Stimmen [Arbeitstitel]

  • Hallo ihr Lieben :)
    Ich habe mich entschlossen, eine Geschichte zu posten, die bei mir schon länger in Arbeit liegt. Titel habe ich noch keinen, er wird bei Gelegenheit nachgetragen. Hier also das erste Kapitel-- es würde mich freuen, wenn sich jemand die Zeit nimmt, es zu lesen und seinen Senf dazu zu geben. ^^ Ich bin mir zudem nicht sicher, ob die Geschichte wirklich in der richtigen Rubrik ist. Sollte dies nicht der Fall sein, sagt mir einfach Bescheid.
    lg tradij


    Novizin 354


    Die Geister waren unruhig an jenem Tag.


    Ich hatte nie besonders gut mit ihnen umgehen können, sie schienen mich nicht zu mögen und begannen, hektisch hin und her zu huschen, wann immer ich in ihre Nähe kam.


    „Sie spüren deine innere Unruhe, Nummer 354“, hatte Priesterin 61 gesagt, als ich sie einmal darauf angesprochen hatte. „Sie reflektieren lediglich deinen emotionalen Zustand, zumindest, wenn sie ihn spüren. Du musst also entweder lernen, dein Inneres zu beruhigen, oder, es so in dir zu verschließen, dass die Geister nichts davon wahrnehmen.“


    Nichts davon war mir bisher gelungen, trotz täglicher, stundenlanger Meditationsübungen. Dabei war ich doch allein aus dem Grund hierhergekommen, um meine innere Unruhe zu verjagen. Ich erinnerte mich an meine Tante Alia, die immer so ruhig gewirkt hatte wie ein stiller Bergsee, stets ein warmes Lächeln auf den Lippen. Rilion hatte sie einmal mit Tee verglichen—beruhigend, still und weise. Bei ihr hätten sich die Geister sicher still in eine Ecke oder an die Decke verkrochen und hätten ruhig vor sich hin gewabbert, ohne einen Mucks zu machen. Bei mir gerieten sie sofort in Aufruhr, wenn ich den Raum betrat. Ich war nicht wie Alia, hatte nichts von ihrer Gelassenheit.


    Heute jedoch schienen sie besonders unruhig. Sie stürzten sich beinahe auf mich und umschwirrten mich mit ihren dunklen Schatten, so dass ich kaum etwas sehen konnte, während ich Gott meine Aufwartung machte.


    „Es liegt nicht an dir“ vernahm ich eine sanfte Stimme, als ich die Räucherstäbchen in die Schale mit Sand gesteckt und mich wieder aufgerichtet hatte. Ich drehte mich um und sah Priesterin 63 auf mich zukommen, ihr orangefarbenes Gewand fest um sich geschlungen. Die Tage wurden immer kälter.


    „Priesterin 63“ grüßte ich sie, „ich wusste nichts von deiner Anwesenheit…“


    „… was ich auch gar nicht beabsichtigte. Ich sehe dir gerne in deiner Hingabe zu. In dir brennt ein Feuer, das meist nur dann zum Vorschein kommt, wenn du Gott huldigst.“


    „Meist wünsche ich mir weniger Feuer und mehr Ruhe, 63“, entgegnete ich und senkte respektvoll meinen Kopf. Die Priesterin gehörte nicht einmal zu den oberen Fünfzig, trotzdem ging von ihr etwas Respektheischendes aus, das mich jedes Mal in ihrer Gegenwart zu überwältigen drohte. Manchmal erschien sie mir fast wie eine der oberen Zehn.


    „Oh, es hat alles seine Vorteile. Manchmal wünsche ich mir mehr Feuer. Es hat jedoch keinen Zweck, sich zu wünschen, was man nicht hat; man kann nur das kontrollieren, was einem gegeben ist. Daran solltest du gewiss arbeiten, 354, aber sei froh über dein Feuer.“


    „Du bist zu gütig.“


    Ich hob mein Gesicht wieder und sah in die lächelnden Augen der Priesterin.


    „Ich sage, was ich denke, das hat mit Güte nichts zu tun. Es wird einen Grund haben, dass du hier bist, 354, und vielleicht ist es gerade dein Feuer dieser Grund.“


    Wie oft ich mir dies wünschte! Wie sehr ich hoffte, nicht nur aus einem reinen Zufall hier gelandet zu sein—denn genauso fühlte ich mich. Wie eine gestrandete Seele, die den eigentlichen Platz, der ihr im Leben zugewiesen war, nicht annehmend konnte und daher heimatlos war, eine Herumirrende ohne Ziel und ohne Weg.


    „Schau nicht so grimmig drein, 354, das schadet deinem schönen Gesicht.“


    „Mein Gesicht ist nicht von Belang.“


    „Dennoch ist es schade. Glaubst du, Gott gefällt es, in so ein grimmiges Gesicht zu schauen? Er freut sich doch auch, wenn du lächelst.“


    Ich bemühte mich um einen freundlichen Gesichtsausdruck und die Priesterin brach in schallendes Gelächter aus.


    „Besser du schaust so, wie du dich fühlst, 354. Deine krampfhaften Bemühungen stehen dir nicht. Aber versuche, lockerer zu sein. Das Leben ist kein Kampf.“


    Doch, genau das ist es, aber das wird jemand wie du möglicherweise nicht verstehen.


    Ich wusste nicht, wo Priesterin 63 herkam, genauso wenig wie ich ihren Namen wusste. Wie ich hatte sie alles abgelegt, was sie gehabt hatte, als sie ins Kloster gekommen war, und nichts blieb von ihrem früheren Leben. Sie war zu einer Nummer geworden, wie ich auch.


    Ich hatte gehofft, dies würde mir Erleichterung verschaffen, doch obwohl mich niemand mehr bei dem Namen nannte, der mir an meiner Geburt gegeben worden war, so fühlte ich ihn dennoch an mir haften wie ein dunkler Schatten.


    Dennoch beschloss ich, nicht weiter an der Sache festzuhalten.


    „Ich danke dir für deine Weisheit, 63. Hast du heute eine Aufgabe für mich?“


    Die Priesterin musterte mich nachdenklich und runzelte ihre Stirn, auf die mit Kohle ein Paar hoher Augenbrauen gezeichnet war. Wie alle der Hundert musste sie sich seit ihrer Weihe jegliches Körperhaar entfernen.


    „Im Moment nicht, 354, aber entferne dich nicht zu weit vom Kloster. Ich spüre, dass du heute hier gebraucht werden wirst.“


    Dies war nicht gerade ein erheiternder Gedanke. Am besten gefiel es mir, wenn ich in Ruhe gelassen wurde und still meine Arbeiten verrichten konnte. Ich hätte nie gedacht, dass ich Gefallen an einfacher Hausarbeit finden könnte, doch genau so war es gekommen. Vielleicht auch einfach, weil ich zu nichts anderem fähig war. Für Handarbeiten war ich zu ungeschickt, für die Gebete hatte ich nicht die Stimme; unter die Leute wollte ich nicht und war daher für jeglichen Kontakt mit dem Volk ungeeignet.


    Ich verabschiedete mich von der Priesterin und verließ das Heiligtum. In meiner Kammer tauschte ich meine Gebetskleidung gegen normale Arbeitskleidung ein, die feine, orangefarbene Seide gegen raue, ungefärbte Wolle. Vor dem Brett im Innenhof, an das die zu erledigenden Arbeiten genagelt wurden, traf ich auf andere Novizinnen, die mich gleichgültig und distanziert musterten, aber freundlich grüßten. Ich war dankbar für den guten Umgangston im Kloster, auch wenn mir bewusst war, dass er lediglich eine Farce war, die um der Harmonie Willen aufrecht erhalten wurde.


    Es fiel mir stets schwer, mir alle Nummern zu merken, daher grüßte ich sie mit einem kurzen Kopfnicken. Die wenigen Geister, die im Freien herum schwebten, begannen, aufgeregt hin und her zu schwirren, als ich an ihnen vorbeiging.


    „354“ wurde mir von überall zur Begrüßung zugemurmelt. Dass alle meine Nummer kannten, schürte täglich meinen Unmut. Man konnte sagen was man wollte—in meinem Fall hatte ich mit meinem Namen nicht meine Vergangenheit abgelegt. Niemand hatte vergessen, wer ich in meinem vorherigen Leben gewesen war.


    „Du strahlst den Adel aus wie das Feuer Wärme“ hatte eine der Priesterinnen zu mir gesagt, kurz nachdem ich ins Kloster eingetreten war. „Jeder wird erkennen, woher du kommst.“


    „Aber was kann ich dagegen tun?“ hatte ich verzweifelt gefragt.


    „Du musst dein Verhalten ablegen, all deine Gewohnheiten. Jede Geste, jeder Blick von dir schreit nach Geld, nach Bediensteten, nach Komfort. Du musst vergessen, was du kennst, du musst zu einer von uns werden. Bis du eine Priesterin bist, wird dir niemand auch nur dein Essen bringen. Du wirst arbeiten wie wir, beten wie wir, dich unterwerfen wie wir. Dein adliger Name wurde dir genommen, dein Schmuck und deine Kleidung; deine Gewohnheiten jedoch musst du selbst von dir werfen.“


    Ob ich damit Erfolg gehabt hatte, wusste ich nicht. Jedoch schien jede einzelne Frau, jede Priesterin und Novizin, mich mit demselben Blick zu mustern.


    Ich weiß, wer du bist. Und ich weiß, wo du sein solltest.


    Ich suchte auf dem Brett nach einer Aufgabe, die mir zusagte; ich würde im Garten helfen. Das Papier, auf dem in einer ordentlichen, gut lesbaren Schrift „Unkraut jäten, Gemüse ernten“ stand, riss ich ab und nahm es mit.


    Der Vormittag verging ruhig und ereignislos, so, wie ich es gern hatte. Die Sonne brannte heiß für einen Tag im frühen Herbst und ich begann schnell zu schwitzen. Zusammen mit dem Schweiß rieb die raue Wolle mir die Haut wund, aber ich kümmerte mich nicht darum. Im Gegenteil, solche Unannehmlichkeiten sammelte ich wie früher kleine Muscheln am Strand; sie bewiesen mir, dass ich mich verändert hatte. Ich war keine Adlige mehr, ich war eine Novizin und arbeitete hart, ich war keine verwöhnte Prinzessin mehr, die auf Seidenkissen schlief.


    Der Glaube… das war so eine Sache. Ich war nie besonders gläubig gewesen. Natürlich hatte ich die Feierlichkeiten eingehalten, was als Mitglied der königlichen Familie unabdingbar war. Ich hatte an den Prozessionen zum Lichterfest und zum Fest der Dunkelheit teilgenommen, jedes Jahr von Neuem. Ich hatte Gott die vorgeschriebene Anzahl Räucherstäbchen geopfert, hatte die Gebete gesagt und mich dreimal zu jeder Himmelsrichtung niedergeworfen. Aber hatte ich je geglaubt? Glaubte ich jetzt?


    Vielleicht war ich deshalb so voller Hingebung. Die Priesterinnen lobten mich ob meiner Gewissenhaftigkeit, doch ich lebte in ständiger Angst, sie könnten hinter mein Schauspiel blicken. Je mehr ich zweifelte, desto eifriger huldigte ich Gott, desto öfter betete ich, desto mehr Räucherwerk entzündete ich. Konnten sie es wirklich nicht sehen oder spielten sie mein Spiel mit, in der Hoffnung ich könnte am Ende doch wahrhaft glauben, was ich lebte?
    Nachdem ich eine Weile damit beschäftigt gewesen war, die rauen und festen Ranken des Unkrauts aus der Erde zu zerren, fühlte ich auf einmal einen kühlen Hauch und richtete mich abrupt auf. Ich wusste, was das bedeutete und blickte verwundert den dunklen Schatten an, der vor mir in der Luft schwebte. Noch nie war mir ein Geist nach draußen gefolgt. Ausgerechnet mir. Geister fühlten sich in meiner Gegenwart sicher ebenso unwohl wie ich mich in ihrer—man musste sie nur beobachten, wenn ich einen Raum betrat, um dies zu merken. Zumal sie generell nur ungern schützende Mauern verließen.


    Ich betrachtete den dunklen Schatten, der vor mir hin und her schwirrte. Es war ein kleiner Geist, kaum größer als ein menschlicher Kopf. Er schwebte ganz ruhig neben den Bohnenranken und schien auf etwas zu warten.


    „Geh weg“ sagte ich müde und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Meine kinnlangen Haare hatte ich mir mit einem Tuch zurückgebunden, das schon völlig durchnässt war. „Ich kann nicht mit dir reden.“

    Und werde es wahrscheinlich auch nie können.


    Ich schaffte es ja noch nicht einmal, mit meinen inneren Geistern umzugehen. Ob ich je an den Punkt kommen würde, mit den richtigen Geistern sprechen zu können, war fraglich. Natürlich hätte ich es gerne gekonnt—wer wollte denn nicht an ihren jahrhundertealten Weisheiten teilhaben? Manche sagten, dass sie sogar in die Zukunft blicken konnten. Aber ich stand ganz am Anfang, am Fuße eines Berges von dem ich nicht wusste, ob ich ihn jemals erklimmen würde. Und konnte.


    Der Geist schien mich nicht zu verstehen und wenn, dann ignorierte er meine Worte. Ich machte eine Handbewegung, die ihm bedeuten sollte, wieder nach drinnen zu schweben.


    „Geh“, wiederholte ich.


    Der Geist blieb.


    Nach einigen vergeblichen Versuchen gab ich seufzend auf und kehrte zu meiner Arbeit zurück. Ich versuchte, den schwarzen Schatten an meiner Seite nicht zu beachten, doch es verging kaum eine Minute, in der ich nicht an ihn dachte.


    Als ich fertig war und mit meinem Werkzeug und einigen geernteten Kürbissen in der Hand in den Hof zurückkehrte, folgte er mir.



    Doch nicht nur die Geister waren unruhig.


    Eine Spannung lag in der Luft wie ein Gewitter kurz vor dem Ausbruch. Es lag etwas in den Blicken der Novizinnen, denen ich auf dem Weg in den Speisesaal begegnete, was mir ein seltsames Ziehen in der Magengegend verursachte. Sogar einige Priesterinnen musterten mich mit einem solchen Blick, obwohl sie doch an sich Herrinnen über ihre Gefühle sein sollten. Ich spürte nichts von der stillen Geruhsamkeit, die sonst über dem Kloster lag.

    Etwas geht vor sich und sie alle wissen es.


    Ich hatte mir nie viel aus Klatsch und Tratsch gemacht und hatte das Getuschel der anderen Novizinnen ignoriert, das nie einfach nicht lassen konnten, trotz des Verbots, von Dingen außerhalb des Klosters zu sprechen. Auch hier war ich über alle Maßen gewissenhaft. Ich fragte mich, ob sich außer mir auch nur eine der jungen Frauen daran hielt.


    Nun bereute ich jedoch, mich nie an dem Geschwätz beteiligt zu haben. Natürlich hatten es die Anderen irgendwann aufgegeben, mich zu informieren, nachdem jegliche Versuche, harmlose Unterhaltungen zu führen, bei mir auf taube Ohren gestoßen waren. Dennoch waren ab und zu Dinge zu mir durchgedrungen; Gesprächsfetzen, die in der Luft hingen, nachdem ich einen Raum betreten hatte und die Unterhaltung bei meinem Anblick hastig abgebrochen worden war. Sicherlich hielten sie mich alle für eine unglaubliche Langweilerin, für eine penible, regelverliebte Spielverderberin. Ich konnte es ihnen nicht verübeln—aber ich wollte die Welt ausblenden, das war alles. Alles, was außerhalb der Klostermauern geschah, war für mich nicht mehr von Belang.
    Ich hatte aber stets genug gehört.


    So wusste ich von den Unruhen. Ich wusste von der Unzufriedenheit aller, der Reformer, der einfachen Leute, der Intelektuellen. Von den Forderungen nach Erneuerungen und Flexibilisierung des alten, rigiden Systems und der Weigerung der Königswitwe, diesen nachzukommen.


    Der Frau, die einst meine Großmutter gewesen war.


    Obwohl ich mein altes Leben abgelegt hatte, erinnerte ich mich doch an ihren Starrsinn, an ihre Absolutheit.


    Ich bin der Monarch, hatte sie stets gesagt. Seit Jahrhunderten wird das Reich getragen von unsereins. Nun bin ich der Monarch und ich bin es, der man Gehorsam schwören muss. Wo kommen wir hin wenn ich auf einmal die Meinung aller mit einbeziehe? Seit Jahrhunderten liegt die einzige Gewalt beim Monarchen. Nun bin ich an der Reihe.


    Ja, Großmutter, darauf hast du dein Leben lang gewartet. Hast die Amtszeit deines Vater und deines Mannes abgesessen, lange Jahre. Nun fährst du deine Ernte ein.


    Ich biss mir auf die Lippe, um den falschen Gedanken zu vertreiben. Sie war nicht mehr meine Großmutter, ich hatte keinerlei Verbindung mehr zu dieser Frau.
    Novizin 289 und 256 saßen zusammen wie immer, die Einzigen, deren Nummern ich mir gemerkt hatte. Uns verband nicht viel und wir sprachen kaum miteinander, aber wir hatten eines gemeinsam: unsere Sehnsucht nach Ruhe. Ich setzte mich wie jeden Tag zu ihnen und nickte ihnen zu.


    „354“ begrüßten sie mich mit angenehmer Gleichgültigkeit. „Wie ist es dir ergangen?“


    „Ich habe im Garten gearbeitet“ entgegnete ich und begann, etwas Suppe zu schlürfen. Sie war dünn und heute schwamm noch weniger Gemüse und Fleisch darin als sonst. „Heiß heute.“


    „Ja, heiß“ bestätigte 256 nickend und rührte lustlos in der Brühe. Sie war sehr dünn und aß kaum etwas, in ihren großen Augen stand immer Sorge und Misstrauen. Wo auch immer sie herkam, sie musste viel Schlimmes erlebt haben.


    „Einer der Geister ist mir nach draußen gefolgt“ fügte ich noch beiläufig hinzu. Ich konnte es einfach nicht für mich behalten. 289 runzelte dir Stirn—offenbar gefiel ihr mein Anflug von Mitteilungsbedürfnis nicht.


    „Ungewöhnlich“ sagte sie nur. Dann schwiegen wir.


    Ich betrachtete die Geister, die sich an der Decke des Saals sammelten und die Unruhe, die sich ausgebreitet hatte, zu reflektieren schienen. Aufgeregt huschten sie von einer Ecke in die andere; ob der kleine Geist, der mir in den Garten gefolgt war, dabei war, konnte ich nicht erkennen. Die schwarzen Schatten waren zu einer dunklen Masse verschwommen.


    Nachdem ich meinen Reis, etwas Gemüse und ein gekochtes Ei verzehrt hatte, stand ich auf, nickte 256 und 289 zu, und verließ den Tisch. Ich war etwas früh dran für die Mittagsandacht, aber so konnte ich einige Minuten alleine im Heiligtum genießen. Die kühlen Mauern hatten stets eine beruhigende Wirkung auf mich und ich genoss die Meditation dort jeden Tag aufs Neue.


    Ich trat in den Hof und wollte mich auf den Weg in meine Kammer machen, um die raue Wolle loszuwerden und in das seidene Andachtsgewand zu schlüpfen. Als meine Augen sich an die helle Sonne gewöhnt hatten, erkannte ich zu meinem Erstaunen auf einmal eine Person, die ich seit dem Tag meines Eintritts ins Kloster nicht mehr gesehen hatte—die zweite Priesterin. Obwohl dies schon knapp ein Jahr her war, hatte ich nichts von ihrem hoheitlichen Auftreten vergessen, das sich von seiner Art so sehr von dem der königlichen Familie am Hof unterschied. Es war eine bescheidene und doch würdevolle Haltung, die sie einnahm, ihre hohen Augenbrauen schienen alle Weisheit der Welt zu überdachen.


    Ich wusste nicht recht, wie ich mich in ihrer Anwesenheit verhalten sollte, aber schnell merkte ich, dass ich es war, auf die sie gewartet hatte. Verwirrt betrachtete ich sie, als sie nähertrat.


    „354“ sagte sie in einer tiefen Stimme, in der sich die Andachtsgebete sicher wundervoll angehört hätten.


    „Mutter“ sprach ich sie an und verneigte mich.


    „Ich habe auf dich gewartet. Darf ich dich bitten, mit mir zu kommen?“


    Ihr respektvoller Umgangston verwirrte mich, war ich doch schließlich diejenige, die ihr Respekt schuldete! Als Zeichen meiner Hingabe senkte ich meinen Kopf erneut.


    „Wie du wünscht, Mutter.“


    Mit einem unguten Gefühl folgte ich ihr durch den steinernen Bogen, der in den Hof des Nachbarsgebäudes führte, wo die Priesterinnen untergebracht waren. Obwohl ich wusste, dass sie ebenso kärglich hausten wie wir, ging von den Mauern eine seltsame Atmosphäre des Komforts aus, den es bei uns nicht gab. Ich kam nur selten hierher, da ich selten einen Anlass hatte, doch es gefiel mir. Es war ruhig und feierlich, kein aufgeregtes Geschwätz schwirrte durch die Luft wie bei den Novizinnen. Das Orange der Roben, die die Priesterinnen immer trugen, wirkte beruhigend auf mein aufgescheuchtes Gemüt.


    Ich wagte es nicht, die Priesterin zu fragen, was sie von mir wollte. Zu meinem Glück war noch keine der anderen Novizinnen im Hof gewesen, als sie mich geholt hatte—den Aufruhr, den dies gegeben hatte, konnte man sich kaum vorstellen.


    Sie blieb vor einer schweren Tür stehen und klopfte. Während wir auf eine Antwort warteten, wandte ich mich kurz um, um den Hof zu betrachten, durch den eine sanfte Brise strich, die die Blätter der wenigen Büsche raschelnd bewegte. Auf einmal bemerkte ich einen kleinen schwarzen Schatten auf der Höhe meiner Hüfte, etwa zehn Meter entfernt. Der Geist folgte mir immer noch.


    Ich nahm mir vor, die zweite Priesterin danach zu fragen, sobald ihr Anliegen erledigt gewesen sein würde.


    Schließlich öffnete sich die Tür und ich erkannte eine der höheren Novizinnen, die ein hellgelbes Gewand trug.


    „Mutter empfängt euch“ sagte sie und verneigte sich vor der zweiten Priesterin. Mir schenkte sie nicht einmal einen Blick.


    „Ich danke dir.“


    Ich folgte der Priesterin in den Raum. Sofort umfing mich feuchte, kühle Luft. Als ich mich umsah, erkannte ich an den Wänden und der Decke die Malereien, für die das Kloster berühmt war. Ein Maler namens Kastalio hatte sie vor beinahe fünf Jahrhunderten angefertigt, ein Auftrag des damaligen Königs. Ursprünglich hatte das Kloster eines seiner vielen Herrschaftssitze werden sollen, doch hatte sein Sohn es als Zeichen seines guten Willens dem Glauben vermacht. Dennoch zeigten die Bilder vor allem weltliche Szenen, die in einem Kloster kaum als angemessen bezeichnet werden konnten. Menschen beim Festmahl, bei der Jagd; nackte Frauen beim Bad, Körper in verzückter Umarmung. Kein Wunder wurden die Novizinnen hier kaum eingelassen.


    Als sich meine Augen langsam an das reduzierte Licht gewöhnten, erkannte ich, dass der Raum leer war bis auf eine kleine Gestalt, die auf einem für sie viel zu großen Stuhl saß, der mit Samt ausgepolstert war. Sie war ebenfalls in dunklem Orange gekleidet; das Gewand aus schwerem Stoff schien sie zu verschlingen. Ein runzliger Kopf schaute aus den Falten sowie zwei knorrige Hände, die auf den beiden Armlehnen des Stuhls ruhten. Zwei höhere Novizinnen standen zu ihren beiden Seiten, beide hielten den Kopf respektvoll gesenkt.


    Ihr Äußeres täuschte darüber hinweg, doch es bestand kein Zweifel daran, bei wem es sich bei der kleinen, runzligen Person handelte.


    Die erste Priesterin.


    „Mutter“ sprach die zweite Priesterin und ging vor ihr in die Knie. Ich tat es ihr rasch nach.


    „Erste Tochter“ sprach die Gestalt, ihre Stimme hoch und dünn, beinahe krächzend wie die einer Krähe. „Steh auf.“


    Sie erhob sich, ich aber verblieb in meiner demütigen Position, wie es sich für eine Novizin gehörte. Ich hatte die erste Priesterin nie zu Gesicht bekommen, genauso wie keine der niederen Novizinnen. Den höheren Novizinnen war es verboten, darüber zu sprechen; nicht, dass sie besonders erpicht darauf waren, mit uns zu plaudern, nachdem sie in den hohen Dienst aufgestiegen waren. Ich hatte sie mir wie eine größere und herrlichere Version der zweiten Priesterin vorgestellt, keineswegs jedoch wie dieses gealterte Geschöpf, das so aussah, als könnte es sich nicht einmal alleine aus dem riesigen Stuhl hieven.


    „Ich bringe euch 354“ vernahm ich die dunkle und sanfte Stimme der zweiten Priesterin und richtete meinen Blick weiterhin auf den steinernen Boden.


    „Das sehe ich“ krächzte die Mutter. „Erhebe dich, Tochter.“


    Ich stand auf und sah ihr ins Gesicht. Der kahle Kopf war von Altersflecken übersät, kleine, stechend blaue Augen musterten mich mit verhaltener Neugierde. Als die schmalen Lippen sich zu einem Lächeln verzogen, sah ich, dass sie kaum noch Zähne besaß.


    „Nicht das, was du dir vorgestellt hast, 354?“ krächzte sie und lachte ein heißeres Lachen. „Ich muss dich enttäuschen, auch an uns Priesterinnen nagt der Zahn der Zeit. Gott bewahrt uns nicht vor dem Mühsal und den Leiden des Alters.“


    Ich fühlte, wie ich rot wurde. „Verzeih mir, Mutter, ich…“


    „Keine Sorge, es ist nicht das erste Mal, dass ich so angesehen werde. Schon seit einem Jahrzehnt blicken die Leute, als sähen sie einen Geist, wenn sie mir gegenübertreten. Wer weiß, vielleicht werde ich ja eines Tages einer von ihnen? Man sagt, sie waren alle einmal Menschen, doch wie sie zu dem wurden, was sie jetzt sind, weiß keiner. Gott weiß, ich habe sie oft danach gefragt, doch sie antworten mir nie darauf.“


    Ihr Blick war nach oben gewandert zu den schwarzen Schatten, die auch hier zwischen den prächtigen Malereien wogten.


    „Nun gut, 354, ich werde dich nicht länger auf die Folter spannen und mit dem langweiligen Geschwätz einer alten Frau quälen.“


    „Mutter, ich…“


    „Es hat einen Grund, dass du hier bist. Wir haben uns lange überlegt, ob wir dich deswegen rufen sollten oder uns dem Anliegen verweigern, aber hier bist du nun, entgegen der Meinung vieler. Ich jedoch habe mich dafür ausgesprochen, dich herzubringen; Gott wird mir am Ende zeigen, ob es die richtige Entscheidung war.“


    Ich nagte an meiner Lippe, um meine Nervosität zu verbergen, eine Angewohnheit, die ich schon als kleines Kind immer gehabt hatte. Meine Mutter hatte vergeblich versucht, sie mir auszutreiben; es sei „nicht königlich“, so hatte ich ununterbrochen zu hören bekommen.

    „Nun gut“ fuhr die Mutter fort und nickte der Novizin zu ihrer Rechten zu, die daraufhin rasch durch eine kleine Hintertür aus dem Zimmer eilte. „Der Grund hierfür ist, dass wir heute Morgen Besuch bekommen haben—dein Bruder ist hier, 354.“


    Das Blut wich aus meinem Gesicht und auf einmal drang die Kälte des Raumes bis in meine Adern. Dennoch zwang ich mich, meinen Ausdruck gefühlslos zu halten.


    „Ich habe keinen Bruder.“


    Die alte Priesterin entblößte erneut einige ihrer verbliebenen Zähne.


    „Gesprochen wie eine gute Novizin—und wie alle meiner Priesterinnen. Der Mann, der einst dein Bruder war, dann eben.“


    Mein Kopf schüttelte sich panisch. „Nein, ich kann ihn nicht sehen. Ich bitte um deine Erlaubnis, zu gehen, Mutter.“


    Die hellen Augen musterten mich einen Augenblick nachdenklich, als schien sie über meine Bitte nachzudenken. Doch bevor sie sprechen konnte, öffnete sich auf einmal die Hintertür und hinter der Novizin stürzte ein Mann in einem silbernen, knielangen Gewand herein—die Kleidung der königlichen Familie.


    „Ma-Egya“ rief er laut und seine Stimme hallte unnatürlich in den kalten Steinmauern. Einen Moment schloss ich die Augen.


    Als ich sie wieder öffnete, war die absurde Szene nicht verschwunden, so wie ich es mir gewünscht hatte. Rilion stand noch immer da, mein kleiner Bruder.


    Nein, falsch. Er ist nicht dein Bruder. Er war Egyas Bruder.


    Ich konnte nicht verhindern, dass mein Herz bei seinem Anblick ein paar Schläge aussetzte. Er war groß geworden in dem Jahr, in dem ich ihn nicht gesehen hatte. In der kurzen Zeit war aus dem kleinen, dicklichen Jungen ein Mann geworden; starke Muskeln spannten sich nun unter dem silbernen Stoff und ein dunkler Bartschatten zierte seine Wangen. Er war groß, größer als ich, wo wir doch gleich groß gewesen waren, als ich den Palast verlassen hatte.
    Doch bei alldem war er unverkennbar mein kleiner Bruder. Dieselben dunklen, lachenden Augen, obwohl sie nun voller Sorge standen—und voller Angst. Dieselben schwarzen Locken, in denen ich so gerne meine Hände vergraben hatte.


    Ich blieb stocksteif, als sich seine kräftigen Arme um meinen Körper schlossen und er mich an sich drückte.


    „Schwester.“


    „Ich bin nicht mehr deine Schwester, Ma-Rilion.“


    Er löste sich von mir und musterte mich sorgenvoll. „Du siehst blass aus, Ma-Egya. Und dünn bist du geworden. Hör auf mit diesem Blödsinn—das sind doch nur Formalitäten. Wir wissen doch beide, wer du bist.“


    „Wer ich war.“


    Du verstehst es nicht. Du hast es noch nie verstanden. Du willst den Thron genauso sehr wie Großmutter und du hättest sie getötet dafür. Hast sie beinahe getötet.


    Ungeduld trat in seinen sonst so sanften Blick.


    „Hör zu, Ma-Egya, ich habe keine Zeit dafür…“


    „354.“


    „Was?“


    „Ich bin nun 354. Ich bin nicht mehr Egya.“


    „Ach nun hör doch auf damit!“ Hilflos warf er die Arme in die Höhe und ging ein paar Schritte nach hinten. Er war schon immer ungeduldig gewesen und Kompromisse vermied er wie die Pest.


    „Sie hat recht, Hoheit“ erklang die raue Stimme der Mutter hinter seinem Rücken und er drehte sich irritiert um, als hätte er vergessen, dass sie da war. „Als sie hierher kam hat sie einen Schwur gesprochen, ihren Namen und ihre Herkunft abgelegt. Dies sind die Regeln, Hoheit, und sie gelten an diesem Ort. Bitte haltet euch daran, nun, da ihr Gast in unseren Mauern seid.“


    Rilion zögerte einen Moment, als überlegte er sich, sich dem als Bitte verkleideten Befehl zu widersetzen. Dann murmelte er ungehalten ein paar Worte, die selbst ich nicht verstand und wandte sich wieder zu mir.


    „Also schön“ zischte er. „354.“. Er trat so nahe zu mir, dass mir sein vertrauter Geruch in die Nase stieg, gemischt mit Schweiß und dem Geruch des Biers, der in seinem Atem lag. „Ich bin hergekommen, um dich mitzunehmen. Wir fliehen. Heute Nacht.“


    Mein Atem stockte und ein Gefühl breitete sich in mir aus, als habe man einen Eimer kaltes Wasser über mir ausgeschüttet. Dann war es also wahr.
    „Sie wollen die Königsfamilie stürzen“ hatte eine der Novizinnen gemurmelt, bevor sie mich erkannte hatte und verstummt war. „Wenn die alte Hexe sich weigert, den Thron zu räumen, werden sie sie… aus dem Weg räumen. Sie sitzt verdammt sicher mit diesem Ding auf ihrem Kopf, doch bald werden sie es schmelzen und Töpfe für die einfachen Leute daraus schmieden. Die Zeit der Monarchen ist vorbei.“


    „Wohin wollt ihr gehen?“ fragte ich, ohne dem ersten Teil seiner Aussage Beachtung zu schenken. Ich dachte an meine kleine Schwester, Audra, die gerade mal sechs Jahre alt war, und an meinen Neffen, den Sohn meiner älteren Schwester, den kleinen Stelius. Er hatte gerade Laufen gelernt, als ich ins Kloster gegangen war. Sollten sie etwa im Exil aufwachsen? Fern von ihrer Heimat, den grünen Wäldern und den sanften Hügeln unseres Landes?


    Rilion zuckte mit den Achseln. „Nach Westen, in die Berge. Zu den Tarkvölkern.“


    „Wieso sollten sie euch aufnehmen? Sie sind nicht eure Freunde, Rilion.“


    „Großmutter hat dies arrangiert. Lange vor der Revolution hat sie mit ihnen verhandelt.“


    „Und du meinst, sie halten ihr Versprechen? Wir haben nichts, was sie wollen.“


    „Wir haben Gold.“


    Ich schwieg und kaute wieder auf meiner Lippe. Mein Herz klopfte heftig. Obwohl ich damit gerechnet hatte, meinen Bruder niemals wiederzusehen, so hatte etwas in mir diesen Gedanken doch nie aufgegeben, das merkte ich jetzt. Etwas von mir hatte gewusst, dass er wieder in mein Leben treten würde, genauso wie der Rest meiner Familie. Ob sie mich je vollkommen loslassen würden?


    „Mach dir keine Sorgen, Schwester“ flüsterte Rilion, die Bitte der Priesterin ignorierend, mich nur noch bei meiner Nummer zu nennen. „Wir werden gut versorgt sein. Und sobald dieser Wahnsinn vorüber ist, kehren wir zurück und machen da weiter, wo wir aufgehört haben. Das Volk wird bald erkennen, dass dieser Quatsch mit der Revolution nichts als Gerede ist.“


    „Sie leben von Tauschhandel.“ Der Gedanke war mir plötzlich gekommen, wie ein Blitz. „Sie leben von Tauschhandel, was wollen sie da mit Gold?“
    Rilion zuckte wieder ungeduldig mit den Achseln. „Schmuck, hübsche Dinge, was weiß ich. Schwesterherz, du machst mich wahnsinnig. Sie sind auf unsere Bedingungen eingegangen, das ist alles, was zählt. Du gehst besser und holst deine Sachen, mach dir nicht so viele Sorgen.“


    Genau wie du, den Falten auf deiner Stirn nach zu schließen.


    „Ich mache mir doch nur Sorgen, Ma-Rilion“ sagte ich und machte mir diesmal keine Mühe, den zärtlichen Ton, den ich als seine Schwester stets angeschlagen hatte, aus meiner Stimme zu verbannen. Schließlich war es womöglich das letzte Mal, dass ich ihn sehen würde. „Ich will, dass ihr sicher seid.“


    Er blinzelte verwirrt. „Heißt das…“


    „Ich wüsste euch gerne in guten Händen“ fuhr ich fort und griff nach einer seiner Hände, die von Hornhaut überzogen waren, um sie sanft zu drücken. Wie oft hatten wir zusammen mit den Schwertern geübt, die seine Haut so schwielig hatten werden lassen. „Ich werde nicht mit euch gehen.“


    Rilion lachte kurz und freudlos auf.


    „Mutter sagte bereits, dass du so reagieren wirst. Es ist jetzt keine Zeit für deine Prinzipien. Selbst wenn du mir weismachen willst, dass du deine Herkunft und alles vergessen hast—der Pöbel wird dies nicht. Sie werden dich genauso lynchen wie uns, wenn sie dich finden—und wenn du hierbleibst werden sie das, glaub mir. Sie sind wütend, Schwester, so wütend… man könnte meinen, wir hätten sie massakriert und ihre Kinder geopfert wie damals die Tschai. Ihre Wut wird sich auf dich konzentrieren, wenn sie uns nicht finden. Was meinst du, was sie für ein Spektakel daraus machen werden? Wahrscheinlich richten sie dich öffentlich hin, auf dem Runden Platz, als Nachmittagsunterhaltung. Da, seht, die letzte Tyrannin, da geht sie hin…“


    Erst jetzt bemerkte ich die Verzweiflung, die die ganze Zeit in ihm geschlummert hatte und nun mit voller Wucht ausbrach. Das Beben, das durch seinen Körper fuhr, erfasste auch mich.


    „Komm mit, Schwester, ich bitte dich. Vielleicht glaubst du, Gnade zu finden, weil du nun eine Frau Gottes bist, doch glaub mir, für sie bist und bleibst du Egya und dafür wirst du bluten.“


    Ich senkte den Kopf. „Mein Leben ist in Gottes Hand.“


    „Hör doch auf mit diesem Geschwätz.“ Seine Hände fassten meine Schultern und er schüttelte mich, beinahe grob. „Wir haben deinen Blödsinn lange genug geduldet, haben akzeptiert, dass du uns alle im Stich lässt und dich ins Kloster verziehst. Wir haben immer geglaubt, du würdest wieder zur Vernunft kommen, doch augenscheinlich haben wir vergebens gehofft. Wach auf, Schwester, zu gehörst nicht mehr hierher. Du gehörst zu uns.“


    „Ich bin nicht mehr deine Schwester“ wiederholte ich stur. „Wenn sie meinen, mich wegen meines vergangenen Lebens töten zu müssen—so sei es. Nur Gott kennt meinen Weg.“


    „Hörst du dich eigentlich reden?“ rief mein Bruder verzweifelt und ließ mich los. Seine Hände sanken an seine Seiten, hilflos, kraftlos. „Glaubst du wirklich, Gott rettet dich, wenn sie dich holen kommen? Er schert sich sicher einen Dreck um…“


    „Genug!“


    Die Stimme der ersten Priesterin klang mit einem Mal gar nicht mehr dünn und krächzend, sondern polterte durch den Saal wie Donner. Sie hatte sich erhoben und all ihre Zerbrechlichkeit war von ihr abgefallen. Obwohl sie immer noch klein war, so überwältigte mich ihre Präsenz so sehr, dass ich unwillkürlich den Atem anhielt. Beinahe hätte ich mich auf die Knie geworfen.


    „Ich habe euch gestattet, 354 zu sehen, wider besseren Wissens und dem Rat meiner Priesterinnen. Es war ein höchst ungewöhnliches Anliegen, Hoheit, das unter normalen Umständen niemals meine Zustimmung erhalten hätte. Nun missbraucht unser Wohlwollen nicht mit blasphemischen Äußerungen! 354 hat eure Worte gehört und ihre Entscheidung getroffen. Nun geht bitte.“


    Rilion war blass geworden und die Hilflosigkeit umschwirrte ihn wie ein Geist. „Ich befehle euch, meine Schwester auszuhändigen“ sagte er schlicht, doch jegliche Autorität war aus seiner Stimme verschwunden. Die Priesterin lächelte ihr zerfurchtes Lächeln.


    „Sie wird nicht gegen ihren Willen festgehalten, Hoheit. Es wird lediglich ihr Wunsch respektiert, hier zu bleiben. Abgesehen davon fällt es mir schwer zu glauben, dass ihr noch die Macht habt, eure Befehle umzusetzen—da ihr ja bald damit beschäftigt sein werdet, euer Leben zu retten.“


    Mein Bruder war nun kreidebleich und in seine Hilflosigkeit mischte sich blinde Wut, deren Ausbruch ich in der Vergangenheit zur Genüge erlebt hatte.
    „Vorsicht, Priesterin—man sieht sich immer zweimal im Leben. Und ich vergesse nicht.“


    Er wandte sich wieder mir zu, schnaubend wie ein gereizter Stier. „Und du, Schwester… wenn du meinst, dich heroisch in den Tod zu stürzen, von mir aus. Ich habe alles versucht, obwohl Mutter dich schon als hoffnungslos betrachtet hat, bevor ich gekommen bin. Um deiner Willen hoffe ich, dass sie dich schnell und schmerzlos töten—obwohl die Meute sicher Blut sehen will. Du wirst dir wünschen, mitgekommen zu sein, das verspreche ich dir.“


    Der Gedanke, so mit meinem Bruder auseinanderzugehen schmerzte mehr, als die Furcht vor dem, was vielleicht kommen mochte. Ich wollte ihm um den Hals fallen und ihm liebevolle, tröstende Worte ins Ohr murmeln, wollte durch seine dichten Locken streichen und seinen vertrauten Geruch einatmen, der mich immer so beruhigt hatte. Mein Bruder. Mein geliebter Bruder.


    „Ich wünsche Euch das Beste, Hoheit“ sagte ich und senkte den Kopf, damit er nicht erkannte, dass ich mit den Tränen kämpfte. „Und eurer Familie. Sagt… sagt eurer Mutter, dass…“


    „Spar dir deine Worte“ sagte er bitter und am Zittern seine Unterlippe erkannte ich, dass auch er nur mühsam seine Fassung bewahrte. „Gott sei mit dir.“
    Das waren seine letzten Worte, bevor er mit eiligen Schritten den Saal verließ. Ich spürte das kühle Nass auf meinen Wangen. Der Blick der Priesterin ruhte auf mir als ich den Kopf hob, die Haut feucht von den Spuren meiner Tränen.


    „Geh nun, Tochter. Das Wetter ist schön, die Sonne scheint. Lass seine Seele nicht schwer werden“, sagte sie leise und ohne dass ich wusste warum, bemerkte ich auf einmal die riesige Gottesstatue hinter ihr, die so sehr im Schatten verborgen war, dass ich sie kaum bemerkt hatte. Sie reichte bis zur Decke, das gekrönte Haupt des Schöpfers verschmolz beinahe mit ihr. Der unergründliche Blick des holzgeschnitzten Gesichtes reichte weit in die Ferne, während Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand zum Gruß geschlossen waren.


    „Ich danke dir, Mutter“ schluchzte ich, all meine Würde vergessen. Der fremde Riese hinter ihr sollte mein neuer Vater sein, das hatte ich geschworen bei meiner Ankunft hier. Doch ich konnte sie nicht vergessen, die, die mich geboren und erzogen hatten, so sehr ich es auch versuchte.


    Als ich aus dem kühlen, dunklen Raum in die warme Herbstluft trat und der sanfte Wind mich umspielte, erblickte ich den schwarzen Schatten, der neben einem kleinen Busch voller roter Beeren auf mich wartete.

    2 Mal editiert, zuletzt von tradij ()

  • Wow.
    Fesselnd.
    Gut geschrieben und sehr stimmungsvoll.
    Ich hätt jetzt noch ne Stunde weiterlesen können, schade, dass da nichts mehr steht.



    LG
    Melli

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Juhu, vielen Dank, das freut mich :)
    Es geht ganz bald weiter, ich muss nur das nächste Kapitel noch einmal durchlesen und ein bisschen bearbeiten.

  • So, hier ist auch schon das nächste Kapitel. Anmerkungen und Kritik (aber auch Lob :)) sind stets willkommen.



    Vichra


    Die Stimmen in meinem Kopf gaben einfach niemals Ruhe.


    Es war oft schlimm gewesen, doch niemals so schlimm wie heute. Heute konnte ich kaum einen Fuß vor den anderen setzen und mit niemandem auch nur ein klares Wort reden. Alles, was ich tun konnte, war, still auf meinem harten Bett zu liegen und zu warten, bis es besser wurde. Die schwarzen Schatten waren alles, was mir Gesellschaft leistete.


    Tu dies, tu das. Ein ewiges Hin und Her.


    Das hat es noch nie gegeben! ,rief eine Stimme.


    Verdammnis!, eine andere.


    Das Beste, was diesem Land passieren könnte.


    Mörder, Verräter.


    Dann mein Name.


    Vichra… du hörst mich, oder? Du verstehst mich….


    „Nein!“ schrie ich und schlug mit der Hand an die Wand, so heftig, dass der Putz von der Decke bröselte. „Ich höre nicht, ich höre nicht!“
    Ich presste mir die Hände auf die Ohren, obwohl ich wusste, dass es nichts nützte.


    Du willst mitmachen, Vichra, du willst Blut… Blut!


    So vergessen war ich in meinem Wahn, dass ich nicht hörte, wie sich die Türe öffnete. Karul stand mit einem Mal neben mir, aber ich bemerkte ihn erst, als er mir beruhigend über die Stirn strich.


    „Schhhh, schrei nicht, Vichra.“


    „Es hört mich doch ohnehin niemand“ seufzte ich und rieb mir meine schmerzenden Augen. Alles schien zu schmerzen, aber am meisten pochte es hinter meiner Stirn. „Sie sind doch alle draußen.“


    „Es sind nicht alle mit. Einige sind noch in der Kaserne… du vergisst die Offiziere, die den ganzen Schreibkram erledigen müssen.“


    Ich zwang mich, die Augen zu öffnen und in das gequälte Gesicht meines Freundes zu sehen. Obwohl ich nie beabsichtigt hatte, ihm Sorgen zu bereiten, war dies beinahe unmöglich. Sobald ich auch nur die Stirn runzelte sah er besorgt drein und fragte mich, ob alles in Ordnung sei.


    „Und du?“ presste ich heraus, „wieso bist du nicht bei der Zeremonie?“


    „Um zuzusehen, wie sie einem Ochsen die Kehle aufschlitzen? Ich bitte dich, Vichra, ich bin für so einen Schweinekram zu alt.“


    Schweinekram, Schweinekram… zu alt, dass ich nicht lache! schrie eine der Stimmen. Wenn jemand in Wirklichkeit sprach, war es oft leichter, sie auszublenden, doch heute waren sie so laut, dass ich sie beim besten Willen nicht vertreiben konnte. Ich verzog das Gesicht.


    „Wieso muss es ausgerechnet heute passieren?“ flüsterte ich und legte wieder eine Hand über meine Augen.


    „Nun warte erst mal ab… manchmal sind deine Anfälle doch schnell vorüber. Morgen früh werde ich dich aus dem Bett schütteln und du wirst frisch wie der Morgentau sein, wenn wir den Palast stürmen.“

    Deine Anfälle.


    Ja, das war es, was ich allen erzählte; nicht einmal meinem besten Freund hatte ich die Wahrheit gesagt. Dass es Stimmen waren, die mich wahnsinnig machten und nicht ein pochender Schmerz unter der Kopfhaut. Ich hatte nur einem Menschen bisher davon erzählt—einem Heiler in seiner kleinen, schmutzigen Hütte aus Lehm und Ziegeln, weit hinten in den Gassen des Rudrahügels. Am Tag zuvor hatte ein anderer Soldat mir von ihm berichtet, zwischen unzähligen Bechern Wein. In der Taverne waren die Stimmen der Menschen so laut gewesen, dass die Stimmen in meinem Kopf fast verstummt waren.
    „Du hast ein Leiden? Ich gebe dir einen Rat. Ich komme vom Rudra—sieht man mir nicht an, was? Aber ich sage dir, einmal bin ich ein lumpiger, kleiner Junge gewesen, wie sie alle, habe den Reichen aus der Tasche geklaut und meine Mutter hat aus Ratten Eintopf gekocht, die ich am Tag gefangen habe. Wenn dir etwas fehlt, geh auf den Rudra und frage nach Tschai’ela. Jeder kennt ihn. Angeblich ist er wirklich noch ein echter Tschai und alle schwören auf seine Zauberkraft.“


    Ich war selten auf der Rudra gewesen, das erste Mal als junger Mann um meine ersten Erfahrungen zu machen. Fast alle erschwinglichen Bordelle befanden sich dort, selbst die besseren.


    Obwohl ich nichts von Zauberei und dergleichen hielt—die Menschen waren einfach zu unfähig in ihren Versuchen, Magie zu kontrollieren—hatte ich beschlossen, es ein einziges Mal zu versuchen. Gleich am nächsten Morgen hatte ich mir trotz des vom Wein schweren Kopfes auf den Rudra geschleppt und mich dort nach Tschai’ela erkundigt. Der Soldat hatte recht gehabt, jeder schien ihn zu kennen.


    Ich fand den Alten recht schnell und zahlte ihm im Voraus dreißig Draleen, damit er meinen Kopf von den Stimmen befreite. In seiner Hütte waren sie besonders laut und verstummten nicht; auch nicht, als er meinen Kopf mit dem noch warmen Blut eines Huhnes übergoss und Zauberformeln in einer fremden Sprache murmelte. Das war der einzige Versuch gewesen, mein Leiden zu kurieren. Seitdem hatte ich es nie wieder versucht.


    In der Armee hatte ich natürlich nicht lange verheimlichen können, dass mit mir etwas nicht stimmte. General Hureia—ein guter Mann, auch wenn er nun auf der falschen Seite stand—hatte mir dennoch verboten, zu gehen mit der Begründung, in solchen Zeiten könne man jeden Mann brauchen. Dies war auch die Meinung der Rebellen gewesen, als Karul und ich desertierten und uns ihnen anschlossen. Doch was nützte ich ihnen nun? Ein gepeinigtes Wesen, das wie eine Frau in den Wehen im Bett lag und das verschlief, wofür er eigentlich hatte kämpfen wollen. Die Revolution.


    „Ich habe mir so sehr gewünscht, zu sehen, wie sie die alte Hexe vom Thron zerren, Karul“, seufzte ich. „Zwei Jahre sind wir in diesen verfluchten Bergen gesessen und haben nur auf diesen Moment gewartet… und jetzt…“


    Aber warum? Die Monarchen waren immer gut zu euch, nie haben sie…


    Ihr seid blutrünstige Mörder!


    Beinahe wären mir die Tränen gekommen, doch ich weinte nicht. Nie.


    „Schhhh.“ Mein Freund strich mir übers Haar. Er war der Einzige, von dem ich Zärtlichkeiten je hatte annehmen können. „Warte bis morgen. Vielleicht ist alles ganz anders.“


    Ich nickte, aber mehr, um ihn zu beruhigen als weil ich wirklich daran glaubte.


    „Weißt du, damals… als ich ein kleiner Junge war, in Tark… habe ich keine Schmerzen gehabt. Alles war ruhig und still unter dem weiten blauen Himmel… auf dem Graßland…“


    Karul lachte. „Du hörst dich an wie in einem dieser schmalzigen Lieder.“


    Ich warf ein Kissen nach ihm, was spielerisch hatte wirklich sollen, mich aber meine ganze Kraft kostete.

    „Diese schmalzigen Lieder sind die Lieder meiner Kindheit.“


    Karuls Gesicht wurde wieder ernster. „Wieso bist du denn gekommen? Zur Armee, meine ich. Warum hast du das Tarkland verlassen?“


    Ich zuckte mit den Achseln. „Es ist ein hartes, ein einsames Leben. Nichts als wir, die Schafe und ein paar Yaks… die Erde ist nicht fruchtbar und alles, was wir als Nahrung haben ist Milch und ab und zu Fleisch. Weißt du, was wir essen? Yakfleischkuchen, Yakfleischeintopf, Yakfleisch am Spieß, gedämpfte Teigklöse gefüllt mit Yakfleisch… Es hört sich immer so romantisch an in den Liedern, aber glaub mir, es gibt keine Perspektive, keine Zukunft. Wer etwas erreichen will, muss die Hochebenen verlassen. Aber ich habe nie etwas gelernt, kann kaum schreiben und auch nichts Handwerkliches. Mir ist nichts eingefallen, außer Soldat zu werden.“


    Karul nickte. Ihm selbst ging es sicher ähnlich; auch er kam vom Land, aus einer armen Gegend. Wir redeten nicht viel über unsere Herkunft, doch ich wusste, dass auch er eine harte Kindheit gehabt hatte. Wie aus ihm ein lachender und positiv eingestellter junger Mann hatte werden können, war mir noch immer schleierhaft.


    Mit einem Ruck richtete ich mich auf, trotz des Dröhnens in meinem Kopf. So konnte das hier nicht weitergehen.


    „Was ist los?“ fragte Karul mit verwirrtem Blick.


    „Gehen wir nach draußen. Ich will den Ochsen sehen.“



    Die Zeremonie war fast vorbei, als wir uns in die Menge mischten; der Ochse lag zuckend am Boden, der von Blut getränkt war. Seltsamerweise waren hier die Stimmen leiser und in meinem Kopf wurde es etwas klarer.


    Ich erkannte den Warlord Ochra, der mit seiner Armee erst vor kurzem zu uns gestoßen war; ursprünglich ein Tark, so wie ich. Sein pechschwarzer Schnurrbart stand markant in seinem dunklen Gesicht und die goldenen Knöpfe seiner Uniform glänzten im Licht wie viele weitere kleine Sonnen. Obwohl er dem gleichen Volk entstammte wie ich, war er mir unsympathisch. Er war überheblich und von seiner Macht geblendet; außerdem ließ er sich meiner Meinung nach zu schnell zu Hinrichtungen hinreißen. Das Töten schien für ihn eine Art Spiel und dass er ein begnadeter Kämpfer war, rührte vor allem von seiner Grausamkeit und Skrupellosigkeit her. Dennoch waren unsere Anführer dankbar für die Unterstützung seiner Armee; wir konnten jeden Mann und jede Frau brauchen.


    Neben ihm stand Kishrami, ein weiterer Warlord. Kleiner und schmächtiger als Ochra, verdankte er seine Macht vor allem seinem strategischen Denken. Es fiel mir schwer, ihn mir als Krieger zu vorzustellen; auf mich wirkte er wie ein schüchterner Angestellter, der den ganzen Tag an seinem Tisch auf Papier kritzelt. Die Uniform an seinem schwächlichen Körper wirkte beinahe grotesk. Dennoch war er einer der mächtigsten Warlords des Reiches und der Einzige, der soweit gedacht hatte, sich mit anderen Warlords zu vereinen—ohne dass diese dabei merkten, wie sie Teil seines Machtspiels wurden.


    Dann die Rebellenoberhäupte. Lauter Laien, so wie wir; die Charismatischsten, Überzeugendsten von uns, die sich in fiktive obere Ränge gearbeitet hatten. Am Anfang hatte es keine Militärstruktur gegeben, doch nun schien es in Mode gekommen zu sein und alle nannten sie sich auf einmal General oder gaben sich andere Titel, die dafür sorgen sollten, dass wir ihren Anweisungen folgten.


    Dennoch sah man ihnen an, wer sie waren; einfache Bauern wie wir. Keiner von ihnen trug eine Uniform, aber sie standen so selbstverständlich neben den Warlords als wären sie so geboren.


    Karul und ich stellten uns neben einige unserer Kameraden, die gebannt dem Schauspiel folgten. Ein Priester schwenkte Räucherwerk über dem toten Ochsen und murmelte Worte im alten Tschai.


    „Vichra“ rief einer der Soldaten, ein schlaksiger Jugendlicher, der sicher noch keine fünfzehn Jahre alt war, obwohl er dies behauptete. Er hieß ebenfalls Karul und um die beiden zu unterscheiden, nannten wir ihn den „kleinen Karul.“„Was war los? Warum kommst du erst jetzt?“


    „Anfall“, murmelte ich und konnte einen kleinen Anflug von Scham nicht aus meiner Stimme verbannen.


    „Warum hast du nichts gesagt?“ Karish war ebenfalls noch sehr jung, aber kräftig und gut gebaut. Sein Haar war so hell, dass man ihm lakrisische Herkunft nachsagte. „Wir hätten dir Essen gebracht. Oder zumindest ein Bier.“


    „Nicht nötig“ sagte ich kopfschüttelnd und rang mir ein Lächeln ab. „Ich habe nur Ruhe gebraucht, das war alles.“


    Das Letzte, was ich wollte war, dass man sich um mich kümmerte wie um einen Kranken. Ich war schließlich hier, um zu kämpfen und wollte niemandem zur Last fallen. Die Stimmen—nun, sie waren mein Laster und ich musste lernen, mit ihnen umzugehen. Allein.


    „Ihr habt das Beste verpasst“, flüsterte der kleine Karul, als der Priester verstummte und die beiden Warlords sowie die Generäle hervortraten. „Das Blut von diesem Biest hat gespritzt wie ein Springbrunnen. Und geschrien hat er wie ´ne Jungfrau, der man die Unschuld nimmt.“


    Die Jüngeren kicherten und Karul hob eine Augenbraue. Er war schon immer einer der Vernünftigeren gewesen und behauptete, eine Verlobte zu haben, die zu Hause auf ihn wartete. Nie beteiligte er sich an dem schlüpfrigen Gerede und den Tavernenbesuchen der anderen Soldaten.


    Warlord Ochra war der erste, der sich niederwarf; dreimal nach jeder Himmelsrichtung. Ihm folgte Kishrami und dann die elf Generäle. Es war totenstill in der Menge, nur das Knirschen des Sandes unter ihren Füßen drang durch die Luft. Sogar in meinem Kopf war es beinahe still.


    Als sich der Letzte wieder erhob, bedeutete der Priester mit einem Handzeichen, dass die Zeremonie zu Ende sei. Augenblicklich erhob sich Gemurmel in der Menge und sie begann, sich zu zerstreuen.


    Karish streckte sich. „Das hat ewig gedauert“, seufzte er. „Ich hoffe, Gott interessiert sich überhaupt für dieses ganze Gemetzel und hilft uns morgen. Ich war noch nie so aufgeregt.“


    „Es wird schon alles gut gehen.“ Ich wusste nicht, was mich dazu veranlasste, diese sinnlosen Worte auszusprechen, deren Unwahrheit mir doch bewusst war. Nichts würde gut gehen, es würde Blut fließen und Menschen würden sterben. Selbst, wenn wir unser Ziel erreichen würden, würde es ein Tag der Opfer werden und des Todes. Die Königinnenwitwe hatte ihre persönliche Garde; sie waren die am besten ausgebildetsten Kämpfer des Landes. Eine Elitetruppe, ausgestattet mit den neuesten Waffen und eiserner Disziplin. Wir waren einfache Leute mit ein paar Gewehren; die meisten kämpften mit Speeren und Dolchen, manche sogar mit Mistgabeln oder Stöcken. Alles, was wir ihnen voraus hatten, war unsere Anzahl und unsere Überzeugung. Das musste doch zu etwas nützen, oder etwa nicht?


    Als wir zurück zu unsere Baracken gingen, griff ich nach Karuls Arm. „Lass mich morgen nicht zurück“, bat ich flehend. „Egal, wie ich aussehe. Und wenn ich schreie und kein klares Wort mehr äußern kann, nimm mich bitte mit. Wenn ich im Freien bin, werden die Schmerzen immer besser und… ich bin nur dafür hergekommen. Es ist mein Lebensinhalt, die Ma zu stürzen, Karul. Danach kann ich in Frieden in mein Graßland zurückkehren und Rinder hüten oder was auch immer. Aber lass mich das morgen nicht verpassen. Ich bitte dich.“


    „Du solltest dich sehen“ protestierte Karul leise, so dass niemand unseren Worten folgen konnte. „Wenn du deine Anfälle hast, du… du bist wie ein Wahnsinniger, du bist kreidebleich und deine Augen…“


    Ich blieb stehen und hielt ihn an beiden Schultern fest. „Es ist alles, worum ich dich je bitten werde. Nimm mich mit, Karul. Ich bitte dich als mein bester Freund. Versprich es mir.“


    Es lag ein Zögern in seinem Blick, das mich bis zur letzten Sekunde daran zweifeln ließ, dass er nachgeben würde.


    „Na schön. Wenn du meinst. Aber du weißt, dass du uns im Wahn nichts nützen wirst.“


    „Ich werde uns nützen, Karul, das schwöre ich.“


    Ein müdes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht und er griff nach meiner Hand. „Versprich nichts, was du nicht halten kannst, mein Freund.“



    Karul jedoch hielt sein Verprechen. Lange vor der Dämmerung rüttelte er mich aus meinem unruhigen und seichten Schlaf, durchdrungen von den Stimmen.

    So früh, so früh…


    Mörder!


    „Vichram, wir brechen auf. Wach auf.“


    Sie wollen es wirklich tun! Sie sind nicht bei Verstand! Oh weh!


    Sie werden alle sterben, sie sind Narren!


    Ein wahnsinniges Lachen hallte durch meinen Kopf. Ich zwang mich, die Augen offenzuhalten. Wie im Delirium warf ich die raue Wolldecke von mir und stand unter großem Kraftaufwand auf. Ein aufgeregtes Treiben herrschte im Schlafsaal; alle flüsterten, als wollten sie sich an die Stille gewöhnen, die unser wichtigster Verbündeter sein würde, wenn wir uns im Schutz der Dunkelheit in die Stadt stehlen wollten.


    Meine Finger zitterten, als ich nach meiner Uniform griff, ein nutzloses Ding aus dunkelgrün gefärbtem Leinen. Nur eine Brustplatte aus Metall würde das Schlimmste abwehren—wobei ich bei so manchen Kugeln meine Zweifel hatte. Ich hatte gesehen, was die Königinnenwitwe zu ihrer Verteidigung auffahren ließ. Der Königsplatz vor dem Palast stand voller Haubitzen, die uns durchlöchern würden wie Nadelkissen. Dennoch hatte ich keine Angst. Wenn nur die verfluchten Stimmen endlich still wären.


    Ich zitterte so sehr, dass es unmöglich war, die Knöpfe zu schließen. Angestrengt versuchte ich, Metall durch Stoff zu schieben, doch meine Sicht verschwamm ob des Dröhnens unter meiner Schädeldecke. Es war, als stände ich in einem riesigen Saal, in dem tausende von Menschen durcheinander schrien. Ich verstand nicht einmal mehr einzelne Worte.


    Durch das Summen hindurch fühlte ich kühle und feste Finger auf meinen und eine vertraute Stimme drang zu mir.


    „Lass mich das machen.“


    Karul, mein Freund dachte ich und beinahe kamen mir die Tränen vor lauter Dankbarkeit. In wenigen Sekunden hatte meine Uniform an der Brust geschlossen und drückte mir etwas in die Hand. Ich erkannte es sofort, obwohl ich immer noch nicht klar sehen konnte. Gewicht und Form waren unverkennbar.


    „Wir haben Gewehre bekommen?“


    „Eine Lieferung, noch gestern Abend. Offenbar hat Ochra gute Verbindungen. Allerdings werden wir einige der wenigen sein, die damit umgehen können.“


    Er hatte recht. Schießen hatten die meisten kaum geübt, lediglich die Soldaten der Warlords und die ehemaligen Armeesoldaten, wie Karul und ich, waren mit derlei Waffen vertraut.


    Ich war wie in Trance, als wir uns draußen postierten und losmarschierten. Wie einen Anker umklammerte ich das Gewehr. Die frische Luft tat mir jedoch gut und die Stimmen wurden leiser, bis sie schließlich ganz verstummten. Die Dunkelheit umfing mich, nur unterbrochen von den Fackeln, die einige der Männer trugen. Das regelmäßige, sandige Knirschen unter unseren Füßen lullte mich ein und bald hatte ich das Gefühl für Zeit verloren. Es waren knappe zwei Stunden Fußmarsch zur Stadt, das wusste ich, doch ich hatte keine Ahnung, wann wir aufgebrochen waren und wie lange uns noch bis zur Dämmerung bleiben würde. Würden wir es schaffen?


    Meine Atemzüge wurden tiefer und die kalte Nachtluft strich über mein Gesicht. Endlich war Ruhe in mir. Der Tag, auf den ich so lange gewartet hatte, war gekommen.



    Der Himmel begann gerade, sich am Horizont rötlich zu verfärben, als wir endlich die Stadtmauern erblickten. Vor ihnen erstreckte sich ein weiter Streifen armseliger Hütten aus Lehm und Stroh, der still unter dem dunkelblauen Himmel lag. Die Ärmsten der Armen scherten sich nicht um Krieg oder Frieden, um Monarchen und Revolution. Für sie zählte nur das tägliche Überleben. Für eine Schale Reis und Fleisch hätten sie sicher gekämpft, doch sie warmen schwache, kränkliche Kreaturen, die Gesichter voller Schmutz und der Gestank des Elends stets in ihren zerfetzten Kleidern. Zum Kämpfen hätten sie nicht getaugt. Die Armenviertel innerhalb der Stadtmauern, auf dem Rudra, der Kujira und der Aisiha, waren nicht halb so verkommen. Die Leute dort mochten arm sein, aber sie lebten nicht vom Abfall der Stadt.


    Es blieb alles still, während wir durch die stinkenden Gassen marschierten, nur einmal sah ich einen kleinen Jungen, der mitten in einem der Durchgänge stand und rasch in einen Seitengang huschte, nachdem er uns erblickt hatte. Der Geruch des Verfalls hing überall. Über unseren Köpfen loderten die Feuer der Wachtürme.


    Kishrami hatte uns versichert, dass wir bei den Wachposten auf keinerlei Widerstand stoßen würden. Intrigen zu spinnen, sein unsichtbares Netz zu weben und seine Untergebenen in entscheidenden Positionen zu platzieren waren seine Spezialität—dennoch fürchtete ich in der endlos erscheinenden Zeitspanne, in der wir vor den mächtigen Toren standen, sie würden verschlossen bleiben. Was dann? Es gab keine andere Möglichkeit, die Mauern zu überwinden. Sie standen fest und unüberwindlich seit Jahrhunderten und keine Armee hatte sie je bezwungen. Auch die Tschai hatten es vor Jahrhunderten nur durch List geschafft, ihre Soldaten einzuschleusen und so die Tore von innen zu öffnen. Nur wegen ihnen, so war ich überzeugt, stand das Reich der Ma noch, nachdem sich dreizehn der achtzehn Provinzen von ihm losgesagt hatten. Sobald sich diese Tore öffneten, würde es fallen, dessen war ich so sicher wie noch nie zuvor in meinem Leben.


    Und sie öffneten sich.


    Mit einem Geräusch, als gäben sie den Weg zur Unterwelt frei, begannen sie sich zu bewegen; ein ohrenbetäubendes Knirschen und Knarzen, das aus einer vergangenen Zeit zu stammen schien. Im Tageslicht, in Zeiten des Friedens, waren die Tore stets geöffnet gewesen; bewacht, ja, aber geöffnet. Nie hatte ich mitbekommen, wie sie in den mächtigen Angeln schwangen und das Innere der Stadt freigaben wie den Schlund eines Tieres. Ich hielt den Atem an.


    Und dann lag sie vor uns; Berethia, die mächtige Stadt des Ostens. Die Ma nannten sie Ma-Berel, die Hauptstadt der Ma. Die Rebellen jedoch hatten ihren alten Namen wieder aufgenommen.


    Geschriene Befehle durchschnitten die Nachtluft scharf wie Pfeile. Ich wartete mit angehaltenem Atem auf die Anweisung von General Kalakti, der unsere Division befehligte. Wir sollten mit Ochras und Kishramis Männern direkt zum Palast; alle von uns waren übergelaufene Soldaten, die Erfahrung im Kampf hatten. „Lasst die Bauern sich mit den anderen Stützpunkten herumschlagen; sobald wir den Palast haben, muss sich die Stadt uns ohnehin unterwerfen. Lassen wir sich die Anfänger mit dem Glocken- und dem Trommelturm herumschlagen; wir gehen direkt ins Herz des Geschehens.“


    Als wir in die Stadt einmarschierten, beschlich mich ein seltsames Gefühl. Es war still, totenstill. Das blasse Licht der Dämmerung begann, die Häuser in ein mattes Licht zu hüllen, die umso größer und luxuriöser wurden, je weiter wir in die Straßen vordrangen. Es war eine knappe Stunde Marsch von den Stadttoren bis zum Palast, doch sie schienen wie leergefegt, wie in einer Geisterstadt. Nur wenige Handwerksleute waren schon auf den Straßen, beluden ihre Karren, um auf den Markt zu fahren, Bedienstete, die für ihre Herren in aller Frühe Besorgungen zu erledigen hatten.


    Doch kein einziger Soldat.


    Als wir den Glockenturm erreichten, sah ich sofort, dass kein Licht brannte.


    „Was ist los?“ murmelte ich Karul zu, der seit Stunden stumm neben mir marschierte. „Warum ist niemand da?“


    Es kam keine Antwort von meiner Seite; sicherlich, weil auch er keine wusste. Wir hatten uns spätestens jetzt auf erbitterten Widerstand eingestellt, ein letztes Auflehnen der todgeweihten Ma. Die Stille verwirrte und beunruhigte mich. War dies alles nur ein Hinterhalt, nur Strategie? Hatte Silla, die Königinnenwitwe, noch einen Trumpf im Ärmel und wartete nur auf den richtigen Zeitpunkt, ihn auszuspielen?


    Wie angewiesen gingen wir am Glockenturm vorbei und weiter in Richtung des Palastes. Je näher wir ihm kamen desto prunkvoller wurden die Häuser; imposante Steinbauten, die sich im fahlen Morgenlicht in die Höhe reckten. Die meisten waren umgeben von Mauern, an denen Wachen standen, jedoch waren dies privat engagierte Söldner, niemand von der Königsgarde. Sie standen still da und ließen uns passieren, als seien wir nichts als gewöhnliche Passanten.
    Die Straßen wurden steiler, je näher wir dem Königsplatz kamen. Als wir von der Hauptstraße, einer breiten Allee, die direkt auf den Platz zusteuerte, auf den bunt gemusterten Mosaikboden traten, bot sich uns ein beunruhigendes Bild.


    Der Springbrunnen in der Mitte plätscherte leise vor sich hin, sonst war kein Laut zu hören. Der Palast erhob sich wie eine Felswand hinter dem Platz, seine prächtigen Mauern starr und kalt, als hätte es nie Leben hinter ihnen gegeben. Die Palmen, die sie säumten, raschelten gespenstisch in der leichten Morgenbrise.


    In diesem Moment brach auf einmal die Sonne hinterm Horizont hervor und ihre Strahlen krochen über die Szene. Die Haubitzen standen noch da, doch unbemannt; keine Menschenseele war zu sehen, hier, wo zuvor die Soldaten der Königsgarde beinahe Schulter an Schulter gestanden hatten, ihre langen Bajonette vor sich aufgestellt. Wir hatten einen erbitterten Kampf erwartet, hatten das Blut über die bunten Mosaiksteine fließen sehen, doch niemand war da, um uns Widerstand zu leisten.


    Ich sah hinauf zu den Balkonen, auf denen sich früher ab und zu eine Edeldame hatte blicken lassen. Als ich das erste Mal in die Stadt gekommen war, als junger Mann von kaum vierzehn Jahren, hatte ich mit meinen Freunden auf dem Platz gestanden und gebannt dem Schauspiel gefolgt. Noch nie hatten wir so edle und vornehme Frauen gesehen, ihr bloßer Anblick hatte uns mit Scham erfüllt. Wir, kleine Tarkjungen in bleichen Leinengewändern, die Gesichter dunkel vom Staub.
    Nun waren sie verlassen, so wie alles.


    Ich blickte starr geradeaus, als General Kalakti uns den Befehl erteilte, stehenzubleiben.


    „Was ist hier los?“ hörte ich ihn rufen, seine Stimme klang unnatürlich laut in der Morgenstille.


    Bevor ihm jemand antworten konnte, ertönte auf einmal ein schabendes Geräusch. Es dauerte einen Augenblick, bis ich realisierte, dass es die Tore des Palasts waren. Sie waren nicht annähernd so groß wie die Stadttore, doch als sie aufschwangen hatte ich abermals das Gefühl, als öffne sich der Rachen eines Tieres.


    Es war so dunkel im Palast, dass man nichts als Schwarz sah. Entfernt hörte ich Stimmen in meinem Kopf.

    Oh weh, oh weh, diese Schande…


    Der Tag des Schicksals, der Verdammnis…


    Es erklang ein Rascheln und das Geräusch von sich nähernden Schritten; dann erblickten wir endlich, was wir schon viel früher erwartet hatten-- Soldaten der Königsgarde, oder die Sonnengarde, wie sie auch genannt wurde. Sie griffen jedoch nicht an, sondern reihten sich neben dem Eingang auf; zehn Männer rechts, zehn links. Schnell wie der Wind hatten sie sich positioniert und standen stocksteif da; ihre goldenen Helme leuchtend in der zögerlich hervortretenden Morgensonne, die hellgelben Uniformen ein stechender Kontrast vor der dunkelroten Farbe der Mauern. Sie schienen ihrem Namen gerecht zu werden. Sonnenkrieger.


    Wir alle starrten gebannt auf sie. Mein Herz pumpte fast schmerzhaft gegen die Rippen. Einen Moment lang hatte ich geglaubt, nun ginge der Kampf los; vielleicht hatte Silla ihre Leibgarde lediglich im schützenden Palast verschanzt, um sie dann im richtigen Moment auf uns loszulassen. Doch sofort wurde mir klar, dass sie nicht kämpfen würden.


    Dann trat ein kleiner Mann aus der Türe, gehüllt in eine purpurrote Robe. Er ging gebückt, als bereite ihm etwas große Schmerzen. Seine Füße schlurften über die Steinstufen vor den Toren, bis er stehenblieb. Eine zitternde Stimme erhob sich in der kühlen Morgenluft.


    „Soldaten, ihr kamt, um zu kämpfen, doch Ihre Majestät wünscht kein Blutvergießen—weder das ihrer Soldaten noch das ihres Volkes. Daher entschied sie sich, auf ihren rechtmäßigen Anspruch auf den Thron zu verzichten und die Stadt zu verlassen. General Ochra, General Kishrami—der Palast ist Euer!“
    Ein Jubel brach zwischen unseren Männern aus, doch meine Schreie blieben mir krächzend im Halse stecken, als mir klar wurde, was ich schon viel eher hätte begreifen sollen. Es gab keine Revolution, nichts würde sich ändern. Ochra und Kishrami hatten sich nicht lediglich unserer Sache angeschlossen—sie hatten sich die Rebellenarmee zunutze gemacht, während Kishrami sein Netz aus Intrigen spann und das Mauerwerk, dass die Königsfamilie stützte über Jahre hinweg durchlöcherte, bis es zusammenstürzte. Wir waren nichts als Werkzeuge in ihrem Machtplan und nichts, einfach nichts würde sich ändern. Eine Tyrannin war gegangen, um anderen Tyrannen Platz zu machen.


    Welch schwarzer Tag, hörte ich eine Stimme in weiter Ferne, der Himmel hat uns verlassen.


    Ja, dachte ich, das hat er in der Tat.


    Bevor wir den Palast stürmten sah ich, wie Ochra dem kleinen Mann in der roten Robe auf die Schulter klopfte, als seien sie alte Freunde.

    Einmal editiert, zuletzt von tradij ()

  • Es ging zwar anders weiter als erwartet, neue Person, neues Setting, aber auch hier ist es dir gelungen, den Leser einzufangen und das Mysteriöse weiterzuführen.
    Ich habe noch keine Ahnung, was bei dieser Geschichte herauskommen wird. Die Geister und die Stimmen haben natürlich etwas zu bedeuten, aber ich tappe völlig im Dunkeln, was. UND ICH WILL DAS WISSEN!


    Schreibtechnisch sehr gut gemacht, weiterhin stimmig und stimmungsvoll.


    Einzige Kritik: es heißt Grasland ;) .
    LG
    Melli

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Ups, ja stimmt. Rechtschreibung ist nicht so meine Stärke. Ich bemühe mich aber :)

  • Weiter geht es mit einem neuen Teil. Dies wird wahrscheinlich vorerst der letzte neue Ich-Erzähler sein, um die Leser nicht allzu sehr zu verwirren. :)



    Thulien


    Ein Brief war gekommen in der Nacht und ich las ihn im Kerzenlicht und dem blassen Schein der Morgenröte. Ich war früh aufgewacht, feucht von Schweiß und gefangen im Nachhall der Träume, die mich heimgesucht hatten.


    „General Thulien“ hatte mich eine Stimme aus dem Schlaf gerissen; die eines Jungen, leise und geflüstert. Kurz hatte ich sein Gesicht gesehen an der Schiebetür, da war er auch schon verschwunden gewesen; wie ein Geist in der Nacht, der sich bei Morgenlicht aus dem Staub macht. Einen Augenblick sah ich noch seinen Schatten durch die Tür scheinen als ich verschlafen in die Dämmerung blinzelte, dann war er fort, als wäre er nie dagewesen.


    Der Brief lag auf dem Boden wo er ihn hingeworfen hatte. Ich hatte mich schon oft gefragt, wie der Junge es immer wieder aufs Neue schaffte, sich an den Wachen vorbei zu schleichen und unbemerkt zu meinem Zimmer zu gelangen. Selbst wenn ich mich nicht im Palast aufhielt, kam er stets heimlich hinter dem Rücken der Bediensteten und Wachen. Vielleicht hatte Shu-li ihm eingebläut, niemanden auf seine Briefe aufmerksam zu machen und wieder einmal bewunderte ich seine Vorsicht und Diskretion. Er war stets weiser als ich gewesen und bedachter; mein jugendlicher Übermut hatte ihn ebenso oft zum Lachen gebracht wie verärgert.


    Ich öffnete die Rolle und strich das Papier glatt; auf eine Ecke stellte ich die Kerze, deren Schein müde durch das Zimmer floss. Der Palast war still, niemand regte sich.


    Die vertraute, regelmäßige Schrift allein verursachte ein Ziehen in meiner Brust. Götter, wie ich ihn vermisste.


    Liebster Thulien,


    Die letzten Tage habe ich ein neues Lied gelernt. Es ist so wunderschön, dass ich es dir nicht vorenthalten kann. Entschuldige, wenn ich dich mit meinen zwecklosen Künsten langweile.


    ‚Frühling: Die Geburt
    Sommer: Meine Sehnsucht
    Herbst: Das rote Laub
    Winter: Nur Schnee
    Mein Herz füllt sich mit der Abwesenheit von dir
    Geliebter Prinz.
    Du kannst mich nicht sehen aber
    Ich sehe dich.
    Das ganze Jahr.‘


    Manchmal stolpere ich bei der Aussprache und die Intonation ist für mich sehr schwer. Meister Zao macht mir jedoch Mut und sagt, dass ich täglich Fortschritte mache. Das Lied wurde von der Konkubine Thureka gedichtet, so heißt es zumindest, nachdem sie von Tschai-Piraten entführt worden war und bevor sie im Exil starb, vor Kummer über den Verlust ihres Prinzen. Ich glaube die Geschichte nicht wirklich. Wenn sie im Exil starb, wer brachte das Lied zurück nach Lakrish? Die Tschai werden sich wohl kaum die Mühe gemacht haben, nachdem sie jahrzehntelang vergeblich versucht haben, die Insel zu erobern. Wie dem auch sei, ich bin ganz verliebt in das Lied. Ich möchte nichts anderes mehr singen. Natürlich denke ich dabei an dich, mein junger General. Ja, mir wurde die Botschaft überbracht—du bist zum General ernannt worden. Zum jüngsten in der Geschichte der Choro. Ich würde gerne sagen, dass es mich überrascht, aber ich habe immer schon gewusst, was in dir steckt. Habe ich doch gewusst, dass du auch ohne mich erblühen wirst.


    Gleichzeitig erreichen mich beunruhigende Gerüchte. Ma-Bateer in Aufruhr! Ist es wahr? Dreizehn Provinzen haben ihre Unabhängigkeit erklärt? Verrate mir nur so viel, ich sterbe vor Neugierde. Manchmal möchte ich meine ganzen alten Meister ohrfeigen für ihre stoische Gelassenheit und vollkommene Gleichgültigkeit. ‚Der Himmel mag rot werden und die Sonne in einem schimmernden Nebel zerstäuben, solange die Wände um uns stehen werden wir die roten Masken aufsetzen.‘ Ich kann es nicht mehr hören. Die höchste Stufe des Nicht-Seins ist mir so fern. Ich habe noch nicht einmal die niedrigste Stufe erreicht.
    Ja ja, ich mache nur Spaß, natürlich. Das ist der Weg, den ich eingeschlagen habe und ich versuche, ihn nicht zu bereuen. Das Einzige, was ich bereue ist, dich nicht mehr sehen zu können. Es gibt kaum etwas, was mir so fehlt wie du; dein Gesicht, deine Stimme und deine Hände, deine wundervollen Hände.


    Mein Brief wird zu lang und die Kerze ist bald heruntergebrannt. Wir bekommen in der Woche nur zwei, deshalb muss ich sparen. Ich erzähle dir also kurz und knapp von meinem ereignislosen Leben. Tagesablauf und Disziplin habe ich dir bereits geschildert. Zu meiner Zufriedenheit mache ich in der Akrobatik schnelle Fortschritte, selbst der Meister ist angetan. Meine Arme, die am Anfang meine größte Sorge waren, werden von Tag zu Tag kräftiger.


    Was weniger reibungslos läuft, ist das Singen. Mir wurde durch die Blume gesagt, dass ich nie ein wundervoller Sänger werden würde; daher ist alles, was mir bleibt, das Wenige, was ich habe, auf die höchstmögliche Stufe zu bringen. Ich mag es aber einfach nicht sonderlich. Abends kratzt mein Hals und ich trinke so viel Tee wie ich kann, aber Gelan sagt, ich soll es nicht übertreiben, damit mein inneres Feuer nicht sinkt. Mittlerweile trinke ich fast nur noch heißes Wasser.
    Die Gesten- naja. Sie waren das, was mich am Schauspielen am Anfang am meisten eingeschüchtert hat. Hundertdreißig Gesten für hundertdreißig verschiedene Gefühlsregungen und Gedanken! Ich wusste noch nicht einmal, dass es so viele gibt. Ich scheine ein emotional sehr einfach gestrickter Mensch zu sein. Doch ich stelle mit Überraschung fest, dass ich auch hier mehr behalte als anfangs erwartet. Beinahe vierzig habe ich mir schon eingeprägt, darunter natürlich nur die geläufigsten—Hass, Wut, Trauer, Freude, Liebe, Begehren, Sehnsucht und so weiter. Ich finde mich ganz gut, nur leider scheine ich allein zu sein mit meiner Meinung. Sie sagen, es wird noch Jahre dauern, bis ich in einer Nebenrolle auftreten kann.


    Ein guter Ort für Bescheidenheit also. Es würde dir vielleicht gut tun, eine Weile hier zu leben.


    Tu mir einen Gefallen und höre auf zu fragen, wann ich wiederkomme. Ich weiß nicht, ob ich es jemals schaffe, ein Schauspieler zu werden, doch noch fasziniert mich dieser Ort und ich möchte vorerst hier bleiben. Ich vermisse dich auch, die Götter wissen es; aber du weißt, wie die Umstände sind. Ich bete jeden Tag, dass ein Tag kommt, an dem wir wieder zusammen sein können.


    Du kannst mich nicht sehen aber
    Ich sehe dich.
    In Liebe,
    Shu-li


    Ich rollte den Brief wieder zusammen und band das Band wieder darum, das ihn zuvor zusammengehalten hatte. Shu-lis Worte hallten in meinem Kopf nach, als hätte er wirklich zu mir gesprochen. Er hatte diese Art zu schreiben, die mir stets das Gefühl gab, er würde wahrhaftig vor mir stehen. Wenn er es doch nur täte. Ich hatte längst damit aufgehört, ihn in meinen Briefen darum zu beten, zurückzukommen. Dabei war es nicht nur ich, der ihn brauchte; das ganze verdammte Reich brauchte ihn! Ich lachte bitter, als ich an seine Worte dachte.


    Habe ich doch gewusst, dass du auch ohne mich erblühen wirst.


    Erblühen—wozu? Ich war General, doch wem diente ich? Alles, was ich je gewollt hatte, war, ihm zu Diensten zu sein. Meinem Prinzen. Shu-li mit dem goldenen Haar, den lachenden Augen.


    Seufzend erhob ich mich und zog die Truhe unter meinem Bett vor, in denen ich seine Briefe sammelte. Sie war zum Bersten voll; wahrscheinlich würde ich bald eine Nachfolgerin finden müssen. Außer natürlich, Shu-li entschloss sich irgendwann, mir nicht mehr zu schreiben. Davor fürchtete ich mich immer noch. Ich kannte ihn und seine Resolutheit.


    Als es hell war, begann es zu regnen. Das regelmäßige Prasseln hatte eine beruhigende Wirkung auf mich und ich schaffte es, noch einmal in einen seichten Halbschlaft abzudriften, bevor mein Page ins Zimmer trat und mich wachrüttelte. Ich schickte den Jungen hinaus, um mir Frühstück zu holen und tauschte mein Schlafgewand gegen meine Dienstkleidung ein. Ich hatte gerade die Tunika über meine Unterkleidung gezogen und war dabei, sie an der Hüfte festzubinden, als er wieder eintrat.


    „Verzeiht, Herr!“ Er stellte das Tablett auf den Tisch und eilte herbei, um Hand anzulegen. „Ich sollte euch dabei helfen.“


    „Würde ich wollen, dass du mir hilfst, hätte ich gewartet, bis du mit dem Frühstück wieder da bist. Ich kann es nicht brauchen, wenn man an mir herumfingert.“


    Der Junge befestigte dennoch pflichtbewusst den Gürtel und half mir in den violett gefärbten Übermantel. Als er fertig war musterte er mich mit einer Mischung aus unverhohlenem Stolz, als sei ich sein Werk, und derselben ehrfürchtigen Bewunderung, die stets auf seinem Gesicht geschrieben stand.


    Du denkst, es ist das Wichtigste im Leben, schnell in einen hohen Rang aufzusteigen; wie lange wird es bei dir dauern, bis du merkst, dass das nur leere Versprechungen birgt?


    Ich zwang mich, nicht an Shu-li zu denken und seinen Brief und setzte mich im Schneidersitz an den Tisch, um mein Frühstück zu mir zu nehmen.
    „Du kannst vor der Türe warten, bis ich dich rufe.“ Mir war nicht nach Gesellschaft, nicht einmal nach der meines schweigsamen Pagen.


    Er verneigte sich und verließ den Raum. Der Junge war all das, was man sich von einem Pagen wünschen konnte; gehorsam, fleißig, pflichtbewusst und ganz passabel mit dem Schwert. Nicht so gut wie ich in seinem Alter gewesen war, aber das war etwas, was den meisten schwerfallen dürfte. Schließlich war ich stets der Beste gewesen. Ich war bei meiner Aufnahme das jüngste Mitglied der Choro seit ihrer Gründung, der jüngste Wolf seit Menschengedenken. Doch wofür das alles? Nichts vermochte die innere Leere zu füllen, die Shu-li hinterlassen hatte. Ich hatte immer für ihn gekämpft; wofür war ich der beste Kämpfer des Reiches, wenn nicht, um ihm den Thron zu sichern?


    Die Bitterkeit auf meiner Zunge ließ sich auch durch mein Frühstück nicht vertreiben. Lustlos kaute ich auf dem gebratenen Fisch und schlürfte etwas Tee und warme Suppe, den Reis rührte ich nicht an.


    „Shu-sek!“ rief ich den Jungen, der bekümmert auf mein verschmähtes Essen sah. „Hol einen Schirm und begleite mich zum Thronsaal.“


    Er selbst wurde natürlich vom Regen völlig durchnässt, während er sicherging, dass ich möglichst wenig vom Wasser abbekam. Der Boden links und rechts von dem steinernen Durchgang hatte sich in ein matschiges Feld voller Regenlöcher verwandelt. Der größte Teil des Weges war überdacht, trotzdem war es schwer, der Nässe auszuweichen.


    Es war noch früh, aber es war meine Pflicht, vor Tu-re-li im Saal zu sein. Ich schickte den Jungen davon, damit er sein Tageswerk verrichten konnte, nachdem er mir die Stiefel abgezogen hatte. Langsam schritt ich über den trockenen Holzboden, vorbei an einer Reihe von Dienern, die entlang des Mittelgangs aufgereiht knieten und platzierte mich mit der Hand am Schwert neben dem gewaltigen Thron aus geschnitztem Holz, den sich das Weibsbild hatte aufstellen lassen. Offiziell hatte der Kaiser befehligt, ihn zu errichten, aber jeder wusste, dass sie es ihm eingeflüstert hatte, so wie sie ihm alles einflüsterte. Ich konnte es ihr nicht einmal verübeln. Als Frau hatte sie schließlich keine andere Möglichkeit zu herrschen; womöglich hätte ich dasselbe getan.


    Um mich herum standen bereits zwölf der Männer, die ich befehligte. Ich nickte ihnen förmlich zu und sagte kein Wort der Begrüßung; Höflichkeiten strengten mich an und ich hielt sie für belanglos.


    Mein Blick wanderte zu den Schatten an der Decke, die sich dicht umeinander woben wie eine Wolkendecke. Ich hatte nicht direkt Angst vor ihnen, aber sie beunruhigten mich. Sie waren nichts, was man mit einem Schwert bekämpfen konnte und Schwerter waren alles, woran ich noch glaubte. Der raue Griff in meiner Hand beruhigte mich und schien eine unsichtbare Stärke in mich fließen zu lassen.


    Du bist ein Krieger, völlig egal, für wen du kämpfst. In Ma-Bateer hantieren sie mit Feuerwaffen, doch das Schwert ist die einzig würdevolle Waffe, die einzig wahre. Der Weg des Kriegers, dem du dich verschrieben hast, wird niemals sterben.

    Es war ruhig bis auf gelegentliches Geflüster und das stetige Geprassel des Regens, bis sich von draußen eine gellende Stimme erhob.


    „Werft euch nieder für Ihre Majestät Tu-re-li, der Gemahlin des mächtigen Sohn des Himmels, Sha-re-li, Mutter des Reiches, Tochter des Phönix.“


    Als die riesigen Schiebetüren zu beiden Seiten aufglitten und eine kleine Prozession den Saal betrat, warfen sich die Bediensteten links und rechts auf den Boden, so dass ihre Stirn das Holz küsste. Flankiert von zwei Choros ging die Königin; würdevoll schien sie in Richtung des Thrones zu gleiten. Ihr voraus eilte ihr Kammerdiener Lakra; eifrig bemüht, gewissenhaft auszusehen. Wie ich den kleinen Speichellecker hasste. Doch ich hatte es gelernt, mein Gesicht zu beherrschen wie eine Maske. Nichts von meinem Eckel über die obszöne Inszenierung zeigte sich in meinen Gesichtszügen.


    All die aufgesetzte Würde fiel von Tu-re-li ab, als sie den hölzernen Thron erreichte. Fast wie ein kleines Mädchen wirkte sie, als sie kichernd ihren schweren, reich bestickten Umhang abnahm und einer Dienerin ins Gesicht schmiss.


    „General Thulien“ begrüßte sie mich und zwinkerte mir spöttisch zu.


    „Eure Majestät.“


    „Wo sind mein Gemahl und der Rat?“ rief sie und nun schwang etwas Ungehaltenes in ihrer Stimme mit. „Bin ich hier verdammt noch mal die Einzige, die regiert?“


    Wenn du es regieren nennst, auf deinen weichen Kissen zu sitzen und mit Kirschen gefüttert zu werden, während du Befehle brüllst, dann ja.

    Lakra trat mit gesenktem Kopf vor sie. „Wir haben nach Eurem Gemahl geschickt, Hoheit. Er scheint noch nicht auf zu sein. Und der Rat kann sich ohne den König nicht versammeln, wie Ihr wisst.“


    „Schickt noch einmal nach ihm; sagt ihm, er soll sich beeilen.“ Sie fiel auf den Thron, als laste die ganze Welt auf ihren Schultern. Das Holz, das in Form von ineinander verschlungenen Ranken geschnitzt war, türmte sich weit über ihrem Kopf. „Bringt mir Tee und geröstete Bohnen. Und Musik. Ich will Musik. Dieses verdammte Geprassel macht mich wahnsinnig.“


    Es war still im Saal, nachdem Lakra hinausgeeilt war, um die Wünsche Ihrer Majestät zu erfüllen. Die Königin wandte sich zu mir um.


    „Thulien“, adressierte sie mich, „gibt es Neuigkeiten von unserem Sohn?“


    Ich hasste es, wenn sie ihn so nannte. Shu-li war ebenso wenig ihr Sohn wie der des Königs.


    „Nein“, log ich. „Wenn seine Majestät sich entschließen würde, Kontakt aufzunehmen, dann doch sicher zuerst mit seiner Familie.“


    Ihr Blick durchbohrte mich wie ein Pfeil und es war schwer, ihm standzuhalten. Wer Tu-re-lis Vertrauen missbrauchte, bezahlte bitter dafür, das wusste ich. Ich musste nur in ihre Augen blicken, stets so voller Hass, verschleiert von bittersüßer Falschheit. Was ich tat, war Hochverrat; jedoch war mein Leben mir weniger wert als die Liebe meines Prinzen.


    „Wohl war“, sprach die Königin schließlich mit zuckersüßer Stimme, „aber ich hatte gehofft… ihr wart so gute Freunde.“


    Mein Blick wanderte zu den Schatten an der Decke, um sie nicht ansehen zu müssen. Ihre dunklen Augen beunruhigten mich so sehr, dass ich kaum hineinsehen konnte.


    „Das ist richtig, Majestät. Ich wünsche mir sehr, Nachricht von seiner Hoheit zu erhalten, doch bisher hoffte ich vergeblich.“


    Ein paar der Schatten begannen, durcheinander zu huschen, als hätten sie meine Lügen gespürt. Die Königin erhob sich und trat auf mich zu. Angespannt verblieb ich in meiner Pose, als sie mir mitfühlend die Hand auf den Arm legte.


    „Das wünschen wir uns alle, General. Seit mich Shu-lis Vater zur Frau nahm, die Götter geben seiner Seele Frieden, liebte ich den Jungen wie einen Sohn. Es kränkt mein Herz, dass er sich entschlossen hat, seine Familie zu verlassen, ohne wenigstens einen Hinweis auf seinen Verbleib zu hinterlassen.“


    So dicht vor mir konnte ich nicht an ihr vorbeisehen und begegnete ihrem Blick. Aufrichtiger Kummer schien in ihm zu liegen. Eine tiefe Falte hatte sich in ihre sonst so straffe Stirn gegraben und ihr Mund zitterte, als hielte sie nur mühsam ihre Tränen zurück.


    „Wir können nicht wissen, was in ihm vorging, aber vergebt ihm, General. Der Kummer über den Tod seines Vaters war sicher zu groß für ihn. Ihr selbst wisst, wie einzigartig die Liebe zwischen Vater und Sohn ist. Sein Vater hätte im Kampf sterben müssen oder im hohen Alter—nicht jedoch feige vergiftet von niederträchtigen Verschwörern.“


    Es kostete mich alle Willenskraft, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten. Sie war mir so nah, dass ich ihren Duft roch, frische Orchideen und Jasmin.


    „Die Götter wissen, dass ich nicht in der Position bin, seiner Majestät zu vergeben“, entgegnete ich. „Ich halte ihn im Herzen stets in guter Erinnerung. Was er tat, tat er aus bestem Wissen. Es ist meine Berufung, die Entscheidungen seiner Majestät zu unterstützen, nicht, sie zu hinterfragen.“


    Tu-re-lis Augen ruhten noch einen Moment lang auf mir, bevor sie auf einmal lachend den Kopf in den Nacken warf. Ihr goldener Haarschmuck klimperte wie ein Glockenspiel.


    „Gesprochen wie ein wahrer General“ rief sie, als hätte ich ihr einen köstlichen Witz erzählt. Ihr Griff wurde fester, die Finger ihrer zarten Hand krallten sich in den Stoff meines Gewands. „Wenn ich Euch nicht so dringend brauchen würde, würde ich Euch höchstpersönlich auf die Suche schicken. Ihr würdet ihn finden, selbst wenn er sich in einem Kloster in den Bergen oder in einer kleinen, stinkenden Opiumhöhle in Kisha-suk verstecken würde.“


    Verstecken. Beinahe hätte ich dir abgenommen, dass du ihn wie einen Sohn vermisst. Aber du weißt, dass er vor dir geflohen ist.

    Mit einem letzten bohrenden Blick löste Tu-re-li ihre Hand von meinem Arm und schlenderte wie gelangweilt zum Thron zurück, wo sie sich seufzend wieder niederließ. Der von ihr bestellte Tee und die gerösteten Bohnen wurden serviert und eine Weile waren die einzigen Geräusche im Saal das Klimpern der Laute und das knirschende Geräusch, mit denen sie die Bohnen zwischen ihren Zähnen zermahlte.



    Als sich schließlich die Tür öffnete und der König eintrat, war sie schon reichlich ungehalten. Der Regen prasselte draußen immer noch und als er durch den Mittelgang auf seine Gemahlin zukam, hinterließ er feuchte Abdrücke auf dem Holzboden. Hinter ihm gingen in gebührendem Abstand die zwölf Beamten, an ihrer Spitze die drei Hohen Räte. Ihre Umhänge schimmerten in unterschiedlichen Farben— eine unterschiedliche für jedes der Ministerien.


    „Schön, dass Ihr den Weg in unsere Hallen gefunden habt, Eure Majestät“, rief Tu-re-li spöttisch, noch als er auf sie zuging. „Ich hatte schon befürchtet, ihr hättet vergessen, dass in Ma-Bateer ein Aufstand tobt!“


    Der König ließ sich ungehalten neben ihr auf dem massiven Thron nieder, der für sie Beide Platz bot. Zuvor war an derselben Stelle ein kleinerer Thron gestanden, gemacht für eine einzelne Person.


    „Ganz recht, er tobt in Ma-Bateer, nicht in Lakrish. Deshalb halte ich es für unklug, die Dinge zu überstürzen.“


    Die Königin schnaubte empört. „Euch ist klar, was diese Zeiten des Umbruchs bedeuten? Was für eine Botschaft eine Rebellion an unser Volk senden wird? Wenn das Volk die Ma stürzen kann, weshalb dann nicht auch den Sohn des Drachen und die Tochter des Phönix?“


    „Beruhigt Euch. Es ist nicht, als hätten wir eine Armee vor der Tür. Zeit genug für den König, in Ruhe sein Frühstück einzunehmen.“


    Er strich ungehalten über den langen, hellen Bart, der ihm bis auf die Brust reichte. Obwohl er nur Shu-lis Onkel war, herrschte eine unverkennbare Ähnlichkeit zwischen den beiden Männern. Die blonden, gelockten Haare, die dem König bis zur Hüfte fielen und die er zu einem schweren Zopf geflochten hatte, trug Shu-li kurz, so dass sie sein Gesicht wie eine Korona umrahmten. Einen Bart trug er ebenfalls nicht, jedoch waren es die Augen, die hellblauen Augen, in denen sich der Himmel zu spiegeln schien, die den beiden Männern ihre Ähnlichkeit verliehen.


    „Nun gut, mein König, ich nehme an, Ihr seid zur Genüge gesättigt und nun in der Lage, Euren Rat zu befragen und Eure Entscheidung zu treffen. Die Ma haben uns um Hilfe ersucht.“


    König Sha-re-li seufzte tief. „Dann lasst uns diese lästige Angelegenheit hinter uns bringen. Minister Pan-sek und Ru-sek, tretet vor.“


    Die beiden Minister in hellblauen Roben, die für das Verteidungsministerium standen, erhoben sich von den Hockern, die unterhalb der Stufen zum Thron platziert waren. Pan-sek, der Minister, verneigte sich tief. Er war ein ältlicher Herr mit ergrauendem Haar und Bart und müden Augen, die von Tränensäcken geziert wurden. Der stellvertretender Minister Ru-sek, ein dynamischer junger Mann von kaum vierundzwanzig Jahren, tat es ihm nach. Seine Locken waren so dunkel, dass gemunkelt wurde, ob er bateerisches Blut hatte, was er jedoch stets abstritt.


    „Die Ma haben uns um Asyl ersucht“, erfüllte Tu-re-lis Stimme den Saal. Sie liebte es, die volle Aufmerksamkeit zu haben. „Nun ist es an uns zu entscheiden, ob wir ihrem Gesuch Folge leisten. Ich wünsche Euren Rat, meine Herren.“


    Pan-sek verneigte sich tief. „Eure Majestät, die Ma haben seit Jahrzenten keinerlei diplomatischen Beziehungen mit uns gepflegt…“


    „Weil mein Bruder dies nicht erwünscht hat“, unterbrach ihn König Sha-re-li mit donnernder Stimme. „Der verstorbene König meinte, unser Land wurde am meisten erblühen, wenn jegliche Einflüsse von außen unterbunden würden. Diese Meinung teile ich nicht. Unsere Politik ist eine andere, daher ist dieses Argument nicht gültig. Fahrt fort.“


    Ich sah aus dem Augenwinkel, wie Tu-re-li ungeduldig auf ihrem Sitz hin und her rutschte.


    „Mit Verlaub, Eure Majestät“, ergriff nun Ru-sek das Wort und trat energisch einen Schritt auf den Thron zu. „Helfen wir den Ma und sie schaffen es, die Macht zurückzubekommen, haben wir einen ersten wertvollen Verbündeten. Da unsere Außenpolitik, wie Ihr gerade gesagt habt, noch in den Kindesschuhen steckt, wäre es ein guter Anfang. Die Ma waren lange stark, die stärksten Herrscher der alten Königreiche.“


    „Die es nie geschafft haben, Lakrish zu erobern.“ Pan-seks Stimme zitterte etwas, war aber bestimmt. „Sie waren nie unsere Freunde. Und wenn sie so stark waren, weshalb scheiterten sie Jahr um Jahr an unserer im Verhältnis kleinen Armee? Wir haben sie jedes Mal zurückgeschlagen. Wir brauchen sie als Verbündete nicht. Zudem ist es fraglich, ob sie ihre Macht tatsächlich je wieder zurückbekommen. Vielleicht sollten wir unser Augenmerk eher auf die neuen Herrscher richten.“


    „Die Aufrührer?“ Der König schüttelte empört den Kopf. „Was sendet das für Signale? Wenn nun jeder dahergelaufene Warlord ein uraltes Königshaus stürzen kann… das könnte die Leute auf Ideen bringen. Das Militär auf Ideen bringen.“


    „Es geht um diplomatische Beziehungen, nicht um die Anerkennung ihrer Regierung“, entgegnete Pan-sek.


    „Und was ist die Aufnahme von politischen Beziehungen, wenn nicht die Anerkennung ihrer Regierung?“ rief der König aufgebracht. „Ich will davon nichts hören. Wir werden unsere Beziehungen zum Ausland ausbauen, doch ein militärisches Bateer können wir nicht akzeptieren. Schluss damit.“


    Pan-sek verneigte sich tief. „Wie Ihr wünscht.“


    „Was aber nicht die Frage klärt, wie wir mit den Ma verfahren“, erinnerte sie Tu-re-li ungeduldig. Ich sah, wie schwer es ihr fiel, die Hände im Schoss zu behalten, wie es einer Königin während einer Ratsbesprechung gebührte.


    „Wo befindet sich die Ma im Moment?“ hakte der König nach. „Sind sie bereits aus dem Land geflohen?“


    „Sie halten sich noch dort versteckt, Eure Majestät. Nicht einmal ihrem Bote wurde der genaue Aufenthaltsort mitgeteilt—sollte er gefangen und verhört werden.“


    „Wenn wir gegen das neue Militärregime erklären, wäre die Konsequenz, die Ma aufzunehmen. Wir könne ihnen helfen, ihre Macht zurückzugewinnen!“ rief Ru-sek energisch und hob eine Faust. Ein entsetzter Aufschrei des Ministers brachte ihn zum Schweigen.


    „Und wie, Vizeminister, wie? Unsere Armee ist gerade stark genug, unser eigenes Land zu verteidigen. Wir haben uns nie viel aus großen Feldzügen gemacht, warum sollten wir jetzt herumziehen und Länder zurückerobern? Noch dazu ein Land von der Größe Bateers. Ihr seid von Sinnen.“


    Pan-sek sank auf seinen Hocker, als habe er eine große Anstrengung hinter sich.


    „Und woher dieser Enthusiasmus, Ru-sek?“ kam es leise vom König und ich konnte den musternden Blick, den er dem Vizeminister zukommen ließ, nur erahnen. Doch die Beunruhigung, die sich im Gegenzug auf Ru-seks Gesicht wiederspiegelte, ließ keine Fragen offen. Der junge Mann senkte betreten den Kopf. Einen Moment lang schien es, als wolle er reden, aber am Ende verblieb er schweigend.


    „Ich bin der Meinung, wir sollten keine Seite beziehen, solange die Fronten nicht geklärt sind“, kam es, nun etwas ruhiger, von Pan-sek. Majestät, ich würde vorschlagen, Ihr tut zunächst nichts und wartet die Entwicklung der Geschehnisse ab.“


    Wieder dieses unruhige Zucken von Tu-re-li.


    „Wenn wir nichts tun, ist das ebenfalls eine klare Aussage.“ Ru-seks Stimme klang fast verzweifelt. „Wir überlassen die Ma ihrem Schicksal und verweigern unsere Hilfe.“


    „Vorerst.“


    „Ohne unsere Hilfe gibt es nur eine mögliche Entwicklung. Die Ma werden nie aus eigener Kraft zurück an die Macht gelangen.“


    „Vielleicht finden sie an einem anderen Ort Hilfe.“


    „Und wir werden in ihren Augen stets die sein, die ihnen Hilfe versagt haben.“ Ru-sek sank ebenfalls auf seinen Hocker. „Wenn wir handeln wollen, dann müssen wir es jetzt tun.“


    Der König erhob sich und hob eine Hand. „Ich glaube, ich habe genug gehört. Ru-sek, Ihr sagt, wir sollten die Königsfamilie aus Ma-Bateer bei uns aufnehmen, habe ich Recht?“


    Ru-sek senkte demütig den Kopf. „So ist es, Majestät. Was geschehen ist, ist eine große Ungerechtigkeit. Sie verdienen unsere Hilfe.“


    „Und Ihr, Pan-sek?“


    „Ich sage… wir sollten nichts tun, Majestät.“


    „Und damit den Ma unsere Hilfe verwehren.“


    „Wenn Ihr es so ausdrücken wollt…“


    Es war der König, der die Entscheidung aussprach, nicht die Königin. Sie hatte kaum gesprochen während der ganzen Debatte und niemand hätte je behaupten können, sie hätte die Entscheidung beeinflusst. Aber ich hatte ihn gesehen, diesen kleinen, kaum merklichen Blick, den die beiden austauschten, der nur den Bruchteil einer Sekunde andauerte, bevor der König laut und mit fester Stimme sagte: „Dann werden wir die Ma nicht bei uns aufnehmen. Das ist meine Entscheidung und von nun an werden wir nicht mehr darüber sprechen.“


    Die Minister und Bediensteten warfen sich auf den Boden. „Lang lebe der König“, hallte es durch den Thronsaal.


    Meine Hand umschloss noch fester den Griff meines Schwertes.



    Der Regen trommelte noch immer auf das Dach, als ich bei Kerzenschein zum zweiten Mal Shu-lis Brief las. Gedankenverloren strich ich über die getrocknete Tinte, als würde es mich dem Prinzen näherbringen, dasselbe Material zu berühren, das er berührt hatte. In meinem Kopf wurden Bilder lebendig. Ich sah Shu-li, eine rote Maske und ein weißes Gewand tragend über die Bühne wirbelnd, wie die vielen Tota-Schauspieler, die ich in meinem Leben bereits gesehen hatte.


    Als ich noch ein kleiner Junge war, zu einem Zeitpunkt, an dem ich womöglich noch nicht einmal Shu-li gekannt hatte, war einmal eine Tota-Truppe an den Hof meiner Eltern gekommen. Sie hatten wundersame Instrumente von ihren Karren geladen sowie unzählige Kisten, deren Inhalt ich mir mit meiner kindlichen Phantasie ausmalte. Am Abend, als sie begannen, das Stück aufzuführen, war ich jedoch entsetzt—auf einmal trugen sie alle rote Masken, die mir als Kind wahnsinnige Angst einjagten. Mein Vater, an dessen Seite ich saß, bemerkte lachend mein Leid, während ich versuchte, still zu sitzen und vor seinen Vasallen keine Schwäche zu zeigen.


    Nach der Vorführung hatte er mich bei der Hand genommen und zu dem Mann gezogen, der die Hauptrolle gespielt hatte. Als er die rote Maske vom Gesicht zog, machte sich Erleichterung in meinem Herzen breit. Sie waren nicht allesamt zu roten Monstern geworden.


    „Was ist los, kleiner Mann?“ fragte der Schauspieler und strich mir über den Kopf. „Du hast die ganze Zeit ein Gesicht gemacht als wären die hundert Teufel hinter dir her.“


    „Mein Sohn hat zum ersten Mal eine Tota-Gruppe gesehen. Er war… beunruhigt von Eurer Maskerade.“


    Der Mann lachte. „Keine Sorge, selbst ältere junge Männer rennen manchmal aus Furcht davon, wenn sie uns zum ersten Mal auftreten sehen. Euer Sohn hat sich tapfer gehalten, mein Herr.“


    Mein Vater tätschelte mir stolz die Schulter. „Er wird nochmal ein richtiger Kämpfer werden. Aber vorher muss er lernen, nicht vor den Tota-Masken zu erschrecken.“


    Mit diesen Worten ging er zurück zum Tisch, wo ein voller Bierkrug auf ihn wartete. Ich blieb verlegen bei dem Schauspieler zurück, der eben noch ein roter Teufel gewesen war. Nun war er ein alternder Mann mit zurückweichendem Haar, der mich aus gutmütigen Augen anblickte.


    „Warum tragt ihr Masken?“ fragte ich ihn zögerlich, weil ich vom Thema meiner Angst ablenken wollte.


    „Wir tragen alle Masken, junger Herr“, antwortete er. „Jeden Tag. Und je älter wir werden, desto besser werden wir. Eben, als Ihr uns beobachtet habt, hattet ihr Angst… aber ich habe auf Eurem Gesicht gesehen, wie Ihr versucht habt, die Angst nicht zu zeigen. Ihr habt also eine Maske aufgesetzt, oder versucht aufzusetzen, die Eure Angst verdeckt.“


    Er setzte sich und streckte seine müden Glieder. Zuvor war er auf der Bühne herumgesprungen wie ein Affe und ich hatte nichts von seinem tatsächlichen Alter gemerkt.


    „Es gibt andere Theaterschulen“, fuhr er fort, „die ohne Masken spielen. Sie versuchen, ihr Gesicht zur Maske zu machen. Wir Tota setzen Masken auf, um zu zeigen, dass das menschliche Gesicht letztlich nichts anderes als eine Maske ist.“


    Ich hatte genickt, ohne seinen wirklichen Sinn verstanden zu haben. Nun, Jahre später, verstand ich den alten Schauspieler vollkommen.


    Und welche Maske trägst du, General Thulien?

  • Auch der dritte Charakter überzeugt. :thumbsup:
    Du kannst echt Stimmungen einfangen und das nicht- gesagte gut rüberbringen.
    Ich hoffe, bald weiterlesen zu können :D

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Danke dir, dass du so fleißig Reviews schreibst, es ist immer gut, ein bisschen Ermutigung zu haben :) Ich freue mich, dass dir das neue Kapitel gefallen hat und hoffe auch, bald weiterschreiben zu können. Bis hierher hatte ich die Geschichte "vorgefertigt", nun muss ich erst wieder was produzieren, bevor ich posten kann.
    lg ^^