(Arbeitstitel) Seelensplitter

Es gibt 50 Antworten in diesem Thema, welches 6.325 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (11. Januar 2026 um 20:37) ist von Cory Thain.

  • Besser kurz als gar nicht...

    Seelensplitter 28

    Jonna betrachtete sich einen Augenblick im Spiel der schmutzigen Türscheibe. Sie streckte der seelig grinsenden Tuss belustigt die Zunge raus und suchte sich einen Sitzplatz. Der Zug war ziemlich leer und so wählte sie einen Vierer und fläzte sich bequem quer auf die Sitze.


    „Entschuldigung, darf ich mich zu dir setzen?“

    Jonna sah hoch. Raoul stand vor ihr und grinste sie an. Er wirkte ein wenig abgehetzt und noch etwas strubbeliger als vorhin.

    „Na klar! Hock dich her!“ sagte Jonna erfreut „was treibst du hier? Musst du dich nicht um die neuen Leute kümmern?“

    „Die sind in guter Obhut! Ich wollte nur nicht, dass du… also…“

    Jonna kicherte: “Augen zu, durchatmen! Und noch mal von vorne!“ Tatsächlich gehorchte Raoul. „Ich wollte nicht, dass du einfach so wegfährst. Ich steig auch an der nächsten Station wieder aus! Ich wollte dir nur was geben!“

    „Ah, hm… was denn?“

    Der Mann kramte in seiner Jackentasche und holte drei kleine Kärtchen heraus: „Unsere Telefonnummern! Damit du uns erreichen kannst bei Bedarf.“

    „Brauch ich nicht. Hat mir Marc schon gegeben!“

    „Hat er? Gut! Sehr gut…“ Raoul wusste offenbar nicht weiter.

    Jonna sah ihm nachdenklich in die Augen: „Darf ich dich etwas fragen?“

    Raoul nickte.

    „Würdest du dich auch mit mir abgeben, wenn ich keinen Wolf hätte?“

    Raoul antwortete nicht sofort. Jonna nickte, so etwas hatte sie schon erwartet. Sie hielt Raoul sanft den Mund zu: „Sag einfach nichts. Ich kenne die Antwort…“

    „Nein, kennst du nicht!“ sagte Raoul gegen ihre Handfläche. Jonna nahm die Hand herunter: „Wie wäre denn dann die Antwort?“

    Raoul lächelte verlegen: „Ich mag üppige Frauen! Aber leider gibt’s sowas bei den Wölfen nicht. Die Splitter sorgen dafür, dass die Wölfe alle athletisch sind und … unüppig. Ich hätte dir sicher hinterhergeschaut, allerdings hätte ich dich wohl nicht angesprochen…“

    Jonna starrte den Mann an. ‚Verdammter Kackmist!‘ hörte sie Joa sagen.


    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • Jetzt gehts weiter...


    Seelensplitter 29

    Jonna schwieg irritiert. Zwei Gespräche gleichzeitig zu führen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Es hieß zwar immer, Frauen seien multitaskingfähig, aber in dieser Hinsicht fühlte sich Jonna immer ein wenig als Fehlcharge.

    „Joa? Kannst du mal kurz…äh…“
    ‚Alles gut! Alles schick! War nicht wichtig! Okay? Alles gut‘ Joas Worte klangen zwar inhaltlich beruhigend, aber die Art, es mehrmals zu betonen, machte es nicht wirklich „alles gut“. Jonna schluckte nervös.

    „Ist alles in Ordnung, Jonna?“ fragte Raoul leise.

    „Ja… denk schon. Alles gut! Alles schick! War nicht wichtig! Okay? Alles gut…“ Jonna begriff, dass sie Joas Worte einfach übernommen hatte und fühlte sich noch unzulänglicher. „Verdammter Kackmist!“

    Raoul fasste nach ihrer Hand: „Pscht! Red erstmal mit deiner Wölfin, ja? Ich steig sowieso gleich aus. Und wenn du …“
    „Nein! Erst du! Joa ist dann noch da! Du nicht! Warum… also, äh… warum hättest du mich nicht angesprochen?“

    „Weil Menschen mit uns Wölfen immer so ihre Probleme haben. Es ist schwer zu akzeptieren, oder erstmal überhaupt zu verstehen. Wolfsmenschen sind nun nicht gerade Teil des schulischen Lehrplans.“

    „Ich bin auch ein Mensch!“ erwiderte Jonna leise.

    „Ja, stimmt. Allerdings ein besonderer! Immerhin hast du einen verlorenen Splitter aufgenommen. Das würde nicht jeder tun.“

    „Ehrlich? Wenn ich gewußt hätte, was passiert… ich hätte gezögert. Oder gar ganz Nein gesagt! Sorry, Joa, aber die ganze Sache hier macht mir immer noch ziemlich Angst!“ Jonna spürte Tränen in sich aufsteigen und versuchte, sie runterzuschlucken. Ganz gelang ihr das nicht.

    Raoul hob eine Hand und streichelte ihr sanft übers Gesicht: „Du musst keine Angst haben. Niemand wird dir was böses tun. Du wirst dich an Joa gewöhnen. Und ganz bestimmt auch an uns… Die Alphas sind ganz liebe Jungs.“

    Jonna schniefte: „Die Alphas? Und du nicht?“

    Raoul grinste frech und wirkte tatsächlich ganz schön Bad Boy. „Huuuuh!“ sagte Jonna und versuchte ein Lächeln.

    „Ich werde immer das sein, was du grad brauchst!“ sagte Raoul leise „Okay?“

    Jonna nickte, beugte sich rasch vor und drückte dem Mann ein Küsschen auf die Wange.

    Raoul hob die Hand und bedeckte die gekusselte Stelle: „Ich wasch mich erst wieder, wenn ich n neues kriege! Eher nicht!“ sagte er gespielt ernsthaft.

    Jonna kicherte: „Da wirst du aber stinken wie’n Wiedehopp!“

    „Wie ein Wolf“, korrigierte Raoul bestimmt.

    „Okay, dann halt wie ein Wolf! Aber ob ich da dann noch küssen will…?“

    Raoul tat gekränkt, bevor er loslachte.

    „Nächster Halt Borsdorf! Ausstieg in Fahrtrichtung rechts!“ sagte die Automatenstimme.

    „Oh? Haben wir Engelsdorf verpasst?“ Jonna war erstaunt.

    „Offenbar. Sehr schlimm?“ fragte Raoul jetzt wieder leise und ernst.

    „Nein! Absolut nicht! Aber jetzt hinfort mit Euch! Ihr müsset weit laufen bis heim!“ Jonna schob den Mann spielerisch von sich: „Eilet! Ihr werdet erwartet!“

    „Ich höre und gehorche, edle Dame!“ Raoul stand auf und verbeugte sich leicht: „Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen!“

    Jonna nickte: „Ganz bestimmt!“

    Dann sah sie dem Mann hinterher..

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • Oh je, das zerrt sich.

    Seelensplitter 30

    ‚Joa? Weshalb hast du eben geflucht?‘

    ‚Ähm… ich äh…‘
    „JOA!?“

    ‚Ich wusste das nicht…‘ Joa klang kläglich.

    ‚Was wusstest du nicht? Jetzt lass dir nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen!‘

    ‚Dass Raoul üppige Frauen mag. Ich … ich habe deinen Stoffwechsel angeschubbst und äh…. Ich fürchte, du wirst auch „drahtig“ wie die anderen Wölfinnen. Es… es tut mir leid!‘

    Jonna seufzte: ‚Schon okay, das war echt nicht abzusehen… kannst du das irgendwie einbremsen? Dass es lange dauert? Damit sich Raoul dran gewöhnen kann… vielleicht.‘

    ‚Ich versuch‘s. Aber ich kann nichts versprechen.‘

    ‘Ja, versuch‘s… is okay‘ Jonna schüttelte über sich selbst den Kopf. Da träumte sie jahrelang davon, schlank zu werden und nun, da es quasi wie von selber geschah, wollte sie nicht mehr. Und warum? Wegen eines Kerls! Es sind immer die Kerle, die einem durch die Pläne wuseln…

    ‚Er ist toll, nicht wahr?‘ Joa klang fast schwärmerisch.

    ‚Ja, absolut! Ich hoffe ja, dass die anderen beiden irgendwie Arschis sind, damit mir die Wahl leichter fällt. Aber Marc war vorhin auch cute… Und Anthony hat für mich ja den Lang-Haar-Bonus. Ich mag Menners mit langen Haaren. Es ist so gemein! Jahrelang kein geeigneter Kandidat zum Verlieben und nun gleich drei! Das ist unfair, find ich!‘ Jonna seufzte erneut und starrte aus dem Fenster.

    ‚Und wenn die drei recht haben? Und du gar nicht wählen musst? Weil du alle drei haben kannst?‘ fragte Joa nachdenklich.

    ‚Um Gottes willen! Ich komm schon mit mir selber kaum klar! Schon ein Kerl wird ne Herausforderung. Und wenn die drei sich dann noch gegenseitig angiften, weil jeder denkt er sei der Eine… Neeee‘

    ‚Naja, sie schienen mir von der Drei-für-eine-Idee durchaus angetan…‘

    ‚Ja klar, solange das theoretisch ist, bin ich‘s auch. Kannste glauben. Aber ich seh da enorm viel… Streit in der Luft liegen.‘

    ‚Vielleicht sollten wir’s einfach abwarten? Vielleicht sind Marc und Anthony ja tatsächlich Arkies…‘

    ‚Arschis! Das heißt Arschi!‘

    Joa kollerte vergnügt: ‚Weiß ich doch!‘


    Zu Hause angekommen, zückte Jonna das Handy. Wen ruf ich denn jetzt an? Marc? Oder Raoul?

    ‚Warum nicht Anthony?‘ erkundigte sich Joa.

    ‚Weil der nix gesagt hat?!‘

    ‚Konnte er ja nicht. Ist’n bisschen unfair oder?‘

    ‚Hast recht, Kleene! Also Anthony‘


    Es klingelte grade einmal, da war Anthony bereits am anderen Ende: „Jaaa?“

    „Hier ist Jonna! Wollt mich nur angekommen melden!“

    „Das ist schön, dass du anrufst! Warte, ich stell dich auf Speaker, Marc und Raoul sind hier bei mir.“

    „Hey, ihr beiden! Bin gut zu Hause angekommen!“ sagte Jonna etwas lauter.

    „Musst nicht brüllen, wir verstehen dich gut!“ sagte Raoul und es klang, als stünde er sehr nahe bei.

    „Ouh. Okay!“ Jonna war froh, kein Videocall geschaltet zu haben. Die Jungs mussten nicht sehen, dass sie verlegensrot anlief. „Wie geht’s den Neuankömmlingen?“

    „Sehr gut! Die Frau, die du ins Krankenhaus geschickt hast, hat vor ner Viertelstunde entbunden. Zwei gesunde Jungs!“ Raoul räusperte sich „und sie möchte wissen, woher du es wusstest?“

    „Woher ich was wusste? Dass sie schwanger war? Hat man gesehen, irgendwie… oder nicht?“ Jonna verstand die Frage nicht wirklich.

    „Nein, dass es zwei Babys sind. Und dass es Jungs sind…. Das wusste außer ihr nur noch ihr Mann, sonst niemand!“

    „Ähm…. Ich weiß nicht. Ich hab sie angesehen und… naja. Ähm…“ Jonna war ratlos. Sie hatte tatsächlich keine Ahnung, wieso sie das gewusst hatte.

    „Ist okay, Jonna! Da reden wir nochmal drüber. Du hast offenbar sehr viel mehr Talente als wir… dachten.“ sagte Marc und klang belustigt.

    „Lachst du mich etwa aus?“ fragte Jonna kampflustig.

    „Würd ich nie wagen!“ erwiderte Marc und klang nicht sehr viel ernster.

    „Das würdest du auch bereuen. Nämlich! Sozersägen!“ Jonna grinste vergnügt in sich rein. Es war so schön einfach, mit den Männern dumm zu quatschen. Genau so etwas brauchte sie. Und dann vielleicht tatsächlich in dreifacher Ausfertigung. Und obwohl sie das nur gedacht hatte, spürte sie die Verlegenheitsröte erneut in ihrem Gesicht glühen.

    „Ich muss…. Äh… Schluß machen. Hab noch‘n bisschen was zu tun!“

    „Okay!“ Das war wieder Anthony „rufst du morgen wieder an?“

    „Nach der Arbeit ja? So um Viere rum?“

    „Ja! Ja, das wäre toll! Hab noch nen schönen Sonntag!“

    „Ihr auch!“

    Stille.

    Aber eine wunderbare, erwartungsfrohe, leuchtende Stille. Jonna grinste seelig und setzte sich an ihre Staffelei…

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • So, ein kurzes und ein längeres... Ich werde mein Goal wohl runterschrauben. Ist 6.ooo Wort genug?:whistling:

    Seelensplitter 31

    Montagmorgen. Das Aufstehen war easy. Jonna konnte sich nicht erinnern, jemals so elanvoll um 4:30 Uhr aus dem Bett gehopst zu sein. Sie hatte wunderbar geschlafen, wilde Sachen geträumt und das erste Mal seit Jonna Gedenken keinerlei Gelenkbeschwerden. Gestern noch hatte es geknackt und geknirscht, aber heute: Nichts! Nada! Nothing!

    „Joa? Du bist’n Schatz!“ sagte Jonna laut in den Raum und tänzelte ins Bad.


    Ihr Kollege Tobias auf Arbeit fixierte sie kurz: „Ist alles okay bei dir… du wirkst so… anders!?“

    „Alles perfekt! Mir geht’s blendend!“ fröhlich pfeifend aktivierte Jonna die Kaffeemaschine.

    „Blendend? Es ist MONTAG! Da geht’s einem nicht blendend! Montage sind Rotze!“ murrte der Mann und wirkte, wie immer Montags, sehr unausgeschlafen.

    Jonna kicherte: „Hock dich hin und sieh einfach nur gut aus! Ich mach die Frührunde!“

    „Das machst du doch nie! Was hast du ausgefressen, hm?“ Tobis Misstrauen war durchaus begründet. Ihre eigentliche Aktivitätskurve begann gewöhnlich nicht vor 10:oo Uhr. Davor war sie gerade mal anwesend. Mehr aber auch nicht.

    Jonna grinste: „Ich hab heut in Red Bull gebadet. Das weckt die Lebensgeister…“

    „… und klebt wie Hubatz! Los! Was hast du angestellt?“ Tobi war nicht zu überzeugen, dass alles in Ordnung war.

    Jonna antwortete nicht, sondern griff nach Jacke und Helm. „Bleib sitzen und mach die Telefonmaus, okay?“ sagte sie und verließ den Raum.

    ‚Was tun wir hier, Jonna?‘ erkundigte sich Joa neugierig.

    ‚Wir im speziellen machen jetzt einen Rundgang, nehmen Probe und guggen, ob alles schick ist. Wir im Allgemeinen produzieren Silane.‘

    ‚Oh. Ja…‘ Joa klang etwas verwirrt.

    Jonna lachte leise: ‚Du willst jetzt nicht wissen, was das ist, oder?‘

    ‚Äh, ne, oder doch, später vielleicht… aber, du?‘

    ‚Ja, was ist Kleene?‘ fragte Jonna und hob den Arm um sich den Nacken zu kratzen. Mitten in der Bewegung wurde ihr bewußt, was das Kribbeln dort bedeutete. „Verdammter Kackmist!“

    ‚Wollt ich dir grade sagen.‘ erklärte Joa.


    Seelensplitter 32

    Der Verursacher des Wolfszeichen war schnell lokalisiert. Ein einzelner Wolf, irgendwo nördlich. Ziemlich weit weg noch. Und sein Standort war nicht genau definierbar.

    ‚Joa? Wieso konnte ich bei den Wölfen am Bahnhof genau sagen, wo sie sind und hier kann ich das nicht?‘

    ‚Weiß ich nicht… aber…Könnte es sein, dass du schon mal früher am Bahnhof warst, aber noch nie dort, wo der Wolf jetzt grade ist?‘

    ‚Joa, du bist ziemlich clever!‘ bemerkte Jonna anerkennend. ‚Bis zur Widerlegung dieser These IST das jetzt so.‘

    Jonna konzentrierte sich wieder auf den Wolf. Der kam näher, aber extrem langsam. „Der geht zu Fuß?!“ entfuhr es Jonna verblüfft. „Mit diesem Tempo kommt der irgendwann heut abend oder in der Nacht hier an… Ich muss in den Bunker! Was googeln!“

    ‚Bunker???‘

    ‚Ähm… Aufenthaltsraum. Ich sag nur Bunker, weil ich das… äh… witzig finde.‘
    ‚Oh… aha. Hihi?‘

    ‚Lass sein, Joa! Mach‘ mer flinke Füße, ja?‘

    Es war erstaunlich, wie fix man über die Bühnen stiefeln konnte, ohne etwas zu übersehen und dann auch noch Proben zu ziehen. Das war nicht nur der Neugier auf den fremden Wolf geschuldet. „Danke, Joa!“ sagte Jonna laut und deutlich in das Grundgeräusch der Anlage hinein und ging die 545 Schritte zurück zum „Bunker“.

    ‚545?‘ fragte Joa nach.

    ‚Ja, Kleene, es gab Zeiten, da war das mein Anhaltspunkt, wie Scheiße der Tag werden würde. An manchen Tagen hab ich das nur in drei Abschnitten geschafft…‘

    ‚Verdammter Kackmist?‘ intonierte Joa und klang nachdenklich.

    ‚Kannsu woll laut sagen!‘ antwortete Jonna und betrat den Bunker.

    Tobi fuhr hoch, offenbar war er nochmal weggedüselt. „Schon zurück? Ist irgendwas? Brauchst du Hilfe?“

    „Nein, Großer, alles fein. Runde ist durch, Proben sind genommen… Kannst du noch Etiketten schreiben? Ich müsste da was nachsehen derweile!“

    „Mach ich doch glatt!“ versprach der Mann und verließ den Bunker in Richtung Werkstatt.

    ‚Wonach willst du guggen?‘ fragte Joa, als Jonna ihren Laptop aus der Tasche kramte und aktivierte.

    ‚Die Entfernung, etwa zumindest…‘ Jonna häggerte drauf los. Seltsam, selbst ihre Schreibgeschwindigkeit schien von Joa optimiert worden zu sein. ‚Du bist gut, Kleene‘ .

    ‚Danke! Macht mir auch Spaß!‘ Joa lachte kollernd.

    Nach mehrerem Hin-und-Her hatte Jonna den fremden Wolf ungefähr lokalisiert. ‚Nördlich von Torgau. Das ist gut! Wenn er Richtung und Geschwindigkeit beibehält, ist er in etwa drei Stunden in Torgau. Dort war ich schon mal, da kann ich besser orten…‘ zufrieden klappte Jonna den Läppi zu.

    ‚Vielleicht ist es einer von Anthonys Leuten?‘ mutmaßte Joa. ‚Oder Marcs…‘

    ‚Gute Idee!‘ erwiderte Jonna und kramte erneut im Rucksack, diesmal nach dem Telefon.

    ‚Was für ‚ne Idee?‘ fragte Joa erkennbar verwirrt.

    ‚Ich ruf in Leipzig an! Wenn die mir sagen, dass da wer von ihren Leuten rumspringt, brauch ich mir keine Gedanken zu machen!‘

    ‚Oh, gute Idee‘* bestätigte Joa.

    Jonna wählte Anthonys Nummer. Immerhin war er offenbar der Boss des Ganzen. Und wenn nicht, auch okay. Es klingelte ziemlich lang und als Anthony sich dann meldete, klang er etwas außer Atem: „Jonna? Ist alles in Ordnungt?“

    „Ja, alles fein!“ beschwichtigte Jonna.

    „Okay… okay! Schön, dass du anrufst. Was darf ich für dich tun?“ Jonna konnte das freche Grinsen in Anthonys Worten förmlich sehen.

    „Denkst du, ich ruf nur an, weil du was tun sollst?“ fragte Jonna zurück.

    „Nuuuun… ich hoffe ja eigentlich, dass du anrufst, weil du uns vermisst!“ Das Belustigte aus der Stimme war weg, Anthony klang jetzt warm und… liebevoll? Und er hatte „uns“ gesagt. War es bei den dreien schon abgemacht, wie ihre, Jonnas, Wahl ausfallen würde? Jonna zog die Augenbrauen hoch. Gut, dass Anthony es nicht sehen konnte.

    „Eigentlich hab ich ja nur eine Frage…“ Jonna ging nicht auf Anthonys Anspielung ein.

    „Frag! Ich erzähl dir alles, was ich weiß!“ Jetzt klang Anthony wieder belustigt.

    „Dann sind wir ja schnell fertig“ konterte Jonna und erntete dafür Entrüstung.

    „So ein freches Ding!“ Anthony stöhnte gespielt enttäuscht und fragte dann übergangslos sachlich: „Okay, was möchtest du wissen?“

    Auch Jonna wurde wieder ernst: „Sag mal, hopst irgendwer aus deinem Rudel nördlich von Torgau rum?“

    „Hm… nicht, dass ich wüsste. Warte, ich frag mal kurz Marc…“ Anthony benutzte offenbar ein zweites Telefon, denn Jonna hörte ihn undeutlich reden. Dann war Anthony wieder dran. „Marc hat auch niemanden da draußen rum… hopsen. Vielleicht einer von Matteos Rudel…“
    „Wer ist Matteo?“ erkundigte sich Jonna.

    „Der junge Mann, der gestern mit den Frauen gekommen ist. Er ist Beta im Florenzer Rudel. Die Männer kommen alle nach und nach zu uns nach Leipzig. Warte, ich frag ihn kurz.“

    Wieder undeutliches Gemurmel, dann ein Geräusch als würde eine Tür geöffnet, Anthony, der sagte „Hey, Marc, hier, nimm! Jonna ist dran!“ und dann Marcs Stimme: „Hallo, Jonna!“

    “Hey, hallo!” Jonna stellte fest, dass sie sich freute, Marc zu hören. Und sie freute sich, dass die Männer offenbar tatsächlich keinen Bitch-Fight austrugen ihretwegen.

    ‚Joa?‘ dachte sie ihre Wölfin an ‚Joa, ich glaub, ich bin verknallt!‘

    Joa kollerte: ‚Ich hatte es gehofft!‘


    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • Und weiter gehts...

    Seelensplitter 33

    „Jonna?“ holte Marc sie aus ihrem Zwiegespräch mit Joa. „Jonna? Wieviele Wölfe sind in Torgau?“

    „Einer. Und noch isser nicht dort. Wenn er das Tempo hält, schafft ers in zweieinhalb bis drei Stunden.“

    „Seltsam“ murmelte Marc nachdenklich.

    „Jonna?“ klinkte sich Anthony wieder ins Gespräch: „Matteo sagt, es ist keiner von seinen Leuten. Die kommen alle aus dem Süden…“

    „Und wenn einer den falschen Zug erwischt hat und er ist in Berlin gelandet und jetzt hatter kein Geld mehr und muss laufen?“

    „Guter Gedanke, ja. Aber Matteo steht mit seinen Leuten in Kontakt, davon wüsste er.“

    „Dann … äh…“ Jonna überlegte kurz „wäre das jetzt ein guter Zeitpunkt, ein bisschen Panik zu schieben?“

    „Keine Angst, Jonna. Sag uns, wo du bist und wir kommen zu dir und beschützen dich…“ sagte Marc leise.

    Jonna räusperte sich unbehaglich. Eigentlich war es ihr ganz recht gewesen, dass die Männer nicht wußten, wo sie wohnte. Andererseits würde ihre Anwesenheit ihre Paranoia doch um etliches beruhigen. „Ich weiß nicht…“ sagte sie deshalb unsicher.

    „Oder möchtest du zu uns kommen? Das geht auch.“ schlug Anthony vor.

    „Tolle Idee! Ich bin aber auf Arbeit.“ Jonna wußte selber, dass sie wenig Optionen hatte. Drei, um genau zu sein. Die zu ihr, sie zu ihnen oder…. „Ich warte erstmal ab, okay? Der wer auch immer braucht noch drei Stunden bis Torgau. Dann schauen wir weiter… ja?“

    „Bist du sicher?“ fragte Marc besorgt.

    „So ziemlich…“ log Jonna. Nein, sie war sich absolut nicht sicher, aber Irgendwas in ihr sträubte sich, den Jungs zu sagen, wo sie sich befand. Viel zu gefährlich!

    ‚Gefährlich? Jonna?‘ die Wölfin in ihr war irritiert. Ratlos.

    „Ja, man, ich bin eben ein Schisser!“ antwortete Jonna und erst auf Marcs Frage „Du hast Angst… vor UNS?“ begriff sie, dass sie laut gesprochen hatte.

    „Ja…. Und nein“ Jonna überlegte, wie sie da wieder rauskam. Doch ihr fiel nicht wirklich etwas gescheites ein. „Kann ich… einfach noch ein bissel overthinken, bitte? Ich bin grade … durch sämtliche Winde, sozersägen!“ Jonna versuchte, lustig zu klingen, wußte aber nicht, ob ihr das gelungen war.

    Offenbar nicht. Anthony klang enttäuscht, als er sagte: „Wie du willst, Kleines. Wenn du weißt, was du möchtest, melde dich. Okay?“

    Kleines? Er hatte sie „Kleines“ genannt? Gut ja, gegen ihn war sie klein, aber…. Jonna schluckte erneut. Keine weitere Diskussion jetzt, „Okay, Machts gut… und…äh… Danke!“

    Seelensplitter 34

    Die Stille war unangenehm. Jonna versuchte, sich damit abzulenken, dass sie nach dem Wolfszeichen scannte. Und sie stellte mit Erschrecken fest, dass sich etwas geändert hatte. Der Wolf bewegte sich schneller. Viel schneller. Vielleicht hatte ihn jemand als Anhalter mitgenommen. Oder er hatte einen Bus bestiegen. „Verdammter Kackmist!“ Jonna starrte ins Nichts und verfolgte das Wolfszeichen. Mit dieser Geschwindigkeit würde er in etwa einer Stunde hier sein… Immer vorrausgesetzt, er wollte hierher. Was eigentlich zu bezweifeln war, kein Wolf wußte, wo sie war. Aber wenn er nach Dresden wollte, musste er mit hoher Wahrscheinlichkeit hier vorbei… und selbst wenn er die Strecke überelbisch nutzte: Die Straße führte keine 200 Meter am Fluß entlang. Und damit etwa 600 Meter an ihrem Arbeitsort… er würde sie spüren. Und dann würde er… ja was?

    Wenn er allerdings von Torgau aus nach Leipzig wollte, war alles gut. Zumindest für sie. Und die Leipziger Wölfe würden ihn schon spüren. Und… äh aufhalten. Oder so.

    Als die Tür zum Bunker aufgerissen wurde, schrie Jonna entsetzt auf.

    „Was’n mit dir los?“ Tobias stand in der Tür und sah sie verwundert an.

    „Oh, äh… nichts! Ich war nur… in Gedanken!“ log Jonna. Tobi würde sie nicht verstehen. Niemand würde sie verstehen. Zumindest kein Mensch… Jonna begriff, dass sie ziemlich allein war mit ihrem Problem. Es sei denn, sie griff nochmal zum Telefon.

    „Tobi?“

    „Ja, Chefin?“ Der Mann grinste freundlich.

    „Mir… geht’s grad irgendwie… nicht so gut. Ich würd gern…“ Ja, was wollte sie denn eigentlich? Hier im Werk war sie einigermaßen sicher, der Wolf hatte mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit keinen Werksausweis, um reinzukommen. Er konnte maximal am Wertkstor warten. Und wenn sie das spürte, würde sie einfach zum anderen Tor raushuschen. Wenn sie nur wüsste, ob die Information „Wir können keine genaue Ortung vornehmen“ für alle Wölfe galt und nicht nur für Anthony und seine Truppe. Immerhin konnte sie es, also war nicht auszuschließen…

    „Du bist ziemlich blaß, Chefin! War wohl bissel viel RedBull heut morgen, hm?“ Tobi grinste noch immer, klang aber besorgt.

    „Ja, wahrscheinlich… ich würde dem Meister sagen, dass ich n paar Stunden nehme… Wär das okay für dich?“ Jonna scannte noch immer nach dem fremden Wolf. Er war nicht langsamer geworden. Er war inzwischen in Torgau am Bahnhof vorbeigefahren. In Richtung Süden. Immerhin war er auf der anderen Elbseite geblieben, vielleicht war Riesa sein nächstes Ziel. Wenn er dort drüben blieb…

    „Klar mach!“ sagte Tobi und Jonna sah ihn verwirrt an „Äh? Was?“

    „Du bist ziemlich von der Spur, hm? Mach dich heem! Los! Hau ab!“

    „Oh, ja… äh!“ Jonna stand auf und packte ihren Kram zusammen. „Ist das wirklich okay für dich?“ Tobi schob sie energisch zur Tür hinaus: „Lauf, Forrest! Lauf!“


    Die Absprache mit dem Meister war kein Problem. Nun, klar, wenn sie genauso erbärmlich klang, wie sie sich grad fühlte…

    Der Wolf war noch immer mit Speed unterwegs. In weniger als einer Stunde war er in Riesa… und dann? Jonna hockte in der Umkleide und starrte auf ihr Telefon.

    ‚Ruf an! Mach schon!‘ drängte Joa.
    ‚Ich kann nicht! Was werden sie von mir denken?‘

    ‚Dass du Hilfe brauchst?‘ schlug Joa vor ‚RUF AN!‘

    ‚Okay, okay, ich mach ja schon!‘ mit zitternden Händen tippte Jonna auf Wahlwiederholung.


    Anthony war sofort da: „Jonna?“

    „Er … er ist in ein Auto gestiegen. Er ist schneller geworden… ich… Bitte…“ Jonna kam nicht weiter. Die Angst, die ihr in den Knochen saß, wurde groß und lähmend.

    „Wo bist du?“

    „Nünchritz. Im Werk… aber ich… fahr gleich nach Hause.“ In dem Augenblick, da sie das sagte, begriff sie, wie unsinnig das war. Sie war hier ziemlich sicher. Vielleicht konnte sie hier warten, bis… was auch immer geschah.

    „Sollen wir kommen?“

    „Ja… ja bitte! Kommt!“ Jonna hoffte, nicht ganz so flehend zu klingen, wie sie sich grad fühlte.

    „Gibst du uns eine Adresse?“

    „Nünchritz, Friedrich von Heyden Platz 1. Das ist das Werkstor… ich… ich warte hier, ja?“

    „Ist okay! Wir sind unterwegs! Bis gleich!“

    Stille. Jonna wußte, „gleich“ bedeutete eine reichliche Stunde. Es sei denn, sie kamen mit der Concorde…

    ‚Jonna? Es wird alles gut, Jonna!‘

    ‚Ich weiß nicht, Joa. Ich hab ne scheißende Angst!‘

    ‚Anthony rettet dich!‘ versprach die Wölfin und klang dabei so sicher, dass Jonnas Angst tatsächlich kleiner wurde. „Ich hoffe es!“ flüsterte sie.


    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • Dieser Part hier ist etwas wüst... und fällt wahrscheinlich im Überarbeitungszeitraum als erstes dem Messer zum Opfer. Aber noch darf er bleiben. Weil: Sie is halt so. :pardon:


    Seelensplitter 35

    Quälend langsam verging die Zeit. Der fremde Wolf war noch immer schnell unterwegs. Kein Stop, kein Umweg, nix. Das war definitiv kein Bus. Die Theorie vom Anhalter war hier am wahrscheinlichsten.

    Jonna seufzte. Einerseits fühlte sie sich hier relativ sicher, andererseits hatte sie gerade einen absurden Anfall von Tatendrang. Nervös knibbelte sie an allem herum, was ihr in die Hände kam. Das Schlimmste war, dass sie Anthony nicht spürte, nicht wußte, wo er gerade war, wann er ankommen würde. Gerade, als sie diesen Gedanken für sich ausformuliert hatte, begann das nächste „das Schlimmste“. Ein Fremdes Wolfszeichen erschien. Es bewegte sich mit hoher Geschwindigkeit von Leipzig aus nach Süden. Jonna keuchte. Machte da jemand Jagd? Auf sie? Verdammter Kackmist! VERDAMMTER…

    Das Telefon klingelte und Jonna ließ es mit einen spitzen Schrei fallen. Es klingelte erneut. Mit angehaltenem Atem hob sie das Gerät auf: Anthonys Nummer! Erleichtert tippte Jonna auf den grünen Knopp: „Ja???“

    „Marc hier! Wir sind unterwegs. Wir haben jemanden im Auto, den du noch nicht kennst, damit du weißt, wo wir grade sind… kannst du uns schon spüren?“ Jonna hätte fast geheult. Nein, sie heulte tatsächlich los. „Ja… ja, ich spür euch!“ schluchzte sie ins Telefon.

    „Nicht weinen, Kleines!“ erklang Anthonys Stimme: „Wir machen so schnell, wie wir können!“

    „Ja… fahrt aber bitte trotzdem vorsichtig, ja?!“ Jonna wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. Die Tatsache, dass Hilfe nahte, schaltete ihren Verstand wieder frei. Da war ein Wolf. Ein einzelner verfickter Wolf! Ein Typ, von dem nicht mal klar war, was er hier wollte. Höchst wahrscheinlich war er nur zufällig auf dieser Route unterwegs und würde sie, Jonna, einfach ignorieren. Warum sollte dieser Wolf ihr etwas tun? Er hatte keinen Grund und Jonna würde ihm weeß Kneppch’n keinen geben! Jonna straffte sich. Wer bitte schön war sie, dass sie sich von einem einzelnen Wolf fürchtete? Könnte ja jeder kommen…

    ‚Jonna?‘

    ‚Ja, Kleene?‘

    ‚Was hast du vor? Du klingst grade ziemlich…. Unvernünftig.‘

    ‚Ich … äh. Ich brauch keine Angst haben, oder? Ich HABE keine Angst! Nämlich!‘ Entschlossen raffte Jonna ihren Kram zusammen.

    ‚Jonna?!? Willst du nicht warten, bis deine Gefährten hier sind?‘

    ‚Ich hab keine Angst!‘ wiederholte Jonna fest und verließ die Umkleide und das Werk. Der Fremde hatte noch etwa 20 Minuten bis Riesa. Anthony und Marc noch etwa 40 Minuten bis hier. Wenn die Jungs nicht geschwindelt hatten, würde der Fremde sie in Riesa nicht spüren können, es lagen noch etwa 8 Kilometer Landschaft dazwischen…

    Jonna radelte eilig nach Hause. Anderthalb Kilometer, die sie näher an Riesa ranbrachten. Wenn die Männer recht hatten, würde der Fremde sie erst spät spüren können. Und er würde nicht wissen, wieviele Wölfe hier waren. Er hatte also guten Grund, vorsichtig zu sein. Und bis sie ihm nicht gegenübertrat, würde er sie auch nicht genau orten können. Wenn die Männer nicht geschwindelt hatten. Ziemlich viele Wenns und Würdes. Jonna verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Joa hatte recht: Sie WAR unvernünftig. Aus purem Aktionismus hatte sie sich gerade so richtig schön angreifbar gemacht.

    ‚Joa? Bin ich dumm oder was? Was mach ich denn?‘

    ‚Gute Frage, Jonna! Ich weiß nicht, was du da tust. Und ja. Es wirkt ausgesprochen dumm…‘

    „Verdammter Kackmist“ beschimpfte Jonna sich selber. An welcher Stelle war ihr der Verstand abgeschaltet worden? So dämlich konnte man doch nicht sein! So völlig neben der Spur war sie noch nie… naja, vielleicht doch. Damals, als sie mit dem Rosenspalier zusammengekracht war, weil sie den Kletterweg in ihr Zimmer als kürzer empfand als den Weg durch die Haustür. Oder auch der Augenblick, als sie dachte, sie könne den 12-Tonnen-Plattenwagen mal ebenso am Wegrollen hindern und sie sich dabei mordsmörderisch die Pfote eingeklemmt hatte. Und die Stelle, als sie den Motor mit dem Stapler gelupft hatte, obwohl sie wusste, dass das Ding zu schwer für den kleinen war. Das Fahrzeug war nach vorn gekippt und hatte sie elegant und schwungvoll durch die Frontscheibe gewuppt…

    ‚Große Göttin! Jonna! Da können wir ja echt froh sein, dass du überhaupt noch lebst!‘ Joa klang fassungslos.

    ‚Naja, vielleicht eh nicht mehr lange…‘ dachte Jonna sarkastisch und hockte sich auf die Haustreppe. Sie würde hier warten, bis klar war, was und wie der Fremde in Riesa tun würde… noch 10 Minuten. Dann konnte man weiterentscheiden.

    Anthony und Marc waren inzwischen von der Autobahn runter und nahmen Kurs auf Oschatz.

    ‚Du solltest ihnen vielleicht sagen, dass du jetzt woanders bist?‘ schlug Joa vor.

    ‚Jaja! Ich will nur noch schnell guggen, was der Wolf macht!‘

    Jonna konnte förmlich spüren, wie Joa genervt mit den Augen rollte…


    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • Näxt, pliehs

    Seelensplitter 36

    Der fremde Wolf war inzwischen in Riesa. Er kam auf der 169 rein und fast schien es, als würde er weiterfahren, über die Brücke, hinüber auf die andere Elbseite. Jene Seite, wo sich Jonna befand.

    Doch kurz vor dem Stadtausgang bog das Fahrzeug nach rechts ab, drieselte sich durch verschiedene Kreuzungen und stoppte schließlich am Bahnhof.

    ‚Was will er denn am Bahnhof?‘ Jonna starrte auf die Briefkästen vor sich, ohne sie wirklich zu sehen.

    ‚Vielleicht will er mit dem Zug weiterfahren?‘ orakelte Joa.

    ‚Und warum ist er dann nicht in Torgau eingestiegen?‘ Jonna „beobachtete“ den fremden Wolf weiter. Tatsächlich bewegte der sich über den Bahnhofsplatz hinüber zum Bahnhof, hinein in die Halle, blieb kurz stehen ‚Ah, der Bäcker! Er holt sich n Kaffee oder so…‘ und ging dann hinüber zu den Bahnsteigen.

    Und plötzlich glaubte Jonna zu wissen, wo der Wolf hinwollte. Nach Dresden! In Torgau fuhr kein Zug direkt nach Dresden. Nur über Leipzig oder über Cottbus. Mit beiden Strecken hätte er enorme Knoten in die Landschaft gefahren. Und offenbar war der Autofahrer bereit gewesen, ihn bis Riesa zu bringen.

    Jonna blickte auf die Uhr. In fünf Minuten fuhr der Zug in Riesa los, dann brauchte er 7 Minuten bis Nünchritz. Das bedeutete, sie hatte einen Aufschub von 13 Minuten. Jetzt war nur noch eine Frage: Der Wolf würde weniger als 200 Meter an ihrem jetzigen Standort vorbeifahren. Es gab keine Chance, dass er sie nicht spürte. Wie weit konnte sie in 13 Minuten radeln, um hier wegzukommen?

    Die verfügbaren Optionen waren mies: Nach links oder rechts weg bedeutete: Parallel zur Elbe und damit auch parallel zu den Schienen. Oder aber, quasi im rechten Winkel, rein ins Land. Aber auch dafür musste sie erst an die Schienen ran und drüber. Bzw drunter durch. Der eine Übergang war in Glaubitz. Mit dem Rad 10 Minuten entfernt und quasi dem Wolf entgegen. Der andre die Zschaitener Brücke. Auch knapp 10 Minuten weg, in die andere Richtung.

    ‚Du hättest im Werk bleiben sollen!‘ monierte Joa.

    ‚Ja, hast recht‘ gab Jonna zu und erhob sich. ‚Aber bin ich nun mal nicht. Pech für mich.‘ Sie kramte das Handy aus der Tasche: „Anthony? Kleine Planänderung! Nicht ans Werkstor, okay? Kommt zum Bahnhof in Nünchritz!“

    „Was? Wieso? Was ist passiert???“

    „Der Typ steigt in drei… nein zwei Minuten in den Zug nach Dresden, wenn ich richtig liege. Der ist in etwa 10 Minuten hier. Ich weiß nicht, ob er aussteigen wird hier, wenn er mich spürt… aber es ist möglich.“

    „Und du willst zum Bahnhof fahren, um ihn abzufangen? Jonna! NEIN!“ Anthony klang sehr entschlossen und ahnte nicht, dass er damit Jonnas Entschluß nur verstärkte.

    „Ich seh euch dort!“ sagte Jonna und legte auf. Dann verließ sie das Haus, griff ihr Fahrrad und radelte los…


    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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  • Nicht viel, dafür wenig...

    Seelensplitter 37

    Am Bahnhof sprang Jonna behende vom Rad und sah auf die Uhr: Zwei Minuten? Sie hatte nur zwei Minuten bis hier gebraucht? ‚Mein Gott, Joa! Wenn du so weiter machst, meld ich mich noch bei Olympia an! Das ist ja sagenhaft!‘

    Joa murmelte etwas unverständliches und Jonna fragte lieber nicht nach. Sie hatte ihre Wölfin offenbar ziemlich verärgert. ‚Es tut mir leid, Joa! Ehrlich!‘ Die Wölfin gab nur ein gebrummtes ‚hm‘ von sich.

    ‚Du wirst mir jetzt nicht helfen, oder? Weil ich mich da selber reingeritten hab… hm?‘

    ‚Natürlich helf ich dir. Es nutzt nix, wenn du stirbst, dann sterb ich nämlich auch!‘ sagte Joa, noch immer brummig. Aber ihre Antwort jagte erneut Angst in Joas Herz: „Sterben??? Du meinst wirklich, dass das so gefährlich ist hier?“

    ‚Ich weiß es nicht! Ich weiß nur, dass du bis vor kurzem selber geweint hast vor Panik…‘

    ‚Tut mir leid, dass ich so… sorry…‘ Jonna wußte nicht weiter. Nur dass es zu spät war, umzukehren. Egal, wo sie jetzt hinging oder radelte, der Wolf im Zug würde sie spüren. Er hätte sie auch gespürt, als sie auf Arbeit gewesen war. Das einzige, was geholfen hätte, wäre gewesen, vor einer Stunde in den Bus zu steigen und in Richtung Landesinnere wegzufahren. Aber dafür war es jetzt halt zu spät.

    Jonna starrte hinauf zu den Bahnsteigen und überlegte kurz: ‚Wenn er mich tatsächlich nicht genau orten kann, wird es ihm nichts bringen, hier auszusteigen, hm? Ich mein, er würde sich dumm und dusslig suchen. Und er weiß nicht, dass ich ihn punktgenau lokalisieren kann… ich wäre echt im Vorteil…‘

    ‚Dann nutz diesen Vorteil und duck dich ab!‘ drängte Joa. ‚Wenigstens, bis deine Gefährten hier sind!‘

    ‚Oh, ja, die Jungs‘ Jonna schämte sich fast, dass sie die gerufene Hilfe vergessen hatte. ‚Du hast recht! Wir ducken uns ab! Und zwar hier!‘ Jonna steuerte auf das verschmierte, mit Brettern vernagelte Buswartehäuschen zu, man konnte durch die Grafitti im Restglas gut raussehen, aber nicht rein. Opa Pauls Fliederhecken-Geheimnis. Jonna lächelte versonnen, hockte sich auf die Reste der Bank und wartete. Auf den fremden Wolf und die Kerls aus Leipzig.

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • Das komplizierteste sind eigentlicfh diese kleinen Einleitungstexterer hier! ^^


    Seelensplitter 38

    Der Fremde war jetzt in Glaubitz. Und befand sich noch immer im Zug. Die Leipziger Jungs waren gerade am Bahnhof Glaubitz. Und sie fuhren schnell…viel zu schnell für Innerorts. Offenbar hatte Jonna sie ziemlich nervös gemacht. Aber wenn sie fix genug waren, würde der Fremde sie vielleicht gar nicht als „neue Fremde“ wahrnehmen. Immer vorausgesetzt, das andere Wölfe tatsächlich die Anzahl nicht erkennen konnten.

    ‚Ist schon komisch, dass ich das kann, oder, Joa? Bist du vielleicht ein besonderer Splitter? Irgendwas extra-magisch Tolles?‘ Joa antwortete nur mit einem ‚hm‘.

    Jonna scannte weiter. Der Zug war jetzt zu sehen, und der Fremde bewegte sich irgendwie seltsam. Ein bissel vorwärts, aber auch ein bissel rückwärts… Jonna brauchte einen Augenblick, um zu begreifen. Der Wolf hatte irgendwo gesessen und war nun aufgestanden, um im langsamer werdenden Zug zur nächsten Tür zu gehen. Er hatte sie also gespürt. Und er wollte aussteigen!

    „Verdammter Kackmist!“ Wo waren die Jungs? Die hatten grade den Ortseingang passiert und würden, je nachdem wie das Navi sie leitete und ob die Ampel im Ort grün gesonnen war, in 2 bis 5 Minuten hier sein.

    Der Zug hielt. Aufgrund der Lärmschutzwände war nicht mal annähernd zu sehen, wieviele Leute da ausstiegen. Allerdings war der Wolf zu spüren. Und er stieg aus!

    Jonna hielt den Atem an. Jetzt würde sich herausstellen, ob nur sie selber besondere Sensorik hatte oder nicht. Drei junge Mädchen kamen die Treppe vom Bahnsteig runtergestiefelt… eine alte Dame, mühsam ans Treppengeländer geklammert… ein junger dünner Mann… und das Wolfszeichen erlosch.

    ‚Das isser‘ Jonna atmete aus. Richtig gefährlich wirkte er nicht, der Wolf. Ziemlich mager, trotz des spätsommerlichen Wetters in einen Parks gehüllt, die Hände in den Taschen als friere er, blondes kurzes Haar, dass aussah, als sei es nicht nur windstrubbelig.

    Die Jungs aus Leipzig bogen gerade an der Ampel ab und waren auf direktem Wege zum Bahnhof.

    Jonna starrte den jungen Mann an. Der ging, sich ständig umschauend, am Bushäuschen vorbei. Das bedeutete wohl, dass er sie wirklich nicht orten konnte und auf gut Glück ins Dorf rein wollte.

    Jonna holte tief Luft, stand auf und trat aus dem Wartehäuschen.

    ‚Jonna!!! NEIN!‘ flehte Joa.

    Doch Jonna ignorierte sie: „HEY!“ sagte sie lauter als nötig.

    Der Wolf fuhr herum und starrte sie an. Und Jonna starrte zurück. ‚Katzenduell? Bei Wölfen?‘ Jonna starrte und der Wolf blinzelte, und sah zur Seite: „Hey!“ sagte er weit weniger laut und es klang eher wie ein Gruß.

    Hinter dem jungen Mann kamen zwei Autos in Sicht. Jonna verschluckte ihr Lächeln: Die Jungs waren da. Das war Timing vom allerfeinsten!

    Die Fahrzeuge hielten und aus beiden stiegen dunkel gekleidete Männer aus. ‚So müssen Mafiosi aussehen!‘ dachte Jonna belustigt und winkte.

    „Hallo, Jonna!“ sagte Anthony. Und weil Jonna den jungen Mann nicht wirklich aus den Augen gelassen hatte, sah sie, dass dessen Gesicht versteinerte. Dann drehte sich der fremde Wolf langsam um: „Hallo, Onkel Anthony!“

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • So, nach einem Monat Adventspause lassen wirs auch hier wieder ä bissi nudd'ln...

    Seelensplitter 39

    „Hallo, Padje!“ Anthony klang durchaus erfreut.

    „Ich heiße Patrick!“ knurrte der junge Mann düster.

    „Verzeih! Natürlich! Patrick!“ Anthony schien die miese Laune des Jungen nichts auszumachen. „Wie geht’s Alpha Miriam?“

    Wieder änderte sich der Gesichtsausdruck des Jungen drastisch. Plötzlich wirkte er wie ein kleiner verängstigter Junge, den Tränen nahe. Er schluckte, versuchte zu antworten und brach dann tatsächlich in Tränen aus.

    „Hey hey hey!” Sofort war Anthony bei ihm und nahm ihn in den Arm. „Was ist denn los? Was ist passiert, Großer?“

    Der Junge hatte offenbar seinen Unmut dem Alpha gegenüber vergessen. Er hielt sich an Anthony fest, und versuchte zu sprechen. Doch er brachte nur ein klägliches Schluchzen zustande. Es dauerte ein ganzes Weilchen, ehe er sich langsam beruhigte und sich schniefend von Anthony losmachte.

    „Entschuldige, Onkel Anthony, ich…“, der Junge suchte nach Worten.

    „Ruhig, Patrick, ganz langsam! Was ist passiert? Was ist mit Miriam?“

    Wieder schossen dem Jungen die Tränen in die Augen, doch diesmal konnte er antworten: „Sie ist verschwunden…“


    Jonna stand daneben und fühlte sich regelrecht überflüssig. Vorsichtig, um das Gespräch der beiden Männer nicht zu stören, ging sie hinüber zu Raoul und Mark. „Wer ist der Junge?“ fragte sie leise. „Anthonys Neffe“, gab Mark ebenso leise zurück.

    „Und Miriam?“

    „Seine Mama. Und Anthonys jüngere Schwester.“

    Verdammter Kackmist!


    „Was meinst du mit „verschwunden“? Entführt? Fortgelaufen?“, Anthony wirkte ziemlich ruhig, aber Jonna sah, dass seine Hände zitterten.

    „Verschwunden! Einfach so. Als ob sie… nie existiert hätte… und… das ganze Rudel mit ihr!“ Patrick hatte offenbar Mühe, die richtigen Worte zu finden.

    Anthony starrte seinen Neffen an: „Warum bist du nicht zu mir gekommen?“ Er packte den Jungen und rüttelte ihn leicht. „Warum…?“

    Patrick versuchte nicht, sich loszumachen. Er senkte nur den Kopf und murmelte leise: „Linna traut dir nicht…“

    „Wer zur Hölle ist Linna?“ Anthony klang jetzt recht wütend.

    „Meine Gefährtin…“ Ein winziges seeliges Lächeln stahl sich auf Patricks Gesicht.

    „Aus eurem Rudel?“ fragte Anthony argwöhnisch.

    „Nein, sie kommt aus Groningen. Sie kam letztes Jahr zu uns ins Rudel…!“ Patricks Stimme hatte jetzt etwas Schwärmerisches.

    „Aha“, sagte Anthony trocken „und sie traut mir nicht… Weil?“

    Patrick zog die Schultern hoch. „Ich weiß es nicht, das hat sie mir nicht gesagt…!“

    „Okay, Junge… Bevor diese Linna aufgetaucht ist: Hab ich DIR da einen Anlass gegeben, mir nicht zu vertrauen?“

    Patrick schüttelte entschieden den Kopf: „Du bist der beste Onkel der Welt!“

    „Und dann kommt diese Frau und verkündet ohne Erklärungen ihr Misstrauen und schon kommst du mit sowas Extrem Wichtigen nicht mehr zu mir? Was ist mit dir los?“

    Patrick senkte beschämt den Blick: „Sie sagte, du bist böse!“

    „Und du hast ihr sofort vorbehaltlos geglaubt? Was hab ich ihr denn Böses getan?“ Anthony verstand ganz offenbar die Welt nicht mehr.

    „Das hat sie nicht gesagt…“ wieder war Patrick den Tränen nah.

    Anthony schloss die Augen und schüttelte frustriert den Kopf. Dann aber straffte er sich und sah seinen Neffen fest an: „Okay! Erzähl mir alles! Wohin ist das Rudel gegangen? Und wann? Und diese Linna, ist die auch verschwunden? Erzähl mir alles!“

    „Ähm…“ Jonna trat heran: „Das wirkt, als würde es eine etwas längere Geschichte. Wollen wir uns nicht irgendwohin setzen? Das redet sich besser…“

    Anthony starrte sie einen Moment an wie eine Fremde. Dann aber lächelte er: „Klingt gut! Schlag was vor!“

    „Unten im Einkaufspark gibt’s n Chinamann, der hat genug Plätze für alle…“, Jonna wies auf die Truppe, die Anthony mitgebracht hatte.

    Anthony sah sich nach seinen Leuten um: „Was haltet ihr von Chinesisch? Oder wollt ihr lieber wieder heimfahren? Patrick ist ja keine Gefahr für Jonna…“, er warf dem Jungen einen kurzen Blick zu „Eure Entscheidung!“

    Die Männer wechselten kurze Worte und entschieden sich dann fürs heimfahren. Sie kletterten in eines der Autos und fuhren davon. Nur Mark und Raoul waren dageblieben.

    „Okay!“, entschied Anthony. „Ich fahre, Patrick kommt nach vorn, ihr drei hinten… passt das?“ Er sah seine zwei Freunde und Jonna fragend an. Marc und Raoul nickten, aber Jonna schüttelte den Kopf: „Ich komm mit‘m Fahrrad nach. Sonst muss ich noch mal hierher latschen…“

    „Wir können dich nachher auch wieder hierherbringen!“ schlug Raoul vor. Jonna überlegte. Es würde ziemlich eng werden… „Okay! So machmers!“

    Sie kletterten ins Auto, Jonna kuschelte sich zwischen den zwei Männern zurecht und bekam über den Rückspiegel einen amüsierten Blick von Anthony: „Macht keine Dummheiten dahinten! – Kanns losgehen? Wo lang müssen wir…?“

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • Das Ergebnis von zwei Tagen... ich glaub, ich werd in Rente sein, ehe das "Ding" (TM) fertig ist...

    Seelensplitter 40

    Der Weg zum Chinaimbiss war viel zu kurz. Es war überaus angenehm, so eingezwängt zwischen den Männern zu sitzen. Jonna ärgerte sich ein bisschen, kein weiter weg gelegenes Lokal genannt zu haben.

    In der Imbissbude bekam der Inhaber große Augen, als die Männer ihre Bestellung aufgaben. „Seid Ihr schwanger? Oder was?“ erkundigte sich Jonna.

    Raoul lachte: „Ne, nur hungrig! Du hast uns ja vom Mittag abgehalten.“

    „Tut mir leid“ tat Jonna zerknirscht.

    „Muss es nicht! So haben wir uns schön schnell wiedergesehen! Da verschiebt man gern eine Mahlzeit… Was möchtest du haben?“ Marc sah Jonna interessiert an.

    „Nix! Hab kein Geld dabei!“ erwiderte Jonna ehrlich.

    „Wir übernehmen das!“ Anthony lächelte zuvorkommend.

    „Dann hätte ich gerne…ähm… die Frühlingsrollen und die Suppe!“

    „Reicht dir das?“ Raoul war skeptisch.

    „Zur Not hol ich mir dann noch was… aber ich glaub schon!“


    Anthony wählte einen Tisch in der Ecke, von wo man gut durch den ganzen Raum schauen konnte und die Tür im Blick hatte. „Wolfsgetue!“ sagte er schulterzuckend und setzte sich. Jonna schob sich neben ihn und bekam als weiteren Tischnachbarn Raoul. Marc und Patrick saßen auf der anderen Tischseite, mit dem Rücken zur Tür. Anthony schob seine Hand offensiv auf Jonnas Knie, lächelte sie kurz an und wandte sich dann seinem Neffen zu: „So dala! Jetzt erzähl, was passiert ist, Patrick!“

    Der junge Mann suchte kurz nach Worten: „Ich… ich wollte zu Michels Geburtstag. Sein 18…“ Anthony nickte. „Aber als ich in Schweese ankam war niemand da…“

    „Wie jetzt „Niemand“? Keiner im Rudelhaus?“ fragte Anthony nach.

    „Niemand! Keine Seele! Weißt du, wie Ferienhäuser aussehen, die Winterfest gemacht worden sind? SO sah das Rudelhaus aus. Alle Betten abgezogen, Wasser und Strom abgestellt, keine Lebensmittel in den Schränken, alle Pflanzen von den Fensterbrettern geräumt…“

    „Und sie haben dir nichts gesagt?“

    „Nein… ich kam da an, völlig ahnungslos. Ich meine, sie wussten, dass ich an dem Wochenende kommen wollte. Meine ganze Familie hat meine Telefonnummer… Linna hat meine Nummer! Warum haben sie nicht…“ Patrick unterbrach sich, um erneut Tränen zurückzukämpfen.

    Anthony zog seine Hand von Jonnas Knie zurück, um nach dem Arm seines Neffen zu greifen: „Und Linna? Wenn sie deine Gefährtin ist, müsstest du sie doch spüren können?! Geht es ihr gut?“

    Patrick sah seinen Onkel verlegen an: „Wir haben uns noch nicht markiert…“

    „Oh… verstehe!“ Anthony wirkte, als sei das nicht so ungewöhnlich.

    Jonna hingegen ließ den Löffel fallen: „Markiert?“ fragte sie angewidert „Ihr pullert eure Frauen an???“


    Das brachte ihr verblüffte Blicke von 4 Männern ein. „Das ist… nich hübsch!“ Jonna versuchte, ihren Widerwillen etwas abzumildern. Wer war sie schon, Leute zu verurteilen, die sie ehrlicherweise nicht wirklich kannte. „Mich pullert ihr aber nicht an…! Das könnt ihr vergessen!“

    Jetzt erst bewegten sich die Männer. Marc schob seine Hand über den Tisch und fasste nach Jonnas Hand: „Wir sind keine Hunde!“ sagte er leise.

    „Okay…“ Jonna zog ihre Hand weg. „Wie markiert ihr dann eure Frauen?“

    „Erstmal „ begann Anthony „erstmal markieren wir uns gegenseitig. Und dann…“ Anthony holte tief Luft und sah Jonna nachdenklich „reden wir später darüber, okay?“

    „Warum?“ fragte Jonna genervt „denkt ihr, ich würde es nicht kapieren?“

    Raoul beugte sich leicht vor, um ihr ins Gesicht zu sehen: „Nein, denken wir nicht. Aber es könnte sein, dass du unsre wahre Art, Gefährten zu markieren, noch weniger mögen wirst…“

    „Ach?“ fragte Jonna aggressiv „dann könnt ihr das erst recht vergessen, was immer das auch ist!“

    „Jonna, bitte! Wir sollten wann anders darüber reden! Jetzt ist ein ungünstiger Zeitpunkt!“ Anthony machte eine winzige Geste in Richtung Patrick, der unglücklich in seinem Essen stocherte.

    Jonna sah hinüber und schluckte. Ja, eine verschwundene Familie war wirklich wichtiger… Sie würde den Jungs schon klar machen, dass sie keine blöden Spielchen mit sich spielen lassen würde. Aber halt wirklich nicht jetzt. Jonna nickte: „Ja, habt recht! Darüber reden wir, wenn wir Patricks Leute gefunden haben…“


    „Danke, Kleines!“ sagte Anthony warm und wandte sich wieder seinem Neffen zu: „Hast du das Rudelhaus gründlich abgesucht nach Hinweisen?“

    „Ja, natürlich! Mehrmals sogar!“ Patrick war entrüstet „Hältst du mich für blöd?“

    „Nein, natürlich nicht!“ beschwichtigtre Anthony „aber… ich würde da selber gern guggen gehen, okay?“

    „Weil ich doch blöd bin…?“ Patrick starrte seinen Onkel böse an.

    „Nein! Weil fremde Augen vielleicht etwas sehen, was du in deiner Gewöhnung nicht mehr wahrnimmst…!“

    Patrick sackte resignierend in sich zusammen. Sein „Natürlich… macht ruhig!“ klang, als sei er wenig vom Erfolg überzeugt.

    „Okay, dann essen wir hier schnell noch auf, fahren nach Leipzig und packen dort ein bissel was zusammen… und dann ab nach Schweese.“ Anthony griff sein Besteck und begann, eilig die fast kalten Nudeln runterzuschlingen.

    „Prima! Wenn ihr was gefunden habt, ruft ihr mich an?“ fragte Jonna und griff nach ihrem letzten Frühlingsröllchen.

    „Anrufen?“ echote Anthony mit vollem Mund „Ich dachte, du kommfd midd“

    Jonna zog eine Grimasse: „Ich muss morgen wieder auf Arbeit!“

    „Ähm… äh…oh!“ Anthony sah seine Freunde ratlos an, als erwarte er von dort Hilfe.

    „Kannst du nicht Urlaub nehmen?“ fragte Raoul bittend.

    „Ich komm doch grad erst ausm Urlaub! Das kann ich meinen Kollegen nur schlecht vermitteln!“

    „Und wenn du dich krankmeldest?“ war Anthonys Vorschlag.

    „Ich soll lügen?“ Jonna war empört.

    „Natürlich nicht… „Anthony sah betreten auf seinen Teller.

    „Wozu braucht ihr mich überhaupt? Ich weiß doch nix über Wölfe und so! Ich fall euch doch nur zur Last!“ Jonna schüttelte den Kopf.

    „Nun, deine interessante Reichweite wäre schon von Vorteil. Und dass du die Richtung orten kannst, auch…!“ Raoul fasste nach Jonnas Hand „Bitte!“ sagte er eindringlich.

    „Das wird kompliziert!“ seufzte Jonna und fischte ihr Handy aus der Hosentasche.

    „Tobi? Ich…äh, bräuchte noch ein paar Tage frei. Ich hab hier“ sie warf Anthony einen schnellen Blick zu „ein mittleres familiäres Problem. Meine … äh Schwägerin wird vermisst! Und ich kann Anthony so nicht alleine lassen, der Jung dreht sonst am Rad!“

    „Du hast ne Schwägerin?“ fragte ihr Kollege verblüfft zurück. „ich wußte nicht einmal, dass du nen Bruder hast!“

    „Äh… Anthony ist auch nicht mein Bruder!“ stotterte Jonna.

    Einen Moment war verblüffte Stille „Du Luder“ krähte Tobi dann fröhlich „Du hast geheiratet, ohne mir was zu sagen? Das kost dich ne Runde!“

    „Ja, Tobi! Weiß ich! Kann ich bitte den Urlaub beantragen? Oder komm ich dir damit in die Quere?“ Jonna wusste, dass sie Tobis Redefluß nur mit abrupter Unterbrechung stoppen konnte.

    „Klar, mach, Mädel! Und äh… warte… das war echt, dass die Schwägerin vermisst ist?“

    „Ja, leider!“

    „Ouh schitt! Natürlich kannst du heeme bleiben! Sagst dus dem Chef oder soll ich?“

    „Ne, ich mach schon, Danke Großer! Bistn Engel!“


    Das Gespräch beim Chef war weniger schlimm. Ihm reichte die Information, dass es mit dem Kollegen abgesprochen war und dass sie noch genügend Urlaubstage übrig hatte: „Geht klar, ich trags ein.“


    „So. Ferdsch! Und nun?“ Jonna sah die Männer gespannt an. Ein bissel freute sie sich, mehr Zeit mit den dreien verbringen zu können. Auch wenn sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht unbedingt der Mittelpunkt des Geschehens sein würde. Aber so konnte sie vielleicht ein bissel sehen, wie die Männer so im Nicht-Bagger-Modus waren.

    „Hm! Wie weit weg von hier wohnst du?“ wieder war es Anthony, der das Wort führte. Der Chef halt. Obwohl Marc auch ein Alpha war… oder hatte sie da was nicht richtig verstanden?

    „Nicht weit, keine 200 Meter Luftlinie.“ Jonna wedelte unbestimmt mit der Hand durch die Luft.

    „Gut. Dann würde ich vorschlagen, du isst auf, Raoul bringt dich zu deinem Fahrrad, dann fährst du heim und packst ein bisschen was zusammen. Für zwei drei Tage ungefähr, ja? Und dann kommst du wieder her? Oder sollen wir dich von irgendwo abholen?“ Jonna konnte genau sehen, dass Anthony ein „Ja, klar“ erhoffte. Aber sie schüttelte den Kopf.

    „Ihr müsst keine Knoten in den Ort fahren, da bin ich mit laufen schneller. Außerdem…“ sie grinste die Männer frech an „außerdem könntet ihr da noch was essen!“

    „Ouh, das klingt gut!“ Anthony fand das offensichtlich nicht wirklich gut, doch Jonna ging nicht darauf ein.

    „Da könnten wir losmachen. Raoul? Oder soll ich zum Bahnhof laufen?“

    Raoul stand auf: „Natürlich nicht!“

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?