Diese Geschichte vom anders Sein habe ich eigentlich für Kinder geschrieben, aber ich hoffe, ihr habt auch Freude daran. Hier kommt der erste Teil.
1
"Das da", der alte Drache deutete mit zusammengekniffenen Augen auf ein hell schimmerndes Ei im Gelege, und seine Stimme klang verärgert, "das da ist nicht von unserer Art."
"Oh doch." Die Drachenmutter seufzte. Sie wusste selbst am besten, dass sie mit keinem anderen Drachen als ihrem langjährigen Gefährten geflogen war, bevor sie dieses Nest gebaut und die Eier gelegt hatte. "Ich schwöre es bei der Goldenen Schuppe: Dies sind alles unsere Kinder."
Das Drachenmännchen brummte unwillig. Bei der Goldenen Schuppe schwor ein Drache niemals leichtfertig, und wer sich auf die Goldene Schuppe berief und dabei log, beschwor sieben Generationen lang Unglück auf seine Sippe herab. Nie und nimmer würde seine Gefährtin sich, ihm und ihren Kindern und Kindeskindern so etwas antun. Aber noch nie zuvor war in einem ihrer Gelege ein solches Ei vorgekommen. Zwischen zwei schwarzen, einem dunkelgrauen und einem dunkelgrünen Ei lag eines, das wie gleißend heller Perlmutt schimmerte und die Augen der Eltern blendete. Noch nie zuvor hatte der Drachenvater ein solches Ei gesehen, und er war in großer Sorge, was die Farbe der Eierschale für das künftige Schuppenkleid des Drachenkindes, das daraus schlüpfen sollte, zu bedeuten hatte. Würde er sich etwa für einen seiner Nachkommen schämen müssen?
"Lass es mich fortbringen", bat er.
"Wohin? Und warum?" Die Drachin blickte ihren Gefährten verstört an.
"In den Rajekakrater", erwiderte er. "Denn dieses Ei muss verflucht sein. Anders kann ich mir diese Farbe und dieses Leuchten nicht erklären."
"Niemals", rief die Mutter empört. "Und dies ist mein letztes Wort in dieser Angelegenheit."
"Wie du meinst", gab er nach. Kein Lebewesen, auch kein anderer Drache, legte sich jemals mit einer erzürnten Drachenmutter an.
Sie enthob ihn dem Anblick des Geleges, indem sie sich wieder darauf niederließ, um ihr Brutgeschäft fortzuführen. Erleichtert wandte sich der Vater ab. So lange er das Ei nicht sehen musste, schaffte er es, das Wissen darum zu verdrängen und zu hoffen, dass aus ihm ein Drachenbaby wie alle anderen schlüpfen würde: Gefährlich finster, bedrohlich dunkel und schön.
Doch nicht immer gehen Drachenwünsche in Erfüllung. Als die Kleinen schlüpften, war der Drachenvater auf der Jagd und weit fort. Allein hieß die Mutter ein Kind nach dem anderen willkommen, nachdem sie die Eierschale gesprengt und sich daraus befreit hatten. Zwei schwarze, ein dunkelgraues, ein dunkelgrünes und zuletzt - ein hell schimmerndes Drachenkind von einem zarten Rosarot, wie man es hierzulande noch niemals zuvor in einer Drachenhöhle gesehen hatte. Sie erschrak selbst ein wenig bei seinem Anblick, doch schnell erlag sie seinem Liebreiz, denn in seinem Blick aus bernsteingelben Augen lag so viel Zuneigung, dass sie förmlich dahinschmolz und augenblicklich wusste: Sie würde dieses Junge, genau wie die anderen, oder noch mehr als die anderen, mit Zähnen und Klauen gegen alle Unbill verteidigen, wenn nötig sogar gegen seinen leiblichen Vater.
Als dieser von seiner Jagd heimkehrte, erwartete sie ihn draußen vor der Höhle. Erfreut und aufgeregt, da er sofort erfasste, dass seine Kinder geschlüpft sein mussten, ging er in den Sturzflug über und landete etwas ungeschickt neben ihr. "Sind sie da?", fragte er, noch etwas außer Atem.
"Ja. Fünf gesunde Kinder. Zwei Mädchen und drei kleine Jungen."
"Wie schön!" Dankbar berührte er sein Weib mit den Nüstern, ehe er die unvermeidliche Frage stellte. "Und wie sehen sie aus?"
"Wie sollen sie schon aussehen?", erwiderte sie etwas ungehalten. "Wie Drachenbabys eben so aussehen. Geschuppt und geflügelt und winzig klein."
"Du weißt genau, was ich meine. Nun erzähl schon."
Die Mutter seufzte tief. "Nun ja", setzte sie an, doch da wusste der Vater bereits Bescheid.
"Sag nichts", fiel er ihr ins Wort. Und nach einer langen Denkpause: "Und was tun wir jetzt?"
"Was meinst du?", fragte sie indigniert. "Wir tun, was wir immer getan haben. Wir ziehen unsere Kinder groß. Wir füttern sie und wir lehren sie fliegen und jagen. Was sonst?"
Er schien nicht überzeugt. "Ich will es sehen", brummte er.
"Natürlich sollst du sie alle sehen", sagte sie besänftigend und wandte sich zum Eingang der Höhle. "Habe ich dir jemals den Zutritt verwehrt? So komm."
Verzagt und mit bis zum Hals klopfendem Herzen folgte der Drache seiner Gefährtin bis zum Nest, aus dem sie die Eierschalen bereits entfernt hatte.
Eng aneinander gekuschelt schliefen vier der kleinen Drachen, der fünfte jedoch, der rosarote, lag etwas abseits von ihnen allein und hob beim Eintreten der Eltern den Kopf, um ihnen aufmerksam entgegen zu blicken. Er gab einen verhaltenen Begrüßungslaut von sich.
"Potztausend!", entfuhr es dem Drachenvater, dessen schlimmster Alptraum wahr geworden war. Am liebsten hätte er auf der Stelle kehrt gemacht, um der Höhle mitsamt seiner Familie für immer den Rücken zu kehren, doch sein Ausruf hatte die vier anderen Babys geweckt, die nun ihrerseits die Köpfe reckten und ihren Vater neugierig in Augenschein nahmen.
"Sind sie nicht wunderschön?", fragte ihre Mutter stolz.
"Ja. Nein!" Der Drache wusste nicht, wie ihm geschah. Natürlich waren die vier dunkel geschuppten Kinder wunderschön. Das helle jedoch... nun ja, wie sollte er sagen, das helle war... eben hell! Und hell war hässlich. Noch dazu hell mit diesem scheußlichen Hauch von Rosa. Eine Farbe, die allenfalls einem Einhorn anstehen würde, aber doch nicht einem Drachen! Und doch, als dieses rosafarbene Wesen ihn so anblickte, da wurde ihm warm ums Herz, und er vermochte nicht mehr, es zu verurteilen. "Doch", flüsterte er. "Sie sind wunderschön."
Die Drachin lächelte zufrieden.
2
Vater Drache hatte Leibschmerzen, und das nicht zu knapp. Denn es nahte der Tag, an dem er und seine Gefährtin ihren Nachwuchs erstmals aus der Höhle herausführen und der Gemeinschaft vorstellen würden, und je näher dieses Ereignis rückte, desto nervöser wurde er. Was würden all die anderen Drachen zu seinem besonderen Kind sagen? Würden sie reagieren wie dessen Geschwister, die offenbar einvernehmlich beschlossen hatten, dass der rosarote Bruder nicht zu ihnen gehörte? Weder ließen sie ihn in ihrer Nähe schlafen, noch teilten sie jemals ihr Essen mit ihm, noch ließen sie ihn mitspielen, wenn sie einander jagten und spielerisch anfauchten. Stets sah man den kleinen Außenseiter allein, doch wundersamerweise schien er nicht darunter zu leiden. Er wirkte zufrieden mit sich und der Welt, war freundlich und friedlich, und während die Geschwister miteinander tobten, tappte er in der Höhle umher und betrachtete für sich allein die Pflanzen und die wenigen kleinen Tiere, die darin lebten.
Als es an den Flugunterricht ging, tat er sich hervor und erwies sich als geschickter, wendiger und mutiger als die vier anderen, doch das Feuer Speien wollte ihm um alles in der Welt nicht gelingen. Noch nicht einmal das kleinste Fünkchen vermochte er hervorzubringen, während die Dunklen bereits mit ansehnlichen Feuerzungen glänzten. Den Spott seiner Brüder und Schwestern ertrug er gutmütig, so wie auch ihr offen zur Schau getragener Neid auf seine Flugkünste an ihm abprallte.
Vater Drache sah dies alles mit Sorge, doch seine Gefährtin beruhigte ihn und versicherte ihm, der kleine Rosarote würde dennoch eines Tages sein Glück machen, und es gebe schließlich andere Qualitäten, die einen Drachen auszeichneten.
"Aber wie soll er sich seiner Haut wehren?", wandte der Vater ein.
"Er kommt schon zurecht", meinte die Mutter tröstend.
"Na hoffentlich", knurrte der Vater, der sich insgeheim für seinen unfähigen Sohn schämte.
Wenige Tage später war es soweit. In der Abenddämmerung würden alle Drachen des Tals zusammentreffen und jede Familie würde der Gemeinschaft ihre Kinder vorstellen. Vater Drache verließ die Höhle als erster. Er wollte, bevor die Mutter ihre Kinder hinausführen würde, zunächst einen Blick in die Runde werfen. Vielleicht, so hoffte er, vielleicht gab es ja in diesem Jahr noch mehr Drachenkinder von ungewöhnlicher Farbe. Unauffällig mischte er sich unter die Drachen, die sich am Talboden versammelt hatten und blickte um sich. Er wurde enttäuscht. Überall sah man nur dunkle Drachenkinder. Alle Farben waren vertreten, von Schwarz über Grau, Braun, Blau, Dunkelgrün bis hin zu einem schwach leuchtenden Tiefrot, aber kein einziges Drachenkind hatte so auffallend helle Schuppen wie sein rosaroter Sohn. Traurig kehrte er zur Höhle zurück und wies seine Frau und die Kinder an, bis nach Einbruch der Dunkelheit zu warten. Vielleicht würde die helle Haut dann weniger auffallen.
Doch das erwies sich als keine gute Idee. Denn als die Familie endlich die Höhle verließ, um sich zu den anderen Drachen zu gesellen, war der volle Mond bereits aufgegangen. Die Drachenkinder schwangen sich in die Lüfte und segelten langsam herab. Als letzter flog der rosarote, und seine Schuppen reflektierten das Mondlicht so hell, so dass er wie eine überirdische Erscheinung wirkte und die Blicke aller Anwesenden unweigerlich auf sich zog.
Vater Drache wäre am liebsten im Erdboden versunken, als sich im Tal ein Raunen erhob, in das sich vereinzelt laute "Ahs" und "Ohs" mischten.
Kaum waren die Kinder gelandet, wurden sie von den anderen Drachen umringt, und der rosarote sah sich von neugierigen Augen angestarrt, die teils bewundernd, aber zum weitaus größeren Teil argwöhnisch und sogar feindselig zu ihm hin schauten.
Den Geschwistern des rosaroten war dies überaus peinlich. Sie standen eng beisammen, hielten die Köpfe gesenkt und schämten sich für ihren auffälligen Bruder. Diesem jedoch blieb nichts anderes übrig, als die Blicke auszuhalten. Er stand allein, abseits von seinen Geschwistern, aufrecht da und lächelte verlegen in die Runde.
Mutter Drache hätte am liebsten schützend ihre Schwinge über ihn gelegt, doch sie wusste, das hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Ihr, wie auch ihrem Gefährten und ihren Kindern blieb nur, die Situation zu ertragen und zu hoffen, dass sich die Sensationsgier, die sie geweckt hatten, schnell wieder legen würde. Doch dieser Wunsch blieb ihr versagt. Stattdessen öffnete sich plötzlich eine Gasse in der glotzenden Menge, durch die der Alte Erzdrache heran stapfte, der Erste und Oberste, der hier im Tal das Sagen hatte und dessen Wollen und Wünschen sich alle unterwarfen.
"Wessen Junges ist der da?", polterte er, kaum dass er vor dem Rosaroten zum Stillstand gekommen war.
"Meins", brachte Vater Drache hervor.
"Bist du sicher?", wollte der Alte Erzdrache wissen. Vernehmliches Aufstöhnen aus der Menge und vereinzeltes unterdrücktes Glucksen begleitete diese Frage.
"Ganz sicher. So sicher wie ein Drache nur sein kann", erwiderte Vater Drache.
Der Alte Erzdrache wiegte zweifelnd den Kopf. "Der da ist nicht wie wir", urteilte er endlich.
Die Dracheneltern schwiegen. Was hätte man hierauf auch antworten sollen? Schließlich sprach der Alte Erzdrache die Wahrheit.
Nun wandte dieser sich an den Rosaroten. "Kannst du fliegen?", fragte er mit donnernder Stimme.
Die dunklen Geschwister zogen eingeschüchtert die Köpfe ein, doch der Gefragte entgegnete: "Gewiss kann ich fliegen."
"So, so. Dann lass einmal sehen." Er trat zurück und machte dem Rosaroten Platz, um abzuheben.
Der Jungdrache nahm ein paar Schritte Anlauf, hob ab und stieg auf in den nächtlichen Himmel, wo er zunächst einige Kreise drehte, dann jedoch begann, die gewagtesten und kühnsten Flugmanöver zu vollführen, wie zuvor hell im Mondlicht leuchtend, sodass sich jeder anwesende Drache von seinen Flugkünsten überzeugen konnte, bevor er sich wieder herabsinken ließ und punktgenau zwischen seiner Familie und dem Alten Erzdrachen landete.
Der Alte Erzdrache gab sich unbeeindruckt. "Nett", sagte er und nickte mit dem Kopf. "Nun lass mich sehen, wie du Feuer speist."
Die Geschwister des Rosaroten stießen sich gegenseitig an und kicherten, die Mutter jedoch wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, hätte der Vater sie nicht gestützt.
"Das kann ich nicht", gab der Rosarote zu und blickte den Alten Erzdrachen treuherzig an.
Dieser starrte den Rosaroten verblüfft an. "Wie, das kannst du nicht?", wollte er wissen.
"Es geht nicht."
"Versuch es einmal."
Gehorsam holte der Rosarote Luft, konzentrierte sich und stieß sie wieder aus. Außer einem winzigen, rosafarbenen kleinen Wölkchen, das seinen Nüstern entwich, war nichts zu sehen.
Die Geschwister brachen in lautes Johlen aus. Dieses "Kunststück" hatte ihr Bruder noch nie zuvor gezeigt. Peinlich berührt brachte der Vater seine Kinder zum Schweigen, während der Mutter die Tränen in die Augen stiegen.
"Wenn du kein Feuer speien kannst, bist du kein Drache", sagte er Alte Erzdrache bestimmt. Er war erleichtert, dass er die ausgefallene Farbe dieses Drachenkindes nicht eigens erwähnen musste, um diese Tatsache zu unterstreichen. Seine Eltern waren immerhin angesehene Drachen, die sich bis jetzt noch nichts hatten zuschulden kommen lassen. Er wollte ihnen nicht unnötig weh tun, denn was er als nächstes verkünden würde, wäre auch so schmerzhaft genug für die Familie.
"Oh, ganz gewiss wird er es noch lernen", beeilte der Vater sich zu sagen.
"Schweig", donnerte der Alte Erzdrache.
Eingeschüchtert verstummte der Vater und neigte sein Haupt vor dem mächtigen Anführer, der sich nun wieder dem Rosaroten zuwandte.
"Da du offenbar kein echter Drache bist, wirst du dieses Tal verlassen", bestimmte er. "Und zwar noch ehe die Sonne wieder aufgeht. Du gehörst nicht zu uns."
"Nein!" In den Aufschrei der Drachenmutter mischten sich die erregten Stimmen der Umstehenden, die teils mitleidig, teils befriedigt denen, die neben ihnen standen, ihre Meinung kund taten.
"Schweig!", brüllte der Alte Erzdrache ein zweites Mal, woraufhin alle verstummten. "Er geht. Und ihr lasst euch nicht einfallen, mit ihm zu gehen. Ihr gehört in dieses Tal und untersteht meinem Befehl, und ich verlange, dass ihr hier bleibt und den da", er wies verächtlich auf den Rosaroten", ziehen lasst."
Die Mutter wollte aufbegehren, doch der Vater hielt sie mit einem energischen "Sei still, Weib" zurück. Es war gewiss für alle Beteiligten am besten so. Der Alte Erzdrache hatte mit seinem Urteil die gewohnte Ordnung wieder hergestellt. Er und seine Gefährtin würden ihre vier normalen Kinder aufziehen, und der Außergewöhnliche, dessen Ei er ohnehin beinahe in den Rajekakrater geworfen hätte, würde außerhalb des Tales zurechtkommen müssen. Sie würden ihn vergessen und hinfort das gewöhnliche Leben einer gewöhnlichen Drachenfamilie führen. Die Mutter jedoch brach in Tränen aus und weinte lauthals um ihr besonderes Kind, das viel zu früh das Nest verlassen würde.
"Weine nicht, Mutter." Der Rosarote war zu ihr gekommen und umarmte sie ungeschickt mit seinen Stummelflügelchen. "Macht euch keine Sorgen meinetwegen. Ich werde das Tal verlassen und die Welt da draußen erforschen. Und ich werde so weit fliegen, bis ich Drachen finde, die sind wie ich, und bei ihnen werde ich bleiben."
"Aber wovon willst du leben?", fragte die Mutter verzagt. "Du hast noch nicht gelernt, Beute zu schlagen und zu töten."
"Das brauche ich nicht zu können", versicherte der Rosarote. "Es gibt genügend andere Nahrung. Ich werde ganz bestimmt nicht verhungern."
"Woher willst du wissen, wovon du dich ernähren kannst?", fragte nun auch der Vater zweifelnd.
"Von den Tieren, mit denen ich gesprochen habe", erwiderte der Rosarote ohne Zögern. Er strahlte eine solche Sicherheit und Zuversicht aus, dass die Eltern sich etwas beruhigten. Der Rosarote nutzte diese Stimmung, um sich endgültig zu verabschieden. Noch einmal umarmte er Vater und Mutter, winkte den Geschwistern zu und schickte sich an, loszufliegen.
Da stellte sich ihm der Alte Erzdrache in den Weg. "Du sprichst mit Tieren?", wollte er wissen. Für gewöhnlich taten Drachen so etwas nicht, denn sie konnten die Tiere und auch die seltsamen Zweibeiner, die außerhalb des Tales lebten, nicht verstehen. Einen unter sich zu haben, der mit ihnen kommunizieren konnte, könnte seiner Gemeinschaft gewiss von Nutzen sein, so dachte er.
"Ja, das tue ich", erwiderte der Rosarote.
"Und sie sprechen auch zu dir? Und du verstehst sie?", forschte der Alte Erzdrache weiter.
"Ja, auch das."
"Nun", der Alte Erzdrache räusperte sich. "Wenn du für mich mit ihnen sprichst, würde ich dir erlauben, im Tal zu bleiben. Wärst du dazu bereit?"
Der Rosarote dachte kurz nach und schüttelte dann den Kopf. Er ahnte, dass eine weitere Eigenschaft, die ihn vom Rest der Talbewohner unterschied, seine Stellung und sein Ansehen unter ihnen ganz gewiss nicht verbessern würde. Man würde ihn nur für noch seltsamer halten. Das Beispiel seiner Geschwister hatte ihm zur Genüge gezeigt, wie es einem Außenseiter in dieser Drachengemeinschaft erging. Ein solches Leben wollte er nicht führen. "Nein", sagte er daher. "Ich gehe auf Reisen. Für dich, ehrwürdiger Erzdrache, und für alle Drachen, die Feuer speien können, ist es nicht vonnöten, mit den kleinen Tieren zu sprechen. Zudem fürchten sie euch. Lebt also wohl." Er wandte sich ab und wollte Anlauf nehmen zum Abheben, doch der Alte Erzdrache kam hinter ihm her.
"Bleib!", donnerte er. "Ich befehle dir, zu bleiben und mir zu Diensten zu sein."
Doch der Rosarote war schon in der Luft und gewann schnell an Höhe.
"Verfolgt ihn! Bringt ihn zurück!", befahl der Alte Erzdrache, und sofort erhob sich seine Leibwache in die Lüfte und machte sich an die Verfolgung des Rosaroten.
Doch der war ihnen im Fliegen weit überlegen, gewann rasend schnell an Höhe und Geschwindigkeit, und bald sahen die Verfolger nur noch in der Ferne sein hell schimmerndes Schuppenkleid leuchten. Dieser Lichtpunkt am Himmel wurde immer kleiner und kleiner, so dass sie ihn bald nicht mehr von den Sternen am Himmel unterscheiden konnten und die Jagd aufgaben, um kleinlaut zu ihrem Herrn zurückzukehren.
"Ach wie schade", seufzte indessen enttäuscht die Drachenmutter. "Warum ist er denn nicht geblieben? Er hätte ein angesehener Diener des Alten Erzdrachen sein können und hätte immer uns, seine Familie in der Nähe gehabt."
"Er hat recht daran getan", sagte der Vater nachdenklich. "Ich wünsche ihm, dass er dort draußen findet, was er sucht."
"Was meinst du? Nahrung?", fragte die Mutter bang.
"Auch das. Aber ich denke an etwas anderes. Daran, wovon er vorhin gesprochen hat. Seinesgleichen. Anerkennung. Gemeinschaft. Freiheit. Freundschaft. Und Liebe."
Fortsetzung folgt
