Es gibt 558 Antworten in diesem Thema, welches 70.184 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (1. Dezember 2025 um 07:15) ist von Thorsten.

  • Man spürt, dass sich gerade was Neues aufbaut, man merkt es am Grübeln von Tanred, der ja so ungefähr dieselben Gedanken wälzt wie ich als Leser.

    Ja, Du hast Ueberlegungen dieser Art ja schon laenger vermisst...:)

    Ich denke das ist vielleicht was, was ich am Ende der Geschichte beim Ueberarbeiten nochmal diskutieren mag - wann ist es sinnvoll dass Tan sich welche Gedanken ueber den Plan macht? Welche Befuerchtungen wuerde er realistischerweise hegen?

    Chronologisch ist es ja so (ich glaube das ist inzwischen durch die ganze Info klar, auch wenn der Leser das moeglicherweise nicht im Kopf hat) dass Perren in Teil I fuer Kethana gearbeitet hat und mit dem Geld ihrer Silberminen den Widerstand aufgebaut hat - weil sie ihm und seinen adeligen Mitverschwoerern zugesichert hat, bei einem Sieg den Kronrat ueber den Thron entscheiden zu lassen.

    Wie wir aber inzwischen wissen hat Kethana den Widerstand als Verhandlungsmasse verwendet um fuer sich selbst eine gute Position zu erreichen - und an diesem Punkt hat Perren die Vorwaertsverteidigung begonnen und den Aufstand trotzdem losgetreten - zu einem Teil einfach aus Selbsterhaltung.

    Insofern sind die Ziele aller Beteiligten grade im Fluss, es geht eher darum eine gute Verhandlungsposition zu bekommen als jetzt schon eine klare Vision zu haben was passieren soll.

    Aber... es ist jetzt auch mehr Zeit fuer Tan mal Atem zu holen, und solche Ueberlegungen werden etwas haeufiger kommen...:)

  • Als Tanred in das nur spärlich von drei Kerzen erleuchtete Zelt trat, war er überrascht wer da zusammen mit Perren wartete. Mit Kynar hatte er gerechnet, auch Andel und Vindric waren keine Überraschung - aber warum Rocas mit dabei saß war unklar, und noch überraschender war es für Tanred, Feluas fuchsroten Haarschopf zu sehen.

    Perren nickte ihm knapp zu als er sich zu den anderen um den niedrigen Kartentisch setzte. Der Anführer der Kerrinsmänner sah müde aus, mit dunklen Ringen unter den Augen, aber es war vermutlich keine besonders leichte Aufgabe, eine ganze Armee zu führen.

    "Kynar - wie schnell kannst du die Burg einnehmen?", fragte Perren ohne Vorrede.

    Der Ritter zupfte sich nachdenklich mit einer Hand an seinem hellen, zu einem Zopf geflochtenen Bart.

    "Ein paar Tage wenn wir wirklich mit Leitern stürmen...", schätzte er vorsichtig. "Besser wäre es einen Sappeur und ein paar Hauer zu haben - wenn wir die Mauer so zum Einsturz bringen könnten, dann wäre es wesentlich weniger verlustreich."

    Perren nickte auf eine Weise die klar machte, daß er wenig Neues gehört hatte.

    "Ich habe einen Sappeur und ein gutes Dutzend Hauer", stellte er fest. "Aber nicht zwei Wochen um sie hier graben zu lassen."

    "Es geht also nur darum, wie schnell wir die Burg einnehmen?", vergewisserte sich Vindric.

    Andel nickte.

    "Gundric hat sich offensichtlich verkalkuliert", erklärte er knapp. "Er hat vermutlich damit gerechnet daß sich mehr Ritter gegen uns wenden so daß wir nicht alle belagern können und daß er schnell Entsatz aus Terred bekommen kann - aber bis auf zwei abgelegene Burgherren hat sich der Rest uns angeschlossen. Und die größten überlebenden Elemente der Garde haben wir in Richtung Erbor gedrängt, die Garnison von Terred alleine ist zu klein, sie wird sich hüten die Stadt zu verlassen um eine einzelne Burg zu retten die keine große Bedeutung hat."

    Perren unterbrach ihn mit einer energischen Handbewegung.

    "Das ist alles nicht so wichtig. Entscheidend ist, daß Gundric uns hier eine Gelegenheit bietet zu zeigen daß die Kerrinsmänner für Überraschungen gut sind. Viele rechnen entweder mit einem blutigen Sturmangriff oder einer langen Belagerung - wenn die Burg aber schnell fällt, dann werden andere Burgherren dreimal darüber nachdenken, ob sie Edred die Treue halten."

    Kynar blickte ihn schräg an.

    "Das ist alles schön und gut - aber wie stellst du dir das vor?"

    "Könnt ihr ungesehen in die Burg gelangen?", fragte Perren, zu Rocas gewandt.

    Zu Tanreds Überraschung nickte der Akrobat ohne zu Zögern.

    "Kein Problem bei Nacht", antwortete er zuversichtlich und Tanred begann auf einmal zu ahnen, was der Stadtstädter mit einer 'Vergangenheit' gemeint haben könnte wegen der er jetzt in Gondred war. "Aber zu welchen Zweck?"

    "Die Ausfallpforte an der Ostmauer", erklärte Perren. "Wenn wir die lange genug in die Hand bekommen könnten, um einen Trupp Soldaten in die Burg zu bringen - dann ist der Rest einfach."

    Rocas blickte unglücklich drein.

    "Wissen wir ob die Pforte bewacht ist?", fragte er. Perren schüttelte den Kopf und der Akrobat seufzte. "Ich kann in einer Messerstecherei in einer Seitengasse meinen Mann stehen wie jeder gute Perlaner. Aber wenn da ein gerüsteter Wächter steht - dann wird es schwierig. Einen Dolch stoße ich nicht mal eben durch ein Kettenhemd..."

    "Könnt ihr jemanden mit in die Burg nehmen?", fragte Perren nachdem er einen Moment nachgedacht hatte. "Jemanden der mit dem Schwert umgehen kann?"

    Rocas schnaubte.

    "Jemanden der diese Arbeit schon mal gemacht hat und Klettern kann? Kein Problem. Jemand, den wir an einem Seil über die Mauern zerren müssen und der dabei klimpert wie eine Schmiedewerkstatt? Vergiß es."

    Perren lehnte sich zurück und rieb sich müde über die Augen. Dann seufzte er und wandte sich an Felua.

    "Was ist mit dir - kannst du ungesehen in die Burg gelangen? Und dabei jemanden mitnehmen?"

    Mit einem unguten Gefühl sah Tanred, wie das Mädchen nickte.

    "Wie viele?", fragte Perren.

    Felua zögerte einen Moment, dann sagte sie: "Zwei."

    Perren überlegte. Die anderen wechselten Blicke über den Kartentisch hinweg. Niemandem schien die Idee zu gefallen, die Dienste der Hexe zu verwenden um die Burg einzunehmen, aber niemand schien dieses Gefühl in Worte fassen zu wollen.

    "Also gut", entschied Perren. "Felua bringt Tanred und Andel in die Burg, um die Ausfallpforte für einen Trupp der sich im Schutz der Dunkelheit anschleicht zu sichern. Sobald die Pforte in unserer Hand ist, möchte ich daß Tanreds Gesicht als erstes von draußen zu sehen ist."

    Eine zornige Falte erschien auf Feluas Stirn.

    "Du möchtest also meine Magie verwenden um diese Burg zu Fall zu bringen, aber der Gauklerjunge soll den Ruhm dafür ernten?", fragte sie ärgerlich.

    Perren nickte ruhig.

    "Genau - und du tätest gut daran, dich zu erinnern daß wir hier einen Krieg führen bei dem es nicht um deine Befindlichkeiten geht, junge Dame. Und daß du dein Wort gegeben hast, meine Befehle zu befolgen. Und jetzt hast du einen Befehl erhalten. Ist das klar?"

    Felua antwortete nicht sondern preßte die Lippen nur zu einem schmalen Strich zusammen während sie von einem Kerrinsmann zum anderen blickte. Endlich nickte sie. Tanred wußte nicht genau, ob ihn das erleichtern oder beunruhigen sollte. Wenn es irgend etwas gab, das er in diesem Moment nicht tun wollte, dann war es mit der Magie dieser jungen Hexe zu tun zu bekommen. Und Andels Gesichtsausdruck nach zu urteilen ging es dem jungen Ritter ähnlich.

    Aber Perren sah nicht so aus als würde er irgend jemandem eine Wahl in der Sache geben wollen.

  • Feluas Stimme klang leise im Inneren des Zelts, als sie Worte in einer Sprache murmelte, die Tanred nicht kannte, aber von der er doch irgendwie das Gefühl hatte sie zu verstehen. Er und Andel knieten auf dem trockenen Gras das den Boden des Zelts bedeckte, inmitten eines Kreises den Felua mit einem weißen Pulver gezogen hatte und in den sie seltsame Symbole eingemalt hatte in denen wiederum Kerzen standen. Der aromatische Rauch von langsam verglimmenden Kräutern lag in der Luft.

    Zuerst war es unheimlich gewesen, weder Tanred noch Andel hatten sich wohl damit gefühlt, ihre Seelen diesen Ädon-widrigen Zeichen und Riten auszusetzen, aber nach einer Weile fand sich Tanred zu seiner Überraschung seltsam entspannt und losgelöst. Irgendwie fühlte er sich nicht ausgeliefert, sondern im Gegenteil geborgen in Ädons Hand.

    Das Seltsamste war vielleicht Felua. Sie wirkte... anders. So wie als käme die wahre Felua irgendwie hinter dem frechen, spitzzüngigen Mädchen zum Vorschein, das er bisher kennengelernt hatte. Irgendwie schimmerte sie beinahe von innen heraus und ihre grünen Augen strahlten hell im Kerzenschein. Jede ihrer eleganten Bewegungen schien leuchtende Funken hinter sich her zu ziehen, und ihr Gesicht war von einer überirdischen Ruhe und Schönheit.

    Sie war wunderschön und Tanreds Augen folgten jeder ihrer Bewegungen.

    Etwas war seltsam mit den Kerzen... Sie schienen auf einmal heller zu brennen, weniger wie Flammen als vielmehr wie lebendiges Feuer hinter jeder Flamme, und gleichzeitig ließ ein Trick des Lichts das innere des Zeltes in Wellen schimmern als wäre er mitten im Wasser...

    "Kommt!", sagte Felua leise und streckte ihre Hände zu Tanred und Andel aus.

    Tanred griff nach ihrer zierlichen Hand. Sie war überraschend warm und legte sich vertraut in seine eigene. Als die Hexe aufstand, erhoben sich Tanred und Andel mit ihr, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt.

    Das Licht der Kerzen tanzte noch heller, aber es schien nichts mehr zu erleuchten - wo der Stoff des Zeltes hätte sein sollen, war nur tiefer, dunkler Schatten und Tanred hatte den Eindruck von... Weite.

    Felua setzte sich in Bewegung, langsam, mit gemessenen Schritten, und die beiden Männer folgten ihr. Tanred ahnte etwas, einen Pfad, vielleicht etwas wie Trittsteine denen sie folgte - es war schwer zu erkennen in der lebendigen Dunkelheit, aber er hatte keinen Zweifel daß es da war. Er hätte nicht sagen können was genau er unter seinen Füßen spürte, es war fest, aber seine Schritte hallten nicht - es war kein Laut zu hören außer dem Geräusch seines Atems und seinem leisen Herzschlag.

    Und immer noch ging Felua weiter, einen Schritt nach dem anderen, langsam, aber stetig, und irgendwie konnte er den Schimmer ihres fuchsfarbenen Haars in der Dunkelheit sehen, und das leise Lächeln das um ihre Lippen spielte.

    Aber wie konnte er ihr Lächeln sehen, wenn sie doch voranging und er schräg hinter ihr war? Was war das für ein seltsamer Ort an den die Hexe sie gebracht hatte?

    Auf einmal war etwas anders.

    Sein Fuß fühlte Stein, trockenen Staub - und in diesem Moment hatte er auch den feuchten Geruch eines Gewölbes in der Nase. Ein weiterer Schritt, und es war wie ein plötzliches Erwachen aus einem Traum, er sog einen heftigen Atemzug ein und sein Herz hämmerte.

    Felua ließ seine Hand los und murmelte etwas, und dann konnte er plötzlich sehen. Graue Steinmauern schälten sich aus der Dunkelheit, eine schwere Eichentür, Fässer und Säcke die an Wänden gestapelt waren...

    Er wandte den Kopf - das Licht kam irgendwie zwischen Feluas Händen hervor die sie vor ihrem Körper hielt als würde sie etwas halten.

    "Wo sind wir?", flüsterte Andel in die Schatten hinein.

    "Im Keller des Torhauses der Burg...", antwortete die Hexe. "Hinter dieser Tür sollte ein Gang sein der zur Ausfallpforte führt. Von hier an ist es eure Aufgabe."

    Andel nickte entschlsosen, nahm einen tiefen Atemzug und wandte sich zu Tanred.

    "Bereit?", fragte er.

    Tanred neigte nur leicht den Kopf. Für manche Dinge war man nie bereit, aber was spielte das für eine Rolle?

  • Ich finde die Beschreibungen in diesem Part sehr gelungen! Das Ritual selbst, wie Felua aussieht, was Tanred wahrnimmt - hatte super Kopfkino. Nun muss der Plan nur noch gelingen. :panik:

    "Er wird wiederkommen. Die Berge sind wie ein Virus. Man infiziert sich mit der Liebe zu ihnen
    und es gibt kein Gegenmittel. Sie führen in eine Sucht, man kommt nicht mehr von ihnen los.
    Je länger man sich woanders aufhält, desto größer wird das Verlangen, sie wiederzusehen."

    Chad, der Holzfäller
    aus "Der Wolf vom Elk Mountain"

    ___________________

  • Vom oberen Ende der schmalen Treppe war schwacher Lichtschein zu sehen und ein klapperndes Geräusch drang herunter. Offenbar war jemand in dem Raum dort, ein Wächter vermutlich, aber was genau er machte, darauf konnte Tanred sich keinen Reim machen.

    Andel schlich vorsichtig die Treppe nach oben, Stufe für Stufe, das Schwert blank gezogen, aber sorgfältig darauf bedacht, kein Geräusch zu machen. Tanred hielt sich zwei Stufen hinter ihm, ebenfalls mit gezogener Waffe. Sein Herz hämmerte und er mußte gegen die Vorstellung ankämpfen, plötzlich zu stolpern und alles durch ein lautes Geräusch zur Unzeit zunichte zu machen.

    Wieder kam das Klappern... Was mochte ein Wächter mitten in der Nacht machen, der eine Ausfallpforte dagegen zu bewachen hatte, daß einer der Bauern in der Burg beschloß noch etwas aus seinem Haus zu brauchen und dazu heimlich ins Dorf zu gehen? Spielte der Mann Würfel? Mit sich selbst oder waren es zwei? Aber dann hätte man doch ein Gespräch gehört...

    Wieder ein Schritt.

    Tanred konnte nur Andels Umriß im schwachen Licht nur vage erkennen, aber er spürte wie der Ritter sich anspannte. Unwillkürlich hielt Tanred den Atem an.

    Andel machte einen weiteren Schritt, leise, und schoß dann nach oben. Ein überraschter Ruf, dann ein harter Schlag, Metall auf Metall. Tanred lief schon los, bevor das Rasseln eines Kettenhemds ertönte, dessen Träger zu Boden ging.

    Oben war ein Raum, der von einer Laterne an der Wand erhellt wurde, neben der Treppe nach unten gab es eine schwere Tür die wohl zum Burghof führte und eine die in die Burg hinein führen mußte - und die Ausfallpforte. Die Wache lag auf dem Boden. Der Mann zuckte noch, aber Blut spritzte und es war offensichtlich, daß er keine Gefahr mehr für irgendjemanden war. Speere lehnten an den Wänden, zwei Schilde hingen an Haken, und ein Hocker lag auf dem Boden.

    "Die Pforte, Tanred!", rief Andel drängend, während von irgendwo her schon Schritte zu hören waren und eine Stimme fragend etwas rief. Tanred lief zur Ausfallpforte. Für einen Moment fragte er sich, was er tun würde wenn es einen Schlüssel gab, wenn die Tür mit einem der arianischen Schlösser versehen war die oft bei Truhen Verwendung fanden - aber es war nur ein guter, altmodischer Riegel der die schwere Eichentür sicherte. Tanred legte sein Schwert zu Boden, schob den Riegel mit aller Kraft zur Seite, versuchte das Geräusch von näher kommenden Schritten aus seinen Gedanken zu drängen und drückte dann die Pforte mit seinem ganzen Gewicht auf. Einen Moment klemmte sie, aber dann löste sich die Blockade und kühle Nachtluft traf sein Gesicht und die Hügelflanke lag im Mondschein vor ihm.

    Wie vereinbart winkte er dreimal, und zu seiner Erleichterung sah er dunkle Gestalten die begannen, auf die Burg zuzurennen begannen. Hinter ihm erklangen schon scharfe Rufe, und als er sich umdrehte, sah er wie Andel mit seinem Schwert zwei Wächter in Schach hielt die vom Burghof aus in das Torhaus kommen wollten. Einen Moment überlegte er ob er Andel helfen sollte, aber es gab noch die andere Tür... Die, die in die Burg hineinführte. Der junge Ritter würde ein paar Momente alleine zurecht kommen müssen - wenn ihnen jemand in den Rücken fiel war keinem gedient.

    Tanred ignorierte das Klirren von Stahl auf Stahl und öffnete die kleine Tür. Keinen Moment zu früh - durch den niedrigen Korridor kam im Schein einer Laterne ein Soldat auf ihn zu, der verblüfft seinen Schild hob als er einen unerwarteten Gegener sah.

    Tanred rannte auf ihn zu und führte einen harten Hieb von oben. Der Wächter wich zurück, aber die Spitze von Tanreds Langschwert kratzte schabend an der Wand. Verdammt... Alfrec hatte ihn mehr als einmal gewarnt, daß ein zweihändiges Schwert in engen Räumen die falsche Waffe war. Aber es war zu spät irgend etwas zu ändern. Tanred streckte seine Waffe in einer halbhohen Stoßstellung nach vorne - wenn er keine wuchtigen Hiebe führte, dann hatte er vielleicht genug Raum für Stiche...

    Einen Moment belauerten sich beide, das Licht der Laterne glitzerte auf dem Schwert des Soldaten.

    Dann hatte Tanred seinen Plan gemacht. Er täuschte einen schnellen Hieb von oben an und als der Schild seines Gegners zur Abwehr nach oben kam und ihm die Sicht nahm schlug er den Hieb statt dessen unten herum aber stoppte ihn kurz, federte in den Knien hinunter und stieß sein Schwert unter dem Schild nach vorne.

    Der Wächter keuchte überrascht auf als die lange Klinge auf Widerstand traf. Tanred wußte nicht genau was er getroffen hatte, aber er lehnte sich mit seinem ganzen Gewicht in den Stoß und sein Gegner taumelte zurück. Ein Schwall Blut tropfte von der Sptze des Schwerts als es frei kam.

    Tanred hob seine Klinge in der Position des Stierhorns neben seinen Kopf, bereit für den nächsten Stoß. Sein Gegner atmete heftig, und er konnte die plötzliche Angst in seinen Augen sehen. Die Waffe in seiner Hand zitterte. Ganz offensichtlich sah der Wächter keinen Gerberjungen vor sich, der sich anmaßte mit einem Schwert zu hantieren...

    Trotzdem... der Mann war verwundet, aber er trug ein Kettenhemd und einen Schild, die Verletzung war nicht ernst - der nächste Treffer mußte in den Hals gehen, nur das würde ihn sicher ausschalten, und das bedeutete eine Finte die ihn zwang den Schild zu senken...

    "Tanred, wir sind hinter dir!", ertönte Kynars tiefe Stimme. Tanred machte einen kurzen Ausfallschritt der seinen Gegner zwang zurückzuweichen, trat dann selber zurück und zur Seite. Kynars gepanzerte Gestalt, gefolgt von einem halben Dutzend anderen Bewaffneten, drängte sich an ihm vorbei.

    Der Wächter trat die Flucht an.

    Tanred lehnte sich schwer atmend an die Wand und schloß kurz die Augen.

    Lange genug... Andel und er hatten die Pforte lange genug verteidigt... Es war vorbei.

  • Die Burg brannte. Dunkler Rauch stieg hinter den Mauern in den Himmel empor und der Brandgeruch hing über dem ganzen Dorf. Die ersten Risse zeigten sich am Bergfried - vielleicht würde der massige Turm noch einstürzen und damit das Streben von Gundric auf die Gunst von Edred für alle sichtbar begraben.

    Wenn der Burgherr und seine Bundesgenossen darauf gehofft hatten, daß die Belagerung irgendwie ähnlich einer Fehde zwischen Adelsleuten war und sie sich im Fall einer Niederlage freikaufen konnten, dann waren diese Hoffnungen am Morgen rüde enttäuscht worden - die toten Körper der Ritter baumelten vom Torhaus in der Luft, Kynar hatte sie wegen Verrats an der Krone von Gondred abgeurteilt und aufhängen lassen. Ihre Familien sowie die überlebenden Burgmannen hatten ihre Waffen abgeben müssen, aber freien Abzug bekommen. Sie alle, wie auch die Bauern und Dorfbewohner die sich in die Mauern geflüchtet hatten, standen jetzt verloren in kleinen Grüppchen auf dem Hügel oder näher am Dorf und sahen dem Abzug der Kerrinsmänner zu.

    Vieh wurde durch das Dorf getrieben - Schafe, Ziegen, Pferde und sogar einige Kühe. Die meisten der Tiere kamen zurück in ihre Ställe, aber eine keineswegs geringe Anzahl landete statt dessen beim Troß der Kerrinsmänner, zusammen mit Fässern und Säcken die auf einem steten Strom an Wagen verstaut wurden. Die Dorfbewohner folgten dem Geschehen mit zornigen Blicken, aber kaum jemand wagte dagegen aufzubegehren.

    Tanred lehnte gegen einen Apfelbaum, sein Schild und sein Speer neben ihm, das Langschwert über den Rücken geschnallt. Seine Mannen würden sich bald in Marsch setzen - sobald die Kundschafter zurück waren. Aber bis dahin war noch etwas Zeit...

    "Und habe ich es nicht gesagt - vor Ädons Macht ist diese Burg nicht mehr als ein Haufen Sand in der Flut! Die Burg wird durch seine Macht fallen, so war es verkündet, und sie ist durch seine Macht gefallen! Daher kehrt um und laßt ab von..."

    Der Wind wehte die Stimme des Predigers von ferne an Tanreds Ohr und er schüttelte müde den Kopf. Die List einer Hexe konnte man kaum Ädons Macht nennen... Daß er selbst die Ausfallpforte geöffnet hatte, war jedenfalls Gesprächsthema im Heerlager - ganz so wie Perren das vermutlich beabsichtigt hatte. Der geheimnisvolle Prinz Kerrin, der wie ein Schatten über die Mauer klettern kann.

    Bei dem Gedanken daran daß es alles nur Feluas Magie gewesen war. statt Ädons Macht oder seine Tapferkeit. fühlte er sich schmutzig.

    "Ihr nehmt zu viel Vieh!", unterbrach eine mürrische Stimme in einiger Entfernung seine Gedanken. "Das ist viel mehr als der zehnte Teil!"

    Tanred drehte den Kopf. Der Sprecher war ein groß gewachsener Bauer mit sandfarbenem Haar und Bart. Der Kleidung nach zu urteilen keiner der Ärmsten des Dorfes.

    Notger, dem die Worte gegolten hatten, drehte sich langsam um. Der Kerrinsmann war einen guten Kopf kleiner als sein Gegenüber, aber von seiner kräftigen Gestalt ging eine stumme Drohung aus als er den anderen eine ganze Weile lang musterte.

    "Wir treiben keinen Zehnt ein", grollte er schließlich. "Ihr habt eine Schlacht verloren und wir brauchen Proviant."

    Entrüstet schüttelte der Bauer den Kopf.

    "Wovon sollen wir im Winter leben?", fragte er scharf. "Und nächstes Jahr?"

    Notger schnaubte verächtlich.

    "Ich sehe hier fette Weiden um das Dorf. Von dem was wir euch lassen könnt ihr euch vielleicht diesen Winter keinen Wanst anfressen, aber ihr könnt anpaaren und weiter züchten. Ihr habt Saatgut für nächstes Jahr - also halt dein Schandmaul und stell' dir vor wie es sein könnte!"

    "Und wer soll uns jetzt beschützen? Jetzt da der Ritter tot ist und die Burg brennt?"

    "Glaubst du ich bin als Soldat geboren?", fragte Notger verächtlich. "Ich war mal Schmied. Haltet zusammen und beschützt euch selber. Wir bluten schon dafür daß die Garde euch nicht länger ausplündert - wenn ihr Männer seid könnt ihr mitziehen, aber selbst wenn ihr Memmen seid könnt ihr selber eine Wache aufstellen."

    Notger spuckte auf den Boden, drehte sich um und ließ den Mann stehen.

    Tanred blickte ihm nachdenklich nach. Notger hatte nur das gesagt, was die Gaukler auf Perrens Anweisung in unzähligen Tavernen geschauspielert hatten - steht zusammen, helft einander wenn ihr von der Garde bedroht werdet. Aber hatte Notger das alles wirklich so verstanden, wie Perren es gemeint hatte?

    Wenn statt Gundric hier ein anderer Ritter das Gut übernahm - würde er dann hier ein Dorf unter Waffen vorfinden das ihn nicht als Lehensherrn brauchte? Wenn Notger irgendwann aus dem Krieg heimkam - würde er seine Waffen einfach so ablegen, in die Schmiede gehen und wieder einem Ritter und seinen Mannen seinen Schutz anvertrauen?

    Ädons Haus Gondred in dem jeder seinen Platz hatte... es war verbogen und verzerrt, die Teile paßten nicht mehr zueinander... Es war die Aufgabe der Ritter, ihre Bauern zu schützen, nicht die Aufgabe der Bauern das selbst zu tun. Aber es war Edred der für all diese Verwirrung verantwortlich war - mit der Schwarzen Garde hatte er Soldaten nach Gondred gebracht die in diesem Gefüge keinen Platz hatten, die eine Bedrohung darstellten, vor denen die Grafen und Ritter niemanden schützen konnten, und so kam eines zum anderen.

    Wie sollte danach wieder alles an seinen Platz kommen?

  • Der große Strom

    Winter liegt über dem Wald um Eschgeir. Hier im Süd-Westen von Gondred ist diese Jahreszeit nicht so hart und eisig wie in den Bergen, es fällt Schnee, aber immer wieder kommen auch warme Tage und das Weiß taut von den Bäumen, während es am Boden zu Matsch wird - der dann beim nächsten Frost wieder gefriert. An der Burg bedeutet das Eiszapfen die von den Türmen und vor den Fenstern hängen und im Schein der niedrigen Wintersonne verzaubert glitzern.

    Felua blickt durch das Turmfenster über den endlosen Wald. Er sieht kahl aus im Winter, so anders als das wogende Meer aus Grün im Sommer, aber wie die mächtigen Eichen und Buchen ihre Äste in den Himmel strecken hat seine eigene Schönheit, genau wie die Flecken aus Grün das so dunkel ist daß es fast schwarz sein könnte die anzeigen wo Nadelwald ist.

    Sie war schon eine ganze Weile nicht im Wald - nicht in ihrer Fuchsgestalt und als Mensch schon überhaupt nicht. Sie ist sich nicht ganz sicher warum nicht - als Mensch ist es jetzt natürlich schwierig, es ist kalt und es ist schwierig voranzukommen wenn man bei jedem Schritt durch die dünne Schneekruste bricht. Aber als Fuchs? Sie ist die letzten Winter auch häufig über den verschneiten Waldboden gehuscht, durch Tunnel die tief in den Schnee führen. Aber diesen Winter findet sie es schwer, auch nur Vorfreude bei dem Gedanken zu empfinden.

    Sie muß nach Osten, sich den Kerrinsmännern anschließen und den jungen Gaukler finden. Tanred.

    Es ist seltsam an ihn zu denken, sie hat ihn nur kurz gesehen und er bedeutet ihr nichts - und trotzdem weiß sie, daß sie symbolisch seine Braut werden wird, die Göttin hat es ihr so offenbart. Felua empfindet nichts dabei, sie akzeptiert einfach, daß es so passieren wird - weil es die Rolle ist, die sie im ewigen Kreis des Schicksals einnimmt.

    Bald wird sie aufbrechen müssen... Beim nächsten Tauwetter vielleicht schon, noch ist der Winter stark und hält das Land im Griff, aber in ein paar Wochen schon wird die Sonne stark genug sein, daß die Wege schnell passierbar werden. Sie wird einen Vorsprung haben, die Kerrinsmänner sind in Kerst wo der Winter erst spät weicht, aber der Weg ist lang.

    In den letzten Tagen hat sie ihn geplant, hat in Karten geschaut und Wegbeschreibungen gelesen und einige der weiter gereisten Burgbewohner gefragt. Inzwischen hat sie eine ganz gute Ahnung was für Gepäck man für eine so lange Reise braucht - auch wenn sie sich nicht sicher ist, wie viel sie eigentlich tragen kann.

    "Du denkst immer noch daran zu gehen", unterbricht die Stimme ihrer Mutter Feluas Gedanken. Und es ist keine Frage, sondern eine Feststellung.

    Langsam dreht sich Felua um. Wie lange steht Maldua schon in der Tür des Turmzimmers?

    "Ich denke nicht daran zu gehen", erwidert Felua trotzig. "Ich werde gehen - ich muß. Es ist der Wille der Göttin."

    "Es ist was du für den Willen der Göttin hältst", verbessert ihre Mutter sie milde. "Was wir fürchten oder hoffen, fühlt sich oft dem ähnlich an, was geschehen soll."

    Felua antwortet nicht. Es wäre zwecklos - wie soll sie ihrer Mutter beweisen was sie in ihren Knochen und in ihrem Blut als die Wahrheit spüren kann? Und welchen Sinn hätte es - auch eine Hexe von der Macht ihrer Mutter kann sich nicht gegen die Göttin stellen oder das Schicksal abwenden.

    Aber Maldua muß das wissen - mit all ihrer Gabe die Zukunft zu sehen und ihrer Erfahrung muß sie das wissen. Warum versucht sie dann immer noch, Felua umzustimmen? Es sei denn...

    "Werde ich sterben wenn ich gehe?", fragte Felua ohne Vorwarnung. "Ist es das was du siehst?"

    Ihre Mutter zuckt unter den Worten zusammen.

    "Ich kann dir das nicht sagen...", flüstert sie. "Aber es gibt eine einfache Antwort - einen sicheren Weg den wir beschreiten können. Wenn du einfach auf mich hörst!"

    Felua schüttelt nur den Kopf. Wenn die Göttin gebietet, dann gehorcht eine Hexe.

    "Ich habe keine Angst zu sterben, Mutter", sagt sie, obwohl sie selbst weiß daß sie keine Ahnung hat was diese Worte wirklich bedeuten, Obwohl sie ahnt, daß sie anders darüber denken wird wenn es so weit ist. Aber sie ist entschlossen sich von ihrer Mutter jetzt keine Angst machen lassen.

    "Es gibt schlimmeres als den Tod...", erwidert Maldua tonlos. "Viel Schlimmeres..."

  • "Mir ist absolut nicht wohl bei dem Gedanken, daß du ausgerechnet jetzt die Armee verlassen willst", stellte Wulfgar zu Perren gewandt fest. "Und ich bin sicher nicht der einzige hier dem es so geht."

    Die anderen Kerrinsmänner um den Tisch herum nickten - Kynar und Vindalf energisch, Godric, der Anführer der Schützen aus Eibenhag eher nachdenklich und Andel kaum wahrnehmbar. Tanred blickte sich suchend im Saal der keinen Burg um, die Perren als sein Hauptquartier genommen hatte, als ob ihm die dunklen Deckenbalken oder die verstaubten Banner und grob gewebten Teppiche an den Wänden irgend eine Erkenntnis vermitteln könnte, was er nun selbst über die Frage denken sollte. Aber so eine Erkenntnis kam nicht. Instinktiv kam es ihm falsch vor - Perren wurde hier gebraucht. Aber der Graf würde wohl kaum etwas ohne Grund tun...

    "Wenn nicht jetzt, wann dann?", erwiderte Perren herausfordernd. "Wenn Edred kein Dummkopf ist - und das ist er nicht - dann muß er jetzt wissen, daß er es mit einem ausgewachsenen Krieg zu tun hat, den eine kleine Streitmacht von ein paar Hundertschaften unmöglich gewinnen kann. Und das bedeutet, er muß sein Heer sammeln - wahrscheinlich nicht nur die Garde, sondern auch die Adeligen die zu ihm stehen. So ein Heer braucht einen Troß - Proviant, Waffen, Futter für die Tiere - vor dem Spätsommer kann er keine Armee dieser Größe in Marsch setzen. Und das bedeutet daß unsere Position hier bis dahin unangefochten ist - unsere Aufgaben sind unsere Position zu befestigen und die Neuankömmlinge auszubilden, das ganze Heer zu einer schlagkräftigen Truppe zu machen. Aber das kann jeder von euch genauso gut wie ich tun. Was nicht jeder von euch tun kann, ist nach Erred an die Küste zu reisen."

    "Und wieso nicht?", fragte Kynar. "Wenn du mir die Namen deiner Kontakte gibst, warum sollte ich diese Aufgabe nicht tun können?"

    "Weil du zum Beispiel überhaupt nicht wie ein Gaukler aussiehst", sagte Perren trocken. "Niemand, der dich je hat Laute spielen hören, würde auf die Idee kommen, daß du dein Geld damit verdienst."

    Godric und Vindalf kicherten und auch Tanred mußte an sich halten um ernst zu bleiben.

    "Wir haben schon immer gewußt daß, wenn wir diesen Punkt erreichen, eines von drei Dingen passieren muß - sonst kann Edred den Aufstand niederwerfen", fuhr Perren fort als es um den Tisch wieder ernster wurde. "Entweder das Heer von Kerst marschiert und schneidet Edred von seinen Silberminen um Hasutal ab - das zwingt ihn zu reagieren, ohne das Silber ist ihm die Gefolgschaft der Garde nicht länger sicher. Oder wir nehmen Terred ein und haben so eine Befestigung aus der Edred uns auch mit seinem gesamten Heer nicht vertreiben kann. Oder es bricht ein zweiter Aufstand an der Küste los der ihn zwingt seine Streitmacht aufzuteilen und seine Pläne über den Haufen wirft. Ansonsten haben wir es mit siebentausend Mann seiner Garde zu tun, und wahrscheinlich nochmal der doppelten Zahl an Rittern und ihren Bewaffneten. Bisher habe ich keinen Bericht darüber gehört daß in Kerst Heerschau gehalten würde oder ein Heerzug vorbereitet wird. Terred ist nicht unter unserer Kontrolle, sondern eine Garnison der Garde ist dort - alles was wir erreicht haben, ist fliehende Teile der Garde von Terred abzuschneiden - Edred kann die Stadt nicht verstärken, aber wir können nicht hinein. Und das läßt nur den Westen und Erred - bisher hört man nicht von einer Erhebung, obwohl es Kerrinsmänner dort gibt und viel Silber in die Vorbereitung geflossen ist - warum bleibt das ohne Wirkung?"

    Perren blickte in die Runde, suchte die Blicke jedes einzelnen.

    "Es mag noch nicht so aussehen, aber die Lage ist ernst", erklärte er grimmig. "Egal was die Prediger über unsere gerechten Ziele verkünden - wir können nicht gegen Edreds gesamtes Heer stehen. Ich muß wissen, was westlich von uns passiert - ich kenne die Kontakte und habe ihr Vertrauen, niemand anderes kann das schnell genug ersetzen."

    Ein unbehagliches Schweigen breitete sich aus. Tanred hatte nichts von den drei Dingen gewußt - aber die Angst griff auch so nach ihm. Es war leicht, sich von den Siegen bisher blenden zu lassen - aber wenn Edred wirklich über so viele Soldaten verfügte die er in Marsch setzen konnte... Und Terred konnte nicht eingenommen werden, Kethana hatte sie verraten - was blieb dann noch?

    Ihren Blicken nach zu urteilen, schienen die anderen Kerrinsmänner ähnliche Gedanken zu hegen.

    "Es muß mir trotzdem nicht gefallen...", brummte Wulfgar schließlich. "Was, wenn Edred schneller reagiert als du denkst? Wenn er einen Überraschungsschlag plant?"

    Perren seufzte.

    "Garantien im Krieg gibt es nicht - ein Risiko ist unser Unternehmen so oder so. Aber keiner von euch ist ein Narr der dem Ruhm nachjagt oder sich einfach übertölpeln läßt. Wenn Edred dergleichen macht - dann müßt ihr in meiner Abwesenheit tun was eben zu tun ist. Aber es gibt keine andere Wahl - die Umstände sprechen gegen uns."

  • Und ich denke, dieser Part läutet eine Wendung ein. Das fast schon unwirkliche Gelingen aller Vorhaben der Rebellen könnte mit Perrens Weggang ein Ende haben. :huh:

    "Er wird wiederkommen. Die Berge sind wie ein Virus. Man infiziert sich mit der Liebe zu ihnen
    und es gibt kein Gegenmittel. Sie führen in eine Sucht, man kommt nicht mehr von ihnen los.
    Je länger man sich woanders aufhält, desto größer wird das Verlangen, sie wiederzusehen."

    Chad, der Holzfäller
    aus "Der Wolf vom Elk Mountain"

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  • Das fast schon unwirkliche Gelingen aller Vorhaben der Rebellen könnte mit Perrens Weggang ein Ende haben. :huh:

    Ich denke es ist fuer eine Rebellion normal am Anfang zu gewinnen - immerhin hat sie das Ueberraschungsmoment (wenn die Planung nicht voellig doof war). Aber irgendwann kommt dann der Augenblick wo die Gegenseite ihre Truppen sammelt - und dann wird es schwerer...

  • Fruchtbare Äcker wechselten sich mit saftigen Weiden, kleinen Wäldchen und Obstgärten ab. Mauern aus Feldsteinen trennten die einzelnen Besitztümer, Scheunen standen bereit die erste Heumahd des Jahres aufzunehmen, die Türme von kleinen Ädonshäusern reckten sich an vielen Stellen in die Höhe und ganze Herden von Kühen und Pferden grasten gemächlich in der milden Sonne. In der Gegend um Erbor war Gondred reich, so ganz anders als die karge, hügelige Heide mit ihren verstreuten Höfen und spärlichen Schafherden, die weiter im Osten vorherrschte.

    Das Land weckte Erinnerungen in Tanred. Hier waren die Kerrinsmänner letztes Jahr in einen Hinterhalt gekommen, an einer Wegkreuzung hatte er einen Mann getötet und einer der Kontakte von Perren war zum Verhör in die Stadt selbst verschleppt worden. In seinem Kopf hatte er sich Erbor, das er nie gesehen hatte, irgendwie als eine düstere Festung ausgemalt, abweisend und mit hoch aufragenden, dunklen Mauern wie Terred, eine finstere Bastion der Schwarzen Garde.

    Die Wahrheit war sehr verschieden von dem Bild das er sich gemacht hatte.

    Erbor war von einer recht niedrigen Mauer aus grauem Stein umringt, die regelmäßig von Türmen unterbrochen wurde. Bunte Banner flatterten im Wind. Wo die Stadt sich an das Ufer der Galta drängte, konnte man selbst von der Handelsstraße aus den Hafen erkennen, an dem mehrere der bauchigen Flußschiffe festgemacht hatten, dahinter einen Markt und Lagerhäuser. Die meisten Häuser waren mit Schindeln aus Holz oder sogar gebranntem Ton gedeckt, das düstere Schiefergrau der Dächer das im Osten vorherrschte hatte hier keinen Platz. Der hohe Turm eines alten Ädonsdoms rangte aus der Mitte der Stadt hervor, und dort wo der Grund ein wenig anstieg waren die Mauern eines Klosters über den Zinnen der äußeren Befestigung zu erkennen.

    Dichter Verkehr herrschte auf der Handelsstraße die zur Stadt führte. Nicht nur Fuhrwerke waren unterwegs - die schweren, von Ochsen gezogenen Wagen meistens aus der Umgebung und für den Markt bestimmt, die leichteren hinter Maultieren mit teureren Handelswaren aus der Ferne - sondern auch viele Wanderer, die meisten davon staubig und abgerissen. Die Mehrzahl von ihnen war in Richtung Westen unterwegs, zur Küste hin, genau wie die Gaukler.

    Tanred war anfangs besorgt gewesen, daß die Gaukler im Eiltempo unterwegs waren - neben Guffa hatten sie ein weiteres Maultier zum Wechseln dabei - und kaum jemals für eine Vorstellung gehalten hatten. Aber niemand schien das von ihnen zu erwarten, statt dessen wurden sie einfach Teil des großen Stroms von Menschen, der aus dem Kriegsgebiet floh.

    Anfangs war es Tanred widersinnig vorgekommen. Die Kerrinsmänner kämpften für diese Menschen, es gab keinen Grund zu fliehen. Aber vielleicht gab es den eben doch - wo Heere aufeinandertrafen, da hielt der Tod reichlich Ernte und es traf nicht immer nur die Richtigen...

    Als die Gaukler sich dem Osttor von Erbor näherten, verlangsamte sich der Verkehr und kam schließlich zum Stillstand. Soldaten der Garde kontrollierten die Reisenden und ihre Fuhrwerke. Offenbar wollte niemand riskieren daß bewaffnete Kerrinsmänner in die Stadt einsickerten - auch wenn Tanred den Verdacht hegte, daß Perren schon vor Jahren Waffen in die Stadt gebracht hatte.

    Während er den Soldaten zusah, die gelangweilt in der Ladung von Wagen und Fuhrwerken wühlten, spürte er wieder den alten Haß in sich aufsteigen. Wer waren diese Menschen, daß sie sich einbildeten so mit den Gondrern umzuspringen als wären sie die Herren im Land? Er nahm ein paar tiefe Atemzüge um sich zu beruhigen - sowohl Perren als auch Ketran hatten ihm mehr als einmal erklärt, daß Angst oder Wut sie erst richtig mißtrauisch machte.

    Die anderen Gaukler schienen die Verzögerung eher gelassen zu nehmen. Ketran hatte die Augen geschlossen und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen, Rocas und Ofyas spielten irgend ein Spiel aus den Stadtstaaten bei dem komplizierte Fingergesten wichtig waren und brachen ab und an in kurze aber heftige Diskussionen über einen Spielzug aus, Perren unterhielt sich mit einem Fuhrknecht neben ihnen und Vinlind war in ein Gespräch mit Felua vertieft das immer wieder von Kichern unterbrochen wurde.

    Tanred war nicht begeistert von der Anwesenheit der jungen Hexe, aber wie bei so vielem hatte Perren ihn nicht um seine Meinung gefragt, und so hatte sie sich einfach den Gauklern angeschlossen.

    "Na, was haben wir denn hier?", fragte ein Soldat mit hartem Akzent schließlich und sah sich die Truppe an.

    "Wir sind Gaukler, Herr", erwiderte Ketran. "Wir hoffen, daß wir in der Stadt Musik machen und zum Tanz aufspielen können."

    "Gaukler, wie?", wiederholte er ohne rechtes Interesse. Gelangweilt hob er die Plane die den Wagen bedeckte, griff nach ein paar Kostümen und hielt sie hoch. Eigentlich gab es keinen Grund nervös zu sein - die Schwerter der Kerrinsmänner waren nicht im Wagen, alles was sie hatten waren Dolche, und die waren auch nach dem Einen Gesetz erlaubt. Trotzdem gefiel Tanred die Situation nicht. Der Soldat förderte inzwischen stirnrunzelnd ein Tamburin und eine Schalmei zu Tage bevor der kopfschüttelnd die Plane sinken ließ.

    "Können passieren", rief er zu den Soldaten die näher am Tor standen und dann, zu Ketran gewandt: "Ihr seid nicht die einzige Truppe - aber das ist euer Problem nehme ich an. Die Stadt ist ziemlich voll, genug Leute flüchten sich vor den Unruhen weiter im Osten und suchen hier Quartier, also vermeidet Ärger. Die Stadtwache greift energisch durch."

    "Selbstverständlich, Herr!", versprach Ketran.

    Der Soldat musterte sie einen Moment scharf, dann wandte er sich zum nächsten Fuhrwerk. Langsam setzte Ketran den Wagen in Bewegung und sie fuhren nach Erbor hinein.

  • "Hat Ädon uns nicht gelehrt, dem Glanz von Silber und Gold zu widerstehen? Er hat uns gelehrt, allein dem Glanz seines unendlichen Lichts zu folgen! Sollen sich die Ädoniten dann mit prachvollem Besitz beladen, in prunkvollen Gewändern stolzieren und die Ädonshäuser mit Zierrat schmücken? Nein, ich sage euch, Ädon will nichts von alledem! Kehrt um, sage ich..."

    Tanred beobachtete den Mönch, der zu einer kleinen Gruppe sprach die ihn umringte - der Kleidung nach zu urteilen hauptsächlich Mägde und Knechte. Der Sprecher war keiner der Prediger, die er aus dem Lager der Kerrinsmänner kannte, seine Kutte war aus besserem Stoff und braun gefärbt und er trug ein aus Bronze geschmiedetes Ädonsauge um den Hals, aber die Worte die er sprach wirkten vertraut wenn er über Armut und Ädons Volk sprach.

    Nachdenklich ging Tanred zurück zum Wagen der Gaukler und holte sich von dort seine Jonglierbälle - eigentlich hatte er die Aufgabe ein Publikum anzulocken, nicht sich die Gegend anzusehen.

    Die Gaukler hatten ihren Wagen am oberen Ende des Naschmarkts abstellen können und ein desinteressierter Marktvogt hatte ihnen irgend eine Erlaubnis gegeben so lange sie keinen Ärger machten. Der Marktplatz lag in der höher gelegenen Hälfte der Stadt, ein gutes Stück vom Hafen entfernt dessen Wasser man an einigen Stellen durch die Gassen glitzern sehen konnte. Nur ein gutes Drittel der Fläche war gepflastert, der Rest war von großen Kastanien bestanden. Einige Tavernen hatten sich mit Tischen und Bänken unter die Bäume ausgebreitet, anderswo saßen Fuhrknechte beim Würfelspiel im Schatten - es war ein guter Platz für Gaukler und Musiker. Auf dem eigentlichen Markt boten Stände frisches Backwerk, Gewürze, Zucker und Honig an. Bürgersfrauen in bunt gefärbten Gewändern kauften hier ein, während das arbeitende Volk eher Interesse an einem oder zwei Bechern Wein zu haben schienen, den es am Rand des Marktes zu kaufen gab.

    Egal was die Torwache gesagt hatte, Erbor sah nicht so aus wie eine Stadt in der sich Flüchtlinge drängten - an jedem Tag in Terred wäre mehr Volk auf den Straßen unterwegs gewesen als hier.

    Bevor Ketran ihn noch dafür tadeln konnte, daß er die ganze Zeit herumstand, begann er mit seinen Bällen zu jonglieren. Verglichen mit dem was Ketran oder Arngard konnten war es kunstlos, aber praktisch sofort richteten sich mehrere neugierige Augenpaare auf ihn, und die ersten Zecher begannen, langsam herbeizuschlendern. Die Bewegungen waren ungewohnt, er hatte zu lange mit der Waffe geübt und das Jonglieren vernachlässigt, aber um ein Publikum anzulocken würde es reichen müssen...

    Plötzlich war Vinlind neben ihm und zog scheinbar aus der Luft einen kleinen Strauß Blüten, den sie dann in die Luft warf. Ein paar Kinder lachten auf und kreischten fröhlich als ein Schauer als Blütenblättern über sie fiel und noch mehr Menschen kamen um zu sehen, was der Grund für diese Aufregung war.

    "Ihr guten Leute von Erbor", begann Vinlind in dem dramatischen Tonfall den Gaukler so gerne benutzten. "Vergeßt für einen Moment euren Alltag und eure Sorgen - seht Kunstfertigkeit, lauscht unserer Musik, erlebt Magie und die Kunst ferner Länder! Gesellt euch zu uns, und erlaubt uns, euch mit unserer Kunst zu unterhalten!"

    Tanred warf seine Bälle hoch in die Luft, fing sie dann alle auf einmal und verbeugte sich, während Perren den Anfang eines bekannten Liedes mit der Laute anspielte. Irgendwo in der Menge die sich sammelte konnte Tanred Fret erkennen - Vinlind würde also nachher gut informiert werden... Ketrans Stimme begann, die Melodie zu singen, Felua begleitete sie mit einer Trommel und Tanred beeilte sich, an sein Tamburin zu kommen. Bei einer so kleinen Truppe gab es immer für jeden etwas zu tun.

  • Etwas war seltsam an der Art wie das Mädchen auf Tanred zeigte - und wie ihr Vater sie dann zur Seite nahm und rasch in ihr Ohr flüsterte.

    Es war bestimmt der sechste oder siebte Auftritt den Tanred zusammen mit Perren - oder besser mit Anduas dem Lautenspieler - an irgend einer Straßenecke hatte. Einfach Musik, das Tamburin und eine Schale die sich - zumindest nachdem Tanred manchmal mit Witz und manchmal mit sanftem Nachdruck danach verlangte -- mit Kupfer füllte. Nichts worauf ein Gaukler stolz sein konnte oder womit er auch nur auffiel. Warum Perren diese Auftritte machen wollte war Tanred ein Rätsel. Vielleicht ging es ihm in Wirklichkeit darum, bestimmte Straßen im Auge zu behalten? Aber selbst für eine so kleine Truppe war Straßenmusik dieser Art wenig mehr als Bettelei.

    Um so rätselhafter war, wieso das Kind offensichtlich von Tanred beeindruckt schien. Denn daß sie irgendwas in ihm sah, war aus der Art wie sie ihn jetzt verstohlen von der Seite betrachtete genauso offensichtlich als wenn sie immer noch auf ihn gezeigt hätte. Und ihrem Vater schien es nicht so viel anders zu gehen.

    Und es war eindeutig nicht Perren der diese Aufmerksamkeit genoß...

    Jetzt wo er anfing, darüber nachzudenken, erinnerte er sich auch an ein oder zwei andere Gelegenheiten vorher bei denen ihn Leute bei einem Auftritt seltsam angeschaut hatten.

    Wieso erkannten die Bürger von Erbor etwas in ihm? Als ob...

    Der Gedanke durchfuhr ihn wie ein kalter Regenguß und fast hätte er den Takt verloren.

    Kerrin.

    War es das, was dieses Mädchen in ihm sah? Aber wie kam sie auf die Idee, immerhin waren sie hier ja nicht unter Kerrinsmännern wie in dem Heer das Perren aufgestellt hatte?

    Oder täuschte er sich einfach? War sie nur fasziniert von den Gauklern?

    Irgendwie hatte er die Ahnung, daß es mehr war als das...

  • Das Jahr war jetzt fortgeschritten genug, daß die Abende nicht mehr bitterkalt wurden, so daß niemand, nicht einmal Ofyas und Rocas, ein Problem darin sah, daß die Gaukler einfach unter den Kastanien am Naschmarkt nächtigten. Ein kleines Feuer war schon bereit, einen Kessel mit Wasser für einen Eintopf zu erhitzen und aus dem Schatten an einem Baumstamm kam der Klang von Lautenspiel hervor. Ketran war dabei, Rüben für das Essen zu würfeln.

    Tanred spürte einen plötzlichen Stich, als er näher kam und bemerkte wer ihr dabei half - Felua war beschäftigt, das Gemüse zu schälen und redete dabei so vertraut mit der Prinzipalin, als würde sie schon seit Jahren mit den Gauklern ziehen. Dabei war das alles im letzten Jahr noch seine Aufgabe gewesen! Mußte die Hexe sich überall in sein Leben drängen?

    Statt ebenfalls Rüben zu schälen, legte er schweigend den kleinen Beutel mit Salz den er noch besorgt hatte neben Ketran, erwiderte ihr Nicken knapp und setzte sich neben Vinlind ans Feuer.

    "Hast du schon gehört?", fragte sie ihn während sie ihm schon einen Becher Bier reichte. "Es gab heute eine ziemliche Aufregung am Tor - ein Kaufmann hat behauptet, die Garde hätte ihm beim Kontrollieren seines Fuhrwerks Ware gestohlen."

    Tanred schnaubte nur.

    "Das tun sie doch immer...", meinte er abfällig und trank einen Schluck. War seit letzten Jahr auch das Bier schlechter geworden?

    "Nein, das tut die Garde nicht immer", stellte Perren fest und setzte sich zu den beiden ans Feuer. "Du must aufmerksamer für solche Feinheiten werden, Tanred. Die Garde nimmt von Bauern oder Krämern wie es ihr beliebt - und das vor allem auf dem Land - aber nicht von den Kaufherren der Gilden in einer Stadt."

    Tanred nahm noch einen Schluck Bier.

    "Na und?", fragte er ein wenig mürrisch. "Dann geht es den Städten vielleicht gelegentlich auch mal wie auf dem Land..."

    "Das 'na und' ist, daß eine Gilde eine Untersuchung vom Magistrat der Stadt verlangen kann", antwortete Vinlind. "Bei so einer einflußreichen Vereinigung kann der Magistrat die Beschwerde nicht einfach abweisen oder irgendwie versanden lassen. Und das bedeutet, daß die Stadtwache jetzt die Schwarze Garde untersucht."

    "Vermutlich werden sie eh' nichts finden...", mutmaßte Tanred, fast gegen seinen Willen jetzt doch interessiert an der Sache.

    "Da wäre ich mir nicht so sicher", erwiderte Perren mit einem seltsamen Unterton. "Es mag die Zeit kommen wo die Garde sich zu sicher fühlt."

    Tanred blickte ins Feuer und sah einem glühenden Stück Holz zu das zerbrach, folgte dann den aufspritzenden Funken mit seinem Blick in den Himmel. Die Vorstellung war zu schön, aber die Wahrheit war, daß er in zwei Tagen in Erbor bisher nicht viele Menschen getroffen hatten die offen Anzeichen von Unzufriedenheit mit Edreds Herrschaft erkennen ließen. Und auch das Theaterspiel der Kerrinsmänner hatte hier nicht stattgefunden...

    "Was tun wir eigentlich hier?", fragte er schließlich Perren. "Ich dachte du wolltest so schnell es geht an die Küste - statt dessen geben wir hier drittklassige Vorstellungen und schlagen die Zeit tot."

    "Drittklassige Vorstellungen...", wiederholte Vinlind kichernd. "Wer hätte gedacht, daß Tan mal so viel Ehrgeiz als Gaukler entwickelt?"

    "In der Tat...", stellte Perren amüsiert fest. "Wir warten auf ein Schiff das uns nach Erred bringt", erklärte er dann. "Das ist besser aks hundertfünfzig weitere staubige Meilen auf der Landstraße."

    "Auf ein Schiff?", fragte Tanred verblüfft. Neugier wechselte sich mit der instinktiven Abneigung ab, schon wieder den ganzen vertrauten Besitz und die Zugtiere zurückzulassen. Natürlich hatte er gewußt, daß die Galta westlich von Terred schiffbar war. Nur hatte das bisher nichts mit ihm zu tun gehabt, nur reiche Kaufleute reisten auf Schiffen...

    Perren nickte.

    "Du wärst überrascht wie viele Dinge den Flußschiffern so zu Ohren kommen", sagte er geheimnisvoll. "Oder was sie alles ungesehen transportieren können wenn es nötig ist. Da ist es nicht von Schaden, die eine oder andere Freundschaft zu pflegen..."

    Tanred holte tief Luft, irgendwie hatte er schon lange genug um den heißen Brei herumgeredet.

    "Erzählt eigentlich jemand den Leuten hier, daß ich Kerrin bin?", fragte er direkt. Und zu laut - Vinlind zuckte sichtlich zusammen und Perren bedachte ihn mit einem bösen Blick.

    "Natürlich", entgegnete der Prinzipal schließlich deutlich leiser. "Das ist der ganze Sinn des Plans."

    "Ja - aber ist es hier nicht zu gefährlich?", mischte sich plötzlich Ketran ein. "In einer Stadt, mit einer Garnison der Garde - was wenn er verhaftet wird?"

    "Dann stellt sich heraus, daß er nicht Kerrin ist", sagte Perren ruhig während Ketran ihn mit uncharakteristischem Zorn in den Augen anfunkelte. "Einfach weil er wirklich nicht Kerrin ist. Was wir tun ist nunmal gefährlich - auch eine Schlachtreihe ist kein besonders sicherer Ort. Wir müssen alle Risiken eingehen."

    Ketran schüttelte nur den Kopf, aber es war deutlich zu sehen daß sie mit dem Plan alles andere als glücklich war. Aber was Tanred am meisten verblüffte, war, daß sie bereit war, Perren offen zu widersprechen. Normalerweise akzeptierte sie seine Führung in Dingen die die Kerrinsmänner betraf bedingungslos. Er war sich nicht sicher, was er davon halten sollte.

    Oder von der Aussicht, von der Garde verhaftet zu werden.

  • Es waren zwei Soldaten der Schwarzen Garde, die schon am nächsten Tag kamen und Tanred in einer Gasse, während er noch das Tamburin schlug, bei den Armen packten.

    Die Musik brauch plötzlich ab und ärgerliche Rufe kamen aus den Reihen der Zuschauer, während die Soldaten Tanred von den anderen Gauklern wegzogen. Die Menge war eindeutig nicht auf der Seite der Soldaten, besonders als Ketran laut zu protestieren begann, aber dennoch teilten sich die Reihen der Zuschauer mürrisch.

    Tanred ging wie im Schock. Nichts wirkte real, der Schmerz des Griffs an seinem Arm kam aus weiter Ferne, die Stimmen die die Soldaten beschimpften klangen wie durch einen dicken Stoff gefiltert, nicht einmal Ketran klang noch vertraut und die gepflasterte Gasse unter seinen Füßen schien irgendwie schwammig geworden zu sein. Irgendwo fiel ein Sonnenstrahl auf blühendes Sternkraut zwischen den Steinen, und direkt daneben lag der tönerne Henkel einer kaputten Tasse... Aber nicht davon hatte mit ihm zu tun.

    Statt dessen rasten die Gedanken in seinem Kopf. Würden sie ihn jetzt in irgend einen Kerker werfen? Und dann vergessen? Bilder stiegen in ihm auf, die Vorstellung von einem modrigen, stinkenden Loch im Boden, das von verrosteten Gitterstäben verschlossen war...

    Und was, wenn sie statt dessen zur Folter griffen?

    Er hätte später nicht sagen können wie sie den Weg zurückgelegt hatten, das nächste was er bewußt erlebte, war, daß er durch eine schwere Eichentür in einen Raum gestoßen wurde in dem ein Mann mit einem sorgfältig gestutzten Bart, einer samtenen Kappe auf dem Kopf und einer schweren Amtskette vor der Brust hinter einem Tisch saß. Neben ihm standen zwei Offiziere. Der eine war ein schwarzhaariger, glattrasierter Eloraner in der Uniform der Garde, der andere ein flachshaariger, bärtiger Gondrer mit dem bunten Überwurf der Stadtwache.

    "Auf die Knie vor dem Magistrat Godmund!", befahl eine barsche Stimme von hinten und stieß Tanred nach vorne.

    "Herr?", murmelte er, während er auf das glänzende Holz des Fußbodens starrte, unsicher was jetzt von ihm erwartet wurde. Irgendwo hinter sich konnte er Ketrans Stimme argumentieren hören - war sie die ganze Zeit mitgekommen? Dann fiel die Tür mit einem dumpfen Knall zu.

    "Bist du der Bursche, den die Leute für Prinz Kerrin halten?", fragte eine Stimme mit hartem Akzent.

    Tanred sah auf und blickte in die dunklen Augen des Gardeoffiziers. Der Ausdruck, mit dem der Soldat ihn ansah, war überraschend freundlich.

    "Ich bin Ternarces", setzte der Offizier hinzu. "Beantworte einfach nur die Fragen, wenn du ehrlich bist dann passiert dir nichts."

    "Ich... ich weiß nicht für wen mich die Leute halten", murmelte Tanred. "Ich bin Tanred, ein Gaukler. Meine Prinzipalin kann euch bestätigen daß ich schon länger mit ihrer Truppe ziehe. Und daß ich davor Gerbergehilfe in Terred war."

    Ternarces nickte als ob er sich sowas schon gedacht hatte während der gondrische Offizier nur schnaubte.

    "Jeder kann behaupten, ein Gaukler zu sein", sagte er abfällig. "Und jeder kann für ihn lügen. Die Beschreibung paßt jedenfalls. Und woher sollten die Leute sonst auf so eine Idee kommen?"

    Ternarces schüttelte den Kopf.

    "An irgend einem Tag auf dem Markt kann ich die Leute alles mögliche erzählen hören", stellte er vernünftig fest. "Ich hab' schon von wiedergekehrten Heiligen gehört, von Königen die aus dem Grab auferstanden sind... Was kann der Junge dafür was irgend jemand sich ausdenkt?"

    Der Magistrat Godmund kratzte sich nachdenklich am Bart.

    "Edric hat trotzdem einen Punkt", sagte er schließlich. "Woher wissen wir daß er ein Gaukler ist? Er hat das Tamburin geschlagen als sie ihn geholt haben, oder? Das kann jeder."

    "Wenn ich drei Bälle bekomme, kann ich jonglieren", schlug Tanred vor.

    Alle drei blickten ihn plötzlich an, Godmund und Edric offenbar ärgerlich über die respektlose Unterbrechung, Ternarces mit einem amüsierten Funkeln in den Augen.

    "Ihr hab's gehört", wies der Eloraner die Wachen an. "Bringt dem Burschen drei Bälle - dann werden wir sehen ob er ein Gaukler ist oder ein Prinz wie Edric behauptet."

  • Oh, das war jetzt unerwartet und hat nicht nur Tanred, sondern auch mich kalt erwischt. Und dass nicht nur ...

    Spoiler anzeigen

    ... der Magistrat, sondern sogar Edred selbst sich für ihn interessieren, bringt an der Stelle richtig gut Spannung rein. Mal sehen, ob Tanred unter derartigen Druck jonglieren kann. Und ob die Fürsprache von Ternarces etwas bringt. Oder ob Ketran vielleicht vorher die Tür eintritt. =O

    "Er wird wiederkommen. Die Berge sind wie ein Virus. Man infiziert sich mit der Liebe zu ihnen
    und es gibt kein Gegenmittel. Sie führen in eine Sucht, man kommt nicht mehr von ihnen los.
    Je länger man sich woanders aufhält, desto größer wird das Verlangen, sie wiederzusehen."

    Chad, der Holzfäller
    aus "Der Wolf vom Elk Mountain"

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  • Oh, das war jetzt unerwartet und hat nicht nur Tanred, sondern auch mich kalt erwischt.

    Danke!

    Das ist eine Szene die ich als eine der ersten im Kopf hatte als ich den zweiten Teil geplant habe - besonders wie sie weitergeht, da kommt naemlich noch ein Twist auf den ich recht stolz bin:) Mal sehen wie Dir der zusagt...

  • Für eine ganze Weile herrschte Schweigen. Der Magistrat vertiefte sich in ein Dokument, die beiden Offiziere starrten einander in offener Abneigung an. Zweimal kam ein Bote durch eine kleine Pforte und wechselte ein paar geflüsterte Worte mit Godmund.

    Dann endlich brachte ein Soldat mit einer gemurmelten Entschuldigung drei schon verschrumpelte Äpfel. Edric blickte den Mann stirnrunzelnd an, aber Tanred griff sich die Äpfel und begann einfach, sie in die Luft zu werfen.

    Er hatte länger nicht jongliert, die letzten Wochen waren eher mit Waffenübungen gefüllt gewesen, und für einen kurzen Moment hatte er die Vorstellung daß er die Äpfel einfach fallen lassen würde - aber es passierte nicht, er warf die Äpfel im einfachsten Muster von einer Hand in die andere, driftete dann in ein anderes, das sie im Kreis linksherum tanzen ließ, dann rechtsherum, warf einen Apfel unter seinem Bein hindurch, fing alle auf und beendete die Vorführung mit einer leichten Verbeugung.

    Ketran wäre vermutlich halbwegs zufrieden mit ihm gewesen...

    Die drei Zuschauer blickten ihn durchdringend an.

    "Er ist ein Gaukler", stellte Ternarces schulterzuckend fest. "Wie ich von Anfang an gesagt habe. Wir verschwenden hier unsere Zeit. Zeit die wir besser dafür verwenden könnten, uns mit diesen falschen Anschuldigungen gegen meine Männer zu beschäftigen."

    "Ein Prinz kann auch jonglieren lernen", behauptete Edric stur. "Das Volk kommt nicht einfach so auf die Idee. Wenn das hier der echte Kerrin ist, dann haben wir eine einmalige Gelegenheit und der König wird uns reich belohnen."

    Ternarces verdrehte die Augen.

    "Oh bei Utaru und Atammu!", fluchte er. "Was soll der Bursche denn noch alles tun? Wie soll er möglicherweise beweisen daß er kein Prinz ist?"

    Bei diesen Worten hielt der Eloraner plötzlich inne. Ein Gedanke malte sich auf seinem Gesicht.

    "Gib' mir diesen Beutel an deinem Gürtel!", verlangte er von Edric. "Der Junge sagt doch, daß er Gerber war - dann muß er was über Leder wissen."

    Der Magistrat nickte zustimmend, und Edric reichte Tanred mit einem häßlichen Grinsen den Beutel.

    "Dann laß mal hören was du darüber sagen kannst!", meinte er höhnisch.

    Tanred legte die Äpfel zur Seite und griff nach dem Beutel, tastete mit den Fingern über das Leder, rieb daran und roch kurz daran. Leder war jahrelang Teil seines Lebens gewesen, der Geruch des Materials war warm und vertraut.

    "Ziegenleder", stellte er zuversichtlich fest. "Mit Fett gegerbt und weich gemacht. Sicher nicht die Arbeit einer Zunft, das Leder ist am Rand hart geblieben und beim Beizen sind hier ein paar Haare übrig geblieben, kein Gerbermeister würde so eine Schlamperei dulden. Dem Geruch nach würde ich sagen, daß auch Schweinefett verwendet wurde - einem Gerber hätte das Fett der Ziege gereicht, aber wer das Handwerk nicht versteht braucht mehr Fett um die Haut weich zu bekommen. Vermutlich von einem Bauern auf dem Hof gemacht - jemandem der Ziegen und Schweine hält. Das Lederband zum Schnüren ist aber eine Zunftarbeit - Rindsleder, mit Eichengalle gegerbt."

    "Erspar' und die Einzelheiten davon...", unterbrach Ternarces ihn lachend. "Also, Edric - hat der Bursche recht?"

    Der blonde Offizier nickte widerstrebend.

    "Ich hab' den Beutel auf dem Markt von einem Bauern gekauft, ja...", gab er zu.

    "Also, ich hoffe wir sind uns alle einig daß es sehr unwahrscheinlich ist, daß irgend ein Prinz ausgerechnet das Gerberhandwerk lernt, oder?"

    Die beiden anderen nickten.

    "Bist du Kerrin?", fragte der Eloraner weiter. "Oder hast du irgend jemandem erzählt daß du Kerrin bist?"

    Tanred schüttelte den Kopf.

    "Nein Herr - ganz bestimmt nicht."

    "Hat irgend jemand gesehen wie er behauptet hat, Kerrin zu sein?", fragte der Magistrat mit ruhiger Stimme. "Oder haben wir es mit 'mein Vetter hat einen Freund, dem hat auf dem Markt jemand erzählt' zu tun? Haben wir irgend einen Zeugen, der sagen kann, wo die Behauptung herkommt?"

    Edric schüttelte frustriert den Kopf. Godmund lehnte sich zurück.

    "Dann verschwenden wir hier wirklich Zeit. Edric, es ist offensichtlich daß der Bursche kein Prinz ist - laßt ihn gehen, er kann nichts dafür was man sich über ihn erzählt. Wir machen uns lächerlich wenn wir Gaukler wegen wilder Gerüchte verhaften."

  • Zu Tanreds Überraschung wartete eine aufgebrachte Menschenmenge auf dem Platz vor dem Magistratsgebäude. Fäuste wurden wütend in Richtung einer Reihe von Soldaten der Schwarzen Garde geschwungen und mehr als eine Hand umklammerte eine Waffe. Und die Wut der Menschen nahm noch zu als sie ihn in Begleitung von Ternarces und zwei weiteren Soldaten sahen.

    Der eloranische Offizier setzte an um etwas zu erklären, aber er kam nicht zu Wort, die Menge schrie ihn einfach nieder und die ersten Steine begannen zu fliegen. Die meisten waren nicht gezielt, aber einer prallte krachend gegen einen Schild, den einer der Soldaten grade rechtzeitig hochreißen konnte. Es war abzusehen, daß es nur noch Momente waren, bis etwas endgültigeres passieren würde.

    Die Inspiration kam Tanred ganz plötzlich, er hatte nichts für diesen Moment geplant oder vorbereitet, aber von einem Moment auf den anderen wußte er genau, was er tun mußte. Er trat nach vorne und hob die Arme, die Handflächen nach vorne.

    Und das Wunder geschah - die Menge wurde ruhig und wartete auf das, was er zu sagen hatte.

    "Ihr guten Bürger von Erbor", begann Tanred erst etwas zögernd, dann mit jedem Wort zuversichtlicher. "Es gibt keinen Grund für Aufruhr. Alles ist lediglich ein Mißverständnis - der ehrenwerte Magistrat hat selbst festgestellt, daß ich nicht der bin, für den er mich anfangs gehalten hat. Und das ist alles - man hat mich wieder frei gelassen. Ich bin niemand besonderes, ihr guten Bürger - ich bin nur einer von euch, ein Gondrer wie ihr. Bitte haltet den Frieden und geht wieder nach Hause!"

    Einen Augenblick lang schienen alle den Atem anzuhalten. Ketran, die hinter ihm aus dem Tor getreten war, wirkte fast entsetzt. Ternarces neben ihm sah statt dessen eher nachdenklich aus und manche der Soldaten erleichtert. Viele Gesichter in der Menge blickten erstaunt auf Tanred, und ein vielstimmiges Raunen ging über den Platz.

    Tanred senkte die Arme wieder und ging langsam von den Soldaten weg, auf die Menge zu. Die Leute teilten sich vor ihm, einige blickten ihn verwirrt an, andere begeistert, wieder andere bewundernd.

    Aber niemand warf mehr Steine - und jedem mußte klar sein, daß er offensichtlich nicht mehr der Gefangene der Garde war.

    Dann schlossen sich die Reihen hinter ihm.

    "Bitte, haltet den Frieden und geht nach Hause", wiederholte Tanred.

    Die ersten aus der Menge nickten. Einige am Rand begannen, sich in Gassen zurückzuziehen, andere folgten Tanred wie eine Ehrengarde als er auf eine größere Straße zuging.

    Er blickte sich nicht um. Aber hinter ihm wurde es leiser. Vermutlich war das ein gutes Zeichen.