Ich möchte euch mal wieder eine meiner etwas längeren Erzählungen vorstellen. Einige kursiv gedruckte Namen, die darin vorkommen, sind der Welt, in der auch meine Romane spielen, entnommen, aber man muss sie nicht kennen, um dieser Geschichte folgen zu können. Ebenso gut hätt ich sie erfunden haben können. Daher habe ich diese Erzählung auch nicht unter "Fan Fiction" gepostet sondern hier.
Möglicherweise findet ihr den Protagonisten (der erst ab Kapitel zwei in Erscheinung tritt) zu gut um wahr zu sein. Das mag durchaus sein und war sogar Absicht, aber ich hatte einfach Lust auf eine solch märchenhafte Geschichte.
______________________________________________________________________________________________________________________
Der Gehilfe des Köhlers
eins
Ich hätte Nein sagen sollen.
Welcher Dämon hatte mich bloß geritten, zuzustimmen, als dieser Jomlor aus dem Dorf zu mir kam und mir die Frage stellte, ob ich seinen Sohn als Gehilfen annehmen wollte? Dabei hatte sich zunächst alles recht gut angelassen…
„Hollgrim, bist du da?“
Ich hätte Nein sagen sollen. „Ja, hier“, knurrte ich. Ich mochte es nicht, wenn man mich bei der Arbeit störte. Aber da ich vom Verkauf meiner Holzkohle lebte, blieb mir keine andere Wahl, als mit meinen Kunden hin und wieder ein paar Worte zu wechseln.
Ein hochgewachsener Mann kam um die Ecke, und ich erkannte Jomlor, der lächelnd auf mich zukam. „Guten Morgen, Hollgrim. Kann ich dich mal eben etwas fragen?“
„Nun bist du eh schon hier“, brummte ich unfreundlich und erwiderte sein Lächeln nicht. „Was willst du?“
„Können wir uns kurz setzen?“
Ein Besucher, der sich selbst einlud? Wie dreist! „Wenn’s sein muss“, murmelte ich und ging ihm voran zu meiner bescheidenen Hütte, in der ich, seit ich denken konnte, allein lebte, nachdem mein Vorgänger gestorben war. Dort ließ ich mich auf einen Hocker plumpsen und wiederholte meine Frage ohne abzuwarten, bis Jomlor sich ebenfalls gesetzt hatte und ohne ihm etwas anzubieten. „Was gibt’s also so Wichtiges?“
Jomlor zog sich einen Hocker heran und nahm mir gegenüber Platz. „Ich wollte dich fragen, ob du meinen Sohn als Gehilfen annimmst.“
„Was?“ Seit wann brauchte ich einen Gehilfen? Wohl plagte mich ab und zu das Gliederreißen, und die Arbeit ging mir nicht mehr so schnell von der Hand wie früher, aber einen Gehilfen annehmen? Einen jungen Kerl, der hier herumlungerte und mir Tag und Nacht mit Geschwätz, Fragen oder gar mit Widerworten auf die Nerven gehen würde? Niemals!
„Nee“, knurrte ich also, „vergiss es.“
„Du müsstest ihm nichts bezahlen“, lockte Jomlor. „Es genügt, wenn du ihn mit verköstigst und hier wohnen lässt. Der Junge braucht eine Arbeit, und du brauchst Unterstützung. Euch beiden wäre gedient.“
„Bin ich die Wohlfahrt? Ich brauche niemanden“, grollte ich.
„Da habe ich aber etwas ganz anderes gehört.“
„Ja? Von wem denn, bitteschön?“
„Vom Schmied.“
Ach du Schande! Ja, ich erinnerte mich. Ich hatte den Schmied vor einigen Wochen in einer Taverne getroffen und einen oder auch mehrere mit ihm gehoben. Der Alkohol musste mir die Zunge gelockert haben, denn ich hatte mich ihm gegenüber beklagt, wie anstrengend meine Arbeit doch war. Vermaledeit, hätte ich doch bloß meinen Mund gehalten!
„Du hättest jemanden, der dir die Botengänge abnimmt“, verhieß mir Jomlor. „Und der dir hier zur Hand geht.“
„Wieso will dein Sohn denn ausgerechnet das Köhlerhandwerk erlernen?“ Nun war ich doch neugierig geworden. Für gewöhnlich war der meine nicht gerade ein geachteter Beruf.
„Das will er gar nicht. Der Junge hat Flausen im Kopf und will nach Elteran gehen. Ein Magier will er werden. Man stelle sich das bloß einmal vor!“ Kopfschüttelnd saß mir der Bittsteller gegenüber.
„Dann lass ihn doch da hin“, schlug ich vor. Alles war besser als einen Lehrling aufnehmen zu müssen.
„Auf gar keinen Fall!“, brauste er auf. „Ich will, dass er hier in der Heimat bleibt. Und damit er nicht auf dumme Gedanken kommt, halte ich eine Arbeit bei dir, tief im Wald und abseits von irgendwelchen Reisenden, die ihm Flöhe ins Ohr setzen, für das Beste, was ihm passieren kann.“
„Nee“, wiederholte ich meine Ablehnung. Ich wollte keinen Lehrling, der eigentlich etwas ganz anderes wünschte als ein Köhler zu werden. Schon gar keinen, der nach „Höherem“ strebte. Ein Magier, also wirklich! Was für ein Mumpitz!
„Warum denn nicht?“, wollte Jomlor wissen.
Ich hätte mein Nein nicht begründen müssen. Aber ich hoffte, ihn mit meinem Argument loszuwerden. „Ich will einen Lehrling, der Köhler sein will und nichts anderes. Die Lehrzeit dauert drei Jahre. Und ich will nicht ein einziges Mal so was wie ‚Ich wollte eigentlich viel lieber was anderes‘ von meinem Köhlergehilfen hören!“
„Das wirst du nicht, mein Wort darauf. Dafür sorge ich. Also abgemacht?“ Er streckte mir seine Hand entgegen.
Ich dachte nicht daran, einzuschlagen. „Wie alt ist der Knabe überhaupt? Kann er anpacken? Ist er gehorsam?“
„Er wird siebzehn. Besonders kräftig ist er nicht, aber zäh und ausdauernd. Und gehorsam ist er im Grunde auch. Im Übrigen kann er lesen, schreiben und rechnen. Das ist dir doch gewiss von Nutzen.“
Auch das noch, ein Bücherwurm! Kein Wunder, träumte er von einer Ausbildung in der Hauptstadt. Und schon so alt. Für gewöhnlich hätte er längst selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen müssen. Aber vielleicht hatte Jomlor Recht? Mehr als einmal hatten mich Kunden beim Bezahlen übers Ohr gehauen, weil ich nicht so fix mit den Ziffern war.
Jomlor unterbrach mein Grübeln. „Bist du einverstanden? Ich sage dir, du wirst es nicht bereuen. Ich bringe dir den Jungen am kommenden Göttertag her. Ja?“
Ich könnte es ja immerhin mit ihm versuchen, dachte ich, halb überzeugt, halb überrumpelt.
„Ja?“, wiederholte Jomlor.
„Also gut“, seufzte ich, schüttelte seine Hand und bot ihm nun doch einen Olganschnaps an.
Er stürzte ihn mit Todesverachtung hinunter, grinste mich an und verabschiedete sich mit einem fröhlichen „Also dann, bis zum Göttertag.“
Ich gönnte mir noch einen Schnaps und blickte ihm sinnend hinterher. Was bei allen Dämonen hatte ich getan? Ich hätte Nein sagen sollen.