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  • Wolfsblut (Teil 1 von 3)

    Vor diesem Tag hatte er sich sein ganzes Leben gefürchtet. Denn heute würde er sterben.

    Umständlich half ihm seine Mutter, das uralte Schwert an seinem Gürtel zu befestigen. Wozu der Umstand? Es würde ihm nichts nützen. Ihre Tränen begannen zu fließen. Diese starke, gefasste Frau weinen zu sehen, berührte ihn tief. Ein weiterer Stich in die Wunde, die ihn schon die ganze letzte Nacht hatte wachliegen lassen. Die ihm seit Wochen wie ein Dorn immer etwas tiefer in den Eingeweiden bohrte.

    Er hatte den Tod immer vor sich gesehen, hatte gewusst, dass er keinen Tag älter als 18 werden würde. Aber er hatte den Gedanken vor sich hergeschoben. Hatte versucht, ihn nicht zu denken.

    Die Sonne dieses Tages eben aufgehen zu sehen, die sich schamhaft hinter Wolken versteckte, zeigte ihm deutlich, dass es nun kein Entrinnen mehr gab.

    Angst wallte in ihm auf. Kalt und unbarmherzig kroch sie in seine Glieder und wand sich wie eine Schlange um seine Brust, die ihn ersticken wollte.

    Es war ein uraltes Ritual, dass alle Söhne der drei Dörfer in ihrem 18. Jahr am Mittsommertag in die Dunkelhöhle gehen und dort die Nacht verbringen mussten. Die Wölfe holten fast alle, stets kehrten nur zwei oder drei ins Dorf zurück. Doch Rick wusste, dass er nicht zu den Rückkehrern gehören würde. Denn er war ein Wolfskind - bereits sein Vater und dessen Vater waren bei diesem Ritual gestorben.

    Seine Mutter band sich ihre Kette mit dem grün schimmernden Smaragd ab und legte sie ihrem Sohn um den Hals. Sein Vater hatte ihr diese Kette geschenkt, in seiner Todesnacht.

    Grausam schnell flog der Tag an ihm vorbei, schon fand er sich in einer Reihe mit den anderen jungen Männern auf dem Weg zur Höhle wieder. Der Himmel über ihnen grollte und donnerte, aus dem Verbotenen Wald hörte er das frohlockende Jaulen und Heulen der mörderischen Wölfe, die sich wohl ebenfalls gerade auf den Weg dorthin machten, in Erwartung ihres alljährlichen Festmahles.

    Rick war mit dem ständigen Hecheln und Knurren aufgewachsen, das jeder der Dorfbewohner hörte, der zu nah am Wolfswald vorbeiging. Er und seine Kameraden hatten Witze darüber gemacht oder es in den Nächten wie ein niemals verklingendes Wiegenlied wahrgenommen. Es mussten hunderte, vielleicht sogar tausende Wölfe in diesen Wäldern leben. Oft sah er ihre Schatten, sah ihre roten Augen wie ein Meer aus Glühwürmchen zwischen den Bäumen glühen. Manchmal hetzten sie in großen Gruppen durch das Gestrüpp, dann knacksten die Äste und kreischten die Vögel, es klang, als rollte eine Lawine aus einstürzenden Bäumen auf das Dorf zu. Die Bewohner hüteten sich, jemals einen Fuß in das Revier der grausamen Räuber zu setzen. Feuerholz holten sie nur aus bestimmten Gegenden, welche ihnen durch Zeichen freigegeben wurden. Die Wölfe überfielen nie einen Dörfler, der ihre Regeln beachtete. Dafür garantierte das Opfer, das sie ihnen in der Mittsommernacht brachten.

    Riesenhaft tauchte die Höhle vor ihnen auf. Ihr Eingang öffnete sich wie das Maul eines Drachen. Deshalb also trugen sie die Fackeln, deren Flammen erleuchteten ihnen den Weg, als sie nun in die steinerne Grotte hineinstiegen.

    Die Fackeln erlöschen um Mitternacht, erinnerte er sich an die gespenstische Stimme seiner Mutter, wenn sie ihm von jener Nacht erzählte, als sie sich in die Höhle schlich, um seinen Vater zu treffen. Versuch, vorher zu verschwinden. Wenn die Glocke zwölfmal schlägt, ist es zu spät. Dann kommen die Wölfe.

    Eine schmale Treppe führte den dunklen Gang hinunter. Rick fühlte seine Beine nicht, welche die Stufen von allein herunterstaksten.

    Unten erreichten sie ein hölzernes Portal, zwei Torflügel mit darauf eingeschnitzten Wolfsköpfen. Die beiden Dorfältesten standen davor. Ihre Gesichter flackerten bleich im unsteten Licht der Fackeln. Tabor hielt eine Rede. Rick verstand kaum etwas, er stand zu weit hinten in der langen Schlange aus schlaksigen jungen Männern. Worte wie Mut und Pflicht flogen über die Köpfe seiner Altersgenossen. Danach begrüßte er alle 22 Jungen mit Namen. Nein, es war keine Ehre: Er prüfte, ob sie vollzählig erschienen waren und sich keiner drückte. Die Kontrolle schien zufriedenstellend, er nickte ihnen zu.

    Nun öffneten sich die Torflügel weit und grelles blaues Licht strahlte ihnen entgegen. Rick überkam der Impuls abzuhauen. Sollten sie sich freiwillig wie Schafe zur Schlachtbank führen lassen? Doch da stieß ihn schon jemand von hinten an und schob ihn nach vorn. War er der einzige, der an Flucht dachte? Unerbittlich rempelten sie ihn, drückten ihn vorwärts. Seine Knie waren so weich, dass sie unter dem Gewicht seines Körpers zusammenzusacken drohten. Schon befand er sich innerhalb der Torflügel – und war hindurch. Das Echo ihrer Schritte hallte in dem endlos hohen Gewölbe über und neben den Jungen wider. Hinter ihnen fielen die Tore dumpf und fatal hallend ins Schloss.

    In seiner Vorstellung hatte er erwartet, in einer Grotte voller Wölfe zu landen, doch der Raum glich einem Saal mit hoher Decke und kein Vierbeiner war in Sicht. Eine vorsichtige Erleichterung ließ ihn aufatmen. Das blaue Licht überall erzeugte eine eigenartige Stimmung, die Gesichter seiner Freunde sahen fremd und gespenstisch aus, aber offenbar würden sie zunächst unter sich bleiben. So hatte es ihm auch seine Mutter erzählt. Erst um Mitternacht würde die Gefahr über sie hereinbrechen.

    „Und jetzt? Ziehen wir unsere Waffen und erwarten sie?“, hörte er irgendwo aus der Menge der Kameraden eine verzerrte Stimme. Eng aneinandergedrängt standen sie im Eingangsbereich, geblendet von den unruhigen Flammen ihrer Fackeln, die sie in Eisenringen an der Wand abstellten. Im Saal war es hell genug, blaue Sterne an der Decke warfen phosphoreszierendes Licht in alle Ecken.

    „Noch vier Stunden bis Mitternacht“, erwiderte ein anderer.

    Von irgendwo erklangen Leiern und ein leiser Gesang. Vielleicht von Geistern, Rick konnte weder Sänger noch Musikanten sehen. An der gegenüberliegenden Wand entdeckte er einen langgestreckten Tisch, auf welchem ein Bankett mit dampfendem Fleisch, Broten und Salaten aufgebaut war. Seitlich davon standen Weinfässer, die bereits angezapft waren. Neben diesen erblickte Rick reglose Gestalten.

    „Ein Geisterbankett“, hörte er eine Stimme neben sich, „schaut mal die Statuen da hinten! Oder sind die lebendig?“

    „Wir müssen nur Dornröschen finden und sie wachküssen, dann erwecken wir das ganze verhexte Schloss zum Leben“, bemerkte ein Kamerad vor ihm. Einige lachten verhalten.

    „Da kommt sie schon!“ Das klang lauter. Ricks Blicke folgten dem ausgestreckten Arm seines Nachbarn.

    Tatsächlich öffnete sich nun eine Tür auf der anderen Seite und etwa zwei Dutzend Mädchen in langen, wallenden Ballkleidern huschten in den Saal hinein. Das seltsame Licht ließ sie wie blaue Feen aussehen. In fieberhafter Erregung musterte Rick ihre Gestalten, huschte von einer zur anderen.

    Sie war dabei. Jay, sein heimlicher Schwarm. Sein Blut begann zu pulsieren und eine bohrende Unruhe breitete sich in ihm aus. Warum musste ausgerechnet sie herkommen? Es würde alles noch schwerer machen.

    Seine Mutter hatte ihm erzählt, dass die Mädchen kommen würden. Bis kurz vor Mitternacht würden sie bleiben. Von einem Wolfsblut geschwängert zu werden war die größte Ehre, die solch eine junge Frau erringen konnte. Es war außerdem für die Dörfer sehr notwendig, denn aufgrund der jährlichen Opferfeste lebten nur wenig erwachsene Männer im Dorf. Die meisten starben in ihrem 18. Lebensjahr ... so wie es Rick bevorstand.

    Sollte er wirklich die letzten vier Stunden seines Lebens damit verbringen, sich um ein Mädchen zu bemühen, das sich angesichts der überwältigenden Konkurrenz sowieso für einen anderen entscheiden würde?

    Unerbittlich spürte er die Augenblicke davonrinnen und sah den kargen Rest verbleibenden Lebens an sich vorbeiwandern.

    Zwei Möglichkeiten, tickte es in seinem Kopf. Entweder findest du einen Ausgang aus der Höhle oder du musst die Wölfe besiegen.

    Das Schwert seines Vaters, das er an seinem Gürtel trug, hatte nach dessen Todesnacht nicht etwa blutüberströmt im Körper einer Bestie gesteckt. Nein: Es hatte in diesem Saal gelegen. In einer langen Reihe neben den Waffen seiner Schicksalsgenossen. So als hätten die Besitzer dieser Schwerter und Äxte, anstatt zu kämpfen, diese lieber fein säuberlich der Größe nach nebeneinander gelegt, wie in einem Museum.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Hallo Kirisha

    Das hat mir richtig gut gefallen! Du erzeugst eine schöne Spannung, indem du uns direkt an Ricks Gedanken teilhaben lässt und hier keinen Erzähler zu Wort kommen lässt. Ich würde vielleicht den Satz

    Denn heute würde er sterben.

    am Anfang gar nicht bringen. Das erklärst du ja später, also erfährt es der Leser sowieso. Aber an der Stelle muss ich es als Leser noch

    nicht wissen und darf mich noch etwas länger fragen, wieso Rick diesen Tag fürchtet. :)

    Die Idee gefällt mir sehr gut und ich bin jetzt schon gespannt auf die folgenden Teile. Ich hoffe, dass Rick heil aus der Sache herauskommt und dass du uns vielleicht mit einem ganz unerwarteten Ende überraschst. Abohaken sitzt, ich bin dabei. :thumbup:

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



    :cookie:


    ___________________

  • Liebe Kirisha

    Das gefällt mir sehr. Wir sind sofort mittendrin und du hast in kurzer Zeit ein spannendes Setup ausgebreitet. Sprachlich schön angelegt und dicht erzählt. Vielleicht noch etwas mehr Lametta dran, also Schilderungen von der Umgebung, dem Dorf und sowas.


  • Kirisha, da verlangt man einfach nur eine klitzekleine Kurzgeschichte und am Ende bekommt man einen Dreiteiler. :rofl:

    Aber Spaß beiseite: Ich freu mich sehr darauf die Geschichte lesen zu dürfen. Zum ersten Teil habe ich leider nicht mehr so viel zu sagen, was nicht schon gesagt worden wäre.


    Vielleicht noch etwas mehr Lametta dran, also Schilderungen von der Umgebung, dem Dorf und sowas.

    Dem würde ich nicht so uneingeschränkt zustimmen. Ich finde es vor allem am Anfang gut, dass du nicht allzu viel Zeit damit verschwendest die Umgebung und so zu schildern, nur das was wirklich nötig ist und das dann mit so tollen Formulierungen wie:

    Riesenhaft tauchte die Höhle vor ihnen auf. Ihr Eingang öffnete sich wie das Maul eines Drachen.

    Das schafft sofort eine bedrückende Atmosphäre und zieht einen geradezu in die Geschichte hinein. Genauere Beschreibungen wären da mMn eher etwas störend.

    Außerdem würde die Geschichte dann noch länger werden (nicht, dass das anfängliche Limit von 250 Wörter nicht ohnehin schon vaporisiert wurde :D )

  • Heyho Kirisha

    Das ist eine starke Eröffnung - die gefällt mir wirklich gut.

    Mit einem aller Wahrscheinlichkeit nach zu erwartenden Ende beginnen, Rick den seit alters her vorgegebenen Weg dorthin gehen zu lassen und das ganze mit einem Rätsel enden lassen

    So als hätten die Besitzer dieser Schwerter und Äxte, anstatt zu kämpfen, diese lieber fein säuberlich der Größe nach nebeneinander gelegt, wie in einem Museum.

    ...da zappel ich hier vor Neugier, wie sich das weiter entwickelt und die vielen kleinen Fragen beantwortet werden, die mir beim Lesen kommen.

    Einzig einen Satz fand ich nicht so ganz rund:

    Er hatte den Tod immer vor sich gesehen, hatte gewusst, dass er keinen Tag älter als 18 werden würde.

    Da würde ich "würde" durch "sollte" ersetzen.

    Mit "würde" lese ich es so, daß es vorherbestimmt, also unabwendbar ist.

    Mit "sollte" lese ich es so, daß es prophezeit wurde, eine Änderung des scheinbaren Schicksales aber durchaus noch möglich ist.

  • Hey Kirisha,


    Das war ein vielversprechender, spannender Einstieg – gerade die ersten Worte

    Vor diesem Tag hatte er sich sein ganzes Leben gefürchtet. Denn heute würde er sterben.

    Das hat gesessen. Auch weil es bei so einer Kurzgeschichte ja ohne Weiteres vorkommen kann, dass der Protagonist tatsächlich stirbt.

    Die Sonne dieses Tages eben aufgehen zu sehen, die sich schamhaft hinter Wolken versteckte, zeigte ihm deutlich, dass es nun kein Entrinnen mehr gab.

    Wie man hier und an vielen anderen Stellen sieht, hast du (wenig erstaunlich) Übung mit Worten und es ist eine Freude das zu lesen.

    Was die Story angeht: zuerst hat mich das natürlich sehr an die Spartaner aus „300“ erinnert. Aber hier verhält es sich schon etwas anders. Zum einen ist die Überlebenschance in der Wolfshöhle sehr gering. Zum anderen scheinen die Wölfe mehr als nur stumpfe Bestien zu sein. Vielmehr scheinen die Menschen im Dorf eine Art „Deal“ mit ihnen zu haben – was die Tiere in meiner Wahrnehmung als intelligente Wesen charakterisiert.

    Die Wölfe überfielen nie einen Dörfler, der ihre Regeln beachtete. Dafür garantierte das Opfer, das sie ihnen in der Mittsommernacht brachten.

    Mir kam hier natürlich sofort der Gedanke, was es mit diesem „Opfer“ auf sich haben könnte? Es scheint nicht rein um die Nahrungsversorgung zu gehen. Sonst könnte man den Wölfen ja auch Schafe o.ä. opfern. Mit der Höhlenszene gewinnt das Ganze dann ja auch immer mehr Ritualcharakter. Da scheint also noch einiges mehr dahinter zu stecken.

    Dann muss die Fortpflanzung vor dem 18 Lebensjahr erfolgen und die Kinder lernen ihre Väter nicht kenne. Interessante Sache.

    Auch diesen Aspekt fand ich sehr interessant im positiven Sinne: man macht sich so seine Gedanken, wie so etwas die Gemeinschaf im Dorf beeinflusst.

    Tatsächlich war eines der ersten Dinge, die ich mich gefragt habe, warum Rick sich nur von seiner Mutter verabschiedet und nicht von seiner Freundin / Frau / Geliebten. Gemeinsam mit dem Ritual in der Höhle suggeriert es, dass er bis zu seinem 18. Lebensjahr noch kaum Kontakt zum anderen Geschlecht hatte.

    Das ist ein interessantes Konzept. Dazu zwei Gedanken. Wenn die Zeit so kurz ist, sollten sich da nicht schon früher Liebschaften mit Kindern als Konsequenz ausbilden? In einer mittelalterlichen Welt ist 18 ja schon recht alt und auch heutzutage warten nicht alle bis 18 …

    Wenn jetzt alle 24 (zwei dutzend) Mädchen an diesem Abend Sex haben, dann werden höchsten 1-2 schwanger und das Dorf wäre ausgestorben. Die jungen Frauen haben ja nicht gleichzeitig ihren Eisprung und nicht jeder Paarungsversuch ist erfolgreich, was die Vermehrung angeht

    Daher bin ich hier ganz bei Sensenbach. Selbst wenn alle Frauen in der Höhle schwanger werden sollten, hätten sie ja nur halb so viele Kinder gezeugt, wie sie mindestens für den Fortbestand des Dorfes benötigen würden. Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass die wenigen überlebenden Männer einiges im Dorf zu tun hätten :), was sie wahrscheinlich auch nicht mehr in einer monogamen Partnerschaft hinkriegen würden. Durchaus möglich - dann hätte diese Dorfgemeinschaft eher so etwas von einem Löwenrudel, wo nur das stärkste Männchen sich fortpflanzen darf.

    In einer langen Reihe neben den Waffen seiner Schicksalsgenossen. So als hätten die Besitzer dieser Schwerter und Äxte, anstatt zu kämpfen, diese lieber fein säuberlich der Größe nach nebeneinander gelegt, wie in einem Museum.

    Dieser Abschluss macht gelungenerweise neugierig. Ich bin auf jeden Fall gespannt auf den nächsten Teil!

  • Hey Kirisha,


    ich bin jetzt auch endlich mal dazu gekommen, hier reinzulesen und muss sagen, dieser Anfang gefällt mir schon recht gut. Die Idee an sich finde ich richtig cool, obwohl es eine grausame Vorstellung ist und ich gerade die trostlose Stimmung von Rick sehr gut nachvollziehen konnte. Ich bin schon sehr gespannt, wie du das weiterspinnen wirst.

    Seine Mutter hatte ihm erzählt, dass die Mädchen kommen würden. Bis kurz vor Mitternacht würden sie bleiben. Von einem Wolfsblut geschwängert zu werden war die größte Ehre, die solch eine junge Frau erringen konnte. Es war außerdem für die Dörfer sehr notwendig, denn aufgrund der jährlichen Opferfeste lebten nur wenig erwachsene Männer im Dorf. Die meisten starben in ihrem 18. Lebensjahr ... so wie es Rick bevorstand.

    Ah...Gott sei Dank kommt diese Erklärung, denn sonst hätte ich mich genau DAS gefragt. Wie können sie verhindern, dass sie quasi aussterben, weil es ja irgendwann kaum mehr Männer geben dürfte. Aber so kaufe ich dir das ab. ^^



    Das Schwert seines Vaters, das er an seinem Gürtel trug, hatte nach dessen Todesnacht nicht etwa blutüberströmt im Körper einer Bestie gesteckt. Nein: Es hatte in diesem Saal gelegen. In einer langen Reihe neben den Waffen seiner Schicksalsgenossen. So als hätten die Besitzer dieser Schwerter und Äxte, anstatt zu kämpfen, diese lieber fein säuberlich der Größe nach nebeneinander gelegt, wie in einem Museum.

    Interessant :hmm: Ich habe da spontan eine Theorie. Vielleicht sind die Männer ja gar nicht wirklich gestorben, sondern selbst zu Wölfen geworden. Das würde auch dafür sprechen, dass es so schrecklich viele Wölfe in den Wäldern gibt...aber ich lese mal gespannt weiter :gamer:


    LG,

    Rainbow

  • Vielen Dank für eure spannenden Anmerkungen!


    Tariq


    Sensenbach

    Iskaral

    Der Wanderer

    Novize

    Rainbow

    und hier kommt nun die Fortsetzung:


    Wolfsblut - Teil 2 von 3

    Bleibt nur Flucht, dachte Rick. Es muss einen anderen Ausgang oder ein Versteck geben. Vielleicht einen Keller, eine Rumpelkammer. Seitlich des Saales entdeckte er eine Treppe. Während seine Kameraden sich den Mädchen näherten, drückte sich Rick zur Treppe hin und stieg nach oben. Das leise Knarren der hölzernen Stufen wurde von dem lauten Hallen der Schritte im Saal und dem verlegenen Kichern der Mädchen übertönt. Im Obergeschoss fand er einen düsteren Gang, von dem aus zahlreiche Zimmer abgingen. Eilig öffnete er eine Tür nach der anderen. Es waren Schlafzimmer, in denen ausladende Himmelbetten standen, beleuchtet von demselben blauen Sternenlicht wie im Saal. Alle Zimmer sahen genau gleich aus. Nirgends ein Ausgang.

    Rick!, hörte er plötzlich eine Stimme, dumpf und fremdartig. Sie schien aus der Wand zu kommen. Er zuckte zurück. War jemand im Nebenzimmer? Er kontrollierte den Raum.

    Niemand. Sein Herz donnerte. Die Stimme war deutlich gewesen. Wer rief ihn hier, wo alle seine Kameraden unten waren?

    Vielleicht sind es Geisterwölfe. Sie sind schon hier und können uns jederzeit fressen.

    Er hastete zur Treppe zurück und rannte abwärts. Die Treppenstufen schienen gegen seine Füße zu schlagen. Stechender Schmerz raste durch seine Füße, bis zu den Oberschenkeln hoch. Er schrak zusammen. Steckten Messer in den Brettern? Doch nichts war zu sehen. Das Reißen stoppte nicht an seiner Hüfte, nun zersetzte es seinen Magen, dann schien es seine Arme auseinanderziehen zu wollen. Kaum eine Stelle an seinem Körper, die nicht schmerzte.

    Vielleicht werden uns gar nicht die Wölfe umbringen, sondern es sind Stoffe in der Luft, oder von dem Bankett? Der Geruch der dampfenden Delikatessen schien die ganze Halle auszufüllen. Krampfhaft hielt sich Rick am Treppengeländer fest und kämpfte gegen eine Ohnmacht. Als seine Sinne endlich wieder klarer wurden, sah er unterhalb seiner erhöhten Position von der Treppe herab Jay stehen. Der lange Gohr redete mit ihr und sie lachte.

    Irgendwo schlug eine Turmglocke neun Mal.

    Noch drei Stunden zu leben. Die werden wohl an mir vorbeirasen wie Herzschläge. Und ich soll im Ernst dabei zuschauen, wie mir Gohr in das einzige Mädchen ausspannt, das mir was bedeutet, während ich schon dabei bin, in die Gruft zu stürzen? Was habe ich eigentlich zu verlieren?

    Ohne weiter nachzudenken, setzte sich Rick auf das Geländer, um weiteren Kontakt mit den Stufen zu vermeiden, rutschte abwärts und landete direkt neben dem Pärchen. Als er am Boden aufprallte, jagte ein geradezu überwältigender Schmerz in seine Füße. Er erstickte einen Aufschrei, nur ein dumpfes Keuchen entfuhr ihm.

    Gohr baute sich vor ihm auf.

    „Warst du das? Hast du eben meinen Namen gerufen?“, knurrte er feindselig. „Sollten wir uns nicht besser unterstützen, statt uns gegenseitig fertigzumachen?“

    Rick blickte auf. Der lange Kerl vor ihm sah verändert aus, scheinbar geschrumpft, dafür hatte sich sein Lippenbart verstärkt. Selbst seine Stimme klang fremd.

    „Da ist ein Wesen in der Wand“, erklärte Rick und zeigte nach oben. „Vielleicht der Tod. Oder der Teufel. Er hat mich auch gerufen.“

    „In der Wand, hm?“, schnaubte Gohr wütend und legte besitzergreifend seinen Arm um Jays Schultern. „Und wen ruft es, jeden von uns?“

    „Nur die, die sterben sollen“, ergänzte Rick zuckersüß. Aus irgendeinem Grund tat es gut, das böse Thema knallhart auszusprechen. „Und das Mädchen gehört mir.“

    Entschlossen drängte er sich zwischen die beiden und riss Jay aus dem Griff des Langen, wobei er sie mitten in den Saal hinein bugsierte.

    „Huch! Was machst du?“, rief die Dunkelhaarige, wehrte sich aber nicht. Vielleicht sah sie in dem dämmrigen blauen Licht nicht mehr, dass Ricks Beine ungleich lang waren und er rechts auf den Zehenspitzen gehen musste, um nicht zu hinken. Im gnadenlosen Sonnenlicht des Tages hatte das natürlich schon immer jedes Mädchen gesehen. So gesehen bot ihm diese Höhle eine Chance. Die einzige und letzte Chance seines kurzen Lebens ... vielleicht. Gohrs wütenden Bemerkungen über Jays treulosen Abgang überhörte er.

    „Bist du hungrig?“, raunte er dem Mädchen ins Ohr und zog sie mit sich Richtung des Bankettes. Selbst verspürte er keinen Hunger. Das Pochen und Reißen in seinem Körper, das fahle Blaulicht und der seltsame Geruch in der Luft absorbierten ihn schon genug.

    „Bloß nicht“, versicherte Jay mit schwankender Stimme. „Wenn du mich noch näher da ranschiebst, kotze ich dir wahrscheinlich auf die Schuhe. Wir mussten vor dem Eintritt einen scheußlichen Saft trinken, der mir fast den Magen weggeätzt hat.“

    „Wozu?“ Ein Hochgefühl überkam ihn, als schwebte er mit dem Mädchen auf einer Wolke. „Ah, ich kann´s mir denken. Bestimmt ein Fruchtbarkeitstrank.“

    Sie grinste schwach. „Das wäre zu einfach. Dafür mussten wir schon wochenlang Kräutersuppen löffeln! Nein, der Saft war für etwas anderes.“ Sie verzog die Lippen. „Einige wollten ihn nicht trinken, aber die Ältesten sagten, wer nicht trinkt, stirbt. – Habt ihr das Zeug auch bekommen?“

    Nein. Wir sollen ja sterben. Die Wölfe müssen ihr Opfer bekommen.

    Einen Moment lang war es ihm fast egal. Die Schlacht würde er verlieren, aber das Mädchen hatte er gewonnen! Jay lehnte sie an ihn, wie lange hatte er davon schon geträumt! Er spürte das Grinsen, das sich auf seinen Lippen ausbreitete und seine Brust wärmte. Für einen Augenblick war es machtvoller als das Reißen an seinen Unterschenkeln und das Bohren in seinen Händen, das ihn nun abwechselnd heimsuchte. Bald kamen Schmerzen in seinen Kieferknochen hinzu, als wollte etwas seine Wangen auseinanderreißen.

    Doch ihre schmale Hand in seiner fühlte sich an, als hätte er gerade den größten Schatz des Universums gehoben. Er war ein König! Doch die Angst nahm schnell wieder überhand. Was verursachte die Schmerzen? Zerstörte ihn etwas von innen? Würde dieser Raum ihn töten, bevor die Wölfe kämen?

    Durch das Gedränge der vielen anderen Paare im Saal hindurch führte Rick seine Eroberung an eine Säule hin. Noch nie hatte er jede einzelne Faser seines Körpers so deutlich gespürt, noch nie die Gegenwart eines Mädchens so intensiv in sich eingesaugt. Sie sagte kein Wort, doch er fühlte ihre Blicke in atemberaubender Intensität auf sich liegen. Später würde sie ihrem Sohn erzählen, er Augen gehabt wie glühende Kohlen und ein goldener Schimmer hätte seinen Kopf umgeben, und wenn er den Knauf seines Schwertes berührte, wäre eine solche Kraft durch ihn gefahren, dass nicht nur der Boden unter ihren Füßen, sondern gar die ganze Höhle bebte. Solche Geschichten hatte ihm jedenfalls seine eigene Mutter über jene Nacht erzählt, die sie mit seinem unbekannten Vater verbrachte. Sie konnte sich noch an jede einzelne seiner kleinen Gesten erinnern, konnte jedes einzelne Wort und sogar die Art, wie jener es betont hatte auswendig wiederholen. Sie wusste, wie seine Nase sich gekräuselt hatte, als er sie küsste ...

    „Du bist so oft um unser Haus geschlichen und hast dich in den Büschen versteckt. Warum kamst du nie in unser Haus, wenn meine Mutter dich rief?“, riss Jay ihn aus seinen Gedanken und lächelte ihn an.

    „Warum hast du mich nicht gerufen? Ich wollte doch nicht mit deiner Mutter reden.“

    Sie lächelte schamhaft. „Ach, du ...“ Abrupt wurde sie ernsthaft. „Dieser Abend muss nicht so enden, wie sie von uns erwarten. Komm, wir finden einen Ausgang!“

    Ohne seine Hand loszulassen, lotste sie ihn an dem ausladenden Tisch mit den aromatischen Düften vorbei, an der hohen Steinwand des Saales entlang bis hin zu einem meterhohen Felsen. Dort blieb sie stehen und blickte nach oben. Und jetzt sah er es auch: Weit über ihren Köpfen, irgendwo oberhalb des Felsens, gähnte ein schwarzes Loch. Der Ausgang!

    Jay warf ihm einen vielsagenden Blick zu und versuchte, den Stein zu erklimmen. Rick nickte ihr anerkennend zu und fing ebenfalls an zu klettern. Der Schmerz in seinem Körper verschärfte sich mit jedem kleinen Augenblick, mal riss er an seinen Sehnen im Unterschenkel, dann bohrte er sich in Ricks Hände, als wollte er ihn mit unfairen bösen Stichen schon mal auf die Hiebe vorbereiten, die noch kommen würden. Aber der junge Mann biss auf die Zähne. Vielleicht gab es eine Zukunft. Vielleicht eine Wende hin zu anderen, besseren Zeiten, für ihn und für sein Dorf. Vielleicht würden sich ihm heute noch viele Chancen öffnen!

    Schon hatte er der Felsen erklommen. Aus seiner neuen Höhe heraus erkannte er, dass vor ihm ein zweiter Felsen und über diesem ein dritter emporragte, noch eine Spur steiler als der vorherige, das dunkle Loch befand sich ganz an ihrem Ende. Ein leiser Windhauch wehte daraus zu ihm herab, dem ein scharfer, tierischer Geruch anhaftete. Ganz eindeutig der nach Wölfen. Ihm war, als hörte er ihre Mägen knurren und ihr ungeduldiges Hecheln.

    Sie stehen schon da oben und warten auf uns! Es ist kein Ausgang – es ist ihr Eingang!

    Erschrocken trat Rick einen Schritt zurück und rutschte abwärts, versuchte sich zu halten, fiel und prallte hart auf dem Grottenboden auf. Jay beugte sich über ihn.

    „Rick! Was ist passiert?“

    „Da oben stehen die Wölfe!“

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  • Heyho Kirisha


    Puh!

    Dieser Teil ist schwer verdaulich.

    Wer ist denn jetzt auf einmal "Gohr" ?

    Und der Stil der Erzählung hat sich auch verändert...irgendwie. Kann ich nicht konkret beschreiben, aber irgendwas in diesem Teil ist völlig anders als das, was ich im ersten Teil gelesen habe.

    Ich schlafe da mal eine Nacht drüber und lese es erneut - vielleicht kann ich dann die Brücke schlagen

    Fesselnd ist der zweite Teil aber allemale!

    :thumbsup:

  • Hey Kirisha,


    ich finde, die Fortsetzung ist dir gut gelungen und ich habe sie gespannt verfolgt :)


    Meine Anmerkungen packe ich mal in den Spoiler:



    LG,

    Rainbow

  • Liebe Kirisha

    Mir geht es so wie Der Wanderer , dieser zweite Abschnitt fühlt sich für mich vom Stil her ganz anders an. Ich hatte auch erst den Eindruck, dass es ein eher ärmliches/normales Dorf ist und das Ganze jetzt in einer Höhle spielt. Jetzt ist da ein ganzes Schloss verborgen. Mal sehen, wo das noch hinführt. Ich denke aber auch, dass sich hier möglicherweise eine Verwandlung abspielt. Den Widersacher um die Gunst des Mädchens könnte man früher kurz einführen. Den Gedanken an Flucht müssten doch auch andere haben, oder sind die so mit dem Essen und Mädchen beschäftigt? :D

  • Hallo Kirisha


    Deine ersten beiden Teile fand ich schon einmal ziemlich interessant.


    Besonders gut hat mir das Ende des zweiten Teiles gefallen, weil du an einem spannenden Punkt pausiert hast.

    „Da oben stehen die Wölfe!“

    Außerdem wäre es ja zu einfach gewesen, wenn es wirklich einen Ausgang gebe, den hätten ja dann auch frühere Generationen schon finden müssen...


    Ich bin gespannt wie es weiter geht, vor allem interessiert mich der Teil mit den Waffen, welche bei seinem Vater damals alle nebeneinander gelegt worden waren... Welche Magie ist in dieser Höhle im Spiel? Warum haben sie nicht gekämpft?

  • Hey Kirisha ,


    ich wollte mal vorsichtig nachfragen, ob und wann es hier weitergeht. Du hattest uns doch DREI Teile versprochen :)


    Wenn’s Probleme gibt, oder du nicht weiterkommst, sag Bescheid. Aber ich hatte dich so verstanden, dass die Geschichte schon fertig ist. Also woran hapert es?


    LG,

    Rainbow

  • Wenn’s Probleme gibt, oder du nicht weiterkommst, sag Bescheid. Aber ich hatte dich so verstanden, dass die Geschichte schon fertig ist. Also woran hapert es?

    Danke liebe Rainbow.

    Im Prinzip war die Geschichte fertig, aber der Mittelteil kam ja nicht so gut an, darum bin ich jetzt dabei, da noch dran herumzudrehen. Ich habe es schon ein wenig umgeschrieben, aber bis jetzt bin ich noch nicht richtig zufrieden. Es ist ja nicht so viel Text, aber wenn ich nur ein paar Nuancen ändere, brauche ich dazu auch Hintergrund, es ist nicht so leicht. Ich bin aber noch dran. Die Liebesgeschichte zum Beispiel ist ja ziemlich nach dem Hau-ruck-Verfahren entstanden, so geht es ja nicht. Auch das Verhältnis der jungen Männer untereinander ist komisch, das muss ich auch besser machen.

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