Prolog
Bus!
BUS!
Bitte, nicht gerade ein Bus …
Dann fährt der Bus, anstatt davor zu halten, das Wartehäuschen samt mir drin über den Haufen.
Mir ist sofort klar, dass ich im Arsch bin. Ich liege unter Trümmern begraben, den halben Bus über mir aufragend und fühle keinen Schmerz. Die Geräusche des einsetzenden Chaos dringen nur gedämpft an mein Ohr und das Blickfeld wird zusehends schmaler, Wortspiel nicht beabsichtigt.
Ausgerechnet ein scheiß Bus.
Fünfzehn Jahre im Schulddienst, fünf Messerangriffe, drei Schießereien und einem Amoklauf überlebt. Bis ich die Schnauze voll hatte und mir etwas Ungefährlicheres gesucht habe: Kriegsberichterstatter. Zuerst Kandahar, dann Tripolis, zuletzt Charkiw.
Ich meine, da wusste man, dass einen jeden Moment eine Rakete oder eine Granate erwischen konnte. Aber hier, mitten im beschaulichen …
»Ja, das mit dem Bus ist mir wirklich ein wenig peinlich. Kein würdiges Ausscheiden aus dieser Existenz. Aber Tempus Fugit, wie man so sagt, selbst wenn die Zeit eine Illusion ist, wie du ja selbst weißt.«
Weiß ich das? Ich meine, ich vermute es schon eine Weile, aber wirkliches Wissen ist etwas anderes.
»Echtes Wissen um die Grundstrukturen des Seins kann man von einer Art deines Entwicklungsgrads nicht erwarten, aber es ist schon bemerkenswert, wenn man überhaupt die Möglichkeit ernsthaft in Betracht zieht.«
Ich sehe mich um. Wer redet denn da und vor allem von wo? Ich sehe nur Dunkelheit.
»Verzeihung.« Es wird hell und vor mir steht ein … Engel? Mit Gold durchwirkter, blendend weißer Toga und richtig eindrucksvollem … Geflügel.
»Flügel oder Gefieder, wäre das passende Wort.« Die Stimme klingt ein kleines Bisschen indigniert.
»Aber natürlich bin ich nicht wirklich ein Engel im christlichen Sinne, doch allein, dass Du Dir die Option dafür offengehalten hast, so wissenschaftlich, wie Du Dich sonst gibst, eröffnet mir die Möglichkeit, Dir in einer vertrauten Form zu erscheinen.«
Ooooookayyyy…?
»Für gewöhnlich kommt jetzt eine Flut von Fragen.«
Kann ich mir lebhaft vorstellen. Hm, mal sehen. Gut, wie geht es jetzt weiter?
Der Engel schaut mich mit einer Mischung aus Erstaunen und onkelhafter Billigung an.
»Wie erbaulich. Die meisten fragen nun, wie sie herkamen, wo sie hier sind, wer ich bin, was aus ihren Kindern wird …«
Ich habe nur einen Kater, und der wird versorgt, bin ich mir sicher. Also, was ist nun, wie geht es weiter? Meinte er nicht was von einer Zeit, ihm durch die Fugen rinnt?
»Ah, nein, da hast Du wohl etwas falsch verstanden.
Ich seufze lautlos. Hatte echt gehofft, dass mein Humor nach dem Tod mehr Anklang findet.
»Oh, ein Scherz? Ha, ha, haha. Sehr lustig, ja.«
Zu spät, Junge. Jetzt ist es nicht mehr lustig.
Der Engel schaut wieder indigniert. Vielleicht sollten wir weiterkommen? Er scheint mir kein schlechter Typ zu sein, aber ich habe so eine Art, manche Leute auf die Palme zu bringen.
»Palme? Oh, ein weiteres Wortspiel, wie amüsant.«
Ich seufze wieder. Perlen vor die … nein, ich zwinge mich, das nicht zu Ende zu denken, sonst kommen wir nie vom Fleck.
Zeit mag eine Illusion sein, aber mein Geduldsfaden ist auf höchst reale weise sehr dünn.
»Um es kurz zu machen …«
Supi!
»… Du befindest Dich in der Zwischenphase zwischen zwei Existenzen. Leider ist die Entwicklung deines Geistkerns noch zu gering, um eine höhere Form der Existenz anzunehmen.«
W00t, Skandal! Ich klappe immerhin den Toilettendeckel meistens schon selbstständig zu.
»Ich fürchte das qualifiziert Dich noch nicht zu, oh… ein weiterer Scherz? Ich beginne ein Muster zu erkennen.«
Gar nicht mal schlecht, für eine höhere Existenzform, muss ich lobend anerkennen.
»Danke. Anerkennung tut immer gut.«
Ich denke hochkonzentriert an sexy Hasenmädchen, heiße Dämoninnen, scharfe Elfinnen und atme aus, als ich, offenbar erfolgreich, meinen sarkastischen Kommentar unterdrückt habe.
»Ich sehe, wir können nun zum Zweck Deines Besuchs kommen?«
Außer, tot zu sein? Klasse.
»Da Du die Möglichkeit einer Wiedergeburt nicht ausschließt, gibt es für Dich die Option ein fortgesetztes Bewusstsein auf bisherigem Existenzniveau anzunehmen. Ich nehme an, Du würdest es bevorzugen, nicht wieder als Säugling Dein Leben zu beginnen?«
Gute Vermutung. Hat das letzte Mal nicht wirklich Spaß gemacht. Also nicht, dass ich mich daran erinnern würde, aber was mir so erzählt wurde. Frühgeburt, Kaiserschnitt usw. Klingt, als würde ich das diesmal gerne auslassen.
»Ausgezeichnet. Wir würden ins Jahr 2027 auf der Erde gehen und Dir einen verfügbaren …«
Ich nehme Option B!
»Bitte?«
Was ich sagen … denken … will, ob es vielleicht eine andere Option als die Erde gibt. Das schien sich doch anzudeuten?
»Was ist an der Erde auszusetzen?«
Echt jetzt? In letzter Zeit schon mal länger da gewesen?
»Nun, nein. Meine Existenzform beinhaltet viele weniger primitive Umgebungen.«
Er schweigt eine Weile. Ich fühle, wie er recherchiert.
Ich schweige dieselbe Weile und lasse ihn in Ruhe nachforschen, da vorforschen wohl nicht seine übliche Vorgehensweise ist. Kein Stress. Wir haben alle Illusion der Welt.
»Ah, ja, jetzt verstehe ich Deinen Standpunkt. Oh, Vorforschen, ha, haha. Sehr lustig.«
So langsam hat er den Bogen raus und ich beginne den Typ echt zu mögen. Engel oder nicht.
»Da dein Geist eine Menge Optionen für die Existenz für möglich hält, hätten wir noch ein paar Möglichkeiten, aus dem Multiversum auszuwählen.
Moment, nur weil ich Götter, Engel, Elfen, Zwerge, Drachen und so weiter für möglich halte, wobei ich eher in Kategorien „wünschenswert“ oder „scheiße, wäre das krass“ gedacht hätte, habe ich nun eine breitere Palette zur Auswahl?
»In der Tat.« Wieder dieser onkelhafte Stolz in der Stimme. »In einem Multiversum ist die begrenzte Vorstellungskraft eines der größten Hindernisse, es zu erfassen.«
Heilige Sch ... Und mich hat man immer belächelt, weil ich auf SciFi und Fantasy stehe. Aber mir tun irgendwie auch Leute wie Einstein plötzlich verdammt leid.
»Warum bedauerst Du Einstein?«
Tja, Physiker, also so richtig physikalische Physiker, glauben nicht an ein Leben nach dem Tod. Sie gehen bestenfalls mit ihren Atomen oder so, wieder ins Universum ein. Das war es dann für die?
»Sei nicht albern. Irgendwann werden sich ihre Atome, wie Du es nennst, wieder zu einer Form zusammensetzen, die Bewusstsein hat.«
Irgendwann? Die Ergodenhypothese ist also richtig? Gut, geschenkt. Aber das dauert ja ewig.
»Ja, aber zum einen ist Zeit eine Illusion und zum anderen sind sie zwischen den beiden Bewusstseinszuständen buchstäblich bewusstlos. Also vergeht für sie ein Wimpernschlag.«
Logo. Tot sein, ist wie ein Idiot sein. Nur die Anderen haben damit ein Problem.
»Ha, ha. Haha. Das ist wirklich tiefsinnig.«
Echt, jetzt hat er den Bogen ganz raus. Aber zurück zu den Multiversen. Ich könnte mir also eine Welt aussuchen, in der es Drachen, Orks, Zwerge, Götter, Vampire, Tiermenschen, Magie, sexy Dämonen und scharfe Elfenfrauen gibt, die ausnahmsweise sogar mal auf einen Kerl wie mich stehen? Vielleicht in einer an den Wilden Westen angelehnte Zeit, mit Luftschiffen, aber funktionierenden Sanitäranlagen und wo ich noch ein junger und knackiger Kerl bin, gutaussehend, wenn‘s nicht zu viel verlangt ist. Mit Abenteuern, Ro und Bromancen und dem alles?
Natürlich meine ich das alles ironisch. Ich plagiiere schließlich einfach alle Fantasy-Fantasien, die mir in den Sinn kommen wahllos zusammen. Sowas wird’s ja wohl nicht mal in einem Multiversum …
»Etwas einfallslos und pubertär, wenn Du mich fragst, aber warum nicht? Es ist schließlich Deine nächste Existenzform.«
Moment halt! Ich fühle, wie mich ein Sog erfasst. Nein, das war doch nur ein … Kacke, den Witz hat er doch nicht kapiert.
»Wir haben gleich das passende Universum für Dich erreicht.«
Ich bekomme Panik und alles was mir noch einfällt ist: Jedi-Kräfte, bitte, und einen coolen Begleiter! …, so peinlich, ich denke automatisch an meine letzten Star Wars Games.
Erkenntnis des Tages: Ich bin wirklich eine niedere Existenzform!
Dann krache ich zwischen zwei Stühle und habe das Gefühl, mein Kiefer habe sich dauerhaft um zwei Meter nach links verschoben.