Der Wolf vom Elk Mountain

Es gibt 46 Antworten in diesem Thema, welches 1.937 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Tariq.

  • Gemein.

    Nun muss ich also eine Woche warten um zu erfahren, ob Cain an eine gefährliche Bestie oder einen netten Idioten geraten ist. (Ich rate: Da gibt es noch eine dritte Möglichkeit ...?)

    Wieder ein sehr schöner Text, bei dem mir sowohl das Setting als auch die Personen sehr gefallen.

    Bei dir finde ich ja nie was zum Meckern ... die Geschichte kann ich so runterlesen, sie ist zu schön!


    (Zum Thema Wege in der Wildnis in kalten Gebieten: In Piteå in Nordschweden wo mein Sohn wohnt, können schon mal 7 Meter Neuschnee kommen. Wenn die dort räumen, fährt hinter dem Räumfahrtzeug ein Laster, der den Schnee abtransportiert, sonst könnten sie das nicht alles auftürmen. )

    Ich versuche mir mal gerade vorzustellen, was dann wohl in der Wildnis passiert. Der Typ könnte da schön einschneien und dann monatelang aus seiner Hütte nicht rauskommen. Wenn die Hütte nicht hoch genug ist, könnte die auch ganz bis über das Dach zuschneien ... (und einfrieren), da könnte ich mir so einige unangenehme Optionen ausmalen ... mal sehen, was du da noch auf Lager hast!

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • So, da auch der Wolf dem Ring eine Zwangspause verdankte, schieb ich noch einen Part nach, weil es bis Freitag noch ein paar Tage sind. :)

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    Am nächsten Morgen war der Tisch schon gedeckt, als Alec sich auf seinem Bett aufsetzte.
    „Ich habe Feuer gemacht, Großvater“, hörte er den Jungen sagen, sah ihn aber nicht.
    Er schwang die Beine aus dem Bett und stand auf. Da entdeckte er ihn. Sonny kniete auf dem Boden vor dem Kamin und pustete in die Glut. Als die Flammen höher züngelten, wandte der Junge den Kopf und sein begeisterter Blick sprach Bände.
    „Feuer?“ Alec kam näher.
    „Ja“, bestätigte Sonny, obwohl das Prasseln der Zweige Bestätigung genug war. „Es gab noch Glut und ich habe Späne reingelegt und ihnen Luft verschafft und dann ...“
    „Großartig.“ Alec lächelte und strubbelte dem Enkel durch das blonde Haar. „Aus dir wird noch ein richtiger Trapper.“
    „Bist du ein Trapper?“, wollte Sonny wissen.
    Alec lachte. „Nein, Chad ist einer“, gab er zurück. „Er fängt Tiere und verkauft die Felle. Davon lebt er. Heute sagt keiner mehr Trapper, jetzt heißen solche Männer ‚Mountain Men‘“.
    „Wovon lebst du, Großvater?“
    Er stand auf. Die Frage hatte ihn unvorbereitet getroffen. „Erstmal anziehen“, wich er aus. „Du hast ja noch den Schlafanzug an. Dann Frühstück. Und du willst doch sicher wissen, wie es Cain ergangen ist?“
    Sonny sprang auf. Er hatte seine Frage bereits vergessen, wie es schien.
    Minuten später saßen sie am Tisch. Der Kaffee dampfte und Alec sah den erwartungsvollen Blick des kauenden Enkels auf sich gerichtet.


    Cain legte sich wieder auf den Bauch und fiepte erneut. Die unterwürfige Haltung sollte zeigen, dass er sich dem Fremden auslieferte. Wem auch immer dieser Schatten gehörte – er war im Vorteil und sollte wissen, dass Cain das akzeptierte. Wieder nahm er die vertraute Witterung wahr ...
    Der graue Körper, der jetzt mit einem Satz vom Überhang herabsprang und neben ihm landete, ließ ihn trotzdem zusammenzucken und er kniff ergeben die Lider zu. Erfolgte jetzt der Angriff? Der Schatten war wohl doch nicht von dem freundlichen Geber gewesen, sondern von einem, den der Duft des Blutes angelockt hatte?
    Ein leises, aber nicht bedrohliches Knurren. Zaghaft öffnete er die Augen und sah silbern schimmerndes Fell. Er kannte nur einen Wolf, der eine solche Decke hatte und ihn bei so geringer Distanz nicht angriff.
    Ruve ...
    Unsagbare Erleichterung und wilde Freude durchströmten seinen Körper. Sein Bruder hätte jeden Grund gehabt, ihn zu töten. Entweder war er ein Einzelgänger und damit ständig in Kämpfe um Beute oder sein Leben verwickelt. Oder er gehörte einem Rudel an und musste in ihm, Cain, eine Bedrohung sehen. Familiäre Bande wurden gekappt, wenn ein Wolf seine Familie verließ. Meist begegnete man einander danach nie wieder, weil Rüden weit wegwanderten, um eben diese Kämpfe zu vermeiden.
    Und doch war Ruve hier. Er hatte ihm Fleisch gebracht und mit seinem fast freundschaftlichen Knurren zu verstehen gegeben, dass er nichts zu befürchten hatte.
    Cain betrachtete seinen Bruder. Er war kräftig und seine Augen glänzten. Ihnen fehlte der matte Blick, aus dem der Hunger sprach. Offensichtlich ging es ihm gut, so gut, dass er Beute für einen fremden Einzelgänger erübrigen konnte.
    Mit einem Schwanzwedeln bedankte sich Cain. Er war nicht sicher, ob Ruve es noch gesehen hatte, denn der silberne Wolf drehte sich um und verließ die Stelle unter dem Felsüberhang.
    Unschlüssig sah Cain ihm nach. Sollte er es wagen, dem Bruder zu folgen? Schon ein einziger Schritt konnte als Angriff gewertet werden und Ruve würde kurzen Prozess mit ihm machen.
    Er beschloss zu warten, bis er den Silberpelz aus den Augen verloren hatte. Dann würde er die Spur verfolgen und herausfinden, wohin er gegangen war und wie er lebte. Gehörte Ruve einem Rudel an, barg dieses Vorhaben ein immenses Risiko, egal ob sein Bruder der Leitwolf war oder nicht. Doch auch wenn der Bruder sein Leben als Einzelgänger verbrachte, konnte es sein, dass er es bei dieser einmaligen Begegnung belassen wollte und keinen Wert darauf legte, einen unerfahrenen Jungwolf an sich kleben zu haben.
    Während Cain noch auf dem Felsvorsprung verharrte, hatte Ruve bereits ein beträchtliches Stück zurückgelegt. Bevor er zwischen den Bäumen verschwand, blieb er stehen und sah sich um. Ein kurzes Ducken, gefolgt von einem Zukneifen der Augen, und Cain sprang auf. Er hatte die Einladung verstanden und schloss zu seinem Bruder auf. Fast hätte er vor Freude gequietscht wie ein Welpe. Ruve duldete ihn nicht nur, er hatte ihm gestattet, an seiner Seite zu bleiben. Nach dem Gesetz der Wölfe stand er damit unter dem Schutz des Älteren. Die Zeit des Hungerns und der Einsamkeit war vorbei.


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    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Ein tiefer Seufzer entrang sich Sonnys Brust und die Augen des Jungen glänzten.
    „Das ist so schön, Großvater. Ich hatte wirklich Angst, dass er mit seinem Bruder um sein Leben kämpfen muss. Aber Ruve hatte ihn immer noch lieb. Ich wünschte, ich hätte auch so einen großen Bruder.“
    Alec presste kurz die Kiefer zusammen. „Große Brüder sind nicht immer so“, murmelte er, „und hättest du einen, würdest du dir mit Sicherheit manchmal wünschen, ein Einzelkind zu sein.“
    „Das denke ich nicht. Es wäre schön, Geschwister zu haben. Meinetwegen auch eine kleine Schwester. Die würde ich dann beschützen, so wie Ruve seinen kleinen Bruder beschützt hat.“ Sonny richtete sich auf und reckte mit entschlossenem Blick die Schultern.
    Abrupt erhob sich Alec und sein Stuhl scharrte über die Holzdielen.
    „Die Sonne kommt über den Berg“, verkündete er und packte Brot, ein scharfes Messer und den Schinken, der auf dem Tisch gelegen hatte, in einen Beutel. „Wir müssen aufbrechen.“
    „Fahren wir wieder zu Chad?“
    „Nein, diesmal haben wir einen Fußmarsch vor uns.“
    „Wohin, Großvater?“, wollte Sonny wissen, während er das Geschirr zum Abwasch-Schrank trug.
    „Wir gehen in den Wald, Holz sammeln.“
    „Holz sammeln?“ Verwundert drehte sich der Junge um. „Aber dein Stapel ist doch so hoch wie die Hüttenwand.“
    Alec lachte. „Nicht dieses Holz. Ich zeig es dir dann. Wenn du so weit bist, zieh dich an.“
    Nur Minuten später stand der Junge in Stiefeln und dickem Anorak an der Tür und schob sich eben die Strickmütze über die Ohren.
    Sie gingen um die Hütte herum und Alec öffnete die Tür zu dem großen Schuppen, der sich an ihre Rückwand schmiegte und fast noch größer war als sie. Sonny hatte noch nie hineingesehen und zappelte neugierig.
    Beim Öffnen schlug ihnen ein würziger, harziger Duft entgegen. Staunend trat der Junge über die Schwelle. Alec folgte und zog die Tür hinter sich zu. Die Petroleumlampe, die er mitgebracht hatte, hängte er an einen Haken an einem der Deckenbalken.
    „So viel Holz!“, stieß Sonny hervor. „Da kannst du noch viele Winter heizen.“
    Alec schüttelte den Kopf. „Das Holz ist nicht zum Heizen.“ Seine kräftige Hand legte sich auf die aufgestapelten Klötzer und strich über die raue Oberfläche. „Ich brauche es für etwas anderes.“
    „Wofür denn? Willst du eine neue Blockhütte bauen?“
    Wieder musste Alec lachen. „Nein. Ich schnitze.“
    „Schnitzen? Was ist das?“
    Alec und fühlte einen kleinen Stich in seiner Brust. Ja, das kennst du nicht, du Stadtkind. „Ich zeige es dir, wenn wir zurück sind“, versprach er.
    Sonny nickte.

    Alec sah, wie sein Blick über die verschieden großen Holzkloben glitt, die hier – durch eingeschobene Stangen voneinander getrennt – trockneten, bis sie irgendwann die Schärfe von Schnitzmesser und Stecheisen spüren würden. Er schaute dem Jungen zu, wie der die kleine Hand auf ein Stück Zirbelholz legte, die Augen schloss und tief den aromatischen Duft einsog, den die Kiefer verströmte. Dann ging Sonny weiter an dem Holzstapel entlang, den Alec im Laufe der Jahre angesammelt hatte, berührte und roch das Holz, fuhr mit dem Finger über glänzende Harztropfen, neigte den Kopf, um die Maserung zu betrachten und roch erneut daran.
    „Das ist verschiedenes Holz, nicht wahr, Großvater?“
    Er hat Holzverstand, dachte Alec und nickte. „Ich werde dir heute die Bäume zeigen, zu denen es gehört. Komm, wir müssen los, wir haben ein ziemliches Stück Weg vor uns.“
    Draußen vor dem Schuppen nahm er den breiten Schlitten von seinem Haken an der Wand. Ein dickes Bündel starker Seile, eine Säge und die Blechkanne, mit der sie schon beim Angeln am See Wasser gekocht hatten, packte er darauf und band alles gut fest. „Hast du den Rucksack?“, vergewisserte er sich bei Sonny. Als der Junge nickte, pfiff er nach dem im Schnee tobenden Husky und sie machten sich auf den Weg.
    Sie wandten sich nach links und marschierten den Forstweg entlang. Hinter ihnen kletterte die Sonne über die Wälder, die die südlichen Wände vom Tal des Meadow Cove überzogen und bis an die Hänge des Elk Mountain reichten. An den Nordwänden und am Berg selbst wurden die Bäume weniger, kahler Fels und Geröllhalden wechselten sich ab mit krüppeligen Kiefern und Büschen. Dort hatte die Sonne schon das Regiment übernommen. Nur in den Südhängen des Meadow Valley stieg noch Nebel aus dem dunkelgrünen Meer der Nadelbäume auf und ließ die Strahlen wie Scheinwerfer hindurchschießen.
    Sonny war stehen geblieben, als aus diesem stillen Waldozean ein klagendes Heulen aufstieg. Weit entfernt, aber deutlich zu hören.
    „Ein Wolf?“, fragte er, atemlos vor Aufregung.
    Alec, der mit dem Schlitten schon ein paar Schritte weiterglaufen war, hielt an und sah sich um. Sein Blick wanderte über die Höhen und ein leichtes Lächeln kroch in seinen Mundwinkel. „Genau“, bestätigte er. „Aber er ist weit weg.“
    „Ich möchte so gern einmal einen sehen“, erklärte Sonny sehnsüchtig. „Ich meine, bevor ich wieder weg muss von dir“, fügte er leise hinzu.
    Ein schmerzhaftes Ziehen schoss durch Alecs Brust. Wieder weg muss ...
    Der Junge hatte also immer vor Augen, was er selbst hartnäckig aus seinem Kopf fernhielt: Sonnys Aufenthalt war begrenzt. Jeden Tag konnte Hailey an der Hütte auftauchen und ihn wieder mitnehmen, genauso unvermutet, wie sie gekommen war, um ihn hier abzuliefern.
    Er zürnte der Schwiegertochter nicht. Noch immer war er der Meinung, dass sie ihm ein wunderbares Geschenk gemacht hatte, indem sie den Jungen bei ihm zurückließ. Aber wie würde er es verkraften, wenn Sonny nicht mehr da war?
    Es wäre ein anderer Abschied als damals bei seinem Sohn. Clark war aus freiem Willen gegangen und die Entfremdung zwischen ihnen beiden hatte kaum Wehmut aufkommen lassen. Außerdem war er, Alec, damals noch davon ausgegangen, dass der Junge zurückkommen würde. Irgendwann. Vielleicht von Heimweh zerfressen, von Sehnsucht nach den Bergen getrieben und völlig abgebrannt.
    Doch das war nicht geschehen. Statt dessen fand Clark in Hailey einen neuen Lebensmittelpunkt und im Führerhaus seines Trucks eine neue Heimat.


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    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    2 Mal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • „Großvater“, meinte Sonny in dem Moment und unterbrach so seine Gedanken, „ist Cain noch am Leben?“
    Erneut blieb Alec stehen und sah seinen Enkel an. „Nein, Junge, Cain ist schon lange tot.“
    „Bist du ihm mal begegnet?“
    Er nickte versonnen. „Ein Mal“, gab er zurück. „Ich hab ihn von fern gesehen.“
    Sie gingen weiter. Der Junge schwieg. Alec spürte förmlich, wie er überlegte. Und richtig, die nächste Frage ließ nicht lange auf sich warten.
    „Woher kennst du Cains Geschichte, Großvater?“ Sonny war diesmal nicht stehen geblieben, er schaute lediglich kurz über die Schulter zurück.

    „Er hat sie mir erzählt.“ Als Alec merkte, dass Sonny ihn verblüfft anstarrte, flog ein verschmitztes Lächeln über seine Züge. „Was dachtest du denn? Glaubst du, ich habe sie erfunden?“
    „Aber Großvater, Tiere können nicht sprechen!“
    „Da hast du vollkommen recht. Und jetzt zeig ich dir die Bäume, deren Holz wir brauchen. Siehst du den verkrüppelten Stamm dort drüben? Das ist eine Grannenkiefer. So, wie sie aussieht, dürfte sie -“
    Erneut zerriss das dünne Heulen eines Wolfes die Stille. Wieder war es nur ein einzelner. Der Laut wehte über den Meadow Lake und verlor sich in den vielen Tälern, die den Elk Mountain umgaben.
    Wieder hatte Sonny hinübergestarrt, so lange, bis Alec allein weiterging. Der Junge würde ihm folgen. Und richtig, nur Sekunden später war er an seiner Seite.
    Sie marschierten auf die Grannenkiefer zu. Der uralte Baum stand am Rand des locker bewachsenen Hanges, der den Forstweg säumte. Schon oft hatte Alec hier vom Sturm abgebrochene Äste gefunden und mitgenommen. Auch jetzt lag einer am Boden, dick wie sein Oberschenkel. Der Stamm selbst war noch fest verwurzelt und erweckte nicht den Eindruck, den Kampf gegen die Elemente bald zu verlieren und selbst zu fallen.
    Alec löste die Säge vom Schlitten und setzte sie an dem großen Ast an. Drei schöne Kloben würde er daraus gewinnen, vielleicht auch nur zwei, wenn die Maserung nicht passte.
    „Ist die Geschichte von Cain jetzt zu Ende, Großvater?“, hörte er Sonny hinter sich fragen.
    „Nein“, gab er zurück, verblüfft über das Interesse, das weit über bloße Kinderneugier hinausging, und die offensichtlich tiefe Innigkeit, mit der der Junge Cain ins Herz geschlossen hatte. „Er war doch erst ein Jährling. Cain hat noch lange gelebt.“
    „Aber hat er dir noch mehr erzählt?“
    Jetzt verharrte Alecs Arm reglos. Die Säge blieb in dem duftenden Holz stecken und er schwieg einen Moment. Der Junge glaubte tatsächlich, dass der Wolf ihm seine Geschichte selbst erzählt hatte. War das seine überschießende Fantasie oder kindliche Naivität? Aber Großvater, Tiere können nicht sprechen, war vorhin seine Erwiderung gewesen. Und jetzt ging er davon aus, dass der Wolf doch gesprochen haben musste.
    „Ja, das hat er“, antwortete Alec, fast widerwillig und mit einiger Verspätung. „Wenn du magst, erfährst du nachher, wenn wir Feuer angemacht haben, wie es weiterging mit ihm.“
    Sonny schien zufrieden und fragte nichts mehr.
    Eine halbe Stunde später hatte Alec die drei Holzblöcke auf den Schlitten gewuchtet und festgezurrt. Seine nach Harz duftenden Handschuhe packten die dicke Lederschlinge und er pfiff nach Ben. „Wir gehen weiter, Junge, bis Mittag ist es noch eine Weile.“
    Sonny lief voraus und folgte der Forststraße, die hier nach links abbog und steil anstieg, um das Tal zu verlassen und den Pass zu erklimmen. Eine Weile würde sie dem Höhenzug folgen und sich auf der anderen Seite dann wieder hinabwinden, bis sie Elk City erreichte.
    „Nicht dort hinauf, Sonny. Wir müssen am Meadow Cove bleiben. Da geht’s lang.“ Alecs Arm wies nach rechts, wo sich der Bach von der Straße verabschiedete und ein paar Meter weiter den kleineren Butte Creek aufnahm, der vom Pass heruntergeplätschert kam. Einen Steinwurf von dieser Stelle entfeernt führte eine kleine Bohlenbrücke über das kristallklare, teilweise unter Eis verborgene Bächlein hinweg.

    Sie überquerten sie und folgten dann einem schmalen Fußpfad, der sich zwischen der steil aufragenden Wand des Tals auf der linken Seite und dem Meadow Cove auf der rechten hindurchquetschte. Es wurde stellenweise so eng, dass sie hintereinander gehen mussten und der Schlitten fast ins Wasser rutschte. Außerdem hatte Eis den Untergrund stellenweise in eine tückische Rutschbahn verwandelt.
    Alec ließ Sonny nicht aus den Augen, denn auch wenn es bis zurück zu seiner Blockhütte nicht viel mehr als fünfhundert Meter waren, so konnte die Zeit, die er bis dorthin brauchte, für einen klatschnassen Siebenjährigen bei dieser Kälte den Tod bedeuten.
    Sonny marschierte schweigend voran und schien sorgfältig darauf zu achten, wohin er seine Füße setzte.
    Nach einer weiteren scharfen Kehre des des Meadow Cove tat sich vor ihnen ein kleines Tal auf. Es war von den Bergen umschlossen und zu beiden Seiten stiegen die Hänge bis auf viertausend Meter an. Die Talsohle bildete eine schneebedeckte Wiese, die aus Schwemmland des Meadow Cove entstanden war. Hier ließ Alec anhalten.
    „Sammelst du Holz?“, fragte er den Jungen.
    Sonny nickte eifrig und verschwand sofort in den Wald. Leises Knacken und Brechen zeugte davon, dass er zwischen den Bäumen nach trockenen Ästen suchte.

    Ein leiser Pfiff von Alec ließ den Husky aufmerken. Als er die hellblauen Augen des Hundes erwartungsvoll auf sich gerichtet sah, ruckte er mit dem Kopf in Richtung des Waldes. „Geh zu dem Jungen“, murmelte er und wies mit der Hand hinüber. „Pass auf ihn auf.“
    Wenig später brannte das Feuer und Sonny und er saßen eng beeieinander auf dem Schlitten. Die Kanne mit dem Teewasser stand auf drei Steinen und blubberte leise. Während Sonny Brot und Schinken aus dem Rucksack holte und auswickelte, goss Alec den Tee auf.
    „Kannst du jetzt weitererzählen, Großvater?“, fragte der Junge, als er seine dampfende Blechtasse entgegennahm.


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    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
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  • ließ den Husky aufmerken

    Gefällt mir sehr gut nur das Wort aufmerken finde ich persönlich etwas holprig. Sonst habe ich keine Kritik finden können.

    Steht irgendwo ein Fettnäpfchen? Ich hupfe mit Anlauf rein. Ich bin Legastheniker. Bitte meine Worte nicht auf die Goldwaage legen.

  • Wieder ein sehr schöner Abschnitt!

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince


  • Zum vorigen Teil


    Es war Frühling geworden. Lautlos und mit geschmeidigen Bewegungen hetzte Cain durch den Wald. Neben sich wusste er Ruve, seinen Leitwolf, und hinter sich hörte er Ruves Gefährtin Dakna und seine ältere Schwester Ouna.
    Obwohl sie schon seit dem Morgengrauen jagten, hatte keiner von ihnen bisher an Kraft eingebüßt, das bewiesen die lang ausholenden Sätze, mit denen sie dem Hirsch nachjagten. Das Tier war stattlich und trotz des harten Winters noch kräftig genug, um mit ungebrochenem Überlebenswillen vor ihnen zu fliehen.
    Bei den vielen Jagden, zu denen er mit Ruve in den letzten Monaten aufgebrochen war, hatte Cain gelernt geduldig zu sein. Das Tier würde irgendwann ermüden. Niemand hatte es ihm beigebracht, aber sein wölfisches Erbe ließ es ihn mit unerschütterlicher Sicherheit wissen.
    Wassertropfen spritzten hoch auf und glitzerten wie Millionen Sonnenfunken, als das Rotwild durch einen Bach setzte, der von der Schneeschmelze angeschwollen war. Einer der langen Vorderläufe knickte ein, der Hirsch strauchelte und für einen Augenblick sah es aus, als würde er stürzen. Doch er fing sich, hetzte mit weit ausholenden Sprüngen die Böschung hinauf und verschwand zwischen den Büschen, die das Ufer säumten.
    Cain musste ihn nicht sehen, um ihm zu folgen. Mit einem mächtigen Satz überquerte er den Bach, so dicht hinter der Beute, dass die letzten der zurückfallenden Tropfen seine Schnauze benetzten. Ruve blieb an seiner Seite, eine Lauflänge vor ihm. Er war der Leitwolf, er gab das Tempo vor und ihm gehörte der Biss in die Kehle des Opfers.
    In seinem Rücken hörte Cain, wie seine Schwester Ouna und Dakna durch das Wasser preschten. Ruves Gefährtin war eine Wölfin mit einem rötlichen Ton im Fell, der besonders am Bauch gut zu sehen war. Ihre klugen Augen und die schlanken Läufe erinnerten Cain an Cara und wie immer hinterließ der Gedanke an die zurückgelassene Schwester ein dumpfes Ziehen in seinem Brustkorb. Er schüttelte kurz den Kopf. Dafür war jetzt keine Zeit und sich ablenken zu lassen konnte dazu führen, dass die Beute entkam. Das Rudel zählte auf ihn. Er war während des Winters ein fester Bestandteil der Gruppe geworden und hatte ...
    Ein kurzes Winseln hinter ihm ließ ihn den Kopf wenden. Ouna folgte nach wie vor der Spur, aber Dakna blieb zurück.
    Auch Ruve drehte sich im Lauf um. Er stieß einen knurrenden Laut aus, als er es sah, und hetzte dann weiter.


    „Wie gemein von ihm“, stieß Sonny entrüstet hervor. „Vielleicht kann sie nicht so schnell rennen? Und Ruve interessiert sich gar nicht dafür, warum sie die Jagd abbricht!“
    Alec schüttelte lächelnd den Kopf. „Er wusste es ganz genau, glaub mir. Dass Dakna abbrach, war in Ordnung. Sie hatte vor einer Woche fünf Welpen geworfen und kehrte jetzt zur Höhle zurück, denn die Kleinen würden Hunger haben. Vier Jährlinge aus dem Wurf des letzten Jahres passten zwar auf sie auf, aber säugen konnten sie die Kleinen nicht. Dafür brauchte es die Mutter. Auch Cain hat das bei Rasha erlebt, dass sie vor Ende der Jagd zurückkehrte.“
    Sonny nickte verstehend. „Und wie ging es weiter?“, forschte er.


    Cain erinnerte sich nur ungern an den Moment, in dem Ruve ihn, halb verhungert, durchfroren und am Ende seiner Kräfte, zu seiner kleinen Familie gebracht hatte. Das Wiedersehen mit Ouna war wie ein warmer Sonnenstrahl gewesen und auch Daknas Willkommen hatte ihm gutgetan. Doch die fünf Welpen, die ausgelassen in der Höhle miteinander spielten, hatten sein Herz in Fetzen gerissen. Ihren Anblick konnte er kaum ertragen.
    Er hatte sehen können, dass Ruve es bemerkt und ihn verwundert gemustert hatte. Aber der Leitwolf nahm es hin, genauso wie er akzeptierte, dass sich das neue Mitglied des Rudels so oft wie möglich von den anderen absonderte.
    Wenn sie nicht jagten, verbrachte Cain die Nächte allein und auch tasgüber litt er die Gemeinschaft nur, wenn die Welpen schliefen.
    Ruves Rudel lebte am Südhang des Elk Mountain. Die Weite der Wälder und das in ihnen lebende Wild machten die enge Nachbarschaft zu Arims Rudel möglich. Sie kamen sich nicht ins Gehege. Cain war keinem aus der Familie mehr begegnet. Mesa und Nona, die älteren Schwestern, hatten das Rudel sicher längst verlassen und waren die Gefährtin eines anderen Wolfes geworden, um ein neues Rudel zu gründen. Firt und Gond wollte er gar nicht wiedersehen, aber Cara vermisste er schmerzlich.
    Immer öfter kam es vor, dass Cain lange Wanderungen unternahm. Er war dabei stets allein und manchmal dauerte es Tage, bis er zurückkam. Meist brach er unmittelbar nach dem Reißen frischer Beute wieder auf, wenn er wusste, dass die anderen fürs Erste versorgt waren.
    Seine Streifzüge führten ihn in weitem Umkreis durch die Berge. Manchmal hoffte er, Cara zu treffen, doch er wusste, dass der Wunsch sich nicht erfüllen würde. Wölfinnen liefen nicht allein durch die Wildnis. Sie waren in Rudel integriert und die Begegnung mit einem anderen Rüden konnte schlecht für ihn enden. Also war er auf der Hut.
    Eine seiner Wanderungen führte ihn an der Südwestflanke des Elk Mountain hinab. Der Hang war steil und er musste gut aufpassen, wohin er seine Pfoten setzte, sonst würde er abwärts rutschen, bis er tief unten in dem Bach landete. Für den Rückweg würde er einen anderen Weg wählen, denn hier kam er nicht wieder hinauf. Doch das bereitete ihm keine Sorge. Er würde einen Aufstieg finden.
    In der Talsohle angekommen, folgte er dem Bach. Die Sonne im Rücken, wanderte er weiter, immer neben dem Wasser entlang. Zu beiden Seiten ragten die Wände steil empor und er fühlte sich an den Nordwesthang des Elk Mountain erinnert, an dem ihm der Puma entkommen war.
    Nach einer letzten Windung öffnete sich der enge Durchgang und Cain erblickte einen See. Sein Wasser war blau, nicht grün wie das von dem See oben auf dem Hochplateau. Die Oberfläche glänzte im Schein der Mittagssonne und leichte Wellen zogen über sie hin. Am südlichen Rand des Gewässers reichte der Wald nicht bis an das Ufer heran und dort wuchs üppiges Gras.
    Dumpfe Schläge tönten durch den Wald. Cain duckte sich und sicherte nach allen Seiten. Es gab nichts zu sehen, was die Geräusche verursacht haben konnte. Doch sie waren weiterhin zu hören. Harte, kurze Schläge, die sich in regelmäßigen Abständen wiederholten.
    Ein Geruch wehte heran, den er nicht kannte. Er biss Cain in die empfindlichen Nüstern und er wich winselnd ein paar Schritte zurück. Das, was seine Nase wahrnahm, flößte ihm unbestimmte Furcht ein. Gefahr, warnte eine leise Stimme in ihm, du musst hier weg!
    Doch obwohl sich ihm die Nackenhaare aufstellten, floh er nicht. Stattdessen pirschte er sich näher an die Quelle des Geruchs heran.

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    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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