Schattenpfade

  • Ich trau mich auch mal eine schon ziemlich alte Kurzgeschichte von mir einzustellen, die vermutlich eher hierhin passt. Sie besteht aus mehreren (nicht chronologischen) Teilen, die erst zusammen ein Ganzes ergeben. Das nur als Vorwarnung. Sie ist mal entstanden als Charakterbeschreibung für einen Rollenspielabend und lungert seidem bei mir auf der Festplatte rum, wobei das Orinal noch auf 3,5-Zoll-Diskette gespeichert war. Das nur für die Älteren unter euch.


    -1-


    Am Anfang war die Dunkelheit.


    Dann kam das Licht.


    Zuerst war es nur ein schmaler, kaum sichtbarer Streifen am Horizont. Dann schob es die Dunkelheit der Nacht langsam, aber stetig hinfort. Seine Präsenz war jetzt schon fast greifbar. Zuerst erleuchtete es die höchsten Gipfel der Eisenberge, dann die Spitzen der Bäume am Südhang dieser langgestreckten Bergkette. Schließlich flutete es in die Täler und spülte die letzten Schatten der vergangenen Nacht fort.


    Die Sonne kroch über den Horizont und schaute nach dem Licht, das sie auf die Welt geschickt hatte. Auch wenn sie die Nacht in die Flucht geschlagen hatte, noch reichte ihre Kraft nicht aus, um mit ihren Strahlen auch die Kälte zu vertreiben.


    Die ersten Tiere trauten sich aus ihren Nachtverstecken und genossen die taukühle Stille des Frühlingsmorgens. Hoch über den Wipfeln der höchsten Kiefern kreiste ein Bussard. Mit fast provozierend langsamen Flügelschlägen schraubte er sich in die Höhe und spähte in das Gehölz unter sich. Am Saum des Waldes entdeckte er ein junges Karnickel, das vom taubedeckten, frischen Gras auf der Wiese angelockt wurde. Es schnüffelte vorsichtig in alle Richtungen, aber der Bussard über ihm war für das Tier unsichtbar, unhörbar und unriechbar. Bald würde das junge Karnickel, von der falschen Sicherheit der frühen Stunde getäuscht, das Unterholz verlassen und fressen.


    Dies war die Stunde des Jägers.


    Und der Bussard wusste es.


    Mit weit ausgebreiteten Flügeln kreiste der majestätische Vogel über dem Saum des Waldes. Noch konnte er nicht zustoßen. Der Wald mit seinem dichten Unterholz war zu nah. Aber nur noch wenige Augenblicke, und es würde für das Opfer kein Entrinnen mehr geben. Das hohe Gras der Wiese allein würde das junge Karnickel nicht beschützen können. Der Bussard fühlte eine unbestimmte Zufriedenheit. Der Tag würde gut werden.


    Das junge Tier hatte sich weiter auf die Wiese gewagt und begann zu fressen. Der Bussard machte sich bereit.


    Plötzlich hob das Karnickel den Kopf und spitzte die Lauscher. Es drehte den Kopf und schnüffelte nervös in alle Richtungen. Der Bussard drehte ab und schraubte sich wieder etwas höher in die Luft. Irgendetwas dort unten schien sein Opfer nervös gemacht zu haben. Aber was? Er wollte kein Risiko eingehen und flog noch einmal den Waldsaum ab. Es gab kaum etwas, das sich vor seinen Augen verbergen konnte, allerdings konnte auch er das Dickicht der Blätter im tieferen Wald nicht durchdringen. Inzwischen hatte sich das Karnickel wieder beruhigt und fraß weiter. Der Bussard machte sich erneut bereit.


    Plötzlich wusste er es.


    Es gab keinen bestimmten Anhaltspunkt. Keinen Hinweis. Aber er wusste instinktiv, dass er jetzt keine Beute machen würde. Irgendetwas war dort unten im Wald. Irgendetwas, das ihm seine Beute streitig machen wollte. Irgendetwas Bedrohliches. Er schwebte unschlüssig im ersten kleinen Aufwind, den die Sonne inzwischen geschaffen hatte.


    Und wartete.


    Er wusste nur nicht worauf.


    Als das junge Karnickel das Sirren des Pfeils hörte, schlug sein Herz gerade zum letzten Mal. Der Pfeil durchschnitt das hohe Gras und drang in die Flanke des Tieres ein. Von der Wucht des Aufpralls wurde das junge Karnickel umgeworfen und ein kurzes Stück über den Boden geschleift.


    Der Bussard war enttäuscht. Irgendetwas hatte sein Opfer getötet und seinen Morgen ruiniert. Er wollte sich an dem Wesen oder dem Ding rächen, das ihn seiner Mahlzeit beraubt hatte.


    Aber er hatte auch Angst.


    Das, was sein Opfer getötet hatte, konnte vielleicht auch ihn töten. Rache war zu gefährlich. Seinen Instinkten konnte er vertrauen.


    Der majestätische Vogel spürte, dass es hier nichts mehr für ihn zu tun gab. Mit einem lauten Rufen, wie um seiner Verärgerung Ausdruck zu geben, beschleunigte er seinen Flügelschlag und entfernte sich von der Lichtung. Vielleicht hatte er im nächsten Tal mehr Glück. Es gab genug Tiere in diesen von der Natur verwöhnten Bergen, und der Tag war noch jung.


    Etwas im Wald beobachtete zufrieden, wie die Silhouette des Bussards vor dem strahlend blauen Morgenhimmel immer kleiner wurde.


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • Ein schöner Text, sehr anschaulich, gut geschrieben. Und eine neue Idee, mit der Beobachtung eines Tieres anzufangen. Gefällt mir. :D

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Wow, echt gut :thumbsup: I like.


    Wie melli schon sagte, ein etwas ungewöhnlicher Anfang, jedoch im postiven Sinne. Man hat alles vor AUgen, denn die Beschreibungen sind top. Bin gespannt, was du aus der Geschichte weiterhin gemacht hast, lesen werde ichs auf jeden Fall. Schreibstil klasse, du hast ja Erfahrung :D . Die Länge stimmt auch, nur die großen Absätze zwischendrin stören. Aber nicht schlimm.


    Zitat

    Hoch über den Wipfeln der höchsten Kiefern

    Da ist ein hoch zu viel


    Außerdem kommt zu oft die Verbindung "junges Karnickel" vor, da gibt es sicher andere Fromulierungen, z.b. ist Kaninchen dasselbe, wenn ich mich nicht täusche ?(


    LG
    Arathorn

  • @Danke für die Hinweise. Feintuning muss ich eigentlich immer machen, gerade für Wortdopplungen oder ein Adjektiv zu viel bin ich anfällig. Die Absätze macht das Forum automatisch, wenn ich den Text aus Word rauskopiere. ?( Keine Ahnung, wieso, da muss ich noch dran arbeiten. Nach nochmaligen lesen bin ich allerdings selber der Meinung, dass ich so wahrscheinlich heute nicht mehr schreiben würde...


    Hab mal den zweiten Teil rausgesucht.


    -2-


    Der schlimmste Feind des Menschen ist der Mensch.


    Die jungen, haarlosen Wasserratten waren zwar noch blind und wehrlos, aber in ihrem warmen, bisher gut versteckten Nest brauchten sie noch keinen Feind zu fürchten, auch nicht den Menschen.


    Trotzdem hatten sie Angst.


    Obwohl sie ihre Umgebung noch kaum wahrnehmen konnten, spürten sie, dass sich ihr Nest jetzt bewegte. Sie wussten, dass dies nicht richtig sein konnte. Und auf ihre schrillen, fast tonlosen Rufe kam keine Antwort.


    Ein Junges kroch an den Rand des Nestes aus schwarzen, lockigen Menschenhaaren, rutschte in den Fluss, der aufgrund der heftigen Regenfälle der letzten zwei Tage stark angeschwollen war, wurde von der Strömung mitgerissen und ertrank.


    Die anderen Wasserrattenjungen wimmerten, während ihr Nest, beschienen vom fahlen Mondlicht, dahintrieb. Ihre faltige, rosafarbene Haut bildete einen starken Kontrast zu der straffen bleichen Haut ihres Floßes. Es war die Haut eines jungen Mädchens, kaum älter als siebzehn Jahre. Obwohl sie schon einige Zeit lang tot sein musste, so sah sie noch nicht annähernd wie eine Leiche aus. Ihr blaues Kleid war schmutzig und zerrissen, aber ihre Haut wirkte nur herrschaftlich bleich, wie bei einer schlafenden Prinzessin, und glänzte im Mondlicht. Sie glitt in den Fluten dahin wie ein stolzes Schiff auf seiner letzten Fahrt. Als sie auf dem Fluss treibend den dichten Wald verließ, in dem sie die letzten Tage vor den Blicken anderer versteckt gelegen hatte, spiegelte sich das Mondlicht in einer silbernen Brosche. Die Wassertropfen auf ihrem Gesicht glitzerten wie gefrorene Tränen. Der Fluss wurde breiter und beruhigte sich ein wenig.


    Ein paar Wasserrosen bildeten ein Spalier und gaben ihr ein letztes Geleit.


    Die Wasserrattenjungen schrien weiter, aber bald würden sie genauso stumm und tot sein wie das makabere Gefährt, das ihr nicht weniger makaberes Nest darstellte.


    Am Ufer tauchten die gedrungenen Umrisse einzelner menschlicher Behausungen auf. Es war eines dieser kleinen Dörfer, wie es viele Gab in diesem Teil der Nordmark. Einige Bauernhöfe, ein Schmied, eine Wassermühle, ein kleiner Steg, der in den normalerweise ruhigen kleinen Wasserlauf führte. Einfache, ehrliche Menschen, die sich ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts verdienten.


    Zwei kleine Boote tanzten auf dem ungewöhnlich bewegten Wasser und stießen ab und zu mit pochendem Geräusch aneinander.


    Die Leiche des jungen Mädchens verfing sich auf Höhe der Wassermühle an einem kleinen Wehr und wurde auf ein flaches Uferstück zugetrieben.


    Ein Hund bellte.


    Es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie gefunden wurde.


    Und dann wird sich die Kunde von ihrem Tod in Windeseile verbreiten.


    Ein Herz wird gebrochen werden, und dann ein weiteres.


    Jemand, der den Tod verdient hat, würde leben.


    Und jemand, der das Leben verdient hat, würde sterben.


    Die Liebe konnte tödlich sein.


    Sogar über den Tod hinaus.


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • Hab grad den zweiten Teil entdeckt 8|


    Ja, das wird immer mysteriöser, aber auch spannender. Mehr davon :love:
    Ich finde es vor allem gut, was du für ungewöhnliche Perspektiven benutzt, das macht das ganze viel lebendiger. Der Schreibstil ist top, das sage ich dir gerne immer wieder :thumbsup:


    Fehler in dem sinne gab es nicht, nur dass du ebendieses gab an einer Stelle groß geschrieben hast (also Gab statt gab) und:

    Zitat

    makabere Gefährt, das ihr nicht weniger makaberes Nest darstellte.

    Wortwiederholung, die Erklärung hätte ich mir auch sparen können :D


    LG
    Arathorn

  • Kann Arathorn nur zustimmen - bitte mehr!

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Blink hört sich super an!
    Wirklich toll geschrieben und aus ausergewöhnlicher Sicht!
    Mach so weiter! :thumbsup:

    Mehr aus meiner Feder: Gefangen im High Fantasy Bereich.


    Der Tag an dem alles begann findet ihr im Urban Fantasy Bereich auf fleißige Leser. ^^

  • Danke für den Zuspruch. Das macht es mir leichter, Teil 3 und 4 rauszukramen und einzustellen. Das in Kapitel 3 zitierte Lied ist übrigens "Traum vom Tod II" von Subway to Sally. Das Album "Foppt den Dämon", aus dem das Lied stammt, hat mich damals maßgeblich zu der Geschichte inspiriert.


    - 3 -


    Die Sonne war aufgegangen, hatte ihre Wanderung über den Himmel vollzogen und war wieder untergegangen. Das fahle Mondlicht, das durch die zerfetzte Wolkendecke drang, musste vor dem dichten Blätterdach des Waldes kapitulieren. Die Eisenberge waren aufgrund des warmen, feuchten Klimas ein Paradies für Pflanzen aller Art. Selbst in größerer Höhe und an den steilsten Hängen gab es noch dichte Wälder, in die noch kein Mensch je seinen Fuß hineingesetzt hatte.
    Oder wieder hinaus.
    Die Dunkelheit kam schnell in diesen Wäldern, eine Dunkelheit, die das menschliche Auge wenig zu durchdringen vermochte. Selbst das kleine Lagerfeuer schaffte es kaum, mehr als einen winzigen Kreis des Waldes zu erleuchten, bevor es den aussichtslosen Kampf gegen die Dunkelheit verlor. Wer immer dieses Lagerfeuer angezündet hatte, hatte offensichtlich keine Angst davor, all die Dinge anzulocken, die von einem Lagerfeuer in einem ansonsten abgeschiedenen Teil der Eisenberge angelockt wurden. Oder er hatte mit seinem Leben abgeschlossen.
    Eine menschliche Gestalt hockte vor dem Feuer, auf dem ein vor kurzem erlegter und sorgfältig gehäutetes Karnickel briet. Ein waldgrüner Umhang bedeckte fast ihren gesamten Körper, und eine Kapuze war dicht über das Gesicht gezogen, so dass es vollkommen im Schatten lag. An einem Baum neben der Gestalt lehnte ein gut gearbeiteter Langbogen ohne Sehne. Mit so einem Bogen konnte man auf zweihundert Schritt das Herz eines Hirsches durchbohren. Oder das eines Menschen.
    Die Gestalt schnitzte an einem Pfeil und drehte ab und zu das Karnickel, damit nicht eine Seite verbrannte. Dabei sang sie ein unheimliches Lied. Die Melodie war ein aus Tönen und Gesang gewebtes Abbild des nachtschwarzen Waldes, es war ein Lied für alle Freunde der Dunkelheit. Es fiel schwer, bei der langsamen und getragenen Melodie nicht an Tod und Verrat zu denken. Wahrscheinlich fiel es auch schwer eine andere Melodie zu singen, wenn man ausschließlich an Tod und Verrat dachte.
    Ab und zu spiegelte sich das Feuer in der Klinge des Messers, die behutsam den fast fertigen Pfeil entlang fuhr. Irgendetwas war anders an dieser Klinge, sie sah nicht aus wie ein gewöhnliches Messer. Aber was genau diesen Eindruck erweckte, war im flackernden Lichtschein des Feuers nicht zu erkennen. Die Gestalt sang weiter ihre traurige Litanei:
    „Ich hab heut‘ Nacht vom Tod geträumt
    Er stand auf allen Wegen
    Er winkte und er rief nach mir so laut
    Er sprach mein Leben sei verwirkt
    Ich sollt mich zu ihm legen
    Ein frühes Grab sei längst für mich gebaut“



    - 4-
    „Seid ihr sicher, Mann?“
    Die Wut in seiner Stimme ließ erkennen, dass er die Botschaft verstanden hatte. Das Flehen in seiner Stimme hingegen deutete darauf hin, dass er die Botschaft nicht verstehen wollte. Oder dass ein gerechter Gott geben möge, sie sei falsch.
    „Ganz sicher, Herr. Es ist eure Tochter. Wir haben sie in den Tempel gebracht.“
    Kommandant Esamon hatte Mitleid mit dem Mann, dem er diese bittere Nachricht überbringen musste. Gleichzeitig fürchtete er aber auch dessen Zorn. Er wusste, was den Überbringern schlechter Nachrichten wiederfahren konnte.
    Aber Esamon hatte Glück, die Trauer war stärker als die Wut. Zumindest in diesem Augenblick.
    Graf Salorin stützte sich schwer auf den Eichentisch, der in seinem Arbeitszimmer stand und an dem er die Karten und Texte studierte, die für seine Aufgaben erforderlich waren. Er war nicht nur für die Sicherheit in diesem Teil der Nordmark zuständig, sondern auch für das Gesetz. Er war derjenige, der Recht sprach. Von Gerechtigkeit konnte man in diesem Zusammenhang leider nicht immer sprechen. Graf Salorin war ein guter Richter, und seine Urteile wurden stets respektiert. Aber er war nur ein Mensch, er war nicht allwissend wie die Götter es vielleicht sein mögen. Und was bedeutet schon Gerechtigkeit? In diesem Augenblick glaubte er selbst nicht, dass es so etwas wie Gerechtigkeit gab.
    „Bring mich zu ihr. Ich muss sie mit eigenen Augen sehen.“
    Kommandant Esamon hatte lange genug unter Graf Salorin gedient, um zu wissen, was dieser freundschaftliche Ton während des Dienstes zu bedeuten hatte. Der Burgherr hatte nicht mehr genug Kraft, um die Fassade der Dienstmäßigkeit aufrecht zu erhalten.



    Enarés langes dunkles Haar war frisch gewaschen, und sie trug ein prächtiges, leuchtend rotes Kleid. Friedlich lag sie im kleinen Nebenraum des burgeigenen Tempels und schlief den Schlaf der Gerechten.
    Für immer.
    Graf Salorin versagte beim Anblick seiner Tochter die Stimme. Schluchzend kniete er sich neben sie und ergriff ihre Hand.
    „Warum, Enaré? Warum? Wir hätten doch so glücklich sein können, du und ich.“
    Er schrie auf und warf seine Frage mit aller Kraft gegen die niedrige Gewölbedecke, darüber hinaus, bis in den Himmel, auf das jeder Gott sie hören möge. Ein einzelner verzweifelter Aufschrei eines gebrochenen Mannes.
    „Warum ?“
    Gut zwei Minuten kniete er stumm und leise schluchzend vor seiner aufgebahrten Tochter. Kommandant Esamon war so taktvoll, in dieser Zeit keinen einzigen Muskel zu rühren. Dann stand Salorin auf und drehte sich um.
    „Wo ist er?“
    „Mein Herr?“
    „Stell dich nicht dumm, Mann!“ Graf Salorin packte seinen ersten Offizier am Kragen des Waffenrocks. „Du weißt genau, von wem ich spreche. Von diesem Schwein, das für den Tod meiner Tochter verantwortlich ist!“
    Der Kommandant blieb ruhig.
    „Er ist fort, Herr. Er muss noch vor uns von ihrem Tod erfahren haben. Niemand weiß, wo er ist. Die Hunde haben seine Spur verloren. Wir nehmen an, dass er in die Berge geflohen ist.“
    „Worauf wartet ihr dann noch? Hinterher!“ Graf Salorin stürmte an Esamon vorbei durch die niedrige Tür und lief auf den Haupteingang des Tempels zu.
    „Wachen! Sattelt die Pferde!“
    Esamon riss seinen Vorgesetzten noch im Tempel an der Schulter herum.
    „Herr, nein! Wir können nicht die ganze Besatzung auf die Suche nach einem einzigen Mann schicken. Orks sind an den Berghängen nördlich und östlich von hier gesichtet worden. Wir dürfen das Dorf nicht schutzlos lassen. Außerdem haben wir seine Spur doch schon verloren.“
    Der Burgherr blickte starr an Esamon vorbei, als der auf ihn einredete, und antwortete dann mit grabeskalter Stimme:
    „Du bist also der Meinung, Esamon, Kommandant der Garde und mein bester Soldat, dass ich denjenigen, der für den Tod meiner Tochter verantwortlich ist, laufen lassen sollte? Dass ich ihn nicht einer gerechten Strafe zuführen sollte?“
    „Natürlich nicht, Herr. Aber es ist nur ein einzelner, verzweifelter Mann. Wenn ihn die Wölfe nicht erwischen, dann die Orks. Oder er verhungert. Oder verdurstet. Vielleicht ist er in diesem Augenblick schon tot. Auf jeden Fall wird er es bald sein. Er bekommt was er verdient, so oder so.“
    Graf Salorins Ton wurde wieder freundschaftlicher. „Ein Vater braucht Gewissheit, Esamon. Was passiert, wenn er dennoch überleben sollte?“
    „Er wird überall in der Nordmark gesucht. Wir würden ihn sofort wieder festsetzen. Lebend kann er uns nicht entwischen.“
    „Und wenn er sich bis zu den Zwergen durchschlägt?“
    „Das kann er alleine unmöglich schaffen. Und wenn doch, dann würden ihn die misstrauischen Zwerge mit Sicherheit einkerkern. Oder töten, genau wie alles andere, was ihn in den Eisenbergen erwartet. Die Berge sind groß. Und gefährlich. Niemand wagt sich freiwillig alleine dort hin.“
    „Niemand, sagst du?“
    „Niemand, Herr!“ Esamon nickte bestimmt.
    „Nun, das ist nicht ganz richtig. Einen gibt es.“
    Das Gesicht des stämmigen Kommandanten zeigte zu großen Teilen Überraschung, und zu einem kleineren Teil Empörung und Entsetzen.
    „Nein, Herr, das ist nicht euer Ernst!“
    Graf Salorin nickte stumm, und der Kommandant wusste, dass ab jetzt jeder Wiederspruch vergebens war. „Das ist mein voller Ernst. Bringt ihn in mein Arbeitszimmer. Sofort!“


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • Spannend! Und sehr gut geschrieben. :thumbsup:
    Ich fiebere der Fortsetzung entgegen.

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Hier Kapitel 5 und 6


    - 5 -
    Die Keule traf mit voller Wucht die haarige Schläfe, und der runde Metallhelm flog in hohem Bogen davon. Der Ork taumelte und fiel ins dichte Unterholz, wo er mit einem dumpfen Stöhnen liegen blieb.
    „Ich habe nein gesagt! Noch jemand, der diese Entscheidung anzweifelt?“
    Der Träger der Keule blickte in die Runde und sah kampfentschlossene orkische Gesichter, die nur vor seiner Stärke Respekt hatten. Aber das reichte aus.
    „Na also!“
    Der Anführer des Kunak-Clans steckte seine Keule neben die Handaxt zurück in den breiten Waffengurt.
    „Ich sehe auch, dass hier ein Mensch durchgekommen ist. Ein dummer, kleiner Mensch. Er hat eine Spur hinterlassen wie eine ganze Sippe.“
    Der Ork bückte sich noch einmal und betrachtete die Spur genau.
    „Und er ist schwach. Oder verletzt. Er ist es gar nicht wert, unsere Beute zu sein. Wenn Menschen sich in diesen Teil der Berge verirren, so weit im Osten, dann muss es einen besonderen Grund haben. Ich sage, sie dürfen unter keinen Umständen von unserer Anwesenheit hier erfahren. Wir werden diese Spur nicht verfolgen, sondern mit unserer Erkundung wie geplant weiter machen. Du da!“
    Der Anführer zeigte auf den am Boden liegenden Ork, der sich noch immer den dröhnenden Kopf hielt.
    „Du wirst hier etwa eine Stunde Wache halten. Wenn du in dieser Zeit irgendetwas hörst oder siehst, machst du sofort Meldung. Ansonsten kommst du nach. Kapiert?“
    Der Ork nicke mürrisch. „Aye!“
    „Los jetzt!“
    Auf das Kommando des Anführers hin rückte die kleine Gruppe Orks ab.
    Der zurückgebliebene Ork zerrte seine Keule aus dem Gürtel, durchsuchte die umstehenden Gebüsche, fand eine neugierige Echse, erschlug sie und fühlte sich augenblicklich besser. Dann machte er sich auf die Suche nach seinem Helm, den er schließlich unter einem Haselnussstrauch fand. Anschließend suchte er sich einen guten Platz hinter einem kleinen Felsen in der Nähe der Spur und wartete.
    Hoch oben in Geäst einer alten Buche überlegte jemand, ob er einen Pfeil vergeuden sollte.


    - 6 -
    Es gab keine Fenster und keine Tür. Es gab keine Fackel und keinen Feuerschein. Es gab keinen Tag und keine Sonne. Es gab kein Licht, und es gab keine Hoffnung. Nur Dunkelheit.
    Und Ratten.
    Das Scharren ihrer schmutzigen kleinen Füße und das Atmen eines Menschen war alles, was man in der ewigen Dunkelheit des Lochs hören konnte. Eines von beiden würde bald verschwunden sein.
    Ein eiserner Riegel bewegte sich. Quietschend öffnete sich eine grob genagelte Luke aus schwerem Holz. Staub rieselte auf den menschlichen Körper hinunter, der auf dem Boden des etwa fünf Meter tiefen und drei Meter durchmessenden Loches saß, welches sich unter dem Hauptturm der Burg befand und als Kerker diente. Im flackernden Licht einer Fackel waren graubraune, verfilzte Haare zu erkennen, ein ungepflegter kurzer Bart und eine pockennarbige Haut, krank vom fehlenden Licht und der mangelnden Ernährung. Die Ratten verschwanden irgendwie aus dem ungewohnten Licht in die Dunkelheit, obwohl das Loch sonst keinen Zugang hatte. Hier unten waren sie nicht nur die dominierende Spezies, sondern anscheinend auch mächtige Zauberer.
    Der Fackelträger machte einen Schritt zur Seite. Kommandant Esamons Gesicht erschien über der Öffnung in der Decke des Lochs.
    „He, du! Steh auf!“
    Im Loch rührte sich nichts.
    „Alaras!“ Insgeheim hoffte Esamon, dass er vielleicht schon tot oder wahnsinnig war, wie so viele, die vor ihm im Loch gesessen hatten.
    „Was willst du?“
    Die Gestalt im Loch bewegte sich nicht, und ihre Stimme zeugte von Desinteresse.
    „Achte auf deine Worte, Alaras. Graf Salorin will dich sehen. Aber wenn ich sagen soll, dass du verhindert bist...“
    „Spar dir deine Worte für meine Grabrede, Esamon.“ Die Gestalt im Loch stand langsam auf, wobei ihre Beine zitterten.
    Ein Seil wurde hinabgelassen, und die zerlumpte Gestalt wurde von zwei Wachen aus dem Loch gezogen. Als sich ihre und Esamons Blicke trafen, lag Verachtung für den jeweiligen Gegenüber darin.
    „Komm mit, Alaras. Aber ich warne dich...“ Der Kommandant legte seine rechte Hand auf das Schwert, das an seiner Seite hing. Alaras Augen zeigten keine Reaktion.
    Die beiden Männer verließen den Turm, und während der eine schnellen Schrittes zum Haupthaus marschierte, wurde der andere vom grellen Licht des Tages geblendet, fing an zu taumeln und brauchte einige Zeit, bevor er seinen Weg fortsetzen konnte.
    Eine der Kerkerwachen bemerkte, dass ihn die Ratten offensichtlich nicht angenagt hatten. Der Bursche hatte wirklich Glück.


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • Es ist klasse, wie du dich aus vielen verschiedenen Perspektiven der Geschichte näherst. Jedes Kapitel ist anders und jedes Kapitel ist saugut. Ich freu mich aufs nächste!! :thumbsup:

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Teil 7 und 8


    - 7 -
    Kein Pfeil zischte, keine Sehne sirrte. Es gab keine metallene Spitze, die in einen haarigen, untersetzten Körper eindrang, und es gab keinen Schrei. Als der Ork der Meinung war, lange genug gewartet zu haben, erhob er sich schwerfällig und trottete in die Richtung, in die seine Kameraden zuvor verschwunden waren.
    Am heutigen Tage wurde ein Leben geschenkt.
    Das war durchaus ungewöhnlich in diesem Teil der Welt. Sehr gewöhnlich war allerdings, dass dies hauptsächlich aus Eigennutz geschah.
    Für Alaras war der riesige Wald im Augenblick nichts Weiteres als eine kleine, leere Kammer. In der Kammer befanden sich nur der Jäger und seine Beute. Die Beute war bereits in dem Moment gestorben, in dem sie über die Schwelle getreten war. Sie war schon tot, es hatte ihr nur noch niemand gesagt. Einmal in der Kammer des Jägers gab es kein Entkommen mehr.
    Allerdings sollte sich auch sonst nichts in der Kammer befinden. Jede Ablenkung könnte sich als störend, vielleicht sogar als fatal erweisen.
    Alleine der Gedanke an eine Meute Orks, die ihren verschwundenen Kameraden suchten und ihm möglicherweise auf der Spur war, konnte, im falschen Moment, das entscheidende Zögern, die schmerzliche Unachtsamkeit sein.
    Es war besser, kein Risiko einzugehen.
    Der Jäger verließ seinen Ausguck zwischen dem dichten Blätterwerk und kletterte behände den Stamm hinunter. Dann untersuchte er sorgfältig die Spur.
    Sein Opfer war schon sehr geschwächt, ohne Frage. Die Jagd würde nicht mehr lange dauern.
    Allerdings war er erstaunt, dass sie überhaupt so lange dauerte.
    Ein einzelner Mensch, mit wenig Proviant und Wasser überstürzt aufgebrochen, seit Tagen im weitläufigen Vorgebirge der Eisenberge unterwegs. Und er lebte noch immer. Das an sich war schon ein Wunder.
    Die Spur war noch sehr frisch.
    Wenn er sich jetzt beeilen würde, könnte er seine Beute vielleicht noch vor Einbruch der Nacht zur Strecke bringen. Oder er konnte sie überraschen, wenn sie ihr Nachtlager aufschlug. Oder sich gerade schlafen gelegt hatte. Ein Angriff im Schutze der Dunkelheit, ein Dolch, der im bleichen Mondlicht funkelnd eine Kehle kitzelt. Es würde schnell gehen, und es würde reibungslos verlaufen. Es brauchte nur einen raschen Aufbruch, und die Jagd war noch heute Nacht zu Ende. Es war fast zu einfach.
    Alaras setzte die fleckige Kapuze seines weiten Mantels ab. Dann schaute er sich um.
    In diesem Teil des Waldes gab es fast überall kniehohes Unterholz. Pflanzen mit breiten, fleischigen Blättern teilten sich den Platz mit moosbewachsenem Bruchholz, niedrigen Büschen und breitfächerigen Farnen. Die Bäume standen nicht allzu dicht, bildeten aber ein geschlossenes Blätterdach. Ringsherum lagen übermannshohe Felsen herum, alle schon mit Moosen und Farnen überwuchert. Sicherlich die Überbleibsel eines ehemaligen Bergrutsches von der steilen Flanke zu seiner linken. Auf einigen der Felsen wuchsen kleinere Bäume.
    Etwa dreißig Schritte von seinem Standort entfernt befand sich hangaufwärts eine ganze Felsgruppe. Die einzelnen Brocken lagen aneinander gelehnt wie eine Horde Betrunkener, die im Suff gegeneinander gefallen und eingeschlafen waren. Dort würde er für heute sein Nachtlager aufschlagen. Wenn es zu einfach war, fehlte der ganze Spaß.
    Wenn man ein Auge schloss und das andere zu einem schmalen Schlitz verengte, und wenn man dann genau in die frühe Nachmittagssonne blickte, so dass man fast blind wurde, aber nur fast, dann hatte man beinahe den Eindruck die Sonne lächelte.


    - 8 -
    Graf Salorin blickte auf den Dolch, der auf dem Eichentisch lag. Die Klinge hatte eine ungewohnte Form, sie war nicht gerade, sondern leicht gebogen, mit einem breiten Blatt am Ansatz und nach vorne hin spitz zulaufend. Der Griff war aus poliertem Metall und geformt wie das Skelett eines Drachens. Eine fantastische Arbeit, ganz offensichtlich Zwergenware, und eine ungewöhnliche Waffe in der Nordmark.
    Es klopfte.
    Salorin löste seinen Blick von dem Dolch. „Herein.“
    Kommandant Esamon trat durch die Tür, und hinter ihm kam eine hochgewachsene Gestalt in fleckiger und abgerissener Lederkleidung festen Schrittes ins Zimmer. Salorin war erstaunt. Zwar erinnerten ihn die eingefallenen Gesichtszüge des Gefangenen nicht an das kräftige, sonnengegerbte Gesicht, welches er mal gekannt hatte. Aber in der Zeit im Loch würden fast alle Männer, die er kannte, das Gehen verlernt haben.
    „Hier ist Alaras, mein Herr. Wie ihr befohlen habt.“ Esamons Stimme verriet Unzufriedenheit.
    „Danke, Kommandant. Und jetzt lass uns bitte allein.“
    „Mein Herr?“
    „Ich sagte, lass uns allein, Kommandant!“
    Esamon verbeugte sich sehr tief, so tief, dass Graf Salorin seine Gesichtszüge nicht erkennen konnte. Wahrscheinlich war das auch besser so für Beide. „Wenn ihr mich braucht, ich warte draußen!“
    Der Kommandant verließ schnellen Schrittes das Zimmer und zog die Tür kraftvoll zu.
    Die beiden im Zimmer verbliebenen Männer starrten sich schweigend an. Schließlich ergriff Graf Salorin das Wort.
    „Erkennst du diesen Dolch, Alaras?“
    „Natürlich, Herr.“
    „Das ist der Dolch, den du diesem armen Teufel in die Seite gerammt hast, Alaras.“
    „Er hat beim Spiel betrogen, Herr. Ich wollte ihm nur eine Lektion erteilen. Und dann...“
    „Schweig!“ Graf Salorin unterbrach ihn zornig.
    „Jemanden um seinen Sold zu betrügen ist kein Grund, mit dem Tode bestraft zu werden! Mord, das ist ein Grund, mit dem Tode bestraft zu werden! Deshalb wirst du in fünf Tagen dem Scharfrichter vorgeführt, Alaras. Das verstehst du doch, oder?“
    Er blickte zu Boden. „Ja, Herr.“
    Graf Salorin drehte sich um und ging einige Schritte auf das große Fenster zu, durch das die nachmittägliche Sonne seinen Arbeitsraum in warme Farben tauchte. Gedankenverloren blickte er nach draußen.
    „Warum habt ihr mich rufen lassen, Herr?“
    Graf Salorin atmete hörbar ein.
    „Du gehörst nicht hierher, Alaras. Dort,“ er zeigte aus dem Fenster auf die grünen Auen, den dichten Wald und die hohen Berge in der Ferne, „dort gehörst du hin. Dein Platz ist in der Natur. Du gehörst nicht unter Menschen. Du bist zu impulsiv, du kannst dich nicht anpassen.“ Salorin unterbrach sich und massierte sich nachdenklich den Nasenrücken, ohne sich umzudrehen.
    „Du bist eine Gefahr. Du hast einen Menschen getötet, und deshalb hast du den Tod verdient. So will es das Gesetz. Und ich, “ er seufzte schwer, „ich bin das Gesetz.“
    Eine Pause folgte, in der niemand der beiden ein Wort sagte.
    „Weißt du, wie schwer es ist, das einzige Kind zu verlieren? Die einzige Tochter? Die einzige Freude in meinem Leben, nachdem ihre Mutter uns so früh verlassen musste? Nein, antworte nicht! Du weißt es nicht. Du kannst es nicht wissen. Aber du weißt, was Rache bedeutet. Ich kenne deine Geschichte, Alaras. Und deshalb weiß ich, dass du mir helfen wirst.“
    „Ihre Tochter, Herr? Ist sie...?“
    „Ich vergaß, dass du im Loch gesessen hast, Alaras. Ja, Enaré ist tot.“
    „Wie ist sie gestorben, Herr?“
    Graf Salorin drehte seinem Gegenüber noch immer den Rücken zu und blickte aus dem Fenster. Eine einzelne Träne wollte an seiner linken Wange herunterlaufen, überlegte es sich dann aber anders.
    „Quäle mich nicht, Alaras! Ich möchte nur, dass du mir den Mann bringst, der für ihren Tod verantwortlich ist. Er soll hier von meiner eigenen Hand sterben. Ich möchte dabei sein, wenn er seinen letzten Atem aushaucht. Versprich mir das!“
    „Und wenn es zum Kampf kommt, und ich ihn vorher töten muss?“
    „Dann töte ihn mit diesem Messer dort auf dem Tisch. Lass den Drachen von seinem Blut trinken. Und bring mir einen Beweis seines Todes.“
    Der Burgherr drehte sich wieder um und trat an den Tisch.
    „Wenn du das tust, Alaras, ist deine Schuld vergessen. Du wirst wieder in allen Ehren aufgenommen und weiter deinen Dienst als Grenzer versehen.“
    „Aber das Gesetz, Herr?“
    Graf Salorin schlug mit der Faust so heftig auf den schweren Tisch, dass der Dolch tanzte. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Er brüllte.
    „Das...Gesetz...bin...ich!“
    Der Burgherr atmete schwer. Seine Haare hingen ihm wirr ins Gesicht. Sekunden später hatte er sich wieder in der Gewalt.
    „Kommandant Esamon wird dich ausrüsten und dicht mit allem Wissen versorgen, das du brauchst. Aber vorher brauche ich noch eine Sache von dir, Alaras.“
    Braune Augen blickten den Grafen fragend an.
    „Dein Wort, Alaras. Dein Wort, dass du mir den Schuft bringst oder von eigener Hand tötest. Schau mich an. Habe ich dein Wort?“
    Die abgerissene Gestalt nickte. „Ja, Herr. Das schwöre ich bei allen Göttern, die mir heilig sind.“
    „Gut, das genügt mir. Und jetzt geh!“
    Alaras verbeugte sich in Richtung des Grafen, der sich schon wieder dem Fenster zugewandt hatte und in einer anderen Welt zu weilen schien. Einer Welt, in der Enaré noch lebte. In der er mit seiner Tochter über die grünen Wiesen der Grafschaft ritt. Eine Welt, in der sie sich ihm um den Hals warf und ihn küsste, um sich für die silberne Brosche zu bedanken, die er ihr zu ihrem vierzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Dieselbe Brosche, die er im Moment gedankenverloren in der Tasche seines Überrocks streichelte. In dieser Welt gab es keine törichten Liebschaften und keinen Tod. In dieser Welt gab es nur sie beide. Für immer.
    Als die erste Träne auf den Boden fiel, schloss Alaras leise die Tür.
    Graf Salorin war wieder allein.
    Für immer.


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • Muss ja fertig werden... Teil 9 und 10 (dann fehlt nur noch einer).


    - 9 -
    Zerschundene Hände drückten die Sträucher auseinander, die oben auf dem Grat wuchsen. Ein junger Mann mit kurzen blonden Haaren blickte keuchend ins Tal, sich langsam von der Anstrengung des Aufstiegs erholend. Stahlgraue, beinahe farblose Augen überblickten die tiefen, scharf eingeschnittenen Täler mit den versiegten Flussläufen. Dazwischen lag ab und zu ein bewaldetes Hochplateau. Im Hintergrund zeichnete sich der charakteristische Einschnitt ab, in dem sich das Hohe Tor verbarg, der einzige Zugang zu den Zwergenhöhlen in den Eisenbergen. Zumindest der einzige, der ihm bekannt war. Bis dorthin waren es noch mindestens zwei Tagesreisen, wahrscheinlich eher drei. Der Proviant war ihm schon länger ausgegangen, und das letzte Wasser hatte er heute Morgen getrunken. Aber der junge Mann war sich sicher, diese Strecke auch noch zu schaffen. Er war nicht so weit gekommen, um jetzt aufzugeben.
    Ein kurzer Schrei hoch über ihm ließ ihn zusammen fahren, und er blickte gen Himmel. Vor den dünnen Wolkenfetzen schwebte ein Bussard.
    „Guten Morgen, Gevatter.“ sprach er mehr zu sich selbst, „Dir ist die Freiheit genauso viel wert wie mir, nicht wahr?“
    Er atmete noch einmal tief durch und machte sich bereit weiterzugehen. Sein Weg war noch weit.
    „Dein Weg endet hier!“
    Die Stimme hinter ihm ließ den jungen Mann zusammenfahren, und der gleichgültige Ton ließ ihn erschauern. Langsam drehte er sich um.
    Hinter ihm, kaum zehn Schritte entfernt, stand ein Mann in einfacher Lederrüstung und mit dunklem Umhang, das Gesicht unbeweglich, und zielte mit einem gespannten Langbogen auf seine Brust.
    „Wenn du eine falsche Bewegung machst, bringen wir es gleich hier zu Ende.“
    Der junge Mann kniff kurz die Augen zusammen.
    „Ich kenne dich doch. Du bist Alaras. Aus der Burg. Und ich bin...“
    „Ich weiß, wer du bist. Aber es ist mir egal. Ehrlich gesagt, hätte ich es lieber nicht gewusst. Und du sollst folgendes wissen: Dein Tod ist meine Freiheit! Das Schicksal verlangt ein weiteres Leben, junger Freund. Um dies einzufordern, bin ich gesandt. Ich bin nicht der Richter, und ich selbst bin dir um nichts gram. Aber wenn das Schicksal mich ziehen lässt, dann fordert es als Ausgleich dafür eben deinen Kopf. Da gibt es leider kein Entrinnen. Wenn du mich jetzt bitte zurück zur Burg begleiten würdest.“
    Aus dem Körper des blonden Jungen entwich alle Anspannung. Die Strapazen der letzten Tage forderten urplötzlich ihren Tribut. Seine Schultern sackten zusammen, und seine Stimme klang auf einmal resigniert.
    „Du kannst mich nicht mehr töten, Alaras. Weder du noch sonst irgendjemand in dieser Welt. Ich bin gestorben, als Enaré gestorben ist. Vor dir steht nur eine leere Hülle, ein ausgebrannter Körper, weitergetrieben von dem Verlangen, dem wahren Schuldigen für ihren Tod keine weitere Genugtuung zu geben. Er soll mindestens so leiden, wie ich leiden muss. Warum müssen immer die Armen und Wehrlosen die Opfer sein? Warum nicht einmal ein Graf? Warum soll nur er die Schmerzen um sein gebrochenes Vaterherz mit Rachegelüsten überspielen dürfen?“
    Er machte einen Schritt auf Alaras zu, und dieser spannte die Sehne warnend ein kleines Stück weiter.
    „Vor mir brauchst du keine Angst mehr zu haben. Hier!“
    Der drahtige Jüngling öffnete die Lederschlaufe und warf den Dolch, den er am Gürtel trug, zu Boden. Es war mehr ein Werkzeug als eine Waffe.
    „Wenn es Schicksal ist, dann bring es jetzt und hier zu Ende. Lass mich nicht länger leiden. Tu mir diesen letzten Gefallen.“
    Er ging die restlichen Schritte auf den Schützen zu, ohne das Alaras den Pfeil fliegen ließ. Der Blonde stellte sich direkt vor die Pfeilspitze und breitete die Arme aus. Aus seinen geschlossenen Augen flossen Tränen über seine schmutzigen Wangen.
    Alaras nahm den Bogen herunter und legte ihn zur Seite. Dann zog er den gebogenen Dolch aus der Scheide. Ein kaum spürbares Prickeln lief über seinen Handrücken, so als würde sich der Drache darauf freuen, endlich wieder Blut trinken zu können.
    Der junge Mann zitterte am ganzen Körper. Vielleicht spürte er auch schon den kalten Hauch des Todes. Aber er rührte sich nicht, und er sprach kein Wort.
    „Es tut mir leid, mein junger Freund. Die Götter machen die Regeln, nicht wir.“
    Der Jäger hob den Dolch. Dies war der Moment seines Triumphes. Es war von jeher so vorbestimmt. Doch fühlte er in seinem Inneren nichts als Leere. Dies war keine Jagd, es war eine Hinrichtung.
    „Schicksal.“, murmelte er.
    Dann stieß Alaras zu.


    - 10 -
    Die mit Eisennägeln beschlagene Tür schwang auf und krachte gegen die Wand des großen, runden Raumes. Die Eisennägel fügten den Kratzern in den massiven unverputzten Bruchsteinen, aus denen die Wände gemauert waren, weitere hinzu.
    Kommandant Esamon betrat den Raum, und unter seinem Vollbart war kein Lächeln.
    Hinter ihm kam Alaras.
    Seine Haut war noch immer pockennarbig, aber frisch gewaschen, die graubraunen Haare auf Schulterlänge gestutzt und der ungepflegte Bart war verschwunden. Das Leinenhemd und die dünne Lederhose waren frisch aufbereitet, nur die Stiefel schienen schon etliche Wanderungen hinter sich zu haben. Dafür waren sie zumindest frisch gewichst. Über dem Hemd trug er einen ledernen Brustpanzer, und um die Schultern einen tiefgrünen Kapuzenumhang.
    „Hier.“ Esamon deutet auf einen Waffenständer an der Längsseite des Raumes, „Nimm dir, was du brauchst.“
    Dann setzte er sich an den langen Tisch in der Mitte.
    Der ehemalige Gefangene, der seine Freiheit so unerwartet wieder gefunden hatte, nahm einen Langbogen aus dem Regal und wog ihn prüfend in der Hand. Dann zog er eine Sehne auf.
    Esamon begann zu sprechen, ohne sich umzudrehen.
    „Es geht um Feron, aber das kannst du dir ja selber denken. Du hast ja auch keine Ewigkeit im Loch gesessen. Aber so wäre es besser gewesen.“ dachte er, behielt diesen Gedanken aber für sich.
    „Feron und Enaré waren unendlich ineinander verliebt, falls du dir unter Liebe etwas vorstellen kannst.“
    Alaras ging kommentarlos zu dem Gestell mit den Schwertern.
    „Jedenfalls war Graf Salorin von Anfang an gegen diese Beziehung. Er hatte ganz andere Pläne mit seiner Tochter, eine Heirat unter ihrem Stande kam nicht in Frage. Allein schon um Enarés Willen. Es hätte ihr auch selber früher oder später leidgetan, sich an so einen armen Burschen zu verschenken.“
    Die Erklärungen des Kommandanten wurden von einem einzelnen kurzen Husten unterbrochen, aber er fuhr umgehend fort.
    „Ich weiß, was du sagen willst, Alaras. Aber ich bleibe bei meiner Einschätzung. Diese Wendung konnte niemand vorhersehen. Wie dem auch sei, unser geschätzter Burgherr verbot Enaré jeden Umgang mit diesem Bauernlümmel. Feron wurde bei Strafe untersagt, die Burg zu betreten. Auch wurde ihm geraten, sich Enaré im Dorf nicht mehr zu nähern. Das war natürlich keine Drohung, sondern nur ein gut gemeinter Rat.
    Enaré genoss jedoch noch weiterhin ihre Ausritte, und dabei trafen sie sich heimlich. Gut möglich, dass sie schon Pläne für eine gemeinsame Flucht hatten. Aber Graf Salorin bekam Wind davon, maßregelte seine Tochter und schickte ihr ab da immer zwei bewaffnete Reiter als Eskorte mit. Damit war das süße Leben vorbei, und die beiden hatten sich bestimmt Monate nicht mehr gesehen.
    Beim letzten Ausritt gelang es Enaré ihren Begleitern kurz zu entkommen, als sie während einer Pause plötzlich auf ihr Pferd sprang und losgaloppierte. Im Wald hinter den Samfeld-Höhen haben ihre Wachen sie aus den Augen verloren. Ihr Pferd fanden sie dann keine zehn Minuten später in der Nähe der Stromschnellen wieder. Von ihr fehlte jedoch jede Spur. Du kannst dir denken, was dann hier los war. Das war kein Spaß, für niemanden.
    Alle haben damit gerechnet, dass sie zu einem geheimen Rendezvous geflohen ist, aber Feron war zu dieser Zeit auf den Feldern und schwor beim Leben seiner Mutter, er wüsste von nichts. Niemand konnte sich einen Reim darauf machen. Nur der Alte hatte so eine dunkle Vorahnung.“
    Kommandant Esamon biss sich auf die Zunge.
    „Fünf Tage später hat man sie dann gefunden, in der Nähe der Wassermühle, tot und kalt wie eine klare Winternacht. Ein Unfall, Selbstmord, Mord, wer weiß? Graf Salorin hat sofort nach Feron geschickt, aber dieser muss es noch vor uns erfahren haben. Du weißt ja, wie diese Klatschweiber im Dorf so sind. Anscheinend fürchtete er Salorins Rache, denn dass sich Enaré wegen Feron umgebracht hat steht für den Grafen außer Frage. Er ist sofort in die Berge geflüchtet, Richtung Osten. Wir haben seine Spur leider verloren. Nach wenigen Metern im Hochwald waren die Hunde wie verrückt und wollten der Spur nicht mehr folgen. Einige Wachen munkelten sogar, da wäre Zauberei im Spiel, aber das ist natürlich blanker Unsinn.“
    Alaras betrachtete sein Schwert, welches er inzwischen unter all den anderen Handwaffen ausfindig gemacht hatte. Es war ein ganz normales Schwert, solide geschmiedet, breite Klinge, aber gut zwei handbreit kürzer als ein gewöhnliches Breitschwert. In einem normalen Zweikampf hätte ihm das zum Nachteil gereicht, aber er hatte nicht vor einen normalen Zweikampf einzugehen. Auf langen Wanderungen und im Wald hatte es jedoch Vorteile, da es beim Laufen nicht so sehr störte und beim Klettern kaum im Weg war. Und es war noch immer ausreichend lang, einen Menschen zu töten. Zufrieden gürtete er es um und setzte sich dann zu Esamon an den Tisch, Auge in Auge gegenüber. Der Kommandant ergriff wieder das Wort.
    „Und jetzt kommst du, Alaras. Der zornige Einzelgänger. Das perfekte Werkzeug, um Salorins Rache zu vollstrecken. Ich kenne deine Geschichte nicht, aber ich lese mehr in deinen Augen als dir lieb sein kann. Von mir aus soll der junge Bursche doch entkommen, er ist eh noch ein halbes Kind. Im Wald wird er alleine vermutlich nicht lange überleben. Soll er dort seinen Frieden finden, falls das noch möglich ist.
    Aber du wirst den armen Feron jagen und eher wie einen räudigen Hund abstechen als ihn hierher zu bringen. Und ich weiß du wirst es genießen. Im Wald gibt es keine Zeugen. Nicht so wie in einer Dorfschenke, nicht war, Alaras?“
    Die beiden Männer, durch eine tiefe innere Abneigung aneinander gebunden, sahen sich gegenseitig in die Augen und suchten darin ihre eigenen Wahrheiten. Alaras ergriff als erster wieder das Wort.
    „Ich weiß, dass meine Worte euch nicht umstimmen können, Kommandant Esamon, aber die Dinge sind nicht immer so, wie sie scheinen. Wenn ein armer Mensch stirbt, so ist das Schicksal, ist aber ein Reicher oder Mächtiger involviert, so gibt es immer einen Schuldigen.“
    „Redet wie ihr wollt. Auch wenn Salorin euch freispricht, für mich bleibt ihr immer ein verurteilter Mörder.“
    Esamon hatte bei seinen Worten die Arme demonstrativ vor dem Körper verschränkt und sich dabei zurückgelehnt.
    „Wie ihr meint, Kommandant.“
    Alaras stand auf, nahm den Bogen und einen Köcher mit Pfeilen und ging zur Tür. Der Kommandant drehte sich zu ihm um, die Stimme noch entschlossener als gewöhnlich, die Augen leicht zusammen gekniffen.
    „Wenn du dich mit dem Gedanken tragen solltest, deinen Auftrag zur Flucht zu missbrauchen, dann sei gewarnt. Ich werde dich jagen, und ich werde dich finden, und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Und dann mögen die Götter dir gnädig sein!“
    Alaras blieb in der Tür stehen.
    „Versprecht nichts, was ihr nicht halten könnt. Ja, wir werden uns wiedersehen. Nur werde ich dann ein freier Mann sein. Das ist auch ein Versprechen, Kommandant Esamon. Und ich pflege meine Versprechen zu halten.“
    Der grüne Kapuzenumhang verschwand um die Stufen der steinernen Wendeltreppe.
    Kommandant Esamon blieb noch lange allein in der Waffenkammer sitzen, während draußen schon der Mond aufgegangen war und die Freunde der Nacht willkommen hieß.


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • Sehr gut, was für eine traurige Geschichte. Etwas verwirrend fand ich die Anordnung der Kapitel. Da du durchgehend die gleiche Zeitform benutzt, wird mir als Leser nicht so schnell klar, dass du mit Rückblenden arbeitest. Ansonsten: TOP! :thumbsup:

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • melli: Danke für die aufmunternde Kritik. Was die "Rückblenden" betrifft: Ich war damals ein unglaublicher Freund von nicht-linearen Geschichten. Das betrifft nicht nur diese hier, sondern auch die Geschichte "Am Horizont das Meer". Im Prinzip werden die Geschichten einmal von Vorne bis zur Mitte erzählt und parallel dazu auch von der Mitte bis zum Ende. Eine (leichte) Verwirrung war durchaus beabsichtigt, aber trotzdem würde ich heute nicht mehr so schreiben, falls ich je wieder Zeit und Lust für eine neue Geschichte habe. Ich muss allerdings auch sagen, je mehr ich hier lese, um so mehr bekomme ich Lust, wieder mal eine neue Geschichte zu schreiben. Da ich für meine bisherigen Geschichten jeweils gut ein Jahr gebraucht habe, wird das aber wohl trotzdem noch etwas dauern ... :S


    Ach ja, hier das letzte Kapitel:



    - 11 -
    Alaras betrachtete den blutigen Dolch in seiner Hand. Das fein geschmiedete Drachenskelett, welches den Griff bildete, schwieg. Es wusste auch keine Antwort auf seine Fragen.
    Dann verteilte er den dünnen Film an der Schneide über die ganze Klinge und ließ das Blut an der Luft trocknen. Ein Bussard betrachtete ihn neugierig aus großer Höhe. Er erkannte eine verwandte Seele und stieß einen hohen Schrei aus. Bevor der Vogel verschwand flog er noch einmal über den schmalen Grat, auf dem sich Alaras deutlich vor den entfernten Bergen abzeichnete und den Dolch in die Höhe reckte. Der Jäger steckte den blutverkrusteten Dolch wieder in die Scheide. Er hatte getan, was er tun musste.
    Anschließend hob er Ferons Dolch vom Boden auf und steckte ihn ein.
    Alaras machte sich bereit, diesen unheilvollen Ort zu verlassen.
    „Danke!“
    Feron saß zwei Schritte vom Rand des Grades entfernt und betrachtete die leichte Schnittwunde an Alaras Oberarm. Er konnte noch immer nicht begreifen, dass der Jäger nicht nur sein Leben verschont hatte, sondern sogar sich selbst verletzt hatte, um einen Kampf vor zu täuschen.
    „Diese Tat werde ich euch nicht vergessen, Alaras.“
    „Mir wäre es lieber, ihr tätet es. Ich habe sie schon vergessen. Alles, was ich weiß, ist, dass ihr tot seid. Für mich seid ihr tot, und für Graf Salorin und Kommandant Esamon ebenfalls. Vergesst das nicht.“
    Der junge Mann ging zu Alaras und half ihm, seine Wunde zu verbinden.
    „Ich werde zu den Zwergen gehen, Alaras. Ich bin sicher, dass sie mich aufnehmen werden. Ich kenne einen ihrer reisenden Händler sehr gut. Für die Leute in der Nordmark werde ich tot sein.“
    In Ferons Stimme lag jetzt wieder sehr viel Bestimmtheit. Er zog den Verband an Alaras Arm fest.
    „Fertig. Aber wie wollt ihr Salorin von meinem Tod überzeugen? Der Graf wird sich nicht auf euer Wort allein verlassen.“
    Alaras betrachtete noch einmal die Wunde. Sie war zwar nur provisorisch verbunden, würde sich aber wahrscheinlich nicht entzünden.
    „Ich werde mir ein Wildschwein suchen müssen. Am besten eine Bache, die noch nie trächtig war. Ihr Herz dürfte deinem zum Verwechseln ähnlich sehen. Ich werde es dem Grafen roh und blutig präsentieren, und er wird keinen Unterschied erkennen. Dazu dein Dolch und sein von Rache vernebelter Geist. Drei gute Gründe. Es wird funktionieren.“
    Er nahm seinen Bogen auf, löste die Sehne, warf ihn sich über die Schulter und ging. Er war schon fast im dunklen Wald verschwunden und nur noch als schemenhafte Gestalt zu erkennen, als Feron ihn noch einmal ansprach.
    „Eines musst du noch wissen, Alaras. Auch wenn ich mich bei den Zwergen verstecken kann, wird es nicht für immer sein. Eines Tages werde ich in die Nordmark zurückkehren. Und es ist gut möglich, dass mich jemand erkennen wird. Aber ich kann noch nicht sagen, ob und wann dieser Tag kommen wird.“
    Die Gestalt im Schatten der Bäume drehte sich um.
    „Ich weiß. Und ich fürchte diesen Tag, da mein Leben von dem Moment an nicht mehr viel Wert sein wird. Aber vielleicht ist es einfach an der Zeit, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Warum weiter auf die Götter vertrauen oder sie nach dem tieferen Sinn befragen? Bis jetzt habe ich noch keine Antwort erhalten. Es muss nicht alles so passieren, wie es eine höhere Macht vorherbestimmt hat. Nicht, solange wir über einen freien Willen verfügen. Ich tausche gerne die Gefahren der Zukunft gegen das Wissen, mich einmal richtig entschieden zu haben. Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest, ich muss noch jemanden treffen. Ich habe vor ein paar Tagen ein Versprechen gegeben.“
    Eine kurze Pause trat ein.
    „Das wirst du gebrauchen können.“
    Die Gestalt griff unter ihren Umhang und warf Feron etwas zu. Dieser starrte auf den prall gefüllten Wasserschlauch, der vor seinen Füßen im Gras gelandet war.
    „Ich weiß noch nicht, wann es sein wird, und ich kenne nicht die Umstände, aber auch wir werden uns wiedersehen, Alaras. Das ist nicht nur ein Versprechen, das ist eine Gewissheit. Ganz egal, welche Pläne die Götter mit uns haben. Wer vermag schon alle Antworten zu kennen? Die ist nicht das Ende der Geschichte, Alaras, es ist erst der Anfang.“
    Feron blickte wieder auf und starrte in das Zwielicht am Saum des Waldes. Ein kleiner Falter tanzte durch die wenigen Sonnenstrahlen, die es durch das dichte Blätterdach bis zum Boden geschafft hatten.
    Die Gestalt war verschwunden.


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • Was für ein schönes Ende ^^^^^^
    :thumbsup:

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Zitat

    „Ich weiß noch nicht, wann es sein wird, und ich kenne nicht die Umstände, aber auch wir werden uns wiedersehen, Alaras. Das ist nicht nur ein Versprechen, das ist eine Gewissheit. Ganz egal, welche Pläne die Götter mit uns haben. Wer vermag schon alle Antworten zu kennen? Die ist nicht das Ende der Geschichte, Alaras, es ist erst der Anfang.“


    Kann es denn ein schöneres Ende für eine Geschichten geben als die Aussicht auf eine Fortsetzung? Wirklich großartig geschrieben Blink! Und das Ende auf das ich zufällig gestossen bin macht mich Neugirig auf die ganze Story! Werd sie lesen! Das versprechen kann ich dir schon jetzt geben! :thumbsup:

    Mehr aus meiner Feder: Gefangen im High Fantasy Bereich.


    Der Tag an dem alles begann findet ihr im Urban Fantasy Bereich auf fleißige Leser. ^^