Es gibt 561 Antworten in diesem Thema, welches 80.483 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (17. Dezember 2025 um 12:59) ist von Tariq.

  • Tanred konnte Fetzen aus den Gesprächen hören, aus dem Getuschel, das ihn begleitete, als er durch das Lazarett in Richtung auf das Feldlager der Kerrinsmänner ging. Blicke folgten ihm und ab und an zeigte auch jemand auf ihn.

    "... in der Schlachtreihe gekämpft wie einer von uns..."

    "... so ganz anders als die adeligen Herrn..."

    "... so ein Prinz ist es wert, sein Leben zu wagen..."

    Er war müde, seine Arme und Beine waren schwer wie Blei, ein stechender Schmerz pochte in seinem Kopf und seine Rippen taten bei manchen Bewegungen weg, aber ganz wie Vinlind ihm geraten hatte ignorierte er was er hörte und bemühte sich, trotz der Prellungen aufrecht und mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck durch das Lager zu gehen. So viel war sicher, Perren hatte jetzt seinen geheimnisvollen Kerrin für den die Männer kämpfen würden... Tanred mochte in Wahrheit in der Schlachtreihe gakämpft haben weil er schlicht und einfach nicht gut genug Reiten konnte - aber für die Kerrinsmänner war die Erklärung eine ganz andere. Vermutlich hatte Perren auch das geplant...

    Er blickte sich im Lazarett um ohne irgendwo stehen zu bleiben. Ein Prinz verschafft sich einen Überblick, aber hält sich nicht mit Einzelheiten auf - ein guter Anführer vertraut seinen Untergebenen daß sie diese Details ohne Hilfe entscheiden können. So hatte Perren ihm das erklärt. Ab und an nickte er jemandem zu als würde er ihn kennen. Das Gefühl der Aufmerksamkeit - besonders von einem höher gestellten - ist wichtig für viele Menschen. Es gibt ihnen das Gefühl nicht namenlos zu sein, sondern gesehen zu werden. Vinlind hatte ihm das erklärt als sie ihn auf seine Rolle vorbereitet hatte.

    Und die Kerrinsmänner die hier lagen konnten ein bisschen Aufmerksamkeit gut vertragen... Die Feldscher verrichteten ihre blutige Arbeit so gut sie konnten, schnitten Pfeilspitzen aus Wunden, versuchten klaffende Verletzungen zu verbinden, Fleisch zu nähen oder gebrochene Knochen zu richten, aber nicht jeder der ins Lazarett gebracht worden war würde es wieder verlassen, so viel konnte sogar Tanred erkennen. Blut war allgegenwärtig, es stank nach verkohltem Fleisch wo Wunden ausgebrannt wurden und gellende Schreie übertönten immer wieder das leise Wimmern derer, die zu schwach waren um laut zu werden. Zu Tanreds Überraschung gab es schmerzstillende Kräuterextrakte und andere Heilmittel, aber es war von allem zu wenig, die meisten Verletzten mußten die Torturen mit wenig mehr als einem kräftigen Schluck Branntwein überstehen...

    "He, Soldat!"

    Tanred ignorierte die Stimme zuerst, er war sich sicher daß sie jemand anderen meinte, aber dann kam eine junge Frau mit einem blutbespritzten Kittel und einem Tuch um die Haare geschlungen auf ihn zu.

    "Soldat - dich meine ich!", wiederholte sie.

    Tanred sah sie verständnislos an. Wußte sie nicht wer er war? Der Gedanke kam ganz von alleine und brachte ihn kurz zum Lachen. Er mußte komplett absurd auf die Frau wirken...

    "Was ist?", fragte er schließlich.

    Sie wies mit einer Hand auf seinen Kopf.

    "Der Schnitt an deiner Stirn - sollte vielleicht besser sauber gemacht und verbunden werden."

    Unwillkürlich faßte er an seinen Haaransatz und fühlte klebriges Blut. Seltsam, da war kein Schmerz, jedenfalls nicht wie von einem Schnitt... Nur das hartnäckiges Pochen tiefer in seinem Kopf, seit einiger Zeit schon.

    Er nickte, ließ sich fast willenlos bei der Hand nehmen und zu einem Stuhl führen. Erst als die Heilerin anfing, die Wunde mit einem feuchten Tuch auszuwaschen kam plötzlich der brennende Schmerz den er vorher nicht gespürt hatte - heftig und unvermittelt. Tränen traten ihm in die Augen und unwillkürlich stöhnte er auf und versuchte den Kopf wegzureißen, aber sie hielt ihn mit geübtem Griff fest.

    "Ist besser wenn ich das tief reinige...", murmelte sie beruhigend. "Wenn du da Wundbrand bekommst, dann endet das nicht gut."

    Sie legte das blutige Tuch zur Seite, auf einen großen Haufen wo schon viele andere lagen, und strich dann eine aromatisch riechende, grüne Paste auf seine Stirn, die angenehm kühl war, bevor sie ihm am Ende einen Verband anlegte.

    "So - das wars schon", sagte sie aufmunternd. "Eine Narbe wird wohl bleiben, aber die hast du dir ehrlich erworben - dann hast du später mal was zu erzählen. Und die Frauen werden das nicht häßlich sondern abenteuerlich finden..."

    "Danke...", murmelte Tanred und erhob sich mit etwas wackeligen Knien. Einen Augenblick lang drehte sich die ganze Welt um ihn und er hatte Angst das Gleichgewicht zu verlieren. Aber nach ein, zwei Atemzügen wurde es besser. Prinz Kerrin durfte jedenfalls nicht dabei gesehen werden, wie er in einem Schwächeanfall in den Schlamm fiel...

    Die einzige Frau die er möglicherweise mit einer Narbe auf der Stirn beeindrucken wollte war Sigrun. Aber sie war ja selber in der Schlacht gewesen... Der Gedanke brachte sein Herz dazu, schneller zu schlagen. Er hatte sie nicht im Lager gesehen, vermutlich war sie noch mit der Reiterei unterwegs. Aber es erschien ihm plötzlich die wichtigste Sache der Welt, sie wiederzusehen und mit ihr zu reden.

  • Tanred wußte nicht genau, wann irgend etwas in ihm akzeptiert hatte, daß die Kerrinsmänner wirklich gegen die Garde gewonnen hatten. Vielleicht war es gewesen als die Ritter vom Angriff auf den Troß zurückgekommen waren und die Kerrinsmänner sie über den Hügel kommen sehen hatten, mit glänzenden Rüstungen und flatternden Bannern. Oder als die Bogenschützen aus Eschgeir Wagen um Wagen der Garde ins Lager eskortiert hatten - Pfeile, Ersatz an Waffen und Rüstungen und vor allem Vorräte. Oder vielleicht war es noch später gewesen, als Bauern aus Kedaholt und Skaving, den zwei umliegenden Dörfern, gekommen waren, bepackt mit frischem Brot, Honig und Bier und die siegreichen Kerrinsmänner strahlend umarmt hatten und bald eine Feier begonnen hatte bei der Gaukler aufspielten und Bier, Wein, Met und auch Schnaps reichlich flossen.

    Was auch immer es gewesen war, jetzt als Tanred in der Abendsonne über das Lager schaute, konnte er es in sich spüren, das rauschende Triumphgefühl. Es spielte keine Rolle daß der Schnitt an seiner Stirn immer noch schmerzhaft pochte, oder daß er drei dunkle Blutergüsse unter seinem Kettenhemd gefunden hatte, oder daß seine Rippen schmerzten und sein linker Arm zitterte wenn er versuchte ihn zu belasten. All das war nicht mehr wichtig.

    Die Kerrinsmänner hatten die Schlacht auf dem Feld von Kedamoor gewonnen, Ädon hatte ihnen den Sieg geschenkt, und die Reihen der Garde waren zerschlagen, die wenigen Überlebenden verstreut und auf der Flucht. Und die warme Sonne schien über das Feldlager, Vögel sangen, Musik erklang, Menschen drehten sich zu Tanzschritten im Kreis und die Luft schmeckte süß wie selten zuvor. In diesem Moment hätte Tanred die ganze Welt umarmen können.

    Vor allem Sigrun...

    Sie war mit den Rittern zurückgekommen, unverletzt. Und sie war irgendwo in der feiernden Menge.

    Auf einmal erschien Tanred sein ganzes Zögern absurd. Wie viel Zeit wollte er noch damit verschwenden um den heißen Brei herumzureden? Seit Arngard ihn verlassen hatte war Sigrun die erste und einzige Frau die ihm etwas bedeutete. Er war heute in der Schlachtreihe gestanden, hatte sein Leben riskiert, um ihn herum waren andere gestorben - und es hätte auch ihn treffen können, bevor er noch Gelegenheit gehabt hatte mit ihr zu reden.

    Heute...

    Der Entschluß kam plötzlich, aber ohne Zögern.

    Er würde heute Nacht noch mit ihr reden.

    Vorher mußte er sie allerdings finden... Sein Blick wanderte über die bunten Zelte, die lodernden Feuer dazwischen, die Massen der feiernden Kerrinsmänner unter der sich die Bauern der Gegend gemischt hatten und die offenen Bierfässer aus denen sich jeder reichlich bediente. Lärm drang an seine Ohren, Lachen, lautes Rufen und dazwischen Musik - aber aus zwei verschiedenen Richtungen, offenbar war nicht nur seine Gauklertruppe im Lager.

    Seine Truppe... der Gedanke war seltsam. Gehörte er noch dazu, nach den letzten Wochen und einem blutigen Tag in der Schlachtreihe? Konnte er einfach zurückgehen und Tamburin spielen als wäre all das nie passiert? Perren und Wulfgar hatten es offenbar irgendwie gekonnt, sie waren zwischen beiden Welten hin und her gewechselt...

    Tanred lachte auf. Was spielte es für eine Rolle, es war nicht die Zeit für trübe Gedanken. Es war eine Nacht um zu feiern und um endlich Sigrun zu finden. Entschlossen setzte er sich in Bewegung um sich in das Fest zu stürzen. Irgendwann würde sie ihm schon über den Weg laufen...

  • "Du bist ein feiner Bursche", verkündete Runstan leutselig während er Tanred auf die Schulter klopfte. "Ein echt feiner Bursche!"

    "Gnau!", fiel Notger ein, der schon ein wenig lallte. "Das bisse, Tanred! Keine Angss im Getümml zu stehn! Keine verdammte Angss! Darauf trinkma noch einn!" Er griff nach einer bauchigen Tonflasche und füllte - mit überraschend sicherer Hand - drei kleine Becher mit einem scharfen Kräuterschnaps die er in die Runde reichte.

    "Für Kerrin!", rief der dann und kippte seinen Becher in einem Zug. "Kerrin...", murmelte Tanred und trank ein wenig langsamer - das letzte Mal als er versucht hatte den brennenden Schnaps auf einen Zug runterzustürzen war er zur allgemeinen Heiterkeit von einen längeren Hustenanfall geschüttelt worden. Außerdem hatten die Dinge schon begonnen diesen gewissen Glanz anzunehmen... Alles wirkte weich und ohne richtige Kanten. Aber Notger und Runstan - das waren schon feine Kerle, genau wie der Rest seiner Männer aus der Schlachtreihe, Männer die irgendwo in der Gegend um ihre drei Anführer herumstanden, lachten und sich gegenseitig erzählten was sie alles in der Schlacht getan hatten.

    Plötzlich mußte er kichern.

    "Was issn?", wollte Notger wissen.

    Tanred nippte nochmal an seinem Becher, genoß die plötzliche Hitze in seinem Bauch, dann legte er Notger den Arm um die Schultern.

    "Sag mal - du glaubst doch nicht ernsthaft daß ich ganz ohne 'ne Waffe zwei Schwarze erledigt hab', oder?", fragte er. "Sowas hat Arwig nämlich vorhin erzählt... Aber das stimmt nicht!" Tanred machte eine dramatische Pause und hob den Finger während er in die Runde blickte. "Ich hatte doch den zerbrochenen Speer!"

    Alle drei brachen in brüllendes Gelächter aus in das auch manche der umstehenden Männer einflielen.

    Tanred sah glücklich in die Runde. Ein warmes Feuer in der Nähe, gute Kameraden um sich herum, reichlich zu trinken - was konnte ein Mann mehr wollen?

    Dann fiel es ihm wieder ein.

    "Ich muß noch was wichtiges... erledigen", verkündete er mit ernster Miene während er versucht aufzustehen. Das erwies sich als nicht ganz so einfach. "Also, ich muß jetzt erstmal weg. Aber ich vergess euch nicht, versprochen!"

  • Oh, oh, Tanred, ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, jetzt zu Sigrun zu gehen. 🤣

    Schön geschilderte Trinkszene. Aber gut, dass Tanred jetzt geht. Ich hatte schon Angst, er plaudert was aus, was nicht für die Ohren seiner Männer bestimmt ist. Zum Beispiel dass er nicht Kerrin ist. :fie:

    "Er wird wiederkommen. Die Berge sind wie ein Virus. Man infiziert sich mit der Liebe zu ihnen
    und es gibt kein Gegenmittel. Sie führen in eine Sucht, man kommt nicht mehr von ihnen los.
    Je länger man sich woanders aufhält, desto größer wird das Verlangen, sie wiederzusehen."

    Chad, der Holzfäller
    aus "Der Wolf vom Elk Mountain"

    ___________________

  • Oh, oh, Tanred, ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, jetzt zu Sigrun zu gehen. 🤣

    Naja, Beziehungen organisieren ist nicht so seins...

    Ich hatte schon Angst, er plaudert was aus, was nicht für die Ohren seiner Männer bestimmt ist. Zum Beispiel dass er nicht Kerrin ist. :fie:

    Das waer' glaube ich gar nicht so schlimm, denn die anderen wissen ja dass er sich Tanred nennt und kennen nur Geruechte dass er Kerrin ist - wenn er jetzt das Kerrin-sein leugnet nehmen sie das eher als Beweis seiner geheimen Identitaet die er zu schuetzen versucht...

  • Oh, oh, Tanred, ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, jetzt zu Sigrun zu gehen. 🤣

    Schön geschilderte Trinkszene.

    Das war genau mein Gedanke. Es hat so vielversprechend angefangen und, tja, mir schwant nichts Gutes. Aber die Situation kann ich gut nachvollziehen.

  • Tanred fand Sigrun schließlich in einer kleinen Gruppe, die um ein loderndes Feuer beisammen stand. Der Flammenschein ließ ihre Züge wild erscheinen und die Tatsache, daß sie in einem zu großen Männerhemd aus Leinen und einer ledernen Hose steckte machte sie in seinen Augen nur noch begehrenswerter. Mit ihrem kurzen, hellen Haar und ihren kräftigen Schultern hätte sie beinahe ein Junge sein können - aber nur beinahe, die schmale Taille und der Ansatz ihrer Brüste unter dem Hemd verrieten sie.

    Ihr Gesicht leuchtete förmlich auf als sie Tanred kommen sah, und sie lief ihm strahlend entgegen.

    "Ich hab' dich in die Schlacht reiten sehen..." - "Ich kann nicht glauben daß du mitten im Getümmel warst...", begannen sie beide gleichzeitig zu reden und brachen dann lachend ab.

    Tanred ergriff sie bei den Schultern.

    "Es tut so gut dich zu sehen!", sagte er und blickte ihr in die Augen.

    Flammen spiegelten sich in ihren Pupillen, tanzten wild umher, und sein Herz begann plötzlich zu hämmern. Sigrun schwieg und sah ihn einfach nur an als ob sie sich an seinem Anblick gar nicht sattsehen konnte.

    "Sie reden von dir...", sagte sie leise, nach einer halben Ewigkeit. "Wie du die Schlachtreihe zusammengehalten hast und zum Gegenangriff geführt hast..."

    Tanred schüttelte verwirrt den Kopf.

    "So war es nicht...", versucht er zu erklären, aber gleichzeitig stieg ein warmes Gefühl in ihm auf. Es war Bewunderung die in ihren Augen leuchtete... Bewunderung für ihn.

    "Laß uns ein Stück gehen...", schlug er vor. Es war nicht genau was er hatte sagen wollen, aber es war besser als nichts. Ohne zu zögern winkte Sigrun den anderen am Feuer zum Abschied zu, hakte sich bei ihm unter und ließ sich von ihm durch das Getümmel führen, zum Rand des Lagers hin.

    Tanreds Schritte waren ein wenig unsicher. Sigruns Nähe machte ihn nervös. Sie war so nah, daß er ihre Wärme spüren konnte und ab und an fühlte er ihr Haar an seiner Wange und jedesmal wenn das passierte schien sein Herz einen Schlag auszusetzen. Er wünschte sich daß sie mit ihm zu reden beginnen würde, und doch hatte er Angst davor, was sie dann sagen mochte.

    Langsam wurden die Gruppen der Feiernden weniger und das Lager blieb hinter ihnen. Taufeuchtes Gras war unter ihren Füßen und das Mondlicht einer schwachen Sichel am Horizont erhellte die Landschaft nur schemenhaft. Instinktiv steuerte Tanred eine kleine Gruppe von Obstbäumen an zwischen denen ein paar Lagerschuppen standen, vermutlich Teil eines Hofs der irgendwie zum nahen Dorf gehörte. Sigrun folgte ihm ohne Fragen zu stellen.

    Unter einem der Apfelbäume hielt Tanred schließlich an und drehte sich so daß er ihr genau ins Gesicht schauen konnte. Ihre Augen glänzten im schwachen Licht und sein Herz hämmerte wild. Sie war eine Edeldame, und er... Aber spielte es eine Rolle?

    "Tan?", flüsterte sie. "Warum...?"

    Jetzt oder nie... Er beugte sich vor, legte seine Arme um Sigrun und küßte sie bevor er noch weiter darüber nachdenken konnte was er tat.

    Einen Augenblick lang versteifte sie sich in seinen Armen, aber dann öffnete sie ihre Lippen und erwiderte den Kuß, und ihre Arme legten sich um seinen Nacken und zogen ihn näher.

  • Trockenes Heu raschelte unter ihren Füßen als Tanred und Sigrun, in eine enge Umarmung verschlungen, in einen der Lagerschuppen taumelten während sie sich immer noch wild küßten.

    Tanred fuhr mit seinen Händen durch ihr kurzes Haar, immer wieder. Es fühlte sich seltsam unter seinen Händen an daß eine Frau solche Haare haben sollte - seltsam, aufregend und verboten. Genau wie Sigruns breite Schultern die er unter dem Hemd ertastete und wie die harten Hände mit Schwielen an den Handflächen die über seinen Nacken und seine Rücken glitten. Aber ihre Lippen waren weich und einladend unter seinem Mund, und als seine Hände unter ihr Hemd fuhren, konnte er ihre warme, weiche Haut und ihre flachen Brüste spüren.

    Er fühlte ein hartes, fast schmerzhaftes Pochen zwischen den Beinen als ihre Hände begannen an seiner Hose herumzutasten und er ließ sie für einen Moment los um mit dem Gürtel zu helfen. Die Hose löste sich endlich, aber er verlor dabei das Gleichgewicht und sie fielen zusammen in das duftende Heu.

    Sigrun kicherte erst, aber als er ihr das Hemd über den Kopf streifte und seine Hände über ihre Brüste glitten und sanft über ihre Brustwarzen rieben die sich in der kühlen Luft aufgerichtet hatten stöhnte sie leise auf während sie an seinem Hemd zog und zerrte ohne viel zu erreichen. Tanred richtete sich halb auf und begann, eine der Brustwarzen zu küssen während seine rechte Hand den Gürtel ihrer Hose löste und dann das feuchte Haar zwischen ihren Beinen streichelte während sie ihm gierig ihr Becken entgegendrückte.

    Verlangen loderte in ihm auf als ihre Hände ihn berührten, unter sein Hemd fuhren und seinen Nacken streichelten. Ihr keuchender Atem war nahe an seinem Ohr, weiße Haut war schemenhaft in der Dunkelheit zu erkennen. Er griff nach ihr, drehte sie um, und im nächsten Moment war er über ihr, drang in ihre feuchte Wärme ein, spürte wie ihre Pobacken sich gegen ihn preßten, drückte sein Gesicht in ihren Nacken um ihr kurzes Haar an seiner Wange zu spüren während seine linke Hand nach ihren Brüsten tastete.

    Sigrun keuchte auf als er tief in sie stieß, wieder und wieder, sie wand sich unter ihm und drückte sich gegen ihn und dann fanden sie einen Rhythmus zusammen, wie die Wellen die ans Ufer eines Sees schlagen. Für einen langen Augenblick hatte Tanred das Gefühl seinen Kopf in den Wolken zu haben, dann schrie irgend jemand während er zuckend seinen Samen in sie schoß, und dann war nur noch Leere.

  • Irgendwie fehlte die Wärme...

    Tanred blinzelte müde und hob den Kopf. Sein Schädel fühlte sich an als ob jemand die ganze Zeit mit einem Hammer darauf schlagen würde und sein Magen... Er würgte für einen Moment, ließ sich dann wieder kraftlos auf die Seite sinken. Bewegen war offensichtlich keine gute Idee...

    Jemand anders bewegte sich...

    Wieder öffnete er die Augen, starrte ins trübe Morgenlicht daß durch Ritzen in den groben Holzbalken des Schuppens fiel. Jemand zog sich an... Und wieso verdammt noch mal lag er in einem Schuppen?

    Sigrun zog sich an... Er hatte die letzte Nacht mit Sigrun...

    Tanred blinzelte den Schlaf aus den Augen. Irgendwas stimmte nicht, ihre Bewegungen waren hastig, sie verhedderte sich mit ihrem Gürtel, und es lag ein seltsamer Ausdruck auf ihrem Gesicht den er nicht richtig deuten konnte...

    Als sie sah, daß er wach war, zog für einen Moment ein Ausdruck wie Erschrecken oder Panik über ihr Gesicht.

    "Tan...", murmelte sie unsicher und raffte das Hemd vor ihren Brüsten zusammen. "Ich... Es... Es tut mir leid... Letzte Nacht... es war ein Fehler..."

    Er starrte sie verständnislos an während grelle Blitze von Schmerz hinter seiner Stirn hämmerten. Wieso war es ein Fehler? Was war jetzt schon wieder falsch?

    Sie mußte das Unverständnis in seinem Gesicht gelesen haben, jedenfalls wurde ihr Gesichtsausdruck noch gequälter,

    "Ich muß weg...", sagte sie schnell. "Es tut mir leid, Tan..."

    Dann raffte sie den Rest ihrer Kleidung zusammen und trat die Flucht an. Noch immer war Heu in ihrem Haar.

    Tanred starrte ihr nach, dann ließ er stöhnend seinen Kopf wieder auf den Boden sinken. Mochte "Adon aus den Frauen schlau werden, aber letzte Nacht hatte sie nicht den Eindruck gemacht daß alles nur ein Fehler gewesen war...

    Er schloß die Augen, und rieb sich die Schläfen, versuchte das grelle Pochen auf ein erträgliches Maß zu bringen. Besser er ruhte sich jetzt noch ein bisschen aus, er war in keiner Verfassung um irgendjemandem unter die Augen zu treten.

    Am allerwenigsten Sigrun...

  • Die Belagerung

    Felua betrachtet das Pergament das vor ihr liegt ohne viel davon zu sehen. Es ist eine fein gezeichnete Karte von ganz Gondred, jede Stadt und viele Klöster sind als kleine Miniaturen ausgeführt so daß ein Betrachter der Karte das Gefühl haben könnte über dem Land zu schweben und es von oben zu betrachten. Für Felua ist es mehr als das - in einer Trance kann sie gleichsam durch Karten hindurchschauen, auf das Land wie es in dem Moment wirklich aussieht. Sie kann sich sogar näher heranbegeben und Dinge suchen, wie als wäre sie ein Vogel. Sie ist die einzige Hexe in ihrer Familie die diese Kunst gemeistert hat - es funktioniert nicht mit jeder Karte und nicht an jedem Ort den eine Karte zeigt, aber sie ist trotzdem stolz darauf und sie benutzt diese Fertigkeit oft um Gondred kennenzulernen.

    Heute tut sie nichts dergleichen.

    Sie hatte vor, mit der Karte ihren Weg zu planen, aber die Bedeutung dessen was sie zu tun im Begriff ist, drängt sich mehr und mehr in ihre Gedanken.

    Sie wird Eschgeir verlassen, in den Teil Gondreds der von Edred dem Schwarzen beherrscht wird gehen und Graf Sigwulf finden.

    In ihrem Kopf ist nicht mehr die Frage ob sie die Burg verlassen wird, oder was ihre Mutter sagen wird, oder was die Herzogin versuchen wird um sie aufzuhalten. All das spielt keine Rolle mehr, über diese Punkte hat sie Klarheit. Die Göttin selbst hat zu ihr gesprochen. Im Mittwinterritual hat der junge Gott die Züge des Gauklers Tanred getragen - der junge Gott, dessen Braut die jungfräuliche Mondgöttin werden wird - die Mondgöttin deren Essenz sie durchdrungen hat. Es ist also Bestimmung, das haben die Karten schon gezeigt, und um diese Bestimmung zu erfüllen muß sie zu ihm kommen. Er ist bei Sigwulf, also muß sie Sigwulf finden, so einfach ist es. Was ihre Mutter darüber denkt ist belanglos, auch sie kann die Bestimmung nicht aufhalten.

    Aber Gondred außerhalb von Eschgeir ist gefährlich für eine Hexe. Nicht die eifernden Ädonsmänner in den Dörfern oder die abergläubischen Bauern die alles fürchten was sie nicht kennen - denen ist ihre magische Macht gewachsen, solche Fanatiker können keiner echten Hexe gefährlich werden.

    Es ist die Inquisition die sie fürchtet - das scharfe Schwert der Ädoniten, maskiert und aus dem Verborgenen heraus arbeitend - die Inquisition die den Bann gegen den Gebrauch von Magie blutig durchsetzt.

    Auf eine gewisse Weise versteht sie sogar, warum es die Inquisition gibt. Ihre Mutter hat es ihr erklärt, mehr als einmal.

    Vor tausenden von Jahren kamen die Kyrenai über das Meer und unterwarfen das Land. Und ihre Magie war nicht die der alten Wege, im Gleichgewicht mit der Natur und den anderen Welten. \emph{Wir können nicht gegen die Natur Magie wirken} hat Maldua erklärt. \emph{Wir können einer Wolke gebieten zu regnen, aber wir haben nicht die Macht diese Wolke Silbermünzen regnen zu lassen - es ist gegen die Natur einer Wolke.} Wenn eine Hexe mehr Macht verwenden will als die Natur ihr gibt, dann kann sie ihr Blut rituell verwenden und so Teil ihres eigenen Lebens geben - es ist ein Opfer, ein Tausch, und dieses Opfer setzt enorme magische Macht frei. Aber wenn für ein Ritual tausende und zehntausende Leben hingeschlachtet werden - dann werden Mächte weit jenseits dessen was eine Hexe bewirken kann freigesetzt und die Grenzen die die Natur setzt werden bedeutungslos.

    Von dieser Art war die Macht der Kyrenai, und sie hat das Land selbst verseucht, gequält und geschunden, immer noch gibt es Gebiete in denen Spuren davon eingebrannt sind, wo die Grenzen zu anderen Welten dünn sind und Wesen - Dämonen - von dort in diese Welt greifen können.

    Und es waren die Ädoniten, nicht die Anhänger des alten Weges, die begonnen haben das Land davon zu reinigen, das Licht ihres Gottes gegen die wahnsinnige, blutberauschte Finsternis der Kyrenai zu setzen und den Fluch nach und nach zu brechen.

    Die Inquisition ist Teil davon - sie soll sicher stellen, daß die Pforten nie wieder geöffnet werden. Aber sie kann sich kein Zögern leisten, zu mächtig ist die Magie gegen die sie kämpft. Daher ist jede Magie für sie der Feind, es gibt kein Gericht und keinen Prozeß, nur den Tod aus dem Hinterhalt. Felua braucht nicht darauf zu hoffen, daß die Inquisition sie verschont nur weil sie nichts mit der Magie der Kyrenai zu tun hat. Es gibt genug andere die versuchen, die Macht der Dämonen für sich zu nutzen. Immer noch.

    Und all das bedeutet, daß sie in Gefahr ist sobald sie Eschgeir verläßt. Der Tod kann aus dem Verborgenen kommen, jederzeit. Ein Dolch, ein Pfeil, ein Armbrustbolzen, Gift in ihrem Becher... Wenn ein Inquisitor überzeugt ist daß sie eine Hexe ist, dann kann er so handeln.

    Felua ist überrascht wie ruhig sie bei dem Gedanken ist.

    Die Göttin erwartet daß sie den Gaukler findet und die Göttin wird ihre Hand über sie halten so lange es nötig ist. Bestimmung kann nicht betrogen werden.

    Sie ist sich alles andere als sicher ob ihre Mutter das verstehen wird. Aber es spielt eigentlich keine Rolle.

  • Da du einen Break machst bei Tanred, ein kurzes Feedbaack von mir bis zum Post 529.

    Spoiler anzeigen

    Das hat mir gefallen, wie du nach der Schlacht das Tempo rausgenommen hast. Und auf was der Abend hinauslief, war vorhersehbar, aber das ist okay. Ich konnte gut bei Tanred sein, wohingegen ich mit Sigrun irgendwie nicht warm werde. Sie bleibt schwer einschätzbar, sogar rätselhaft, was durch ihr seltsames Verhalten nach der gemeinsamen Nacht noch verstärkt wird. Ich bin wirklich gespannt, was du mit ihr vorhast.

    "Er wird wiederkommen. Die Berge sind wie ein Virus. Man infiziert sich mit der Liebe zu ihnen
    und es gibt kein Gegenmittel. Sie führen in eine Sucht, man kommt nicht mehr von ihnen los.
    Je länger man sich woanders aufhält, desto größer wird das Verlangen, sie wiederzusehen."

    Chad, der Holzfäller
    aus "Der Wolf vom Elk Mountain"

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  • Sie bleibt schwer einschätzbar, sogar rätselhaft, was durch ihr seltsames Verhalten nach der gemeinsamen Nacht noch verstärkt wird.

    Hm, findest Du? Ich dachte ein Thema (Ehre und Pflicht) waere bei ihr schon aus vergangenen Abschnitten gesetzt, und... (das ist jetzt schwer erzaehltechnisch weil aus Tanreds Perspektive und der ist an der Stelle gut hinueber) - Sigrun hat natuerlich auch einiges an Drink intus.... Fehlt die letzte Info?

  • Argh, du weißt doch, dass ich manchmal einfach nicht raffe, was du uns mitteilen willst. :rofl:

    Spoiler anzeigen

    Ich denke, dass Sigrun Tanred schon gern hat, aber als Adelstochter vielleicht doch den Standesunterschied sieht (falls sie nicht nicht tatsächlich glaubt, dass Tanred Kerrin und damit ebenbürtig ist, wenn nicht gar höher steht). Vielleicht ist sie ja auch schon versprochen?
    Dass sie mit Tanred ins duftende Heu gesunken ist, werte ich nicht als das Ergebnis von ein paar Drinks zu viel. Ich glaube herausgelesen zu haben, dass sie Erfahrung hat (kein Hinweis auf Angst oder Unsicherheit bei ihr, oder bei Tanred nicht das berühmte "erste Mal"-Erlebnis bei einem Mädchen). Dass sie pflichtbewusst ist, denke ich schon. Aber ich habe es nicht als Grund für dieses plötzliche "Es tut mir leid, letzte Nacht war ein Fehler" gesehen. Ehre? Hm, fällt das unter das sich des Standesunterschiedes bewusst sein? Es kann auch Erleichterung gewesen sein, dass sie noch am Leben ist. Mädchenhafte Schwärmerei, weil Tanred ja inzwischen sowas wie ein Held ist ... Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Aber das ist nicht schlimm! Ich bin gespannt. Überrasch mich! :D

    "Er wird wiederkommen. Die Berge sind wie ein Virus. Man infiziert sich mit der Liebe zu ihnen
    und es gibt kein Gegenmittel. Sie führen in eine Sucht, man kommt nicht mehr von ihnen los.
    Je länger man sich woanders aufhält, desto größer wird das Verlangen, sie wiederzusehen."

    Chad, der Holzfäller
    aus "Der Wolf vom Elk Mountain"

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    Einmal editiert, zuletzt von Tariq (4. August 2025 um 08:59)

  • Es war Nachmittag als Tanreds Kopfschmerzen so weit nachgelassen hatten daß er sich in der Lage fühlte aufzustehen und ins Lager zurückzukehren ohne ein öffentliches Schauspiel zu bieten. Er war offenbar nicht der einzige bei dem die Siegesfeier Spuren hinterlassen hatte, viele der Kerrinsmänner blinzelten mit grauen Gesichtern in die trüb verhangene Sonne.

    Erst als Tanred das Lager erreicht hatte, wurde ihm klar daß er eigentlich keine Ahnung hatte was er dort eigentlich tun sollte. Irgendwie sollte er vermutlich seine Männer finden und organisieren, immerhin war er einer von Andels Unterführern, aber vermutlich waren sie auch über das Lager verstreut und alles andere als angetan von der Aussicht, weiter zu exerzieren. Verlangte Andel das überhaupt von ihm? Eigentlich wollte er viel lieber Sigrun finden und mit ihr reden - aber das schloß sich ja nicht aus, sie würde wohl auch bei dem jungen Ritter zu finden sein...

    Bei den farbenfrohen Zelten des Adels wo er Andel vermutete herrschte einiges an Betriebsamkeit und er brauchte einen Moment bis er begriff was genau er da sah: Da waren mehr als ein Dutzend Ritter die er noch nie gesehen hatte, wohl aus der Umgebung, die mit ihren Waffenknechten gekommen waren und vor Perren und Kynar standen um ihre Dienste anzubieten während ein Ring aus grimmig zusehenden Kerrinsmännern das Spektakel betrachteten. Tanred konnte es ihnen kaum verdenken - nur Ädon wußte wer noch leben mochte und wem eine Verwundung erspart geblieben wäre wenn diese Ritter einfach schon vor der Schlacht ihre Hilfe angeboten hätten. Mit so vielen zusätzlichen Reitern und vor allem gut gerüstetem Fußvolk... vielleicht hätten die Kerrinsmänner den Kampf ganz anders führen können.

    Er erspähte Andel etwas abseits, aber Sigrun war nicht in seiner Nähe zu sehen. Wo mochte sie sein? Tanred bahnte sich seinen Weg durch die Menge. Der junge Ritter nickte ihm grüßend zu.

    "Ist Sigrun nicht hier?", fragte Tanred statt einer Begrüßung.

    "Sigwart", korrigierte Andel ihn tadelnd. "Es ist eine Frage der Familienehre ihn als jungen Mann zu behandeln, und es würde dir gut zu Gesicht stehen wenn du diese Ehre respektierst."

    "Sigwart also...", murmelte Tanred, eher um Andel zufrieden zu stellen als aus irgend einer inneren Überzeugung heraus. In der letzten Nacht hatte sich Sigrun definitiv nicht wie ein junger Mann angefühlt oder benommen... Er hatte keine rechte Vorstellung wie die Sache mit der eloranischen Unzucht zwischen Männern genau funktionierte, aber er war sich ziemlich sicher daß es nicht so wr.

    "Sigwart reitet Kurierdienste für Graf Sigwulf", erklärte Andel. "Er hat sich heute morgen freiwillig dafür gemeldet."

    Tanred seufzte innerlich. Sigrun ging ihm also aus dem Weg... Im Moment mochte sie irgendwo sein, Perren brauchte manchmal Meldereiter für mehrere Tagesreisen. Wieso mußte sie die Sache so kompliziert machen? Er hatte ja nicht die Absicht, sie öffentlich zu küssen, wenn es ihr wichtig war als Sigwart gesehen zu werden, dann wollte er ihr das nicht nehmen. Aber offenbar wollte sie ihm nicht mal Gelegenheit geben mit ihm darüber zu reden.

    "Und hier kommt anscheinend unsere Verstärkung", knurrte er bissig und wies auf die Ritter.

    Andel warf ihm einen langen Seitenblick zu.

    "Du wirkst nicht gerade glücklich darüber...", stellte er dann milde fest.

    Tanred schnaubte.

    "Es ist einfach, sich dem Sieger anzuschließen nachdem die Schlacht vorbei ist", sagte er. "Etwas schwieriger ist es, für seine Überzeugungen einzustehen bevor es zum Kampf kommt und dann zu kämpfen. Wie zuverlässig sind solche Verbündeten, die im Ädonshaus dem Priester und im Wirtshaus dem Bier das Wort reden? Und was soll hier ehrenvoll sein?"

    Andel seufzte.

    "Viele dieser Ritter haben keine Burg, Tanred, nur ein Herrenhaus", erklärte er geduldig. "Wenn eine Armee kommt, dann können sich ihre Bauern nicht an einen sicheren Ort flüchten, ein Herrenhaus ist dann nicht zu verteidigen. Wenn sie sich den Kerrinsmännern anschließen und Perren auch nur die Schlacht an einem anderen Ort führen will - dann sind ihre Dörfer schutzlos. Und daß die Garde nicht davor zurückschreckt bei Rittern zu plündern die sich gegen sie stellen, das sollte dir bekannt sein. Genauso müssen sie fürchten daß unsere Armee bei ihnen Vorräte eintreibt wenn sie sich für Edred erklären. Es mag vielleicht nicht das ehrenvollste Verhalten sein, aber es schützt das Leben der Bauern für die diese Ritter verantwortlich sind - ich hätte erwartet daß du dafür Verständnis hast."

    Tanred blickte beschämt zu Boden. Andels Worte erinnerten ihn unangenehm an das, was er vor einiger Zeit zu Sigrun über Ehre gesagt hatte. Nur hatte er so ein Argument nicht von Andel erwartet...

    "Und was die Zuverlässigkeit dieser Männer angeht", fuhr Andel fort, "welche Wahl haben sie jetzt noch? Du weißt was die Schwarze Garde mit denen tut die auch nur in der Nähe sind wenn sie eine Niederlage erleiden. Niemand wird sich damit aufhalten festzustellen wer nun in der Schlacht war und wer nicht - wenn die Garde den Krieg gewinnt, dann werden sie an jedem Ritter hier in der Umgebung und an all ihren Bauern und Leibeigenen blutige Rache nehmen. Und ich denke jeder von ihnen weiß das nur allzu gut."

    Tanred sah plötzlich wieder die Soldaten vor sich die sein Heimatdorf plünderten, hörte die Schreie der sterbenden, roch den Rauch der Feuer und blickte in die brechenden Augen seiner Schwester.

    Ja, es war nur allzu klar was die Schwarze Garde tun würde wenn Edred den Sieg davontrug...

    "Was ist mit denen die eine Burg haben die man verteidigen kann?", fragte er schließlich.

    "Die können zu einem Problem für uns werden wenn sie beschließen, sich Edred anzuschließen", antwortete er grimmig.

  • Die Burg erhob sich auf einer kleinen Anhöhe über ein Dorf. Ein kleines Wäldchen lag malerisch im Hintergrund. Die Befestigungsanlage war nicht besonders groß oder beeindruckend - ein hoch aufragender Bergfried, eine wuchtige Torbastion und eine Mauer aus grauem Stein mit einem Wehrgang, vielleicht zwei oder drei Mannslängen hoch, dahinter konnte man zwei Dächer aufragen sehen. Tanred hatte schon wesentlich beeindruckendere Festungen gesehen, Eschgeir zum Beispiel, die Burg von Herzogin Maldua - oder die himmelhoch über eine dunkle Klippe aufragenden Mauern der Stadt Terred.

    Trotzdem fragte er sich, wie bei Ädon und allen Heiligen die Kerrinsmänner sie einnehmen sollten. Die Mauer mochte nicht hoch sein, aber wenn man keine Leiter hatte und Bewaffnete den Wehrgang verteidigten - dann waren drei Mannslängen ebenso unüberwindbar wie dreißig. Und es gab keinen Zweifel daß die Burg verteidigt wurde - das massive Tor war geschlossen, Banner flatterten über dem Tor und dem Bergfried und er konnte gut zwei Dutzend Bewaffnete auf den Wehrgängen sehen. Rauch von mehreren Feuern stieg hinter der Mauer in den Himmel.

    Die Kerrinsmänner seiner Truppe die hinter ihm standen schienen die Lage genauso zu beurteilen wie er selbst - niemand sprach es aus, aber in vielen Blicken malte sich mehr als nur Unbehagen.

    "`Hoffen wir daß Graf Sigwulf etwas erreicht..."', murmelte Runstan neben Tanred. "`Wenn wir diese Mauer stürmen müssen, dann fließt viel Blut - und zwar unseres, und mehr als uns die verdammte Garde gekostet hat..."' Notger nickte düster zu den Worten des alten Soldaten.

    Tanred blickte zu der kleinen Gruppe von Rittern die sich mit einer weißen Fahne vor dem Tor zu Verhandlungen getroffen hatte. Perren war da, begleitet von Andel, Vindric und Kynar. Auf der anderen Seite drei Ritter aus der Burg. Niemand war abgesessen, ab und an tänzelte eines der Streitrösser hin- und her - war das ein schlechtes Zeichen? Auf der anderen Seite redeten sie schon eine ganze Weile miteinander, und daß zwei Hundertschaften Bogenschützen und drei Hundertschaften Fußvolk vor der Burg aufmarschiert waren mußte ja auch Eindruck machen...

    Endlich schien sich etwas zu tun, die Ritter wendeten ihre Pferde und preschten zur Armee der Kerrinsmänner zurück, teilten sich dann auf während ihre Gegenparts im Burgtor verschwanden.

    "`Jetzt werden wir's erfahren..."', murmelte Notger düster und kratzte sich den dunklen Bart. Andel kam direkt auf sie zugeritten und zügelte sein Pferd, aber Tanreds Herz sank schon als er den Gesichtsausdruck des Ritters sah. Er wußte schon vor dem Kopfschütteln Bescheid.

    "`Gundric will die Burg nicht übergeben"', verkündete Andel grimmig. "`Er rechnet wohl damit, daß es sich für ihn auszahlt wenn er und seine Bundesgenossen die einzigen sind die gegen uns Widerstand leisten und daß Edred sie am Ende dafür reich belohnen wird - selbst wenn seine Bauern jetzt ihr Vieh nicht weiden können und sich nicht um die Felder kümmern können."'

    "`Wieso sollte diese Burg für Edred so wichtig sein?"', fragte Tanred etwas verwirrt.

    "`Sie liegt auf unserer Nachschublinie, Tanred"', knurrte Runstan. "`Wenn wir sie einfach ignorieren, dann kann Gundric nach Belieben Ausfälle machen und unsere Wagen plündern. Wir müssen die Burg also entweder einnehmen - was viel Blut kosten wird - oder mit einer Streitmacht belagern die groß genug ist daß wir ihn zwingen können drinnen zu bleiben. Und das bedeutet daß wir Männer die wir wo anders gut gebrauchen könnten hier stehen haben und mit Vorräten versorgen müssen - was Edred wieder Zeit verschafft, die Garde in Marsch zu setzen."'

    "`Genau..."', bestätigte Andel düster. "`Und er kann damit Recht behalten - wenn er uns genug Schwierigkeiten bereitet, dann zeigt sich Edred vermutlich wirklich großzügig..."'

    Der Ritter warf noch einen Blick auf die Burg und die wehenden Banner über ihr.

    "`Bereiten wir die Belagerung vor - wir brauchen Platz für ein paar Hundert Soldaten"', stellte er düster fest und setzte sein Pferd in Bewegung.

    Irgendwie schien das Sonnenlicht an Wärme zu verlieren.

  • Das Dorf wirkte nicht so verschieden von dem, in dem Tanred aufgewachsen war. Bis auf die Tatsache natürlich, daß es komplett verlassen war.

    Wo Hühner hinter einem Hof hätten gackern müssen war nur ein leerer Auslauf. Genauso waren die Pferche für Schafe und Ziegen leer, ebenso wie die Ställe für das Vieh der reicheren Höfe. Die Gärten hinter den Häusern lagen still in der milden Nachmittagssonne, aber niemand kümmerte sich dort um Umkraut, niemand hackte Holz oder führte Tiere auf die Weide.

    Die Bauern hatten alles in die Burg mitgenommen, das ganze Vieh war jetzt innerhalb der Mauern, ebenso ein großer Teil des Heus, der Vorräte und des übrigen Saatguts. Vermutlich auch die wertvollsten Besitztümer.

    Es war gespenstisch...

    Die Kerrinsmänner hinter Tanred schienen genau das gleiche Unbehagen zu spüren wie er. Die Gespräche waren verstummt sobald sie das Dorf erreicht hatten und nur noch ab und an wies jemand einsilbig auf etwas interessantes hin. Viele von ihnen waren selber Bauern gewesen bevor sie z Rebellen geworden waren.

    Die Wahrheit war, die Dorfbewohner waren auf die Burg geflohen und mußten ihre Arbeit vernachlässigen weil sie Angst vor den Kerrinsmännern hatten - Angst vor jemandem wie Tanred. Und dieser Gedanke behagte ihm gar nicht. Waren sie nicht hier um genau solchen Menschen gegen die Willkür der Garde zu helfen?

    Tanred schüttelte mürrisch den Kopf, aber der Gedanke wollte sich nicht so schnell vertreiben lassen.

    "Such' dir ein Haus raus...", meinte Notger lapidar.

    Tanred blickte über den kleinen Dorfplatz und steuerte dann schulterzuckend auf eines der größeren Häuser zu, einen schmucken, strohgedecktem, weißgekalkten Fachwerkbau, nicht so verschieden von dem in dem Heidgund gewohnt hatte, die Tochter des Großbauern damals...

    "Hier?", fragte Okwin von hinten.

    "Ich denke das wird mein Quartier, ja...", antwortete Tanred unbehaglich. "Ich schätze gut ein Dutzend Männer können auch noch im Haus schlafen..."

    Er drückte die Tür auf, sie war unverschlossen. Drinnen war ein strohbedeckter Fußboden, eine lange Bank die sich um einen Kamin zog, in einer Ecke des Raums ein Tisch und Stühle, in der anderen eine Kochstelle. Töpfe und Pfannen baumelten von der Decke, dahinter Kräuter, und in einem Regal standen noch Tongefäße. Kerzen standen auf dem Tisch wie als wäre er gerade verlassen worden, eine Tür führte wohl in eine Vorratskammer und eine andere in die Schlafkammer. Alles sah nach dem Heim einer wohlhabenden Familie aus.

    Tanred öffnete die Tür zur Schlafkammer. Ein großes Bett stand da, bezogen mit sorgfältig besticktem Bettzeug, und auf einem Schemel stand noch eine angefangene Schnitzerei aus Wurzelholz. In einer Truhe war wohl Kleidung zu finden. Er fühlte sich wie ein Eindringling als er die Kammer betrat, seinen Speer in die Ecke stellte und seinen Schild unzeremoniell zu Boden gleiten ließ.

    Er seufzte.

    Es gab genug praktische Fragen zu bedenken, es half nichts grüblerisch zu werden. Davon wurde auch nichts besser.

    "Etwas Wurst und Käse sind noch in der Vorratskammer", drang Okwins Stimme in seine Gedanken. "Und Mehl - für eine gute Mahlzeit sollte es reichen."

    "In Ordnung", entschied Tanred. "Dann macht es euch in der Stube bequem. Hier ist jetzt mein Quartier." Er wies mit einer vagen Geste auf die Schlafkammer. "Die Hälfte von euch steht immer Wache - falls die Burg einen Ausfall wagt", gab er Andels Befehle weiter. "Und sobald wir uns eingerichtet haben, graben wir uns eine Befestigung am Rand des Dorfs. Heute Abend kommen die Wagen - eine Mahlzeit zwischendrin aus den Vorräten hier kommt ganz gelegen, Godstan soll sich drum kümmern."

    "Geht in Ordnung", bestätigte Okwin und gab den Befehl weiter.

    Tanred setze sich auf das Bett, ließ sich nach hinten fallen und blickte einfach nach oben. Sogar die Decke des Raums war mit feinen Schnitzereien verziert - wie viel Zeit und Liebe war in dieses Haus geflossen? Was hatte es der geflohenen Familie bedeutet?

    Er schloß die Augen.

    Was genau machte er hier? Er wollte diesen Bauern nicht ihr Heim wegnehmen. Statt dessen saßen sie jetzt in der Burg und fürchteten den Angriff der Kerrinsmänner. Pathon, was für eine Unordnung...

  • "Kehrt um und tut Buße!"

    Die Stimme des Predigers klang heiser, aber Tanred konnte das Feuer in den Worten förmlich lodern hören, der Mann sprach mit einer Leidenschaft die fast Angst machte.

    "Kehrt um und erkennt endlich, daß alle Größe und Macht nur die Größe und Macht von Ädon ist - habt ihr nicht gesehen wie ein gewaltiges Heer der Fremden in den Staub getreten wurde? Ihr Kleingläubigen, seid ihr nicht Zeuge von Ädons Größe geworden, der uns diesen Sieg geschenkt hat? Und jetzt - jetzt starrt ihr diese Burg an und verzagt? Ich sage euch, wenn ihr Buße tut und euch abwendet von denen die nach Geld und Macht streben, wenn ihr nur nach Ädons Wort strebt, dann werdet ihr sehen wie seine Macht auch diese Burg niederwirft, denn vor ihm ist sie nicht mehr als ein Haufen Heu im Sturmwind!"

    Das Dorf war im warmen Licht der Abendsonne kaum wiederzuerkennen. Anders als noch zu Mittag war es jetzt voll von Menschen. Da war nicht nur der Prediger auf dem Dorfplatz mit einem halben Hundert Zuhörern, sondern Kerrinsmänner, viele davon voll bewaffnet, waren in alle Richtungen unterwegs. Um die Häuser und Hütten herum war auf den Obstwiesen ein Zeltlager im Entstehen und in Richtung der Burg wurden Gräben ausgehoben und niedrige Befestigungswälle aufgeschüttet die einem Ausfall vorbeugen sollten. In der anderen Richtung wurden schon die unvermeidlichen Latrinengräben ausgehoben. Zwei große Kochfeuer auf dem Dorfplatz ließen ihren Rauch in den klaren Himmel steigen, und ein halbes Dutzend Wagen wurde abgeladen - die Vorräte für die Armee kamen an.

    Tanred blickte für ein paar Momente auf das Gewimmel ehe ihm ein Detail ins Auge sprang - da waren überwiegend Frauen mit dem Abladen der Wagen und an den Kochfeuern beschäftigt. Das war neu...

    Suchend blickte er sich um. Alles sah nach einem chaotischen Durcheinander aus, aber er wußte inzwischen aus Erfahrung, daß die Wirklichkeit ganz anders war. Praktisch jeder wußte was er zu tun hatte, und das bedeutete daß irgendwer das Kommando über den Aufbau dieses Heerlagers hatte, jemand der alles im Blick hatte.

    Etwas schuldbewußt kam ihm der Gedanke, daß die anderen vermutlich von ihm erwarteten, daß er wußte wer gerade den Befehl über das Lager hatte. Er war es nur einfach zu sehr gewohnt daß Perren ihm Anweisungen gab - aber Perren führte jetzt den Oberbefehl über mehrere tausend Kerrinsmänner, die Erwartung daß er viel Zeit für Tanred erübrigen konnte war absurd.

    Falls er überhaupt im Lager war...

    Bevor er sich allerdings noch mehr Gedanken dieser Art machen konnte, erspähte Tanred zu seiner Erleichterung Andel. Der junge Ritter war in voller Rüstung und trug sogar sein Schild an einem Riemen über der Schulter während er sich mit Notger unterhielt. Schnell drängte sich Tanred durch das Gewühl zu den beiden hin.

    Andel nickte ihm zu.

    "Tan - gut daß du kommst", begann er ohne Umschweife. "Ich muß bald losreiten, zu Graf Sigwulf."

    "Er ist nicht hier?", fragte Tanred verblüfft.

    Andel schüttelte den Kopf.

    "Er ist mit dem Großteil des Heeres weiter - um sicher zu stellen daß die Garde bis Terred zurückfällt und wir das Land zwischen hier und der Stadt kontrollieren, so daß unser Nachschub ungestört fließen kann."

    Tanred nickte gedankenverloren und dachte an die vielen Wagen - Korn, Trockenobst, Bier und nicht zu vergessen Feuerholz - die jeden Tag im Lager ankamen. Kriege schienen viel mehr mit Fuhrwerken zu tun zu haben als die Geschichten, die man sich am Feuer erzählte nahelegten.

    "Jedenfalls", fuhr Andel fort, "für den Moment hat Kynar den Oberbefehl über die Belagerung."

    Irgend etwas in Andels Stimme ließ Tanred nachfragen. "Und das ist nicht gut?"

    Andel zuckte mit den Schultern.

    "Kynar ist ein erfahrener Krieger der schon Belagerungen gesehen hat", erwiderte er. "Aber er hat auch keinen Katapultmeister oder Sappeur der ihm sagen könnte wie man die Mauern überwindet. Mir gefällt es nicht belagern zu müssen, aber Sigwulf hat entschieden und ich kann verstehen warum wir hier sind - also werden wir die Befehle ausführen. Und du, Tanred, mußt mich vertreten während ich weg bin - Runstan und Notger hören so lange auf deinen Befehl, du bist direkt Kynar verantwortlich."

    "Und wo finde ich ihn?", fragte Tanred mit einem sinkenden Gefühl. Irgendwie hatte Andel ihm grade gesagt, daß er wahrscheinlich bald sein Fußvolk in einen Angriff auf die Burg führen mußte - einen Angriff den die meisten erfahreneren Soldaten als sehr blutig einschätzten...

    "Du wirst dich eben umsehen müssen", antwortete Andel knapp. "Ich hab' noch einen längeren Ritt vor mir, und nicht mehr viel Tageslicht. Geh' mit Ädon, Tanred!"

    Der dunkelhaarige Ritter drehte sich um und ging auf dem Weg der aus dem Dorf hinausführte - vermutlich zu den Stallungen des Heerlagers.

    Notger blickte Tanred an und verzog das Gesicht.

    "Mir gefällt das alles auch nicht", sagte der kräftige Mann grimmig. "Aber wir haben eben alle unsere Eide geleistet..."

    Tanred nickte zögerlich. Notger und Runstan würden jetzt auf seine Befehle hören... Nur daß er keine Ahnung hatte wie man eine Burg belagerte. Oder wo Kynar war. Er nahm einen tiefen Atemzug. Ein Schritt nach dem anderen...

    Mit einer Handbewegung wies er auf die Frauen die inzwischen damit ferig waren, die Wagen abzuladen.

    "Was hat es damit auf sich?", fragte er.

    Notger brauchte anscheinend keine genauere Erklärung.

    "Sie nennen sich die 'Töchter Gondreds' und helfen mit den Vorräten und dem Kochen aus", erklärte er. "Hat nach der Schlacht angefangen - sagen daß sie nicht nur einfach warten und hoffen wollen, während ihre Männer, Brüder und Söhne kämpfen - sondern sie wollen auch ihren Teil tun. Niemand hat sie weggeschickt - gibt ja auch genug Arbeit. Und ich kann sie gut verstehen."

    Bußprediger die die Armut der Ädoniten betonten und eine Umkehr verlangten und jetzt auch die Töchter Gondreds... Tanred begann zu ahnen daß die Kerrinsmänner mehr taten als nur ein Heer von Rebellen aufzustellen, es gerieten auch andere Dinge in Bewegung... Dinge deren Gestalt er noch nicht genau erkennen konnte...

    Er schüttelte den Kopf. Nichts davon war gerade sein Problem...

    "Gut - dann sag den Männern daß wir vielleicht morgen früh schon zum Kampf bereit sein müssen", entschied Tanred. "Und ich gehe Kynar suchen."

    "Wird gemacht", sagte Notger und wandte sich um.

  • Gegen den Morgenhimmel sahen die Brandpfeile fast zauberhaft schön aus. Wie feurige Sternschnuppen schossen sie hundertfach in die Höhe, einen dünnen Schweif an Rauch hinter sich herziehend, dann schienen sie einen Moment lang zu verharren und heller aufzuflammen ehe sie sich, fast langsam, wieder senkten und in der Burg einschlugen. Nur wenige der Geschosse trafen die Mauer außen und prallten wirkungslos ab, die meisten schlugen innerhalb der Mauern ein, ein Ergebnis, das das Können der Bogenschützen von Eschgeir demonstrierte. Aber was für Schanden innerhalb der Mauern angerichtet wurde, oder ob überhaupt etwas getroffen wurde, war von unterhalb der Mauern nicht zu erkennen.

    Tanred stand mit seinen Kerrinsmännern in einem doppelten Schildwall vor einer der Hundertschaft der Bogenschützen die von drei Seiten auf die Burg vorgerückt waren. Sie würden an diesem Morgen nicht versuchtn die Burg zu stürmen, Kynar hatte die Frage eher belustigt aufgenommen, der Hauptzweck des Fußvolks war, die Schützen vor einem überraschenden Ausfall zu schützen und insgesamt ging es eher darum, die Verteidigung auszutesten.

    Aber es schien kein Ausfall zu kommen. Bis auf ein paar vereinzelte Armbrustbolzen die trotz der Höhe, aus der sie abgeschossen worden waren, Mühe hatten überhaupt den Schildwall zu erreichten, war von der Burg her keine Reaktion zu bemerken.

    Flammende Pfeile zwischten wieder über die Köpfe der Schildträger hinweg, zogen Rauchspuren hinter sich her und senkten sich auf die Burg.

    Tanred starrte auf das Stück Himmel, das sich über den grauen Mauern abzeichnete, versuchte durch pure Willenskraft dort mehr Rauch zu erschaffen, Rauch der anzeigen würde daß die Pfeile etwas in Brand gesteckt hatten - Strohballen vielleicht, oder Heu, oder noch besser eines der Dächer. Aber wieder war nichts zu sehen.

    Godmund, der Kerrinsmann neben ihm im Schildwall, kratzte sich am Bart.

    "Scheint irgendwie verdammt zwecklos...", murmelte er.

    Tanred zuckte mit den Schultern. Er hatte das gleiche Gefühl - aber es war eben nur ein Gefühl. Wie sah es im Innenhof der Burg wirklich aus? Das Vieh der Bauern mußte irgendwo sein, die Bauern selbst - sie konnten nicht alle in den Gebäuden sein. Und wo war das Heu das aus den Lagern im Dorf in die Burg geschafft worden war? Hatte die Burg große Lagerkeller?

    Ich könnte dich durch die Augen eines Falken sehen lassen...

    Maldua hatte das gesagt. Und wenn sie die Wahrheit gesprochen hatte, dann hätte er diese Gabe jetzt gut brauchen können.

    Ärgerlich vertrieb er den Gedanken wieder. Es war nicht Ädons Wille, daß die Menschen Magie verwendeten und es war unwürdig sich gleich bei der ersten Schwierigkeit zu wünschen daß er Malduas Fähigkeiten hatte. Wenn es Ädons Wille war, daß diese Burg fallen sollte, wie der Prediger gesagt hatte, dann würde sie fallen, auch ohne Magie.

    Ein lauter Hornschall klang durch den Morgen.

    "Das ist das Signal zum Rückzug...", sagte Tanred halblaut, mehr zu sich selbst. Er wandte sich um - tatsächlich löschten die Schützen die Feuer und packten Pfeile zusammen.

    "Wir bleiben noch in der Schlachtreihe bis die Bogenschützen abgezogen sind - dann folgen wir ihnen!", befahl er seinen Männern.

    Das war also der erste Angriff auf die Burg gewesen. Man konnte ihn nur als gescheitert ansehen.

  • Regen rauschte auf das Dach. Trotzdem war von draußen noch Gelächter und Gesang zu hören, manche der Soldaten ließen sich offenbar weder von der Nacht noch vom Wetter vom Feiern abhalten.

    Tanred starrte an die dunkle Zimmerdecke. Nach all der Zeit die er nach dem Winter unter dem Wagen der Gaukler oder im Zelt geschlafen hatte, war es ungewohnt wieder in einem Bett in einer Kammer zu liegen. Auch das bestickte Bettzeug der Bauersleute fühlte sich seltsam an und hatte einen ungewohnten Geruch nach Kräutern die er nicht ganz einordnen konnte. Aber das, genau wie die Geräusche von draußen, war nicht eigentlich das weswegen er nicht einschlafen konnte.

    Wenn er bei all der neuen Verantwortung die er trug endlich nachts zur Ruhe kam, kreisten einfach zu viele Gedanken in seinem Kopf...

    Da war Sigrun... noch immer hatte er sie nicht wiedergesehen. Vermutlich war sie bei Andel, und der war bei Perren und dem Rest des Heers. Aber selbst wenn sie hier wäre - würde sie ihm weiter aus dem Weg gehen? Irgendwie konnte er sich das nicht vorstellen - Sigrun war niemand, der lieber davonlief als den Dingen ins Auge zu blicken.

    Und er war ihr nicht gleichgültig - es war nicht nur die eine Nacht die sie zusammen verbracht hatten, wenn er jetzt zurückdachte, fielen ihm mehr und mehr Gelegenheiten ein bei denen sie seine Nähe gesucht hatte.

    Er seufzte. Warum mußte es so kompliziert mit den Frauen sein?

    Am liebsten wäre er gleich losgeritten, zu Perrens Heerlager, um gleich diese Nacht noch ein langes Gespräch mit ihr zu führen, all die Dinge auszuräumen die sich grade zwischen ihnen türmten - und sie wissen zu lassen wie wichtig sie ihm eigentlich geworden war.

    Natürlich scheiterte der Plan schon daran, daß er nicht richtig reiten konnte und keine genaue Vorstellung hatte wo das Hauptlager der Kerrinsmänner eigentlich war...

    Aber es warf die Frage auf, warum er eigentlich hier war, statt bei Perren und dem Rest des Heeres. Die Burg war nicht wichtig genug, so viel hatte er aus Besprechungen und Gesprächen der Ritter untereinander schon mitbekommen. Sie konnte erstürmt werden, es würde blutig werden wenn sie mit Sturmleitern vorrückten, aber Gundric und seine Verbündeten konnten den Plan der Kerrinsmänner nicht ernsthaft aufhalten.

    Nur - was genau war dieser Plan?

    Perren konnte die Stadt Terred nicht belagern - niemand konnte das, Tanred hatte Jahre im Schatten der gewaltigen Mauern gelebt und wußte daß kein noch so grosses Heer sie einnehmen konnte. Wenn die Kerrinsmänner die Garde also bis Terred zurücktrieben - was dann? Perren mußte auf die Hilfe des Heeres von Kerst gebaut haben, all die Jahre in denen er den Plan entwickelt hatte. Aber der Plan hatte sich geändert - Kethana war bereit gewesen die Kerrinsmänner an Edred zu verraten und jetzt war die Gesandtschaft die der Thronräuber ausgeschickt hatte getötet worden. Würde sie ihre Truppen jetzt noch in Marsch setzen? Oder immer noch versuchen einen Frieden mit Edred zu schließen? Würde sie sich vielleicht sogar gegen Perren und die Kerrinsmänner stellen?

    Er begriff mit einem plötzlichen Unbehagen, daß Perren im Moment unmöglich auf ein konkretes Ziel hinarbeiten konnte - niemand konnte wissen was die Königin im Exil jetzt tun würde. Perren verfolgte einen Plan, einen Schritt nach dem anderen, aber ohne zu wissen wo her hinführte.

    Und das Ende? Tanred fand es schwer, es sich überhaupt vorzustellen. Die letzten Jahre hatte er wie so viele gehofft daß Kerrin irgendwann den Thron besteigen würde - aber Kerrin war tot. Das alleine machte Kethanas Regentschaft fragwürdig. Perren hatte von Kronrat gesprochen, aber wem würde der die Krone von Gondred übergeben? Einem Herzog vermutlich... Nur, die einzige Herzogin die Tanred kannte war Maldua - und irgendwie konnte er sich die Hexe nicht als Königin des Reichs vorstellen.

    Am Ende lag alles in Ädons Hand. Und dieser Gedanke reichte ihm für den Moment...

    Was alles nicht die Frage beantwortete warum er hier war und diese Burg belagerte. Oder besser, warum Kerrin diese Burg belagern mußte. Dafür mußte Perren einen Plan haben.

    Nur hatte Tanred keine Ahnung was genau der sein mochte. Einmal mehr wünschte er sich, einfach mit Sigrun reden zu können, ihre Ideen zu diesen Fragen zu hören...

    Ein Klopfen an der Tür riß ihn aus seinen Gedanken. Er seufzte, schlug die Bettdecke zur Seite und öffnete. Im Schein einer Laterne war Runstans zerfurchtes Gesicht zu sehen. Tanred war plötzlich hellwach.

    "Was?", fragte er knapp. Wenn der alte Soldat mitten in der Nacht seinen Befehlshaber weckte, konnte das nicht gut sein...

    "Graf Sigwulf ist hier", verkündete der alte Soldat. "Und will dich zu einer Besprechung sehen."

  • Nur kurze Rückmeldung, Thorsten: Ich hab nix zu sagen. Also zumindest nix, was mir Kopfzerbrechen macht oder unverständlich erscheint. Man spürt, dass sich gerade was Neues aufbaut, man merkt es am Grübeln von Tanred, der ja so ungefähr dieselben Gedanken wälzt wie ich als Leser. Und ich meine dabei nicht das mit Sigrun. Dass Perren gekommen ist, scheint Näheres zu verraten. Kann gern weitergehen. :thumbup:

    "Er wird wiederkommen. Die Berge sind wie ein Virus. Man infiziert sich mit der Liebe zu ihnen
    und es gibt kein Gegenmittel. Sie führen in eine Sucht, man kommt nicht mehr von ihnen los.
    Je länger man sich woanders aufhält, desto größer wird das Verlangen, sie wiederzusehen."

    Chad, der Holzfäller
    aus "Der Wolf vom Elk Mountain"

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