Weizenstern Bürde (Warrior Cats Fanfiction)

Es gibt 4 Antworten in diesem Thema, welches 712 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (7. Juli 2026 um 21:36) ist von Feron.

  • Weizensterns Bürde ist eine Mischung aus „Warrior-Cats“ und der Xenofiction-Zombie-Horror Comic „Feral“ von Tony Fleecs.

    Die Warrior-Cats „Fachbegriffe“ sind am Anfang eventuell schwer zu verstehen, wenn man die Bücher selber nicht gelesen hat, aber ich finde es wichtig das die Geschichte aus der Sicht von Katzen erzählt wird, die Menschen-Dinge eben wenig bis gar nicht verstehen.

    Das liegt schon eine Weile auf meinem Laptop aber ich poste es in kleineren Stücken, damit es sich einfacher besprechen lässt, wenn jemand Lust dazu hat.

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    Weizensterns Bürde

    Kapitel 1: Was übrig ist

    Weizenstern fand sich nach der Schlacht an einem seltsamen Ort wieder. Das Silbervlies funkelte über einer weitläufigen Wiese voller duftender Kräuter. Er erkannte Sauerampfer, Liebstöckel und die seltene Goldrute. Das weiche Gras dazwischen federte die Schritte seiner großen Pfoten, als der golden gestreifte Kater eine Geruchsmarkierung überschritt.

    Normalerweise hätte sich das Fell auf seinem Rücken unbehaglich aufgestellt. Sein eigenes Territorium zu verlassen und in ein anderes einzudringen, brach das Gesetz der Krieger. Aber diese Markierung war nicht wie die anderen. Er fühlte sich sicher und willkommen.

    Der Geruch, der ihm entgegenkam, war jener von tausend Jahreszeiten altem, mondbeschienenem Felsen – der Geruch von Ewigkeit, der Duft des Sternenclans.

    Die Sträucher vor ihm raschelten, und er spannte seine Muskeln an. Eine dreifarbige Kätzin mit großen, buschigen Ohren sprang ihn spielerisch an und rollte mit ihm zusammen mitten in einen Flecken Katzenminze. Für ein paar Augenblicke fühlte sich Weizenstern wieder wie ein sorgloses Junges. Er starrte hinauf zu seiner Schwester, die ihre Pfoten auf seinen Bauch stemmte und ihn auf den Boden drückte, wie sie es in der Kinderstube immer getan hatte.

    Grillengeist war schon als Junges gestorben. Aber hier war sie zu der großen Kriegerin herangewachsen, die sie hätte sein sollen: breite Schultern wie seine und lange weiße Schnurrhaare. Ihr Fell war glänzend und dicht – keine Narben, keine kahlen Stellen, keine Zeichen von Hunger, Kälte, Krankheit oder Gewalt. Der Pelz einer Sternenclan-Katze.

    Grillengeist ließ ihn los, jaulte vergnügt und wälzte sich beherzt in der Minze.

    „Na los! Du auch! Du willst doch gut riechen, wenn du Leichtstern triffst.“

    Weizenstern zuckte zusammen, als er sah, wie sie die kostbaren Heilkräuter plattdrückte. Doch dann zwang er sich, sein Fell glatt zu legen, und schloss sich ihr an. Hier wuchs mehr davon, als alle Heiler im Tal jemals sammeln konnten. Und selbst wenn nicht – der Grüne Husten würde diese Jagdgründe niemals erreichen.

    Es war ein Ort des Friedens, ein Ort geschlossener Wunden und gehaltener Versprechen. Alles, was er je verloren hatte, war hier.

    Grillengeist führte ihn unter den funkelnden Sternen zu einer Gruppe Katzen, die im Schatten eines großen Felsens hockten und sich dort die Zunge gaben – verehrte Ahnen des Feldclans, die zu ihren Lebenszeiten den Weg für neue Generationen geebnet hatten. Weizenstern seufzte schwer. Er erkannte zu viele von ihnen: Katzen so alt wie Stein, aber auch Junge wie Grillengeist, die niemals die Kinderstube verlassen hatten. Neun Leben bedeuteten auch neunmal so viel Verlust.

    „Du musst mitkommen!“, schnurrte Grillengeist und rieb ihre Stirn unter seinem Kinn entlang. „Leichtstern hat dir etwas Wichtiges zu sagen.“

    Weizenstern konzentrierte sich wieder auf den Pfad vor ihnen. Eine Kätzin mit hellbraunem Fell und honigfarbenen Augen löste sich von der Gruppe und kam zu ihm. Leichtsterns letztes Leben war im Winter zu Ende gegangen. Sie war verhungert, wenige Tage nachdem sie das letzte Stück Frischbeute vor seinem Nest niedergelegt hatte.

    Aber nun war sie wieder stark und gesund, wie ein Baum in der Blattfrische. Die Narbe an ihrer Schnauze, wo die Krallen eines Gegners ihr einst die Lefze zerrissen hatten, war verschwunden. Weizenstern war nicht klar gewesen, wie sehr er sich seit seinem letzten Besuch danach gesehnt hatte, wieder ihre Stimme zu hören.

    „Weizenstern“, schnurrte sie und leckte ihm zärtlich über die Ohren. „Du hast großartig gekämpft!“

    Er erschrak. Weizenstern hatte nicht mehr erfahren, ob seine Krieger die Schlacht zwischen dem Eisenweg und dem verbrannten Wald gewonnen hatten. Leichtstern faltete ihren langen, buschigen Schweif um ihre Vorderpfoten und sah ihn mitfühlend an.

    „Wir sind stolz auf dich und den Clan, den du führst. Aber wir haben dir etwas Wichtiges zu sagen, ehe du zu ihnen zurückkehrst.“

    Weizenstern sah an seiner ehemaligen Anführerin vorbei zu den anderen Katzen. Zwischen ihnen hockte ein dunkelbrauner Kater mit buschigen Ohren, der es sich auf einem flachen Felsen gemütlich gemacht hatte. Als sich ihre Blicke trafen, drehte der Sternenclan-Kater sich weg. Das Herz des goldenen Katers schmerzte so sehr, dass er aufschreien wollte wie ein verlassenes Junges. Er machte einen Schritt auf den Felsen zu, aber Leichtstern versperrte ihm den Weg.

    „Leichtstern, ich muss mit Luchsohr sprechen“, jammerte er, aber ihr Blick blieb streng.

    „Er hat dir nichts zu sagen. Genau wie das letzte Mal und jeden Besuch davor.“

    Ihre Augen glühten weiß wie der Mond, und ihre Stimme schien plötzlich wie eine Sturmflut aus allen Richtungen gleichzeitig auf ihn hereinzubrechen.

    „Verderben wird über das Tal kommen. Ein Gegner, gegen den deine Krieger nicht kämpfen können. Die Clans werden fortbestehen, aber viele Katzen nicht. Die Hoffnung selbst wird deinen Schutz brauchen, Weizenstern.“

    Grelles Licht umgab ihn, und die Umrisse der Sternenclankatzen lösten sich auf.

    Strahd van Zarovich is dead! Also: Stop starring at the sun!

    Einmal editiert, zuletzt von Feron (17. Juni 2026 um 21:11)

  • Ich habe den Text nochmal umstrukturiert und hier und da ein paar Sachen verbessert.

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    Zurück in der Welt der lebenden Katzen war sein Blick verschwommen. Er lag auf der Seite, in einem Nest aus Daunenfedern. Die Wurzeln an der Decke und der Geruch von Blut, Kräutern und Angst verrieten ihm, dass man ihn zurück in den Heilerbau geschleppt hatte. Überall um ihn herum lagen provisorische Nester mit verwundeten Katzen, die nach Luft schnappten und vor Schmerzen stöhnten.

    Jemand drückte mit großer Kraft ein Bündel Spinnweben gegen seine aufgeschlitzte Flanke. „Schlammtupfen?“ Seine Stimme war schwach und kratzend, als er sie rief. Die kleine weiße Kätzin mit den hellbraunen Tupfen ließ von ihm ab. Ihr Schweif schleifte am Boden, und ihre Pfoten waren rot von seinem Blut.

    „Du hast dieses Leben verloren, nicht wahr!? Es tut mir leid, die Wunde war zu tief.“

    Weizenstern machte zuerst kleine Atemzüge, um die Wunde an seiner Seite so wenig wie möglich zu bewegen, aber sein Körper schrie verzweifelt nach Luft, und der Verband, den die Heilerin mühsam angebracht hatte, riss schließlich doch auf.

    „Sternverdammt! Halt still!“, fauchte sie und stürzte sich mit einer frischen Pfote Spinnweben erneut auf die triefende Wunde. „Wir haben noch niemanden verloren. Ich lasse dich nicht der Erste sein.“

    Der Heilerbau verdunkelte sich für einen Moment. Eine schwarze Katze mit einem weißen Fleck auf ihrem Nasenrücken stand im Eingang. Es war Diestelzunge, Schlammtupfens Mentorin. Sie kam mit mehr Nestmaterial herein und schob es vorsichtig unter den Körper einer Kriegerin, die bewusstlos in der hintersten Ecke des Baus lag. Weizenstern erkannte den gefleckten Pelz und den langen Schweif von Lilienrausch. Die mutige Kätzin war während des Kampfes von Auen-Clan-Kriegern eingekreist worden. Er starrte für eine kleine Ewigkeit hin und wartete, bis er ganz sicher war, dass sich ihre Brust noch immer hob und senkte. Sie lebte.

    Diestelzunge schlich zwischen den Patienten hin und her, prüfte nach Fieber oder Kälte und reichte denen, die schon aufrecht sitzen konnten, Moosbündel mit Wasser. Die ehemalige Heilerin des Feldclans war an Fallsucht erkrankt. Ihre Schritte waren wackelig geworden und ihre Pfoten zitterten zu stark, um Heilkräuter präzise zu mischen. Weizenstern hatte sie zwei Monde zuvor schweren Herzens in den Ältestenbau schicken müssen.

    Schlammtupfen drehte sich zu ihr um und legte ihre Ohren an.

    „Du schadest mehr, als dass du hilfst. Überlass mir das!“

    Die schwarze Kätzin mit dem platten Gesicht ging an ihrer Schülerin vorbei und schnippte ihr mit dem Ende ihres Schweifes gegen die Schulter.

    „Bleib konzentriert, Maushirn! Sag mir, was du brauchst, und ich hole dir die richtigen Kräuter. Obwohl deine Vorräte schlechter geordnet sind als der Frischbeutehaufen nach der Morgenpatrouille.“

    Schlammtupfen zögerte, nickte aber dann. Weizenstern bereute sein Interesse an Heilkunst. Es lag oft Frieden darin, nicht zu wissen, was als Nächstes kam. Die beiden Heilerinnen kämpften nachträglich gegen die Zähne und Krallen des Auenclans. Ihre Gegner waren Schmerzen und Infektionen. Und wenn alles wieder still war, würde feststehen, wer sich wieder ganz erholte und wessen Ambitionen und Wünsche an permanenten Wunden zerbrachen.

    Der Bau um ihn herum drehte sich. Er ließ sich zurück in sein Nest sinken und legte sein Kinn auf den gepolsterten Rand.

    „Wenn du Weizenstern sterben lässt, ziehe ich dir das Fell ab!“, drohte Diestelzunge. „Wir können die Ältesten damit wärmen, damit du endlich nützlich bist!“

    „Gut, dass du es sagst, ich war gerade dabei, ihm Todesbeeren zu füttern!“, blaffte Schlammtupfen zurück, während sie ihrer Mentorin vorsichtig ein Büschel Weißmoos aus der ausgestreckten Pfote nahm. „Versuch das hier. Das ist gut, um Blutungen zu stoppen“, erklärte die dunkle Kätzin und zeigte zitternd auf Weizensterns Flanke.

    Die Sonne ging unter, und die erbarmungslose Mittagshitze ließ nach. Schlammtupfen hatte sich ebenfalls in ihrem Nest zusammengerollt und wirkte, als würde sie schlafen, aber Weizenstern war sicher, dass sie jederzeit bereit war, wieder aufzuspringen, wenn sie gebraucht wurde. Sie kroch oft in Büsche und Hecken, fest entschlossen, niemals an einem nützlichen Kraut oder einer heilsamen Wurzel vorbeizugehen. Ihre Schnauze hatte dadurch mehr Kratzer als jene eines erfahrenen Kämpfers.

    Sein zweiter Anführer, Nachtpirscher, lag neben ihm und kaute am Stumpf einer abgebrochenen Kralle herum. Er war Diestelzunges Bruder, ein kleiner schwarzer Kater mit blutigen, zerfledderten Ohren und alten Narben überall an seinen Vorder- und Hinterbeinen.

    „Gefällt es dir?“, fragte Nachtpirscher amüsiert. „So wird es sein, wenn wir beide im Ältestenbau sitzen: von früh bis spät im Nest liegen und diskutieren, wer die meisten Wehwehchen hat.“

    Weizenstern verdrehte die Augen und legte die Ohren an.

    „Anführer gehen nicht in den Ältestenbau. Und von welchen Ältesten redest du überhaupt? Unsere wachen jeden Morgen zuerst auf und erklären der Morgenpatrouille, wo sie bei welchem Wetter Beute finden.“

    „Ich mache doch nur Spaß“, brummte der zweite Anführer. Sein alter Freund erzählte ihm vom Ende der Schlacht. Der Feldclan hatte die sumpfige Wiese nahe des Eisenweges halten können und damit auch die Vögel, die im hohen Gras rasteten und brüteten. „Schickt dort nur große Jagdpatrouillen hin“, befahl Weizenstern. Grollstern, die gegnerische Anführerin, war stolz und würde die Niederlage nicht lange hinnehmen, ehe sie erneut versuchte, das Stück Land zu stehlen.

    Diestelzunge kam mit ihren unrhythmischen Schritten zu ihnen. Sie hielt eine Mondkapsel zwischen den Zähnen und legte sie vor Nachtpirschers Nest ab.

    „Nimm noch zwei. Ich weiß, Schlammtupfen ist geizig mit Mondkapseln. Und deine Ohren tun sicher weh.“

    Der zottelige schwarze Kater setzte sich gerade hin und starrte auf die Kapsel hinunter.

    „Ich weiß zu schätzen, dass du nach mir siehst, aber Schlammtupfen hat gesagt, dass eine genügt. Ich vertraue ihr und ihrer Heilkunst.“

    Weizenstern fuhr unbewusst seine Krallen aus. Er beobachtete, wie sich Diestelzunges Pupillen weiteten und sie ihren Schweif absinken ließ. Ihr ganzer Körper wurde steif. Er war entsetzt, wie tief verletzt sie aussah.

    Die Heilerin zwang sich selbst zu nicken. Sie hob die Mondkapsel wieder auf, legte sie zurück zu den Kräutervorräten und tappte dann auf direktem Weg nach draußen.

    Weizenstern fuhr herum und blickte Nachtpirscher finster an. Dieser legte nur verständnislos den Kopf schief.

    „Was? Es ist die Wahrheit. Sie hat Schlammtupfen wunderbar ausgebildet.“

    „Dann sag ihr das so! Oder besser, lüg einfach! Versteck die Mondkapseln unter deiner Pfote und nimm sie einfach nicht.“

    Nachtpirscher drehte sich von ihm weg und rollte sich in seinem Nest zusammen, während sein Schweif von links nach rechts zuckte.

    „Meine Schwester ist weder ein Junges noch eine gebrechliche Älteste. Sie kann die Wahrheit vertragen. Sie muss.“

    Weizenstern raffte sich auf und lief auf steifen Beinen nach draußen ins Lager. Sanftes rotes Abendlicht hieß ihn willkommen. Das Lager des Feldclans lag auf einer Wiese zwischen einem klaren Bach und einem Roggenfeld. Die Baue lagen zwischen einer Gruppe riesiger, moosbewachsener Felsbrocken und dem Gerippe eines roten Monsters, das dort gestorben war. Er drehte sich noch einmal zu Nachtpirscher um. „Schlammtupfen hat noch nicht gefressen. Bring ihr etwas, sobald sie wach ist. Aber wage es nicht, sie vorher aufzuwecken!“

    „Ich werde sie füttern wie eines meiner Jungen!“, scherzte Nachtpirscher und fing erneut an, sich über seine Verletzungen zu lecken.

    Diestelzunge saß auf der freien Fläche dicht vor dem Ältestenbau und schaute zum Horizont, wo die Sonne gerade hinter den Bergen versank. Sie wirkte, als hätte sie zurück in ihr Nest gehen wollen und es sich im letzten Moment anders überlegt.

    „Kann ich noch eine Mondkapsel bekommen?“, fragte Weizenstern vorsichtig.

    Die dunkle Kätzin fuhr herum und verengte ihre großen blauen Augen. Ein zorniges Funkeln lebte darin. Ihr Körper war kleiner und runder als bei den meisten Katzen, ein Überbleibsel ihrer Hauskätzchen-Ahnen. Ihre Statur hatte ihr das Jagen, Klettern und Schwimmen immer schwer gemacht. Alles, was sie tat, brauchte mehr Entschlossenheit, mehr Kraft und mehr Übung. Sie war die letzte Katze auf der Welt, die Fallsucht verdient hatte.

    „Ich will dein Mitleid nicht!“, fauchte sie und zog mit ihren Krallen Rillen durch die trockene Erde. Sie nickte zum Ältestenbau.

    „Wenn du dich wirklich einen Mäusedreck um mich scheren würdest, dann hättest du mich nicht mit den anderen nutzlosen Katzen in diesem Loch begraben wie abgenagte Knochen!“

    Weizenstern zuckte zusammen und wich einen kleinen Schritt zurück. Doch dann fasste er Mut, hob sein Kinn und sah sie direkt an.

    „Der Ältestenbau ist nicht für nutzlose Katzen. Es ist die Belohnung für diejenigen, die schon lange genug nützlich gewesen sind. Ein Versprechen an unsere Krieger, dass es eine Zukunft für sie gibt, auch wenn sie nicht weiterkämpfen können.“

    Die letzten Lichtstrahlen des Tages trafen Diestelzunge. Ihre Lefzen bewegten sich, aber was auch immer sie sagte, war zunächst nicht laut genug.

    „Ich sterbe bald“, murmelte sie. „Und ich weiß nicht, an wem ich meine Wut auslassen soll.“

    Er humpelte näher an sie heran und begann, das dichte Fell an ihrem Hals zu putzen, das sie selbst nicht gut erreichen konnte. Ihr Zittern schien immer dann etwas besser zu werden, wenn sie entspannt war.

    „Schlammtupfen sagt, solange du nicht abmagerst, können dich die lebenden Katzen noch viele Monde lang behalten. Vielleicht findest du sogar als erste Katze ein Heilmittel.“

    Diestelzunge streckte wohlig ihren Rücken durch und ließ sich neben ihm in den letzten Fleckchen Sonne sinken.

    „Das wäre, als würde man nach einer zerfledderten Wolke greifen, um sie wieder zusammenzufügen. Fallsucht sitzt nicht in den Beinen, sondern im Schädel, da, wo sie keine Heilerkatze je erreichen kann.“

    „Diestelzunge?“ Er zögerte. „Wenn du sicher wüsstest, dass der Sternenclan dich morgen ruft, was würdest du tun wollen?“

    Die junge Kätzin schwieg für eine ganze Weile und starrte nachdenklich zum Ausgang des Lagers. Weizenstern legte sich bequem hin, die Verletzung an seiner Flanke brannte mehr, als er zugeben wollte, und er wünschte sich in der Tat eine weiteren Mondkapsel, ließ sich aber nichts anmerken.

    „Weißt du?“, sprach sie.

    „Ich habe schon als Junges Forellen geliebt. Das Fleisch ist süß und gibt den Zähnen genau den richtigen Widerstand. Ich habe immer zuerst den Kopf gefressen, dann den Schwanz und anschließend bis zum Abend auf den Flossen herumgekaut.“

    Seine Gedanken folgten den gut ausgetretenen Pfaden flussaufwärts. Forellen lebten weiter oben hinter dem Traubenberg, wo das Territorium des Hügelclans begann. So weit unten im Tal waren sie selten, aber das Wasser im Fluss war seicht, und er würde sehen können, welche Art Fisch vorbeischwamm. Es war ein schwieriges Unterfangen, aber möglich.

    „Komm mit mir zum Fluss!“, forderte er sie auf. „Zeig mir den Fisch, den du haben willst, und ich fange einen für dich.“

    Sie schüttelte den Kopf.

    „Bei meinem Tempo ist es morgen, bis wir zurück sind.“

    Er stand auf und schob sie mit der Nase zurück auf ihre Pfoten.

    „Ich kann gerade selbst nicht rennen. Und selbst wenn: Nachtpirscher und Schlammtupfen haben hier alles unter Kontrolle.“

    Diestelzunge schlug nach seiner Schnauze, verfehlte aber mit Absicht um eine Schweiflänge.

    „Ich komme mit dir. Du solltest eine Heilerkatze dabeihaben, falls deine Flanke wieder anfängt zu bluten. Finsterkralle hat dich wirklich gut erwischt.“

    Die Heilerin drückte sich durch das hohe Gras zwischen dem Monstergerippe und dem Kriegerbau, und Weizenstern ging ihr nach. Sie folgten dem Feldweg entlang des Roggenfeldes und schlichen lautlos unter den Apfelbäumen, immer parallel zum Fluss. Die Lichter von Glühwürmchen flackerten in unregelmäßigen Mustern überall um sie herum.

    An einer Stelle nahe dem Traubenberg teilte sich das Wasser und floss um eine kleine Insel herum, auf der eine einzelne Weide ihren Platz hatte. Der Fluss war hier in der Blattgrüne so flach, dass eine Katze darin stehen konnte, ohne weggetrieben zu werden.

    „Forellen haben kräftige, silberne Körper und feine rote Streifen an den Seiten“, erklärte Diestelzunge und deutete auf einen vielversprechenden Fleck Teichgras unter der Oberfläche.

    Weizenstern watete ins warme Wasser. Er war kein guter Jäger, aber sie sollte das möglichst nicht merken.

    Die junge Kätzin schnurrte belustigt.

    „Geh anders herum, Mausehirn! Mondlicht wirft auch Schatten, du verrätst dich sonst.“

    „Ich mache es nur fair für die Forellen“, scherzte er, nahm dann aber doch die Position ein, die sie vorgeschlagen hatte. Schliefen Forellen bei Nacht? Er konnte es sich nicht vorstellen, sonst würde die Strömung sie doch alle flussabwärts treiben.

    Ein silberner Schemen bewegte sich zwischen den Wasserpflanzen. Er schlug zu, aber als er seine Pfote zurückzog, klebten an seinen Krallen nur einige Schnüre Froschlaich.

    „Kann ich dich auf ein Maul voller Froscheier herunterhandeln?“ Er schüttelte die schleimigen Schnüre von sich ab, während sie am trockenen Ufer saß und den Kopf schüttelte.

    „Forelle! Und nicht zu klein, bitte!“, rief sie.

    Weizenstern machte einen Satz auf die kleine Insel in der Mitte des Wassers und suchte sich eine andere Stelle aus. Er sah zunächst nur ein paar kleine Stichlinge und einen Wels, dann aber bewegte sich etwas über den runden weißen Kieseln: eine wunderschöne, fette Forelle, ganz dicht unter der Oberfläche. Der goldene Kater fuhr seine Krallen aus und schlug zu. Der zappelnde Fisch wurde durch den Schlag an Land geschleudert und rutschte von dort aus fast in den Fluss zurück, ehe er ihn ansprang und mit einem Biss in den Kopf tötete.

    Er trug seinen Fang zu Diestelzunge zurück und legte ihn vor ihre Pfoten. Beide Katzen neigten ihre Köpfe, um Respekt zu zeigen.

    „Danke für dein Opfer“, flüsterten sie gemeinsam über dem Körper des toten Fisches.

    Die dunkle Kätzin sah in Richtung des Lagers. Ihre Beine zitterten wieder, aber nicht ungewöhnlich schlimm. Es schien, als hätten sie eine gute Nacht erwischt.

    „Darf ich das essen?“, fragte sie.

    Weizenstern schubste ihr die Forelle zu.

    „Älteste, Königinnen, Junge und Kranke fressen vor Schülern und Kriegern. Also lass es dir schmecken.“

    „Nimm eine von den Backen, Weizenstern!“, forderte sie. „Damit du weißt, wovon ich rede, wenn ich dir vorschwärme, wie gut es schmeckt.“

    Er schüttelte den Kopf.

    „Nein, danke. Ich hatte schon Forelle. Fisch ist nichts für mich. Zu ölig.“

    „Dein Verlust!“ Sie legte sich hin und biss genüsslich Stücke ab, während sie die Fischgräten geschickt ausspuckte. „Du bist bei deinem letzten Leben, nicht wahr?“

    Seine Ohren und sein Schweif stellten sich unfreiwillig auf.

    „Woher weißt du das?“

    Sie putzte etwas Fett aus ihren Schnurrhaaren und sah zu ihm auf.

    „Du weißt, dass du das nicht fragen solltest. Heilerkatzen wissen, was sie wissen müssen, um ihre Aufgabe zu erfüllen.“

    Er legte sich neben sie und schützte sie vor der aufkommenden Brise. Sie hatte Recht. Manche Dinge machten sie und der Sternenclan unter sich aus. Es fühlte sich fast befreiend an, keine Geheimnisse vor ihr zu haben.

    „Ja. Es ist mein letztes“, bestätigte er.

    „Dann rinnt uns beiden unsere Zeit durch die Krallen.“

    Weizenstern kratzte Mut aus den Tiefen seines Herzens zusammen. Es war wie sie sagte. Alles, was er jetzt noch aufschob, trug das Risiko, niemals getan oder gesagt zu werden.

    „Diestelzunge? Willst du einen Gefährten?“, platzte es aus ihm heraus.

    Sie blinzelte verwirrt, also versuchte er hektisch, sich klarer auszudrücken, stolperte aber über seine eigenen Worte wie ein tollpatschiges Junges.

    „Willst du mich? Willst du – mich – als deinen Gefährten?“

    Sie legte ihre Pfote auf seine Nase und brachte ihn zum Schweigen.

    „Weizenstern, ich habe dich immer geliebt. Ich würde dich gern als Gefährten nehmen, aber ich bin eine Heilerin. Diese Dinge sind nicht für uns bestimmt.“

    Er schaute flehend zu den Sternen und hoffte, ein Zeichen zu sehen, aber der Nachthimmel blieb ihm die Anwortne schuldig. Diestelzunge drückte ihr flaches Gesicht in seine Mähne und schnurrte laut.

    „Du machst dich doch nur selbst unglücklich, du alter Dachsschädel. Ich habe nur noch so wenig Zeit, ehe ich zu den Ahnen gehe.“

    Er begann sachte, die Fischöle aus ihrem Fell zu lecken und legte seinen Schweif um sie.

    „Ich will, was übrig ist! Ein Tag, einen Mond, eine Jahreszeit. Es ist mir egal. Ich werde jeden Augenblick ehren, den ich bei dir sein darf.“

    Sie riss sich von ihm los und stand auf. Sein Herz fühlte sich an, als ob es in tausend kleine Splitter zerbrechen würde. Er erwartete, dass sie ins Lager zurückgehen würde, aber sie trabte entschlossen in genau die andere Richtung – auf die Berge zu, wo die Sternengrotte lag.

    „Bring mich zum Ahnenstein!“, verlangte sie. Ihre Augen funkelten voller Entschlossenheit.

    „Ich will versuchen, meine Pflichten als Heilerin abzulegen. Es ist, wie du sagst: Ich war lange genug nützlich.“

    „Weizenstern drehte die Ohren in ihre Richtung und starrte an ihr auf und ab. „Bist du sicher? Ich würde nicht wollen, dass die Ahnen meinetwegen böse auf dich sind.“

    Diestelzunge schnaufte und fuhr ihre Krallen aus. „Was passiert denn, wenn sie böse sind!? Wenn sie eine treue Heilerin in den dunklen Wald schicken, nur weil sie in ihren letzten Tagen etwas für sich selbst will, dann sei es so.“

    Der goldene Kater stand vorsichtig auf, um die Wunde an seiner Flanke zu schonen, und folgte ihr. „Du hast Recht, aber bitte frag trotzdem respektvoll. Sag ihnen, dass kranke und verletzte Krieger ohne Reue in den Ruhestand gehen dürfen und dass ich das auch für meine Heilerkatzen will.“

    Die Sterne glänzten in ihren großen, runden Augen. Sie nickte. Und beide Katzen verschwanden im hohen Gras auf dem Weg zur Sternengrotte.

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    Einmal editiert, zuletzt von Feron (18. Juni 2026 um 00:46)

  • Kapitel 2 Die Tochter des Zorns

    Fauchjunges und ihre beiden Brüder kauerten auf einem Kaninchenfell in der Kinderstube des Auenclans und beobachteten ihre Mutter Falkennarbe, die unruhig im Bau auf und ab ging. Die schlanke weiße Kätzin gab Klagelaute von sich, aber ihre Jungen wussten nicht warum.

    „Glaubst du, wir haben ihr beim Milchtrinken wehgetan?“, flüsterte Nesseljunges in Fauchjunges Ohr. Der junge Kater versteckte sich hinter ihr. Ihre Mutter hatte sie vor einer Weile erst geschimpft, weil sie immer noch nach Milch gebettelt hatten, anstatt wie die größeren Jungen Frischbeute zu fressen.

    Der Vorhang aus Flechten bewegte sich und ließ das Mondlicht von außen herein. Ein hellgrauer Kater mit einem dunklen Rückenstreifen und nur noch einem Auge drängte sich hinein. Hundezahn war so riesig, dass er den Kopf einziehen musste, um sie zu besuchen.

    Falkennarbe drückte ihre Stirn an seine Brust, und er leckte ihr beruhigend das Fell zwischen den Schultern. Die Stimme des zweiten Anführers donnerte in der Dunkelheit: „Welches ist dein Ältestes?“

    Fauchjunges, Nesseljunges und Wolfjunges wichen zurück, bis ihre Hinterläufe gegen die Rückwand des Baus stießen.

    „Fauchjunges ist mein Erstes“, erklärte ihre Mutter und deutete auf ihre Tochter.

    „Komm!“, sprach Hundezahn bestimmt und schnellte vor, um Fauchjunges am Nackenfell zu packen und sie nach draußen zu tragen.

    Der Vollmond schien auf ihren weichen Jungenpelz. Die Farbe war noch nicht endgültig, aber man konnte sehen, dass sie eine silberne Kätzin mit dunkelgrauer Stirn, Schweif und Pfoten sein würde.

    Ihre Augen mussten sich erst an das Licht gewöhnen. Bis dahin erschien ihr das Lager des Clans so hell wie der Tag. Sie blinzelte und versuchte zu erkennen, wohin man sie brachte. Dorthin musste sie später ihre Beute bringen. Überall unter dem Hochfelsen und zwischen den Eichenwurzeln hockten Katzen und leckten ihre zahlreichen Wunden. Aber ihre Anführerin Grollstern war nicht unter ihnen.

    Die Zähne in ihrem Nacken zwickten kurz, als Hundezahn über den umgestürzten Baum in der Mitte des Lagers sprang, um die andere Seite zu erreichen. Der Gestank von Innereien und Blut schlug ihnen entgegen wie ein Krallenhieb. Auf dem dunklen Moosteppich vor dem Heilerbau lag Finsterkralle, ihr Vater.

    Eine tiefe Bisswunde klaffte in seiner Kehle, und lange Kratzer zogen sich seinen Bauch entlang. Fauchjunges wusste sofort, dass er tot war. Aber ihr junges Herz war schwer zu überzeugen. Der zweite Anführer setzte sie vorsichtig ab und scheuchte dann die Ältesten beiseite, die sich versammelt hatten, um dem gefallenen Krieger die letzte Ehre zu erweisen. Sie durfte ihn aus der Nähe betrachten, ganz für sich.

    Sie stemmte sich mit ihren kurzen Beinen gegen seine Schulter, zog ihre Krallen über sein Ohr und flüsterte seinen Namen, aber der Körper vor ihr blieb reglos und kalt. Ihr Vater jagte jetzt im Sternenclan. Blut, Angst und beginnende Verwesung überlagerten langsam den vertrauten Geruch des Katers, als würde der Sternenclan selbst ihn aus ihren Pfoten reißen.

    Aber da war noch etwas anderes. Sie brachte ihre Schnauze näher an die tödliche Halswunde und zog langsam Luft ein. Das, was sie wahrnahm, war Katze, aber das Aroma von Erde und Baumharz fehlte. Stattdessen kräuselte sich ihre Stirn zu Untertönen von Gräsern und Roggen. War das, wie der Feldclan roch?

    Ein Schatten fiel über sie. Falkennarbe trat hinter sie und zog sie eng an ihre Brust.

    „Der Feldclan wollte die Sumpfwiese nicht hergeben, obwohl wir sie nach dem Waldbrand dringend brauchen. Wegen der Herzlosigkeit von Weizenstern ist dein Vater nicht mehr bei uns.“

    Die Stimme von Grollstern zerriss die andächtige Stille wie ein Blitz einen Baum.

    „Alle Katzen, die alt genug sind, um ihre eigene Beute zu fangen, sollen sich hier zu einem Clan-Treffen versammeln!“

    Ihre Mutter wollte gerade ihre Zähne in Fauchjunges Nacken legen, um sie zu tragen, aber die junge Kätzin stieß ihren Kopf mit der Pfote weg.

    „Ich laufe allein!“

    Falkennarbe neigte respektvoll den Kopf vor ihr.

    „So sei es, meine Kleine.“

    Zurück im vorderen Teil der Lichtung hockte Grollstern auf dem Hochfelsen. Die dunkelbraune Kätzin mit den rostroten Augen konnte ihre Hinterbeine und den Schweif nicht mehr bewegen. Sie zog beides hinter sich her, seit sie Dachs zu fassen bekommen hatte.

    Die freie Fläche vor dem Felsen füllte sich mit Katzen des Auenclans, die gespannt warteten. Auch ihre Heiler Dämmerherz und sein junger Schüler Alraunenpfote setzten sich dazu. Dämmerherz fletschte dem Anführer gegenüber die Zähne.

    Fauchjunges war nicht alarmiert. Man hatte sie und ihre Geschwister gelehrt, dass Auenclankatzen immer ehrlich waren und ihren Gefühlen freien Lauf ließen, anstatt sie wie alte Knochen zu vergraben. Streit wurde mit Zähnen und Krallen zu Ende gebracht und nicht mit Worten und verlogener Höflichkeit unnötig in die Länge gezogen.

    „Fauchjunges ist …“, begann die verehrte Anführerin.

    „Fauchjunges ist erst vier Monde alt!“, schrie Dämmerherz und trat vor, direkt unter den Felsen.

    Falkennarbe knurrte und fuhr ihre Krallen aus. Mit einem wilden Kampfschrei stürzte sie sich auf den Heiler, der gerade noch so vor ihr zurückwich, ehe sie ihm die Ohren zerfetzen konnte.

    „Wie kannst du es wagen, die Zeremonie meiner Tochter zu stören!?“, brüllte die weiße Kriegerin und machte erneut einen großen Satz auf ihn zu.

    Dämmerherz wehrte sich so gut er konnte, aber sein Kampftraining reichte für eine so erfahrene Kriegerin nicht aus.

    „Es ist gegen das Gesetz der Krieger!“, verteidigte er sich. „Ihr erzieht die Jungen zu hassen!“

    Schließlich wurde er auf den Rücken geworfen, wo sie ihre Krallen über seine Bauchdecke zog. Nicht tief genug, um ihn zu verletzen, aber mehr als genug, um ihm wehzutun.

    „Genug!“, sprach Grollstern. Ihre Stimme war nicht laut, aber kraftvoll.

    Falkennarbe neigte respektvoll ihren Kopf vor ihr und ließ dann von Dämmerherz ab.

    „Geh in den Heilerbau und warte dort auf mich“, richtete die Anführerin an ihren Heiler, und er gehorchte ihr.

    Als er an Fauchjunges vorbeischritt, trafen sich ihre Blicke für einen Augenblick. Es lagen Traurigkeit und Reue in seinen Augen, so dunkel und endlos wie der Nachthimmel. Sie wünschte, sie hätte ihn überzeugen können, dass sie sein Mitleid nicht brauchte. Grollstern war dabei, ihr etwas sehr Kostbares zu schenken, das viele schwache Katzen niemals hatten: eine Aufgabe.

    „Dieses Junge, Finsterkralles Tochter, soll von jetzt an den Namen Grollpfote tragen, um sie immer daran zu erinnern, was Weizenstern ihr genommen hat. Sie darf ihre Ausbildung sofort beginnen.“

    Sie hob ihr Kinn, hielt ihren Schweif nach oben gestreckt und stellte ihr Rückenfell auf, um größer zu erscheinen, als sie war. Sie war nicht länger das hilflose kleine Junge, das damals laut gefaucht hatte, als ihr Vater ihr versehentlich auf den Schwanz getreten war, sondern Grollpfote, der Zorn ihres Clans.

    Die Sterne funkelten über den Baumkronen. Sie stellte sich vor, wie ihr Vater auf sie herabsah und mit den lebenden Katzen zusammen ihren neuen Namen rief.

    „Grollpfote! Grollpfote! Grollpfote!“

    Hundezahn trat neben sie und sah ihr direkt in die Augen, als sich die Stimme der Anführerin erneut vom Hochfelsen aus erhob.

    „Hundezahn wird dein Mentor sein. Und wenn wir erneut gegen den Feldclan in die Schlacht ziehen, wirst auch du losziehen.“

    Der zweite Anführer senkte seinen riesigen Kopf und berührte ihre Nase mit seiner, um sie als Schülerin anzunehmen, wie es Tradition war.

    Nach der Zeremonie lief Grollpfote noch einmal zurück in die Kinderstube, um sich von ihrer Mutter und ihren Geschwistern zu verabschieden. Es war schon immer so gewesen, dass, wenn eine Katze starb, solange sie oder er noch Junge in der Kinderstube hatte, das Älteste den Namen Grollpfote bekam, auch wenn es noch keine sechs Monde alt war. Nesseljunges und Wolfjunges würden ihr bald in den Schülerbau folgen, aber für die nächste Zeit würde sich ihr Nest ohne sie leer und kalt anfühlen.

    Als sie sich in den Felsspalt zwängen wollte, wo die Schüler untergebracht waren, legte ihr Mentor seine Pfote auf ihren Rücken und zog sie zurück.

    „Du musst dir kein eigenes Nest bauen. Dämmerherz erledigt das für dich.“

    Sie stellte ihre Ohren verwundert auf, aber dann verstand sie. Dämmerherz wurde dafür bestraft, sich in die Angelegenheiten von Kriegern eingemischt zu haben.

    „Komm mit mir. Ich zeige dir, wie einfaches Krafttraining geht. Wenn du gelernt hast, wie du es richtig machst, kannst du auch alleine üben, während ich auf Patrouille bin.“

    Sie folgte dem grauen Kater ein Stück durch den Wald zu einer großen toten Zeder, die in der Nähe des neuen Waldrandes stand. Ein paar Schwanzlängen entfernt von ihnen hatte ein Feuer gewütet und das Unterholz und die Beute darin zu Asche verbrannt. Falkennarbe hatte Recht: Weizenstern war ein Rattenherz, das ihnen nicht erlaubte, das Territorium nach Süden zu erweitern.

    Hundezahn deutete mit einem Nicken den Baum hoch.

    „Kannst du bis zu dem ersten großen Ast da hinaufklettern?“

    „Entweder ich kann, oder ich lerne es!“, rief sie und rannte auf den Stamm zu. Sie hatte noch ihre spitzen Jungenklauen und fand genügend Halt in der Rinde. Sie zog sich nach oben und legte ihre zitternde Pfote von unten an den Ast, auf den er gezeigt hatte. Anschließend ließ sie sich wieder herunterrutschen und streckte stolz ihren Kopf und ihren Schweif hoch.

    „Denkst du, wir sind schon fertig? Mach es noch viermal. Jeden Morgen. Wenn du stark genug geworden bist, dass dir am Abend die Schultern nicht mehr weh tun, lasse ich dich höher klettern.“

    Sie legte die Ohren an und stellte sich den Baum wie eine Katze vor, in deren Nacken sie sich verbeißen musste. Zupacken und nicht loslassen! Niemals loslassen!

    Sie machte einen Sprung und kämpfte sich erneut an der brüchigen Rinde nach oben. Sie war Finsterkralles Tochter und Weizensterns Tod. Sie würde jeden Morgen zehnmal hinaufklettern, nur um Hundezahn zu zeigen, wie sehr er sie unterschätzte.

    „Gut so?“, richtete sie an Hundezahn.

    Aber als sie sich zu ihm umdrehte, starrte der graue Kater geradeaus in den Wald. Sein Körper war steif wie ein Stock, und das Fell auf seinem Rücken stand ab.

    „Hundezahn?“, flüsterte Grollpfote und schlich in Lauerhaltung vom Baumstamm aus hinter ihn.

    Ihr Mentor gab ihr ein Schweifsignal, sich nicht zu bewegen. Er fuhr seine Krallen aus.

    „Fuchs.“

    Nachdem sie das Wort gehört hatte und ihre Nase in den Wind hielt, war das saure Aroma auch für sie offensichtlich. Sie kannte Füchse nur aus Geschichten der Ältesten, oft in Verbindung mit grauenvollen Narben oder den Gräbern nördlich des Heilerbaus. Der Geruch war frisch und nah.

    Die Farne und Gräser bebten, und die stinkende Kreatur mit dem roten Fell trat ins Licht. Der Blick aus den schmalen funkelnden Augen war bereits auf sie gerichtet. Der Fuchs hatte sie schon von Weitem gerochen. Seine langen Beine endeten in großen Pfoten mit dreckigen, stumpfen Krallen, und unter seinen Lefzen lugten lange gelbe Zähne hervor.

    Hundezahn fauchte und schlug mit den Krallen in die Luft.

    „Wir sind das Risiko nicht wert, mein Freund!“, knurrte er, aber der Fuchs verstand die Warnung natürlich nicht.

    Er senkte den Kopf und begann, die beiden Katzen langsam zu umkreisen. Hundezahn legte seinen Schweif um Grollpfote und zog seine Schülerin mit, damit sie hinter ihm blieb und ihr Gegner keine Gelegenheit bekam, sie zu schnappen und wegzutragen.

    Grollpfotes Herz hämmerte von innen gegen ihre Rippen. Sie reichte ihrem Mentor gerade bis zur Brust und dem Fuchs nicht einmal bis zur Kniebeuge. Die Idee, eine Kriegerin zu sein, die ihr Territorium verteidigte, schien plötzlich unendlich weit weg. Sie konnte nichts tun.

    Der Körper ihres Mentors zuckte zusammen. Der Geruch von Blut stach Grollpfote in die Nase. Sie sah, wie zwischen den Beinen des Katers dunkelrote Tropfen ins Gras prasselten. Hundezahn zog seine rechte Vorderpfote ruckartig zurück. Die Fangzähne seines Gegners hatten ihm den Pfotenballen aufgerissen.

    Das Unterholz raschelte erneut. Grollpfote zitterte und drückte ihre Augen fest zu. War das alles? Starb sie jetzt?

    Aber anstatt eines weiteren Fuchses sprangen Falkennarbe, Lehmfell und Weidenlied aus den Büschen. Die Auenclankatzen eilten an Hundezahns Seite.

    „Dachs-Verteidigung!“, brüllte er.

    Er löste seinen Schweif von Grollpfote und machte einen wackeligen Schritt nach vorne. Die anderen Krieger schlossen zu ihm auf, bis sich ihre Schultern fast berührten. Sie bildeten eine Wand aus Krallen, gefletschten Zähnen und aufgestellten Pelzen, die sich langsam auf den Fuchs zubewegte.

    Der Fuchs schnellte mehrmals vor, um sabbernd und keifend nach den Katzen zu schnappen, aber jedes Mal, wenn der Fuchs den Kopf senkte, schlug einer der Krieger nach seiner Schnauze oder den Augen. Sie beschützten einander.

    „Wir sind das Risiko nicht wert!“, wiederholte der zweite Anführer und stellte seinen Schweif hoch über seinem Rücken auf.

    Der Fuchs suchte noch für ein paar Augenblicke nach einer Schwachstelle in der Formation, aber die erfahrenen Krieger hatten keine gelassen. Das stinkende, sabbernde Tier gab auf und floh.

    „Bist du verletzt!?“

    Falkennarbe kam zu ihrer Tochter und leckte ihr über den Rücken, bis sich das Fell der Schülerin wieder glattlegte.

    „Es geht mir gut“, wimmerte sie, ohne darüber nachzudenken, ob es stimmte.

    „Wir waren in der Nähe“, erklärte Lehmfell. „Wir haben Hundezahn fauchen hören und dann den Fuchs gerochen.“

    Die erwachsenen Katzen redeten für eine Weile über Grollpfote hinweg, wie man das Problem langfristig lösen konnte, während der zweite Anführer sich auf einem weichen Moosflecken niederließ und energisch über seine Wunde leckte.

    Lehmfell schlug vor, dem Fuchs bis zu seinem Bau zu folgen und die Jäger zu ihrem Schutz in großen Gruppen loszuschicken. Weidenlied wollte Frischbeute mit Todesbeeren füllen und hoffen, dass der Fuchs sie fraß und daran starb.

    Nach einer Weile gab Hundezahn ihr ein Schweifsignal, zu ihm zu kommen. Er stupste mit der gesunden Pfote gegen ihre Schulter.

    „Wir können leider nicht bewirken, dass du schneller wächst, Grollpfote. Du bekommst das beste Training, das möglich ist, aber es wird vorübergehend auch Situationen geben, in denen du noch zu klein bist, um zu helfen. Es ist nicht deine Schuld.“

    Die Schülerin ließ ihren Blick auf der blutigen Pranke ihres Mentors ruhen und dann auf ihren eigenen kleinen Pfötchen mit den spitzen Babykrallen.

    „Ich werde Geduld haben“, versprach sie.

    Grollpfote versuchte sich zu entspannen und ruhig zu sprechen, damit er sich um sich selbst sorgen konnte und nicht um sie. Sie hätte losrennen und Hilfe holen können, ganz bestimmt sogar. Aber sie war nicht geistesgegenwärtig genug gewesen.

    Die Gruppe sammelte sich und kehrte gemeinsam ins Lager zurück, um Grollstern Bericht zu erstatten.

    Strahd van Zarovich is dead! Also: Stop starring at the sun!

  • Kapitel 3 – Einer der guten Tage

    Weizenstern schlief ruhiger, seit er seinen Bau endlich mit Diestelzunge teilte. Die kleine dunkle Kätzin konnte niemals weich genug liegen. Sie hatte in der Nähe der Schafkoppel Wollfetzen gesammelt, um ihr gemeinsames Nest zu polstern. Das Fundament bestand aus trockenem Gras mit ineinander verwobenen Halmen, sodass es seine Form länger beibehielt. Die ehemalige Heilerin hatte es hingebungsvoll mit Kräutern gespickt: Rosmarin, um Flöhe abzuwehren, und Baldrian, um schneller Ruhe zu finden. Es war der gemütlichste Schlafplatz im ganzen Tal – wenn nicht in der ganzen Welt –, auch wenn die Spitzen seiner Ohren durch die vielen Schichten fast an die Decke stießen.

    Sie lag neben ihm und zuckte im Schlaf mit den Beinen. Er fragte sich oft, ob sie seit der Sternengrotte normale Katzenträume hatte oder ob sie sich nachts weiterhin mit den Geistern ihrer Ahnen die Zunge gab. Sie hatte ihm damals nicht erlaubt, ihr in die Grotte der Heiler zu folgen. Alles, was sie ihm sagte, war, dass ihre Liebe weder gesegnet noch verurteilt war – und er entschied, es zu glauben.

    Die Singvögel waren bereits wach, und die Wärme des Tages kroch langsam in den Anführerbau.

    „Oh, SternenClan, bitte lasst diese Kätzin niemals daran zweifeln, wie sehr sie geliebt wird“, flüsterte er.

    Er erhob sich vorsichtig, um Diestelzunge nicht zu wecken, und schlich sich dann nach draußen.

    Das Lager war so lebhaft wie lange nicht mehr. Schlammtupfen saß vor dem Heilerbau und legte Holunderbeeren zum Trocknen in die Sonne, während die Ältesten Sauerbiss und Strohfell sich unter dem Haselstrauch einen Fasan teilten.

    Nachtpirscher und seine Jungen tobten in der Nähe der Kinderstube und spielten Moos-Huhn. Weizenstern mochte das Spiel, weil es Zusammenarbeit stark belohnte. In der Mitte der freien Fläche lagen drei Kugeln aus Moos, die der vernarbte Kater vor seinen Jungen verteidigte wie der Wachhund auf der Farm die Vögel der Zweibeiner. Die Jungen wiederum versuchten, die Kugeln zu stehlen und zu ihrer Mutter in die Kinderstube zu bringen, bevor er sie erwischte.

    „Hab dich!“, rief der Zweite Anführer vergnügt und stupste Rabenjunges mit der Pfote gegen das Hinterteil, sodass der Kleine stolperte und das Moos in seinem Maul fallen ließ.

    Das winzige Junge rief vergnügt: „Du magst mich erwischt haben, du stinkiger Hund! Aber die Jungen und Königinnen werden heute trotzdem satt!“

    Sein Bruder Heujunges nutzte die Gelegenheit und rannte mit einer Mooskugel im Maul hinter seinem Vater vorbei.

    Weizenstern hörte, wie Rosenpelz ihren Sohn aus dem Inneren der Kinderstube heraus lobte und sich für das üppige Festmahl bedankte, das ihre ach so tapferen Krieger ihr gesichert hatten.

    Donnernde Schritte näherten sich dem Lagereingang. Die Morgenpatrouille kehrte gerade von ihrem Grenzrundgang zurück. Angeführt wurde die kleine Gruppe von Käferschwinge, einer weißen Kätzin mit einem Stummelschwanz und gestreiften beigen Flecken auf den Schultern, die ihn an die Flügel von Kartoffelkäfern erinnerten. Strohfell wurde niemals müde zu erzählen, wie stolz er auf seine Enkelin war.

    Sie bremste ihren Lauf, als sie das Lager erreicht hatte, und trabte dann in direkter Linie zu ihrem Anführer hinüber.

    „Weizenstern, wir haben wieder das Wiesel gesehen, das in der Nähe des Flusses lebt. Ich habe versucht, es zu töten, aber es ist hinüber zu der Steinwiese gelaufen, wo die Zweibeiner ihre Toten begraben.“

    Sie reckte den Kopf hoch und verlagerte ihr Gewicht immer wieder von einem Hinterbein auf das andere. Das kleine Raubtier war seit Tagen wie ein Stachel in ihrer Seite.

    Weizenstern ließ langsam die Luft aus seinen Lungen entweichen. Das Wiesel wusste inzwischen sicher, wo sie ihr Lager hatten, und blieb mit Absicht in der Nähe, in der Hoffnung, eine einzelne unaufmerksame Katze zu finden, die es überwältigen konnte.

    „Danke, Käferschwinge. Ich denke über eine Lösung nach. Bis dahin lasse ich Nachtpirscher durchgehend Wachen aufstellen.“

    Das Problem hatte keine einfache Lösung. Es war besser, in Ruhe darüber nachzudenken, als sie sofort mit närrischen Ideen zu überschütten.

    Sie bestätigte ihm mit einem Kopfnicken, dass sie verstanden hatte, wandte sich aber noch nicht ab.

    „Der Erdreißer macht sich bereit. Ich denke, er wird heute noch das Roggenfeld fressen. Ich möchte die Ältesten fragen, ob sie mitkommen wollen. Es ist keine schwere Arbeit, und wir können die zusätzlichen Krallen gebrauchen, wenn es losgeht.“

    Der Erdreißer – das gewaltige gelbe Monster, das einmal im Jahr weite Teile ihres Territoriums umgrub – beendete üblicherweise die Zeit des Überflusses. Aber das war in Ordnung für ihn. Es war spät dieses Jahr, und alle FeldClan-Katzen waren wohlgenährt und gesund genug, um einige Monde mit weniger Beute gut zu überstehen. Zudem fraß das Ungeheuer nur Weizen und Roggen. Die Beute, die darin lebte, konnten sie für ein letzztes großes Festmahl haben.

    „Wir besprechen vorher mit allen Katzen, was zu tun ist – vor allem mit denen, die das zum ersten Mal machen.“

    Käferschwinges grüne Augen leuchteten vor Begeisterung, und ihr Frust über das Wiesel schien fast verflogen.

    Als die Sonne am höchsten stand, kletterte Weizenstern ganz nach oben auf das Monstergerippe, unter dem der Anführerbau lag.

    „Alle Katzen, die alt genug sind, um Beute zu machen, mögen sich hier zu einer Clanversammlung einfinden!“

    Der gesamte Clan jubelte ihm bereits zu, obwohl er noch kein Wort über die große Jagd von sich gegeben hatte. Käferschwinge huschte, wie sie angekündigt hatte, zu dem Haselstrauch und stellte sicher, dass auch die Ältesten, die sonst keine Arbeiten mehr verrichten mussten, ihm zuhörten.

    „FeldClan, der Erdreißer ist hier! Das bedeutet leider magerere Jagden bis zur Blattfrische, aber ich will, dass ihr diese Sorge für den Rest des Tages wegschiebt, weil zumindest heute jeder seine Lieblingsfrischbeute bekommt! Ihr müsst nicht einmal teilen!“

    Er deutete mit einem Schwanzschnippen auf Käferschwinge, die vor dem Monstergerippe stand und geduldig wartete. Es war bislang immer Nachtpirschers Aufgabe gewesen, die große Jagd zu koordinieren, aber sein Zweiter Anführer hatte ihren Enthusiasmus ebenfalls bemerkt und ihr die Aufgabe gerne überlassen.

    Die Kätzin schritt begeistert vor dem versammelten Clan auf und ab und erklärte bis ins kleinste Detail, was zu tun war – von der Route durch das Feld, die der Erdreißer nehmen würde, bis zu der richtigen Sprungtechnik, um einen Fasan aus der Luft zu schnappen.

    Als das Roggenfeld in Sichtweite kam, war das Brüllen des Erdreißers bereits so laut, dass sie Schwanzsignale benutzen mussten, um zu kommunizieren. Käferschwinge hob zu Weizensterns endloser Belustigung jedes Mal ihren linken Hinterlauf, um anzudeuten, in welcher Position ihr Schwanz stehen würde, wenn sie nicht ohne ihn geboren wäre.

    Neben dem Gehör der Krieger war auch auf Gerüche kein Verlass mehr. Ein stinkender schwarzer Nebel umgab das Hinterteil des Monsters, der das Atmen schwer machte und alle noch so starken Beutegerüche restlos überdeckte.

    Die Jäger liefen am Rand des Feldes, kurz vor den scharfen, sich drehenden Reißzähnen entlang, welche die Ähren aus dem Boden rissen. Wann immer ein Beutetier aus der Deckung sprang, um sich zu retten, waren scharfe Zähne zur Stelle, um sein Schicksal doch noch zu besiegeln.

    Sie trugen all ihre Fänge zu einem nahegelegenen Wildrosenbusch, um sie später abzuholen. Die Beute lief besonders gut. Weizenstern legte gerade seine dritte Wühlmaus dazu, als ihm etwas auffiel: Der Roggen teilte sich in einer geraden Bahn – etwas Großes bewegte sich plötzlich auf die FeldClan-Katzen zu.

    Eine Hirschkuh preschte aus dem Feld hervor. Und Sauerbiss war genau in ihrem Weg. Der zottelige alte Kater riss die Augen weit auf und erstarrte vor Schreck.

    „Nachtpirscher!“, schrie Weizenstern und setzte sich in Bewegung.

    Sein Zweiter Anführer hatte alles gesehen und war viel näher. Entschlossen sprintete er auf den Ältesten zu. Nachtpirscher legte all seine Kraft in den Sprung und stieß Sauerbiss aus dem Weg – gerade in dem Moment, als der schwarze Nebel des Erdreißers sie einhüllte.

    Die panische Hirschkuh rannte weiter und verschwand laut blökend auf der anderen Seite des Pfades zwischen den Apfelbäumen.

    Weizenstern und die anderen näherten sich langsam der Stelle, an der Sauerbiss stehen geblieben war. Die schweren Hufen hatten tiefe Abdrücke hinterlassen. Wenn sie Nachtpirscher oder Sauerbiss getroffen hätten … er wollte gar nicht erst daran denken.

    Der Erdreißer zog vorbei und die Sicht klarte endlich auf.

    Der Älteste und der Zweite Anführer kauerten eine Schwanzlänge entfernt in einer Grasmulde. Nachtpirscher hatte sich schützend über Sauerbiss geworfen, aber außer ihren dreckigen, zerzausten Pelzen schienen beide unversehrt.

    „Ich wusste, dass es euch gut geht!“, rief Weizenstern und half ihnen beiden zurück auf die Beine. „Was für ein Tod wäre das gewesen!? Zertrampelt von einer Hirschkuh, die nicht mal wusste, dass ihr da wart.“

    Sauerbiss schüttelte sich und schnurrte, um sich selbst zu beruhigen.

    „Das ist nicht, wie man gute Geschichten erzählt!“, protestierte er. „Ich habe einen Hirsch für den Frischbeutehaufen fangen wollen und dabei endlich ein Beutetier gefunden, dem ich nicht gewachsen war.“

    Käferschwinge und die anderen lachten.

    Das gelbe Monster bewegte sich noch bis zum Sonnenuntergang in seinen immer gleichen Bahnen über das Feld und überschwemmte das Lager des Clans mit frischem Fleisch.

    Weizenstern hob ein totes Kaninchen auf und wollte den anderen Katzen zurück zum Lager folgen, aber Diestelzunge legte ihre Pfote auf seine Rippen.

    „Weizenstern? Kannst du dir kurz etwas ansehen?“

    Er behielt die Beute im Maul und legte den Kopf schief. Die dunkle Kätzin ließ von ihm ab und schritt wortlos auf einen Brombeerstrauch zu.

    Er trennte sich widerwillig von seiner Frischbeute und folgte ihr.

    „Was hast du?“

    Sie wartete unter dem Strauch, bis er aufgeschlossen hatte, und deutete mit der Pfote auf einen Vogelflügel. Falken ließen manchmal einzelne Stücke wie Füße oder Flügel unter ihren Fressplätzen liegen, aber dieser war anders.

    Es war der Flügel eines mittelgroßen Vogels, etwas größer als eine Taube oder ein Fasan, aber er hatte keine Federn mehr.

    Weizenstern kam näher und schnüffelte. Das Fleisch war ganz frisch, aber seine empfindliche Nase fing etwas anderes auf.

    Zweibeiner?

    „Was denkst du?“, fragte seine Gefährtin.

    Er zog sich von dem seltsamen Fundstück zurück, als ob es ihn mit seiner Andersartigkeit tief beleidigt hätte.

    „Ein Zweibeiner hat es hier für später versteckt. Wir sollten die Pfoten davonlassen und sie nicht ärgern. Wir haben sowieso genug.“

    Diestelzunge verengte ihre blauen Augen und schaute ihn direkt an.

    „Ich will das auch glauben, aber ich weiß von Elsie, dass Zweibeiner ihre Frischbeutehaufen innerhalb ihrer Steinbauten haben und eben nicht draußen fressen.“

    Er lockerte seine Schultern und streckte sich.

    „Ich habe keine Antworten, Diestelzunge. Die Jagdpatrouillen wissen, dass sie nichts mitbringen sollen, das schon tot war. Wenn wir mehr finden sollten, können wir es deiner Schwester zeigen. Sie kennt sich besser aus als wir.“

    Diestelzunge nickte.

    „Brauchst du Hilfe, um das Kaninchen zu tragen?“

    „Ja, gerne“, log er und ließ sie die Beute nach Hause tragen.

    Als es Abend wurde und sich die ersten Sterne zeigten, saßen sie alle zusammen in einer einzigen großen Gruppe vor dem Kriegerbau und fraßen die besten Stücke zuerst. Sie waren sehr erfolgreich gewesen. Alles zu verzehren, ehe es verrottete, würde schwieriger sein als das Jagen selbst.

    „Dieser Vogel ist krank. Er hat gar keine Federn!“, fiepste Rabenjunges und schleppte eine Eidechse zu Schlammtupfen.

    Die gefleckte Heilerin legte ihre halb aufgefressene Drossel beiseite und zuckte amüsiert mit den Schnurrhaaren.

    „Das ist kein Vogel, sondern eine Eidechse. Die leben unter Steinen, wo sie keine Federn brauchen. Versuch das!“

    Sie riss einen Fuß von ihrer Drossel ab und gab ihn Rabenjunges.

    „Ihh, zäh!“

    „Ja, mein Kleiner. Aber zähe Stücke wie die Füße schaben Dreck von deinen Zähnen, damit sie stark und gesund bleiben. So kannst du länger ein Krieger sein, ehe du in den Ältestenbau musst.“

    Das schwarze Junge sah sie verwundert an. Dann streckte es die Vorderpfote aus, um sich das Vogelbein zurückzuholen, das es ausgespuckt hatte. Es nahm es mit zu der Stelle unter dem Haselbusch, wo seine Eltern saßen, und begann entschlossen daran zu kauen.

    Weizenstern putzte, während er zuhörte, liebevoll das Blut von Diestelzunges Schnauze.

    „Es tut mir leid, dass der Erdreißer nicht auch durch den Fluss läuft. Ich hätte dir gerne mehr Forellen geholt.“

    Seine Gefährtin nickte gönnerhaft.

    „Verdient hätte ich es. Aber Katzen sollten mit dem auskommen, was in ihrem Territorium lebt, anstatt andere Clans für ihre Beute zu beneiden.“

    „Entschuldigst du mich kurz?“, richtete er an sie und erhob sich.

    Er ging hinüber zu Käferschwinge, die gerade kleine Stücke aus dem Rücken eines Kaninchens herausriss und sie an ihren Großvater weiterreichte. Sauerbiss hatte nur noch wenige Zähne und magerte in der Blattleere schneller ab als die anderen Ältesten. Es war gut, ihn fressen zu sehen.

    Weizenstern ließ sich neben ihr nieder, sodass sie Schulter an Schulter lagen.

    „Käferschwinge, die Jungen von Rosenpelz sind bald sechs Monde alt. Es wird Zeit, über Mentoren nachzudenken.“

    „Was hat das mit mir zu tun?“, fragte sie neugierig und drehte ihm ihre Ohren zu.

    „Rabenjunges ist ein sehr ernsthafter junger Kater. Nachtpirscher und ich dachten uns, dass es das Beste wäre, ihm einen Mentor zu geben, der ihm hilft, Pflichtgefühl und Selbstfürsorge zu balancieren. Jemand Geselliges mit viel Humor.“

    Sauerbiss schnurrte entzückt und seine Enkeltochter riss überrascht die Augen auf.

    „Du ehrst mich. Aber ich weiß nicht, ob das eine gute Idee wäre. Ich arbeite sehr viel mit meinen Hinterläufen, um beim Rennen und Springen das Gleichgewicht zu halten. Das funktioniert für mich, aber für einen Schüler, der seinen Schwanz nicht im SternenClan vergessen hat, ist das vielleicht nicht der richtige Ansatz.“

    Der Älteste stupste sie mit der Pfote an und deutete dann auf Weizenstern.

    „Sei kein Maushirn. Wenn du keine Schüler ausbildest, darfst du später nicht Zweite Anführerin werden. Nimm an! Der kleine Fellball kann viel von dir lernen.“

    Sie setzte sich auf und fing an, ihre Pfoten zu putzen.

    „Ich denke darüber nach, Weizenstern. Es macht mir aber auch nichts aus, wenn du dieses Mal noch jemand anderem den Vortritt gibst. Ich will, dass es das Beste für die Schüler ist – auch wenn ich warten muss, um Mentorin zu werden.“

    Der große goldene Kater neigte den Kopf vor ihr.

    „Der FeldClan hat großes Glück, dich zu haben.“

    Er kehrte zu seinem Platz zurück. Ein fallender Stern zog eine silberne Spur über das Silbervlies. Ein Gefühl von Dankbarkeit überkam ihn. Dies war, wie Katzen leben sollten: friedvoll und umgeben von Familie und Freunden.

    „Es ist eine wunderschöne Nacht, nicht wahr?“, schnurrte Diestelzunge. „Eine gute Zeit, um über Wunder zu reden.“

    Weizensterns Ohren schnellten nach vorne und sein Kopf drehte sich zu ihr. Der Nachthimmel spiegelte sich in ihren großen blauen Augen. Etwas hatte sich verändert, aber er wusste nicht, was.

    „Es ist Leben in mir, Weizenstern. Ich fühle es wachsen.“

    Er legte seinen Kopf auf ihren Rücken, vergrub seine Stirn tief in ihrem dichten Pelz und zog ihren Duft tief in seine Lungen.

    „Oh, Diestelzunge … Danke. Tausend Dank!“

    Lilienrauch sprang auf, stoppte vor der neuen Königin und drückte ihre Stirn an die von Diestelzunge.

    „Das ist großartig! Ich freue mich so sehr für euch beide“, schnurrte sie und machte dann Platz für Nachtpirscher und Käferschwinge, damit diese ebenfalls ihre Glückwünsche aussprechen konnten.

    „Mein Wurf wird die Kinderstube schon verlassen haben, wenn deiner geboren wird“, sprach Rosenpelz mit tiefem Bedauern und schaute über ihre drei Jungen, die schlafend und mit prall gefüllten Bäuchen unter dem Haselstrauch lagen. „Aber wenn du willst, bleibe ich ein paar Monde länger. Damit du jemanden hast, der auf sie Acht gibt, wenn du zum Schmutzplatz musst oder deine Beine strecken willst.“

    Diestelzunge wackelte und schnurrte, als ihr so viele Clangefährten die Zunge gaben.

    „Ich war in der Tat ein wenig traurig, dass ich allein sein würde. Bist du sicher?“

    Rosenpelz nickte und reckte ihr Kinn hoch.

    „Scheu dich nicht, auch deinen Gefährten einzuspannen. Kater haben auch gute Vaterinstinkte, auch wenn sie das nicht zugeben.“

    Rosenpelz' Gefährte Nachtpirscher schlug spielerisch nach ihren Ohrenspitzen.

    „Ich bin ein steinharter Veteran und die Niedlichkeit von Jungen rührt mich kein bisschen“, schnurrte er sarkastisch.

    „Genug jetzt.“

    Weizenstern scheuchte die Katzen von seiner Gefährtin weg und schob das Beutestück, das sie abgelegt hatte, zu ihr zurück.

    „Lasst sie essen.“

    Dann legte er sich neben Diestelzunge nieder und legte beschützend seinen Schweif um sie.

    „Wir planen, wer wann auf die Jungen aufpasst, sobald sie hier sind.“

    Strahd van Zarovich is dead! Also: Stop starring at the sun!

  • Kapitel 4 Die Güte einer Fremden

    Das Blätterdach über dem Lager des Auenclans leuchtete im feurigen Licht der Dämmerung. Es war der Abend, an dem sich alle Clans zur großen Versammlung trafen.

    Grollstern verließ ihren Bau, um sich mit Hundezahn abzusprechen. Die Anführerin mit den gelähmten Hinterbeinen war noch immer stark genug, um die Zwillingsulme zu erreichen, wenn sie es wollte. Aber es war einfacher, sich von ihrem zweiten Anführer vertreten zu lassen und sich später seinen ausführlichen Bericht anzuhören.

    Hundezahn wartete wie immer vor dem Bau und hob erwartungsvoll den Kopf, als er sie sah. Das Fell um seine Schnautze herum war nass und hatte kahle Stelle von übermäßigen Putzen. Grollstern erstarrte für einen Augenblick und zuckte mit ihren Schnurrhaaren. Sie lehnte sich vor und schnüffelte an ihm.

    „Geht es dir gut? Du reichst komisch.“

    „Kopfweh“, knurrte Hundezahn und kratzte eines seiner Ohren mit der Hinterpfote. „Dämmerherz hat mir Weidenrinde geben, aber das Zeug ruiniert nur meine Zähne.“

    „Dachsschlitzer, Lehmfell, Weidenlied, Rindenherz und Grollpfote“, zählte die Anführerin auf — die Krieger, die sich am schnellsten erholt hatten und die Kampfbereitschaft ihres Clans am besten verdeutlichten.

    „Es gibt ein Problem mit Grollpfote“, maunzte Hundezahn und deutete mit einem Kopfnicken zum Heilerbau.

    „Dämmerherz-Probleme?“, zischte sie und legte ihre kleinen spitzen Ohren nach hinten.

    „Er behauptet, sie hat Nesthusten“, erklärte der graue Kater. Sein Schweif stellte sich auf und er schlug seine Klauen in die feuchte Erde auf der er saß.

    Die Anführerin setzte sich in Bewegung. Als sie an dem umgestürzten Baum ankam, der das Lager teilte, rammte sie ihre Krallen in die Furchen der rauen Rinde und hievte sich hinüber. Man konnte ihre Kratzspuren inzwischen sehen. Die Ältesten scherzten schon ob sie es schaffte den Stamm zu teilen, ehe ihr letztes Leben verbraucht war.

    Der Bau der Heiler lag ganz am Rand. Offiziell war es so, damit der Lärm der anderen Katzen die Heiler nicht von Zeichen und prophetischen Träumen ablenkte, die sie zu deuten hatten. Aber Grollstern gefiel es auch, dass sich so niemand zu den Heilern schleichen konnte, ohne vorher an ihrem Nest vorbeizugehen. Sie machte sich groß und plusterte ihr Nackenfell auf.

    „Dämmerherz!“, brüllte sie, und die Lichtung wurde still — von den spielenden Jungen bis zu den Vögeln in den Ästen, alle verstummten, weil sie sprach.

    Ein paar grüne Augen leuchteten in der Dunkelheit auf, und der Heiler schleppte sich mit hängendem Kopf nach draußen. Anstelle einer Begrüßung hatte er nur verächtliche Blicke für sie übrig. Am liebsten hätte sie ihm ihre Kiefer in den Nacken geschlagen und ihn geschüttelt wie zappelnde Beute.

    „Warum glaubst du, dass Hundezahns Schülerin nicht zur Versammlung gehen sollte?“ Sie wollte, dass er es laut sagte, damit er sich nicht mehr herauswinden konnte.

    Der dunkelbraune Kater leckte sich das Brustfell. Die Kratzer, die er von Falkennarbe hatte, juckten vermutlich, aber sie entschied, dass er das nur tat, um ihr nicht in die Augen sehen zu müssen. „Das Junge hat Nesthusten. Sie könnte andere Katzen anstecken, wenn sie den Heilerbau zu früh verlässt“, sprach er fest.

    Grollstern ließ ihre Krallen einfahren, und Hundezahn stellte sich bestärkend neben sie, als könne er ihre Gedanken hören.

    „Dämmerherz, ich schätze es nicht, wenn sich Heilerkatzen in die Angelegenheiten von Kriegern einmischen.“

    „Nesthusten ist eine Jungen-Krankheit! Schüler bekommen sowas nicht!“, mischte sich der zweite Anführer ein.

    Der Heiler hörte auf, sich zu putzen, und hob seinen Blick. Für einen Moment war er still, und Grollstern hoffte, dass er endlich einlenken würde. Aber der mausehirnige Krähenfraß hatte seinen Platz völlig vergessen.

    „Ja, Hundezahn… Nesthusten ist eine Jungen-Krankheit. Seltsam wie das funktioniert, nicht wahr?“

    Hundezahn knurrte und machte einen Schritt nach vorn, lange Sabberfäden hingen aus seinem Maul. Grollstern hob die Pfote und hielt ihn zurück. „Ich verstehe“, versicherte sie.

    Ihr zweiter Anführer sah sie zornig an und zog sich wieder hinter ihre Schulter zurück. „Um ganz sicherzugehen, dass sich diese – schreckliche – Krankheit nicht weiterverbreitet, bleibt Grollpfote im Heilerbau. Und jede Katze, die Kontakt mit ihr hatte, ebenso.“

    Dämmerherz neigte den Kopf, aber ohne dabei seinen Blick von ihr abzuwenden. Er zog sich rückwärts in die Sicherheit seines Baus zurück, um ihr nicht seinen ungeschützten Rücken darzubieten.

    „Hundezahn…“, begann die Anführerin. „Bitte stell Wachen vor dem Heilerbau auf und sorge dafür, dass niemand kommt oder geht. Wir müssen Dämmerherz’ Entscheidung respektieren.“

    Die vorsichtigen Schritte einer kleinen Katze näherten sich. Es war Alraunenpfote mit einem Eichhörnchen im Maul.

    „Wohin bringst du das?“, wollte Grollstern wissen.

    Der Schüler setzte sich und legte die Frischbeute respektvoll ab, anstatt seine Antwort durch ein volles Maul zu murmeln. „Das ist für Dämmerherz. Er hatte heute noch nichts.“

    „Frag die Ältesten, ob sie es wollen, Alraunenpfote“, sagte Grollstern und deutete mit der linken Pfote zum Ältestenbau.

    „Aber…“, der junge Schüler stammelte und stieß das Eichhörnchen mit der Pfote an. „Die Ältesten sind satt, die Krieger und die Königinnen auch.“

    „Frag zur Sicherheit nochmal überall nach“, knurrte Hundezahn. Alraunenpfote, hob das Eichhörnchen wieder auf. Auch der wusste es besser als ihr den Rücken zu zudrehen und machte zuerst ein paar Schritte zurück, ehe er sich umdrehte und versuchte die Beute los zu werden.

    Grollstern beobachtete kurz darauf, wie ihr Stellvertreter die anderen ausgewählten Katzen einsammelte und sich auf den Weg zur großen Versammlung machte. Sie würde dem Auen-Clan bis zu ihrem allerletzten Atemzug Stärke geben, sowohl nach außen als auch nach innen.


    Der Heilerbau des Auenclanlagers war ein beklemmender Ort. Der Eingangstunnel führte unter einer Kiefer hindurch. Die harzigen Wurzeln machten es unmöglich, ihn zu den Seiten zu erweitern. Dämmerherz und Alraunenpfote sparten Platz, indem sie viele ihrer Kräuter an die Wände hingen und den Boden für Nestmaterial und Moosbündel freihielten.

    Grollpfote lag auf einem Polster aus trockenen Blättern und rieb sich ihre triefende Nase, als Dämmerherz zurückkam. Ihre Augen waren gerötet, und ihr Fell wirkte nass und verfilzt.

    „Willst du Katzenminze in einer Honigwabe, oder bist du ein großes Junges und nimmst sie so?“, fragte der dunkelbraune Kater und legte seine Pfote auf ihren Rücken, um zu fühlen, ob sich das Fieber gelegt hatte.

    Sie drehte sich um und schlug mit ausgefahrenen Krallen nach ihm. Sie verfehlte; ihre Sicht war zu verschwommen und ihre Gelenke zu schmerzhaft. „Fass mich nicht an! Deinetwegen kann ich nicht zur Versammlung! Weizenstern ist dort!“

    „Du bist noch viele Monde Training davon entfernt, Weizenstern gefährlich zu werden, Grollpfote. Es gibt keinen Grund zur Eile.“ Er streckte sich hoch und angelte mit der Pfote nach einem Bündel Weizenähren, das an einer der Wurzeln hing.

    „Ich möchte dir etwas zeigen. Grollstern würde nicht wollen, dass du weißt, woher es kommt, aber du solltest die Welt sehen, wie sie wirklich ist und nicht so, wie sie es dir einredet.“

    Sie versuchte aufzustehen, aber sobald sie wieder aufrecht stand, schüttelte ein fürchterlicher Hustenanfall ihren Körper. Die Schülerin ließ sich zurück auf ihr Lager sinken. Es hatte keinen Zweck. Sie musste warten, bis die Heilkräuter, die sie zur Mittagszeit bekommen hatte, wirkten.

    Der Heiler mit den strahlend grünen Augen legte den Weizen vor ihr Nest. Jede Faser ihres Körpers spannte sich an. Sie wollte mit Heilpflanzen nichts zu tun haben. Trotzdem bemerkte sie das irgendetwas mit dem Getreide nicht stimmte. Der Geruch war anders, erdiger und modrig. An den Körnern hingen eigenartige schwarze Gebilde.

    „Manchmal dauert eine Geburt länger als sie sollte. Manchmal ist eine werdende Mutter zu krank, zu erschöpft oder zu klein für den Wurf, den sie erwartet.“ Seine Stimme wurde leise und traurig, als er sprach. „Manche Junge ersticken im Bauch ihrer Mutter. Aber ein Heiler und ein Clan der Mutterkorn hat bekommt eine Chance dagegen an zu kämpfen.“

    Grollpfote knurrte- nicht so dunkel und tief, wie sie es wollte, aber man konnte hören, dass sie aktiv daran gearbeitet hatte, die Drohgebärden von Grollstern zu imitieren. „Warum erzählst du mir das!? Ich will keine Heilerin werden! Heiler dürfen nicht kämpfen. Ihr seid wie Junge, die von der Stärke und Entschlossenheit aller anderen leben!“

    Dämmerherz ignorierte ihre Beleidigungen und tippte erneut die Weizenähre an, bis sie hinsah. „Distelzunge vom Feldclan hat mir das gebracht“, erklärte er. „Deine Mutter, deine Geschwister und du selbst leben durch die Güte einer fremden Katze, die euch nie getroffen hat.“

    Grollpfote drehte sich weg und legte ihr Kinn auf den Rand ihres Nestes. „Weizenstern war nicht gütig, als er sich geweigert hat, uns den Sumpf zu geben, obwohl sein Clan ihn nicht annähernd so dringend braucht wie wir.“

    Dämmerherz verdrehte die Augen und maunzte sarkastisch. „Oh, bitte! Fünf Monde altes Junges, das noch nie das Lager verlassen hat. Erklär mir bitte, wie das Tal aussieht und welcher Clan wie um sein Überleben kämpft. Ich bin so begierig auf deine grenzenlose Weisheit.“

    Er begann, getrocknete Katzenminzeblätter zusammenzuraffen und sie mit Honig aus einer Wabe zu vermischen.

    „Der größte Teil des Feldclan-Territoriums sind Roggenfelder. Aber am Ende der Blattgrüne kommt ein Monster, das sie Erdreißer nennen, und es zerstört alles. Die Katzen dort haben schon zu Beginn des Blattfalls wenig Nahrung, während wir noch viele Monde fette Beute jagen können, ehe der erste Schnee fällt. Sie brauchen den Sumpf, aber das ist nur offensichtlich, wenn man näher hinschaut und sie kennt.“

    Er schob der erkrankten Schülerin das Blatt mit der Kräutermischung hin, und sie leckte es vorsichtig auf. Der Honig legte sich beruhigend auf ihren Hals und die Minze machte das Atmen etwas leichter.

    „Ich will sie nicht kennen. Ich will den Tod meines Vaters rächen“, krächzte Grollpfote heiser und putze Honig-Tropfen von ihren Schnurrhaaren. Ihre Augenlider waren schwer. Vielleicht sollte sie doch schlafen und das Training das sie verpasste später nachholen.

    Dämmerherz, blickte wachsam über das schlafenden Junge und hoffte, dass seine Worte irgendwie die Lügen ihrer Anführerin durchdrangen. Er schob ein paar der Blätter beiseite, damit Grollpfotes fiebriger Körper etwas abkühlen konnte. Er fürchtete Grollstern nicht und würde mit aller Kraft dagegen ankämpfen, seinen Clan zu einem Streuner-Lager verfallen zu lassen. Es war der Wille seiner Ahnen das die Clans koexistierten, auch wenn Konflikte Teil ihrer Leben waren.

    Strahd van Zarovich is dead! Also: Stop starring at the sun!