Dark Prince - Verhängnisvolle Liebe

Es gibt 97 Antworten in diesem Thema, welches 4.395 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Kirisha.

  • Hey Kirisha,


    boah, die Mutter ist echt krass! :rofl:Ich glaube, wenn Prinzessin Cheneela von Raven entführt wird, kann man ihr dazu nur gratulieren.


    Sonstige Anmerkungen kommen hier :D



    LG,

    Rainbow

  • Hallo Kirisha,


    da ich leider lange nicht zum Lesen gekommen bin, habe ich auch wenige Kommentare da gelassen. Ich bin jetzt wieder up to date und habe gesehen, dass du gemeinsam mit Sensenbach und Rainbow hart am Text gearbeitet hast – insbesondere an Ravens Auftritt in der Vulkanstadt. Ich habe ja jetzt nur das finale Ergebnis gesehen und muss sagen, dass mir das sehr gut gefällt.


    Ich glaube, dass die Vulkanstadt ein gewisses Alleinstellungsmerkmal deiner Geschichte sein könnte. Und auch eins, dass sich interessant liest. Die Idee, dass eine Stadt in einen Berg hinein gebaut wurde, um einerseits möglichst nah an der magischen Quelle zu sein, sich andererseits aber vor den häufigen Vulkanausbrüchen zu schützen, gefällt mir. Du hast auch schon angefangen, einige Worldbuilding-Elemente einfließen zu lassen – z.B. die „erdbebensichere“ Bauweise der Wohngebäude bzw. die Problematik mit Tierherden im „Außenbereich“.


    Würde ich jetzt deine Geschichte schreiben, dann würde ich persönlich diese Elemente noch stärker strapazieren – denn sie sind nach meinem Verständnis ein ganz zentraler Baustein deiner Geschichte – vielleicht passiert das ja aber auch noch. Man könnte z.B. darauf eingehen, wie die Vulkanstadt sich mit Nahrung versorgt. Die Gegend scheint ja für Äcker und Wiesen nicht geeignet. Ggf. versorgen sie sich aber über Handel und können im Gegenzug seltene Erze o.ä. bieten.


    Ein zentrales Element in Ravens Geschichte scheint der Konflikt mit den Hexen zu sein. Dessen Ursache liegt derzeit noch etwas im dunklen. Das ist soweit auch OK, solange wir nach und nach mehr über die Hintergründe erfahren, denn wir müssen uns ja zumindest etwas in Raven hinein versetzen können.


    In der letzten Fassung der Geschichte haben wir Ravens Überfall auf die Hochzeitsgesellschaft live miterleben dürfen. Die Form der Nacherzählung, die du hier gewählt hast, macht sich aber m.E. auch gut. Ich glaube die wesentlichen Informationen sind rüber gekommen und die Vorstellung der Vulkanstadt fand ich persönlich wichtiger als die Schilderung des Überfalls. Ich hoffe trotzdem, dass wir nochmal eine Szene erleben dürfen, wo sich Raven mit seiner Gefolgschaft in die Lüfte erhebt.


    Die Art und Weise, wie der König den bisher erfolgsverwöhnten Raven einschüchtert, erscheint geschickt. Ich gehe davon aus, dass die ganze Szene von vorne bis hinten inszeniert ist – also, dass der König Raven bewusst erst bei der Hohepriesterin hat antanzen lassen und dann im Angesicht des Todes in letzter Sekunde zu sich zitiert hat. Während man bei Raven als Hauptcharakter schon davon ausgeht, dass er diese Szene überlebt, kann man doch gut mit ihm mitfühlen und hat damit auch einen klaren Eindruck der Motivation, die er für den nächsten Auftrag mitnimmt.


    Was Cheneela angeht, kann ich mir noch kein vollständiges Bild machen. Dass sie von dem Heiratsvorstoß ihres Vaters alles andere als begeistert ist, kann man verstehen. Es macht allerdings den Eindruck, dass sie seinen grundsätzlich guten Willen dahinter gar nicht erkennt (anders wäre das ja z.B. wenn er sie aus politischer Zweckmäßigkeit heraus verheiraten wollte). Sie scheint sehr stark mit denjenigen zu sympathisieren, die sich gegen den König und sein „Unrechtsregime“ auflehnen. Allerdings aus einer Position heraus, die sehr gut beschützt ist. Ob ihre Einstellung hier mutig oder eher naiv ist, wird sich wohl erst im weiteren Verlauf herausstellen.


    Was Schreibstil und (Bild-)Sprache angeht, gibt es wenig zu meckern. Das liest sich wie immer sehr flüssig und macht Spaß!

  • Vielen Dank ihr Lieben für eure Rückmeldungen, die für mich sehr wichtig und hilfreich sind!


    Sensenbach


    Rainbow

    Novize


    Herzlich willkommen! Ich freue mich sehr, dass du dich hier eingeklinkt hast und finde deine Anmerkungen wahnsinnig interessant!


    Und hier geht es nun weiter:


    5.1 Die Augen des Spiegels

    „Mein Kind.“ Fürstin Isimela legte fürsorglich ihre behandschuhten Hände um die Unterarme ihrer Tochter. Weich wie Samt fühlte sich das an. „Schon immer habe ich dir gesagt, eine Fürstentochter ist das Unterpfand für das Wohlergehen ihrer Provinz. Glaubst du, du wärst die einzige Prinzessin, der es so geht?“

    „Aber …“ Cheneela spürte Tränen in sich aufsteigen. Plötzlich fühlte sie sich sehr allein. „Aber du weißt, was das für Herren sein werden, die zu unserem Ball kommen. Mit keinem von ihnen möchte ich näher zu tun haben! – Sprich doch mit dem Vater! Sag ihm, dass ich mehr Zeit brauche!“

    Warum ist es hier so warm? Der Kamin brennt doch gar nicht.

    „Setz dich.“

    Isimela bot ihrer Tochter einen Samtsessel an und nahm ihr gegenüber Platz.

    „Ich wurde auch von meinen Eltern verheiratet und nie nach meinen Wünschen gefragt. Schon als kleines Kind hat man mich dem Thronfolger von Aravenna versprochen, Koryelan, und ich dachte damals, er sei der größte Langweiler, den dieses Land zu bieten hat. Doch dann erhielt Koryelan jene fürchterliche Herausforderung zu einem Hexenduell, die alle als ein klares Todesurteil ansahen. Ganz Aravenna erstaunte, als sich sein Freund Silvrin bereiterklärte, an seiner Stelle zu dem Kampf anzutreten. Wie du weißt, gewann er nicht nur das Duell, sondern führte auch die darauffolgende Schlacht und errang dadurch die Fürstenkrone. Und … da ich dem Fürsten von Aravenna versprochen war, fand ich mich wie ein Wanderpokal urplötzlich als Silvrins Braut vor dem Altar wieder. Dumm und unerfahren wie ich war, hielt ich das im ersten Augenblick für das größte Glück meines Lebens.“ Sie lachte ironisch. „Damals wusste ich noch nicht, dass er ein Herz aus Stein hat.“

    Bei dem Namen Silvrin blockte Cheneela innerlich ab. Sie wusste, welche Geschichte gleich kommen würde, denn sie hatte diese schon mindestens hundertmal gehört. Und noch bis heute schämte sie sich entsetzlich für ihre Mutter, die mit einem so wundervollen Menschen wie Silvrin verheiratet gewesen war und die es gewagt hatte … Cheneela mochte diesen Gedanken gar nicht denken … diese Ehe zu brechen!

    Angeblich hätte Silvrin sich hart gegen sie betragen, sie nicht einmal angesehen. Koryelan, der Isimela schon immer bewundert hatte, nutzte dessen häufige Abwesenheit und umwarb sie. Mit Erfolg. Eine Schande!

    Cheneela hatte als Kind selbstverständlich Silvrin für ihren Vater gehalten, und auch er schenkte der kleinen Prinzessin seine Aufmerksamkeit und sein ganzes Herz. Erst als sie bereits acht Jahre zählte, erkannte Silvrin die klare Ähnlichkeit zwischen ihr und Koryelan, die ihm verriet, was der ganze Hof bereits geahnt hatte - von wessen Fleisch sie tatsächlich abstammte.

    Was genau an jenem Abend geschah, als Silvrin und Koryelan sich entzweiten, darüber kursierten bei Hofe unterschiedliche Erzählungen und Cheneela hatte sich nie ein glaubhaftes Bild machen können. Silvrin hatte offenbar bei jenem denkwürdigen Bankett mit seinem Schwert fast den Tisch zerschmettert, an welchem sein ehemaliger Freund saß. Außerdem sollen fürchterliche Winde das Schloss umtost haben, ganze Fensterzeilen zersplitterten, Geisterspuk ließ den zahlreichen Gästen die Haare zu Berge stehen. Tatsächlich kam aber niemand zu Schaden – es endete damit, dass Silvrin öffentlich seine Ehe annullierte, sein Fürstenzepter ablegte und für alle Zeiten aus dem Schloss verschwand, um in den Untergrund zu gehen. Ein kleines Mädchen zurücklassend, das es nie verwinden würde, auf eine so gemeine Weise den wundervollsten Vater der Welt verloren zu haben.

    Und die Mutter schmähte ihn noch! Oh nein, Cheneela wollte die Hasstiraden gar nicht hören, welche die Mutter nun gegen den Helden ihres Herzens losließ.

    Silvrin. Ach, Silvrin!

    Wie könnte die Prinzessin jemals irgendeinen unbedeutenden Burschen oder auch Prinzen heiraten? Die Erwartungen, die sie an ihren künftigen Ehemann stellte, waren hoch. Und ihre Ideale nahezu unerreichbar, maß sie diese schließlich an Silvrin. Er erschien ihr wie ein Übervater, der alle anderen Männer als unscheinbare, schwächliche Gestalten dastehen ließ.

    In ihren Gemächern hing noch ein altes Gemälde von ihm, das sie oft in den Nachtstunden betrachtete. Natürlich durfte niemand davon erfahren, denn Bilder des Rebellenführers waren in Aravenna – oder genauer gesagt im ganzen Land – streng verboten. Es war ja schon lebensgefährlich, nur seinen Namen in den Mund zu nehmen. Koryelan ließ für ein solches Vergehen Leute in den Kerker werfen. Cheneela hatte deshalb Silvrins Bild in ihrem Zimmer unter einem Tuch verborgen, einen Vorhang darüber gehängt und dieses noch unter einem prunkvollen Wandteppich versteckt, den sie allen Bediensteten zu berühren verbot.

    Langsam drangen die Worte ihrer Mutter wieder zu ihr durch. Die Fürstin lamentierte immer noch darüber, ihre gescheiterte Ehe hätte allein Silvrin verschuldet. „Es war falsch von mir, Koryelan am Anfang abzulehnen. Hätte ich ihn sofort akzeptiert … vielleicht hätte das Schicksal mir Silvrin nie aufgezwungen!“

    Schon oft hatte Cheneela sich gewünscht, von dieser Geschichte nie etwas gehört zu haben. Warf diese doch auch Schande auf ihre Geburt und sie selbst als Person. Die Frucht einer Ehebrecherin …

    Was für eine Hitze in diesem Raum! Verstohlen blickte sie sich um. Ein seltsames Gefühl, als würde sie beobachtet, legte sich beklemmend auf ihren Magen.

    Was ist los mit mir? Hier kann niemand sein. Der Raum wird doch von meinen und Mutters Leibwächtern bewacht. Vermutlich die Aufregung. Ich muss mich beruhigen!

    „Sei geduldig, Liebes. Vielleicht wird dir dein Bräutigam am Anfang nicht gefallen, aber du wirst lernen ihn zu lieben“, schloss Fürstin Isimela ihre Rede.

    Sie versteht überhaupt nicht, was ich fühle!, dachte Cheneela resigniert. Ich hätte es wissen müssen.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

    4 Mal editiert, zuletzt von Kirisha ()

  • Hey Kirisha,


    dieser Part hinterlässt bei mir ein paar Fragezeichen über dem Kopf, an denen ich dich gerne teilhaben lasse ... :)



    LG,

    Rainbow

  • Hallo liebe Rainbow ,


    ach du je, so sollte es natürlich überhaupt nicht rüberkommen.

    Das Problem ist vielleicht, dass ich diese Geschichte schon in einem anderen Manuskript erzählt habe und sie deshalb nicht hier mit allen Details nochmal aufbraten will, darum habe ich sie absichtlich etwas verschwommen dargestellt. Aber wie ich sehe, funktioniert das so nicht. Darum habe ich jetzt beschlossen, etwas klarer zu formulieren, wie sich das alles zugetragen hat.

    Ich möchte aber auch nicht zu viel darüber erzählen, damit es nicht zu kompliziert wird.


    Ich habe daher den Text nun upgedated. Was meinst du? Kannst du jetzt folgen?


    Neue Version Kapitel 5.1

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Hey Kirisha,


    ja, das ist viel besser! Es ist in jedem Fall nachvollziehbarer.

    Was mich aber immernoch ein bisschen rausreißt sind solche Formulierungen hier:

    Wie könnte die Prinzessin jemals irgendeinen unbedeutenden Burschen oder auch Prinzen heiraten, wo doch eigentlich er ihr ganzes Herz ausfüllte?

    Viele Männer hatten ihr schon Nettigkeiten gesagt, aber sie wies diese stets entschieden von sich. Denn jeden Herrn, der sich ihr näherte, verglich sie im Geist mit dem Anführer der Rebellen. Und wer konnte gegen Silvrin schon bestehen?

    Obwohl ich weiß, wie du es meinst, klingt das doch ein bisschen zu sehr nach: Silvrin habe ich mein Herz geschenkt, deshalb werde ich niemals jemand anders lieben können...

    Vielleicht kann man das noch ein bisschen abschwächen oder es mehr verallgemeinern...so nach dem Motto: Die Erwartungen, die sie an einen Mann stellte waren hoch...ihre Ideale unerreichbar, maß sie diese schließlich an Silvrin...(ich weiß, das hast du so ähnlich auch geschrieben, aber diese Herz-Ausfüll-Formulierung zieht das Ganze wieder zu sehr ins Romantische :hmm: ) Ist aber vielleicht auch nur mein Empfinden.


    Ansonsten wie gesagt: Viel besser!

  • Hey, du bist ja schnell!

    aber diese Herz-Ausfüll-Formulierung zieht das Ganze wieder zu sehr ins Romantische

    Das leuchtet mir ein und ehrlich gesagt finde ich deine Formulierung auch sehr passend, darum habe ich sie einfach genau so übernommen.(Hab es gerade nochmal upgedated). Ich hoffe, es klingt jetzt nicht mehr so inzestuös. :)

    Danke!!!

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Hey Kirisha :)


    Bevor ich hier wieder abermals den Anschluss verliere:



    So. Soweit gefällt mir das sehr gut. So, wie sich das gestaltet, schätze ich, dass es Raven gelingen wird, Cheneela zu rauben, bevor sie heiratet. Hoffe ich zumindest :blush:


    LG :)

  • Hallo Kirisha

    Ihr habt ja bereits einiges zum letzten Abschnitt diskutiert und ich kenne nur die neue Version ;) . Finde ich soweit ganz gut, es sollte halt klar werden, dass die Prinzessin Silvrin als Vaterfigur mag (Obwohl eine andere Art Anziehung ja auch möglich wäre).

  • Hallo ihr Lieben,

    nachdem ich an dem letzten Part mal wieder einigermaßen herumgedoktert habe, hoffe ich, dass er jetzt ungefähr so sein kann ... vielen Dank liebe Rainbow für deine ausführlichen Erläuterungen!

    sollte halt klar werden, dass die Prinzessin Silvrin als Vaterfigur mag

    Ja, ich hoffe, das wird auch in den Folgeabschnitten noch ganz klar.



    LadyK

    Okay - hier kommt nun der Schluss des Kapitels:

    (Warum Koryelan den Hexen erlaubt, magische Wachhunde ins Schloss zu bringen, dazu mache ich mir noch Gedanken.)


    5.2 Die Augen des Spiegels

    Es hatte wohl keinen Sinn, ihre Mutter auf die nächtlichen Verhaftungen anzusprechen. Solche Dinge interessierten die Fürstin nicht.

    „Hast du die Gästeliste gesehen?“, fragte die Prinzessin laut und presste die Worte wie eine Drohung hervor.

    „Ich weiß nicht, was du darüber zu klagen hast“, erwiderte ihre Mutter kopfschüttelnd.

    „All diese Herren schweigen, wenn es etwas zu sagen gäbe. Und sie misshandeln ihr Volk!“

    Die Fürstin streckte abwehrend die Hände von sich und fuhr auf.

    „Wie soll ich deine Andeutungen verstehen? Du hältst die Fürsten und ihre Söhne wohl nicht für Bösewichte. Jeder liebt sein Volk und gibt sein Bestes. Wenn du nicht willst, dass dein zukünftiger Bräutigam – oder du selbst! - einen vorzeitigen Tod erleidet, musst du vorsichtig agieren, und nichts anderes tun auch die anderen Regenten!“

    Cheneela biss sich auf die Lippen. Sie wusste, sie müsste der Mutter recht geben. Am Hofe von Aravenna verhielten sich alle nach dieser Regel, sie selbst inklusive.

    „Aber darf ich denn nicht träumen? Nicht wenigstens ein Bild davon entwerfen, es könnte anders sein?“, warf sie die überschäumenden Fantasien in den Raum, die sie vor ihrem geistigen Auge so gern in leuchtenden Farben ausmalte.

    „Und wovon träumst du?“, gab die Mutter ihre Frage zurück. „Ich denke doch wohl, von einem netten Mann und süßen Kindern? Du stellst dir vor, in einem prunkvollen Palast zu wohnen, bedient von deinen Zofen, denen du vertraust – auf diese möchtest du wohl nicht verzichten? Du denkst an den wundervollen Klang des Konzertsaals, in dem du gerne proben würdest … der Raum sollte eine wohl konzipierte Akustik haben, damit sich der Schall darin nicht verzerrt …“ Sie lächelte ihrer Tochter zu. „Ein gut gepflegter Palastgarten, eine trotz der Nahrungsprobleme hochwertige Küche und eine starke Palastwache, die für deine und die Sicherheit deiner Familie garantiert, verachtest du wohl auch nicht, nehme ich an? – Oder hältst du all diese Dinge für Selbstverständlichkeiten, die jeder beliebige Bräutigam dir bieten könnte?“

    Cheneela hatte schon den Mund zu einer Antwort geöffnet, doch die Worte blieben auf ihren Lippen hängen. Schon häufiger hatte ihre Mutter betont, dass nur eine Position als Fürstin einer Provinz, oder wenigstens als Gemahlin des Thronfolgers, ihr den Lebensstil bieten konnte, den sie gewohnt war. Sie hatte diese Diskussionen nie führen wollen. Es war ihr vorgekommen, als sollte sie sich Gedanken über ihre Atmung machen, die doch schon immer von allein funktioniert hatte … so wie alle jene selbstverständlichen Dinge, die ihre Mutter so in den Vordergrund stellte. Nun war es wie ein Vorhang, der sich vor ihr öffnete und ihr deutlich zeigte, dass sie trotz hunderter Gäste offenbar keine Wahl hatte. Und dass jene Träume, die sie sich nachts und nicht selten auch tagsüber so lebhaft ausmalte – auf keiner realen Grundlage standen. Auf ihre Zofen verzichten? Nein! Sie liebte die drei treuen höfischen Damen und wollte sie nicht missen. Auch ihre Leibwächter gehörten zu ihrem Leben dazu, die ihr Sicherheit versprachen. Ja, auch die Konzerte. Die Festlichkeiten, der Park, das gehobene Ambiente im Palast … Wenn sie einen Bräutigam aus einer niederen Sphäre erwählte, könnte sie das zu empfindlichen Verlusten zwingen, die sie dann tragen müsste. Sie biss sich auf die Lippen. Na und? War die Erfüllung kühner Träume so etwas nicht wert?

    Ja! – wenn sie denn erfüllt würden.

    Aber es handelte sich um Träume, die wahrscheinlich keine reale Grundlage hatten. Wer würde schon sein Leben aufs Spiel setzen, um einen der schrecklichen Befehle des Königs zu missachten? Dürfte sie das selbst überhaupt unterstützen, wenn sie einen so hohen Preis dafür zu zahlen hätte?

    „Du sagst ja gar nichts“, bohrte die Fürstin nach und blickte ihre Tochter aufmerksam an.

    Diese fühlte sich grausam ernüchtert.

    „Es steht nur ein einziger Fürstensohn auf unserer Gästeliste. Prinz Hermod von Tandra“, sagte sie tonlos. Nicht dass sie diesen Prinzen unausstehlich gefunden hätte. Allerdings hatte sie auch noch nie von ihm als Bräutigam geträumt.

    „Genau.“ Die Fürstin nickte und lächelte ihr zu. „Nicht die schlechteste Wahl, würde ich sagen.“

    Resigniert blickte Cheneela zu ihrer Mutter, deren Aufmerksamkeit bereits zu dem großen Spiegel gewandert war, welcher mit seinen beiden aufgeklappten Seiten sowohl ihre eigene Gestalt als auch die ihres Kindes zeigte. Vermutlich war das ein Reflex, Isimela von Aravenna konnte an keinem Spiegel vorbeigehen, ohne sich eingehend darin zu betrachten. Es lohnte sich auch, ihre noch immer ansehnliche Figur, die herrlichen blonden Locken und selbst die für ihre Verhältnisse legere Kleidung dieses Vormittags standen ihr ausgezeichnet.

    Aber was glühte da im Hintergrund des Glases? Ein paar funkelnde rote Augen! Groß und flackernd starrte ein Wesen Cheneela an, dessen Körper sie nicht sah, der sich aber wie die Augen schemenhaft irgendwo im Dunkel spiegelte! Cheneela zuckte zurück und blickte hinter sich.

    Doch da war nichts. Nicht das kleinste bisschen Rot, das sich spiegeln könnte. Ihr Herz fing an zu jagen. Bildete sie sich das ein? Wieder glitten ihre Blicke zu dem ovalen Glas zurück.

    Die beiden glühendroten Punkte glitzerten immer noch darin.

    Vielleicht sind es keine Augen … aber was sonst? Einbildung? Ist das ein Monster – im Spiegel?

    Erschrocken hielt sie die Luft an.

    „Was ist das?“, fragte sie angstvoll. Die Fürstin folgte ihren Blicken und Cheneela meinte ein leises Erkennen zu sehen.

    „Nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen musst. Allerdings ist es gut, dass du es einmal gesehen hast, damit du Bescheid weißt. Dein Vater wollte ohnehin, dass ich es dir zeige. Ich weiß nicht genau, wie diese … Wesen heißen. Koryelan nennt sie Wachhunde. Sie sind darauf abgerichtet, Feinde zu verbrennen, sollten sich welche in unseren Palast schleichen.“

    Wie bitte?

    „Feinde … verbrennen?“ Cheneela versteifte sich. Voller Entsetzen starrte sie in den Spiegel, der ihr gerade jedoch nur eine schaurige Dunkelheit zeigte, aus der sich ihre Gestalt hell hervorhob. Sie überkam die unangenehme Empfindung, jener sogenannte Wachhund könnte sie als seine Feindin betrachten.

    „Jetzt ängstige dich nicht“, beschwichtigte sie die Fürstin. „Du weißt, dass dein Vater Hexerei verabscheut, aber die Priesterin hat ihn davon überzeugt, dass nichts anderes dich und mich während des Festes so effektiv schützen kann wie ihre magischen Bestien. In jedem Raum, wo ein Spiegel steht, kann dir nichts geschehen. Behalte das aber für dich. Ich möchte nicht, dass du das vor anderen …“ Sie nickte bedeutungsvoll in Richtung der Nebentür, „… erwähnst, damit kein unnötiges Gerede aufkommt.“

    Das Ankleidezimmer schien plötzlich zu schwanken und Cheneela fühlte sich, als wäre sie von einem ganzen Rudel unbekannter Monster umzingelt, die schon danach hechelten, nach ihrem Fleisch zu schnappen. Sie sprang auf.

    „Bist du ganz sicher, dass das … Ding … uns nicht gefährlich wird?“

    Isimela zog ihre Tochter mit einem sanften Griff wieder auf ihren Sessel zurück.

    „Du bist so ein ängstliches Küken. Es wird alles gutgehen! Und diese Heirat wird nicht so schlimm, wie du befürchtest. Schau dir den Prinzen Hermod gut an – und sollte er dir nicht zusagen, wird es mehr als genügend Alternativen für dich geben. Frag deine Zofe Fefa, sie kann dir zu jedem die gesamte Familiengeschichte herunterbeten, sodass du dir ein gutes Bild machen kannst.“

    Mechanisch nickte die Prinzessin. Oh ja, in dieser Beziehung war ihre älteste Zofe ein lebendes Lexikon, die sicherlich genau abzählen konnte, wie viele Bedienstete die diversen Burgherren beschäftigten und wer mal mit einer davon eine Liebschaft hatte. Im Nebenzimmer fingen die Flötistinnen wieder an zu spielen. Eine heitere Melodie tönte zu ihnen herüber, die jedoch Cheneelas Herz nicht erreichte. In das Gesicht ihrer Mutter trat ein hintergründiges Lächeln.

    „Wir proben gerade das Andante des Königs in a-Moll, das du so liebst“, sagte sie lockend. „Das könnten wir auch auf dem Fest spielen. Musik zeigt, was in den Herzen ist … du schaust dann einfach, welchem der Herren es so gefällt wie dir. Was meinst du?“

    Cheneela nickte zögernd. Besonders viel versprach sie sich davon nicht – jeder Kandidat, den sie fragte, würde sicherlich behaupten, von gerade dieser Musik begeistert zu sein. Vermutlich gab es keine einfache Lösung für ihr Problem … Unwillkürlich presste sie ihre Hände zusammen und realisierte, dass sie jene Pergamentrolle noch immer festklammerte, die Koryelan ihr vorhin gegeben hatte.

    Kiras Brief. Was war schon Cheneelas ungewisse Zukunft gegen die Katastrophe, die der armen Freundin passiert war? Was schrieb sie wohl über jenen furchtbaren Überfall?

    „Ich weiß nicht. Ja, vielleicht“, murmelte die Prinzessin. Dann erhob sie sich. „Danke, Mutter. Ich glaube, ich muss jetzt gehen. Auf mich wartet der Hofschneider, und Kiras Brief habe ich auch noch gar nicht gelesen.“

    Sie verabschiedete sich von ihrer Mutter und trat auf den Gang zurück. Doch das drückende Gefühl in ihrem Magen wollte nicht weichen. Musste sie sich wirklich dem Druck ergeben?

    Ich nehme Kontakt zu Silvrin auf, dachte sie in einem plötzlichen Impuls, der sie sofort mit Hoffnung erfüllte. Er lässt mich nicht im Stich!

    „Lasst uns kurz in den Park gehen“, befahl sie den auf sie wartenden Leibwächtern und wollte schon loseilen, doch der blonde Thorvald hielt sie zurück.

    „Es hat wieder die ganze Nacht lang Asche geregnet“, gab er zu bedenken, „Ihr würdet Euer Kleid und Eure Schuhe ruinieren.“

    Widerwillig gab sie ihm recht - ein Spaziergang durch knöcheltiefen Staub war kein Vergnügen. Aber der Vater lässt den Park doch für das Fest aufputzen. Ich werde abwarten, bis die Gärtner die Parkwege gefegt haben.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

    3 Mal editiert, zuletzt von Kirisha ()

  • Hey Kirisha


    Sehr interessant die Entwicklung mit dem Spiegel :) Kommen wir wieder zu dem Punkt, dass spiegelnde Oberflächen sehr beliebt sind für derartige Darstellungen. Vielleicht fällt es mir auch nur extrem auf im Moment, weil es in der Geschichte von Sensenbach ebenfalls um einen Spiegel geht und in meiner Geschichte spielt er auch eine Rolle. :rofl: Ohne, dass du es jetzt ändern sollst, würde ich vielleicht trotzdem mal ein Gedanke dahingehend lohnen, wie man die Präsenz dieser Hexen noch anders verpacken könnte. Was wäre zum Beispiel mit Feuer? Sicher brennt da ei denen in jedem Raum ein Kamin...oder vielleicht gibt es auch überall Fackeln,welche die langen Gänge erhellen...(nur eine Idee, die mir kam beim Lesen) man könnte natürlich auch die Eigenbart der Mutter aufgreifen, dass sie dafür hat sorgen lassen, den gesamten Palast mit Spiegel zu behängen, weil sie so schrecklich eitel ist...dann würde das mit den Spiegeln natürlich auch einen zusätzlichen Sinn ergeben :hmm:


    Ansonsten hier noch weitere Anmerkungen



    LG,

    Rainbow

  • Hi Kirisha


    Hier meine Anmerkungen zum letzten Kapitel:

  • Hallo Kirisha

    Im letzten Abschnitt habe ich Probleme die Protagonisten einzuordnen. Die Prinzessin verstehe ich gar nicht und die Mama ist strange.



  • Hallo ihr Lieben,


    Rainbow

    Novize


    Sensenbach


    Update Kapitel 5.2

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Also, es hat mir nun doch keine Ruhe gelassen.

    Ich habe den Part der Mutter nochmal überarbeitet, ich denke, nun kommt sie etwas menschlicher rüber, und Cheneela wird auch mehr zurechtgestutzt, was hoffentlich ihr Dilemma auch deutlicher macht.


    Ihr braucht nicht den ganzen Abschnitt zu lesen, nur den Part "Darf ich denn nicht träumen?"


    Ende von Kapitel 5 nochmal überarbeitet

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Danke schön, Rainbow und Sensenbach - da bin ich ja froh!

    Na dann wollen wir mal weitermachen.


    (Das nächste Kapitel kommt in drei Teilen).

    6. Kalmuker


    Lautes Krachen erschütterte die Königshalle. Der Boden ruckte kräftig. Raven ging leicht in die Knie und streckte instinktiv die Beine auseinander, um besser Halt zu finden. Irgendwo hörte er das Klacken von kleinen herunterfallenden Steinen.

    Schon zog wieder Stille ein. Um ihn herum standen alle Soldaten und Zauberinnen in Schutzhaltung, doch sie entspannten sich bereits. Einige blickten noch nach oben oder ließen gerade die Hände wieder von ihren Köpfen heruntergleiten.

    Einzig der König saß regungslos und unbekümmert auf seinem Thron. Er und das Gefolge um ihn herum wussten, dass eine unsichtbare magische Schutzkuppe die Empore mit dem Steinthron und einen Teil der Treppe, welche hinaufführte, sicher schützte.

    Prinz Kimures war neben Raven in die Hocke gegangen, doch er erhob sich nun wieder. Fahle Blässe überzog sein Gesicht. Entschlossen nutzte er den Moment der Stille, um vorzutreten: „Bitte, Vater! Darf ich bitten, meine Kusine zu verschonen? Als Kind habe ich ein paar Monde an ihrem Hof in Aravenna gewohnt. Es wäre unerträglich …“ Seine Worte kamen stammelnd und mit hörbarer Verzweiflung, er wagte nicht aufzublicken.

    König Wukur zog verächtlich die Lippen hoch. Einen Moment lang sah er aus, als wollte er von seinem Thron herunterfliegen und seinen Sohn gegen die Wände schmettern. Verärgert schlug er zweimal mit seinen Flügeln, was Flammen in die Höhe schleuderte, bremste sich dann aber.

    „Deine lausige Gefühlsduselei wird dich und uns eines Tages noch ins Verderben reißen!“, warnte er schließlich laut und ungehalten. „„Prinzessin Cheneela ist ein geeignetes Opfer für unsere Göttin – und die Patentochter von Silvrin. Er wird um jeden Preis versuchen, sie zu befreien. Das zwingt ihn, sein Versteck und seine Deckung aufzugeben und dabei geht er uns ins Netz!“

    Auffordernd blickte er zu Raven herüber.

    Also von dort wehte der Wind. Raven hielt seinem lodernden Blick stand und nickte ihm zu, um seine Zustimmung zu zeigen.

    Das kann ein böses Gefecht werden, wenn wir Silvrin an so einer empfindlichen Stelle treffen. Gut! Eine Konfrontation zwischen uns war ohnehin fällig! Ich muss diese Schmach abwaschen, die er mir zuletzt beigebracht hat … und hoffen, dass ich ihm diesmal gewachsen bin. Ich muss gewinnen! Verdammt, ich kann mich nicht zweimal von dem alten Sauhund in den Dreck werfen lassen!

    Vielleicht kommt er auch zu spät. Man hat ihn zuletzt in Darghessa gesehen. Von dort holt er mich nicht so leicht ein.

    „Jetzt zur Planung“, fuhr König Wukur fort und stand auf, wobei seine Augen mit einem grimmigen Ausdruck in die Ferne starrten, bevor sie sich Raven zuwandten. „Der Fürst von Aravenna hat zu einem Ball eingeladen. Du entführst die Prinzessin direkt von der Feier, damit sie unsere Macht spüren. Und du bringst direkt zur Opferungszeremonie nach Kalamachai. Ich gebe dir genaue Instruktionen mit. Brich heute noch auf. Je schneller du alles über die Bühne bringst, desto geringer das Risiko, dass Silvrin dich dabei zermalmt.“

    „Gut“, erwiderte Raven. „Steht die Armee denn kampfbereit?“

    König Wukur winkte ab.

    „Nicht doch. Wenn du mit dreitausend Mann nach Aravenna reitest, wittern sie die Gefahr. Reite mit deiner Truppe, nicht zu viele Leute. Die Armee bekommst du, sobald die Ratte aus dem Loch ist.“

    Nun gut. Besser spät als nie. Die Armee, ich kann sie schon vor mir sehen. Das ist meine Chance, ganz nach oben zu kommen!

    Kimures zog Raven zu sich und keuchte:

    „Verschwinden wir. Sonst kommt noch mehr über uns.“

    „Nicht so eilig“, hielt der König ihn mit einer eindeutigen Handbewegung zurück, ohne den Blick von Raven zu wenden. „Ich werde dir ein Regiment Kalmuker mitgeben, zur Unterstützung.“

    „Kalmuker?!“ Raven spürte das Blut in sein Gesicht jagen. Bloß nicht. Das würde mich zwingen, Hexen mitzunehmen, damit sie die Kerle dirigieren. Die will ich nicht in meiner Truppe haben!

    Natürlich war er auf der Hut. Dem König gegenüber Widerspruch einzulegen, sollte er vermeiden. Besonders in seiner jetzigen Situation, wo die drohende Strafe noch über ihm schwebte. „Ihr könnt mir natürlich die Seelenlosen schicken, wenn Ihr glaubt, es wäre nötig“, erklärte er vorsichtig. „Aber das ist überflüssig. Ein Mädchen von einem Ball zu holen ist nicht schwerer als eine Mücke über dem Feuer abzuklatschen.“

    Der König schnitt ihm mit einer unwirschen Handbewegung das Wort ab.

    „Du kriegst die Kalmuker und damit basta.“

    Das sagt er nur, damit er mir Hexen aufdrücken kann, die dann nicht nur die Kalmuker, sondern auch mich unter ihre Kandarre nehmen wollen!

    Das hätte er beinahe laut gesagt, doch er biss sich auf die Lippen. Früher hatte er oft unbeherrscht reagiert und war deshalb ein Kandidat für häufige Stock- oder Peitschenhiebe gewesen. Inzwischen hatte er gelernt, auflodernde Gefühle hinter einem gespielten Lächeln zu verstecken.

    Dennoch wollte er sich nicht so einfach geschlagen geben. Eilig huschten seine Blicke durch die Halle, auf der Suche nach etwas, das ihm die Gesellschaft von Hexen ersparen könnte. Er ließ seine Augen an den dunklen Steinwänden entlang gleiten, zur Ausgangstür hin … und entdeckten nahe dem Eingang jenen hünenhaften frisch erschaffenen Kalmuker, dem immer noch Schaum vom Mund troff. Dieser stand ausdruckslos und still wie eine Statue mitten auf dem Weg.

    Ist der mir nachgelaufen?

    Blitzartig kam ihm ein Gedanke.

    Zwar sah er an der Haltung des Königs, dass die Diskussion für diesen beendet war, doch er wagte eine weitere Replik.

    „Verzeiht mir, mein König. Natürlich sind Kalmuker in der Truppe ein Vorteil. Ich bitte um die Erlaubnis, sie selbst führen zu dürfen!“

    „Selbst?“ König Wukur lachte herablassend und eine Spur ungeduldig. „Ich weiß, dass du dir was auf deine magischen Kräfte einbildest, aber das ist zu hoch für dich. Du kriegst sie nicht unter Kontrolle.“

    „Jawohl, kriege ich“, warf Raven nachdrücklich ein. „Ich habe schon mit diesem Gewürm experimentiert. Sie befolgen meine Befehle ganz exakt. Kimures kann das bezeugen, er hat es gesehen. Nicht wahr, Kimmy?“

    Prinz Kimures nickte unsicher. Es sah nicht danach aus, als hätte der König die Absicht, diese Diskussion weiterzuführen, denn er drehte sich gelangweilt zur Seite.

    Ich muss ihn amüsieren. Dann folgt er mir.

    „Das ist wahr! Ich habe schon Kalmuker auf meine Gemächer befohlen. Die küssen mir die Füße, wenn ich es befehle.“

    Der König brach in leises Gelächter aus und mit ihm die Würdenträger und die Hexen, die ihn umringten.

    „Tatsächlich? Das will ich sehen. Zeig, wie du sie dirigierst!“

    Genau genommen war ihm erst ein einziges Mal ein Seelenloser aufs Wort gegangen. Selbstverständlich achteten die Hexen darauf, sich die Kerle sofort gefügig zu machen, sobald sie ihnen die Seelen aus dem Leib geschlagen hatten. Sie banden die leere Hülle an ihren Geist, füllten sie mit ihren eigenen Wünschen und Befehlen. Sobald sie einen an sich gefesselt hatten, kam Raven nicht mehr an diesen heran. Nur ein herrenloses Wesen könnte er unter seine Kontrolle zwingen. Er hoffte jedoch, der lange Kerl am Eingang könnte so einer sein. Sonst stünde er nicht so ziellos in der Gegend herum.

    Energisch griff er mit einer Hand an den Bernsteinstab, der hinten an seinem Gürtel hing, und wartete, bis die magische Wärme daraus in seine Finger rann. Dann ließ er diese wie ein Seil aus Energie den Boden entlangfahren, genau auf den bewegungslosen Mann am Eingang zu. Sie ringelte sich an dessen Körper hinauf bis zu seiner Stirn. Diese versuchte Raven zu fassen.

    Konzentration.

    Du musst hineingreifen!

    Einen kurzen Moment lang fühlte er die blitzartig entstehende Verbindung. Als würde er zu der fernen Gestalt hineingezogen und berührte ihren eisigen Körper. Er glaubte sogar, sich im Kopf des Seelenlosen zu befinden – in blinder Leere. Zum Glück währte der Moment nur kurz und er war gleich wieder bei sich. An dem leichten Pochen an seinem Finger spürte er, dass er den Hohlen nun an sich gebunden hatte wie einen Fisch an eine Angelschnur. Er rief ihn an: „Komm zu mir!“

    Eine Weile tat sich nichts, aber dann begann der Große tatsächlich, zielstrebig vorwärts zu eilen, in eckigen, immer gleichen Bewegungen, die so typisch für die Kalmuker waren.

    In der Thronhalle wurde es still. Alle Blicke wandten sich dem Kalmuker zu, folgten dem Marsch des Hünen und warteten ab, bis dieser tatsächlich herantrabte und vor Raven stehenblieb wie ein treuer Hund, der gleich mit dem Schwanz wedeln würde.

    „Nicht schlecht, aber befolgt er wirklich jeden Befehl?“, fragte der König belustigt. Raven wusste, dass er gewinnen würde, wenn es ihm gelang, ihn und seine Garde gut zu unterhalten. Daher drehte er sich nun zu dem Seelenlosen, der kerzengerade und mit einem Gesicht wie aus Stein vor ihm stand. Und der jetzt begann, den Schaum in seinen Mund einzusaugen und im exakt selben Takt wie Raven zu atmen. Ein übler, eisiger Hauch ging von ihm aus.

    Raven nahm die Hand von seinem Bernsteinstab. Nun fühlte er das unsichtbare Band auch an seinem Zeigefinger. Leicht zog er daran. Er fühlte das Gewicht am anderen Ende und die Präsenz dieser unangenehmen Leere, die daran hing.

    „Spring!“, befahl er.

    Der Kalmuker sprang in die Höhe.

    Ein leichtes Grinsen stieg auf Ravens Lippen. Perfekt! Vielleicht gelingt es mir, mir die Hexen vom Hals zu halten.

    „Und jetzt“, fuhr er fort, da er bemerkte, dass ihm in den höheren Rängen noch niemand applaudierte, „auf die Knie!“

    Der Kalmuker gehorchte auch dieser Aufforderung und warf sich vor Raven auf die Marmorfliesen. War das ein unterdrücktes Lachen von der Empore her? Er musste noch dicker auftragen. Sein Blick fiel auf das Geröll, das bei dem kurzen Beben von der Decke gefallen war. Er wies auffordernd darauf mit der Hand.

    „Und jetzt, friss Steine!“

    „Raven!“ Kimures packte ihn am Arm, während er entsetzt dabei zusah, wie der Seelenlose anfing, auf losen Steinen herumzubeißen, was üble krachende Geräusche verursachte.

    Nun lachten alle auf der Königstribüne und selbst die Zauberinnen fingen an zu klatschen.

    König Wukur verließ seinen Thron und stieg die Treppe hinunter. Einen Augenblick war Raven verwirrt; wo wollte der Regent denn hin? Schon folgten ihm sämtliche Würdenträger. Sie marschierten an Raven vorbei, wobei ihm Wukur auffordernd zuwinkte, und setzten ihren Weg fort, zur Ausgangstür hin. Offenbar hatte der König etwas mit der Hohepriesterin zu besprechen und begab sich deshalb in ihre Kristallhalle. Ob sie Ravens neuen Auftrag noch absegnen musste?

    Mit gemischten Gefühlen folgte er der Aufforderung und schloss sich dem Zug an, der die Königshalle verließ, durch die hölzernen Tore hindurch die Kristallhalle betrat und danach geräuschlos abwärts flog. Auf einer in der Luft schwebenden Empore landete der König, während seine Begleiter bogenförmig um ihn herum Platz nahmen. Wie jedesmal ärgerte Raven der Anblick, der ihn an seinen flügellosen Körper erinnerte. Doch da es diesmal abwärts ging, kompensierte er diesen Mangel mit den ledernen Ersatzflügeln, die er stets auf den Rücken gebunden mit sich trug. Mit flinken Bewegungen knotete er die Bänder auf, die das Leder umwickelten, steckte Hölzer und Stangen zusammen und schob seine Arme in die dafür vorgesehene Öffnung, mit deren Hilfe er die Lederhäute wie Flügel ausbreitete. So abwärts zu segeln, gelang ihm mittlerweile recht gut und, da er nur eine kurze Entfernung zu überbrücken hatte, kaum langsamer als den anderen.

    Die Hexenhalle schien heller geworden zu sein. Der riesenhafte Kristall in ihrer Mitte glomm in rotblauer Färbung, während Raven darauf zu und langsam immer tiefer hinunter schwebte.

    Allerdings kam es Raven nicht zu, mit den königlichen Begleitern auf der Empore zu landen, sondern er sah sich gezwungen, bis auf den Boden weiterzufliegen. Und während die Hexen sich um die Kristallkugel drängten und der König ihnen gegenüber, fand sich Raven allein auf dem Erdboden wieder. Sein Bruder stellte sich kurz darauf neben ihn.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince