Die Gabe der Götter

Es gibt 7 Antworten in diesem Thema, welches 841 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (11. September 2025 um 19:56) ist von Amafiori.

  • Hier kommt nochmals eine Erzählung von mir. Sie könnte als Prolog vor meiner Romanserie stehen, denn sie stellt den Protagonisten als Kind sowie die titelgebende "verbotene Gabe" vor. Viel Spaß beim Lesen!


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    Die Gabe der Götter

    Bauer Jorek war zornig, überaus zornig. Er wollte und er würde noch heute Nachmittag dieses vermaledeite Feld pflügen, aber der Ochse, der den Pflug ziehen sollte, stand störrisch da und ließ sich weder durch gutes Zureden noch durch Anbrüllen oder Schlagen überreden, auch nur einen weiteren Schritt vorwärts zu tun. Schon mehrmals hatte Jorek zunächst die Gerte, dann einen dicken Holzknüppel, den er vom Feldrain aufgelesen hatte, auf den Rücken des Tieres herabsausen lassen, doch vergebens. Und nun stand auch noch dieser Knirps am Feldrand und starrte unentwegt zu ihm herüber.

    "Was glotzt du so?", schrie er den Knaben an. "Hast du nichts Besseres zu tun als hier Maulaffen feil zu halten? Verschwinde!"

    Der Junge dachte jedoch nicht daran, zu verschwinden. Stattdessen kam er näher heran, bis er vor dem widerspenstigen Ochsen zu stehen kam, legte diesem eine Hand auf die bebende Flanke und erklärte: "Es ist nicht so, dass er nicht gehorchen will, Herr Jorek. Er kann es nicht. Sein Herz ist zu schwach."

    Dem Bauern klappte die Kinnlade herunter. "Willst du Rotzlöffel mich zum Narren halten?"

    "Nein, ganz und gar nicht", erwiderte der Knabe ernsthaft. "Euer Ochse ist herzkrank. Ihr solltet ihn ausspannen und in den Stall bringen. Vielleicht erholt er sich noch einmal. Aber für schwere Arbeit wie das Pflügen taugt er nicht mehr."

    "Du hast sie wohl nicht alle beieinander!", wetterte der Bauer. "Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Woher willst du das überhaupt wissen?"

    "Aber das spürt man doch", war die erstaunte Antwort des Kindes. "Könnt Ihr es denn nicht auch fühlen?"

    "Nein, du neunmalkluge Landplage!", schimpfte Jorek. "Mit dir ist wohl deine Phantasie durchgegangen. Lass mich in Ruhe und verschwinde!" Das musste der Kleine von Janomar sein, dachte der Bauer bei sich. Er würde einmal ein offenes Wort mit dem Mann sprechen müssen. Warum ließ er den Bengel ständig umherstreifen? Gab es etwa keine nützliche Arbeit für ihn zu tun? Sein eigener Sohn, Jenek, war von früh bis spät auf dem Hof beschäftigt und trug zum Auskommen der Familie bei. Nun ja, fast von früh bis spät. Janomars Junge war zwar noch viel jünger, er mochte vielleicht gerade einmal sechs Jahre alt sein, aber trotzdem könnte er schon längst die eine oder andere sinnvolle Aufgabe erledigen, anstatt ehrlich und hart arbeitenden Männern lästig zu fallen. Als Jorek aufblickte, war der Knabe immer noch da.

    "Aber seht doch", insistierte er und wies auf das Tier, dessen Flanken sich bei jedem der viel zu flachen und schnellen Atemzüge hoben und senkten und dem bereits der Schaum vor dem Maul stand. "Er braucht Wasser und Ruhe."

    "Kannst du nicht hören? Ich sagte, geh mir aus den Augen." Drohend hob Jorek die Gerte.

    Der Junge wich einen Schritt vor ihm zurück, ohne die Hand von dem Tier zu nehmen. "Bitte." Er flehte regelrecht. "Ihr müsst ihn ausschirren. Sonst werdet Ihr ihn verlieren." Jetzt hatte er Tränen in den Augen und blickte den Ochsen mitleidig an.

    Jorek hatte genug. Er ließ den Ochsen stehen, machte einen Satz auf den Jungen zu, packte ihn grob am Arm und zerrte ihn quer über das Feld zum Fahrweg, wo er ihn energisch von sich stieß. "Kein Wort mehr! Mach, dass du fort kommst", zischte er. "Oder..." Noch einmal tat er, als würde er mit der Gerte ausholen.

    "Aber..."

    Jorek ließ ihn nicht ausreden. Zischend fuhr die Gerte zweimal auf ihn herab und traf ihn seitlich am Oberarm, wo sie sein viel zu dünnes Hemd aufschlitzte und zwei dicke rote Striemen hinterließ.

    Der Junge schrie auf, mehr vor Schreck als vor Schmerz, und verstummte.

    "Fort mir dir! Ich will dich hier in der Nähe nicht mehr sehen, hast du verstanden?" Ein weiteres Mal ließ der Bauer die Gerte durch die Luft pfeifen, doch dieses Mal achtete er darauf, das Kind nicht zu treffen.

    Der Knabe blickte ihn traurig aus großen Augen an, nickte schweigend, wandte sich ab und ging davon, indem er sich immer wieder nach dem Ochsen umblickte.

    Jorek wartete, bis er fort war und kehrte zu seinem Ochsen zurück. "Jetzt hast du dich lange genug ausgeruht", murmelte er, hob den Knüppel wieder auf und ließ ihn mit einem lautstarken "Hüh!" auf das Hinterteil des Ochsen herabfahren. Widerwillig und mühsam setzte sich das Tier in Bewegung. "Na also, es geht ja. Der spinnt doch, der Kleine." Zufrieden mit sich trieb er den Ochsen weiter an. Und in der Tat lief dieser jetzt los und wurde schnell, fast als wollte er seinem Peiniger entfliehen. Laut lachend richtete der Bauer den Pflug auf und lenkte den Ochsen vor sich her.

    Er war noch nicht einmal am Ende der Furche angekommen, als das Tier lautlos in seinem Geschirr zusammenbrach, auf die Seite fiel und sich nicht mehr rührte.

    "Was bei allen Dämonen...?" Jorek ließ den Pflug los und kniete neben dem Zugtier nieder. Ein eisiger Schauer überlief ihn, als er feststellte, dass Janomars Knirps Recht behalten hatte. Der Ochse hatte unbestreitbar soeben sein Leben ausgehaucht.

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    Der Junge hatte sich zwischen den Bäumen versteckt und hatte Joreks Ochsen fallen sehen. Er vergoss heiße Tränen, nicht nur aus Trauer um das arme Tier, sondern auch aus Enttäuschung, weil es ihm nicht gelungen war, Bauer Jorek zu überzeugen, ihn zu schonen. Er hatte versagt, wieder einmal. Warum wollten die Erwachsenen ihn nicht verstehen, wenn er versuchte, ihnen zu erklären, dass es einem Tier nicht gut ging? Warum schaute ihn die Nachbarsfrau jedes Mal so seltsam an, wenn er ihr sagte, dass ihr Säugling Zahnschmerzen litt, Hunger oder die Windeln voll hatte, obwohl es stets stimmte? Warum verlachten ihn die anderen Knaben im Dorf, wenn er versuchte, ihnen zu verbieten, mit Steinen auf die Katze des Müllers zu zielen oder den Vögeln die Eier aus den Nestern zu stehlen? Zuweilen kam es ihm so vor, als könnten sie nicht fühlen, was die Tiere oder ihre Mitmenschen empfanden. Aber das konnte doch nicht sein, oder etwa doch?

    Endlich versiegten seine Tränen. Es war an der Zeit, heimzukehren. Niedergeschlagen durchquerte er das kleine Wäldchen, das dem Müller gehörte, umrundete den Forellenteich und setzte mit einem Sprung über den Mühlbach. In der Ferne waren schon die ersten Häuser des Dorfes zu sehen, und aus einigen Fenstern fiel schon ein heimeliger Lichtschein. Er begann, schneller zu laufen. Seine Eltern würden ihn schelten, wenn er nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause kam. Überdies würde ihm die Mutter wegen des zerrissenen Hemdsärmels Vorhaltungen machen. Sie hasste es, wenn ihr Sohn mit geflickter Kleidung herumlaufen musste, doch neue Hemden außer der Reihe konnte sich die kleine Familie nicht leisten. Seine Mutter enttäuschen zu müssen schmerzte den Jungen mehr als die Verletzung, die Jorek ihm zugefügt hatte.

    Auf halbem Weg kam ihm ein fremder Mann entgegen, der einen mit fünf Kornsäcken schwer - zu schwer - beladenen Esel hinter sich her zerrte. Schon von weitem konnte der Junge fühlen, wie die Knochen und Gelenke des Tieres schmerzten und wie angestrengt es atmete. Der Knabe seufzte. Durfte er nach dem Erlebnis mit Bauer Jorek noch einmal wagen, einen Erwachsenen auf das Leid seines Tieres anzusprechen? Als der Fremde näher kam, hörte der Junge ihn leise vor sich hin fluchen, während er kräftig, aber erfolglos immer wieder an dem straffen Strick zerrte und sich das Tier nicht von der Stelle rührte.

    "Heraios zum Gruße", machte er den Mann auf sich aufmerksam.

    Dieser blickte auf. "Sei gegrüßt, Junge. Bin ich hier auf dem richtigen Weg zu eurem Müller?"

    "Ja, nur immer geradeaus, und vor dem Wäldchen, das Ihr dort sehen könnt, auf der rechten Seite ist die Mühle."

    "Danke." Der Mann kramte in der Tasche seiner Jacke und brachte eine silberne Münze zum Vorschein, die er dem Jungen zuwarf.

    Er fing sie geschickt aus der Luft, steckte sie jedoch nicht ein, sondern reichte sie zurück. "Habt Dank", sagte er höflich. "Doch wenn ich mir etwas von Euch wünschen dürfte..." Er brach ab. Was er vorhatte, war nicht in Ordnung, sondern etwas, wovon seine Mutter gewiss sagen würde, sie müsste sich für ihren Sohn schämen.

    Der Fremde blickte ihn jedoch freundlich interessiert an "Ja? Heraus mit der Sprache, nur Mut."

    „Euer Esel…“ Er zögerte.

    „Ja, was willst du mir sagen? Dass er ein faules, störrisches Tier ist? Das weiß ich selbst.“

    „Nein. Verzeiht, mein Herr, doch ich glaube, er würde Euch freudiger gehorchen, wenn Ihr ihm einen Teil seiner Last abnehmt. Er trägt zu schwer an diesen Kornsäcken.“

    Verblüfft starrte der Mann den Knaben vor sich an. „Habe ich dich richtig verstanden? Du wünschst dir, dass ich diesem Mistvieh einen Sack oder zwei abnehme? Willst du die denn zur Mühle tragen? Heh?“

    „Das kann ich nicht. Noch nicht“, erwiderte das Kind ernsthaft. „Aber ich würde für Euch darauf aufpassen, bis Ihr wieder kommt und sie abholt. Ihr werdet sehen, Euer Esel wird viel schneller gehen, so dass Ihr keine Zeit verliert, auch wenn Ihr den Weg zweimal macht.“

    Der Mann lachte laut auf. „Du gefällst mir, Kleiner. Lassen wir es also darauf ankommen. Wenn du Recht hast, bekommst du deinen Willen und die Münze. Wenn du mich aber auf den Arm nehmen willst, sollst du schon sehen, was du davon hast, einem redlichen Mann seine Zeit zu stehlen.“ Mit diesen Worten band er zwei der Kornsäcke los, nahm sie von des Tieres Rücken und ließ sie am Wegrand ins Gras fallen. „Und wenn das ein fauler Trick ist, um mir mein Korn zu rauben, sollst du mich kennenlernen. Ich finde dich und deine Komplizen, das schwöre ich dir.“

    „Keine Sorge“, erwiderte der Kleine. „Dergleichen wird nicht geschehen. Ich meine es ehrlich mit Euch.“ Mit diesen Worten setzte er sich neben die beiden Säcke auf den Boden und nickte dem Mann aufmunternd zu.

    Kopfschüttelnd ergriff der Fremde den Führstrick und ruckte daran. Zu seiner Verwunderung setzte sich das Tier tatsächlich sofort in Bewegung und folgte ihm schnellen Schrittes zur Mühle, wo er die Säcke ablud, umkehrte und den Jungen, wie jener es versprochen hatte, neben seinem unberührten Eigentum vorfand. Als er ihn herankommen sah, sprang er auf und blickte ihm erwartungsvoll entgegen. Der Mann nickte anerkennend. „Ich hätte es nicht gedacht, aber du lagst offenbar richtig. Hier“, er zog ein weiteres Mal die Münze aus der Tasche. „Nimm. Du hast sie dir verdient.“

    Dieses Mal nahm der Junge sie dankend entgegen. Er freute sich, denn sie würde gewiss für ein neues Hemd reichen. Noch mehr freute ihn jedoch, dass es dem Esel besser ging als zuvor und dass dieser Mann ihm geglaubt und auf seinen Rat gehört hatte. Höflich verabschiedete er sich, und während der Fremde seinem Tier die beiden Säcke auflud, sprang er fröhlich davon.

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    Außer Atem kam er zu Hause an. Er war gerannt, so schnell er konnte, denn es war inzwischen bereits dunkel geworden, und er wusste, dass er das elterliche Gebot wieder einmal übertreten hatte. Doch hatte er eine Wahl gehabt? Er hatte dem Fremden sein Wort gegeben, bei den Kornsäcken Wache zu halten. Gewiss würde die Silbermünze, die er von ihm erhalten hatte, seine Eltern versöhnen.

    Er trat ein – und erstarrte. In der Stube am Tisch saßen sein Vater und Bauer Jorek. Der Gast wirkte erbost und zufrieden zugleich, der Vater unendlich niedergeschlagen und traurig. „Geh nach nebenan“, befahl er grußlos, und der Junge gehorchte.

    In der kleinen Kammer neben der Wohnstube erwartete ihn die Mutter, in Tränen aufgelöst.

    „Was ist?“, fragte er flüsternd.

    „Ach Kind“, seufzte die Mutter nur und zog ihn in ihre Arme. „Was hast du getan?“

    „Ich? Nichts.“

    „Jorek behauptet, du habest seinen Ochsen verhext und daraufhin sei dieser gestorben. Er verlangt, dass wir für den Wert des Tieres aufkommen. Aber so viel Geld haben wir nicht.“

    „Mama!“ Empört machte er sich los. „Das ist nicht wahr! Der Ochse war krank, und er hat ihn geschlagen und angetrieben, obwohl ich ihm erklärt habe, dass er nicht mehr arbeiten kann. Er hat mir nicht geglaubt, aber ich hatte Recht. Deshalb ist der Ochse gestorben. Es ist seine Schuld, nicht meine.“

    „Ach, mein Junge. Du sollst doch nicht immer mit Erwachsenen streiten. Warum mischst du dich ständig in ihre Angelegenheiten ein?“

    „Weil es mir weh tut, wenn die Tiere leiden. Das kann ich doch nicht zulassen, oder?“

    Sie seufzte wieder. „Es sind nur Tiere, Schatz. Jorek aber ist unser Nachbar, und wir wollen gut mit ihm auskommen. Geh ihm in Zukunft einfach aus dem Weg, hörst du?“

    Der Junge schwieg nachdenklich. „Nur Tiere“, hatte die Mutter gesagt. Aber Jorek hatte auch ihn geschlagen. Dennoch hielt ihn irgendetwas davon ab, es ihr zu erzählen. Er spürte, dass es ihr in Wahrheit um etwas ganz anderes ging, und er sollte Recht behalten.

    „Ich finde, du bist allmählich alt genug, mit dieser Gefühlsduselei aufzuhören“, sagte sie. „Tiere sind dazu da, den Menschen als Nahrung zu dienen oder ihnen die Arbeit zu erleichtern. Sie leiden nicht, sondern sie tun, wozu sie geboren sind. Hör auf, sie zu vermenschlichen. Im Übrigen arbeiten auch Menschen hart für ihr Brot.“

    „Aber Menschen haben die Wahl, die Tiere nicht!“, begehrte er auf. „Und ich weiß es, wenn sie Schmerzen haben und erschöpft sind. Ich fühle es. Fühlst du es denn nicht auch?“

    Sie schüttelte den Kopf, und er wusste, dass sie ihn nicht verstand. Konnte es tatsächlich sein, dass sie nicht wusste, wovon er sprach? Und nicht nur die Mutter, sondern auch Bauer Jorek, oder der Fremde mit dem Esel, und die anderen Kinder im Dorf?

    „Niemand weiß, was Tiere fühlen“, behauptete sie. „Auch du nicht, mein Sohn. Das bildest du dir ein. Ich möchte, dass du aufhörst, dir ständig Gedanken darüber zu machen. Ich will nicht, dass unsere Nachbarn dich für … überspannt halten, verstehst du?“

    Sie hätte ebenso gut „verrückt“ sagen können. Entsetzt blickte er zu ihr auf. Hielt sie ihn für nicht normal? War er etwa nicht normal? Aber selbst wenn, was war schlecht daran? Gewiss hatten die Götter ihm die Fähigkeit, die Gefühle anderer Lebewesen teilen zu können, nicht ohne Grund verliehen? Ebendiese Fähigkeit zeigte ihm jedoch in diesem Augenblick, wie sehr seine Mutter litt, wie bekümmert sie seinetwegen war und wie viele Sorgen sie sich um seine und die Zukunft ihrer kleinen Familie machte. Ihr schien unendlich viel daran zu liegen, dass er sich „normal“ verhielt und dass er aufhörte, allen die es hören oder auch nicht hören wollten, die Befindlichkeit ihrer Tiere, Kleinkinder oder Alten, die sich nicht mehr artikulieren konnten, zu erklären. Ja, mehr noch, sie wünschte, dass er aufhörte, sich in sie alle einzufühlen. Sie schien überzeugt, dass es ihnen allen, aber vor allem auch ihm, dann besser gehen würde.

    „Verstehst du?“, wiederholte sie eindringlich.

    Traurig nickte er. Er hatte verstanden. Und ihr zuliebe wollte er es versuchen. Sie war seine Mutter, und sie liebte ihn. Er war nur ein Kind. Sie und Vater wussten bestimmt, was gut für ihn war.

    „Willst du es versuchen?“, fragte sie. „Alles wird so viel einfacher werden für dich und für uns alle.“

    Er fühlte, dass sie sich offenbar nichts auf der Welt mehr wünschte. Er fühlte es so sehr, dass es weh tat, und er wollte seiner Mutter um nichts auf der Welt Schmerz bereiten. „Hm.“ Er gab ein bestätigendes Murmeln von sich. Und dann machte er den Anfang und schloss versuchsweise ganz energisch die Gefühle seiner Mutter aus.

    Er war überrascht, wie schnell es ihm gelang. Sofort schien ihn eine eisige Kälte zu umfangen und er fühlte sich plötzlich wie allein gelassen, aber zugleich erfasste er auch, was die Mutter zuvor gemeint hatte. Auf einmal war ihm unbeschwert und leicht zumute. Überrascht stellte er fest, dass ihm das sogar ein wenig gefiel. Und in dem zufriedenen Lächeln seiner Mutter erkannte er auch ohne ihre augenblicklichen Empfindungen zu kennen, dass er sie augenscheinlich glücklich gemacht hatte.

    Und als sein Vater ihn wieder in die Stube rief und ihn nötigte, sich bei Bauer Jorek zu entschuldigen, entsprach er diesem Wunsch gleichgültig, ohne dass ihm, wie es früher der Fall gewesen wäre, vor Vaters Angst und Unterwürfigkeit und des Bauern hämischer Überheblichkeit schier übel wurde, indem er deren Empfindungen schlichtweg aussperrte.

    Später am Abend bedauerte er es ein wenig, die Überraschung und die Freude seiner Eltern über den unverhofften Reichtum, den er heimgebracht hatte, nicht wie ehedem teilen zu können und nicht erzählen zu dürfen, auf welche Weise er sich das Geld verdient hatte. „Ich habe einem Mann geholfen, sein Korn zum Müller zu transportieren“, sagte er knapp und gewissermaßen wahrheitsgemäß und war aufs neue erleichtert, als er merkte, wie einfach es doch war, den vorwurfsvollen Nachfragen, die seine Erlebnisse sonst bei den Eltern hervorriefen, zu entgehen.

    Vielleicht hatte ihm die Mutter mit ihrer Forderung letztendlich sogar einen Gefallen getan? Ein Anfang war gemacht. Vielleicht würde er tatsächlich lernen, sich dauerhaft so zu verhalten, wie seine Eltern es wünschten. Er würde die Vielfalt der Gefühle, die er kennengelernt hatte, gewiss vermissen, aber er hatte bereits in diesen wenigen Augenblicken eine Ahnung davon bekommen, um wie viel leichter er ohne sie womöglich durchs Leben gehen würde.

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    So verschloss er sich mehr und mehr, und immer seltener erhaschte er so etwas wie eine Ahung dessen, was seine Mitmenschen und andere Lebewesen empfinden mochten.

    Während er heranwuchs, sanken die Erinnerungen an seine frühe Kindheit auf den Grund seiner Seele. Er blieb ein sensibler und hilfsbereiter Junge, doch er verbrachte eine meistenteils unbekümmerte Kinderzeit in seinem Dorf, und seine dankbaren Eltern mussten sich ihres Sohnes nur noch selten schämen.

    Die Götter jedoch würden es nicht hinnehmen, dass ihre kostbare Gabe verschüttet worden war. Sie gedachten, sie dereinst wieder zu erwecken, und dann würde sie sehr viel Leid, aber auch nie gekanntes Glück über ihren Träger bringen.

  • Liebe Amafiori

    Finde ich ganz gut. Besonders hat mir die Idee gefallen, das der Junge die Empfindungen der Tiere spürt und dies in der Gesellschaft in der er lebt nicht ausleben kann. So ähnlich könnte ich es mir vorstellen, wenn jemand in einem Dorf magisch begabt ist. Die Person wird dann entweder weggeschickt oder unterdrückt seine Begabung.

    Du schreibst sehr sicher und durchaus interessant. Der Erzählstil wirkt auf mich etwas distanziert und ich wusste erst nicht recht, warum. Ich denke jetzt, dass es daran liegt, das du den Jungen keinen Namen gegeben hast. Er ist "der Junge" oder "das Kind". Nur Jorek hat einen Namen. War das eine absichtliche Entscheidung?

    Noch eine Kleinigkeit: Die Belohnung für das Helfen erscheint mir sehr groß, du sprichst von "unverhofftem Reichtum".

  • Lieber Sensenbach ,

    vielen Dank für deinen Kommentar.

    Dass der Junge keinen Namen hat, rührt daher, dass ich einmal gelesen habe, ein Protagonist einer Kurzgeschichte benötigte keinen. Die Begründung lautete in etwa so, dass sich auf diese Art jeder Lesende leichter mit ihm identifizieren kann. Da es sich bei dem Jungen um den Helden meiner Romanserie handelt, könnte ich ihm durchaus auch einen Namen geben. Ich habe mich beim Schreiben übrigens gewundert, dass ich trotzdem jederzeit genügend Worte und Bezeichnungen für ihn hatte, ohne auf seinen Namen zurückgreifen zu müssen.

    Mit der Belohnung hast du gewiss recht, eine Münze im Wert eines neuen Hemdes ist ein wohl zu viel für ein paar Minuten auf zwei Getreidesäcke aufpassen. Ich wollte allerdings verdeutlichen, dass der Betrag die Eltern versöhnen und über das zerrissene Hemd hinwegtrösten sollte, da es sich um eine relativ arme Familie handelt. Ein Mann, der einen so hohen Betrag für eine derart kleine Handreichung erübrigen kann, wäre aber wohl eher mit einem Wagen unterwegs statt mit einem Esel. Ich werde das also irgendwie relativieren müssen.

  • Dass der Junge keinen Namen hat, rührt daher, dass ich einmal gelesen habe, ein Protagonist einer Kurzgeschichte benötigte keinen. Die Begründung lautete in etwa so, dass sich auf diese Art jeder Lesende leichter mit ihm identifizieren kann. Da es sich bei dem Jungen um den Helden meiner Romanserie handelt, könnte ich ihm durchaus auch einen Namen geben. Ich habe mich beim Schreiben übrigens gewundert, dass ich trotzdem jederzeit genügend Worte und Bezeichnungen für ihn hatte, ohne auf seinen Namen zurückgreifen zu müssen.

    Ok. Das überrascht mich. Für mich ist es grade umgekehrt. Wenn die Geschichte nicht im Kern von dem Jungen handeln würde, dann könnte ich es verstehen, aber er ist ja im Zentrum der Geschichte. Da muss ich mal drüber nachdenken …

  • Ich hab deine Kurzgeschichte auch mal gelesen und fände es wirklich toll, wenn sie der Prolog zu einem etwas größeren Werk werden könnte. Du schneidest ein Thema an, aus dem man sicher wahnsinnig viel interessanten Lesestoff schneidern kann. Allerdings würde ich da als Leser den letzten Teil (der nach der Linie) nicht brauchen. Das ist eine Zusammenfassung, die mir ja das BUCH am Ende liefern soll.
    Dass der Junge keinen Namen hat, stört mich nicht. Und da ist es auch egal, ob es sich um eine Kurzgeschichte handelt oder tatsächlich um einen Prolog. Ich kann mich auch so mit ihm identifizieren. Liegt vielleicht daran, dass ich mich ihm so nah fühle. Spannend, dass das so verschieden sein kann bei Lesern.

    eine Münze im Wert eines neuen Hemdes ist ein wohl zu viel für ein paar Minuten auf zwei Getreidesäcke aufpassen. Ich wollte allerdings verdeutlichen, dass der Betrag die Eltern versöhnen und über das zerrissene Hemd hinwegtrösten sollte, da es sich um eine relativ arme Familie handelt.

    Hier wäre vielleicht möglich, dass es kein neues Hemd, sondern nur Tuch für ein neues wird. Oder dass die Mutter Jemandem damit ein älteres Hemd abkauft und es für den Jungen ändert. :)

    "Er wird wiederkommen. Die Berge sind wie ein Virus. Man infiziert sich mit der Liebe zu ihnen
    und es gibt kein Gegenmittel. Sie führen in eine Sucht, man kommt nicht mehr von ihnen los.
    Je länger man sich woanders aufhält, desto größer wird das Verlangen, sie wiederzusehen."

    Chad, der Holzfäller
    aus "Der Wolf vom Elk Mountain"

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    • Offizieller Beitrag

    Hallo Amafiori :)

    Ich möchte hier auch mal meine 2 Chaos Cent reinwerfen und dir meine Gedanken mitteilen :D
    (Wie immer an der Stelle auch Props an Acala, die mir geholfen hat den Bums (aka meine Gedanken xD) in kohärente Form zu bringen :D Nicht ohne einiges an eigenem Input natürlich!)

    Also:

    Ich empfinde den Erzählstil ebenfalls als distanziert und aus deiner Antwort an Sensenbach schließe ich, dass du das nicht beabsichtigst. Das Identifizieren mit einem Charakter fällt schließlich leichter, wenn man nicht so sehr von ihm distanziert ist :D

    Die Distanziertheit des Erzählstils hat meines Erachtens aber weniger mit der Frage zu tun, ob der Junge mit einem Namen versehen wird oder nicht (auch wenn das die Distanz natürlich unterstützt), sondern vielmehr damit, dass die Erzählstimme nicht konsequent dicht an den PoVs bleibt. Stattdessen meine ich, beobachten zu können, wie der Erzähler an mehreren Stellen vom Geschehen herauszoomt – etwa, indem er den Wortschatz der Charaktere mit seinem eigenen übertüncht, Wissen weitergibt, auf das die Figuren keinen Zugriff haben dürften, oder Information neutral statt durch die subjektive Anschauung der Charaktere gefiltert weitergibt.
    Das kann alles durchaus gewollt sein – Stichwort: auktorialer Erzähler. Falls der auktoriale Zugriff beabsichtigt ist, funktioniert er auch ganz wunderbar, finde ich. Falls aber eine konsequente Nähe zu den Charakteren gewünscht sein sollte (was ich wie gesagt annehme), würde ich im Folgenden gerne einige Beispiele liefern, die zeigen, wo sich Distanz einschleicht und weshalb. Falls ich mich irre und du die Distanz doch so gewollt haben solltest ... nun :D


    Szene #1

    Zitat

    Bauer Jorek war zornig, überaus zornig.

    Bei einem personalen Erzähler, der eng an den Figuren kleben soll, könnte man auf die externe Zusatzbezeichnung »Bauer« verzichten und einfach den Namen des Charakters nennen. Dass der Mensch ein Bauer ist, ergibt sich ja organisch aus dem Kontext.

    Zitat

    Der Junge dachte jedoch nicht daran, zu verschwinden.

    Hier scheinen wir in die Perspektive des Jungen zu hüpfen (head hopping) oder aber ein außenstehender Erzähler – nicht Jorek als PoV – erklärt uns, dass der Junge sich nicht verziehen will. In jedem Fall wirkt es auf mich nicht wie ein Urteil, das von Jorek selbst kommt. Anders wäre es, stünde da: Der Junge schien nicht im Traum daran zu
    denken, sich vom Acker zu machen. Stattdessen ...
    (Anmerkung: Das ist eine sehr strenge Auslegung der Perspektive, weil es durchaus sein könnte, dass es ein etwas umgangssprachlicheres "Er dachte nicht daran ..." ist - Formal ist es aber so wie beschrieben :D )

    Zitat

    Dem Bauern klappte die Kinnlade herunter. »Willst du Rotzlöffel mich zum Narren halten?«

    Aufgrund der Tatsache, dass die Szene insgesamt eine gute Portion inneren Monologs von Jorek enthält, nahm ich zunächst an, er soll auch der PoV sein. Nachdem er im weiteren Verlauf aber immer wieder als »der Bauer« bezeichnet wird, drängt sich mir eher der Eindruck auf, dass uns ein Erzähler, der von oben auf das Geschehen blickt, vermittelt, was da gerade passiert.
    Ganz allgemein - ein Hinweis unseres Lektors bei der Veröffentlichung - kann man auf Synonyme für die Charaktere oft verzichten und sich auf den Namen und Pronomen beschränken. Das Permanente "Der Bauer", "Der vierzigjährige", "Das Tennisass", "Der Hinterdupfinger" ... ist mehr eine Unsitte der Medien und eigentlich nicht nötig :D Man kann es darauf beschränken, wenn man wirklich etwas betonen möchte (also wenn es aus irgendwelchen Gründen jetzt WIRKLICH betont werden soll, dass er ein Bauer ist) - ansonsten sind Namen und Pronomen ausreichend und besser für den Lesefluss.

    Zitat

    Das musste der Kleine von Janomar sein, dachte der Bauer bei sich.

    Filterwort. Wir haben nicht unmittelbar Teil an Joreks Gedanken. Stattdessen
    werden sie durch die Linse eines Erzählers sozusagen vorgefiltert. (Ich will nicht sagen, dass man jedes einzelne Filterwort tilgen soll, wenn man nah an den Figuren bleiben will, würde aber auf Häufungen achten.)
    Näher am Charakter wäre es, die Gedanken einfach kursiv stehen zu lassen - quasi als "direkte Gedanken"
    Das muss der kleine von Jaromar sein.

    Wichtig ist hierbei, dass auch das Tempus (meist) wechselt, da es so geschrieben wird, wie der Charakter es denkt - nicht wie der Erzähler es erzählt. Und das ist eben im allgemeinen nicht im Imperfekt sondern im Präsens.

    Hier wiederum haben wir unmittelbar Teil an Joreks Gedanken, ähnlich einem
    Bewusstseinsstrom/stream of conciousness. Das spräche hingegen wieder für einen
    personalen Erzähler, der den Figuren auf der Schulter hockt, beißt sich aber mit den
    Stellen, an denen der Erzähler auf Distanz geht.

    Zitat

    »Aber seht doch«, insistierte er und wies auf das Tier, dessen Flanken sich bei jedem der viel zu
    flachen und schnellen Atemzüge hoben und senkten und dem bereits der Schaum vor dem
    Maul stand.

    »Insistieren« ist ein Verb, das ich weder im Sprachgebrauch eines Bauern noch in
    dem eines kleinen Jungen erwarten würde, d.h. es wirkt, als würde der Erzähler den
    Figuren das Wörtchen in den Mund schieben. Ganz allgemein sind viele verwendete Formulierungen sehr ... poetisch/hochgestochen. Das ist natürlich per se nicht schlimm, schlecht oder gar falsch - aber es passt vom Ton her nicht zu dem, was man von einem (normalerweise eher derben/ungebildeten) Bauern erwarten würde, was die Distanz automatisch erhöht. (natürlich kann es auch Bauern geben, die so reden etc. aber dann würde ich Grundsätzlich erwarten, dass da iwas in der Vergangenheit des Charakters ist, das dazu geführt hat bzw. das es ein entsprechendes Worldbuilding gibt, das sehr kultivierte Bauern fördert etc.)

    Zitat

    Der Junge schrie auf, mehr vor Schreck als vor Schmerz, und verstummte.

    Wenn wir uns im Kopf von Jorek befinden sollen (von dem bekommen wir immerhin
    inneren Monolog, vom Jungen nicht), dann kann Jorek nicht mit Sicherheit wissen, ob
    Schreck oder Schmerz der Grund für den Aufschrei des Jungen ist. Ein auktorialer
    Erzähler hingegen kann das wissen.
    (Auch hier lässt sich wieder argumentieren, dass das eine sehr strenge Auslegung ist, weil man jd u.U. durchaus Schreck- von Schmerzensschreien unterscheiden kann oder der Charakter auch in einer Falschannahme sehr sicher sein kann.)


    Szene # 2

    Zitat

    Er vergoss heiße Tränen, nicht nur aus Trauer um das arme Tier, sondern auch aus Ent-
    täuschung, weil es ihm nicht gelungen war, Bauer Jorek zu überzeugen, ihn zu schonen.

    Hier erklärt uns ein Erzähler den Gemütszustand des Jungen. Wäre der Erzähler eng
    an dem Jungen dran, dürfte ein Verweis auf die heiß herabfließenden Tränen, gekoppelt
    mit dem nachfolgenden inneren Monolog genügen, um den Leser selbst herausdeuten
    zu lassen, woher die Tränen rühren.

    Zitat

    Er hatte versagt, wieder einmal. Warum wollten die Erwachsenen ihn nicht verstehen, wenn er versuchte, ihnen zu erklären, dass es einem Tier nicht gut ging? Warum schaute ihn die Nachbarsfrau jedes Mal so seltsam an, wenn er ihr sagte, dass ihr Säugling Zahnschmerzen litt, Hunger oder die Windeln voll hatte, obwohl es stets stimmte? Warum verlachten ihn diem anderen Knaben im Dorf, wenn er versuchte, ihnen zu verbieten, mit Steinen auf die Katze des Müllers zu zielen oder den Vögeln die Eier aus den Nestern zu stehlen?

    Hier wieder ein Bewusstseinsstrom, der Nähe zum Charakter vermittelt.

    Zitat

    Überdies würde ihm die Mutter wegen des zerrissenen Hemdsärmels Vorhaltungen machen.

    »Überdies« ist erneut ein Wort, das ich in dem Wortschatz eines kleinen Jungen nicht erwarten würde, eher hingegen in einem Bericht oder einer wissenschaftlichen Abhandlung, was es mir erschwert, den Satz als die authentische Stimme des Jungen zu lesen.

    Zitat

    Seine Mutter enttäuschen zu müssen schmerzte den Jungen mehr als die Verletzung, die Jorek ihm zugefügt hatte.

    Auch hier erklärt (oder: behauptet) ein Erzähler die Beweggründe des Jungen (telling vs. showing). Vergleiche zum Beispiel mit folgender Version: Der Junge biss sich auf die Unterlippe. Was würde Mutter bloß sagen? Bei der Vorstellung, ihrem Blick zu begegnen, brannten und pochten die Striemen, die Jorek ihm verpasst hatte, gleich weniger ...

    Zitat

    Kopfschüttelnd ergriff der Fremde den Führstrick und ruckte daran. Zu seiner Verwunderung setzte sich das Tier tatsächlich sofort in Bewegung und folgte ihm schnellen Schrittes zur Mühle, wo er die Säcke ablud, umkehrte und den Jungen, wie jener es versprochen hatte, neben seinem unberührten Eigentum vorfand.

    Hier scheinen wir (in derselben Szene) vorübergehend in die Perspektive des
    Fremden zu hüpfen (head hopping), der schildert, wie er den Jungen nebst den Säcken
    vorfindet. Bei einem personalen Erzähler würde ich erwarten, dass wir in der Perspek-
    tive des Jungen bleiben und mit ihm zusammen bzw. aus seinen Augen heraus
    beobachten, was der Fremde tut.

    Szene #3

    Zitat

    Er spürte, dass es ihr in Wahrheit um etwas ganz anderes ging, und er sollte Recht behalten.

    Das ist ein narrativer Vorgriff auf das, was folgt , und kann daher eher weniger dem Jungen zugeordnet werden (es sei denn der Erzähler ist der Junge selbst in der zukunft etc). Bei auktorialen Erzählern sind Kommentare auf dieser Meta-Ebene dagegen häufiger mal anzutreffen.

    Zitat

    Sie schüttelte den Kopf, und er wusste, dass sie ihn nicht verstand.

    Filterwort: Die Erkenntnis des Jungen wird uns nicht direkt übermittelt, sondern
    durch eine vorgeschaltete Erzählinstanz.

    Zitat

    Er war überrascht, wie schnell es ihm gelang. Sofort schien ihn eine eisige Kälte zu umfangen und er fühlte sich plötzlich wie allein gelassen, aber zugleich erfasste er auch, was die Mutter zuvor gemeint hatte. Auf einmal war ihm unbeschwert und leicht zumute. Überrascht stellte er fest, dass ihm das sogar ein wenig gefiel.

    Filterwörter, siehe oben.

    Szene # 4

    Zitat

    Die Götter jedoch würden es nicht hinnehmen, dass ihre kostbare Gabe verschüttet worden war. Sie gedachten, sie dereinst wieder zu erwecken, und dann würde sie sehr viel Leid, aber auch nie gekanntes Glück über ihren Träger bringen.

    Den Abschluss macht eine externe Erzählinstanz, die uns prophezeit, dass die
    Geschichte des Jungen auf gute wie auch schlechte Weise weitergehen wird.

    ***

    Insgesamt assoziiere ich den Erzählstil vor dem Kontext der Geschichte ganz spontan mit dem in Parabeln oder Fabeln. Ich würde sagen, dass ich die Ungerechtigkeit, dass der Junge seine Gabe zum Wohle aller verschließen muss/soll zwar zur Kenntnis nehme, aber nicht unbedingt »mittendrin« bin – ich fühle weit weniger mit als ich es bei einem personalen Erzähler tun würde, deres sich im Kopf der PoVs gemütlich macht.
    Aber wie eingangs gesagt: Dieser Effekt, dieses Draufschauen von oben und außen,
    kann ja durchaus beabsichtigt sein. Mir geht’s hier bloß darum, zu skizzieren, woher der
    Eindruck der Distanziertheit gegebenenfalls kommen mag und wie man nachjustieren
    kann, sollte er nicht beabsichtigt sein.
    Ich glaube, sowohl ein personaler als auch ein auktorialer Zugriff können für eine Geschichte dieser Art funktionieren. Keiner davon ist inhärent gut oder schlecht (allerdings gibt es Leser - wie mich/uns mit ganz klarer Präferenz für das eine oder das andere), momentan scheint der Text allerdings noch zwischen beiden Modi zu pendeln. Ich würde mich für eine entscheiden - je nachdem, was du erreichen willst - und es dann entsprechend anpassen, um "mixed signals" zu vermeiden :D

    Falls du das ganze noch etwas detaillierter nachlesen magst, haben wir hier einen entsprechenden Thread.

    LG Chaos :chaos: (und Acala :D )

  • Vielen Dank, Chaos Rising , für deine Zeit und die viele Arbeit, die du in meine kurze Geschichte investiert hast! Ich glaube, keiner meiner Texte wurde je so ausführlich bewertet. Und für den Link. Die Sache mit der narrativen Distanz werde ich mir morgen einmal gründlich durchlesen.

    Ich denke, ich erzähle überwiegend auktorial, daher benutze ich auch immer wieder gerne die "schönen Wörter" oder teils gehobene Sprache, welche die meisten meiner Figuren nie selbst benutzen würden. Und deswegen "hüpfe" ich auch zwischen den Figuren hin und her. Dass dies Lesende irritierten oder stören kann, habe ich mir noch nie bewusst gemacht. Ich bin momentan also sehr überrascht über die Reaktionen hier, aber ich anerkenne sie als Reaktion von Leuten, die sich auskennen, und sie geben mir zu denken. Vielleicht sollte ich mich beim Erzählen in Zukunft eher auf die Ich-Form konzentrieren.