Es gibt 64 Antworten in diesem Thema, welches 3.170 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Der Wanderer.

  • Hi liebe Tariq

    Das Tempo ist gut so. Ich bin ja inzwischen so gefesselt von deinen Geschichten, dass ich einfach alles von dir gerne lese. Manchmal weiß ich gar nicht mehr zu sagen als dass es mir gefällt.

    Wie es aussieht, will Hannche jetzt mal eine anzügliche Geschichte auspacken. Na, na, sowas hätte ich ihr gar nicht zugetraut!

    (Ich frag mich ja auch immer, wie das wohl meine nunmehr fast 80jährige Mutter hält. von der ich mir einbilde, sie würde seit dem Tod meines Vaters vor 16 Jahren wie eine Nonne leben. Ich bin ja so eine feige Socke, dass ich solche Themen nicht anspreche.)

    (Der Ring gefällt mir übrigens auch immer besser. Ich bin ja bei deiner älteren Version irgendwie ausgestiegen, vermutlich mehr aus Mangel an Zeit als aus anderen Gründen, aber jetzt nimmt es mich richtig gefangen.

    Frida finde ich ganz super!!! So erstaunlich, vielschichtig und gleichzeitig glaubhaft dargestellt.)

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Heyho Tariq


    Habe mich jetzt mal wieder getraut und bin bis hier eingestiegen.

    Das ist wirklich schön zu lesen. Und es würde mich wundern, wenn "Hannche" fiktiv wäre.

    Auf eine gewisse Weise sicherlich.

    Aber das meiste ist wohl eher die Quintessenz aus vielen. So kommt's mir beim lesen zumindest vor.

    Da kommen mir so viele Gesichter wieder zurück...starker Stoff!


    Ist wert, ein Buch zu werden...

    <3

  • Herzlichen Dank euch beiden, Kirisha und Der Wanderer , ich freu mich, dass ihr dabeibleibt! :danke:

    Voriger Teil


    Ich hörte die RT schon von weitem. Gerade war ich mit meinen beiden älteren Kolleginnen aus dem schmiedeeisernen Tor der Pretzberger Strumpffabrik getreten und hatte ihnen zum Abschied zugewinkt. An ihrem vielsagenden Lächeln sah ich, dass sie das Motorrad auch gehört hatten.
    Die Zweiräder gehörten längst zum Stadtbild, man drehte sich auch nicht mehr nach ihnen um. Allerdings blieben die Strumpf-wirkerinnen stehen, die hinter mir aus dem Tor kamen und sich eigentlich auf den Heimweg machen wollten, denn dass der Fahrer, der nun nähergekommen war, vor mir anhielt, war ungewöhnlich. Und als er den Motor abschaltete, die Schutzbrille hochschob und den Helm abnahm, staunten manche von ihnen nicht schlecht, denn darunter kam das lachende Gesicht eines jungen Blondschopfs zum Vorschein.
    Ich weiß noch, dass ich flammend rot wurde. Genau das hatte ich befürchtet, als er gestern angekündigt hatte, mich von der Fabrik abzuholen! Und genau deshalb hatte ich so vehement widersprochen. Seine Antwort war nur ein Lachen gewesen. Dieses unwiderstehliche Lächeln, das mir den Kopf verdreht hatte.
    Nur meine beiden Kolleginnen wussten von Wolfgang. Wenn man verliebt ist, muss man das einfach irgendjemandem anvertrauen, sonst platzt man. Meine Mutter war nicht die Richtige dafür und meine Schwestern erst recht nicht. Aber zu den zwei Frauen, die neben mir die Maschinen bedienten, hatte ich schon am ersten Tag meiner Lehre Vertrauen gefasst. Und nur ihnen erzählte ich von der Begegnung mit dem zwei Jahre älteren Sohn des Bürgermeisters vor zwei Monaten und unseren heimlichen Treffen danach.
    Die Zeit der Heimlichkeiten war vorbei. Heute, jetzt, in diesem Moment, erfuhr die halbe Belegschaft, dass ich als Siebzehnjährige schon einen Freund hatte. Nicht nur das, sondern auch dass er ein Motorrad fuhr. Ich konnte die Gedanken hinter den gerunzelten Stirnen förmlich hören und in den Mienen lesen, als ich mich verstohlen nach den anderen Arbeiterinnen umsah. Hatte er es geklaut oder – was fast noch schlimmer zu sein schien – unerlaubt die Maschine seines Vaters genommen? Oh, diese Blicke! Sie ist noch ein Lehrling, schienen sie zu sagen, wissen ihre Eltern eigentlich, was sie so treibt?
    Wolfgang, mein Schatz, schien davon nichts mitzubekommen. Er nestelte einen zweiten Helm vom Gepäckträger und reichte ihn mir. Das Ding war etwas zu groß und schlackerte auf meinem Kopf herum, aber trotzig zog ich den Kinnriemen fest an. Meinen Ärger über das unverhohlene Glotzen der Strumpfwirkerinnen legte ich in den Ruck und zuckte zusammen, als ich mir die Haut dabei in der Schnalle einklemmte. Dann stieg ich auf den Sozius und verkündete Wolfgang mit einem kurzen Klopfen auf seine Schulter, dass ich bereit war. Er setzte seinen Helm wieder auf, schob die Brille herunter und fuhr los. Wohin es ging? Das war mir damals schnurzegal. Zumindest erst einmal weg von diesen schamlosen Gaffern. Und am Ende der Fahrt erwartete den Fahrer eine geharnischte Strafpredigt dafür, dass er meine Ablehnung ignoriert und mich so in Verlegenheit gebracht hatte.


    Die Sache mit Wolfgang hat nicht lange gehalten. Sein Lebensstil ist nicht der meine gewesen. Er wollte an jedem Wochenende tanzen gehen und lud mich sogar während der Woche ins Kino ein. Ein, zwei Male bin ich mitgegangen, aber ich musste im Gegensatz zu ihm morgens früh raus und als ich dann einmal am Vormittag während der Arbeit beinahe im Stehen eingeschlafen bin, habe ich die folgenden Einladungen abgelehnt. Auch seine Kumpels sind in meinen Augen keine Freunde gewesen, sondern Leute, die ihn auf einen schlechten Weg brachten. Er trank viel, wenn er mit ihnen zusammen war, und als er einmal aufs Motorrad gestiegen ist, obwohl er getrunken hatte, hat sich der zarte Riss, der durch meine Glückseligkeit ging, schlagartig in einen unüberbrückbaren Abgrund verwandelt. Zwei Wochen später habe ich mit ihm Schluss gemacht und mich dann in Getruds tröstlicher Umarmung ausgeheult. Ich glaube fast, meine Eltern haben nie etwas von Wolfgang erfahren, es sei denn, eine meiner beiden älteren Schwestern hat gepetzt.
    Siegfried hat die Erinnerung an Wolfgang weggewischt wie ein nasser Schwamm die Kreide an der Schultafel. Er überstrahlte ihn einfach, weil er genau so war, wie ich mir meinen Mann vorstellte. Bei Siegfried wusste ich vom ersten Augenblick an, dass ich ihn heiraten, mit ihm Kinder haben und alt werden wollte.
    Verrückt, was man für Pläne hat, wenn man jung ist. Es ist leider nichts draus geworden. Zumindest nicht aus dem letzten Teil des Planes.
    Während ich meinen Erinnerungen nachgehangen habe, hat Karl mich durch die Speisesaaltür geschoben. „Möchten Sie vorgestellt werden?“, flüstert er neben meinem Ohr.
    Hektisch schüttle ich den Kopf, als ich sehe, wie die Leute, die unmittelbar neben der doppelflügeligen Eingangstür ihren Platz haben, neugierig den Kopf wenden bei unserem Auftauchen. Das sind schon zu viele für mein angeschlagenes Selbstbewusstsein und es gibt sieben, acht oder noch mehr Tische, an denen Bewohner sitzen. Undenkbar, dass sich alle, die hier auf ihr Frühstück warten, umdrehen und mich anglotzen wie ein Kalb mit zwei Köpfen, wenn Karl mich vorstellt. Eine Neue muss ausgiebig begutachtet werden, das ist mir schon klar, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass der Tag hier angefüllt ist mit Abwechslung und Kurzweil. Nein, ich wäre das Tagesgespräch, noch dazu weil ich mit Sicherheit kein „Guten Morgen“ herausbekommen würde. Wenn es darauf ankommt, funktioniert das Sprechen ja nur im Ofenrohr-Modus und das fehlt mir jetzt gerade noch.
    Ich nicke denen, die mich anschauen, freundlich zu und zwinge mir ein Lächeln ins Gesicht, obwohl ich am liebsten davongerannt wäre.

    Gerannt ...

    Tja, das war einmal, Hannche, spottet die gemeine Stimme in meinem Kopf.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Weil ich morgen nicht zu Hause bin, serviere ich heute schon mal den neuen Teil.

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    Karl hat mein Kopfschütteln widerspruchslos akzeptiert und bugsiert meinen Mercedes an einen Tisch in der Nähe, an dem nur Rollstühle stehen. Der Gute, er scheint zu erkennen, dass mir das hilft.

    „Guten Morgen, die Damen. Ich bringe Ihnen eine neue Tischnachbarin, die Frau Benedikt. Das hier links ist Frau Morgner, ihr gegenüber sitzt Frau Walther und daneben unsere Waltraud.“
    Die drei Frauen, zwei von ihnen wesentlich älter als ich und eine etwa in meinem Alter, mustern mich, nicht unverschämt, aber auch nicht verstohlen. Und wieder lächle ich, während ich auch ihnen zunicke. Meine Wangenmuskeln beklagen sich schon über dieses Dauer-Grinsen.
    „Willkommen“, meint Frau Morgner, die ich als Jüngste des Trios einschätze. „Seit wann sind Sie da?“
    Himmel, ich muss sprechen! Peinlich berührt senke ich den Kopf. Prompt läuft mir Speichel aus dem Mund und tropft auf den Latz. Im Stillen danke ich Karl für das himmelblaue Teil und wische mir mit dem Taschentuch über den Mund. „Zwei Wochen“, murmele ich dann und weiß nicht, ob ich verstanden worden bin.
    „Die erste Zeit ist die schwerste“, kräht Frau Walther. Sie sitzt mir schräg gegenüber, ist ein hutzeliges Weiblein, das in seinem Rollstuhl fast verloren wirkt. Doch das hält die Frau nicht davon ab, mir ein mutmachendes, breites Lächeln zu schenken.
    „Wer ist schwer?“
    Das ist von der dritten Frau gekommen. Waltraud, mein Gegenüber. Ihren Familiennamen hat Karl nicht genannt. Sie starrt Frau Morgner an und erwartet eine Antwort.
    „Niemand, Wally“, beschwichtigt Frau Morgner und winkt ab. „Trink deinen Kaffee.“ Zu mir gewandt raunt sie: „Sie hat Demenz.“
    Ich kann nicht anders: Während ich fast mechanisch nicke, muss ich Waltraud verstohlen mustern. Demenz, die Geißel des Alters. Man sieht es ihr nicht an. Die stockdünne, hochgewachsene Frau mit den senfgelben Haaren und der braunen Kunststoffbrille rührt gedankenverloren in ihrer Tasse und scheint noch immer darüber zu grübeln, wer schwer ist.
    Demenz ...
    Ich habe lange keinen Besuch mehr bei Gudrun gemacht. Bei den letzten beiden hat mich meine Schwester mich nicht erkannt. Nicht mehr. Ich werde nie ihren verwirrten Blick vergessen, als ich in ihr Zimmer gekommen bin.


    Bei ihrem fünfundsiebzigsten Geburtstag war es erstmals aufgefallen. Sie hatte Probleme, sich an die Namen ihrer Gäste zu erinnern. Ihre beiden Töchter schrieben es der Aufregung zu. Doch es lag nicht daran. Gudruns Gedächtnis verschlechterte sich rapide. Sie vergaß Dinge beim Einkauf, Termine, Schlüssel. Irgendwann ließ es sich nicht mehr ignorieren und ihre Älteste fuhr mit ihr zu einer Ärztin.
    Die Diagnose lautete Demenz. Genauer gesagt: Alzheimer. Die schlimme Form, bei der der geistige Verfall in erschreckendem Tempo voranstürmt und den Angehörigen keine Zeit lässt, mit der Situation klarzukommen. Eine Krankheit, die ihnen einen lieben Menschen nimmt, obwohl er noch bei ihnen ist, obwohl sie ihn sehen, ihn berühren und mit ihm sprechen können.
    Gudruns Töchter mussten sich schweren Herzens durchringen, ihre Mutter bereits ein halbes Jahr später in ein Heim zu geben, in dem man sich auf die Pflege Demenzkranker spezialisiert hatte. Natürlich war es in der Nähe ihrer Wohnorte und Gudruns kleine Wohnung wurde aufgelöst. Sie hatten mich dazu geholt. Schließlich war ich Gudruns einzige noch lebende Schwester.
    Gemeinsam räumten wir ihre Habseligkeiten in Kartons, nahmen uns die Zeit, Erinnerungen aufleben zu lassen und Fotos zu betrachten. Wir tranken Kaffee, lachten viel zusammen und vergossen auch ein paar Tränen. Nicht viel wurde aufgehoben. Meine Nichten hatten nur Interesse an ein paar persönlichen Dingen und ich durfte mir einige Bilder aussuchen. Möbel und Kleider gingen an den Sozialmarkt, nicht mehr Verwendbares fand sich als Sperrmüll neben der Haustür wieder. Ich weiß noch, dass ich unwillkürlich schauderte, als ich an dem aufgetürmten Berg neben der Hauswand vorbei und zur Bushaltestelle ging. Da lag Gudruns Leben. Quasi am Straßenrand ...
    Gudrun bekam nur ein Foto von ihrer Familie. Ihre Mädchen waren zum Zeitpunkt der Aufnahme fünfzehn und dreizehn gewesen. Traute Viersamkeit. Sie selbst im Arm ihres Mannes und jeder eine Tochter vor sich.
    Meine Nichten hatten sich die Mühe gemacht, herauszufinden, wen ihre Mutter auf Bildern noch erkannte. Diese Aufnahme war die letzte gewesen, auf der Gudrun ihre Töchter gesehen hatte. Später geschossene Fotos lösten bei ihr nur ein Stirnrunzeln oder ein hilfloses Schulterzucken aus, wenn sie nach den Personen darauf gefragt wurde. Ihr Gedächtnis schien neunzehnhunderteinundsiebzig stehengeblieben zu sein. Was danach kam, war ausgelöscht.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Heyho Tariq

    Ich weiß noch, dass ich unwillkürlich schauderte, als ich an dem aufgetürmten Berg neben der Hauswand vorbei und zur Bushaltestelle ging. Da lag Gudruns Leben. Quasi am Straßenrand ...

    Gerade Gänsehaut. Pur.