Wild Weird West - Der Marshall von Hightown

Es gibt 9 Antworten in diesem Thema, welches 775 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (24. Februar 2026 um 11:39) ist von Tom Stark.

  • Prolog

    Bus!
    BUS!
    Bitte, nicht gerade ein Bus …

    Dann fährt der Bus, anstatt davor zu halten, das Wartehäuschen samt mir drin über den Haufen.
    Mir ist sofort klar, dass ich im Arsch bin. Ich liege unter Trümmern begraben, den halben Bus über mir aufragend und fühle keinen Schmerz. Die Geräusche des einsetzenden Chaos dringen nur gedämpft an mein Ohr und das Blickfeld wird zusehends schmaler, Wortspiel nicht beabsichtigt.
    Ausgerechnet ein scheiß Bus.
    Fünfzehn Jahre im Schulddienst, fünf Messerangriffe, drei Schießereien und einem Amoklauf überlebt. Bis ich die Schnauze voll hatte und mir etwas Ungefährlicheres gesucht habe: Kriegsberichterstatter. Zuerst Kandahar, dann Tripolis, zuletzt Charkiw.
    Ich meine, da wusste man, dass einen jeden Moment eine Rakete oder eine Granate erwischen konnte. Aber hier, mitten im beschaulichen …

    »Ja, das mit dem Bus ist mir wirklich ein wenig peinlich. Kein würdiges Ausscheiden aus dieser Existenz. Aber Tempus Fugit, wie man so sagt, selbst wenn die Zeit eine Illusion ist, wie du ja selbst weißt.«
    Weiß ich das? Ich meine, ich vermute es schon eine Weile, aber wirkliches Wissen ist etwas anderes.
    »Echtes Wissen um die Grundstrukturen des Seins kann man von einer Art deines Entwicklungsgrads nicht erwarten, aber es ist schon bemerkenswert, wenn man überhaupt die Möglichkeit ernsthaft in Betracht zieht.«
    Ich sehe mich um. Wer redet denn da und vor allem von wo? Ich sehe nur Dunkelheit.
    »Verzeihung.« Es wird hell und vor mir steht ein … Engel? Mit Gold durchwirkter, blendend weißer Toga und richtig eindrucksvollem … Geflügel.
    »Flügel oder Gefieder, wäre das passende Wort.« Die Stimme klingt ein kleines Bisschen indigniert.
    »Aber natürlich bin ich nicht wirklich ein Engel im christlichen Sinne, doch allein, dass Du Dir die Option dafür offengehalten hast, so wissenschaftlich, wie Du Dich sonst gibst, eröffnet mir die Möglichkeit, Dir in einer vertrauten Form zu erscheinen.«
    Ooooookayyyy…?
    »Für gewöhnlich kommt jetzt eine Flut von Fragen.«
    Kann ich mir lebhaft vorstellen. Hm, mal sehen. Gut, wie geht es jetzt weiter?
    Der Engel schaut mich mit einer Mischung aus Erstaunen und onkelhafter Billigung an.
    »Wie erbaulich. Die meisten fragen nun, wie sie herkamen, wo sie hier sind, wer ich bin, was aus ihren Kindern wird …«
    Ich habe nur einen Kater, und der wird versorgt, bin ich mir sicher. Also, was ist nun, wie geht es weiter? Meinte er nicht was von einer Zeit, ihm durch die Fugen rinnt?
    »Ah, nein, da hast Du wohl etwas falsch verstanden.
    Ich seufze lautlos. Hatte echt gehofft, dass mein Humor nach dem Tod mehr Anklang findet.
    »Oh, ein Scherz? Ha, ha, haha. Sehr lustig, ja.«
    Zu spät, Junge. Jetzt ist es nicht mehr lustig.
    Der Engel schaut wieder indigniert. Vielleicht sollten wir weiterkommen? Er scheint mir kein schlechter Typ zu sein, aber ich habe so eine Art, manche Leute auf die Palme zu bringen.
    »Palme? Oh, ein weiteres Wortspiel, wie amüsant.«
    Ich seufze wieder. Perlen vor die … nein, ich zwinge mich, das nicht zu Ende zu denken, sonst kommen wir nie vom Fleck.
    Zeit mag eine Illusion sein, aber mein Geduldsfaden ist auf höchst reale weise sehr dünn.
    »Um es kurz zu machen …«
    Supi!
    »… Du befindest Dich in der Zwischenphase zwischen zwei Existenzen. Leider ist die Entwicklung deines Geistkerns noch zu gering, um eine höhere Form der Existenz anzunehmen.«
    W00t, Skandal! Ich klappe immerhin den Toilettendeckel meistens schon selbstständig zu.
    »Ich fürchte das qualifiziert Dich noch nicht zu, oh… ein weiterer Scherz? Ich beginne ein Muster zu erkennen.«
    Gar nicht mal schlecht, für eine höhere Existenzform, muss ich lobend anerkennen.
    »Danke. Anerkennung tut immer gut.«
    Ich denke hochkonzentriert an sexy Hasenmädchen, heiße Dämoninnen, scharfe Elfinnen und atme aus, als ich, offenbar erfolgreich, meinen sarkastischen Kommentar unterdrückt habe.
    »Ich sehe, wir können nun zum Zweck Deines Besuchs kommen?«
    Außer, tot zu sein? Klasse.
    »Da Du die Möglichkeit einer Wiedergeburt nicht ausschließt, gibt es für Dich die Option ein fortgesetztes Bewusstsein auf bisherigem Existenzniveau anzunehmen. Ich nehme an, Du würdest es bevorzugen, nicht wieder als Säugling Dein Leben zu beginnen?«
    Gute Vermutung. Hat das letzte Mal nicht wirklich Spaß gemacht. Also nicht, dass ich mich daran erinnern würde, aber was mir so erzählt wurde. Frühgeburt, Kaiserschnitt usw. Klingt, als würde ich das diesmal gerne auslassen.
    »Ausgezeichnet. Wir würden ins Jahr 2027 auf der Erde gehen und Dir einen verfügbaren …«
    Ich nehme Option B!
    »Bitte?«
    Was ich sagen … denken … will, ob es vielleicht eine andere Option als die Erde gibt. Das schien sich doch anzudeuten?
    »Was ist an der Erde auszusetzen?«
    Echt jetzt? In letzter Zeit schon mal länger da gewesen?
    »Nun, nein. Meine Existenzform beinhaltet viele weniger primitive Umgebungen.«
    Er schweigt eine Weile. Ich fühle, wie er recherchiert.
    Ich schweige dieselbe Weile und lasse ihn in Ruhe nachforschen, da vorforschen wohl nicht seine übliche Vorgehensweise ist. Kein Stress. Wir haben alle Illusion der Welt.
    »Ah, ja, jetzt verstehe ich Deinen Standpunkt. Oh, Vorforschen, ha, haha. Sehr lustig.«
    So langsam hat er den Bogen raus und ich beginne den Typ echt zu mögen. Engel oder nicht.
    »Da dein Geist eine Menge Optionen für die Existenz für möglich hält, hätten wir noch ein paar Möglichkeiten, aus dem Multiversum auszuwählen.
    Moment, nur weil ich Götter, Engel, Elfen, Zwerge, Drachen und so weiter für möglich halte, wobei ich eher in Kategorien „wünschenswert“ oder „scheiße, wäre das krass“ gedacht hätte, habe ich nun eine breitere Palette zur Auswahl?
    »In der Tat.« Wieder dieser onkelhafte Stolz in der Stimme. »In einem Multiversum ist die begrenzte Vorstellungskraft eines der größten Hindernisse, es zu erfassen.«
    Heilige Sch ... Und mich hat man immer belächelt, weil ich auf SciFi und Fantasy stehe. Aber mir tun irgendwie auch Leute wie Einstein plötzlich verdammt leid.
    »Warum bedauerst Du Einstein?«
    Tja, Physiker, also so richtig physikalische Physiker, glauben nicht an ein Leben nach dem Tod. Sie gehen bestenfalls mit ihren Atomen oder so, wieder ins Universum ein. Das war es dann für die?
    »Sei nicht albern. Irgendwann werden sich ihre Atome, wie Du es nennst, wieder zu einer Form zusammensetzen, die Bewusstsein hat.«
    Irgendwann? Die Ergodenhypothese ist also richtig? Gut, geschenkt. Aber das dauert ja ewig.
    »Ja, aber zum einen ist Zeit eine Illusion und zum anderen sind sie zwischen den beiden Bewusstseinszuständen buchstäblich bewusstlos. Also vergeht für sie ein Wimpernschlag.«
    Logo. Tot sein, ist wie ein Idiot sein. Nur die Anderen haben damit ein Problem.
    »Ha, ha. Haha. Das ist wirklich tiefsinnig.«
    Echt, jetzt hat er den Bogen ganz raus. Aber zurück zu den Multiversen. Ich könnte mir also eine Welt aussuchen, in der es Drachen, Orks, Zwerge, Götter, Vampire, Tiermenschen, Magie, sexy Dämonen und scharfe Elfenfrauen gibt, die ausnahmsweise sogar mal auf einen Kerl wie mich stehen? Vielleicht in einer an den Wilden Westen angelehnte Zeit, mit Luftschiffen, aber funktionierenden Sanitäranlagen und wo ich noch ein junger und knackiger Kerl bin, gutaussehend, wenn‘s nicht zu viel verlangt ist. Mit Abenteuern, Ro und Bromancen und dem alles?
    Natürlich meine ich das alles ironisch. Ich plagiiere schließlich einfach alle Fantasy-Fantasien, die mir in den Sinn kommen wahllos zusammen. Sowas wird’s ja wohl nicht mal in einem Multiversum …
    »Etwas einfallslos und pubertär, wenn Du mich fragst, aber warum nicht? Es ist schließlich Deine nächste Existenzform.«
    Moment halt! Ich fühle, wie mich ein Sog erfasst. Nein, das war doch nur ein … Kacke, den Witz hat er doch nicht kapiert.
    »Wir haben gleich das passende Universum für Dich erreicht.«
    Ich bekomme Panik und alles was mir noch einfällt ist: Jedi-Kräfte, bitte, und einen coolen Begleiter! …, so peinlich, ich denke automatisch an meine letzten Star Wars Games.
    Erkenntnis des Tages: Ich bin wirklich eine niedere Existenzform!

    Dann krache ich zwischen zwei Stühle und habe das Gefühl, mein Kiefer habe sich dauerhaft um zwei Meter nach links verschoben.

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

  • Die Ankunft

    WTF?
    Ich rolle mich gerade noch zur Seite und entgehe einem schweren Stiefel.
    »Wie kann es sein, dass er sich noch bewegt. Ich habe deutlich gehört, wie sein Hals gebrochen ist!«
    Ein kleiner, schmerbauchiger Gnom in einer braunen, fleckigen, miesen Entschuldigung für einen Frack, springt neben meinem Kopf auf und ab und fuchtelt mit seinen Fäusten in meine Richtung. Er wirkt fuchsteufelswild und zu allem entschlossen, aber hält sich verdächtig genau außerhalb meiner Reichweite.
    Nicht, dass ich ihm was getan hätte. Ich kenne den Knilch ja gar nicht.
    Ich sehe den Riesenfuß wieder auf mein Gesicht zukommen und bekomme einen Stuhl zu fassen, den ich zwischen meine Nase und die nägelbeschlagene Sohle halte. Als begnadeten Nahkämpfer würde ich mich nicht bezeichnen, aber ich hatte schon ein paar Trainingseinheiten mit unseren Truppen. Die wollten nicht, dass ihr Lieblingspressemensch völlig hilflos hinter ihnen herstolpert, also kenne ich ein paar Grundregeln. Die wichtigste ist, wenn du in Gefahr bist, getroffen zu werden, bring etwas zwischen Dich und das, was Dich treffen soll.
    Das Dumme ist in diesem Fall nur, dass Fuß und Stiefel weitaus solider sind, als der Stuhl und ich die Wucht nur ablenken kann. Meine Wange streift er daher dennoch und falls ich die Schmerzen im Kiefer vergessen hätte - was ich nicht habe – dann werde ich nun daran erinnert, dass noch genug Kiefer vorhanden ist, um vor Schmerz fast ohnmächtig zu werden.
    Tränen machen meine Sicht unscharf, die ganze Situation ist mir viel zu viel. Wütend über den keifenden Gnom, werfe ich die Reste des Stuhls nach ihm und treffe ihn prompt ins Gesicht.
    Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht so viel Wucht hinter den Wurf legen konnte, um ihn wirklich zu verletzen, aber es wirft den Kleinen um, als hätte ihn eine Dampframme erwischt. Verdutzt schaue ich auf und mein Blick begegnet einer … Kuh? Nein, keiner Kuh, einem Stier mit ziemlich menschlichen Zügen, wie aus einem dieser Disney-Filme. Ein Stiermann, wie war das noch? Minotaure, genau. Er ist jedenfalls ungefähr genauso verdutzt von meinem Überraschungstreffer, wie ich. Aber er erholt sich schnell von seiner Überraschung und packt sich einen Tisch, als wäre es nur eine Pizzaschachtel.
    Das war’s, denke ich mir. Schluss aus, Micky Maus. Engel, wir sehen uns gleich wieder!
    Da höre ich ein tiefes Knurren und ein schwarzweiß geflecktes Schemen erhebt sich aus der Richtung des gestürzten Gnoms und springt direkt über mich den Minotauren an.
    Instinktiv reiße ich meine Arme hoch, aber nicht einmal die unteramlangen Krallen des großkatzenartigen Helfers berühren mich. Den Minotauren treffen sie aber umso mehr und beide gehen unter Brüllen, Knurren und einem schon fast armseligen Blöken zu Boden.
    Ich sehe Blut, Fell und anderes durch die Gegend spritzen und rolle mich auf den Bauch, um hochzukommen. Da sehe ich den Gnom sich ebenfalls aufrappeln, etwas in der Hand, was an einen Spielzeugtaser erinnert, wobei ich ganz entschieden der Meinung bin, dass Taser keine Spielzeuge sein sollten. Ich krabble einen Halbkreis, einer Art verzweifeltem Breakdancemove nicht unähnlich und trete mit aller Kraft aus.
    Ein weiteres Mal schicke ich den Gnom zur Wand, wo er langsam herunterrutscht, als wäre er in einer Loony Toon Realverfilmung. Und ja, ich bin nicht stolz darauf, schon zum zweiten Mal einen Gnom KO zu hauen.
    Dann höre ich ein Klacken und etwas schlägt mit einem Knall in die Decke ein. Teile der Holzdecke rieseln herunter und ich sitze auf meinem Hintern, sehe das und nuschle: »Leise rieselt der Spahn.« Dann bricht sich meine ganze Anspannung in einem irrsinnigen Lachen die Bahn.
    »Au, au.« Ich halte meine Wange. Erstaunlicherweise sind alle Zähne noch wo ich sie erwarte und der Kiefernknochen fühlt sich auch noch fast intakt an.
    »Hände weg von den Waffen. Und wen ich auch nur mit einem Mana-Fizzeln sehe, dem verpasse ich einen zweiten Bauchnabel.«
    Ich hebe, immer noch jammernd-lachend eine Hand, zum Zeichen, dass ich unbewaffnet bin. Die andere Hand brauche ich, um meinen Kiefer an Ort und Stelle zu halten, denn der scheint mir abzufallen, sobald ich loslasse.
    »Marshall, bist Du das? Wir erwarten Dich schon seit Tagen. Und, verdammt, sag Deinem Smiloden, er soll Kevin loslassen und den Heiler durchlassen. Du willst ihn doch nicht ernsthaft dafür umbringen, nur weil er sich im Saloon daneben benommen hat?«
    Umbringen? Ich? Der wollte mich umbringen!
    Das will ich sagen. Herauskommt:»Umrgn? Ch? Drwllmchmbgrn!«
    Die Bestie, die immer noch auf dem Minotauren sitzt, ihn mit ihren Kanaldeckel großen Tatzen an den Boden nagelt und mit den langen Reißzähnen beinahe zärtlich dessen Hemd in Streifen schneidet, schaut eindeutig fragend in meine Richtung. Die Augen sind zwar wild, aber auch voller Intelligenz. Ich hatte Schüler mit weniger intelligentem Blick, sogar mehr als ich eingestehen will. Ich nicke langsam und er nickt langsam zurück.
    Wie cool ist das denn?
    Langsam und vorsichtig, um jede weitere Verletzung zu vermeiden, steigt er von Mino-Kevin herunter, die Mörderkukris an den Pfoten zu Mördertaschenmesserklingen eingezogen.
    Bevor ich noch weiß, was los ist, richtet die große Katze sich auf die Hinterpfoten auf, steckt ihren Rücken durch und die langen Zähne bilden sich zu deutlich kürzen Zähnen, aber immer noch eindrucksvoll, in einem menschlich anmutenden Gesicht zurück. Der Tigermann – Smilode? – tritt zu mir und reicht mir einen Football dicken Arm, dessen Muskeln noch Muskeln haben und zieht mich mühelos auf die Beine.
    »Alles, ok, Boss?« Seine tiefe Stimme lässt meinen Brustkorb vibrieren und ganz tief in mir drin, rennt ein kleines Mädchen, kreischend davon.
    »Ähm. Ja, danke.« Ich versuche meinen Nacken zu entspannen und wir beide hören das Knacken.
    »Vorsicht Boss, dein Hals hat was abgekriegt.«
    Wow, wirklich? Gut, dass es mal einer sagt. Als ob ich nicht schon die Hose gestrichen voll hätte.
    Eine streng blickende Elfe eilt herein, wirft einen zornigen Blick Marke Mistress Dominatrix in die Runde und sogar der Smilode senkt den Blick.
    »Kevin, Du Trottel. Wie oft habe ich schon gesagt, du sollst nicht auf Washiplash hören, wenn er Dich zu solchem Unfug aufstachelt?«
    Der Stier röhrt schuldbewusst und mitleidheischend zugleich, ein echtes Kunststück für einen muskelbepackten Riesen mit bestimmt 200 kg Lebendgewicht.
    Dann ist sie bei mir, so schnell, dass ich gar nicht mitbekommen habe, wie sie sich bewegt. Kann aber auch sein, dass ich die Elfe mit dem strengen Haarschnitt, den kantigen Gesichtszügen und der sehr körperbetonten, dunklen Kleidung, ein wenig zu bewundernd angegafft habe.
    Ich bekomme einen tadelnden Klaps gegen die Brust, dann packt sie meinen Nacken mit festem Griff und drückt zu. Es knackt, als ob sie den Rest Hals, den ich noch habe, auch noch zerbröselt.
    »Aua! Scheiße, Frau, was stimmt nicht mit Dir?!«
    Empört schüttle ich meinen Kopf, um das benommene Gefühl loszuwerden und merke erst als sie zufrieden grinst, was ich da mache. Verblüfft greife ich an meinen Hals. Alles tutti, will mir scheinen.
    »Wie?«
    Sie lächelt, irgendwie auf laszive Art, hinterhältig zufrieden.
    »Das ist Doc Wednesday. Die beste Heilerin in Hightown.« Der Mann mit dem als Armbrust getarnten Minigeschütz tritt zu uns und streckt mir die Hand entgegen. Seine Finger sind beinahe Krallen und die wilde Mähne unter dem Hut entpuppt sich als braunes Fell, das zu seinem Wolfsmenschengesicht perfekt passt. Die Ohren, die aus dem Hut schauen, sehe ich erst jetzt.
    »Ich bin Sheriff Moreno, der Sheriff für die Grafschaft Altara und Umgebung. Ich habe hier mit meinen Deputies die Stellung gehalten, bis Du endlich eingetroffen bist. Wenn Du wieder fit bist, schlage ich vor, Du begleitest mich in Dein Office und wir vereidigen Dich.«
    »…« Hilfesuchend schaue ich zu dem Smiloden, der mich immerhin Boss genannt hat.

    »Hat Deine weiche Menschenbirne wohl mehr durchgerüttelt, als es scheint. Komm, Boss, sehen wir zu, hier wegzukommen. Der garstige Kleine ist abgehauen und ich will nicht hier sein, wenn er mit Verstärkung wiederkommt.«
    Ich weiß nicht, was mich mehr fertigmacht, dass ein aufrecht gehender Säbelzahntigermann mich Boss nennt, oder dass er Worte wie garstig gebraucht.
    »Besser ist das wohl.« Siehe da, es geht auch ohne Nuscheln. »Danke, Dir, Doc. Gute Arbeit. Bin ich Dir was schuldig?«
    Die heiße Elfe schaut mich an, wie mein Kater eine frisch geöffnete Dose Thunfisch. »Wir werden uns über die Bezahlung ganz sicher einig … Marshall …« Hat sie sich gerade über die Lippen geleckt oder war das Einbildung?
    Ihre Stimme geht mir jedenfalls sofort unter die Haut.
    Dann fällt es mir ein: Logo, scharfe Elfenfrauen. Da hol mich doch der…! Der Engel hat mich echt beim Wort genommen. Bevor mich die Beule in der viel zu eng sitzenden Hose in noch in weitere Verlegenheit bringen kann, – falls das überhaupt möglich ist – nicke ich ihr zu und folge dem Sheriff zum Ausgang der Bar, Cantina, oder was immer das hier für eine Schluckspechthöhle ist.
    Der Smilode folgt mir wie ein übergroßer Schatten, und verdammt, es ist ein irre gutes Gefühl, ihn als Rückendeckung zu haben.
    Der Sheriff klingt ein wenig zu erleichtert: »Ich muss leider los, sobald Du das Amt übernommen hast. Ärger in Lowtown.«
    Klar, wo sonst.
    Ich nicke wieder. Solange ich den Schweigsamen gebe, merkt vielleicht keiner, dass ich schwimme, wie eine Ratte bei Hochwasser.
    »Ich habe Dir eine Akte mit allen wichtigen Akteuren von Hightown und Altara zusammengestellt. Mit den Nachtklingen musst Du Dich aber bald befassen, sonst bekommst Du keinen Fuß auf den Boden. Washiplash, den hinterhältigen manipulativen Bastard, hast Du ja schon kennengelernt. Hatte gehofft, Du hättest mehr Zeit, aber sie haben Dich wohl abgepasst.«
    Ich schaue zu meinem Partner zurück, er schaut zu mir und hebt beide Schultern. Ich weiß genau, was er meint, keine Ahnung warum. Es ist, als ob wir sowas schon Dutzende Mal zusammen durchgestanden hätten. Ich hebe eine Augenbraue fragend, er brummt und ich nicke. Gutes Gespräch, finde ich.
    »Mach Dir keine Sorgen, Sheriff, das ist nicht unser erstes Rodeo.« Scheiße, das wollte ich schon immer mal sagen!
    »Weiß ich doch, DiPalma. Dein Ruf eilt Dir voraus.«
    Klar, nur kein Druck.
    Wir erreichen ein Haus, drei Stockwerke hoch, wie eine kleine Festung gebaut. Hier könnte man sicher die Belagerung von Fort Alamo nachspielen. Andererseits wäre ich dem Fall gerne die Mexikaner.
    Die dicke Vordertür kann vermutlich sogar eine Urgewalt wie meinen Smiloden eine Weile aufhalten.
    Ein beeindruckender Stern in einem Kreis, ist groß auf der Tür angebracht, es soll ja keiner dran vorbeigehen, ohne zu wissen, wer hier die Ordnungsmacht darstellt.
    »Das Siegel wird dann nur denen Zugang gewähren, die den großen oder kleinen Stern tragen. Ich nehme an, in der Hauptstadt handhaben sie es genauso?«
    Ich brumme unbestimmt. Woher zum Teufel soll ich das wissen? Ich weiß nicht mal was und wo die Hauptstadt ist. Der Sheriff scheint wirklich in Eile, denn ohne lange zu fackeln, geht er in ein Büro, nochmal durch eine Sternentür gesichert und kommt mit zwei Abzeichen heraus.
    »Marshall DiPalma, Deputy Marshall Bendi, willkommen in Hightown. Schwört Ihr, die 12 Gesetze Altaras zu achten, den Frieden zu wahren und das Wohl der Stadt und seiner Bewohner zu schützen, wofür euch die Götter segnen?«
    Zum Glück bin ich nicht pingelig. Ich meine, bis auf das Versprechen, zu versuchen, den Frieden zu wahren, verstehe ich nur Bahnhof.
    Deputy Bendi spricht laut genug für uns beide. »Das schwöre ich!« Bei seiner tiefen Stimme klingt das auch viel besser, als ich es je hinbekäme. Also nicke ich schlicht.
    Seht her, ich bin der schweigsame, starke … mittelstarke Marshall.
    Der Sheriff lächelt erleichtert als, er uns unsere Abzeichen anheftet. Es scheint ihm wirklich ein ganzer Berg von der Seele zu fallen. Hier muss es ja wirklich übel zugehen. Aber ich musste ja unbedingt etwas von Abenteuer und so schwafeln.
    »Ich bin Lupen, für meine Freunde.« Er reicht mir die Hand und ich unterdrücke heldenhaft ein Kichern. Der heldenhafte, schweigsame, nichtalberne Marshall. Genau.
    »Lev.«, meint mein Partner, der ebenfalls die Hand des Sheriffs ergreift. »Und Patrick, aber Paddy für seine Freunde.«, stellt er netterweise mich gleich mit vor. »Der Schlag ins Genick hat ihm die Sprache verschlagen, oder vielleicht auch die Beine von Doc Wednesday.« Er grinst und ich huste.
    Die Beine? Ja, die auch!
    Der Sheriff reicht mir noch einen kleinen, schmalen Metallbarren, sagt aber nichts dazu, als müsste ich wissen, was das ist. Weiß ich aber nicht. Noch nicht, also nicke ich. Langsam tut mir der Nacken wieder weh, von der ganzen Nickerei.
    »Viel Glück und den Segen der Götter. Ich schaue in zwei oder drei Monaten wieder rein. Bitte bleibt solange am Leben.«
    Bevor ich noch etwas Heldenhaftes oder Dummes sagen kann, ist er schon zur Tür hinaus und schwingt sich auf ein Reittier, was wie eine Mischung aus gepanzertem Bär und Komodowaran aussieht. Ja, genau, ein wirklich komisches Vieh, aber groß, schnell und mit vielen Zähnen.
    »Pat? Du hast eine Amnesie, oder? Und Du hast keine Ahnung, warum wir hier sind? Ich habe dich Paddy genannt und du hast mir keine rein gehauen.«
    Ich staune Bauklötze. Ich dachte echt, ich hätte das gut verborgen. Aber das mit dem Paddy war auch gemein. Und clever!
    »Wenn Du das so sagst, Lev, stimmt.«
    »Du sagst nie meinen Namen, es sei denn als Warnung. Sonst immer nur Kumpel.«, erklärt er mir so gelassen und geduldig, als wäre es normal, dass sein Boss ab und zu ein Blackout im Oberstübchen hat.
    »Geht klar, Kumpel. Sonst noch was?«
    »Keine Sorge, ich helfe Dir auch die Sprünge. Ist ja nicht unser erstes … Rodeo.«
    Oh, Mann, mein bester Kumpel ist auch noch ein Witzbold. Dabei wollte ich doch die Stelle.

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

    Einmal editiert, zuletzt von Tom Stark (3. Februar 2026 um 11:24)

  • Erste Schritte

    »Es ist etwas seltsam, dass Du mich kennst, aber ich Dich nicht.«
    Wir schauen uns das Gebäude an und was ich sehe, stimmt mich gar nicht mal so schlecht. Es gibt eine Gemeinschaftszelle und eine Hochsicherheitszelle, ich nehme an, für Gefangene von Levs Kaliber. In dem gesichertem Büro gibt es eine kleine Waffenkammer und eine Art Computer. Wenn ich sage eine Art, dann meine ich das wirklich großzügig. Es ist eher eine Art Tischgemälde mit Spracheingabe und Gestensteuerung, wobei einem nichts erklärt wird und man alles durch Versuch und Fehler selbst herausfinden darf. Immerhin scheint es eine Art Datenbank, über die laufenden Untersuchungen und Verbrechen zu geben. dann hat es noch eine kleine, aber gemütliche Küche, eine gut gefüllte Speisekammer, einen Keller mit vielen Kisten, einen zweiten Stock mit Wohnräumen und einem Gemeinschaftsraum und ein oberstes Stockwerk mit … Zeug. Und eine Treppe aufs Dach.
    Das Dach ist vielleicht das Highlight des ganzen Hauses. Es gibt zwei Wasserspeicher und zwei Duschen, zusätzlich eine große Badewanne, entweder für zwei Levs oder fünf Pats oder alles dazwischen. Eine hüfthohe Mauer schirmt uns von Blicken von unten ab und außer drei Häusern in einiger Ferne gibt es ohnehin keine höheren Hauser, schon gar nicht so massiv, wie unsere kleine Festung. Ich probiere die Pumpen der Duschen aus, dann durch welche Türen man nur mit Stern und durch welche man ohne kommt. Leute müssen schließlich ja auch reinkommen können, um Anzeige oder etwas in der Art zu erstatten. Und wenn ich dran denke, dass wir das alles putzen sollen, muss wenigstens ein Saubermachkommando pro Monat auch zu uns kommen.
    Lustig sind die Toiletten, weil sie magisch funktionieren und sogar topmoderne japanische Luxuspodexschmeichler in den Schatten stellen. Ich wette, ich werde hier öfters mit der Tageszeitung oder einem Comic, sofern es hier so etwas gibt, meine Zeit gemütlich verbringen.
    Lev schaut mir bei allem immer zuerst über die Schulter, als sehe er es zum ersten Mal, lernt aber sehr schnell.
    »Wir sind also schon jahrelang ein Team?«
    »Ja und nein. Also ich und jemand wie Du schon. Du und ich erst ab heute.«
    »Jemand wie ich?«
    Er zögert. »Eigentlich schon Du. Ein anders Du, aber auch nicht.«
    »Und trotzdem kennst Du mich, also mein Jetzt-Ich?« Ich bekomme langsam einen Knoten im Hirn.
    »Ja, und schon lange. Du hast mich damals von der Straße geholt, als ich schon alt und krank war. Hast mich aufgepäppelt, mir ein Zuhause gegeben und Dir viel Geduld gelassen, den zeckenverseuchten Straßenkater zu überzeugen, dass er zumindest diesem Menschen vertrauen kann.«
    Ich schaue ihn stumm an.
    »Ja, und am Ende waren wir dicke Kumpels. Du hast mich überallhin mitgenommen. Sogar im Auto und mal in die Schule.«
    Da geht mir eine ganze Flutlichtanlage auf. »Moment, das kann doch gar nicht sein. Das ist fast 20 Jahre her! Du bist …«
    Er hält mir seine Tatze vor den Mund. Eigentlich verschwindet mein ganzes Gesicht in seinen weichen Fußballen. »Hmpf?«
    »Nicht sagen, nicht einmal laut denken. Ich soll Dir nur Grüße von einem Engel ausrichten und er hätte deine letzten Worte mitberücksichtigt und den Witz schon kapiert, aber er fand es trotzdem gut so. Zudem, Tempo fungi – hat er zumindest gesagt.« Lev schaut wirklich ahnungslos.
    Ich schmunzle. Hat er wohl so nicht genau gesagt, aber genau genug für mich. »Ja, kapiert. Trotzdem verstehe ich das nicht, wie Du hier sein kannst.«
    »Ich wollte einfach eine weitere Runde mit meinem besten Kumpel drehen, und diesmal wollte ich mit ihm reden können. Ist das so schwer zu verstehen?«
    »Ähm? Aber nach so langer Zeit?«
    »Zeit ist eine Illusion, weißt Du doch.«
    »Ha! Soll das jetzt die Erklärung für alles sein? Der Universalschlüssel zu jedem Problem? Das ist doch lächerlich.«
    Er grinst und blinzelt mir zu. Und jetzt meine ich tatsächlich, den alten Kumpel wiederzuerkennen, dessen Namen jetzt Lev Bendi sein soll. Von mir aus.
    »Du weißt doch auch, dass die vulkanische Wissenschaftsakademie bewiesen hat, dass Zeitreisen unmöglich sind.« Der blöde Kater lacht, als er mich mit meinem eigenen Lieblingsargument für das Mögliche im Unmöglichen schlägt. Als ob ich noch einen Beweis für seine Echtheit gebraucht hätte!
    Ich strecke ihm die Zunge raus, völlig erwachsen und marshallhaft, natürlich.
    Er hält mir die Faust hin und ich stoße sie ab. Ja, das ist wirklich mein alter Kumpel. Der einzige Kater den ich kenne, der das Prinzip vom Abklatschen je kapiert hat.
    »Cool. Echt. Aber was jetzt? Du sagst, Du machst den Job schon ne Weile? Was genau tun wir hier?«
    Er setzt sich auf die kurze Bank, die er aus der kleinen Küche hergeschafft hat. Ein normaler Stuhl wäre für seinen pelzigen Riesenhintern auch zu klein.
    Vor ihm auf dem Schreibtisch liegen zwei dicke Aktenstapel, von denen er mir einen, lächerlich einfach, auf meinen Schreibtisch wirft. Als ich den Stapel verschieben will, muss ich zweimal zupacken, so schwer ist der.
    »Mal sehen. Ah, hier. Altara, Einwohner, Landesgrenzen, Lufthäfen?«
    Lev nickt abgelenkt. Ihm fällt das Lesen nicht ganz so leicht wie mir. »Hmhm, einen Großen und einen Kleinen haben wir hier in Hightown. In Lowtown hat es noch einen großen und einen Seehafen. Sie haben hier zwar auch Fahrzeuge, aber die werden mit Magie betrieben. Stinkt nicht mal annähernd wie bei uns damals zuhause.«
    »Oh, wir steigen gerade auf Elektro um.«
    »Ist das wie Strom?«
    Oh, richtig, das ist alles weit nach seiner Zeit, Illusion hin oder her.
    »Egal. Also Magie. Nice. Und Reittiere und Zugtiere, wie ich gesehen habe?«
    »Ja, aber wenn man große Strecken zurücklegen will, nimmt man die Luftschiffe oder die Fernkutschen. Dass jeder ein eigenes Reittier oder gar eine Kutsche hat, ist hier ungewöhnlich.
    »Ah, guter Punkt. Bekommen wir Reittiere gestellt? Oder eine Dienstkutsche?«
    Er grinst und es wirkt irgendwie hinterlistig bissig.
    »Was?«
    Er breitet theatralisch seine Arme aus und präsentiert dann in großer Geste sich selbst. »Ich trage Dich.«
    Ich schaue ihn schief grinsend an. »Wie ein Kind im Arm oder lieber Huckepack? Mach keine Witze.«
    »Lass uns in den Hof gehen. Hier drin ist zu wenig Platz.«
    Ich höre die Nachtigall nicht nur trapsen sondern einen ganzen Stepptanz aufführen, aber ich folge ihm lächelnd. Ich ahne, was kommen soll, aber ich werde ihm nicht den Spaß nehmen, damit anzugeben.
    Wir haben tatsächlich einen Hof, gar nicht mal so klein. Platz für eine Kutsche und ein paar Bierbänke ist allemal. Lev stellt sich mitten in den Hof, brüllt dramatisch, fällt auf alle Viere und beginnt zu wachsen. Und zu wachsen. Und zu wachsen.
    »Heilige Sch …« Er wird sogar noch größer als im Saloon und da war er schon so groß wie ein Säbelzahntiger, was er wohl genau genommen auch ist, wenn ich mir die dreiviertel Meter langen Todesspiese anschaue.
    Nun hat er gut und gerne die Schulterhöhe eines Bierkutschengauls. Und die Masse, mindestens.
    »Los, steig mal auf!« Seine Stimme ist noch tiefer. Noch mehr und er ist im Infraschallbereich und kann mit Walen telefonieren. Oder waren es Elefanten? Egal.
    Das kleine Mädchen tief in mir, erstarrt zwar wieder kurz, aber hey, das ist unser alter dicker Kumpel. Nur, dass er jetzt ein junger, noch dickerer Kumpel ist. Aber damit kommt sie klar, also ich auch.
    Zum Glück hilft er mir, indem ich in seine Gelenke treten kann und er sich fast auf den Bauch legt, sonst hätte ich eine Kletterausrüstung gebraucht.
    »Sattel und Steighilfe wären toll«, meine ich als ich endlich oben bin.
    »Kein. Sattel.« Ok, das klingt sehr endgültig. Verschieben wir diese Idee auf eine passendere Gelegenheit. »Dann pumpe Dich das nächste Mal nicht ganz so weit auf, geht das?«, meine ich beschwichtigend.
    »Ich sehe, was ich machen kann.« Er klingt zwar furchterregend und nach schrecklichem Tod durch Klauen und Zähne, aber auch versöhnlich.
    Ich nehme, was ich kriegen kann. Mit Katzen streiten, ist ohnehin sinnlos. Sie haben schon gewonnen, bevor du Luft geholt hast.
    »Warte, lass mich nochmal runter. Ich hole mir so eine zweischüssige Bolzenschleuder und diesen langen Mantel mit den Runen auf der Innenseite. Und du machst Dich einen Tacken kleiner, wenn es geht. Dann drehen wir mal eine Runde durch die Gemeinde.«
    Er buckelt und ehe ich mich versehe, sitze ich im Hof. »Ja, danke, so geht es natürlich auch. Ich klopfe ihm gegen die Flanke, was er bei dem dicken Fell wahrscheinlich eher hört als fühlt und verschwinde im Büro.
    Irgendwo habe ich doch … ah, hier genau. Steckbriefe. Das A und O jedes Gesetzeshüters. Und einen breitkrempigen Hut. Dann noch die dicke Pseudoarmbrust und noch dieses kleine taserartige Ding, was der Gnom auch hatte und passenden tiefen Holster.
    Ich ziehe den Minitaser mehrmals blitzschnell und puste über dessen Laufende. »Make my day!«
    »Hörst Du jetzt endlich auf herumzuspielen, Boss? Es wird bald dunkel und wir wollen nicht in einer unbekannten Stadt bei Nacht herumstreunen, zumal Du von Magie und den anderen Besonderheiten hier noch keine Ahnung hast, oder?«

    Verdammt, jetzt ist mein Kater auch noch der Vernünftige von uns. Und der Witzige.
    »Hey, Kumpel, mach mal langsam und lass mir auch noch einen Part.«
    »Hast du doch. Den des Nerd-Marshalls.« Sein tiefes, donnerndes Lachen, lässt wohl gerade die Nachbarschaft spontan über eine Re-Migration ins Tal des Todes nachdenken.

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

  • Ein neuer Schäfer in der Stadt

    Hightown hat zwar eine Hauptstraße, aber ganz ehrlich, großzügig angelegter Feldweg wäre zutreffender. Wenigstens sind die Gehwege gepflastert oder stabile Holzstege vor den Gebäuden. Der Westernstil ist schon deutlich zu sehen, aber es gibt auch jede Menge Elemente die eher an Steampunk oder Elronds Tal erinnern.
    In einer Schmiede sehe ich einen Minotauren einträchtig neben einem Zwerg arbeiten, ein moosbewachsener Bürger beginnt im Schaukelstuhl vor einer Gärtnerei seinen Feierabend und zwei Elfenmädchen und ein Elfenknabe jagen johlend einen Orkjungen in eine Gasse. Ganz, wie es sein muss. Dann kommen dieselben Elfenkinder kreischend aus der Gasse gestürmt, verfolgt von zwei kleinen Orks und zwei Wolfsmenschenkindern. Ganz, wie es sein muss!
    Ein aufrecht gehender, eisgrauer Wombatmann in feinsten Zwirn mit goldener Uhrenkette geht an uns vorbei und lüftet höflich seinen Zylinder. »Marshall. Deputy.« Ich tippe mir abgeklärt gegen die Hutkrempe und erwidere ein freundliches »Howdy, Bürger.« Der Wombatmann stolpert beinahe und schaut uns verblüfft nach.
    »Hauptstadtslang. Der Marshall kommt aus einfachen Verhältnissen.« Ich werde knallrot, als Lev meinen offensichtlichen verbalen Ausrutscher ausbügelt. Warum der Wombat sich über mein „Howdy“ aber nicht über einen sprechenden Reittiger aufregt, wage ich mich gar nicht mehr fragen.
    Der Wombatmann nickt mir gönnerhaft zu. Vermutlich so ein Neoliberaler, für den ich jetzt als Paradebeispiel gelte, dass man durch harte Arbeit an harte Dollars kommt, oder was man hier als Zahlungsmittel benutzt. Wenn der wüsste.
    Apropos:
    »Kumpel, was ist hier eigentlich das Zahlungsmittel. Wir werden doch bezahlt, oder?« Das leicht panisch klingende Satzende verleugne ich diesbezüglich vehement!
    »Dalleros und Zenteros. Ganz simpel, fast wie früher daheim.«
    Klar, was frag ich auch!
    »Dezimalsystem?«
    »Kenn ich nicht, Boss.« Ok, wie viel Mathe kann man auch von einem Ex-Straßenkater erwarten.
    »Sagen wir, zehn Zenturios ergeben ein Zallando.«
    Er hebt den Kopf und schaut mich misstrauisch auf seinem Rücken an, ob ich ihn wirklich so missverstanden habe, und ganz langsam kommt mein Grinsen hoch. »Du bist so ein Depp, Boss. Ja, zehn zu eins.«
    Unser Flachsen wird wahrscheinlich nicht inhaltlich, aber doch von unserer Körpersprache und unserer lockeren Stimmlage deutlich. Die Leute beginnen sich sichtlich zu entspannen, obwohl ein Apexpredator in Kleinwagengröße mit einem Apex-Nerd auf dem Rücken, sie sowohl von der Statur als auch dem unverständlichen Wortschatz, ganz schön verunsichern dürften.
    Für eine halbe Sekunde stelle ich mir so dumme Fragen, warum alle mich verstehen und ich sie, aber wie wir ja inzwischen alle gelernt haben: Zeit ist eine Illusion und das erklärt alles. Also Schluss mit so blöden Fragen, hin zu etwas weniger Blödem. Vielleicht. Man darf ja hoffen.
    »Wie ist das mit den Tieren hier. Ich habe Pferde gesehen und vorhin einen Hund. Gibt’s auch Wölfe und Katzen?»
    »Hm, ja aber das ist ein heikles Thema. Gibt so ziemlich alles, aber sag besser zu niemandem „blöder Hund“ oder „dumme Kuh“ … oder „Pussy“, wenn du nicht den Konter vertragen kannst.«
    Ich grinse. »Und der wäre bei Pussy?« Natürlich muss ich meinen Tiger am Schwanz ziehen. Wozu ist der sonst da?
    Er grollt bedrohlich, aber da ich auf ihm sitze, spüre ich sein unterdrücktes Lachen. »Mir fällt da haarloser Lackaffe oder hors d'oeuvre ein.«
    Ich klopfe Lev auf den Hals. »Mann, Kumpel, alle Achtung, dein Wortschatz ist ja magnifique.«
    Er schnaubt. »Du willst wohl sagen: exquisite.«
    Scheiße, das wollte ich echt sagen, fiel mir nur nicht ein.
    Vernünftiger, witziger und nun auch noch wortgewandter. Ich muss mich definitiv mehr anstrengen, sonst ist bald Lev der Marshall und ich sein Deputy.
    Wobei, würde mich nicht mal stören. Solange er nicht auf mir reiten will!

    Wir biegen in die lange Kurve der Hauptstraße ein und kommen definitiv in den ärmeren Teil der Stadt. Die Straßenlampen werden weniger, die Gehwege sind eher mit Bohlen belegt als befestigt und auch die Häuser wirken einfacher, sowohl in Machart als auch in Ausstattung. Auch die Bewohner scheinen eher einer anderen Art anzugehören. Sah ich zuvor viele Menschen, Elfen, Zwerge, Minotauren und Wölfe (also die humanoide Art) haben jetzt andere Menschenarten einen höheren Anteil. Ich sehe Hasen (Ja, Playboybunny! - Ich bin so eine niedere Existenzform …), Leute mit Gefieder und sogar Flügeln, und Gesichter, die verdächtig nach Ziegen und Schafen aussehen. Sogar winzige Hornansätze sind zu erkennen, wenn auch die meisten Merkmale unter den fast allgegenwärtigen Hüten verschwinden. Im Ernst: Diese Welt ist etwas für Hutfreunde. Ich hatte keine Ahnung, wie bunt die Hutwelt wirklich sein kann.
    Dann versperren uns fünf Halbstarke den Weg. Eigentlich stehen sie nur im Weg und beachten uns gar nicht, was ich angesichts Levs bedrohlicher Statur, beeindruckend ignorant finde. Jugendliche aller Welten sind da wohl gleich.
    Eine junge Hasenfrau steht in den Mitte, mutig ihre Hände in die wahnsinnig eng geschnürte Wespentaille gestützt. Ihre übereinander geschichteten Röcke lassen es aussehen, als ob sie auf einem Luftkissen schwebt. Zu ihren beiden Seiten haben sich Ziegenjunge und Schafsbock…mensch aufgebaut, ihre Fäuste geballt. Beide tragen Huck-Finn-Latzhosen und sind barfuß … barhufig …
    Ich gewöhne mich sicher noch daran. Ganz sicher.
    Ihnen gegenüber stehen zwei Orkjungs, die ich als etwas älter einschätze, aber das ist wirklich schwer geraten.
    Lev und ich halten an und ich stütze mich entspannt auf seinen steinharten Schultermuskeln ab. Die Orks sehen uns nicht und die anderen drei verraten uns zumindest nicht, auch wenn ich mir einbilde, dass zumindest der Schafskopf ein wenig weniger verzweifelt versucht, nicht wie ein zu allem bereites Opferlamm auszusehen.
    »Wir lassen uns eure Schikanen nicht mehr gefallen!«
    Ja, gib‘s ihnen Hasenzahn. Mach sie runter!
    »Und wie wollt ihr schwachen Herdenleute das anstellen?« Der Ork wirkt nicht ansatzweise beunruhigt. Mir fällt eine Tätowierung an seinem Hals auf und eine ähnliche bei seinem Kumpel. Ein Gangabzeichen vielleicht?
    »Müssen wir gar nicht. Es gibt jetzt nämlich einen neuen SCHÄFER in der Stadt!«
    Ich falle vor Lachen fast von Lev.
    »Sheriff, Mädchen. Es heißt Sheriff!«, rufe ich ihr mit Lachtränen in den Augen zu. Die beiden jungen Orks fahren herum und mustern mich mit guten Ansätzen eines Uruk-Hai-Blicks, aber alles in allem habe ich in Beirut weitaus hasserfülltere Blicke von Kindern abbekommen. Da würden diese Nachwuchsorks schreiend nach Hause laufen.
    »Du bist nicht der Sheriff. Du bist nur ein Marshall.« Der große der kleinen Orks hat wirklich Mumm, das muss man ihm lassen. Er steht keine zwei Meter von Levs Zähnen entfernt. Der muss nur mal ausgiebig gähnen und der kleine Gangster ist Schaschlik.
    »Da hat er Dich wohl erwischt, was Boss?« Die bedrohliche Stimme aus den Tiefen einer Hölle der Urängste bringt den mutigen Ork nun doch dazu, ein paar Schritte zurückzuweichen. Sein Kumpel steht wie erstarrt und seine Hose fängt langsam aber stetig an, von innen feucht zu werden.
    »Musst Du gerade sagen, großes Monster. Du hast gerade einen Hosenmatz dazu gebracht, sich einzupissen. Wirklich eine reife Leistung.«
    Ich lasse mich von Lev hinab gleiten und bete zu den hier ansässigen Gottheiten, dass es nur halb so lässig aussieht, wie geplant.
    »Hört mal, Kinder. Ja, auch du, Ziegenbärtchen. Seid vorsichtig mit Versprechungen, die ihr nicht selbst einlösen könnt. Und Du, nimmst besser Deinen Kumpel und besorgst ihm eine frische Hose. Und wenn ich Dich nochmal sehe, wie Du rechtschaffene Bürger belästigst ….«
    »Was denn, sperrst Du mich etwa ein?«, höhnt der Kleine. Mumm hat er echt. Aus dem könnte was werden, wenn man ihn rechtzeitig eingefangen bekommt. Aber da spricht der eindeutig tote Lehrer aus einem busgeopferten Leben aus mir.
    »Nee, das mache in drei Jahren, wenn ich Dich erwische. Jetzt lege ich … legt Lev hier, Dich einfach übers Knie und wir versohlen Dir den Arsch vor allen Augen. Wie klingt das für Dich?«
    Er zieht seine Augen zusammen. »Das wagst Du nicht. Ich bin Mitglied bei den Nachtklingen.«
    Ich gehe einen Schritt auf ihn zu. Ein billiger Trick, damit er zu mir aufsehen muss, ich weiß.
    »Auch für Dich Hohlbirne gilt dasselbe, wie für die Anderen. Stelle keine Schecks aus, die Du nicht einlösen kannst.«
    Er schaut mich verwirrt an.
    »Die Redewendung kennen die hier nicht, Boss.« Lev flüstert zwar, aber ist ungefähr so subtil wie ein Donnergrollen.
    Ich räuspere mich. »Stelle mich nicht auf die Probe, junger Mann. Wie sie schon sagte, es gibt nun einen neuen Schäfer in der Stadt und der passt auf seine Herde auf. Keine Ahnung, was der alte Marshall so getrieben hat, aber jetzt ist Ehre und Anstand wieder etwas wert.«
    Der Junge spuckt mir vor die Füße und folgt seinem Kumpel, der die scheinbare Unaufmerksamkeit unsererseits zu einem taktischen Rückzug nutzt.
    Immerhin strahlen mich das Hasenmädchen und ihre beiden Freunde an wie 400 Wattbirnen. Dem vieldeutigen Lächeln der jungen Hasendame entnehme ich, dass sie vielleicht nicht ganz so jung ist, wie ich annahm, oder diese Menschenart sehr früh dran ist.
    Dieses Jungend heutzutage. Echt.
    »Geht nach Hause, Kids. Wir müssen weiter.« So lässig wie ich zuvor abgestiegen bin, versuche ich wieder aufzusteigen und Lev hilft netterweise mit. Wir hauen uns zwar gegenseitig gerne mal in die Pfanne, aber vor anderen? Naja, manchmal schon. Aber das macht einen echten Kumpel aus. Er weiß wann es geht und wann nicht.
    Die Kinder gehen ihrerseits brav, aber besonders die Hasendame schenkt mir noch ein, zwei hungrige Blicke.
    Lev lacht leise, als die Kinder endlich weg sind. »Die Kleine hat eindeutig Interesse an Deiner Möhre, Boss.«
    »Du bist so ein Idiot, echt!«

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

  • Der erste Fall

    Am nächsten Tag sitzen wir in aller Frühe, also gegen halb zehn, am Frühstückstisch. Die Betten im zweiten Stock sind zwar nicht frisch bezogen, vermutlich ist die Bettwäsche schon seit Monaten unbenutzt, aber zumindest riecht sie nicht.
    Lev meinte, dass wir so oft im Freien campiert hätten, oder auf dem Oberdeck eines Luftschiffes, dass das hier die reinste Luxusunterkunft wäre.
    Ich brutzle mir ein paar Spiegeleier und Schinken und Lev macht sich über drei Gastro-Dosen Thunfisch her. Manche Dinge ändern sich wohl nie. Seine gewaltigen Muskelberge brauchen ja wohl auch jedes einzelne Mikroprotein, dessen sie habhaft werden können.
    »Kumpel?«
    Brummen.
    »Wie kommt es eigentlich, dass du ein so irres Kraftpaket bist? Ich wollte Dir schon den Titel Muskelkater verpassen, aber selbst mir kam das bei Deinen Muckies zu flach vor. Und mir ist sonst kein Witz zu flach.«
    »Alf ob üff daf nüfft wüffte.«
    Der Inhalt der dritten Dose folgt dem Inhalt der zweiten in beängstigender Kadenz.
    Ich esse schnell etwas direkt aus der Pfanne, nicht, dass ich am Ende gar nichts mehr abbekomme.
    Lev schenkt mir ein müdes Grinsen. Verdammt, erwischt.
    »Ich habe einfach darum gebeten, dahinzugehen, wo Du auch hingehst und so ähnlich wie möglich wie in meiner Bestform, aber auch Dir so ähnlich wie möglich zu sein, damit wir leichter kommunizieren und interagieren können.«
    Ich seufze. Soweit ist es mit mir gekommen. Mein Kater kommuniziert und interagiert mit mir. Oh Tempora, oh Illusiones.
    »So ähnlich wie früher? Du warst Kater-Hulk auf Gamma-Steroiden?«
    Er lacht, was in seiner humanoiden Form nicht ganz so Unheils versprechend klingt. »Du hast mich nur im Alter gekannt. In meiner Bestzeit gehörte mir das Revier von der Hauptstraße hoch, bis zum Neubaugebiet und bis rüber zum ALDI.«
    Ich rechne kurz. »Das waren etwa 800 mal 1000 Meter. Im Ernst?«
    »Wenn ich es doch sage. Damals, war ich der Chuck Norris unter meinesgleichen.« Er grinst nicht mal, als er das sagt.
    »Na hör mal, Chuck Norris! Also ich bitte Dich.« Dann sehe ich, wie er einfach nur seine Mono-Bi-Tri bis Okta-Zepse anspannt und die kurze Hose, die er bisher als einziges Kleidungstück trägt, in Fetzen zu Boden schwebt.
    »Ok, überzeugt. Freut mich den kennenzulernen, der mir alle Liegestütze weggeschnappt hat.«
    Er schaut seltsam zu mir: »Boss, manchmal bist Du selbst mir zu schrägnerdig.«
    Der schrägnerdige Marshall? Ich grinse zufrieden. Damit kann ich arbeiten. Solange ich nur meine Nische habe.
    Wir wollen gerade weiter herum albern, da hören wir ein Pingen. Wir schauen uns fragend an und zucken zeitgleich die Schultern.
    Das Pingen wiederholt sich.
    Wir verkeilen uns kurz in der Tür, weil wir beide wissen wollen, was das ist, aber diesmal gewinne ich. »Klein und schlank quetscht sich vorbei und geht über die Ziellinie. Touchdow…« Ich stehe verblüfft vor dem mir bekannten Wombat, der mich ansieht, als hätte ich sie nicht mehr alle, oder vielmehr als hätte ich noch alle gehabt.
    Was stimmen könnte.
    »Marshall?« Die Hand des Wombats verharrt reglos über so einer Tischklingel, der nur dezent weniger nervigen Vorläuferin aller nervigen Quizbuttons.
    »Wusstest Du, dass wir so eine Dingdingding haben?«, frage ich Lev und er schüttelt stumm seinem Riesenschädel.
    Der pikfein gekleidete Wombat schaut betont neutral an mir runter und mir fällt auf, dass ich außer der braunen Lederhose auch noch nichts anhabe.
    Na los, verklagt mich! Männerhaushalt eben.
    Ich sammle ein, was ich an Würde auf die Schnelle bekommen kann – magere Ausbeute – und stelle mich geschäftig hinter den Tresen.
    »Ja bitte, Bürger. Was kann ich für Dich tun?«
    Der würdige Ältere richtet sich sein Halstuch und streicht seine überhaupt nicht zerknitterte Weste glatt, bevor er antwortet. »Marshall. Ich bin Horatio Dureg, der Bürgermeister von Hightown. Ich dachte, ich begrüße euch am ersten Arbeitstag und bringe ein nützliches Geschenk mit.« Drei Blicke von drei Augenpaaren treffen sich auf der wunderschönen, überhaupt nicht nervigen, hochglanzpolierten, kupfernen Tresenglocke, die auf einer edlen, nussbraunen Holzplatte montiert ist.
    »Ich weiß gar nicht, was ich … wie wir Dir danken können. Die ist bestimmt superner … nützlich.«
    Zum Beweis, wie toll ich sie finde, betätige ich sie zweimal. Dingding!
    Der Bürgermeister ist offensichtlich bereit, Fünfe gerade sein zu lassen, womit er zugleich den Grundstein zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit legt.
    »Wir sind gerade beim Frühstück. Können wir Dir was anbieten?« Lev ist mir mal wieder voraus.
    Dann schnüffeln wir alle zeitgleich. »Meine Eier!«
    Ich flitze in die Küche und höre Levs Grunzkichern und das höfliche, vornehme Hüsteln des Bürgermeisters. Meine verkohlen Schinkeneier rettet das aber auch nicht mehr. Schnell öffne ich die Fenster und kehre in den Eingangsraum zurück, wo Lev dem Wombat einen Stuhl angeboten hat und sich mit dem pelzigen Hintern auf dem Tresen abstützt, der ja ohnehin gerade in der richten Höhe dazu ist. Ich verschwinde kurz im Büro und hole die Weste von gestern. Zwar kein Hemd, aber immerhin nicht mehr barbrüstig. Der gute Wille muss diesmal zählen. Was taucht der gute Mann auch zu einer solch gottlos frühen Zeit hier auf.
    Ich setze mich dem Bürgermeister gegenüber und reiche ihm erstmal die Hand, die nur ganz wenig verkohlt riecht und fast sauber geblieben ist. »Patrick DiPalma. Echt, sehr erfreut Dich kennenzulernen, also offiziell.« Ich schaue ihm in die ehrlichen Augen und wenn es jemals einen Wettbewerb um den distinguiertesten Wombat geben sollte, würde ich sofort all mein Geld auf Horatio setzen. Er erwidert mein Lächeln zögerlich aber dann doch. Ich mag zwar manchmal ein Fettnapfmagnet sein, aber über kurz oder lang vertrauen mir die Leute. Als Lehrer wie Journalist eine Basisvoraussetzung. Wobei mir einfällt, dass ich mich heute nicht rasiert und daher immer noch keine Ahnung habe, wie ich aussehe.
    »Es gibt in der Tat etwas, worauf ich euch aufmerksam machen will. Seit dem tragischen Ausscheiden des letzten Marshalls« Lev und ich schauen uns kurz an und wir erinnern uns beide an die letzte Bitte des Sheriffs: Bleibt am Leben! Ausgeschieden also, soso. Sehr tragisch, ja.
    »hat sich niemand mehr um die immer dreistere Arbeitsvermittlung zur Schuldentilgung durch die Strohmänner der Nachtklingen gekümmert.«
    Wenn man gar keine Ahnung hat, gibt es einen Universaltrick: »Bitte, erzähl mir mehr darüber.« Den Anderen reden lassen.
    Horatio hat eine durchaus angenehme Stimme und hätte als Hörbuchvorleser bestimmt ein gutes Auskommen. Was er uns zu sagen hat ist, allerdings ziemlich alarmierend. Es gibt in Altara die Möglichkeit, dass sogar per Gerichtsbeschluss Schuldner oder deren nahe Verwandtschaft, zum Schuldtilgungsdienst herangezogen werden können. In der Regel werden sie als Arbeitskräfte an den Meistbietenden vermietet, bis die Schuld abgegolten ist. Nur kaufen die Nachtklingen über Strohleute die Schulden auf und verkaufen immer wieder diese Arbeitskräfte in die Sklaverei. Sklaverei ist natürlich verboten. Natürlich. Sklavenähnliche Zustände jedoch, sind eine Grauzone. Immer und überall dasselbe!
    Der Bürgermeister muss meinem Gesichtsausdruck ansehen, wie mich das anwidert und er hebt bedauernd die Hände. »Es ist ein unvollkommenes System, aber es ist das, was wir nun mal haben.«
    Ich schaue fragend zu Lev und der nickt zustimmend. Er wäre auch ein seltsamer Kater, wenn er nichts gegen Ketten und Zwang hätte.
    »Dann, Bürgermeister, wird es Zeit, das System zu ändern.«
    Er hebt an zu widersprechen, aber ich unterbreche ihn, bevor er loslegt. »Es ist ganz einfach: Man ist gegen Sklaverei und damit ganz und gar gegen Sklaverei. Wenn man halbe Sachen macht, kommt immer am Ende Menschenhandel heraus. Immer. Vertraue mir, Bürgermeister, darüber weiß ich eine Menge mehr, als mir lieb ist.«
    Horatio seufzt und nickt. Ich erzähle dem alten Politiker wohl nichts Neues. Aber er fühlt sich machtlos. Na, schön, dafür haben die Götter (oder wer auch immer) uns Marshalls geschaffen. Und falls nicht, hätten sie es besser genau dafür getan.
    »Ich nehme an, Du hast einen konkreten Fall, auf den Du uns ansetzen willst?«
    Horatio mustert mich interessiert. »Um ehrlich zu sein, ich hatte nicht zu hoffen gewagt, dass ein einfacher Marshall sich mit einer mächtigen Organisation, wie den Nachtklingen anlegt. Die anderen Marshalls hatten alle Hände voll zu tun, nur die Straßen sicher zu halten. Von denen hat keiner viel ermittelt.«
    Ich nicke. So langsam wird mir hier einiges klarer. »Ich bin investigativ durchaus geschult und der Nase meines Partners entgeht so leicht nichts. Gib uns nur einen Ansatzpunkt und überlasse uns die Sache.«
    Lev lehnt sich vor und flüstert auf seine unheimlich bedrohliche Art: »Das ist nicht unser erstes Rodeo.«
    Ich verkneife mir mal wieder heldenhaft ein Lachen, zumal das hier wirklich ernst ist. Der Mann vor mir sieht zwar süß und knuddelig aus, aber er ist ein echter Mensch (so in etwa jedenfalls) mit echten Problemen. Ich werde das nicht auf die leichte Schulter nehmen, auch wenn ich mir vorgenommen habe, in diesem Leben, allen Spaß mitzunehmen, den ich fairerweise mitnehmen kann. Aber keinesfalls auf Kosten anständiger Leute. Ich werde den besten Marshall Brave Star abgeben, den ich hinbekommen kann. Zudem will ich auch nicht ewig eine niedere Existenzform bleiben.

    Mit dem Ort und Zeitpunkt der nächsten pseudolegalen Versteigerung ausgestattet, rüsten Lev und ich uns aus. Er erklärt mir endlich das Minitaserding und ich lag gar nicht so falsch.
    »Zwei Läufe, je eine Ladung. Siehst Du den Hebel? Das ist entweder ein Streuschuss, wo ein magischer Blitz auf zwei weitere Ziele überspringt oder Einzelschuss mit …«
    »Zwei mal drei Ladungen, logisch.«
    Lev mustert mich verblüfft. »Du kennst das doch schon?«
    Ich winke ab. Dass Mathematik nicht die ganz große Stärke von Lev ist, habe ich inzwischen kapiert, kein Grund, ihm das dauernd unter die Nase zu reiben. »Einfach gut geraten.«
    Er nickt zufrieden. »Der Streuschuss hat vielleicht fünf oder sechs Meter Reichweite, der Einzelschuss zehn, vielleicht zwölf, Wirkungsgrad rapide abnehmend, je nachdem, wie klar das Wetter ist. Die Betäubungswirkung ist je nach Gegner unterschiedlich, sollte aber mindestens zehn Sekunden anhalten. Nicht gerade viel, ich weiß, aber es dient hauptsächlich dazu, Magiewirker zu unterbrechen. Und du kannst ja Deine Handschellen zum Einrasten benutzen, wirklich eine nützliche Erfindung von Dir.«
    Wow. Wer hat’s erfunden? Nicht die Schweizer, nicht diesmal.
    »Die Implosionsbolzen kennst Du ja bereits aus erster Hand. Sollen Kollateralschäden auf ein Minimum begrenzen, bei maximaler Durchschlagskraft.«
    Wann genau hat mein Partner angefangen, wie T.J. Hooker zu reden?
    »Den runenverstärkten Staubmantel hast Du Dir ja gestern gleich geschnappt. Dein Lieblingsausrüstungsteil. Du meinst, es behindert Dich bei dem Zugang zur Macht weniger als Brutium, was man sonst gegen Magie und Stahl als Panzerung nutzt.«
    Ich füge einen weiteren Waffengurt für die andere Seite und noch einen Blitzer hinzu, wie man die kleinen Biester wohl geschmeidiger Weise nennt. Von Tasern hat man hier noch nie gehört. Wen wundert‘s. Mit Zwölf Schuss fühle ich mich halbwegs ausgestattet, zusätzlich zu dein beiden in der Bolzenschleuder und nochmal zwei von denen in Reserve. Mehr will ich nicht mitnehmen, denn die Dinger sind wohl etwas instabil, wenn man Lev glaubt, was ich natürlich tue.
    Wir machen uns auf den Weg, auch wenn ich irgendwie das Gefühl habe, dass mir etwas Wichtiges entgangen ist.
    »Und Du hast keine Waffen?« Immerhin trägt er nun einen Hut, eine graue Weste, die verdächtig dick aufträgt und eine Jeanshose, sogar ein paar Cowboyschuhe Marke André the Giant. »Aber dafür Schuhe?«
    Er grinst breit und zeigt mir seine Zähne überdeutlich. »Ich bin die Waffen, Boss und die Schuhe? Denkst Du wirklich, es macht mir Spaß, mit den Pfoten dauernd in Hundescheiße, Menschenpisse und Pferdeäpfel zu treten?«
    Überzeugt. Ich werde wohl einen Schlauch zum Waschen seiner Füße anschaffen, wenn er mich schon reiten lässt. Keine Ahnung, warum ich da nicht selbst drauf gekommen bin. Pferde muss man ja nach jeder Tour auch waschen.

    Wir sind zwar zeitig los, aber da wir uns nicht auskennen, kommen wir doch in Verzug. So dreist, ihren Menschenhandel auf dem Marktplatz abzuziehen, sind sie ja noch nicht.
    Lev hebt die Pfote zur Faust und wir halten an.
    Er tippt sich auf die Nase und die Ohren. »Angst. Viel Angst. Viele Leute, Alkohol, Tabak, Betäubungsmittel.«
    Ich nicke und entsichere. »Ranger, lead the way.«
    Lev nickt ebenfalls entschlossen und macht den Ranger.

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

  • Es tut mir leid, aber das trifft hier einfach so exakt meinen dummen Sinn für Humor, um da nicht drauf zu reagieren. Ich hatte angefangen besonders tolle Zeilen zu zitieren, aber das sind viel zu viele - gefühlt jeder zweite dämliche und nichtdämliche Satz. :D

    Anfangs wollte ich nur mal reinlesen und habe es dann gnadenlos hinter mich gebracht. Es ist einfach herrlich unterhaltsam, dumm, und doch seltsam - geistreich. Die Mischung aus trockenem Humor, absurden Einfällen und Vergleichen ist großartig und wirkt im Großen und Ganzen weder beliebig, noch übertrieben. Weil einfach alles übertrieben und doch sympathisch ist. Dein Schreibstil mit den ganzen Metaphern und Vergleichen ist einfach on-point und trägt den Witz und die Dialoge. Der Witz wirkt dadurch nicht aufgesetzt, sondern ergibt sich einfach aus der Situation heraus. Ich mag sowas.

    Und ich liebe die Kombi - Lev und "Paddy". Es wirkt wunderbar organisch. Diese unterschwellige Verbundenheit und die Kampeleien.

    Sehr eigener Ton hier, aber mit einem guten Timing für dummen Humor und tolle Figuren, die einfach Spaß machen.

    Mich würde ja interessieren, wohin das hier noch führt. :rofl:

    LG, Kye



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

  • Sexy Jungfrau (TBD)* in Nöten

    Ich folge Lev in einem Abstand von zwei oder drei Metern. Selbst mit seinen Stiefeln geht er leise wie eine Katze. Also eine Nichtgestiefelte.
    Warum erkläre ich sowas überhaupt?
    Bevor ich recht begreife, was los ist, hat mein Kumpel eine kleine Ratte in einer ranzigen Lederrüstung, wie aus einem unterbudgetierten Sandalenfilm, aus einer Nische gezerrt, an der ich ahnungslos vorbei gegangen wäre. Er packt sie sicher am Genick, entwaffnet sie nebenher und hält sie mir mit beiläufiger Lässigkeit hin. Wow, mein Kumpel hat die Marshall-Sache echt voll drauf. Das zappelnde kleine Wesen kommt mir irgendwie bekannt vor.
    »Wischiwaschi, bist Du das etwa?«, frage ich verblüfft, bis mir auffällt, dass es gar kein Knilch sondern eine Knilchin ist.
    »Du meinst Washiplash, das ist mein Bruder!«, faucht sie mir giftig entgegen. »Der ist ein Mentalbeherrscher und macht Dich alle, Marshall.«
    »Interessant. Mein Kumpel hier ist ein Dentalbeherrscher und beißt Dir den Kopf ab, wenn Du nicht friedlich bleibst. Ich habe nur eine Frage: Geht es da lang zur Auktion?«
    »Ich brenne Dein Haus nieder und spucke auf deine Leiche. Du hast meinen Bruder angegriffen und dafür wirst du sterben.«
    Ah, daher die Feindseligkeit. Schwesterliche Liebe. Muss schön sein, wenn man jemand hat, der für einen die Welt niederbrennen würde. Ich sehe zu Lev und er zurück. Wir grinsen beide, vom selben Gedanken beseelt.
    Korrektur: Es IST schön, so jemand zu haben.
    »Nur, um ganz sicher zu sein, da geht es lang?«
    Als sie anfängt, zu heftig und zu lautstark zu zetern, drückt Lev zu. Richtig zu. Zu-zu! Ich bin entsetzt, als die kleine Frau tot auf dem Boden aufschlägt.
    »Warum?!«
    »Sie hat glaubhaft einen terroristischen Angriff auf das Marshall-Gebäude angekündigt, mit der Absicht einen speziellen Marshall, in diesem Fall, wenig überraschend, Dich, umzubringen und seinen Leichnam zu entweihen. Dann kommt noch gewaltsame Hinderung an der Ausübung unserer Pflicht, und Mitglied einer organisierten Verbrecherbande, die Menschenhandel betreibt, hinzu.«
    Er schaut vielsagend auf die Tätowierung an ihrem Hals, die mir völlig entgangen ist.
    »Umgehende Exekution ist nicht nur rechtsgemäß und angemessen sondern sogar sicherheitsgründlich erforderlich.«
    Ich schaue auf die Leiche, dann zu Lev und dann wird mir übel. Nicht einmal seine geschliffenen Ausdrucksweise findet gerade meine Würdigung. Zum Glück ist direkt neben mir eine Wand, die mir dringenden Halt bietet.
    Lev lässt sich neben mir auf den Boden sinken. Ganz die Ruhe selbst. Der Kater ist, im Gegensatz zu mir, so ein gut ausgebildeter Vollprofi, dass er sogar den Zusammenbruch seines Partners, so gelassen hinnimmt, als hätte er nur darauf gewartet.
    »Scheiße, Lev. Was mache ich hier eigentlich? Ich kenne weder die Gesetze, noch wie man als Marshall wirklich vorgeht? Ich spiele eigentlich nur eine völlig abdrehte Art Cos-Play. Und jetzt ist jemand tot!«
    Er brummt verständnisvoll.
    »Und jetzt stürme ich, ohne Plan, in eine Sklavenauktion. Ich bin verdammt noch mal verantwortlich, wenn denen was passiert! Ich weiß nicht, ob ich das kann.«
    Er stößt mich mit der Schulter an, was mich fast umkippen lässt. Ich glaube, ihm ist manchmal gar nicht klar, was für ein Brocken er geworden ist.
    »Aber ich. Ich weiß, dass Du das kannst, Boss. Im Moment erinnerst Du Dich nicht, schon klar, aber wir machen das schon eine ganze Weile zusammen. Du bist ein Chaot und der größte Nerd, den ich kenne, aber Du hast da diese Kompassnadel in dir drin, die Dich und damit auch mich, noch immer in die richtige Richtung geführt hat. Keine Sorge, wir bekommen das hin. Zusammen. Wie immer.«
    Ich schaue etwas beruhigter aber immer noch mit meinen Zweifeln. Da hebt er mir die Faust entgegen.
    »Hey, Boss. Nicht unser erstes Rodeo!«
    Ich halte meine Faust gegen seine und grinse. »Und bestimmt nicht unser Letztes.«
    Hoffentlich keine berühmten letzten Worte.
    Er zieht mich, wieder einmal, auf die Beine, wartet, bis ich mich soweit im Griff habe und übernimmt wieder die Führung. Ein zerknülltes Stück Papier fällt aus einer seinen Pranken, als er es achtlos fallen lässt.
    Ich steige wortlos darüber und nehme an, ein erfahrener Western-Cop wie Lev, macht vor so einer Aktion eben einen Plan. Gut, so hat wenigstens einer von uns einen.

    Ungesehen und ungehört kommen wir zu einem Hinterhof mit zwei Zugängen, soweit wir es sehen.
    Einen haben wir gerade geräumt, vor dem anderen steht eine Minotaurin, die in aller Fairness zu den ganzen bezaubernden Elfinnen, Hasendamen und Orkvalküren, die ich bis jetzt getroffen habe, so attraktiv aussieht, dass würde sie mich um ein Date bitten, ich vermutlich nur herum stottern würde. Ihr maßangepasster Ketten-Büstenhalter und ihr Kettenrock wären beinahe komisch, wenn sie nicht ihre sehr ansehnlichen Rundungen perfekt in Szene gesetzt hätten. Vervollständigt wird die martialische Luxusästhetik durch den Urvater aller Hämmer, die je den Lukas gehauen haben.
    Lev stößt mich sanft an und macht mich auf die Sklaven aufmerksam.
    Im hinteren Teil des Hofes werden gerade ein halbes Dutzend apathische Gestallten mit Fußketten von einem weiteren Mino zusammentrieben. Nur eine menschliche Ware steht noch zum Verkauf. Und was das für eine Ware ist!
    Ein Mädchen. Falsch, eine Frau. Definitiv eine Frau. Feuerrote Haare, eine zwei Nummern zu kleine Bluse, die weit genug aufgeknöpft ist, um zu sehen, dass sie darunter keine Unterwäsche trägt. Und ein knapper, schwarzer Rock, der kaum bis zu den Knien reicht, dazu ewig lange Beine, für die diese vielleicht einsfünfundsechszig große Frau, wenigstens zwei Meter groß sein müsste. Mit zwei kleinen roten Fuchsohren mit weißer Spitzen und einem gleichgefärbten Fuchsschwanz, der irgendwie den Weg aus ihrem verlängerten Rücken durch den Rock gefunden hat, stellt sie in etwa genau das Bild dar, was der pubertäre Sohn meines früheren Nachbars sich verträumt auf seinem Handy angeschaut hätte, anstatt, wie ausgemacht, meinen Rasen zu mähen.
    Ich gaffe und Lev gafft auch. Niedere Existenzformen halt, aber Du meine Güte, wenn man so etwas zum Ersten Mal live sieht!
    »Sag mal, Boss?« fragt Lev kaum hörbar. »Ich wollte Dich das schon lange mal fragen. Was genau hast Du zum Engel gesagt, in welche Art Welt Du willst?«
    Ich fühle die heiße Farbe in meinen Wangen aufsteigen und danke dem Schicksal, dass mich der Auktionator vor einem gestotterten Bekenntnis rettet.

    »Und nun zum Höhepunkt dieser Veranstaltung. Ein Fuchsartige aus dritter Abstammung. Schaut euch das Prachtweib an. Gelernte Fernwarenfrachtreferentin, beherrscht Buchhaltung, Organisation, Datenanlyse, diverse Fremdsprachen und Kulturkenntnisse. Die lassen sich bestimmt auch für … andere … Verwendungszwecke gut nutzen!«
    Diese Stimme? Den Auktionator kennen wir doch?
    »Höre ich zehn? Zehn. Zehn sind geboten, höre ich … ich höre hundert, zweihundert, zweihundertfünfzig.«
    Ich stoße Lev an und schaue auf den Minomann neben den Gefangenen. Er nickt zustimmend und ist geräuschlos mit einem Sprung und einem Klimmzug auf dem Dach neben mir.
    Du meine Güte. Warum bin ich nochmal der Boss?
    Aber das einzige, woran es mir noch nie gemangelt hat, ist die Fähigkeit, voller Überzeugung mein Unwissen durch Dreistigkeit zu überdecken. Eine Gabe, was soll ich sagen?

    »Zweihundertfünfzig?« Ich mache eine Kunstpause, während ich so lässig wie möglich, die Bolzenschleuder über der Schulter, in den Hof hineintrete. Ein langer Blick in die Runde, um Lev noch ein paar Sekunden zu erkaufen, aber ich kann ihn schon auf dem Dach über dem Kopf des Minos sehen. Der Arme wird gleich an akuter Katzenallergie leiden.
    »Diese bezaubernde und fähige junge Dame, ist mindestens eintausend wert! Na los, ihr traurigen Ausreden für menschlichen Abschaum. Wer bietet Eintausend?«
    Meine Stimme zuerst im Plauderton wird mit jedem Wort härter und kälter. Als meine Bolzenschleuder herunter schwenkt und auf die Masse der Käufer zeigt, dämmert den Ersten, dass ich nicht einfach ein weiterer Käufer bin, sondern wohl das ganze Warenangebot zum Sondersparpreis übernehmen will.
    Wischiwaschi, nein Washiplash, wie ich mich erinnere, schaut mich wütend an. »Ein Zauberfizzeln, Kleiner, und du folgst Deiner Schwester.«
    Er lässt seine Hand erstarren, die gerade zu seiner Stirn wandern will. »Washinta? Was hast Du mit Washinta gemacht, Marshall?«
    »Ich? Nichts. Aber sie ist den Weg alles Sterblichen gegangen. So ist das nun mal, in eurem Geschäft. Es endet oft abrupt und unschön. Und nun Hände … runter, wo ich sie sehen kann. Und der Rest rührt sich n…«
    Naja, der Rest hört mir gar nicht mehr zu, sondern rennet, rettet, flüchtet und dabei das sexy Mino-Model beinahe über den Haufen. Ein paar versuchen noch ihre Käufe mit sich zu zerren, aber dem ist ein maximal aufgepumpter Lev vor, der sich einfach vom Dach fallen lässt und drei von ihnen unter sich begräbt.
    »Was? Das kannst Du nicht machen, Marshall. Das ist alles legal. Ich habe hier die Schuldnerverträge.«
    Der Rattenmann schaut mich tückisch an und holt ganz langsam einen Stapel Papiere aus einer Weste. Lev haut gerade die Minotaurenwache mit einer Rückhand aus dem Bewusstsein und verwandelt sich, als die weibliche Stierfrau … Kuhfrau … mit ihrem Hammer auf ihn zukommt, aber sich offenbar zurückhält, um auf Anweisungen zu warten. Nicht nur hübsch und stark sondern auch klug. Die gefährlichste Art von Frau. Und die Aufregendste.
    Ich schnappe mir die Papiere, ohne Washiplash länger als eine Sekunde aus den Augen zu lassen, gehe dann drei Schritt zurück, um alles besser im Blick zu haben. Der Rattenmann grinst auf die Art siegesgewiss, die ich ihm nur zu gerne mit einem Bolzen aus dem Gesicht implodieren würde.
    Dann sehe ich mir die Verträge durch. Kompliziert sind ja nicht gerade, wenn man irdische Verträge kennt, sogar kindlich einfach.
    »Siehst Du, ich habe das Recht, sie zu versteigern.« Sein Grinsen wird noch breiter und bösartiger.
    »Ja, das habt Ihr Euch ganz clever so vorgestellt, hm? Aber hier steht nichts von Gefangenhalten oder Sklavenauktion. Hier steht sogar etwas von Kooperation zur Schuldentilgung.«
    »Ja, und?«
    Ich nicke auf die sichtbar weggetretenen Gefangenen, wie einer sogar in sich zusammengesunken eingeschlafen ist.
    »Koop, Du Hohlbirne, heißt gegenseitig. Nicht betäubt und durch Fesseln am Weglaufen gehindert. Nein, das ist Sklavenhandel. Und das heißt …« Ich schaue zu Lev, der wieder seine humanoide Form hat. »Steinbruchinsel, Salzminen oder Galgen, je nachdem, wie der Magistrat drauf ist.«, antwortet der, ohne dass ein Atemzug dazwischen gepasst hätte. Mein Partner eben!
    Rattenmänner können bleich wie eine Wand werden. Ich habe ein deutliches Beispiel gerade vor mir.
    Ich trete zu der Frau auf dem Podest und überreiche Ihr den Schuldnervertrag, der auf eine Kira Feuerstreif, leicht an ihrem gemalten Passfoto zu erkennen, ausgestellt ist. »Bürgerin, Du bist frei. Für die Unannehmlichkeiten werden Dir hiermit Deine Schulden erlassen. Gehe hin und sei ein auch fürderhin produktives Mitglied der Gemeinde.«
    Lev hebt seine Augenbraue. Too much?
    »Das kannst Du nicht machen. Das ist doch …« Man merkt, ich bin wirklich nicht gut genug in diesen SWAT-Dingen. Während ich noch drauf warte, dass Washiplash seinen Satz zu Ende bringt, ist er zum liegenden Minotauren gesprungen, der gerade wieder zu Bewusstsein kommt. Er greift den Stier zwischen den Hörnern und brüllt ihm ins Ohr: »Töte den Marschall, töte sie beide!«
    Lev will dazwischen gehen, aber die Minotaurin fängt ihn ab, mit bloßen Händen! Ihren Hammer hat sie fallen gelassen. »Bitte, töte ihn nicht Marshall, mein Lukas ist nicht so, das ist der Mentalist.«
    Lev mag zwar blutig konsequent sein, wenn er muss, aber wir sind beide keine Killer. Gut, gewisse Mäuse, Vögel und Schlangen werden da vehement widersprechen, aber zumindest schleudert er die schöne Taurin mit einem Minimum an Krafteinsatz aus dem Weg.
    Leider hat ihr Lukas … echt, hat sie Lukas gesagt? … inzwischen den Kopf gesenkt und rast auf mich zu.
    In diesem Moment erlebe ich das, was wir Philosophen eine Epiphanie nennen. Was nur ein klugscheißendes Wort für Offenbarung oder schlagartige, weltbilderschütternde Erkenntnis ist.
    Ich sehe das Gewebe.
    DAS Gewebe.
    Vielleicht das berühmte Higgs-Feld, was weiß ich denn schon? Ein Bild hat mir noch keiner davon gezeigt.
    Es durchdringt aber alles Einfach alles!
    Alles ist mit Allem verbunden. Wirklich alles. Diese verflixten Holisten hatten ja so verdammt recht. Alles hängt mit Allem zusammen.
    Ich sehe Stränge, Fäden oder Taue, die von einem Wesen und von einem Ding zum anderen gehen. Lichtpunkte schießen hin und her, kleine Farbgeisiere tauchen auf und verschwinden.
    Lev und ich haben so ein Band: Stark und fest, wie die Ankerkette eines Flugzeugträgers. Die Kette der Fuchsfrau ist mit dem Kopf des mentalisierenden Rattenmanns verbunden. Der Kopf des Minos, der auf mich zustürmt, mit dem Finger des Mentalisten und der Bolzen in meinem Bolzengewehr mit dem Finger des Gedankenzauberers.
    Ich kann den Heranstürmenden nicht mehr aufhalten, ok, aber ich kann noch abdrücken.
    Die Kraft, als ich mit Macht den Faden ergreife, metaphorisch, oder vielleicht auch nicht, who cares, bringt das Geschoss zielsuchend ins … naja, Ziel eben.
    Washiplashs Hand verschwindet in einer umgekehrten Explosion und er starrt entsetzt auf das, was von seinem Arm noch übrig ist.
    Dann nimmt mich Lukas mit der Kraft einer Lokomotive auf die Hörner.
    Die Welt verliert ihre Gravitation, alles beginnt zu schweben, bis auf die Wand, an der mein Kopf aufschlägt. Die bleibt natürlich standhaft.
    Zuerst vom Bus überrollt, jetzt vom Stier niedergetrampelt. Will das Universum mir etwas sagen?
    Mein Blickfeld wird rapide enger.
    Mal wieder.


    *To Be Determined – noch zu untersuchen

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

  • (Illusorisch) kurze Zwischenspiele

    Ah, so man sich wieder. Ich grüße den Engel freundlich, nur dass er diesmal keine Toga und Flügel hat, sondern total casual in Jeans und Flanellhemd auf mich wartet.
    »Genau pünktlich.« Da ist er wieder, dieser onkelhaft gönnerische Tonfall.
    Habe mich beeilt.
    »Wirklich? Oh, ha. Ha, haha. Sehr lustig, wie gewohnt. Bereit, fortzufahren?«
    Fortzufahren. Bin ich nicht tot?
    »Nein. Also nicht so ganz. Ich will nicht spoilern, euch linearen Lebensformen missfällt das doch.«
    Oh, spoilere ruhig, macht mir nix aus, so gar nix …
    »Ha, schon wieder ein Scherz. Ich freue mich immer, wenn wir uns treffen. So eine Frohnatur!«
    Immer wenn? Wie oft … ?
    »Bis zum nächsten Mal!«
    Er winkt noch und …

    *****

    Vor einigen Illusionen

    … ich stehe vor dem Akademietor zur Trainingsanlage.
    Königlich Gräfliche Investigations Agentur
    12-Länder-Marshall-Corps
    Das steht da auf einem blitzeblanken, bronzenen Schild neben dem Tor. Darunter ist ein Kreis mit einem zwölfzackigen Stern. Moment, mein Stern hat doch nur sechs Zacken?
    Ich suche nach dem Abzeichen, aber keine Weste, keine Waffen, kein Hut.
    Kein Hut!
    Außer einem ziemlich südlich anmutendem Freizeit-Anzug und eigenartig gewickelten Stoffschuhen, irre bequem, mit absolut einzigartigem Gefühl für Bodenkontakt, trage ich nichts.
    Aus der Trainingsarena höre ich unverkennbaren Lärm. Da spielen sie entweder American Football, machen Baumstammwerfen oder da prügeln sich eine Menge Leute.
    Baumstammwerfen, woher ich das kenne? Das ist die Frage, echt jetzt?
    Dazu komme ich vielleicht ein andermal.
    Jetzt beschleunige ich erst einmal. Nennen wir es ruhig die Neugier eines Gesetzeshüters. Genau, klingt hinreichend plausibel. Sensationsgier kenne ich schließlich gar nicht. Ist mir völlig fremd, weswegen ich noch etwas schneller gehe.
    Grobgeschätzt ein Dutzend Leute, alle in eine Kluft wie ich gewandet, (ja GEWANDET), prügeln auf jemanden am Boden ein, der es aber offenbar immer wieder schafft, einen der Angreifer einige Meter wegzustoßen.
    Tatsächlich kommt derjenige wohl gerade wieder auf die Beine. Darauf haben aber zwei Minos nur gewartet und stürmen ohne Rücksicht auf Verluste in das Knäuel Leute, um alle, auch den Hünen in der Mitte umzuwerfen. Mann will wohl um jeden Preis den Großen am Boden halten.
    Dann erkenne ich den Großen. Das hat verständlicherweise gedauert, denn er trägt diesen gleichen schlafanzugartigen Anzug wie wir alle, und, ihr wisst, ich liebe den Großen, aber darin sieht er einfach zum Schießen aus.
    Er schaut in meine Richtung, blockt ein halbes Dutzend Schläge mit seinem Unterarm. »Boss, kannst Du Dich nachher totlachen und mir hier mal helfen?« Lev klingt etwas angestrengt und wenn mein Kumpel angestrengt klingt, dann bewege ich besser meinen Hintern, bevor er nicht nur so klingt. Bisher ist er in seiner humanoiden Form und klatscht mit flacher Pfote seine Angreifer weg. Um fair zu sein, sie versuchen auch ihn nicht vorsätzlich am Kopf oder in der Strafzone zu treffen. Aber es sind fucking 11 gegen 1 und die Jungs und Mädels kämpfen koordiniert, wie man es von ausgebildeten Marshalls auch erwarten kann.
    Ganz automatisch legt sich das Netz, das Gewebe, der Stoff, der alles verbindet, über meine Sicht. Ich sehe Dinge, wie sie im Entstehen sind, wo sich Kraft aufbaut, wo sie sich verliert, wo sie sich konzentriert oder wo sie fast ganz fehlt. Und vor allem ist da das starke Seil zwischen mir und Lev. Das ist alles was ich brauche. Ich greife danach und lasse mich von der Kraft durch die Luft tragen.
    Um nicht immer mit der besonderen Weltsicht, wie sie sich wohl nur mir bietet, zu nerven, erwähne ich sie nur noch in speziellen Fällen. Und wenn ich damit angeben will. Also noch oft genug, keine Sorge.
    Die Kraft katapultiert mich genau auf Lev zu. Ich erkenne Schwachstellen an den Gelenken der flinken Katzenartigen, bei Brustkörben der Minos, in den unteren Rücken der Orks, in den Schädelknochen der Elfen, und, und, und natürlich nutze ich keine davon aus. Das hier sind Kameraden und auch wenn das Sparring ziemlich hart ist, will hier niemand einen Anderen vorsätzlich verkrüppeln. Hoffe ich wenigstens.
    Also packe ich einen Arm mit dem Bein und klemme ihn mit dem Kniegelenk ein, drehe mich in der Luft und zwinge den Elf, der an seinem Arm hängt, so oder so, mit mir mitzugehen und schleudere ihn von Lev weg. Der Orks, der gerade ein wenig seinen Standpunkt verlagert, bekommt einen schon zärtlichen Stoß mit der Ferse auf einen Kraftpunkt und es reißt ihm das Standbein weg. Autsch, das hat sicher wehgetan. Hätte ihm aber auch den Knöchel brechen können.
    Mit der Hand packe ich das Horn des einen Minos, nutze meinen Schwung und dessen Masse, um über ihn zu setzen und eine Menschenfrau per Dropkick gegen die Schulter in den Sand zu befördern.
    Dann ist Lev auf den Beinen. Er wischt sich Blut von der Nase und knurrt warnend, als sich ein anderer Elf vorwagt. Der zieht sich schlauerweise gleich zurück.
    Ich beziehe neben meinem Kumpel Stellung. Ein gutes Gefühl.
    »Wo warst Du solange? Der Engel hat gemeint, ich treffe Dich hier.«
    »Was soll ich sagen: Zeit ist eine Illusion?«
    Er knurrt: »Sag das meinen lädierten Knochen. Und ihren!« Er deutet auf die zerschlagene Mannschaft, die sich langsam wieder aufrappelt und im Kreis um uns herum postiert.
    »Ich wurde aufgehalten. Aber jetzt bin ich ja da. Bereit für unser erstes Rodeo?«
    Er lacht und hält mir die Faust hin. Ich schlage meine dagegen.
    Das ist das Zeichen für unsere Kameraden.
    Die folgende Prügelei kann ich mit einem Wort, zwei Silben beschreiben:
    E-PISCH!
    Was vermöbeln die uns! Und was vermöbeln wir sie! Kein Kopf und keine Weichteile, alles andere ist erlaubt. Und alles andere wird getroffen. Oft. Sehr, sehr oft.
    Irgendwann geht Lev als Erster von uns wieder zu Boden, zu meinem maßlosen Erstaunen. Meine Fähigkeit, Angriffe zu antizipieren, ist wirklich ein echter Ausgleich zu einer urzeitlichen Wildheit. Aber keine zehn Sekunden später haben sie dann auch mich. Es ist einfach Tatsache: Ich bin nur mit meinem Partner (fast) unbesiegbar.
    Dann ertönt die Pfeife des obersten Ausbilders, ein grauer, alter Wolfsbärmann. Ja, es gibt gemischte Menschenrassen, selten zwar, weil die Muttergene meist dominant sind, aber es kommt vor. Ich meine, für die Genetiker unter uns: Klar sind alle Gene vorhanden, also sind sie schon immer gemischtrassig gewesen, aber seien wir mal nicht päpstlicher als der Papst. Zumal es in dieser Welt keinen Papst gibt. Soweit ich weiß.
    »Heiler, versorgt die Truppe, aber nicht zu gut. Schmerzen sind Fehler, die den Körper verlassen.«
    Ich grinse und flüstere Lev zu: »In jeder Welt muss es wohl Vollmantelgeschosse geben.«
    Lev ist ohnehin fein raus. Dessen Regenerationsfähigkeiten können mit denen von Wolverine um die Wette generieren.
    Ich zupfe ganz diskret ein paar Kraftfäden an, während der kleine Hamsterheiler mir seine Heilkraft durch den Körper schickt und verstärke sie dadurch. Überrascht reißt der kleine Medizinmann seine Augen auf, als er es bemerkt, aber ich hebe schnell grinsend meinen Finger vor die Lippen. Er versteht und lächelt zustimmend. Später gehen seine Drinks auf mich, nehme ich mir fest vor.
    »Du kannst Magie?« Levs Sinnen entgeht nichts. »Nein, keine Magie. Ich bin „Patrick-Wang-kennt-Opi“, der wirklich und echt allerletzte Jedi.«
    »Ist das nicht geschummelt?«
    Ich lache. »Klar ist das geschummelt. Seit wann spiele ich fair, wenn es darum geht, mir Dresche zu ersparen?«
    »Oder Arbeit zu vermeiden. Oder nicht dran zu sein, mit Pizza holen …«
    Ich unterbreche ihn, weil er vermutlich noch minutenlang so weitermachen könnte.
    »Ja, ich bin einfach schlecht. Ok? Eine niedere Existenzform. Zufrieden?«
    Lev grinst zufrieden, was unseren Ausbilder auf den Plan ruft.
    »So, Kadett Bendi. Du scheinst ja sehr zufrieden mit Dir zu sein.« Kadett Bendi schaut hilfesuchend zu Kadett DiPalma und der, also ich, springt ihm innerlich seufzend zur Seite.
    »Sicher sind wir zufrieden, Master General Marshall, Sir. Wir haben an jeden soviel ausgeteilt, wie alle anderen und die haben soviel eingesteckt wie jeder von uns. Lev und ich sind ein erstklassiges Team.«
    Schweigen breitet sich über dem Hof aus. Man kann den leichten Wind hören, wie er den Sand bewegt. Die eisigen Augen des Wolfs starren uns förmlich nieder. Die Spannung steigt bis ins Unerträgliche, als einer der Orks es nicht mehr aushält und hingebungsvoll furzt.
    Der General Marschall ist der erste, der sich vor Lachen fast nicht mehr einkriegt und schnell liegt sich der ganze Ausbildungszug lachend in den Armen.
    »Ja, ihr zwei seid wirklich ein gutes Team. Nur lasst Euch das nicht zu Kopf steigen. Ein Zwölfstern-Marshall arbeitet meistens alleine. Ihr könnt Euch also nicht immer aufeinander verlassen …«
    Also die Wette halte ich.


    *****


    Ein paar Illusionen weiter

    »Das ist nicht üblich.«
    »Das ist uns bekannt, Hauptmann-Marshall. Aber wir sind schon ewig Freunde und haben uns nur deswegen hier gemeinsam beworben, um zusammen für den König Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten.« Ich finde, ich klinge ehrenhaft, plausibel und durch und durch marshallig. Gibt es das Wort überhaupt?
    Warum der Hauptmann nun schmunzelt, kann ich nicht nachvollziehen.
    »Aber natürlich. Keine andere Antwort hätte ich von einem Königlich Gräflichen Investigations Agenten erwartet.«
    Ich grinse pflichtschuldig. Niemand nennt uns so, außer wir bekommen einen hochoffiziellen Orden oder eine hochoffizielle Beisetzung. Wer aber sowas erwartet, sollte wirklich kein 12Star-Marshall werden. Orden gibt’s fast nie und gestorben wird meistens einsam in einem Drecksloch.
    »Angesichts der letzten drei hochriskanten Missionen, die ihr nachweislich nur durch Eure optimale Zusammenarbeit so erfolgreich gestallten konntet …«
    »… nicht zu vergessen unser gutes Aussehen und unsere beispiellose Bescheidenheit …«, huch, habe ich das laut gesagt?
    Der Hauptmann räuspert sich und Lev schaut verzweifelt zur Decke, um nicht im Boden versinken zu müssen. »… hat das 12Star-Mashall-Kommando beschlossen, Euch weiterhin als Team zusammen zu lassen. Um die erhöhten Einsatzkosten zu decken, werden aber Eure Lohnerhöhungen jeweils immer um ein Jahr später erfolgen.«
    Ich will schon Einspruch gegen diese bodenlose Ungerechtigkeit erheben, bekomme aber einen warnend verhaltenen Schlag von Lev zwischen die Beine. Nein, Lev hat keinen einzigen Muskel an den Armen oder den Beinen bewegt. Unfair!
    »Ich gratuliere euch. Und jetzt Marshalls, schwingt Eure Ärsche aus meinem Büro und holt Euch euren nächsten Auftrag. Ich hörte sie haben da etwas für Euch in den wilden Landen, ganz, ganz weit weg von hier …«

    Im Saloon feiern wir ausgiebig.
    »Als ob sie eine Wahl hatten, Boss. Wir wären einfach ohne unsre Sterne losgezogen. Banditenjagen kann man auch als Kopfgeldjäger.«
    Ich proste ihm zu. »Und man verdient weitaus besser.«
    »Wenn man am Leben bleibt und den Heiler bezahlen kann. Dann Unterkunft, Verpflegung und Transport, die der Königliche Schatzmeister für uns übernimmt, ein Kopfgeldjäger immer selbst trägt. Und wir haben Zugriff auf das Militär …«
    »Ja, ja, schon gut, Spaßverderber. Ich hab‘s kapiert. Die Kopfgeldjäger sind die armen Schweine.«
    Lev winkt der Kellnerin, um einen neuen Hafen voll Bier zu ordern. Bei einer Feier hält er sich nicht mit Humpen auf. Er will schließlich etwas davon haben, bis sein rasanter Stoffwechsel jede Wirkung zunichte macht. »Als ob wir nicht genug dazuverdienen würden. Immerhin gibt da jemand, der kein Banditennest auslassen kann, jedem Gerücht nach einer Schatztruhe nachgehen muss und Piraten schon nachsetzt, wenn er nur den Jolly Roger am Horizont erahnt.«
    Schuldbewusst versenke ich meine Nase im Bierkrug. Schon möglich, dass mich der alte Komplettierungszwang aus der Gamerzeit nicht völlig verlassen hat.
    Lev klopft mir freundschaftlich auf den Arm. »Ich beklage mich gar nicht, Boss. Mit Dir ist immer was los. Und die vielen heißen Mietzen, die Du immer ausschlägst, sind auch nicht zu verachten.«
    Mit heißen Mietzen, meint er heiße MIETZEN, also Katzenmenschendamen. Nicht, dass ich nicht schon Levs Flügelmann bei Doppeldates war und diese Katzenmädchen echt der Hammer waren, aber ich bin wohl eher der Mann für langfristige Beziehungen. Und diese … Mädels und Lev, bei denen ist eine schnelle Nummer oft mit Gekreische, Liebesbissen und blutigen Streifen auf Rücken und Schenkelinnenseiten verbunden. Ab und zu ist das ja mal was, aber meine Vorstellung von Zärtlichkeit ist eben doch deutlich weniger krallenorientiert. Zum Glück ist Lev Kater genug für zwei. Oder drei.
    »Hm, wir brauchen wohl ein Luftschiff.«
    »Liegen doch genug im Hafen, Boss. Eines wird schon in unsere Richtung fahren.«
    »Du missverstehst mich. Ich meinte wir brauchen ein Luftschiff. Wird Zeit, etwas unabhängiger zu agieren. Und eine Mannschaft.«
    Er lacht. »Es geht um Kapitänin Valentina, stimmt’s. Die Rote Korsarin hat es Dir angetan. Und ihr Gejammer, mit Ihrer Crew auf dem Trockenen festzusitzen?«
    Ich räuspere mich empört. »Wie kannst Du so etwas sagen. Ich habe nur unsre Missionen und den Auftrag des Kaisers im Sinn!«
    »König.«
    »Hm?«
    »Wir dienen einem König.«
    »Ja, wegen mir auch dem ...«

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

    Einmal editiert, zuletzt von Tom Stark (7. Februar 2026 um 22:32)

  • Und noch einige Illusionen weiter

    Der Blitz schlug erneut ein und gleich noch einer. Und das in einem wunderschönen wolkenlosen Mittagshimmel. Morgenmond und Abendmond schauen über den Horizont und während Sorin, der Abendmond sich schnell vor dem Gemetzel davonmacht, scheint Surin neugierig aufzusteigen, um eine bessere Sicht zu haben.
    »Sie versuchen nun koordinierte Schläge. Endlich. Ich hätte mich nicht mehr lange als so unfähig, denen zu entwischen, darstellen können.«
    Kapitänin Valentina, meine rote Korsarin, grinst übers ganze Gesicht.
    »Bagbordseite, Steuerbordseite, Luftstacheln bereithalten. Zielen und Abschuss bei Treffsicherheit nach Kommando!«
    Jetzt hatten wir sie endlich da, wo Vally sie haben wollte. Die drei Piratenschiffe waren im Laufe der Luftschlacht immer näher gekommen, hatten eifrig versucht, den Haken und der scheinbaren Flucht der Century Eagle entgegenzusteuern.
    Beinahe hätte ich unsere Neuerwerbung doch „Millennium Falke genannt“, aber dann kam mir der Gedanke, dass es George L. durch einen dummen Zufall auf diese Welt verschlagen könnte. Klar, Eins zu einer Million, aber ich bin ja auch hier gelandet und wie hoch war die Chance wohl dafür? Und wenn ich eines nicht will, dann einen meiner wenigen geistigen Väter in die peinliche Lage zu bringen, bei Bedarf seinem Schiff nicht seinen Namen geben zu können. Genau deswegen schied ja auch Enterprise aus.
    Aber meine Jahrhundertadler hat sich selbst einen guten Namen gemacht. So gut, dass nun die Luftpiraten sich zusammenschließen, um uns zu jagen. Oder wie die Rote Vally es ausdrückt: Das Vieh kommt von selbst zur Schlachtbank.
    »Pat, wirst Du wieder Entermannschaft Zwei anführen?«
    Ich lächle meine schöne rotmilanartige Freundin an. Sie ähnelt ein wenig der Sorceress aus Master of the Universe. Und zu meinem Liebesglück hat sie keine Krallen und außer den sehr sexy Federn an Kopf, Rücken und Armen einen überaus menschenfraulichen Körperbau. Ok, Krallen hat sie schon auch …
    »Klar. Muss ich ja. Keiner traut sich sonst, den Blitzableiter zu halten.«
    Außer Lev, der Enterkommando Nummer Eins anführt.
    »Ich verstehe immer noch nicht, warum du die Rüstung von Sankt Ben Franklin nicht auch unseren Sturmbooten anlegen kannst.«
    Ich seufze und versuche ein weiteres Mal das zu erklären, vermutlich wie immer, ohne nachhaltige Wirkung. »Diese Rüstung habe ich doch nur so genannt, damit unsre Leute sich nicht eingesperrt fühlen. Eigentlich heißt sie Faradayscher Käfig. Aber einmal die Panik, unsrer tapferen aber einfach gestrickten Dumpfbacken, die während des Gewitters den Käfig aufschneiden, damit sie im Notfall raus können, hat mir gereicht. Die hätten uns mit dieser Aktion beinahe umgebracht. Der Kä … die Rüstung muss rundherum geschlossen sein und anfassen darf man sie auch nicht, sonst bekommt man ja die Macht der Blitze trotzdem ab. Und da unsre Jungs und Mädels nicht imstande sind, die gummierten Absprungstellen zu nutzen, können wir uns einen schweren Käfig um die Sturmboote sparen.«
    Ich habe inzwischen lernen müssen, dass die wenigstens Leute, sich für SWAT, die Navy Seals oder das A-Team eignen.
    Vally schaut auch schon leicht abwesend. Physik ist in dieser Welt einfach … Physik.
    »Du sagst also, die Magie wendet sich gegen uns, wenn wir die magische Rüstung berühren.«
    »Äh, ja, genau.« Was soll ich denn sonst sagen?
    »Und deswegen hast du die Reling und Luken für den Hangar anbringen lassen?«
    Nein, die habe ich anbringen lassen, weil uns schon drei Leute bei einem Sturm vom offenen Startdeck geweht wurden. Die Sicherheitsanweisung, „Wer sich nicht selbst genügend sichert, ist aus gutem Grund tot“, erscheint mir als verantwortlicher alter Erdling nicht ausreichend.
    »Ja, genau.« Was soll ich denn sonst sagen?
    Sie lächelt und bei dem Lächeln, ist mir völlig egal, wie physisch die Magie oder umkehrt ist. Ihr Lächeln ist mit Sicherheit magisch.
    »Die Rüstung war teuer und macht uns träge, aber damit werden wir sogar diese zwei Zerstörer und die Korvette bezwingen. Das wird eine reiche Prise. Schon eine Idee, was Du mit Deinem Anteil machen wirst?«
    Ihr vielversprechendes Lächeln lässt mich zurückgrinsen. »Ein größeres Bett für unsre Kabine kaufen.« Wir lachen beide. Dann gibt sie das Kommando.
    Die Century Eagle schießt genau zwischen der „böser Karnickel“ und „No’Sink“ durch, normalerweise der Tod jedes Luftschiffs unsrer geringen Größe. Die Blitzbatterien würden uns durch grillen und hilflos in der Luft treiben lassen. Aber durch den Drahtkäfig sind wir ja „magisch“ vor ihren Blitzen geschützt. Wenn unsere „Luftstacheln“ treffen, werden sie sogar ihr elektroblaues Wunder erleben. Falls Michi Faraday oder Benny Franklin eines Tages hier auftauchen, spendiere ich ihnen lebenslang Bier in einer Spelunke ihrer Wahl.
    »Stacheln schleudern!«
    Sechs Torsionsgeschütze auf beiden Seiten spucken ihre Ladung aus, übergroße Speere mit langen Drahtseilen, verbunden mit unserer „magischen Rüstung“.
    »Zwei Backbord, Vier Steuerbordtreffer!«, meldet der Erste Geschützmaat.
    »Maschinen aus, Hände weg von der Außenhaut. Sturmboote klarmachen!«
    Ich salutiere Valentina mit der Hand an der Stirn, ein witziger Brauch, den ich irgendwann anfangen habe und der sich bei der Mannschaft durchgesetzt hat. Normalerweise stampft man hier mit dem linken Fuß auf und hämmert sich mit Rechts an die Brust. Sehr unpraktisch auf einem bockenden Schiff und wenn man sich gerade an einer Waffe festhält.
    Das blaue Wunder geschieht. Zuerst beginnt der böse Karnickel zu treiben, dann verwandelt sich No‘Sink in Sinktwohl.
    Als die Korvette erkennt, dass wir mit einem einzigen Angriff ihre beiden größeren Begleitschiffe ausgeschaltet haben und nun entern, macht sie ihrem Namen „Freiheitssucher“ alle Ehre und nutzt ihre Schnelligkeit voll aus.
    Nun beginnt der Teil, den ich hasse: Die Suche und Exekution der überlebenden Piraten.

    »Marshall, wir haben in der Kapitänskajüte etwas gefunden, was Dich interessieren dürfte. Du suchst doch nach bestimmten Frachtlisten …?«
    Im zunehmend lauter werdenden Jubel der Mannschaft eile ich dorthin. Die Jungs und Mädels beginnen inzwischen zu tanzen. Wie es aussieht, haben wir nicht einfach zwei Schiffe getroffen, die uns extra gejagt haben. Vielmehr sind wir auf einen vollbeladenen Konvoy getroffen, der dachte, er könnte das schnelles Kopfgeld für die kleine Century Eagle nebenbei mitnehmen.
    Unwillkürlich schaue ich in die Richtung, in welche die Freiheitssucher geflohen ist und merke sie mir. Die wenigsten Piraten sind taktische Rückzüge gewohnt. Da heißt es, siegen oder untergehen. Ich wette, der ist geradewegs Richtung Zielhafen davon gedüst.
    Während ich die Schriftstücke durchsehe, die der Kapitän der bösen Karnickel einfach herumliegen ließ – wir waren denen nicht mal ein „Alle Stationen sichern“ wert – wird mein Grinsen breiter und breiter.
    Ich halte eine kleine Rattenfrau an. »Jinny? Nimm dir eine Seilrutsche zur Adler und und frag die Kapitänin, was in dieser Richtung liegt.« Ich lese auf dem Polweiser und der großen Karte am Kartentisch die nötigen Daten ab. Was waren das noch Zeiten, mit GPS und genordeten Karten.
    »Sie soll zwei Prisenmannschaften zusammenstellen und Kurs setzen. Ich komme so schnell wie ich kann.«
    Ein enttäuschtes Zucken geht durch die Schnurrhaare der kleinen Frau. Ich nehme ihr ja gerade Plünderungszeit weg, aber ich sehe, dass sie dennoch ohne zu Zögern gehorchen würde. Für einen Haufen wilder Ex-Söldner, Kopfgeldjäger und Quasipiraten, hat sich unsere Crew ganz schon gemausert. Oder gerattet.
    »Warte noch.«
    Sie hält fragend inne, erwartet, dass ich ihr noch einen Auftrag gebe. Habe ich auch vor.
    Ich greife eine der Devisentaschen des Kapitäns und schaue hinein. Zehntausend Dalleros in Bonds, Wechsel, die man nahezu überall wie Geld nutzen kann. »Hier nimm die an Dich, pass drauf auf. Ich bin mir sicher, dass ich versäume, sie mir wieder abzuholen. Behalte es aber für Dich. In meinem Kopf ist so viel wichtigeres Marshall-Zeugs, ich will aber trotzdem nicht als vergesslich gelten.« Ich zwinkere ihr zu.
    Es dauert eine Sekunde, bis sie versteht. Strahlend eilt sie ein paar Schritte davon, wirbelt dann herum und salutiert. Ich erwidere den Salut, der sonst dem Kapitän vorbehalten ist, mit gebührendem Ernst.
    Dann ist sie verschwunden und ich versenke mich in die Frachtlisten.
    »Heilige Sch … das ist es, was der Oberst-Marshall gemeint hat …«

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

  • Für eine Handvoll Illusionen

    »Meine Herren. Eure Abzeichen!«
    Der Oberst-Marshall blickt mich und Lev ernst an.
    Wir haben Haltung angenommen und nehmen mit der zu erwartenden Zerknirschtheit unsre 12-Stars ab.
    »Wie konnte es nur soweit mit Euch beiden kommen. Ihr ward die Hoffnung der Grafschaft. Ausgerechnet ihr beiden.«
    Der alte Adlermann schaut zutiefst enttäuscht als er unsre Abzeichen entgegennimmt.
    »Aufgrund Eurer Verdienste, werdet Ihr lediglich aus dem 12-Stern-Marshall-Dienst entfernt. Eure Rechte und Privilegien werden Euch hiermit entzogen. Ich kann nur hoffen, dass es das wert war.«
    Wie in einem klingonischen Verbannungs-Ritual wenden nun die Anwesenden Zeugen uns ihre Rücken zu, bis uns nur noch der Oberst-Marshall ansieht. Als keiner es mehr sehen kann, formt er mit seinen Lippen „Danke, Viel Glück und gutes Gelingen. Die Götter segnen Euch.“ Laut sagt er dann: »Geht mir aus dem Augen und findet zurück auf den Pfad der Rechtschaffenheit. Sonst seien Euch die Götter gnädig.«

    Wir verlassen mit steifen Schritten und mühsam aufrechterhaltener Würde das Hauptquartier und treffen uns mit Vally im Himmlischen Bier.
    »Und? Wie war’s? Hat wenigstens einer ein Träne verdrückt?«
    Ich schmunzle, mich vorsichtig umsehend. Die ganze Scharade wäre ja echt nutzlos, wenn ich mich nun gehen lasse.
    Jinny, die kleine Rattenfrau sitzt in einer Ecke, weit weg von uns, und als ich zur ihr sehe, weist sie mit einem Blick auf zwei absolut durchschnittliche Luftschiffer. Ich stupse Lev mit dem Fuß an und zeige mit dem Finger auf dem Tisch in deren Richtung. Er nickt nur. Vermutlich hat er ihr Aftershave gerochen, was nicht hierher passt, oder sogar ein Gespräch belauscht. Wenn meine Geschichte irgendwann verfilmt wird, bekommt Lev ein Spin Off, dass zehnmal erfolgreicher wird, das ist mal sicher.
    »Dann sind wir jetzt endlich von euren dummen Regeln befreit und können das tun, was Korsaren nun mal tun?« Vally klingt so überzeugend, dass ich ihr das sogar für eine Sekunde erschrocken abkaufe. Bis sie mir einen Kuss aufdrückt und ins Ohr flüstert: »Wir haben zwei von denen es sicher ist und einen Wackelkandidaten in der Crew. Die haben es irgendwie geschafft, nicht zu den Prisencrews zu gehören.«
    Ich lache leise, als hätte sie mit mir geflirtet.
    »Bin mir nicht sicher, ob das für Lev und mich ganz das Richtige ist. Der Oberst-Marshall ist einfach zu pingelig. Aber Leute abmurksen, nur um an schnelle Dalleros zu kommen, das ist nicht unsere Art.«
    Vally rückt sichtlich von mir ab. Auch wenn ihr Fuß immer noch meinen Knöchel streichelt, muss es für alle Anderen so aussehen, als beginne unsere Partnerschaft bereits jetzt zu bröckeln.

    Nach einer Woche, in der Vally und ich den halben Tag damit zubringen, uns durch alle vier Decks zu streiten (und nachts extra intensiven Versöhnungssex zu haben), hat die rote Korsarin endgültig genug.
    »Mir reicht es jetzt mit Euch beiden. Wenn ihr nicht mehr mitziehen wollt, dann müsst ihr uns eben verlassen. Dieses Gemecker und das Querstellen bei der Auswahl der Kaperziele sollte doch mit Eurem Rauswurf Geschichte sein?«
    »Vally, Schatz. Überlege es Dir nochmal.«
    »Es hat sich ausgeschatzt. Vielleicht wird Euch klarwerden, wie sehr Ihr uns braucht, wenn Ihr mal eine Weile alleine unterwegs seid. Bei Tulip-Town nehmen wir Proviant auf und Ihr werdet von Bord gehen. Vielleicht sehen wir uns wieder und falls Ihr dann wieder bei Sinnen seid, mal sehen. Aber jetzt, packt Euren Krempel und verpisst Euch. Wenn Ihr noch an Bord seid, wenn wir ablegen, lernt ihr fliegen!« Dann stemmt sie ihre Hände in die Hüfte und lässt ein ärgerliches Schnauben hören.
    Valentina gehört eigentlich auf eine ganz große Bühne. Oder auf die Brücke der Voyager.

    Mit großem Sack und kleinem Pack betreten wir Tulip-Town.
    »Denkst Du, man hat es uns abgekauft, Boss?«
    Ich lache leise »Scheiße, Kumpel, ICH habe es uns beinahe abgekauft. Ich habe außerdem heute nacht Vally die Century überschrieben. Weiß ja keiner, wie es von hier aus weitergeht. Wir können ja schlecht am Hafen fragen, welche Familie die Fracht übergeben hat, ohne dass wir sofort auffliegen.«
    »Laut KGIA (königlich gräfliche Investigation Agentur), sind es zwei Familien, die dieses Grenznest beherrschen. Hundeartige und Katzenartige. Wie die Frieden halten können, ist mir ein Rätsel, Boss.«
    Ich schmunzle. »Egal, wie sie es bisher geschafft haben, ich denke, wir werden den Frieden mal etwas erschüttern.«
    »Du willst sie gegeneinander aufbringen?«
    »Wenn ich mir das so ansehe, reicht ein Streichholz und die ganze Stadt geht hoch, wie ein Pulverfass. Und alles nur für eine Handvoll Dalleros.«

    Wir sehen, wie zwei Wolftypen böse blickend an zwei mit Katzenohren vorbeigehen. Beide scheinen auf einer festen Patrouillenroute zu gehen.
    Wir halten an. »Hunde?«, frage ich.
    »Hunde, Boss.«
    »Du oder ich?«
    »Du, Dich hält man für harmloser«
    Das kommt daher, dass ich harmloser bin. Sage ich ihm aber nicht. Wissen wir ja beide.
    »Ok. Drei Minuten?«
    »Zwei reichen, hab schon meinen Platz. Und Boss? Sei nicht leichtsinnig.«
    »Wann war ich jemals leichtsinnig?«
    »Willst Du es chronologisch oder alphabetisch?«
    Wir grinsen einander an.
    »Nicht unser erstes Rodeo, Partner.«
    Ich halte ihm die Faust hin und er klopft ab. Unbemerkt, außer vielleicht von einem besoffenen Mino, der wohl darauf wartet, als Fracht-Packer einen Tages-Job zu bekommen, trennen wir uns.
    Dann hole ich meinen Waffengurt aus dem Seesack. Niemand mit etwas Hirn im Kopf, läuft bewaffnet auf einem Luftschiff herum. Je weniger irgendwo hängen bleiben kann, umso besser.
    Ich schnalle ihn links an. Meine schwächere Hand, aber ich will ja nicht zu gut aussehen. Und es ist echt schwer, schlechter auszusehen, als man ist, ohne dass es albern wirkt. Dann werfe ich mir einen Poncho über und packe den Seesack am Tragegurt. Gut, zwei Minuten sind um. Zeit, schlafende Hunde zu wecken.
    Langsam, mich genau umsehend, betrete ich die kleine Stadt, halte mich mitten auf der Straße, meinen Hut etwas tiefer ins Gesicht geschoben. Lev meint, mein Gang hätte etwas katzenartiges, wenn ich mich auf das Gewebe konzentriere. Wenn sie mich zuerst anmachen, wäre das von taktischem Vorteil.
    Also ändere ich meine Sicht und betrachte die Gegend.
    Der Wolf und der Hundemann, die von rechts in mein Blickfeld kommen, sind mit dem größten Haus der Stadt verbunden, ein dreistöckiges Gebäude, was den Eindruck eines Hotels oder Gasthaus erweckt, obwohl alle Anzeichen der Gastlichkeit verschwunden sind.
    Ganz am Horizont meines Sichtfelds mache ich eine Hazienda aus und dort sieht das Gewebe aus, als hätte ein Hai wütend ganze Stücke herausgerissen. Auch wenn ich sowas zum ersten mal sehen, gruselt mich der Anblick. Schnell wende ich meinen Blick ab und schaue mich wieder in der Nähe um.
    Ich sehe nur ganz wenige Leute, die es vermutlich nicht rechtzeitig aus Tulip-Town geschafft haben. Ein hagerer Kerl mit rauer Glatze und ewig langem Hals nickt mir interessiert zu. Sein Zylinder hat schon bessere Zeiten gesehen und sein Frack wirkt zerfleddert. Bis mir auffällt, dass das gar kein Frack ist. Das sind Federn. Ich halte an und schaue genauer hin. Ein Geiermann?
    »Noch nie einen Totengräber gesehen, Mann?« Seine Stimme klingt passend zur Figur, wie das Krächzten eines Todesvogels. Warum sehe ich dann nirgends Särge?
    »Keine Särge?«, frage ich daher.
    »Särge sind barbarisch. Wir bestatten in Urnen.«
    Und wieder was gelernt.
    Ich nicke höflich, sehe aber dann wie die beiden Männer anhalten. Ein Dritter kommt angelaufen und deutet auf mich. Sie reden kurz, und kommen auf mich zu. Seite an Seite, zwei, ihre Hände über Blitzern, ein Dritter verbirgt mehr schlecht als Recht ein magisches Funkeln in den Handfläche.
    Es geht los!

    Ich schaue zum Undertaker. »Mach drei Urnen einzugsfer …«, knurre ich in meiner besten Eastwood-Imitation. Aber es klingt sowohl von der Tonlage als vom Inhalt albern, also winke ich ab und schüttle traurig über mich den Kopf. Manchmal merkt man zum Glück, während man es ausspricht, was für ausgemachten Blödsinn man sagt.
    Dann muss es eben DiPalma-Style gehen, mit original eingemachtem Blödsinn. Und schon grinse ich wieder. Niedere Existenzform eben. Da machste nix.
    »Hallo, Jungs. Ihr seht aus, als hätte man Euch Euren Kauknochen geklaut?« Jep, ich hab‘s noch drauf! Definitiv rassistisch, auch nicht gerade originell, aber die große Klappe ist viel mehr mein Ding, als der schweigsame Fremde.
    Der Wolfmann scheint so etwas wie der Wortführer zu sein. Bei den Hunde/Wolfartigen scheint es noch etwas mehr eine Rangordnung zu geben, als bei normalen Gangs.
    Er knurrt ungefähr so, wie ich es vorhin versucht habe. Allein das nehme ich ihm schon übel.
    »Fremde sind hier nicht willkommen. Dreh um und versuch Dein Glück in der Wüste.«
    »Irgendwer hat mir mal gesagt, das hier wäre ein freies Land.« Ist ausgemachter Blödsinn, aber wenigstens ein bisschen will ich meine Film-Kenntnisse ins Gespräch einfließen lassen. Ich gebe zu, richtig gute Einzeiler fallen mir auch nicht immer auf die Schnelle ein, aber mein Action-Movie-Zitate-Wissen ist zu profund, um es ungenutzt zu lassen.
    Die drei schauen sich entsprechend ratlos an.
    »Wer erzählt denn so 'nen Scheiß?«
    Ich hasse es, wenn der Gegner sich nicht ans Skript hält. Also doch improvisieren.
    »Deine Mudda.« Ok, ich schäme mich. Ehrlich!
    Da hellen sich die ratlosen Minen wieder auf. Ich habe damit wohl ihr gewohntes Niveau genau getroffen. Wozu mache ich mir eigentlich immer die Mühe?
    »Niemand beleidigt meine Mutter ungestraft« Der Wolfsmann spannt seine Muskeln an.
    Sein Kumpel neben ihm fragt darauf treuherzig: »Aber Du hast selbst gesagt, dass Deine Mutter eine dumme Schlampe ist, die mit allem und jedem rumhu …«
    Der Hundemann bekommt einen kräftigen Schlag an den Hinterkopf. Ich und der letzte Gegner verbeißen uns mit aller Macht das Gelächter, ihm geht sogar die Magie in der Hand verloren. Ein echter Vollprofi!
    Scheiße, ich kann diese Jungs nicht einfach so wegputzen. Einer ist zu lieb und zu doof und der andere hat zu viel Humor, um sie einfach umzulegen. Und der letzte liebt seine Mutter, trotz ihrer … Unzulänglichkeiten.
    Scheiß auf den Plan.
    Ich heb meine Hände. »Ok, ok, Jungs. Das war ein schlechter Start. Eigentlich wollte ich einen oder euch alle umlegen, um Eurem Boss oder dem Boss der anderen Gang zu zeigen, was für ein scheißkrasser Jippijajey Motherfucker ich bin. Aber ihr seid wohl ziemlich in Ordnung. Und ganz unter uns, von harten Gangstern seid ihr meilenweit entfernt, no offense, just saying.«
    Ich trete einen Schritt auf sie zu, entspanne meine Haltung und siehe da, sie spiegeln mein Verhalten. Jep, sowas von keine Gangstergene, die Boys.
    »Wie wäre es, wenn ihr mich auf ein Bier einladet und mich eurem Boss vorstellt. Hab echt keinen Bock, so nette Kerle wie euch, bloß wegen eines Einstellungsgesprächs umzunieten.«
    »Du willst einen Job?« Der Wolfmann taut richtig auf. »Warum hast Du das nicht gleich gesagt?«
    Ich zucke die Schultern. Ja, warum nicht? Blöde Filmvorlagen, oder die Bösen sind auch nicht mehr das, was sie zu Hollywoods Zeiten mal waren. Oh illusiones, oh mores!
    »Sorry, hatte lange Zeit mit Piraten zu tun. Meine Manieren sind echt eingerostet.«
    »Ah, klar. Das erklärt alles. Komm mal mit. Erstmal ein paar Biere. Der Boss ist gerade nicht in der Stadt. Aber wir zeigen Dir schon mal, wie das hier so läuft.«
    Ich seufze und schließe mich den drei bellenden aber nicht beißenden Hunden an. Kann es wirklich so einfach sein?
    Ein Blick geht zum Gebäude auf dem Lev Stellung bezogen hat. Ich hebe kurz die Hände und zucke mit den Schultern. Mal sehen, wohin das führt.
    Ich folge den Dreien und sie steuern geradewegs das dreistöckige Gebäude an.
    »Wie heißt Du eigentlich?«
    Gute Frage. John Smith, oder der Freeeemde und seltsamerweise auch Deine Mudda toben wie kreischende Furien durch meinen Geist und ich bekomme selbst Angst vor mir. Die Jungs laden mich auf ein Bier ein und mein erster Impuls ist es, sie zu verarschen? Der Arsch bin ja wohl eher ich.
    »Pat.« Ich räuspere mich. Um die Furien völlig loszuwerden. »Hab noch einen Kumpel in der Gegend. Wenn es ok ist, stößt der nachher zu uns.«
    »Wes«, der Wolfmann rempelt mich kurz freundlich an und schaut zu der etwas trüben Kerze von Mann und dem Magier. »Das sind Timo, mein kleiner Bruder und Turk.«
    Ich musterte Timo, dann Wes. »Brüder?«, entfährt mir ungläubig.
    Wes lacht. »Kaum zu glauben, was? Nein, nicht derselbe Wurf. Ich bin bei Timos Familie früh untergekommen. Meine Mutter war nicht so der mütterliche Typ.«
    Hatte sich ja angedeutet, aber ich nicke nur verstehend und grunze männlich undifferenziert.
    Die Drei antworten mir mit Nicken und ähnlichem Grunzen. Wir verstehen uns.
    Als wir das alte Hotel betreten, bin ich erstaunt, kein Chaos vorzufinden. Ganz im Gegenteil, wurde auf die Lobby einige Mühe verwendet, sie mit Möbeln aus anderen Häusern gemütlich zu gestallten.
    Zwei weitere Männer mit Hundenasen und Wolfsaugen erscheinen. Einer mit einer Küchenschürze, der andere mit einem Stiefel und Putzzeug in der Hand.
    Und die wollte ich allen Ernstes platt machen? Ich fühle mich nun wirklich schlecht. Meine Zeit auf Piratenjagd hat wohl wirklich etwas mit mir gemacht. Muss dringend mit Lev mal drüber reden, obwohl der mit seinen Katzengenen eher in Freund und Feind, Jäger und Beute kategorisiert. Trotzdem, er kennt mich am Besten.
    »Das sind Kurt und Leinus.« Ich winke den beiden zu, die rufen beide ein paar freundliche Worte und verschwinden dann wieder.
    »Leinus ist unser Koch. Ist zwar schon ne Weile her, dass wir frisches Sachen bekommen haben, aber Du und Dein Kumpel könnt mitessen. Wo es für Fünf reicht, reicht es auch für Sieben.
    Ich muss grinsen. »Warte mit deiner Zuversicht, bis Du Lev kennenlernst, der isst für uns restliche Sechs. Aber wie muss ich das verstehen. Ihr seid knapp an Essen? Wie das?«
    Wir setzen uns an einem Tisch mit nur unterschiedlichen, aber gemütlichen Stühlen und Sesseln. Wie gesagt, die haben es sich hier nett eingerichtet. Auch ist es überall einigermaßen sauber. Da bekomme ich gleich nochmal ein schlechtes Gewissen.
    Mir wir Bier eingeschenkt und mir gelingt ein Blick auf das Etikett. Ich muss laut auflachen und deute darauf. »Das ist die mieseste Fälschung ... ok, nein, nicht miese, lustigste … die ich je gesehen habe.«
    Die Jungs grinsen und stoßen mit an. Aber gut schmeckt es trotzdem.
    »Die haben hier eine alte Druckerpresse und weil mir langweilig war, habe ich für die nackten Flaschen was entworfen.« Turk, der Zauberkundige grinst stolz und ich schaue mir das Machwerk nochmal genauer an.
    Altbierbacher Pissler. Und Zwei Mönche. Einer hält den Krug, der andere pinkelt ihm Bier hinein.
    Ich lache beim Trinken. Ja, definitiv meine Art von Humor.
    »Göttlich!« Und etwas Bier kommt mir tatsächlich aus der Nase.
    Zum Glück sind wir nicht auf einem zugefrorenen Teich, denn das Eis wird nun endgültig gebrochen.
    Wes erzählt mir während der kommenden Stunde, dass sie schon seit zwei Monaten auf die Rückkehr ihres Bosses und ihrer zwei Unteranführer warten, die zu einem Treffen mit den Lieferanten gegangen waren. Die betreiben hier ganz ordinären - obwohl das Zeug ist echt gut - also nicht ganz so ordinären Alkoholschmuggel. Früher haben sie noch die Leute in Tulip etwas rumgeschubbst, aber Wes und Turk, denen irgendwie das Kommando zugefallen ist, sind nicht einmal das, was man als Schulhoftyrannen bezeichnen könnte. Im Gegenteil besteht die Truppe aus einem fast ausgelerntem Koch, einem rausgeworfenen Hausdiener, einem abgehauenen Magie-Studenten und einem zu Unrecht des Diebstahl beschuldigter Cowboys. .. Kuhüte-Wolfs … ihr wisst schon und seinem jüngeren Bruder. Ja sowas ist der Stoff, aus dem knallharte Schwerverbrecher geschmiedet werden.
    Oder in diesem Fall, kuschelweiche Kleinganoven, gehäkelt.
    Ich will sie gerade zu ihrer Gangsterkarriere beglückwünschen oder bemitleiden, ich bin mir noch unsicher, als wir aus der Küche ein entsetztes Stottern hören:
    »Wes, Turk ….Tuuuuurk? Hier ist was drin ….«
    Wir stürzen förmlich zu der Großküche und mein Respekt vor Wes und Turk wächst sogleich an. Während die Anderen erstmal zurückweichen, schiebt Wes seinen Bruder hinter sich und greift zu seinem Blitzer. Ich nehme an, ihm ist klar, dass ihm das Spielzeug gar nichts bringt, aber zumindest vermittelt er seinem Rudel ein dringend benötigtes Gefühl von Sicherheit.
    Turk geht am Türeingang in Deckung und bereitet einen magischen Blitzschlag vor, die eigene Panik heldenhaft verdrängend.
    Ich hingegen, spaziere ungerührt in die Küche.
    »Hey, Kumpel. Wie ich sehe, hast Du Essen besorgt? Wie lange hörst Du unsre Gespräche schon mit?«
    Die fünf mehr oder weniger heldenhaften Beinahegangster schauen mich entsetzt an, wie locker ich mit diesem Säbelzahnalptraum aus der Hundehölle umgehe, der ein kopfloses rehartiges Tier mitten in der Küche, ganz gesittet auf die größte Anrichte abgelegt hat. Auch Lev mag sein Essen gerne ohne Steinchen und gegen Braten hat er sowieso nichts. Nur wenn jemand sein Fleisch garen will, da wird er pampig.
    Eine tiefe Stimme aus der Urzeit, als wir alle anderen noch nichts als verängstigte Beute waren, dringt aus dem Flusspferd großen Smilodon: »Bin gegangen, als klar war, dass ich nicht satt werden würde. Ist doch unter Wolfsköpfen nicht unüblich, was zum Essen mitzubringen?«
    Ich weiß, er versucht lustig zu sein, aber selbst in mir, tief drin, reißt das kleine Mädchen die Augen auf und schüttelt schnell den Kopf. Bring ruhig alles mit, was Du willst, aber friss bitte mich nicht!   
    Wes erweist sich als durchaus würdiger Anführer: »Nein, ganz im Gegenteil. Willkommen. Das da ist Leinus, unser Koch. Wenn Du aufhören könntest, Ihn zu Tode zu ängstigen, dann bereitet er uns garantiert ein Festmahl daraus. Garantiert!«
    Leinus nickt so eifrig, dass ihm das Kinn mehrfach gegen die Brust hämmert.
    Lev knurrt zufrieden und beginnt zu schrumpfen und zu schrumpfen und zu …, naja, kennt man ja inzwischen.
    Als er sich in humanoider Form erhebt und kurz in die Runde nickt, sammeln ein paar der Anwesenden ihre Unterkiefer vom Boden auf. Manchmal hat Lev diese Wirkung auf Menschen.
    »Gleich wieder da.« Und draußen ist er.
    »Das ist Lev, mein Kumpel. Hatte ihn vorhin erwähnt, erinnert Ihr Euch?« Ich schmunzle. »Wirklich, ich hatte keine Ahnung, dass er den ganz großen Auftritt hinlegt. Das ist so unser Ding, zwischen mir und ihm.«
    Turk lässt seine Magie wieder versiegen. »Euer Ding?«
    Ich gehe zurück in die Lobby. »Dem anderen die Show stehlen, wenn wir unter Freunden sind. Zugegeben, er gewinnt meistens.«
    Die Lacher sind noch einen Tick zu gezwungen, aber dass wir unter „Freunden“ sind, wird mehr oder weniger bewusst zur Kenntnis genommen. Ich bin mir sicher, dass die Jungs nun ganz sicherstellen werden, dass wir alle auch weiterhin Freunde bleiben. Ja, Lev und ich, wir haben diese Art Auftritt über die Jahre perfektioniert. Es tut gut, einen Partner zu haben. Noch besser, wenn er soviel wie ein Panzer wiegen und das Charisma einer taktischen Nuklearbombe haben kann.
    Als Lev sich schließlich, frisch gebadet und angezogen, zu uns gesellt, ist die Stimmung ziemlich ausgelassen. Mag sein, dass die Jungs auf den Schreck etwas schneller und mehr trinken als sonst. Und da sie eher von der netten Sorte sind, macht ihr Zustand sie eher lockerer als bissiger.

    »Die Sache ist die, Leute. Lev und ich sind aus einem ganz bestimmten Grund hier. Vielleicht könnt Ihr uns ja helfen?«
    Können sie.
    Wollen sie. Sogar viel lieber, als wir vermuten konnten.
    Manchmal ist es gut, zuerst zu reden und danach … die echten Bösen umzulegen.

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    Tom Stark
    zum Lesen geeignet