Der Wolf vom Elk Mountain

Es gibt 23 Antworten in diesem Thema, welches 628 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Thorsten.

  • Hallo zusammen :)

    Ich habe als leidenschaftlicher Fan der Kurzfilme auf Youtube mal wieder einen gefunden, der mich sofort inspiriert hat. Das ist mir jetzt schon das dritte Mal passiert und wie bei den beiden letzten Malen musste ich sofort anfangen zu schreiben.

    Ich habe es hier einsortiert, weil es eine Geschichte aus der Sicht eines Tieres ist, die keine fantastischen Elemente enthält. Und als zusätzliche Herausforderung werde ich versuchen, sie ohne Dialoge oder gedachte Worte auskommen zu lassen. Das ist ein Experiment und ich habe keine Ahnung, wie das beim Leser ankommt. Falss es also langweilig werden sollte - einfach Bescheid sagen. Diese Herausforderung an mich ist ja nicht in Stein gemeißelt und kann jederzeit geändert werden. Aber ich dachte, dass es eine gute Idee wäre, weil es ja nun mal aus der Sicht eines Tieres geschrieben ist und ich als Erzähler nur mitteilen kann, was es denkt.

    So, genug der Vorrede. Jetzt bin ich gespannt, ob irgendjemand von euch Zugang findet zur Story und sich mit Cain zusammen ... naja, ich verrat mal nix. :evil:

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    Der Wolf vom Elk Mountain


    Kapitel 1 – Die Nacht


    Die Sterne glitzerten am samtschwarzen Himmel wie winzige Diamantsplitter. Keine Wolke war zu sehen, die das Mondlicht hätte abhalten können, das sich wie eine sanft leuchtende, eisige Decke über die schneebedeckten Berge und Wälder des Elk Mountain legte.

    Grimmiger Frost ließ die Äste der Bäume ächzen. Außer diesen Geräuschen war nichts zu hören. Der Wald schwieg. Jeder seiner Bewohner schien den Atem anzuhalten aus Angst, Aufmerksamkeit zu erregen, selbst die Eulen, denen keine Gefahr drohte.

    Heute Nacht jagten die Wölfe.

    Cain hatte die Unruhe im Verhalten seines Vaters Arim schon vor einigen Tagen bemerkt. Er wusste, der Leitwolf war besorgt. Und er kannte auch den Grund: Das Rudel litt Hunger, denn dieser Winter hatte bereits Ende Oktober und damit viel früher als sonst begonnen und war härter als seine Vorgänger. Jetzt, im November, erfroren schwache Tiere wie Hasen, Iltisse und Marder in ihren Bauen und nicht selten bestand die einzige Mahlzeit für die Alttiere des Packs aus einem dieser hartgefrorenen, kleinen Leichname. Aber es gab auch drei Welpen im Rudel, im Mai geworfen und noch keine sieben Monate alt. Während die Alten der Beute nachstellten, lagen die Jungen eng an Cain geschmiegt. Er spürte ihr Zittern. Seine Geschwister waren schwächlich, weil es in den letzten Tagen kaum etwas zu fressen gegeben hatte. Deshalb sorgten Arim und seine Gefährtin Rasha, die Mutter der Jungwölfe des Rudels, gemeinsam mit ihren älteren Söhnen und Töchtern, die das Pack nicht verlassen hatten, heute Nacht für Nahrung. Neben den drei Welpen unter den tief herabhängenden Zweigen kauernd hatte Cain ihren Aufbruch beobachtet. Er wusste: Die Aufregung und das Jagdfieber ließen seine Eltern und Geschwister den Hunger vergessen und ihre letzten Energiereserven mobilisieren. Diese Jagd war entscheidend, das sagte ihm sein Instinkt. Auch ihn hatte diese Erregung gepackt, er zitterte und das Blut jagte durch seine Adern. Doch er würde nicht dabei sein. Er war erst ein Jährling, noch zu jung, um mitzulaufen. Gemeinsam mit seiner Schwester hatte er hier in der Kuhle unter den Kiefernzweigen zu bleiben und seine jüngeren Brüder zu beschützen.

    Cara, die auf der anderen Seite der Welpen lag, schnaubte ihm ihren warmen Atem in den Nacken und stupste ihn mit der Schnauze an. Er wusste, dass sie ihn verstand. Dass sie seine Ungeduld nachfühlen konnte, den Drang, mitzulaufen mit dem Pack, durchs dicht verschneite Dickicht zu pirschen, lautlos und wachsam, und irgendwann einen schlafenden Rehbock oder gar einen stattlichen Hirsch aufzuschrecken. Ein solcher Glücksfall bedeutete meist das baldige Ende der Jagd. Bei diesen Schneemengen war das Wild chancenlos. Die langen, dünnen Beine sanken zu tief ein und die kopflose Flucht erschöpfte das Tier, weil sie unendlich viel Kraft erforderte. Die Wölfe mussten nur nebenherlaufen und geduldig sein. Irgendwann würde die Beute aufgeben und sich zum Kampf stellen. Dann war ihre Zeit gekommen. Cain legte missmutig den Kopf auf die Vorderpfoten und sah zu, wie sein warmer Atem vor seiner Schnauze eine kleine Kuhle im Schnee formte. Einer der Jungwölfe fiepte leise im Schlaf, ein zweiter trat ihm traumverloren in den Bauch. Cara gähnte. Cain hörte ihre Zähne aufeinanderschlagen, als sie den Kiefer schloss, und das Geräusch, mit dem sie sich die Nase leckte. Mit einem wohligen Brummen rollte sich seine Schwester ein wenig zusammen und legte einen Vorderlauf um das unruhig schlafende Junge. Er starrte zum Horizont, dorthin, wo sich der dunkelblaue Schnee und der schwarze Nachthimmel berührten. Ab und zu huschte ein glühender Punkt über das funkelnde Firmament oder es zogen zarte, grüne Schleier darüber hinweg, welche die in Kälte erstarrte Landschaft in ein fahles Licht tauchten. Cain kniff die Lider zusammen. Die Stille machte ihn schläfrig und auch er gähnte herzhaft. Alles war friedlich, so friedlich, dass er es wagen konnte, kurz die Augen zu schließen …

    Zum nächsten Teil: Kapitel 1 (2/3)

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    5 Mal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Hey Tariq

    Kühle Geschichten sind an so heißen Tagen wie heute natürlich besonders willkommen :)

    Finde es sehr stimmungsvoll geschrieben, vor allem weil es die eher ungewöhnliche Perspektive "des Wartenden" verfolgt. Konnte mich schnell reinfühlen und halte das für einen sehr stimmungsvollen Beginn. Auch das "Sozialgefüge" find ich plastisch dargestellt, gratuliere.

    Kleinigkeiten die mir aufgefallen sind:

    Cain hatte die dicken Falten im schwarzen Stirnfell seines Vaters Arim gesehen.

    Das fand ich (ungewollt?) komisch, Wölfe kommunizieren ja auch im Rudel weniger über Mimik, vom Maul mal abgesehen. Die Vorstellung, dass ein Alpha-Wolf seine Stirn nachdenklich runzelt... :D irgendwie fand ich es amüsant, aber halt nicht auf die Weise, die für mich zur Stimmung des Textes passt. Vielleicht wäre es passender, wenn er die Unruhe des älteren Wolfes einfach spürt.

    Doch das war er nicht.

    Den Satz empfand ich als irgendwie hemmend dem Lesefluss gegenüber, ich weiß ja, dass er nicht dabei ist, darum kreist ja der ganze Abschnitt.


    Das panische, jämmerliche Jaulen eines der Welpen, zeitgleich mit dem wütenden Keckern eines Kiefernhähers, riss ihn aus dem Halbschlaf. Es raschelte, Zweige brachen und irgendetwas entfernte sich hastig durchs Unterholz. Er sprang auf die Füße, senkte den Kopf, um unter den schneebedeckten Zweigen der niedrigen Kiefern hindurch zu spähen, und knurrte.

    Ich versteh nicht, was hier passiert ist? Ist einer der Welpen weg oder verletzt oder ?(

    Vielleicht könnte man alternativ zu den menschlichen Bezeichnungen für Familienmitglieder mit Mutter, Vater, etc. auch mal Begriffe aus der Jägersprache gebrauchen. Ich finde z.b. "Fähe" für Wölfin sehr poetisch. Bzw. passt auch "Pfoten" statt "Füße" besser, etc. Du verstehst schon :) Freue mich auf die Fortsetzung (nicht nur an heißen Tagen).

  • Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
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  • Hallo Tariq

    Wieder so eine tolle Geschichte und wundervollen Formulierungen und ganz herrlichen Bildern, die ich sehr gerne gelesen habe.

    Deine Idee, alles ohne kursive Gedanken oder Dialoge zu schreiben, ist - glaube ich - nicht so gut. Aber ich verstehe, dass du es so schreiben willst, wie es ein Tier denken könnte, das nun mal nicht redet. Mit dem Verzicht auf Dialoge bin ich daher einverstanden, Gedanken dürfte aber ein Fuchs auch haben, oder? Bis jetzt funktioniert deine Methode sehr gut. Allerdings gab es ja auch nur wenig Kommunikation. Ich bin mal gespannt, wie es sich weiter lesen wird. Es ist ein interessantes Experiment.

    Zu der Diskussion, ob du Füße oder Pfoten, Fähe oder Füchsin schreiben solltest. Meiner Meinung nach ist der Ausdruck "Fähe" nicht exklusiv Jägersprache, sondern ein Fuchs hat einfach keine Füße, sondern Pfoten. So wie eine Gans nun mal einen Schnabel hat und keinen Mund. Meiner Meinung nach passt es viel besser, "Fähe" zu schreiben als Füchsin. Schließlich ist "Füchsin" ja nicht Fuchs- sondern Menschensprache. (Okay, da könnte man fachsimpeln, wie Füchse sich wohl selbst nennen, das wäre eine dritte Option - aber für meinen Geschmack wären die Jägerausdrücke näher dran als die Menschenausdrücke).

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

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  • So, ich lass euch mal den nächsten Teil da. :) Es gibt erstmal nur kleine Happen, denn soooo viel habe ich noch gar nicht geschrieben und momentan hab ich irgendwie keinen Nerv dafür. Ich hoffe aber, es gefällt euch trotzdem.

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    Zum vorigen Teil: Kapitel 1 (1/3)


    Das panische, jämmerliche Jaulen eines der Welpen, zeitgleich mit dem wütenden Keckern eines Kiefernhähers, riss ihn aus dem Halbschlaf. Es raschelte, Zweige brachen und irgendetwas entfernte sich hastig durchs Unterholz. Er sprang auf, senkte den Kopf, um unter den schneebedeckten Zweigen der niedrigen Kiefern hindurch zu spähen, und knurrte. Der Welpe war verstummt War ihm etwas geschehen?

    Cara neben ihm fletschte die Zähne. An ihrer Seite drängten sich die kleinen, schlaftrunkenen Geschwister aneinander. Nur zwei! Wo war das dritte? Der Schreck ließ ihm das Herz in der Brust wummern. Erneut hörte er das klägliche Jaulen, weiter entfernt jetzt, dann schlug es in ein kurzes Fiepen um und verstummte jäh.

    Er senkte die Schnauze in den Schnee, drehte einen engen Kreis um ihre Schlafkuhle, suchte die Spur, die davon wegführte. Scharfer Raubtiergeruch drang ihm in die Nase, nur wenige Schritte von ihrem Lager entfernt. Ein Berglöwe! Er riss den Kopf hoch. Seine Nüstern bebten, als er die Witterung prüfte. Norden. Der lautlose Jäger war in Richtung der Schlucht verschwunden. Wenn er sich beeilte, konnte er ihn noch erreichen, bevor das Terrain der Katze einen bedeutenden Vorteil bieten würde. Im Klettern war sie unschlagbar, er wäre im Nu abgehängt.

    Ein kurzer Blick zu Cara. Auch sie war angespannt, ihre Flanken zitterten, als sie die Nase in den Wind hob. Kein Zweifel, sie hatte den Puma ebenfalls gewittert. Konnte er es wagen, sie mit den zwei Welpen hier zurückzulassen, um den dritten zu retten? Eine Stimme in ihm ließ die würgende Angst aufkommen, dass er zu spät kommen würde.

    Cain winselte. Unentschlossen sah er erneut zu Cara zurück. Seine Schwester knurrte ihn an und schnappte nach ihm, eine Aufforderung, endlich zu verschwinden.

    Mit einem Satz verließ er die Kuhle unter den Fichtenzweigen. Das Junge musste zurückgebracht werden! Die Verantwortung für die Kleinen trug er, nicht Cara.

    Weißer Schnee stiebte zwischen seinen Läufen auf, als er durch den Wald hetzte. Das aufgebrachte Krächzen des noch immer schimpfenden Hähers blieb hinter ihm zurück. Da! Die Spuren des Verfolgten, weit auseinanderliegende Tatzenabdrücke, verrieten, dass der Jäger auf die Schlucht zu gehetzt war.

    Ein verzweifeltes Heulen wollte aus Cains Kehle aufsteigen, aber er bezwang es. Er war auf der Jagd. So, wie Arim, Rasha und seine älteren Geschwister in diesem Augenblick. Nun musste er zeigen, dass er beherrschte, was er im letzten Jahr bei seinen Brüdern Firt und Gond spielerisch balgend gelernt hatte. Ruhe, Geduld und Ausdauer. Niemals aufgeben. Der Welpe war tot, doch der Mörder durfte nicht ungestraft davonkommen.

    Nur noch ein paar Sätze, dann würde der Wald enden. Cain wusste, dass Deckung wichtig war, und er hoffte, dass die Schneetiefe reichte, um geduckt weiter zu schleichen und so nicht vorzeitig entdeckt zu werden. Bei einem Angriff wollte er die Überraschung auf seiner Seite haben. Dass der Puma zurücksah, stand zwar nicht zu erwarten, aber falls, würde er anhalten und sich zum Kampf stellen. Pumas teilten nicht.

    Grünliche Flecken aus vom Himmelslicht beleuchtetem Schnee blitzten zwischen den schwarzen Stämmen auf. Der Waldrand kam näher. Die Spur führte geradewegs hinaus auf die Ebene, die von der Schlucht durchzogen wurde und danach sanft in den Westhang des Elk Mountains überging.

    Cain brach durch die letzten, tiefhängenden Zweige und verharrte reglos. Sein Blick strich über den Schnee, durch dessen makellose Unberührtheit sich die Tatzenspur zog wie ein hässlicher, dunkler Riss. Weit vorn bewegte sich ein grauer Punkt, schnellte vorwärts in ausladenden Sätzen.

    Er wusste, dass er keine Chance hatte, den Puma rechtzeitig einzuholen. Der kleine Bruder, der noch nicht einmal einen Namen erhalten hatte, war verloren. Und es war seine Schuld. Die Aufgabe, die Welpen zu beschützen, während das Pack jagte, hatte Arim ihm übertragen. Eine hohe Verantwortung, denn das Überleben des letzten Wurfs sicherte den Fortbestand des Rudels.

    Heiße Scham mischte sich in den Zorn, der ihm das klare Denken zu vernebeln drohte, während er sich wieder in Bewegung setzte und der Spur folgte. Nicht in riesigen Sprüngen wie der Räuber, nein, er schnürte durch die vorgegebene Fährte, eng an den Schnee gepresst und bemüht, ihn nicht aufzuwirbeln.




    Hier geht's weiter: Kapitel 1 (3/3)

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    4 Mal editiert, zuletzt von Tariq () aus folgendem Grund: angepasst gemäß Jotas Anmerkungen

  • Das ist sehr schön geworden. Ich war genau mittendrin im Geschehen. Bitte schreib weiter!


    Seine Schwester knurrte ihn an und schnappte nach ihm, eine Aufforderung, endlich zu verschwinden.

    Nun mal zu deinem "keine Dialoge"-Experiment. Das hier ist ja so ein Beispiel. Du zeigst die Geste und die Tiere wissen sicher, was sie bedeutet, aber für uns Leser musst du sie doch erklären. Hier finde ich, hast du das geschickt gemacht, ohne dass es auffällt. Aber sowas wird wohl in der Folge noch häufiger kommen. Nur die Gesten zu zeigen, könnte für den Leser manchmal zu Missinterpretationen führen


    Aber damit wollte ich dich nicht verunsichern (ist nur ein Gedankenspiel). Es ist eine süße Geschichte. Bitte mehr davon!

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Finde ich eine gute und gelungene Fortsetzung, atmosphärisch fast noch ein bisschen besser als Part 1 :) Gefällt mir.


    Was mir aufgefallen ist:

    Wenn er definitiv weiß, dass der Welpen tot ist, macht sein Verhalten wenig Sinn. Er denkt ja doch auf Basis einer "menschlichen" Logik (bzw. tue ich das als Leser). Insofern wäre die Ungewissheit / Hoffnung für mich ansprechender. Auch weil er ja ständig seine Rolle als Beschützer einmahnt - so würde er mit der versuchten Rettung eines potentiell noch lebenden Rudelmitglieds dem Auftrag nachkommen. Aktuell lässt er die verbleibenden zwei Welpen mit nur einem Jährling als Schutz zurück, um ein (aus seiner Sicht) definitiv verlorenes Mitglied des Rudels zu bergen - ggf. sogar um den Preis des eigenen Lebens, so ein Puma ist ja sicher ein harter Gegner. Und selbst wenn es gelingt: Was dann? Tot ist leider tot. Also warum tut er was er tut? Diese Idee der Sühne und Bestrafung ist mir für die unmittelbare Situation zu abstrakt.

    Auch weil ich jetzt Part 2 kenne, möchte ich nochmal auf das Ende von Part 1 zurückkommen: Was für mich nicht ganz so gut funktioniert, ist der intendierte Cliffhanger. Für mich ist es irgendwie keiner ?( Würde da eher in der scheinbar sicheren Situation des Einschlafens, also mit dem

    kurz die Augen zu schließen …

    die Kapitelteilung machen und dann mit der unmittelbaren Szene bei Part 2 wieder einsteigen. Aber das nur so als Idee :)

    Ich freue mich auf weitere Parts

    LG

  • Zuerst vielen Dank für euer Interesse, euer Lob und die hilfreichen Anmerkungen :danke: Ich freu mich sehr!

    Da es bis Freitag noch eine Weile hin ist, will ich euch heute schon antworten.

    Solltet ihr der Meinung sein, dass eine Woche zwischen den Posts zu lange ist, gebt mir einfach Bescheid. Aber ich weiß ja, dass du, Kirisha, sehr viel hier im Forum liest, und dachte, dass engere Abstände nicht so toll werden. Also sagt einfach, wie/ob es für euch funktioniert. :)

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  • Heyho Tariq

    Weißer Schnee stiebte zwischen seinen Läufen auf,

    "stob"

  • So, ihr Lieben, die Woche ist um und Freitag ist Wolfs-Tag :D

    Heute kommt der dritte und letzte Teil vom Kapitel 1. Danke für euer Interesse!

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    Zum vorigen Teil: Kapitel 1 (2/3)


    Vor ihm ragte der Elk Mountain auf. Den Riesen berührten die Tragödien nicht, die sich zu seinen Füßen abspielten. Erhaben und majestätisch strebte der Berg in den Himmel hinauf.
    Aber Cain zerrissen die Schuldgefühle fast. Er war eingedöst und seine Unaufmerksamkeit hatte dem Puma die Chance gegeben, seinen Bruder zu rauben, ein kleines, hilfloses Wesen, das an seiner Seite geschlafen hatte, sich in völliger Sicherheit wähnend.
    Wie hatte die Katze so nahe an die Kuhle herankommen können? Wieso hatte Cara sie nicht bemerkt? War sie auch eingeschlafen gewesen?
    Vor ihm tat sich ein dunkler Abgrund auf. Er hatte die Schlucht erreicht. In der tiefe rauschte das Kaltwasser, ein eisiger Bach, der von den Berghängen herabstürzte, das Gestein ausgewaschen hatte und in den See mündete. Wie erwartet, war der Puma verschwunden. Die Spur endete hier. In den steil abfallenden Felsen, die allenfalls Katzenpfoten Halt boten beim Klettern, gab es Höhlen und Überhänge. Es war sinnlos, die Verfolgung fortzusetzen.
    Cain setzte sich in den Schnee. Wieder drängte das zornige Heulen nach draußen und erneut bezwang er es. Diesen Laut würde das Pack hören, egal wie weit es entfernt war. Es gab kein anderes Rudel am Elk Mountain und Arim käme sofort zurück, wenn er ihn vernahm. Doch die Jagd durfte nicht gestört werden. Sie brauchten Beute. Und das Heulen würde den kleinen Bruder nicht zurückbringen. Also winselte er. Leise und verzweifelt. Es klang schaurig in der Stille der Nacht.
    Ein letzter Blick vom Rand der Schlucht. Keine Bewegung konnte er erspähen und außer dem Rauschen des Wassers war nichts zu hören.
    Mit hängendem Kopf wandte er sich um und lief zurück zum Lager unter der Kiefern. Cara war mit den anderen beiden Welpen allein. Er wusste, seine Schwester konnte sich durchaus ihrer Haut wehren, aber zeitgleich noch zwei Junge zu beschützen, würde ihre Kräfte übersteigen. Er erhöhte sein Tempo und hoffte inständig, dass er bei seiner Rückkehr die drei unversehrt fand.
    Die Ebene war bereits halb überwunden und vor ihm erhob sich der Wald wie eine Mauer. Die Äste der verschneiten Bäume reichten am Rand tief hinab. Vorhin war er langsam durch sie hindurchgeschlichen, um sich zu orientieren und keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Jetzt brach er rücksichtslos hindurch, seiner eigenen Spur folgend. Hinter sich hörte er, wie die Schneelast von den Zweigen rutschte und mit dumpfem Geräusch auf den Boden schlug.
    Ein kaum zu vernehmendes Winseln vor ihm ließ ihn erleichtert aufseufzen. Er hatte sich nicht mehr bemüht, leise zu sein. Cara musste ihn gehört haben und versicherte ihm so, dass alles in Ordnung war.
    Er konnte ihr nicht in die Augen sehen, als er die Kuhle erreichte. Ohne den spielerischen Biss in den Nacken zur Begrüßung legte er sich neben den beiden Jungen nieder. Seiner Schwester brauchte er nichts zu erklären. Dass er ohne den Welpen zurückgekommen war, sagte alles. Er hatte versagt.



    Hier geht's weiter: Kapitel 2 (1/1)

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    Einmal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Das ist wieder ein sehr schöner Abschnitt! Die Landschaft kann ich mir sehr gut vorstellen und der Jungwolf tut mir leid!

    Ein paar Kleinigkeiten hätte ich:

    Aber Cain zerrissen die Schuldgefühle fast. Er war eingedöst und seine Unaufmerksamkeit hatte dem Puma die Chance gegeben, seinen Bruder zu rauben, ein kleines, hilfloses Wesen, das an seiner Seite geschlafen hatte, sich in völliger Sicherheit wähnend.
    Wie hatte die Katze so nahe an die Kuhle herankommen können? Wieso hatte Cara sie nicht bemerkt? War sie auch eingeschlafen gewesen?
    Vor ihm tat sich ein dunkler Abgrund auf. Er hatte die Schlucht erreicht. In der tiefe

    Die beiden roten Markierungen stören meinen Lesefluss. Der erste Satz endet eigentlich mit "Schuldgefühle", aber es wird noch ein "fast" eingeschoben. Das irritiert mich leicht.

    "eingeschlafen gewesen" - das ist grammatikalisch sicherlich korrekt, aber klingt unschön. Ich mag eh keinen Plusquamperfekt. Wie du es ändern könntest, weiß ich allerdings auch nicht.


    Und "in der Tiefe" wäre hier korrekt.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Tariq ich bin dran, komme aber aktuell zeitlich nicht dazu, eine profunde Rückmeldung zu verfassen ;) Sollte das aber am Donnerstag - also rechtzeitig vor Erscheinen des nächten Teils - hoffentlich noch hinkriegen.

  • Hey, Jota und Kirisha :)

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    (Ricarda Huch)



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  • So. Heut geht's mit Kapitel 2 weiter.

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    Zum vorigen Teil: Kapitel 1 (3/3)


    Kapitel 2 – Die Strafe (1/1)


    Die zunehmende Kälte kündigte den nahenden Morgen an, lange bevor im Osten am Himmel ein erster, blasser Streifen erschien.
    Cain, der den Rest der Nacht wach gelegen und mit brennenden Augen in das sanfte grün-blaue Himmelslicht gestarrt hatte, hob den Kopf von den Vorderpfoten und spähte zu seiner Schwester hinüber. Cara schlief noch und auch die beiden Welpen lagen eng an sie geschmiegt und pressten die kleinen Schnauzen in ihr warmes Bauchfell.
    Nur zwei ... Der dritte war heute Nacht geraubt und getötet worden.
    Während er wach lag, hatte Cain sich wieder und wieder die Szene ausgemalt, in der das Pack zurückkommen und die schreckliche Wahrheit erfahren würde. Rasha, die Mutter ... seine älteren Brüder Firt und Gond, seine Schwestern Mesa und Nona und natürlich Arim, sein Vater.
    Der Leitwolf war streng. Seine Erziehung bereitete Söhne und Töchter gleichermaßen auf das raue Leben in der Wildnis der Berge vor. Er duldete keine Fehler und seine oft gnadenlose Bestrafung kleinster Vergehen hatte Cain schon oft am eigenen Leib erfahren müssen. Er erinnerte sich an die furchtbare Nacht, die er allein im Wald verbringen musste, weil er mit seinen Geschwistern gerauft und Cara versehentlich verletzt hatte. Firt, damals noch ein Jährling, war ebenfalls dabei gewesen, hatte sich jedoch rechtzeitig aus dem Staub gemacht, als Arim auftauchte.
    Der Leitwolf hatte die Lage mit einem Blick erfasst und seine gewaltigen Kiefer hatten sich um Cains Nacken geschlossen und ihn fortgetragen von den anderen. Weg von der Höhle, den Wald hinein
    Er war noch ein Welpe gewesen und erinnerte sich an die Angst, die ihn förmlich gelähmt hatte. Reglos war er sitzengeblieben, da, wo Arim ihn abgesetzt und Rasha ihn am Morgen danach abgeholt hatte. Ein kleines, eiskaltes Fellbündel, starr vor Furcht und vor Kälte. Niemals würde er seine Erleichterung damals beim Anblick der Mutter vergessen. Auch wenn er später erfahren hatte, das Ruve während der ganzen Zeit in unmittelbarer Nähe verborgen über ihn gewacht hatte – es war die schlimmste Nacht seines jungen Lebens gewesen.
    Und jetzt hatte er nicht nur ein gleichaltriges Mitglied des Rudels versehentlich verletzt, sondern den Tod eines der jüngsten verschuldet, weil er eingeschlafen war. Er wagte sich das Ausmaß von Arims Zorn nicht vorzustellen. Wie würde er selbst handeln, wenn er der Leitwolf wäre? Welche Strafe erschien ihm angemessen? Dass er bestraft werden musste, war ihm klar. Sein Vater hatte sein Ansehen als Leitwolf zu achten. Und auch wenn schwache Wölfe im Rudel geduldet und sogar beschützt wurden, gab es dafür doch Grenzen.
    Cara neben ihm hob den Kopf. Verschlafen blinzelte sie die zunehmende Helligkeit am östlichen Horizont, dann sah sie ihn an. Er sah das
    Mitleid in ihren braunen Augen und auch Verständnis. Sie fühlte mit ihm, teilte seine Angst vor dem Vater.


    Japsendes Hecheln kündigte die Rückkehr des Packs an und nur Sekunden später erreichte Arim als Erster die Kuhle unter den tiefhängenden Zweigen. Hinter ihm erschienen Firt und Gond, dann Mesa, Nona und zuletzt Rasha.
    Die Aufmerksamkeit der Mutter galt zuerst den Welpen. Sie waren erwacht und sprangen aufgeregt zwischen den erwachsenen Wölfen umher.
    Cain beobachtete, wie Rasha erstarrte. Sie hatte es bemerkt. Ihr Blick flog zu ihm und sie knurrte. Zögernd und mit eingekniffener Rute erhob er sich. Cara, die ebenfalls auf die Füße gekommen war, schob sich neben ihn, als müsse sie ihn beschützen. Die Mutter schnappte nach ihr und knurrte auch sie mit hochgezogenen Lefzen an. Seine Schwester senkte devot den Kopf und winselte, blieb aber an seiner Seite.
    Arim umrundete suchend die Kuhle und seine Schnauze blieb in der Pumaspur hängen. Cain wusste, dass sein Vater auch seine Fährte bemerkte und erkannte, dass er den Mörder verfolgt hatte. Trotzdem war dieser entkommen.
    Der Leitwolf hob den Kopf und witterte, doch die Spur war kalt. Ein lautes Heulen drang in den stillen Morgen hinaus, schmerzerfüllt und zornig zugleich, dann fuhr Arim herum zu ihm. Seine Augen glitzern vor unterdrückter Wut und Cain duckte sich, um dem Vater den ungeschützten Nacken darzubieten.
    Doch der griff ihn nicht an. Er stand mit gespreizten Läufen, angelegten Ohren und gefletschten Zähnen vor ihm.

    Cain wusste nicht, was er tun sollte. Unschlüssig und mit eingeklemmter Rute machte er einen Schritt rückwärts. Sofort rückte der Vater nach, ohne von seiner Drohhaltung abzulassen. Erneut zog sich Cain ein Stück zurück und wieder folgte Arim, die Lefzen hochgezogen und jetzt auch ein drohendes Knurren ausstoßend. Noch zweimal wechselten sie sich so ab, bis Cain begriff: Er hatte das Rudel zu verlassen. Der Leitwolf verstieß ihn. Und der harte Blick der Mutter verriet, dass sie die Entscheidung ihres Gefährten billigte.

    In einem letzten Versuch, ihn umzustimmen, legte Cain sich auf den Bauch, drehte sich und bot Arim die ungeschützte Kehle dar. Es war eine Geste der totalen Unterwerfung. Damit zeigte Cain, dass er Arim bedingungslos als Leitwolf anerkannte und ihm niemals die Führung des Rudels streitig machen würde
    Es reichte nicht. Sein Vater stieß ein heiseres Bellen aus, sprang vor und stemmte seine Vorderläufe unmittelbar neben Cains Kopf in den Schnee. Eine letzte Warnung, endlich zu verschwinden.

    Cain sprang auf und lief ein paar Schritte weg. Aus sicherer Entfernung sah er zurück und suchte Caras Blick. Seine Schwester stand neben der Mutter und starrte zu ihm herüber, Trauer und Entsetzen in den Augen.
    Firt löste sich auf einen Blick von Arim aus der Gruppe und kam in seiner Spur auf ihn zu. Cain bemerkte es, drehte sich um und ließ sein Rudel hinter sich. Es war nicht nötig, Firt darüber wachen zu lassen, dass er auch wirklich wegging. Er wusste, der Bruch war endgültig. Es gab keine Rückkehr. Er würde Eltern und Geschwister nicht wiedersehen und wenn, dann waren sie nicht mehr seine Familie.


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  • Zum vorigen Teil: Kapitel 2


    Kapitel 3 – Die Wanderung (1/2)


    Als würde er sich zurückziehen vor der Sonne, die über den Wäldern aufstieg, sank der Schatten am Osthang des Elk Mountain tiefer. Gegen ihre unerbittlichen Strahlen focht er einen Kampf aus, den er nicht gewinnen konnte.
    Cain hatte sich dem Berg zugewandt, ohne nachzudenken, und war in seiner eigenen Spur von heute Nacht gelaufen. Jetzt fiel ihm ein, dass er bald auf die Schlucht treffen würde, wenn er diese Richtung beibehielt. Sie war nicht tief, aber ein Wolf würde die steilen Wände nicht hinabklettern können und unweigerlich abrutschten.
    Cain musste sie umgehen und bis fast zum See hinuntersteigen, wo das Kaltwasser sich gurgelnd zwischen großen Geröllbrocken hindurchzwängte. Mit deren Hilfe konnte er den eisig kalten Bach überqueren, ohne schwimmen zu müssen. Der Frost war gnadenlos und ein durchtränkter Pelz konnte bei dieser Kälte selbst einem jungen und kräftigen Wolf wie ihm zum Verhängnis werden.
    Er verließ seine Spur und wechselte die Richtung. Jetzt hatte er die Sonne im Rücken. Bald würde sie über die Baumwipfel steigen und ihn wärmen. Aber noch fegte ihm schneidender Wind über die Ebene entgegen und riss die Dampfwolken, die sein Atem bildete, von seiner Schnauze. Cain senkte den Kopf, um ihm so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten.
    Sein Magen knurrte hörbar. Kurz dachte er daran, zu dem gerissenen Wild zu laufen, welches das Rudel erbeutet hatte. Das Blut an der Schnauze des Vaters war nicht zu übersehen gewesen. Vielleicht hatten die anderen etwas übrig gelassen. Doch er gehörte nicht mehr zu ihnen und hatte deshalb keinen Anspruch auf einen Teil der Beute. Außerdem würde einer der Jäger jetzt in diesem Moment Cara und die beiden Welpen hinführen, damit sie sich sattfressen konnten.
    Cain trabte mit gesenktem Kopf. Er hatte ein Tempo angeschlagen, das ihm ein langes Durchhalten über größere Strecken ermöglichte. Und die lagen vor ihm. Der See musste sich weit unten im Tal befinden. Er war nie dort gewesen und kannte ihn nur aus den Erzählungen von Ruve.
    Ruve ...
    Er hatte den zwei Jahre älteren Bruder verehrt. Nur Cara hatte einen vergleichbaren Platz in seinem Herzen eingenommen und tat es noch. Der gelassene und besonnene Silberwolf war ihm wichtiger gewesen als Firt oder Gond, die doch ebenfalls seine älteren Brüder waren.
    Ruve hatte das Rudel verlassen, gemeinsam mit seinen Schwestern Baski und Ouna. Das war üblich, sobald man selbst jagen konnte und die Gefährtin des Leitwolfes die Familie mit einem neuen Wurf Welpen vergrößerte.
    Vier waren es im Frühling gewesen. Eines hatte die ersten Wochen nicht überlebt, ein weiteres die vergangene Nacht. Damit besaß das Rudel in diesem Winter zwei Mitglieder weniger, weil auch er nicht mehr dazugehörte. Ein kaum nennenswerter Vorteil für Arim, wenn man bedachte, wie knapp das Wild war. Und eine Katastrophe für Cain. Er war noch nicht bereit, sich selbst zu versorgen. Wie sollte er überleben? Nicht einmal Firt und Gond würden das Rudel nach dem nächsten Wurf verlassen, denn jeder, der beim nächtlichen Beutezug dabei war, zählte.
    Er hatte noch nie gejagt, höchstens spielerisch mit Cara Kaninchen hinterhergehetzt. Doch das war Lernen gewesen und erst im Herbst hatte er das erste Mal allein einen kranken Marder erbeutet. Firt und Gond hatten ihn lediglich herablassend gemustert, weil das kleine Raubtier schon fast tot war, als er endlich seine Kiefer darum geschlossen hatte.
    Nun würde er jagen müssen. Anders konnte er den Winter nicht überstehen. Und er brauchte bald etwas in den Bauch, denn er benötigte Kraft. Wieder dachte er an Cara und die Welpen, die sich in diesem Moment satt fressen konnten.
    Es war bitterkalt. Der eisige Wind trieb ihm das Wasser in die Augen und ließ es an den Wimpern gefrieren. Weit und breit war nichts, was dem wütenden Angriff der Eisnadeln etwas entgegensetzen konnte. Jedes Einbrechen in die verharschte Schneedecke war schmerzhaft, denn die scharfen Kanten rissen am Fell der Läufe.
    Cain zog den Kopf noch tiefer und setzte seinen Weg fort. Das Ende des Schattens, den der Wald warf, kam näher und der Schnee änderte seine Farbe. Aus dem Blau, in dem er in der Nacht geleuchtet hatte, wurde ein reines, blendendes Weiß, das Cain zwang, die Augen zuzukneifen. Nur noch wenige Schritte weiter und die Sonne berührte ihn. Liebkosend strichen ihre Strahlen über seinen Rücken. Die Wärme lockerte die von der Kälte steifen Muskeln und machte sein Laufen wieder geschmeidiger. Auch der Wind ließ jetzt nach.
    Die Landschaft senkte sich leicht ab und Cain erreichte eine kleine Anhöhe, auf der er stehen blieb. Unter ihm breitete sich das Tal aus, in dessen Mitte der See wie ein großes, azurnes Auge in der weißen Weite leuchtete. Die Sonne war noch nicht hoch genug gestiegen, um ihn zu erreichen, und die Talsohle gehörte noch den blauen Schatten.
    Hechelnd wandte Cain den Blick nach rechts. Die Wände der Schlucht, die ihn während seines Weges begleitet hatte, waren niedriger geworden und hatten sich schließlich abgesenkt. Das Kaltwasser strömte zwischen ihnen hervor und strebte - über die Geröllbrocken plätschernd - dem See zu.
    Nichts regte sich. So weit Cain sehen konnte, zeigte sich kein lebendes Wesen. Der Morgen war inzwischen fortgeschritten und der Hunger bohrte in seinen Eingeweiden. Prüfend hob er die Nase in den Wind. Doch er konnte keine Witterung aufnehmen. Da half wohl alles nichts. Er musste zurück in den Wald. Vielleicht fand er ein Kaninchen oder ein unvorsichtiges Eichhörnchen.


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    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    Einmal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Herzlichen Dank, liebe Kirisha :love: Hier kommt der nächste Teil für dich. Momentan hab ich nicht viel Zeit zum Schreiben, deshalb nur ein kleiner Part. Sorry dafür.

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    Zwei Tage waren vergangen, seit Cain vom Leitwolf aus dem Rudel verstoßen worden war. Schon da war er hungrig gewesen. Inzwischen tobte eine reißende Bestie in seinem Inneren, die ihm schmerzhafte Bauchkrämpfe bescherte. Er brauchte Beute.
    Fünf Versuche hatte er bereits unternommen, etwas zu jagen. Zwei davon hätten ihm ein Kaninchen eingebracht. Geduldig hatte er in der Dämmerung ausgeharrt, bis sich das erste so weit vom Bau entfernte, dass er es hätte erreichen können, bevor es wieder darin verschwinden konnte. Das war zumindest der Plan gewesen. Der trockene Ast, der – unter dem Schnee verborgen - sein Aufspringen aus der Deckung mit einem lauten Knacken verraten hatte, machte jedoch alles zunichte. Der Nager fuhr zusammen und war mit zwei, drei Sätzen zurück ins schützende Erdloch gehuscht. Beim zweiten Versuch war es ähnlich gewesen, nur dass eine durch seine eigene Bewegung herabgefallene Schneeladung anstelle des brechenden Astes das Tier flüchten ließen.
    Die anderen Jagden verdienten es nicht einmal, so genannt zu werden ... Normalerweise würde er die Beute hetzten, bis er sie erwischte. Aber dazu war er bereits zu erschöpft. Auch fehlten die Rudelmitglieder, die Fluchtwege abschnitten und sich abwechselten.
    Würde dieser Winter sein letzter werden? War es sein Schicksal, hier allein zu sterben? Er hatte versagt und die Jüngsten des Rudels, die in seiner Obhut gestanden hatten, nicht beschützt. Der Tod des Welpen lastete auf ihm wie eine schwere Bürde, die ihn niederdrückte und lähmte. So würde er nichts jagen.
    Vielleicht war es besser so. Er würde nie ein Leitwolf werden mit dieser Schuld. Und Einzelgänger waren entweder gefährliche Bestien oder sie wurden nicht alt.
    Während er der Sonne zusah, die sich hinter der steil abfallenden Westseite des Elk Mountains senkte, dachte er wieder an Cara. Seine Schwester würde einmal eine erstklassige Gefährtin abgeben. Sie war einfühlsam und trotzdem ließ sie sich nichts gefallen. Nicht von den älteren Geschwistern und auch nicht von ihm.

    Irgendwann in der Nacht wachte er auf. Wieder war der Himmel sternenklar und sein Atem stand als weiße Dampfwolke vor seiner Nase. Der Wald war still, nichts rührte sich.
    Eine Weile blieb Cain noch liegen unter dem Felsüberhang, der ihn vor den eisigen Winden beschützt hatte, dann kam er auf die Pfoten. Ihm war schwindlig und der Hunger wühlte in seinen Eingeweiden. Er brauchte etwas zu fressen.
    Auf wackeligen Läufen schlich er durch den Schnee, die Nase ständig im Wind, um eine Witterung aufzufangen. Seine Ohren spielten unruhig, doch außer dem Ächzen der im Sturm schwankenden Baumkronen war nichts zu hören.
    Da! Ein Kaninchen! Cains Augen suchten die Umgebung ab, doch er konnte keinen Bau in der Nähe entdecken. Das Kratzen der kleinen Pfoten am Fuß des Baumstammes verriet ihm, dass der Nager nach Flechten und dürrem Gras grub. Ab und zu hob das graue Fellbündel den Kopf und sicherte, um gleich darauf eifrig weiterzuscharren.
    Cain drückte sich in den Schnee. Sein ganzer Körper war angespannt. Diesmal konnte er nicht auf einen gezielten Sprung vertrauen. Die Entfernung war zu weit. Er musste die Beute hetzen. Einmal atmete er noch durch, dann schnellte er vorwärts. Schnee stiebte auf, als er lautlos unter den tiefhängenden Kiefernzweigen hindurch schoss.
    Das Kaninchen stob davon. Wilde Haken schlagend hetzte es zwischen den schwarzen Baumstämmen durch und jeder der weiten Sätze vergrößerte den Abstand zu seinem Jäger.


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    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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