doch nicht mit deiner Mutter reden.“

    Sie lächelte schamhaft. „Ach, du ...“ Abrupt wurde sie ernsthaft. „Dieser Abend muss nicht so enden, wie sie von uns erwarten. Komm, wir finden einen Ausgang!“

    Ohne seine Hand loszulassen, lotste sie ihn an dem ausladenden Tisch mit den aromatischen Düften vorbei, an der hohen Steinwand des Saales entlang bis hin zu einem meterhohen Felsen. Dort blieb sie stehen und blickte nach oben. Und jetzt sah er es auch: Weit über ihren Köpfen, irgendwo oberhalb des Felsens, gähnte ein schwarzes Loch. Der Ausgang!

    Jay warf ihm einen vielsagenden Blick zu und versuchte, den Stein zu erklimmen. Rick nickte ihr anerkennend zu und fing ebenfalls an zu klettern. Der Schmerz in seinem Körper verschärfte sich mit jedem kleinen Augenblick, mal riss er an seinen Sehnen im Unterschenkel, dann bohrte er sich in Ricks Hände, als wollte er ihn mit unfairen bösen Stichen schon mal auf die Hiebe vorbereiten, die noch kommen würden. Aber der junge Mann biss auf die Zähne. Vielleicht gab es eine Zukunft. Vielleicht eine Wende hin zu anderen, besseren Zeiten, für ihn und für sein Dorf. Vielleicht würden sich ihm heute noch viele Chancen öffnen!

    Schon hatte er der Felsen erklommen. Aus seiner neuen Höhe heraus erkannte er, dass vor ihm ein zweiter Felsen und über diesem ein dritter emporragte, noch eine Spur steiler als der vorherige, das dunkle Loch befand sich ganz an ihrem Ende. Ein leiser Windhauch wehte daraus zu ihm herab, dem ein scharfer, tierischer Geruch anhaftete. Ganz eindeutig der nach Wölfen. Ihm war, als hörte er ihre Mägen knurren und ihr ungeduldiges Hecheln.

    Sie stehen schon da oben und warten auf uns! Es ist kein Ausgang – es ist ihr Eingang!

    Erschrocken trat Rick einen Schritt zurück und rutschte abwärts, versuchte sich zu halten, fiel und prallte hart auf dem Grottenboden auf. Jay beugte sich über ihn.

    „Rick! Was ist passiert?“

    „Da oben stehen die Wölfe!“

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

    Einmal editiert, zuletzt von Kirisha ()

  • Heyho Kirisha


    Puh!

    Dieser Teil ist schwer verdaulich.

    Wer ist denn jetzt auf einmal "Gohr" ?

    Und der Stil der Erzählung hat sich auch verändert...irgendwie. Kann ich nicht konkret beschreiben, aber irgendwas in diesem Teil ist völlig anders als das, was ich im ersten Teil gelesen habe.

    Ich schlafe da mal eine Nacht drüber und lese es erneut - vielleicht kann ich dann die Brücke schlagen

    Fesselnd ist der zweite Teil aber allemale!

    :thumbsup:

  • Hey Kirisha,


    ich finde, die Fortsetzung ist dir gut gelungen und ich habe sie gespannt verfolgt :)


    Meine Anmerkungen packe ich mal in den Spoiler:



    LG,

    Rainbow

  • Liebe Kirisha

    Mir geht es so wie Der Wanderer , dieser zweite Abschnitt fühlt sich für mich vom Stil her ganz anders an. Ich hatte auch erst den Eindruck, dass es ein eher ärmliches/normales Dorf ist und das Ganze jetzt in einer Höhle spielt. Jetzt ist da ein ganzes Schloss verborgen. Mal sehen, wo das noch hinführt. Ich denke aber auch, dass sich hier möglicherweise eine Verwandlung abspielt. Den Widersacher um die Gunst des Mädchens könnte man früher kurz einführen. Den Gedanken an Flucht müssten doch auch andere haben, oder sind die so mit dem Essen und Mädchen beschäftigt? :D

  • Hallo Kirisha


    Deine ersten beiden Teile fand ich schon einmal ziemlich interessant.


    Besonders gut hat mir das Ende des zweiten Teiles gefallen, weil du an einem spannenden Punkt pausiert hast.

    „Da oben stehen die Wölfe!“

    Außerdem wäre es ja zu einfach gewesen, wenn es wirklich einen Ausgang gebe, den hätten ja dann auch frühere Generationen schon finden müssen...


    Ich bin gespannt wie es weiter geht, vor allem interessiert mich der Teil mit den Waffen, welche bei seinem Vater damals alle nebeneinander gelegt worden waren... Welche Magie ist in dieser Höhle im Spiel? Warum haben sie nicht gekämpft?

  • Hey Kirisha ,


    ich wollte mal vorsichtig nachfragen, ob und wann es hier weitergeht. Du hattest uns doch DREI Teile versprochen :)


    Wenn’s Probleme gibt, oder du nicht weiterkommst, sag Bescheid. Aber ich hatte dich so verstanden, dass die Geschichte schon fertig ist. Also woran hapert es?


    LG,

    Rainbow

  • Wenn’s Probleme gibt, oder du nicht weiterkommst, sag Bescheid. Aber ich hatte dich so verstanden, dass die Geschichte schon fertig ist. Also woran hapert es?

    Danke liebe Rainbow.

    Im Prinzip war die Geschichte fertig, aber der Mittelteil kam ja nicht so gut an, darum bin ich jetzt dabei, da noch dran herumzudrehen. Ich habe es schon ein wenig umgeschrieben, aber bis jetzt bin ich noch nicht richtig zufrieden. Es ist ja nicht so viel Text, aber wenn ich nur ein paar Nuancen ändere, brauche ich dazu auch Hintergrund, es ist nicht so leicht. Ich bin aber noch dran. Die Liebesgeschichte zum Beispiel ist ja ziemlich nach dem Hau-ruck-Verfahren entstanden, so geht es ja nicht. Auch das Verhältnis der jungen Männer untereinander ist komisch, das muss ich auch besser machen.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Heute morgen konnte ich den ersten und den zweiten Teil deiner Kurzgeschichte lesen.

    Zunächst einmal finde ich die Idee sehr interessant. Gut finde ich das du dich auf das Wesentliche der Geschichte konzentrierst, damit meine ich das Weglassen meiner Ansicht nach unnötiger Detailbeschreibungen des Dorfes oder diverser Personen. Ich glaube das hätte der Geschichte an Geschwindigkeit genommen.


    Der zweite Teil ist etwas anders als der Erste, aber eigentlich gefällt mir das ganz gut, weil es sich dem Inhalt anpasst. Im ersten Teil geht es um den Weg und die Gedanken des Protagonisten. Geordnet und gut nachvollziehbar. Im zweiten Teil wird alles etwas verwirrend, aber dadurch das scheinbar irgendetwas auf seine Sinne zugreift (eine Verwandlung etc.) finde ich das Stimmig. So ein bisschen wie in einem Fiebertraum oder Psychose.


    Ich hoffe doch sehr, trotz das einige Zeit ins Land gegangen ist, dass es weiter geht.

  • Ich hoffe doch sehr, trotz das einige Zeit ins Land gegangen ist, dass es weiter geht.

    Danke schön.

    Also, ich muss gestehen, ich bin mit dem Schluss noch nicht ganz zufrieden und habe die ganze Zeit gedacht, mir fällt vielleicht noch etwas Besseres ein - aber da mir die genialen Ideen einfach nicht kommen wollen, habe ich nun beschlossen, euch einfach den Schluss mal zu zeigen.

    Mal sehen, was ihr dazu sagt.


    Wolfsblut - Teil 3 von 3

    Als die Turmuhr elfmal schlug, hatten sie die Suche nach einer besseren Zukunft ohne Ergebnis abgebrochen und versuchten stattdessen, die Gegenwart festzuhalten. Unter der Daunendecke in einem der Himmelbetten im Obergeschoss kuschelten sich Rick und Jay eng aneinander und tauchten in eine Welt ein, die sie gerne für den Rest ihres Lebens miteinander geteilt hätten.

    Ein markerschütterndes Knurren direkt vor ihrer Zimmertür ließ Jay aufschreien und riss Rick auf die Beine. Er beglückwünschte sich für seine Vorsicht, den Raum zu verriegeln. Denn nun krachte etwas mit Wucht gegen das dunkle Ebenholz und scharfe Krallen schrappten daran entlang.

    „Es ist noch nicht Mitternacht!“, keuchte Rick ebenso erschrocken wie wütend, weil er sich auf die Vorhersage seiner Mutter verlassen hatte. Eilig kroch er aus dem Bett und tastete halbnackt nach seinem Schwert, das auf dem Boden lag. Würden die Bestien in die Gemächer einbrechen? Würden sie Jay angreifen? Würde es schrecklicher enden als sonst?

    Offenbar fürchtete Jay dasselbe. Sie fing wild an zu schluchzen. Das traf ihn ärger als das drohende Gebrüll auf dem Flur. Er versuchte sie mit seiner freien Hand zu halten und zu trösten, obwohl er selber zitterte.

    Das Ende. Es laufen die letzten fünf Minuten und dann ist es vorbei! Dornen aus Angst und Verzweiflung bohrten sich in seine Haut und blockierten seine Gedanken. Doch der Gedanke an Jay setzte ihn unter Strom. Wenigstens sie sollte überleben, wenn es das einzige war, das er noch erreichen konnte.

    „Versteck dich hinter dem Bett und leg dir die Decke über den Körper, damit sie dich nicht riechen“, kommandierte er und erkannte den harschen Ton in seiner Stimme kaum wieder. Sie nickte und stolperte rückwärts. Er packte das Schwert und ging der Tür entgegen, bereit diese zu verteidigen.

    Der Schmerz überfiel ihn unvorbereitet. Als sollten seine Beine brechen und sein Rücken nach unten gerissen werden, traf ihn ein Rucken und Stechen an Dutzenden Gliedern gleichzeitig und von solcher Heftigkeit, dass er fiel. Hastig versuchte er hochzukommen, suchte sein Schwert, das ihm entfallen war. Doch er konnte es nicht fassen. Seine Hand ... sie war wie eine unförmige ... Klaue! Erschrocken blickte er an seinem Arm herunter, an dem dichte Behaarung sproß. Und sein Mund! Zähne wuchsen, suchten sich ihren Weg über seine Lippen! Im selben Moment weitete sich sein Bewusstsein. Der Raum schien nicht länger dunkel, er sah die Dielenbretter unter seinen Füßen so deutlich wie in hellem Tageslicht. Irgendwo aus der Ferne erklang der Ruf: Kommt alle zur Zusammenkunft!

    Es war nicht wirklich ein Ruf. Mehr ein gewaltiges Raunen, das über den Himmel raste, durch alle Steinwände hindurchfloss, bis es seine Kammer erreichte. Ein machtvolles Raunen, das ihm befahl zu gehorchen. Obwohl er nicht begriff, welche Macht ihn dirigieren wollte, konnte er sich kaum widersetzen. Komm! Komm!, zerrte die unbekannte Macht an ihm. Doch anderes lenkte ihn ab. Seine Nase hatte einen Duft erschnuppert, süß und betörend, der den ganzen Raum ausfüllte. Warum hatte er den vorher nicht gerochen? Es kam vom Bett her.

    O ihr Götter. Jay. Nie zuvor hatte er ihren Geruch so intensiv wahrgenommen. Seiner Kehle entfuhr ein seltsamer Laut – war das ein Knurren? Er hörte seine Freundin angstvoll schreien, wollte antworten, dass sie sich nicht fürchten sollte, doch auch jetzt brachte er nur ein dunkles Grollen hervor.

    Grausiges Entsetzen packte ihn. Seinen Körper wagte er nicht mehr zu betrachten, denn jetzt zog es ihn gewaltsam herunter, bis er auf allen Vieren stand und sich das anfühlte, als hätte er sich schon immer so bewegt.

    Raus hier, bevor ein Unglück passiert. Er sprang an der Tür hoch, zum Glück war seine linke Hand noch nicht ganz verwandelt, sodass es ihm gelang, den Riegel zu öffnen und die Klinke mit der Schnauze herunterzudrücken. Er sprang hinaus, schlug die Tür wieder hinter sich zu und blieb hechelnd davor stehen. Mehrere riesenhafte Wölfe rannten durch den Flur, an ihm vorbei. Noch mehr dieser Tiere standen genau wie er mit gefletschten Zähnen wie Wachhunde vor einzelnen Zimmern.

    Was passiert hier? Was tun wir? Was soll ich tun?

    Wir treffen uns zur Zusammenkunft!, erklang die machtvolle Luftstimme wieder. Ich rufe Jorgen, Ferren, Gungur! Ich rufe Garb, Beser und Rick! Ich rufe ...

    Als er seinen eigenen Namen hörte, schaffte er er nicht länger, sich am Platz zu halten. Er musste der Stimme folgen. Angespannt trabte er über den Flur, sprang mit wenigen Sätzen die Treppe hinunter und in den Saal hinein. Dort war kein Mensch mehr, der ganze Raum war voller Wölfe. Es waren gewaltige Tiere. Manche schienen unsicher, drehten sich im Kreis, andere waren auf den Tisch mit dem Bankett gesprungen und machten sich über die Speisen her, doch die meisten liefen zielstrebig auf den hohen Felsen zu, der zu dem schwarzen Loch an der Decke hinführte.

    Die Stimme kam von dort, darum folgte er ihr. Mit einem einzigen gewaltigen Satz hob er ab, landete federleicht auf dem ersten Felsen, sprang weiter auf den zweiten und den dritten. Welche Kraft er auf einmal hatte, wie einfach es war zu traben und bei seinen Schritten nicht hinken zu müssen, denn seine Wolfsbeine waren ohne Fehler! Schon war er durch das Loch hindurch und stand mitten im Wald.

    Der Mond schien hell auf eine Lichtung, eine Versammlung von mindestens hundert Wölfen umgab ihn und ihn überwältigte der schwere, durchdringende Geruch der Tiere inmitten dem leicht fruchtigen Aroma der Bäume ringsum.

    Willkommen! Willkommen!, hörte er ihre Gedanken von allen Seiten auf sich einströmen, du bist also Rick, der Sohn von Rick dem Roten, er steht dort hinten. 

    Verwirrt folgte der junge Wolf den Gesten der anderen, als der Genannte auch schon auf ihn zu kam. Es war ein schlanker älterer Rüde mit einem Rotschimmer in seinem grauen Fell, vermutlich darum nannten sie ihn den Roten. Dein Vater hatte rote Haare, erinnerte er sich an Mutters Erzählungen, rot wie die Hagebutten. Seine Augen quollen fast aus den Höhlen vor Erstaunen.

    Du bist am Leben? Er konnte diese Worte nicht formen, aus seinem Mund kam nur ein seltsames Jaulen, doch er hörte sie wie laut ertönende Gedanken. Da war der Rote schon bei ihm und rieb den Kopf an seinem. Gleichzeitig hörte er dessen Gedanken antworten: Willkommen, mein Sohn. Achtzehn Jahre habe ich auf dich gewartet!

    Rick stand still und versuchte zu verstehen.

    Was? Aber warum dies alles? Was tust du hier?

    Komm mit, dann zeige ich es dir. Der Rote stieß einen scharfen Laut aus, worauf sich zwölf Tiere um ihn sammelten. Unser Rudel, es ist unsere Familie, du bist mit allen von ihnen verwandt. Ein schneller Blick zeigte Rick, dass sich auch sämtliche anderen Wölfe auf verschiedene Gruppen verteilten.

    Sie trabten los. Rick war noch nie in solchem Tempo durch einen Wald gerannt, mit ein paar lockeren Schritten hatten sie bereits ein großes Wegstück hinter sich gebracht. Wo die Bäume dicht wuchsen, duckte er sich mit geschmeidigen Bewegungen eng zusammen und war im nächsten Moment ohne einen Ratscher zwischen Dorngestrüpp und tiefhängenden Ästen hindurchgeschlüpft. Es ging über Felsen und durch noch viel mehr dicht stehende Bäume. Rick atmete den Geruch von Freiheit und weiter Natur.

    Das Land wurde von Orks eingenommen, sie sind riesig und töten jeden, der nicht zu ihnen gehört. Sie wollten auch unsere Dörfer zerstampfen, erklärte ihm der Rote, während sie liefen. Sie töten Menschen wie Fliegen. Aber wir haben eine Methode die Orks zurückzuschlagen. Sobald sich einer in unsere Nähe wagt, ziehen wir uns mit vielen zusammen und greifen an. So schützen wir unsere Dörfer.

    Also sind wir Wächter?, versuchte Rick zu verstehen. Seine Gruppe kam nah dem Waldrand vorbei, von fern sah er die vertrauten Häuser hinter den Feldern ruhen. Siedendheiß überfiel ihn die Erkenntnis, dass nicht allein Jay in den kommenden Jahren ihre kargen Erinnerungen an diese Nacht glorifizieren würde, sondern auch er sein Mädchen nie wieder sehen würde. Dass ihm die Erinnerung an ihre schimmernden Augen, ihr aufgeregtes Lachen und ihre scheuen Hände genügen musste für den Rest seines Lebens. Der scheußliche Saft – er verhinderte, dass sich die Mädchen auch verwandelten. Sein Schwert würde sie vor der Tür ihres Zimmers liegend finden … wahrscheinlich würde sie mit der Waffe in der Hand nach unten gehen, weil sie ja nicht ahnte, was geschehen war.

    Warum?, fragte er aufgebracht. Jay könnte mitkommen. Sie könnte sich auch verwandeln. Wir könnten alle zusammen hier draußen leben. Alle zusammen unsere Heimat schützen!

    Der Rote führte ihn zur anderen Seite des Waldes hin. Die Bäume standen dicht an dicht, Felsen und Gestrüpp umrahmten sie. Es ging über einen Bach, dann wieder durch endloses Waldgebiet, bis sie hinter einem Hügel den Waldrand erreichten. Und hier standen die Wölfe in drei Reihen hintereinander wie eine Mauer, deren Ende Rick nicht erkennen konnte. Als er sich ein wenig aufrichtete, erkannte er auch, wen sie im Visier hatten. Weit entfernt konnte er in der Dunkelheit gewaltige Zelte ausmachen sowie deren Bewohner. Es waren riesenhafte Gestalten, die dort auf und ab gingen. In den Händen hielten sie dicke Steinkeulen.

    Sobald einer von uns Welpen zu versorgen hätte, würde er mehr Zeit in seiner Höhle verbringen als bei der Wacht. Aber das können wir uns nicht leisten. Die Orks kommen manchmal jede Nacht.

    Mehrere der Riesen stapften auf den Wald zu. Sie erschienen groß wie Bäume, ihre Keulen waren unförmige Felsen, die hoch über den Wölfen in der Luft schwebten. Rick sträubten sich die Nackenhaare – unbesiegbare Kreaturen! Vor sich hörte er sein Rudel knurren. Rick senior bahnte sich einen Weg durch die Menge und setzte sich ihnen an die Spitze.

    Ihr geht rechts, ihr geht links. Ihr lauft ihnen seitlich durch die Beine. Achtet auf die Keulen. Auf meinen Befehl!, kommandierte er. Rick, beim ersten Mal schaust du nur zu. Und ... los!

    Wie ein Schwall von hunderten grauen Wellen stürmten die Wölfe auf die riesenhaften Feinde zu.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • So sind wir nun am Ende angelangt und das Rätsel ist gelöst. Gefällt mir, was du dir da ausgedacht hast.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



    :cookie:


    ___________________

  • Liebe Tariq

    es freut mich sehr, dass dir die Geschichte gefallen hat!

    Kurzgeschichten finde ich ziemlich schwer zu schreiben, da mir die guten Ideen meistens erst kommen, wenn ich mich warmgeschrieben habe (also ca. nach sechs Monaten oder nach den ersten 300 Seiten ... ?( )

    Ich denke aber, es ist eine sehr gute Übung, sich mal zur Kürze zu zwingen.


    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Super, ich hab mich gefreut das Ende der Geschichte noch lesen zu dürfen. Sie gefällt mir wirklich.

    Allerdings funktioniert der Teil mit den Ahnungslosen Dörflern nicht so ganz. Es ist unwahrscheinlich das sie wirklich alles selbst herstellen können was sie brauchen, das würde ja auch alle möglichen Metalle oder auch Keramik, Glas usw betreffen. Selbst wenn sie das Dorf selbst nicht verlassen, hätten sie zumindest von Monstern gehört, Händler reden schließlich.

    lg Werluchs

  • Super, ich hab mich gefreut das Ende der Geschichte noch lesen zu dürfen. Sie gefällt mir wirklich.

    Allerdings funktioniert der Teil mit den Ahnungslosen Dörflern nicht so ganz.

    Danke schön.

    Jaaa ... du hast recht. Da müsste ich nochmal etwas nachbessern.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince