Die Legende von Cerin

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    • Die Legende von Cerin

      Hallo, ich dachte, ich poste mal den Anfang meiner Geschichte "Cerin". Würde mich über Comments sehr freuen. ^^ Falls Interesse besteht, kann ich gerne weitere Kapitel posten, hab schon 250 Buchseiten geschrieben. :)





      Der Auftrag

      Nebel zog durch das langlanische Waldland. Wie ein Dieb auf Beutezug, beraubte er die Natur ihrer Farbenpracht und bedeckte sie unter einem einzigen, grauen Mantel. Ein kalter Wind folgte ihm, fegte über den Boden und rauschte in den Kronen der Bäume.
      Cerin erhob sich von seinem Schlafplatz und wickelte die Wolldecke fester um seine Schultern. Die gesamte Umgebung war mit Morgentau beschlagen und glänzende Spinnweben verzierten die Wiese um ihn herum. Cerin fröstelte. Das Feuer der letzten Nacht war schon längst erloschen und nur noch ein kümmerliches Häufchen grauer Asche Zeugnis seiner Existenz.
      Noch einmal lauschte er den Geräuschen des erwachenden Waldes; Dem munteren Gesang der Vögel und dem Zirpen von Zikaden. Irgendwo sprudelte Wasser herab und klatschte auf felsigen Grund. Einen Moment lang konnte er vergessen was sein Auftrag war und ihm das Schicksal angetan hatte. Jedoch nur kurz, geradezu bedeutungslos. Stirnrunzelnd dachte er an den Tag seines Aufbruchs zurück.

      „Wirst du mich jetzt verlassen, Cerin?“ Die Stimme, die ihn das fragte, war leise, mit einem Ton untermalt, der ihn nachdenklich und traurig stimmte.
      „Ja“, antwortete Cerin in Gedanken vertieft. Schon seit geraumer Zeit starrte er aus dem Fenster. Der Abschied würde ihm schwerfallen.
      Maren, seine Mutter, stand im Eingang der Räumlichkeiten, die sie zusammen bewohnten. Sie war eine zierliche Frau mit einem bildhübschen Gesicht und großen Augen, die perfekt von ihren hohen Wangenknochen zur Geltung gebracht wurden. Ihr haselnussbraunes, glattes Haar, welches sie normalerweise offen trug, war zu einem langen Zopf geflochten, der ihr bis auf den Rücken fiel. Sie war mit demselben dunkelfarbenen Gewand bekleidet, dass sie schon bei der Totenmesse getragen hatte.
      Erst als Cerin sich ihrer Worte wirklich bewusst wurde, trat er zu ihr hin. Er griff nach ihrer Hand und sagte: „Ich komme wieder, das verspreche ich.“ Er wusste, dass seine Worte nicht sonderlich überzeugend wirkten und an der bekümmerten Miene seiner Mutter schienen sich seine Zweifel abzuzeichnen. „Ich werde das Verschwinden meines Vaters aufklären. Koste es was es wolle.“
      „Raoh ist tot, Cerin“, erwiderte sie und eine große Träne rann an ihrer Wange herab. „Du kannst ihn nicht wieder lebendig machen.“
      Cerin schüttelte den Kopf, als wollte er diese Worte nie wieder hören. „Vater lebt noch, dessen bin ich mir sicher.“ Er ließ die Hand seiner Mutter los und wandte sich erneut dem Fenster zu. „Solange es keinen Beweis für seinen Tod gibt, kann und will ich nicht daran glauben.“
      „Dann wirst du sterben, Cerin. Genau wie dein Vater.“


      Über den Wipfeln hochgewachsener Bäume zeigte sich allmählich die Sonne. Furchtlos bot sie dem Nebel die Stirn und machte diesen immer mehr zum Untertan des Tageslichts. Schleierhafte Wolken - die wie riesige Vorhänge vom ansonsten blauen Himmel hingen - kamen hinter dem Baldachin aus Blättern, Ästen und Zweigen zum Vorschein.
      Cerin packte seine Sachen, befestigte das Breitschwert am Riemen und marschierte los. Sein Ziel lag exakt im Osten, in Richtung des Sonnenaufgangs.
    • Ok, dann poste ich hier mal den 2. und letzten Teil des 1. Kapitels. :)



      Der Auftrag / Teil 2

      Nach Tarantlan, der Hauptstadt des Königreichs Turalien, war es noch ein weiter und anstrengender Fussmarsch. Die Stadt lag verborgen in einem Tal hinter hohen Bergen, die erst einmal bezwungen werden mussten. Cerin hatte bewusst die Route durch die Wildnis gewählt, da ihn der Weg entlang der Hauptstrasse nur Zeit gekostet hätte. Selbst hoch zu Ross, hätte er Tage, wenn nicht sogar Wochen verloren.
      Doch er musste vorsichtig sein. Wer sich in die Tiefen dieser Wälder hinein wagte, wünschte sich schnell wieder, sie nie betreten zu haben. Man konnte sich leicht verirren und ohne Karten oder anderen Anhaltspunkten, war man ihnen hoffnungslos ausgeliefert. Erst wenn er es über die Berge geschafft hatte, dachte Cerin, und sprang über einen heruntergefallenen Ast, würde er problemlos die Landeshauptstadt erreichen.
      Seine Gedanken kreisten jedoch nicht nur um den bevorstehenden Weg. Immerzu musste er an seine Abreise denken, an seine Mutter und an die Worte des hohen Rats. Jenem hohen Rat, der die Suche nach seinem verlorenen Vater in gewisser Weise unterstützte und ihm diesen Auftrag erteilt hatte.

      „Cerin“, sagte eine Stimme aus dem Innern der Halle. „Trete näher.“
      Cerin leistete der Aufforderung Folge. Entschlossen trat er durch das mächtige und weit aufgesperrte, mit seltsamen Runen verzierte Tor aus Eichenholz. Ein runder Raum mit Wänden und Fliesen aus schwarzem Marmor offenbarte sich dahinter. Nur eine große Öffnung hoch oben an der Decke spendete Licht ins Dunkel. Darunter, exakt in der Mitte der Halle, befand sich eine halbmondförmige Tafel aus schwarzem Elfenbein, hinter der sich der Rat der zwölf Weisen eingefunden hatte. In dunkle Roben eingehüllt, sass jeder von ihnen auf einer Art steinernem Thron, ihre Gesichter versteckt hinter tief heruntergezogenen Kapuzen. Hier, an diesem Ort, sollte Cerin in ein längst vergessenes Geheimnis eingeweiht werden. In eine Geschichte, die durch die dunkle Bedrohung aus dem Norden wieder so allgegenwärtig war, wie damals, als sie niedergeschrieben wurde:
      „In einer Zeit, als Kontinente auseinanderbrachen und ins Meer versanken, als Beben die Erde spalteten und Stürme das Land verwüsteten, herrschten die Götter der Elemente über das Universum. Sie waren die Väter des Feuers, der Erde, der Luft und des Wassers. Sie verliehen den Menschen Körper und Seele und sorgten für Friede und Ordnung.
      Aber zur selben Zeit erschuf das Böse einen Zerstörer, der die Welt zu erobern vermochte. Sein Name war Mor'drak oder - der Abgesandte des Bösen - wie er auch genannt wurde. Er erbaute sich in einem fernen Land eine Festung, eine Konstruktion der Finsternis und somit wurde diese einst so blühende Welt zu einem verlorenen Ort. Seine Gefolgschaft war so groß, dass man sie kaum zählen konnte und es betraten immer mehr das Tor zur anderen Seite.
      Die Götter waren erzürnt und erbost über die Handlungen des Bösen und verbannten Mor'drak mit der Kraft der Elemente in die Hölle zurück. Der Krieg war vorbei und Jahrtausende danach, als sich die Welt neu geformt hatte und das Land fruchtbar wurde und gedieh, war Frieden eingekehrt. Die Menschheit entwickelte sich und Kulturen entstanden."
      Als die Weisen die Geschichte zu Ende erzählt hatten, manifestierte sich plötzlich ein gleissend helles Licht über der Tafel in der Mitte. Das Licht wuchs und wuchs, bis es abrupt verschwand und nur noch ein schwebender Gegenstand zu sehen war. Es war ein Amulett, befestigt an einer goldenen Kette.
      „Dieser Anhänger gehörte einst deinem Vater", sagten die Weisen. "Nun soll er dir gehören."
      Cerin trat zur Tafel und betrachtete das Teil skeptisch. Es war rund und flach, bestand aus reinem Gold und hatte einen Durchmesser von etwa dreieinhalb Zentimeter. Den Mittelpunkt des Anhängers bildete ein runder, rot leuchtender Edelstein. Es bestand kein Zweifel. Dies war das verloren geglaubte Amulett seines Vaters.
      Cerin zögerte einen Augenblick, bevor er das Amulett an sich nahm und es sich überstreifte. Zu überrumpelt schien er von dessen Anblick. Zu viele Fragen schossen durch seinen Kopf. Ein Gefühl von Ohnmacht, vermischt mit Wut und Angst machte sich in ihm breit. Sorgenfalten bildeten sich auf seiner Stirn, während er weiter den Worten des Rats lauschte.
      "Dieser Stein ist nicht nur ein glitzerndes Juwel aus irgendeiner Schatzkammer, Cerin. Dieser Stein ist ein Geschenk der Götter an die Menschen. Dein Vater trug ihn seit seiner Geburt und verlieh ihm Kräfte, die solche von normalen Menschen bei Weitem übertrafen. Und dein Vater hatte diese Kräfte. Du weisst das, Cerin. Jeder der ihn kannte, weiss das.
      Dieser Stein, dessen rechtmässiger Besitzer du nun bist, Sohn des mächtigen Raoh, ist Teil der Legende, von der wir dir berichtet haben. Aus ihr konnten wir entziffern, das fünf magische Steine vereint, den Schlüssel zu einer unbegreiflichen Kraft darstellen. Einer Kraft, die in der Lage ist, das erneut aufkeimende Böse aus dem Norden für immer aus dieser Welt zu verbannen.
      Nun liegt es an dir, Cerin, die restlichen vier Steine zu finden und deren Macht zu entfachen. Wir wissen, dass sich ein weiterer Stein in den Händen eines Mannes befindet, der in Tarantlan, der Hauptstadt Turaliens lebt. Der Name dieses Mannes lautet Wu Chien Li und er verfügt ebenso, wie dein Vater es tat, über einzigartige Kräfte.
      Vor Monaten schon, haben wir einen Boten nach Tarantlan geschickt, um diesen Mann über deine baldige Ankunft zu informieren. Doch der Bote kehrte nie mehr wieder zurück.
      Da deine Ausbildung nun abgeschlossen ist, ist es an der Zeit, dass du deine Reise antrittst, Cerin. Eine Reise, die dir vorherbestimmt ist. Eine Reise, die dein Schicksal ist und gleichzeitig die letzte Hoffnung der Menschheit. Doch zweifle nicht an dir, denn du bist nicht allein. Wir, der Rat der zwölf Weisen, werden dich beobachten auf deinem Weg ins Ungewisse. Das Böse muss aufgehalten werden, ehe es sich endgültig formiert und das Ende der Menschheit einleitet.
      Aber genug der Worte. Bist du bereit in die Fußstapfen deines Vaters zu treten? Dann geh jetzt und finde die vier noch verbleibenden Steine der Macht.“




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      Na, könnt ihr der Geschichte überhaupt noch folgen? ^^
    • Cerin - Kapitel 2 - Begegnung in den Wäldern

      Was bisher geschah:

      In der Geschichte geht es um den Helden Cerin, der auserwählt wurde, das aufkeimende Böse aus dem Norden aufzuhalten und zu besiegen. In der Legende heisst es, dass dafür 5 magische Steine nötig sind, die zusammen vereint, im Stande sind, das Böse von der Welt zu verbannen. Wer einen solchen Stein besitzt, bekommt aus dessen Kraft besondere Fähigkeiten. Also begibt sich Cerin - der im Besitz eines solchen Steins ist - auf die Suche nach den anderen Steinen. Gleichzeitig will er das Verschwinden seines Vaters aufklären.

      Begegnung in den Wäldern

      Ein Mann näherte sich lautlos dem Waldrand. Wie ein Tiger auf der Jagd glitt er durch die Schatten der Bäume. In seinen blauen Augen, deren glasklarer Blick die ganze Landschaft in all ihre Bestandteile zu zerlegen schien, spiegelte sich pure Entschlossenheit wieder. Wie ein König sah er aus mit seinem im Winde wehenden, tizianfarbenen Haar und dem Helm aus Stahl, der mit prächtigen, in der Sonne herrlich glitzernden Rubinen und Smaragden bestückt war. Ein solider Brustpanzer schützte seinen wuchtigen Oberkörper vor feindlichen Attacken und dicke Lederbänder seine Handgelenke. Zusätzlich sicherten Schienen seine Beine von den Knöcheln bis hin zu den Kniescheiben. Ein mächtiges Breitschwert hing in einer edel verzierten Scheide an seinem Rücken.
      Der Mann sprang einen kleinen Abhang hinunter auf eine große Wiese, die sich über ein langes Tal erstreckte. Prächtige Blumen in allen Farbtönen und saftige Büsche und Sträucher schmückten den großen Wiesenteppich. Hier und da erhoben sich Fichtenwäldchen und kleinere Birkengruppen wie Inseln aus dem tiefen Gras. Tausende Mückchen, Käfer und allerlei andere Insekten flogen und tanzten durch die klare Atmosphäre und er bekam ganze Ansammlungen von Rehen und Hirschen zu sehen. Doch der Mann, den man Cerin nannte, sah auch die Gefahren, die dieser prunkvolle Bergeinschnitt zu verbergen vermochte: Eine offene Fläche, auf der er beim Überqueren leicht entdeckt werden konnte. Er beschloss, eine Weile hinter dem Gefälle zu warten und die Gegend zu beobachten.
      Ein zerstörerischer Gletscherbach teilte das Tal entzwei, dessen lautes Rauschen und Brausen deutlich zu hören war. Weit im Osten zeigten sich die hohen, schneebedeckten Gipfel der Mondberge und der Pass, über den er steigen musste, um ins Hochland zu gelangen. Rechter sowie linker Hand kroch der Wald die felsigen Hügel empor und gab ihm das Gefühl eingekesselt zu sein.
      Gerade als Cerin sich weiter auf den Weg machen wollte, unterbrach plötzlich ein lautes Geräusch, das aus dem Unterholz kam, die vermeintliche Idylle und ließ Scharen von Vögeln in die Luft aufsteigen. Cerin duckte sich sofort und versteckte sich hinter der kleinen Böschung. Anschliessend hob er seinen Kopf und spähte durch die hohen Gräser.
      Zuerst sah er nichts, dann erkannte er eine Bewegung, einen Schatten, und dann, wie aus dem Nichts, traten etwa ein Dutzend düsterer Gestalten aus einem kleinen Hain auf die offene Grasfläche, keine zwei Lanzenwürfe von ihm entfernt.
      Auf den ersten Blick schien es eine Gruppe Soldaten zu sein, doch bei genauerem Hinschauen erkannte er, dass sie weder die einheitliche Uniformen der langlanischen Armee, noch die Rüstungen der örtlichen Wache trugen. Und das konnte nur bedeuten, dass es sich entweder um irgendwelche Banditen oder um Kreaturen des Bösen, die das ganze Land unsicher machten, handeln konnte. Als die Gestalten langsam näher kamen, war sich Cerin sicher. Es war das Böse, welchem er begegnet war und welchem er so durch und durch aus dem Wege gehen wollte. Es waren die - wie man so will - wiedererweckten Überreste toter Menschen, dessen Seelen vom Bösen verspeist und die menschlichen Hüllen als Vorhut im Krieg gegen das Gute eingesetzt wurden. Ihre faulige Haut war dunkel gefärbt, die Augen leer und ausdruckslos. Sie trugen nicht erkennbare Rüstungen und waren mit Schwertern, Streitkolben und Äxten bewaffnet.
      Cerin schlich ein Stückchen weiter zurück und verbarg sich noch tiefer im Gras, in der Hoffnung, nicht entdeckt zu werden.
      Auf einmal schwärmten die Untoten auf der Wiese aus und wie es nicht anders hätte kommen können, näherten sich eine dieser Kreaturen Cerins Versteck. Was suchten sie bloß, fragte er sich beunruhigt. Hatten sie ihn vielleicht entdeckt, als er das Tal betreten hatte? Vorsichtig und leise fluchend zog er seine Schneide blank und versuchte, so unauffällig wie möglich zu bleiben. Begleitet von raschelnden Lauten, kam der Feind näher.
      Cerin hatte sich bereits in Stellung gebracht, um den Gegner mit einer blitzartigen Attacke zu überraschen, als plötzlich ein lautes Geschrei ertönte. Aus seinem Blickwinkel konnte er erkennen, wie der näherkommende Feind anhielt, kehrt machte und in die Richtung zurücklief, aus der er gekommen war.
      Voller Erleichterung, dass ihn die Kreatur des Bösen nicht gesehen hatte, schnaufte Cerin auf. Diese Ablenkung war seine Chance um aus seiner lausigen Deckung zu flüchten und sich langsam in den Wald zurückzuziehen. Von dort aus hatte er eine bessere Übersicht und war gut getarnt.
      Als er dies schliesslich getan und sich hinter dichtem Astwerk versteckt hatte, erblickte er den Ausgangspunkt des Schreis. Es war ein Mann, der panisch vor den Schergen zu fliehen versuchte. Aber es hatte keinen Sinn. Vor Angst unfähig, lief er einem der Untoten direkt in die Arme. Dieser packte ihn mit seiner gepanzerten Faust am Hals und hievte ihn hoch in die Luft. Der Mann zappelte wie eine Fliege im Netz der Spinne. Mit einem Ruck - ohne nur eine Sekunde zu zögern - brach ihm der Untote das Genick und ließ seinen leblosen Körper wie eine unnötige Last zu Boden fallen.
      Eine leichte Beute, dachte Cerin während er seinen Blick angewidert vom Ort des Geschehens abwandte. Leider konnte er dem Opfer in keinster Weise helfen, selbst wenn er wollte - dafür war das Risiko einfach zu gross und es stand zuviel auf dem Spiel. Selbst wenn er etwas unternommen hätte, hätten die Chancen, lebendig aus dieser Situation herauszukommen, nicht gerade gut gestanden. Die Feinde waren zahlenmässig hoch überlegen und zu allem Übel noch Untot. Laut Berichten konnten diese körperlich toten Wesen nicht so leicht vernichtet werden und hatten eine Ausdauer, die sich normale, menschliche, Krieger nur wünschten. Cerin machte sich keine Vorwürfe, so sehr er die eben erlebte Tat auch verabscheute.
      Nach dieser Schreckenstat, als sich Cerin wieder hinzuschauen wagte, sammelten sich die Untoten wieder und marschierten in Richtung Westen. Wahrscheinlich zogen sie einfach nur durchs Gelände um Opfer zu finden - oder kleinere Siedlungen zu überfallen.
      Als die Kreaturen des Bösen verschwunden waren, wartete Cerin noch eine Weile ab und erhob sich dann aus seinem Versteck. Er ging zu der Leiche des Mannes. Der Tote war ungefähr 35 Jahre alt, hatte schulterlanges, krauses Haar und einen dicken Flaum, der sein erblasstes Gesicht fast vollständig bedeckte. Der Kopf hing schlaff zur Seite herunter und die Augen waren weit aufgerissen.
      Vermutlich hatte sich der arme Teufel einfach nur verlaufen und dachte irrtümlicherweise, diese Untoten wären Soldaten, die ihm den Weg raus aus dem Labyrinth des Waldes zeigen würden. Aber was hatte er nur in dieser Einöde verloren? fragte sich Cerin, während er den Leichnam mit ein paar herumliegenden Zweigen und Blättern zudeckte. Hier draußen würde ihn so oder so nie jemand finden.
      Mittlerweile hatte die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht und die Luft füllte sich mit wohltuender Wärme. Cerin lenkte seine Schritte weiter östlich, direkt auf das Mondgebirge zu. Bis zum Abend wollte er am Fuß des Bergmassivs sein, damit er am nächsten Morgen mit dem Aufstieg beginnen konnte.
      Am andern Ende des Tals tauchte er wieder in den Wald ein und folgte dem dröhnenden Gebirgsfluss. Im Moment brauchte Cerin nur dem Lauf des Flusses zu folgen aber dieser Vorteil konnte durch ein Hindernis schlagartig zunichte gemacht werden. Die einzige Orientierung war dann nur noch das dichte Moos an den Baumstämmen, das an deren südlicher Seite wuchs.
      Welche Rolle spielte eigentlich dieser Wu Chien Li genau? Was war das nur für eine besondere Kunst, die er beherrschte und von der die zwölf Weisen so rätselhaft sprachen? Und würde er ihn auf Anhieb finden? Was passierte mit dem Boten, den die Weisen schon vor ihm losschickten?
      Cerin versuchte diese verwirrenden Fragen beiseite zu legen und sich auf den Weg zu konzentrieren. Er durfte sich keine Fehler erlauben, denn diese konnten den Tod bedeuten. Schließlich wollte er nicht schon zu Beginn seines Auftrags scheitern. Die wütenden Horden des Bösen waren überall - wie er es eben gesehen hatte - und wenn es zu einem Zusammentreffen käme, würden Köpfe rollen und Blutbäche den Boden durchnässen.
    • Ich gebe dann auch mal meinen Senf dazu.
      Du benutzt wirklich eine gewaltige Bildsprache: im ersten Teil mit dem Tau und der Sonne und hier die genaue Beschreibung des Waldes.
      Ich für meinen Teil konnte mir das sehr gut vorstellen.
      Allerdings hat mich der Anfang von Teil 2 verwirrt.
      Ist das Cerin oder der Mann der umgebracht wurde? Oder eine dritte Person? ?(
      Aber abgesehen davon, eine klasse Geschichte, die auch tiefe Einblick in den Charakter von Cerin gibt.
      Bin gespannt wie es weitergeht. :thumbsup:
      A reader lives a thousand lives before he dies. The man who never reads lives only one. George RR Martin
    • Danke für's Lesen und deine Rückmeldung. :)

      Ardwinna schrieb:

      Allerdings hat mich der Anfang von Teil 2 verwirrt.
      Ist das Cerin oder der Mann der umgebracht wurde? Oder eine dritte Person? ?(

      Naja, der Mann, den die Untoten töteten war einfach irgendeine dritte Person. Eigentlich ist es ein kleines "Easter Egg", denn es soll eigentlich der Bote sein, den die zwölf Weisen nach Tarantlan losgeschickt haben (erfährt man im 1. Kapitel). Aber das weiss der Leser ja nicht. Ist auch eher unwichtig. Wollte mit dieser Szene nur demonstrieren, dass "das Böse" allgegenwärtig ist, bzw. schon mordend und brandschatzend durch die Länder zieht. ;)
    • Begegnung in den Wäldern / Teil 2

      Durch hohes, klebriges Farn, stachliges, borstiges Gestrüpp, vorbei an moosüberwucherten, mit Pilzen übersäten Grasflächen, lenkte Cerin seine Schritte, im Hintergrund ständig die Rufe und das Geflatter irgendwelcher Tiere. Über mächtige, aschgraue Felsen, mannshohe Wurzeln kletternd, rückte er in die tiefgrüne Welt vor, die ihn zu verschlingen, ihn aufzufressen schien.
      An einer Stelle die ihm günstig vorkam, machte er eine kurze Rast und aß vom Fladenbrot, das er in seinem Beutel aufbewahrte. Darin bewahrte er auf seinem beschwerlichen Weg auch das wichtige Amulett auf, das er normalerweise auf seinem Körper trug.
      Eine paar Münzen, eine Wolldecke, eine Feldflasche, ein Seil, ein Messer und verschiedene Heilpflanzen, die gegen Wundbrand und Entzündungen heilend wirkten, befanden sich zudem in seinem Besitz. Das Breitschwert, das er stets in einer kunstvoll angefertigten Scheide bei sich trug, war eineinhalb Armeslängen lang, zweischneidig und das Heft ausführlich verziert. Obwohl es recht schwer in der Hand lag, vermochte Cerin gekonnt damit umzugehen. Zum Essen legte er die Klinge griffbereit neben ihn auf den Felsen.
      Während er aß, hielt er gelegentlich inne um Unregelmäßigkeiten, verdächtig auffallende Geräusche, wahrzunehmen. Aber alles verhielt sich normal.
      Immer weiter drang er in das Waldterrain vor, dass zunehmend schwieriger zu begehen war. Steil aufragende Felsklippen und weite Strecken, die durch Gesteinsschutt und Geröll nahezu unbegehbar waren, mussten überwunden werden.
      Nahe an einem Wasserfall endete sein Weiterkommen abrupt. Eine hohe Felswand versperrte ihm den Weg, Cerin überlegte kurz und kam zur Erkenntnis, dass es keine andere Möglichkeit gab, als dieses Hindernis zu bewältigen. Er war gezwungen, daran hochzuklettern. Es sei denn, er würde umkehren, aber dann musste er eine neue Route finden und das kostete nur wertvolle Zeit. Es blieb ihm also keine andere Wahl, er musste diese Felswand bezwingen. Er rieb seine Hände und griff argwöhnisch an den Felsen. Langsam zog er sich Stück für Stück in die Höhe.
      Hoch über dem reißenden Wasserlauf kletterte er an der mit Efeu überwucherten Felswand empor und versuchte sich an dem Sims direkt über ihm hinaufzuziehen. Plötzlich rutschte er mit der rechten Hand ab und verlor fast vollkommen das Gleichgewicht. Mit den Fingerspitzen klammerte er sich an einer Spalte fest und suchte verzweifelt nach einem Weg nach oben. Gerade als ihn seine Kräfte zu verlassen schienen, entdeckte er einen kleinen Riss in der Wand, der gerade mal groß genug war, um sich mit den Fingerspitzen darin festzukrallen. Mit letzter Kraft gelang es ihm dann doch noch, sich auf die sichere Plattform zu retten. Sein Puls hämmerte heftig gegen seine Schläfen und er schwitzte heftig.
      Als der Auserwählte sich umsah, entdeckte er unweit von sich entfernt, einen steilen Hügel, an welchem sich dicke Wurzeln eines riesigen Baumes herabschlangen und der die einzige Aufstiegsmöglichkeit bot. Der Baum schien jederzeit den Hügel hinunter zu stürzen, so nah stand er am Abhang. Cerin kletterte an den langen Füssen des Waldriesen empor und erreichte schliesslich eine ausgedehnte, mit kargen Sträuchern gespickte Ebene. Auf der gegenüberliegenden Seite lag ein kleiner Bergsee, dessen glasklares Wasser in der bereits untergehenden Sonne rötlich flimmerte. Dahinter führte ein Steilhang aus Geröll und Steinen zum Fundament der Berge.
      Cerin beschloss die Nacht an diesem Ort zu verbringen und richtete sich ein primitives Nachtlager ein, inmitten des Wurzelwerks des riesigen Baumes. Das kleine, ellenlange Loch, das er mit den Händen ausgrub, diente als Feuerstelle. Damit waren die Flammen des lodernden Elementes kaum sichtbar und die Glut besser vor Wind und Wetter geschützt. Der Sinn und Zweck der kleinen Fallen, die er jede Nacht errichtete, bestand darin, jeden uneingeladenen Gast anzukündigen.
      Rasch hüllte der Mantel der Finsternis ihn ein und bedeckte die Natur mit einem einzigen, tiefen Schatten. Nachdem Cerin das knorpelige Fleisch des Kaninchens verspeist hatte, welches er auf dem Weg hierhin erlegen konnte, legte er sich zur Ruhe. Der steinige Waldboden war nicht gerade bequem und er musste ein oder zweimal lästige Steine oder Äste unter seiner Wolldecke hervorklauben.
    • Was jetzt kommt ist wieder eine Erinnerung von Cerin. Wurde wegen dem neuen Post etwas aus dem Kontext gerissen. ;)

      Begegnung in den Wäldern / Teil 3

      „Schon seit Generationen kämpft unsere Familie im Namen der Zwölf. Zumindest der männliche Teil“, spasste Jiro, wurde aber gleich darauf wieder ernst. „Aber als dein Onkel und Lehrmeister versichere ich dir, dass dies, trotz des Verlusts deines Vaters, das Richtige war, ist und immer sein wird.“
      Jiro war ein Mann mittleren Alters, hatte ein bärtiges, von Narben überzogenes Gesicht und bleifarbige, stechende Augen. Sein schwarzes, gekraustes Haar, das an mehreren Stellen bereits mit grau durchzogen war, ließ ihn noch erfahrener und klüger aussehen, als er eigentlich schon war. Er trug meistens, streng nach den Regeln des Ordens, das Livree des Huifus; des Obermeisters. Das war ein mit vielen Bildern besticktes Gewand aus teuerster Seide, das über seine Stiefel bis kurz unters Knie reichte. An seinem breiten Ledergurt befestigt, steckte ein mächtiges Breitschwert in einer kunstvollen Scheide.
      Jiro war derjenige, der ihn alles über die traditionelle Kunst des Kämpfens, die Beherrschung des Körpers und den Umgang mit Waffen beibrachte. Er wurde von ihm auf dem Gebiet des Nah- und Schwertkampfes ausgebildet, und in allem Taktiken des Angriffs und der Verteidigung unterrichtet.
      Neben der Kampfausbildung machte er Cerin mit den Chroniken des Landes, in dem er aufwuchs, bekannt und wurde in die Praxis der Kartographie und der Heilkunst eingeweiht. Auch von Cerins Vater sprach er viel und berichtete ihm über dessen tollkühnen Taten. Er erzählte ihm unzählige Geschichten und Legenden: Über den Krieg, den Tod und das Verderben des Bösen.
      „Ich möchte dir eine Geschichte erzählen“, sagte er. „Eine Geschichte über die Zwölf.“
      Jiro’s Blick schweifte über Cerin hinweg in die Ferne als er sagte: „Du willst bestimmt mehr über deine Bestimmung erfahren, deshalb sollte ich wohl von vorne beginnen.“
      Cerin nickte wissbegierig und Jiro fing an: „Früher, vor vielen Generationen, als noch nicht einmal unsere Urgroßväter und deren Urgroßväter existierten, entdeckten ein paar Menschen ein schönes Fleckchen Erde und begannen, sich eine neue Heimat zu erschaffen. Aus einem kleinen Dörfchen entstand eine Stadt und daraus schließlich ein ganzes Reich, das heute einen riesigen Anteil des Westens ausmacht. Langlanien.
      Als unsere Heimat, Kaschgar, gerade zu sprießen begann, fanden Siedler einen geheimnisvollen Tempel in den umliegenden Wäldern. Obwohl dieser Tempel, ein hoher Turm aus purem Granitgestein, auf den ersten Blick unbewohnt schien, merkten die Siedler bald, dass etwas daran nicht stimmte; Der Tempel war völlig unversehrt und genauso von der Witterung unberührt geblieben.
      Als die Entdecker das Tor des Tempels mit Gewalt zu öffnen versuchten, erklang eine mysteriöse Stimme aus dem Innern des Gemäuers. Die Stimme war eine einzelne, und doch hatte sie, wie soll ich sagen...“ Jiro fasste sich kurz ans Kinn. „...Sie hatte mehrere Unterstimmen, die einander aber nicht glichen. Wie dem auch sei... sie erschreckte die Leute und sie suchten vorerst das Weite. Sie dachten wohl, dass ein unmenschliches Wesen oder eine gottähnliche Kreatur in diesem Turm hauste und auf Opfer wartete... Was natürlich auf seine Art stimmte“, fügte er noch hinzu.
      „Nun, mein Sohn...“, fuhr Jiro fort, „...langsam wurden die Leute jedoch neugierig, weil sich dieses Wesen, wie sie dachten, ja in unmittelbarer Nähe ihrer neuen Heimat aufhielt und sie wagten sich ein weiteres Mal, diesmal schwer bewaffnet, zum Tempel. Sie klopften an dessen Tore, welche sich diesmal wie von selbst öffneten. Zögernd traten sie hinein und fanden sich in einer riesigen Halle wieder, deren Wände aus purem Gold bestanden. Der Halle Kuriosaas, wie sie sie später nannten.
      Wieder zuckten die Menschen zusammen als das Stimmengewirr aus dem Dunklen der Halle ertönte. Habt keine Angst, sagte das Wesen. Wir sind die zwölf Weisen und ihr habt nichts zu Befürchten.
      Niemand sah sie, doch die Leute glaubten, was sie hörten. Sie waren beruhigt und gingen wieder ihren Arbeiten nach.
      Durch das fast unermessliches Wissen, das die zwölf Weisen besaßen, und ihrem starken Sinn für Gerechtigkeit, kamen sie mit der Zeit zu hohem Ansehen bei der Bevölkerung. Einfache Leute aber auch Edelmänner, und selbst Könige kamen mit ihren Sorgen von weither, um sich von ihnen einen Rat zu holen. In schlechteren Zeiten – bei Überschwemmungen, Dürren, Seuchen oder Kriegen – halfen sie mit ihrem Wissen schon manchen Menschen aus allen erdenklichen Lebenslagen. Niemand mehr zweifelte daran, das die Zwölf über magische Kräfte verfügten. Was jedoch niemand wusste, war, woher sie stammten oder wie alt sie waren.“ Jiro runzelte die Stirn. „Zu dieser Kenntnis sind wir übrigens bis heute noch nicht gekommen. Aber Gerüchten zufolge, soll ihr Tempel schon seit Menschengedenken am gleichen Ort stehen und die Weisen selbst über Millionen von Jahren alt sein.
      Mit den Jahren, damals als die Kreaturen aus dem Norden auftauchten, wurde er zu einem Ort für diejenigen, die mit der restlichen Welt abgeschlossen hatten und voll und ganz im Dienste der Zwölf leben und deren Denkensweise erlernen wollten. Sie mussten ein Gelöbnis ablegen und bei ihrer Ehre schwören, steht’s dem Guten zu dienen und wenn es erforderlich war, dafür zu sterben.
      Doch kaum jemand hatte die zwälf Weisen jemals zu Gesicht bekommen, nicht einmal ich“, gestand ihm sein Onkel. „Und die, zu denen sie sprachen, hörten nur ihre Stimmen in den Räumen des Gemäuers. Es gab jedoch einige wenige, bestimmte Leute, wie zum Beispiel dein Vater, die sie gesehen hatten und ihr vollstes Vertrauen genossen. Diese mussten jedoch schweigen, wenn sie jemand fragte, wie die Weisen aussahen oder Ähnliches. Selbst die vielen Leute, die an ihrer Seite standen - ob das nun ein einfacher Mönch oder ein Obermeister war - bekamen ihre Anweisungen nie von Angesicht zu Angesicht, sondern meist nur zu hören oder zu lesen.
      Immer mehr Freiwillige schlossen sich den Zwölf an, so viele, das eine richtige Armee daraus wurde. Von den hintersten Winkeln des Kontinenten kamen sie und folgten den vielen Gerüchten und Erzählungen über Kaschgar. Viele jedoch hielten den strengen Prüfungen und der harten körperlichen Ausbildung nicht stand und wurden wieder dorthin zurückgeschickt, von wo sie herkamen. Nur die stärksten, klügsten und tapfersten Männer wurden in Kaschgar aufgenommen. Die Allerbesten von ihnen entwickelten sich zu Meistern, die im Namen der Zwölf handelten und die, die neu dazustießen, ausbildeten. Diese nannte man dann Huifus.“
      Meister Jiro klopfte mit dem Zeigefinger auf den Tisch.
      „Von hier aus wurden Angriffe und andere Maßnahmen gegen das immer weiter vorrückende Böse ausgearbeitet und gestartet, aber Kaschgar war auch schon immer ein Ort zum Ausruhen und der Wiederherstellung.
      Und den Rest weisst du ja schon, Cerin. Aber eines solltest du noch wissen: Obwohl hier die besten Kämpfer des Landes ausgebildet werden, die nicht nur mit ihren stählernen Muskeln, sondern auch mit ihrem scharfen Verstand agieren, kommen die meisten von ihren Kämpfen nie wieder zurück. Das Böse ist einfach zu unberechenbar und zu stark für normale Menschen. Was ich aber wirklich damit ausdrücken will ist: Die Weisen verfolgen steht’s einen Plan. Sie suchen nach Kriegern, die so stark, mutig und vor allem extrem belastbar sind, um dem Bösen in aller Form standzuhalten. Und du Cerin, Sohn meines Bruders Raoh, bist einer davon."
    • Begegnung in den Wäldern / Teil 4

      Durch ein helles Licht wurde Cerin aus seinem Dämmerschlaf gerissen. Blitzschnell fuhr er hoch. Der Griff zum Schwert - instinktiv. Doch es war nicht da. Verdutzt blickte er sich um aber die Klinge schien wie vom Erdboden verschwunden. Die ganze Umgebung schien plötzlich taghell, obwohl es tiefste Nacht war. Was war passiert, fragte sich Cerin während er versuchte, die Lichtquelle ausfindig zu machen.
      „Ich kenne dich, o Auserwählter.“ erklang wie aus heiterem Himmel eine weibliche Stimme, die sich kindlich und erwachsen zugleich anhörte: „Ich habe gewartet.“
      Cerin hielt sich die Hände vor sein Gesicht, denn das Licht blendete ihn unsagbar. „Wer bist du? Zeig dich!“ rief er.
      Wie auf Kommando entwich die Helligkeit und eine Gestalt, einem Engel gleich, erschien aus den sanften Wogen des kleinen Teichs in der Nähe. „Ich bin die Fee des Mondes. Komm näher. Ich habe dir eine Botschaft zu übermitteln.“
      Die Fee schwebte, von einem dünnen Lichtschleier umgeben, leicht oberhalb des Wassers. Ihre Haut war makellos rein und so weiss wie der tiefste Schnee auf den höchsten Gipfeln der Mondberge. Große, wundervoll glänzende Augen zierten ihr bildhübsches Gesicht und sie hatte silbernes Haar, welches an ihrem nackten, grazilen Körper herab, fast die Wasseroberfläche berührte.
      Cerin, der seinen Augen nicht traute, fragte verblüfft: „Wie kann ich dir trauen, wo ich dich gar nicht kenne?“
      „Eine kluge und wohlbedachte Antwort“, antwortete das zierliche Wesen in einer solch liebenswürdigen Art und Weise, dass ihm eine Gänsehaut über den Körper jagte. „Aber ich bin doch nur ein kleines Geschöpf. Was sollte ich dir denn schon antun, oh Auserwählter?“
      Ein gutes Argument, dachte Cerin, von ihrem Aussehen wie geblendet. Dann sagte er, immer noch von einem Gefühl des Misstrauens übermannt: „Trotzdem könntest du ein Trugbild sein. Vielleicht versteckt sich hinter deiner Schönheit ein Monster, das nur darauf wartet, mich zu zerfleischen.“
      Ein geheimnisvolles Gekicher war die Antwort, ganz ohne irgendwelche Anzeichen von Hohn oder Spott. „Gut. Wenn du meine Botschaft nicht hören willst, dann verschwinde ich wieder dorthin, woher ich gekommen bin, starker Krieger Cerin.“
      Cerin schüttelte ungläubig den Kopf. „Woher kennst du meinen Namen?“
      „Traust du mir etwa immer noch nicht, oh Auserwählter? Komm zu mir.“
      Cerin war sich selbst nicht mehr sicher und entgegnete: „Was ist das für eine Nachricht die du mir übergeben sollst?“
      Das feenhafte Wesen blieb standhaft. „Komm zu mir... Cerin... Komm zu mir... und du wirst es erfahren...“
      „Ja...“ antwortete Cerin auf einmal so, als wäre er nicht mehr sich selbst. So, als hätte die Fee seine Gedanken übernommen, so, als ob er träumen würde und nicht mehr Herr seiner Sinne war. Wie eine hilflose Marionette fühlte er sich an, konnte seinen Körper, seine Arme und Beine nicht mehr kontrollieren. Langsam, unwahrscheinlich langsam, wie von einer fremden Macht angezogen, überquerte er die Oberfläche des Teichs, schwebte über ihr, ohne darin zu versinken. Als würde er in der Luft baumeln, nahm er ihr Anlitz direkt vor seine Augen wahr und fühlte sich von der Reinheit ihrer Erscheinung wie verzaubert. Er probierte die Hand nach ihr auszustrecken, doch es gelang ihm nicht. Ganz nah kam sie mit ihrem Gesicht an sein Gesicht heran und flüsterte ihm, es kam ihm vor wie eine milde Sommerbrise, leise ins Ohr:
      „Ich erteile dir nun den Segen des Novaluniums und reinige deinen Geist und deine Seele. Vergiss die Vergangenheit und wende dich einzig und allein deinem Schicksal zu. Vergiss den Gedanken der Rache und löse dich von diesem unendlich tiefen Hass, der in deinem Herzen ruht und nur darauf wartet, dich zu vernichten. Lausche meinen Worten genau, denn sie zeigen dir den Weg durch die Finsternis und sind der Schlüssel zum Erfolg. Die Kraft des heiligen Novaluniums wird dich von jetzt an auf deiner Reise ins Ungewisse begleiten und wenn du fest an sie glaubst, wird sie erscheinen und dich von allen Gefahren erretten. So ziehe also weiter und denke immer daran, dass du niemals alleine bist, auf deinem beschwerlichen Weg ins Ungewisse.“

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      Das war Kapitel 2. Würde mich über Comments freuen. :)
    • Cerin - Kapitel 3 - Meister des steinernen Kampfes

      Meister des steinernen Kampfes - Teil 1

      Cerin erwachte durch die ersten Sonnenstrahlen. Sein Schwert, das gestern Nacht aus unerklärlichen Gründen verschwunden war, lag wieder so, wie er es zuletzt hinterlassen hatte, neben ihm auf dem Boden. Beinahe so, als wäre nichts passiert. Schnell hob er es auf und schaute sich misstrauisch nach allen Seiten um. War diese Erscheinung, diese wunderschöne Gestalt, vielleicht doch nur ein Traum gewesen? überlegte er sich. Oder war sie tatsächlich real und hatte ihm einen Streich gespielt? Was wollte sie ihm mit ihren geheimnisvollen Worten sagen und wieso konnte er sich danach an nichts mehr erinnern? Cerin verlor keine Zeit mehr, packte seine Sachen zusammen und ließ den Bergteich so schnell er konnte hinter sich.
      Je höher er stieg, desto weniger Bäume bekam er zu sehen. Und die, welchen er noch begegnete, wurden immer kleiner und knorriger im Wuchs. Die Stämme und Äste waren von unzähligen Moosen, Farnen und anderen Parasiten dicht überwuchert. Erste Anpassungserscheinungen an tiefere Temperaturen traten auf. Steinböcke lebten hier oben und beobachteten ihn aus sicherer Entfernung. Offenbar war ihnen der Anblick eines Menschen fremd.
      Cerin stapfte mit nachdenklicher Miene den steilen Berghang empor und vergaß dabei fast die herrliche Aussicht, die sich ihm offenbarte. Weit entfernt sah er die Lichtung, die er gestern Vormittag überquert hatte und auf der er Zeuge eines kaltblütigen Mordes geworden war. Von hier oben aus betrachtet, wirkte sie winzig klein. Rings herum und einfach überall, wuchs die dichte, verzweigte Waldlandschaft, die sich bis an den Horizont erstreckte. Die Mischung verschiedener Grüntöne, versetzt mit dem Hellblau des Himmels, ergab ein überwältigendes Bild. Es war ruhig, nur das Säuseln des Windes und das sich ständig wiederholende Geschrei eines Vogels zu hören.
      Nahe einer hohen Felswand bog er nach links ab und kam schließlich in eine enge Schlucht, deren überhängende Wände beinahe einzustürzen drohten. Dies war zweifellos der Weg, der ihm beschrieben wurde und der ihn zum Bergpass führen musste. Gleichzeitig war dies aber auch ein guter Platz für einen Hinterhalt, stellte Cerin fest. Nichtsdestotrotz, aber mit einem unbehaglichen Gefühl im Bauch, trat er in die graue, beklemmende Halbdunkelheit der Felskluft hinein. Es blieb ihm auch keine andere Wahl. Er musste diesen Weg nehmen, denn eine andere - und vor allem zeitsparendere - Möglichkeit gab es nicht, um in die Berge zu gelangen. Er war schon so weit gekommen und ein Umkehren kam gar nicht in Frage.
      Die bedrohlich wirkenden Felswände bedängten ihn von beiden Seiten und er kam sich vor wie eingekeilt. Überall auf dem Boden verteilt lag Gestein und Geröll, das von oben heruntergefallen war und den Weg fast vollständig blockierte.
      Irgendwie gelang es ihm aber trotzdem, sich mühselig einen Weg zwischen den zerklüfteten Felsklippen und den unheimlich erscheinenden Gesteinsformationen hindurch zu erarbeiten. Als er bereits einen beträchtlichen Teil der Schlucht bewältigt hatte und der Weg steil anzusteigen begann, hörte er plötzlich ein Geräusch hinter sich. Das Geräusch hörte sich an wie Geröll, das die Felsen herabrutschte und auf den darunter liegenden Boden fiel. Rasch drehte er sich um und suchte mit seinem Blick die über ihm liegende Felswand ab. Wohl nur ein kleiner Erdrutsch, dachte der Auserwählte, als er nichts Auffälliges entdecken konnte. Doch gerade als er sich wieder auf den Weg machen wollte, sah er aus dem Augenwinkel heraus, einen Schatten hinter einem Felsen vorbeihuschen.
      "Wer da?" rief Cerin und blickte noch angestrengter in die Richtung, in der er glaubte, die Bewegung gesehen zu haben. Seine Sorge um einen Hinterhalt wuchs weiter und ein noch unwohleres Gefühl machte sich in ihm breit.
      Eine Antwort auf seinen Ruf blieb aus. Stattdessen zeigte sich ihm wie aus heiterem Himmel eine Gestalt, die aus dem Schatten eines grossen Felsbrockens direkt gegenüber von seiner Position hervorgetreten war. Der zweifellos Untote war ein regelrechter Riese und mit einer mächtigen Streitaxt bewaffnet, die er mit beiden Händen festhalten musste. Ein triumphierender Ausdruck hatte sich in seinem verzerrten, irgendwie lehmig wirkenden Gesicht abgezeichnet und er fletschte wie en blutrünstiger Wolf die Zähne. Der Hüne sprang von der kleinen Vertiefung im Felsen, in der er sich ganz offensichtlich versteckt und Cerin aufgelauert hatte, herunter und kam schnellen Schrittes auf ihn zu.
      Cerin, dessen Befürchtung wahr geworden war, zog das Schwert blank. Er staunte nicht schlecht, als er bemerkte, dass die Klinge seines Schwertes plötzlich hell schimmerte und von einem blauen Lichtschleier umgeben war. Vier Buchstaben waren wie von Geisterhand, genau im unteren Drittel der Klinge eingekerbt:
      „Nova“
      Die Fee! schoss es Cerin durch den Kopf. Doch er hatte keine Zeit mehr, sich darüber Gedanken zu machen. Der lebende Tote hatte sich bereits in Reichweite gebracht und holte zum alles vernichtenden Schlag aus. Cerin jedoch parierte mit aller Kraft und rote Funken sprühten nur so in alle Richtungen. Mit ein paar gewagten Schritten rückwärts verschaffte sich der Auserwählte etwas mehr Abstand und hielt sein Schwert horizontal in der Luft. Er musste höllisch aufpassen, sich mit den Füssen nicht zwischen den herumliegenden Steinen zu verkeilen und hinzufallen. Während er dies versuchte, bewegte er die Spitze seines Schwertes vor seinem Gegner im Kreis. Es schien, als wollte er den Angreifer mit dem blauen Stahl seines Schwertes hypnotisieren. Blitzschnell stiess er zu. Direkt auf die Brust des Hünen. Erneut trafen die beiden Waffen aufeinander. Wieder hallte ein lautes, klirrendes Geräusch von Metall durch die Luft, welches auf seinesgleichen traf. Sehr geschickt gelang es dem Gegner, den Stoss abzuwehren. Doch Cerin setzte nach. Wieder sprühten Funken. Zum Glück hatte er den Vorteil, weiter oben zu stehen und so den Nachteil seiner Grösse auszugleichen. Der Riese wich langsam zurück, denn eine Reihe von schnellen Hieben prasselten nun beinahe unaufhörlich auf ihn herab. Verzweifelt versuchte der Untote, mit seiner schweren Axt die schnellen Schläge abzuwehren, doch dann verliessen ihn seine Kräfte. Die Axt fiel aus seinen knochigen Händen und zu Boden. Er grunzte verächtlich und griff sogleich nach einem Messer, welches an seinem Gurt befestigt war.
      „Dämon!“ rief Cerin und schlug blitzartig zu.
      Blut spritzte aus einer tiefen Schnittwunde am ungeschützten Hals. Der Feind zischte durch seine verfaulten Zähne, sackte ab und fiel rückwärts die Anhöhe hinunter. Regungslos und beinahe enthauptet, blieb er schliesslich auf der steinigen Erde liegen.
      Cerin blickte auf den Toten herab. Ausdruckslos starrten dessen weit aufgerissene Augen ins Leere. Doch es war noch zu früh, sich über den Sieg zu freuen, denn plötzlich nahm er das Geräusch schnell herannahender Schritte direkt hinter sich wahr. Ohne auch nur einen Bruchteil einer Sekunde zu verlieren, wirbelte er herum und riss die Waffe in einem steilen Winkel nach oben. Seine Klinge stiess unwillkürlich auf Widerstand, drang durch Fleisch, durch Muskeln und Knochen. Ein kurzer Aufschrei war die Folge, der abrupt wieder verstummte. Cerin, der nahezu blindlings gehandelt hatte, schaute auf das Resultat seiner im Grunde unüberlegten Handlung. Doch er hatte nichts falsch gemacht. Vor ihm sank ein zweiter Untoter in die Knie, der beabsichtigt hatte, ihm feige in den Rücken zu fallen. In der Erwartung, noch mehr Feinde bekämpfen zu müssen, blickte sich Cerin nach allen Seiten um. Doch alles blieb ruhig. Eine nahezu beängstigende Stille war eingekehrt.
      Verflucht, dachte er. Wie konnte er bloss in eine solch offensichtliche Falle tappen. Andererseits konnte er ja nicht wissen, dass ihm hier in dieser Einöde, zwei Untote Krieger auflauern würden. Niemand ausser ihm selbst und einigen wenigen, konnten über seinen Auftrag Bescheid wissen. Ebenso wenig konnte jemand wissen, welchen Weg er einschlagen würde. Dieses Zusammentreffen war wohl nur ein dummer Zufall, dessen war er sich so gut wie sicher. Trotzdem wollte ihm das Ganze nicht recht gefallen und er entschied sich, schnell von hier zu verschwinden, bevor noch mehr dieser finsteren Todeskrieger auftauchten. Er wischte das Blut, das sein Schwert getränkt hatte, an einem dürren, mit Frost bedeckten Grasbüschel ab und bestaunte eine kurze Zeit wie angewurzelt die merkwürdig verwandelte, blau leuchtende Klinge. Irgendwie fühlte sie sich vom Gewicht her leichter an als noch zuvor und schien durchschlagskräftiger zu sein. Vielleicht war es aber auch nur Einbildung, denn sein ganzer Körper fühlte sich durch den Adrenalinschub an, als würde er schweben. Verwirrt schob er das Schwert zurück in die Scheide und machte sich rasch auf den Weg, diesen Ort zu verlassen.
    • Also...

      Lieber Deku ich habe alle 3 Kapitel deines Buches gelesen und ich bin begeistert!
      Die Art wie du schreibst ist wirklich ergreifend,fesselnd und anregend. Die Beschreibung
      der Umgebung und seiner Gedanken ist wirklich super! Da kann ich mir noch ein, zwei
      oder sogar drei Scheiben abschneiden. Wirklich toll!!

      Das einzige was ich bemängeln muss ist das mir die Untoten viel zu Klug waren. Und das
      die Beschreibung wie man sie Tötet ein bisschen fehlt. Reicht köpfen? Das sie einen Hinterhalt
      planen und sich verstecken wiederstrebt mir auch aber es ist ja nicht meine Geschichte.

      Ansonsten echt Wahnsinn! Weiter so

      Lg Mashinehead
    • Hi Mashineh3ad,

      freue mich ungemein für das Lob und daß du meine Geschichte gelesen hast. :)

      Mashineh3ad schrieb:

      Das einzige was ich bemängeln muss ist das mir die Untoten viel zu Klug waren. Und das
      die Beschreibung wie man sie Tötet ein bisschen fehlt. Reicht köpfen? Das sie einen Hinterhalt
      planen und sich verstecken wiederstrebt mir auch aber es ist ja nicht meine Geschichte.

      Da hast du vollkommen recht. Es sollen auch nicht wirklich "Untote" sein, sondern vielmehr Kreaturen des Bösen, sowas wie zBs. die "Uruk-Hai" in Herr der Ringe. Also Kreaturen, die schon etwas Verstand haben und eigenständig handeln können, jedoch die Gestalt von Untoten annehmen und vom "Bösen" angetrieben werden. Aber das hab ich wohl definitiv zu wenig genau beschrieben. Danke auf jeden Fall für den Hinweis, wird noch verbessert. :)

      Ansonsten vielen Dank für dein Feedback !!!
    • Meister des steinernen Kampfes - Teil 2/3

      Der Aufstieg in die Berge war wirklich alles andere als einfach. Einmal musste Cerin sogar einen Felsbrocken, der von weit oben heruntergefallen war und den Weg versperrte, mit aller Kraft zur Seite schieben. Der Stein fiel mit viel Schnee und Geröll die überhängende Felswand hinunter. Mit einem dumpfen Geräusch zerschellte er in der Tiefe. Dazu kam noch, dass es immer kälter und zügiger wurde und die Luft immer knapper, je höher er stieg. Die Eiseskälte machte ihm schwer zu schaffen und seine Lungen taten ihm weh.
      Über Schneefelder in der Grösse von Schiffsplanken schritt er, vorsichtig, immer den bedrohlichen Abgrund an seiner Seite. Zentimeter für Zentimeter schob er sich an alten, verwitterten Felsen entlang, in deren Ritzen und Spalten sich verharschter Schnee angesammelt hatte, weiter in die Höhe. Gigantische, silbrig glitzernde Eiszapfen überdeckten die Klippen und sogen das Sonnenlicht in sich auf. Überall rieselte und tröpfelte es von den Wänden herab.
      Nach Stunden mühseligen Aufstiegs erreichte Cerin endlich die schneebedeckten Gipfel der Mondberge. Als er durch den tiefen Pulverschnee stapfte, der unter seinen Schritten knirschend nachgab, bemerkte er, dass er nicht alleine auf diesem Berg war. Frisch in den Schnee gedrückte Fussspuren verrieten die Person, die irgendwo hier oben lauerte.
      Cerin folgte den Abdrücken bis diese abrupt, mitten im Schnee, endeten. War das dunkle Magie, fragte er sich, während er fassungslos auf das Ende der Fussspuren starrte.
      Schneller als es ihm eigentlich lieb war, bekam er eine Antwort auf seine Frage geliefert: Wie aus dem Nichts erschien eine Gestalt auf dem nebelumhüllten Schneehügel vor ihm. Als sich der Nebel ein wenig gelichtet hatte, konnte er die Gestalt einem Krieger zuordnen, dessen Haupt eine weisse, undurchschaubare Maske bedeckte. Dieser, wahrscheinlich wieder ein Untoter, war nicht besonders gross, dafür aber ziemlich kompakt und kräftig gebaut. Er trug ein dunkelbraunes, ärmelloses Gewand, welches bis hinab zu seinen Stiefeln reichte und unter dem sich, allem Anschein nach, ein dicker Brustpanzer befand. Ein langer Krummsäbel, der nichts Gutes verhiess, hing an einem Ledergurt um seine Hüften.
      Der Maskierte starrte ihn durch seine Maske furchteinflößend an und kam rasch herangestürmt. Ebenso schnell zog er seine Waffe, sprang auf Cerin zu und prüfte ihn mit einem schräg herabfallenden Hieb. Cerin sprang mit einer Rolle geschickt zur Seite und zog ebenfalls seine Klinge. Augenblicklich darauf donnerten die beiden Schwerter zusammen. Funken sprühten in die Höhe und erloschen sogleich wieder in der eisigen Luft. Erneut begann ein Kampf, dem Cerin am liebsten aus dem Wege gegangen wäre.
      Hieb um Hieb parierte der Schneedämon und brachte Cerin mit seinen Finten in Bedrängnis. Auf einmal verlor der Auserwählte das Gleichgewicht im kniehohen Schnee und knickte zusammen. Der Teufel nutzte seinen Fehltritt aus und stürzte sich auf ihn. Mit einer unheimlichen Wucht packte er ihn, so dass beide den Hang hinunterstürzten.
      Die Kämpfer schlugen hart an einem Felsen auf und blieben zunächst ungerührt liegen. Cerin gelang es jedoch schneller wieder auf die Beine zu kommen als sein Gegner, hob sein Schwert und holte zum tödlichen Schlag aus.
      „Dämon!“ brüllte er so laut, dass seine Worte hundertfach als Echo von den schroffen Felswänden widerhallten.
      Dann schlug er zu. Doch zu seiner Überraschung fuhr seine Klinge nicht durch weiches Fleisch und spröde Knochen, sondern prallte an dessen steinhart anmutenden Körper ab und viel vibrierend aus seinen Händen hinunter in den Schnee. Der Maskierte stieg hoch, packte Cerin am Hals und drückte ihm mit beiden Händen die Luftröhre zu. Und dann erkannte Cerin seinen Fehler:
      Er wollte sich mit einer Kraft messen, die ihm haushoch überlegen war und gegen die er nicht den Hauch einer Chance hatte. Er kämpfte gegen einen Gegner, den man auf seinem Gebiet kaum schlagen konnte und trotzdem wollte er sein Gesicht sehen. Mit letzter Kraft riss er ihm die Maske vom Kopf. Das war zugleich auch das Letzte was er noch zu Tun im Stande war, danach überfiel ihn eine undurchdringliche Dunkelheit.
      Der Gegner spürte, dass etwas in Cerin war, was sich wehrte. Verblüfft ließ er ihn los. Derartiges war ihm noch nie passiert.
      Cerin fiel rückwärts in den kalten Schnee und blieb regungslos liegen. Das Amulett und alle anderen Dinge, die er in seiner Tasche aufbewahrt hatte, flogen hinunter in das kalte Weiss und lagen nun direkt vor den Füssen des Dämonen.
      Dieser starrte auf die Gegenstände herab und fragte: „Cerin?"
    • Meister des steinernen Kampfes - Teil 3/3

      Unaufhaltbar und laut stöhnend schwebte er zwischen verzerrten Totenkopfsbildern und unwirklich scheinenden, nach allen Seiten um sich greifenden Geisterwesen hindurch. Irgendwo weit unten marschierten Legionen Untoter durch die finstere Umgebung und haushohe Pfähle ragten aus dem Boden empor, an denen menschliche Körper aufgespiesst waren. An einem ebenso hohen Kreuz angenagelt, sah er seinen Vater, der ihm mit schmerzverzerrtem Gesicht versuchte, irgendetwas zuzurufen. Verschwommene Fratzen begleitet von schallendem Gelächter. Verzweifelte Schreie. Seltsam vertraute Gesichter. Berge von Eingeweiden und abgetrennten Gliedmassen auf blutgetränktem Boden.
      Schweissgebadet erwachte Cerin und fuhr hoch. Er staunte nicht schlecht, als er sah, dass er sich in einem viereckigen, hell beleuchteten Raum befand. Mächtige Bären und Wolfsfelle, dessen Visagen furchteinflössend zu ihm herabblickten, bestückten die groben Wände aus Stein. Er lag auf einem mit weissen Wolldecken ausgestatteten Bett in der hinteren Ecke des Zimmers. Ein edel angefertigter Tisch, gekleidet mit einem Tuch aus feinstem Stoff, stand in der Mitte des Raums. Er war bedeckt mit verschiedenen Speisen. Reichlich Brot, Reis, Schalen voller Früchte sowie gebratenes Fleisch luden zum Essen ein. Selbst der Wein fehlte nicht. Zwei Holzstühle standen in gegenüberliegender Richtung am Tisch. Sonst war der Raum leer.
      Cerin zuckte zusammen als sich die Tür am anderen Ende des Raumes öffnete und der Mann mit der Maske eintrat. Fieberhaft schaute er sich nach seinem Schwert um, doch er konnte es nicht finden. „Wer bist du und was willst du von mir?“ fragte er grimmig.
      „Kein Grund zur Aufregung. Ich bin Meister Wu Chien Li...“ sagte der Maskierte rasch um Cerin zu beruhigen und zeigte ihm einen Stein, welcher dem seinen auf ein Haar glich, bloss mit dem Unterschied, dass es gelblich und nicht rötlich pulsierte. „...Und Ihr seid bestimmt Cerin, der Abgesandte der zwölf Weisen.“
      Cerin starrte verwirrt auf das gelbe Amulett. Gerade als er antworten wollte, nahm ihm der Mann mit der Maske das Wort aus dem Mund. „Ich bedaure aufrichtig, dass es zu diesem unnötigen Kampf gekommen ist aber ich dachte, Ihr seid eine Kreatur des Bösen. Ich war in den Bergen unterwegs, wie immer auf der Jagd, und dann sah ich Euch...“
      „Sehe ich denn aus wie eine Kreatur des Bösen?“ protestierte Cerin, als er sich der Situation wieder bewusst war und schüttelte den Kopf.
      Der Mann räusperte sich kurz und rechtfertigte sich mit den Worten: „Unter Eurem Helm und der Kapuze konnte ich ja nicht erkennen, das Ihr ein Mensch seid!“
      Cerin musste sich zweifellos eingestehen, dass er ja genau dasselbe gedacht hatte, als sie sich auf dem schneebedeckten Berggipfel begegnet waren. „Ehrlichgesagt habe ich Euch auch für eine dieser Kreaturen gehalten", gab er schliesslich zu.
      Der Mann mit der weissen Maske lachte. "Seht Ihr? Die ganze Angelegenheit ist ja nochmals gut ausgegangen, findet ihr nicht?" Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: "Ach ja, bevor ich es vergesse; Wir befinden uns hier in meiner Jagdhütte, ungefähr zehn Meilen westlich von Tarantlan in den Bergen. Ich habe Euch bis hierhin getragen, nachdem Ihr das Bewusstsein verloren habt."
      „Also hat Euch der Bote der zwölf Weisen doch erreicht?“ schlussfolgerte Cerin.
      „Allemal“, antwortete der Mann. „Aber so wie es scheint, ist er nicht mehr dazu gekommen, Euch eine Antwort abzuliefern. Ich warte schon seit Ewigkeiten auf Eure Ankunft.“
      Cerin überlegte kurz und sagte: „Aus diesem Grund schickten mich die zwölf Weisen los, in der Hoffnung, Euch in Tarantlan zu finden.“ Er blickte ihn ein wenig verwundert an und fragte dann: „Wozu trägt Ihr diese Maske?“
      „Im Moment haben wir leider keine Zeit für belanglose Geschichten“, knurrte Wu Chien Li und winkte ab. „Aber ich erzähle sie Euch bei nächster Gelegenheit, versprochen." Er wies mit einer Hand zum reich gedeckten Tisch hinüber. "Lasst uns jetzt zu Tisch gehen, dort können wir die Lage besprechen und unsere Kräfte stärken. Es wäre mit Sicherheit keine gute Idee, mit nüchternem Magen auf den Weg zu gehen.“
      Cerin war einverstanden und richtete sich auf. Er spürte nicht den geringsten Schmerz und fühlte sich eigentlich ganz wohl. Auch seine Waffen und Gegenstände wurden ihm zurückgegeben und waren in bester Ordnung. Ganz offensichtlich war dieser Mann wirklich Wu Chien Li, denn wenn er es nicht wäre, würde er jetzt wahrscheinlich nicht mehr leben. Ausserdem war das Amulett um seinen Hals, ganz und gar der Beweis dafür, dass er die Wahrheit sprach. Was für ein Zufall, dachte Cerin.
      Die beiden Männer setzten sich.
      „Bedient Euch, fühlt Euch wie Zuhause“, meinte Wu Chien Li freundlich und wies auf die Speisen auf dem Tisch. Kurz darauf sagte er: „Ich möchte gleich zur Sache kommen...“
      Cerin nickte und lud ihn mit einer Handbewegung ein anzufangen.
      „Die zwölf Weisen“, begann Wu Chien Li, „baten mich, Euch auf der Suche nach den fünf magischen Steinen zur Seite zu stehen und mit meinem Leben zu beschützen. Die Götter schenkten mir einen Stein und somit eine besondere Gabe, mit deren Vermächtnis ich in der Lage bin, Schwerter zu brechen und Mauern zu durchschlagen. Man nennt sie die Kunst des steinernen Kampfes.“ Er griff zum Weinkrug, schenkte Wein ein und sagte anschliessend: "Übrigens - ein schönes Schwert, dass ihr da Euer Eigen nennen könnt. Das ist die erste Klinge, die nicht an meinem steinernen Körper zerbrochen ist." Er lachte kurz und fragte dann irgendwie ungeduldig: "Wie dem auch sei, die Weisen haben Euch doch sicher von meiner Begabung berichtet, oder?“
      „Ehrlichgesagt haben die Weisen mir nicht viel darüber erzählt", gab ihm Cerin zur Antwort, nachdem er sich hungrig ein Stück Brot vom Leib gebrochen hatte. Die einzigen Schmerzen die er noch fühlte, befanden sich ausschließlich in seiner leeren Magengegend. "Sie haben lediglich gesagt, dass Ihr über eine besondere Fähigkeit verfügt, das ist alles." Dann fragte er schnell um vom Thema abzulenken: „Wie lautet in diesem Fall unser nächstes Ziel?“
      „Vorerst Tarantlan“, antwortete Wu Chien Li irgendwie enttäuscht von Cerin's Antwort. „Wir müssen herausfinden, wo sich die anderen drei Steine befinden und wer sie besitzt. In Tarantlan haben wir dazu gute Chancen.“
      „Und wie darf man das verstehen?“ fragte Cerin neugierig.
      „Nun, ich habe Kontakte und kenne einen Kreis guter Leute, die uns bestimmt weiterhelfen werden. Ich habe bereits Vorbereitungen getroffen, also zerbrecht Euch darüber nicht den Kopf. Ach, und übrigens", der Maskierte hob das Weinglas in die Höhe, "lasst uns doch endlich diese lästigen Förmlichkeiten im Schnee begraben. Nennt mich Wu, wenn es Euch recht ist.“
      Nachdem die Förmlichkeiten abgeschlossen waren und sie auf Solidarität und Erfolg angestossen hatten, sagte Wu: „Weißt du Cerin, niemand weiss genau, was es mit diesen Steinen auf sich hat. Aber laut den Legenden - und den zwölf Weisen - sollen sie als Schutz für uns Menschen dienen." Er beschrieb mit seinen Händen einen Kreis und ballte zugleich die Fäuste. "Zusammen vereint sollen sie in der Lage sein, das Böse aus der Welt zu verbannen. Die fünf Steine wurden uns von den Göttern hinterlassen, damit wir uns gegen das Böse wehren können." Er hielt kurz inne und zeigte mit dem Finger nach oben. "Wahrscheinlich sitzen sie jetzt gerade da oben und schauen zu, wie wir uns schlagen."
      "Und was hat es noch mit den Steinen auf sich?" wollte Cerin wissen. "Ich weiss so gut wie nichts darüber."
      "Das ist eine lange und komplizierte Geschichte", sagte Wu. "Aber laut den Legenden, wurden die Steine vor langer Zeit an besondere, von den Göttern selbst ausgewählten Menschen vergeben. Da dir aber bestimmt nicht entgangen ist, dass wir Menschen vom Rad der Zeit nicht verschont bleiben, ist die einzig logische Konsequenz, die Steine an unsere Nachfahren, unsere Kinder, weiterzuvererben. Die Kräfte, die sie verleihen, werden an unsere Kinder übertragen und entwickeln sich dadurch immer weiter und weiter. Und wandern von Generation zu Generation.“
      Er nahm einen Schluck Wein und erzählte weiter: „Jeder Besitzer eines solchen Steins ist Experte einer besonderen Kunst, die er durch die Kraft der Steine erworben hat und die als Schutz dient, diesen Besitztum zu verteidigen und einzusetzen, wenn es das Schicksal so will. Mir wurde die Kunst des steinernen Kampfes verliehen aber auf dieses Thema kommen wir später noch zu sprechen.“
      Dann schaute er Cerin durch seine Maske an und sagte feierlich: „Du bist der Sohn des mächtigen Raoh und somit der Auserkorene. Du kennst deinen Auftrag. Finde alle Steine und entfessle ihre Kraft, damit das Böse auf alle Zeiten vernichtet wird. Ich, Wu Chien Li, Meister des steinernen Kampfes, werde dich unterstützen und dir im Kampf zur Seite stehen.“
      „Das klingt viel versprechend“, sagte Cerin beeindruckt. „Doch was ist mit dem Bösen? Weiss das Böse über die Existenz der fünf Steine? Schliesslich stellen diese eine reale Gefahr für dessen Existenz dar.“
      „Wer weiß, wer weiß", murmelte der Meister des steinernen Kampfes. "Mor'drak ist schon einmal zurück zur Hölle zurückgeschickt worden. Vielleicht hat er ja aus seinen Fehlern gelernt.“
      „Es wäre vernünftiger, wir verschwinden gleich von hier", schlug Cerin vor. "Ich hatte nämlich ein paar unangenehme Begegnungen auf dem Weg hierhin.“
      „Nun gut, wenn du meinst“, antwortete Meister Wu. „Machen wir uns auf den Weg nach Tarantlan.“
    • Cerin - Kapitel 4 - Turalische Perle

      Turalische Perle Teil 1/2

      Zwei Männer liefen gleichmäßigen Schrittes dem Sonnenuntergang entgegen. Den einen nannte man Cerin. Er stellte sich dem todbringenden, dunklen Zerstörer Mor'drak und war auf dem Weg eine Mission zu vervollständigen. Sein Auftrag lautete: Die verbleibenden drei Teile eines Puzzles zu finden, welches, den Legenden nach, den Schlüssel zu einer unbegreiflichen Macht darstellen sollte.
      Der andere, über den Cerin eigentlich nicht viel wusste, hiess Wu Chien Li. Er war einer der Schlüsselbesitzer und hatte sich seiner Reise angeschlossen. Er trug eine weisse Maske auf seinem Haupt und beherrschte die Kunst des steinernen Kampfes. Auch er war ein Auserwählter.
      „Da! Tarantlan!“
      Weit unten zeigte sich die Silhouette von Tarantlan, der Hauptstadt Turaliens. Wie ein schlafender Riese lag sie in einer grossen Talsenke eingebettet und wand sich an den umliegenden Hügeln hinauf. Tausende Lichter in weissen, safranfarbigen und zinnoberen Stichen flimmerten im matten Zwielicht des ausklingenden Tages wie Sterne. In dem Gebäudekomplex erkannte man hohe Türme und Dachspitzen, die in das vom Abendrot gefärbte Firmament aufragten. Dünne Nebelschwaden bedeckten die Stadt, die so riesig war, dass man ihr Ende kaum ausmachen konnte und überall stiegen Rauchsäulen gen Himmel auf. Noch nie hatte Cerin eine solch riesige Stadt gesehen, geschweige denn mit eigenen Füssen betreten. Sein ganzes Leben hatte er in ländlicher Umgebung verbracht, im Umkreis von Kaschgar, seinem Geburtsort. Was würde ihn hier erwarten? fragte er sich, während er wie gebannt auf die Stadt hinabblickte.
      Von dem Hügelkamm aus, auf dem die beiden Männer standen, nahmen sie noch keine richtigen Details wahr aber in ihrem Vorfeld herrschte selbst um diese späte Stunde noch reges Treiben. Je näher die zwei Männer jedoch an die Stadt herankamen, desto mehr davon erkannten sie. Rund um die Stadt herum wurden Zeltlager und Festungswälle errichtet, die, erklärte ihm Meister Wu, militärischen Zwecken und somit dem Schutz Tarantlans galten. Unter anderem sollten sie jegliche feindliche Aktivitäten unterdrücken und abwehren, die auf sie gestartet würden. Man merkte, dass der Krieg der Menschheit auch das verborgene Turalien eingeholt hatte: Soldaten eilten ihren Befehlen nach, Waffen wurden gepflegt und Kriegsmaschinerien in Position gebracht.
      Innmitten der Camps befand sich eine breite Strasse, die Hauptstrasse, die von Langlanien her direkt ins Herzen dieses rumorenden Molochs führte.
      Bauern, die ihr Korn mit Hilfe von Karren oder anderem Fuhrwerk in die Stadt transportierten, trieben ihre Maultiere vorwärts und Kühe, Schweine, Schafe, die von Hirten bewacht wurden, trotteten schleppend vor sich hin. Wie der Strom eines Flusses trieb sie die Menschenmenge näher, fliessend, wie von einem Strudel angezogen, an die Schleusen der Stadt heran. Wie Schafe, die zur Schlachtbank geführt wurden, drängte sie die Menge ihrem eigenen, vorgegebenen Weg entlang. Immer mehr turalische Wachen waren zu erkennen, die alles im Zaun hielten und dementsprechend hart durchgriffen, wenn jemand den Vorschriften nicht gehorchte.
      „Halt! Ihr da!“ ertönte plötzlich eine raue Stimme hinter ihnen. „Wer seid ihr und was habt ihr hier zu...“ Abrupt verstummte sie.
      „Grossmeister Wu! Ich habe...“
      Wu Chien Li fiel ihm ins Wort. „Schon gut, Soldat. Lasst uns passieren. Wir sind in Eile und haben keine Zeit zu verlieren.“
      „Ja Grossmeister“, sagte er ehrfurchtsvoll, zog sich zurück und ging wieder seiner Arbeit nach.
      An der Gestik des Soldaten nach zu urteilen, genoss Wu offenbar höchste Autorität; jedenfalls was den militärischen Aspekten betraf. Cerin hatte allerdings noch nie zuvor etwas von Wu Chien Li gehört, bis zu jenem schicksalhaften Tage, an dem er vom Ältesten der zwölf Weisen in die Halle der Kuriosaas gebeten wurde.
      Er blickte Cerin rasch an, lächelte und nickte so, als hätte er seine Gedanken lesen können. Auch auf Cerins Lippen war ein Lächeln zu vernehmen. Das erste Mal seit er seine Heimat verlassen hatte. Und dennoch war es mehr eine Reaktion, eine Erleichterung, als ein wirkliches Lachen.
      Monotone Schrittgeräusche. Pferdegewieher. Überall bewaffnete Krieger auf gepanzerten Pferden und gemeines Fussvolk, das nach Hause eilte.
      An hohen Mauern und Arkaden vorbei, steuerten sie ihre Schritte und rückten allmählich ins Innere der Stadt vor. Links und rechts türmten sich verschiedenartigste Gebäude auf, die von dunklen, schmalen Seitengassen voneinander getrennt waren. In einigen der Hauseingänge lungerten Huren in aufreizender Kleidung, stets auf Kundschaft wartend. Händler, die ihre dezenten Geschäfte günstig positioniert hatten, feilschten um ihr Hab und Gut. Auf dem schmutzigen Boden direkt daneben liessen sich Bettler und Obdachlose nieder, die in ihren eigenen Exkrementen sassen und auf ein bisschen Mitleid hofften. Der unverfälschte Schein einer Klinge blitzte kurz auf und erlosch fast gleichzeitig wieder. Turalische Soldaten. Waffen und Rüstungen schepperten. Befehle wurden ausgeteilt.
      Rufe hallten. Irgendwo läuteten Glocken. Feuer knisterten und der Gesang von Leuten, die sich an ihnen erwärmten drang an Cerins Ohr. Strophen von ihm unbekannten Liedern wurden angestimmt. Gläser klirrten. Sprüche wurden ausgestossen. Der Schrei einer Frau, der jäh von schallendem Gelächter unterbrochen wurde, erweckte seine Aufmerksamkeit. Dann, ein lautes Donnern weit in der Ferne. Pferde wieherten. Hunde bellten. Soldaten eilten an ihm vorbei. Ein Kind weinte in den Armen seiner Mutter. Ringsherum Schritte, permanentes Geläuf, weit und breit nur vorbeieilende Menschen. Und dazu; das unaufhörliche, fast regelmässige Wirrwarr von unzähligen Stimmen.
      „Mein Zuhause ist unser derzeitiges Ziel“ verkündete Grossmeister Wu Chien Li laut und weckte Cerin aus seiner Fassungslosigkeit.
      Darauf lenkten sie ihre Schritte in die Beklommenheit einer Gasse, die Cerin düsterer erschien als jede andere Seitenstrasse, die er bislang erblickt hatte. Vielleicht spielten ihm auch die Lichtverhältnisse einen Streich, denn das Tageslicht wurde nun immer mehr Sklave der Nacht, was Cerin ein wenig an den Zustand der Menschheit erinnerte.
      Selbst die wenigen Laternen die noch flackerten, schienen Cerin vor Augen zu halten, wie schlimm es um das Wohlergehen der Welt stand. Lautlose Schreie stiessen sie aus, einem Stummen gleich, der schwer verletzt am Boden lag und um Hilfe flehte. Bloss das da niemand war um ihm zu helfen. So sah es aus.
      Wie eine Vision, wie ein Rapport über die derzeitige Lage offenbarten ihm die sterbenden Lichter der Stadt die Wahrheit. Die Wahrheit, die nichts weiter bedeutete als die Tatsache, dass die gesamte Menschheit vor einem abgrundtiefen Loch stand und sich nicht zu helfen wusste. Das Böse hatte eindeutig das Zepter in der Hand, dass wusste er. Alle diese Unwissenden, dachte Cerin.
      Auf einmal wurde die Erde unter seinen Füssen zu einer schlammigen Masse, zu einer Spirale, zu einem Strudel, der alles absorbierte was ihm in die Quere kam. Der Boden, der vorher noch zu Tarantlans Strassen gehörte, nahm plötzlich aussergewöhnliche Formen an. Gestalten, Gesichter, Bilder von übelsten Kreaturen. Physiognomien und Antlitze, die Cerin bekannt waren, nahm er an. Kurz, bloss einen Augenblick lang, dachte er das Gesicht seines Vaters zu sehen. Doch fast im gleichen Moment war es wieder verschwunden.
      Umhüllt von Finsternis, schwarzem Nichts, totaler Leerheit, ringsum das Gestöhne, das schmerzverzerrte Wehgeschrei im Sterben liegender Menschen, lag er da, im Schlamm des vom Blut genässten Boden. Über seinem Kopf entluden sich Wolken ihrer Triebkraft. Blitze schossen herab, Donner grollten.
      Er sah, wie Raoh mit einer Bestie kämpfte, die so abstrakt und paradox wirkte, dass selbst die zwölf Weisen vor Ehrfurcht erstarrt wären, hätten sie sie gesehen. Er sah, wie der Heerführer, sein Vater getötet wurde. Er sah, wie das fürchterliche Monster in sein eigen Fleisch und Blut eindrang und den Körper von innen nach außen langsam auffraß. Schreie. Schmerzen. Blut. Tod.
      Er wollte herbeieilen, zu Hilfe kommen, seinen Vater verteidigen. Doch er konnte nichts tun. Er stand da wie angewurzelt. Er konnte seine Extremitäten nicht bewegen, seinen Körper nicht kontrollieren. Wut kroch in ihm empor. Unzügelbahre Wut, die zu tiefem Zorn überging und in einem unbeschreiblichem Sturm von Hass endete.
      In einem Alpraum aus lauter Emotionen und Apokalypsen gefangen, wurde er in der Zeit herumgeschleudert. Seine Familie und sich selbst sah er so, wie sie in früheren Zeiten, als alles noch in Ordnung war, gelebt hatten. Seine jüngere Schwester Fabina, wie sie mit ihren Puppen spielte. Wie sie sich stritten. Wie sie sich umarmten. Wie sie miteinander am großen See angelten und zusammen in einem Bett schliefen. Er sah, wie sie weinte. Er sah sie lachen. Er sah, wie er und Fabina ihre Mutter trösteten, als ihr Bruder verstorben war. Er sah, wie alle zusammen im alten Haus an einem Tisch saßen und gemütlich Frühstückten. Alles wurde ihm gezeigt. Seine totale Vergangenheit, seine Kindheit, seine Jugend, Freude, Glück, Angst, Trauer. Seine Mutter, wie sie weinte, nachdem der älteste der zwölf Weisen sie über den Tod ihres Mannes informierten. Schlechte sowie gute, traurige als auch fröhliche Abschnitte seines Lebens. Alles auf einen Schlag. Von Gefühlen wurde er überrumpelt, die eine solch enorme Beständigkeit hatten, als wären sie Realität. Cerin wusste zwar genau, dass er phantasierte und doch konnte er nicht aufwachen.
    • Turalische Perle Teil 2/2

      Azzur gab seinem Pferd die Sporen. Er wusste genau - wenn er nicht rechtzeitig ankam, würde eine Katastrophe ausbrechen, ein Desaster, das dem Ende gleichkam. Der Tod selbst hatte ihm den Auftrag gegeben, so schnell zu reiten wie der Teufel. Er persönlich befahl ihm, aus seinem Pferd das letzte herauszuholen, es zur schierer Qual zu treiben, sogar wenn es dessen Ende bedeuten sollte. Er musste Erfolg haben, bevor das Rad der Zeit Tarantlan erreichte und das war gewiss in voraussehbarer Zeit. Pferd hin oder her, dass war ihm gleichgültig. Selbst wenn er zu Fuss weitergehen musste, musste er die turalische Hauptstadt erreichen. Es gab kein Zurück.
      Entlang der unendlich scheinenden Azolinia-Promenade ritt der Mann, schneller wie der Wind und als er die Stadt an der Prunkstraße passierte, die bekannt war für ihre bildhübschen Weiber, empfand er im Moment nichts anderes als Irrsinnigkeit ihnen gegenüber. Obwohl es hier die mit Abstand besten Hurenhäuser des Reiches Langlaniens gab, durfte er nicht einmal daran denken, sie zu betreten. Die Frauen hier waren etwas Besonderes, sie waren die Schönsten des Landes und dennoch ignorierte er all das Getue und Gehabe. Er war nicht in der Position um sich zu Vergnügen, geschweige denn, irgendwelche Feste zu feiern zu denen er nicht einmal eingeladen war. Ausserdem wartete schon eine liebe Frau auf seine Heimkehr, die sogar ein Kind von ihm erwartete.
      Nein, ganz im Gegenteil. Er musste Azaro ausweichen. Und das tat er auch. Ohne einen Gedanken daran zu verlieren, ferner zu zögern oder eine Wimper zucken zu lassen. Denn was bedeuteten diese Weiber schon, wenn es um das bare Überleben ging. Nichts. Doch zu dieser Erkenntnis kamen bloss eine Handvoll Auserwählte, zu deren Kreis auch Azzur gehörte. Zumindest in gewisser Hinsicht und zu diesem Zeitpunkt.
      In jener Gegend, an einem entlegenen Gasthaus, rehabilitierte der Mann mit den strammen Gesichtszügen ausschliesslich seinen Proviant und ritt dann strikt weiter Richtung Osten. Die Verpflegung, die in der Abgeschiedenheit sein Leben retten und ihm wertvollen Zeitraum verschaffen konnte; den Zeitraum, den er so dringend benötigte.
      Dessen ungeachtet waren der Proviant und die Zeit bloss die halbe Miete. Was er wirklich brauchte waren Waffen. Gute Waffen, starke Waffen. Und solche hatte er bereits zuvor vorgefunden: Ein solides Schwert als auch ein einschneidiges Messer, dass hervorragend für den Nahkampf präpariert war, hingen sicher an einem Riemen fest, den er um seine Lenden gebunden hatte. An der Flankentasche seines Gauls waren zudem noch ein Schild und eine Lanze befestigt, die er beide ebenfalls gut gebrauchen konnte. Ja, der Mann hoch auf dem Ross glich eher einem xenomischen Boten als einem langlanischen Reiter. Bloss sein Helm, der apart in den Farben rot und schwarz schimmerte, verriet seine eigentliche Herkunft. Kaschgar hiess sie und sein Ziel war Tarantlan.

      „Komm, ich helfe dir auf die Beine.“ Wu strecke ihm die Hand entgegen. „Alles in Ordnung? “
      „Ja, alles Bestens“, brummte Cerin. „Bestimmt ist es nur die Erschöpfung, die mir einen Streich gespielt hat.“ Ihm wurde schwindlig als er hochkam, wieder auf eigenen Beinen stehen musste. Kopfschmerzen bahnten sich an.
      „Mein Anwesen liegt an der Kawabushistrasse. Das ist die Strasse gleich um die nächste Ecke“, erklärte Wu Chien Li und zeigte zum Ende der dunklen Gasse hinüber. „Dort kannst du dich ein wenig aufs Ohr hauen und deinen Körper auskurieren. Klingt das nicht gut, was sagst du?“
      „Na gut. Auf was warten wir dann noch“, meinte Cerin und setzte wacklig seinen Gang in Bewegung.
      Wu lachte, klopfte ihm beherzt auf die Schulter und meinte: „Das wird schon wieder. Warte bis du erst meine Dienerinnen kennen lernst. Die sind schon etwas Besonderes.“
      „Dienerinnen?“ Cerin blickte ihn ungläubig an. „Das klingt fast so, als wärst du der König von Turalien.“
      „Nein, nein, mein ausländischer Freund“, wieder konnte er ein Lachen nicht verkneifen. „Aber du wirst den Unterschied zwischen einem König und einem Mann wie mir schon noch kennen lernen.“ Seine Augen funkelten. „Das verspreche ich.“
      Schnell hatten sie die dunkle Gasse hinter sich gelassen und gingen auf der Kawabushistrasse, durch einen belebten, von Menschen wimmelnden Basar, an Musikanten, Jongleuren und exotischen Tänzerinnen vorbei, in Richtung Stadtinneres. Überall waren Stände aufgebaut, auf denen Händler ihre Waren zur Schau stellten. Früchte, Gemüse, Lebensmittel wo man hinsah. Ein Gewürzstand linkerhand. Direkt daneben wurde um den Wert eines dicken Stückes Wurst gefeilscht. Es roch nach Fisch. Dann wieder nach Gewürzen. Rechts von Cerin versuchte ein Kaufmann seine Kundschaft von seinen Requisiten zu überzeugen, indem er ihnen ihre Eigenschaften demonstrierte. Applaus ertönte. Pfiffe. Rufe. Sogar dunkelhäutige Sklaven, wahrscheinlich aus dem südlichen Kushei, wurden zum Verkauf angeboten. Ein Waffengeschäft gegenüber. Schwerter, Äxte, Speere, Lanzen, und viele ähnliche Waffen standen in einem Waffenschrank hinter dem Verkäufer. Andere Dinge wie Rüstungen, Schilde oder Helme davor. Ein mächtiger, vergoldeter Harnisch war wohl der Stolz des Händlers gleich nebenan. Leute scharten sich um sein Geschäft. Schweiss. Lärm. Hektik.
      „Das ist der Markt von Tarantlan“, rief Wu dicht neben Cerins Ohr. Er musste seine Stimme erheben, da der Lärm der unzähligen Rufe und das Wirrwarr aus Stimmen, Musik und Gelächter sonst kaum zu übertönen war. „Er ist Tag und Nacht in Betrieb.“
      Die Strasse führte sie schliesslich auf einen grossen Platz, der den Ausgangspunkt vieler anderer Strassen war. Wie konnte man sich in so einem Labyrinth aus Strassen, Gassen und Kreuzungen bloss noch zurechtfinden, fragte sich Cerin während sie den Platz überquerten.
      Auf der gegenüberliegenden Seite gingen sie weiter der Kawabushistrasse entlang, die mit einer leichten Neigung langsam in die höheren Gefilde der Stadt führte. Hier war es jetzt wesendlich ruhiger als auf dem Markt hinter ihnen, obwohl auch hier reger Verkehr herrschte. Cerin fiel auf, das sich die Bauten, die Häuser und die Umgebung langsam veränderten, je höher sie die Strasse führte. Diese standen jetzt nicht mehr so nah beieinander, wie noch weiter unten und wurden auch zunehmend ansehnlicher. Hier schien der reichere Teil von Tarantlans Einwohnern zu leben, denn Gärten und Zierpflanzen verschönerten die Fassaden der Häuser. Manche der Anwesen wurden sogar von Soldaten bewacht, die dafür sorgten, dass sich kein Gesindel vor ihren Anwesen herumtreibt und hohe Zäune schützten sie vor Dieben und Einbrechern.
      „Da vorne ist es.“ Wu zeigte auf ein Gebäude mit riesigem Grundstück am Ende der Strasse. „Das Ende unserer Qualen. Der Anfang des Endes. Mein geliebtes Domizil.“ Er lachte. „Komm, gehen wir.“