Es gibt 147 Antworten in diesem Thema, welches 39.682 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (14. Januar 2026 um 19:09) ist von Jennagon.

  • Wie Esther hier saß und die Zeichen von der Kiste auf das Stück Seife duplizierte, kam sie sich vor wie eine Alchemistin. Da die Seife um einiges kleiner als die Kiste war, hatte sie sich ein Vergrößerungsglas ans Auge geklemmt und übertrug nun hochkonzentriert die einzelnen Zeichen und benetzte sie anschließend mit dem entsprechenden Zauber. Wenn die anderen sie jetzt beobachten könnten, hätten sie sie sicher für bekloppt erklärt oder ihr anerkennend auf die Schulter geklopft. Je nachdem, wer sie beobachtete …

    Angespannt lehnte sie sich zurück. Ihre Schulter schmerzte, obwohl Nelli sich große Mühe gegeben hatte. Das Angebot von schmerzlindernden Mitteln hatte Esther ablehnen müssen. Zu groß waren die Bedenken, sich dadurch nicht mehr konzentrieren zu können. Im Nachhinein waren die Schmerzen allerdings nicht besser geeignet gewesen.

    Sie nahm das Vergrößerungsglas ab, legte die feine Nadel beiseite und rieb sich die müden Augen.

    Wenn sie das erledigt hatten, musste sie unbedingt etwas schlafen.

    Sie schlug das Stück Seife mehrmals ein … nur für den Fall. Ob das dabei half, dass Trevor die Magie nicht so stark wahrnahm, wusste sie nicht, aber der Versuch schadete nicht.

    Anschließend verstaute sie es noch einmal in einen Reisesack. Sie verzichtete aber darauf, ihn sich um die Schulter zu legen. Die Verletzung dankte ihr das sicher.

    Hadernd begutachtete sie den Beutel. Auch wenn sie den Vorschlag eines Duplikates gut fand und auch die Idee mit der Seife eine gewisse Belustigung in ihr hervorrief, wollte sie sich nicht ausmalen, was geschah, wenn Thomas hinter alle dem kam. Aber daran durfte sie nicht denken, ihr Überleben hing quasi von dem Stück Seife ab.

    Als sie auf dem Oberdeck ankam, blinzelte sie. Erschreckend, wie schnell die Zeit davongerannt war. Immerhin berührte die Sonne bereits den Horizont und der Himmel war betupft mit rot schimmernden Wolken.

    Trotz des hereingebrochenen Abends arbeiteten die Handwerker weiter, als würden sie den Zeitdruck der Schiffsherren bemerken.

    Unweit des Mastes sah Esther, wie Edmund und Trevor mit einem der Handwerker sprach, während Nelli auf einem Fass hockte und scheinbar in die Leere starrte. Mittlerweile kannte sie die Hexe gut genug, um zu wissen, dass dem nicht so war.

    Esther ging auf Trevor und Edmund zu, während der Handwerker sich wieder seiner Arbeit widmete, worin auch immer diese bestand.

    „Ich bin fertig“, sagte sie und schob den Reisesack etwas nach vorn, damit die beiden Männer ihn besser sehen konnten.

    „Gut, dann sollten wir zusehen, dass wir das Teil schnell loswerden“, meinte Trevor und runzelte die Stirn.

    Esther nickte schnell. „Deshalb würde ich vorschlagen, dass ich mich gleich auf den Weg mache.“

    „Ich werde hier bleiben“, mischte sich Nelli plötzlich ein. Hatte sie eben nicht noch auf dem Fass gesessen? „Vermutlich würde ich euch sowieso nur im Weg stehen.“

    Esther wollte das Wort erheben, weil sie eigentlich niemanden darum bitten wollten, sie zu begleiten. Wofür auch? Ein Stück Seife auf einen Karren werfen, schaffte sie auch allein.

    „Dann komme ich mit dir mit, Esther“, beschloss Trevor, nachdem Edmund bekundet hatte, ebenfalls auf dem Schiff zu bleiben und bevor Esther überhaupt ihre nächsten Worte wählen konnte.

    Komisch. Sollte Trevor nicht das Schiff hüten wegen seiner Verletzung? Aber möglicherweise wollte der Formwandler sie nur nicht alleine gehen lassen. Edmund schien von ihrem letzten gemeinsamen … Ausflug jedenfalls noch geheilt zu sein und verdenken konnte Esther es ihm nicht.

    „In Ordnung.“ Sie nickte Trevor zu, der ihr die Tasche abnehmen wollte, woraufhin sie schnell einen Schritt zurückwich. „Das sollte lieber ich tragen. Es steckt voll mit Magie, aber keine Sorge, das kleine Stück Seife ist nicht schwer“, sagte sie lächelnd, als sie Trevors entgeistertem Blick begegnete.

    Es dauerte nicht allzu lang, bis sie die am Hafen angrenzende Stadt erreichten. Währenddessen schwiegen sie zumeist, bis auf kleine Banalitäten. Immer wieder blickte Trevor sich unauffällig um und zu gerne hätte Esther einen Schutzzauber um sie herumgezogen, doch ihre Sorge, den Formwandler dabei zu verletzen, war zu groß. Obwohl er sich schon einige Male innerhalb ihrer Barriere aufgehalten hatte, hieß das nicht, dass er dadurch keinen Schaden genommen hatte. Sie würde das nicht riskieren. Ob es eine Möglichkeit gab, ihn gegen ihre Magie immun zu machen? So oder so. „Trevor, hör mal“, begann sie, obwohl sie nicht einmal genau wusste, was sie zu ihm sagen wollte, „wir beide wissen ja jetzt um deine Schwäche. Und … ich wollte dich nur wissen lassen, dass ich auf dich aufpassen werde … Was meine Magie betrifft und die eines fremden Magiers. Ich werde nicht zulassen, dass dich Nekromanten oder Magier wie Thomas in die Finger bekommen.“

    Ach. Und wie willst du das anstellen? Neben Thomas wirkt deine Magie wie ein Fliegenschiss.

    Und als wären ihre Selbstzweifel nicht schon genug, lachte Trevor leise und schüttelte ungläubig wirkend den Kopf.

    Ja, ich traue mir das selber auch nicht zu. Warum sollten es also andere tun?

    Aber wieso eigentlich nicht? Schwach war sie keinesfalls.

    „Was gibt es denn da zu lachen?“, fragte sie harscher als beabsichtigt. Aber auch nur, um sich ihre eigenen Gedanken nicht anmerken zu lassen. Im nächsten Moment tat ihr das schon etwas leid, Trevor so angefahren zu haben.

    Mit einem Mal schnellte er vor, stellte sich recht dicht vor sie und sah auf sie herab.

    Vor Schreck sprang ihr Herz beinahe aus der Brust und sie konnte in dem Moment nichts anderes tun, als zurückzustarren.

    „Wenn mich ein Magier in die Hände bekommt, egal für was, wirst du nicht versuchen, mich zu retten. Du wirst rennen! Hast du mich verstanden?!“ Obwohl seine Stimme ruhig war, konnte sie den Druck dahinter spüren.

    Und das war der Moment, in dem sie sich vornahm, einen Weg zu finden, ihn zu befreien. Auch wenn sie diesen vermutlich nie entdecken würde, aber sie wollte es versuchen.

    Sie schüttelte langsam den Kopf. „Egal, was passiert, ich werde nicht weichen.“

    „Du kannst gerne gegen Magier kämpfen, wenn dir danach ist, aber nicht wegen mir dein Leben in Gefahr bringen. So viel bin ich nicht wert, nicht im Vergleich zu einer Gräfin.“

    Esther wich ein kleines Stück zurück. „Grundgütiger! Würdet ihr alle vielleicht mal aufhören, mich zu bevormunden?! Ich wusste von Anfang an, dass die Reise gefährlich wird und auf dem Weg hierher hat jeder von uns sicher schon dreimal sein Leben riskiert. Oder sogar noch öfter. Und wenn ich meine, deinen Kopf aus der Schlinge ziehen zu müssen, dann ist das meine Entscheidung. Denn du bist mein Freund und tausendmal mehr wert als irgendein Titel, der im Grunde nichts bedeutet, weil ich ohnehin eine Frau bin.“

    „Ich bevormunde dich nicht“, hielt Trevor dagegen. „Ich bitte dich darum eindringlich, weil mein Leben genug Leichen pflastern. Auf die Leichen meiner Freunde würde ich dabei gerne verzichten ...“ Er grinste. „Auch, weil du eine Frau bist."

    Esther sah ihn daraufhin eine Weile schweigend an. Was sollte sie dazu sagen? Er konnte sie nicht dazu bringen, ihn einfach irgendwo zurückzulassen, egal, wie gefährlich es für sie werden konnte. Und sie wusste, dass er ihr genauso wenig den Rücken kehren würde. „Dann sollten wir uns darum bemühen, dass keine weiteren Leichen dazukommen“, meinte sie, als wäre das in ihrer Situation das Leichteste der Welt. Immerhin klebte ihnen einer der gefährlichsten Magier im Nacken, der scheinbar gemeinsame Sache mit Armod machte und die zusammen nach den magischen Relikten suchten. Das war doch ein Spaziergang!

    Innerlich zerriss sie der Gedanke daran, sollte Thomas ihre Finte bemerken. Dass das unweigerlich passierte, wusste sie. Sie selbst war zweifelsohne eine gute Magierin, aber Thomas gehörte zu einer anderen Sorte. Seine Art, Magie zu wirken, ließ sich kaum erklären, so unterschiedlich und unberechenbar war sie.

    „Wenn ... sollten es die Leichen anderer sein. Damit kann ich leben.“, riss Trevor sie plötzlich aus ihren Gedanken und sie blickte in sein schelmisch grinsendes Gesicht.

    Sie schauderte kurz. Es war für sie schwer zu begreifen, wie man so etwas verkraften konnte. Ein Leben zu nehmen, war ein schweres Vergehen. Dennoch verurteilte Esther Trevor dafür nicht. Merkwürdigerweise beruhigte sie es, dass Trevor so etwas ohne mit der Wimper zu zucken, übernahm. Und nach Nellis Geschichte über die Formwandler verstand sie nun ein wenig mehr, aber immer noch nicht genug.

    „Gut“, nahm sie das Gespräch wieder auf, bevor die Stille unangenehm zu werden drohte. „Ich hatte jetzt auch, um ehrlich zu sein, nicht damit gerechnet, dass dir das schlaflose Nächte bereitet.“ Obwohl …Ihre Neugier siegte. „Hat es das mal? Dir den Schlaf geraubt?“ Sie ging an ihm vorbei und schaute über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass er zu ihr aufschloss.

    „Am Anfang vielleicht.“ Er zuckte die Schultern. „Man fragt sich, ob das Gegenüber, das man tötet, Familie hat. Kinder, eine Frau, aber das gewöhnt man sich ab, wenn jemand dir keine Wahl lässt.“

    Sie nickte leicht. Das klang logisch. Trotzdem blieb der bittere Beigeschmack. Wäre sie dazu in der Lage, ein Leben einfach zu beenden? „Das mag naiv klingen, aber ich hoffe, dass wir zukünftig immer eine andere Wahl haben werden.“ Sie lächelte etwas unbeholfen, um ihre Nervosität herunterzuspielen.

    „Das klingt naiv, aber hoffen darfst du es trotzdem.“

    Nun wurde ihr Lächeln etwas echter, auch wenn seine Worte sie nicht annährend erleichterten.

    Bevor sie darauf etwas erwidern konnte, deutete Trevor mit dem Kinn nach vorne. „Scheint, als würde der Karren noch heute Nacht aufbrechen.“

    Esther kniff die Augen zusammen und folgte Trevors Geste. Und tatsächlich wirkte es so, als würden die Männer ringsum noch Ladung draufpacken. Einer zog die Riemen des Zaumzeugs der Pferde fester. Wieso machte sich jemand noch so spät ab Abend auf den Weg und reiste über Nacht? Aber eigentlich konnte es ihnen auch egal sein, die Hauptsache war, dass sie Thomas auf Abstand brachten.

    „Das wäre unsere Gelegenheit“, flüsterte sie, woraufhin Trevor nickte.

    Normalerweise hätte sie jetzt dem Formwandler das Verstecken überlassen, aber aufgrund der Magie hielt sie es für besser, dass sie das übernahm.

    Trevor stimmte dem zu, wenn auch sichtlich widerwillig. Ob das nun daran lag, dass Esther mit solcherlei Dingen keine Erfahrung hatte und Trevor ihr das insgeheim nicht zutraute oder ob er sie beschützen wollte, konnte sie nicht sagen. In dem Punkt ließ sie aber nicht mit sich diskutieren. Sie hatte keine Lust darauf, dass Trevor wieder zusammensackte wie der Früchtekuchen ihrer Köchin, wenn dieser abkühlte.

    Und dann warteten sie darauf, dass das Treiben um den Karren etwas weniger wurde, und gingen verschiedene Möglichkeiten durch, den kleinen Reisesack auf die Ladefläche zu bekommen.

    Schließlich stemmte Trevor sich von der Hauswand ab, an der sie gestanden hatten. „Besser wird es vermutlich nicht“, murmelte er und ging auf die kleiner gewordene Gruppe zu.

    Esther wartete noch einen kurzen Moment und schlug einen kleinen Umweg ein. Während Trevor die Männer in ein Gespräch verwickelte, ging Esther von hinten am Karren vorbei und warf den Beutel zielgenau zwischen die anderen Leinensäcke auf die Ladefläche. Natürlich hatte sie sich zuvor abgesichert, nicht beobachtet zu werden. Das hatte Trevor ihr eingeschärft und sie war ziemlich überrascht davon, dass es ihr ohne Weiteres gelungen war. Lächelnd wandte sie sich um, als just in dem Moment jemand aus dem Gebäude trat und kurz davor war, sich zu ihr herumzudrehen.

    Ihr rutschte das Herz in die Hose, aber sie reagierte geistesgegenwärtig, indem sie geduckt an dem Karren vorbeihuschte. Das Blut rauschte in ihren Ohren und sobald der Unbekannte außer Sichtweite war, richtete sie sich auf, ging um den Karren herum und auf Trevor zu. Sie sammelte sich gedanklich.

    Schauen wir mal, ob das höfische Schauspielern dir jetzt auch was bringt.

    „Ach, guckt ma da ... Pferde. Die sehen aus wie meine Alde. Die macht auch imma so 'ne lange Fresse ...“, hörte Esther Trevor bereits nuscheln und kichern.

    Es viel ihr schwer, sich das Lachen zu verkneifen.

    „Ich könnte wetten, bald sieht sie aus ...“, er rülpste zwischen seinen Worten, „... wie ihre Mutter. Fett, aufgedunsen ... und ...“

    Der Mann hatte Talent, das musste Esther ihm lassen. Sie holte tief Luft. „Das gibt´s ja wohl nicht!“, begann sie loszutoben, woraufhin sich sofort alle zu ihr herumdrehten. Sie nutzte die Aufmerksamkeit, blies die Backen auf und stemmte gespielt genervt die Hände in die Hüften. „Den ganze Tag lässt du dich nicht blicken, selbst die Kinder fragen, wo du bist! Und wo finde ich dich wieder?!“ Sie warf die Arme in die Höhe und schnaubte hörbar.

    „Ich bin verheiratet. Wo wärd ich wohl sein. Da wo du und die Kinder nisch sind.“

    „Glaub mir, ich habe auch keine Lust, deinen nach Bier stinkenden Atem ständig zu ertragen, aber du hast immer noch Verpflichtungen“, polterte Esther. „Jetzt sieh zu, dass du deinen versoffenen Arsch nach Hause bekommst oder du lernst mich kennen!“ Sie hob die Hand als Drohung.

    „Pflischten, Pflischten ... Wir ham genuch Kinder!“, warf er ihr an den Kopf.

    Am liebsten hätte Esther sich gegen die Stirn gehauen. Konnten sie nicht einfach endlich gehen? Aber gut, so lange Trevor keine Anstalten machte, musste sie mitspielen.

    „Als würde mit dir Schnapsleiche noch jemand ins Bett steigen“, sagte sie naserümpfend. „Von mir aus … bleib doch wo der Pfeffer wächst. Aber komm mir morgen nicht an, du willst deine miefenden Klamotten von mir gewaschen haben!“

    Trevor stöhnte hörbar und schaute die Kerle an. „Nischt nur die Kleidung, Essen brauche ich auch.“ Dann wandte er sich ihr um. „Warte Schätzelein … Du weißt doch, wie isch bin. Ein Trottel … Och, jetzt sei nischt so.“

    Während Trevor das sagte, entfernten sie sich immer mehr von den umstehenden Leuten.

    Als sie außer Hör- und Sichtweite waren, ließ Esther die Anspannung von sich abfallen und sah Trevor von der Seite an. „Schauspielern kannst du, das muss ich dir lassen“, sagte sie grinsend.

    „Die Rolle der keifenden Ehefrau kannst du aber auch gut“, meinte Trevor anerkennend.

    „Es hat hoffentlich den Zweck erfüllt“, sagte sie achselzuckend und erst dabei wurde ihr wieder bewusst, dass sie an der Schulter verletzt war. Während dieser ganzen Aktion hatten sich die Schmerzen so weit in den Hintergrund gerückt, dass sie es beinahe vergaß. „Das Säckchen liegt auf dem Karren. Bleibt nur abzuwarten, ob Thomas den Köder schluckt.“

    „Hoffen wir es“, gab Trevor kurz angebunden zurück, womit Esther sich zufriedengab. Mehr als warten, konnte sie schlussendlich nicht tun.

  • Nelli schaute Trevor und Esther nach, wie sie das Schiff verließen, die runzelige Stirn noch etwas mehr in Falten gelegt. Ihr Plan wies mehr Falten auf, als eine Scheibe Käse, aber sie hatte auch nicht wirklich eine bessere Idee. Und Zeit zu schinden, damit sie entkommen konnten, war allemal sinnvoller als auf diesen unheimlichen Typen zu warten, dessen Gegenwart selbst ihr Übelkeit verursacht hatte, auch wenn sie es niemandem gesagt hatte.

    Die Handwerker waren noch weiter mit der Reparatur des Schiffes beschäftigt, grade der Mast hatte noch wirklich Arbeit nötig. Eigentlich ein Wunder, dass diese Nussschale sie bis hierher gebracht hatte. Ihr Blick ging zu Edmund, der sichtlich genervt auf dem Deck stand, die Arme vor der Brust verschränkt und in seiner üblichen nölenden Art die Arbeiter herum kommandierte.

    Das muss schneller gehen. Und so wird das sicher nicht funktionieren!“ meckerte er, woraufhin sich einer der Arbeiter zu ihm umdrehte. Die Hexe musste sich das Lachen sehr verkneifen, als der ihm einen Hammer in die Hand drückte.

    Dann macht es selber besser“, verlangte er, was den Händlersohn die Backen aufblasen ließ. Nelli konnte die Empörung in seinem Gesicht sehen und beschloss einzugreifen, bevor Edmund auch noch die letzten Arbeiter vergraulen konnte.

    Du bist nicht hilfreich, Edmund. Lass sie einfach ihre Arbeit machen“, schlug sie vor und humpelte auf ihn zu, lehnte sich vielleicht etwas mehr auf ihren Stock als sonst.

    Sagt das alte Weib, was bisher nur auf einem Fass gesessen und zugeschaut hat“, gab er genervt zurück und fuchtelte mit dem Hammer herum.

    Ich hab aber auch nicht so getan, als wenn ich hilfreich wäre. Und es geht sicher schneller, wenn du nicht mit ihrem Werkzeug nutzlos in der Gegend herum fuchtelst“, merkte sie trocken an, schaute kurz zu dem Handwerker, der irgendwas zwischen peinlich berührt und belustigt schien. Wie ein Kind, das zwischen den streitenden Eltern stand.

    Aber er hat es mir doch in die Hand gedrückt anstatt vernünftig zu arbeiten!“, empörte der Schnösel sich, was Nelli ein genervtes Seufzen entlockte. Manchmal fragte sie sich, warum sie Edmund nicht einfach dem Kraken zum Fraß vorgeworfen hatten.

    Gib ihn einfach zurück. Steht dir eh nicht, so ein Hammer.“ Der Blick mit dem Edmund sie betrachtete hätte weniger standfeste Personen in die Flucht getrieben. Ein Morddrohung nur mit den Augen... Dennoch drückte er dem Handwerker das Werkzeug wieder in dessen große Pranken.

    Zurück an die Arbeit und beeilt Euch, ich will hier keine Wurzeln schlagen“, wies er ihn an und wandte sich zum Gehen. Vielleicht sollte sie etwas machen, damit er die Arbeiter in Ruhe ließ, ihn irgendwie ablenken. Sie watschelte ihm hinterher.

    Sag mal, Edmund, hast du schon in das Buch geschaut, was ich dir gegeben habe?“ fiel es ihr siedend heiß ein. Damit würde sich doch was anfangen lassen. Doch Edmund schnaubte nur verächtlich.

    Klar, in den zwei Stunden, in denen ich mal hätte schlafen können“, kam es sarkastisch zurück und die Alte runzelte die Stirn. Kein Grund gleich so pampig zu werden...Wobei, das war Edmund, warum wunderte sie das überhaupt?

    Hätte ja sein können, alter Griesgram“, brummte sie und tat sich etwas schwer, mit ihm Schritt zu halten.

    Klar, eignet sich hervorragend als Einschlaflektüre...Sehr spannend. Nicht“, ätzte er, lehnte sich an die Reling. Nelli entging nicht, wie sein Blick unruhig zwischen dem Hafen und den Arbeitern auf dem Schiff hin und her wechselte. Oh ihr Götter, er war wirklich nervös und angespannt.

    Ha! Also hast du darin gelesen!“ triumphierte sie und grinste ihn frech an. Dann eben so.

    Ich sagte doch, in den zwei Stunden, in denen ich mal hätte ein Auge zu machen können“, brummte er, „Und jetzt grins nicht so blöd.“

    Ist ja gut. Aber du hast rein geschaut, das freut mich. Ich mag eifrige Schüler“, stichelte sie und beobachtete, wie er sie zum ersten Mal bewusst anschaute, ein wütendes Funkeln in seinem Blick.

    Ich bin NICHT dein Schüler!“ fauchte er, was Nelli eine Augenbraue heben ließ. Warum war dieser Kerl nur einfach so voller Widersprüche? Warum musste er dagegen eseln auch wenn es völlig sinnlos war?

    Wenn du das nicht willst, warum hast du dann das Buch gelesen?“ hakte sie nach, was Edmund den Blick abwenden ließ, während er irgendwas von Interesse in seinen nicht vorhandenen Bart nuschelte. Noch immer glitt sein Blick unruhig zum Hafen und gerade als er ansetzte, die Handwerker wieder zur Sau zu machen, griff Nelli nach seinem Ärmel und zog ihn mit sich.

    Hey! Was soll das?“ meckerte er, versuchte ihr seinen Arm zu entziehen, doch Nelli konnte einen sehr unbarmherzig festen Griff haben, wenn sie wollte. Und gerade wollte sie.

    Statt sinnlos auf dem Deck rumzustehen, kannst du mir auch helfen. Dann bist du wenigstens den Handwerkern nicht mehr im Weg“, bestimmte sie, was ihr ein gemurmeltes „Danke! Endlich!“ der Arbeiter einbrachte. Sie zog den Händlersohn unter Deck in die Küche, was ihn leicht panisch werden ließ.

    Entspann dich. Wenn Trevor und Esther entdeckt worden wären, würden wir das auch von hier aus ganz sicher mitbekommen“, stellte sie nüchtern fest während sie einen Topf mit Wasser füllte und versuchte das Feuer zu entzünden, was mit ihren krummen Fingern nicht unbedingt einfach war.

    Um die beiden mach ich mir gar keine Sorgen. Eher um uns“, gab Edmund flapsig zu, tigerte unruhig in der Küche auf und ab.

    Warum? Dass wir nicht rechtzeitig weg kommen?“ Sie zog die Augenbrauen erneut hoch. Für so ängstlich hatte sie ihn nun wirklich nicht gehalten.

    Mal überlegen: Wir beide hocken hier, beide nicht in der Lage etwas gegen Magier auszurichten. Die Einzige, die Schiff und Leute verteidigen könnte, bringt gerade eine Kiste weg, von der wir hoffen, dass ein widerlicher Magier darauf hereinfällt. Was wenn nicht? Das war ein saublöder Plan und wenn der Kerl beschließt uns auszuräuchern, können wir beide nichts machen, außer ihn mit Gold zu bewerfen“, kam es zynisch von dem Händlersohn. Nelli hielt in ihrem Tun inne und lehnte sich auf die Arbeitsfläche.

    Naja, so ganz wehrlos sind wir ja nicht...“ wandte sein, was Edmund ein freudloses Lachen entlockte und ihn die Arme in die Luft werfen ließ.

    Klar, was willst du machen? Ihn bitten, Gift zu trinken? Da kann ich ihn ja noch eher ins Meer locken und ertränken...“

    Sie stemmte die Hände in die Hüfte und schnaubte entrüstet. Für wie nutzlos hielt dieser Schnösel sie eigentlich?

    Ich kann auch Pulver herstellen, das ist meistens sogar hilfreicher“, gab sie patzig zurück, widmete sich erneut dem verdammten Feuer. Oh, wo war die Magierin, wenn man sie mal wirklich brauchte? Es herrschte einen Moment Stille, Edmund hatte aufgehört herum zu laufen.

    Seine nächsten Worte waren eher etwas gedehnt, als müsste er sich zwingen, sie auszusprechen. „Wenn du mir unbedingt etwas beibringen willst, dann das. Das halte ich für taktisch klüger als irgendeinen Trank.“

    Erstaunt drehte sie sich zu ihm um. „Einverstanden, dann das. Wenn du das lernen willst, dann bringe ich dir das bei.“

    Er wich ihrem Blick aus, rieb sich den Nacken. „Du willst, das ich das lerne.“

    Sie winkte ab, das hatte keinen Sinn darüber zu diskutieren. „Wie auch immer.“

    Sie begann ihm die verschiedenen Kräuter, die sie nutzen würden, zu erklären und vorzubereiten. Zwar tat Edmund genervt, aber Nelli merkte, dass er ihr immerhin zuhörte. Schließlich ging sie das alles Schritt für Schritt mit ihm durch, ließ ihn aber dabei das meiste machen. Sie merkte, dass er müde war, gab sich aber wirklich Mühe, ihr zu folgen und ihren Anweisungen zu folgen. Das klappte ja schon überraschend gut.

  • Zu sagen, dass Edmund nicht begeistert war, weil Nelli ausgerechnet jetzt meinte, ihm irgendwas über Tränke und Pulver beizubringen, wäre untertrieben gewesen. Er hasste es, nicht zu wissen, was um das Schiff herum passierte. Als hätten sie im Moment keine anderen Probleme, als irgendwelche Kräuter zusammenzukippen und seine Töpfe damit einzusauen. Allerdings hatte Nelli seine Unruhe bereits bemerkt und noch weniger als Hexenkram zu lernen, wollte er, dass sie dachte, er würde sich Sorgen machen.
    Zugeben, dass er das Gebraue interessant fand und es ihn beruhigte und ablenkte, würde er dennoch nicht.
    „Fertig“, verkündete Nelli schließlich.
    Edmund schüttelte die Gedanken ab und betrachtete das mehrfarbige Gebräu in seinem Topf.
    Es roch ja nicht schlecht, aber … „Was haben wir da eigentlich gemacht?“ Er hob die Augenbrauen und betrachtete die Hexe, die aber nur verschmitzt grinste.
    „Anhand der Zutaten, mein Schüler, was meinst du, was der Trank bewirkt?“
    „Nenn mich nicht deinen Schüler, altes Weib…“, grummelte Edmund genervt. Wenngleich das Buch interessant war und das Trankmixen dem Kochen ähnelte, gefiel es ihm überhaupt nicht, als Schüler bezeichnet zu werden.
    Das erinnert mich an diesen Dreckssack von einem Hauslehrer …
    Der Kerl war völlig stumpf gegenüber der Nymphen-Aura gewesen und hatte ihn immer wieder als dumm und unfähig beschimpft. Dabei war der Unterricht genauso spannend gewesen, wie Hornhaut mit dem Bimsstein vom Fuß zu schrubben. Wer konnte es ihm da verübeln, dass sein 10-Jähriges Ich erst gar nicht zum Unterricht erschienen war?
    „Keine Ahnung, es verleiht Flügel?“
    Nelli verdrehte die Augen und seufzte.
    „Nein, das ist ein Vergessenstank.“
    „Ein Vergessenstrank?“ In dem Alter braucht die noch einen Trank dafür?
    „Es schadet wohl nicht, die Handwerker vergessen zu lassen, was sie hier gesehen haben.“ Nelli grinste zufrieden und rührte in dem Topf herum. „In ein paar Stunden sollte er fertig sein.“
    Keine dumme Idee …
    Er sollte darüber nachdenken, einen extra Satz Geschirr für Nelli anzuschaffen. Auf Dauer war es nicht gut, wenn er in den gleichen Gefäßen kochte, in denen Nelli ihren Sud zubereitete. Am Ende vergaßen sie beim Essen, was sie aßen.
    Er wollte Nelli gerade fragen, als er Schritte hörte.
    Als er sich umdrehte, betraten Trevor und Esther die Küche.
    Alles erledigt“, meinte Esther.
    Und scheinbar reibungslos, nahm Edmund zur Kenntnis. Er musterte beide. Sie waren unverletzt. Und ohne Verletzungen.
    „Was macht ihr da?“ Trevor reckte den Hals zum Topf. Er kniff die Augen zusammen, als würde er überlegen, ob es gut oder schlecht war, dass Nelli und Edmund beisammenstanden, ohne sich zu streiten.
    „Wahllos Kräuter zusammenklumpen, die alle gleich aussehen." Ich glaube, das Mütterchen verspottet mich die ganze Zeit, in dem sie mir die gleichen Kräuter immer wieder vorlegt und mir irgendwas anderes Ausgedachtes dazu erzählt.
    „Edmund ablenken", meinte dagegen Nelli im gleichen Atemzug.
    Er musste nicht abgelenkt werden. Alles hier geschah gegen seinen Willen! „Jetzt, da Trevor da ist, lenk ihn doch ab!"
    „Da Trevor den Handwerkern hilft und nicht im Weg herumsteht, muss ich ihn nicht ablenken.“ Nelli kicherte vor sich hin und vollendete damit das typische Bild einer Hexe, die bei Feuerschein in schummerigem Licht in einem großen Topf rührte. In einem Haus im Wald.
    „Ich stehe nicht im Weg!“, kommentierte Edmund und verschränkte die Arme. Während sich Trevor in der Enge der kleinen Küche an ihm vorbeidrängte, um neben Nelli zu treten.
    „Was soll der Trank bewirken?“, Esther begutachtet neugierig den Topf.
    „Der Trank soll uns noch ein paar zusätzliche Minuten verschaffen, wenn dieser Magier, Thomas, den ersten Schwindel mit den Kisten bemerkt.“ Nelli rührte noch einmal, dann legte sie den Deckel auf.
    Esther hob die Augenbraue.
    „Es ist ein Vergessenszauber für die Handwerker“, erklärte Edmund, was er eben "gelernt" hatte. Kurz erklärte er, was Nelli damit plante. Dann grinste er als ihm ein Gedanke kam. „Und vielleicht müssen wir auch nichts bezahlen … wenn sie von dem Auftrag nichts mehr wissen.“
    „Gute Idee“, stimmte ihm Esther zu seiner Überraschung zu. Er wollte gerade fragen, welchem Teil davon sie zustimmte, als ihn bereits ein Hieb am Hinterkopf traf. Ein Schmerzlaut von Esther verriet zudem, dass sie einen ähnlichen Schlag abbekommen haben musste.
    „Diese Handwerker dort draußen mussten Edmund die letzten Tage ertragen und ihr überlegt, sie nicht zu bezahlen?“, zischte Nelli. „Abgelehnt!“ Sie schwenkte ihren Stock drohend und wirkte nicht, als würde sie sich umstimmen lassen.
    Was heißt denn hier „ertragen“?
    „Du hast recht. Dafür sollten wir ihnen sogar noch einen Bonus geben“, gab Esther mit einem schadenfrohen Zucken im Mundwinkel zu.
    Fall mir nur in den Rücken, blöde Magierin …
    Die blöde Magierin rieb sich den Hinterkopf, dabei war sich Edmund sicher, dass die Alte die Adlige nicht so fest geschlagen hatte wie ihn. Aber mit ihm konnte man es ja machen.
    „Das war doch nur ein Witz“, nuschelte er nur, notierte sich die Idee aber dennoch gedanklich.
    Trevor grinste derweil vor sich hin und legte Edmund einen Arm um die Schulter.
    „Ehe wir uns wieder an die Gurgel gehen, wie wäre es, wenn wir beiden etwas Spazierengehen, Edmund?“
    Edmund war verwirrt.
    „Spazierengehen?“
    Trevor nickte nur.
    Edmund war nicht begeistert. „Warum habe ich das Gefühl, dass ihr mich von den Handwerkern fernhalten wollt und ich deshalb keine andere Wahl habe, als ja zu sagen?“
    „Gut erkannt“, meinte Nelli mit einem Grinsen, das ihm nicht gefiel.
    „Aber wir sollten nicht weggehen. Wenn Thomas hier …“, versuchte Edmund das Unheil abzuwenden. Aber Nelli fiel ihm ins Wort.
    „…dann könnt ihr beiden sowieso am wenigsten ausrichten…“
    Autsch …
    Aber Edmund wäre nicht Edmund, wenn er sich einfach so geschlagen geben würde. Er setzte also erneut zu einem Widerspruch an. Trevor kam ihm aber zuvor, packte ihn und warf ihn über die Schulter wie einen Sack Mehl.
    „Sag mal geht es dir noch gut?“
    „Du kommst jetzt mit!“, meinte Trevor trocken und verabschiedete sich für die nächsten Stunden bei Nelli und Esther.
    „Irgendwie glaube ich nicht, dass du mich in dein Bett trägst … also wo gehen wir spazieren?“
    Trevor antwortete darauf nicht, was Edmund jedoch recht war. Schweigend ertrug er, von Trevor vom Schiff getragen zu werden, als wäre er ein – zugegeben sehr schickes – Accessoires.
    Erst im Hafen setzte Trevor ihn ab.
    „Wir suchen uns jetzt einen Platz und üben dort.“
    „Warum machen wir das nicht auf dem Schiff?“
    „Willst du, dass Omma es kommentiert?“
    Edmund setzte an, konnte das Argument aber nicht entkräften.
    Er war sich noch immer nicht sicher, ob er das wirklich konnte und wollte. Ja, er hatte vorgehabt, Trevor um Hilfe zu bitten. Aber konnte er das auch? Wieder mit einem Schwert kämpfen, wenn es sein musste?
    „In Ordnung, ehe ich es mir wieder anders überlege.“


    Er folgte Trevor durch die Straßen der Hafenstadt.
    „Hast du denn eine Vorstellung, wo du-“
    Trevor zerrte ihn so plötzlich von der Straße in einen Hauseingang, dass er das Gleichgewicht verlor und in den ehemaligen Piraten krachte. Etwas knirschte und polterte. Dann drehte sich die Welt um die eigene Achse. Das wohlbekannte Gefühl in seinem Rücken, seinen Schultern, seiner Brust und seinem Hintern verriet ihm, dass sie soeben eine Treppe nach unten krachten. Eine Treppe aus Stein, wohlbemerkt. Irgendwo auf halben Weg bekam er Trevors Fuß in die Nieren und seine Schulter in den Nacken.
    Er kam zuerst unten an und wurde dann von einem Berg überrollt, der ihn auf den Boden nagelte.
    „Ich mag keinen Schmerz spüren“, brachte er hervor. Tatsächlich war ihm lediglich von dem Hin und Her schwindelig. „Wenn du schon auf mir liegst, dann zieh dich wenigstens aus! Ansonsten runter von mir!“
    Trevor reagierte sofort.
    „Oh entschuldige.“ Er stemmte sich hoch und bewegte seinen Hintern von ihm runter. Dann krümmte er den Rücken und ließ den Nacken knacken. Edmund sprang ebenfalls auf und klopfte die Kleidung ab.
    „Was war das denn?!“
    „Ich meine am Ende der Gassen einige Männer von unserem neuen "Freund" gesehen zu haben…“ Völlig ruhig blickte Trevor die Treppen nach oben. Lediglich die gerunzelte Stirn verriet, dass er sich Sorgen machte.
    „Ähem“, räusperte sich jemand im Halbdunkel.
    Edmund sah sich in dem düsteren Kellerraum um, der nur von zwei Fackeln beleuchtet wurde. Es gab mehr Schatten als Licht. Überall standen Kisten und Fässer herum, Regale bis zur niedrigen Decke. Und in Mitten dessen standen fünf Männer, die ihre Waffen auf sie richteten. Zwischen ihnen hockten zwei Gestalten, beide gefesselt. Die Frau hatte einen Sack über dem Kopf und der Mann einen Knebel im Mund. Er wehrte sich heftig gegen die Seile an seinen Händen und starrte aus – DREI! – Augen durch den Raum.
    „Wer seid ihr und was macht ihr ihr?!“, zischte einer der Männer. Sein Aussehen war unbedeutend, zu sehr war Edmund von der Tatsache irritiert, dass er einem dreiäugigen Mann ins Gesicht starrte. Das dritte Auge trug er direkt auf der Stirn und war das einzige, das ihn ansah, da die anderen beiden nach außen wegschielten. Und entweder die Wände oder den Bereich HINTER dem Mann betrachteten.
    „Das gleiche könnten wir euch auch fragen.“ Trevor verschränkte die Arme und tat als wären nicht sie diejenigen, die gerade unangekündigt in einen Keller gefallen waren.
    „Das geht euch nichts an!“, fauchte der Mann hinter der Frau. Er verpasste ihr einen Tritt, was diese aufwimmern ließ.
    „Ich denke schon.“ Trevor rückte nicht ab und griff nun seinerseits zu einer der Waffen, die er am Gürtel trug. Verunsichert über die Ruhe, die Trevor dabei ausstrahlte, sahen sich die Männer nacheinander an. Die Zeit nutzte Edmund, um Trevor mit dem Ellenbogen in die Seite zu stoßen.
    „Was soll das?“, flüsterte er.
    „Ich glaube, die handeln hier gerade mit Menschen.“
    „Na und? Lass uns verschwinden.“ Er deutete über die Schulter die Treppe hinauf.
    „Er guckt so traurig. Wir sollten ihm helfen.“ Trevor verwies auf die Gestalt mit den vielen Augen.
    „Er guckt traurig? Ich bin mir nicht mal sicher, ob eines der Augen überhaupt in unsere Richtung guckt."
    „Du hast mir auch geholfen“, argumentierte Trevor dagegen.
    „Ich habe dich für ein Kind gehalten.“
    „Was es nicht besser macht, wenn ein erwachsener alleinstehender Mann ein Kind kauft."
    „Beim nächsten Mal lass ich dich sitzen!"
    „Komm schon Edmund, die hier brauchen auch Hilfe.“
    Was redete er überhaupt auf Edmund ein? Als würde Trevor seine Hilfe wirklich brauchen!
    „Ja, wie wir auch und uns hilft auch keiner! Wir haben augenscheinlich genug eigene Probleme.“ Er winkte ab. Als ob er zwei hässlichen dreiäugigen Leuten helfen würde. Besser sie als andere.
    Ihm gefiel der Gedanke nicht, diese Leute hier zu lassen, aber einmischen bedeutete sein Leben für diese Fremden in die Waagschale zu werfen. Oder Gold. Und letzteres hatten sie gerade nicht dabei und erstes wollte er nicht für Fremde über Bord werfen, die kein Augenschmauß waren.
    Trevor sagte nichts mehr. Mit einem Grinsen reichte er ihm die zweite Waffe, die er bei sich trug und wohl für ihn und den Übungskampf gedacht war. Ein alter Säbel.
    Wo hat er das eigentlich her?
    Edmund wich dem Blick aus.
    Von dir lasse ich mir kein schlechtes Gewissen machen. Ich helfe denen nicht. Niemals!
    Einer der Männer trat näher.
    Die Frau wimmerte.
    Eines der Augen des Dreiäugigen blickte ihn hilfesuchend an.
    „Ich hasse dich...“, murrte Edmund. Warum geriet er immer in Schwierigkeiten, wenn er mit Trevor unterwegs war? Am Ende war er immer betrunken, stand unter dem Einfluss von Pilzen oder seine Kleidung war voller Blut. Wahlweise auch alles davon.
    „Du wolltest doch üben."
    Edmund entrang sich ein freudloses Lachen. Doch nicht so, du Depp!
    „Ja, aber dafür bist du mir was schuldig.“
    „Setz es auf meine Rechnung."
    „Die Liste wird länger...“ Er nahm den Säbel entgegen, den Trevor ihm reichte. Ein Säbel war deutlich schwerer als ein Degen. Er lag anders in der Hand und wirkte irgendwie gröber.
    „Das ist eine Hiebwaffe. Du solltest damit Schläge von oben, unten oder der Seite ausführen. Ich rate dir einen festen aber lockeren Stand - leicht in die Knie gehen. Damit bist du beweglicher und kannst leichter reagieren.“
    Edmund rollte die Augen. Was zum Teufel soll ein fester, lockerer Stand sein?
    „Noch mehr so hilfreiche Tipps?“, zischte er zu Trevor.
    „Ihr wollt also Ärger machen!“, meinte der Mann, der vorgetreten war. Ein Bärtiger, der auch als Bär mit Räude hätte durchgehen können, sah sie finster an. „Die Ware gehört uns!“
    Edmund sah den Mann genervt an.
    „Er da will Ärger“, er deutete auf Trevor, „und da ich nicht in der Lage bin, ihn aufzuhalten, wünsche ich viel Spaß.“ Grinsend trat er einen Schritt beiseite und ließ Trevor den Vortritt. Der sah ihn kurz an, zuckte dann aber die Schultern.
    „Lasst die Leute frei.“
    „Und das schöne Geld damit verlieren? Nein.“ Die Männer lachten, dann kassierte der Bär bereits Trevors Faust.
    Edmund seufzte, als zwei blutige Zähne an ihm vorbeiflogen.
    Wie ein Tier…
    Hinter Trevor näherte er sich ebenfalls den Kerlen. Und ehe einer von ihnen - ein Mann mit hässlichen Narben im Gesicht - seinem Freund in den Rücken fallen konnte, mischte er sich in den Kampf ein. Er parierte die Waffe von Narbengesicht. Dabei fiel ihm auf, wie rostig das Ding war, mit dem der Typ kämpfte. Er sollte wohl vermeiden, sich davon treffen zu lassen. Den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, zerrte Narbe seine Waffe zurück, schwankte stark und hieb hektisch von der Seite auf sein Bein ein. Edmund entging dem Angriff, der ihm lediglich den Stoff am Hosenbein aufschlitzte.
    „Die war neu!“, gab er von sich.
    Rücken an Rücken mit Trevor versuchte er sich mit der neuen Waffe gegenüber dem Kerl zu verteidigen. Was nicht so leicht war, da der Kerl mehr schwankte, als was er stand. Weshalb Edmund sich darauf konzentrierte, in Bewegung zu bleiben und den perfekten Zeitpunkt zu finden. Und irgendwie seine eigene Waffe kennenzulernen.
    „Du bist zu passiv“, meinte Trevor. „Du kämpfst wie ein Fechter.“
    „Woher willst du das wissen? Hast du Augen am Hinterkopf?!“ Edmund duckte sich unter einem Schlag weg und fuchtelte seinerseits in Richtung des Mannes.
    „Fechten sieht immer aus, als würden Krabben einen Balztanz aufführen.“
    „Vergleichst du mich gerade, mit einer balzenden Krabbe?“
    Irgendwo hinter ihm ertönte das Geräusch von Metall, das durch Fleisch schnitt.
    „Ich will nur sagen, dass du aufhören sollst zu tänzeln.“
    Ich tänzel dir gleich ins Genick …
    Dennoch versuchte er weniger „zu tänzeln“, festigte sich Haltung und bewegte sich nur noch, um auszuweichen und zu parieren. Was ihnen – er würde es nie zugeben – deutlich mehr Raum brachte, da es zu wenig Keller für zu viele Leute gab. Von denen auch noch zwei untätig gefesselt mitten auf dem Boden hockten und er Augen aufhalten musste musste, nicht über sie zu stolpern. Oder sich von Dreiauge ablenken zu lassen, der allen Bewegungen im Raum gleichzeitig folgte.
    Sich weniger zu bewegen, sparte also Raum. Dadurch musste er sich aber noch mehr konzentrieren.
    Ach, scheiß drauf!
    In Ermangelung einer anderen Strategie und weil ihm das taumelnde Narbengesicht langsam auf die Nerven ging, weil er sich nicht treffen ließ, passte Edmund den nächsten Schlag ab und ließ sich von dem herumgewedelten Rostsäbel treffen. Der Säbel bohrte sich in seine Seite, was seinen Gegner genug überraschte, damit dieser verwundert stehen blieb. Entweder war er überrascht, dass er getroffen hatte, oder aber darüber, dass Edmund nicht mal mit der Wimper zuckte. Sein Blick glitt jedenfalls irritiert zwischen Waffe, Wunde und Edmund hin und her.
    „Das schöne weiße Hemd“, murrte Edmund, nutzte die Gelegenheit aber und schlug nach dem Arm des Mannes, ehe er es sich anders überlegen konnte. Zwar wäre auch der Oberkörper des Mannes ein hervorragendes Ziel gewesen, aber er wollte Narbengesicht nicht töten.
    Da er nicht Trevor war, gelang es ihm zwar nicht, dem Mann die Hand abzuschlagen, aber immerhin schrie dieser schmerzerfüllt auf und taumelte von ihm zurück, wodurch er seine Waffe losließ. Schreiend hielt er seine Wunde.
    „Geht es dir gut?“, vergewisserte sich Trevor, während er seinen letzten Gegner entwaffnete. Dessen Schwert flog durch den Raum.
    In der Zeit, in der ich mit einem zu kämpfen hatte, hat der Kerl einfach vier Gegner besiegt …
    Edmund seufzte und drückte an der Wunde herum, ehe er den Säbel aus seiner Seite zog. Es blutete.
    „Sehe ich aus, als würde es mir gut gehen? Meine Kleidung ist voller Blut.“ Womit sich die Annahme wieder einmal bestätigte. Kein Ausflug mit Trevor ohne, dass er dreckig zurückkehrte.
    Trevor nahm sein Elend nickend zur Kenntnis.
    Dann frag doch nicht.
    Trevor packte den entwaffneten Mann im Genick. Einen Atemzug später knackte es und der Mann sackte schlaff zu Boden.
    Unter dem Sack schrie die weibliche Stimme auf. Und Edmund konnte sie verstehen. Das Geräusch eines brechenden Genicks, war nichts für schwache Nerven. Und ging mehr durch Mark und Bein als das Schlagen von Metall auf Metall oder wenn Metall durch Haut fuhr.
    „Geht das auch etwas sanfter?!“
    Trevor sah ihn verwirrt an.
    „Man kann ein Genick nicht sanft brechen.“
    „Eben!“
    Warum bin ich nochmal mit dem befreundet?
    „Also ich…“ Narbengesicht wollte sich gerade davon machen.
    „Halt die Klappe!“, fuhr Edmund ihn an. „Ich bin noch nicht fertig mit dir, du schuldest mir ein neues Hemd!“, zischte Edmund ihn an. Woraufhin der Mann verstummte. Endlich mal jemand, der machte, was er von ihm wollte.
    „Am besten tötest du ihn schnell“, kam es von Trevor hinter ihm. Edmund blickte über die Schulter, wo er erwartungsvoll beobachtet wurde. Was war das hier? Eine Ausstellung?
    „Zum einen klingst du als würdest du das zu sehr zelebrieren und zum anderen bin ich kein Barbar.“ Edmund fixierte Narbengesicht und verwies den Mann mit einem Fingerzeig in die Ecke. Kurz verharrte der Menschenhändler, dann wankte er mit gesenktem Kopf davon. Er hockte sich hin, zog sich einen Sack über den Kopf und hielt sich dann die Wunde, während er vor und zurückschaukelte.
    Erstaunlich, dass das funktioniert hat.
    „Reicht das so oder muss ich ihn töten?“
    Trevor betrachtete Edmund einen Moment, dann den Typen und zuckte die Schultern.
    „Wenn er uns in den Rücken fällt, gebe ich dir die Schuld.“
    Edmund verdrehte die Augen. Er war gedanklich noch damit beschäftigt, warum der Kerl überhaupt auf seine Worte gehört hatte. Das machte sonst niemand. Es erinnerte ihn etwas an seinen Vater. Wobei, dann hätte er ihn umbringen müssen, oder? Bei dem Gedanken schüttelte es ihn.
    Verwerfen wir das.
    Das Letzte, was er wollte, war in einem dunklen Keller, umgeben von Tod, an seinen Vater zu denken.
    „Es ist nun alles in Ordnung. Ihr seid in Sicherheit.“ Trevor wandte sich an die beiden Gefangenen und schritt auf sie zu. Die Frau mit dem Sack über dem Kopf wich hysterisch heulend zurück.
    „Tut mir nichts“, flehte sie. „Bitte.“
    „Glaubt Ihr, wir haben den Aufwand betrieben, um Euch jetzt etwas an zu tun?“ Edmund verschränkte die Arme. Als würde er seine Kleidung vollbluten und in einem dreckigen Keller kämpfen, um dann eine gefesselte Frau zu verprügeln.
    Trevor warf ihm für die Aussage einen Blick zu, der irgendwie wertend wirkte, aber das war sicherlich Einbildung.
    „Was?“, zischte er zurück. War seine Einschätzung etwa falsch? Er wollte ihr doch unbedingt helfen.
    Trevor schüttelte seufzend den Kopf. Mit langsamen Schritten ging er auf die Frau zu, hob beschwichtigend die Hände – als könnte sie das sehen – und sprach beruhigend auf sie ein. Irgendwas von, sie solle Edmund ignorieren, sie würden ihr nichts tun und würden ihr helfen.
    Die Frau wirkte nicht wirklich ruhiger dadurch, aber der Tatsache geschuldet, dass ihr in den letzten Minuten niemand wehgetan hatte, schien zumindest etwas Vertrauen zu wecken. Es genügte, damit sie aufhörte zu wimmern.
    „Ich werde dir jetzt den Sack abnehmen.“
    Gröber, als Edmund nach dem ganzen Getue erwartet hatte, riss der ehemalige Pirat der Frau förmlich den Sack vom Kopf, wodurch lange blonde Locken zum Vorschein kamen.
    Grobmotoriker …
    Trevor erstarrte.
    Überrascht hob Edmund die Augenbrauen, als er an Trevor vorbeiblickte. Immerhin wusste er nun, warum die Kerle die Frau hatten verkaufen wollen. Nicht etwa, weil sie drei Augen hatte, wie der andere Kerl.
    „Es tut mir leid. Hab ich Euch Haare ausgerissen?“, stotterte Trevor plötzlich verunsichert vor sich hin und zupfte die Haare aus dem Sack.
    Ach was, dem Sack sind einfach nur endlich Haare gewachsen...
    Die grünen Augen der Frau blickten aus einem puppenähnlichen Gesicht ängstlich zu Trevor und dann zu ihm. Erst dann betrachtete sie die toten Männer. Ein Anblick, der sie nicht gerade aufheiterte.
    Wehe, du fängst jetzt wieder an zu heulen…
    Edmund musterte die Frau eingehender. Ihr Gesicht war leicht verdreckt und sie wirkte etwas abgemagert, was ihrer Schönheit aber keinen Abbruch tat. Ihre Kleidung war zwar zerrissen und dreckig, wirkte aber hochwertig und maßgefertigt und passte nicht in die Umgebung. Vielleicht war sie die Tochter eines reichen Händlers oder eines Adligen?
    Das ändert die Situation natürlich.
    „Wie wäre es, wenn du der Dame mal etwas Platz lassen würdest“, meinte Edmund und zog den Haufen bemitleidenswertem Stück Mann, der eben noch selbstbewusst vier Typen niedergeknüppelt hatte, bei einer Frau aber zu stottern begann, zurück. „Ich entschuldige mich für die bisherige grobe Behandlung, aber Ihr müsst wirklich keine Angst mehr haben. Die Männer können Euch nichts mehr tun und wenn Ihr erlaubt, nehme ich Euch auch die Fesseln ab.“ Er setzte sein Lächeln auf, von dem er wusste, dass es charmant und freundlich wirkte (und das bei Esther rein gar nichts brachte, außer sie wütend zu machen). „Ich bin im Übrigen Edmund Wendel Vinzenz von Stein, aber Ihr dürft mich gerne Edmund nennen.“ Er deutete beiläufig auf Trevor. „Ach und der grobe Schläger da ist Trevor.“
    „Grober Schläger?“, echauffierte sich Trevor. Immerhin erwachte er so aus seiner Starre. Was zog der Kerl beim Anblick von Frauen eigentlich immer den Schwanz ein?
    „Die Leute sind ja nicht spontan tot umgefallen.“
    „Das macht mich noch nicht zum Schläger.“
    „Wenn dir Mörder lieber ist?“
    Trevor seufzte lediglich. „Dann weist der grobe Schläger einen gewissen Edmund Wendel Vinzenz von Stein darauf hin, dass man die beiden Gefangen eventuell nach draußen begleiten sollte.“
    Edmund warf dem Piraten noch einen bösen Blick zu.
    „Dann nehm du dir doch schon mal einen Augenblick und helf dem...da." Beiläufig deutete er auf den Mann, der mit seinen drei Augen … blickte. Trevor rollte mit seinen zwei Augen, kümmerte sich dann aber um den hässlichen Typen.
    Er selbst wandte sich wieder an die Frau, hockte sich zu ihr und reichte ihr die Hand, während er beruhigend auf sie einredete. Vielleicht würde der Tag doch noch besser werden.
    „Also erlaubt Ihr, dass ich Eure Fesseln abnehme? Ich verspreche auch, Euch nicht weh zu tun.“
    Die Frau starrte ihn an, als würde sie etwas in seinem Blick suchen und sich über etwas Klarheit verschaffen wollen. Dabei blitzten immer noch Tränen in ihren Augenwinkeln. Sie nickte.
    Vorsichtig nahm er ihr die Seile ab, die ihr in die Haut geschnitten und dort Wunden hinterlassen hatten. Er fuhr kurz mit den Fingerkuppen über Haut und Wunden.
    Zarte Haut, keine Narben und nie gearbeitet. Eindeutig keine Bäuerin.
    „Wir kennen jemand, die sich die Wunden anschauen kann, wenn Ihr wollt.“
    Edmund reichte ihr die Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Sie zögerte und schien mit sich zu ringen.
    „Habt keine Angst, ich beiße nicht.“
    Die Frau holte Luft und nickte dann, ehe sie sich von seinem Lächeln und seinen Worten beruhigen ließ und endlich seine Hand ergriff. Sie war kalt.
    „I-Ich danke Euch für Eure Hilfe“, gab die Frau von sich, als sie vor ihm stand und er ihre Hand losgelassen hatte. Ihre Stimme zitterte noch, wurde aber mit jedem Wort fester. Sie knickste leicht und senkte höflich den Kopf. „Diese Männer haben mich vom Hof meines Vaters entführt und hierher verschleppt.“ Sie sah sich um. „Wo auch immer hier ist“, setzte sie geknickt nach. „Mein Name ist Cecilia von Dornburg, Tochter von Herzog von Dornburg und ich danke Euch, dass Ihr mir die Freiheit zurückschenkt.“ Dabei lächelte sie leicht zu Trevor und Edmund. Edmund nickte. Aussehen und Verhalten deckten sich mit seiner ersten Einschätzung. Adel.
    Mmhh..
    Hinter ihm wurde plötzlich etwas von „Freiheit“ geschrien. Es polterte, dann rannte Dreiauge durch den Raum, fand zielsicher die Treppe mit seinem Rundumblick und war AUGENblicklich aus dem Keller verschwunden.



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

    • Offizieller Beitrag

    Trevor hob lediglich seine Augenbraue, als der Triklop die Flucht ergriff. Lautstark polterte er die Treppe hinauf und verschwand im gleißenden Tageslicht.
    Wow, das nenne ich mal undankbar …
    Kaum war die Gestalt verschwunden, hörte er neben sich ein tiefes Seufzen. Nachdem er sich umgedreht hatte, bemerkte er, wie sich die Herzogstochter an Edmund abstützte.
                „Entschuldigt …“, hauchte sie schwach. „Ich bin wohl erschöpft.“
    „Das ist kein Problem“, antwortete Edmund. „Trevor wird Euch tragen!“
    „Werd‘ ich das?“, hakte der Formwandler nach.
    „Natürlich! Oder willst du, dass ich sie vollblute?“
    Sich in das rechte Licht rücken, das konnte Edmund. Für alles andere schien der grobe Schläger verantwortlich zu sein. Aber worüber sollte sich Trevor beschweren? Es war schließlich seine Idee, hier aufzuräumen und das länger, als es Edmund bewusst war. Das verschwieg er ihm aber lieber.
    Während Trevor am Strand trainiert hatte, waren ihm ein paar Gestalten aufgefallen, die Kisten von einem Beiboot am Strand gehoben hatten. Das wäre an sich nicht sonderlich schlimm gewesen, aber wenn jemand den Hafen mied, der nur unweit vom Strand entfernt war, hatte er etwas zu verbergen.
    Zuerst dachte Trevor an selbstgebrannten Schnaps oder Tabak. Als er allerdings Stimmen aus den Kisten vernahm, war er sich recht sicher gewesen, dass es sich um eine Art anderer Ware handeln musste. Er war schon selbst oft genug in solch einer Situation gewesen, sodass er nicht einfach weitergehen konnte. Aus sicherer Entfernung hatte er die Schmuggler beobachtet, war ihnen zu ihrem Versteck gefolgt und holte – nachdem die Sache mit Esther erledigt war – Edmund als Unterstützung. So konnten sich die Schmuggler für den Moment in Sicherheit wiegen, bevor die beiden auftauchten. Beziehungsweise in die Szenerie stürzten. Natürlich hätte Trevor die paar Gestalten auch alleine aufmischen können, aber Edmund wollte üben und das ging am besten am lebenden Objekt. Außerdem war sein Freund auch eine gute Rückversicherung. Das hieß, wenn ihm etwas Ernstes geschehen wäre, hätte Edmund ihm aus dem Kellerloch ziehen müssen.
    Trevor ging auf die junge Frau zu und schaute sie von oben herab an. „Ich müsste dann …“, meinte er und hob sie sachte an.
                „Ich bin sicherlich schwer …“, sprach sie und hielt sich an seinem Nacken fest.
    Ja, genau …
                „Ihr könnt gar nicht schwer sein, so schlank, wie ihr seid“, verlautete Edmund.
    Es war erstaunlich, wie schnell dieser Kerl von vorlaut zu zuvorkommend wechseln konnte. „Macht Euch darüber keine Sorgen. Ich bin einiges gewohnt. Was nicht heißen soll, dass ihr dick oder schwer seid, ihr seid leicht, aber … Ihr wisst schon.“
    Cecilia lachte leise. „Dann bin ich beruhigt. Vielen Dank.“

    Trevor sah sich am oberen Ende der Treppe um. Alles schien normal zu sein, weswegen er und Edmund den direkten Weg zum Schiff zurücknahmen.
    An den etwas erstaunten Blicken der Handwerker vorbei, brachten sie Cecilia direkt unter Deck.
    Etwas ungelenk platzten sie in die Küche, in der Esther und Oma standen und den Vergessenstrank in Flaschen abfüllten.
    Esther fiel umgehend Edmunds Hemd auf. „Was ist passiert? Geht es euch gut?“
    „Ja ja, alles großartig“, meinte Edmund und verwies auf Trevor. „Er hat nur wieder Probleme gefunden.“
    „Wen schleift ihr denn schon wieder an?“, wollte Oma nach einem musternden Blick wissen.
                „Die junge Frau ist erschöpft und geschwächt“, erklärte Trevor ohne Umschweif. „Sie war von einem Menschenhändlerring entführt worden.“
                „Ein Menschenhändlerring?“, hinterfragte Esther und runzelte die Stirn. „Ich will gar nicht wissen, wie ihr da wieder reingeraten seid. Kümmern wir uns erstmal um eure Wunden …“
    Alles kalkuliertes Risiko!
                „Wir?“, wandte Nelli ein und verschränkte ihre Arme vor sich. „Dann mach mal, ich schau zu.“
                „Ich wollte doch nur helfen ...“, antwortete Esther betrübt.
    Nelli seufzte. „In Ordnung, ich schau es mir an.“
                „Könntet ihr wohl aufhören herumzudiskutieren, und ihr helfen?“, moserte Edmund.
    Sei bloß still, du kommst auch noch dran!“, ermahnte Nelli Edmund und warf ihm einen ernsten Blick zu.
    Trevor sah alle abwechselnd an. „In Ordnung … Da jetzt alle versorgt sind, kann ich mich kurz davonstehlen.
    Er hatte noch etwas zu erledigen!
    Er wandte sich ab und ging aus dem Raum.
    „Was hast du vor?“, wollte Esther wissen, aber Trevor lächelte zunächst nur.
    „Nichts, mach dir keine Sorgen!“
    Trevor zog sich zurück und tauschte seine Rüstung gegen ein paar alte beige Klamotten. Er begab sich zum Schiff, das am Strand verharrte, in einem kleinen Beiboot. Getarnt als alter Fischer würde niemand seine Anwesenheit hinterfragen, nachdem ein paar Mann der Besatzung neugierig sein Tun beobachtet hatten. Nachdem sich die Besatzung wieder ihren Aufgaben widmete, kletterte Trevor über die Ankerkette an Bord und nahm die Gestalt eines Matrosen an. Eben jenen, den er zuerst geschnappt, erstochen und in ein Fass mit gesalzenem Fisch gestopft hatte. Danach begann er, das Schwarzpulver aus den Fässern zu lassen. Der Laderaum füllte sich damit, während Trevor kleinere Fässer unterhalb der Maste platzierte.
    Warum er das tat? Er konnte es nicht genau sagen. Vielleicht, weil er selbst schon oft genug solchen Leuten ausgeliefert war und nicht wollte, dass es anderen genauso erging wie ihm, Cecilia oder dem Triklop. Zudem wäre der ganze Hafen mit diesem Vorfall beschäftigt, sodass sie vielleicht unbehelligt von Thomas und seinen Schergen die Segel setzen konnten.
    Trevor schlich sich von Bord, nachdem er ein kleines Feuer unter Deck entfacht hatte, was sich rasch zum Pulver ausbreiten würde. Deswegen hatte er auch nicht viel Zeit, die Gestalt des Fischers wieder anzunehmen und das Beiboot in sichere Entfernung zu bringen. Er durfte nicht seinen Gedanken nachhängen.
    Trevor war vielleicht hundert Meter entfernt, als er die erste Explosion hörte. Die überraschte und panische Besatzung entlockte ihm ein müdes Lächeln. Vor allem, weil die Leute anscheinend versuchten, das Feuer zunächst zu löschen.
    Blöde Idee, da kommt noch mehr …
    Diese Leute würden nie wieder mit Menschen oder magischen Wesen handeln … Und warum schrien gestandene Männer immer nach ihrer Mutter? Diese hätten sicherlich nicht gutgeheißen, was sie dort taten.
    Immer lauter wurden die Schreie, während weitere Explosionen zu hören und zu sehen waren. Holzsplitter flogen, Funken sprühten … brennende Figuren stürzten sich ins tiefe Nass, aber tauchten nicht mehr auf.
    Mit kräftigen Zügen näherte sich Trevor wieder dem Strand, während das Schiff lichterloh brannte, und die Schreie allmählich verstummten. Der verräterisch süßliche Geruch von brennenden Menschenfleisch drang an seine Nase, und ein wohlwollendes Gefühl breitete sich in Trevor aus. War er tatsächlich so böse, dass ihm so etwas nichts ausmachte? Er kam zu dem Entschluss: Ja, war er. Es gab Menschen, die verdienten es, zu leben. Und es gab jene, die das nicht taten. Zumindest nach seinen Moralvorstellungen. Er redete sich ein, die Welt damit etwas sicherer gemacht zu haben, was angesichts seiner Piratenvergangenheit sehr ironisch in seinem Kopf klang. Aber immerhin war es nie zu spät, sich zu ändern … außer für die Besatzung dieses Schiffes natürlich.
    Er stieg aus dem Boot, zog es an Land und schaute noch kurz den Flammen zu, als er neben sich eine Person mit verkohlter Kleidung entdeckte.
                „Hilfe …“, gurgelte der Mann halb unter Wasser, unfähig, sich mit seinen verbrannten Gliedern selbst an Land zu ziehen. „Hilfe …“
    Trevor seufzte, nahm seine eigene Gestalt wieder an und sah auf den Kerl hinab. „Haben das auch die Leute in euren Käfigen zu euch gesagt? Diejenigen, die ihr verscherbelt habt?“, wollte der Formwandler ohne Gefühl in der Stimme wissen.
                „Fick dich, du Kreatur …“, hauchte der Sterbende abwertend.
    Ach ja, jetzt will er keine Hilfe mehr.
                „Kreatur? Wie einfallsreich …“ Trevor trat mit seinem Stiefel auf den Kopf des Mannes und drückte ihn so lange unter Wasser, bis keine Blasen mehr aufstiegen.
    Danach wandte er sich pfeifend vom Szenario ab, bevor allzu viele Schaulustige am Strand erschienen.
    Bereits wieder in Hafennähe bemerkte er plötzlich, dass Esther in Sichtweite des Strandes stand.
    Überrascht blieb er stehen.
    Esther verschränkte ihre Arme und schaute ihn an. „Sag bitte, dass ich mir das einbilde und du nicht wirklich das ganze Schiff niedergebrannt hast.“
    Trevor schnalzte mit seiner Zunge und verkniff sich das Auflachen. „Du bildest es dir ein“, meinte er, „und ich habe nicht das gesamte Schiff niedergebrannt.“
                „Ich wusste, dass du was Blödes machst!“ sie nahm die Arme herunter und schaute zum Schiff, das allmählich unterging.
                „Das war nichts Blödes!“, dementierte Trevor. „Das ist Gerechtigkeit!“
                „Das ist deine Auffassung von Gerechtigkeit?“
    Trevor blieb auf Höhe von Esther stehen und schaute sie von der Seite an. „Was wäre denn deine? Solche Menschen zu verschonen, sodass sie immer wieder anderen wehtun? Nein, ich schaffe sie aus dem Weg, damit sie niemanden mehr schaden können.“
                „Ich verstehe dich ja, aber die Menschen einfach zu töten, ist auch der falsche Weg! Sie haben vielleicht Familie oder sind nur auf das Geld angewiesen. Hast du darüber mal nachgedacht?“
    Ja, diese Gedanken hatte er kurz, aber …
                „Selbst ich als Pirat habe niemals Geiseln genommen. Geld rechtfertigt nicht, andere zu foltern oder zu verkaufen. Damit hast du eben ein gewisses Urteil unterschrieben“, erklärte Trevor. „Die Reiche würden sie in der Öffentlichkeit hängen lassen, ich töte sie ohne die Schande.“
                „Nein, es rechtfertigt dieses Tun keineswegs!“, widersprach Esther lautstark, „aber du hast kein Recht über sie zu richten. Mit ihrem Tod nimmst du ihnen die Möglichkeit, sich zu bessern.“
    Trevor atmete tief durch, aber wandte sich dann Esther zu und drängte sie an die benachbarte Häuserwand. „Ach ja? Habe ich nicht? Du, die mit goldenem Löffel geboren wurde? Weißt du, wie es ist, in einer Kiste zu sitzen, Tage zu hungern und nicht zu wissen, wo du endest? Todesängste durchzustehen? In seiner eigenen Scheiße zu sitzen und sich eventuell davon ernähren zu müssen? Nein?! Dann lerne von mir, bevor du solche Menschen weiterleben lässt! Du bist anders aufgewachsen, also rede mir nicht in das rein, was ich kenne sowie ich dir nicht in deinen Kreis rede!“
                "Beruhigst du nachts damit deine Gedanken, wenn du jemanden getötet hast?" Sie reckte ihr Kinn. "Oder ist das bei dir Normalität geworden?"
                „Du machst dir keine Vorstellung von meiner Normalität“, erwiderte Trevor genau vor ihr. „Das ist vermutlich besser so.“
    Sie musterte Trevor. „Wie machst du das? Die Last auf deinen Schultern muss erdrückend sein?“ Sie flüsterte den Rest ihres Satzes.
                „Jemand muss es machen!“
                „Du musst das aber jetzt nicht mehr alleine machen."
    Trevor lachte laut auf. „Oh ja, ihr alle seid dafür absolut empfänglich. Natürlich.“
                „Vermutlich stimmt das, aber vielleicht hilft es mir, dich besser zu verstehen." Sie lächelte gequält, "und falls du mit jemanden über diese ... Last sprechen willst, höre ich dir zu.“
                „Mach dir keine Sorgen um mich.“ Trevor lächelte beschwichtigend. „Ich kann besser schlafen, wenn diese Leute keine Wesen mehr einsperren können.“
    „Ich mache mir aber Sorgen.“ Esther legte ihren Kopf schief und wartete kurz, ehe sie zum brennenden Schiff sah, zu dem sich bereits etliche Schaulustige begaben. „Nun ja“, wandte sie dann ein, „diese Leute werden gar nichts mehr tun, schätze ich ...“
    „Vielleicht noch ein bisschen röcheln und gurgeln." Trevor lief weiter und wollte das Thema hinter sich lassen. Wäre er schlauer gewesen, hätte Esther von seiner Tat nicht einmal etwas mitbekommen. Jetzt musste er sich ihrem Urteil darüber stellen. Für so etwas waren Formwandler doch gemacht worden, oder nicht? Warum also es nicht für etwas „Gutes“ einsetzen?
                „Belustigt dich das Leid der Anderen etwa?" Esther schloss zu Trevor auf. „Menschen zu töten, ist die eine Sache, aber sich über die Sterbenden lustig zu machen ... Ist das nicht doch etwas zu vermessen?“
    Trevor lachte laut los, schluckte es aber hinunter, als er komisch angesehen wurde. „Vermessen? Vielleicht für jemanden wie dich, aber weißt du, was diese Kerle mit Frauen machen, während sie sich darüber lustig machen, dass du Worte wie 'vermessen' benutzt? Glaub mir, sie werden sich pausenlos über ihre Opfer lustig gemacht haben.“
    Er sah Esthers nachdenkliches Gesicht, während sie neben ihn lief. „Ja, bedauerlicherweise. Die Mütter würden sich schämen für die Taten ihrer Söhne.“
                „Deswegen …“, meinte Trevor und lächelte sie an.
    Esther nickte. „Ich werde dennoch versuchen, dich das nächste Mal davon abzuhalten, sowas zu machen.“ Sie verwies auf das brennende Schiff, was immer weiter in die Ferne rückte.
    Trevor wusste, dass keiner diesen Brand hinterfragen würde. Es kam häufiger vor, dass Schiffe, ob des Schwarzpulvers, Feuer fingen. „Viel Erfolg dabei!“, wünschte er ihr und grinste breit. Das nächste Mal würde er sich mehr Mühe geben, um nicht erwischt zu werden. Da kam ihm der Gedanke, ob es ihn wirklich belustigte, Menschen zu töten – zumindest die, die es verdient hatten. Tat es das? Vielleicht ein wenig! Dennoch, er wusste, was sich auf solchen Schiffen abspielte. Cecilia schien noch Glück gehabt zu haben, dass das Schlimmste anscheinend ein muffiger Sack über den Kopf gewesen war.

    Sie kehrten zurück und Trevor wusste nicht, ob Esther etwas davon verraten würde, aber das war ihm auch egal. Solange es sich um Oma und Edmund handeln sollte.
    Esther ging unter Deck, während Trevor von einem der Handwerker aufgehalten wurde. „Wir sind so weit fertig. Ein paar Nägel noch und unsere Arbeit ist beendet.“
    Großartig! Dann schnell weg hier!
    Trevor holte den Trank des Vergessens, den Nelli ihm auch mit einem mahnenden Blick übergab, und er legte das Gold für die Handwerker auf eine Kiste am Steg. Er hatte nicht vor, sie auch um ihre Arbeit zu betrügen. „Aye, auf das Reparieren sollten wir Einen heben.“, verkündete Trevor und nahm sich einen Krug Bier ohne Trank. Den Rest des Fasses hatte er mit dem Gebräu von Nelli versetzt.
    Die Handwerker waren nach all der Arbeit anscheinend heilfroh, etwas zu trinken zu bekommen und schlangen das Bier runter wie nach einer Woche Wasser auf offener See.
    Trevor ging sicher, dass es alle tranken und begab sich dann an Deck. Er löste die Taue, und das Schiff schob sich der Flut entgegen auf das offene Meer hinaus.

  • Die Revenge lag ruhig im Wasser, weshalb Esther sich dazu entschieden hatte, mit dem Rücken an der Wand gelehnt und auf einer Kiste sitzend, das Buch zu studieren, welches Edmund und Nelli von Thomas Schiff entwendet hatten. Zwar war es nicht ihr Eigentum, aber es gehörte niemanden hier so richtig und sie bezweifelte, dass Edmund oder Trevor viel von Magie verstanden. Bei Nelli war sie sich nicht so sicher. Außerdem hatte bislang niemand Einwände dagegen erhoben, dass Esther das Buch in ihren Besitz genommen hatte.

    Die Lektüre musste eine Menge Wert sein für Thomas, denn es war voll von Randnotizen und eigenen Kreationen von Sprüchen. Einige davon konnte sie sicher einmal ausprobieren. Wie schon zuvor bei der Herstellung des Duplikats der Truhe begegnete ihr auch jetzt hin und wieder die andere, saubere Handschrift, die winzige Hinweise hinterließ. Wie sie bereits beim Öffnen der Kiste festgestellt hatte, waren hier zwei Magier am Werk gewesen.

    Was in vielerlei Hinsicht schlecht für sie war. Thomas allein reichte schon, um die Revenge und ihre Besatzung in Fischfutter zu verwandeln. Sie vermochte sich gar nicht festzustellen, was er mit einem Partner unternahm.

    Das ließ in ihr den Gedanken aufkeimen, dass sie sich schnell magische Hilfe holen sollten. Auf kurz oder lang würde Thomas die Verfolgung aufnehmen. Spätestens wenn er ihre Finte bemerkte.

    Entweder heuerten sie einen weiteren Magier an oder Esther begann damit, ihre eigenen Fähigkeiten auszuweiten, zu festigen und zu stärken. So, wie Trevor es vorgeschlagen hatte. Gerade, als sie beschloss, den Gedanken mit den anderen zu teilen, breitete sich ein Schatten über die Buchseiten aus.

    „Ich hätte nicht gedacht, dass du lesen kannst“, sprach Cecilia sie mit ihrer glockenhellen Stimme an.

    Esther sah auf und musterte die Jüngere. Die Prinzessin trug nach wie vor ihr langes Gewand und schützte sich zusätzlich mit einem Schirmchen vor der Sonne. Wo auch immer sie dieses lächerliche Teil herhatte.

    „Wie bitte?“

    Cecilia strich sich in einer bedachten Bewegung eine ihrer goldenen Locken über die Schulter und reckte das Kinn ein wenig. Zugegeben, ihre korrekte Haltung war beneidenswert.

    „Ich habe nicht viele Bedienstete gesehen, die lesen können“, stellte Cecilia fest. „Hat Edmund es dich gelehrt?“

    Bedienstete? Beinahe hätte Esther laut aufgelacht. Sie überlegte einen Moment, ob sie darauf antworten wollte, schlug dann das Buch zu und erhob sich. Neben der Prinzessin musste sie aussehen, wie eine gewöhnliche Magd mit ihren lose zusammengesteckten Haaren, dem einfachen Hemd und dem knöchellangen Rock.

    „Da fällt mir ein, dass ich bisher keine Gelegenheit hatte, mich vernünftig vorzustellen“, begann Esther. Und natürlich hatte sie dafür genügend Zeit gehabt, sie wollte bisher aber nicht. Doch sie würde sich von Cecilia sicher nicht herabsetzen lassen. „Gräfin Esther Ottilia von Silberberg“, sagte sie und neigte höflich den Kopf, was Cecilia kurz die Stirn kraus ziehen ließ.

    Sieh an, das perfekte Gesicht zeigt doch Falten.

    Zwar war ihr eigener Rang niedriger als der einer Prinzessin, dennoch dürfte das bei Cecilia für Respekt sorgen. Und tatsächlich neigte diese ebenfalls, wenn auch nur aus gebotener Höflichkeit, den Kopf und lächelte weiter.

    Dann hätten wir das geklärt. „Entschuldigt mich“, meinte Esther und wollte sich entfernen, da hielt Cecilia sie noch einmal auf.

    „Man sagt, Silberberg sei sehr schön, aber auch ziemlich … bäuerlich.“

    Noch immer trug die Prinzessin das Lächeln auf den Lippen.

    „Es leben viele gute und hart arbeitende Menschen dort“, bestätigte sie die vergleichsweise bescheidenen Verhältnisse in Silberberg. Allerdings hatte Esther selbst nie das Gefühl gehabt, bäuerlich zu leben. Oder ihr war es nie selbst aufgefallen. Oder aber ihr war es schlicht egal.

    Cecilia brauchte ihr nicht zu sagen, wie sehr sie dieser Gedanke befremdete, Esther konnte es in ihrem Gesicht sehen.

    Unweigerlich dachte Esther daran, wie oft sie den einfachen Menschen in Silberberg mit ihren magischen Fähigkeiten geholfen hatte. Und dass sie dafür nie auch nur eine Münze verlangt hatte. Es reichte ihr, zu wissen, dass sie damit die Arbeit etwas erleichterte.

    Wie schwer war es für die Menschen jetzt, wo sie nicht zuhause war?

    Diese Frage trübte ihre Gedanken, weshalb sie unweigerlich das Oberdeck verlassen wollte. Weg von Cecilias makelloser Gestalt, die Esther nur vor Augen führte, was sie eben nicht war.

    Sie hatte ihre Heimat verlassen, ohne auch nur eine Sekunde daran zu denken, was sie hinterließ. Ihren Vater hatte sie dazu gezwungen, Silberberg wochenlang ohne Herren zurückzulassen, weil sie einfach fortgegangen war. Sie lief herum wie irgendein billiges Thekenmädchen und vergrub sich in ihrem naiven Denken, eine der besten Magierinnen zu werden, in die Notizen eines Wahnsinnigen, obwohl sie eine Verantwortung hatte.

    „Wenn Ihr mich jetzt entschuldigt.“ Dieses Mal gab sie Cecilia nicht die Zeit, sie erneut aufzuhalten.

    Auf dem Weg nach unten konnte Esther aus dem Augenwinkel sehen, wie Edmund einen Teller mit frischem Obst zu Cecilia brachte. Ihr glockenhelles Kichern floh über das Deck.

    Kurz erwog sie den Gedanken, bei Trevor oder Nelli Gesellschaft zu suchen, entschied sich letztendlich aber dagegen und verkroch sich stattdessen in die hinterste Ecke ihrer Kabine. Erneut schlug sie das Buch auf und las weiter. Für sie gab es mehr Probleme als Cecilia, nämlich einen Zerstörer, der ihnen womöglich dicht auf den Versen war.

    Ihr Blick streifte die Kiste mitsamt Fernrohr und Horn. Allgemein hatte man beschlossen, dass die beiden Relikte zunächst in ihrer Nähe bleiben sollten.

    Eine ziemlich lange Zeit verging, als Esther in dem Buch plötzlich auf eine Sammlung der Relikte stieß. Acht Gegenstände unterschiedlicher Art waren mit ihren Eigenschaften und Kräfte beschrieben. Daneben gab es eine kleine Zeichnung.

    Sie entdeckte das Fernrohr und auch das Horn von Kelton, welches – laut Erklärung – wenn man hineinblies, einen so starken magischen Stoß erzeugte, der ganze Städte in Ruinen verwandeln konnte.

    Sie ging neugierig die Zeichnungen durch und stockte im nächsten Augenblick. Wie erstarrt hockte sie da und erst wenig später sprang sie auf und kramte in ihren Sachen, bis sie den Stein fand, den ihr Trevor ziemlich am Anfang ihrer Reise geschenkt hatte. Gerade einmal so groß wie ihre geballte Hand hatte er bei der Meuterei noch in ihren Beutel gepasst. Zusammen mit Edmunds Magiesteinen, die sie seither nicht noch einmal angefasst hatte.

    Sie hob den Stein von Trevor etwas an und hielt das Buch mit der Zeichnung daneben.

    „Das Auge von Zydderfon“, flüsterte sie. Oder besser gesagt Zyredon, wie es eigentlich hieß.

    Das bedeutete, dass sich bereits drei der acht Relikte auf diesem Schiff befanden.

    Das waren drei Gründe mehr für Thomas, sie in Asche zu verwandeln.

  • Es war deutlich leichter ein Schiff zu steuern, das nicht jeden Augenblick auseinanderzufallen drohte. Dennoch blieb das Schiff ein Schrotthaufen, der sich langsamer und behäbiger bewegte als eine Seekuh nach einer Fressattacke.
    „Bei der Geschwindigkeit überholt uns noch ein Seestern“, murrte Edmund. Er balancierte auf dem Mast und kontrollierte die Seile und Knoten der Segel vor dem Einbruch der Nacht. Hier oben war es windig und ständig wehten ihm die Haare um die Ohren. Er hätte sich die Haare kürzer schneiden lassen sollen, oder lang genug, um sie ordentlich zusammen zu binden!
    Zweimal hatte ihn bereits eine Möwe als potentiellen Nistplatz angeflogen.
    Mistviecher ….
    Er sah sich um. Die See war ruhig, der Himmel wolkenlos und die Sonne verschwand am Horizont rötlich-lila. Nur in der Ferne waren einzelne grobe Schäfchenwolken zu erkennen, die sich über den Horizont erstreckten und bisher nur schwer zu erkennen waren. Er schirmte die Augen ab und versuchte zu sehen, wohin sich die Wolken bewegten. Allerdings waren sie zu weit weg.
    „Das könnte schlechtes Wetter geben…“ Er würde Trevor suchen und diesen darauf hinweisen. Zumindest im Auge behalten, sollten sie es. Er wollte gerade vom Mast klettern, als er aus dem Augenwinkel einen Schatten bemerkte. Als er den Kopf in die Richtung drehte, war dort aber nichts zu sehen, außer einem Felsen, der leicht aus dem Wasser ragte und von der Sonne lila-orange gefärbt war.
    Eine der lästigen Möwen startete einen neuen Versuch, ihm an die Haare zu gehen. Er wurde von der Seite angeflogen und fuchtelte genervt mit dem Arm in der Luft.
    „Verpiss dich, du dreckiges Mistvieh, oder ich mach Ragout aus dir!“, brüllte er die Möwe an. Er erwischte den Vogel natürlich nicht und er flog laut gackernd weite Kreise. „Lach nur …“
    Er fixierte nochmal den Felsen, den er aber im Meer gar nicht mehr fand. Verwirrt sah er sich um, konnte den Felsen aber nicht mehr finden. Hatten sie ihn schon passiert? Wurde er nicht mehr angestrahlt, oder zwischen dem Wasser nicht mehr zu erkennen?
    Edmund zuckte die Schultern.
    Hoffen wir, dass da nicht noch mehr unter der Wasseroberfläche sind…
    Er kletterte vom Mast und wischte sich die Hände an den Hosen ab. Bei den ganzen Schwielen daran unterschieden sich seine Hände mittlerweile auch nicht mehr vom Holz des Mastes.
    Wie die eines Bauern….
    Auf dem Weg in die Kombüse überlegte er, ob es eine gute Idee war, Nelli um eine Creme zu bitten. Wenn sie ihm schon irgendwelche Kräuterkunde einprügeln wollte, dann wenigstens wichtige Dinge – wie weiche Haut. Auf der anderen Seite befürchtete er, dass ihm dann wieder hässliche Blasen wachsen würden, wenn er Nelli um Hilfe bat.

    Edmund betrat die Kombüse und sah dort Cecilia am Kessel stehen. Er hob die Augenbraue. Irgendwie passte das Bild nicht ganz zusammen. Wobei: er selbst und eine Küche passten auch nicht zusammen. Und doch fühlte er sich dort mittlerweile sogar wohler, als er jemals zugeben würde.
    „Ah Edmund“, säuselte Cecilia. „da seid Ihr ja. Das ist gut.“ Sie drehte sich elegant um, der Stoff des Kleides schwang ihr nach. Esther hätte mit dieser Bewegung sicher die halbe Einrichtung aus den Regalen geräumt, Cecilia schaffte es aber problemlos, sich an Tellern und Bechern vorbeizuschlängeln, ohne, dass auch nur etwas klapperte oder wackelte.
    Ist nicht so, dass das Schiff viel Platz bietet, um „nicht da zu sein“.
    Er setzte ein gewinnendes Lächeln auf. „Ihr habt mich also vermisst? Eure Schönheit hat mir ebenfalls gefehlt.“
    Cecilia kicherte hinter vorgehaltener Hand. Sie war in vielen Belangen deutlich adliger als Esther. Ihre Haltung war akkurater, ihr Ausdruck vornehmer und ihre Anmut strahlender. Inmitten der Schlichtheit der Revenge und der Hölle der letzten Woche, dem Leben auf dem Meer, wirkte sie derart fehl am Platz wie ein Pfau im Sumpf. Was sie einerseits unglaublich anziehend machte, auf der anderen Seite war sie das Sinnbild dessen, was er an der gehobenen Gesellschaft nicht mochte: Langeweile und Ernst. Dagegen war Esthers Langeweile beinahe schon spannend.
    Zu viele Esthervergleiche!
    „Ihr seid ein Charmeur.“ Cecilia hielt ihm einen Becher entgegen. „Ich habe Tee gekocht.“ Ihre Augen strahlten wunderschön wie Edelsteine. „Weil Ihr mich mit Euch nehmt und so hart arbeitet.“
    „Das mache ich selbstverständlich gerne für eine so bewundernswerte Herzogstochter“, gab Edmund mit einem Lächeln von sich. Und vor allem für die Belohnung deines Vaters …
    Er nahm den Tee entgegen.
    „Der Tee ist nach einem Familienrezept gekocht.“ Cecilia sah ihn aus großen Augen abwartend an.
    Edmund nahm einen bitteren Geruch wahr, tat jedoch ihr zu liebe einen Schluck. Und musste seine ganze Zurückhaltung aufbringen, um ihr das Gesöff nicht direkt wieder ins Gesicht zu spucken. Der Tee war bitter … derart bitter, dass er das Gefühl hatte, etwas würde sterbend über seine Zunge kriechen.
    Meine Fresse! Deine Familie ist wohl geschmacksblind!!
    „Der Geschmack ist neu ... interessant und erquickend.“ Er hielt seine Gedanken zurück, behielt sein charmantes Lächeln bei und ließ sich nicht anmerken, dass ihm gerade etwas Verwestes in den Rachen kletterte.
    „Er schmeckt Euch?“
    „Ja“, presste Edmund hervor. „Zauberhaft…“ Er lächelte Cecilia an, welche fröhlich zurücklächelte und wohl darauf wartete, dass er weiter von dem Tee trank. Allerdings bekam er bereits bei dem Gedanken Ekelblasen.
    Lieber sauf ich einen von Nellis Tränken …
    „Der Abend scheint sehr schön zu werden. Wollen wir den Tee nicht gemeinsam an Deck genießen?“, schindete er Zeit, „Habt Ihr schon einmal den Sonnenuntergang auf dem Meer gesehen? Wenn Ihr wollt, können wir das gemeinsam tun.“ Und das Bittergurkenähnliche Gesöff über Bord kippen.
    Cecilia wollte etwas sagen, wurde aber von Trevor unterbrochen, der gerade in die Kombüse trat.
    Edmund funkelte ihn an. Du störst…!
    „Hey, wo sind die anderen, ich denke da kommt …“ Trevors Blick fiel auf den Becher in Edmunds Hand. „Oh prima, etwas zu trinken, ich habe echt Durst.“
    Edmund drückte Trevor den Becher in die Hand. Dieser stürzte ihn erleichtert in einem Zug hinter, verharrt dann aber. Seine Augen weiteten sich und er begann zu husten. Was Edmund mit einem zufriedenen Grinsen zur Kenntnis nahm. Wenn er litt, konnte das auch der Pirat. Außerdem hatte der Kerl den Moment versaut.
    „Meine Fresse, das ist das Widerlichste, was ich jemals getrunken habe! Ich habe das Gefühl, irgendwas stirbt in meinem Mund!“, rief Trevor auf und wischte sich mit der Hand die Zunge ab.
    „Cecilia hat den Tee gemacht“, kommentierte Edmund.
    „Oh … ähm“, Trevor blickte zu Cecilia hinüber, die ihn aus traurigen Augen ansah. Er räusperte sich sichtlich beschämt. Irgendwie war es witzig, dass der Massenmörder-Pirat in Cecilias Nähe immer zu einem stotternden Kleinkind wurde. Noch witziger war, wenn der Pirat rot wurde vor Verlegenheit. Stand ihm. Aber am witzigsten war, dass er sich mit dieser Reaktion bei Cecilia sicher nicht beliebt machte. „Ich meine … der Tee ... ist wirklich … belebend.“
    „Was wolltest du eigentlich sagen?“, unterbrach Edmund ihn.
    „Ach ja … da kommt …“, setzte Trevor an, wurde aber von Esther unterbrochen, die vor Nelli in die Küche kam. Esther trug das Zauberbuch von diesem dreckigen Zauberer bei sich und schien etwas sagen zu wollen. Sie rümpfte allerdings leicht die Nase, als sie Cecilia entdeckte. Der Ausdruck in ihrem Gesicht blieb nur kurz, verschwand schnell wieder.
    „Ich muss mit euch allen reden. Allein und unter acht Augen.“
    Adieu Zweisamkeit. Hallo störende Faktoren meiner persönlichen Hölle. Edmund verdrehte genervt die Augen.
    Cecilia zögerte und schien nicht gehen zu wollen. Bis Esther klar machte, dass sie als Crew etwas besprechen mussten. Es ging wohl um eine Entdeckung aus ihrem Buch.
    Derweil rümpfte Nelli die Nase und schnupperte in der Luft. Sie runzelte die Stirn, während Cecilia sichtlich unzufrieden an ihr vorbei durch die Tür ging. Edmund sah ihr nach, blieb dann an Nelli hängen.
    „Warum riecht es hier so?“
    Trevor meinte, dass Cecilia Tee gekocht hatte, während sich Edmund auf die Zunge biss.
    „Tee?“, fragte Nelli und blickte in Richtung ihrer Vorräte. Die Alte strahlte heute regelrecht und schwebte mit ihrem Gehstock durch die Küche auf ihre Kräuter zu. Dabei zog sie den Duft von getrocknetem Lavendel und erloschenem Feuer hinter sich her. Sie öffnete das Regal mit ihren Vorräten, dabei musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen. Sie hätten bei der Reparatur und dem Umbau direkt dafür sorgen sollen, dass ihre Begleiterin besser an die Regale herankam. Es ärgerte ihn, dass er nicht daran gedacht hatte.
    Warum zum Teufel ärgert mich das? Kann mir doch egal sein, wie die Alte an ihre Gifte kommt ...
    Nelli streckte sich nach den Dosen und kontrollierte sie.
    Edmund trat neben sie, ehe er etwas dagegen tun konnte. Sein Körper bewegte sich quasi von allein und half ihr dabei die Gefäße aus dem Schrank zu holen, die zu weit oben standen.
    „Lass mich dir helfen.“ Er reichte ihr die kleinen Döschen mit einem reizenden Lächeln.
    „Danke“, meinte Nelli und sah ihn ein bisschen verwundert an. Die Verwunderung gefiel ihm, ließ sie jünger wirken als sie eigentlich war. Ihre Augen sahen von nahem ebenfalls viel lebendiger aus als er gedacht hatte und ihre Haare weiß und weich wie Seide rahmten das zierliche Gesicht ein.
    Er stellte eines der Döschen ab. „Honigkraut - Süß wie du, Nelli.
    Bei Neptun, wo kommt das denn her?
    Nelli zog die Augenbrauen hoch und sah dabei schöner aus als jeder Stern im Himmel. Was dachte er da eigentlich? Nelli sah aus wie ein alter Lappen, den man hinter dem Herd gefunden hatte. Nein. Wie ein Baby-Manatis. Ein klein wenig falig, aber süß und zum Verlieben.
    „Geht es dir gut?“
    „Natürlich geht es mir gut, obwohl ich mich auch liebend gerne von dir gesund pflegen lassen würde.“ Er griff nach ihrer Hand, sanft und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken. „Darf ich dir etwas verraten, Nelli?“
    Nelli räusperte sich, plötzlich etwas verlegen. „Jaaa?“, fragte sie gedehnt.
    „Du bist der Glanz, der mein Leben erhellt, wie goldenes Licht, das die Dunkelheit zerschellt. In deinen Augen spiegelt sich das Licht, ein Funkeln, das selbst die Sterne spricht.“
    Nelli legte ihm die freie Hand an seine Stirn. „Bist du sicher, dass es dir gut geht? Setz dich, ich mach dir einen Tee.“
    Er setzte sich nicht, blieb vor ihr stehen.
    „Deine Berührung ist so warm und sanft. So viel schöner als jeder Tee.“
    „Mhm...“, Nelli ließ die Hand sinken, „Was hast du als letztes gegessen oder getrunken, Edmund?"
    „Ich lebe von meiner Liebe zu dir.“
    Nelli sah hilfesuchend zu Trevor und Esther.
    „Das wäre ja neu...“, murmelte Nelli und schob ihn auf einen Hocker. Er folgte ihrer Forderung griff jedoch nach ihren Händen und ging vor ihr auf die Knie.
    „Der Himmel brennt in tausend Sternen, ein Meer aus Licht, so fern und nah. Dein Lächeln strahlt, so wunderschön, wie alte Seefahrerträume da. Die Zeit vergeht, doch deine Schönheit bleibt unvergänglich, ewig jung. Ein Zauber liegt in deiner Nähe, ein Lied, das ich für dich gesungen. Und wenn die Wellen uns umspülen, Und Sturm und Wind uns trennen wollen, Dann halt ich fest an deiner Hand, Bis uns die Ewigkeit verschlossen. Die Sterne funkeln, hell und klar, reflektiert in deinen Augen. Ein alter Traum, ein Wunsch so nah, mit dir die Zeit zu überdauern. Die Seefahrt des Lebens, gemeinsam, durch stürmische und ruhige See. Dein Lächeln, mein Anker im Sturm, für alle Ewigkeit bei mir“, sang er.



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

    • Offizieller Beitrag

    Trevor schaute dabei zu, wie Edmund Nelli förmlich den Hof machte.
    Was zum Klabautermann ist mit ihm los?
                    „Edmund benimmt sich irgendwie ...“, setzte Esther an, und Trevor drehte sich zu ihr herum.
    Es traf ihn wie ein Blitz den Hauptmast!
    Apropos Blitz ...
    Sein Herz begann zu rasen, seine Hände wurden schwitzig und Hitze steig ihm in den Kopf. War Esther schon immer der Inbegriff von Anmut und Schönheit gewesen? Wie konnte er das nicht bemerkt haben? Vor allem ... Warum bemerkte er es jetzt? Doch bevor er der Ursache näher auf den Grund gehen konnte, rückte Esther wieder in sein Blickfeld. Ihr brünettes Haar umspielte ihr zierliches Gesicht, das jeden Hinterwäldler erkennen ließ, dass sie von blauen Blut war. „Tss, ehm, wullewulle baaaah“, stammelte Trevor vor sich hin.
    Esther musterte ihn mit ihren jadegrünen Augen. „Ich weiß, die Szenerie ist krotesk, aber ... hast du einen Schlaganfall?“
    Allein ihre Ausdrucksweise war so ...
    Unsere Kinder würden hübsch und klug werden!
    Trevor schlug sich ob seiner Gedanken mit der flachen Hand gegen seine Stirn. Er musste sich in den Griff bekommen. Ein Sturm sollte aufziehen, und er hing romantischen Gedanken hinterher. „Ich sollte ... Segel ... eingezogen werden sie müssen, weil ... Sturm ... aufzieht?!“
                    „Oma, ich glaube, Trevor ist auch kaputt“, wandte sich Esther an Nelli, die alle Hände damit zutun hatte, selbige aus Edmunds zu befreien, der liebestoll Gedicht an Gedicht reihte.
    Trevor dachte dabei nur, dass er nicht so wortgewandt war und sich niemals trauen würde, so offen Liebesverse zu rezitieren – oder sich gar aus dem Stegreif auszudenken. Er konnte erst seit einigen Jahren einigermaßen flüssig lesen und kaum fehlerfrei schreiben. Vielleicht sollte er sich Poesiebücher anschaffen? Gefiel Esther so etwas überhaupt? Er wusste gar nicht, welche Art Mann sie bevorzugte.
    Sturm! Es zieht ein Sturm auf!
    Seine Gedanken schrien ihn an. Die Segel würden sicherlich reißen, wenn sie nicht eingeholt würden. Was würde Esther über ihn denken, wenn er das Schiff in den sicheren Tod fahren ließe? Was, wenn Esther etwas passieren würde? „Ich muss an Deck! Bleibt Ihr hier unten und sichert die Ladung!“, sprach Trevor in einem ganzen und verständlichen Satz.
                    „Esther ...“, meinte Nelli, „du musst diese Prinzessin irgendwie in ihre Kajüte sperren. Lock sie unter den Vorwand rein, dass ein Sturm aufzieht. Ich glaube, nein, ich weiß, dass sie hier irgendetwas gemacht hat. Aber das klären wir nach dem Unwetter!“
                    „Nicht nur schön, auch so weise ...“, säuselte Edmund.
    Esther nickte.
    Das Lächeln, das ihr Gesicht dabei zierte, kannte Trevor nur zu gut. Selbst rachsüchtig war sie wunderschön.
    Trevor schüttelte seinen Kopf. Er wollte nicht von ihrer Seite weichen, zur Not hätte er Cecilia auch einfach in die Kajüte geworfen, um Esther Arbeit zu ersparen, aber er musste zu den Segeln, um seine Herzensdame vor Unheil zu bewahren. Aber was, wenn Cecilia gefährlich war? Bilder überfluteten sein inneres Augen, wie die Prinzessin einen Dolch zückte, um Esther davon abzuhalten, sie in ein Zimmer zu sperren.
    Vielleicht sollte ich sie einfach töten?
                    „Zur Sicherheit belege ich sie mit einem Bannzauber“, antwortete Esther, wodurch Trevor von seiner Idee abgebracht wurde. Jene war vermutlich etwas übertrieben.
                    „Trevor?“, riss Omas Stimme ihn aus den Gedanken. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass er Esther die ganze Zeit angestarrt hatte. „Die Segel? Schaffst du das?“
    Edmund drückte Oma auf einen Stuhl. „Du solltest dich nicht so sehr anstrengen. Wie wäre eine Fußmassage, bevor es ungemütlich wird?“
    Trevor nickte und riss seinen Blick von Esther los. Ihre Sicherheit war ihm das Wichtigste, deswegen musste er an Deck. Zusammen mit Esther verließ er die Kombüse, woraufhin sich ihre Wege trennten. Nur leise bekam er mit, wie Esther Cecilia aufforderte, ihr zu folgen.
    Sie Sonne war bereits vollständig untergegangen. Und die gleiche Finsternis umhüllte sein Herz, als er darüber nachdachte, dass Esther wahrscheinlich wenig Interesse an ihm hatte. Warum auch? Er war bloß ein ungebildeter Pirat. So jemanden stellte niemand seinem Vater vor, erst recht, wenn dieser ein Baron war.
    Jetzt komm schon! Konzentrier dich!
    Trevor rieb sich die Hände und begann, das Hauptsegel einzuholen. Die See wurde bereits unruhig und Donnergrollen war aus der Ferne zu hören. Kaum hatte er das Hauptsegel eingeholt, fing es an zu regnen. Er befestigte alles und wandte sich dann dem Vorsegel zu.
    In diesem Moment bemerkte er, dass Esther neben ihm Stand. „Was soll ich machen?“, fragte sie gegen den peitschenden Regen.
                    „Sofort unter Deck gehen!“, schrie Trevor.
                    „Das kannst du vergessen, ich bleibe!“, antwortete Esther entschlossen.
    Er war hin- und hergerissen. Einerseits hatte er sie nur zu gern bei sich, andererseits war es an Deck viel zu gefährlich. Was sollte er tun? Bei all seiner Liebe zu ihr, sie beschwören, wieder unter Deck zu gehen? Aber wer war er schon, ihr Befehle zu geben? Viel mehr würde er alles tun, worum sie ihn bitten würde.
    Und du starrst sie schon wieder an!
    Wem konnte Mann es verdenken? Im gießenden Regen begann Esthers Kleidung wie eine zweite Haut an ihr zu kleben. Jede Facette ihres Körpers wurde dadurch deutlich.
                    „Ihr ... Ihr könnt die Ladung zusätzlich sichern“, stotterte Trevor und zeigte auf die Fässer und Kisten in etwas Entfernung. „Ein großes Seil müsste neben dem Eingang hängen.“
    Esther holte das Seil und lief wankend zur Ladung.
    Trevor erkannte sofort, dass sie wahllos die Kisten und Fässer sicherte, weshalb er zu ihr ging.
                    „Hoffentlich verfliegt der Zauber von selbst bald“, rief sie, und Trevor schaute sie verwundert an.
                    „Welcher Zauber?“, wollte er wissen.
                    „Ist nur eine Vermutung, aber wir halten es für möglich, dass du und Edmund verzaubert wurden“, gestand Esther.
    Seine plötzlichen und absolut irrationalen Gefühle sollten ein Zauber sein? Gab es sowas? Und selbst wenn ... er fühlte, wie er fühlte.
    Trevor nahm Esther das Seil aus der Hand und zeigte ihr einen richtigen Knoten. „Dann wisst Ihr um meine Gefühle?“, hakte er leise nach.
    Ich weiß nur, dass du gerade durch einen Zauber geblendet wirst und das, was du fühlst, nicht echt ist“, erwiderte Esther und prüfte, ob alles fest war.
    Wie immer es auch war ... Es fühlte sich echt an. Zumindest hatte Trevor keinen Vergleich. Noch nie hatte er so empfunden. Seine Gedanken kreisten nur um sie, ließen ihn alles andere vergessen, was er begrüßte. Zum ersten Mal in seinem Leben dachte er nicht ausschließlich an seine Kämpfe, seine Schlachten. Den Wunsch, Esther zu beschützen – und vieles mehr – erleichterte ihm sein Dasein.
    Plötzlich wurde das Schiff von einer Welle getroffen. Es wankte nach links und beide verloren beinahe den Halt.
    Trevor ergriff das Seil und schlang seinen anderen Arm um Esthers Hüfte, um sie vom Wegrutschen abzuhalten. Allerdings löste sich der Knoten, sodass beide abwärts glitten.
    Trevor schaute nach oben. Die Ladung war noch an Ort uns Stelle, aber unterhalb kamen sie der Reling näher. Eilig drehte er sich zur Seite und presste Esther an sich, um den Aufprall mit seinem Rücken abzufangen. Das Wasser der Wellen schoss über und auf beide.
    Trevor befreite eine Hand und fuhr sich über sein Gesicht.
    Sie mussten schnell das zweite Seil wieder anbringen!
    Er schaute auf Esther nieder, die sich ihre nassen Haare aus dem Gesicht fischte. „Alles in Ordnung?“,wollte sie wissen.
    Trevor lächelte verlegen. „Ja ... immer.“ Tatsächlich war der Aufprall nicht allzu schlimm gewesen. Er rappelte sich auf und zog Esther wieder auf ihre Beine. Auch wenn er ihre Wärme genoss, war jetzt der gänzlich falsche Zeitpunkt dafür. Er schob sie zurück zur Ladung, während das Schiff zur anderen Seite kippte. Für diesen Moment konnten sie zumindest an den Fässern halten finden.
                    „Wir sollten uns beeilen, bevor wir noch über Bord gehen“, schrie Esther in den Sturm, und dem konnte Trevor nur zustimmen.
    Er ergriff das Stück Seil, das ihm Esther reichte und verknotete es. Dann richtete er seinen Blick nach vorn und erkannte zwischen dem Aufhellen der Blitze, dass sich in der Ferne etwas auftat. Waren das Klippen? Wie weit waren sie vom ursprünglichen Kurs abgetrieben worden? Trevor schaute Esther an. Klippen verhießen nichts Gutes. Das Schiff konnte an ihnen oder den Felsvorsprüngen davor zerschellen. „Ich muss zum Steuerrad!“, brüllte Trevor. „Ihr bleibt hier!“
    Anscheinend hatte Esther die Klippen auch gesehen. „Ich kann einen Schutzschild um das Schiff legen“, schlug sie vor, aber Trevor verneinte.
                    „Das ist nicht mein erster Sturm und nicht mein erstes Schiff!“, wandte er ein. „Wenn Ihr einen Schild heraufbeschwört, verliere ich meine Kräfte. Spart Euch diese Kraft für den Fall, dass ich versage!“
    Er wusste nicht, wie lange der Sturm anhalten würde. Esthers Kraft sollte gespart werden, bis es keine andere Möglichkeit mehr gab.
    Esther nickte sichtlich widerwillig. „Aber ich begleite dich, nur für denn Fall, dass ... etwas passiert!“
    Er seufzte, zog sich sein Hemd über den Kopf und schlang es um Esthers Hüfte. Dann verknotete er es fest mit dem Seil an der Seite der Ladung. Kurz überkam ihn ein Déjà-vu, aber das verwarf er für den Moment. „Nein!“, antwortete er strikt. „Ich kann mich nicht auf Euch und das Schiff konzentieren!“
                    „Sag mal, geht’s noch? Du kannst mich nicht einfach hier festbinden! Was glaubst du eigentlich ...“, beschwerte sie sich lautstark.
                    „Versteht doch ...“, wandte Trevor ein und umfasste ihre Schultern. „Ob künstlich oder wahrhaftig ... ich fühle, was ich fühle. Die Sorge um Euch bringt mich fast um den Verstand. Ich nutze weder Euch noch diesem Schiff etwas, wenn mir das Schicksal von letzterem egal wird. Und wenn ich versage, dann seid Ihr die Einzige, die noch etwas ausrichten kann. Wenn Euch etwas dort oben passiert, verliert mein Leben jeglichen Wert. Ich brauche meine Kräfte, um das Ruder herumzureißen und uns von diesen Klippen wegzubringen ... Versteht Ihr das?“
    Esther schaute ihn an und nickte langsam. „Ich verstehe, aber ... pass auf dich auf!“
    Beide schauten sich an und ...
    Jetzt oder nie, du Lappen!
    Kurzerhand küsste er Esther ... erneut. Dann wandte er sich ab und begab sich zum Steuerrad.
    Er hatte es schon wieder getan, aber diesmal fühlte es sich anders an. Diesmal fühlte es sich an, als könnte er danach lachend dem Tod ins Angesicht springen. Er hielt sich zunächst am Mast fest und bahnte sich seinen Weg zum Steuerrad. Die Stufen hinauf fühlten sich endlos an und immer wieder sah er zu Esther zurück, die alle Mühe damit hatte, die Balance zu halten.
    Oben angekommen, drehte er das Ruder Backbord, um von den Klippen wegzukommen. Mit aller Kraft, die ihm innewohnte, hielt er gegen den Sturm. Doch es schien schon zu spät. Zwischen den Blitzen sah er etliche Felsformationen immer näherkommen.
                    „Den Schild!“, brüllte er so laut er konnte. „Den ...“. Urplötzlich türmten sich riesige Arme über der Backbordseite des Schiffes auf und umfassten es.
    Ein Kraken? Was zum F... Ist das euer Ernst?
    Er verfluchte innerlich jeden Meeresgott, den er kannte. Die und alle anderen Götter. Erst der Sturm, dann die Klippen und jetzt auch noch ein verfickter Kraken. Er hatte nicht einmal eine Waffe zur Hand.
    Trevor ließ das Ruder los und wankte zur Treppe. „Wenn du nicht deine Tentakel von diesem Schiff und Esther lässt, verarbeite ich dich zu Calamari, hörst du!“, drohte er. Aber bevor Trevor die Stufen hinuntergeeilt war, schob der Kraken das Schiff von den Klippen weg.
    Hilft er uns? Das ist doch ... Was genau war in dem Tee eigentlich drin?
    Vielleicht träumte er das alles nur. Genau, vielleicht hatte der Tee ihn außer Gefecht gesetzt und das war alles nur ein seltsamer Traum.
    Erneut umfasste der Kraken das Schiff und schob es immer weiter von der kleinen Insel weg.
    Eilig begab sich Trevor wieder zu Esther und schob sie hinter sich, während er nach oben schaute.
    Mehrere Male ragten die Arme des Kraken über sie hinweg, umschlangen das Schiff und beförderten es in die andere Richtung.
    Esther umklammerte mit einem Arm Trevors Hüfte, um sich an ihm festzuhalten.
    Er spürte ihre durchnässte Kleidung an seinem Rücken – und wie sehr sie zitterte. Wie gerne hätte er eine wärmende Decke um sie gelegt, aber angesichts ihrer Lage, war das nicht möglich. Er hielt sich selbst mit einem Arm am Seil fest und presste den anderen sanft, aber bestimmt, gegen ihren Arm, um ihr zusätzlich Halt zu geben.
    Esther beschwor einen bläulich leuchtenden Schild über ihnen, der Trevor umgehend seine übermenschlichen Kräfte stahl. Er konnte es spüren, weil er plötzlich beide Arme brauchte, um beide an Ort und Stelle zu halten. Indes stoppten der Regen und der Wind unter dem Schild.
                    „Er bringt uns von den Klippen weg, keine Sorge!“, versuchte Trevor Esther zu beruhigen, die verängstigt in den Himmel sah.
                    „Sicher, dass wir einem Kraken trauen können?“, fragte Esther skeptisch.
    Trevor sah sie unsicher lächelnd an. „Ich weiß nicht, warum er das macht, aber er ist unsere beste Option.“
                    „Dann sollten wir unter Deck. Der Schild schwächt dich. Und wenn der Kraken das Schiff bewegt, können wir ohnehin nichts mehr ausrichten.“
    Trevor nickte und band sein Hemd vom Seil los, ließ es aber noch um Esthers Hüfte.
    Esther ließ kurz darauf den Schild fallen, woraufhin Trevor sie mit sich Richtung Eingang zog. Mit seinen wieder aufkommenden Kräften war das wesentlich einfacher. Er stieß die Tür auf und fühlte Erleichterung. Nichts außer Erleichterung. Esther war sicher – und das Schiff natürlich auch. Im schmalen Gang begegneten sie Nelli, die sich an den Wänden festhielt, während Edmund wie ein Kind an ihr hing. „Du bist in Sicherheit, dir passiert nichts mehr! Soll ich dir etwas kochen? Hast du Hunger? Durst? Willst du dich setzen? Schlafen?“
    Nelli unterdrückte ein Augenrollen. „Ruhe wäre toll!“
    Trevor sah es ein. Irgendetwas stimmte nicht mit ihnen. So waren sie niemanden eine wirkliche Hilfe. Ganz im Gegenteil. Ihr Fokus gegenüber Esther und Nelli verkomplizierte vieles.
                    „Esther wird alles erklären ...“, setzte Trevor an. „und wir beide sollten eine Pause einlegen.“ Er sah zu Edmund und nahm ihn an der Hand mit sich. „Lassen wir die beiden nach einer Lösung suchen.“
                    „Warum nach einer Lösung? Ich fühle mich großartig!“, dementierte Edmund.
                    „Geh ruhig, ich komme gleich nach“, beruhigte ihn Nelli, woraufhin Edmund Trevor folgte.
    Alle gingen zusammen zu Edmunds Kajüte.
    Trevor dachte nach, bevor er im Zimmer verschwand. Bei allem, was er für Esther fühlte, konnte er nicht so einfach die Tür hinter sich schließen, als sei nichts gewesen. Er drehte sich noch einmal zu ihr herum und nahm sachte ihre Hand. Sanft küsste er ihren Handrücken und schaute sie an. „Ihr habt es verdient, dass ein Mann solche Gefühle für Euch hegt, denn Ihr seid mutig und selbstlos. Niemand sollte weniger als sein Leben für Euch hergeben wollen ... Und egal, als wer ich diesen Raum wieder verlasse ... Ich würde niemanden an Eurer Seite akzeptieren, der weniger fühlt“, sprach Trevor mit beinah gebrochener Stimme.
    Esther lächelte, und Trevor glaubte, eine gewisse Verlegenheit bei ihr zu erkennen. „Ich hoffe, das niemand für mich sein Leben geben muss“, antwortete sie.
    Trevor nickte verstehend und begab sich dann in das Zimmer.
    Er hörte, wie jemand – vermutlich Oma – abschloss, während Edmund sich auf sein Bett setzte. „Du hast ein Talent dafür, im falschen Moment die Stimmung kaputt zu machen.“
    Trevor rutschte an der Wand entlang auf den Boden und lehnte seine Arme auf die Knie. „Wem sagst du das ...“

  • Esther sammelt ein Stück Brot, einen Apfel und Trockenfleisch auf ein Holzbrett und schnappte sich einen Krug Wasser.

    Nelli sah stirnrunzelnd dabei zu, ließ Esther aber weiter in Ruhe.

    Nachdem sie Trevor und Edmund zunächst sich selbst überlassen hatten, war Nelli direkt über den Tee hergefallen, um ihn zu untersuchen.

    Dass Esther dabei daneben stand wie vergessen, hatte die ältere Frau nicht gestört. Eher gegenteiliges war der Fall gewesen. Immer wieder hatte Esther ungefragt irgendwelche Erklärungen bekommen und schließlich brauten sie beide zusammen ein Gegenmittel, welches sie anschließend zu den Männern brachten.

    Das war jetzt einige Zeit her und anscheinend verfehlte der Trank die Wirkung nicht, denn sowohl Trevor als auch Edmund ließen sich wenige Augenblicke später blicken.

    Alles weitere überließ Esther lieber Nellis Einschätzung, sie selber machte sich auf dem Weg zu Cecilia.

    Immerhin konnten sie die Prinzessin kaum verhungern oder verdursten lassen.

    Mit ihrer Fracht beladen, ging sie zur Kajüte, die sie Cecilia zugewiesen hatten.

    Allein aus Respekt klopfte Esther kurz an die Tür, entriegelte das magische sowie mechanische Schloss und trat ein.

    Cecilia saß auf dem schmalen Bett und in dieser mehr als nur bescheidenen Umgebung wirkte sie wie ein strahlender Edelstein inmitten von Kieselsteinen. Einmal mehr kam Esther nicht umhin, die ehrwürdige Haltung der Prinzessin anzuerkennen.

    Trotzdem hatte sie nicht mehr als ein müdes Nicken für Cecilia übrig.

    „Ich habe Euch etwas zu Essen mitgebracht“, meinte Esther und lud ihre Mitbringsel auf dem kleinen Beistelltisch ab. „Und Wasser.“

    „Danke … ist … mit dem Schiff alles in Ordnung?“, wollte sie wissen. Ihre Augen schimmerten wie Perlen.

    Ekelhaft.

    Warum Esther sich in dem Moment auf den einzigen im Raum befindlichen Stuhl saß, obwohl sie eigentlich direkt wieder gehen wollte, nachdem sie das Essen abgestellt hatte, wusste sie nicht genau. „Ja, keine Sorge, wir kriegen das hin.“ Darin sind wir ja schon geübt. Mehr oder weniger. „Geht es Euch gut?“

    „Ja, aber warum bin ich eingesperrt.“

    Es war zu erwarten gewesen, dass Cecilia bemerkte, dass die Tür abgeschlossen war.

    Aber was sollte sie darauf antworten? Esther war die Erste, die sich in ihre Kajüte gewagt hatte und vermutlich war das auch gut so.

    Sie beschloss, nicht direkt auf die Frage der Prinzessin einzugehen. „Ach, übrigens geht es Edmund und Trevor auch wieder gut … nachdem sie Euren Teeverdaut … haben“, meinte Esther, wobei sie dem Wort Tee eine besondere Betonung schenkte.

    „Das ist gut. Ich fühle mich schlecht deswegen. I ... Ich wollte nur einen Tee kochen, und da waren so wohlriechende Kräuter in der Küche.“

    Esther zog die Augenbrauen hoch. Als ob eine Prinzessin freiwillig auf die Idee kommen würde, der Mannschaft Tee zu servieren. Aber dass sie längst den Trank zusammen mit Nelli untersucht und auseinandergenommen hatte, wusste Cecilia nicht. Ein Grund mehr, wieso Esther ihr die Aussage nicht abkaufte.

    „Wisst Ihr … Entweder solltet Ihr das Tee brauen zukünftig denjenigen überlassen, die Ahnung davon haben oder Euch bessere Lügen ausdenken.“

    Von Nelli wusste Esther, dass dieses Gebräu zwar nicht zu den schwierigsten gehörte, aber dennoch einen gewissen Anspruch hatte. Und die Wirkung erzielte man nicht, indem man wahllos irgendwelche Blätter in den Topf warf.

    Cecilia sah sie an, als hätte Esther ihr gerade eine Backpfeife verpasst. „Lügen?“, fragte die Prinzessin.

    Musste sie denn wirklich noch deutlicher werden? „Ich weiß, dass Ihr einen Trank gebraut habt“, gab sie nunmehr zu und beugte sich ein wenig vor. „Und … egal, wieso Ihr das gemacht habt … es wird nicht funktionieren.“

    Ein schiefes Grinsen der Art, die Esther ganz und gar nicht gefiel, zeichnete sich auf Cecilias Gesicht ab.

    Es brachte Esther tatsächlich dazu, sich wieder aufzurichten und sich innerlich anzuspannen. Gut, dass sie ihren Zauberstab bei sich hatte.

    Zwar trug Cecilia keinerlei magischen Anzeichen in sich, aber anscheinend kannte diese unscheinbar wirkende Prinzessin sich in anderen Dingen aus. Und so lange Esther nicht wusste, was Cecilia noch verbarg, würde sie ein Auge auf die andere Frau werfen.

    Mit der Hand am Zauberstab erhob sie sich wieder. „Haltet Euch von Trevor, Edmund und Nelli fern.“

    „Esther Ottilia ... Gräfin von Silberberg. Euer Vater, Leonhard Melchior, Graf von Silberberg würde sich vermutlich glücklich schätzen, wenn Ihr um die Zubereitung eines solchen Trankes wüsstet. Dann wäre Euer Reich nicht dem Untergang geweiht. Das ist doch so, oder nicht? Ein Graf, eine Tochter ... keine Erben ...“

    Inmitten ihrer Bewegung stoppte Esther und sie sah auf Cecilia herab, die nach wie vor auf dem Bett hockte … oder eher thronte wie eine Königin.

    Grundgütiger … musste dieses Weibstück ihr so offenkundig vor Augen führen, was sie eben nicht war?

    „Ich fühle mich geschmeichelt, dass eine Prinzessin offenbar Gefallen an der kleinen … bäuerlichen … Grafschaft gefunden hat. Umso mehr freut es mich, Euch zu sagen, dass es nicht dem Untergang geweiht ist.“ Auch wenn es dich absolut nichts angeht.

    „Das wird sich zeigen. Ich dachte, es könnte lustig sein, wenn ich die beiden Herren auf meine Seite ziehen könnte. Vor allem, da sich magische Wesen an Bord dieses Schiffes befinden.“

    „Toll, dass wir zu Eurer Unterhaltung beitragen konnten … damit ist jetzt Schluss“, sagte Esther entschieden und bemerkte erst dann, was Cecilia danach ansprach. „Was interessiert Euch die Anwesenheit magischer Wesen?“, verlangte sie zu erfahren und überkreuzte die Arme vor der Brust.

    Cecilia zuckte mit ihren Schultern. „Solche Wesen sind doch immer interessant. Wer ist es?“ Sie mustert Esther genau. „Edmund?“ Sie machte eine Pause. „Trevor?“ Erneut stoppte sie. „Oder die alte Vettel?“

    Esther spürte, dass sie ganz genau aufpassen musste, was sie sagte. Daher musterte sie ihr Gegenüber lediglich emotionslos. Ob sie ihre Nervosität genug überspielen konnte, wusste sie nicht. „Die Einzige mit Magie im Blut, bin ich.“ Das war für Cecilia sicher unschwer zu erkennen anhand des Zauberstabes.

    Nur über meine Leiche bekommst du einen von meinen Freunden …

    Außerdem war es auch egal, ob Cecilia ihr glaubte oder nicht. Esther würde dafür sorgen, dass sie diese Kajüte nicht mehr verließ. Zumindest nicht ohne ihr Wissen.

    „Nein, ich meine keine Magierin wie dich. Ich meine seltene Wesen.“

    „Da müsst Ihr wohl woanders suchen“, meinte Esther achselzuckend. „Und ich wüsste nicht, wann ich Euch das Du angeboten hätte.“

    Esther spürte, wie sich die feinen Härchen auf ihrem Nacken aufstellte. Alle ihre Sinne schlugen Alarm und schrien ihr zu, dass sie Reißaus nehmen sollte, bevor sie ihre Gefährten in … irgendetwas hineinzog.

    War es Neugier, die sie zum Bleiben bewegte? Oder die Hoffnung, Cecilia würde ihr gegenüber einen grausamen Plan offenbaren? Lächerlich, so dumm war die Prinzessin nicht. Esther hatte ohnehin bereits das Gefühl, dass diese Frau mit ihr spielte.

    „Ich duze niedere Menschen, wann immer es mir beliebt. Und ich weiß genau, dass es sie an Bord gibt. Ich werde es schon herausfinden.“

    Niedere … Menschen. Für wen hielt sich diese Schnepfe?

    Esther schob das Kinn vor und zog ihren Zauberstab. Der Bannzauber hatte zwar keine Wirkung verloren, war aber bereits etwas schwächer geworden. Sie gestand es sich ungern ein, aber diesen Zauber die ganze Zeit am Leben zu halten, verlangte ihr einiges ab. „Ich wiederhole mich und ich hoffe, DU hörst mir genau zu: Halte DICH fern von den Anderen.“

    „Also sind es die Anderen“, schlussfolgerte Cecilia und grinste vielsagend.

    Darauf ging Esther nicht mehr ein, sondern sie verließ das Zimmer, verriegelte das Schloss und belegte die Tür ebenfalls mit einem Bann. Das würden lange Tage und ebenso lange Nächte für sie werden. Nicht einen Moment würde sie die Prinzessin aus ihrem Bann entlassen. Sollte sie ihr Geschäft in einem Eimer verrichten, es war ihr egal.

    Mit jedem Schritt, den sie in Richtung Deck tat, kochte die Wut weiter in ihr hoch.

    Es ärgerte sie, dass sie es so weit hatte kommen lassen. Sie hatte Cecilia immer wieder Brotkrumen hingeworfen und ihre Freunde würden dafür bezahlen müssen. In welcher Form auch immer …

    Nein, das werde ich nicht zulassen!

    Sie wusste nicht, was genau Cecilia an sich hatte … aber sie war gefährlich, deutlich gefährlicher als es den Anschein hatte.

    Ihre Hand krampfte sich um den Zauberstab und draußen sprangen ihr die Stimmen von Trevor und Edmund entgegen, was sie daran erinnerte, was sie gerade getan hatte …

    Hitze stieg in ihr auf und irgendetwas tief in ihr loderte, drohte, sie aufzufressen, wenn sie es nicht rausließ.

    Als sie das Deck mit stapfenden Schritten betrat, atmete sie schwer. Sie bekam kaum noch Luft. Der Schweiß brach ihr auf der Stirn aus.

    Der Erste, der ihr unter die Augen trat, war ausgerechnet Trevor. Nein, er durfte auf keinen Fall das Ziel sein … wofür auch immer.

    Entschlossen und mit brennenden Augen hechtete sie an ihm vorbei.

    Sie spürte, wie ihre Finger kribbelten und es wirkte, als würde die Luft um sie herum pulsieren.

    Am Bug angekommen, schwenkte sie ihren Stab einfach wahllos und entlud die aufkeimende Energie. Sie schrie, während ein gleißend blauer Blitz auf die Wasseroberfläche aufschlug.

    Mit pochendem Herzen krallte sie sich an der Reling fest und sah auf die Wellen hinab. Der Zauber hatte keinen Schaden angerichtet, wofür Esther dankbar war, denn sie wusste nicht einmal, wo das mit einem Mal hergekommen war.

    Esther legte den Kopf in den Nacken und drehte sich schließlich langsam um, wo sie nun auch Edmund und Nelli sah. Abwartend sahen ihre drei Gefährten sie an.

    Keine Angst … Das Schiff ist heil geblieben …

    „Also, ich bin ja auch wütend“, meinte Edmund vorsichtig. „Aber im Moment bringt das nichts.“ Er lächelte schief. „Schätze, wir könnten alle einen Schnaps gebrauchen …“

    Esther seufzte müde und rieb sich nickend die Nasenwurzel. Ein Schnaps löste das Problem zwar auch nicht …

    Aber vielleicht eine ganze Flasche …

    Dennoch, sie war dankbar, dass Edmund zumindest etwas zu ihr gesagt hatte, anstatt sie leer anzuschauen. Immerhin hatte sie die Kontrolle verloren und damit riskiert, dem Schiff oder gar einen von ihnen selbst Schaden zuzufügen.

    „Cecilia …“, meinte Esther schließlich zusammenhanglos und ohne auf Edmund einzugehen. „Sie verbirgt etwas … Anscheinend hat sie ein gesteigertes Interesse an magischen Wesen.“ Sie steckte ihren Zauberstab wieder ein und rieb sich nervös die Hände. „Ich … weiß nicht, was sie plant … aber es ist nichts Gutes.“

    „Ich sage, wir sollten sie über Bord schmeißen. Das Mädchen macht mehr Ärger als es uns nützt“. Nelli rümpfte die Nase und Esther musste zugeben, dass sie den Vorschlag nicht schlecht fand, aber eine Prinzessin warf man nicht einfach ins Meer. „Wir übergeben sie ihrer Familie und sind sie dann los“, warf Trevor ein und erhielt ein Nicken seitens Edmund.

    „Und kassieren dafür den Finderlohn“, schlussfolgerte dieser.

    „Braucht sie dafür beide Hände?“, wollte Nelli wissen und es klang absolut nicht ironisch.

    „Ja!“, hielt Edmund dagegen.

    Esther blickte verwirrt von einem zum anderen. Es erstaunte sie, dass niemand hinterfragte, wieso sie Cecilia nicht vertraute.

    „Wir sollten sie so lange einfach in dem Zimmer lassen. Was will sie tun? Noch einmal bekommt sie nicht die Gelegenheit, uns zum Narren zu halten“, warf Trevor ein und sah in die Runde.

    Esther streifte ihn nur mit einem Blick von der Seite, viel zu schwer fiel es ihr, ihm ihre komplette Aufmerksamkeit zu geben. Einerseits lag das an dem bitteren Beigeschmack, welches das Gespräch mit Cecilia auf ihrem Gemüt hinterlassen hatten, andererseits bekam sie die Geschehnisse während des Sturms nicht aus dem Kopf.

    Sie war froh, dass die Wirkung des Trankes dank Nellis Heilmittel verflogen war und sie beide sich nicht mehr mit den benebelten Geistern der Männer herumschlagen mussten, wobei Edmund der bedeutend nervige Part dabei übernahm. Dieser Dichterei konnte sie nichts abgewinnen.

    Gut, dass ich nichts davon getrunken habe … nicht, dass ich noch angefangen hätte, zu singen. Das kann sich wirklich niemand anhören!

    „Ein Bannzauber hindert sie daran, die Kajüte zu verlassen. Außerdem habe ich das Schloss bereits magisch verriegelt“, erklärte Esther kurz, bevor ihre Gedanken endgültig abdrifteten. „Aber so kann niemand ohne meine Hilfe hinein … Falls jemand also dagegen ist …“

    „Ich habe damit kein Problem“, meinte Trevor und sorgte damit wieder dafür, dass Esther ihn musterte.

    Erneut kreisten ihre Gedanken darum, wie sie gemeinsam dem Sturm getrotzt hatten. Und was er gesagt … und … erneut … getan hatte.

    Ihr war durchaus bewusst, dass es nur dem Trank entsprungen war. Es war keinesfalls Liebe, aber in diesem Moment hatte sie gespürt, dass er für sie beinahe alles tun würde. Nur, warum?

    Trevor bedeutete ihr mittlerweile so viel, dass sie sich ohne zu zögern für ihn einsetzen würde. Ging es ihm andersherum möglicherweise genauso?

    Bedeutete sie ihm vielleicht auch so viel?

    So etwas kannte sie nicht. Ihre Leibgarde schützte sie, so wie es ihnen möglich war. Aber das taten sie, weil sie dafür bezahlt wurden und es ihre Pflicht war.

    Nichts davon traf auf Trevor zu.

    Und dennoch hatte er bisher nicht ein einziges Mal gezögert, Gefahr von ihr abzuwenden. Oder war es doch nur, weil sie eine hilflose Frau war?

    Zumindest war ich die meiste Zeit nicht gerade von Nützen …

    „Dann lassen wir sie da verhungern? Unerwartet grausam ... gefällt mir.“ Nelli grinste und unterbrach mit ihrem Einwand Esthers Gedankengang.

    Sofort schüttelte sie den Kopf. „Natürlich nicht. Wie werden sie weiter versorgen, aber egal, wer das übernimmt … derjenige wird von mir begleitet.“

    Edmund sah sie an. „Warum? Hältst du mich für blöd genug, nochmal auf sie hereinzufallen?“

    Sie schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich muss euch die verdammte Tür aufmachen!“ Außerdem war sie ohnehin nicht wild darauf, erneut mit Cecilia ein Wort zu wechseln. Am besten sollte man ihr das Essen durch eine Luke hereinreichen.

    „Warum überhaupt der Bannzauber? Entkommen, kann sie nicht. Wir sind auf einer Nussschale mitten auf dem Meer. Abgesehen davon, wird eine Adlige kaum mit einer Axt durch eine Tür brechen. Ein Schlüssel reicht ja wohl.“, warf Edmund ein.

    Sie schluckte schwer. Er hatte nichts begriffen. Wieso verstand er es denn nicht?

    Angespannt blickte sie auf den Boden.

    Ich will euch doch nur beschützen!

    Wieso merkte das niemand?

    „Edmund hat nicht unrecht. Vielleicht sollten wir noch zusätzlich ein Vorhängeschloss anbringen, dann muss Esther den Zauber nicht ewig aufrechterhalten“, pflichtete Trevor ihm bei, was Esther dazu brachte, kurz die Augen zu schließen.

    „Und wenn sie flieht und dabei versehentlich über Bord fällt ... können wir es auch nicht ändern.“ Edmunds Stimme tat ihr förmlich weh im Kopf. Dabei war sie weder sauer, noch waren die Einwände unberechtigt.

    Ja, der Zauber verlangte einiges ab, aber das war es ihr wert. Cecilia war unberechenbar und sie wollte auf keinen Fall, dass jemanden etwas geschah, nur weil Esther sich ausgeruht hatte.

    Nelli kicherte. „Das wäre natürlich ein tragischer Unfall ...“

    Wie konnten sie in der Situation noch Witze darüber reißen? Es konnte doch nicht sein, dass sie als Einzige bemerkte, dass etwas mit der Prinzessin nicht stimmte.

    Aber es war nicht nur das, was Esther beinahe wahnsinnig machte …

    Thomas … und die Relikte.

    Edmund wiegte den Kopf. „Sehr tragisch … denk an das Geld!“

    Es hörte keiner auf sie. Warum auch? Sie war ja nur die dumme Gräfin mit dem Zauberstab.

    Ob jemand bemerkte, wie sie den Zauberstab hinter ihrem Rücken berührte, wusste sie nicht. Jedenfalls ließ sich niemand was anmerken, oder fragte direkt nach. „Ich habe den Bannzauber und die Verriegelung der Tür aufgehoben“, sagte sie, ohne auf den Rest des Gespräches, welche sie ohnehin nur mit einem halben Ohr verfolgt hatte, einzugehen. „Die Tür war bereits mit einem Schloss abgeschlossen.“

    Dann werden wir abwarten müssen, was Cecilia plant … Trotz dessen, auf ihre Zauber keinen Wert gelegt werden, würde sie die Prinzessin im Auge behalten. So gut es jedenfalls ging.

    Und bevor irgendjemand wieder das Thema auf Cecilia lenkte, sagte Esther schnell: „Da ist aber noch etwas, was ich euch erzählen muss.“

    Alle sahen sie wieder nur abwartend an.

    „Erinnerst du dich an den Stein, den du mir gegeben hast?“, fragte sie schließlich an Trevor gewandt.

    Dieser musste anscheinend kurz darüber nachdenken, nickte dann aber.

    „Ich habe eine exakte Zeichnung des Steins in Thomas Buch gefunden“, erklärte sie. Leider hatte sie die Notizen in der Küche liegen gelassen. „Wenn man den Schriften Glauben schenken kann, handelt es sich dabei um eines der Relikte … und zwar um das Auge von Zyredon.“ Beinahe hätte sie aus Gewohnheit Zydderfon gesagt. „Ich glaube, Thomas ist auf der Jagd nach den Relikten.“

    „Das Ding von dem Gnom kann also wirklich was ...“, murmelte Trevor wie zu sich selbst

    „Uns einen Irren auf den Hals hetzen, der aussieht wie ein durchgekauter Ghul?“, spottete Edmund und meinte anscheinend Thomas.

    Gnom … Ghul …?

    Esther runzelte die Stirn. Offenbar war ihnen der Ernst der Lage nicht bewusst, aber sie war jetzt auch nicht in der Stimmung, den mahnenden Zeigefinger zu heben. Das hatte sie schon bei Cecilia versucht und war gescheitert.

    „Vielleicht werde ich noch schlau aus den Notizen und kann noch Informationen sammeln.“ Sie zuckte die Schultern. „Und … übrigens glaube ich, dass sich zwei Magier auf der Telara befinden.“

    Die zweite Hälfte des Satzes ließ sie so beiläufig klingen, als hätte sie jemanden faden Nachtisch serviert.

    Und da auch niemand weiter darauf einging, beließ sie es dabei.

    Jetzt konnte ihr aber zumindest später niemand vorhalten, sie hätte nichts gesagt. Und das betraf sowohl Thomas als auch Cecilia.

    Allerdings … wenn sie ehrlich sein sollte, wusste sie selbst nicht, was sie mit den Informationen anfangen sollte.

    Vielleicht mochte Thomas auch nur alten Ramsch …

    Bei dem Gedanken hätte sie beinahe gelacht. Die Vorstellung war so dermaßen absurd, es musste etwas dran sein, an dem, was in dem Buch stand.

    Edmund hat auf der Karte einen kleinen Hafen gefunden, den werden wir ansteuern, um unsere Vorräte aufzufrischen. Aber das wird noch einige Zeit dauern, bis wir da ankommen“, erklärte Trevor plötzlich wie aus dem Nichts.

    Esther begriff erst einige Herzschläge später, dass sie offenbar gedanklich irgendwann abgedriftet war und einen Teil des Gespräches nicht mitbekommen hatte. Offenbar ging es um den neuen oder alten Kurs? Und um Vorräte.

    Sie wusste, dass einige Fässer, die sie ob des Platzmangels auf dem Oberdeck gelagert hatten, beim Sturm über Bord gegangen waren. Deswegen war eine Pause auf jeden Fall richtig und notwendig. Außerdem konnten sie sich dann wieder einmal die Beine vertreten, ohne das ständige Schaukeln unter ihren Füßen spüren zu müssen.

    Und bis dahin konnte Esther noch darüber grübeln, wie sie mit ihrem Gedankengulasch umging. Cecilia, Thomas und auch Trevor klatschten sich in ihrem Hirn quasi im Vorbeigehen in die Hände und wechselten sich so ab, um sie ja nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Auf zwei davon würde sie allerdings liebend gerne verzichten.

  • Edmund stellte Esther einen Becher Tee vor die Nase. Die Magierin saß bereits die letzten Stunden vor Thomas‘ Tagebuch. Ihrer Aussage nach, um mehr über die Artefakte zu erfahren. Aber wenn Edmund eine Wette abschließen müsste, würde er eher darauf wetten, dass sie sich damit ablenken und Trevor aus dem Weg gehen wollte. Zumindest ging es ihm so mit Nelli. Lieber nicht über den Weg laufen, bis er wusste, wie er mit der Situation umgehen sollte. Obwohl er wusste, dass es an Cecilias Trank lag, so hatte er sich noch nie gefühlt. Irgendwie komisch, aber irgendwie auch … nicht. Blöderweise war das Schiff nicht sonderlich groß. Weshalb er auch mit Nelli zusammen in der Küche gestanden hatte.
    „Was soll das sein?“, fragte Esther misstrauisch. „Beruhigungsmittel?“
    Nee, Bestechungstee …
    „Es ist einfach nur Tee“, gab Edmund von sich. Mit beruhigender Wirkung, aber darüber nun mit Esther zu diskutieren, hielt er für wenig zielführend. Sollte Nelli das machen, er lieferte nur aus.
    Esther sah ihn weiterhin skeptisch an.
    „Was? Ich habe dir keinen Liebestrank untergejubelt, also warum schaust du mich an, als hätte ich es vor?“ Das Letzte, was er wollte, war eine verliebte Esther an den Hacken kleben zu haben. Oder Esther überhaupt.
    „Entschuldige. Danke für den Tee."
    Allem voran, war der Becher eigentlich für Trevor gedacht, aber der hatte sich geweigert, Tee von ihm anzunehmen. Also bekam Esther die Tasse. Aber das musste er ihr ja nicht unnötig auf die Nase binden. Und Nelli würde er das auch nicht sagen.
    Edmund hielt Esther die Hand hin und sah sie auffordernd an, damit sie ihm den Schlüssel für die beiden Schlösser an Cecilias Tür gab.
    „Ich will der Prinzessin vor meiner Nachtwache das Essen vorbeibringen.“
    „Von mir aus, ich komme mit und schließe dir die Tür auf.“
    Neeeeeein, ich kann dich nicht gebrauchen….
    „Du kannst mir den Schlüssel auch geben und ich schließe selbst auf. Dann kannst du mit...was auch immer du hier machst...weitermachen." Er hatte vor, der Prinzessin etwas auf den Zahn zu fühlen, das ging kaum, wenn eine genervte Esther hinter ihm die Hufe scharrte.
    „Kommt nicht in Frage. Entweder ich komme mit und schließe auf oder die Prinzessin muss hungern. Deine Entscheidung.“
    Ernsthaft? Wenn es nach ihm ginge, dann wäre er ganz bei Nelli: Sollte die Schnepfe doch im Zimmer verrotten und sterben. Aber sie war eben eine Schnepfe mit Einfluss und Geld und einen Herzog verärgerte man nicht, in dem man seine Tochter umbrachte. Und bei ihrem Glück fand er heraus, wer seine Tochter auf dem Gewissen hatte.
    „Ich weiß ja nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber ich kann mich durchaus verteidigen.“
    „Doch, es ist mir aufgefallen. Da ich aber die Schlüssel habe, kann das egal sein.“
    „Schlüssel können den Besitzer wechseln."
    „Nicht in diesem Fall.“
    Edmund seufzte. Gegen derart viel Sturheit kam nicht mal er an. Und Esther niederknüppeln, nur um an den Schlüssel zu kommen, um allein mit der Prinzessin zu sein, traute er sich auch nicht. Zwischen ihnen war schon genug dicke Luft. Dann musste er das eben an einem anderen Tag umsetzen. „Gut, dann komm eben mit." Er nahm das Tablett mit dem Essen und Esther dackelte ihm nach wie ein Wachhund mit extrem kurzer Zündschnur.
    Edmund schwieg eine Weile und musterte Esther von der Seite. Den Bannzauber wieder von Cecilias Gefängnis zu nehmen, war eine gute Entscheidung. Esther sah fix und fertig aus, Augenringe und bis zum nächsten Hafen war es noch ein Stück. Er hatte keine Ahnung von Magie, aber Esther hätte den Zauber vermutlich nicht bis dahin aufrechterhalten können. Auch, wenn sie es versucht hätte.
    Sturer Esel.
    Davon ab blieb es dabei: Cecilia war eine Prinzessin, kein Berserker, der mit einer Axt durch die Türe brach. Ein Schloss sollte sie aufhalten.
    „Wie geht es dir?"
    Esther sah ihn misstrauisch an, runzelte die Stirn.
    „Außer, dass uns ein verrückter Magier im Nacken sitzt, wir eine Kiste voll Relikte an Bord haben und eine an magischen Wesen interessierte Prinzessin nach Hause bringen müssen ... gut, wieso?"
    Danke, für die Zusammenfassung. Sei froh, dass nicht noch Mord an einer Prinzessin dazukommt …
    „Weil du Augenringe hast. Sieht nicht schön aus. Du solltest mehr schlafen und dir weniger Sorgen machen.“ Esthers Aussehen hat während der Reise gut gelitten…
    Esther nickte. „Vielleicht hat Nelli was für mich, was mich besser schlafen lässt.“
    Edmund balancierte das Tablett auf einer Hand und kramte mit der anderen in seiner Hosentasche. Er zog eine kleine Phiole heraus. „Versuch es damit."
    „Was ist das?“, fragte Esther skeptisch.
    Warum ist die blöde Kuh immer skeptisch, egal, was ich ihr gebe? Nimm einfach!
    „Es ist ein Schlafmittel.“
    „Wieso hast du Schlafmittel in deiner Hosentasche?" Weil das eigentlich für mich ist. Sie nahm die Flasche entgegen. „Ich werde es probieren, danke."
    „Ich habe es vorhin selbst gebraut...", meinte Edmund mit einem Grinsen. Ein wenig stolz war er auf den Umstand ja schon. Auch, wenn Nelli viel gemacht hatte. „Unter Nellis Anweisung natürlich." Was sowieso schon schlimm genug war, vor der aktuellen Situation aber nochmal deutlich schlimmer ….

    „Für ... mich?“
    Klar, alles für dich …
    „Eigentlich haben wir es gebraut, weil es einer der einfachsten Tränke ist, laut Nelli. Und ich nicht viel falsch machen kann. Aber die Wahl war zwischen einem Schlaftrank und irgendwas gegen stinkende Füße. Da hielt ich den Schlaftrank im Augenblick für nützlicher." Vor allem für mich nützlicher.
    Esther lachte. „Ja, dann lieber das Schlafmittel.“

    Sie kamen an Cecilias Tür an. Er wartete neben der Tür, bis Esther die Tür aufgeschlossen hatte. Dann betrat er das Zimmer, Esther blieb direkt hinter ihm wie eine hässliche Warze.
    Cecilia saß auf einem der Stühle und hatte, was auch immer gemacht. Als er und Esther ins Zimmer kamen, lächelte sie, dann wanderte ihr Blick zu Esther weiter. Kurz zuckte eine finstere Note durch ihre Augen, dann lächelte sie wieder.
    „Einen wunderschönen guten Abend, ich hoffe, Ihr habt Hunger“, meinte Edmund und stellte das Tablett auf dem Tisch ab. „Der Sturm hat uns einige Vorräte gekostet, aber das sollte Euch hoffentlich dennoch schmecken.“
    Cecilia erhob sich anmutig. „Oh, ich bin sicher, es wird schmecken. Noch besser würde es mir sicherlich an Deck schmecken. Es scheint eine klare Nacht zu sein.“
    „Ich fürchte, ich kann die anderen nicht dazu überreden, Euch an Deck zu lassen.“
    Cecilia schmollte und seufzte enttäuscht.
    „Fehlt es Euch hier an etwas?“
    „An Gesellschaft.“ Cecilia lächelte zuckersüß und der Glanz in ihren Augen war traurig.
    „So?“ Edmund lächelte charmant zurück. „Nun, ich kann ja hier bleiben, während Ihr esst.“ Und dich fragen, was du mit magischen Wesen so vor hast. Trevor bekommst du nicht!
    „Ich bring Euch ein Buch“, mischte sich Esther mit kühler Stimme ein und zog Edmund wieder durch die Tür nach draußen. Sie schloss die Tür ab.
    Edmund hob die Augenbrauen und sah Esther auffordernd an.
    Esther hob nur die Nase und ging den Flur zurück. Ihm entging jedoch nicht, dass ihre Fäuste geballt waren und sie nicht zu ihrem Zimmer, sondern zum Deck lief.
    Es gab nun zwei Möglichkeiten: Es kümmerte ihn nicht und er ging zurück in die Küche. Oder es kümmerte ihn nicht, aber er fragte dennoch nach und entging damit einer weiteren seltsamen Stille mit Nelli in der Küche.
    Edmund folgte Esther.
    „Du machst dir viel zu viele Sorgen um alles. Wir sind ein Team." Dann konnten sie sich kollektiv Sorgen machen und alles war noch viel schlimmer, weil sie sich in die Sache hineinsteigerten.
    Okay, mach dir lieber allein Sorgen, dafür schlafe ich ruhig…
    „Ich versuche es, aber ich habe euch auch was versprochen."
    „Versprochen?", fragte Edmund verwirrt und aus seinen Gedanken gerissen.
    Esther wich ihm aber aus. „Ich versuche es, reicht das fürs Erste?"
    Interessierte es ihn genug, um nachzubohren?
    „Mehr verlangt niemand." Er lächelte. Es interessierte ihn. „Weißt du, ich bin sicherlich kein Experte, wenn es um Freundschaften geht, aber ich schätze die Situation heute ist eine andere als vor ein paar Monaten, als wir uns kennengelernt haben. Also: Wenn du mal reden willst, höre ich zu. Keine Ahnung, ob ich dann hilfreiche Lebensweisheiten habe, aber zuhören kann ich zumindest. Hilft vielleicht auch beim Einschlafen. " Und vielleicht habe ich dann etwas, das ich gegen dich verwenden kann.
    „Danke, das weiß ich zu schätzen ... wirklich.“ Esther grinste. „Aber bitte, fang nicht an, Gedichte aufzusagen."
    „Erstens: Autsch. und zweitens: meine Gedichte sind grandios, klar?“
    „Ich habe eine Abneigung gegen Gedichte. Zu viele alte Männer haben damit versucht, meine Aufmerksamkeit zu bekommen.“
    Edmund wog den Kopf. „Schön, dass du mich mit einem alten Kerl vergleichst."
    Esther kicherte. „So war das nicht gemeint. Aber ... Ich kann es einfach nicht mehr hören. Und jedes Mal, wenn ich ein Gedicht höre, muss ich an diese absurden Momente denken."
    Mittlerweile waren sie an Deck angekommen. Er lehnte sich an die Reling und betrachtet sie nachdenklich, grinste dann und sang: „Liebe Freundin, hör mir zu, ich hab heut einen Clown im Schuh. Liebe Freundin, lach nur laut, denn Lachen ist, was uns erbaut. Vergiss den Kummer, sei bereit, für Freude und für Heiterkeit!“
    Esther blickte ihn kurz an, dann lachte sie laut los. „In Ordnung, DAS habe ich noch nie gehört."
    Edmund grinste. „Also kein alter Sack, der dir ausgelutschte Gedichte vorträgt? Was erwartest du dann von einem Mann?"
    Wieder dieser skeptische Blick. Dabei hatte er ihr diesmal gar keinen Tee angeboten. „Das willst du wissen?"
    „Sonst hätte ich nicht gefragt." Was ist falsch mit dir?
    „Ich wüsste nicht, was dich das angeht ...“
    Dass man ihr auch alles aus der Nase ziehen musste. Er lächelte charmant und neigte den Kopf. „Hast du Angst, dass ich dich dafür auslache? Werde ich nicht.“ Jedenfalls nicht sofort. „Es interessiert mich einfach nur."
    „Nun, ich habe noch nie richtig darüber nachgedacht ... Aber ich schätze, mutig sollte er sein, Humor haben, treu sein und er dürfte kein Problem damit haben, die zweite Geige in der Grafschaft zu spielen. Er sollte in der Lage sein, mich schützen können ... Auch, wenn ich mich selbst beschützen kann“, sie grinste, „gutes Aussehen wäre selbstverständlich auch ganz nett.“ Esthe schüttelte verlegen lächelnd den Kopf. „Warum erzähle ich dir das überhaupt ..."
    „Also Trevor“, fasste Edmund zusammen.
    „Wie bitte?"
    Edmund zählte an den Fingern mit, hob sie vor Esthers Nase. „Mutig, humorvoll, treu, sieht gut aus, kann dich schützen und ordnet sich Entscheidungen auch mal unter."
    „Trevor ist ohne Frage ein guter Mann. Jede Frau kann sich glücklich schätzen, ihn an ihrer Seite zu haben“, sie nickte, „Und er verdient eine Frau, die ihm das dankt und die gleiche Wertschätzung entgegen bringt."
    Wow … Edmund hob die Augenbraue und musste sich das Lachen verkneifen. „Ist er so ein schlechter Küsser, hm?"
    „Bitte was?" Esther runzelte die Stirn. „Trevor hat es dir also erzählt?"
    „Mehr oder weniger." Er zuckte die Schultern. Er hatte mit Trevor gesprochen, viel hatte er nicht gesagt, aber den Sturm zusammengefasst und den Rest konnte er sich denken. Da Esther es nicht leugnete … „Also? Ich verspreche auch, dass ich mich nicht lustig mache."
    „Das geht dich wirklich nichts an, Edmund.“
    So schlecht also….
    Er zuckte die Schultern. „Also suchst du einen Trevor."
    „Ich suche gar keinen Mann." Sie zuckte ebenfalls die Schultern. Entweder weil er einen Punkt getroffen hatte, oder es ihr wirklich egal war. So wie er Esther kannte, wohl eher letzteres.
    Aber solche Gespräche entspannen den Kopf mehr als darüber nachzudenken, was das Auge von Zyredon kann."
    „Das mag schon sein, aber es ziemt sich für mich nicht, darüber zu reden“, sie lächelte kurz und lehnte sich ebenfalls an die Reling. „Außerdem weiß ich schon, was das Auge kann."
    „Es ziemt sich auch nicht als Tochter eines Grafen und als einzige Erbin einer Grafschaft mit zwei alleinstehenden Männern über die Meere zu segeln. Also über den Punkt bist du hinaus."
    Esther wo den Kopf, nachdenklich. „Das stimmt." Dann schüttelte sie bestimmt den Kopf und worüber auch immer sie nachgedacht hatte, ab. „Nimm es mir nicht übel Edmund, aber ich werde dir nichts erzählen. Irgendwann vielleicht, aber nicht jetzt."
    „Spielverderberin... aber gut. Was kann das Auge?“
    „Es lässt denjenigen, der hineinsieht, nichts anderes als die Wahrheit sagen.“
    „Großartig, halt das Ding bloß fern von mir.“
    „ich glaube, es ist für alle besser, wenn die Relikte in der Kiste bleiben“, meinte sie.
    Was man wohl alles mit dem Stein herausfinden könnte? Vielleicht wäre es doch ganz witzig, den anderen das Ding mal unter die Nase zu halten und unangenehme Fragen zu stellen.
    Esther hob die Augenbraue und sah Edmund an. „Ich habe die Kiste versiegelt, da kommt außer mir keiner ran.“
    „Pff“, stieß Edmund aus. „Du bist echt langweilig.“
    Esther zuckte die Schultern.
    „Aber man muss ja wissen, ob der Stein funktioniert, also könnten wir ihn doch bei Cecilia test-“ Er hielt inne, als er einen Schatten aus dem Augenwinkel sah, der sich hinter Esther über die Reling schob. Reflexartig griff er nach Esther, wollte sie wegziehen. Doch in dem Moment wurde das Schiff zur Seite gerissen und schwanke derart heftig, dass er sie schubste und dabei selbst über die Reling rutschte. Etwas packte ihn am Bein und zerrte ihn vom Schiff ins Wasser. Er wollte sich noch an der Reling festhalten, aber die Kraft war zu stark. Das letzte, was er höre, war Esther, die laut aufschrie.

    Er strampelte verzweifelt, um ihn herum nur Wasser, lediglich durchleuchtet vom Mondlicht. Als er um sich sah, erkannte er einen riesigen Schatten, der sich abzeichnete. Es dauerte einen Moment, bis er realisierte, dass das wabberten Gebilde um den Schatten herum Arme waren. Und einer dieser Arme hatte sich um sein Bein geschlungen und zog ihn unter Wasser. Ein Krake! Riesengroß und im Begriff ihn zu fresse!
    Warum immer ich?!
    Edmund versuchte seinen Fuß zu befreien. Warum traf es eigentlich immer ihn? Das Vieh hätte auch Esther nehmen können!
    Verdammter Mist! Das Vieh hatte Esther gewollt und er hatte sich dazwischen geworfen!
    Der Tentakel umschlang ihn und zog ihn näher, bis er ein riesiges im Mondlicht leuchtendes Auge sah, die Pupille musterte ihn.
    Was soll das? Vorher noch anschauen, was man frisst, oder was? Ich sehe vielleicht köstlich aus, aber das sind nur Knochen. Du spürst mich nicht mal, wenn du mich kaust.
    Der Tentakel schwenkte ihn durchs Wasser als würde er versuchen mit ihm Fische zu erschlagen.
    Hör auf mit dem Essen zu spielen!
    Sofort wurde er losgelassen. Etwas überrascht, orientierte er sich und schwamm nach oben. An der Wasseroberfläche holte er Luft. Er blickte sich um, Wellen schlugen, Blasen tauchten auf. Das Schiff war in einiger Entfernung.
    „Scheiße!“
    Ob ich schneller schwimme, als ein Krake?
    Die Frage beantwortete sich, als er erneut gepackt wurde.
    Hör auf damit!
    Wieder schwenkte der Krake ihn. Warum fraß er ihn nicht einfach?
    Er wurde unter Wasser gezogen, dann wieder an die Oberfläche.
    Jetzt hör doch mal auf, mir wird schlecht!
    Er schwankte kopfüber vor dem riesigen Auge. Wieder musterte das Auge ihn. Edmund hob die Augenbraue. Die Panik verflog. Offenbar wollte das Vieh ihn nicht fressen. Aber was wollte es dann? Irgendwie kam ihm das Vieh bekannt vor. Die hässliche Visage hatte er doch schon mal gesehen … oder besser gesagt, den Rachen von dem Ding!
    Der Krake grummelte, Blasen stiegen aus dem Wasser auf, einer seiner Fangarme drang an die Oberfläche. Oder besser was, was davon übrig war. Ein Teil des Tentakels fehlte. Die Wunde wirkte noch frisch.
    Du bist verletzt.
    Der Krake grummelte, schwenkte ihn über dem verstümmelten Tentakel herum.
    „Ja, schön, toller Arm!“
    Der Krake grummelte lauter, schwenkte ihn mehr. Bildete er sich das nur ein? Oder wollte das Veh wirklich auf seine Wunde aufmerksam machen und suchte Hilfe?
    „Was willst du, Krake? Ich bin kein Heiler, schwenk doch die Hexe herum.“
    Er wurde wieder stärker geschwenkt.
    „JA! Ist ja gut! Aber du musst mich zum Schiff zurückschwimmen lassen!“
    Ließ er nicht. Stattdessen zog das Vieh ihn wieder unter Wasser, schlug Wellen und Strudel und er wurde mitgeschleift. Als nächstes wurde er aus dem Wasser herauskatapultiert und flog durch die Luft. Ehe er weibisch schreiben konnte, knallte er irgendwo gegen Holz, hörte seinen Namen und dann ein Aufstöhnen, als er gegen einen Schrank prallte, über das Deck rollte und an der gegenüberliegenden Reling zum Liegen kam.
    „Autsch“, kommentierte Trevor.
    Edmund rappelte sich auf. Er war wieder auf dem Schiff. Trevor halb unter ihm, halb zwischen ihm und der Reling. Offenbar hatte er ihn aufgefangen. Oder zumindest den Sturz abgefangen.
    „Danke.“
    Trevor grummelte.
    „Geht es euch gut?“ Esther trat an sie heran, ehe sie plötzlich aufschrie. Das Schiff schwankte und geriet in starke Schräglage, sodass Esther fiel. Edmund hielt sich an der Reling fest, während Trevor Esther festhielt.
    „Ich hab Besuch dabei“, gab Edmund kühl von sich, als sich der riesige Krake über die Reling zog und sie alle aus seinem großen Auge musterte. Sofort sprang Trevor auf die Beine, zog den Säbel. Edmund hielt ihn zurück und schob sich vor Nelli.
    „Bist du nun Freund oder Feind?", fragte Trevor.
    Was soll denn die Frage? Er dachte kurz nach. Ist das der Krake von dem Trevor erzählt hat? Der ihnen angeblich während dem Sturm geholfen hatte Er hatte ihn für irre gehalten, verzaubert von dem Trank. Was war, wenn es stimmte? Andernfalls wäre er ja tot. Oder? Aber warum … ?
    „Er ist verletzt“, meinte Edmund und wrang sich das Hemd aus. Er war klatschnass und die Haare klebten ihm in der Stirn. „Er will Hilfe.“ Als hätte der Krake ihn verstanden, schwenkte er seinen verletzten Tentakel auf das Deck und klatsche ihn vor seine Füße. „Bitte sag, dass du ihm helfen kannst, Peternella.“ Er wollte nicht wissen, was das Vieh mit ihnen machte, wenn sie es nicht konnten. Das Auge des Kraken musterte sie alle aufmerksam, während Nelli den verwundeten Arm von weitem musterte. Esther hielt ihren Zauberstab in der Hand, auf den Kraken gerichtet.
    Neli zog die Augenbrauen hoch. „Was hat er denn?“ Sie kam näher, streckte vorsichtig die Hand nach dem Kraken aus. Der Krake zog den Arm weg, als sich Nelli näherte, schlug sogar nach ihr.
    Edmund ging dazwischen, ehe er darüber nachdenken zu können. Weil das schon mal so gut geklappt hat. „Sie will dir helfen!“
    Der Krake grummelte unzufrieden.
    „Na hör mal! Du kannst froh sein, dass wir dir überhaupt helfen! Du hast mich beinahe ertränkt. Und meine Frisur zerstört!“
    Der Krake wich getroffen etwas zurück, kroch dann mit dem Tentakel wieder etwas auf ihn zu.
    „Ich will dir nur helfen!" Nelli hob beide Hände. Der Krake musterte sie durch sein großes Auge.
    „Wenn du doch keine Hilfe willst, dann hau ab.“ Edmund funkelte den Kraken finster an, obwohl ihm der Arsch auf Grundeis ging.
    Der Krake schob Nelli den verletzten Tentakel zu. Sie betrachtete ihn von weitem. „Da werde ich Kräuter brauchen.“ Sie ging und während sie weg war, wich keiner von ihnen auch nur einen Zentimeter von der Stelle. Die Situation war milde ausgedrückt: komisch. Das Schiff hing schief im Wasser, Trevor und Esther hielten ihre Waffen griffbereit, der Krake hing an der Reling, wie hässliche Deko und alle starrten sich gegenseitig an.
    Nelli kam zurück und näherte sich dem Kraken erneut. Der wich zurück, grummelnd.
    „Du solltest deinem Freund mal sagen, dass ich ihm nur helfen kann, wenn er mich ran lässt. Oder du musst das selbst machen."
    „Ich?“ Edmund sah sie an. Die Alte hat ja wohl den Verstand verloren. Und das von ihm, der vor ein paar Stunden noch irgendwelche Gedichte gesalbt hatte, um Nelli – eine uralte Hexe – anzumachen. „Du bist die Heilerin.“
    Der Krake grummelte, legte ihm den Tentakel vor die Füße.
    „Das ist dein Freund. Und er möchte nicht von mir angefasst werden.“
    „Er ist nicht wirklich mein Freund“, grummelte Edmund genervt.
    „Jetzt kümmer dich schon drum. Ich sag dir, was du tun sollst.“
    „Hast du dir das Vieh mal angeschaut?! Das fasse ich nicht an!“ Für die Aussage kassierte er ein tiefes beleidigtes Brummen von dem Krake und den Stoß eines Tentakels direkt in seinen Bauch.
    „Es lässt sich aber von mir nicht helfen! Jetzt stell dich nicht so an. Er braucht Hilfe, aber vertraut dir mehr als mir.“
    Das ist ja nicht mein Fehler …
    Edmund seufzte und hielt die Hand auf, damit Nelli ihm alles in die Hand drücken konnte.
    „Wehe du bringst mich um.“ Er blickte den Kraken böse an, ehe er sich ihm vorsichtig näherte und vor den Tentakel hockte. Unter Nellis Anleitung versorgte er die Wunde des riesigen Viehs. Anfangs wollte er die Haut des Dings gar nicht berühren. Aber der Krake war weniger schleimig und matschig als er erwartet hatte. Tatsächlich fühlte er sich auch nicht anders an, als jeder andere Fisch, nur eben nicht tot. Er folgte Nellis kleinlichen Anweisungen so gut er konnte, beträufelte die Wunde mit der Flüssigkeit und salbte sie ein. In der Zeit umrundete Trevor den Kraken und musterte ihn von beiden Seiten. Die Augen des Kraken folgten dem Piraten. Und gleichzeitig Edmund Versorgung.
    Als er fertig war, lehnte er sich zurück.
    „Das dauert jetzt ein bisschen, aber dann sollte die Wunde auch schließen. Gut gemacht.“
    Toll ein Lob von der Hexe … Viel schlimmer, dass es ihm gefiel.
    Der Krake bewegte den Tentakel. Dann wickelte sich plötzlich ein anderer um ihn und drückte ihn, schüttelte ihn leicht. Während ein Tentakel Nelli kurz tätschelte.
    „Ist ja gut! Freut mich, wenn wir helfen konnten.“
    Der Tentakel ließ von ihm ab, das Auge musterte ihre Gruppe weiter und der Krake stieß ein tiefes, dankbares Brummen aus. Er schlang sich um das Schiff und kurz glaubte Edmund, dass er sie nun doch zerdrücken und fressen wollte. Aber nichts davon geschah. Das Vieh hielt sich einfach nur fest, schleppte sich weiter an Deck.
    „Hey! Du kannst hier nicht drauf!“, rief er. Der Krake verharrte, das Auge richtete sich auf ihn. „Ähm … du bist zu schwer und groß.“ Der Krake grummelte beleidigt. „Ist mir egal! Geh zurück!“ Der Krake grummelte erneut. „Du versenkst uns noch.“ Der Blick des Kraken wirkte beleidigt, aber er rutschte wieder ins Wasser zurück. Bei jeder Bewegung schwankte das Schiff bedenklich.
    Was tat er da eigentlich? Warum sprach er mit dem Vieh, als würde er ihn verstehen? Nachdenklich kratzte er sich am Kopf. Bildete er sich das nur ein, oder reagierte er wirklich auf ihn? Beobachtete er ihn? Hörte er auf ihn?
    Im nächsten Hafen musste er unbedingt den Schnapsvorrat auffüllen...Zum Glück waren es nur noch ein paar Tage...



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

    • Offizieller Beitrag

    Es war eine seltsame Stimmung an Bord, bis das Schiff anlegte
    Trevor ging gekonnt Esther aus dem Weg. Nicht, weil er es wollte, aber er merkte, dass sie sich seit der Nacht an Deck – mit dem Trank – in seiner Gegenwart unwohl fühlte. Und wer konnte es ihr verübeln? Er wusste selbst nicht, was er über die Nacht denken sollte – und nun hatten sie einen Kraken als Begleitschutz. Einen Kraken!
    Trevor tat seine Arbeit, aber ein wenig kam er sich neben dem riesigen Ungetüm redundant vor. Der Kraken konnte das Schiff lenken, war Schutz genug. Und dieses Gefühl aus der Nacht. Fühlte es sich so an, verliebt zu sein? Diese eine Person vor alles zu stellen? Es war vermutlich nur ein Schatten dessen, was die Wahrheit beinhaltete. Oma betonte, dass er irgendwie in sich gekehrt wirkte, aber, er musste doch nicht immer gesprächig sein, oder!? Selbst ein Kerl wie er brauchte einmal Zeit für sich.
    Cecilia interessierte ihn mittlerweile recht wenig. Esther und Edmund hatten sie unter Kontrolle. Nelli ebenso. Es brauchte keine letzte Instanz gegen eine Frau. Deswegen verabschiedete sich Trevor für einen Moment, nachdem sie am Hafen von Weitfels angelegt hatten. Einer der wenigen Stationen, bis sie Cecilias Heimat erreicht haben sollten.
    Edmund würde sich um die Vorräte kümmern. Er besaß besseres Verhandlungsgeschick als Trevor – und das, obwohl er ihn für erhöhten Preis ersteigert hatte. Aber, wenn es wichtig war, sollte Edmund in dieser Aufgabe glänzen.

    Trevor verließ das Schiff. Aber bevor er das tat, trat Nelli an Deck. Allein hörbar durch ihren Gehstock.
    Tu nichts Dummes!“, mahnte sie ihn, worauf er zunächst nur mit einem Lächeln reagierte. Aber, nachdem sie ihren Blick nicht abwandte, sagte er: „Ich doch nicht!“
    Er wusste nicht, wonach er suchte, aber Hauptsache, er konnte erst einmal Abstand gewinnen. Vielleicht würde dann auch Esther anders auf ihn reagieren. Zudem hingen ihnen Gefahren im Nacken. Er musste versuchen, einen klaren Kopf zu bekommen. Und wenn nicht für sich, dann für die anderen.
    Er suchte die Hafenschenke auf und verbrachte einige Zeit darin. Allein. In Gedanken versunken trank er sein Ale, bis ihn eine junge Frau ansprach ...

    Der Duft von Lavendel hing noch im Raum, während sich Trevor aufrichtete und sich über sein Gesicht fuhr. Die Nacht hatte anders geendet als von ihm beabsichtigt, aber darüber war er nicht wirklich traurig. Warum sollte er auch? Auf der Suche nach diesem Gefühl, das er verspüren wollte, dessen war sich inzwischen gewahr, hatte er dieses zwar in dieser Nacht nicht gefunden, aber etwas Ähnliches. Zumindest kam es dem nahe. Der Alkohol, den er getrunken hatte, hatte ausgereicht, ihm seine Scheu etwas vergessen zu lassen, aber ihn nicht komplett zu benebeln. Es war anscheinend das richtige Maß gewesen, bevor ... Eine Hand fuhr über seinen Rücken und zog kurz sanft an seinem Zopf.
                    „Willst du nicht lieber bleiben?“, fragte die junge Frau hinter ihm und richtete sich ebenfalls auf. Sie schlang die Decke um ihre nackten Körper und küsste sacht die Narben auf seiner Haut.
    Trevor lachte leise. „Das ist nicht möglich, selbst wenn ich es wollen würde.“
                    „Also willst du nicht?“
    Er drehte sich etwas zu ihr herum, nahm ihre Hände zusammen und küsste ihre Fingerknöchel. „Die Zeit dazu ist noch nicht gekommen, wenn sie denn jemals kommt.“
                    „Ich verstehe ...“, antwortete sie und legte einen gespielt schmollenden Blick auf. „Das ist zu schade. An diese Dinge, die du getan hast, könnte eine Frau sich gewöhnen.“
    Wieder entwich ihm ein leises Lachen. „Ich bin mir sicher, dass das auch andere können.“
                    „Wenn du so jemanden kennst, dann schick ihn zu mir.“
    Trevor ließ ihre Hände los und fischte nach seiner Hose. Er stand auf und zog sich an. „Ich werde es im Hinterkopf behalten“, versprach er lächelnd.
                    „Ich hätte einem Mann deiner Statur nicht so zärtliche Berührungen zugetraut, wenn ich ehrlich bin“, fügte sie hinzu und suchte nach ihrem Kleid. Es lag beinahe unter dem Bett, weshalb Trevor es für sie aufhob und ihr reichte.
                    „Du solltest ein Buch eben nicht nach seinem Einband bewerten“, antwortete Trevor.
                    „Oh, das habe ich sicherlich nicht. Sonst hätte ich dich für einen rüpelhaften Barbaren halten müssen.“
                    „Danke ...“
                    „Deine Narben sprechen eine eindeutige Sprache. Das sind Verletzungen von Waffen. Also entweder bist du ein Soldat oder ein Verbrecher. Ich hoffe auf Ersteres, ansonsten hätte ich viele Fragen.“
                    „Bei einem Soldaten nicht?“, wollte Trevor wissen.
                    „Nein, das würde zu dir passen. Zu deinem Charakter. Bei einem Verbrecher ... Ich glaube nicht, dass ein Verbrecher das mit seinen Händen könnte, was du getan hast.“
                    „Aye, Diebe sollen ja sehr fingerfertig sein.“
    Sie warf eines ihrer Kissen nach ihm. „Also ein Seemann ...“
    Lachend fragte Trevor, was ihn verraten hatte, obwohl er es wusste und fing das Kissen. Er legte es auf den Stuhl neben sich.
    Dorothea warf indes ihr langes brünettes Haar nach hinten und versuchte, es zu sortieren. Sie war hübsch, egal, ob ihr das Haar zu Berge stand oder nicht. Ihre haselnussbraunen Augen funkelten ihn im wenigen Licht des Zimmers an. Es war leicht für ihn gewesen, ihr nachzugeben, da sie weder hässlich noch dumm war. Sie war eine Frau, die wusste, was sie wollte – und an jenem Abend war es anscheinend er gewesen. Sie war die Tochter eines wohlhabenden Bauern, der gerade einige Orte weiter, eine Rinderzucht besuchte, weshalb Dorothea wenig Probleme damit hatte, Trevor zu ihr einzuladen.
                    „Ich muss jetzt gehen!“, wandte Trevor ein, und sie stand auf. Die Decke um sie gehüllt, obwohl Trevor in jener Nacht ohnehin alles von ihr gesehen hatte.
                    „Wenn du dich wieder hierher verirrst, lass es mich wissen“, meinte sie und küsste Trevor noch einmal zum Abschied. Ihr Kuss war deutlich etwas anderer Natur als seine Ersten. Es war gänzlich etwas anderes, wenn eine Frau einen Kuss erwiderte, als ihn starr vor Schreck hinzunehmen. Sie ließen ihn darüber nachdenken, Dorothea noch einmal ihre Decke zu entwenden, aber ... er musste zurück zur Revenge. Sein Fehlen war sicherlich aufgefallen.

    Trevor schlich früh am Morgen zurück. Er hoffte, dass noch niemand wach war.
                    „Morgen“, schallte ihm entgegen von Edmund, der in etwas Entfernung an der Rehling stand.
                    „Was?“, erschrak Trevor und ging weiter. „Ehm, morgen!
    Edmund hob seine Brauen.
                    „Du wirkst nicht betrunken.“
                    „War ich auch nicht ... sonderlich.“
    Edmund roch aus der Ferne an ihm. „Wie sah sie aus?“
                    „WAS?“
    „Wie sah die Hure aus?“
    „Es war keine Hure!“, dementierte Trevor.
                    „Dann nutzt du seit letztem Lavendel-Parfum?“
                    „Vielleicht!?“, antwortete Trevor vage.
    Edmund hob die rechte Augenbraue, bohrend und abwartend.
                    „Sie war brünett ...“, löste Trevor auf.
                    „Erzähl mehr“, bohrte Edmund weiter.
                    „Und nett ...“, gestand Trevor. „Und wollte, dass ich bleibe.“
    „Das wollen sie meistens, wenn man kein komplettes Arschloch ist“, meinte Edmund.
    Ja, und ich bin hier ... keine Sorge. Ich dachte, das Gefühl von letzter Nacht könnte ich schneller haben, aber so scheint das nicht zu funktionieren ...“
                    „Schneller?“, hakte Edmund nach.
    „Du weißt schon ...“
    „Welche Gefühle?“, wollte Edmund wissen.
    Liebe!“, gestand Trevor. „Das Gefühl, gewollt zu sein!
    Liebe findest du sicher nicht bei irgendeiner Dirne in einer Spelunke!
    Das war auch nicht Trevors Intension! Er wusste, dass er dort nicht viel zu erwarten hatte. „Du verstehst das nicht!“, meinte er deshalb.
                    „Das stimmt. Erklär es mir!“ Edmund lehnte sich lässig an die Reling.
                    „Vergiss es!“, meinte Trevor und lief weiter.
                    „Komm schon, ich will mich nicht lustig machen, sondern helfen.“
    Trevor zögerte. Er wusste nicht, inwiefern Edmund ihn nachvollziehen konnte. „Ich bin nur ein Mörder“, gestand Trevor. „Ich habe bestimmt tausend Menschen getötet, war immer eine Waffe, aber mal als etwas anderes angesehen zu werden, von einer Person, die dich will und braucht ...“
    „Also wie ich?“
    Trevor schaute fragend.
                    „Ich sehe dich auch nicht als Waffe.
    Trevor lächelte. „Aber das bin ich. Das ist auch nicht Schlechtes. Aber ich bin es nicht nur. Und das will ich kennenlernen“
    Edmund runzelte die Nase. „Schön, dass wir dir das Gefühl geben, das hier nicht kennenlernen zu können.“ Dann zuckte er die Schultern. „Aber gut, ich verstehe, was du meinst.“
    „Daran liegt es nicht“, meinte Trevor. „Es ist diese eine Person!
    Edmund grinste. „Wie wäre es mit Esther? Die hast du jetzt schon zwei Mal geküsst.“
    Diesmal lachte Trevor. „Ich glaube nicht, dass sie es so sieht!
    Ich frage ja auch nicht Esther, sondern dich!“
    „Sie ist hübsch, aber ... sind wir ehrlich, ein Graf bin ich nicht und ... nicht ihr Typ von Mann. Einer Frau wie ihr wäre ich nicht abgeneigt, aber, du weißt schon ...“
    „Du mochtest das Gefühl, das der Trank dir gegeben hat, also?“, wollte Edmund wissen.
    Trevor nickte.
    Edmund wirkte nachdenklich. „Meinst du echt, so fühlt sich Liebe an?“
    „Ich denke, es war nur ein Spiegel dessen. Es war ein Zauber, aber käme dem nahe, was ich tun würde.“
                    „Gut, wenn du das willst, dann helfe ich dir dabei, eine Frau für dich zu finden.“ Edmund wiegte seinen Kopf. „Also hübsch und klug wie Esther, aber bodenständiger und selbstständiger?“
    Beeilen wir uns nicht zu sehr damit. Ich bin ein Formwandler ...“ Trevor zwinkerte. „Behalte den Rest einfach für dich. Ich möchte nicht plötzlich auf Brautschau sein. Das hat Zeit, wie ich ... gesehen habe.“ Trevor umfasste fest Edmunds Schulter. „Lass uns erstmal weitermachen wie bisher.“
                    „Klar, aber ich halte Augen und Ohren offen für dich.
    Gähnend streckte sich Trevor und meinte zu Edmund, dass er noch etwas Schlaf nachholen müsste, denn Dorothea hatte ihn kaum schlafen lassen.
                    „Schlaf gut!“, rief Edmund ihm amüsiert hinterher, woraufhin Trevor einen Daumen hochhielt, ohne ihn anzusehen.
    Trevor begab sich unter Deck, wo ihm Esther entgegenkam. Aber sie sagte wie immer nichts. Sie schaute ihm aber mit verdutztem Blick nach.
    Trevor grinste, zuckte mit den Schultern und lief weiter.
    Er wünschte Oma noch eine gute Nacht, als er einen Blick in die Küche warf. Auch sie schaute ihn überrascht an. „Wo warst du denn? Ich wäre beinahe losspaziert, um nach dir zu sehen“, warf sie ein.
                    „Ich habe nur ein paar dumme Dinge gemacht ... drei Mal. Keine Sorge, es ist alles in Ordnung.“
    „Aha ...“
    Trevor gerade wollte zu seinem Zimmer, als er noch einmal Nellis Stimme hörte. „Was heißt denn drei Mal? Und wie viele Tote gibt es?“
                    „Keine ... Gute Nacht!“

    Nachdem Trevor sich etwas erholt hatte, sorgte er dafür, dass sie den Hafen verließen. Er kam nicht umhin, die Blicke zu bemerken, die er von Esther und Nelli erntete. Nur Edmund hatte ein schiefes Grinsen aufgelegt und nickte ihm häufig vielsagend zu. Damit musste er erst einmal leben, aber zumindest hob es seine Laune. Die Melancholie der letzten Tage war beinahe wie weggeblasen ...
    Hust ...

  • Die letzten zwei Tage hatte Esther gut geschlafen und sie hegte keinen Zweifel daran, dass das an Edmunds Schlafmittel gelegen hatte.

    Sie lehnte sich mit den Armen auf die Reling und sah hinab auf die wogenden Wellen. Seit ungefähr der gleichen Zeit begleitete sie nun auch dieser Kraken. Unglaublich …

    Mittlerweile schaffte sie es auch wieder, halbwegs normal mit Trevor umzugehen. Wie er sich dabei fühlte, mochte sie sich gar nicht vorstellen. Vermutlich hielt er sie für ein völlig Verrückte, dabei fühlte sie sich nur … ja … wie eigentlich?

    Den Duft von Lavendel hatte sie unweigerlich wahrgenommen und taub war sie auch nicht. Zwar hatte sie nur Bruchstücke mitbekommen, aber das war mehr als genug gewesen.

    Und da gab es einen kurzen Augenblick, in dem sich ihr der ganze Magen umgedreht hatte.

    Sie war nicht sauer oder verletzt … dazu hatte sie kein Recht. Und sie gönnte Trevor jeden Moment der Ruhe … obwohl Ruhe vermutlich das falsche Wort in Verbindung mit gewissen Aktivitäten war.

    An jenem Abend des Sturms wusste sie, dass Trevors Worte und vor allem der Kuss lediglich von einem Zauber herrührte. Sie war auch gewiss nicht so dumm zu glauben, dass es ihm mit irgendetwas davon ernst war.

    Aber ein Teil von ihr, ganz tief in ihrem Inneren, hoffte es.

    Sie zweifelte nicht daran, dass er sich schützend vor sie werfen würde … aber das war lediglich der Tatsache geschuldet, dass sie eine Frau und dazu eine Gräfin war. Für jeden von ihnen würde er sterben, damit der Andere leben konnte.

    Doch sie war gewiss nicht sein Mittelpunkt, nicht diejenige welche.

    Und auf eine unbestimmte Art bedrückte sie es.

    Er war der erste Mann, nach ihrem Vater, der sie wirklich wahrnahm. Auch wenn sie oft dumme oder naive Entscheidungen traf, begegnete er sie stets mit Respekt, was man von den meisten der Adligen, die mit einem Heiratsgesuch an sie herangetreten waren, nicht behaupten kann. Für die zählte stets nur eins: die Grafschaft.

    Sie schloss kurz die Augen und stieß den Atem aus. Für solcherlei Gefühlskrämerei hatten sie keine Zeit und außerdem würde das ohnehin zu nichts führen.

    Mit einem Ruck stieß sie sich von der Reling ab und ging unter Deck in die Küche, wo Edmund gerade aufräumte. Mit hochgekrempelten Ärmeln sortierte er seine Töpfe und Pfannen.

    „Du hast gewonnen“, meinte sie ohne begrüßende Worte und legte den Schlüssel zu Cecilias Kabine vor Edmund auf die Arbeitsplatte. „Wenn jemand herausfinden kann, was sie plant, dann du. Außerdem sollten wir darauf achten, dass sie in einem halbwegs ansehnlichen Zustand zuhause ankommt.“

    Edmund sah sie an, als hätte sie ihm gerade gestanden, seine Haare abrasiert zu haben. „Ein Lob? Von dir?“

    Schwer vorstellbar, ja. „Lass mich das nicht bereuen.“

    Immer noch zurückhaltend ergriff Edmund den Schlüssel, woraufhin sich Esther ein wenig nach vorne beugte. „Aber ich komme mit“, beschloss sie. „Zur Sicherheit.“

    Edmund ließ den Schlüssel wieder auf die Arbeitsplatte fallen und wischte sich die Hände an einem Tuch ab. „Das war ja klar …“

    Mit Mühe unterdrückte sie ein Augenrollen und verkniff sich ein Seufzer. „Ich weiß, dir passt es nicht und vermutlich wird sie in meiner Anwesenheit überhaupt nichts von Bedeutung Preis geben. Aber ich traue ihr nicht.“

    Edmund schien über etwas nachzudenken. Man konnte es ihm mittlerweile im Gesicht ansehen. „Ich habe eine Idee …“

    „Will ich das wissen?“ Esther rieb sich die Nasenwurzel und macht schließlich eine auffordernde Handbewegung. „Was soll schon passieren … Welche Idee?“

    Ein verschmitztes Grinsen erschien auf seinen Zügen. „Wir nutzen es aus, dass sie dich nicht leiden kann und sich für etwas Besseres hält.“

    Jetzt war es Esther, die Edmund ansah, als wäre er irre. Schließlich zuckte sie aber die Schultern. „Das soll mir recht sein, solange wir dadurch Antworten erhalten.“

    Die Reaktion schien Edmund zufrieden zu stimmen und tatsächlich nahm Esther es hin, dass sie für diese Aktion herhalten musste. Auf Cecilias Meinung gab sie ohnehin nichts.

    „Was ist mit dem Auge?“, fragte Edmund wie aus dem Nichts.

    „Was soll damit sein?“

    „Es könnte hilfreich sein.“

    „Das kommt nicht in Frage, weißt du eigentlich wie gef-„

    „Du willst doch auch wissen, was Cecilia plant oder nicht? Das Auge könnte uns dabei helfen, das herauszufinden. Und sicher bist du auch neugierig, ob es funktioniert.“

    Esther setzte dazu an, etwas zu sagen, aber tatsächlich traf er damit genau ins Blaue. Verdammter Mistkerl. Sie presste die Lippen aufeinander. „Na schön. Aber wenn etwas schief geht, heul mir nicht die Ohren voll.“

    „Vielleicht probieren wir es vorher lieber aus“, schlug er vor und lehnte sich mit den Oberarmen auf die Arbeitsfläche. Mit dem Finger stupste er, scheinbar gelangweilt, gegen den Schlüssel.

    „Ausprobieren? Und bei wem bitte sollen wir das machen?“

    „Nicht wir … du“, entgegnete Edmund. „Bei mir.“

    „Bist du dir sicher?“

    Edmund nickte kurz stumm, woraufhin Esther noch kurz wartete, ob er sich nicht doch dagegen entschied. Aber offenbar obsiegte die Neugier. Sie selbst hatte eher die Hoffnung gehabt, dass er Cecilia einfach ein wenig Honig ums Maul schmierte. Aber mit Sicherheit hatte die Prinzessin längst bemerkt, dass sie eine Gefangene war. Und da war das Auge ihre einzige Möglichkeit, Informationen aus ihr herauszubekommen.

    Dennoch … Ihr gefiel der Gedanke nicht, ein solches Relikt an einem Freund auszuprobieren. Sie kannten die Risiken nicht. Was wäre, wenn Edmund dabei verletzt wurde?

    Beruhige dich … Vielleicht funktioniert es auch gar nicht.

    Trotzdem war ihr mulmig, als sie die Truhe entsiegelte und vorsichtig das Auge herausnahm, welches sie vorsorglich in ein Tuch eingewickelt hatte.

    Ihr Herz schlug donnernd und ihre Hände wurden schwitzig. Hoffentlich erinnerte sie sich auch noch an alles. Sie war ausgeruhter als noch tags zuvor, aber man konnte nie wissen, was die Strapazen der letzten Zeit mit den magischen Fähigkeiten machten. Obwohl laut Aufzeichnungen nicht viel Magie nötig war, benötigte man doch etwas als Brücke, damit das Auge seine Wirkung entfalten konnte.

    Wieder in der Küche angekommen, legte sie das Relikt auf die Arbeitsfläche und schlug das Tuch beiseite.

    Beide betrachteten sie den unscheinbar wirkenden Stein.

    „Los, leg deine Hände drauf“, forderte sie Edmund auf. Etwas zögerlich gehorchte er und sie tat es ihm gleich, indem sie ihre Finger auf die seine legte.

    Beinahe sofort breitete sich ein merkwürdiges Gefühl in ihr aus. Es wirkte, als würde kühle Flüssigkeit durch ihren Körper fließen. Sie versuchte in Edmunds Blick zu erkennen, ob er den gleichen Eindruck hatte, aber er ließ sich nichts anmerken.

    „Bist du dir sicher, dass du das machen willst?“, fragte sie vorsichtig.

    „Natürlich!“, antwortete Edmund mit einer solchen Inbrunst, die Esther überraschte. „Was soll die doofe Frage?“

    Sie spürte es deutlich. Ohne wirklich festmachen zu können, warum das so war, glaubte sie ihm. Aber trotzdem … Einen Versuch musste sie noch unternehmen.

    Sorgfältig musste ihre Frage überlegt sein, damit sie eindeutig wusste, dass er die Wahrheit sagte …Und mochte sie noch so banal sein. „Gefällt es dir, für uns zu kochen?“

    Edmund musterte sie. „Dumme Frage, aber ja.“

    Und wieder war da dieses Gefühl. Unbestimmt, aber gewiss.

    Sie ließ Edmunds Hände sowie den Stein los und sah ihn an. „Ich denke, das reicht … geht es dir … gut?“

    „Ja, aber bei Cecilia wird es schwer, sie dazu zu bewegen, Händchen zu halten. Versuchen wir es erstmal ohne Stein.“

    Esther nickte. Da war was dran. „Wenn alle Stränge reißen, bleibt uns nur einer meiner Bannzauber.“ Sorgsam wickelte sie das Auge wieder ein und steckte es in die Ledertasche, die sie dafür mitgebracht hatte. „Dann sollten wir der Prinzessin mal einen Besuch abstatten.“

    Edmund schnappte sich einen Teller und lud einiges an Essen auf. Dann nahm er den Schlüssel an sich und ging voran, Esther folgte ihm dichtauf.

    Er schien es kaum erwarten zu können, ins Zimmer zu treten.

    Als Cecilia ihren Besuch bemerkte, lächelte sie freundlich, jedoch gefror ihre Miene, als sie Esther sah.

    „Ich hoffe, Ihr habt Hunger. Wir haben etwas Essen dabei. Und Esther hätte dafür gerne ein paar Antworten.“ Edmund stellte den Teller auf dem kleinen Tisch ab.

    Esther hielt sich fürs Erste im Hintergrund. Sie blieb in der Tür stehen und schloss sie hinter sich.

    Cecilia lächelte weiterhin. „Ihr beide seid zu gütig.“

    Beinahe hätte Esther gelacht. Mit Güte hatte das wenig zu tun. Und sie wusste, dass Cecilia etwas ahnte.

    Abwartend sah Esther Edmund an.

    „Dann hoffe ich, dass wir auch mit Eurer Güte rechnen können und Ihr uns ein paar kleine Fragen beantwortet.“ Edmund setzte ein charmantes Lächeln auf, wobei Esther sich direkt fragte, ob das tatsächlich Wirkung bei Cecilia zeigte.

    Die Prinzessin roch am Brot und fing an, zu essen.

    Wenn ich dich hätte vergiften wollten, hätte ich es längst getan …

    Welche Art Fragen?“, wollte Cecilia wissen und lächelte zurück.

    Fragen, die du uns so sicher nicht beantworten wirst, dachte Esther bei sich.

    Sie überließ es auch jetzt Edmund, das Wort zu ergreifen. „Zu allererst würden wir gerne wissen, was Ihr mit dem Wissen, das sich an Bord magische Wesen befinden, anfangen wollt.“

    Sie war froh darüber, dass er direkt das fragte, was ihr ebenfalls auf der Seele brannte. Über das Wetter zu reden, würde ihr im Moment eher schwer fallen.

    „Anfangen?“, fragte Cecilia zwischen zwei Bissen. Ihrem Tonfall war es anzuhören, dass sie entweder Zeit schinden wollte oder sich außerordentlich dumm stellte.

    Esther presste die Zähne aufeinander. Es kostete sie alle Mühe, der Prinzessin nicht gleich an die Gurgel zu springen.

    „Ich schätze Euch nicht so dumm ein, dass Ihr den Inhalt meiner Worte nicht verstanden habt.“ Edmund neigte den Kopf in Esthers Richtung. Sie blickte einfach stumm zurück. “Esther kann Euch aber gerne den Inhalt eures letzten Gespräches nochmal wiedergeben. Ihr Gedächtnis scheint wohl besser zu sein, als Eures.“

    Hatte sie sich gerade verhört? Sie richtete sich ein wenig auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr Blick heftete sich fest auf Cecilia.

    Diese atmete tief durch. „Na schön …“ Beinahe energisch stellte sie den Teller beiseite. „Ich gehöre einer Familie an, die an magischen Artefakten und Wesen sehr interessiert ist. Wir … befassen uns damit schon seit Generationen. Zum Wohle aller. Damit bestimmte Dinge nicht in die falschen Hände geraten. Reicht das?“

    „Ihr lügt“, warf Esther ihr vor, ohne Edmund überhaupt die Möglichkeit zu geben, reagieren zu können. Zumindest teilweise sagte Cecilia nicht die Wahrheit.

    Konnte das Gefühl noch von der Verbindung zum Auge herrühren? Unmöglich. Der Kontakt war eigentlich schon abgebrochen, als sie den Stein losgelassen hatte.

    „Das reicht nicht“, riss Edmund das Wort wieder an sich. „Was wollt Ihr von den magischen Wesen?“

    „Sie kennenlernen!“ Der Ton der Prinzessin wurde merklich energischer. „Was sonst? Man kann keine Studien betreiben, wenn man sich nicht mit diesen Wesen unterhält. Ich braute den Trank, weil ich nicht davon ausging, dass ihr freiwillig in unser Schloss kommt, um meine Familie kennenzulernen. Immerhin schicken sie mich, eine Prinzessin los, um Wesen vor dem Schlimmsten zu bewahren. Tut nicht so, als wüsstet ihr nicht, dass es dort draußen schlimme Menschen gibt, die nach Macht streben. Wir sind so etwas wie Wächter …“

    Hörte Esther da etwas wie echte Verzweiflung in den Worten der Prinzessin? Für einen Moment fragte sie sich, ob sie Cecilia nicht doch Unrecht getan hatten.

    Dann war da aber wieder dieses nagende Gefühl, welches ihr sagte, das etwas nicht stimmte. Wie eine Stimme, die ihr ins Ohr flüsterte, dass sie keinesfalls auf Cecilia hören sollte.

    Hilfesuchend blickte sie Edmund an.

    „Wenn das so ist.“ Er lächelte. „Und warum wisst Ihr dass es hier ein magisches Wesen gibt?“

    Esther spannte ihren Körper an. Ohne es zu merken, legte sie ihre Hand auf den Lederbeutel, in dem sich das Auge befand, obwohl sie wusste, dass das nichts bringen würde. Cecilia hätte ihre Hände ebenfalls auf den blanken Stein legen müssen, damit sie die Wahrheit erfuhren.

    Ohne ein Wort streckte Cecilia ihre Hand aus, an deren Ringfinger ein Ring steckte. Er wirkte schlicht, ganz und gar nicht passend für eine Prinzessin ihres Kalibers. „Er verändert seine Farbe, wenn solche Wesen in der Nähe sind … oder andere ..." Sie unterzog Edmund einer eingehenden Musterung.

    Esther ging auf Cecilia zu und deutete auf die ausgestreckte Hand. „Darf ich einen näheren Blick darauf werfen?“ Die Frage war ernsthaft ehrlich gemeint.

    Sie erkannte alchemistische Arbeiten und wenn Cecilia einen solchen magischen Gegenstand besaß, konnte es sein, dass sie dahingehend die Wahrheit sagte.

    „Wenn ihr mir so mehr Glauben schenkt.“ Sie zog den Ring ab und ließ ihn in Esthers geöffnete Handinnenfläche fallen. „In Trevors Nähe wird er violett. In Edmunds Nähe ist er jedoch … rosa.“

    Letzteres stimmte zumindest. Er blieb rosa. Selbst als Esther ihn in der Hand hielt, änderte er seine Farbe nicht.

    Esther griff mit der freien Hand in ihre Tasche und holte ihr Vergrößerungsglas heraus.

    Hoffentlich lachte Edmund sie bei dem Anblick, wie sie sich das Glas ans Auge steckte, nicht direkt aus. Das wäre sehr unangenehm. Doch es blieb ruhig.

    Eingehend untersuchte Esther den Ring und konnte schnell die dünnen, fadenartigen Schlitze sehen, die sich einmal herum zogen. Mit dem bloßen Auge waren sie nicht zu erkennen, aber hierbei handelte es sich um den magischen Kern, der dem Ring die besagte Fähigkeit verlieh.

    Esther nahm das Glas vom Auge und gab Cecilia den Ring zurück. Sie wusste, dass es ein Fehler sein könnte, der Prinzessin den Gegenstand zurückzugeben, aber Esther wollte sie nicht einfach bestehlen.

    „Eine bemerkenswerte Arbeit“, gestand Esther. „Dennoch sagt es nichts darüber aus, ob Ihr aus friedlicher Absicht reist.“

    „Würde ein Herzog seine eigene Tochter losschicken, um sie wissentlich in Gefahr zu bringen, wenn es nicht einem ... höheren Ziel dient?“ Cecilia mimte die Unschuldige.

    Und bevor Esther etwas darauf erwidern konnte, mischte Edmund sich ein. „Was bedeuten die Farben?

    Esther sah deutlich, wie Cecilia ein Grinsen unterdrückte.

    „Wenn er weiß ist, ist nichts Magisches in der Nähe. Wenn er sich blau färbt, befindet sich ein Zauber in der Nähe. Ein Schutzzauber oder Ähnliches. Färbt er sich schwarz, muss man von einem Fluch ausgehen … Ist er rosa, ist ein magisches Wesen anwesend, dass natürlichen Ursprungs ist. Wie ein Kobold oder … eine Nymphe. Färbt er sich jedoch violett, dann … ist das Wesen unnatürlich. Wie … ein Golem oder … Formwandler. Zufrieden?“

    Esther schluckte. Hieß das etwa, dass Cecilia ihren Bannzauber bemerkt hatte? So wie Esther selbst es möglich war, Magie oder eben magische Wesen zu erspüren, konnte es Cecilia ebenfalls … mithilfe des Rings.

    „Der Ring bemerkt nur die Anwesenheit solcher magischen Präsenzen, richtig? Ihr könnt sie nicht aufspüren, oder?“, bohrte Esther nach.

    „Aufspüren? Auf lange Distanzen? Nein. Wir müssen auf den Zufall hoffen“, beantwortete Cecilia die Frage.

    Darauf hatte Esther gehofft. Immerhin war sie selbst der Prinzessin in einem überlegen.

    „Offenbar ist dein Ring kaputt“, meinte Edmund und fast hätte Esther ihn fragend angesehen. Im letzten Moment besann sie sich und hielt sich zurück.

    Tatsächlich fragte Esther sich eines: wieso zeigte der Ring die ganze Zeit ein und dieselbe Farbe an, wo doch wenigstens zwei Menschen magischen Ursprungs anwesend waren und einen, der ständig Magie wirkte.

    Cecilia runzelte fragend die Stirn, woraufhin Edmund einen Schritt nach vorne machte. „Es gibt nur ein magisches Wesen an Bord. Und das bin ich“, eröffnete Edmund im nächsten Augenblick.

    Esther stieß den Atem aus. Was dachte er sich dabei? Hatte er den Verstand verloren?

    „Ich bin die einzige männliche Nymphe und vielleicht ist dein magischer Ring von dem Umstand verwirrt, dass mein Blut nicht reinblütig ist, mein Ursprung also auch nicht ganz natürlich ist.“ Edmund setzte wieder eines seiner charmanten Lächeln auf.

    Cecilia hob erstaunt die Augenbrauen. „Ich soll deinem Wort mehr vertrauen als der Fähigkeit des Ringes?“

    Esther wurde die Situation merklich unangenehmer. Sie spürte, dass es nichts bringen würde, Cecilia weiter von ihrer Ansicht abbringen zu wollen.

    „Nun, wie viele Halbnymphen hattet Ihr denn schon vor Euch, um beurteilen zu können, wie Euer Ring darauf reagiert? Nymphen gibt es schließlich nur reinrassig und es gibt mich“, entgegnete Edmund statt sich des Gesprächs zu entziehen.

    Esther bemerkte, wie sich etwas veränderte und sie sah, wie Edmunds Augen leicht leuchteten.

    Erstaunlich … seine Aura.

    Sie musterte Cecilia, doch es war nicht zu erkennen, ob sie davon etwas bemerkte.

    Cecilia formte ihre Augen zu schmalen Schlitzen. „Hmm …“ Sie sah ihren Ring an. „Gut möglich, dass Mischwesen nicht eindeutig angezeigt werden.“

    Edmund lächelte. „Danke für Eure Antworten“, sagte er, was für Esther das Zeichen war, dass das Gespräch an dieser Stelle eindeutig beendet war.

    Sie rang sich ebenfalls zu einem knappen Lächeln durch. Aber nach Lachen war ihr nicht zumute.

    Angespannt wartete sie, bis sie beide das Zimmer verlassen, Edmund die Tür verschlossen hatte und sie wieder in der Küche angekommen waren.

    Esther packte Edmunds Arm, im ihn aufzuhalten. „Was hast du dir dabei gedacht, ihr zu sagen, dass du ein magisches Wesen bist? Bin ich eigentlich nur von Menschen umgeben, die so tun als hätten sie neun Leben?“, fuhr sie Edmund ohne Vorwarnung an.

    Edmund riss sich aus ihrem Griff los. „Durch ihren dummen Ring weiß sie doch sowieso, dass sich magische Wesen an Bord befinden. Es zu leugnen, macht keinen Sinn. Ich vertraue ihr nur so weit wie ich sie werfen kann. Also ist es mir lieber, sie hat nur mich im Visier und ihr anderen könnt euch frei bewegen.“

    Esther verschränkte die Arme. „Ich dachte, wir achten gegenseitig aufeinander? Außerdem glaube ich nicht, das Cecilia dir deine Finte abgekauft hat.“

    Edmund lächelte. „Mir ist klar, dass sie mir nicht alles geglaubt hat. Ich gehe aber davon aus, dass für sie eine Nymphe interessanter ist als alles andere, was sich auf diesem Schiff befindet, das betrifft Trevor und auch die Artefakte. Zumindest vorerst. Ich spiele also gerne den Lockvogel und vertraue darauf, dass ihr auf mich aufpasst.“

    Esther entspannte sich ein wenig. Edmund, der sich opfern wollte … das sie das erlebte, grenzte an ein Wunder. Dennoch gefiel es ihr nicht, dass er das billigend in Kauf nahm. Sie tippte ihm mit dem Finger gegen die Brust. „Pass auf dich auf. Ich meine es ernst …“

    „Du machst dir Sorgen? Musst du nicht. Ich pass schon auf mich auf. Ich lass nicht zu, dass man euch verletzt.“

    Esther wog den Kopf. „Du hast mehrfach bewiesen, dass du auf dich achtgeben kannst … Und der Rest kann das auch.“ Sie blickte noch einmal zurück, bevor sie durch die Tür trat. „Ich werde nicht zulassen, dass Cecilia euch zu nahe kommt …“

    „Schade, ich habe mich schon auf heiße Nähe mit Cecilia gefreut“, rief Edmund ihr noch hinterher.

    Gegen ihren Willen brachte Esther das tatsächlich zum Lachen. Jedoch war es eher ein Lachen der Sorte: Wer es glaubt, wird selig.

    Sie machte sich auf den Weg in ihre Kabine, um das Auge wieder in der Truhe zu verwahren. Doch weit kam sie nicht, denn plötzlich öffnete sich eine Tür und Trevor lugte hinaus. Er sah verschlafen aus. „Was ist das denn für ein Lärm?“ er rieb sich die Augen.

    Esther sah ihn ehrlich bedauernd an. „Tut mir leid, wir wollten dich nicht wecken.“ Sie sah kurz zurück. „Edmund und ich waren bei Cecilia. Er hielt es für eine gute Idee, sich als Lockvogel anzubieten … dieser Narr …“ Sie lächelte kurz und machte eine auffordernde Handbewegung. „Aber jetzt geh wieder schlafen, du siehst aus, als hättest du das nötig.“

    Tatsächlich war ihr seine Anwesenheit mehr als lieb und sie hoffte, dass er einen Moment für sie übrig hatte.

    Er gähnte und sie glaubte für einen kurzen Moment, dass er sich zurückziehen wollte. „Schon gut. Jetzt bin ich wach …“ Er fischte nach seinem Hemd und warf es sich schnell über. „Gibt es neue Erkenntnisse?“

    Mit Mühe riss sich Esther von seinem Anblick los und konzentrierte sich. „Cecilia hat einen Ring, der es ihr ermöglicht, die Anwesenheit von magischen Wesen und Magie an sich zu erkennen. Auf große Distanzen funktioniert es nicht, sie kann also niemanden aufspüren. Und da fand Edmund es super, ihr zu sagen, dass er der einzige an Bord ist, mit Magie im Blut ...“

    „Wenn sie sich erstmal nur auf einen konzentriert, bei egal was sie vorhat, kann der Rest sie im Auge behalten.“, erwiderte Trevor und gab Edmund damit Zuspruch.

    Esther nickte wiederwillig. „Ja, logisch … Er will uns beschützen.“ Esther seufzte tief. „Schätze, wir können ohnehin erstmal nicht mehr tun, als warten.“

    Trevor nickte knapp. „Ansonsten alles in Ordnung?

    Meinte er generell oder zwischen ihnen beiden?

    Esther schulterte den Lederbeutel, in dem sich das Auge befand. „Ja … zumindest geht es mir besser als die letzten Tage … wenn du das meinst … „

    „Ja, es waren … seltsame Tage.“

    So war es in der Tat, wenn Esther so zurückblickte.

    Sie zuckte die Schultern. „Wann ist ein Tag bei uns mal normal? Außerdem gefällt mir nur Cecilias Anwesenheit hier nicht … der Rest … bleibt mir in positiver Erinnerung.“ Thomas und die Relikte ließ sie absichtlich weg. Der Mensch war es nicht wert, das ihm unnötige Gedanken geschenkt wurden.

    „Es gibt einige Sachen, die mir nicht in positiver Erinnerung bleiben“, meinte Trevor leicht amüsiert.

    Nachdenklich verlagerte Esther ihr Gewicht, weil die Tasche mittlerweile an ihrer Schulter zerrte. „Was bekümmert dich?“

    „Bekümmern? Nichts! Aber es war nur nicht der glorreichste Moment, als Edmund und ich anfingen, liebestoll Zeug von uns zu geben.“

    Das war es also … wie sie bereits gedacht hatte. Sie lächelte. „Glorreich war das gewiss nicht, nein. Aber ihr beide solltet euch darüber keinen Kopf zerbrechen. Das war das Produkt von magischen Einflüssen.“

    Sie hoffte, dass er das so hinnahm und nicht weiter drauf einging. Ihr Gemüt würde es sicher nicht verkraften, wenn er ihr buchstäblich sagte, dass er das Gefühl von jener Nacht eben nicht mehr spürte.

    „Sagt jene, die meine Anwesenheit seither meidet.“ Dieser Satz kam so zögerlich, als hätte er darüber nachgedacht, ihn überhaupt auszusprechen.

    Sie fühlte sich, als hätte ihr jemand einen Schlag in die Magenkuhle verpasst. Betroffen sah sie ihn an. „Es war nicht meine Absicht, dich damit zu verunsichern oder zu verletzen.“

    „Verunsichert hat es mich, aber nicht verletzt, keine Sorge“, meinte Trevor. „Es ist verständlich, nachdem ich … dich mal wieder in Verlegenheit gebracht habe. Sei froh, dass ich dir nicht noch einen Antrag gemacht oder bereits Namen für unsere Kinder genannt habe.“

    Esther grinste. „Das wäre dann doch etwas viel gewesen.“ Sie legte die Hand auf seinen Oberarm. „Und du hast mich nicht in Verlegenheit gebracht. Ich hatte Abstand zu dir genommen, weil ich dachte, es wäre besser so.“ Das sie eigentlich eher ihre eigenen Gedanken und Gefühle ordnen wollte in dieser Zeit, ließ sie unausgesprochen. Nachdem er einer anderen Frau beigelegen hatte, war es undenkbar, dass er mehr fühlen könnte als Freundschaft für sie.

    Trevor sah Esther unbeeindruckt an „Und wie dich das in Verlegenheit gebracht hat … erneut.“ Er lachte. „Aber immerhin kannst du das bei einem Treffen unter adligen Freundinnen zum Besten geben.“

    Esther konnte kaum glauben, was er da gerade gesagt hatte. „Ich bin mir sicher, dass es einige interessieren würde. Aber da ich für gewöhnlich nicht mit solchen Geschichten aufwarten kann, wüsste ich gar nicht, was ich erzählen soll.“

    „Das ist ganz einfach. Solltest du wieder mal unter deinesgleichen sein und eine Gelegenheit ergibt sich, dann erzählst du einfach von diesen verruchten Piraten, der dich mitten im Sturm in seinen starken Armen hielt. Ein Mann dessen Körper die raue See geformt hatte …“ Er wiegte den Kopf etwas hin und her. „Und das wäre nicht einmal gelogen. Jedenfalls solltest du den Teil mit dem Trank aussparen. Junge Frauen wollen lieber die schmutzigen Details … Das Hemd von Salzwasser durchtränkt … du weißt schon … der Wind peitscht … Lass dir was einfallen.“

    Esther blickte ihn an. Tatsächlich waren ihr die Geschehnisse noch so deutlich im Gedächtnis, dass sie sie ohne Probleme wiedergeben könnte. Und jetzt, wo er ihr dies noch einmal aufgezeigt hatte, sah sie diese Bilder vor ihrem inneren Auge deutlicher als das Hier und Jetzt.

    Konzentriere dich!

    Waren das Geschichten, die die meisten Frauen interessant fanden? Und war sie eine dieser Frauen? Die tuschelten, wenn ein Mann wie Trevor an ihr vorbeigingen. Bisher nicht … aber sie spürte, wie sich daran etwas geändert hatte.

    „Ich finde, das ist eine ziemlich treffende Beschreibung“, sagte sie lächelnd. „Das würde den jungen Damen sicher gefallen.“

    „Vergiss dann nur nicht zu erwähnen, dass inmitten eines aufleuchtenden Blitzes sein heißer Blick auf dir lag … Und wenn sie dir nicht glauben, dann … komm ich mal auf einen Sprung vorbei. Ich werde dann einfach nur dastehen und alles abnicken.“ Plötzlich, bevor sie etwas sagen konnte, fasste er ihr unters Kind, sodass sie ihm in die Augen schauen musste. „Alles gut?“ Er grinste sie an, weshalb Esther ebenfalls zurücklächelte. Noch breiter als sie es ohnehin schon tat.

    „Natürlich“, stellte sie klar. Solange ihre Freundschaft daran nicht zerbrach, konnte sie akzeptieren, dass er keine Gefühle anderer Art für sie empfand. In der Hinsicht hatte Edmund recht, so ungern sie das auch zugab … sicherlich suchte sie keinen Mann, aber wenn, dann wäre es jemand wie Trevor.

    Sie löste sanft Trevors Griff und blickte auf den Beutel hinunter. „Entschuldige mich, ich muss das Auge von Zyredon wieder verschließen …“

    Beinahe sofort bedauerte sie es, Trevor losgelassen zu haben. Aber sie kam sich auch albern dabei vor, sich von ihm festhalten zu lassen wie ein kleines Kind.

    „Mach das und wir sehen uns später an Deck …“, sagte er, während sie langsam davon schlich. Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen verzog sie sich in ihre Kabine und verstaute den Stein wieder an seinem Platz.

    Zahlreiche Gefühle durchfluteten ihren Körper. Unangenehme aber auch durchaus schöne, ihr bisher unbekannte. Sie versuchte, sich an dem Positiven festzuhalten. Gleichzeitig schallte sie sich im Gedanken eine Närrin. Wie konnte sie sich erlauben, sich in Trevors Worte zu baden? Das ziemte sich nicht … oder?

  • Wenn es etwas gab, was Nelli wie keine Zweite lesen konnte, dann waren es Gefühle und Bedürfnisse anderer. Meistens waren sie ihr egal, doch mittlerweile hatte sie zu viel Zeit mit den drei jungen Leuten verbracht, als dass das spurlos an ihr vorbeigehen konnte. Auch wenn diese unausgesprochenen Emotionen irgendwie...anstrengend waren, erinnerten sie sie dann doch an die Zeit, in der sie selbst jung gewesen war. Da hatte der Trank vielleicht ja doch etwas los getreten, für das keiner so richtig bereit war. Immer diese jungen Küken... Während sie sich also Sorgen gemacht hatte, was der Trank für Neben- und Nachwirkungen für die beiden Männer haben konnte, hatten sich andere in dem entstandenen Gefühl gesuhlt...Nun ja, jeder auf seine Weise.

    Missmutig schaute sie auf die mittlerweile sehr zusammen geschrumpften Vorräte in ihren kleinen Dosen und Fläschchen. Natürlich hatte diese dumme Schnepfe ihre wertvollsten Kräuter für so einen Humbug verschwendet! So hoch konnte die Belohnung gar nicht sein, als dass sie ihre Genugtuung überbieten würde, das freche Luder einfach über Bord zu werfen. Noch dazu das etwas faul an ihr zu sein schien. Aber die anderen hörten ja einfach nicht auf sie, also fügte die Alte sich ihrem Schicksal.

    Wenigstens der Kraken, der sie seit neustem begleitete, schien sich mittlerweile zu freuen, sie zu sehen. Die Küchenreste und ähnliches brachte sie ihm jeden Tag nach draußen – sehr zum Missfallen von Edmund. Nach dem tausendsten „Hat man dir nicht beigebracht, keine wilden Tiere anzufüttern?“ hatte Nelli aufgehört dem Händlersohn zu zu hören. Das war sowieso besser für ihren eigenen Verstand. Der Kraken, den sie mittlerweile auf den Namen Nalu getauft hatte(Ihr schallte noch immer Edmunnds „Seit wann gibt man Ungeziefer einen Namen?“ im Kopf), brummte deutlich weniger missmutig, wenn sie sich zu ihm an die Reling gesellte und sich um seine so gut wie verheilte Wunde kümmerte. Und er war ein besserer Zuhörer. Immer öfter überkam sie der Gedanke, dass es vielleicht wirklich besser war, wenn ihre Zeit zu Ende ging. Esther ging Trevor aus dem Weg, Trevor entdeckte Bordelle für sich und Edmund war...nun ja mit sich selbst beschäftigt. Vielleicht hätte sie am letzten Hafen vom Schiff verschwinden sollen, aber irgendwie hatte sie es nicht über sich gebracht. Manchmal waren die drei wie ein Haufen tapsiger Bärenjunge, denen man noch ein bisschen auf die Sprünge helfen musste. Oder ihnen Unfug beibrachte, je nachdem, was gerade mehr Spaß machte.

    Es dauerte für ihren Geschmack deutlich zu lange, bis sie das Herzogtum erreichten ,was angeblich das Zuhause ihres unnützen Gastes war. Wie viel besser es ihnen wohl gegangen wäre, wenn sie das Gör nicht noch hätten mit durchfüttern müssen? Alle taten gerade so, als würde der Proviant am Mast wachsen...

    Sie fuhren in den Hafen ein und Nelli rümpfte an Deck die Nase. Irgendetwas stimmte da nicht, es roch vermodert, wie Fleisch, was zu lange in der Sonne gelegen hatte. Und aus das war ein Problem: es gab keine Sonne. Kaum hatten sie sich dem Hafen genähert, hatten sich die Wolken verdichtet bis man kein einziges Fleckchen blauen Himmel mehr hatte sehen können. Als sie das angesprochen hatte, hatte Edmund nur amüsiert geschnaubt. Aber natürlich, die vermeintliche Belohnung war in greifbarer Nähe. So langsam war es Nelli auch gleich, so lange sie das Miststück endlich von Bord hatten und sie wusste, dass sie den anderen nie wieder etwas antun konnte.

    Das triumphierende Lächeln auf den Lippen des blonden Gifts gefiel ihr gar nicht, als sie am Hafen angelegt hatten. Sie schien um ein paar Zentimeter gewachsen zu sein und tänzelte zwischen Edmund und Trevor über den Steg an Land, während Esther und sie selbst hinterher liefen. Nalu hatte ein trauriges Geräusch von sich gegeben und war ins Wasser zurück gesunken, lediglich ein paar Blasen an der Oberfläche zeugten von seiner Anwesenheit. Nelli schaute seufzend zu ihm zurück. Ich versteh dich so gut, Kleiner... Ich wäre auch lieber unter Wasser... Das unverschämte Weibsbild führte sie durch die Straßen zu einem Schloss, dessen dunkle Türme in die Wolken ragten. Hinter den Fenstern schimmerten ab und zu Kerzen, das große, gusseiserne Tor war verschlossen. Die Alte zog die Augenbrauen hoch. Wie laut sollte das denn noch „Falle“ schreien? Aber auf eine weitere Diskussion mit Edmund, der sie wieder als „altes, feiges Hühnchen“ bezeichnen würde, hatte sie nicht so wirklich Lust. Also blieb ihr nichts weiter als zu warten.

    Dieser Alptraum in Frauenkleidern drängte sich an den beiden Männern vorbei, rief zu den Türmen hinauf woraufhin sich die schweren Tür mit einem lauten Knarren, das Nelli durch Mark und Bein ging, zur Seite schwangen. Es erklangen die schweren, metallisch klirrenden Schritte von mehreren Menschen in Rüstungen und tatsächlich, als der Spalt zwischen den beiden Türhälften größer wurde, konnte Nelli ungefähr ein Dutzend schwer gerüsteter und bewaffneter Soldaten heraus, in ihrer Mitte ein Paar, bestehend aus einem breit gebauten, gutaussehenden Mann, mit dunklen Haare, in denen eine einzelne, graue Strähne hervorstach und einer schlanken, hochgewachsenen Frau, deren Taille Nelli locker mit ihren Händen hatte umfassen können. Optisch schien sie viel jünger zu sein, als ihr Mann, doch der Ausdruck in ihren Augen sagte der Hexe, dass diese Frau mehr Sonnenaufgänge gesehen hatte, als sie zugeben wollte. Ein Geruch kitzelte in ihrer Nase und ließ sie niesen. Da war er wieder, der Gestank nach verwesenden Fleisch, so beißend, dass sie sich fast Trevors Puff-Parfüm zurück wünschte.

    Cecilia, mein Schatz! Es tut so gut, dich wieder zu sehen!“ flötete die Frau, die bei genauerem Hinsehen tatsächlich wie eine ältere Version der Giftschlange wirkte. Na großartig, es gibt also wirklich zwei davon... Die blonde Natter strahlte ihr falscheste Lächeln und lief auf ihre Eltern zu, umarmte sie und nach vielen Küsschen links und Küsschen rechts stellte sie Edmund und Trevor als ihre großen Retter vor. Esther wurde immerhin als „magiebegabte Adlige“ vorgestellt während sie für die alte Hexe keine Worte zu finden schien. Sei froh, Mädchen. Hättest mich auch richtig kennenlernen können.

    Plötzlich ertönte lautes Gekreische hinter den Anderen und ließ Nelli zusammenzucken. Die beiden jungen Frauen, die angerannt kamen fielen der Ratte um den Hals.

    Schwester, du bist endlich wieder da!“ quietschten sie in einer Frequenz, die bei Nelli Gänsehaut erzeugte. Noch mehr Ungeziefer...Ui toll

    Zugegeben waren die beiden hübsch und der junge Mann, der Ihnen auf dem Fuße folgte, war auch durchaus ansehnlich. Dennoch störte sie etwas an dieser Familienidylle, auch wenn sie nicht so richtig greifen konnte, was es war.

    Wir danken Euch von ganzem Herzen, dass ihr unseren Saphir wieder zurück gebracht habt!“ wandte sich der Herzog nun schwülstig an sie.

    Kommt rein, bitte, lasst uns Euch dafür danken, ich bin sicher, Ihr seid müde von all den Anstrengungen.“

    • Offizieller Beitrag

    Trevor beobachtete das Schauspiel des Wiedersehens und es gefiel ihm nicht. Woher wollte die Familie wissen, dass sie ihren Saphir zurückgebracht und nicht lediglich auf dem Weg zum Schloss getroffen hatten? Warum luden sie bereitwillig Fremde zu sich ein? Das war nicht gerade ein Adel typisches Verhalten. Es roch nach Falle! Nach Falle und ... Tod. Er konnte es bei dem seicht aufkommenden Wind wahrnehmen. Schwach, aber der Geruch war da. Trevors Nackenhaare stellten sich auf und jeder Muskel unterhalb seiner Rüstung verspannte sich. Natürlich hatten sie mit so etwas gerechnet, sich aber nun in dieser Situation tatsächlich wiederzufinden, war etwas anderes. Allem voran, weil die Stadt unterhalb des Schlosses nahezu menschenleer gewirkt hatte. Die Gruppe hatte gemerkt, dass die Leute beim Anblick von Cecilia die Fensterläden schlossen. Die Adlige hatte es darauf geschoben, dass das Volk abergläubig war, und ihnen die Schuld für das derzeitige schlechte Wetter gab.
    Trevor sah Edmund an, der ihm mit festem Blick zunickte. Vermutlich war dem Händlersohn diese gespielte Familienidylle auch nicht geheuer.
    Oma und Esther hatten ebenso einen mürrischen Gesichtsausdruck, aber anscheinend besann sich zumindest Esther und stellte sich höflich vor, woraufhin ein förmlicher Knicks folgte.
    Kurz schauten sich die Herzogin und der Herzog an. Wirkten sie überrascht? Trevor konnte es nicht sagen.

    „Nun gut“, setzte der Herzog an. „Dann lasst uns zur Feier des Tages alle gemeinsam etwas essen. Wir können unseren Besuch doch nicht mit leeren Magen davonziehen lassen.“

    Sie betraten den vorderen Hof des Schlosses, der einen alten Springbrunnen aufwies. Auf jenem thronte anscheinend ein nacktes Abbild der Herzogin. Zumindest, wenn es Trevor optisch einordnen musste. Sie hielt eine Karaffe in der Hand, aus der Wasser in den Springbrunnen floss.

    Gewagt!

    Hinter ihnen war das Tor bereits verschlossen worden. Nicht, dass Trevor solch ein Gebilde hätte aufhalten können, aber ... unwohl fühlte er sich allemal. Von etlichen Wachen, gehüllt in prächtige Rüstungen, wurde die Gruppe flankiert und in das Innere des Anwesens regelrecht geschoben. Kaum hatten sie die schweren Holztüren passiert, fielen diese auch knarzend ins Schloss.

    „Folgt uns“, flötete die Herzogin mit süßlicher Stimme.

    Als hätten wir eine Wahl, stellte Trevor in Gedanken fest.

    „Der Thronsaal ist nicht weit von hier ...“, sprach sie weiter. „Ihr seid hoffentlich hungrig.“

    „Eigentlich nicht!“, antwortete Nelli trocken.

    „Dann werdet ihr es gleich werden“, verkündete der Herzog.

    „Ja, unsere Küche ist für ihr exzellentes Essen bekannt“, fügte Cecilia dazu. „Also greift nur ordentlich zu.“

    Noch einmal wurden deckenhohe Türen geöffnet. Diese waren aber ganz in Weiß gehalten mit goldenen Verzierungen. Anders als das grobe Holz am Eingang, bei dem Trevor das Fallgitter nicht entgangen war.
    Sie wurden in einen prunkvollen Raum geführt, der vom Schein etlicher Kronleuchter erhellt wurde. Mittig im Raum stand eine große Tafel, die bereits gedeckt war. Die Gruppe bekam am unteren Ende jeweils einen Sitzplatz zugewiesen. Als Trevor vor sich blickte, erkannte er unzählige Gabeln, Löffel und Messer. Mehr Besteck als er jemals besessen hatte. Fragend schaute er seine Freunde an, die das nicht so außergewöhnlich fanden. Zumindest machte es den Anschein auf ihn.
    Esther räusperte sich indes und beugte sich etwas zu Trevor vor. Anscheinend hatte sein fragender Blick ihn verraten.

    „Man isst von außen nach innen“, erklärte sie ihm. „Außen liegen die Gedecke für die Vorspeise und so weiter ...“

    Trevors Blick erhellte sich.

    Was für ein Blödsinn. Sowas können sich auch nur Reiche einfallen lassen.

    Während sie dort saßen, stießen auch noch drei andere Frauen zu ihnen. Zwei von ihnen trugen ihr Gesicht verdeckt von bronzefarbenen Masken, die sich jeweils an anderer Stelle ihres Gesichtes befanden.

    „Wir hatten mal einen großen Brand im Schloss“, erklärte Cecilia ungefragt. „Daher entschuldigt den Aufzug meiner jüngeren Schwestern. Sie hatten nicht so viel Glück wie der Rest von uns.“

    Jetzt hatte Trevor beinahe etwas Mitleid mit ihnen.

    „Aber davon wollen wir uns nicht den Abend verderben lassen“, säuselte die Herzogin und klatschte in die Hände.

    Die dritte Schwester fixierte mit strengem Blick Edmund und Trevor und setzte sich, ohne ihren Blick auf etwas anderes schweifen zu lassen. War das ein verstecktes Grinsen, was Trevor bei ihr bemerkt hatte?

    Kurz nach dem Klatschen betraten Bedienstete den Thronsaal, die Salate mit unterschiedlichen Meerestieren servierten. Es wurde zudem reichlich Wein eingeschenkt. Danach verschlossen die Wachen die Türen wieder, aus dem der Fluss der Angestellten geströmt war.

    Der Herzog, der an oberster Spitze mit seiner Frau saß, erhob seinen gläsernen Kelch. „Auf neue Freundschaften ...“, verlautete er.

    „Wir werden sehen“, flüsterte Oma, grinste und erhob auch ihr Glas.
    Trevor tat es ihr gleich, ebenso Edmund und Esther. Jedoch war er sich sicher, dass sie alle nur das Glas zum Mund führten, ohne etwas zu trinken. So dumm waren sie allesamt nicht. Wer wusste schon, was in den Gläsern drin war. Niemand traute der Familie über den Weg. Erstrecht nicht, wenn es um Flüssiges ging.

    Alle begannen zu essen, nur die Gruppe stocherte lediglich in ihren Tellern herum.

    „Schmeckt es euch nicht?“, wollte eine der Schwestern unweit der Gruppe wissen.

    „Doch, doch, nur ... wir sind wirklich müde“, antwortete Esther entschuldigend.

    „Die See ...“, antwortete der Herzog und fuhr sich durch sein perfekt sitzendes Haar. „Nicht umsonst zermürbt sie Stein zu Sand.“

    Wie poetisch ... Halt die Fresse!

    Ungeachtet dessen, dass keiner von ihnen das Essen angerührt hatte, wurde erneut aufgetischt. Diesmal Suppen. Mit zittrigen Händen stellte der Diener Trevor den tiefen Teller vor die Nase. Hatte der Mann Angst? Skeptisch schaute er dem schlaksigen Kerl nach, der gleichauf wieder den Raum verließ. Bei einem Blick auf seinen Teller fiel Trevor ein kleiner Zettel auf, der drunter klemmte.

    Er wartete den Moment ab, als alle der Herzogfamilie auf ihre Teller sahen und die Suppe von ihren Löffeln schlürften, um den Zettel zu lesen. „Esst nichts!“, stand lediglich drauf.

    Das haben wir auch nicht vor!

    Trevor reichte den Zettel an Oma weiter, die ihn las und an Edmund weitergab, dieser an Esther.
    Als die Blicke seiner Freunde ihn trafen, zuckte Trevor mit seinen Schultern. Ob der Brief vom Diener kam, oder von wem anders, konnte er nicht beantworten, auch nicht, warum man ihnen die Information zuspielte.

    „Was ist eigentlich mit dem Volk draußen vor dem Schloss? Sie wirkten etwas ... zurückhaltend“, wollte Edmund wissen.

    „Wie das immer ist, wenn man an oberster Spitze steht“, winkte der Herzog ab. „Kaum verfinstert sich der Himmel ein wenig, was am Meer nichts Unübliches ist, glauben sie an faulen Zauber und Flüche. Wir hätten wohl mehr Geld in Bildung stecken sollen, anstatt Schiffe zu kaufen.“ Er lachte, aber dieses Lachen kam nicht bei seinen Augen an.

    „Aha ...“, folgte von Oma.

    „Sie wirkten verängstigt. Sollte man sich nicht darum kümmern? Hat es vielleicht etwas damit zu tun, dass ihr angeblich magische Wesen und Gegenstände sammelt“, wollte Esther wissen, weshalb alle anfingen zu lachen.

    „Was Gräfin Esther wohl damit sagen will, ist, dass ihr Vater sein Reich vermutlich besser führt“, antwortete Cecilia und formte ihre Augen zu Schlitze. „Ich habe ihr ein wenig von unserer Mission erzählt.“

    Wieder lachte der Herzog. „Nun, Euer Vater wird Euch sicherlich nicht jede Revolte, jede Spitzfindigkeit Eures Volkes aufs Brot schmieren. Das werdet Ihr früh genug erfahren, wenn Ihr das Reich einmal führt. Wo Aberglaube und Dummheit herrscht, ist dem Volk nicht mit Vernunft zu begegnen.“

    Die Herrschaften räusperten sich und aßen weiter.

    Edmund tauchte kurz seine Zunge in den Löffel und verzog das Gesicht. Zu salzig? Eklig? Trevor konnte ihn wohl kaum offen danach fragen. Weshalb auch er einen Löffel zur Hand nahm und zumindest in der dunkelbraunen Brühe herumrührte, so lange, bis etwas an die Oberfläche stieg.

    Ist das ein ...

    Ja, ein Auge starrte ihn an. Ein braunes. Es war ein Auge!

    Was zum F...

    Ruckartig stand er auf und starrte in den Teller. Alle unterbrachen ihr Essen, und Edmund unterdrückte sichtlich einen Würgereiz.

    „Ist das ein beschissenes Auge?“, brüllte Trevor.

    Der Herzog und die Herzogin erhoben sich erschrocken und starrten erst ihre Kinder, dann die Wachen an.

    „Das ist sicherlich von einem Tintenfisch. Das ist Tintenfischsuppe“, erklärte die Herzogin panisch. „Geraldo ... Geraldo“, schrie sie. War das der Koch?

    „Vermutlich ist das Geraldo in der Suppe“, vermutete Oma.

    „Ist das von einem Menschen?“, hakte Esther nach und verlor jegliche Gesichtsfarbe.

    Trevor konnte sich nicht erinnern, solche Augen jemals bei einem Tintenfisch gesehen zu haben. Haselnussbraun ... und es starrte ihn an, während es wie ein kleines Schiff an der Oberfläche der Brühe auf und ab wippte.

    Plötzlich spürte Trevor ein Piksen in seinem Hals. Nachdem er nach der Quelle gegriffen hatte, hielt er einen winzigen Pfeil in Händen, geschmückt mit kleinen bunten Federn.
                    „Schade, dass es so schnell vorbei ist“, sprach Cecilia, „aber ihr werdet leiden, versprochen.“

    Trevors Beine wurden weich, sein Blick verschwamm. Als er sich umsah, erkannte er, dass auch Oma und Esther sich solch einen Pfeil aus dem Nacken fischten. Ebenso Edmund, der aufstand und das Ding zu Boden warf.

    „Was soll das?“, schimpfte der Händlersohn, während Trevor schwach auf den Stuhl zurücksank. „Sehe ich aus wie ein Nadelkissen?“

    Esther wollte aufstehen, fiel aber zu Boden und riss ihren Teller mit sich, während Oma mit dem Kopf auf die Tischplatte knallte.

    Edmund schob seinen Stuhl weiter zurück, als zwei weitere Pfeile ihn in der rechten und linken Wange trafen. „Hey ...“, beschwerte sich dieser lallend und langgezogen. „Das dusel fusel ... rümtümtüm ... nischi nett ...“ Noch ein Pfeil folgte.

    Immer mehr versank Trevors Blickfeld in einen schwarzen Nebel. Er konnte Arme und Beine nicht mehr bewegen ... Edmunds Stimme wurde leiser ...

    Bei ihm haben sie vier Pfeile gebraucht, dachte Trevor stolz, bevor sein Bewusstsein entglitt und in Schwärze gehüllt wurde.


    „Oh bitte, lass mich das machen ...“, drang an Trevors Ohren, während sein Geist sich zurück aus der Dunkelheit kämpfte.

    „Jetzt warte ab! Du bekommst ihn früh genug!“

    Trevor wusste nicht, ob er seine Augen geschlossen halten oder öffnen sollte. Die beiden weiblichen Stimmen verhießen nichts Gutes. Schwach versuchte er, seine Arme und Beine zu bewegen, aber ein metallisches Klirren verriet, dass er gefesselt war. Mehr als einmal hatte man ihn bereits in Ketten gelegt gehabt, sodass er diese Geräusche und das Gefühl einordnen konnte.

    „Könnt ihr beide euch beeilen?“, fragte eine dritte Stimme. „Mutter will Ergebnisse sehen und nicht, wie Isolde ihn ansabbert.“

    Bitte, lass mich angezogen sein, bitte ...

    Trevor öffnete seine Augen. Es dauerte einen Moment, bis sein Blick an Schärfe gewann, aber danach atmete er tief durch. Sie hatten ihm zwar die Rüstung entwendet, aber ihm zumindest seine Hose gelassen.

    „Uh, er wird wach ...“, kommentierte einer der Schwestern, nachdem Trevor seinen Kopf gehoben hatte. „Na, du Hübscher? Gut geschlafen?“

    „Isolde ...“, ermahnte sie ihre Schwester aus einer finsteren Ecke heraus.

    Trevor blickte sich um. Da standen drei von Cecilias Schwestern. Eine namens Isolde, die um ihn herumsprang, als sei er ein halbgares Hähnchen am Grill – und sie hatte Hunger.

    „Beatrice ... willst du nicht langsam mal anfangen?“, befahl die aus der Ecke.

    „Gleich, gleich ...“, säuselte die Angesprochene und spielte mit der Spitze eines Dolches. „Er soll erst einmal zu Bewusstsein kommen.“

    „Ich bin bei Bewusstsein“, antwortete Trevor. „Und was habt ihr mit dem Küchenmesser vor? Bin ich die nächste Suppenbeilage?“

    „Mach dich nicht lächerlich. Dazu macht Cecilia höchstens diese Esther“, erklärte Isolde und strich ihm über seine Brust. „Du wirst unser Haussklave. Du bist ein Formwandler, das heißt, wir werden dich binden!“

    Esther? Suppe? Das könnt ihr vergessen!

    Trevor versuchte, seine Arme zu bewegen, aber die Ketten hielten ihn zurück. Das dicke Metall, das um seine Handgelenke sowie Füße gelegt war, verhinderte zunächst jede Gegenwehr.
    Erneut schaute er sich um und erkannte, dass man ihn an einen riesigen Obelisken gekettet hatte. Er bestand aus schwarzem Gestein, das von roten Mustern durchzogen war. Wie Flüsse aus Blut, die dem Stein etwas Unheilvolles verliehen. Überall standen Kerzen herum; Edelsteine und Zeichen waren auf dem Boden verteilt.

    „Hier sieht es aus wie in einem billigen Puff!“, bemerkte Trevor abfällig und schaute die drei Frauen abwechselnd an. „Und ihr Nachwuchshexen wollt mich binden?“

    „Oh, wir sind älter als wir aussehen, Jungchen“, erklärte die Namenlose in der Ecke. „Oder glaubst du, wir machen das hier zum ersten Mal?“

    „Naja, einen Formwandler binden tun wir tatsächlich zum ersten Mal“, fügte Isolde hinzu, weshalb sie von Beatrice einen Schlag auf den Hinterkopf bekam.

    „Halt deine Klappe!“, fluchte sie. „Das klappt schon. Nicht umsonst hat George den Stein mitgebracht. Für alle Fälle eben.“

    „Jetzt fang an!“, schimpfte die Dritte. „Sonst ist dieser Kerl alt, bevor du fertig bist.“

    „Ja, ja, Angelique!“

    Angelique also ...

    Beatrice näherte sich Trevor mit dem Dolch und fuhr ein Muster auf seiner Brust nach. Wollte sie ihm damit etwas einritzen? Natürlich wollte sie.

    „Hört zu“, versuchte Trevor Zeit zu schinden. „Der Stein ist wirklich hübsch und so, aber ich hab hierfür eigentlich keine Zeit. Wo bekommt man so einen Obelisken eigentlich her?“

    „Von magischen Händlern. Kobolden, du verstehst?!“, antwortete Angelique desinteressiert und wartete darauf, dass ihre Schwester anfing zu schneiden.

    Magische Koboldhändler? Etwa wie der, der Trevor schon einige Male aufs Kreuz gelegt hatte?

    Obwohl Beatrice tief in seine Haut schnitt, begann Trevor, zu lachen. „Einem Kobold traut ihr? Und ihr wollt alt sein?“ Er lachte lauter, um den Schmerz zu überspielen.

    „Sollte er nicht Schmerzen haben?“, wollte Isolde wissen, während warmes Blut an Trevors Bauch hinunterfloss.

    „Schau ihn dir an“, erklärte Angelique. „Sieht er für dich aus, als wäre das seine erste Verletzung?“

    Oh bitte, lasst den Kobold Scheiße an sie verkauft haben.

    Trevor erinnerte sich, dass der Kobold mal darauf angespielt hatte, dass er beobachtet würde. Vielleicht war der Händler kein so böser Stümper.

    „Mach ihn nicht zu sehr kaputt“, säuselte Isolde. „Er soll die Form von Prinz Leopold annehmen können, damit ich mit ihm machen kann, was ich will.“

    „Wer ist denn Leopold?“, fragte Trevor durch zusammengebissene Zähne, während die Klinge des Dolches über seinen Brustkorb kratzte.

    „Ihr heiß geliebter Prinz. Der Sohn des Königs. Er hat kein Interesse an ihr, aber durch dich kommt sie ihrem Ziel zumindest optisch näher ...“

    Trevor verzog angewidert sein Gesicht. Die eine Schwester fand es schön, ihn zu verstümmeln, die andere wollte Unaussprechliches mit ihm anstellen, und die dritte schien einfach nur gerne zuzusehen.

    „Über Sex können wir gerne reden, vielleicht bei einem anständigen Essen, aber aus diesem Leopold wird leider nichts“, meinte Trevor und hielt die Luft an, als der Dolch über seine Rippen fuhr. Immer mehr Blut floss an ihm herunter, auch wenn er sicher war, dass diese Verletzung lediglich eine hässliche Narbe geben würde.

    „Warum nicht?“, wollte Isolde schmollend wissen und stieß fast ihre sadistische Schwester beiseite.

    „Pass doch auf, du dumme Kuh“, beschwerte sich Beatrice und setzte erneut den Dolch an.

    „Ich habe diesen Leopold noch nie gesehen. Ich kann nicht die Form eines Menschen annehmen, den ich nicht kenne!“

    Wie ein verwöhntes kleines Kind stampfte Isolde mit ihren Füßen auf. „Sag ihm, er soll sich in Leopold verwandeln!“, befahl sie ihrer Schwester Angelique.

    „Wenn es nicht geht, geht es nicht!“, dementierte diese lautstark. „Lass ihn die Form von irgendwen annehmen, du dämliche Plunze. Ist doch egal, als was er mit dir über die Laken rutscht.“

    „Ihr seid echt eklig! Und da heißt es immer, dass Männer Schweine sind“, antwortete Trevor und atmete kurz durch, nachdem Beatrice den Dolch abgesetzt hatte, um auf eine Zeichnung zu schauen.

    „Stell dich nicht so an!“, sprach Angelique und überwand die Stufen, die ihre finstere Ecke von dem Ritualplatz trennten. „Formwandler sind nicht gerade für ihre Zurückhaltung bekannt.“

    „Dieser hier schon!“, antwortete Trevor stöhnend, als er spürte, dass Beatrice die Klinge wieder in sein Fleisch stieß.

    Angelique schnaubte. „Das wäre so, als wenn ein Hai sich mit einem Fisch im Monat begnügt. Das ist lächerlich!“

    „Wenn der Hai so leben will, dann lass ihn doch!“, spie Trevor aus und schaute an sich runter. „Bist du langsam mal fertig?“

    Nur vage erkannte der Formwandler einen blutigen Kreis auf seiner Brust, den Beatrice mit einer Sternform in der Mitte verband. Allmählich sog sich der Bund seiner Hose mit seinem Blut voll, was ein klebriges und unangenehmes Gefühl auslöste. Es roch metallisch, aber zumindest wollten sie ihn nicht töten. Ein Schicksal, das vielleicht auf seine Freunde wartete. Ein dicker Kloß bildete sich in Trevors Hals. Hoffentlich war ihnen noch nichts geschehen.

    „Sei still, ich will das genießen!“, flüsterte die Sadistin.

    „Also, ich hatte mir Fesselspiele mit mehreren Frauen immer romantischer vorgestellt. Ich muss zugeben, hierauf stehe ich gar nicht.“

    „Soll ich ihn knebeln?“, fragte Angelique.

    Beatrice verneinte.

    „Super ...“, warf nun Isolde weiterhin schmollend ein. „Da finden wir mal einen Formwandler und der ist nutzlos. Er kann sich nicht in Leopold verwandeln und unerfahren ist er auch noch.“

    Was heißt hier unerfahren?

    „Entschuldige, wenn ich dich enttäusche, du kranke Schlampe“, wurde Trevor ungehalten. „Aber viel Erfahrung scheint ihr mit Formwandlern auch nicht zu haben, wenn ihr nicht wisst, wie unsere Magie funktioniert.“

    „Ihr seid bloß Menschen, die sich in andere verkleiden können“, erklärte Angelique und zündete noch ein paar Kerzen an. „Mehr nicht.“

    Jetzt wurde Trevor hellhörig. „Normale ... Menschen? Soll das heißen, ihr denkt, das Verwandeln ist alles?“

    Wieder schnaubte Angelique. „Was heißt denn, alles? Reicht für unsere Zwecke. Hier ein Mord, da ein Attentat, sodass unsere Familie weiter aufsteigt. In der Thronfolge versteht sich.“

    Sind die dämlich?

    „D... Das heißt, der Raum ist nicht magisch geschützt? Die Ketten nicht aus besonders hartem Stahl?“

    Jetzt sahen sich die Schwestern gegenseitig an.

    „Das heißt, ich hänge hier an stinknormalen eisernen Ketten? Wollt ihr mich verarschen? So viel Aufwand ... für das?“ Trevor riss die Kette seines linken Armes aus dem Stein.

    „Du willst doch keine wehrlosen Frauen töten?“, schrie Isolde auf.

    „Wehrlos? Ihr? Eben habt ihr mir noch das Fleisch von den Knochen geschält ...“, antwortete Trevor und wurde mit jedem Wort lauter. „Ihr seid mordlüsterne Huren, aber keine Frauen!“

    „Ersteche ihn!“, brüllte Angelique und trat hinter Isolde.

    Trevor befreite seinen rechten Arm und hielt Beatrices Hand auf, die mit Dolch auf seine Brust niedergehen sollte. Er zog sie nah an sich heran. Mit seiner anderen Hand ergriff er die Klinge, die er Beatrice kurzerhand durch den Unterkiefer in den Kopf schob.
    Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an. Gurgelnd wollte sie etwas sagen, aber nur ein Schwall Blut kam ihr über die Lippen.

    „Sei still“, flüsterte Trevor in tödlicher Umarmung. „Ich will das genießen!“ Sein Blick wich nicht von ihr, während das Licht in ihren Augen erlosch. Schlaff glitt sie durch seine Arme zu Boden, und Trevor zog den Dolch aus ihrem Fleisch. Durch zwei Schritte nach vorne befreite er seine Füße. Klirrend schossen die Ketten nach vorne.

    „Mach doch was, Angelique!“, schrie Isolde, die von ihrer Schwester schützend vor sich gehalten wurde.

    War klar, dass die mit dem größten Maul die Feigste ist!

    Isolde griff nach einer Kerze und warf sie nach Trevor. Natürlich ging die Flamme aus, und Trevor wurde lediglich von etwas Wachs getroffen. „Für diese Art Spielchen ist es jetzt zu spät!“, knurrte er und packte Isolde an ihrem langen blonden Haar.

    Schreiend und bettelnd versuchte sie, Trevors Griff zu entkommen, aber er warf sie gegen den Obelisken. Sie prallte ab und kam einige Meter davor zum Liegen. Mühselig wollte sie sich aufrichten, als Trevor den schweren Stein mit einer Armbewegung umwarf und dabei Angelique fixierte. Knochen brachen hörbar und irgendetwas Glitschiges breitete sich neben Trevors nackten Füßen aus. „Jetzt du!“, sprach Trevor leise, aber bedrohlich. „Wo sind die anderen?“

    „I... Ich weiß es nicht!“, stammelte Angelique. „Dein Freund ist vielleicht im Labor ...“

    Trevor ergriff ihren Hals und setzte den Dolch unterhalb an. „Weiter?“

    Das Labor ist am anderen Ende des Schlosses. Dies hier ist der Folterkeller“, krächzte sie. „Bitte ... ich ... wollte nicht mitmachen, deswegen stand ich nur herum. Cecilia hat die junge Frau mitgenommen. Vielleicht ist sie in ihrem Zimmer. Die alte Vettel nahm mein Vater mit.“

    Trevor schnalzte mit der Zunge. „Nicht mitmachen, hm? Und wie war das mit dem einen Mord hier, ein Attentat da?“

    Trevor sah sich um und entdeckte den Fleischerhaken etwas unweit von ihnen. Direkt hinter dem Obelisken hing er von der Decke und glänzte im wenigen Licht der Kerzen. Mit ihrer Kehle in seinem Griff ging er zu dem Haken hinüber und zog ihn nach unten. Den Dolch ließ er ungeachtet auf den Boden fallen. Erst jetzt, aus der Nähe betrachtet, hingen noch Reste von Kleidung und Blut an dem Haken.

    Unschuldig und wehrlos, wer es glaubt ...

    Angelique wollte schreien, aber Trevor kräftigte seinen Griff, sodass jeder Ruf nach Hilfe erstarb. Er nahm den Fleischerhaken in die Hand und rammte Angelique das spitze Ende in den Rücken, sodass er sich in ihrer Wirbelsäule verkeilte.
    Auch dieser Schmerzensschrei kam ihr nicht über die Lippen, aber kurz darauf wurde sie bewusstlos. Blut floss auf den Boden, während Trevor sie näher an die Decke heranzog. Er befestigte das dicke Seil an einer Aufhängung an der Wand und schaute sich um. Er wollte nicht mehr Zeit verlieren als nötig und ergriff den Dolch wieder. Ein bisschen bedauerte er es, dass sie bewusstlos war. Ohne zu zögern, schnitt er ihr die Kehle durch, damit sie ausblutete wie ein Schwein. Keiner dieser Schwestern würde diesen Raum verlassen. Dafür hatte er gesorgt. Über und über mit Blut besudelt – seinem eigenen und dem der Schwestern – verließ er den Folterkeller. Zuerst musste er aufpassen, nicht auf dem glatten Steinboden auszurutschen, aber nachdem er das meiste des Lebenssaftes hinter sich gelassen hatte, konnte er durch die Gänge eilen. Immer wieder rief er nach Esther, Edmund und Nelli. Das Problem bei seinem Gerufe war allerdings, dass plötzlich eine Horde Wachen im Gang vor ihm stand. Trevor rollte mit den Augen. Er war unbewaffnet, also schaute er sich um. Im Gang war nichts zu entdecken, was er als Waffe einsetzen konnte, während die Männer vor ihm ihre Schwerter zogen.
    Trevor verfinsterte seinen Blick. „Wer von euch hat mir den Pfeil in den Nacken geschossen?“, wollte mit tiefer Stimme wissen.
    Die Wachen schauten sich an.
    Dann schlug Trevor mit der Faust gegen die Marmorsäule neben sich. Er spürte, wie seine Fingerknöchel aufplatzten, aber verzog nicht eine Miene.
    Der Stein splitterte großzügig ab und flog den Männern entgegen. Vier der Wachen zeigten wortlos auf den Kerl ganz hinten und rannten weg. „Spinnt ihr? Wir haben Schwerter!“, schrie der Letzte, der laut den anderen den Pfeil geschossen hatte.
    Trevor setzte sich wieder in Bewegung und ging auf die Wache zu.
    Dieser stieß einen spitzen Schrei aus, warf sein Schwert vor sich und rannte ebenfalls davon.
    Jetzt war Trevor zumindest nicht mehr gänzlich unbewaffnet. Fehlten nur noch seine Freunde und seine Ausrüstung. Mit dem Schwert schnitt er sich kurzerhand noch einen Strich über das Muster auf seine Brust. Eine vorgezeichnete Gebrauchsanweisung, wie er zu bannen war, wollte er niemanden hinterlassen, dann lief er weiter.

  • Edmund kam zu sich, als man ihn eine Treppe hinuntertrug. Er hing kopfüber über einer Schulter wie ein Sack Mehl. Blut tropfte ihm ins Auge und hinterließ eine Spur.
    Er wurde zurechtgerückt und stieß dabei mit dem Kopf irgendwo gegen.
    Nicht so grob!
    Offenbar war er bereits mehrfach mit dem Kopf irgendwo angestoßen. Das erklärte das Blut im Auge.
    Seine Sicht klärte sich, bewegen konnte er sich jedoch nicht, nicht mal den kleinen Finger. Das Gift hatte sehr gut gewirkt.
    Er blickte nach unten und direkt auf einen Hintern in Rüstungshose.
    Nicht Trevors Hintern, stellte er fest. Der war deutlich straffer und knackiger. Schade …
    Wenn es allerdings nicht Trevor war, der ihn herumtrug, wer dann? In seinem Blickfeld tauchten immer wieder Stiefelspitzen auf, die ihnen folgten. Dummerweise wollte ihm sein Körper noch nicht gehorchen. Aber er spürte deutlich wie die Betäubung mit jeder Minute nachließ.
    Mit Metall gestärkte Stiefel, billig verarbeitet und das Leder war rissig. Vermutlich die Stiefel eines Wachmannes. Gut gepflegt, aber nicht viel wert und mittlerweile alt.
    „Der Kerl ist schwerer als er aussieht“, beschwerte sich jemand – er wurde auf der Schulter erneut zurecht gerückt, als wäre er eine Puppe.
    Willst du sagen, ich bin fett, oder was?
    Das war doch die Stimme von einem der Wachen. Wie hieß der noch gleich … ? Hatte sich Ihnen überhaupt jemand vorgestellt? Nicht einmal die Familie, oder? Wenn er sich recht erinnerte, fragte er sich, warum sie überhaupt im Schloss waren. Eigentlich hatten sie Cecilia nur durchs Tor treten und dann verschwinden wollen. Was war eigentlich passiert, dass sie sich dazu hatten breitschlagen lassen?
    Und das Essen war nicht mal gut!

    Zugegeben war er neugierig gewesen. Alle Häuser, an denen sie vorbeigekommen waren, waren wie ausgestorben, Bürger hatten sich versteckt oder waren regelrecht geflohen. In diesem Herzogtum stimmte etwas ganz und gar nicht. Und diese Erkenntnis traf ihn nicht nur, weil man ihn gerade vergiftet hatte und er über einer Schulter durch finstere Flure getragen wurde.

    „Jetzt hör auf zu jammern, Gustav.“ Eine Frauenstimme. Sie waren also mindestens zu dritt.
    „Sehr wohl, Herrin!“, beschwerte sich wohl Gustav. Also mindestens zwei Wachen und es war eine „Herrin“ dabei. Aus der Stimme des Wachmanns hörte er Respekt, aber nicht sonderlich viel. Da waren Zweifel. Also schon mal nicht die Herzogin selbst. Man musste ja auch mal Glück haben.
    Zwei Wachen und vermutlich eine von Cecilias Schwestern. So dumm, ihm seine Waffen zu lassen, waren sie sicherlich nicht gewesen. Und er war nicht Trevor, der sich einfach herausprügeln konnte. Abgesehen davon, dass er im Moment lediglich gucken, hängen und sabbern konnte.
    Dann musste er wohl abwarten.

    Sie kamen in einem Keller an.
    Sie trugen ihn über groben Stein, der feucht glänzte und modrig roch. Warum musste es ein stinkender Keller sein? Warum kein schöner warmer Raum mit Wandteppichen? Schlimm genug, dass man ihn immer herumtrug, als wäre er ein störrisches Kind. Da wäre es ihm ja fast lieber gewesen, man hätte ihn an den Füßen die Treppen hinuntergeschleift. Das hätte der Sache mehr Drama gegeben. So kam er sich nur vor, als hätte er etwas falsch gemacht und wurde dafür auf sein Zimmer getragen.
    Hierfür werde ich mir ewig etwas von Nelli und Esther anhören dürfen …
    Immerhin wirkte das dumme Gift, das sie ihnen gegeben hatten nicht sonderlich gut. Er musterte also aufmerksam die Umgebung und merkte sich den Weg, lauschte den Geräuschen und den Gesprächen zwischen den Anwesenden und bemerkte, wie er bereits die Fußzehen wieder bewegen konnte.
    Er versuchte herauszufinden, ob die anderen irgendwo in der Nähe waren. Aber er hörte und sah nichts von ihnen.
    Hoffentlich geht es den anderen gut…
    Er hörte weitere Schritte von schweren Stiefeln.
    Am Ende des Flurs wurde er an einer weiteren Wache vorbei in einen Raum getragen. Die Stiefelspitzen blieben draußen.

    Der Raum roch als hätte Nelli einen Kräutersud zubereitet und gleichzeitig der Krake in den Raum gerülpst – eine seltsam vermoderte, süßliche Mischung aus allem, was eklig war.
    „Legt ihn da ab!“, forderte eine kratzige Stimme. Entweder war der Besitzer niemand, der viel redete oder genau das Gegenteil war der Fall. Vielleicht hatte die Stimme auch nur zu viel von dem ätzenden Geruch eingeatmet.
    Er wurde auf einen Steintisch geworfen und jemand machte sich an seinen Füßen zu schaffen, so weit er es spürte, wurden Fesseln entweder angebracht oder entfernt. Vermutlich eher ersteres.
    Gustav lehnte sich zu ihm. „Oh, er ist wach.“
    Edmund starrte Gustav an. Tatsächlich, wie auch in seiner Stimme, lag neben Überraschung auch Zweifel in seinen Augen.

    Gustav wurde beiseite geschoben und stattdessen schob sich das Gesicht von Cecilias Schwester in seine Sicht. Die gleichen blonden Haare und blauen Augen. Wie konnte eine Person so aussehen und so einen schrecklichen Charakter haben? Aber je länger Edmund die Frau betrachtete desto mehr bekam er das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Ihr Aussehen war irgendwie … unnatürlich. Ein Gedanke, der ihm bereits beim Essen gekommen war.
    „Erstaunlich. Das Gift hätte einen Wal betäuben können.“ Die Schwester betrachtete Edmund.
    Die kratzige Stimme meldete sich zu Wort. Ein altes Weib trat in sein Blickfeld, die noch deutlich älter und faltiger aussah als Nelli. Eine wandelnde Leiche. Oder eher Mumie. Entweder war sie wirklich älter als Nelli, oder hatte sich noch schlechter gehalten.
    „Sind wir froh, dass er nicht tot ist. Das Gift muss aus seinem Kreislauf wieder heraus. Umso schneller, desto besser.“
    „Meinst du, Cecilia hat recht?“ Eine weitere junge Stimme erklang. Noch eine der Schwestern. Ebenfalls blond und mit blauen Augen und dieser Porzellanhaut, die sie alle hatten.
    Wie viele gibt es von denen? Ist da irgendwo ein Nest?!
    „Das finden wir heraus.“ Der alte Hodensack packte sein Gesicht, wandte es, betrachtete ihn wie Ware auf dem Viehmarkt. Dabei kniff sie die Augen zusammen, als würde sie nichts erkennen. Dann griff sie nach seinem Arm, schob den Ärmel hoch und schnitt mit einer Klinge durch seine Haut. Es blutete sofort und die alte Schachtel fing das Blut mit der Schüssel auf.
    „Geht es euch noch gut?“, pampte Edmund. Froh darüber, dass die Betäubung nachließ. Jetzt merkte er auch, dass man ihn gefesselt hatte. Seinen Arm wegziehen, konnte er also nicht. Miststück! „Wisst ihr eigentlich, was das für Flecken macht? Außerdem“, er wandte sich an Gustav, „bin ich nicht fett!“, er drehte sich zurück zu Cecilias Schwester, „also vergleich mich nicht mit einem Wal!“
    Die Adlige sah ihn mit erhobenen Augenbrauen an, während der Hodensack sich nicht um ihn kümmerte, stattdessen die Wunde betrachtete. Dann träufelte sie zwei Tropfen einer Tinktur in die Schüssel zu seinem Blut. Es färbte sich zu einer Mischung aus rosa und blau.
    „Definitiv ein magisches Wesen mit einer Verbindung zu Wasser. Die Wunde verheilt bereits“, sie packte sein Gesicht, wandte es erneut hin und her, „gutes Aussehen, und eine deutlich wahrzunehmende, anziehende Aura.“ Sie musterte seine Haut, glotzte ihm mit ihren toten Fischaugen in die Augen und schnüffelte an seinem Nacken. „Keine Schuppen, aber seine Haut fasst sich robuster an. Ich denke, er hat Cecilia die Wahrheit gesagt.“
    Hallo? Privatsphäre!
    „Wenn er wirklich Nymphenblut besitzt, dann könnten wir uns die weiteren Tests doch sparen, oder?“, fragte die Schwester von Cecilia, die ihn in den Keller begleitet hatte. „Dann ist Nymphenblut definitiv kompatibel mit Menschenblut.“
    Er bewegte sich leicht in den Fesseln. Von was um alles in der Welt redeten diese Wahnsinnigen eigentlich? Er war umso mehr froh, dass er nichts von der Suppe gegessen hatte, denn die würde ihm nun wieder hochkommen. Abgesehen von dem Auge, dass darin geschwommen war und dem sauren Geschmack, als wäre sie schon lange überfällig.
    Die Alte tätschelte seine Wange.
    „Kannst du das mal lassen, du ausgedörrter Haufen Froschlaich?!“, pflaumte er los.
    Die Alte watschelte davon, zurück zum Tisch und schleppte die Schüssel mit sich.
    „Ein Test ist unerlässlich. Oder willst du sterben, Mädchen?“ Die Alte kam mit einem frischen Gefäß zurück. „Dorothea, trete mal kurz beiseite.“
    Die Tochter des Herzogs, die bereits im Keller gewartet hatte, trat weg. Wohl Dorothea. Die andere verschränkte die Arme und blickte woanders hin. Wohl beleidigt.
    „Dann beeil dich, Alte. Mutter wartet nicht gerne und ich würde auch gerne endlich Resultate sehen.“
    „Mich zu hetzen, bringt nichts.“
    „Hört auf mich zu ignorieren!“, forderte Edmund genervt. Die Alte packte erneut seinen Arm und am liebsten hätte er ihr dafür seine Faust ins Gesicht geschlagen. Das wirst du bereuen! Der vertrocknete Haufen Existenz schlitzte erneut seinen Arm auf und befüllte damit die Schüssel. Er würde eine Menge Zitronen brauchen, um die ganzen Blutflecken aus der Kleidung zu bekommen. „Hey, das Hemd ist neu!“
    „Stehlen einem Nymphen eigentlich wirklich die Seele bei einem Kuss?“, fragte die -offenbar dumme - Schwester und musterte ihn neugierig.
    Was für eine bescheuerte Frage ist das denn!?
    „Find es doch raus!“, zischte Edmund und funkelte die Frau finster an.
    Die Hexe sah sie an. „Das sind Ghule, Judith!“
    „Nymphen sind keine Seelenräuber“, meinte plötzlich eine weitere Stimme. Edmund konnte gerade so weit den Kopf drehen, sodass er sehen konnte, dass zwei weitere Personen den Raum betraten. So langsam wurde es voll hier.
    Kommt nur alle herein. Wir haben hier einen riesen Spaß!
    Zu den Neuankömmlingen in dieser lustigen Runde gehörten die Herzogin und eine entstellte junge Frau. Sie schien teilweise gelähmt zu sein, da sie ihre rechte Seite nachzog. Die hinkende Frau stellte eine Kiste neben ihm ab. Sie betrachtete ihn aus den gleichen blauen Augen, wie es in der Herzogfamilie scheinbar jeder hatte. War sie auch mit ihnen verwandt? Allerdings schien wohl für diese Schwester von der Schönheit nichts mehr übrig gewesen zu sein. Sie hatte Narben im Gesicht, ihre Haut war seltsam schuppig und die rechte Gesichtshälfte ebenfalls gelähmt.
    „Sei still, Elisabeth. Niemand hat dich nach deiner Meinung gefragt.“ Die Stimme der Herzogin war eiskalt. Direkt wurde es im Keller um einige Grad kühler. Die entstellte Frau, die wohl zuvor gesprochen hatte und Elisabeth hieß, zog den Kopf ein.
    Edmund musterte Elisabeth. Diese blickte zurück. Da lag etwas Entschuldigendes in ihrem Blick.
    „Du bist sehr gesprächig für jemanden, der bereits tot sein sollte.“ Die Herzogin betrachtete ihn mit verschränkten Armen.
    Was ist das hier? Ein Kuriositäten-Kabinett? „Hört auf mich anzuglotzen!“
    „Wieso lebt er noch?“ Die Herzogin wandte sich an ihre Töchter. Diese zuckten zusammen.
    „Wir waren erstaunt, dass er bereits wieder wach war und haben es vergessen. Ich kümmere mich gleich darum.“ Judith nahm ein Messer.
    Leg das wieder weg ...
    „So schnell seine Wunden heilen und die Wirkung des Giftes nachgelassen hat, dürfte der Großteil bereits auch abgebaut sein“, warf die Hexe ein.  
    Und das war der Moment, in dem Edmund normalerweise Angst bekommen sollte. Aber irgendwie hatte er in den letzten Monaten zu viel Scheiße durchgemacht, um sich wirklich um sein Leben zu sorgen. Erstaunlich, wenn er darüber nachdachte. Wann hatte er sich daran gewöhnt?
    „Ehe man mich jetzt ausbluten lässt wie einen Fisch, könnte mir einer mal verraten, was das hier soll?“
    Elisabeth schüttelte leicht den Kopf. Oder bildete er sich das nur ein?
    Sie wurde von Judith beiseite geschubst.
    Ach toll, ausgerechnet die Doofe!
    „Dein Blut wird mir helfen, meine ewige Jugend beizubehalten!“, warf jedoch die Herzogin ein, ehe Judith dummes Zeug regen konnte. Wobei … apropos dummes Zeug.
    An was hat die denn geschnüffelt?
    „Hast du zu viel von deiner Tintenfisch-Suppe gegessen?“, gab er von sich und hob die Augenbrauen. Gut. Diese Leute waren durchgeknallt. „Nymphen sind jetzt nicht gerade für Langlebigkeit bekannt. Wie wäre es stattdessen mit dem Blut einer Riesenschildkröte oder eines Tiefseehais?“ Er wusste, dass es solche Tränke gab, die einen verjüngten – dank Nelli. Also waren Tränke, die das Aussehen positiv – oder negativ – veränderten, wohl auch machbar. Was man in den Trank hineintun musste, wusste er allerdings noch nicht. Irgendwas sagte ihm aber, dass da kein Nymphenblut hineingehörte und mit Sicherheit nicht seines. Und wenn sie vorhin von Tests gesprochen haben, schien das eine neue Mischung zu sein. Diese Irren machten das also öfter. Und offenbar hatte diese ganze Prozedur niemand überlebt. Andernfalls hätte man außerhalb des Reiches Gerüchte gehört.
    Schlussfolgerung. Die atmen hier zu viel dreckige Luft! Er musste dringend von hier verschwinden. Nur wie?
    „Schweig still, Nymphe.“
    Von dir lass ich mir nichts sagen.
    „Und der Trank ist für wen? Eure Schwester?“ Er deutete zu der Entstellten. Vorerst musste er Zeit gewinnen…und etwas austesten. Sein Vater war darin immer gut gewesen. Er selbst konnte seine Kräfte aber immer nur unbewusst einsetzen. Ob ihm das gelang, wenn er es wollte? Nun, entweder er versuchte es und ging dabei drauf, oder er versuchte es nicht, und ging dabei drauf.
    Elisabeth schüttelte erneut leicht den Kopf, während die Herzogin lachte.
    „Die?! Quatsch! Der Trank ist für uns!“, zischte Dorothea. Sie und Judith lachten laut auf. Die Herzogin schüttelte nur abfällig den Kopf, während Elisabeth den Kopf senkte und der Hexe zur Hand ging.
    Edmund tat überrascht.
    „Euch? Was? Aber du hast ihn doch gar nicht nötig.“ Er lächelte Dorothea charmant an. „Ihr seid doch bereits der Blickfang auf jedem Fest.“ Schönheit, gepaart mit mehr Arroganz, als ich jemals zusammenkratzen könnte. „Vermutlich rennen euch die Verehrer und Verehrerinnen in Scharen nach.“
    Dorothea straffte bei seinen Worten die Schultern und Judith erstrahlte förmlich.
    Die lassen sich beeinflussen …

    Ein Plan formte sich. Er sah sich um, Gustav stand neben der Tür. Davor und auf dem Gang standen noch mindestens zwei weitere Wachen. Darum konnte er sich gleich noch Sorgen machen, aber eine Wache sollte selbst für ihn kein Problem werden. Den Faktor, den er am wenigsten einschätzen konnte, war die Alte. Wenn sie wirklich eine Hexe war, dann war sie vermutlich die Gefährlichste im Raum.
    Er sah zu ihr. Die Alte war gerade mit ihrem Kräutersud und seinem Blut beschäftigt.
    Und die Herzogin? Ebenfalls schwer einzuschätzen.
    Sein Blick begegnete dem der entstellten Schwester. Elisabeth musterte ihn, kniff die Augen zusammen, als versuchte sie zu erkennen, was er plante. Da sich ihre Wangen rosa färbten, sollte sie jedoch sein kleinstes Problem sein. Sie würde ihm nicht in die Quere kommen.
    „Also ist das euer Geheimnis?“, fragte er. „Ein Trank aus Nymphensuppe, der euch schön macht?“
    Die Schwestern lachten. Judith wedelte mit der Hand. „Wir erhalten damit nur, was bereits gegeben ist. Wie du bereits festgestellt hast: wir sind der Blickfang, wo immer wir auftauchen.“
    Ein Fakt, der auch auf einen Zyklop im Ballkleid zutreffen würde, aber wenn ihr meint.
    „Wen findest du schöner?“, fragte Judith.
    „Natürlich mich!“ Dorothea drückte ihre Schwester weg. Die beiden stritten.
    „Ihr seid beide wunderschön. Ihr habt eindeutig das Aussehen eurer Mutter. Ihre Porzellanhaut, das glatte, schöne Gesicht und die vollen Lippen, langen Wimpern und strahlenden Augen.“ Die beiden Schwestern strahlten unter seinen Worten und reckten sich stolz. Er grinste und suchte zu beiden Augenkontakt. „Wenn Perfektion einen Namen hätte, würde er den eurer Mutter tragen.“
    „Mutter?“ Dorothea sah zu der Herzogin, dann zu Edmund zurück. „Willst du damit sagen, sie wäre schöner als ich?“
    Edmund lächelte unschuldig. „Ihr seid ebenfalls sehr schön, aber wie gesagt, wahre Perfektion erreicht nur eure Mutter.“
    Hoffentlich war das ausreichend, andernfalls kotz ich gleich.
    Die beiden Schwestern wurden sichtbar zornig. Ihre Augen glühten regelrecht.
    „Lasst euch von ihm nicht anstacheln. Er manipuliert euch“, mischte sich die Hexe ein.
    Halt die Klappe, Wachtel!
    „Manipulieren? Ich? Euch? Ach was“, gab er unschuldig von sich. „Darf ich keine Komplimente mehr machen? Oder stört es dich, dass ich dich noch nicht bewundert habe?“ Er lächelte sie süßlich an.
    „Wenn du das wagst, ist klar, dass du lügst.“
    Edmund neigte den Kopf. „Warum? Klar, du bist ins Alter gekommen, aber ich bin sicher, dass du früher mal sehr schön warst. Deine Augen sind jedenfalls voller Weisheit und mit dem Alter kommt die Erfahrung, oder?“
    Die Hexe kniff die Augen zusammen. Er grinste.
    „Eben. Und meine Erfahrung sagt, dass du lügst.“
    Und meine sagt mir, dass du eine verbitterte alte Vettel bist!
    „Ich lüge? Wo denn?“ Edmund grinste. Gut bei ihr würde er nicht weiterkommen, aber sie war schließlich auch nicht das Ziel, er musste nur überzeugend genug sein. „Du bist nur eifersüchtig, weil du in diesem Raum voller junger Schönheiten nur da bist, diesen zu helfen, noch schöner zu werden, anstatt den Trank selbst zu nehmen.“ Er sah zu Elisabeth, die neben der Hexe stand und ihn neugierig und irgendwie bewundernd musterte. Toll, die Hässliche haben wir schon mal.
    „Moment“, mischte sich Judith ein, „du findest Mutter wirklich schöner? Aber ich bin viel jünger!“
    Und dümmer.
    Edmund lächelte unschuldig. „Ja, das ist richtig. Du und deine Schwester, ihr habt die gleiche Voraussetzung, aber bei ihr ist da noch so ein Hauch Anmut in den Augen.“ Im Grunde war es keine Anmut, sondern irgendwas, das er nicht benennen konnte. Und es machte sie nicht schöner, sondern gruseliger. Als würde man einer jungen Frau ins Gesicht aber einer Greisin in die Seele blicken.
    „Genug jetzt!“, mischte sich die Herzogin ein. Doch damit kam sie wohl zu spät. Judith funkelte erst ihn, dann ihre Schwester finster an.
    Drei gewonnen, fehlen noch drei.
    Er sah zu Gustav.
    „Wie weit bist du, Sybilla?“ Die Herzogin wandte sich an die Hexe. Diese hantierte noch herum, dann hielt sie der Herzogin ein Fläschchen entgegen.
    Als die Herrscherin danach greifen wollte, kam ihr Judith zuvor. „Das ist meins!“
    „Schleich dich, Kind!“, zischte die Herzogin und versuchte ihr das Fläschchen aus der Hand zu nehmen. Doch Judith war schneller und wich ihr aus.
    „Du hattest genug, das hier ist für mich!“
    Dorothea schubste ihre Schwester. „Nein, es ist für mich!“
    Unter den Schwestern entbrannte ein Streit, in den sich auch Gustav einmischte. Der Wachmann versuchte, die Schwestern voneinander zu trennen, was leichter gesagt war, als getan. Er kassierte zwei Hiebe und 3 Entlassungen. Währenddessen diskutierte die Herzogin mit Sybilla, dass diese ein weiteres Fläschchen anfertigen sollte.
    Das wäre amüsanter, wenn weniger Kleidung und mehr Schlamm im Spiel wären.
    Keiner der Anwesenden achtete mehr auf ihn. Er sah zu Elisabeth, flehend und mit einer stummen Aufforderung. Elisabeth kam zu ihm, löste die Fessel an seiner rechten Hand. „Du solltest gehen.“ Ihre Stimme war sanft.
    Ich hatte nicht vor, hier Urlaub zu machen.
    Mit der freien Hand friemelte er den Knoten an seiner linken Hand auf und befreite anschließend seine Beine.
    „Stopp!“, brüllte plötzlich die Herzogin und sah in seine Richtung.
    Zu spät!
    Edmund sprang vom Tisch und brachte ihn zwischen sich und die Herzogin.
    „Lasst euch von mir nicht stören“, meinte er und sah sich im Raum um. „Ihr habt doch, was ihr wolltet.“
    Die Herzogin befahl Gustav ihn wieder gefangen zu nehmen. Der Wachmann zögerte sichtbar, kam dann aber auf ihn zu und versuchte ihn über den Tisch hinweg zu fassen zu bekommen.
    Hoffentlich funktioniert das, andernfalls muss ich doch zu Gewalt greifen. Und darauf hatte er keine Lust.

    Edmund beugte sich nach vorn, sah Gustav in die Augen, fixierte ihn und suchte in seinen Augen nach einem Anzeichen, dass er zu ihm durchdringen konnte. Was nicht so leicht war, wie er dachte. Dann hatte er ihn.
    Er schob sich geschickt an Gustav vorbei.
    „Halt dich da raus“, forderte er nah an seinem Ohr und entwendete dem Mann seine Waffe vom Gürtel. Selbst in Edmunds Ohren klang seine Stimme seltsam anders. Eher singend.
    Die Wache stolperte zurück, starrte ihm in die Augen und blieb verwirrt stehen, unfähig den Augenkontakt zu unterbinden. Bleib da stehen.“
    Gustav nickte langsam.
    Aus dem Augenwinkel sah er Judith und konnte sich gerade noch wegducken, als diese mit dem Messer auf ihn einstechen wollte.
    Er trat zurück, das Schwert auf die Frauen gerichtet.
    Toll … Sollte er nun wirklich gegen Frauen kämpfen? Wo waren die anderen? Die hatten sicherlich keine Hemmungen.
    „Jetzt mach was!“, befahl die Herzogin dem Wachmann. Doch Gustav bewegte sich keinen Millimeter.
    Guter Junge …
    „Was ist? Hast du Angst uns anzugreifen?“, fragte die Hexe herausfordernd, während die Herzogin auf den Wächter einschimpfte. Sie stand an ihrem Tisch und ihre Finger griffen nach einem der ganzen Phiolen, die dort standen. Vermutlich irgendwas, das ihm mächtig um die Ohren fliegen sollte.
    „Ich kämpfe nicht gerne“, meinte er, dann lächelte er. Aber das muss ich meistens auch nicht. Er sah zu Dorothea, die in dem ganzen Durcheinander das Fläschchen mit dem Trank wieder aus den Fingern verloren hatte. „Schau Dorothea, Sybilla hat noch ein Fläschchen von deinem Wundermittel. Hol es dir!“ Er deutete zu der Hexe, die ihn kurz überrascht ansah.
    Dorothea betrachtete ihn, er fixierte ihre Augen, dann wandte sie sich beinahe mechanisch zu der Hexe, ihre Augen glitten zu der Phiole in deren Fingern.
    „Gib es mir!“, forderte sie und stürzte sich auf die Hexe. Die Alte fluchte laut los und versuchte, Dorothea von sich fernzuhalten. Die Adlige riss einige der Tränke und Behälter vom Tisch.

    Edmund nutzte den Moment der Ablenkung. Er näherte sich Judith, suchte auch zu ihr den Augenkontakt, wand sich an ihr jedoch vorbei. Sie folgte ihm mit den Augen.
    Damit ist sie offiziell die Dümmste im Raum.
    Er hielt ihre Händen, in denen noch das Messer lag, zog sie an sich. Er hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen, sah ihr in die Augen und flüsterte: „Wenn deine Mutter nicht wäre, wärst du die Schönste in der Familie.“ Judith starrte ihn an, dann verdunkelte sich ihr Blick und sie sah zu ihrer Mutter. Der Griff um das Messer wurde fester. Mit einem Kreischen warf sie sich auf ihre Mutter.

    Derweil war Dorothea damit beschäftigt, der Hexe ihre eigenen Kräuter an den Kopf zu werfen und den Tisch kreischend dem Erdboden gleich zu machen. Dabei fiel der Hexe die Phiole aus der Hand und diese explodierte in einem grellen Lichtblitz.
    Verfluchte Scheiße! Edmund riss sich gerade noch rechtzeitig die Hände vor das Gesicht.
    Um ihn herum kreischte und stöhnte es, er selbst sah nur noch Umrisse.
    Er wandte sich um, stolperte aber über irgendwas am Boden und krachte der Länge nach hin. Sein Kopf stieß irgendwo gegen, es polterte. Es dauerte einige Sekunden, da klärte sich seine Sicht. Schemenhaft erkannte er den kaputten Tisch vor sich, die Adligen Frauen, die sich die Augen rieben.
    Edmund sah sich um, die meisten Gefäße, die vom Tisch geschleudert worden waren, waren heil geblieben. Er griff nach einem davon und öffnete es. Der Geruch kam ihm bekannt vor. Nelli hatte ebenfalls etwas von diesem Zeug. Wie hieß es noch gleich?
    Yopo, glaub ich. Das könnte funktionieren …
    Er hielt sich den Ärmel seiner Jacke vor die Nase. In diesem Loch gab es nicht mal ein Fenster.
    „Ich sehe im Übrigen viel besser aus als ihr alle zusammen."
    Er öffnete das Gefäß und warf den Inhalt über den Tisch in den Raum zu den Frauen. Beinahe explosionsartig verteilte sich eine Staubwolke im Raum. Die Hexe hustete und fluchte. Und kam um den Tisch herum. Elisabeth stellte ihr jedoch das Bein, sodass die Alte fiel und einen großzügigen Atemzug des Halluzinogens inhalierte. Die entstellte Adlige hielt sich ein Tuch vor das Gesicht.
    Edmund kam derweil wieder auf die Füße.
    „Der Schlüssel für den Raum?“, fragte er durch den Stoff an Elisabeth gewandt. Diese schüttelte den Kopf.
    „Die Wachen draußen.“
    Großartig … Warum hatten die eigentlich noch nicht reagiert?
    Er wandte sich zu dem zerstörten Tisch. Vielleicht war dort etwas, mit dem er das Schloss zerstören konnte. Auf seiner Suche fiel ihm der Trank der Alten in die Hände.
    Ich schätze, den brauchen sie jetzt nicht mehr.
    Er steckte ihn ein. Immerhin war da sein Blut drin.
    Judith kreischte auf und schrie etwas von Dämonen, die sie angriffen. Sie schlug um sich, stocherte mit dem Messer in der Luft herum und traf dabei Dorothea. Die Adlige schrie als würde sie bei lebendigem Leib verbrennen. Die Herzogin hielt sich die Ohren zu. Sie blutete am Arm und der Schulter. Wahrscheinlich hatte Judith sie dort bereits mit dem Messer erwischt.
    Gustav faselte dagegen etwas von Vögelchen und blickte verträumt zur modrigen Decke.

    Vor der Tür wurde ebenfalls Tumult laut und ließ Edmund innehalten. Dann flog die Tür aus ihren Angeln, traf dabei die Herzogin mitten im Gesicht und schleuderte sie an die gegenüberliegende Wand.
    Ups.



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

    Einmal editiert, zuletzt von Kyelia (21. Juli 2025 um 22:26)

  • Nelli kam zu sich, als sie einen scharfen Schmerz auf ihrer Wange spürte. Sie blinzelte verwirrt und schaute in das faltenlose Gesicht eines jungen Burschen. Hat der Knilch mich gerade ernsthaft geohrfeigt?

    "Ah, Oma ist endlich wach!" Entgeistert plusterte Nelli die Backen auf. Wenn jemand sie Oma nennen durfte, dann war es Trevor. Und der Schnösel da sah aus, als hätte er noch wenig bis keine Haare am Sack.

    Neugierig kam der Junge immer näher, begutachtete sie so genau, dass sie seinen Atem auf ihrer Haut spüren konnte. Was soll das denn bitte werden? Willst du in meine Falten kriechen?

    Sie wich zurück so gut es ging, ohne von dem Stuhl zu fallen, an den man sie gefesselt hatte. Ihr Blick glitt an den modrigen, dunklen Steinwänden entlang und sie rümpfte die Nase. Von Gastfreundlichkeit und guter Innenarchitektur hatte diese komische Familie schon mal keine Ahnung.

    Das Schlimme war, dass sie es gewusst hatte. Sie hatte gewusst, dass sie alle in eine Falle laufen und eigentlich hatten ihr die Blicke der anderen gesagt, dass die das genauso wussten. Warum zum Henker waren sie also dennoch in diese Falle getappt? Wie so ein paar Mäuse hatten sie sich einfangen und vergiften lassen. Sie hatte ja die ganze Zeit schon gesagt, dass mit dieser Göre, die sie an Bord gehabt hatten, etwas nicht stimmte. Aber ihre Meinung war ja übergangen worden. Vermutlich bekamen sie jetzt nicht mal die versprochene Belohnung. Den ganzen Proviant umsonst geopfert...

    "Ludwig, komm ihr nicht zu nah. Die werden das alte Weib schon nicht grundlos mit sich geschleppt haben", fuhr eine weitere Stimme dazwischen, bevor der Knabe noch näher kommen konnte. Nellis Blick blieb an der Gestalt des Herzogs hängen. Gleich zwei Männer hier. Das ist zu viel der Ehre.

    "Aber Vater! Schau sie dir an, welche Gefahr soll denn bitte schon von diesem faltigen Mütterchen ausgehen?", warf der Jüngere -Ludwig anscheinend- überheblich ein.

    "Vielleicht haben sie sie unterwegs aufgelesen und Mitleid gehabt. Oder sie ist die...Großmutter oder Ur-Großmutter von einem von ihnen."

    Amüsiert hörte Nelli ihnen zu. Der Vater war deutlich klüger als seine Brut, so viel stand fest. Der Junge war viel zu überzeugt von sich und seiner Kraft. Was der Knabe an Muskeln hatte, hatte er wohl an Intelligenz verloren. In seinem Gesicht blitzten die gleichen blauen Augen voller Arroganz, die auch seine Schwester geziert hatten. Hoffentlich kratzte einer der anderen ihr die aus dem Puppengesicht.

    Testweise bewegte sie ihre Hände ein bisschen. Faszinierend, sie hielten sie für so ungefährlich, dass sie sich nicht mal die Mühe gemacht hatten, die Fesseln vernünftig fest zu ziehen. Wenn es für Dummheit einen Preis gäbe...

    Wieder kam ihr das Bürschchen unangenehm nah, musterte sie mit unverhohlener Neugier.

    "Ich wusste gar nicht, dass Falten so tief sein können...Und schau mal, wie ledrig ihre Haut ist! Bestimmt brennt sie gut, wenn wir sie nachher auf den Scheiterhaufen binden!"

    Nelli hob eine Augenbraue. Na das wollen wir doch erst mal sehen. Gerade wollte sie etwas erwidern, als sie von einem bläulichen Schimmer hinter dem Herzog abgelenkt wurde. Der Geist, der dort gerade Gestalt annahm, war der Kleidung nach zu urteilen, noch nicht sehr lange tot. Ein Umstand, der Nelli verwirrte, sah sie doch sonst eher die schon sehr lange rastlosen Seelen. Etwas amüsant war, dass der Geist seine Faust hob und versuchte auf den Herzog einzuprügeln.

    "Ihr Schweine! Ihr habt mich und meine ganze Familie ausgelöscht!" Fluchte er und schlug immer wieder durch den Körper des Adligen hindurch. Die Alte kniff die Augen zusammen.

    "Was hast du da grade gesagt?" Fragte sie und legte den Kopf schief, was den Geist aufschauen und den Jüngling vor ihr die Stirn runzeln ließ.

    "Ich sagte, dass du dich hervorragend auf dem Scheiterhaufen machen wirst", wiederholte er, was Nelli genervt seufzen ließ.

    "Halt die Klappe, Jungspund, mit dir hat niemand geredet!", fuhr sie ihn an, was ihr nun endgültig die Aufmerksamkeit des Geistes einbrachte.

    "Du...Du kannst mich sehen und hören?" Mit einem begeisterten Gesichtsausdruck, den die Hexe so bisher selten bei Verstorbenen gesehen hatte, kam die bläuliche Silhouette näher. Nelli nickte auf seine Frage hin. Logisch, sonst hätte sie ihm ja wohl kaum geantwortet, oder?

    "Diese Bastarde hier haben meine ganze Familie auf dem Gewissen. Wir haben sie aufgenommen, als sie vor unserem Tor standen, die Frau schwanger und uns etwas von einem Schiffsunglück erzählt haben. Aber erst wurde mein Sohn plötzlich sehr krank, dann hat meine Frau sich vom Turm gestürzt und zu guter Letzt ist meine süße Tochter ertrunken. Und mich? Mich haben sie vergiftet. Und das alles nur, damit sie unsere Plätze als Herzogsfamilie einnehmen können. Haben alle mit einem gefälschten Stammbaum davon überzeugt, dass er hier..." ,er deutete auf den vermeintlichen Herzog, der jetzt aufgestanden und näher gekommen war, "mein lange verschollener Bruder sei. Ich hatte nie einen Bruder."

    Interessiert hörte Nelli zu, das waren ja mal völlig neue Informationen, die aber sehr gut in ihre eigenes Bild dieser merkwürdigen Familie passten.

    "Hilf mir, meine Familie zu rächen! Du kannst mich sehen, ich weiß, dass du mehr bist, als man auf den ersten Blick vermutet!" Flehte der verstorbene Herzog sie an und ein leichtes Lächeln legte sie auf die Züge der Alten.

    "Mit dem aller größten Vergnügen!"

    Der stechende Blick ihrer grauen Augen wandte sich an den Jüngeren der beiden Männer.

    "Du ziehst jetzt Mal deine Nase aus meinem Gesicht, du Schnösel. Ich brenne garantiert nicht auf irgendeinem Scheiterhaufen", wie sie ihn zurecht, zog ihre Hände relativ mühelos aus den Fesseln.

    "Also wirklich, ihr seid so unfassbar hohl, da ist das Gehirn jeder Taube größer. Nicht mal fesseln könnt ihr richtig. Überlasst ihr das sonst immer euren Angestellten?"

    Die Fackeln in dem Raum begannen zu flackern, es wanderten Schatten über den Boden, die zu keinem der anwesenden Körpern zu passen schienen, wurden immer größer, kletterten über die Wände bis zu der Decke. Schließlich war jedes bisschen Licht im Raum verschluckt, es herrschte absolute Finsternis und lediglich die erschrockenen Schreie der beiden Männer waren zu hören. Aus dieser Finsternis starrten ihnen nur ein leuchtendes Augenpaar entgegen.

    "Schade, dass ihr diese Lektion zu spät lernt: Unterschätzt niemals einen Gegner, egal wie harmlos er auch aussehen mag."

    Ein Kichern erklang, das sich ungefähr so anhörte, als ob man mit den Fingernägeln über eine Schiefertafel zog.

    "Habt ein bisschen Spaß mit ihnen. Sie haben es nicht verdient, das Licht der Sonne wiederzusehen", gab sie den Schatten die Erlaubnis, verschwand in der Dunkelheit nur um sich keinen Augenblick später auf der anderen Seite der Tür, den Staub von der Kleidung zu klopfen. Amateure...

    Jetzt musste sie nur die Anderen wiederfinden - möglichst unauffällig. Nelli hatte nicht unbedingt Lust, noch mehr von dieser degenerierten Familie oder ihrer Dienerschaft zu treffen. Also humpelte sie durch den Flur – den Stock hatte man ihr abgenommen, vielleicht aus Angst, dass sie damit jemanden verprügelte. Also ob sie das nötig hätte.

    Angestrengt lauscht sie in die einzelnen Zellen.

    "Warte! Lass mich dir helfen!" Sie zuckte zusammen als der Geist des alten Herzogs wieder neben ihr auftauchte.

    "Du hast mir Frieden gebracht, jetzt lass mich dir helfen, deine Freunde zu finden." Die Alte nickte, warum sollte sie auch keine Hilfe annehmen, bevor sie hier noch stundenlang sinnlos durch den Kerker wanderte. Begeistert klatschte der Geist in die Hände.

    "Komm! Komm mit mir, ich weiß, wo sie zumindest einen von ihnen hin gebracht haben!"

    Sie hatte Mühe der schwebenden Gestalt zu folgen, schlurfte ihm nach bis er vor einer Tür anhielt, hinter der lautes Gerede zu hören war. Vor der Tür standen zwei Wochen, aus deren Blickfeld Nelli sich rettete, in dem sie in einer Nische verschwand, in der früher wohl mal eine Deko-Rüstung gestanden hatte. Was aus der wohl geworden war? Vermutlich waren die Typen hier dumm genug, daraus einen Kochtopf zu machen.

    "Hab Dank für deine Hilfe. Jetzt kann ich Ruhe finden."

    Die Gestalt des Herzogs fing immer mehr an zu wabern und löste sich schließlich vor ihren Augen auf. Sacht neigte sie den Kopf. Das Vergnügen war ganz meinerseits.

    Die Alte griff in die schier unendlichen Tiefen ihren Kleides und zog grinsend ein kleines Säckchen hervor. Anscheinend hatte man sie nicht mal richtig durchsucht. Sie konnte es quasi vor sich sehen, wie niemand sich getraut hatte, das alte Weib anzufassen. Das war dann wohl ihr Pech. Kurz schaute sie um die Ecke, die beiden bulligen Typen standen noch immer vor der Tür, wie zwei zu Stein erstarrte Baumstämme. Gut, das nannte man dann wohl Kollateralschaden. Sie hielt das Säckchen an eine der Fackeln, beobachtete wie der Stoff Feuer fing und warf es gegen die Tür, die mit einem lauten WUMS aus den Angeln flog.

    Aus dem Staub, den ihre kleine Explosion hervor gerufen hatten, leuchteten ihr ein paar blaue Augen entgegen. Hätte sie sich ja denken können, dass Edmund dahinter steckte. Der wirkte aber fast ein bisschen enttäuscht, als er sie sah.

    Haben Sie den Schlüsseldienst gerufen?“ fragte sie nüchtern, schaute dann an ihm vorbei.

    Was bei allen Göttern ist denn hier los?“ Hinter Edmund kreischten ein paar Frauen etwas von Dämonen und anderem unverständlichen Zeug, hinter der Tür, die sich in die Wand katapultiert hatte, schauten Reste eines Kleides hervor, ein ziemlich großer Mann stand mit einem seligen Lächeln in diesem Chaos und das auf dem Boden...war das wirklich...?

    Du hast ganze Arbeit geleistet, Edmund“, murmelte Nelli und schnupperte.

    Was stinkt hier denn bitte so?“

    Der Händlersohn zuckte mit den Schultern.

    Das frage ich mich auch schon die ganze Zeit. Das muss die alte Hexe da hinten sein.“ Er deutete auf den Kleiderhaufen am Boden, in dem eine runzelige Gestalt steckte. Also war sie es wirklich.

    Ah, daher kam der Gestank nach Verwesung, den ich schon am Hafen gerochen habe. Und was wollten diese Grazien jetzt von dir?“

    Der Ausdruck auf Edmunds Gesicht war ein bisschen weicher geworden fast als...würde er sich freuen sie zu sehen? Nelli war sich zwar ziemlich sicher, dass er sich über Trevor mehr gefreut hätte, aber vermutlich war selbst ihre runzelige Visage besser als die Harpyien, die ihn wohl in ihrem Griff gehabt hatten. Auch irgendwie mal etwas neues.

    Einen Verjüngungstrank. Die haben mir Blut dafür abgenommen!“ Seine Stimme klang entrüstet und er wedelte mit dem Arm vor ihrem Gesicht rum. Aber besonders viel konnte man da nicht mehr erkennen. Nymphenheilung.

    Einen Verjüngungstrank? Was war da denn drin?“ Sie runzelte ihre Stirn, schaute neugierig auf das Labor, was sie nun im Hintergrund erkennen konnte.

    Edmund tippte sich einen Moment nachdenklich ans Kinn.

    Keine Ahnung, aber es hat nach Johanniskraut, Granatapfel, Baldrian, Titanwurz und Ginkgo gerochen“, zählte er auf und für einen Moment war Nelli sehr stolz auf ihn und was er sich aus ihrem kurzen Unterricht gemerkt hatte, bis sie entgeistert die Backen aufblies.

    Die Schweine haben mein Rezept geklaut!“

    Und noch mein Blut mit rein gemischt!“ fiel der Händlersohn in ihre Entrüstung mit ein.

    Hier, da ist das Zeug übrigens. Mach damit, was du willst.“ Er drückte ihr mit angeekeltem Gesicht die Phiole in die Hand. Hinter ihnen ertönte ein leises Räuspern. Das entstellte Gesicht einer jungen Frau schob sich hinter Edmunds Rücken hervor. Irgendwie machte ihre fehlende Perfektion sie zu der Sympathischsten der ganzen Sippschaft.

    Ich kann euch zeigen, wo der Rest von eurer Mannschaft ist“, erklärte sie leise, die Stimme kaum mehr als ein Rascheln der Blätter. Edmund schien sie zu kennen und ihr irgendwie zu vertrauen und Nelli vertraute Edmund.

    Dann bring uns hin“, stimmte sie zu, „Aber erstmal muss ich etwas ausprobieren.“

    Sie ging tiefer in den Raum, vorbei an den keifenden Weibern zu der reglosen Gestalt der anderen Hexe.

    Hallo Sybilla. Wie schön dich wiederzusehen“, begrüßte sie sie mit einem bösartigen Lächeln.

    Lass mal sehen ob deine minderwertigen Braukünste doch irgendwie nützlich waren.“

    Sie ging vor ihr in die Hocke und tröpfelte ihr etwas von dem Trank zwischen die geöffneten Lippen. Die Haut im Gesicht der Alten zog sich glatt, als hätte man sie mit einer Wäscheklammer hinter den Ohren zusammengehalten, die Haare wurden voller und alles straffte sich.

    Mhm, unerwartet beeindruckend.“

    Sie hörte leises Gemurmel im Hintergrund: „Als ich gesagt habe, du sollst damit machen was du willst, habe ich nicht gemeint, dass du das der alten Schnepfe geben sollst.“

    Nelli verdrehte die Augen, musterte das Labor – oder eher was davon noch übrig war. Viele Zutaten waren durch das Gerangel und die Explosion zu Boden gefallen und hatten sich wild vermischt. Damit waren so vollkommen unbrauchbar, ebenso wie die ganzen leeren und zerbrochenen Phiolen. Schade, das wäre ja auch zu einfach gewesen.

    Ihr Blick ging wieder zu Sybilla, die aber immer noch zu leben schien. Vielleicht nicht ganz so nutzlos...

    Nelli atmete tief durch, schloss kurz die Augen und setzte die Flasche an um einen großen Schluck zu nehmen. Erst geschah nichts, dann begann ihr Inneres sich in ein flammendes Inferno zu verwandeln. Ihre Haut fühlte sich an, als würde sie sich von ihrem Fleisch schälen und ihre Knochen sich wieder in eine aufrechte Position drücken.. Als sie ihre Augen wieder öffnete und auf ihre Hände schaute, waren dort keine dicken Adern, Falten oder Altersflecken mehr zu sehen. Ihre roten Haare hingen wie ein schwerer Vorhang auf ihrem Rücken und Götter, war das schön, wieder aufrecht stehen zu können!

    Nellie drehte sich zu Edmund um. Die junge Prinzessin starrte die nun deutlich jüngere Hexe mit offenem Mund an, während Edmund sie nur musterte.

    Du brauchst andere Kleidung“, stellte er trocken fest.

  • Quälend langsam kam Esthers Bewusstsein zurück. Es war, als läge ein dicker Nebel über ihrem Körper und drückte sie in die Tiefe eines Ozeans. Ihre Gedanken waren dumpf und schleppend, als würden sie durch dickflüssigen Schlamm waten. Sie vernahm Bewegungen vor ihren halb geöffneten Augenlidern. Rühren konnte sie sich kaum, so schwer waren ihre Glieder. Als hätte man sie an schwere Steine gebunden.

    Aufwachen“, sagte jemand zu ihr. Die Stimme drang nur gedämpft in ihr Bewusstsein, aber Esther wusste sofort, wem sie gehörte.

    Cecilia.

    Sie wollte die Augen öffnen, doch sie merkte, wie sie weiter abdriftete.

    Was war in den Pfeilen gewesen?

    Gerade als ihr Bewusstsein wieder in die unendliche Tiefe des Meeres hinabtauchen wollte, ergoss sich ein Schwall eiskaltes Wasser über sie.

    Schlagartig kehrten alle ihre Sinne zurück.

    Japsend holte sie Luft, ihr Körper wollte angespannt in die Höhe schnellen. Allerdings wurden sie daran augenblicklich gehindert. Auf einem Stuhl gefesselt, spürte sie, wie jeder einzelne ihrer Finger in einer Schlaufe steckte. Ihren Kopf konnte sie nicht bewegen, weshalb ihr nur der Blick geradeaus möglich war.

    Panik flutete ihre Gedanken, erschwerte ihr das Atmen. Stoßweise holte sie Luft und bemerkte aus den Augenwinkeln wie die Prinzessin um sie herumkam. Mit der Hand fuhr sie Esther über die Schulter und den gefesselten Arm.

    „Aufwachen“, wiederholte Cecilia mit einer Stimme, die klang wie der süße Wein in Silberberg.

    Was sollte das für ein krankes Spiel werden? Esther presste die Zähne so fest aufeinander, dass ihr Kiefer zu schmerzen begann.

    Was sollte sie tun?

    Selbst wenn sie eine Ahnung gehabt hätte, wo ihr Zauberstab war – sie hätte ihn niemals erreichen können. Nicht so. Nicht in diesem Zustand.

    Wo waren die anderen?

    Ein eiskalter Gedanke kroch durch ihren Schädel.

    In der Nähe? Oder schon …?

    Sie unterdrückte den Drang, die Augen zu schließen und zwang die Tränen zurück.

    Nein, sie würde Cecilia nicht die Genugtuung geben und Schwäche zeigen, das wollte die Prinzessin nur.

    Dann fielen ihr ihre Freunde wieder ein. Nelli, von der sie noch so viel mehr lernen wollte. Edmund, dem sie versprochen hatte, ihn samt Fernglas wieder nach Hause zu bringen.

    Trevor …

    Da war etwas in ihrem Innern, das sich zusammenzog, als sein Gesicht vor ihrem inneren Auge erschien. Vertraut und schmerzhaft. Und auf eine unbestimmte Weise wurde ihr warm.

    Sie schloss nun doch für einen Moment die Augen – diesmal ganz bewusst. Nicht aus Schwäche, sondern aus Notwehr. Sie suchte Halt in der Erinnerung.

    Sie waren nicht tot. Das durfte einfach nicht sein.

    „Ich … bin wach“, presste Esther hervor und versuchte, Cecilia anzusehen, aber noch immer konnte sie ihren Kopf nicht drehen. Ein merkwürdiger Druck lag auf ihrer Stirn.

    Grundgütiger … diese Irre …

    Dann trat Cecilia vor ihr. In ihrem glitzernden Kleid und dem wallenden goldenen Haar wirkte sie engelsgleich, doch das schmale Lächeln voller Verachtung passte nicht dazu.

    „Ich will nicht, dass du was verpasst.“ Noch immer klang ihre Stimme so lieblich, als würde sie mit einer guten Freundin plaudern.

    Esther spürte, wie ihr noch immer das Wasser am Körper herunterlief, durch ihre Kleidung sickerte und sich wie Eis auf ihre Haut legte. Sie blinzelte die Tropfen aus den Augen und fixierte Cecilia. „Wenn es um deine Anwesenheit geht…“, brachte sie hervor. „Das würde ich gerne verpassen.“

    Ihre Knie schlotterten, die Finger und ihr Herz schlug so kräftig, dass sie schon glaubte, es würde herausspringen. Das Blut rauschte in ihren Ohren und die Angst um ihre Freunde machte sie beinahe wahnsinnig. Sie hätten auf Nelli hören und Cecilia über Bord werfen sollen. Was ihre kranke Familie nun mit ihnen anstellte? Esther war sich nicht sicher, ob sie das wissen wollte.

    „Sei nicht so hart.“ Offenbar konnte Cecilia ihr aufgesetztes Lächeln eine unerträglich lange Zeit zeigen.

    Sagte diejenige, die eine Gräfin und Magierin an einen Stuhl gefesselt hat. „Wo sind die Anderen?“, wollte Esther wissen, aber ihre Stimme klang längst nicht so selbstbewusst wie sie es gerne hätte.

    Cecilia sah sie direkt an. „Willst du das wirklich wissen?“ Während sie das fragte, umstreifte die Prinzessin sie erneut, fuhr ihr über die Arme, über die Schultern und zupfte mit spitzen Fingern an eine ihrer Haarsträhnen als wäre Esther ein ausgestopftes Tier in einer Sammlung. Dann setzte Cecilia sich auf einen Stuhl direkt neben Esther.

    Irgendetwas klapperte.

    Nein. „Wo … sind … sie?“, wiederholte sie ihre Frage, nun mit deutlich mehr Nachdruck.

    Als ob ich in der Position bin, hier die Oberhand zu haben.

    „Edmund wird zu einer netten Hautcreme. Nelli, das weiß ich nicht. Trevor wird gebunden ... dein Nicht-Formwandler.“ Cecilia sagte das so, als hätte sie gerade von den neuen Kleidern in ihrem Schrank berichtet.

    Nein, das konnte nicht stimmen … es durfte einfach nicht wahr sein.

    Esther spürte, wie sie sich anspannte und ihr Muskeln zu zittern begannen. „Ich schwöre dir, solltest du ihnen auch nur ein Haar gekrümmt haben … dann wird mein Gesicht das Letzte sein, was du siehst …“, sagte sie und rüttelte an den Handfesseln, aber sie gaben nicht nach. Natürlich taten sie es nicht. Sie wusste, dass sie leere Drohungen aussprach, aber sie musste irgendwas tun, damit Cecila nicht die totale Kontrolle gewann. Sie konnte es sich einfach nicht eingestehen, dass ihre Freunde möglicherweise tot oder nicht mehr sie selbst waren. Sie musste sich daran festhalten und daran glauben, dass man sie holen kam.

    Cecilia beugte sich elegant nach vorn und blickte sie kurz mit einem leichten Lächeln im Gesicht an. Beiläufig strich die Prinzessin Esther über die rechte Hand, weshalb sie zusammenzuckte.

    „Wäre es nicht amüsant, wenn Trevor dich dann tötet?“, meinte Cecilia und begann, an der kleinen Schraube ihrer Handfessel zu drehen. „Natürlich erst, wenn ich meinen Spaß hatte.“

    Esther spürte den Druck um ihren kleinen Finger und spannte sich an, doch Cecilia ließ die Schraube plötzlich los.

    Sie spielte offenbar gerne mit ihren Opfern.

    „Du wirst Trevor nicht binden können ... Im Gegenteil ... Er wird kommen und dich in die Dunkelheit zurückprügeln, aus der du gekommen bist“, spie Esther wütend aus. Für einen Moment vergaß sie den Schmerz, die Angst, den drohenden Wahnsinn. Trevor war irgendwo. Und wenn er noch atmete, dann würde er kämpfen.

    Hatte sie Angst? Oh ja!

    Aber vielmehr bedrückte sie der Gedanke, dass sie wohl nie mehr dazu kam, herauszufinden, welche Gefühle das waren, die sie in Trevors Gegenwart hatte.

    Was er wohl dachte, wenn er ihren toten Körper hier entdeckte?

    Sie hoffte, dass er Cecilia in Stücke reißen würde. Damit sie nie wieder ein magisches Wesen fangen und benutzen konnte. Und am besten tötet er ihre gesamte Familie ebenfalls.

    Tränen brannten plötzlich in ihren Augen, als sie plötzlich an ihren Vater denken musste.

    „Warum denn so wütend? Da kommen aber viele unschickliche Ausdrücke über deine Lippen.“ Cecilia verlagerte ihr Gewicht. Ihre Bewegungen hatten nichts von der Eleganz und der Anmut verloren. Ihr Gesichtsausdruck war eine perfekte Maske aus Unschuld und Lieblichkeit.

    „Dreckiges Miststück, das weißt du genau!“ Erneut zerrte sie an den Fesseln, aber nichts rührte sich. Sie wollte weg hier und die anderen finden. Und ihnen unter die Nase reiben, dass sie recht gehabt hatte. Diese Idioten! Warum hatten sie nicht auf sie hören können?!

    „Wie schön, dass ich mal etwas aus dir herausbekomme. Ich habe mir schon ernsthaft Gedanken über dich gemacht. So steif und erzwungen höflich … ekelhaft.“ Cecilia beugte sich vor und drehte weiter an der Schraube, der Druck um Esthers kleinem Finger wurde feste. Etwas bohrte sich in ihr Fleisch.

    Gegen ihren Willen brachte Esther einen japsenden Laut hervor.

    Wie schön, dass sie sich Gedanken machte. Das hieß doch, dass Esther zumindest interessant genug für Cecilia war, um sie noch etwas länger am Leben zu lassen? Aber wollte Esther das? „Was willst du von mir, du krankes Biest?“, verlangte Esther zu erfahren. Sie versuchte dabei, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie innerlich in kleine Stücke zerbrach.

    „Nachdem du dich auf dem Schiff so aufgespielt hast, dachte ich, ich könnte mich revanchieren. Du warst nach der Sache mit meinem Liebestrank ziemlich unhöflich zu mir, dabei hättet ihr das so schön nutzen können. Ich hätte das auf jeden Fall.“

    Esther schauderte. Dieser Gedanke gefiel ihr nicht, ganz und gar nicht. „Sollte ihm etwas passieren, wird mein Fluch dich ins Grab bringen“, drohte Esther, bevor sie über ihre nächsten Worte nachdenken konnte. Sie hatte keinen Namen gesagt, aber sie fühlte, dass Cecilia genau wusste, über wen sie sprach. Immerhin war ihre Kabine nicht allzu weit weg gewesen von Trevors. „Du kannst mich haben … aber lass ab von meinen Freunden“, schob sie noch hinterher.

    „Das geht leider nicht.“ Cecilia stand auf und machte ein paar Schritte durch den Raum. „Meine Mutter möchte sicherlich wieder ein paar Jahre aus ihrem Gesicht streichen, und meine Schwestern brauchen auch etwas ... Hilfe. Und wir hatten noch nie einen persönlichen Haussklaven. Mein Vater hat zudem eine Schwäche für Wissen“, plauderte Cecilia, während sie vor ihr auf und ab ging. „Du bist eigentlich recht nutzlos, aber wir haben etwas Spaß zusammen.“ Cecilia kam zu ihr zurück und zog ein drittes Mal die Schraube an ihrem kleinen Finger fester.

    Esther presste die Kiefer aufeinander, der Schmerz lähmte sie beinahe und ließ ihr Blut kochen. Ihr Herz pochte schneller. Das war mehr, als ihr Körper vertragen konnte. Sie hörte das Knacken, mit dem ihr Finger unter dem Druck brach. Ein Schrei entrang sich ihrer Kehle und ihre Muskeln vibrierten. Sie wand sich in dem Stuhl, doch die Fesseln gaben ihr kaum Spielraum, sodass sie nur schwer atmend in sich zusammensank. „Selbst die Hölle würde dich wider ausspucken, du widerliche Schwarzzunge“, brachte sie keuchend hervor. Ihr wurde übel, dennoch stahl sich ein Grinsen auf ihr Gesicht. „Er wird dich zerfetzen und deine Gebeine den Krähen zum Fraß vorwerfen …“

    Obwohl oder vielleicht gerade weil der Schmerz und der Gedanke an den baldigen Tod sie betäubte, erlaubte sie sich einen gehässigen Gesichtsausdruck aufzusetzen. Irgendetwas tief in ihr sagte immer wieder, dass Trevor nicht gebunden war. Er würde sie nicht im Stich lassen. Er würde Edmund befreien, Nelli und dann sie … Oder?

    „Wer denn? Es wird niemand zur Rettung kommen. Wir sind ganz alleine.“ Cecilia erwiderte ihr Grinsen mit derselben Miene und machte sich daran, die Schraube ihres Ringfingers fester zudrehen.

    „Trevor … er wird euch nicht folgen … niemals“, beteuerte Esther, obwohl sie sich dessen selber nicht mehr so sicher war. „Dafür seid ihr zu wach … DU bist zu schwach …“

    Es war ihr einziger Grashalm, an dem sie sich noch festhalten konnte. Dabei wusste sie nicht einmal, ob Trevor, Edmund oder Nelli überhaupt noch am Leben waren.

    „Sagt diejenige, die gefesselt ist.“

    Erneut betätigte die Prinzessin die Schraube und allmählich wurde der Druck sinnbetäubend.

    In Esthers Kopf ratterte es. „Du hast gar keine Ahnung, zu was ich fähig bin“, meinte sie und lächelte hämisch. Dass sie damit nur auf Zeit spielen wollte, war vermutlich auch Cecilia klar. Esther konnte nichts ausrichten, aber vielleicht würde es die Prinzessin wenig ins Wanken bringen.

    „Gerade zu sehr wenig.“ Cecilia setzte sich wieder auf ihren Platz, ihre Hand lag aber noch immer auf der Schraube der Fessel.

    Halt einfach dein dummes Maul! Hätte ich jetzt meinen Stab …

    Hast du aber nicht … Wo war dieses verfluchte Ding, wenn ich es einmal gebrauchen konnte?

    Sie fühlte sich wie ein geprügelter Hund, woher sie also die Kraft nahm, überhaupt mit Cecilia zu reden, wusste sie nicht. Vielleicht war es Stolz oder bloßer Trotz.

    Sie würde hier nicht schweigend untergehen.

    „Du glaubst, nur weil ich gefesselt bin, hast du schon gewonnen?“ Esther brachte ein kühles aber knappes Lachen hervor. „wenig reicht manchmal aus, um jemanden wie dir gefährlich zu werden …“

    „Alles leere Drohungen“, wischte Cecilia den Einwand beiseite und drehte erneut an der Schraube. Langsam und bestimmt.

    Und mit jeder Drehung kroch die Panik in Esther mehr an die Oberfläche.

    „Edmund!“, schrie sie voller Verzweiflung, was Cecilia nur noch mehr anstachelte.

    Zwei weitere Drehungen und auch der Ringfinger gab unter der Last der Schraube nach.

    Ihre Maske aus Trotz und Selbstbewusstsein fiel zusammen.

    „Trevor!“

    Irgendjemand …

    „Edmund … Trevor … buhuuu“, äffte Cecilia ihr nach und spielte bereits mit der Schlaufe des Mittelfingers.

    Sie presste die Augen zusammen und wartete auf das Knacken, auf den Schmerz, auf den nächsten Schrei, der sich schon in ihrem Hals formte.

    Doch bevor Cecilia noch einen dritten Finger zerstören konnte, wurde es laut vor der Tür. Etwas knallte mit voller Wucht gegen die Wand und ließ die Bilder an dem Gemäuer zittern.

    Die Prinzessin richtete sich auf und wandte sich der Tür zu. Ihrem Blick nach zu urteilen, schien sie sich ebenso Fragen zu stellen wie Esther selbst.

    Esther keuchte. Ihre Finger pochten vor Schmerz und ihr Kopf dröhnte, Ihr Körper zitterte – und doch … fing sie an zu lachen.

    Ein heiseres, gebrochenes Lachen, das ihr selbst fremd klang.

    Unpassend - Sogar in ihren eigenen Ohren.

    Doch sie konnte nicht anders.

    Vielleicht war es Wahnsinn.

    Vielleicht war es Hoffnung.

    Es folgte ein zweiter, noch wuchtigerer Knall. Dann splitterte das Holz, die Tür gab mit einem kreischenden Krachen nach und flog auf.

    Im nächsten Moment stand Trevor da. Schwer atmend blickte er in den Raum hinein. Sein ganzer Körper war blutverschmiert und man hatte ihm offenbar ein merkwürdiges Zeichen auf die Haut geritzt.

    Er sah Esther an, dann wanderte sein Augenmerk zu Cecilia und blieb schließlich wieder bei Esther hängen. „Bist du in Ordnung?“

    Seine Stimme zu hören, war Balsam für ihre Seele. Doch statt ihm zu sagen, wie froh sie war, ihn zu sehen, wandte sie sich an Cecilia und grinste sie voller Hohn an. „Jetzt wird es amüsant“, meinte Esther nur. „Verrecke, du Hure!“

    Nur einen Lidschlag später und ohne Cecilia überhaupt die Möglichkeit einer Reaktion zu geben, schlug die Wurfaxt in das puppenhafte Gesicht der Prinzessin ein. Blut spritzte Esther gegen die Wange und sprenkelte ihre Kleidung, während im nächsten Augenblick Cecilias lebloser Körper nach hinten kippte und auf den Boden klatschte wie ein nasser Mehlsack.

    Esther spürte, wie ihr die Anspannung der letzten Momente aus der Seele glitt. Sie schluckte schwer und konnte nur mit Mühe den Blick von Cecilias gespaltenem Kopf abwenden. Doch als sich Trevors Gestalt vor sie schob, blieb ihr nichts anders übrig, als ihn anzusehen.

    Er machte sich sofort daran, die merkwürdige Fixierung an ihrem Kopf zu lösen. „Da haben wir dich gleich raus“, murmelte er vor sich hin und tatsächlich ließ der Druck nach, weshalb Esther erleichtert seufzte.

    „Geht es dir gut?“, fragte Trevor und warf einen gürtelähnlichen Gegenstand auf den Boden und machte sich sogleich daran, ihre Fußfesseln zu öffnen.

    Sie wusste nicht, warum ihr plötzlich die Tränen in die Augen schossen. Ob es die Schmerzen waren oder die Erleichterung, dass es endlich vorbei war. Oder Trevors Anblick, dem es allein Anschein nach gut ging, auch wenn er ebenfalls verletzt war.

    „Meine Finger …“, Sie sah auf ihre rechte Hand hinab. Sicher würde Nelli sich das ansehen. „Nelli! Edmund! Weißt du, wo … ob sie …“, brachte sie mit brüchiger Stimme hervor.

    „Ich weiß es noch nicht. Dich fand ich zuerst“, sagte er und löste vorsichtig zuerst ihre unbeschädigte Hand und schließlich die andere. Er besah sich die Verletzung und brummte kurz. „Die werde ich dir richten müssen.“

    Sie sah Trevor entgeistert an und warf dann einen Blick auf ihre verkrümmten Finger. Doch je mehr sie dort hinsah, desto schmerzhafter wurde es. Ihre Gedanken überschlugen sich. Wo steckten Edmund und Nelli? Waren sie überhaupt noch am Leben?

    Sie legte den Kopf zurück und kniff die Augen zusammen. „Dann leg mal los“, wies sie Trevor an und bereitete sich innerlich auf neuerliche Schmerzattacken vor.

    Sie spürte, wie er behutsam ihre Hand in die seine nahm. „Das hat man auf See oft“, hörte sie ihn noch sagen, dann betäubte kurzer und reißender Schmerz ihre Sinne. Doch so schnell, wie das kam, war es auch schon wieder vorbei. Dennoch presste sie verkrampft die Kiefer aufeinander und krallte sich mit der Linken an dem Stuhl fest. Zurück blieb ein dumpfes Pochen in ihrer rechten Hand und leichte Übelkeit. Aber nichts, was man nicht überstehen konnte.

    Sie stützte die verletzte Hand mit ihrer anderen und stemmte sich mit Trevors Hilfe in die Höhe. Er sah sie prüfend an, als ob er fürchtete, dass sie gleich umfallen würde.

    Doch stattdessen deutete sie mit dem Kinn auf seine Verletzung auf der Brust. „Was soll das sein?“

    „Keine Ahnung. Gehört wohl zum Ritual, mich zu binden. Nur leider wussten die drei Weiber nichts davon, dass man Formwandler nicht mit einfachem Eisen hält.“

    „Sind wir einfach mal froh, dass sie es nicht wussten.“ Sie ging an Trevor vorbei und lugte durch die geöffnete Tür. „Lass uns die Anderen suchen und von hier verschwinden.“ Bestenfalls natürlich, nachdem sie ihren Zauberstab gefunden hatte.

    Trevor nickte knapp und trat als Erster durch die Tür, während er sie hinter sich behielt.

    Unweigerlich fragte sie sich, was er dachte, was sie tun würde. In ihrem Zustand und ohne Zauberstab war sie gegenüber niemanden eine Bedrohung und freiwillig würde sie sicher nicht durch das Schloss streifen. Aber die Sorge um Nelli und Edmund siegte. Außerdem war sie jetzt auch nicht mehr alleine.

    Sie wartete geduldig, bis ihr Trevor das Zeichen gab, dass die Luft rein war.

    Als sie hinter ihm durch die Tür trat, sah sie den am Boden liegen Wachmann. Er rührte sich nicht mehr.

    Fröstelnd wandte Esther den Blick ab und folgte dem Formwandler.

    Sie war außerordentlich glücklich, ihn zu sehen und am liebsten hätte sie ihn gefragt, wie es ihm ging, ob er Hilfe bräuchte, aber die Nelli und Edmund zu finden, hatte Priorität.

    Weit kamen sie beide allerdings nicht, denn im nächsten Augenblick kamen eine Frau flankiert von zwei Schlosswachen um die Ecke gebogen, weshalb Trevor Esther erneut zum Anhalten drängte. Schützend stellte er sich vor sie, aber je dichter die drei Gestalten kamen, desto mehr fragte Esther sich, ob sie tatsächlich eine Bedrohung waren. Keiner von ihnen machte Anstalten, sich auf Trevor zu stürzen.

    Wie von selbst machte Esther einen Schritt zur Seite, aus Trevors Nähe heraus, und beobachtete die Frau in der Mitte.

    Sie war entstellt und Esther sah, dass eine Lähmung den Gang behinderte.

    Trevor wirkte angespannt, schien aber ebenfalls nicht darauf aus zu sein, die Wachen anzugehen, sondern erst einmal abwarten zu wollen.

    Sie verharrten also, bis die drei Gestalten bei ihnen angekommen waren.

    Die Frau versuchte sich aufzurichten, was ihr ob der Lähmung sichtlich schwerfiel. „Ich bin Elisabeth von Dornburg“, eröffnete sie das Wort und sofort spannte Esther sich an. Noch eine aus Cecilias Bande … Doch irgendetwas sagte ihr, dass von Elisabeth keine Gefahr ausging. „Eure Freunde schicken mich, um Euch auszurichten, dass sie bereits zum Schiff aufgebrochen sind, um nach dem Rechten zu sehen.“

    Trevors Augen verengten sich skeptisch und auch Esther musste zugeben, dass es sich sehr unglaubwürdig anhörte.

    Nelli und Edmund hätten sie nicht einfach hiergelassen. Oder?

    „Und warum sollten sie uns zurücklassen?“

    Trevor sprach das aus, was Esther dachte.

    Elisabeth wirkte für einen Moment hilflos. „Sie äußerten die Befürchtung, dass man euer Schiff zerstört haben könnte.“

    „Dafür hättet Ihr aber ebenso Bedienstete schicken können – als Zeichen des guten Willens“, warf nun Esther ein. Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf, dass keiner von den anderen sich selbst von ihrem Wohlergehen überzeugen wollte und stattdessen eine Wildfremde schickten.

    Die Herzogentochter zog erschrocken den Kopf ein und Esther bemerkte, wie die junge Frau in sich zusammensank.

    Wie ein verletztes Tier …

    „Sie haben nur gemeint, dass ich Euch das hier geben soll …“ Elisabeth wühlte kurz in der Tasche ihres Kleides. „Ich schätze, der gehört Euch, werte Gräfin.“ Mit einer fast ehrfürchtigen Bewegung streckte sie Esther den Zauberstab entgegen.

    Ihr fiel ein ganzer Fels vom Herzen als sie ihren Stab endlich wieder in die Hand nehmen konnte. Aufgrund der Verletzung zwar mit der linken Hand, aber das machte keinen Unterschied.

    „Dann sollten wir ihnen folgen, sobald ich meine Rüstung wiederhabe“, meinte Trevor. Esther glaubte, noch immer Skepsis in seiner Stimme hören zu können.

    „Ich kann es Euch nicht verübeln, sofort aufbrechen zu wollen, nach allem, was Euch und Euren Gefährten wiederfahren ist“, begann Elisabeth. In ihren Worten schwang deutliches Bedauern mit. „Selbstverständlich werdet Ihr Euer Eigentum wiederbekommen. Und darüber hinaus Proviant und ein wenig Geld für die Weiterreise. Ich werde Euch nicht viel anzubieten haben, aber was ich euch geben kann, ist meine Gastfreundschaft … Das ist das Mindeste, nach dem, was Euch angetan wurde. Solltet Ihr allerdings an Eurem sofortigen Aufbruch festhalten wollen, werde ich alles Notwendige veranlassen.“

    „Meine Rüstung wäre nett“, sagte Trevor knapp, „und ein Bad.“

    Esther stimmte Letzterem mit einem Kopfnicken zu. Sie hätte grundsätzlich nichts dagegen, eine Weile zu bleiben, sofern Elisabeth nicht die gleichen Gedanken hegte wie der Rest ihrer Sippe.

    Die junge Frau neigte den Kopf kurz nach vorne. „Ich werde Zimmer herrichten und Eure Freunde holen lassen“, erklärte Elisabeth. „Seid unsere Gäste, so lange ihr wollt.“

    • Offizieller Beitrag

    Trevor saß in der Wanne und hatte seine Arme über den Rand gelegt. Frei baumelten sie hinunter, während sein Kopf mit geschlossenen Augen nach oben gerichtet war. Das Seifenwasser brannte in seiner Wunde, aber er war schmerzaffin. Seine Rolle als Beschützer, der er gerne nachkam, formte aus ihm eine düstere Legende. So schnell würden die Bewohner dieses Schlosses sein Wüten nicht vergessen, das hatte er in den Augen der Diener gesehen, ebenso im Blick der augenscheinlichen neuen Herzogin.
    Trevor atmete tief durch. Was würde wohl der Rest sagen, wenn sie das Verlies gesehen hätten? Kümmerte ihn das überhaupt noch? Kümmerte es andere, was er tat? Nach der Rückkehr zum Schiff verbuchte Trevor Edmunds und Nellis Reaktion als Vertrauen. Vertrauen darin, dass er wusste, was zu tun war. Er hatte erfahren, dass Dorfbewohner und andere angefangen hatten, die Revenge zu plündern. Daher war es sicherlich klug gewesen, dass Oma und Edmund zurückgekehrt waren, bevor jemand die Kiste voller Gold gefunden hatte. Esther anscheinend nicht, nicht was Edmund und Nelli anging. Bei ihm schon. Zumindest nicht im Negativen. Esther schien ihm zu vertrauen. Er kam nicht umhin, eine Veränderung an ihr wahrgenommen zu haben. Sie hatte ihn aufgefordert, Cecilia zu töten. Das hätte er der zarten Tochter eines Grafen nicht zugetraut. Aber er kannte ihren Blick nur zu gut. Hass, Angst ... aber vor allem Hass. Nicht einmal mehr mit Wut ließ sich Esthers Verhalten erklären. Wobei er zugeben musste, dass er etwas amüsiert darüber war, dass so viele Schimpfworte und Flüche den Mund der Adelstochter verlassen hatten. Beinahe wie bei einem alten Seemann.
    Trevor hörte die Tür zu seinem Bad aufgehen. Kurz wollte er seine Augen öffnen, aber er war zu müde. Er genoss das warme Wasser um sich herum. Mehr nicht.
    Erst, als er spürte, wie jemand begann, seine Brust vorsichtig abzutupfen, riskierte er einen Blick.
       „Guten Abend ...“, säuselte eine blonde Bedienstete und lächelte ihn an. „Die Herzogin sagte, ich solle nach Euren Wunden sehen.“
        „Kein Bedarf!“, entgegnete Trevor und wischte ihre Hand von seinem Oberkörper.
        „Aber ...“
    „Nichts aber, geht einfach! Mir ist nicht nach weiblicher Gesellschaft. Wenn jemand meine Wunden versorgt, dann jemand aus meiner Gruppe.“
    Sie tupfte weiter.
    Trevor öffnete seine Augen und betrachtete die durchaus hübsche junge Frau vor sich.
        „Wisst Ihr, es war sehr beeindruckend, wie Ihr durch das Schloss spaziert seid. Ihr habt jedes Hindernis überwunden, um Eure Freunde zu finden.“
    Trevor stieß ein Schnauben aus. „So etwas beeindruckt Euch? Hier wimmelt es vor Wachen, darunter ist sicherlich jemand froh über Eure Gesellschaft.“
        „Aber jemanden wie Euch habe ich noch nie gesehen. Blutend und verletzt wart Ihr in der Lage, mehrere Männer zu ...“
       „Töten!“, ergänzte Trevor, richtete sich auf und sah sie mit festem Blick an. „Findet Ihr so etwas amüsant? Anziehend? Das ist eine Entscheidung, die ich treffen musste. Ich bin deshalb nicht stolz auf mich. Ich tue, was ich tun muss, um die zu beschützen, die mir am Herzen liegen. Das tat ich sicher nicht, um Euch zu beeindrucken!“
    Offensichtlich beleidigt warf die Blondine den Lappen in die Wanne. „Ich wollte Euch nur ein Kompliment machen!“, erwiderte sie lautstark.
        „Wie ich sagte ... ich verzichte!“
    Nachdem er seinen Blick von ihr abgewandt hatte, sah er noch drei weitere Damen im Bad stehen, die Verbände und Salben in den Händen hielten. Verwirrt hob er die rechte Augenbraue und fühlte sich ein wenig beobachtet. Er ahnte, dass Edmund ihn für seine Aussage ohrfeigen würde, aber er ... wollte jetzt keinen Damenbesuch. „Hört ...“, setzte Trevor an. „Stellt den Kram neben der Wanne ab und geht. Alle!“ Dann fiel ihm die rothaarige junge Frau auf, die mit ebenso rotem Kopf in der Tür stand. Ihr Oberkopf war aufwenig geflochten, sodass er zum Schluss kam, dass eine Person, die solche Ansprüche an ihr Haar hatte, es auch selbst umsetzen könnte. „Außer sie! Sie darf bleiben und meinen Kopf in Ordnung bringen.“ Trevor sah tatsächlich aus, als hätten Möwen in seinem Haupthaar genistet. Und da sie peinlich berührt wirkte, ging er davon aus, dass sie ihn nicht zu irgendwas herumbekommen wollte. Nicht so wie die Blonde, die erneut seine Brust abtupfte.
    Ihr Ernst?
    Erneut wischte er die Hand der Blonden weg. „Geht jetzt!“ Seine Stimme klang energischer.
    Jetzt schienen die Frauen zu verstehen, stellten alles ab, außer die Rothaarige.
        „Wie heißt du?“, wollte Trevor wissen.
        „Enora!“, antwortete sie schüchtern und starrte auf die Schale, die sie in Händen hielt.
    Trevor sah sie an. Ihm fielen die Sommersprossen in ihrem Gesicht auf, die grünen Augen und das sie mit viel gutem Willen, verbundenen Augen und einem Schlag gegen den Kopf, vielleicht gerade einmal achtzehn Jahre alt war.
    Trevor streckte seinen Arm nach dem Kamm neben sich, der auf einem Tisch lag. „Könntest du mir helfen?“
    Enora sah auf, betrachtete den Kamm und lächelte. „Ja!“, erwiderte sie, stellte die Schüssel ab und ging auf Trevor zu, dessen vollständiger Anblick ohnehin durch das Seifenwasser verborgen blieb.
    Er unterhielt sich eine ganze Weile mit der jungen Frau, die sein Haupthaar in Ordnung brachte. Über ihre Wünsche, ihr Leben ... er hörte nur zu.
    Nachdem sie fertig war, bedanke er sich, aber bat sie, ihre Augen verschlossen zu halten, während er aus der Wanne stieg. Trevor trocknete sich ab, zog sich an und stellte sich dann vor sie. Er überragte sie mehr als einen Kopf. Sie reichte ihm zuletzt noch die Salbe, den Rest konnte er alleine. Mit verbundenem Oberkörper geleitete er sie zur Tür des Bades, bedanke sich und entließ sie. Bei einem Blick in den Gang entging ihm nicht Esther, die ihn neugierig, aber zurückhaltend musterte.
        „Wenn Ihr länger hier seid, können wir das sicherlich wiederholen“, gab Enora schüchtern von sich.
        „Sicher“, meinte Trevor und bezog sich dabei auf das Flechten seiner Haare. Gut, dem Flechten und dem Zuhören, wie sie über ihre Familie herzog, die sich allesamt über ihr feuerrotes Haar lustig machten. So musste es sich anfühlen, eine kleine Schwester zu haben, das glaubte er zumindest.
    Eine Tochter?
    Bei einem Blick in den Gang entging ihm nicht, dass Esther gerade ihr Zimmer verlassen hatte und beide neugierig musterte.
        „Wo gehst du hin?“, wollte er von ihr wissen.
    Esther lief an seinem Zimmer vorbei. Offensichtlich trug sie Unterlagen mit sich.
        „Mir etwas die Beine vertreten.“
    Soll ich dich begleiten?“, fragte Trevor.
    Esther überlegte einen Moment, sah ihn erneut an. „Nein, das schaffe ich alleine“, meinte sie.
    Enora knickste vor Esther und verschwand gleichauf im Gang.
        „In Ordnung, dann sehe ich nach den anderen.“ Die Antwort kam zögerlich über Trevors Lippen. Er traute der Ruhe in diesem Schloss noch nicht.
    Deswegen wollte er auch nach den anderen beiden schauen. Nachdem Esther beschäftigt schien, begab er sich auf die Suche nach Nelli und Edmund.

  • Edmund durchwühlte die Kleider und Roben im Schrank. Zum einen, weil er sich dahinter zu verstecken versuchte. Zum anderen, weil es ihn ablenkte. Die Wogen zwischen ihnen (Nelli und ihm) und Trevor und Esther waren etwas ins Wanken geraten. Sie hatten sich zwar bei Esther erkundigt, ob es dieser so weit gut ging und Nelli hatte ihre Wunden versorgt. (Die Gesichter von Trevor und Esther waren großartig gewesen, die junge Nelli vor sich zu haben.) Genießen konnte es Edmund in dem Moment nicht. Irgendwie kam er sich vor, als hätten sie die beiden im Stich gelassen.
    Warum war Esther auch an die einzige mit Restgehirn geraten?
    Dabei waren er und Nelli zu dem Schluss gekommen, dass wenn sie es geschafft hatten, der Herzogsfamilie zu entkommen, es Trevor und Esther auf jeden Fall auch geschafft hatten. Blöder Fehlschluss.
    Hätten diese Idioten es doch nur nicht gewagt, die Revenge zu plündern. Als er davon erfahren hatte, waren er und Nelli auf dem schnellsten Weg zum Hafen gelaufen. Ein zweites Schiff ließ er sich sicherlich nicht wegnehmen. Zumal es Trevors Schiff war.
    Sie waren auf nur wenig Widerstand getroffen. Die Soldaten, die ihr Schiff ausräumen sollten, hatten erstaunlich schnell kleinbei gegeben, als sie erfuhren, dass die Herzogsfamilie quasi gestürzt worden war und Elisabeth nun die Zügel hielt. Vertrauen wollte er dem Frieden aber noch nicht.
    „Diese verrotteten Koboldhaie …“ Das wichtigste war da, aber es fehlten Nahrung und Kräuter von Nelli, Ersatzlaken, Ersatzsegel und Werkzeuge. Immerhin haben diese plattgesichtigen Intelligenzallergiker unsere Kiste mit Gold nicht gefunden…
    „Ich habe etwas!“, rief Nelli euphorisch, was Edmund augenblicklich Kopfschmerzen bereitete.
    Schlechtes Zeichen!
    Er und Nelli hatten sich jedenfalls erstmal zurückgezogen und daran gemacht, das Schloss zu durchwandern. Elisabeth hatte ihnen freie Hand gegeben, sich umzusehen und sich ganz wie Zuhause zu fühlen. Das nutzten sie direkt, um in den Gemächern der Herzogin nach neuer Kleidung für Nelli zu suchen. Im Moment trug diese Hexe nämlich seine Sachen, wohl vor allem, weil es ihn nervte.
    Edmund zog ein Kleid aus dem Schrank, besah es sich, hing es zurück. Dann fiel ihm eine Robe in die Finger, die er zu Nelli auf den Paravent warf. In Kombination mit der Hose, die er dort bereits abgelegt hatte, sollte das funktionieren. Die Hose hatte er in den Räumen des Herzogs gefunden. Beides in Dunkelblau, beinahe schwarz. Für sich selbst hatte er bei dem Herzog ebenfalls geschaut. Aber entweder hatte er auf See einen Meilenstein der Mode verpasst, oder irgendwas war in ihm kaputt gegangen oder geheilt worden. Oder er war schlicht zu jung. Aber der Stil, den der Herzog trug, erinnerte ich an seine eigene Großmutter. Seidenkleidung, die fast ausschließlich aus Rüschen und Verzierungen bestanden. Selbst für ihn zu viel.
    Nelli kam hinter dem Raumteiler hervor, in etwas, das irgendwo zwischen Segeltuch und Paradiesvogel angelehnt war. Es war ein Kleid bestehend aus wahrscheinlich tausenden von Federn unterschiedlicher Vögel, allem voran Pfauen und Papageien. In Kombination mit ihren roten Haaren schmerzte ihn der Anblick in den Augen. Warum besaß eine Herzogin so etwas und warum wählte Nelli ausgerechnet das? Wohl um mich zu nerven! Oder erblinden zu lassen!
    Oder eher, weil der Ausschnitt von dem Ding ungehörig tief war und seine Aufmerksamkeit sicherlich nicht zu ihrem Gesicht lenkte.
    Was ihn erneut zu der Frage brachte, warum eine Herzogin sowas besaß? Ganz klar, dass diese Truten sehr auf sich bedacht und wenig adlig waren.
    Edmund wandte den Blick ab. „Du siehst aus wie etwas, das mal ein Sofakissen werden sollte, aber trotz seiner Einzigartigkeit zu hässlich war und in den Müll geworfen wurde.“
    „Also passt es zu mir?“
    „NEIN!"
    „Du hast gesagt, es ist einzigartig."
    „JA! Einzigartig HÄSSLICH! Zieh das aus! Das ist schrecklich!" Nelli hing in dem Fetzen wie ein Truthahn, bei dem der Koch vor dem Stopfen die Lust verloren hatte, ihn zu Ende zu rupfen. Wie etwas, das von einer Kutsche überfahren und dann neben den Weg geschmissen worden war, um dort zu verwesen.
    „Kein Grund gleich so rum zu schreien. Nur weil es nicht dein Geschmack ist..."
    Nicht mein Geschmack? Wie kann das irgendjemandes Geschmack sein?! Das sollte verboten werden.
    Edmund rieb sich die Nasenwurzel. Seit wann war er hier der Erwachsene? „Du kannst aussehen wie ein toter, gerupfter Truthahn mit Aufmerksamkeitsdefizit, wenn du wieder alt bist..." alternativ ich blind genug, den Anblick zu ertragen. Und alle anderen auch.
    „Wenn..."
    Ja, wenn … „Nun Altern ist ein natürlicher Prozess, irgendwann wird man eben alt." Er grinste und hielt die Augen stur auf ihr Gesicht gerichtet. Womit er sich sehr willensstark vorkam.
    „Mhm, da hast du noch nicht viel Ahnung von, Junge."
    Dieses „Junge“ über Lippen, die kaum älter aussahen, als er selbst … Hör auf, auf ihre Lippen zu starren! Auch nicht in ihre Augen, oder … Edmund blickte schräg an ihrem Kopf vorbei.
    „Wenn du so weitermachst, lerne ich in den nächsten Minuten wie man älter wird! Ich glaube, mir wachsen schon die ersten grauen Haare!"
    „Wäre gut für dich! Frauen finden das oft attraktiv."
    Musst du ja wissen!
    „Finde ich nachher sicher heraus. Jetzt zieh dich um!“ Hör auf von Attraktivität zu reden!
    „Zu Befehl." Nelli grinste und verschwand endlich hinter dem Paravent, um hoffentlich dieses scheußliche Etwas zu entsorgen. Er stieß erleichtert die Luft aus. Diese Nelli machte ihn noch viel mehr mürbe, als die Alte Nelli.
    „Willst du mir helfen, Jungchen?“, tönte Nelli hinter dem Raumteiler hervor. Edmund erzitterte spontan bei dem Gedanken und überlegte ernsthaft, ob es zu spät war, doch wieder auf die Revenge zu gehen oder sich in den Rachen des Kraken zu werfen.
    „Wenn das bedeutet, dass du endlich etwas Vernünftiges anziehst, dann mach ich das sogar…“ Warum sagst du sowas? Halt doch die Klappe!
    Blöderweise stimmte Nelli dem auch noch zu. Natürlich tat sie das! Ihr spielte es ja in die Karten. Sie machte sich die ganze Zeit lustig über ihn und er ließ es zu.
    Er zögerte. Warum? Anstand hielt ihn sicherlich nicht zurück. Anstand nicht, etwas anderes schon…
    „Ich warte“, säuselte Nelli.
    Die Alte provoziert mich!
    Im Grunde war es nun auch egal, das Schiff hatte den Hafen definitiv verlassen. Gerade als er um den Raumteiler herumtrat und dabei alle seine Lebensentscheidungen in Frage stellte, zog sich Nelli das kunterbunte Etwas über den Kopf und entblößte fröhlich ihren Körper als wäre sie allein im Raum und hätte nur auf den Moment gewartet.
    Er blieb stehen. Glotzte. Und wusste nicht mal warum. Immerhin war Nelli sicherlich nicht die erste nackte Frau, die er zu Gesicht bekam. Aber mit Sicherheit die dreisteste, die ihre Spielchen mit ihm trieb.
    „Hallo? Ich bin eine Lady, Augen zu", flötete sie und warf ihm das Kleid an den Kopf.
    Edmund schüttelte den Kopf und fing das Kleid auf. Er musste sich kurz in Erinnerung rufen, dass es Nelli war, die da nackt vor ihm stand. Und damit immer noch eine 180-jährige Hexe, die nur optisch aussah wie eine junge Frau. Leider war die junge Nelli verdammt gutaussehend. Und das wusste sie. Die Alte ärgerte ihn absichtlich. Er hatte ihr bereits Kleidungsstücke herausgesucht, die zu ihr passen könnten. Aber sie kam immer mit eigenen Zusammenstellungen. Entweder ein Hauch von Nichts, ein zusammengeworfener Haufen Stoff oder viel zu weit oder eng. Und es war nicht das erste Mal, dass sie sich einfach auszog. Die Zofen hatten deshalb schon den Raum verlassen. Nur er war geblieben. Blöderweise kam er einfach nicht von ihr weg.
    Hilfe …
    „Lady? Wo genau soll bei dir denn eine Lady stecken?!“, blaffte er und lenkte damit seine Gedanken auf das eigentliche Problem zurück und von Nellis Körper weg.
    „Soll ich dir das anatomisch erklären, wo sie stecken könnte?"
    „Ich will gar nicht wissen, wo du sie hingesteckt haben willst." Er zerrte das dunkelblaue Kleidungsstück vom Raumteiler, das er zuvor dort hingelegt hatte. Und warf es ihr entgegen. „Ich hoffe aber sie steckt tief genug, damit ihr beide euch da reinquetschen könnt!"
    Nelli lachte.
    In dem Moment öffnete sich die Tür. Er verharrte.
    Toll, wie erkläre ich das jetzt?
    Als Edmund sich um den Paravent herumbeugte, sah er Trevor, der den Kopf zur Tür hereinsteckte und ihn verwirrt ansah.
    „In Nelli steckt eine Lady“, plapperte Edmund völlig überfordert. Als würde das irgendwas erklären. Aber dass plötzlich Trevor da stand, brachte ihn aus dem Konzept. Nelli brachte ihn aus dem Konzept!
    Klingt ausgesprochen viel schlimmer ….
    „Hat sie die gegessen oder ...?", wollte Trevor wissen.
    „Das wäre der nächste Schritt“, lachte Nelli.
    Warum passiert das alles? Edmund betrachtete das kunterbunte Kleid in seiner Hand und warf es anschließend auf den Nicht-zu-gebrauchen-und-warum-besaß-man-sowas-überhaupt Haufen, der unordentlich neben ihm auf dem Boden lag. Er wollte etwas Beschwichtigendes sagen, aber Nelli war schneller.
    Wendy hilft mir“, meinte sie fröhlich.
    Nenn mich nicht so!
    „Ich würde ja auch, aber irgendwie habe ich Angst, dass danach noch ein Pirat in dir steckt ...", er sagte das so trocken, das nun auch Nelli um den Raumtrenner herumblickte. Nackt wie sie war und Trevor ansah. „Das klang jetzt ... irgendwie falsch“, ruderte der zurück. „Ich meinte, wegen gefressen werden…“
    Nelli lachte gackernd. Da stand eine nackte Nelli und schaffte es dennoch zwei Kerle in Verlegenheit zu bringen, anstatt sich selbst.
    Edmund warf ihr einen finsteren Blick zu und trat einen Schritt von ihr weg. War das irgendeine Art von Rache? Sie quälte ihn. Ach, soll die Alte das doch allein machen. Er trat um den Raumtrenner herum, froh der Situation entkommen zu sein. Innerlich dankte er Trevor, für die Erlösung. Mehr oder weniger. Immerhin war er nun nicht mehr allein mit Nelli.
    Er lehnte sich wieder an die Kommode, an der er zuvor gestanden hatte. Darauf hatte er einen zweiten Stapel begonnen mit Nichts-für-die-Hexe-aber-zu-Esther-würde-es-passen Stapel. Hauptsächlich Kleider, in denen Nelli aussah, wie eine verkleidete Bache. Kleider, die eher zu einer zierlichen Edeldame wie Esther passten. Bis obenhin zugeknöpft.
    „Wie geht es Esther?“, fragte er Trevor mit Blick auf den Paravent, um vor allem sich, aber auch Trevor abzulenken. Nicht, dass der noch auf die Idee kam, nachzufragen, weshalb er nun genau allein mit einer nackten Nelli hinter einem Raumtrenner Verkleiden spielte.
    „Anscheinend gut, aber sie wirkt etwas verschlossen!"
    „Esther und verschlossen? Das ist ja ganz was Neues …“ Aber das Cecilia Esther derart gequält hat, machte ihn ebenfalls sauer. Hätte er gewusst, dass es der Magierin so schlimm ging, wären Nelli und er sicher nicht zum Schiff gegangen. Er hatte nicht gedacht, dass Esther solche Schwierigkeiten bekommen würde. Er korrigierte seine Gedanken: Hätte er gewusst, was Cecilia machen würde, hätte er Nellis Vorschlag direkt angenommen und diese dreckige Wachtel im Meer entsorgt.
    „Die Sache mit Cecilia war eine neue Erfahrung für sie. Vermutlich braucht sie etwas Zeit, das zu verarbeiten." Trevor lehnte sich neben ihn an die gleiche Kommode und verschränkte die Arme. Er wirkte sehr viel nachdenklicher als sonst. Aber immerhin schien er nicht böse auf ihn zu sein. Also war zwischen ihnen wieder alles gut?
    „Und warum bist du dann hier, und nicht bei ihr?"
    „Das gleiche könnte ich dich fragen."
    Warum er nicht bei Esther war? Stellte Trevor diese Frage wirklich und wollte eine ernste Antwort darauf haben?
    Ich bin vermutlich die letzte Person, die sie sehen will." Immerhin war uns das Schiff wichtiger … ?
    „Und ich bin nicht ihre Leibwache. Ich dränge mich niemanden auf."
    Edmund sah Trevor von der Seite an. War der Kerl doof?
    „Dann stört es dich ja auch sicherlich auch nicht, wenn ich nachher bei ihr vorbeischaue und ihr ebenfalls helfe, sich neu einzukleiden.“ Er wedelte mit einem Grinsen wage in Nellis Richtung.
    Trevor lachte leise auf.
    „Wenn du Todessehnsucht hast, nur zu." Er rieb sich über die Brust. „Ich hatte für heute genug Frauen um mich herum."
    Nicht die Reaktion mit der er gerechnet hatte. Er musterte Trevor nachdenklich.
    „Erstens: gibt es kein „ich hatte für heute genug Frauen um mich herum““, maximal ein, „ich hatte zu viel Nelli um mich herum“,zweitens: ist es Esther, ich fliege aus dem Zimmer, ehe ich den Satz zu Ende formulieren kann.“
    Trevor lachte.
    „Sie scheint in diesem Schloss etwas gefunden zu haben, das sie interessiert. Vermutlich etwas mit Magie ... Lassen wir sie sich etwas entspannen. Was deinen ersten Punkt angeht ...wird sich zeigen." Trevor griff zu der Karaffe mit Wein, die irgendwann ein Diener dort abgestellt hatte. Bisher hatten weder Edmund noch Nelli sie angefasst. Irgendwie traute er dem Essen und Trinken hier noch nicht recht über den Weg.
    Und ich halte es für eine blöde Idee Wein zu trinken, solange ich mit Nelli allein bin …
    Er machte Trevor auf den Gedanken aufmerksam. Beide schnüffelten sie an dem Wein.
    Während sie den Wein untersuchten, kniff Edmund skeptisch die Augen zusammen und schnupperte.
    „Nicht, dass ich es dir nicht gönnen würde, aber du hast also gebadet...in Frauenbegleitung?“ So weit war er an diesem Tag noch nicht gekommen. Irrsinnigerweise hatte er noch nicht einmal darüber nachgedacht. Stattdessen flimmerte ihm ständig eine Nelli vor den Augen herum…
    „Ehm, ja, aber ich hab sie alle rausgeworfen, außer einem Mädchen. Jene half mir, das Blut aus ...", Trevor zeigte auf seinen Zopf und trank einen vorsichtigen, kleinen Schluck vom Wein, „... zu bekommen. Nicht solch eine Hilfe. Ich wollte auch etwas ... verschnaufen, wenn du verstehst."
    „Dann bist du ja jetzt ausgeruht genug für Esther und die Frauen noch nicht erschöpft genug für mich.“ Er grinste.
    Nun sah Trevor ihn skeptisch an.
    „Warum willst du die ganze Zeit, dass ich nach Esther sehe? Sie ist eine erwachsene Frau und fähig, mich um Hilfe zu bitten, wenn sie sie braucht." Er trank erneut einen etwas größeren Schluck. Da nichts passierte, war der Wein wohl in Ordnung.
    Edmund räusperte sich. „Wir wissen beide, dass Esther nicht um Hilfe fragt, obwohl sie sie braucht.“
    Trevor trank das Glas leer. „Du hast ein schlechtes Gewissen, oder?"
    Edmund grummelte nur vor sich hin. Was sonst? Immerhin hatte er darauf bestanden, Cecilia nicht über Bord zu werfen. Und er und Nelli hatten geglaubt, Trevor und Esther wären sicher und hatten das Schiff VOR die beiden gestellt.
    Trevor seufzte und rieb sich die Nasenwurzel. „Na schön, ich schaue nach ihr und lege ein gutes Wort ein."
    Ehe Edmund mehr sagen konnte, kam Nelli hinter dem Paravent hervor, drehte sich einmal im Kreis und präsentierte ihr neustes Verbrechen gegen die Mode.
    Edmund wollte sich gerade beschweren. Aber zu seinem Erstaunen trug die Hexe tatsächlich das Kostüm, das er ihr herausgesucht hatte und keine willkürlichen Verstümmelungen der Mode. Die dunkelblaue Robe, verziert mit nur wenigen Stickereien und Seidenbeschlägen und bestehend aus nur zwei Schichten, anstatt aus sechs oder sieben, schwang locker um ihre Gestalt, abgerundet von der Hose. Ein Korsett gab es keines und das Dunkelblau brachte ihre Haare förmlich zum Leuchten.
    Einzig das Etwas auf ihrem Kopf störte das Bild. Es war ein hochmoderner ebenfalls dunkelblauer Hut, mit Stickereien und einem eleganten Wust aus schwarzen und blauen Federn. Er stand ihr durchaus, aber der Hut war einfach zu viel.
    „Da stirbt was auf deinem Kopf“, murmelte Edmund. Das Ding war schick, passte aber überhaupt nicht zu dem Bild, das er von Nelli hatte. Wenn er aber ehrlich war, dann passte das ganze Outfit nicht zu ihr. Nicht, weil es ihr nicht stand, sondern weil es ihr viel zu gut stand, er aber immer noch die Hexe in ihr sah. Oder sehen wollte. Keine Lady.
    Verdammt, das steht ihr viel besser als erwartet.
    „Das ist Mode, du Banause!“
    Welche Ahnung hatte denn bitte Nelli von Mode? Eine Hexe, die bisher nur verschiedene Schichten an Stofffetzen als Kleidung bezeichnet hatte!
    „Sag du mir nicht, was Mode ist!“, ranzte er zurück.
    „Du weißt es ja offensichtlich auch nicht!“
    „Doch! Aber der Hut verdeckt deine … Haare!“ Beinahe hätte er „schönen Haare“ gesagt. Er hielt sich aber gerade noch zurück.
    Nelli löste die Frisur und schüttelte ihren Kopf, sodass ihre Haare unter dem Hut heraus und über ihren Rücken wallten. „Guck, noch genug da."
    Edmund verstummte und wandte sich ab.
    Verdammt …
    Seine wirren Gedanken wurden von Trevors Anblick abgelenkt. Der Pirat versuchte sich gerade in eine der Rüschenjacken zu zwängen. Abgesehen davon, dass sie viel zu eng war, als Trevor sich aufrichtete, platzte der oberste Knopf über seiner breiten Brust ab. „Wo bleibt der Tee? Und mit Tee meine ich Wein!“ Er setzte sich noch einen der Federhüte auf und nahm die Form des Herzogs an. „So etwas trägt nun mal der Geistesgestörte von heute ...“
    Während Nelli in ein Lachen ausbrach, das alles andere als damenhaft war oder zu ihrem Aussehen passte, klatschte sich Edmund die Hand an die Stirn. Ich stehe hier allein da …
    „Was jetzt? Kann ich das anbehalten?“, wollte Nelli wissen. Was fragte sie auch noch so blöd?
    Edmund kreuzte den Blick mit Trevor. Nach einem kurzen Augenblick nickten sie beide.
    Gut, ich bin nicht der einzige …
    „Sieht gut aus“, meinten sie synchron.
    „Hervorragend“, flötete Nelli. „Helft ihr mir wieder aus dem Kleid heraus?“
    „Du bist doch auch allein reingekommen!“, schnauzte Edmund. Einen Teufel würde er tun, nochmal darauf hereinzufallen!
    „Dann behalte ich es eben an.“ Nelli wandte sich fröhlich hin und her und musterte sich im Spiegel. „Vielleicht kann man es noch etwas anpassen, kürzen vielleicht? Oder den Ausschnitt tiefer?“
    Abbruch!
    „Nein!“, platzte Edmund dazwischen. Er schnappte sich den Stapel mit den Kleidern, die er für Esther bereitgelegt hatte und ging zur Tür. Er brauchte jetzt frische Luft und ein stumpfes Gespräch mit Esther! „Bis später!“
    Viel Spaß mit ihr Trevor!

    Erst als er ein paar Flure entfernt war, atmete er durch. Sich auf diese Weise mit Nelli zu streiten, würde noch eine ganz neue Kategorie von nervig werden. Warum hatte er ihr den Trank gegeben? Das wird noch ein Problem. Großartig.

    An Esthers Zimmer angekommen, klopfte er und wartete. Ihm öffnete eine Zofe.
    Er hob die Augenbrauen.
    „Ist Esther da?“ Blöde Frage. Wo sollte sie schon sein?
    Die Zofe blickte über die Schulter ins Zimmer und ließ ihn dann rein. Edmund quetschte sich mit den Kleidern an ihr vorbei.
    Esther saß in einem übertriebenen Sessel, der ihn an den Ohrensessel seiner Großmutter erinnerte. Wohlbemerkt auch ihr Morgenmantel. Da Esther aber mit ihrer geschienten Hand einen durchaus angeschlagenen Eindruck erweckte und das auch durfte, hielt er den Mund. Immerhin stand sie auf und kam ihm etwas entgegen.
    „Also, wir haben Kleider für dich ... gefunden. Ich denke, die könnten dir passen. Und wegen dem da", er machte eine Geste, die Esthers Gestalt einschloss, „wenn ich gewusst hätte, dass Cecilia DAS machen würde, hätte ich deinen und Peternellas Vorschlag nicht ignoriert und den Arsch dieser Inzesthure eigenständig ins Meer befördert.“ Er wandte sich an die Zofe. „Tschuldige.“ Immerhin beleidigte er ihre frühere Arbeitgeberin und auch wenn Elisabeth diese Frauen als zuverlässig bezeichnete, sicher war er sich noch nicht. Gut, dass sie Esther unbeaufsichtigt in ihren Händen ließen …
    Die Zofe zuckte die Schultern. „Ist okay, die Herrinnen waren genau das.“
    Esther wedelte mit der gesunden Hand, um der Zofe zu signalisieren, dass sie Edmund die Klamotten abnehmen sollten. Das tat sie auch.
    „Ich danke dir“, sagte Esther mit einem schiefen Lächeln, „Und mach dir um mich keine Gedanken. Du konntest nicht wissen, was diese Familie tun würde. Nelli und ich hatten auch nur eine Ahnung ... Und hätten wir Unrecht gehabt ... Nunja, dann müsste ich mich jetzt bei dir entschuldigen."
    „Das wäre mir lieber.“ Er kratzte sich am Hinterkopf. Entschuldigungen waren definitiv nicht sein Ding.
    „Mir gefällt das so schon ganz gut.“
    Natürlich gefiel es ihr. Immerhin war er es nun, der vor ihr kroch.
    Im Hintergrund stolzierte Nelli in ihrem neuen Gewandt und schwingenden Hüften an der offenen Zimmertür vorbei. Und genau hinter ihm raunte die Alte etwas von: „Wollen wir mal schauen, was heute noch so in mir steckt."
    Edmund und Esther erstarrten. Wobei Esther aussah, als würden ihr die Augen gleich aus dem Kopf quellen. Eine der Zofen hustete. Nelli lief weiter. „Außer einer Lady und einem Piraten…“
    Esther glotzte. Und Edmund spürte tatsächlich, dass ihm heiß im Gesicht wurde. Ob nun aus Zorn, oder weil der Tag von vorn bis hinten scheiße gelaufen war.
    „Hör auf, das so zweideutig zu formulieren!“, brüllt er Nelli hinterher. Doch die gackerte nur und schien den Spaß ihres Lebens zu haben.
    Ich bauch jetzt ein heißes Bad … ein sehr langes und heißes Bad …Er ließ Esther stehen und lief Nelli schroff belehrend nach.



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

  • Während alle anderen sich irgendwie beschäftigen konnten oder mussten, blieb Esther aufgrund ihrer verletzten Hand nichts anderes übrig, als die Tage mit sinnlosem Zeug zu füllen. So zumindest hatte es sich zuerst angefühlt, doch überraschenderweise nahm sich die neue Herzogin, Elisabeth, reichlich Zeit für ihre Gäste – allem voran für Esther selbst. Wie sie das neben ihrer neuen Rolle als Oberhaupt des Herzogtums bewältigte, bewunderte Esther zutiefst und es kam ihr so vor als wüchse die junge Frau mit jeder Aufgabe über sich hinaus. Und bereits nach einer Woche strahlte das Schloss eine Wärme aus, wie sie es anfangs kaum für möglich gehalten hatte. Aber vielleicht war es gerade Elisabeths Bescheidenheit und die Nahbarkeit zur Bevölkerung, die ihr es möglich machten, Probleme schnell und erfolgreich zu lösen. Und aus dem geprügelten Hund wurde schnell eine sichere Verhandlungsführerin und gutherzige Herrscherin. Esther war bewusst, dass Elisabeth es niemals ohne die Hilfe des Hofstabs geschafft hätte, doch der Großteil der Lorbeeren gehörten ihr.

    „Und du bis sicher, dass ihr bald aufbrechen wollt“, fragte Elisabeth, stellte ihre Tasse Tee auf den Tisch ab und musterte Esther von der Seite.

    Recht schnell hatte Esther die Herzogin in ihr Herz geschlossen. Sie war genau das, was Esther selbst sich am Ehesten unter einer Freundin vorstellen konnte. Es hatte sie sogar mehr als alles andere überrascht, dass sie Elisabeth so schnell Vertrauen schenkte.

    Esther, die bislang ihr Gesicht in der Sonne gewärmt hatte, lehnte sich zurück in den Schatten, um Elisabeth ansehen zu können. „Ich fürchte, wir müssen allmählich weiter. Wir sind bereits länger hier als zunächst geplant. Und wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“

    Die andere Frau machte ein bekümmertes Gesicht. Doch dann lächelte sie plötzlich. „Du hast noch gar nicht verraten, wohin ihr reist.“

    Esther trank ihren Tee aus und sah vom Balkon in den Park hinab, wohin vor geraumer Zeit Edmund und Trevor gegangen und aus ihrem Blickfeld verschwunden waren. „Es ist auch besser so, wenn du es nicht weißt, glaub mir.“

    Elisabeth wirkte zunächst, als würde sie nicht lockerlassen, zuckte dann aber die Schultern. „Immerhin reist du in guter Gesellschaft“, meinte sie grinsend. „Edmund und Trevor sind beide stattliche Herren … auf ihre jeweilige Art.“

    „Elisabeth!“, stieß Esther lachend aus.

    „Bitte verzeih mir.“ Ihre Freundin kicherte hinter vorgehaltener Hand.

    Esther gönnte der Herzogin den Moment. Immerhin wussten sie beide, dass es für Elisabeth kaum Perspektiven in der Hinsicht gab. Eine bislang noch mittellose Herzogin, entstellt und wenig ansehnlich … Esther hatte bisher keinen Herren getroffen, der Elisabeth seine Aufwartung machen würde. Vielleicht, wenn sie wieder vermögend und gut situiert war … Und ganz vielleicht würde Elisabeth wahre Liebe erfahren?

    Esther lächelte sanft ob der Freude, die die Herzogin im Moment ausstrahlte, war ihr eigenes Gemüt doch reichlich schwer.

    Unweigerlich sah sie vor ihrem inneren Auge wieder, wie Trevor mit der Kammerzofe Enora sein Zimmer verlassen hatte. Und sie erinnerte sich an den Stich in der Brust, den sie gespürt hatte. Als Enora dann am nächsten Tag von ihm schwärmte, und das in einer Art und Weise wie man über einen großen Bruder sprach, hatte sie innerlich aufatmen lassen. Die junge Zofe hatte ihm lediglich das Haar geflochten und ihm dabei ihre halbe Lebensgeschichte erzählt.

    Doch es war neben Nellis plötzlicher Verjüngung auch nicht das Einzige, was ihr im Kopf herumspukte.

    Sie hatte von Enora und den anderen Zofen auch noch andere Dinge erfahren. Und wo Magie Thema war, konnte sich Esther nicht entziehen.

    Sie musste ihrem Gedanken vor der Abreise noch auf den Grund gehen. „Darf ich dich noch um einen Gefallen bitten?“, fragte sie daher aus dem Nichts.

    Sofort wurde Elisabeth wieder ernst. „Jederzeit.“

    „Die Räumlichkeiten, in denen man Edmund und Trevor festgehalten hatte … Kannst du sie mir zeigen?“ Weder Edmund noch Trevor hatten sich bereit erklärt, ihr den Weg zu zeigen und ihr Versuch, die Räume selber zu finden, war gescheitert. Außerdem wollte sie nicht ohne Elisabeths Wissen umherstreifen.

    „Oh … das … wieso willst du das sehen?“ Elisabeth wirkte unruhig wie sie auf ihrem Stuhl umherrutschte. „Ich meine … im Labor gibt es nichts mehr zu sehen. Und im Kellergewölbe … Ich bin mir nicht sicher, ob das für deine Augen bestimmt sein sollte.“

    Jetzt lachte Esther. Nur kurz, aber es reichte, um die Herzogin endgültig zu verwirren.

    „Mach dir keine Sorgen um mich“, meinte Esther und legte ihrer Freundin die unverletzte Hand auf deren Unterarm.

    Vielleicht sollte sie aufhören, allen zu sagen, dass man sich um sie nicht sorgen sollte. Sie wusste, das sie mehr Hilfe benötigte als alle anderen und doch tat sie immer wieder so, als wäre sie dem gewachsen.

    Sie erinnerte sich an die Art, wie Edmund sich bei ihr entschuldigt hatte. Sein schlechtes Gewissen hatte ihn wohl sehr geplagt und sicher war Esther sauer gewesen. Sehr sogar. Aber nachdem sie gehört hatte, dass man die Revenge plündern wollte und sowohl Nelli als auch Edmund das Schiff vor Schlimmeren bewahren wollte, war der Zorn abgeebbt.

    Außerdem wollte sie nicht die nachtragende Kuh mimen und ewig schmollen. Dazu hatten sie keine Zeit und dafür waren ihr ihre Freunde zu wichtig.

    Elisabeth sah auf die Hand hinab und dann Esther ins Gesicht. „Dir ist es ernst, oder? Ich kann dich nicht davon abbringen?“

    Esther nickte auf die erste Frage und schüttelte nach der zweiten den Kopf. „Du würdest mir damit sehr helfen.“

    Nach einem kurzen Blickaustausch gab Elisabeth sich geschlagen.


    Einige Zeit später befanden sich die beiden Frauen in Gesellschaft von zwei Wachen auf dem Weg in das Kellergewölbe. Angepasst an Elisabeths Geschwindigkeit überwanden sie die Stufen. Es wurde merklich kühler und die Luft feuchter. Das Einzige, was dagegen half, waren die Fackeln, die just in diesem Augenblick von den Wachmännern entzündet wurden.

    Sie nahmen die Frauen in die Mitte und führten sie bis ans Ende eines langen Ganges. Rechts und links befanden sich einige leere Zellen, in denen das Wasser von den Steinen tropften. Ratten verschwanden in dunkle Ecken, aufgescheucht vom Licht des Feuers. Die schweren Schritte der Männer hallten wider und Esther hörte, wie Elisabeth bei jedem Schritt immer mehr aufstöhnte, als würde es ihr Schmerzen bereiten.

    Plötzlich fühlte sie sich schlecht. Sie hätte Elisabeth bitten sollen, oben zu warten.

    Ein metallisches Geräusch erklang, als der Schlüssel das schwere Schloss entriegelte und die Tür mit einem unheilverheißenden Kreischen aufschwang.

    Der Wachmann machte einen Schritt zur Seite, um seine Herrin vorangehen zu lassen. Auch Esther ließ man ungehindert passieren.

    Und das, was sie sah, ließ sie für einen Moment das Atmen vergessen.

    Sie hatte geahnt, was sie erwarten könnte, aber Elisabeth hatte mit Ihrer Warnung nicht untertrieben. Zarte Gemüter würden bei dem Anblick der Foltergeräte vermutlich zu Boden gehen.

    Esther huschte ein kalter Schauer über den Rücken, aber sie trat näher an die Wand heran, an der sich zahlreiche Zeichen und Symbole befanden. Einige waren grob in den Stein geritzt, andere dagegen akribisch mit Kohle gezeichnet – manche schon halb verwischt, als hätte der Wind selbst versucht, sie zu tilgen.

    Sie streckte vorsichtig die linke Hand aus und ließ ihre Finger dicht über der Oberfläche schweben, ohne sie zu berühren. Ein leichtes Prickeln lag in der Luft - kaum spürbar, aber für sie deutlich: alte Magie, schwach, aber noch da.

    „Trägt deine Familie Magie im Blut?“, fragte Esther die Herzogin, die gleich darauf den Kopf schüttelte.

    „Es gab hier mal Magier …“ Elisabeth senkte den Blick. „Aber sie sind entweder fort oder tot.“

    Sie sah Elisabeth an, der gerade von einem der Wachmänner ein Mantel um die Schulter gelegt wurde, und sparte sich weitere Nachfragen zu den Magiern. Sie konnte sich denken, weshalb sie gegangen waren. Oder wie sie gestorben waren.

    „Ich bin sogleich zurück“, sagte Esther zu ihr. „Warte ruhig hier.“

    Elisabeth schien keine Einwände zu haben, denn sie ließ Esther ohne weitere Worte weiter die Wand absuchen.

    Dann wandte sie sich ab und erklomm das Podest, welches mitten im Raum stand und über drei Stufen erreichbar war. Vor ihr erhob sich ein Obelisk in die Höhe und allein die Ketten zeigten noch, wo Trevor ungefähr gehangen haben musste. Das restliche Blut zu ihren Füßen ignorierte Esther mehr oder weniger. Aus Aufzeichnungen wusste sie, dass es kaum noch echte Obelisken mit magischen Ursprüngen gab und diese befanden sich ausnahmslos in den Tempeln der Magier.

    Sie trat näher heran, betrachtete die feinen Maserungen und fuhr mit dem Zeigefinger über eine Einkerbung. Ganz tief in ihrem Inneren spürte sie das Pulsieren einer magischen Präsenz, aber es war ganz klar nicht das, was ein Obelisk ausstrahlen sollte. Es war eine Kopie dessen, aber nicht das Echte.

    „Das ist eine Fälschung“, sagte sie und sah über die Schulter zu Elisabeth hinab.

    Diese blinzelte unsicher. „Was meinst du? Hätte das Ritual bei Trevor nicht funktioniert?“

    Esther wog den Kopf. „Wahrscheinlich schon … nur nicht über einen längeren Zeitraum. Es ist Magie in dem Obelisken vorhanden, genug, um ein Ritual durchzuführen. Aber zu wenig, um es aufrechtzuerhalten.“ Sie wandte sich ab und kehrte zu Elisabeth zurück. „Ich schätze, deine Schwestern wollten Trevor benutzen, um an ihn ihr Halbwissen über dieses Ritual zu testen.“

    Innerlich schauderte sie bei dem Gedanken daran, dass jemand Trevor dafür benutzen wollte.

    Elisabeth wirkte regelrecht schockiert, wobei es sie eigentlich nicht überraschen dürfte, dass ihre Geschwister dazu fähig waren. Dieser Raum war ein deutliches Zeichen der Brutalität. „Was… soll ich jetzt damit machen?“

    „Ihn in Einzelteile zerschlagen“, schlug Esther vor. „Es sei denn, du hast vor, aus dem Keller ein Zentrum für Blutmagie und schwarze Zauber zu machen.“

    Elisabeths Augen weiteten sich vor Schrecken und Esther erkannte das, was sie bereits seit ihrer Ankunft vermutet hatte – Die Herzogin wollte die Zukunft anders gestalten.

    „Weißt du, ob deine Familie … Aufzeichnungen geführt haben?“, fragte Esther schnell, bevor Elisabeth noch in Tränen ausbrechen konnte. „Ich würde gerne wissen, wie sie an dieses Wissen gelangen konnten und ob sie tatsächlich das Ritual, mit welchem sie Trevor binden wollten, kannten.“ Sie zeigte mit einer Geste auf die Wand mit den Symbolen.

    Elisabeths Blick folgte dem Fingerzeig und nebeneinander betrachteten sie die Zeichen.

    Teilweise wirkten sie, als wären sie mehrere Male übermalt oder korrigiert worden. Als hätten Generationen daran gearbeitet … oder viele Personen.

    „Im Arbeitszimmer meines Vaters soll es eine kleine Sammlung geben. Ich weiß nicht, wo dort sich das befindet und ob sie nützlich sind, ich durfte nie in dieses Zimmer.“ Elisabeths Stimme klang bedauernd, weshalb Esther ihr einen Blick zuwarf. „Vermutlich sind die Zugänge auch versperrt … mit Magie …“

    „Das stellt kein Problem dar“, unterbrach Esther sie selbstsicher. Sie hatte schon einmal ein Siegel gebrochen. Und ohne magisches Blut in der Familie konnte es sich nur um ein alchemistisches Schloss handeln – falls es überhaupt versiegelt war. Vielleicht hatten sie Elisabeth auch nur belogen, um sie fernzuhalten.

    Elisabeth musterte sie. „Dir scheint das wirklich wichtig zu sein, oder?“, fragte sie leise und deutete mit einer Handbewegung auf den Ausgang.

    Esther warf noch einen Blick auf den Obelisken und folgte ihrer Freundin schließlich. „Ich habe darüber nachgedacht, ob es eine Möglichkeit gibt, diese Bindung aufzuheben – oder sie von vornherein zu verhindern“, eröffnete sie ihre Gedanken gegenüber Elisabeth.

    Begleitet von dem stetigen Tropfen des Wassers, welches an den Steinen hinabrann, begaben sie sich wieder hinauf in das Schloss.

    „Du meinst, du könntest also sowas wie einen Gegenzauber entwickeln?“ Elisabeths Stimme hallte in den Gängen des Schlosses wider.

    Nickend lief Esther neben ihr her. „Oder zumindest einen Schutz, der zukünftige Opfer davor bewahrt, benutzt zu werden.“

    „Sowas kannst du?“ Elisabeths Stimme klang halb bewundernd, halb ungläubig.

    Esther lächelte schief. „Das weiß ich noch nicht“, gab sie nach einer kurzen Pause zu. „Erst einmal muss ich herausfinden, wie dieser Bindungszauber richtig funktioniert. Erst dann kann ich einen Gegenzauber und dann einen Schutzzauber entwickeln.“

    Sie hatte an einigen Zaubern gearbeitet. Aber nie war das Binden von Seelen darin enthalten gewesen. Aber es konnte theoretisch nicht so weit entfernt sein, von dem, was sie bei ihren Bannzauber anwandte. Im Grunde könnte es dasselbe sein, nur eben stärker und … dunkler. Sie würde sich damit in einen Abgrund begeben und in die Tiefe düsterer Magie blicken. Etwas, das sie nie anrühren wollte.

    Trevor hatte ihr vor einiger Zeit zwar geraten, sich etwas von dieser Art Magie anzueignen, aber das hatte er sicher nicht damit gemeint.

    „Wir sind da“, unterbrach Elisabeths Stimme Esthers Gedanken abrupt. „Bitte verzeih mir, aber ich kann dich nicht begleiten. Aber vermutlich bin ich dir ohnehin keine Hilfe.“ Die Herzogin wirkte bedrückt, weshalb Esther ihr schnell mit der Hand über den Oberarm strich.

    „Ich lasse dich später wissen, was ich herausgefunden habe“, sagte Esther lächelnd.

    Elisabeth wies einen der Wachmänner an, Esther zu begleiten, und verabschiedete sich schließlich.

    Esther sah ihr noch kurz nach, bevor sie sich von der Wache zum Arbeitszimmer führen ließ.

    Langsam und bedächtig näherte sie sich der Tür und begutachtete sie eingehend. Auf dem ersten Blick ließ sich nicht erkennen, ob diese mittels Magie verschlossen wurde, weshalb sie kurzerhand den Türdrücker betätigte.

    Einigermaßen überrascht stellte sie fest, dass das Zimmer nicht abgeschlossen war. Sie sah über die Schulter zu dem Wachmann hinüber. „Warte hier, bis ich zurück bin“, wies sie ihn an.

    „Aber …“, begann er aufzubegehren.

    „Mir ist bewusst, was die Herzogin gesagt hat“, unterbrach Esther ihn. „Aber ich weiß noch nicht, welche Gefahren sich hinter dieser Tür verbergen, also ist es sicherer für dich, draußen zu bleiben.“ Sie wartete nicht weiter, sondern zog ihren Zauberstab und betrat den Raum. Leise fiel die Tür wieder ins Schloss.

    Sofort empfing sie eine schwere, fast greifbare Stille. Ein feiner Geruch von kaltem Stein, Staub, gealtertem Leder und leichtem Wachs hing in der Luft. Hohe, mit dunklem Nussholz getäfelte Wände schlossen den Raum ein und reichten bis unter eine prunkvolle Kassettendecke, in deren vergoldeten Rankenmuster sich Spinnweben wie filigrane Stickereien gesponnen hatten. Über dem Kamin thronte das verstaubte Porträt eines alten Mannes mit einem blassen, aber durchdringendem Blick, dass Esther das Gefühl gab, beobachtet zu werden.

    Ihr gegenüber stand ein gewaltiger Schreibtisch aus schwarzem Holz, bedeckt mit Pergamentrollen, ledergebundenen Folianten und mehreren kleinen Gläsern.

    Sie nahm eines der Gläser und stellte fest, dass es sich hierbei lediglich um Tintenfässer handelte.

    Langsam schritt sie über den karmesinroten Teppich hinüber zum völlig vollgestopften Bücherregal. Lose Papierfetzen hingen zwischen dicken Büchern und eingestaubten Skulpturen. Hin und wieder hatten Spinnen ihre feinen Fäden gesponnen, was Esther darauf schließen ließ, dass dieses Regal seit einiger Zeit nicht angefasst wurde.

    Seufzend drehte sie sich um und wandte sich dem Schreibtisch zu. Dieser wirkte schon eher, als hätte gerade kürzlich jemand daran gearbeitet.

    Esther kannte diese Art von Schreibtischen, daher verschwendete sie keine Zeit und suchte nach der versteckten Klappe in den einzelnen Schubfächern. Mit einer Hand war das zwar nicht so einfach, aber darauf nahm sie keine Rücksicht. Mit dem Stab zwischen den Zähnen durchwühlte sie Lade um Lade.

    Da Elisabeth von einer kleinen Sammlung gesprochen hatte, erwartete Esther keine großen Entdeckungen.

    Tatsächlich fand sie ein separates Fach unter dem Boden eines der Schubladen, jedoch war es leer.

    Ernüchtert nahm sie den Zauberstab aus dem Mund und sich in den schweren Ledersessel fallen, der knarzte, als würde sogar er missbilligend die Stirn runzeln.

    Ihr Blick ging suchend durch den Raum.

    Und blieb schließlich an eines der Wandvertäfelungen hängen.

    Zwischen den gradlinigen Maserungen wirkte ein Fleck minimal dunkler, als wäre es nass oder ein Paneel nachträglich eingesetzt worden.

    Esther erhob sich wieder und trat mit schief gelegtem Kopf näher. Als sie die Fläche vorsichtig mit der Hand abtastete, spürte sie eine Vertiefung – kaum fühlbar, aber vorhanden.

    Sie presste die Finger an die Stelle, woraufhin sich ein kleines Viereck unter dem Druck in die Wand schob.

    Ein schmaler Spalt öffnete sich, worin einige kleinere Bücher und Pergamente lagen. Doch ihr Augenmerk legte sich sofort auf den massiven, ledernen Einband.

    Vorsichtig hob sie die kleineren Schriften heraus und legte sie auf den Teppich vor sich ab. Dann zog sie das schwere Buch aus seinem Versteck. Es war unerwartet kalt, als würde es die Wärme ihrer Hand verweigern.

    Auf dem Deckel prangte ein blutrotes Symbol – ein einfacher Kreis, durchbrochen von einem darüberliegenden Dreieck.

    Esther hockte sich nieder, der Zauberstab noch immer im Griff, und schlug den Einband auf. Das Leder ächzte, als würde das Buch selbst sich gegen das Öffnen sträuben.

    Neugierig begutachtete sie die akribischen Aufzeichnungen. Doch mit jedem Satz, den sie überflog, legte sich eisige Kälte über ihren Körper. Diese Magie war nicht nur alt. Sie war kalt, grausam und durchtränkt von Tod. Das Buch war ein Gefäß für das Leid zahlloser Opfer.

    Doch es fesselte sie auf eine unbeschreibliche Weise und so blätterte sie durch die Seiten, bis sie – endlich – gefunden hatte, wonach sie suchte.

    Mit roter Tinte war dort das Symbol aufgezeichnet worden, welches man Trevor auf die Brust geritzt hatte. Daneben stand die Formel des Bindungszaubers.

    Und man benötigte eine starke magische Quelle alten Ursprungs, um das Ritual zu vollziehen.

    „Ein Obelisk …“, murmelte Esther und schlug das Buch wieder zu. Innerlich zerriss etwas in ihr – einerseits war sie froh darüber, einen Anhaltspunkt gefunden zu haben, anderseits fragte sie sich, ob dieser Teil nicht besser im Verborgenen geblieben wäre.

    So oder so. Jetzt konnte sie damit beginnen, einen Schutzzauber zu konstruieren, der Menschen wie Trevor davor bewahrte, jemals gebunden zu werden.

    Aber das bedeutete wiederum, dass sie den Blutzauber ausprobieren müsste.

    Allein bei dem Gedanken wurde ihr übel.

    Trevor war der einzige Formwandler, den Esther kannte … doch an ihm ihre Studien zu betreiben, konnte sie nicht. Sie sträubte sich innerlich dagegen und redete sich ein, dass es einen anderen Weg geben musste.

    Doch insgeheim wusste sie es besser.

    Wenn sie nicht erfuhr, wie der Zauber funktionierte, konnte sie keine Gegenformel entwickeln.

    Außerdem brauchte sie eine alte, magische Quelle für das Ritual.

    Sie seufzte und durchsuchte die anderen Schriften nach brauchbarem Material. Darunter befanden sich zahlreiche Rezepte für Tinkturen, Salben und Mitteln. Und eine kleine Sammlung von Dingen, die man mit Nymphenblut herstellen konnte. Esther zog die rechte Augenbraue hoch.

    Das bleibt mit Sicherheit nicht hier …

    Sie ging zur Tür und riss sie auf, woraufhin der Wachmann erschrocken zusammenzuckte.

    „Ich brauche hier ein bisschen Unterstützung“, sagte sie. „Sei so gut und trage diese Bücher dort in mein Zimmer.“

    • Offizieller Beitrag

    Trevor stand im hinteren Hof und beobachtete die Wachen bei ihren Schwertübungen.
    Esther hatte sich mit unzähligen Schriften in ihr Zimmer zurückgezogen und wirkte beschäftigt.
    Edmund und Nelli betrieben eine Art Balztanz, bei dem Edmund eindeutig nicht die führende Person war.
    Trevor hatte demnach etwas Freizeit, und so lange sie noch zu Gast in dem Schloss waren, konnte er ebenfalls eine Beschäftigung suchen. Obwohl erst ein paar Tage vergangen waren, schien das Anwesen aufzublühen. Wo vorher Schrecken und Furcht herrschten, schienen die Leute jetzt gerne ihrer Arbeit nachzugehen. Angefangen beim Koch bis zum Müller. Selbst die Wachen wirkten wieder diszipliniert. Sie waren nicht schlecht, stellte Trevor fest. Auf jedenfalls zuverlässige Leute, die wussten, wie man ein Schwert in Händen halten musste. Ihm entging dabei nicht, dass viele – gerade die jungen Wachen – immer wieder zu ihm rüber sahen, und er nahm es ihnen nicht übel. Immerhin hatte Trevor etliche Wachen entweder getötet oder ins Lazarett geprügelt. Obgleich diese Männer wussten, dass man ihm keine Wahl gelassen hatte ... ihre Blicke blieben skeptisch. Bei den Männern vor ihm handelten es sich vorwiegend um junge Männer. Irgendwo einzuordnen zwischen sechszehn und anfang zwanzig. Einige mit sichtlicher Erfahrung und andere ...
                    „He, Ihr!“, ertönte plötzlich vom Kommandanten der Schlosswache. „Lust mitzumachen?“
    Meint der mich?
    Trevor schaute sich um. Es war niemand anderes da, außer ein paar Kindern, die die Übungen nachahmten. Trevor wog seinen Kopf. Er hatte sich seit Tagen nur vollgestopft und sich nicht viel bewegt. Vielleicht wäre etwas Bewegung nicht schlecht, bevor er noch fett wurde. „Kann nicht schaden!“, rief Trevor dem grauhaarigen Mann zu, dessen Statur aber sein wahres Alter gut verbarg.
    Der Kommandant war trainiert, fähig und seine Stimme so tief wie das Grollen eines Braunbären. Selbst Trevor überragte der ältere Herr um beinahe einen Kopf. Der Kommandant musste schon zu Zeiten des vorherigen Herzogs in diesem Schloss gedient haben. Vor der Übernahme des anderen. Aber wo war er beim Wüten des Formwandlers gewesen?
    Trevor stieß sich von der Holzumzäunung ab und lief auf die Truppe zu. „Was genau soll ich machen?“, wollte er wissen.
                    „Was haltet Ihr von den neuen Wachen?“, wollte der Kommandant wissen und verschränkte seine Arme vor sich.
    Trevor schaute in die Reihen der zirka zwanzig Männer, schnalzte mit seiner Zunge und lief gezielt auf einen jungen Mann zu, den er unverwandt umstieß.
    Scheppernd fiel der junge Mann mit seiner Rüstung in den Dreck.
    „Einigen sieht man die Kampferfahrung an, andere brauchen noch Hilfe bei Grundlegendem.“ Trevor hielt dem jungen Mann seine Hand hin, um ihm beim Aufstehen zu helfen. „Ein sicherer Stand kann dir das Leben retten“, fügte Trevor hinzu, und die Wache ließ sich aufhelfen.
                    „Gut erkannt!“, gestand der Kommandant Trevor zu und warf ihm ein Holzschwert entgegen, das der Formwandler auffing. „Dann kümmert Ihr Euch um die neuen Männer, ich mich um die übrigen.“
    Trevor ließ seine Schultern hängen. Warum bekam er die Welpen? Er seufzte und nahm wieder Haltung an. Gekonnt ließ er das Schwert in seiner Hand rotieren und nickte schließlich. Vermutlich hatte der Kommandant, ob Trevors eigenes Alter diese Entscheidung getroffen.
    Und vermutlich ist er bereits genervt genug.
    So wies Trevor ein paar Auserwählte an, weiter hinten zu trainieren. Er versuchte, ihren Stand zu verbessern, und begann mit einfachen Hieben. Immer wieder korrigierte er die Haltung der jungen Männer, zeigte ihnen Manöver, Angriffe gekonnt abzublocken. Wirklich ins Schwitzen brachte das Trevor nicht. Und dabei wurde er stetig vom Kommandanten beobachtet. Mitunter kam sich Trevor dadurch selbst wie ein Anfänger vor.
    Am Ende des Trainings bestand Trevor darauf, dass die Männer versuchen sollten, ihn anzugreifen. Was sie auch bereitwillig taten. So konnten sie ihre Frustration an ihm auslassen. Demjenigen auf die Fresse hauen zu dürfen, der einen über eine Stunde gepiesackt hatte ...
    Natürlich reichte die Erfahrung der Männer nicht aus, um Trevor gefährlich zu werden. Der Formwandler parierte größtenteils die Hiebe und Angriffe. Einen der Männer nahm Trevor am metallenen Rand seines Brustpanzers, hob ihn in die Luft und warf ihn auf den Rücken. Die Holzschwerter zerschellten an Trevors Unterarm, während einer nach dem anderen im Dreck landete.
    Der Kommandant schüttelte in etwas Entfernung seinen Kopf, entließ seine Männer und ging auf Trevor zu.
    Der will doch nicht ...
    Kaum hatte Trevor einen Gedanken gefasst, trat der Kommandant so fest gegen Trevors Oberkörper, dass dieser rücklings auf dem Boden fiel und noch einige Meter zurück schlitterte.
    Er will, aber ...
    Trevor rappelte sich auf, sah sein zerbrochenes Holzschwert an und warf es beiseite.
    Der Kommandant grinste. „Eure Deckung ist auch nicht die beste.“
                    „Ich hab auch nicht damit gerechnet, dass Ihr mich angreift!“, blökte Trevor.
                    „Rechnet immer mit dem Unerwarteten!“, antwortete der Kommandant ruhig, als läge mehr in seinen Worten, als offensichtlich. „Mein Name ist Erin, im Übrigen. Erin, der Bär.“
    Bär, schon klar. Was auch sonst?
                    „Und jetzt?“, wollte Trevor wissen. „Mich nennt man Trevor ... mehr nicht?“
    Erin ging mit festen Schritten auf Trevor zu, holte zu einem Faustschlag aus, dem Trevor durch ein Ducken gerade so ausweichen konnte. Aber kaum hatte er das getan, folgte ein zweiter Schlag, den er mit seinem Unterarm vor dem Gesicht aufhielt. Ein stechender Schmerz durchzuckte Trevors Körper. Der Schlag hatte es in sich. Jedoch ließ sich Trevor nicht lumpen und griff nach etwas Dreck vom Boden, schmiss es Erin ins Gesicht, nahm ihm am Kragen und verpasste so dem Kommandanten eine heftige Kopfnuss.
    Erin taumelte zurück, hielt sich die Stirn und lachte. „Ihr kämpft schmutzig und ohne Ehre ...“
                    „Für Ehre war bisher kein Platz in meinem Leben!“, erwiderte Trevor und wollte nachsetzen, aber Erin hob schlichtend seine Hand.
    Trevor hielt inne.
                    „Das reicht für heute“, meinte Erin und sah zu seinen Männern. „Behaltet Euch im Kopf, dass Eure Gegner alles nutzen werden, wenn sie sich in der Ecke befinden.“
    Die Männer nickten und zogen ab.
                    „Ich befand mich in keiner Ecke!“, dementierte Trevor. „Ihr wart dabei, zu verlieren!“
                    „Das denkt Ihr?“
    Ist doch offensichtlich!
                    „Wie oft habt Ihr gegen Euersgleichen gekämpft?“
    Meinesgleichen?
    Erin lachte, nahm seine Hand von der Stirn und musterte Trevor. „Einen Formwandler?“
    Trevor bekam große Augen. Deswegen hatte der Kerl ihn quer über das Übungsfeld getreten.
    Ihm schossen tausend Fragen durch den Kopf, und Erin schien ihm das anzusehen.
    Erin bezeichnete Trevor, ihm zu folgen, und dieser tat das bereitwillig. Sie setzten sich in einen Salon des Schlosses, wo Erin sich sicher war, dass sie niemand belauschen würde. Er schenkte Trevor Wein ein und setzte sich dann vor ihn. „Sie haben versucht, das Ritual an dir zu vollziehen, nicht wahr?“, fragte Erin, und Trevor nickte nur verwirrt.
    Erin fasste in seine Rüstung und zog ein Amulett hervor. „Dieses kleine Ding verdeckt Auren. Es ist nichts Großes, aber so konnte ich meine Herkunft über viele Jahre verbergen.“
    Erin erzählte, dass er dies vom alten Herzog bekommen hatte. Es war ein Geschenk gewesen, da sich der alte Herzog niemand Besseres als Kommandanten seiner Wache vorstellen konnte, als jemanden, der ... so talentiert war. Deswegen war er auch geblieben, obwohl die neue Herzogfamilie Anhänger dunkler Magie gewesen war. Dies hier war sein Zuhause, der alte Herzog ein Freund gewesen ...
                    „Aber warum habt Ihr nie versucht, diese Ratten zu töten?“
    Erin lachte. „Die Übernahme war legitim, ich konnte nichts tun, da sie nachweislich als Erben galten. Und wenn erneut ein Formwandler seine Herren tötet ... das täte unserem Volk nicht gut, auch wenn ich mich dagegen entschieden habe, zur Insel zurückzukehren. Ich wollte diejenigen hier beschützen, die es wert waren, beschützt zu werden.“
                    „Deswegen habt Ihr mich nicht aufgehalten ...“, dämmerte es Trevor. „Ihr habt es zugelassen.“
    Erin nickte und trank selbst vom Wein. „Die, die dumm genug waren, Euch die Stirn zu bieten ... hatten es nicht besser verdient. So trennt man die Spreu vom Weizen.“
    Die beiden Herren schwiegen kurz. „Wie nannte man Euren Vater?“, wollte Erin wissen.
                    „John van Dykken“, antwortete Trevor ehrlich. „Aber ich weiß nicht viel über meine Familie oder die Insel. Mein Vater zog es vor, mit allem Wissen zu sterben.“
    Erin starrte Trevor an. „Du bist Rhys‘ Enkel?“ Erin ließ plötzlich die förmliche Anrede weg. Trevor zuckte mit seinen Schultern. „Wenn das der Vater von meinem Vater ist ... war?“
    Du hast keine Ahnung, von wem du abstammst ... als Formwandler? John muss gewollt haben, dass du es nicht weißt.“
    Hab ich das nicht gesagt? Ist der Alte taub?
    Erin lachte plötzlich laut auf und knallte das Amulett auf den Tisch. „Dann gehört es jetzt dir!“
                    „Nein. Das war ein Geschenk!“, widersprach Trevor.
                    „Und ich schenke es dir. Ich muss mich hier nicht mehr verstecken. Die neue Herzogin weiß über mich Bescheid.“
    „Für deine Kinder?“
    „Meine Kinder sind meine Soldaten, Euer Hoheit! Es ist mir eine Ehre, es Euch zu geben.“
    Trevor kam der Wein durch die Nase. Was hatte er da gesagt? Er hustet und stellte seinen Becher ab. „Was? Wie bitte?“, fragte Trevor mit rauer Stimme.
                    „Wenn du Rhys‘ Enkel bist, des ungekrönten Königs der Formwandler, dein Vater verstorben ist ... bleibst du trotzdem einer seiner unzähligen Enkel, einer der Prinzen. Ein Reinblüter! Es ist wahr, ich hätte nur wenig Chancen gegen dich. Jedoch fehlt es dir an Erfahrung, mit deinen Fähigkeiten umzugehen. Das mach dich schwach und angreifbar. Das solltest du ändern und das schnell. Du bist nämlich etwas mickrig.“
                    „Was?“, fragte Trevor monoton.
                    „Deine Verwandten überragen dich wahrscheinlich um einen oder zwei Köpfe ... Du bist eher der ... schwächliche Nachwuchs. Wie bei Tieren. Das Junge, das nicht an die Milch kam. Es kommt häufiger vor, dass Väter ihre Söhne nicht zur Insel bringen, wenn sie das Gefühl haben, sie könnten den Aufenthalt nicht ... überstehen. Denn die Bewohner von Sturmwacht messen häufig ihre Kräfte. Und manchmal geht das nicht gut aus.“
    Eine Insel voller Proleten also!
    Trevor war klar, dass sein Vater bereits größer gewesen war, auch um einen Kopf ... aber mickrig?
                    „Sei nicht beleidigt“, fügte Erin hinzu. „Dein Vater hat es sicherlich nur gut gemeint. Er wollte dich beschützen.“
    Super, ich bin das Junge, das man wohlwollend gegen die Wand wirft, um es von seinem Leiden zu erlösen. Na, danke!
                    „Aye, nett ...“, antwortete Trevor unbeeindruckt. „Aber ich habe kein Interesse, mich zu messen. Ich bin, wer ich bin, selbst wenn sich mein Vater für mich geschämt hat.“
                    „Das mag sein, Junge“, antwortete Erin, „aber wir können nicht davor davonlaufen, wer wir sind. Ich habe jetzt das Glück, dass Herzogin Elisabeth ihre schützende Hand über mich hält, aber dein Weg wird ein anderer sein. Dein Vater hat dir aus Absicht nicht erzählt, wer genau du bist. Wer deine Mutter war. Dich nicht geschult. Hole das nach! Und wenn nicht für dich, dann für deine Freunde. Denn solltest du auf andere Formwandler treffen, die gut trainiert sind, dann wirst du unweigerlich verlieren. Da helfen dir auch schmutzige Tricks nicht weiter.“
    „Du vergisst aber, dass ich nicht alleine bin. Ich muss mich niemanden alleine stellen. Ich habe Freunde, die sich nicht für mich schämen oder verstecken!“
    Erin lachte. „Da hast du recht.“
    Trevor nahm das Amulett. „Dann nochmals Danke! Vielleicht kann Esther mehr davon herstellen ... für uns alle.“
    Erin nickte. „Und wenn du wissen willst, wo Sturmwacht ist ... folge dem Nebel der ungebändigten See. Du musst dich aber aus Südosten nähern. Andernfalls lauft ihr auf Klippen.“
    Erins Gerede verkam zu einem Piepen in Trevors Ohren. Er ahnte nun, warum sein Vater ihn nie zur Insel gebracht hatte ... Er war zu klein gewesen, zu schwach womöglich ... Er war aussortiert worden. Wie ein faules Ei. Aber stimmte das wirklich? Er hatte bisher geglaubt, es war, weil John das Leben eines Formwandlers nicht für ihn wollte, aber ... vielleicht war es von allem etwas. Wenn John der Sohn des ungekrönten Königs war, konnte er natürlich nicht mit einem Sohn ankommen, der neben anderen Formwandlern wie eine halbe Portion wirkte. Vielleicht hatte er sich wirklich für ihn geschämt. Trevor richtete sich auf. „Für heute habe ich genug gelernt, danke.“
                    „Wenn du weitere Fragen hast ...“, setzte Erin an, aber Trevor verneinte. Er würde die Insel ohnehin nie aufsuchen, egal, wer er war. Sollten sich doch die unzähligen Nachkommen wegen eines nicht existierenden Throns die Köpfe einhauen, wenn sie ohnehin den ganzen Tag nichts anderes taten.

    Trevor wusste nicht wohin, nachdem er den Salon verlassen hatte. Die Informationen waren etwas zu viel und zogen seine Laune in den Keller, obwohl er es nicht wollte. Er betrachtete das Amulett und einigte sich darauf, es einfach Esther zu geben. Vielleicht konnte sie es duplizieren. Wenn andere Ringe besaßen, die auf magische Auren aufmerksam machten, wäre es nicht schlecht, etwas zu besitzen, dass diese unsichtbar machte. Vor allem, da sie einen verrückten Magier im Nacken sitzen hatten.
    Schnurstracks ging er ins Innere des Schlosses und klopfte – vielleicht etwas zu energisch – an ihre Tür.
    Esther bat ihn hinein.
    Trevor folgte dieser Aufforderung, aber stand zunächst etwas verloren in ihrer Kemenate. „Da!“, äußerte er und hielt ihr stumpf das Amulett vor die Nase.
                    „Schöne Kette“, Esther betrachtete den Stein, nahm das Amulett aber nicht in die Hand. „Was soll ich damit?“
                    „Vervielfache es! Bitte?“
    Esther starrte ihn an. „Was?“, kam gedehnt von ihr.
                    „Dieses Amulett versteckt Auren! Vielleicht kannst du es vervielfachen. Das Ambivalent zu den Ringen.“
    Esther nahm das Amulett an sich, begutachtete es und schaute Trevor an. „Woher hast du das?“
                    „Ist das wichtig?“
    Von einem Formwandler, der sich über mich lustig gemacht hat!
    „Nein, eigentlich nicht.“ Esther legte die Kette beiseite. „Da es dir wichtig zu sein scheint, werde ich sehen, was ich tun kann. Aber ... du bist doch nicht nur deswegen zu mir gekommen, oder? Das hätte nämlich auch bis morgen warten können.“
                    „Ob es das könnte, weiß ich nicht.“
                    „Trevor?“ Esther legte ihre Hand beschwichtigend auf seinen Oberarm. „Du musst mir nichts erzählen, wenn du es nicht willst ... Aber du weißt, dass du mir vertrauen kannst.“
    Trevor sah Esther an. Sie hatte recht, sie war eine Freundin. Er konnte ihr vertrauen.
    „Würdest du mich verschweigen? Als Mensch, meine ich.“
    Die Frage war selbst für ihn überraschend. Erins Worte hatten ihn anscheinend mehr getroffen, als er zugeben wollte.
    Esther überlegte. „Das ich dich verschweigen würde, heißt nicht, das ich dich weniger wertschätze, und das weißt du.“
    Trevor stieß ein leises Lachen aus und nickte verstehend. „Schau nach dem Amulett, bitte“, antwortete er und wandte sich ab. Er verließ Esthers Zimmer, warf die Tür zu und verharrte einen Moment. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Er hatte so viel überlebt, so viel gekämpft. Trotz seiner stattlichen Körpergröße war er eine Schande für die Formwandler? Sein Vater hatte ihn geheimgehalten? Sich geschämt? Er hatte ihm ja nicht einmal verraten, dass er sein Vater war. Warum das alles? Auch in Esthers Geschichte würde er anscheinend keine Erwähnung finden. Warum sollte die Tochter eines Grafen auch von ihm erzählen? Und wem sollte sie von ihm erzählen? Ihrem Vater? Wohl kaum.
                    „Du hast mehrfach ihr Leben gerettet, für deine Freunde getötet und das würde sie verschweigen, dich verschweigen?“, bohrte sich eine Stimme in seinen Verstand. Trevors Fäuste ballten sich. Seine Atmung wurde schneller. Er griff die Vase neben sich und schleuderte sie gegen die Wand. Die Scherben flogen umher, aber das reichte nicht. Er nahm die Kommode und warf sie quer durch den Flur, riss ein Bild von der Wand, zerbrach es über seinem Oberschenkel und warf die Einzelteile umher. Zuletzt schlug er mehrmals auf eine Marmorsäule ein, bis diese sichtliche Risse bekam. Die Haut an seinen Knöcheln platzte auf. Und plötzlich ebbte seine Wut ab. Er lehnte seine Stirn an die Säule und atmete durch. Worüber regte er sich eigentlich auf? Edmund war er sicherlich nicht peinlich, genauso wenig Nelli. Er musste aufhören, die Meinung weniger als Maß zu nehmen, wenn ein Großteil mehr in ihm sah. Nelli und Edmund waren so überzeugt gewesen, dass er aus dem Verlies freikommen würde, dass sie nach der Revenge gesehen hatten. Sie verließen sich auf ihn. Sie hielten ihn sicherlich nicht für das schwache Glied in einer Kette. Er stieß sich von der Säule ab und verschwand in seinem Zimmer.

    Nachdem Trevor sein Zimmer betreten hatte, erkannte er umgehend eine Gestalt neben seinem Bett. Es war die blonde Zofe, die es schon seit Tagen auf ihn abgesehen hatte. Trevor seufzte.
                    „Mieser Tag, schöner Mann?“, säuselte sie und ließ ihr Nachtgewand unverblümt zu Boden fallen.
    Das wenige Licht aus dem Kamin erstrahlte ihren Körper wie das Nordlicht den Nachthimmel.
                    „Wenn ich nachgebe ... Bin ich dich dann los?“, wollte Trevor wissen.
                    „Sicherlich!“, versprach sie.
    Trevor grinste schelmisch. Irgendwie schmeichelte es ihm. Vor allem heute, und begann, sein Hemd aufzuknöpfen, während er auf sie zuging.
    Trevor besaß in der Praxis noch nicht allzu viel Erfahrung, aber er war optimistisch. Wie schlimm sollte das schon werden? Etwas Ablenkung tat sicherlich gut.
    Nur zu seinem Entsetzen musste er feststellen, dass nicht alles schön war. Seine Mutter hatte ihm eingetrichtert, dass immer Männer die Bösen waren, aber so langsam kamen Trevor Zweifel an dieser Einstellung. Trevor wollte beginnen wie bei Dorothea, liebevoll und ... mit einer gewissen Romantik in der Luft. Jedoch schien seine Partnerin davon wenig überzeugt.
                    „Ich bin doch keine verklemmte Jungfrau“, fauchte sie regelrecht. Unverblümt fasste sie ihm in die Hose, obwohl er noch nicht einmal gänzlich seine Kleidung abgelegt hatte. Das war irgendwie nicht sein Stil. Trevor brauchte einen Moment, um überhaupt in Fahrt zu kommen. Er wollte etwas sagen, ließ es aber.
                    „Nimm mich!“, gab die Zofe fordernd von sich, die sich nur kurz als Odette vorgestellt hatte.
    Aye, ich bin doch dabei! Ah, Krampf im Oberschenkel ...
                    „Könntest du etwas leiser sein?“, fragte er, stieß aber dabei auf taube Ohren.
    Trevor rannten Schweißperlen über die Stirn. Er konnte weder abbrechen noch vortäuschen. Diese Zofe würde sicherlich alles weitertragen. Zumindest wirkte sie so. Worauf hatte er sich hier eingelassen? Er hätte auf sein Bauchgefühl hören sollen, aber ...
    Immerhin ist es eine Ablenkung. Keine Gute, aber eine laute!
    Dann kam ihm eine Idee. Er legte sich aufs Bett und schob sie auf sich.
    Odette wedelte mit ihrem Haarschopf so herum, dass Trevor permanent ihre Haare aus dem Mund fischen musste. Er fühlte sich ein wenig wie ein Hengst, der zugeritten wurde.
    Was macht die da oben? Dann doch anders ...
    Er musste seine Gedanken fokussieren, um die ganze Geschichte durchzustehen. Woran sollte er denken? An Dorothea, an Oma – für eine Millisekunde war selbst das eine Option. Esther? Sie war keine Option! Das fühlt sich falsch an.
                    „Fester!“, schrie Odette und sah nach hinten zum ihm.
    Die Alte geht mir auf den Sack!
    Angetriebenen von seinem Wortwitz, musste Trevor lachen,
                    „Warum ... lachst ... du?“, wollte die Zofe stockend wissen.
    Trevor seufzte. Das alles dauerte ihm viel zu lange. „Halt einfach die Klappe!“, sagte er und warf sie vor sich aufs Bett, drehte sie um und versuchte, zum Ende zu kommen. Er gab sich alle Mühe und trotz allem war er froh, schlussendlich auch ihr ein Ende beschafft zu haben. Was sicherlich nicht zu überhören gewesen war ... bis ins Dorf. Oder einer Nachbarinsel. An den Rand der Welt? Trevor fiel danach verschwitzt auf die Seite und atmete schwer. Er fühlte sich weniger entspannt und befriedigt als beim letzten Mal. Um ehrlich zu sein, konnte er das Zimmer nach der Nacht nicht mehr verlassen. Jeder würde ihn schräg ansehen. Am Himmelbett erhängen wäre eine Lösung gewesen, aber ... zumindest hatte sie ihre Befriedigung herausgeschrien, sodass er sich zumindest nicht lächerlich gemacht hatte. Erhängen schien deshalb übertrieben.
    Moment, ich bin ein Formwandler, ich kann mich jederzeit tarnen, genau. Das ist eine gute Idee!
    Odette kuschelte sich derweil an ihn.
                    „O nein, nein nein“, dementierte Trevor und rückte von ihr weg. „Wir hatten eine Abmachung. Ich bin dich danach los!“
    Du willst mich rauswerfen?“
    Ich werde dich sicherlich nicht heiraten!
                    „Ich werfe dich nicht raus. Ich habe mich an meinen Teil gehalten, du hälst dich an deinen!“
    Odette stand schnurstracks vom Bett auf und wirkte wütend.
    Das ist mir sowas von egal!
                    „Für dich sind Frauen auch nur Mittel zum Zweck, nicht wahr?“, krakeelte sie.
                    „Was?“, hakte Trevor nach und richtete sich etwas auf. „Ich wollte nicht einmal, dass du hier bist!“
    Sie zog scharf Luft ein und nahm ihr Gewand an sich. „Das wird sich auch nicht wiederholen.“
                    „Bei den Meeresgöttern sei Dank.“
    Odette stieß einen Ausruf des Entsetzens aus. „Du Schwein!“ Sie zog sich an und schritt zur Tür. „Auf Nimmerwiedersehen!“ Sie schmiss danach die Tür hinter sich zu.
                    „Du bist doch völlig durchgeknallt!“, rief Trevor ihr nach und ließ sich danach ins Kissen fallen.

    Am nächsten Tag schlich sich Trevor aus seinem Zimmer. Vorher versicherte er sich, dass der Gang leer war. Leise begab er sich in den Speisesaal, wo er seinen Kopf auf die Tischplatte schlug. Es dauerte nicht lange, da bemerkte er zwei Schatten um sich herum, die sich auch setzten.
                    „Guten Morgen“, flötete Omas Stimme neben ihm.
                    „Aye, Morgen!“, antwortete Trevor, schaute aber nicht auf.
    Alle schwiegen, sodass Trevor dann doch neugierig seinen Kopf hob.
    Na los, sagt was!
    Sie schauten erst ihn, dann sich gegenseitig, dann wieder ihn an. Urplötzlich fingen Oma und Edmund an zu lachen. Laut!
    Trevor rutschte in seinem Stuhl tiefer, musste aber grinsen. Aus dem Grinsen wurde zunächst ein leises Lachen, aber dann überkam es auch ihn. Er ließ sich von seinen Freunden anstecken und lachte laut los.