Helios III (Die neue Heimat)

Es gibt 27 Antworten in diesem Thema, welches 6.056 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (19. Oktober 2025 um 13:25) ist von Sikadian.

  • Also der letzte letzte Sam/Hal-Teil war ganz gut. An den kann ich mich noch erinnern. Obgleich ich dachte, deine alte Version wäre etwas länger gewesen.
    Inhaltlich passt es. Du hast mehr Details als damals hier eingefügt. Die Charaktere haben im Gegensatz zu früher etwas mehr Tiefe bekommen. Das Leben auf den Raumschiff ist ganz gut dir gelungen zu beschreiben.

    Der letzte Teil ist mir hingegen neu. Hier fiel mir nichts negatives auf. Bin mal gespannt, wie du die Erzählfäden dann zusammenfügen möchtest.

  • Zarkaras Jade 2. Juli 2025 um 19:10

    Hat den Titel des Themas von „Helios III (neue Version)“ zu „Helios III (Die neue Heimat)“ geändert.
  • Es ist schon wieder über ein halbes Jahr verstrichen und ich habe keinen neuen Part reingestellt! :S Und ich dachte, nach so langer Pause hätte ich doch endlich genug Elan dafür! Ich stelle mal endlich den nächsten Part rein, damit die Geschichte nicht gänzlich im Nirvana verschwindet. Wie schnell es weitergehen wird, will ich nicht spekulieren. Aber die Geschichte geht definitiv weiter! Auch wenn es zur Zeit noch immer sehr schleppend ist. Aber vielleicht komme ich irgendwann wieder in eine Schreibphase und kann schneller Text liefern.


    [ KAPITEL 2 ]
    [ TEIL 2 ]
    [ Helios III – Fay ]

    „Jord?“ Sie riss ihren Kopf herum und blickte hinunter. Durch die Brille wirkte er in seiner stehenden Pose fast wie eine Steinstatue. Sofort begann sie zu lächeln. „Schon wieder zurück?“
    „Schon?“, gab er lachend wider. „Waren immerhin zehn Wochen.“
    Verdutzt glotzte sie ihn an. „Kam mir gar nicht so lange vor.“
    Dann widmete sie sich wieder dem Anbringen der neuen Platte. Schnell zog sie die Schrauben an und stieg anschließend vorsichtig von der Bühne runter. Mit dem schweren Schlagschrauber war es ein ziemlicher Balanceakt.
    „Warst wohl zu selten an der Oberfläche, dass du die Zeit vergessen hast?“, fragte er neckisch und kam ihr entgegen, um ihr das Werkzeug abzunehmen.
    „Eher zu selten zuhause“, konterte sie schnaufend, streifte sich die Schweißerbrille vom Gesicht und ließ sie lässig um ihren Hals baumeln. „Siehst ja, was hier wieder los ist.“
    „Nicht …“ Ebenso schnaufend setzte er den Schrauber unbeholfen auf dem Bodenblech ab und stützte sich mit verschränkten Armen auf diesen. „Nicht, dass dich dein Mann nicht wiedererkennt.“
    „Das traut er sich nicht, glaube mir.“ Ihr fröhliches Lächeln verzog sich zu einem hämischen Grinsen, dann stupste sie ihn an. „Und bei dir so?“
    „Leider auch keine Freizeit aktuell“, seufzte er verhalten und deutete mit dem Daumen hinter sich zum Fahrzeuglift. „Morgen früh geht’s schon wieder nach Novus.“
    Schnell verschwand ihr Lächeln und wurde eher ein fahler, ausdrucksloser Blick ins Leere. Sie nickte leicht und rümpfte ihre abgeflachte Nase.
    „Ich geh´ kurz in die Kantine“, meinte er weiter. „Willst du mitkommen?“
    „Keine Zeit“, erwiderte sie und winkte ab. „Muss noch´n paar Bleche austauschen, am VIC die Kette reparieren und da sind noch zwei Motoren, die ich auswechseln muss …“
    „Und dies und das, schon klar.“ Er verdrehte die Augen. Dann klopfte er ihr leicht an den Oberarm und nickte Richtung Ausgang. „Komm, Fay, mach auch erst mal Pause.“
    „Hab´ keinen Hunger.“ Sie schüttelte den Kopf, winkte weiterhin ab. „Außerdem kann ich die Arbeit nicht einfach liegenlassen. Wenn das mein Vorgesetzter mitkriegt, dann …“
    „Dann sagst du ihm, dass ich es dir befohlen habe“, unterbrach er sie und legte sich kurz die Hand auf die Brust, wo sein Rangabzeichen saß. „Ich schlag dir was vor: Du kommst jetzt mit und dafür helfe ich dir nachher bei deinen Reparaturen.“
    „Opfere nicht deine wenige Freizeit für mich, Jord.“ Sie ging an ihren Werkzeugwagen und tat so, als würde sie etwas suchen. Sie hatte wenig Lust auf dieses Thema und hätte sich Jordan am liebsten weg gewünscht.
    „Ach Quatsch. Für meine Freunde bin ich doch immer da.“
    Noch kurz verharrte sie an ihrem Wagen, nahm den Putzlappen und wischte sich das wenige Öl von den Fingern. So genau wusste sie nicht, was sie nun ins Grübeln brachte. Jordans Präsenz in ihrem Nacken, die Freundschaft zu ihm oder vielleicht doch sein Angebot? Kopf, Herz oder Magen?
    „Na gut“, schnaufte sie. „Aber nur dreißig Minuten und keine Sekunde länger.“
    Fast schon wie eine Maschine ließ sie alles fallen was sie in den Händen hielt, vergrub diese tief in den Seitentaschen ihres Blaumanns und lief mit Jordan neben sich im Eilschritt in die Kantine. Es war zwar kein besonders langer Weg dorthin – nur aus der Werkshalle heraus, vorbei an Treppenhaus und Hyperliften und nochmal zweihundert Meter über den Hauptkorridor – doch schaffte es Jordan, auch diese fünf Minuten mit einem Dialog zu füllen, mit sich selbst als alleinigen aktiven Teilnehmer.

    In der Kantine angekommen zeigte Jordan zu den Tischen rüber. „Such du schon mal einen Platz, ich hol uns was zu Essen.“
    Bevor sie auch nur ein Wort sagen konnte fügte er bereits an: „Keine Widerreden, Fay, du hast das Zeitfenster vorgegeben und zwanzig Minuten sind schnell um.“
    Sie schaffte es nicht, ein leichtes Murren zu unterdrücken. Was aber nicht gegen ihn gerichtet war. Wie so häufig war es nur Reflex, eine spezielle Eigenart der Chima.
    Flüchtig schwenkte sie ihren Blick durch die Kantine, konnte nur sporadisch die vielen Eindrücke hier wahrnehmen. Unter den anderen anwesenden waren auch einige Kollegen von ihr – niemanden, auf den sie wirklich gut zu sprechen war – und das machte sie trotz ihrer genetischen Herkunft ziemlich nervös. Für sie war es schwer zu beurteilen, ob es tatsächlich Abneigung oder eher Trauer war, die sie beschäftigte. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, blähte ihren Brustkorb auf und ging gedankenlos zum nächsten freien Tisch.
    Während sie Platz nahm, hatte sie bereits wieder ihren Kommunikator in der Hand und machte Notizen in ihrem Arbeitsplan. Sie vertiefte sich so sehr in ihre Sache, dass sie Jordan erst bemerkte, als dieser bereits ihr gegenüber Platz genommen hatte und das Tablett zwischen sie abstellte.
    „Bedien dich.“ Und als wäre es sein Plan gewesen, hatte er das Tablett so platziert, dass die Fleisch-Lasagne direkt zu ihr zeigte.
    Zuvor noch mit neutraler Miene, begann sie nun zu schmunzeln und nahm sich prompt den Teller und Gabel, sowie den kleinen Tofu-Salat. Mit großer Vorfreude stach sie das erste Stück von der Lasagne ab.
    „Also dann, Fay. Wie geht´s voran mit deiner Ausbildung?“
    „Alles sehr anstrengend“, meinte sie mit gebrochener Sprache. Das Essen in ihrem Mund verlangte nach der größeren Aufmerksamkeit. Da war es für sie fast schon eine Frage der Willenskraft, auch nur ein Wort herauszubekommen. „Ziemlich enger Zeitplan.“
    „Die Invasionsvorbereitung oder?“
    „Mitunter“, bestätigte sie nickend. „Aber auch einige Kollegen.“
    „Militärs oder Zivile?“
    „Menschliche“, stöhnte sie und legte die Gabel auf den Teller ab. „Jord, liegt es daran, dass ich eine Frau bin oder eine Chima, dass eure Männer mich als Konkurrenz sehen?“
    „Schwierig“, säuselte er und rieb sich unsicher die Nasenwurzel.
    Ihre Augen weiteten sich. „Was soll das heißen, schwierig?!“
    „Es ist schwierig zu beantworten, Fay.“ Beschwichtigend hob er die Hände. „In dem Sinne schwierig, dich nicht zu triggern.“
    Leichter Schaum bildete sich in ihren Mundwinkeln. „Komm zur Sache! Ihr Menschen seid immer so kryptisch!“
    „Glückwunsch, Fay, du hast dir die Frage eben selbst beantwortet.“
    „Jord!“, grummelte sie und spannte ihre rechte Hand an, sodass die Fingerknöchel weit hervortraten. „Wenn wir nicht befreundet wären, dann …“
    „Was dann?“ Erneut deutete er auf sein Rangabzeichen, dann legte er seine gespreizten Hände auf den Tisch. „Was soll ich denn sagen, Fay? Du bist eine Frau, Chima, über vierzig und willst dich jetzt beruflich weiterbilden. Vier Gründe, weshalb du anecken kannst. Das ist positiv gemeint! Kümmere dich nicht um deine menschlichen Kollegen, die sind neidisch und stark eingeschüchtert von dir. Aber sie zeigen es abwertend. Jeder Mensch zeigt das abwertend. Sogar der eigenen Rasse gegenüber.“
    Man konnte regelrecht sehen, wie ihr Kopf versuchte, diese Worte zu verarbeiten. Jordan hatte ihr wieder viele Informationen in ziemlich schneller Abfolge übermittelt. Das überforderte Fay, wobei das ein generelles Problem bei den Chima war. Etwas, das anatomisch bedingt war.
    Fay strengte es so sehr an, dass sie sogar das Essen dafür unterbrach. Bis sie nach einigen Minuten eine kurze, prägnante Antwort gab. „Ich find´ das beleidigend!“
    Jordan schaute anfangs verdutzt, gab dann aber rasch eine Gegenantwort: „Ihr Chima findet fast alles beleidigend, was von Menschen ausgeht … Und wir leben damit, tagtäglich.“ Dann stierte er auf ihren Teller. „Iss jetzt weiter deine Lasagne. Wir haben nur noch zehn Minuten.“
    „Hab keinen Hunger mehr.“ Murrend stach sie die Gabel hinein und schob die halbe Portion von sich weg.
    Jordan zögerte nicht lange und riss den Teller an sich. „Also wird’s dir auch nichts ausmachen, wenn ich den Rest esse.“
    Abwertend zuckte sie mit den Schultern. „Tangiert mich nicht!“
    Und schon war die erste Gabel in seinem Mund verschwunden, die zweite und dritte folgten unmerklich später. Fay konnte in seinen Augen lesen, dass es für ihn kein Hochgenuss war. Synthesefleisch war nicht jedermanns Sache, und sie wartete nur darauf, dass Jordan irgendwann kapitulieren würde. Aber dieser Moment war nicht gekommen.
    Wortlos räumte er das Geschirr zusammen, brachte das Tablett weg und ging mit ihr zurück zur Halle.

  • [ KAPITEL 2 ]
    [ TEIL 3 ]
    [ Helios III – Fay ]

    Dort angekommen übernahm sie wieder spontan die Führung und zeigte zum VICTORIA-Panzer rüber. „Kannst du den VIC fahren?“
    Jordan hob verwundert die Braue. „Ist die Frage ernst gemeint?“
    „Ja oder nein?!“, wiederholte sie, diesmal mit deutlichem Unterton. „Geht mir darum, ob ich wen ordern muss oder nicht.“
    „Ja, ich kann ihn fahren.“
    Bevor Fay mit der eigentlichen Arbeit begann, inspizierte sie zuerst alles. Die Kette, die Räder, die Achsen. Doch sie machte kein erfreutes Gesicht.
    „Von wegen nur Kette tauschen!“ Zähneknirschend rüttelte sie am Rad. „Das sieht auch nicht mehr ganz frisch aus. Das wird auch nur noch von der Kette gehalten. Alles verrostet … Na gut, wir nehmen erst mal die Kette ab.“
    Zumindest waren der Panzer und die neue Kette bereits vorbereitet und in die dafür vorgesehenen Schienen eingespannt. Eigentlich wäre es nicht Jordans Aufgabe gewesen, auch nur einen Handschlag zu tun und es wäre auch nicht in Fays Befugnis gewesen, ihm eine Anweisung zu erteilen. Aber er stand schon Hände reibend bereit.
    Kette aufhängen, entspannen und Bolzen entfernen. Fay dirigierte dann Jordan, den Panzer vorsichtig vorzufahren und passte auf, dass die Kette sich nirgends einklemmte. Auch wenn dies die Seltenheit war, wäre es umso schlimmer, wenn es doch mal passieren sollte. Bei einem menschlichen Kollegen von ihr war das der Fall gewesen. Der Fahrzeugführer war zu rasant gewesen, die Kette hatte sich verkantet und ein Rad abgerissen. Die ganze Halle hatte er zusammengeschrien. Ganz zu schweigen, wie er den Fahrer zur Schnecke gemacht hatte.
    Jordan vertraute sie. Sie hätte es sich ohnehin nicht getraut, ihm irgendeine Schuld zuzuschieben. Vielmehr hätte sie bei sich die Schuld gesucht, nicht aufmerksam gewesen zu sein.
    Aber sie konnte aufatmen, Jordan ist gemächlich gefahren und schnurgerade.
    Während ihr Freund den Panzer wieder sicherte und ausstieg, schaute sie sich das Rad genauer an. Es saß noch fest genug. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis es nicht mehr halten würde. Doch zum Glück war es das einzige Teil, das nicht in Ordnung war. Auf mehr Frickelei hatte sie heute keine Lust.
    „Wir müssen erst das Rad tauschen“, meinte sie und nahm ihren Kommunikator zur Hand. „Ich ordere schnell eins. Die Schrauben auch gleich mit.“
    „Dauert das lange?“
    „Kommt drauf an. Also ich mach' mir jetzt keinen Stress deswegen, aber unnötig Zeit verschwenden will ich auch nicht.“
    „Ich meine, bis das neue Rad da ist.“
    Sie schaute auf den Kommunikator. „Sie planen dreißig Minuten dafür ein.“
    „Und jetzt? Herausschneiden?“
    „Bei Helios, was?!“, spuckte sie samt einigen Speichels ihm entgegen und schaute ihn entsetzt an. „Auf keinen Fall werden wir hier irgendwas herausschneiden!“
    Sie atmete mehrmals tief durch, um die sich anbahnende Wut loszuwerden. Dann sprach sie gelassener zu Jordan. „Wir versuchen es erst mal mit der gängigen Methode. Wir haben ja die Zeit.“
    Aus ihrem Werkzeugwagen holte sie den Rostentferner und sprühte die betroffenen Teile intensiv ein. In den meisten Fällen reichte das bereits aus. „Halbe Stunde. Wir können inzwischen die alte Kette wegräumen.“
    „Auf Novus hätten wir nicht soviel Zeit gehabt“, kommentierte Jordan schulterzuckend. „Da wird improvisiert wo es nur geht.“
    „Ja, auf Novus …“ Ihr übertriebenes Augenrollen zeigte eindrücklich, was sie davon hielt. „Hier hab' ich die Zeit. Und hier nehme ich sie mir auch.“
    „Auch so eine Sache, die ich manchmal vermisse.“ In seiner Stimme klang ein Hauch Sehnsucht mit. „Kein Zeitdruck, kein Stress.“
    „Dafür aber bestimmt viele Abenteuer.“
    „Abenteuer? Wohl eher Gefahren!“
    „Apropos Novus. Hast du irgendwas Spannendes erlebt?“
    „Definiere spannend. Tut mir leid, aber für mich verschwimmen mittlerweile die aufregenden und weniger aufregenden Ereignisse fließend. Ich bin bereits abgestumpft.“
    „Na irgendwas Neues, das wir noch nicht wissen.“
    Er überlegte und nickte nach einer Weile. „Wir haben ein Mediziner-Team zu einem der Nó-Stämme begleitet. Die wollten noch ein paar letzte Tests und Impfungen durchführen.“
    „Tests? Impfungen?“ Für einen Moment hielt sie in ihrer Arbeit inne und fixierte ihren Blick auf ihn.
    „Äh ja, demnächst sollen die ersten Nó auf unsere Arche gebracht werden.“
    Tiefes Stirnrunzeln ihrerseits. „Echt? Wir kriegen eine vierte Spezies an Bord?“
    Er nickte, wenn auch etwas verhalten. „Hast du schon mal einen Nó gesehen?“
    Kopfschütteln. „Hab´ bisher nur davon gehört. Sollen etwas sonderbar aussehen.“
    „Ziemlich sonderbar. Ich hab´ schon vieles Absurdes erlebt, aber die Nó …“
    Kurze Stille folgte und ihr ausdrucksloser Blick dabei ließ den Moment leicht peinlich wirken. Vor allem bei dem, was sie daraufhin sagte. „Na ja, tangiert mich auch nicht genug, um mich mehr damit beschäftigen zu wollen.“
    An Jordans offenstehendem Mund konnte man erkennen, dass er eigentlich was sagen wollte, aber schnell innehielt. Alles, was Menschen in diesem Moment spontan darauf geantwortet hätten, hätte ein Chima als persönlichen Angriff angesehen.
    „Ja, Fay, kann ich irgendwie verstehen. Vielleicht sind sie auch gar nicht für das Leben hier geschaffen. Zumindest hat sich aus diesem Stamm, bei dem ich war, nur ein Nó gefunden, der tatsächliches Interesse an den Archen hatte.“
    „Das wiederum kann ich auch nachvollziehen. Ich kenne jemanden, der radikaler Archi ist. Der reist nicht mal zu den anderen Archen.“ Dann zeichnete sich ein Lächeln auf ihren schwarzen Lippen ab, das mit jeder Sekunde größer wurde. „Also ich selbst würde gerne mal nach Novus reisen.“
    „Wirklich? Warum?“ Verdutzt schaute er sie an. „Du hast doch hier alles, was du brauchst.“
    Sie verdrehte genervt die Augen. „Ja, aber auch nicht mehr. Du erlebst so viele tolle Sachen.“
    Jordan hob beschwichtigend die Hände. „Dafür musste ich aber auch schon viel Leid erfahren. Leid, das dir auf der Arche erspart bleibt. Und außerdem: als Zivilist hast du eh geringe Chancen.“
    Als sie das hörte, schwenkte ihr verträumter Blick zu einer bitteren Miene um. „Andere sind auch Zivilisten und reisen regelmäßig nach Novus.“
    „Ja, Wissenschaftler und Ärzte … Glaub mir, Fay, es ist kein Zuckerschlecken, auf Novus zu sein. Ich weiß vor einem Einsatz nie, ob ich auch wieder lebend zurückkomme. Besonders die Nächte sind gefährlich. Um solche Dinge musst du dir hier keine Gedanken machen. Genieße die Zeit auf der Arche.“
    Sie schüttelte den Kopf. Wieder zu viele Worte in zu kurzer Zeit. Dennoch verstand sie ganz genau, was er ihr sagen wollte. Und trotzdem stand ihr Entschluss fest. „Das ist mir egal! Wenn ich sage, ich will nach Novus reisen, dann werde ich auch nach Novus reisen!“
    „Und davon bin ich überzeugt, Fay. Aber nicht heute und auch nicht morgen …“

  • Hallo Jade, hier kommt mein Cent zum Kapitel 2 :)

    Fay halte ich für eine starke Figur. Sie steht bei mir für Gegensätze. Eigentlich ein knallharter Typ, der die schwersten Fahrzeuge repariert und Anerkennung unter Männern hat, ist sie gleichzeitig aber auch verletzlich und voller Selbstzweifel, hat Sehnüchte (will was erleben, kein Alltags-Einerlei mehr) und Wünsche (nach Novus zu fliegen). Und sie sucht nach dieser Anerkennung.
    Mir gefällt sie. Sie hat mich mehr beeindruckt als Hal.

    Zum Setting: Mir waren es nicht zu viele Beschreibungen oder technische Details. Ich konnte mir alles gut vorstellen und hatte tolle Bilder im Kopf. Besonders das mit der Tarneinrichtung fand ich sehr gut beschrieben!! :thumbup:

    Kleinkram

    Unter dem Fahrzeug presste sich vorsichtig eine Metallplatte an, gefolgt von einem leisen Surren.
    „Ja, funktioniert wieder“, bestätigte er und erwiderte mit einem Klopfen gegen die Tür.
    Zufrieden rümpfte sie die Nase und zog das Blech anschließend mit Schrauben fest an. Danach verstaute sie ihr restliches Werkzeug am Gürtel und kletterte mit dem Schlagschrauber in der Hand langsam von der Hebebühne herunter.

    Hier muss ich mal fragen zum besseren Verständnis für mich: Ist diese sich anpressende Metallplatte das Blech, bei dem Fay die Schrauben anzieht? Wenn ja - wieso ist sie dazu auf der Hebebühne, wenn die Platte doch unter dem Fahrzeug ist? Wenn nicht - vielleicht machst du den Unterschied noch irgendwie deutlich?

    „Nicht …“ Ebenso schnaufend setzte er den Schrauber unbeholfen auf dem Bodenblech ab und stützte sich mit verschränkten Armen auf diesen. „Nicht, dass dich dein Mann nicht wiedererkennt.“

    Hier hab ich kurz gestutzt, weil du für die Lebensgemeinschaft der Chima auch "Mann und Frau" benutzt. Wie wäre es, wenn du da eine andere Bezeichnung finden würdest? Irgendwas ... Neues, was uns Lesern so unbekannt ist wie die Rasse der Chima selbst. Ich fände das cool.

    So genau wusste sie nicht, was sie nun ins Grübeln brachte. Jordans Präsenz in ihrem Nacken, die Freundschaft zu ihm oder vielleicht doch sein Angebot? Kopf, Herz oder Magen?

    Sehr gute Zusammenfassung! :rofl:

    „Also dann, Fay. Wie geht´s voran mit deiner Ausbildung?“
    „Alles sehr anstrengend“, meinte sie mit gebrochener Sprache. Das Essen in ihrem Mund verlangte nach der größeren Aufmerksamkeit. Da war es für sie fast schon eine Frage der Willenskraft, auch nur ein Wort herauszubekommen. „Ziemlich enger Zeitplan.“

    Hier bin ich wieder gestolpert. Die beiden haben schon vorher miteinander gesprochen, da hast du nichts von Sprachproblemen bei Fay erwähnt. Oder hab ich was überlesen?

    „Militärs oder Zivile?“
    „Menschliche“, stöhnte sie und legte die Gabel auf den Teller ab. „Jord, liegt es daran, dass ich eine Frau bin oder eine Chima, dass eure Männer mich als Konkurrenz sehen?“
    „Schwierig“, säuselte er und rieb sich unsicher die Nasenwurzel.
    Ihre Augen weiteten sich. „Was soll das heißen, schwierig?!“
    „Es ist schwierig zu beantworten, Fay.“ Beschwichtigend hob er die Hände. „In dem Sinne schwierig, dich nicht zu triggern.“
    Leichter Schaum bildete sich in ihren Mundwinkeln. „Komm zur Sache! Ihr Menschen seid immer so kryptisch!“

    Ahhhh! Hier bei der roten Schrift hab ich erst geschnallt, dass Jord ein MENSCH ist. 8| Da konnte ich vorher keinen Hinweis darauf finden. Da du ja für Chima auch die Bezeichnung "Mann" und "Frau" verwendest, hat mir auch die blaue Textstelle keinen Hinweis auf Jordans "Spezies" gegeben.

    Du bist eine Frau, Chima, über vierzig und

    Siehe oben.

    Und schon war die erste Gabel in seinem Mund verschwunden, die zweite und dritte folgten unmerklich später. Fay konnte in seinen Augen lesen, dass es für ihn kein Hochgenuss war. Synthesefleisch war nicht jedermanns Sache, und sie wartete nur darauf, dass Jordan irgendwann kapitulieren würde. Aber dieser Moment war nicht gekommen.
    Wortlos räumte er das Geschirr zusammen, brachte das Tablett weg und ging mit ihr zurück zur Halle.

    Korinthenkackerei, ich weiß, aber ich würde den roten Satz vielleicht nicht im PQP schreiben. Sie sind ja noch beim Essen. Es ist keine gedankliche Rückblende von Fay, als wäre mMn "Doch dieser Moment kam nicht" hier passender. Aber du bist der Chef.

    Fay dirigierte dann Jordan, den Panzer vorsichtig vorzufahren und passte auf, dass die Kette sich nirgends einklemmte. Auch wenn dies die Seltenheit war, wäre es umso schlimmer, wenn es doch mal passieren sollte. Bei einem menschlichen Kollegen von ihr war das der Fall gewesen. Der Fahrzeugführer war zu rasant gewesen, die Kette hatte sich verkantet und ein Rad abgerissen. Die ganze Halle hatte er zusammengeschrien. Ganz zu schweigen, wie er den Fahrer zur Schnecke gemacht hatte.

    Ich hatte das rote "er" dem Fahrzeugführer zugeordnet, weil der ja der Letzte war, den du erwähnt hast. Aber wenn der zu schnell gefahren ist - welchen Fahrer macht er dann zur Schnecke? Oder sind Fahrzeugführer und Fahrer verschiedene Personen? Wenn ja, hab ich das so nicht herauslesen können. :hmm:

    Aber sie konnte aufatmen, Jordan ist gemächlich gefahren und schnurgerade.

    Hier wäre PQP mMn passender. :hmm:

    „Bei Helios, was?!“

    Cooles Detail :) Ich würde vielleicht nur noch den Artikel einfügen ("Bei der Helios") ...?

    "Er wird wiederkommen. Die Berge sind wie ein Virus. Man infiziert sich mit der Liebe zu ihnen
    und es gibt kein Gegenmittel. Sie führen in eine Sucht, man kommt nicht mehr von ihnen los.
    Je länger man sich woanders aufhält, desto größer wird das Verlangen, sie wiederzusehen."

    Chad, der Holzfäller
    aus "Der Wolf vom Elk Mountain"

    ___________________

    Einmal editiert, zuletzt von Tariq (21. August 2025 um 10:50)

  • Hallo,

    Zunächst mal, ich habe das Lesen als sehr angenehm empfunden und möchte auch gerne wissen, wie die Geschichte weitergeht. Die Charaktere und das Worldbuilding finde ich gut gelungen. Die Chronologie im Prolog mag zwar leicht "trocken" wirken, aber ich mag sowas. Bitte unbedingt weiterschreiben.

    Konkrete Anmerkungen zum Prolog habe ich oben in fett eingefügt. Die anderen Kapitel folgen dann in separaten Posts, weil's sonst too much ist. Bitte nicht persönlich nehmen, wenn ich was kritisiere, es ist lediglich meine Meinung und eine Beschreibung dessen, was ich für Gedanken während des Lesens hatte. Manchmal auch mit einer Portion Sarkasmus versehen.

  • Danke Sikadian und Tariq für eure Kommis und Anmerkungen/Fragen. :alien: Jetzt folgt Kapitel 3 und es geht weiter mit Samuel und Hal.
    Ich hoffe, es ist nicht zu viel "emotional stuff". Ich neige in dieser Geschichte vermutlich dazu, die Zeilen entweder mit viel Technik oder mit viel Emotionalem auzufüllen, wenn mMn nicht viel Handlung vorkommt. :/

    Spoiler anzeigen

    Hier muss ich mal fragen zum besseren Verständnis für mich: Ist diese sich anpressende Metallplatte das Blech, bei dem Fay die Schrauben anzieht? Wenn ja - wieso ist sie dazu auf der Hebebühne, wenn die Platte doch unter dem Fahrzeug ist? Wenn nicht - vielleicht machst du den Unterschied noch irgendwie deutlich?

    Wir haben ja kurz im DC über einiges davon gesprochen. Ich meine natürlich eine Induktionsplatte unter dem Fahrzeug. Keine Ahnung, warum ich das nicht so hingeschrieben habe. :pardon:

    Hier hab ich kurz gestutzt, weil du für die Lebensgemeinschaft der Chima auch "Mann und Frau" benutzt. Wie wäre es, wenn du da eine andere Bezeichnung finden würdest? Irgendwas ... Neues, was uns Lesern so unbekannt ist wie die Rasse der Chima selbst. Ich fände das cool.

    Danke für den Hinweis.:thumbup: Ich werde mir für jede Spezies ein Äquivalent zu Frau und Mann ausdenken, im Ganzen sie aber weiterhin als "weiblich" und "männlich" bezeichnen.

    Korinthenkackerei, ich weiß, aber ich würde den roten Satz vielleicht nicht im PQP schreiben. Sie sind ja noch beim Essen. Es ist keine gedankliche Rückblende von Fay, als wäre mMn "Doch dieser Moment kam nicht" hier passender. Aber du bist der Chef.

    Tatsächlich war der Satz vorher nicht im PQP. Ich hab den dann aber ins PQP gesetzt, weil ich dachte, dass das dann besser passt. :hmm:

    Ich hatte das rote "er" dem Fahrzeugführer zugeordnet, weil der ja der Letzte war, den du erwähnt hast. Aber wenn der zu schnell gefahren ist - welchen Fahrer macht er dann zur Schnecke? Oder sind Fahrzeugführer und Fahrer verschiedene Personen? Wenn ja, hab ich das so nicht herauslesen können. :hmm:

    Ich werde nochmal schauen, ob ich es verständlicher schreiben kann.

    Zitat von Sikadian

    Ich weiss nicht, ob der letzte Satz wirklich gut ist dort. Denke ehrlich gesagt nicht, dass die Menschen einfach aufgeben würden. Sie würden eher alles dafür tun, die Erde zu retten als einfach zu resignieren. Zudem frage ich mich, was für Waffen wir in 3500 Jahren haben würden, wenn es jetzt schon sowas wie Wasserstoff- und Atombomben gibt. Bin mir ziemlich sicher, dass wir eine Fraktion hier auf Erden hätten, die diesen Exoplaneten militärisch zerstören wollen würde.

    Ich weiß, was du meinst. Der letzte Satz klingt wirklich so, als hätten sie bereits aufgegeben. Aber ich gehe davon aus, dass wenn die Menschheit Waffen/Technologien hätte, die stark genug wären, um einen Planeten zu zerstören/aus seiner Bahn zu werfen, wäre die Gefahr zu groß gewesen, dass es auch die Erde getroffen hätte. Sprich: Sie haben keine solchen starken Waffen. Schon allein, weil es vermutlich andere Wege geben würde, die weniger zerstörerisch sind und vielversprechender wären.
    Ich würde mich auch nicht so auf das 3.500 Jahre in der Zukunft festklammern. Wahrscheinlich werde ich es in eine deutlich nähere Zukunft verfrachten.

    Zitat von Sikadian

    Ok, da haben wir dann die Konflikte. Und am Schluss einigen sie sich darauf, keine Vögel (was bedeutet keine Chicken Nuggets auf der Arche) mitzunehmen. Dabei haben die einen doppelten Nutzen (Eier + Fleisch). Das halte ich nicht für realistisch. Keine Orcas zu retten ist hingegen sehr plausibel.

    Ich hab ja nirgends geschrieben, dass sie die Tiere mitnehmen, um sie als Nutztiere zu halten bzw. zu essen. In dieser Zukunft sind die Menschen bereits auf Synthesefleisch umgestiegen, es gibt also keine Massentierhaltung mehr. Sie nehmen die Tiere also vorrangig nur mit, um sie umzusiedeln. Generell leben die Menschen in dieser Zukunft vorwiegend, wenn nicht sogar ausschließlich vegan.

    Zitat von Sikadian

    In 3500 Jahren sind nur 700 Millionen Menschen dazu gekommen? Wir sind ja jetzt schon bei 8.3 Milliarden.

    Auch hier ist das eher wieder eine Annahme von dir. Nur weil zu diesem Zeitpunkt ~9 milliarden Menschen auf der Erde gelebt haben, heißt das nicht, dass es niemal mehr als 9 millarden waren. Es hat sich einfach auf diese Zahl eingepegelt, auch mit ihrer hochentwickelten Technologie. Ich empfand es als nicht wichtig zu erwähnen, ob es auch mal 20 milliarden waren und dann mal 14 milliarden etc. wenn es sich am Ende auf 9 milliarden eingepegelt hat. Nur weil sie vielleicht deutlich mehr Menschen hätten ernähren können, muss es nicht zwangsläufig bedeuten, dass auch entsprechend mehr Menschen auf der Erde lebten. Je höher die Bevölkerung, umso höher auch das Risiko, tiefer zu fallen.

    Zitat von Sikadian

    Die Technologie der Antriebe hat sich weiterentwickelt, aber wir haben immer noch Railguns? Versteh ich nicht. Zumal viele Entwicklungen im zivilen Bereich vom Militär stammen. Ich denke man hätte auf jeden Fall die Waffen auch weiterentwickelt.

    Wir haben nicht mal jetzt Railguns, die effizient sind. Sie verbrauchen zu viel Energie, haben zu hohe Wartungskosten und sind einfach zu groß. Natürlich haben sie auch andere hochentwickeltere Waffen. Aber ein Großteil davon ist halt untauglich als Orbitalwaffen. Das ist ja nur das, was die Archen als Hauptwaffen installiert haben. Natürlich haben die noch Verteidigungsanlagen etc.

    Zitat von Sikadian

    Was ist mit dem gesellschaftlichen Nutzen einer Person? Z.B. ein Arzt, der selbst krank ist, aber andere rettet und selbst durch moderne Medikamente überleben kann, wird der mitgenommen? Was ist mit der Elite? Werden sich diese nicht die Plätze untereinander zuschieben? Ich denke wirklich, dass es hier einen grossen Krieg geben würde.

    Wenn ein Arzt krank ist und es keine Krankheit ist, die ihn tatsächlich stark beeinträchtigt, unheilbar ist und vererbbar ist, dann kann der auf die Arche kommen. Es geht um Krankheiten, die vererbbar sind und gegen die es noch keine Heilung gibt.
    Und natürlich würde die Elite sich die "Tickets" untereinander zuschieben. Aber hätte denen am Ende auch nichts gebracht. Davon abgesehen ist das eine andere Geschichte. :alien:

    [ KAPITEL 3 ]
    [ TEIL 1 ]
    [ Helios III – Samuel ]

    „Warum immer mir?! Und warum ausgerechnet heute?!“, knurrte Samuel so leise, dass er selbst es kaum hörte. Vom regulären Geräuschpegel der Maschinen und Anlagen abgesehen, die ohnehin einen Großteil leichter Gespräche übertönten.
    Wobei, an diesem Tag war es nicht ganz so laut.
    „Bei Helios, warum?!“ Verzweifelt stand er mit einem Maulschlüssel vorm Magnetfeldgenerator und setzte an der ersten Schraube der Abdeckung an.
    Selbst die Systemanalyse mithilfe seines Kommunikators ergab keine klaren Ergebnisse. Er war keine Person, die etwas schnell und überstürzt anging. Mehrmals – unter Garantie zu oft – hatte er versucht, den Generator neu zu starten, nahm ihn vom Netz, schloss ihn wieder an. Aber der Generator blieb tot.
    Dabei hatte Tag fünf so vielversprechend angefangen. Eine erholsame, ruhige Nacht – was auf den Archen in den unteren Ebenen auch nicht immer gegeben war – und außerordentlich wenig Betrieb auf dem Hauptkorridor. Zusätzlich sollte heute der Tag sein, an dem beide sich einen entspannten Abend zu zweit machen wollten. Endlich hatte er mal keine Termine und Hal keine Verabredung mit Riar. Zumindest hatte sie es ihm am gestrigen Abend mit gekreuzten Fingern – Ehrenkodex – versprochen.
    Und jetzt, zwei Stunden nach Arbeitsantritt? Streikte sein Generator.
    Zuerst nur leichte Fluktuationen, gefolgt von einem kurzen Stromausfall und nun dem totalen Stillstand der Anlage.
    An sich nichts Ungewöhnliches. Temporäre Stromausfälle oder Schwankungen im Netz waren bei so einem großen und komplexen System wie der Arche, mit so vielen Anlagen alltäglich.
    Aber Samuel wollte es nicht akzeptieren. Nicht heute!

    „Soll ich mal schauen, was das Problem sein könnte?“, fragte Hal. „Wollen wir die Plätze tauschen?“
    Für ihn ein Stich ins Herz! „Nein!“, knirschte er, vielleicht etwas zu laut und zu aggressiv. Sofort korrigierte er seine Tonlage. „Nein, Hal, ich mache das schon. Du brauchst dich damit nicht belasten.“
    Wie sehr er diesen Satz bereits jetzt bereute. Das menschliche Ego, sein Ego.
    Natürlich hatte er keinen blassen Schimmer, wo der Fehler liegen sollte. Aber er nutzte die Zeit, während er die Schutzbleche abmontierte, für die Fehleranalyse und schloss systematisch das alles aus, was seiner Meinung nach nicht infrage kommen konnte.
    Nach jeder Mutter erdete er sich neu, indem er an die Wand fasste – in hektischen und überfordernden Situationen neigte er schnell dazu, übervorsichtig zu reagieren – und platzierte ebenso jede Mutter und jedes Blech sorgsam einzeln auf eine Gummimatte.
    War er schnell? Nein.
    War er sorgfältig? Bestimmt.
    Störte es ihn? Definitiv!
    Und wieder prüfte er, ob auch wirklich kein elektrischer Strom mehr floss, beziehungsweise ob elektrischer Strom überhaupt fließen konnte. Auch wenn er die beiden Sicherheitsschalter umgelegt hatte, ging immer ein leichtes Kribbeln durch seine Magengrube und seine Finger fingen an zu zittern. Nervosität?
    Hals Anwesenheit, sowie ihr erneutes eingeworfenes Angebot „Soll ich wirklich nicht helfen?“ trugen nicht gerade positiv dazu bei.
    Wie schwer konnte es denn sein, diesen Generator wieder zum Laufen zu bringen? In seinen Ausbildungsjahren hatte er ständig mit solchen Maschinen zu tun gehabt, 'lösungsorientiertes Denken' war sogar fester Bestandteil des Lernstoffs. Und bisher sah er darin immer seine Stärken.
    Je mehr er sich mit der Fehlersuche beschäftigte, umso weiter schien er sich von der Lösung zu entfernen. Er hatte schon einen Knoten im Kopf, sah nur noch Schrauben und Kabel vor Augen. Er brauchte eine Auszeit.

    Und als hätte Hal seine Gedanken erhört, rief sie: „Lass uns erst mal Pause machen.“
    Von der regulären Zeit her eine halbe Stunde zu früh, aber wer würde das schon kontrollieren.
    Sie nahm seine ID-Karte an sich und machte sich auf den Weg.
    Dankend legte er das Werkzeug beiseite und schnaufte tief durch.
    Während sie die Gemüseriegel holte, vertritt er sich die Beine und streckte seine verkrampfen Muskeln. Doch sein Kopf arbeitete immer noch. Wenn er den Fehler nicht innerhalb der nächsten Stunde beheben konnte, müsste er zwangsläufig einen Techniker rufen, vielleicht sogar Überstunden schieben.
    Bisher hatte er noch nie Überstunden machen müssen. Na gut, bisher war es auch noch nie nötig gewesen. Und sonst würde es ihn auch nur bedingt stören.
    Hal kam wieder zurück, reichte ihm seinen Snack und gesellte sich zu ihm ans Geländer gelehnt. Während er noch dabei war, seinen Riegel auszupacken, kaute sie bereits das erste Stück. Mit verschränkten Armen stand sie da und beobachtete ihn. „Schon eine Idee?“
    Er schaute zum Generator.
    „Nein, ich meine für heute Abend“, fügte sie an.
    „Ach so … Also bleibt es dabei? Riar?“
    „Riar? Ah, nein, sie muss arbeiten. Also von meiner Seite her steht einem Abend mit dir nichts im Weg.“
    Er nickte verstehend. „Das freut mich. Worauf hättest du denn Lust?“
    „Uff … ja …“ Sie räusperte sich, stützte sich vom Geländer ab und ging im Raum spazieren. „Also nichts körperlich anstrengendes zumindest.“
    „Ähm …“
    „Ich meine Sport oder so. Ich glaub, ich hab mir diese Nacht den Nacken verlegen.“ Verkrampft dehnte sie ihren Kopf, was ein deutliches Knirschen hervorbrachte.
    Samuel verzog das Gesicht. „Das hört sich aber nicht gut an. Brauchst wohl mal ´ne Massage?“
    Kaum hatte er das gesagt, riss sie die Augen weit auf und schaute ihn skeptisch an. „Massage klingt gut … Willst du mir …?“
    „Nein nein nein!“ Sofort winkte er ab. „Ich kann das nicht. Am Ende mach ich noch irgendwas kaputt bei dir …“
    „Ich bin sehr robust … Aber ich kann verstehen, wenn du nicht willst.“ Dann schmunzelte sie mit zweideutigem Blick zu ihm. „Wobei ich glaube, dass du heute eine Massage eher verdient hast.“

    Und das war wieder einer dieser Momente, in denen er nicht wusste, wie er es zu interpretieren hatte. Einerseits betonte sie ständig, dass sie sehr direkt kommuniziert, andererseits hatte sie aber auch oft diese typisch weibliche Logik. Oder eben das, was ein Mann als typisch weibliche Logik bezeichnete.
    Er selbst war bestimmt ein offenes Buch für sie. Selbstzweifel, Vorurteile und Widersprüche prägen jeden irgendwie. Eine schwere Bürde, in dieser Welt ein reinrassiger Mensch zu sein. Da konnte sie noch so oft sagen, wie interessant sie ihn fand.

    „Aber wo wir gerade dabei sind: Hast du bezüglich …“, nun zeigte sie auf den Generator: „dieser Sache schon eine Idee?“
    Er schüttelte den Kopf.
    „Und wenn wirklich ich mal schaue? Oder du fragst einen von den anderen Kollegen, ob die vielleicht eine Idee haben?“
    Natürlich hatte er nun nur eine Option! Lieber sich nur vor ihr die Blöße geben, als vor seinen ganzen Kollegen.
    „Na gut, überzeugt. Ich nehme dein Angebot an.“
    Einerseits freute es ihn, zumindest die zweite Hälfte tatsächlich zu arbeiten. Andererseits taten sich nun weitere Befürchtungen auf. Was wäre, wenn sie den Generator wieder zum Laufen bekäme? Oder was wäre, wenn nicht? Oder es wäre tatsächlich sein Verschulden gewesen? Was würde sie dann über ihn denken?

    Und kaum verstrichen einige Minuten, schienen sich seine Bedenken zu bewahrheiten.
    „Hast du wirklich die Sicherungen überprüft?“ Ihre, wie immer von feinem Glucksen durchzogene, Stimme klang zwar nicht wertend oder urteilend, aber die Worte in seinen Ohren schon.
    „Was meinst du? Natürlich hab ich die überprüft! Ich hab die alle vom Netz gekappt, sonst würde ich wohl kaum die Abdeckung abschrauben. Bin doch nicht lebensmüde!“
    „Ich meine nur, weil hier ist eine durch.“ Sie schraubte sie heraus und reichte sie an ihn weiter. „Haben wir noch welche da?“
    „Aber … ich …“ Verwundert starrte er auf die Sicherung in seiner Hand. „Ich glaube nicht.“
    „Am besten ich bestelle gleich einen Elektriker. Die können das eh viel besser und schneller als wir.“
    „Aber ich bin mir ganz sicher, dass ich …“
    „Lass gut sein, Sam.“ Sie winkte ab. „Ist doch jetzt auch egal. Auf die drei Stunden mehr oder weniger kommt´s nun auch nicht an.“
    So mochte vielleicht Hal denken. Wobei das in Sams Augen sehr untypisch für ihre Spezies war. Gerade die Chima waren immer die, die alles sehr genau nahmen und keine Fehler zuließen. Erstrecht nicht, wenn Menschen dabei involviert waren. Und für ihn fühlten sich auch schon diese drei Stunden als Arbeitszeitbetrug an. Erschnorren von 'Social Credits', die 'Währung' des Archensystems. Punkte für Beteiligung am System, entweder durch Arbeit oder soziales Engagement.

    „Mach dir keinen Kopf“, fügte sie trocken an. „Ich hab auch schon viele Stunden unnötig verstreichen lassen.“
    Vermutlich war genau das das Einzige, was ihn wieder beruhigen konnte – Worte aus Hals Mund. Ob es nun eher an ihr persönlich lag oder an ihrer Stimme, blieb ungelöst.
    Zumindest – und das rechnete Samuel ihr hoch an – blieb sie ihrem Angebot treu und überließ ihm, auch die restliche Arbeitszeit am noch funktionierenden Generator zu arbeiten.
    Ein Elektriker kam auch fix und kümmerte sich, mit etwas Hilfe von Hal, um die Sicherung und tauschte zugleich noch zwei andere aus, die, seiner Meinung nach, auch nicht mehr so gesund aussahen. Auch er konnte sich nicht erklären, warum diese bereits nach so kurzer Zeit durchgebrannt waren. Eine Sache, die er später näher beleuchten wolle. Im Interesse aller Bewohner, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Eine Störung war nie ein Einzelfall und eine Sicherung war, wie die meisten Bauteile an Bord, ein Fließbandprodukt und kein Unikat.
    Auch in diesem hochtechnisierten – oder gerade deswegen besonders – System konnten Produktionsfehler auftreten, die schlimmstenfalls einen Rattenschwanz mit sich ziehen konnten.
    Fortschritt und Effizienz.

    Ihre Schicht war vorbei, der Generator lief wieder und Samuels Laune war auch wieder gehoben.
    Und wie immer gingen sie anschließend gemeinsam in die Kantine. Fast schon wie in einem Uhrwerk meldeten sich ihre Mägen pünktlich eine viertel Stunde vorm Feierabend.
    Und auch dort wieder dieselben Abläufe wie jeden Tag. Anstellen, geduldig warten, bis man an der Reihe ist und sich nebenbei schon nach einem Sitzplatz umschauen. Kleine Tagesroutinen, die gefühlt jeder Archenbewohner wie einprogrammiert innehatte. Wenn man die Leute dabei genauer beobachtet hätte, würde man sofort erkennen, wer noch nicht lange mit diesem System vertraut war. Junge Leute, frische Schulabgänger, angehende Arbeitende, Neuankömmlinge anderer Rassen.

    Das meiste davon eignete man sich in den berufsausbildenden Jahren an. Vermutlich die ersten Dinge, die man lernte. Noch vor dem eigentlichen Berufshandwerk. Denn in ihrem System war es unabdingbar, sogar gesetzlich geregelt, dass jeder Bewohner arbeiten musste und immer Vierschichtbetrieb leistete. Dafür waren die Konditionen – wie Samuel fand – sehr gerecht. Eine Neun-Tage-Woche, sechs Tage arbeiten und drei Tage frei. Vier Schichten á 6 Stunden. Manchmal hatte Samuel gar nicht gewusst, was er mit all der Freizeit anfangen sollte.
    Aber vielleicht sollte mit Hal auch dieses kleine Problem gelöst worden sein.

  • [ KAPITEL 3 ]
    [ TEIL 2 ]
    [ Helios III – Samuel ]

    Apropos Hal.
    Just in den Moment, als Samuel bei den Desserts anstand, stieß sie ihn mit dem Ellenbogen mehrmals an.
    „Schnell!“ Sie deutete mit dem Kinn zu einem der kleineren Wandtische für maximal vier Personen. „Reserviere ihn, bevor er weg ist!“
    Genau diesen Gedanken hatte er auch gerade beim Schauen auf den kleinen Teller Mangopudding.
    Er zögerte keine Sekunde und eilte sofort mit seinem Tablett hin. Eine Erfahrung, die eigentlich jeder Archenbewohner bereits gemacht hatte: Je kleiner der Tisch, umso begehrter ist er!
    Eine Safe-Zone quasi, in der man ungestört sein Essen genießen konnte. Was zwar genauer betrachtet auch nur Einbildung war – es verloren sich immer irgendwelche Blicke zu diesen Tischen hin – aber sich so eingebürgert hatte.
    Er hatte Glück und konnte ihn ergattern, in letzter Sekunde warf er sein reichlich gefülltes Tablett quasi auf den Tisch.
    Er fand es schon immer schade, dass diese so knapp vorhanden waren. Andererseits, bei so vielen Gästen war es verständlich, dass man vorrangig in lange Sitzbänke investierte. Lieber irgendwo sitzen, als ewig zu warten oder gar im Stehen zu essen.

    Kaum saß er, konnte man beobachten, wie mindestens ein Dutzend andere Personen ihre Schritte deutlich verlangsamten und sich nach einen neuen Platz umsahen. Samuel schenkte ihnen nur ein müdes Lächeln.
    Hal folgte zügig und rutschte schwungvoll auf den freien Stuhl ihm gegenüber.
    „Einmal Tee und Dessert.“ Links das Getränk und rechts den Pudding in den Händen reichte es an ihn weiter, nahm sich anschließend eine Serviette und wischte sich die Finger trocken. „Na dann guten Hunger.“
    Wie jeden Tag hatte sie irgendwas Fleischiges auf dem Teller, ob im Ganzen oder zerkleinert. Ihn störte es auch kaum noch, auch wenn sie ihn ebenso heute wieder damit zu necken versuchte und ihm provokant eine Gabel voll unter die Nase hielt.
    „Ich bringe dich noch dazu, glaube mir.“
    „Und ich befürchte, du wirst irgendwann damit recht haben.“ Aber bisher hatte er sich noch nicht sattgesehen am rein Vegetarischen – wie heute Pfannengemüse mit Apfel-Chutney und Rote-Beete-Salat. „Um auf heute Abend zu sprechen zu kommen: Wollen wir vielleicht einen Film schauen?“
    „Einen Film schauen?“ Sie runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht so recht.“
    „Keine Lust also?“ Unsicher starrte er ihr in die Augen.
    „Nein, das nicht. Aber …“
    „Oder hast du doch was anderes vor?“
    „Einen Film schauen?“, stellte sie die Frage erneut und schaute nachdenklich durch die Kantine. „Ja, können wir machen. Aber bitte keinen Kriegs- oder Katastrophenfilm. Davon hab ich schon genug gesehen.“
    Leicht irritiert von ihrer Aussage – vermutlich bezog sie sich auf die Lehrfilme im Geschichtsunterricht – fragte er: „Und was dann?“
    „Weiß nicht … Du hast das doch vorgeschlagen.“ Sie wandte ihren Blick zurück zu ihm und steckte sich eine weitere Gabel Essen in den Mund. „Ich würde mich auch um Snacks und Getränke kümmern.“
    Schnaufend fragte er weiter: „Noch irgendwelche Einschränkungen?“
    Wieder schwenkte ihr Blick umher, diesmal an die Decke. „Nein … ich denke nicht. Soviel bleibt ja auch nicht mehr übrig, oder?“
    Sein Kopf wankte. Aber er schien zu verstehen, wie sie es gemeint hatte. „Ich werd' schon was finden.“
    Einige Minuten vergingen, sie genossen Bissen um Bissen ihre Mahlzeiten und Hal begann, ihre Zitrone zu schälen. Er hatte sich schon die ganze Zeit darüber gewundert, warum sie sich eine Zitrone im Ganzen geholt hatte. Zuerst dachte er – und das hätte er auch als logisch empfunden – sie würde den sauren Saft über ihr Fleisch träufeln, aber Hal schien offensichtlich besser geeignet, sie zu essen. Schon beim Anblick zog es ihn innerlich zusammen, dieses eisige Gefühl mit Wasser herunterzuspülen schien ihm die einzige Lösung zu sein.
    Hal dagegen verzog nicht mal die Mundwinkel.
    „Du bist echt verrückt“, presste er angestrengt aus seinen zitternden Lippen. „Ich könnte die nicht pur essen.“
    „Ach so, ich schmecke kaum saures. Ist nicht selten bei Chima, dass sie Saures und Süßes weniger intensiv schmecken.“
    „Aber ist das nicht trotzdem schädlich? Für die Zähne zum Beispiel?“
    „Ich mach das ja auch nicht jeden Tag“, kontere sie Augen rollend. „Aber so einmal alle zwei Wochen gönne ich mir das schon. Ich könnte jetzt auch schwer sagen, wie sie für mich schmeckt. Halt weniger sauer und mehr fruchtig.“
    „Vermutlich ist das auch noch ein Grund, warum ihr das Synthesefleisch mögt.“
    „Apropos mögen, Sam.“ Ihr Gesicht wurde … nachdenklich? „Magst du mich eigentlich? Also wirklich mögen mögen und nicht nur tolerieren?“
    Er schluckte angestrengt. „Äh, was? Wie meinst du das jetzt? Also, ja, ich mag dich. Aber …“
    „Warum ich das frage?“, griff sie vor. „Der Grund, warum ich diese Nacht nicht gut geschlafen habe, hat vermutlich eher eine andere Ursache. Mit einem Gedanken, der mir schon seit Tag eins im Kopf herumschwirrt.“
    „Okay …“ Nun legte auch er seine Stirn in Falten. „Darf ich fragen, welcher Gedanke?“
    „Nun ja.“ Verlegen strich sie sich über den Nacken. „Wie soll ich´s sagen, ohne dir zu nahe zu treten?“
    „Also hat´s was mit mir zu tun?“ Ein kurzer Anflug von … Hoffnung, Freude, Angst?
    „Ich würde gern wissen, ob …“ Pause. Ihr Blick war suchend und ausweichend zugleich. „Sind deine Eltern … Pro Mensch? Oder vielleicht sogar Anti Chima?“
    „Was?! Wie kommst du zu dieser Annahme?“
    „Na ja, du bist immer noch reinrassig und verhältst dich mir gegenüber irgendwie passiv?“
    Harter Tobak! Bisher hatte er noch nie erlebt, dass irgendjemanden schlecht über ihn redete oder dachte. Und ausgerechnet sie, seine Partnerin, bezichtigte ihn, einer radikalen Familie anzugehören?
    Er war sprachlos. Er starrte sie nur an, blinzelte nicht.
    Und sie? Ihr Blick blieb so unentschlossen wie zuvor.
    Was dachte sie gerade? Warum dachte sie gerade?
    Und was sollte er mit dieser Äußerung anfangen?
    Er legte das Besteck nieder, rückte seinen Stuhl zurück und erhob sich.
    Kurzschlussreaktion.
    „Ich glaube, das mit dem Film schauen lassen wir für heute mal.“ Mit diesen Worten nahm er sein Tablett vom Tisch und wollte gerade losgehen.
    „Wieso das auf einmal?“
    Er schüttelte den Kopf. „Nein, lass gut sein. Würdest dich vermutlich eh nur langweilen.“
    „Aber …“
    Egal, ob oder was sie danach noch gesagt hätte, es war ihm egal. Und nicht mal seinen Mangopudding konnte er essen. Sein Magen hätte es nicht verkraftet.
    Im Tunnelblick brachte er sein Tablett weg und verließ sofort die Kantine. Sein Herz schlug immer noch bis zum Hals. Nicht mal schlucken konnte er, so heftig schnürte es seine Kehle zu.
    Die Anspannung blieb, den ganzen Weg zurück zu seinem Quartier und noch bis zu den Duschen. Selbst Miri hatte er mit Schweigen gestraft.
    Erst im Umkleideraum konnte er sich wieder fangen und sich auf das Geschehen um ihn herum einlassen. Vielleicht war es auch der Anblick der nackten Körper, dieses leichte Schamgefühl, das ihm sagte: „Weil wir alle unterschiedlich sind, sind wir alle gleich.“
    Es war wie ein Schalter in seinem Kopf, der ihn sofort in einen (Modus) versetzte. In einen ähnlichen Modus wie in der Kantine, als er sich an den kleinen Tisch gesetzt hatte.
    Es gab nur eine Sache, die ihn hier und jetzt aus dem Konzept hätte bringen können: Hal.
    Nicht das Denken an sie, sondern ihre Anwesenheit.
    Die nackten, und wirklich sehr schön anzusehenden, weiblichen Körper gewannen ihm nicht mehr als nur einen flüchtigen Blick ab. Das vorrangige Ziel 'Körperhygiene' war der einzige Gedanke, den man hier pflegte. Solange der Partner nicht dabei war.
    Im Gegensatz zu tausenden anderen Frauen hatte er Hals Körper noch nicht komplett entblößt gesehen. Vermutlich wäre er nüchtern und objektiv betrachtet auch nur mittlerer Durchschnitt gewesen. Es ging in diesem Fall auch rein um die Einstellung dazu, den Respekt seinem Partner gegenüber.
    Doch der Gedanke, die von ihr geäußerte Vermutung, blieb. Und keimte unter dem warmen Wasser, dem Seifengeruch, langsam wieder auf. Und auch wieder der Druck in der Brust.
    Kribbeln, Zittern, leichte Atemnot.
    Aber warum?
    War es die Möglichkeit, dass seine Vorfahren tatsächlich radikal eingestellt sein konnten? Oder war es die Tatsache, dass Hal es in Betracht gezogen hatte? Sah sie ihn vielleicht auch als solchen?
    Aber war denn überhaupt was dran an dieser Vermutung? Denn irgendwie hatte sie schon recht. Es ist eine Rarität, komplett reinrassig Mensch zu sein.
    Ein Wechselspiel zwischen dem heißen Wasserdampf und seinen fröstelnden Gedanken. Obwohl er wusste, dass seine feuchte Haut, sein ganzer Körper warm waren, fühlte es sich eiskalt an.
    War seine Kurzschlussreaktion genau das, was ein radikaler Mensch in solch einer Situation getan hätte? Waren generell die Verhaltensweisen Hal gegenüber Indizien dafür?
    Nein! Das wollte er nicht!
    Er wollte einen schönen Abend mit ihr verbringen.

  • Oh, ich bin ja schon ordentlich im Rückstand. Entschuldigung für die lange Wartezeit, ich bin einfach relativ faul wenn es ums Tippen geht, da reizt es mein eigenes Schreiben oft aus und ich mag nicht mehr Forenposts verfassen. Habe alles gelesen, aber frage mich, inwiefern mein Input noch was beitragen könnte. Besonders zu Kapitel 1 hast du bereits ordentlich Feedback erhalten (für mich passt es, die Charaktere sind sympathisch und du hast einen angenehmen Stil, der sich leicht liest), deshalb beschränke ich mich auf die weiteren Kapitel.

    Kapitel 2: Starke Atmosphäre, die technischen Details und Fay als mürrische, aber sympathische Protagonistin funktionieren richtig gut. Die Dynamik zwischen Fay und Jord wirkt echt. Ganz am Anfang hast du einen Tippfehler ("du einer Öffnung" statt "zu einer Öffnung"). Ansonsten vielleicht den Kantinen-Dialog etwas straffen, aber insgesamt ist das hier eine lebendige Sci-Fi-Welt.


    Kapitel 3: Samuels Überforderung mit dem kaputten Generator und sein Kampf mit dem eigenen Ego sind nachvollziehbar dargestellt. Man fühlt mit ihm mit, wie er zwischen "Ich schaff das schon" und "Ich bin überfordert" schwankt. Hals Frage, ob Samuels Eltern "Pro Mensch" oder "Anti Chima" sind, ist ein guter emotionaler Wendepunkt. Die Reaktion wirkt echt, eine Mischung aus Verletzung, Verwirrung und Selbstzweifel. Die Atmosphäre ist weiterhin gut, die Sicherungen, das Ritual in der Kantine (Tischsuche!), Hals Zitrone, solche Kleinigkeiten sind gut eingestreut, machen die Welt lebendig und die Charaktere greifbar. Die Beziehung zwischen Samuel und Hal entwickelt sich authentisch.

    Es war wie ein Schalter in seinem Kopf, der ihn sofort in einen (Modus) versetzte. Entklammere den Modus noch. :)

    Was mir sonst noch aufgefallen ist: Viele Sätze mit "Und" am Anfang, manchmal effektiv, aber zu häufig verwendet wirkt es holprig. Auch "wieder" taucht sehr oft auf, da könntest du mehr variieren. Dann das Ende, "Er wollte einen schönen Abend mit ihr verbringen.", wirkt als würde es mitten im Gedanken enden. Vielleicht anschliessend noch seinen definitiven Beschluss andeuten?

    Freue mich schon auf den nächsten Teil!