Der Wolf vom Elk Mountain

Es gibt 46 Antworten in diesem Thema, welches 1.988 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Tariq.

  • Die Chancen stehen ja wirklich schlecht für den armen Kleinen. Eigentlich kann er das gar nicht schaffen. Bin gespannt, wie du ihn rausholst.

    Auch dieses Stück ist sehr schön zu lesen.


    Zwei davon hätten ihm ein Kaninchen eingebracht.

    Der Satz ist irgendwie krumm ... vielleicht. zwei davon hätten ihm ein Kaninchen einbringen können?



    Schnee stiebte auf,

    da bin ich nicht ganz sicher, aber für mich wäre es "Schnee stob auf"

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Mal zum ersten Abschnitt:


    Die Stimmung fand ich sehr schoen getroffen, die Beschreibungen sind schoen poetisch, gefaellt mir gut (und trifft auch meine Erfahrung solcher kalter Naechte ganz gut).

    :thumbsup:



    Das Grundproblem der Geschichte hast Du ja auch geschildert - wie schreibt man eigentlich aus den Augen eines Tieres?


    Irgendwie ist das jetzt Geschmackssache, denn vermenschlichen muss man auf jeden Fall, sonst kommt keine Geschichte raus - nur wie viel?


    Ich wuerde als Leser weniger vorziehen - Deine Woelfe sind teilweise sehr reflektiert und planend, mehr noch als viele Menschen, das kann ich mir bei Tieren eher nicht vorstellen (teilweise sind da Formulierungen die ich selbst bei einem menschlichen Protagonisten eigenartig finden wuerde).


    Aber, wie gesagt - das ist meine Praeferenz, ein 'richtig' wie man den Blickwinkel eines Tieres schreibt gibt's sicher nicht.


    Jedenfalls ein paar Gedanken zu diesem Thema:


    Das Rudel litt Hunger, denn dieser Winter hatte bereits Ende Oktober und damit viel früher als sonst begonnen und war härter als seine Vorgänger. Jetzt, im November, erfroren schwache Tiere wie Hasen, Iltisse und Marder in ihren Bauen


    Einmal glaube ich das inhaltlich nicht - November ist am Anfang des Winters wo jedes Tier noch Fettpolster hat, sich nicht viel Schnee ansammeln konnte und alle Reserven in der Natur die man abweiden kann noch da sind. Die kritische Zeit ist ueblicherweise das Ende des Winters - Februar/Maerz, wenn sich so richtig viel Schnee ansammeln konnte und alle Reserven verbraucht sind.


    Dann zweifle ich aber dran dass ein Wolf gross drueber nachdenkt in welchen Monat (!) der Winter so begonnen hat - und wie er merken wuerde dass er 'frueh' dran ist (im Vergleich zu was eigentlich?)


    Hasen haben auch eher keinen Bau, das sind Kaninchen - und in einen solchen Bau kommt ein Wolf auch nicht rein weil er zu gross ist, er kann keine Ahnung haben was da drin genau passiert.


    Der Abschnitt wirkt wie der Erzaehler eines Wolf-Dokufilms, nicht wie die Gedanken des Wolfs zur Situation.


    Die Aufregung und das Jagdfieber ließen seine Eltern und Geschwister den Hunger vergessen und ihre letzten Energiereserven mobilisieren.


    Das ist eine Formulierung die ich sogar bei Menschen in der Situation komisch finden wuerde - keiner in der Hungersituation denkt doch 'jetzt muss ich meine letzten Energiereserven mobilisieren' - sondern da verengt sich die Wahrnehmung und wird viel unmittelbarer und weniger reflektiert.


    Bei diesen Schneemengen war das Wild chancenlos. Die langen, dünnen Beine sanken zu tief ein und die kopflose Flucht erschöpfte das Tier, weil sie unendlich viel Kraft erforderte.

    Denkt ein Wolf so, dass er sich in das andere Tier reinversetzten kann - bemerkt dass es zu viel Kraft braucht, und deswegen die Jagd verliert? Das ist ein hohes Mass an Empathie fuer andere - was Menschen auch nicht immer koennen... und es ist sehr analytisch.


    Man koennte jetzt sagen es ist eher ein allwissender als ein personaler Erzaehler, aber der Text bleibt doch sehr bei Cain's Gedanken und Beobachtungen und wir erfahren nichts anderes als das - scheint mir also schon aus Wolfsperspektive gedacht zu sein.


    Also - fuer meinen Geschmack ist das zu vermenschlicht, das fuehlt sich nicht richtig wie Wolfsperspektive an...

  • Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • dass es ohne diese Beschreibungen, die wirklich manchmal sehr menschlich rüberkommen, ein ziemlich fades Stück Text wäre. Das denke ich jedenfalls.

    Also, ich find's wirklich sehr Geschmacksfrage und will da keinen starken Punkt draus machen wie ich hat gerne aus der Perspektive eines Tieres lesen wuerde - wenn Du da halt was anderes im Kopf hast und interessant findest, dann ist das genauso gut und richtig.


    Ich glaube nicht dass ein Text ohne den menschlichen Unterton fader wuerde - nur verraetselter, der Leser muesste ein bisschen dran knabbern wie er die ganzen Wahrnehmungen des Wolfs nun in seine Welt einordnen wuerde statt dass er den Subtext schon aufbereitet bekommt.


    Naja, ich denke was mich an Tieren (Elben, Zwergen, Orks, Vampiren,...) als Protagonisten fasziniert ist ihre Andersartigkeit - und die zu begreifen faende ich alles andere als fade.


    Aber wie gesagt, muss nicht Deine Art zu schreiben oder zu lesen sein, ich wollte hier keine Fundamentalkritik abliefern, sondern nur eine moegliche Perspektive in den Raum stellen :)

  • So. Es gibt Neuigkeiten. :)

    Ich habe nach Thorstens Anmerkungen jetzt die Geschichte jetzt abgeändert und ihr nachträglich eine Rahmenhandlung verpasst. Mein Problem war ja wirklich von Anfang an, dass ich bestimmte Infos nicht bringen konnte, weil ein Tier sie nicht als solche benennen oder kennen kann. Natürlich hätte ich sie aus der Sicht des Wolfes beschreiben können, aber daraus wäre ein Rätselraten für die Leser geworden, von dem ich nicht weiß, ob es nicht zu Frust geführt hätte.

    Die Rahmenhandlung erlaubt mir nun, diese Infos einzubringen und trotzdem die Geschichte aus der Sicht eines Tieres zu schildern. Ich muss nur einen zu häufigen Wechsel zwischen beiden vermeiden, damit es dem Leser auch möglich werden kann, bei den Wolf-Teilen ganz in diese Szenen abzutauchen und nicht ständig durch einen switch in die Rahmenhandlung herausgerissen zu werden. Ich bin gespannt ob mir das gelingt. Die Kapitelnumerierung verschiebt sich deshalb. Ich ersetze die Parts hier im Forum durch die bereits angepassten. Die vorherigen Parts packe ich in Spoiler, sie bleiben also erhalten, falls ich das Ganze doch weider rückgängig mache. :rofl:


    So, deshalb heute kein neuer Part, sondern nur der Link zum Anfangspost, den ich ja jetzt in den ersten Rahmenteil verwandelt habe. Bin gespannt, was ihr sagt.


    Zum Anfang <-- :this:

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    (Ricarda Huch)



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  • Lieben Dank dir, liebe Kirisha , da bin ich schon mal erleichtert zu hören, dass die Veränderung dir gefällt.


    So, dann will ich euch mal ein neues Stückchen dalassen. Eigentlich nicht neu. Nur ergänzt durch den Rahmen. Hier der Link zum überarbeiteten Part. Kapitel 2 :this:

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  • Ich bin begeistert. Das ist unglaublich schön geworden. Durch die Hintergrundgeschichte mit dem "verlorenen Sohn" hat sie eine neue Tiefe gewonnen, die mir genauso wie die Wolfsgeschichte sehr gut gefällt!!!

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Lieben Dank dir, Kirisha !!! Das freut mich sehr. Ich hab die beiden jetzt schon ins Herz geschlossen, muss nur aufpassen, dass ich bestimmte Hollywood-Klischees nicht auch noch hereinlasse, die schon hartnäckig anklopfen. :rofl:


    Den Link zum nächsten überarbeiteten Teil ist hier :this:

    Danke für's Dranbleiben smilie_happy_336.gif

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  • Ja, die neue Rahmengeschichte ist wirklich gut geworden. Sie gibt der Wolfsgeschichte eine zusätzliche Dimension, bringt sie näher an unser Menschenleben heran, und sie ist in sich rührend. Ich bin ganz gespannt, was du nicht nur mit dem Wolfsjungen, sondern auch mit den Menschen noch so vorhast. :love:

    Hier wehte eine rauer Wind.

    da hat sich ein e verirrt


    Der letzte Satz:

    manchmal war die Kinderwelt erschreckend in ihrer Einfachheit?

    Das ist ja eigentlich nicht erschreckend, sondern tröstlich, und es hilft den Kindern. Das Erschreckende ist eher, dass die Kinderwelt den Schrecken der Wirklichkeit verbirgt ... oder vielleicht ist auch das gar nicht erschreckend, sondern schützend. Oder was weiß ich ...

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Herzlichen Dank, liebe Kirisha , das freut mich jetzt total smilie_tanz_075.gif

    manchmal war die Kinderwelt erschreckend in ihrer Einfachheit

    Hier wollte ich eigentlich Alecs Schrecken darüber ausdrücken, dass das kindliche Denken nicht in der Lage zu sein scheint, die weitreichenden Konsequenzen dieses Versagens zu erkennen. Wie würdest du das ausdrücken? Vielleicht hast du ja eine bessere Idee. ?(

    So, hier noch der Link zum nächsten editierten Teil. :this:

    Danke für's Dranbleiben! ^^

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
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  • Hallo Tariq

    nun habe ich deine neue Version auch gelesen. Ach, das ist wieder so hübsch geworden. Ich kann mir alles so toll vorstellen. Der See, das Angeln im Eis, das habe ich hier bei uns auch schon gesehen. Aber noch nicht selbst gemacht. (Ich friere zu schnell). Die Geschichte des Wolfes ist genauso spannend wie die des Großvaters und seines Enkels. Ich weiß fast nicht, welche ich lieber mag, sie sind beide sehr schön.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • So, hier :this: ist der Link zum neu editierten Text. Danke für's Lesen! :)

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  • Diesmal hast du ja nicht so viel eingefügt, aber auch in den wenigen Zeilen bringst du sehr viel einfühlsamen Hintergrund. Ich glaube, nun sind wir bis zu der Stelle gekommen, wo du abgebrochen hattest.

    Das war schon ziemlich gemein, die ganze Zeit nicht zu erfahren, wie Cain aus der verfahrenen Lage wohl herauskommt.

    Ich rate mal: Da er kein erfahrener Jäger ist, braucht er wohl etwas Glück. Ein verunglücktes Tier oder irgendwelche Reste, die ein anderer Jäger verloren hat? Ich bleibe neugierig.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Voriger Teil: Kapitel 5 (2/3)


    Die eine Kinderfaust lag mit leicht geöffneten Fingern entspannt neben dem Kopf, die andere unter dem Kinn. Seidige, blonde Wimpern ruhten auf den vom kalten Waschwasser noch sanft geröteten Wangen.
    Sonny war eingeschlafen. Trotz der aufregenden Kaninchenjagd-Stelle.
    Alec lächelte. Der Tag war anstrengend und kräftezehrend für den Jungen gewesen. Eigentlich hatte Alec damit gerechnet, dass auf dem Heimweg das Jammern beginnen würde. Doch obwohl er ständig nach hinten gelauscht hatte, war kein Laut gekommen. Tapfer trug der Siebenjährige seinen Teil des Gepäcks. Zum Glück hatte es den Tag über nicht geschneit, sodass sie in ihrer eigenen Spur zurückgehen konnten. Das war für den Jungen leichter gewesen, als erneut mühevoll durch Neuschnee zu stapfen.
    Alec musterte das friedliche Gesicht. Er konnte sich nicht erinnern, je so an Clarks Bett gesessen zu haben. Damals, als der noch ein Kind war und Elly noch lebte, hatten sie ein schönes Blockhaus besessen, am Waldrand, etwas abseits des Dorfes, aber nicht so hoch gelegen wie diese Hütte, die er sich nach Ellys Tod hier oben in den Bergen gebaut hatte. Jeder Balken, jeder Splint, jeder Hobelspan hatte sich seine Wutausbrüche und Klagen anhören und seine Trauer teilen müssen. Clark, der ihn hätte trösten können, war nicht da gewesen, nicht einmal als Elly begraben wurde.
    Verflucht, der Junge war ein Fremder für ihn. Sein eigener Sohn. Er kämpfte in diesem Krankenhaus um sein Leben und er als sein Vater hatte nichts als bittere Erinnerungen an ihn. Warum dachte er immer nur an all das Negative, das Clark in seinen Erinnerungen hinterlassen hatte?
    Leise erhob er sich und kletterte vorsichtig die knarzende Leiter hinunter. Unten legte er noch einen Kloben ins Feuer und stieg dann auf einen der beiden Stühle, um einen Karton von seinem Schrank zu heben. Er war schwer, vollgepackt mit Dingen, die er damals bei seinem Umzug nicht wegwerfen konnte, die er aber auch nicht ständig vor Augen haben wollte.
    Fotos waren das Erste, was ihm in die Hände fiel. Er legte sie vorerst beiseite und griff erneut hinein. Seine Finger ertasteten glattes Holz. Er holte es heraus und betrachtete es. Ein Bär, hatte Clark stolz verkündet, als er ihm die selbst geschnitzte Figur präsentierte. Die Form des Tieres war erahnbar und für das Erstwerk eines Zehnjährigen durchaus beachtlich.

    Ein Lächeln huschte über Alecs Züge. Er erinnerte sich an die unzähligen Zeichnungen, die Clark dafür angefertigt hatte, an die Tränen der Wut und Enttäuschung und an die vielen halbfertigen Bären, die im Feuer landeten, weil sie dem Jungen nicht gefielen.
    Der, den Alec jetzt in der Hand hielt, war vollendet worden. Die Oberfläche fühlte sich glatt an und glänzte matt. Er wusste, dass sich die Schnitzfigur fast immer in Clarks Hosentasche und bei Langeweile in seinen Händen gewesen befunden hatte. Wenn er die Augen schloss, konnte er seinen Jungen damit spielen sehen. Abgeschliffen war sie von den unzähligen Berührungen, besser, als es Schleifpapier könnte.
    Er legte den Bären zurück und nahm den Geruch von Leder wahr. Den kannte er noch. Die Lederscheide zu Clarks erstem selbst geschmiedeten Messer hatte er seinem Sohn geschenkt, angefertigt in Abend- und Nachtstunden, wenn der Junge schlief.
    Ein Junge sollte einmal in seinem Leben ein Messer geschmiedet haben! Diesen Spruch seines Großvaters hatte Alec beherzigt und auch an Clark weitergegeben. Und der war zu einem der Nachbarn gegangen, der in seiner Freizeit ab und zu schmiedete. Gemeinsam hatten die beiden dieses Bowie-Messer hergestellt und Chad schwor alle Eide, dass er Clark nur mit Worten helfen durfte.
    Alec zog das Messer aus der Scheide und betrachtete es. Eine einfache Klinge, ein schlichter Holzgriff. Später hatte Clark noch ein besseres geschmiedet, aber dieses war sein erstes gewesen und er bewahrte es gut auf. Als er vierzehn war, hatte Alec ihn mit auf einen Jagdausflug genommen und das Messer hatte seine Schärfe beim Ausweiden eines Opossums bewiesen.
    Alec legte es zurück, stellte den Karton bedächtig auf den Boden und griff nach den Fotos. Sie waren nicht geordnet, aber bei den meisten fiel ihm sofort ein, wann sie aufgenommen worden waren. Er rutschte ein wenig tiefer in den Schaukelstuhl sah sich eines nach dem anderen an und versank – begleitet vom Knacken des Feuers und Bens gelegentlichem traumverlorenem Fiepen – in Erinnerungen.


    ~~~


    „Großvater, hast du im Schaukelstuhl geschlafen?“
    Verwirrt hob Alec den Kopf und ächzte, als sein Nacken – steif von der unbequemen Lage – protestierte.
    „Jepp, sieht so aus, Junge. Ich bin gestern Abend wohl eingenickt beim Anschauen der Fotos.“
    Er setzte sich auf und dabei rutschten die Bilder, die noch auf seinen Beinen gelegen hatten, herunter.
    Sonny bückte sich, um sie aufzuheben. „Wer ist das, Großvater?“, fragte er und betrachtete ein Bild, das Clark Arm in Arm mit Elly zeigte. Sie saßen auf der Bank vor dem Haus und lachten ihn glücklich an.
    „Deine Großmutter“, murmelte Alec, „mit deinem Vater.“ Behutsam nahm er dem Jungen die Bilder aus den Händen. „Wir schauen sie ein andermal an.“ Rasch packte er sie zurück in die Kiste und schob diese wieder ganz hinter auf den Schrank.
    „Kannst du weitererzählen von Cain?“, bat Sonny. „Ich glaube, ich bin gestern eingeschlafen.“ Er sah bei seinen Worten so zerknirscht aus, dass Alec lachen musste.
    „Beim Frühstück, in Ordnung? Geh dich waschen und zieh dich an.“
    Während er Kaffeewasser auf den Herd setzte, hörte er den Jungen draußen mit Ben herumtollen. Wahrscheinlich hatte Sonny das mit dem Waschen ‚überhört‘. Das begeisterte Bellen des Huskys verriet, dass sie im Schnee tobten.
    Der Bursche hat keine Jacke angezogen, registrierte Alex stirnrunzelnd. Hailey reißt mir den Kopf ab, wenn er krank wird. Aber erst ist zumindest keine Zimperliese.
    Kurz öffnete er die Haustür, ließ einen Schwall kalte Luft herein und rief Enkel und Hund zum Frühstück
    .


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    Hier geht's weiter: Kapitel 6

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    2 Mal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Dieses Vater-Sohn-Dilemma (man ahnte es ja schon kommen) ist sehr berührend. Fast möchte ich selbst nicht tiefer graben aus Angst, welche Wunden da zum Vorschein kommen. Zumal ich leider selbst auch mit so einem Dilemma konfrontiert bin. Insofern verstehe ich gut, dass der Alte da zurückschreckt und nicht so wirklich tiefer nachdenken will. Natürlich fragt man sich unwillkürlich, wie das passieren konnte, da er doch ein netter, sympathischer und verständnisvoller Typ zu sein scheint. Aber ich glaube, manche Verletzungen können auch aus Liebe passieren.

    Also, ich bin neugierig, wie es weitergeht!

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • So, heute ist wieder Freitag und ihr wisst schon ... ^^

    Kirisha , ich freu mich, dass du es spannend findest und dss du dich so gut in die Story reinfühlen kannst.



    Kapitel 6 - Die Rettung


    „Das Kaninchen war auf der Flucht. Und Cain verfolgte es. Nach wenigen Metern keuchte er bereits und sein Atem kam abgehackt und kurz. Verbissen zog er das Tempo noch einmal an. Doch es half nichts. Er war zu kraftlos und konnte die Hetzjagd nicht länger durchhalten. Irgendwann blieb er hechelnd stehen und sah den Nager zwischen den Bäumen verschwinden.
    Jegliche Kraft wich aus ihm. Die Enttäuschung ließ das letzte Fünkchen Lebenswillen schmelzen wie Eis in der Frühlingssonne. Seine Läufe und Flanken zitterten erst, dann trugen sie seinen Körper nicht länger und er sank in den Schnee nieder. Er wusste, wenn er hier liegenblieb, erfror er. Schutz vor dem eisigen Winterwind bot nur der Felsüberhang, unter dem er den Tag im Halbschlaf verbracht hatte. Doch der war unerreichbar fern.
    Als seine Atmung sich beruhigt hatte, legte er den Kopf auf die Vorderläufe und schloss kurz die Augen. Wie in der Nacht, als der Angriff des Pumas sein sorgloses Leben beendet hatte. Nur kurz die Augen schließen ...
    Es war Morgen, als er sie wieder öffnete. Die Kälte hatte ihn geweckt. Seine Glieder waren steif, jede Bewegung schmerzte. Der Frost lähmte ihn und für einen Moment glaubte Cain, nie mehr aufstehen zu können. Doch an seiner Situation hatte sich nichts geändert: Blieb er hier im Schnee liegen, starb er. Er konnte froh sein, dass es nicht schon in der letzten Nacht geschehen war. Aber er hatte überlebt und nun lag ein weiterer Tag vor ihm.
    Hunger verspürte er nicht mehr, nur diese schmerzhafte Leere im Bauch war geblieben. Aber der Drang, etwas fressen zu müssen, mit den Zähnen blutiges Fleisch aus einem noch warmen, dampfenden Körper zu reißen und hinunterzuschlingen, der war verschwunden.
    Er sah sich um. Die kurze Jagd in der vergangenen Nacht hatte ihn tiefer in den Wald gebracht und er hörte in der Nähe ein Bächlein murmeln. Langsam und schwerfällig machte er sich auf in Richtung des Plätscherns, um zu trinken.
    Als er das Rinnsal erreicht und seinen Durst gestillt hatte, ging es ihm besser. Fünf Tage hatte er allein verbracht, immer auf der Suche nach Beute, wenn er nicht schlief. Und seit fast acht Tagen hatte er nichts gefressen. So lange musste er noch nie hungern. Nicht einmal ein erfrorenes Tier ließ sich aufstöbern. Er empfand das Verstoßenwerden als gerechte Strafe, denn ein unzuverlässiges Rudelmitglied bildete eine Gefahr. Doch Arims Entscheidung bedeutete wohl den Tod für ihn.
    Unsagbar erschöpft und doch noch nicht bereit aufzugeben zog er weiter, dem kleinen Bachlauf folgend und und aufmerksam umher spähend. Der helle Tag war eine denkbar schlechte Zeit zum Jagen, doch eine innere Stimme trieb ihn an und er gehorchte ihr, durchstreifte rastlos den Wald und kehrte gegen Mittag unter den Felsüberhang zurück. Hier wollte er noch eine Weile ausruhen, bevor er am Abend einen neuen Versuch startete, etwas Fressbares zu finden.
    Es war, als hieße ihn die Kuhle freundlich willkommen, als er sie erreichte. Die letzten Meter – ein kurzer, aber steiler Aufstieg – konnte er fast nicht mehr bewältigen. Die Kraft war aufgebraucht, seine Hinterläufe schafften den Sprung auf den höher gelegenen Absatz erst beim drit
    ten Versuch. Am ganzen Körper zitternd legte er sich nieder. Als er die Augen schloss, wurde ihm schwindlig und hinter den geschlossenen Lidern tanzten silberne Flecken auf der Schwärze. Er musste sich ausruhen, schlafen, und falls er am Abend noch einmal erwachte, würde er erneut aufbrechen zu einer weiteren erfolglosen Jagd ...

    Der Geruch von Blut drang ihm in die Nase und ließ ihn die Augen aufreißen. Zum Aufspringen war er zu kraftlos, aber er sicherte die Umgebung. Es war nichts zu entdecken, weder ein Geräusch noch eine Witterung. Alles wie immer, nur dass es dunkler geworden war. Und dass da ein Batzen blutigen Fleisches direkt vor seiner Schnauze lag.
    Der Schreck fuhr ihm in die Glieder. Jemand war hiergewesen, hier unter seinem schützenden Felsen. Und er hatte sich so nahe an ihn herangewagt, dass er ein Stück Fleisch vor ihm abgelegt hatte.
    Während Cain misstrauisch und gierig zugleich seine Zähne hineinschlug, rasten seine Gedanken. Wer war das gewesen? Ein halbtoter Wolf wie er, der nicht mehr die Kraft hatte, sich eines Angriffs zu erwehren, war nichts weiter als Beute, noch dazu wenn er schlief. Warum hatte man ihn nicht getötet? Der Winter war gnadenlos und jede Jagd anstrengend. Es hätte nicht einmal Mühe bereitet.

    Stattdessen hatte ihn jemand beschenkt. Mit einer unglaublich kostbaren Gabe: mit Leben. Er spürte förmlich, wie mit jedem Bissen, den er verschlang, die Energie in seinen Körper zurückkehrte. Immer wieder sah er sich misstrauisch um, denn er traute diesem trügerischen Frieden nicht. Er hatte das Gefühl, dass ihm etwas entging. Mit Sicherheit wurde er beobachtet, doch er konnte niemanden entdecken.
    Das Fleisch - der Farbe nach ein Stück aus der Flanke eines Hirsches – war rasch verzehrt. Cain leckte sich die Lefzen und erhob sich. Noch einmal musterte er die Umgebung und reckte erneut die Schnauze in den Wind. Wer hatte ihn vor dem Hungertod bewahrt? War es Cara gewesen, seine Schwester? Hatte das Rudel so viel Wild erbeutet, dass sie ein Stück für ihn beiseiteschaffen konnte? Oder hatte sie ihm ihre eigene Portion gebracht?
    Jetzt strich eine Witterung an seiner Nase vorbei. Vertraut und fremd zugleich. Wie elektrisiert sprang er auf die Pfoten und winselte leise. Ein Schatten fiel auf das Fleckchen vor ihm, über das die Sonne einen letzten Gruß wandern ließ, bevor sie hinter dem Rattlesnake Mountain versank. Cain erkannte die Silhouette eines Wolfes, der über ihm auf dem Felsüberhang sitzen musste ...
    Ein Einzelgänger!


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  • Sonnys Augen waren rund vor Schreck geworden. Offensichtlich erinnerte sich der Junge an das, was er über diese Wölfe gehört hatte: Entweder wurden Einzelgänger gefährliche Bestien oder nicht alt.
    „Hat er Cain getötet?“, hauchte er angstvoll.
    „Das erfährst du heute Abend.“ Alec stand auf und räumte den Tisch ab. „Jetzt fahren wir erstmal zum alten Chad hoch. Er hat frisches Holz geschlagen und braucht ein bisschen Hilfe. Zieh dich warm an!“
    Er konnte sehen, dass Sonny viel lieber gehört hätte, wie es für Cain weiterging. Aber widerspruchslos gehorchte der Junge und schlüpfte in seine Stiefel.
    Alec registrierte es wohlwollend, legte noch zwei Kloben auf das Feuer, damit sie es warm hatten bei ihrer Heimkehr und zog sich seine warme Jacke über. Dann nahm er den Schlüssel für den Pickup aus der Holzschale, öffnete die Haustür und pfiff nach Ben.
    Die Sicht war klar und der Himmel leuchtete in wolkenlosem Blau. Es hatte erneut keinen Neuschnee gegeben und der Frost verhinderte, dass die Wege sich in unpassierbaren Matsch verwandelten. Ruhig und stark brummte der kräftige Motor des schweres Fahrzeugs und rumpelte gemächlich über den gefrorenen Weg.
    Sonny war aufgeregt und zappelte auf seinem Sitz herum. Sie waren noch keine Viertelmeile weit gekommen, da schien die Neugier dem Jungen ein längeres Schweigen unmöglich zu machen.
    „Warum wohnt Chad noch weiter als du von anderen Menschen entfernt?“, hörte Alec ihn fragen.
    „Er ist Fallensteller“, gab er zurück. „Da ist es am besten, wenn man in der Wildnis lebt. Chad hat sein ganzes Leben hier oben in den Bergen verbracht. Schon als kleiner Junge ...“
    Er brach ab und starrte durch die Frontscheibe nach draußen. „Einmal im Monat fährt er runter in die Stadt, verkauft seine Felle und deckt sich mit Vorräten ein. Früher hat er das mit Pferden gemacht, doch dann wurde der Weg über die Berge befestigt. Da kaufte er sich einen Pickup.“
    „Also war sein Vater auch ein Fallensteller?“
    „Genau. Chad hat alles über Tiere von ihm gelernt. Und als sein Vater starb, machte er genauso weiter wie dieser vorher.“
    „Hat er eine Frau?“
    „Nein.“
    „Dann hat er wohl auch keine Kinder ...“
    „Still jetzt! Wir fahren gleich über den Damm am Sable Creek. Da muss ich aufpassen und kann nicht reden.“
    Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie Sonny ihn verwundert ansah. Er stellte keine Frage mehr, sondern reckte das Kinn, um durch das Seitenfenster hinaussehen zu können.
    Alec ärgerte sich über sich selbst. Er hatte nicht so barsch klingen wollen. Es stimmte, er musste am Damm aufpassen. Der Schotterweg, der bis dahin führte, wurde auf der Dammkrone zu einer lediglich aus Holzbohlen bestehenden Brücke und ließ gerade so ein Auto passieren. Doch das war kein Grund, den Jungen zu unterbrechen und ihm sogar das Wort zu verbieten. Es war das Thema gewesen, das ihm nicht behagte, und die unschuldigen Fragen des Kindes.
    Innerlich seufzend presste er die Lippen zusammen und mühte sich, den Blick starr nach vorn gerichtet zu halten.
    Er und Chad hatten die Brücke vor zwanzig Jahren mit eigenen Händen gebaut. Immer wieder war es geschehen, dass im Frühling das Schmelzwasser des Sable Creek den Weg zu Chads Blockhütte zerstörte. Nachdem man die Passstraße bis hier runter zum See befestigt hatte, war es auch möglich gewesen, Material herbeizuschaffen, um die Brücke noch mehr zu stabilisieren. Und dann hatte Chad diesen Damm errichtet, um den Creek anzustauen. Nur wegen ein paar lumpiger Fische zum Angeln!

    Er besann sich. Es war unfair, dem Freund das immer wieder vorzuwerfen, und sei es auch nur in Gedanken. Chad hatte keine Schuld daran.
    Langsam ließ er den Pickup über die mit Bohlen befestigte Dammkrone rollen und kurz darauf erreichte der Wagen das andere Ufer. Dem kleinen Stausee schenkte er keinen Blick. Irgendwann lag er hinter ihnen und Alec atmete auf. Es war nicht mehr weit bis zu Chads Blockhaus. Und nun konnte er auch Sonnys Fragen beantworten.


    Die Lichtfinger der Scheinwerfer vom Pickup tasteten über die Straße und entrissen ab und zu ein huschendes Tier der schützenden Dunkelheit. Es war später Abend geworden und Alec hatte Chads Einladung, zum Essen zu bleiben, angenommen. Sonny hatte kaum etwas gegessen, ein paarmal gegähnt und war dann eng an Chads Wolfshund geschmiegt vor dem Kamin eingeschlafen.
    Lächelnd sah Alec zu seinem Enkel hinüber, der auf dem Beifahrersitz saß. Er war nicht wach geworden, als er in den Pickup auf den Sitz gehoben wurde. Chad, der ihm die Tür geöffnet hatte, verzog den zahnlosen Mund zu einem breiten Lächeln. „Fast wie damals, was?“, fragte er grinsend.
    Er hatte nicht gelächelt. „Ja, fast“, war die gemurmelte Antwort gewesen, dann hatte er den schlafenden Jungen angeschnallt und die Beifahrertür geschlossen.
    Jetzt, auf dem Heimweg, dachte er zufrieden an den arbeitsreichen Tag zurück. Sie hatten viel geschafft. Wieder rumpelte der Wagen über die Dammkrone, doch diesmal war es bereits so dunkel, dass die Lichtkegel nichts als die Bohlen erkennen ließen.
    Als der Pickup hielt, setzte sich der Junge auf. „Sind wir daheim?“, fragte er verschlafen.
    Es durchfuhr Alec wie ein Stich. Daheim, hatte Sonny gesagt.
    Die Blockhütte war in den wenigen Tagen sein Zuhause geworden.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
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