Der Wolf vom Elk Mountain

Es gibt 31 Antworten in diesem Thema, welches 1.133 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Tariq.

  • Hallo zusammen :)

    Ich habe als leidenschaftlicher Fan der Kurzfilme auf Youtube mal wieder einen gefunden, der mich sofort inspiriert hat. Das ist mir jetzt schon das dritte Mal passiert und wie bei den beiden letzten Malen musste ich sofort anfangen zu schreiben.

    Ich habe es hier einsortiert, weil es eine Geschichte aus der Sicht eines Tieres ist, die keine fantastischen Elemente enthält. Und als zusätzliche Herausforderung werde ich versuchen, sie ohne Dialoge oder gedachte Worte auskommen zu lassen. Das ist ein Experiment und ich habe keine Ahnung, wie das beim Leser ankommt. Falss es also langweilig werden sollte - einfach Bescheid sagen. Diese Herausforderung an mich ist ja nicht in Stein gemeißelt und kann jederzeit geändert werden. Aber ich dachte, dass es eine gute Idee wäre, weil es ja nun mal aus der Sicht eines Tieres geschrieben ist und ich als Erzähler nur mitteilen kann, was es denkt.

    So, genug der Vorrede. Jetzt bin ich gespannt, ob irgendjemand von euch Zugang findet zur Story und sich mit Cain zusammen ... naja, ich verrat mal nix. :evil:


    Edit: Ich habe im Kapitel 3 die Geschichte abgeändert und ihr nachträglich eine Rahmenhandlung verpasst. Mein Problem war, dass ich bestimmte Infos nicht bringen konnte, weil ein Wolf sie nicht als solche benennen oder kennen kann. Natürlich hätte ich sie aus der Sicht des Wolfes beschreiben können, aber daraus wäre ein Rätselraten für die Leser geworden, von dem ich nicht weiß, ob es nicht zu Frust geführt hätte. Die Rahmenhandlung erlaubt mir, diese Infos einzubringen und trotzdem die Geschichte aus der Sicht eines Tieres zu schildern. Ich muss nur einen zu häufigen Wechsel zwischen beiden vermeiden, damit es dem Leser auch möglich werden kann, bei den Wolf-Teilen ganz in diese Szenen abzutauchen und nicht ständig durch einen switch in die Rahmenhandlung herausgerissen zu werden. Ich bin gespannt ob mir das gelingt. Die Kapitelnumerierung verschiebt sich deshalb. Ich ersetze die Parts hier durch die bereits angepassten.

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    Der Wolf vom Elk Mountain


    Kapitel 1 – Am Feuer


    Die Sterne glitzerten am samtschwarzen Himmel wie winzige Diamantsplitter. Keine Wolke war zu sehen, die das Mondlicht hätte abhalten können, das sich wie eine sanft leuchtende, eisige Decke über die schneebedeckten Berge und Wälder des Elk Mountain legte.
    Grimmiger Frost ließ die Äste der Bäume ächzen und die Zweige im Lagerfeuer knacken. Leise fauchten die Flammen, wenn ein sanfter Wind hineinfuhr und Funken emporwirbeln ließ. Außer diesen Geräuschen war nichts zu hören.
    Da, ein dünnes Heulen, irgendwo weit oben im nördlichen Wald. Ein zweites stimmte ein. Der Wald schwieg. Jeder seiner Bewohner schien den Atem anzuhalten aus Angst, Aufmerksamkeit zu erregen, selbst die Eulen, denen keine Gefahr drohte.
    Sonnys Kopf ruckte hoch und der Siebenjährige riss die Augen auf.
    „Was ist das, Großvater?“, fragte er.
    Alec wandte den Blick und sah in den Augen des Jungen das, was der kleine Bursche mit Mühe aus seiner Stimme herausgehalten hatte: Furcht. Verständlich, denn wer das Heulen der Wölfe zum ersten Mal hörte, fühlte schon als Erwachsener einen kalten Schauer den Rücken hinablaufen. Doch der Junge, der bis vor einer Woche in Los Angeles gelebt hatte, zeigte seine Angst nicht. Anerkennend nickte Alec mit dem Kopf.
    „Heute Nacht jagten die Wölfe, Sonny“, gab er zurück. „Sie haben Hunger.“
    „Was jagen sie?“
    „Was immer ihren Weg kreuzt.“ Alec zog seine Handschuhe aus und legte neues Holz ins Feuer.

    Der Junge brachte ihn dazu, in einer Stunde mehr zu reden als sonst in einem Monat. Er nannte ihn „Sonny“, Söhnchen, denn der Junge war wie der Sohn, den er nie haben durfte. Und er mochte den Namen ‚Donovan‘ und auch die Abkürzung ‚Donnie‘, die sein Sohn Matt verwendete, nicht. Deshalb hatte er diese kurzerhand in Sonny geändert.
    Erneut heulte einer der Wölfe und ein zweiter fiel ein. Der Winter hatte viel früher als sonst begonnen. Und er zeigte sich jetzt schon härter als seine Vorgänger. Es hatte kräftig geschneit und die Luft roch noch immer nach Schnee. Alec lebte lange genug in den Bergen, um zu wissen, dass das Rudel Hunger litt. Schwache Tiere wie Kaninchen, Iltisse und Marder erfroren auf der Suche nach Nahrung oder in ihren Bauen und nicht selten bestand die einzige Mahlzeit für die Alttiere eines Wolfpacks aus einem dieser hartgefrorenen, kleinen Leichname.
    „Wie viele sind das?“ Der Junge zog fröstelnd die Schultern hoch und rutschte näher an Alec heran.
    „Fünf, vielleicht sechs“, gab Alec zurück. „Der Leitwolf, seine Gefährtin und zwei, höchstens vier Jungwölfe, die das Jagen noch lernen müssen.“
    „Wie jagen sie?“
    In Gedanken stöhnte Alec. Er schätzte die Wissbegier des Jungen, aber auf die unzähligen Fragen zu antworten war ungewohnt und anstrengend.
    „Das Rudel, also die Wolfsfamilie pirscht ... ähm, schleicht durchs dicht verschneite Dickicht, lautlos und wachsam, und irgendwann schrecken sie einen schlafenden Rehbock oder gar einen stattlichen Hirsch auf. Wenn das passiert, bedeutet das meist das baldige Ende der Jagd. Bei diesen Schneemengen ist das Wild chancenlos. Die langen, dünnen Beine sinken zu tief ein und die panische Flucht erschöpft das Tier, weil sie unendlich viel Kraft erfordert. Die Wölfe müssen nur nebenherlaufen und geduldig sein. Sie wissen: Irgendwann wird die Beute aufgeben und sich zum Kampf stellen. Dann ist ihre Zeit gekommen.“
    „Und die Wolfsfamilie tötet das Tier?“
    Erneut musterte Alec seinen Enkel, doch er sah weder Widerwillen oder Empörung in den dunklen Kinderaugen. Nur echtes Interesse.
    „Ja. Sie töten es, weil sie was zu fressen brauchen.“
    „Jagen die Wolfskinder auch mit?“
    Ein Lächeln brachte das Bartgestrüpp um Alecs Mund in Bewegung. „Wolfskinder heißen Welpen.“ Er stocherte mit einem stärkeren Ast im Feuer und Funken stoben in den Nachthimmel. „Und nein, die sind nicht dabei.“
    „Und wo sind die, wenn die anderen jagen? Müssen die auch mit hinter dem Hirsch herrennen?“
    Alec schüttelte den Kopf. „Die Jagd ist Aufgabe der Alttiere und der Jungwölfe. Jährlinge und Welpen blieben an einer geschützten Stelle zurück.“
    „Wo ...“
    Eine knappe Handbewegung schnitt die Frage des Jungen ab.
    Alec erhob sich. „Lass uns in die Hütte gehen“, meinte er. „Es ist spät geworden und du frierst. Wenn du magst, erzähle ich dir vor dem Schlafen eine Geschichte von einem Wolf.“
    „Eine wahre Geschichte von einem richtigen Wolf, Großvater?“
    Er nickte. Die Anrede ‚Großvater‘ war noch immer ungewohnt, aber sie fühlte sich an, als würde ihn jemand in eine wärmende Decke hüllen. Der Junge hatte keinerlei Scheu vor ihm, obwohl er zu Beginn kaum mehr als fünf Worte am Tag für ihn übrig gehabt hatte. Er folgte ihm wie ein Schatten, plapperte unermüdlich und wollte alles wissen. Auch jetzt, als der Bursche aus seinem warmen Pelz geschält worden war und zur Hütte hinüberging, redete er weiter.
    Alec warf einen letzten, prüfenden Blick auf das in sich zusammengesunkene Feuer und ließ ihn dann am Waldrand entlangwandern. Nichts war zu hören oder zu sehen.
    „Gute Jagd“, raunte er, unhörbar für Sonny.


    Zehn Minuten später lag der Junge auf seinem Strohlager auf dem Heuboden der Hütte zwischen zwei Bärenfellen.
    „Es kann losgehen, Großvater“, klang es von oben herab.
    Alec war klar, dass Sonny auf seine Geschichte wartete. Er legte seine schwere Jacke ab, hängte sie an den Haken neben der Tür und kletterte die Leiter hinauf.
    „Also“, begann er, während er sich langsam neben dem Jungen niederließ, „ich erzähle dir die Geschichte von einem Wolf, der damals, als das Ganze passierte, noch ein Jährling war. Mit eineinhalb Jahren war er noch zu jung zum Jagen, aber auch kein Welpe mehr. Er heißt Cain.“





    Zum nächsten Teil: Kapitel 1 (2/3)

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    (Ricarda Huch)



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    6 Mal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Hey Tariq

    Kühle Geschichten sind an so heißen Tagen wie heute natürlich besonders willkommen :)

    Finde es sehr stimmungsvoll geschrieben, vor allem weil es die eher ungewöhnliche Perspektive "des Wartenden" verfolgt. Konnte mich schnell reinfühlen und halte das für einen sehr stimmungsvollen Beginn. Auch das "Sozialgefüge" find ich plastisch dargestellt, gratuliere.

    Kleinigkeiten die mir aufgefallen sind:

    Cain hatte die dicken Falten im schwarzen Stirnfell seines Vaters Arim gesehen.

    Das fand ich (ungewollt?) komisch, Wölfe kommunizieren ja auch im Rudel weniger über Mimik, vom Maul mal abgesehen. Die Vorstellung, dass ein Alpha-Wolf seine Stirn nachdenklich runzelt... :D irgendwie fand ich es amüsant, aber halt nicht auf die Weise, die für mich zur Stimmung des Textes passt. Vielleicht wäre es passender, wenn er die Unruhe des älteren Wolfes einfach spürt.

    Doch das war er nicht.

    Den Satz empfand ich als irgendwie hemmend dem Lesefluss gegenüber, ich weiß ja, dass er nicht dabei ist, darum kreist ja der ganze Abschnitt.


    Das panische, jämmerliche Jaulen eines der Welpen, zeitgleich mit dem wütenden Keckern eines Kiefernhähers, riss ihn aus dem Halbschlaf. Es raschelte, Zweige brachen und irgendetwas entfernte sich hastig durchs Unterholz. Er sprang auf die Füße, senkte den Kopf, um unter den schneebedeckten Zweigen der niedrigen Kiefern hindurch zu spähen, und knurrte.

    Ich versteh nicht, was hier passiert ist? Ist einer der Welpen weg oder verletzt oder ?(

    Vielleicht könnte man alternativ zu den menschlichen Bezeichnungen für Familienmitglieder mit Mutter, Vater, etc. auch mal Begriffe aus der Jägersprache gebrauchen. Ich finde z.b. "Fähe" für Wölfin sehr poetisch. Bzw. passt auch "Pfoten" statt "Füße" besser, etc. Du verstehst schon :) Freue mich auf die Fortsetzung (nicht nur an heißen Tagen).

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  • Hallo Tariq

    Wieder so eine tolle Geschichte und wundervollen Formulierungen und ganz herrlichen Bildern, die ich sehr gerne gelesen habe.

    Deine Idee, alles ohne kursive Gedanken oder Dialoge zu schreiben, ist - glaube ich - nicht so gut. Aber ich verstehe, dass du es so schreiben willst, wie es ein Tier denken könnte, das nun mal nicht redet. Mit dem Verzicht auf Dialoge bin ich daher einverstanden, Gedanken dürfte aber ein Fuchs auch haben, oder? Bis jetzt funktioniert deine Methode sehr gut. Allerdings gab es ja auch nur wenig Kommunikation. Ich bin mal gespannt, wie es sich weiter lesen wird. Es ist ein interessantes Experiment.

    Zu der Diskussion, ob du Füße oder Pfoten, Fähe oder Füchsin schreiben solltest. Meiner Meinung nach ist der Ausdruck "Fähe" nicht exklusiv Jägersprache, sondern ein Fuchs hat einfach keine Füße, sondern Pfoten. So wie eine Gans nun mal einen Schnabel hat und keinen Mund. Meiner Meinung nach passt es viel besser, "Fähe" zu schreiben als Füchsin. Schließlich ist "Füchsin" ja nicht Fuchs- sondern Menschensprache. (Okay, da könnte man fachsimpeln, wie Füchse sich wohl selbst nennen, das wäre eine dritte Option - aber für meinen Geschmack wären die Jägerausdrücke näher dran als die Menschenausdrücke).

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  • So, ich lass euch mal den nächsten Teil da. :) Es gibt erstmal nur kleine Happen, denn soooo viel habe ich noch gar nicht geschrieben und momentan hab ich irgendwie keinen Nerv dafür. Ich hoffe aber, es gefällt euch trotzdem.

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    Zum vorigen Teil: Kapitel 1


    Kapitel 2 – Die Nacht


    Cain hatte die Unruhe im Verhalten seines Vaters Arim schon vor einigen Tagen bemerkt. Und er kannte auch den Grund: Das Rudel litt Hunger, denn dieser Winter zeigte sich gnadenlos. Nicht nur für die Alttiere, die älteren Geschwister und die Jährlinge. Es gab drei Welpen im Rudel und sie waren noch ziemlich klein. Während die Alten der Beute nachstellten, lagen die Jungen eng an Cain geschmiegt. Er spürte ihr Zittern. Seine Geschwister waren schwächlich, weil es in den letzten Tagen kaum etwas zu fressen gegeben hatte.
    Deshalb sorgten der Leitwolf Arim und seine Gefährtin Rasha, die Mutter der Jungwölfe des Rudels, gemeinsam mit ihren älteren Söhnen und Töchtern heute Nacht für Nahrung.
    Neben den drei Welpen unter den tief herabhängenden Zweigen kauernd hatte Cain den Aufbruch der Jäger beobachtet. Auch ihn hatte Erregung gepackt, seine Flanken bebten und das Blut jagte durch seine Adern, obwohl er noch nie bei einer Jagd dabei gewesen war.
    Auch diesmal würde er nicht dabei sein. Er war erst ein Jährling, noch zu jung, um mitzulaufen. Jährlinge hatten die Aufgabe, die jüngeren Geschwister zu beschützen. Und deshalb schmiegten er und seine gleichaltrige Schwester sich neben die Kleinen, gut verborgen in der Kuhle unter den Kiefernzweigen.
    Cara, die auf der anderen Seite der Welpen lag, schnaubte ihm ihren warmen Atem in den Nacken und stupste ihn mit der Schnauze an. Er wusste, dass sie ihn verstand. Dass sie seine Ungeduld nachfühlen konnte, den Drang, mitzulaufen mit dem Pack.
    Cain legte den Kopf auf die Vorderpfoten und beobachtete, wie ein Käfer über seinen rechten Vorderlauf krabbelte. Einer der Jungwölfe fiepte leise im Schlaf, ein zweiter trat ihm traumverloren in den Bauch.
    Cara gähnte. Cain hörte ihre Zähne aufeinanderschlagen, als sie den Kiefer schloss, und das Geräusch, mit dem sie sich die Schnauze leckte. Mit einem wohligen Brummen rollte sich seine Schwester ein wenig zusammen und legte einen Vorderlauf um das unruhig schlafende Junge.
    Cain starrte zum Horizont, dorthin, wo sich der dunkelblaue Schnee und der schwarze Nachthimmel berührten. Ab und zu huschte ein glühender Punkt über das funkelnde Firmament oder es zogen zarte, grüne Schleier darüber hinweg, welche die in Kälte erstarrte Landschaft in ein fahles Licht tauchten.
    Cain kniff die Lider zusammen. Die Stille machte ihn schläfrig und auch er gähnte herzhaft. Alles war friedlich, so friedlich, dass er es wagen konnte, kurz die Augen zu schließen …
    Das panische, jämmerliche Jaulen eines der Welpen, zeitgleich mit dem wütenden Keckern eines Kiefernhähers, riss ihn aus dem Halbschlaf. Es raschelte, Äste brachen und irgendetwas entfernte sich hastig durchs Unterholz. Er sprang auf, senkte den Kopf, um unter den schneebedeckten Zweigen der niedrigen Kiefern hindurchzuspähen, und knurrte drohend. Was hatte das Junge? Was war geschehen?
    Cara neben ihm fletschte die Zähne. An ihrer Seite drängten sich die kleinen, schlaftrunkenen Geschwister aneinander. Nur zwei! Wo war das dritte? Der Schreck ließ Cain das Herz in der Brust wummern. Erneut hörte er das klägliche Jaulen, weiter entfernt jetzt, dann schlug es in ein kurzes Fiepen um und verstummte jäh.
    Er senkte die Schnauze in den Schnee, drehte einen engen Kreis um ihre Schlafkuhle, suchte die Spur, die davon wegführte. Scharfer Raubtiergeruch drang ihm in die Nase, nur wenige Schritte von ihrem Lager entfernt. Ein Berglöwe! Er riss den Kopf hoch und hob die Lefzen. Seine Nüstern bebten, als er die Witterung prüfte. Der lautlose Jäger war in Richtung der Schlucht verschwunden. Cain wusste nicht genau, wo sie verlief, aber wenn er sich beeilte, konnte er ihn vielleicht noch vorher erreichen.
    Ein kurzer Blick zu Cara. Auch sie war angespannt, ihre Flanken zitterten, als sie die Nase in den Wind hob. Er erkannte, dass sie den Puma ebenfalls gewittert hatte.
    Um den einen Welpen zu retten, musste er die beiden anderen und seine Schwester hier zurücklassen. Schutzlos. Doch würde er überhaupt eine Chance haben? Noch nie hatte Cain einen Berglöwen gesehen, aber Ruve war bereits einem begegnet, denn eines Tages brachte der ältere Bruder einen unverwechselbaren Geruch mit ins Rudel, samt einer üblen Verletzung an der Flanke. Jeder aus dem Pack hatte die Angst riechen können, die er verströmte, und die nur durch die Erleichterung, dem Jäger entkommen zu sein, überlagert wurde.
    Cain winselte. Er konnte den Kleinen nicht mehr hören. Die Laute vorhin und die nun herrschende Stille ließen ihn ahnen, dass er zu spät kommen würde, dass der Berglöwe seine hilflose Beute getötet hatte. Unentschlossen sah er erneut zu Cara zurück. Seine Schwester knurrte ihn an und schnappte nach ihm, eine Aufforderung, endlich zu verschwinden.
    Mit einem Satz verließ er die Kuhle unter den Fichtenzweigen. Das Junge musste zurückgebracht werden! Die Verantwortung für die Kleinen trug er, nicht Cara.
    Weißer Schnee stiebte zwischen seinen Läufen auf, als er durch den Wald hetzte. Das aufgebrachte Krächzen des noch immer schimpfenden Hähers blieb hinter ihm zurück. Da! Die Spuren des Verfolgten! Weit auseinanderliegende, riesige Tatzenabdrücke, die verrieten, dass der Jäger tatsächlich auf die Schlucht zu gehetzt war.
    Ein verzweifeltes Heulen wollte aus Cains Kehle aufsteigen, aber er bezwang es. Er befand sich auf der Jagd. So, wie Arim, Rasha und seine älteren Geschwister in diesem Augenblick. Nun musste er zeigen, dass er das, was er im letzten Jahr bei seinen Brüdern Firt und Gond spielerisch balgend gelernt hatte, jetzt nutzen konnte. Ruhe, Geduld und Ausdauer. Niemals aufgeben. Der Welpe war vielleicht schon tot, doch der Puma würde vielleicht wiederkommen. Das durfte keinesfalls geschehen.
    Nur noch ein paar Sätze, dann würde der Wald enden. Cain wusste, dass Deckung wichtig war, und er hoffte, dass die Schneetiefe reichte, um geduckt weiterzuschleichen und so nicht vorzeitig entdeckt zu werden. Bei einem Angriff wollte er die Überraschung auf seiner Seite haben. Dass der Puma zurücksah, war unwahrscheinlich, aber falls, würde die Katze bestimmt anhalten und sich zum Kampf stellen. Pumas waren Einzelgänger und die teilten nicht.
    Grünliche Flecken aus vom Himmelslicht beleuchtetem Schnee blitzten zwischen den schwarzen Stämmen auf. Der Waldrand kam näher. Die Spur führte geradewegs hinaus auf die Ebene. Irgendwo dort zog sich die Schlucht entlang und danach stieg sanft der Westhang des Elk Mountain an.
    Cain brach durch die letzten, tiefhängenden Zweige und verharrte reglos. Sein Blick strich über den Schnee, durch dessen makellose Unberührtheit sich die Tatzenspur zog wie ein hässlicher, dunkler Riss. Weit vorn bewegte sich ein grauer Punkt, schnellte vorwärts in ausladenden Sätzen.
    Er erkannte, dass er keine Chance hatte, den Puma rechtzeitig einzuholen. Der kleine Bruder, der noch nicht einmal einen Namen erhalten hatte, war verloren. Und es war seine Schuld. Die Aufgabe, die Welpen zu beschützen, während das Pack jagte, hatte Arim ihm übertragen. Eine hohe Verantwortung, denn das Überleben des letzten Wurfs sicherte den Fortbestand des Rudels.
    Heiße Scham mischte sich in den Zorn, der ihm das klare Denken zu vernebeln drohte, während er sich wieder in Bewegung setzte und der Spur folgte. Nicht in riesigen Sprüngen wie der Räuber, nein, er schnürte durch die vorgegebene Fährte, eng an den Schnee gepresst und bemüht, ihn nicht aufzuwirbeln.


    „Was ist ein Puma, Großvater?“
    Alec hatte während des Erzählens vom Heuboden hinunter in den Wohnraum gestarrt und das Tanzen der Flammen im Kamin beobachtet. Jetzt wandte er seinem Enkel den Blick zu.
    „Eine Katze, Sonny, aber sie ist so groß wie Ben. Manchmal sogar noch größer.“
    Der Junge reckte den Kopf, um auf den vor dem Kamin dösenden Husky hinab zu spähen, und riss die Augen auf. „Wie Ben?“
    Alec nickte. „Und sie ist gefährlich. Sie schleicht sich an und schlägt zu, ohne ein Geräusch zu machen.“
    „Hat der kleine Wolf überlebt?“
    Alec hörte die Angst in der Stimme des Jungen und für einen Augenblick kam ihm der Gedanke, dass Cains Geschichte wohl noch nicht für einen Siebenjährigen geeignet war. Aber Donovan war sein Enkel. Er lebte jetzt hier bei ihm in der Wildnis der Rockies und keiner konnte sagen, wie lange.
    „Das erfährst du morgen“, versetzte er rau. „Jetzt schlaf.“
    „Aber Ruve, ist der wieder ...“
    „Morgen, Sonny. Es ist spät.“
    Der kleine Bursche verzog traurig die Lippen, fügte sich aber und schob sich dann tiefer zwischen die Bärenfelle. Alec strich ihm mit seiner schwieligen Hand über den blonden Schopf. Dann stieg er die Leiter hinunter. Unten legte er noch einen Kloben Buche auf das Feuer, schenkte sich einen Bourbon ein und setzte sich in den Schaukelstuhl. Gedankenverloren kraulte seine Linke Ben den Kopf, während er an seinen Sohn dachte, der seit sieben Tagen in Denver um sein Leben kämpfte.
    Clark hatte nach der Schule beschlossen, in wärmeren Gegenden leben zu wollen. Wyoming erschien ihm unerträglich. Es lag wohl am Erbe seiner Mutter, die aus Hawaii stammte, aber die kalten Berge geliebt hatte. Also war sein Sprössling aufgebrochen, angeblich um die Familie seiner Mutter kennenzulernen. Doch er kam nie zurück. Die Postkarten, die er Alec schrieb und die verrieten, wo er sich gerade herumtrieb, wurden weniger. Irgendwann kam dann ein längerer Brief und aus dem Umschlag fiel ein Foto. Clark Arm in Arm mit einem blonden Mädchen. ‚Wir haben geheiratet, Dad‘, stand auf der Rückseite. Es war ein kleiner Stich ins Herz gewesen. Irgendwie hatte er immer gehofft, dass Clark zurück nach Hause kommen würde. Doch die Blondine im kurzen Strandkleidchen, das Meer und blauer Himmel im Hintergrund und die nicht erhaltene Einladung zu dieser Hochzeit sprachen eine deutliche Sprache. Clark hatte ein neues Zuhause gefunden. Später kam noch einmal ein Brief, in dem sein Sohn mitteilte, dass Hailey schwanger war. Auch in diesem Umschlag war ein Foto gewesen. Ein Truck, schwarz und chromglänzend. ‚Und das ist mein Baby‘ hatte Clark auf die Rückseite geschrieben, das ‚MEIN‘ in fetten, schwarzen Buchstaben.
    Alex seufzte und Ben hob winselnd den Kopf. Dieses verdammte, vierzig Tonnen schwere, verchromte Baby lag nun einhundertzwanzig Meter unterhalb des Highway 50 zerschmettert in einem Bachbett. Und Clark, sein Junge, auf der Intensivstation des Traumazentrums in Denver.
    Hailey hatte Sonny hergebracht.
    An diesem Tag war er mit Ben im Wald gewesen. Ben war vorausgesprungen und verbellte nun jemanden oder etwas. Es kam selten jemand zu seiner Hütte. Chat höchstens, der Alte, der weiter unten am Fluss wohnte, oder Frank, der Fallensteller. Bens hartnäckiges Lautgeben ließ darauf schließen, dass er Besuch hatte.
    Als er aus dem Wald trat und den Range Rover sah, wurde klar, dass es ein Fremder war. Aber noch mehr staunte Alec, als eine zierliche, blonde Frau ausstieg.
    Ein scharfer Pfiff rief Ben an seine Seite. Langsam ging er auf den Wagen zu, den Hund neben sich behaltend.
    „Alec?“, fragte sie und ihre Stimme klang dünn, ein bisschen furchtsam.
    „Der bin ich“, gab er knapp zurück. „Und wer sind Sie?“
    „Hailey. Und Donovan.“ Sie öffnete die hintere Tür des Autos und ein kleiner Junge kletterte heraus. „Wir brauchen Ihre Hilfe.“ Mit einer Hand hob sie einen himmelblauen Kinderkoffer vom Rücksitz, mit der anderen schob sie den Jungen vor sich, als brauchte sie ihn als Schutzschild.
    Kurz darauf saßen sie in der Hütte. Er hatte Tee gekocht und sie redeten. Eigentlich redete Hailey und er hörte zu. Sie erzählte von ihrem Leben in Los Angeles, von Clark, von dem Unfall und dass sie gern an seiner Seite im Krankenhaus sein würde, aber niemanden habe, der sich um Donnie kümmern könnte. Ob er vielleicht ...?
    Sein Blick war zu dem Jungen gewandert, der auf dem Fell vor dem Kamin saß und mit Ben spielte. Der Husky genoss die Aufmerksamkeit, ließ sich kraulen und jaulte vor Freude, während Alec sich vorzustellen versuchte, wie sich sein Leben ändern würde, wenn er Haileys unausgesprochener Bitte zustimmte.

    Hailey schwieg. Anscheinend ahnte sie, dass das in Ruhe überlegt werden musste.
    Als er am nächsten Morgen mit dem Jungen und dem Hund vor der Hütte stand, den zweiten Kinderkoffer neben sich und dem Auto nachschauend, wusste er, dass ihm ein großes Geschenk gemacht worden war. Er hatte seine Schwiegertochter kennenlernen dürfen, eine starke Frau, die Clark unsagbar liebte. Und sein Enkel würde bei ihm wohnen. Wie lange, war ungewiss. Aber Alec nahm sich vor, jeden einzelnen Tag zu genießen.




    Hier geht's weiter: Kapitel 3

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    7 Mal editiert, zuletzt von Tariq () aus folgendem Grund: Neue Version eingestellt

  • Das ist sehr schön geworden. Ich war genau mittendrin im Geschehen. Bitte schreib weiter!


    Seine Schwester knurrte ihn an und schnappte nach ihm, eine Aufforderung, endlich zu verschwinden.

    Nun mal zu deinem "keine Dialoge"-Experiment. Das hier ist ja so ein Beispiel. Du zeigst die Geste und die Tiere wissen sicher, was sie bedeutet, aber für uns Leser musst du sie doch erklären. Hier finde ich, hast du das geschickt gemacht, ohne dass es auffällt. Aber sowas wird wohl in der Folge noch häufiger kommen. Nur die Gesten zu zeigen, könnte für den Leser manchmal zu Missinterpretationen führen


    Aber damit wollte ich dich nicht verunsichern (ist nur ein Gedankenspiel). Es ist eine süße Geschichte. Bitte mehr davon!

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  • Finde ich eine gute und gelungene Fortsetzung, atmosphärisch fast noch ein bisschen besser als Part 1 :) Gefällt mir.


    Was mir aufgefallen ist:

    Wenn er definitiv weiß, dass der Welpen tot ist, macht sein Verhalten wenig Sinn. Er denkt ja doch auf Basis einer "menschlichen" Logik (bzw. tue ich das als Leser). Insofern wäre die Ungewissheit / Hoffnung für mich ansprechender. Auch weil er ja ständig seine Rolle als Beschützer einmahnt - so würde er mit der versuchten Rettung eines potentiell noch lebenden Rudelmitglieds dem Auftrag nachkommen. Aktuell lässt er die verbleibenden zwei Welpen mit nur einem Jährling als Schutz zurück, um ein (aus seiner Sicht) definitiv verlorenes Mitglied des Rudels zu bergen - ggf. sogar um den Preis des eigenen Lebens, so ein Puma ist ja sicher ein harter Gegner. Und selbst wenn es gelingt: Was dann? Tot ist leider tot. Also warum tut er was er tut? Diese Idee der Sühne und Bestrafung ist mir für die unmittelbare Situation zu abstrakt.

    Auch weil ich jetzt Part 2 kenne, möchte ich nochmal auf das Ende von Part 1 zurückkommen: Was für mich nicht ganz so gut funktioniert, ist der intendierte Cliffhanger. Für mich ist es irgendwie keiner ?( Würde da eher in der scheinbar sicheren Situation des Einschlafens, also mit dem

    kurz die Augen zu schließen …

    die Kapitelteilung machen und dann mit der unmittelbaren Szene bei Part 2 wieder einsteigen. Aber das nur so als Idee :)

    Ich freue mich auf weitere Parts

    LG

  • Zuerst vielen Dank für euer Interesse, euer Lob und die hilfreichen Anmerkungen :danke: Ich freu mich sehr!

    Da es bis Freitag noch eine Weile hin ist, will ich euch heute schon antworten.

    Solltet ihr der Meinung sein, dass eine Woche zwischen den Posts zu lange ist, gebt mir einfach Bescheid. Aber ich weiß ja, dass du, Kirisha, sehr viel hier im Forum liest, und dachte, dass engere Abstände nicht so toll werden. Also sagt einfach, wie/ob es für euch funktioniert. :)

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  • Heyho Tariq

    Weißer Schnee stiebte zwischen seinen Läufen auf,

    "stob"

  • So, ihr Lieben, die Woche ist um und Freitag ist Wolfs-Tag :D Danke für euer Interesse!

    Zum vorigen Teil: Kapitel 2


    Kapitel 3 – Die Verfolgung


    „Wie ging es weiter? Hat Cain den kleinen Bruder gefunden?“
    Sie saßen an dem groben Holztisch mit der blankgescheuerten Platte und frühstückten. Alec kaute noch an seinem Brotkanten und schnitt sich eine weitere dünne Scheibe von der Hirschkeule.
    Sonny war bereits fertig. Die Kinderhände umfassten den blechernen Teebecher und die dunklen, noch ein wenig schlaftrunkenen Augen waren erwartungsvoll auf ihn gerichtet.
    Alec lächelte. Vor Tag und Tau war der Junge vom Heuboden geklettert und wollte den Fortgang der Geschichte hören. Der Einwand, dass Waschen und Frühstücken erst erledigt sein mussten, bevor er mehr erfahren würde, ließ Sonny den Mund verziehen. Aber er fügte sich. Jetzt hatte er sein Brot vertilgt und nicht vor, sich länger vertrösten zu lassen.
    „Großvater?“
    Alec merkte, dass er seinen Enkel angestarrt hatte. Er besann sich. Mit der Rechten angelte er seine Tabaksdose vom Wandbord über dem massiven Holztisch, während er gleichzeitig mit der Linken seine Pfeife aus der Westentasche fingerte. Stumm sah der Junge ihm beim Stopfen zu. Der kleine Bursche gefiel Alec. Er platzte fast vor Ungeduld, aber er drängelte nicht noch einmal. Auch nicht als Alec aufstand und einen Kienspan ins Feuer hielt, um damit die Pfeife anzuzünden.
    Als die ersten blauen Rauchschwaden zu den Deckenbalken der Blockhütte aufstiegen, setzte er sich wieder an den Tisch.


    Vor Cain ragte der Elk Mountain auf. Den Berg berührten die Tragödien nicht, die sich zu seinen Füßen abspielten. Erhaben und majestätisch strebte er in den Himmel hinauf.
    Aber Cain zerrissen die Schuldgefühle fast. Er war eingedöst und seine Unaufmerksamkeit hatte seinen Bruder getötet, ein kleines, hilfloses Wesen, das an seiner Seite geschlafen hatte, sich in völliger Sicherheit wähnend.
    Wie hatte der Puma so nahe an die Kuhle herankommen können? Wieso hatte Cara ihn nicht bemerkt? War sie auch eingeschlafen gewesen?
    Vor ihm tat sich ein dunkler Abgrund auf. Er hatte die Schlucht erreicht. In der Tiefe rauschte das Kaltwasser, ein eisiger Bach, der von den Berghängen herabstürzte, das Gestein ausgewaschen hatte und weiter unten im Tal in den See mündete. Wie erwartet, war der Puma verschwunden. Die Spur endete hier. In den steil abfallenden Felsen, die allenfalls Katzenpfoten Halt boten beim Klettern, gab es Höhlen und Überhänge. Es war sinnlos, die Verfolgung fortzusetzen.
    Cain setzte sich in den Schnee. Wieder drängte das zornige Heulen nach draußen und erneut bezwang er es. Diesen Laut würde das Pack hören, egal wie weit es entfernt war. Es gab kein anderes Rudel am Elk Mountain und Arim käme sofort zurück, wenn er ihn vernahm. Doch die Jagd durfte nicht gestört werden. Sie brauchten eine Beute. Und sein Heulen würde den kleinen Bruder nicht zurückbringen. Also winselte er. Leise und klagend. Es klang schaurig in der Stille der Nacht.
    Ein letzter Blick vom Rand der Schlucht nach unten. Bis dort hinunter drang das Mondlicht nicht und die Finsternis war vollkommen. Keine Bewegung konnte er erspähen und außer dem Rauschen des Wassers war nichts zu hören.
    Mit hängendem Kopf wandte er sich um und lief zurück zum Lager unter der Kiefern. Cara war mit den anderen beiden Welpen allein. Er wusste, seine Schwester konnte sich durchaus ihrer Haut wehren, aber zeitgleich noch zwei Junge zu beschützen, würde ihre Kräfte übersteigen. Er erhöhte sein Tempo und hoffte inständig, dass er bei seiner Rückkehr die drei unversehrt fand.
    Die Ebene war bereits halb überwunden und vor ihm erhob sich der Wald wie eine Mauer. Die Äste der verschneiten Bäume reichten am Rand tief hinab. Vorhin war er langsam durch sie hindurchgeschlichen, um sich zu orientieren und keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Jetzt brach er rücksichtslos hindurch, seiner eigenen Spur folgend. Hinter sich hörte er, wie die Schneelast von den Zweigen rutschte und mit dumpfem Geräusch auf den Boden schlug.
    Ein kaum zu vernehmendes Winseln vor ihm ließ ihn erleichtert aufseufzen. Er hatte sich nicht mehr bemüht, leise zu sein. Cara musste ihn gehört haben und versicherte ihm so, dass alles in Ordnung war.
    Er konnte ihr nicht in die Augen sehen, als er die Kuhle erreichte. Ohne den spielerischen Biss in den Nacken zur Begrüßung legte er sich neben den beiden Jungen nieder. Seiner Schwester brauchte er nichts zu erklären. Dass er ohne den Welpen zurückgekommen war, sagte alles. Er hatte versagt.


    „Aber vielleicht hat das Wolfsbaby ja doch überlebt?“ Sonnys Stimme klang zittrig und dünn, wie die seiner Mutter, als sie ihn hergebracht hatte.
    Alec hörte die Hoffnung, die in den Worten mitschwang. Er kannte sich nicht aus mit Kindern, aber er vermutete, dass es zu ihrer kleinen heilen Welt gehörte, dass die Dinge gut ausgingen. Aber so war das Leben nicht. Zumindest nicht hier oben in den Bergen. Hier wehte ein rauer Wind. Für das Überleben musste gekämpft werden und den Sieg trug in der Regel der Stärkere davon. Hilflose Geschöpfe wie Cains kleiner Bruder kamen unter die Räder. Und wenn Sonny hier bei ihm lebte, dann würde er damit klarkommen müssen. Los Angeles war weit weg und die Wildnis hatte ihre eigenen Gesetze.
    „Nein, Sonny, das hat es nicht.“
    „Da fühlt sich Cain sicher schlimm jetzt.“ Er starrte verzagt in seinen Becher. „Aber seine Familie wird es sicher verstehen, dass er den Kleinen nicht retten konnte.
    Alec nickte versonnen. „Ja, das sollte man meinen.“
    „Bestimmt hat Cara ihn getröstet und seine Mama bekam neue Babys.“
    Manchmal war die Kinderwelt wirklich erschreckend in ihrer Einfachheit. Wenn Sonny ahnen würde, wie die Geschichte weiterging ...



    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Das ist wieder ein sehr schöner Abschnitt! Die Landschaft kann ich mir sehr gut vorstellen und der Jungwolf tut mir leid!

    Ein paar Kleinigkeiten hätte ich:

    Aber Cain zerrissen die Schuldgefühle fast. Er war eingedöst und seine Unaufmerksamkeit hatte dem Puma die Chance gegeben, seinen Bruder zu rauben, ein kleines, hilfloses Wesen, das an seiner Seite geschlafen hatte, sich in völliger Sicherheit wähnend.
    Wie hatte die Katze so nahe an die Kuhle herankommen können? Wieso hatte Cara sie nicht bemerkt? War sie auch eingeschlafen gewesen?
    Vor ihm tat sich ein dunkler Abgrund auf. Er hatte die Schlucht erreicht. In der tiefe

    Die beiden roten Markierungen stören meinen Lesefluss. Der erste Satz endet eigentlich mit "Schuldgefühle", aber es wird noch ein "fast" eingeschoben. Das irritiert mich leicht.

    "eingeschlafen gewesen" - das ist grammatikalisch sicherlich korrekt, aber klingt unschön. Ich mag eh keinen Plusquamperfekt. Wie du es ändern könntest, weiß ich allerdings auch nicht.


    Und "in der Tiefe" wäre hier korrekt.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Tariq ich bin dran, komme aber aktuell zeitlich nicht dazu, eine profunde Rückmeldung zu verfassen ;) Sollte das aber am Donnerstag - also rechtzeitig vor Erscheinen des nächten Teils - hoffentlich noch hinkriegen.

  • Hey, Jota und Kirisha :)

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Zum vorigen Teil


    „Die zunehmende Kälte kündigte den nahenden Morgen an, lange bevor am Himmel ein erster, blasser Streifen erschien.
    Cain, der den Rest der Nacht wach gelegen und in das sanfte, grün-blaue Himmelslicht gestarrt hatte, hob den Kopf von den Vorderpfoten und spähte zu seiner Schwester hinüber. Cara schlief noch und auch die beiden Welpen lagen eng an sie geschmiegt und pressten die kleinen Schnauzen in ihr warmes Bauchfell.
    Nur zwei ... Der dritte war heute Nacht geraubt und getötet worden.
    Während er wach lag, hatte Cain sich wieder und wieder die Szene ausgemalt, in der das Pack zurückkommen und die schreckliche Wahrheit erfahren würde. Rasha, die Mutter ... seine älteren Brüder Firt und Gond, seine Schwestern Mesa und Nona und natürlich Arim, sein Vater.
    Der Leitwolf duldete keine Fehler und seine oft gnadenlose Bestrafung kleinster Vergehen hatte Cain schon oft am eigenen Leib erfahren müssen. Er erinnerte sich an die furchtbare Nacht, die er allein im Wald verbringen musste, weil er mit seinen Geschwistern gerauft und Cara versehentlich verletzt hatte. Firt, damals noch ein Jährling, war ebenfalls dabei gewesen, hatte sich jedoch rechtzeitig aus dem Staub gemacht, als Arim auftauchte.
    Die Strafe des Leitwolfs war umgehend erfolgt. Arims gewaltige Kiefer hatten sich um Cains Nacken geschlossen und ihn fortgetragen von den anderen. Weg von der heimatlichen Höhle, in den Wald hinein zu einer anderen, winzig klein und leer.
    Er war noch ein Welpe gewesen und erinnerte sich an die Angst, die ihn förmlich gelähmt hatte. Reglos war er sitzengeblieben, da, wo Arim ihn abgesetzt und Rasha ihn am Morgen danach abgeholt hatte. Ein kleines, eiskaltes Fellbündel, starr vor Furcht und vor Kälte. Niemals würde er seine Erleichterung damals beim Anblick der Mutter vergessen. Auch wenn er später erfahren hatte, dass Ruve während der ganzen Zeit in unmittelbarer Nähe verborgen über ihn gewacht hatte – es war die schlimmste Nacht seines jungen Lebens gewesen.
    Und jetzt hatte er nicht nur ein gleichaltriges Mitglied des Rudels versehentlich verletzt, sondern den Tod eines der jüngsten verschuldet, weil er eingeschlafen war. Arims Zorn würde keine Gnade zulassen. Wie würde er selbst handeln, wenn er der Leitwolf wäre? Welche Strafe erschien ihm angemessen? Dass er bestraft werden musste, war ihm klar. Auch wenn schwache Wölfe im Rudel geduldet und sogar beschützt wurden, gab es dafür doch Grenzen.
    Cara neben ihm hob den Kopf. Verschlafen blinzelte sie die zunehmende Helligkeit am Horizont, dann heftete sich ihr Blick auf ihn. Er sah Mitgefühl in ihren Augen und auch Verständnis. Sie litt mit ihm, teilte seine Angst vor dem Vater.
    Japsendes Hecheln kündigte die Rückkehr des Packs an und nur Sekunden später erreichte Arim als Erster die Kuhle unter den tiefhängenden Zweigen. Hinter ihm erschienen Firt und Gond, dann Mesa, Nona und zuletzt Rasha.
    Die Aufmerksamkeit der Mutter galt zuerst den Welpen. Sie waren erwacht und sprangen aufgeregt zwischen den erwachsenen Wölfen umher.
    Cain beobachtete, wie Rasha erstarrte. Sie hatte das fehlende Junge bemerkt. Ihr Blick flog zu ihm und sie knurrte. Zögernd und mit eingekniffener Rute erhob er sich. Cara, die ebenfalls auf die Füße gekommen war, schob sich neben ihn, als müsse sie ihn beschützen. Die Mutter schnappte nach ihr und knurrte auch sie mit hochgezogenen Lefzen an. Seine Schwester senkte den Kopf und winselte, blieb aber an seiner Seite.
    Arim umrundete suchend die Kuhle und seine Schnauze blieb in der Pumaspur hängen. Cain wusste, dass sein Vater auch seine Fährte bemerkte und erkannte, dass er den Mörder verfolgt hatte. Trotzdem war dieser entkommen.
    Der Leitwolf hob den Kopf und witterte, doch die Spur war kalt. Ein lautes Heulen drang in den stillen Morgen hinaus, schmerzerfüllt und zornig zugleich, dann fuhr Arim herum zu ihm. Seine Augen glitzerten gefährlich und Cain duckte sich, um dem Vater den ungeschützten Nacken darzubieten.
    Doch der griff ihn nicht an. Er stand mit gespreizten Läufen, angelegten Ohren und gefletschten Zähnen vor ihm.
    Cain wusste nicht, was er tun sollte. Unschlüssig trat einen Schritt zurück. Sofort rückte der Vater nach, ohne von seiner Drohhaltung abzulassen. Wieder tat Cain einen Schritt nach hinten und wieder folgte Arim. Noch zweimal wechselten sie sich so ab, bis Cain begriff: Er hatte das Rudel zu verlassen. Sein Vater verstieß ihn. Rasha hinderte ihn nicht, was zeigte, dass sie die Entscheidung des Leitwolfes billigte.
    Cain legte sich hin, drehte sich auf den Rücken und bot dem Leitwolf die ungeschützte Kehle dar. Doch es reichte nicht. Sein Vater stieß ein heiseres Bellen aus, machte einen Satz auf ihn zu und stemmte seine Vorderläufe unmittelbar neben seinem Kopf in den Schnee. Eine letzte Warnung, endlich zu verschwinden.
    Cain sprang auf und lief ein paar Schritte weg. Aus sicherer Entfernung sah er zurück und suchte Caras Blick. Seine Schwester stand neben der Mutter und starrte zu ihm herüber, Trauer und Entsetzen in den Augen.
    Firt löste sich auf einen Blick von Arim aus der Gruppe und kam in seiner Spur auf ihn zu. Cain bemerkte es, drehte sich um und ließ sein Rudel hinter sich. Es war nicht nötig, Firt darüber wachen zu lassen, dass er auch wirklich wegging. Er wusste, der Bruch war endgültig. Es gab keine Rückkehr. Er würde Eltern und Geschwister nicht wiedersehen und wenn, dann waren sie nicht mehr seine Familie.


    „Was?! Aber Cain konnte doch nichts dafür!“ Empört starrte Sonny Alec an. „Er war so müde!“
    „Er ist eingeschlafen, obwohl er auf seine Geschwister aufpassen sollte. Und deshalb ist der kleine Bruder gestorben.“
    „Aber hätte ein Ausschimpfen nicht gereicht? Mama erlaubt mir keine Süßigkeiten, wenn ich ...“
    „Sonny, es gibt Regeln, an die man sich halten muss. Egal ob man ein Mensch ist oder ein Wolf. Egal ob man ein Kind ist oder ein Erwachsener. Manche von ihnen regeln nur das Miteinander, aber manche retten auch dein Leben. Es ist besser, wenn du dir das merkst.“
    Alec stand auf und brachte Teller, Besteck und Becher zu der Abwaschschüssel hinüber. Der kleine Herd hatte den Topf mit Wasser bereits heiß gemacht. Alec goss es über das benutzte Geschirr und drückte Sonny, der bedrückt am Tisch sitzengeblieben war, ein nicht mehr ganz sauberes Tuch in die Hand. „Du trocknest ab“, erklärte er.
    Der Junger erhob sich. An seinen schwerfälligen und lustlosen Bewegungen erkannte Alec, dass er mit der Rechtfertigung der Strafe seinen Enkel nicht zufriedenstellen konnte und dass er Sonny außerdem mit seiner Schroffheit vor den Kopf gestoßen hatte.
    „Cain nicht zu strafen, wäre für die anderen Rudelmitglieder ein Zeichen von Schwäche gewesen“, schob er deshalb milder hinterher, „und die kann sich Arim nicht leisten. Schwache Rudelführer werden von Einzelgängern herausgefordert und müssen um ihr Rudel kämpfen. Und der Leitwolf hat nicht nur stark, sondern auch streng zu sein. Seine Erziehung bereitet die Jungwölfe auf das raue Leben in der Wildnis der Berge vor. Manche von ihnen werden selbst einmal ein Rudel führen und Jungwölfe erziehen.“
    „Mommy ist auch streng.“ Sonny sah Alec treuherzig an. „Sie sagt, sie muss das sein, weil Dad so oft nicht da ist.“
    Alec fühlte einen schmerzhaften Stich in der Brust. Der Junge und seine Mutter schienen Clark tatsächlich nicht oft zu sehen. Hailey hatte das angedeutet, wollte ihren Mann aber wahrscheinlich nicht in einem schlechten Licht dastehen lassen.
    „Wieso hat Cain sich vor Arim auf den Rücken gelegt?“, fragte Sonny in seine Gedanken hinein. „Unser Kater zu Hause macht das, wenn er spielen will.“
    „Das ist beim Wolf eine Geste der totalen Unterwerfung.“ Alec schüttete das Wasser aus und trocknete sich die Hände ab. „Sie bedeutet, dass der, der sich hinlegt, dem anderen erlaubt, mit ihm zu machen, was er will und ihn sogar zu töten. Damit hat Cain gezeigt, dass er Arim bedingungslos als Leitwolf anerkennt und ihm niemals die Führung des Rudels streitig machen wird.“
    „Und wie geht es weiter mit ihm? Muss er wirklich seine Familie verlassen?“
    Alec ging zum Kamin und klopfte die Pfeife aus. „Das erfährst du heute Abend.“ Er schnalzte leise mit der Zunge und Ben, der auf dem Fell vor dem Feuer gedöst hatte, sprang auf die Füße. „Jetzt gehen wir erst mal an den See hinunter. Ich will schauen, ob ich ein paar Fische für das Mittagessen fangen kann.“ Er ging hinüber zu der Kommode, auf der er den Kinderkoffer abgelegt hatte. „Es hat geschneit und ist kälter als gestern. Du brauchst Handschuhe und Mütze. Hat deine Mutter dir warme Stiefel eingepackt?“


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  • Zum vorigen Teil: Kapitel 2


    Kapitel 5 – Die Wanderung (1/2)


    Ausgelassen tollte Ben vor ihnen her, als sie hintereinander durch den Schnee stapften. Alec, der voranging und die Angelausrüstung, die Axt und ein Bärenfell trug, bemühte sich kleine Schritte zu machen. Sonny, der den Rucksack mit der Teeflasche und dem Brot trug, sollte in seiner Spur bequem folgen können und sich nicht selbst einen Weg bahnen müssen, denn Alec wollte nicht, dass der Junge bereits bei der Ankunft am See durchgeschwitzt war. Es war kalt heute, so sehr, dass Alecs Atem am Bart zu Kristallen gefror. Seiner Erfahrung nach dürften das fast zehn Grad unter Null sein und der eisige Wind, der trotz des klaren Himmels durch den Wald fegte, biss in Wangen und Nasenspitze.
    Als sie nach einer knappen Viertelstunde am Waldrand ankamen und sich zwischen den tief herabhängenden Fichtenzweigen hindurchschoben, hörte Alec, wie dem Jungen hinter ihm ein überraschter Laut entfuhr. Verhalten lächelte er, denn er hatte etwas in der Art erwartet.
    Der Anblick des Sees konnte einem den Atem stocken lassen. Und heute, bei diesem wolkenlosen Himmel und dem grellen Sonnenschein, der den Himmel noch blauer leuchten und die Schneekristalle wie Diamanten glitzern ließ, war er sicher gewesen, dass Sonny staunen würde.
    Los Angeles kann da nicht mithalten, dachte Alec bei sich, und wenn der Junge nur ein paar von meinen Genen in sich trägt, dann wird er sagen, dass es hier schöner ist als zu Hause.
    Er drehte sich um, weil sein Enkel stehen geblieben war. „Was ist?“, wollte er wissen.
    Sonny stand mit offenem Mund da. Er regierte gar nicht auf die Frage, er war voll und ganz damit beschäftigt, die Eindrücke in sich aufzunehmen.
    Obwohl er in seiner längsten Ausdehnung nur knapp zweihundert Meter maß, nahm der See fast die gesamte Talsohle ein. Sein Wasser, das von den Bergen kam, war klar und eisig kalt. Hierher führten keine Wege und man hörte auch nicht in der Ferne das Brummen von Fahrzeugen. Hier war man allein mit der Natur. Und deshalb liebte Alec dieses Fleckchen Erde und er nahm sich vor, diese Liebe auch seinem Enkel ins Herz zu pflanzen.
    Die dicken Baumstämme, auf denen er beim Angeln immer saß, waren von einer dicken Schicht Schnee bedeckt. Ben tobte um sie herum, schob seine Nase in eine frische Waschbärspur, die das unberührte Weiß zerschnitt und bellte ein Eichhörnchen an, das aus sicherer Höhe neugierig auf sie herabschaute.
    „Wir können hier gar nicht angeln, Großvater, es ist alles zugefroren“, hörte Alec den Jungen sagen. Traurigkeit lag in der Kinderstimme. Er wandte sich um und hob die Axt, die er in der Linken getragen hatte. „Doch, Junge. Wir hacken uns ein Loch ins Eis. Das mache ich im Winter immer so.“
    „Und da beißen Fische an?“
    Ale nickte. „Sie sind im Winter dankbar für jeden Happen Futter. Du wirst sehen, bis zum Mittag haben wir jeder einen Fisch, den wir gleich hier essen, und zwei oder drei weitere für eine kräftige Fischsuppe am Abend.“
    Während er das Loch hackte, schaute er ab und zu zu Sonny hinüber, der auf seine Anweisung hin dürre Zweige und halbwegs trockene Äste für ein Feuer suchte. Nach wenigen Minuten hatte er die Angel positioniert und half Holz zu sammeln. Unter den Zweigen der Bäume, wo kein Schnee lag, gab es genug davon. Es dauerte nicht lange, bis das Feuer prasselte.

    Sie saßen nebeneinander auf dem dicken Baumstamm, den Alec vorher vom Schnee befreit hatte. Sonny – so in das Bärenfell gewickelt, das nur die Hand mit dem dampfenden Teebecher und die gerötete Nasenspitze herausschauen ließ – starrte vor sich hin.
    „Großvater?“, meinte er irgendwann zögernd.
    „Hm?“ Alec, der die Angel nicht aus den Augen lassen wollte, wandte nur ab und zu für einen Moment den Blick ab, um das Feuer zu schüren oder den Stock mit den aufgespießten Fischen zu drehen.
    „Es dauert noch ein bisschen, bis wir sie essen können, oder?“
    Alecs Mundwinkel zuckten. Er erriet, was sich hinter der Frage verbarg. Sonny wollte wissen, wie es mit Cain weiterging. „Ein paar Minuten nur. Aber ich kann trotzdem erzählen.“


    Cain hatte sich dem Elk Mountain zugewandt, ohne nachzudenken, und war in seiner eigenen Spur von heute Nacht gelaufen. Im Nordwesten des Berges lag der kleinere Rattlesnake Mountain. An dessen Südosthang sank der Schatten tiefer, als würde er sich zurückziehen vor der Sonne, die über dem großen Nachbarn aufstieg. Gegen ihre unerbittlichen Strahlen focht er einen Kampf aus, den er nicht gewinnen konnte.
    Dem jungen Wolf fiel ihm ein, dass er bald auf die Schlucht treffen würde, wenn er diese Richtung beibehielt. Sie war nicht tief, aber ein Wolf würde die steilen Wände nicht hinabklettern können und unweigerlich abrutschten.
    Cain musste sich nach Süden wenden, um vielleicht irgendwann auf einen weniger steilen Abstieg zu stoßen, oder bis fast zum See hinuntersteigen, wo das Kaltwasser sich gurgelnd zwischen großen Geröllbrocken hindurchzwängte. Mit deren Hilfe konnte er den eisig kalten Bach überqueren, ohne schwimmen zu müssen. Der Frost war gnadenlos und ein durchtränkter Pelz konnte bei dieser Kälte selbst einem jungen und kräftigen Wolf wie ihm zum Verhängnis werden.
    Er entschied sich für den See, verließ seine Spur und wandte sich nach Norden. Bald würde die Sonne den Elk Mountain umwandert haben und ihn wärmen. Aber noch fegte ihm ein schneidender Wind über die Ebene entgegen und riss ihm die Dampfwolken, die sein Atem bildete, von der Schnauze. Cain senkte den Kopf, um dem eisigen Feind so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten.
    Sein Magen knurrte hörbar. Kurz dachte er daran, das vom Rudel erbeutete Wild zu suchen. Das Blut an der Schnauze des Vaters war nicht zu übersehen gewesen. Vielleicht hatten die anderen etwas übrig gelassen. Doch er gehörte nicht mehr zu ihnen und hatte deshalb keinen Anspruch auf einen Teil der Beute. Außerdem würde einer der Jäger jetzt in diesem Moment Cara und die beiden Welpen hinführen, damit sie sich sattfressen konnten.
    Cain trabte mit gesenktem Kopf. Er hatte ein Tempo angeschlagen, das ihm ein langes Durchhalten über größere Strecken ermöglichte. Der See musste sich weit unten im Tal befinden. Er war nie dort gewesen und kannte ihn nur aus den Erzählungen von Ruve.
    Ruve ...
    Er hatte den zwei Jahre älteren Bruder verehrt. Nur Cara nahm einen vergleichbaren Platz in seinem Herzen ein. Der gelassene und besonnene Silberwolf war ihm wichtiger gewesen als Firt oder Gond, die doch ebenfalls seine älteren Brüder waren.
    Ruve hatte das Rudel verlassen, gemeinsam mit den gleichaltrigen Schwestern Baski und Ouna. Das war üblich, sobald man selbst jagen konnte und die Gefährtin des Leitwolfes die Familie mit einem neuen Wurf Welpen vergrößerte.
    Vier waren es im Frühling gewesen. Eines hatte die ersten Wochen nicht überlebt, ein weiteres die vergangene Nacht. Damit besaß das Rudel in diesem Winter zwei Mitglieder weniger, weil auch er nicht mehr dazugehörte. Ein kaum nennenswerter Vorteil für Arim, wenn man bedachte, wie knapp das Wild war. Und eine Katastrophe für Cain. Er war noch nicht bereit, sich selbst zu versorgen. Wie sollte er überleben? Nicht einmal Firt und Gond würden das Rudel nach dem nächsten Wurf verlassen, denn jeder, der beim nächtlichen Beutezug dabei war, zählte.
    Er hatte noch nie gejagt, war höchstens spielerisch mit Cara Kaninchen hinterhergehetzt. Doch das war Lernen gewesen und erst im Herbst hatte er das erste Mal allein einen kranken Marder erbeutet. Firt und Gond hatten ihn lediglich herablassend gemustert, weil das kleine Raubtier schon fast tot war, als er endlich seine Kiefer darum geschlossen hatte.
    Nun würde er jagen müssen. Anders konnte er den Winter nicht überstehen. Und er brauchte bald etwas in den Bauch, denn er benötigte Kraft. Wieder dachte er an Cara und die Welpen, die sich in diesem Moment satt fressen konnten.
    Es war so unsagbar kalt. Der eisige Wind trieb ihm das Wasser in die Augen und ließ es an den Wimpern gefrieren. Weit und breit war nichts, was dem wütenden Angriff der Eisnadeln etwas entgegensetzen konnte. Jedes Einbrechen in die verharschte Schneedecke war schmerzhaft, denn die scharfen Kanten rissen am Fell der Läufe.
    Cain zog den Kopf noch tiefer und setzte seinen Weg fort. Das Ende des Schattens, den der Berg warf, kam näher und der bislang leicht bläuliche Schnee verwandelte sich in reines, blendendes Weiß, das Cain zwang, die Augen zuzukneifen. Nur noch wenige Schritte weiter und die Sonne berührte ihn. Liebkosend strichen ihre Strahlen über seinen Rücken. Die Wärme lockerte die von der Kälte steifen Muskeln und machte sein Laufen wieder geschmeidiger.
    Cain erreichte einen kleinen Felsen, auf der er stehen blieb. Die Landschaft vor ihm senkte sich leicht ab und unter ihm breitete sich ein kleines Tal aus, in dessen Mitte der See wie ein azurnes Auge in der weißen Weite leuchtete. Die Sonne war noch nicht hoch genug gestiegen, um ihn zu erreichen, und die Talsohle gehörte noch den blauen Schatten.
    Es war doch nicht so weit gewesen, wie er erwartet hatte. Hechelnd wandte Cain den Blick nach rechts. Die Schlucht, die ihn während seines Weges begleitet hatte, war niedriger geworden und die steile Wand hatte sich merklich abgesenkt. Das Gurgeln des Kaltwassers war jetzt deutlich zu hören, als es - über die Geröllbrocken plätschernd - dem See zustrebte.
    Nichts regte sich. So weit Cain sehen konnte, zeigte sich kein lebendes Wesen. Der Morgen war inzwischen fortgeschritten und der Hunger bohrte in seinen Eingeweiden. Prüfend hob er die Nase in den Wind. Doch er konnte keine Witterung aufnehmen. Da half wohl alles nichts. Er musste zurück in den Wald. Vielleicht fand er ein Kaninchen oder ein unvorsichtiges Eichhörnchen.


    An der Stelle brach Alec ab, beugte sich vor und nahm Fische von der Glut weg. Vorsichtig löste er sie von den Stöcken. „Lass die Hände im Fell“, wies er Sonny an. „Ich füttere dich.“
    Der Junge kicherte. „Wie ein Baby?“, fragte er grinsend.
    „Nein, wie einen, der erfriert, wenn er das Bärenfell öffnet, ohne sich danach ordentlich zu bewegen. Das bedeutet, du wirst das Fell erst ablegen, wenn wir uns auf den Heimweg machen.“
    Mit diesen Worten begannen sie ihre ungewöhnliche Mahlzeit. Ben, der Rastlose, stromerte irgendwo herum, aber Alec wusste, dass der Husky auf den leisesten Pfiff von ihm sofort zurückkommen würde.

    Während sie aßen, ließ er den Blick schweifen. Den See, der unter der Eisdecke erstarrt lag, umgab völlig Ruhe. Hoch über ihm kreiste ein Adler, ab und zu einen Schrei ausstoßend. Die Uferzonen waren unberührt. Kein Tier trat aus dem Schutz des Waldes heraus. Aber es konnte durchaus passieren, dass ein Bär auf seinem Spaziergang plötzlich neben ihnen auftauchte.
    Als Fische und Brot verzehrt waren, packte Alec zusammen. Dreimal noch hatte die Angel gezappelt und ihre Ausbeute würde heute Abend eine kräftige Fischsuppe abgeben. Die Schatten wurden bereits länger und in einer halben Stunde würde auch die Kälte wieder zunehmen. Es war Zeit nach Hause zurückzukehren.


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  • Herzlichen Dank, liebe Kirisha :love: Hier kommt der nächste Teil für dich. Momentan hab ich nicht viel Zeit zum Schreiben, deshalb nur ein kleiner Part. Sorry dafür.

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    Zwei Tage waren vergangen, seit Cain vom Leitwolf aus dem Rudel verstoßen worden war. Schon da war er hungrig gewesen. Inzwischen tobte eine reißende Bestie in seinem Inneren, die ihm schmerzhafte Bauchkrämpfe bescherte. Er brauchte Beute.
    Fünf Versuche hatte er bereits unternommen, etwas zu jagen. Zwei davon hätten ihm ein Kaninchen eingebracht. Geduldig hatte er in der Dämmerung ausgeharrt, bis sich das erste so weit vom Bau entfernte, dass er es hätte erreichen können, bevor es wieder darin verschwinden konnte. Das war zumindest der Plan gewesen. Der trockene Ast, der – unter dem Schnee verborgen - sein Aufspringen aus der Deckung mit einem lauten Knacken verraten hatte, machte jedoch alles zunichte. Der Nager fuhr zusammen und war mit zwei, drei Sätzen zurück ins schützende Erdloch gehuscht. Beim zweiten Versuch war es ähnlich gewesen, nur dass eine durch seine eigene Bewegung herabgefallene Schneeladung anstelle des brechenden Astes das Tier flüchten ließen.
    Die anderen Jagden verdienten es nicht einmal, so genannt zu werden ... Normalerweise würde er die Beute hetzten, bis er sie erwischte. Aber dazu war er bereits zu erschöpft. Auch fehlten die Rudelmitglieder, die Fluchtwege abschnitten und sich abwechselten.
    Würde dieser Winter sein letzter werden? War es sein Schicksal, hier allein zu sterben? Er hatte versagt und die Jüngsten des Rudels, die in seiner Obhut gestanden hatten, nicht beschützt. Der Tod des Welpen lastete auf ihm wie eine schwere Bürde, die ihn niederdrückte und lähmte. So würde er nichts jagen.
    Vielleicht war es besser so. Er würde nie ein Leitwolf werden mit dieser Schuld. Und Einzelgänger waren entweder gefährliche Bestien oder sie wurden nicht alt.
    Während er der Sonne zusah, die sich hinter der steil abfallenden Westseite des Elk Mountains senkte, dachte er wieder an Cara. Seine Schwester würde einmal eine erstklassige Gefährtin abgeben. Sie war einfühlsam und trotzdem ließ sie sich nichts gefallen. Nicht von den älteren Geschwistern und auch nicht von ihm.

    Irgendwann in der Nacht wachte er auf. Wieder war der Himmel sternenklar und sein Atem stand als weiße Dampfwolke vor seiner Nase. Der Wald war still, nichts rührte sich.
    Eine Weile blieb Cain noch liegen unter dem Felsüberhang, der ihn vor den eisigen Winden beschützt hatte, dann kam er auf die Pfoten. Ihm war schwindlig und der Hunger wühlte in seinen Eingeweiden. Er brauchte etwas zu fressen.
    Auf wackeligen Läufen schlich er durch den Schnee, die Nase ständig im Wind, um eine Witterung aufzufangen. Seine Ohren spielten unruhig, doch außer dem Ächzen der im Sturm schwankenden Baumkronen war nichts zu hören.
    Da! Ein Kaninchen! Cains Augen suchten die Umgebung ab, doch er konnte keinen Bau in der Nähe entdecken. Das Kratzen der kleinen Pfoten am Fuß des Baumstammes verriet ihm, dass der Nager nach Flechten und dürrem Gras grub. Ab und zu hob das graue Fellbündel den Kopf und sicherte, um gleich darauf eifrig weiterzuscharren.
    Cain drückte sich in den Schnee. Sein ganzer Körper war angespannt. Diesmal konnte er nicht auf einen gezielten Sprung vertrauen. Die Entfernung war zu weit. Er musste die Beute hetzen. Einmal atmete er noch durch, dann schnellte er vorwärts. Schnee stiebte auf, als er lautlos unter den tiefhängenden Kiefernzweigen hindurch schoss.
    Das Kaninchen stob davon. Wilde Haken schlagend hetzte es zwischen den schwarzen Baumstämmen durch und jeder der weiten Sätze vergrößerte den Abstand zu seinem Jäger.


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