Am Horizont das Meer [Mittelerde Fan-Fiktion]

  • Hier eine etwas längere Fortsetzungsgeschichte aus den Jahren 2011/2012. Die Geschichte spielt prinzipiell in Mittelerde, an der Bucht von Belfalas etwa im Jahre 2050 des dritten Zeitalters, enthält aber einige Namen (Orte und Personen) aus der Fantasy-Saga "Das Lied von Eis und Feuer". Die Geschichte entstand als Vorbereitung auf ein Rollenspiel, so dass einige Namen vom Spielleiter vorgegeben waren. Ebenso tauchen die Charaktere der anderen Mitspieler am Rande auf.


    Kapitel 1: Abschied


    Es war dunkel, und der ganze Raum schwankte. Obwohl er schon eine geraume Zeit hier unten war, hatte er sich immer noch nicht an das wenige Licht gewöhnt, das die einzelne Kerze direkt vor ihm spendete. Er bewegte den Oberkörper vorsichtig vor und zurück, nach rechts und links, um die rollenden und stampfenden Bewegungen auszugleichen. Eben war er unvorbereitet mit dem Kopf gegen eine der vielen grobgezimmerten Holzkisten gestoßen, die ihn umgaben, und diese Erfahrung wollte er nicht unbedingt noch einmal machen. Dann kam die Koriande in ruhigeres Fahrwasser, und die schwankenden Bewegungen hörten auf. Sie hatten die Sandbänke an der Engstelle passiert, und der Anduin floss jetzt wieder breit und ruhig gen Küste. Vom Oberdeck schrie irgendjemand ein Kommando, dann herrschte bis auf das Knarzen des Holzes wieder Stille auf dem Ladedeck. Er wendete sich erneut der unfertigen Zeichnung vor ihm zu und setzte seinen Kohlenstift an. Langsam und vorsichtig zog er die Linien des Porträts, darauf bedacht, an den Rillen und Astlöchern der Bohlen, auf denen er zeichnete, nicht abzurutschen. Schließlich betrachtete er das fertige Bild. Es zeigte einen freundlich lächelnden Mann mittleren Alters, dessen milde Augen Liebe und Verständnis ausdrückten. „Vater,“ murmelte er zitternd, „warum hast du uns verlassen?“
    Vom Bug her drangen Stimmen zu ihm hinunter. Er hörte das helle Lachen einer Frau. Er hasste es. Er hörte die tiefe Stimme eines Mannes, und er hasste diese noch mehr. Er hasste diese Stimme, er hasste jedes Wort, er hasste den Mund aus dem sie kamen. Der neue Ehemann seiner Mutter hatte ihm nichts getan. Er war sogar freundlich zu ihm gewesen, zumindest am Anfang. Aber der Mann neben seiner Mutter war eben nicht sein Vater, und das reichte schon, um ihn mit jeder Faser seines Körpers zu hassen.
    Mit seiner Mutter hatte er sich seit er denken konnte nicht gut verstanden, ebenso wenig mit seinem älteren Bruder. Genau genommen hatte er nie verstanden, was sein Vater an seiner Mutter gefunden hatte: Sie war immer so oberflächlich. Auf Äußerlichkeiten und den schönen Schein legte sie großen Wert. Sie liebte Schmuck, schöne Kleider und jegliche Art von Tand. Alles Dinge, die für seinen Vater keine Bedeutung hatten. Er kannte seinen Vater nur als ruhigen und besonnenen Mann. Sie dagegen war dauerhaft unzufrieden mit ihrer Situation im Allgemeinen und seinem Vater und dessen Mangel an Ehrgeiz im Besonderen. Und sie war in jeder Beziehung unzufrieden mit ihrem Zweitgeboren. Zumindest schloss er das aus den vielen Streitereien, die er als kleiner Junge heimlich belauscht hatte.
    Seinen Vater focht das alles nicht an. Wann immer seine Mutter über ihn schimpfte, weil er nicht gut oder schnell genug lernte, brachte ihm sein Vater geduldig die schweren Schriftzeichen bei und erzählte dazu Geschichten von Elben und Königen. Wenn sie von der gemeinsamen Jagd zurückkamen, sein Vater und sein Bruder mit Wildbrett behangen, er aber ohne eigene Beute, und seine Mutter sein Ungeschick bei der Jagd beklagte, dann beschloss sein Vater, dass es Zeit wäre, mit der ganzen Familie angeln zu gehen. Zunächst beschwerten sich seine Mutter und sein älterer Bruder noch über das aus ihrer Sicht langweilige und Zeit raubende Angeln. Sie verscheuchten mit ihrem Gezeter die Fische und drängten dann zeitig zum Aufbruch. Doch sein Vater blieb immer stoisch am Ufer sitzen und ignorierte alles Wehklagen so lange, bis jeder mindestens einen fetten Fisch am Haken hatte. Nach jedem Angeln ging er stolz und zufrieden heim.
    Schließlich kamen seine Mutter und sein Bruder erst gar nicht mehr mit, für sie war Fische fangen Zeitverschwendung und höchstens für Bauern und Tagelöhner schicklich. Diese Angelausflüge waren im Rückblick die besten Momente in seinem Leben: Allein mit seinem Vater am Flussufer sitzen, dem trägen Anduin dabei zusehen, wie er sich an Cair Andros vorbei durch Nord-Ithilien schlängelt. Das Gras der Uferböschung kitzelt an den Beinen, der Korken tanzt träge auf der glitzernden Wasseroberfläche, und die Zeit dehnt sich so sehr, dass sämtliche Probleme bedeutungslos scheinen. Jetzt konnte er mit seinem Vater ohne Angst über alles sprechen, was ihn bedrückte und bewegte. Wann immer er Probleme hatte und sein Vater dies merkte, sagte dieser laut: „Es wird mal wieder Zeit, dass die ganze Familie zusammen angeln geht.“ Dies war ihre geheime Losung: Sie griffen sich dann beide unter den zornigen und verständnislosen Augen ihrer Mutter die Angelruten und zogen los zum Flussufer.
    Aber das lag jetzt alles für immer hinter ihm.
    Eine Träne fiel auf die Porträtzeichnung in seinen Händen. Er wollte sie wegstreichen und verwischte unbeholfen ein paar Linien. Er betrachtete die beschädigte Zeichnung, und bemerkte, dass seine Erinnerung an den Vater schon langsam verblasste und undeutlich wurde, genau wie die Kohlenstriche unter seinen Tränen. Zornig ergriff er die Zeichnung und zerknüllte sie. Wellen von Wut und Trauer durchströmten ihn und schüttelten ihn durch wie Trollfäuste. Er sprang auf, stieß die brennende Kerze ohne es zu merken um und stürmte zur rückwärtigen Leiter. Dort stieß er die hintere Ladeluke des kleinen Schiffes auf und sprang auf das Oberdeck. Zwei Matrosen des Lastenseglers schauten ihn verständnislos an, sagten aber nichts. Er schüttelte sich noch einmal kurz und ging wie in Trance zur Reling am Heck des Schiffes. Die Stimmen vom Bug waren verstummt, aber er nahm im Moment niemanden und nichts um sich herum wahr. Sein Blick fiel auf die an Backbord liegenden waldreichen Ufer, die sie in langsamer Fahrt flussabwärts hinter sich ließen. Er versuchte sich zu konzentrieren, aber die Tränenschleier vor seinen Augen ließen nicht zu, dass er eine bestimmte Stelle fokussieren konnte. Es war wie ein Blick in die eigene, verschwommene Geschichte. Ein Blick auf glückliche, unbeschwerte Jugendtage. Und all das, alles, was für ihn bisher Heimat bedeutet hatte, Glück und Geborgenheit, musste er jetzt für immer hinter sich lassen. Gegen seinen Willen. Das war nicht gerecht. Das Leben war nicht gerecht. Die Götter waren nicht gerecht.
    Er nahm die zerknitterte Zeichnung und strich sie liebevoll wieder glatt. Stumm stand er am Heck und war eine Zeitlang unfähig, den Blick von ihr abzuwenden. „Auf Wiedersehen, Vater.“ murmelte er, dann ließ er die Zeichnung los und sah zu, wie das Blatt langsam durch die Luft schwebte und schließlich etliche Schritt entfernt auf der kleinen Heckwelle der Koriande landete. Einen Moment lang noch konnte er das helle Blatt gegen die dunklen Fluten des Anduin ausmachen, dann verschwand die Zeichnung aus seinem Blick. Er suchte das Wasser ab, aber überall war nur die gleichförmige Düsternis des tiefen Anduin. Jetzt war er endgültig allein.
    Eine dünne Rauchfahne zog unbemerkt aus der geöffneten Ladeluke des Lastenseglers in den klaren gondorianischen Himmel.


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • Sehr Stimmungsvoll, gefällt mir. Auch die Schreibweise. Oh wenn ich so schreiben könnte.... :D Ach ich hab ja noch Zeit.
    Also gehe ich recht in der Annahme, dass noch mehr folgt? :)

  • Sehr anschaulich geschrieben, man findet schnell Zugang zu deinem Protagonisten und fühlt mit ihm. Gute, flüssige Schreibweise....echt gelungen! :thumbsup: Gibt es eine Forsetzung?

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Ja, das ist tatsächlich mal eine komplette Geschichte. Hier Teil 2, der Rest kommt später.


    Kapitel 2: Das Geschenk



    Carantir räumte den Tisch ab, während sein Lehrmeister weiterhin regungslos und in sich gekehrt auf seinem Stuhl verharrte. Für einen Außenstehenden mochte es so aussehen, als sei Andorlas nach einem guten Essen in Gedanken versunken, aber Carantir wusste es besser. Man geht nicht jahrelang bei einem elbischen Gesandten in die Lehre ohne die Feinheiten zu erkennen, die einen anscheinend ruhigen Lehrmeister von einem solchen unterschieden, in dessen Inneren es gärte. Nachdem was Carantir letzte Nacht getan hatte, war der Zorn des Elben auch mehr als berechtigt.


    Das Essen hatten die beiden schweigend eingenommen, was den jungen Lehrling in eine unerträgliche Spannung versetzte. Er betete zu den Göttern, dass Andorlas endlich etwas sagen würde. Ein Donnerwetter, eine Strafpredigt, ein Wort des Missfallens, eine Bemerkung über das Essen, irgendetwas. Er konnte diese angespannte Stille nicht mehr ertragen. Nachdem Carantir das Geschirr in die Küche gebracht hatte, wischte er noch den Tisch ab. Sein elbischer Lehrmeister saß noch immer in unveränderter Haltung auf seinem Stuhl und ließ keine Regung erkennen. Auch als er ihm direkt ins Gesicht schaute, blickten die Augen des Elben direkt durch ihn hindurch. Carantir wandte sich ab, um die Arbeit in der Küche zu erledigen und prallte vor Schreck fast gegen den Türpfosten, als er plötzlich die Stimme seines Meisters vernahm. Obwohl dieser sehr leise sprach, brannten sich die wenigen Worte wie heiße Eisen in seine Ohren.


    „Wenn du in der Küche fertig bist, komm bitte in die Bibliothek."


    Carantir drehte sich um: „Natürlich, Meister, ich werde mich sputen." Er versuchte im Gesicht seines Meisters zu lesen um einen Hinweis auf das Bevorstehende zu bekommen. Aber Andorlas blickte nicht in seine Richtung und ließ auch sonst keine Reaktion erkennen.


    In der Küche zerschlug er beinahe einen der runenverzierten Porzellanteller, so sehr beeilte er sich. Nicht um seinem Lehrmeister zu gefallen, sondern um es endlich hinter sich zu bringen. Das Durchfegen sparte er sich diesmal und eilte zur Treppe, wobei er anfangs zwei Stufen auf einmal nahm. Nach der Hälfte der Stufen wurde er langsamer, atmete erst einmal tief durch, strich sich die Haare aus der Stirn und betrat gemessenen Schrittes die Bibliothek im zweiten Stock des großes Stadthauses, das er zusammen mit seinem Meister und dessen Frau bewohnte. Sein Lehrmeister bekam nicht oft Besuch, ebenso wie seine Frau, die derzeit auf Reisen war. An manchen Tagen lag die Stille drückend wie ein tonnenschwerer Felsbrock über dem großen Haus. Es war, als ob die Zeit hier drinnen langsamer verstrich. Das Eichenholz des Gebälks war noch immer makellos. Die schweren Bohlen trockneten kaum nach, so dass nichts im Haus knarrte oder knackte, obwohl fast alles aus Holz war. An Sommertagen tanzten die Staubflocken so langsam in der Sonne, als ob sie sich jede Richtungsänderung vorher erst gründlich überlegen würden.


    Die Bibliothek maß etwa zwölf mal acht Schritte und nahm den größten Teil des obersten Stockwerks ein. Drei der vier Wände waren vom Boden bis zur Decke mit Bücherregalen bedeckt, nur der Platz für die Tür war ausgespart. Entlang der vierten Wand befanden sich große Fenster mit kunstvoll bemaltem Glas, was den Raum in ein sanftes, fast magisches Licht tauchte. Für eine private Bibliothek war sie hervorragend ausgestattet. Carantir war inzwischen davon überzeugt, dass einige der Exponate aus dem zweiten Zeitalter stammen mussten. Gut möglich, dass Andorlas selbst so alt war. Sein Lehrmeister saß in dem bequemen Sessel aus braunem Rindsleder in der Mitte des Raumes, was schon ein schlechtes Zeichen war. Die Bibliothek verfügte nämlich an der Fensterfront über einen winzigen sechseckigen Erker, der gerade genug Platz für einen einfachen Stuhl und ein kleines halbhohes Regal bot. Betreten konnte man ihn nur über eine schmale Öffnung an der dem Haus zugewandten Seite. Da die anderen fünf Seiten mit Fenstern versehen waren und das Haus mitten in der Stadt stand, bot der Erker einen fantastischen Blick auf die zentralen Plätze und Straßen von Harrens Hall, den Hafen mit all seinen Schiffen und seinem geschäftigen Treiben und weit hinaus auf die Bucht von Belfalas und das Meer. Dies war der Lieblingsplatz seines Lehrmeisters, dort saß er normalerweise.


    „ Schön, dass du da bist, Carantir. Ich hoffe doch, du hast dich gestern Nacht wie besprochen mit der Heraldik des zweiten Hauses Feanor beschäftigt."


    „Natürlich, Meister."


    „Schön. Dann zeichne mir doch bitte mal das Wappen der Linie von Belehm auf."


    „Natürlich, Meister" Carantir schritt zum Stehpult an der Ostwand und nahm Papier und Feder. Sein Puls beruhigte sich wieder. Natürlich hatte er sich letzte Nacht mit dem 800-seitigen Werk beschäftigt, nur eben nicht die ganze Nacht. Aber auf sein exzellentes Gedächtnis konnte er sich verlassen.


    Er zeichnete detailliert die Blumen am Fuße des Adlers, die Knöpfe und Kelchblätter der Heckenrose und die Lilien mit den gekrausten Blütenblattspitzen. Er brachte die Klauen und das Federkleid mit allen feinen Linien und Andeutungen genauso auf das Papier, wie es im Buch der Heraldik auf Seite 687 unten links abgebildet war. Er wusste noch jeden einzelnen Strich, er sah das Bild auf magische Weise vergrößert vor seinem geistigen Auge. Das lange Studium der alten elbischen Techniken zur Aneignung von Wissen war nicht vergebens gewesen. Jetzt noch der Kopf. Carantir hielt inne. Er wusste genau, wie der Kopf aussah, der Schnabel, die Zunge, der Blick der Augen, nur… er konnte sich nicht mehr erinnern, ob der Vogel nach rechts oder links schaute. Wie war das möglich? Carantir starrte auf das Papier und die fast fertige Zeichnung.


    „Komisch, nicht wahr?" Andorlas war inzwischen aufgestanden und zum Fenster gegangen, ohne das Carantir es bemerkt hatte. Er drehte ihm den Rücken zu, während er sprach. „Da denkt man, man kennt jedes Detail, und dann kann man sich an die wesentlichen Dinge nicht erinnern. Es reicht eben nicht, begabt zu sein, man muss es auch wollen. Und das bedeutet, dass man die ganze Nacht lernt, so wie ich es verlangt hatte."


    „Ja, Meister, ich weiß, ich…"


    „Schweig!" Das war das erste Mal, das Andorlas ihn direkt unterbrach. Carantir war wie vom Donner gerührt.


    „Schlimm genug, dass du deine Nächte auf der Straße und zudem in zwielichtiger Gesellschaft verbringst. Aber die Nacht in den Armen einer Frau zu verbringen, wahrscheinlich noch denen einer käuflichen, das geht zu weit."


    Carantir war gleichzeitig überrascht und wütend. Viel zu überrascht, um etwas zu seiner Verteidigung sagen zu können.


    „Nein, ich spioniere dir nicht hinterher. Aber heute Morgen hast du dich ausgiebig gewaschen und die Kleider gewechselt, wie jeden Morgen, wenn du statt zu lernen Nächtens das Haus verlassen hast. Nur wäschst du dir normalerweise den Dreck der Straße ab. Heute Morgen aber war deine Kleidung sauber. Also hast du dir keinen Dreck abgewaschen, sondern Gerüche. Auch hast du heute Morgen Hiam-Moos in der Küche gekaut, um deine Lebensgeister zu wecken und vermutlich auch um den Geruch von Alkohol in deinem Atem zu überdecken. Folgerichtig warst du an einem Ort, wo es sauber ist, es aber reichlich Alkohol gibt und intensive Gerüche vorherrschen, so wie z. B. der Geruch von Parfüm. Daraus schließe ich, dass du in der Seilergasse warst, in einer ganz bestimmten Kaschemme."


    Die Schlussfolgerungen seines Meisters waren bedauerlicherweise größtenteils richtig. Nur konnte dieser nicht wissen, dass alles noch viel schlimmer war, als er ohnehin schon annahm. Carantir suchte nach einer wohlfeilen Ausrede, aber die Wut, die auf einmal in ihm hochstieg, übernahm die Kontrolle über seine Gedanken. Das ständige Lernen war schwer genug, und er war ein junger Mann mit Bedürfnissen. Das konnte, das durfte sein Lehrmeister ihm nicht auch noch nehmen.


    „Ich habe eben nur ein Leben, und ich bin nur einmal jung. Ihr habt leicht reden, als Elb habt ihr alle Zeit der Welt um zu lernen und trotzdem das Leben zu genießen, wann immer euch danach ist." Das kleine Tintenfässchen auf dem Stehpult begann zu klappern, denn Carantir zitterte auf einmal vor Wut und Erregung. Er ließ das Stehpult los und trat einen kleinen Schritt zu Seite, die Fäuste geballt, in Erwartung der heftigen Antwort seines Lehrmeisters.


    Der stand noch immer am Fester und drehte ihm den Rücken zu. Er wirkte unbeteiligt, was Carantirs Zorn nur noch weiter steigerte. Der Elb sagte ruhig: „Ich verstehe deine Reaktion. Sie ist so…" sein Lehrmeister neigte den Kopf leicht zur Seite und machte fast unmerklich rudernde Bewegungen mit den Händen, als fiele ihm das passende Wort nicht sofort ein, "…so menschlich."


    Aber Carantir ging schon viel zu lange bei Andorlas in die Lehre, als dass ihm nicht sofort aufgefallen wäre, dass sein Lehrmeister eben diesen Eindruck erwecken wollte. In Wirklichkeit wusste der Elb ganz genau, was er sagte, und vor allen Dingen, wie er es sagte. Diese Beobachtung beruhigte Carantir umgehend, auch wenn er nicht genau wusste, warum. Sein Lehrmeister fuhr in ruhigem und versöhnlichem Ton fort.


    „Die Götter haben dir ein unvergleichliches Geschenk gemacht: deine Sterblichkeit. Es wird höchste Zeit, dass du dir die Großartigkeit dieses Geschenks bewusst machst."


    „Ein Geschenk? Ihr meint wohl eher eine Strafe, Meister. Meine Zeit ist begrenzt. Egal, wie viel ich lerne, egal, wie sehr ich mich bemühe. Ich werde nie so gut sein wie ihr. Nie! Ich habe einfach nicht genug Zeit. Das nennt ihr ein Geschenk?"


    Andorlas hatte sich inzwischen umgedreht und kam gemessenen Schrittes auf seinen Lehrling zu. Dann legte er ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter, lächelte und sagte sanft: „Komm mit, ich werde dir etwas zeigen." Dann führte er Carantir zu dem kleinen Erker und bedeutete ihm, Platz zu nehmen. Irritiert schaute sich Carantir zu seinem Meister um und setzte sich dann behutsam auf dessen Lieblingsplatz.


    „Sag mir, was du siehst."


    Carantir schaute aus dem Fenster und betrachtete die Szenerie unter sich. Er wusste nicht genau, worauf sein Meister hinaus wollte.


    „Die Straßen von Harrens Hall. Häuser. Den Hafen. Schiffe. Menschen, die ihrem Tagewerk nachgehen."


    „Nein, das meine ich nicht." Sein Meister schüttelte den Kopf. „Denke weiter, lass deinen Blick schweifen. Was siehst du?"


    „Das Meer? Die Sonne über dem Horizont?"


    „Richtig, das Meer. Es erstreckt sich vor uns bis zum Horizont, und weit darüber hinaus. Sage mir Carantir, hast du schon einmal das Meer befahren?"


    „Nur kurz, Meister." Carantir wusste immer noch nicht, worauf Andorlas hinaus wollte. „Ihr wisst doch, wie ich nach Dol Amroth kam."


    „Gewiss. Aber ich meine keine einfache Reise von einem Ort zum nächsten. Ich meine eine Reise ins Unbekannte. Das Navigieren nach den Sternen auf hoher See, umgeben nur von im Mondlicht glitzernden Wellen. Den Blick ständig auf die schmale Linie gerichtet, wo sich Meer und Horizont verbinden, auf der Suche nach fernen Ufern und neuen Gestaden."


    „Nein, ich war noch nie auf hoher See."


    „Gut. Und jetzt gehe tief in dich und frage dich: Hast du das Verlangen, ein Schiff zu besteigen und hinaus zu segeln? Bis zum Horizont, und zu jedem fernen Ort, den du von dort erblicken kannst?"


    Carantir schloss die Augen und horchte in sich hinein. Er hatte nie darüber nachgedacht, aber er spürte tatsächlich ein tiefes, verborgenes Verlangen, das Meer zu befahren und allen Stürmen und aller Unbill zu trotzen. Er wusste nicht warum, er wollte auf ein Schiff steigen und über den Ozean segeln bis zum Horizont, einfach um zu sehen, was sich dahinter verbarg. Diese Neugier hatte er bisher nie bewusst wahrgenommen. Sehnsucht und Fernweh durchströmten ihn. Er drehte den Kopf, aber er brauchte nichts zu sagen. Sein Meister schien jeden seiner Gedanken zu kennen.


    „Erstaunlich, nicht wahr? Ich für meinen Teil habe kein Verlangen, dorthin zu reisen. Warum auch? Ich kann es jederzeit tun, wann immer es mir beliebt. Dieses Jahr, im nächsten Jahr, oder in hundert oder tausend Jahren. Ich bin ein Elb. Ich werde nie zu alt oder zu krank sein, um so eine Reise zu machen. Warum sollte ich sie also jetzt antreten? Deine Zeit aber ist begrenzt. Deine Zeit ist kostbar. Jedes einzelne Korn in der Sanduhr des menschlichen Lebens ist mit Gold nicht aufzuwiegen. Du musst jeden Moment deines Lebens sinnvoll nutzen. Du musst zum Horizont reisen, den Ozean überqueren, die Berge besteigen, denn morgen könnte es zu spät sein. Dieses unbändige Verlangen ist das Geschenk, das die Götter dir gemacht haben." Andorlas machte eine kurze Pause, um die Bedeutung seines letzten Satzes hervorzuheben, bevor er fortfuhr. "Nimm es als Geschenk an. Nutze es, und nutze es weise. Werde der Beste, der du sein kannst. Ich weiß, du kannst Großes vollbringen, wenn du dich nicht vom Weg abbringen lässt. Verschwende deine Zeit nicht mit wilden Gelagen und billigen Frauen. Deine Zeit ist zu kostbar dafür."


    Sein Meister hatte Recht, und Carantir wusste das. Ab jetzt würde er seine Zeit nicht mehr verschwenden. Zumindest war das sein fester Wille.


    Aber es gibt eine Kraft, die mehr Macht über den Geist hat als die Weisheit von hundert elbischen Gelehrten zusammen. Eine Kraft, durch die man viel erreichen, aber auch alles verlieren kann. Carantir hatte diese Kraft gestern Nacht kennengelernt, war sich aber ihrer großen Bedeutung nicht bewusst. Das war ein Fehler. Schließlich war er nur ein Mensch, und was kann ein Mensch schon ausrichten... gegen die Liebe?


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • Sehr schön geschrieben Blink!
    Freu mich darauf wie es weiter geht! :thumbsup:

    Mehr aus meiner Feder: Gefangen im High Fantasy Bereich.


    Der Tag an dem alles begann findet ihr im Urban Fantasy Bereich auf fleißige Leser. ^^

  • Klasse! Ich werd auf jeden Fall weiterlesen!! :thumbsup:

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Kapitel 3: Würfelglück


    „Ruhe, zum Donnerwetter noch mal!“ Hauptmann Behrin wandte sich wieder dem abgenutzten Spielbrett vor sich zu, ohne dass es im Raum merklich ruhiger geworden war. „So kann sich ja kein Mensch konzentrieren.“ murmelte er in seinen akkurat geschnittenen dunklen Vollbart und betrachtete das für ihn ungünstige Würfelergebnis. Sein Gegenüber hatte deutlich bessere Laune. „Wenn du nicht bald einen Pasch machst, Behrin, muss ich wohl verdoppeln.“ sagte Joraal und grinste breit.
    Die anderen Soldaten, die sich am frühen Nachmittag im Gemeinschaftsraum der Kaserne aufhielten, schauten sich irritiert an. Die wenigen Gespräche im Raum fanden im gedämpften Ton statt, drei Soldaten spielten Karten, der Rest döste vor sich hin. Durch die offenen Fenster drang der tägliche Lärm des Kriegshafens, der unmittelbar an die Kaserne angrenzte. Kommandos wurden gerufen, als eine Schaluppe vom gegenüber liegenden Kai ablegte, Fässer rollten polternd hölzerne Rampen herab, und die Möwen krächzten ihren immerwährenden Hunger in die Welt hinaus. Wenn es dem Hauptmann zu laut war, dann lag es sicher nicht an den Soldaten, die an den einfach gezimmerten Holztischen ihre spärliche Freizeit verbrachten.
    Behrin war so in das Spiel vertieft, dass er gar nicht merkte, wie die Tür zum Gemeinschaftsraum aufgestoßen wurde und sich ein hünenhafter Dunadan im Raum umschaute. Die fein gewebte Kleidung über der Rüstung und der pelzbesetzte Kragen machten jedem deutlich, dass es sich bei ihm um eine hochgestellte Persönlichkeit handeln musste. Die Soldaten an den anderen Tischen blickten kurz zur Tür, um sich dann wieder intensiv aber leise miteinander zu unterhalten, so als wollten sie bloß nicht auffallen. Der Dunadan im Türrahmen blickte die beiden Spieler in der Mitte des Raumes an und konzentrierte sich dann auf den Hauptmann. Er packte den Griff seines noch in der Scheide steckenden Breitschwerts fester und kam bestimmten Schrittes zum Tisch, wobei das leise Klirren seines Kettenhemdes vom klickenden Geräusch der eisenbeschlagenen Stiefel auf dem Steinboden übertönt wurde. Er baute sich direkt hinter Behrin auf, der weder seinen Blick hob noch sonst eine Reaktion zeigte. Dann packte der Dunadan den Hauptmann fest an der Schulter.
    „Hauptmann Behrin, im Namen des Königs…“ begann er mit donnernder Stimme, “...freue ich mich dich wieder zu sehen, du alter Halunke!“
    Behrin sprang auf und umarmte den Neuankömmling.
    „Larriton! Was bei allen Göttern treibt dich in die Nähe einfacher Soldaten? Solltest du nicht irgendwo oben in der Prinzenburg sitzen und hohe Politik machen oder so etwas?“ Die beiden Männer schüttelten sich fest die Hand und klopften sich kraftvoll auf die Schultern, bevor Behrin den Neuankömmling seinem Spielpartner vorstellte: „Larriton, das hier ist mein Adjutant Joraal!“
    „Es ist mir eine Ehre, euch kennen zu lernen, Kommandant Larriton!“ Joraal war ebenfalls aufgestanden und verneigte sich vor dem Kommandanten.
    „Komm, Larriton, setz dich zu uns!“ Dieser Aufforderung kam der Kommandant gerne nach, und alle drei setzten sich wieder. Der Kommandant schob seinen Umhang und das Schwert nach hinten über die Bank. „Ihr müsst aber meinetwegen das Spiel nicht unterbrechen.“
    „Das werden wir auch nicht, oder, Hauptmann Behrin?“ fragte Joraal mit der unverhohlenen Freude des sicheren Siegers, „Ihr müsst wissen, Kommandant, Hauptmann Behrin ist ein hervorragender Truppführer, aber ein lausiger Kotraspieler.“
    Kommandant Larriton schaute kurz auf das Spielfeld und erfasste die Situation mit einem Blick. „Das sehe ich. Aber wie heißt es so schön: Pech im Spiel…“
    „Kein Gold für die Liebe, ich weiß“ ergänzte Hauptmann Behrin seufzend. „Aber sprich, was führt meinen alten Freund hierher?“
    „Nun, ich wollte einfach mal hören, wie sich die neuen Rekruten so machen. Ich habe gehört, es sollen ein paar ganz vielversprechende Anwärter darunter sein, obwohl die meisten von ihnen nicht einmal reinrassige Dunadan sind.“
    „Da stimmt.“ Behrin zog eher widerwillig zwei Spielsteine, und Joraal ergriff die Würfel. “Besonders einer ist mir gut in Erinnerung. Der Junge stammt aus Ithilien und ist erst vor kurzem mit dem Schiff hier angekommen. Scheint aber eine Menge Potential zu haben.“
    „Pasch Vier.“ Joraal hatte gewürfelt und klang fast schon mitleidig, „Wenn ich richtig sehe, reicht das auf jeden Fall für einen Munkur.“
    „Ja,“ ergänzte Larriton, „aber du kannst auch noch einen Meistari schaffen. Ich würde verdoppeln und weiterspielen, Adjutant.“ Larriton wandte sich wieder seinem alten Freund zu. „Kotra war noch nie dein Spiel, Behrin. Erzähl mir lieber von dem jungen Rekruten.“
    Missmutig blickte Behrin auf die schwarzen und weißen Steine vor sich und wandte sich dann dem Kommandanten zu. „Ja, wie gesagt, der Junge scheint eine Menge Potential zu haben. Hat zwar bisher noch keinerlei echte Kampferfahrung gehabt oder auch nur ordentliches Waffentraining genossen, aber bei den Göttern, er weiß, an welchem Ende man ein Breitschwert anpackt. Und er ist gut mit dem Langbogen. Trifft einen kleinen Holzeimer auf zweihundert Fuß. Anscheinend hat er mit seinem Vater oft in den Wäldern Ithiliens gejagt.“
    Behrin warf die Würfel erneut, aber alles Hoffen war vergebens. Eine Drei und eine Fünf ergaben keinen Zug, der seine Situation auf dem Brett auch nur annähernd verbessert hätte.
    „Wie sieht es aus, Hauptmann?“ fragte Joraal in bester Laune, „Darf ich mir den Gewinn für den Munkur nächste Woche mit dem Sold abholen, oder möchtest du tatsächlich noch weiterspielen?“
    „Wie immer!“ knurrte Behrin, „Im Kampf und im Spiel gibt es für uns nur ein Gebot: Bis zum bitteren Ende! Und mein Adjutant ist bis zum letzten Zug an meiner Seite. Wir spielen weiter!“
    „Sehr gerne, Hauptmann. Möchtet ihr dem Kommandanten nicht auch noch von diesem anderen Rekruten erzählen?“
    „Anderer Rekrut?“ Kommandant Larriton zog eine Augenbraue hoch. „Haben wir etwa noch ein ungeschliffenes Juwel in den Reihen der neuen Soldaten?“
    Joraal grinste still in sich hinein, während der Hauptmann seinen Adjutanten wortlos mit den schlimmsten Flüchen belegte. Am Nachbartisch legten drei Soldaten stumm ihre Karten nieder, standen auf und gingen hastig zur Tür. Die frische Seeluft draußen schien ihnen auf einmal sehr verlockend.
    Behrin antwortete, während sein grimmiger Blick auf seinem Adjutanten lag. „Ungeschliffenes Juwel ist nicht die Bezeichnung, die ich wählen würde, Kommandant. Mein Adjutant meint den jüngeren Bruder des Rekruten, von dem ich eben berichtet habe.“
    Kommandant Larriton wurde nachdenklich. „Auch aus Ithilien, nicht wahr?“ Aber...“ Die Erinnerung kam wieder. Er richtete sich auf und blickte seinen alten Freund amüsiert an. „Halte einen Moment inne! Du sprichst doch wohl nicht etwa von dem Jungen, der noch auf dem Anduin fast das ganze Schiff abgefackelt hätte?“
    Behrin schwieg. Joraals Grinsen wurde so breit, dass man Angst haben musste die obere Hälfte seines Schädels würde sich gleich ablösen und klappernd zu Boden fallen. Er sagte ebenfalls nichts, aber das brauchte er auch nicht.
    „Natürlich!“ Larriton schlug voller Vergnügen mit der Faust auf den Tisch, so dass die Steine auf dem Brett tanzten. „Ich weiß noch, wie der Kapitän des Schiffes in der Hafenmeisterei über den jungen Kerl geschimpft hat. Der Kapitän war wohl angetrunken und ziemlich aufgebracht, so dass ihn am Ende zwei Wachen beruhigen und aus dem Büro des Hafenmeisters führen mussten. Der arme Junge wird die nächsten Jahre wohl seinen gesamten Sold abliefern müssen. Was soll er denn jetzt so Bemerkenswertes vollbracht haben?“
    „Gar nichts!“ Behrin schob ohne groß zu überlegen zwei Steine über das Brett. „Der Kerl ist eine Schande für die gesamten Streitkräfte Gondors, und er wird gar nicht lange genug leben, um seine Schulden abzubezahlen. Der Junge wird uns noch gewaltigen Ärger machen!“
    Was die erste Behauptung mit den Schulden betraf, so irrte sich Kommandant Behrin. Bei der zweiten sollte er allerdings Recht behalten, wenn auch auf eine Weise, von der er nicht zu träumen gewagt hätte.
    Kommandant Larriton ließ nicht locker, während Joraal schon wieder die Würfel schwang und gleichzeitig mit der linken Hand die verrutschten Steine neu ausrichtete. „Hör auf zu brummeln, alter Freund, und erzähl endlich was los war. Noch ist das eine Bitte und kein Befehl.“
    Joraal zog die Drei und die Sechs, die er gewürfelt hatte, und schlug damit zwei gegnerische Steine aus dem Feld. Damit war ihm der Meistari kaum noch zu nehmen. In Hauptmann Behrin brodelte es. Er brauchte jetzt dringend frische Luft. Sehr dringend.
    „Hör zu, Adjutant!“ Behrin stand auf und stieß dabei wie zufällig mit aller Kraft an die Tischkante, so dass das ganze Spielbrett wackelte und sich die verbliebenen Steine wild auf dem Feld verteilten, „Ich werde jetzt unserem geschätzten Kommandanten und mir zur Feier des Tages etwas zu trinken besorgen. Und wenn ich wiederkomme, dann will ich von der ganzen Geschichte nichts mehr hören. Ist das klar?“ Denn letzten Satz presste er förmlich durch seine geschlossenen Zähne.
    Adjutant Joraal betrachtete missmutig die Unordnung auf dem Spielbrett. „Wie ihr befehlt, Hauptmann.“
    Behrin durchquerte schnellen Schrittes den Raum, riss dir Tür auf und brüllte über den Platz, so dass es der halbe Hafen mitbekam. „Mundschenk! Wo versteckt ihr euch? Ich brauche sofort zwei Krüge vom Besten!“
    Joraal begann, die Steine auf dem Brett wieder zu ordnen. „Nun, Kommandant, ihr wisst doch, dass der Herr Hauptmann bei der ersten Übung im Felde die neuen Rekruten immer einen ganzen Tag lang marschieren lässt, mit einem halben Zentner Wackersteinen auf dem Rücken. Und dass er sich anschließend den schwächsten Rekruten heraussucht, damit dieser die alleinige Nachtwache hält.“
    Der Blick des Kommandanten wanderte langsam zur steinernen Decke wobei seine Augen glänzten, so als ob eine lang verschüttete Erinnerung aufgeblitzt wäre. „Natürlich. Und wenn dieser arme Hund, von dem das Leben aller Soldaten abhängt, dann völlig erschöpft einschläft, bekommt er in der Nacht die Standpauke seines Lebens. Der eine oder andere ist daran zerbrochen, aber es ist gut für die Moral der ganzen Truppe.“
    „Ja, so ist es.“ Adjutant Joraal musste kurz überlegen und tauschte dann die Position zweier Steine. „Als wir am Fluss lagerten, war dieser junge Mann aus Ithilien derjenige, dem die Aufgabe zufiel die Furt zu bewachen. Ich hatte mich schon gewundert, dass er den Marsch überhaupt durchgehalten hatte. Sehr früh am Morgen, der Mond stand noch voll am Himmel, schlichen der Hauptmann und ich zum Ufer, um ihn gebührend zu wecken und ihn wie üblich für den Tod der gesamten Truppe verantwortlich zu machen. Aber der Kerl war gar nicht eingeschlafen.“
    „Donnerwetter!“ sagte der Kommandant beeindruckt, „Das lobe ich mir. Aber das allein würde meinen alten Freund nicht so aus der Fassung bringen. Sicher wurmt es ihn, dass er seine Strafpredigt dieses Mal nicht halten und keinen Spießrutenlauf veranstalten konnte. Aber irgendetwas verheimlicht ihr mir noch, Adjutant.“
    „In der Tat. Schlimm genug, dass der Junge nicht eingeschlafen war. Schlimm genug, dass er seelenruhig hellwach am Ufer saß. Aber viel schlimmer war, was er dort getan hat. So als wären wir auf einem Ausflug und nicht in einem Feldlager.“ Joraal machte eine Pause und überprüfte noch einmal die Position der Steine auf dem Brett, bis er sich ganz sicher war, dass sie genau die Lage inne hatten wie vor dem vermeintlichen Ungeschick des Hauptmanns. Er wirkte so darin vertieft, dass er scheinbar nicht bemerkte, wie der Kommandant immer ungeduldiger und zorniger wurde, bis es aus ihm herausplatzte.
    „Was?“ Kommandant Larriton schlug wieder mit der Faust auf den Tisch, nur diesmal nicht vor Vergnügen. Die Steine tanzten erneut auf dem Spielbrett. „Sprich endlich, Adjutant, was hat dieser Kerl bei der Nachtwache getan, dass es einem meiner besten Hauptleute die Sprache verschlägt?“
    „Nun, …“ Joraal betrachte wieder die Unordnung, schloss kurz die Augen, seufzte, und begann dann nochmals damit die Spielsteine an ihren ursprünglichen Platz zu schieben, bevor er nach einer gefühlten Ewigkeit den Satz vollendete: „...er hat geangelt.“


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

    Einmal editiert, zuletzt von Blink ()

  • Hammer gut, du verstehst echt zu schreiben. Weiter bitte! :thumbsup:



    Ein Fehler fiel spontan ins Auge

    „Darf ich mir den Gewinn für den Munkur nächste Woche mit dem Sold abholen, aber möchtest du tatsächlich noch weiterspielen?“


    oder ;)

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • melli: Vielen Dank für den Hinweis, ich hab es gleich geändert. Tausendmal überlesen, irgendwie wird man da betriebsblind...


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • Schön und ruhig geschrieben, man vertieft sich in die Geschichte, man kann es förmlich sehen. Wie gesagt dein Schreibstil ist erste Klasse :) , genauso wie du es vermittelst.
    Von dir kann man lernen Meister, lehre mich deine Schreibkunst! :stick:
    Passt schon, ich werde meinen eigenen Stil schon finden. :thumbsup:
    Bis dahin, erfreue ich mich auf deine tollen kleinen "Erfindungen" ^^


    mfg Turm

  • Und das nächste Kapitel (ja, ich weiß, passiert wieder nix, aber so ist das halt bei mir... ;) )


    Kapitel 4: Die Dachkammer


    Die Dachkammer war eigentlich nicht mehr als ein kleiner Verschlag. Obwohl sie jemandem als Heimstatt diente, wäre es übertrieben, sie als Zimmer zu bezeichnen. Das wäre in etwa so, als würde man von einem Ork behaupten er hätte ganz passable Manieren.
    Wer auch immer die Dachkammer betrat und eine Handbreit größer als ein Zwerg war, musste den Kopf einziehen, um sich nicht an der niedrigen Kante des Türrahmens zu stoßen. Und auch im Raum selbst gab es kaum eine Stelle an der ein Mensch aufrecht stehen konnte. Das offen liegende Gebälk der Dachkonstruktion war alt und teilweise faulig. Man konnte gut erkennen, wo eindringender Regen an den Hölzern hinunterlief und kleine Lachen auf dem Boden bildete. Der Boden bestand aus einer einzigen Schicht massiver, knorriger Bohlen, die bei jedem Schritt ein erbärmliches Knarren und Knarzen von sich gaben, so als flehten darin eingeschlossene Seelen um Erlösung. Durch mehrere Astlöcher konnte man in das darunter liegende Zimmer sehen, und natürlich konnte man auch jedes Wort verstehen, das dort gesprochen wurde.
    Das Zimmer unter der Dachkammer war größer und wesentlich freundlicher eingerichtet. Ein großes Bett stand in der Mitte des Raumes, und an einer Wand befand sich eine massive Kommode mit einem Waschgeschirr aus Porzellan. Von der ehemals purpurroten Tapete war nur noch ein müder dunkelbrauner Schatten übrig, aber zusammen mit den Wandbehängen und dem großen ausgeblichenen Teppich strahlte der Raum zumindest eine gewisse Behaglichkeit aus. Mehr war auch gar nicht nötig, da sich die wenigsten Besucher länger als eine Stunde dort aufhielten.
    Der Klabautermann, die Wirtschaft im Erdgeschoss des alten Hauses in der Seilergasse, verfügte über insgesamt drei dieser besonderen Ruheräume im ersten Stock. Der Klabautermann gehörte nicht zu den sogenannten Fruchthäusern, den offiziellen Bordellen von Harrens Hall. Aber jeder Mann mit Bedürfnissen wusste, dass er auch hier von der verbotenen Frucht naschen konnte. Es kam für den Klabautermann nur darauf an, für die Büttel des Maesters nach außen hin ein ordentliches Haus zu sein. Im Schankraum gab es demnach keine ausgewiesenen Liebesdamen, sondern nur zufällig ausschließlich weibliches Personal. Der Gast, dem eine Bedienung besonders gefiel, konnte dieser jederzeit ein mehr als ordentliches Trinkgeld spendieren. Wenn ihm dann kurze Zeit später, von der rauchigen Kneipenluft oder dem gepanschten Alkohol, schummrig wurde und er sich ein wenig hinlegen musste, so konnte er einen der drei Ruheräume aufsuchen. Er konnte sich dann sicher sein, dass dort genau die von ihm gewünschte Bedienung kurze Zeit später nach dem Rechten schaute und fragte, wie sie es dem Gast etwas bequemer machen oder seinen Schmerzen Linderung verschaffen konnte. Die meisten Gäste hatten zu dieser Zeit ein drückendes Gefühl in der unteren Lendenregion, welches einer dringenden Behandlung bedurfte.
    Obwohl der Klabautermann nicht die einzige zwielichtige Kneipe in der Nähe des Hafens war, so war sie doch immer ausnehmend gut besucht. Sicher, das Haus war älter und das Mobiliar noch herunter gekommener als in anderen Schenken. Das Bier war mit Brunnenwasser gestreckt und oft versäuert, der Wein gepanscht. Auch hatte der lange, anstrengende Dienst für den Klabautermann bei den Damen Spuren im Gesicht und in der Seele hinterlassen. Schlussendlich war der Schankwirt in Wirklichkeit sogar noch unfreundlicher und brutaler, als die schlimmsten Gerüchte über ihn behaupteten. Vielleicht war es auch gerade diese Mischung, die junge Burschen auf der Suche nach Abenteuern den Schankraum betraten ließen, genauso wie die Seeleute vom nahen Hafen, die hier ihre Heuer durchbrachten. Dazu kamen noch die Trickbetrüger, Falschspieler und Taschendiebe, die hier Beruf und Vergnügen auf die für sie angenehmste Art miteinander verbanden.
    Von all dem Lärm, der normalerweis aus dem Schankraum bis in die Dachkammer drang, war derzeit nichts zu hören, denn es ging auf halb vier zu und der Klabautermann war geschlossen. Das leise Schnarchen eines einzelnen betrunkenen Zechers, der irgendwo unter einer Bank oder einem Tisch übersehen wurde, war das einzige Geräusch im Haus.
    In der Dachkammer selbst gab es nur wenige Möbelstücke, und diese standen so eng zusammen als würden sie ständig um den wenigen freien Platz rangeln. Direkt neben der Tür stand eine massive Eichenkommode, die schon deutlich bessere Zeiten gesehen hatte. Die meisten Beschläge waren abgebrochen oder absichtlich entfernt worden, und an den Stellen, wo sich vormals die Schubladengriffe befunden hatten, hatte man dicke Löcher gebohrt und ein Seil hindurch geknotet, um die Schubladen damit öffnen zu können. Auf der Kommode befand sich ein einfaches, mit Muscheln beklebtes Schmuckkästchen. Daneben stand ein weißes, schmuckloses Waschgeschirr aus Emaille, die jedoch an vielen Stellen abgeplatzt war. Neben dem Waschgeschirr lag ein blinder Handspiegel aus Perlmutt, in dessen Griff falsche Edelsteine eingelassen waren. Der Handspiegel war sehr abgegriffen und hatte offensichtlich keinen größeren Wert. Trotzdem wurde er liebevoll gepflegt und täglich benutzt. Er stach er aus den Utensilien in der Dachkammer hervor wie ein gewöhnlicher Mensch aus einer Gruppe von Hobbits. Auch wenn der Handspiegel nur ein einfacher Gebrauchsgegenstand war, so hing jemand anscheinend sehr an ihm.
    Neben der Kommode stand eine kleine Truhe, deren ebener Deckel die einzige Sitzgelegenheit im Raum bot. Über der Truhe befand sich ein kleines rundes Fenster, durch das etwas Mondlicht in die Dachkammer fiel. Wenn man das Fenster öffnete, seinen Kopf hinaus steckte und nach rechts blickte, konnte man sogar das Meer sehen. Allerdings war das auch möglich, wenn man mitten im Raum etwas in die Hocke ging und unter den schief liegenden Dachschindeln hindurch spähte, die zwar notdürftig das Regenwasser, ansonsten aber weder Wind noch Kälte oder Getier draußen hielten.
    Das größte Möbelstück im Raum war ein einfaches Bett. Es bestand nur aus einem grob zusammen gezimmerten Bettkasten mit einer durchgelegenen Matratze darin. Die oftmals feuchte Umgebung und die alte Matratze boten ein formidables Refugium für Ungeziefer aller Art, das nicht selten den Nachtschlaf der Besitzer störte. Die dazugehörige Bettdecke war in einem wesentlich besseren Zustand und vor langer Zeit sogar einmal ein sehr wertvolles Stück gewesen. Inzwischen jedoch klumpten die Daunenfedern der Füllung an einem Ende zusammen wie ein Haufen nasser Wäsche, so dass die Bettdecke zusätzlich mit Stroh ausgestopft werden musste, um in strengen Wintern, wenn der auflandige Wind besonders kalt unter den Dachziegeln her pfiff, wenigstens etwas Wärme zu bieten. Obwohl nicht dafür gedacht, bot das Bett in diesem Augenblick zwei Menschen eine Schlafstatt. Bei genauerer Betrachtung schlief jedoch nur einer, während der andere wach lag und in die Dunkelheit starrte.
    Carantir beobachtete eine kleine Spinne, die in der inzwischen wieder eingekehrten Ruhe weiter an ihrem Netz zwischen den Dachbalken baute. Fleißig und zielstrebig webte sie eine Bahn nach der anderen, unwissend, ob sich je eine Fliege in dem kunstvollen Gespinst verheddern würde. Die Spinne würde einfach nur das sitzen und auf ihr Glück hoffen.
    Glück.
    Etwas, dessen Existenz Carantir bis vor kurzem in seinem Leben noch nicht gekannt hatte. Wäre er eine Spinne gewesen, so wäre er wohl schon längst verhungert.
    Carantir dachte an all die Dinge, die in den letzten Tagen und Wochen geschehen waren und die sein Leben so grundlegend verändert hatten. Es war noch gar nicht so lange her, da hatte sein Meister ihm ein Versprechen abgerungen. Das Versprechen, sich nur noch auf seine Ausbildung zu konzentrieren. Andorlas war sehr überzeugend gewesen, wie so oft, und Carantir hatte sein Versprechen bereitwillig gegeben. Aber Elunaé hatte alles verändert. Wann immer er versuchte sich auf seine Studien zu konzentrieren, musste er an Elunaé denken. Ihr schelmisches Lächeln, ihr langes, samtiges Haar und ihre unergründlichen dunklen Augen. Er wollte an nichts anderes mehr denken.
    Auch wenn Elunaé hier im Klabautermann arbeitete und wohnte, so war sie doch keine von den Dirnen, die ihren Körper verkauften, dessen war er sicher. Weshalb das so war, hatte er jedoch bisher weder zu ergründen versucht noch zu fragen gewagt. In ruhigen, nachdenklichen Momenten musste er sich eingestehen, dass er vermutlich einfach Angst vor der Antwort hatte. Auch dass auf ihren Wunsch hin im Klabautermann jede öffentliche Liebesbezeugung tabu war, hat ihn bisher mehr erregt als beunruhigt. Alle ihre von Verlangen geprägten Treffen fanden außerhalb des Hauses in dunklen Gassen, verlassenen Hinterhöfen oder eben nach Schankschluss hier in ihrer Dachkammer statt. Diese Orte entsprachen sicher nicht den gängigen romantischen Klischees, aber Carantir war das völlig egal. Elunaé war ein göttliches Wesen, von einem unergründlichen Schicksal gezwungen in der Küche einer zwielichtigen Kaschemme zu schuften. Die Dachkammer, in der sie hausen musste, war für ihn ein Palast, eine Tempel der Glückseligkeit. Nirgendwo anders wollte er lieber sein.
    Carantir hatte seine Fähigkeiten benutzt und tief in Elunaés Seele geblickt. Er hatte ihre Liebe zu ihm gesehen, eine Liebe die ehrlich und aufrichtig war, ohne Hintergedanken. Eine Liebe, die im Zentrum ihres Geistes so hell strahlte wie die Sonne an einem wolkenlosen Sommertag. Daraufhin hatte er sich entschieden, sich ebenfalls ganz von seinen Gefühlen leiten zu lassen und alle Zurückhaltung abzulegen. Jetzt, wo er sicher war nicht benutzt oder enttäuscht zu werden, ging er ganz in seiner Liebe zu Elunaé auf. Endlich hatte auch Carantir einmal Glück. Er betrachtete wieder die Spinne über ihm und lächelte.
    Andorlas, Carantirs Lehrmeister und elbischer Gesandter in Harrens Hall, hatte ihm schon viel beigebracht. Nichtsdestotrotz war Carantirs Ausbildung zum Berater noch lange nicht beendet. Hätte Andorlas selbst in Elunaés Seele geblickt, so hätte er ebenfalls die ehrliche, hell strahlende Liebe entdeckt. Er hätte aber auch gesehen, dass sie auch ein Schutz war, wie ein nach innen gerichteter Panzer. Er hätte erkannt, dass sich im Inneren dieser alles überstrahlenden Liebe etwas anderes verbarg. Etwas Dunkles und Unheimliches. Etwas, das ständig lauerte. Ein winziger, pechschwarzer Kern voll unaussprechlicher Bitternis. Gedanken und Gefühle, die besser niemand denken und fühlen sollte. Der Panzer aus Liebe umschloss diesen Kern vollständig und verbarg ihn so vor Carantir geistigem Auge. Er hinderte die dunklen Gedanken auch daran, von Elunaés Geist Besitz zu ergreifen. Falls dies jedoch jemals geschehen würde, so würden Menschen sterben. Das war unausweichlich.
    Aber auch Andorlas hätte vielleicht nicht bemerkt, dass dieses winzige schattenhafte Etwas jeden Tag ein kleines Stückchen größer wurde.
    Elunaé lag in ihrer Dachkammer in Carantirs Armen, den Kopf auf seiner nackten Brust, und schlief. Ihr langes braunes Haar kitzelte in seiner Nase, und seine spärlichen Brusthaare bewegten sich sacht bei jedem ihrer Atemzüge.
    Alles war perfekt.
    Carantir war noch nie in seinem Leben so glücklich gewesen.
    Und er würde es auch nie wieder sein.


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • :love: Ich mag die Geschichte sehr. :thumbsup:
    Und ich bin gespannt, wie sie weitergeht.


    Auch ohne Hammeraction bringst du das Kopfkino ans Laufen! Also stell dein Licht mal nicht unter den Scheffel!

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Kapitel 5: Paraden


    Der Krieger schlich müde durch die im ewigen Zwielicht liegenden Gassen von Dol Amroth. Auch wenn Dol Amroth eine ebenso reiche wie schöne Stadt war, so bot die Lage am westlichen Ende der felsigen Halbinsel von Belfalas keinen Platz für breite Prachtstraßen und große Plätze inmitten der Stadt. Die meisten Häuser in Dol Amroth waren mindestens sieben Stockwerke hoch und kragten in den oberen Stockwerken aus und stießen dort oftmals zusammen. Die Straßen zwischen den Häusern waren daher zumeist nicht viel mehr als überdachte Gehwege oder breite Treppen, oft unterbrochen von in den bläulichen Granit getriebenen kurzen Tunneln. Von Weitem betrachtet bot sich der Anblick einer prächtigen, terrassenförmig angelegten Stadt. In Dol Amroth selbst konnte man sich als Fremder jedoch wunderbar in dem Gewirr aus engen, unübersichtlichen Straßen verlieren. Da sich das meiste Leben in den hoch gelegenen Höfen und Dachgärten abspielte, die das milde Sonnenlicht zumindest zeitweise erreichte, waren oft nur sehr wenige Personen in den schattigen Gassen unterwegs.
    Der einsame Kämpe schien seinen Weg durch das Gewirr der Gassen zu kennen, aber er hatte offensichtlich keine Eile sein Ziel zu erreichen. Obwohl er noch sehr jung war, ging er tief gebeugt wie nieder gedrückt von der Last unzähliger Schlachten, die er hatte schlagen müssen. Sein dürrer, schlaksiger Körper unterstrich diesen Eindruck noch und gab ihm ein ausgemergeltes Aussehen. Nichts an seinem Körper deutete darauf hin, dass er ein Streiter der Armee Gondors war. Von der äußeren Erscheinung her konnte man sich nur mit Mühe Waffe und Rüstung an der schmalen Gestalt vorstellen. Nur wer ihn kannte, wusste, dass er tatsächlich ein Krieger war.
    Der Krieger durchquerte vom Hafen kommend ganz Dol Amroth und lenkte seine Schritte in die Torstadt. Verglichen mit den anderen Stadtvierteln von Dol Amroth war die direkt hinter dem Haupttor gelegene Torstadt schmutzig und voller Gewalt. Hier befanden sich die meisten Gasthäuser und Tavernen, und fast alle Reisenden stiegen hier ab. Die Torstadt war das mit Abstand bunteste, aber auch lauteste und schäbigste Viertel Dol Amroth‘, wenn es auch noch weit von den teilweise üblen Zuständen in anderen Städten entfernt war. Der Einfluss der mächtigen Prinzenburg am anderen Ende der Halbinsel sowie der Stadtwache von Dol Amroth erstreckte sich schließlich auf alle Viertel innerhalb der Stadtmauer. Für Menschen mit wenig Gold bot die Torstadt eine überlebenswichtige Mischung aus viel Geschäftigkeit, etwas Sicherheit und erschwinglichen Mieten. Der ausgezehrte Krieger öffnete eine mit unzähligen Schnitzereien verzierte aber schon ziemlich verwitterte Tür und betrat den dahinter liegenden Hausflur. Er stieg die hölzerne Treppe hoch, die trotz ihres Alters dabei kaum einen Laut von sich gab. Bei manchen Schritten zog er sich am mit Drachenköpfen verzierten Handlauf hoch, so als könnten ihn seine Beine kaum noch tragen. Im zweiten Stock öffnete er ohne zu klopfen eine der vier Türen und trat in eine im Halbdunkel liegende Wohnung. Es war niemand zu sehen, aber er hörte Stimmen aus dem hinteren Bereich. Er lenkte seine Schritte dorthin und trat durch eine offen stehende Tür auf einen nur wenige Quadratmeter großen, lichtdurchfluteten Innenhof. Es dauerte lange, bis sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten und aus den beiden verschwommenen Schemen vor ihm Menschen aus Fleisch und Blut wurden.
    „Da bist du ja, mein Junge.“ Seine Mutter, die gerade den Saum eines Überwurfs absteckte, sah gar nicht richtig zu ihm hin.
    „Ja, du bist da, aber wo ist deine Rüstung?“ Sein Bruder, der mit ausgebreiteten Armen wie eine Modepuppe vor seiner Mutter stand und dessen Überwurf gerade bearbeitet wurde, sah hingegen bedauerlicherweise direkt in seine Richtung.
    „In der Kaserne. Ich hole sie später noch.“
    Sein Bruder war mit der Antwort offensichtlich unzufrieden und wurde zornig. „Du hättest sie doch gleich mitbringen können! Warum willst du den Weg unnützerweise noch einmal gehen? Oder willst du nur nicht, dass ich sehe wie verschmutzt und stumpf deine Rüstung noch ist? Wehe, du blamierst mich morgen mit deiner Schlampigkeit!“
    „Du wirst morgen sowieso Anführer einer Degir, ganz egal wie meine Rüstung aussieht.“
    „Ordnung und Disziplin sind das Schwert und das Schild der Armee Gondors! Unglaublich, dass du nach einem halben Jahr in der Armee selbst die einfachsten Dinge noch nicht verinnerlicht hast.“
    „Bitte streitet euch nicht, Kinder.“ Auch jetzt konzentrierte sich seine Mutter mehr auf den perfekten Sitz des Überwurfes und betrieb die Konversation eher beiläufig. „Ulno, übe bitte Nachsicht mit deinem kleinen Bruder. Er tut sein Bestes, auch wenn es oft nicht reicht.
    Ulno sah seinen kleinen Bruder spöttisch an: „Wie konnte ich das vergessen, Mutter. Tathardîn tut doch nur sein Bestes.“
    Er hasste den Spitznamen, den ihm sein älterer Bruder gegeben und den nach kurzer Zeit praktisch jeder, seine Mutter eingeschlossen, übernommen hatte. Aber bevor er etwas sagen konnte, fuhr seine Mutter fort: „Und du, Tathardîn, zeigst gefälligst etwas mehr Respekt deinem Bruder gegenüber. Du könntest etwas mehr Dankbarkeit zeigen nach allem, was wir für dich getan haben.“
    „Du meinst wohl, was ihr mir angetan habt, Mutter.“
    Seine Mutter rutschte mit einer Nadel ab und stach sich in den Finger, presste aber nur die Lippen zusammen und unterdrückte sowohl Flüche als auch Schmerzensbekundungen.
    „Du bist sehr undankbar, Tathardîn, das warst du schon immer. Sowohl dein Bruder als auch dein Vater haben in den letzten Monaten fast ihren gesamten Sold hergegeben, um deine Schulden abzubezahlen.“
    Zornesröte stieg ihm ins Gesicht. Seine Stimme überschlug sich fast bei der Antwort: „Er ist nicht mein Vater.“
    „Jetzt ist er es! Und er liebt dich wie einer und tut alles für dich. Nur du benimmst dich noch wie ein trotziges Kind. Du hättest beinahe dafür gesorgt, dass all unser Hab und Gut in den Fluten des Anduin versinkt. Ohne deine Ungeschicklichkeit hätten wir uns schon längst eine bessere Wohnung leisten können. Und du benimmst dich immer noch wie ein bockiges, uneinsichtiges Kind aus den Wäldern Ithiliens.“
    „Ja und? Ich wäre froh, wenn ich wieder dorthin zurück könnte!“
    Nun wurde auch seine Mutter lauter: „Wohin zurück? In die schäbige Hütte, in der wir gehaust haben, mitten in den nahezu unbewohnten nördlichen Wäldern? Wo wir wie die Bauern dreckige Wurzeln aus dem Boden gegraben und uns von schleimigen Fischen und dürren Hasen ernährt haben? Was hatten wir denn schon dort? Nichts! Wer waren wir denn schon dort? Niemand!“
    „Ich war glücklich!“ Tathardîn schossen die Tränen in die Augen. Er drehte sich um und rannte durch die im Halbdunkel liegende Wohnung in den Hausflur.
    Sein Bruder rief im noch hinterher: „Wenn du mich morgen bei der Parade blamierst, wirst du es bereuen, dass schwöre ich!“
    Dann fiel die Haustür mit heftigem Krachen ins Schloss.
    Tief getroffen und innerlich aufgewühlt irrte Tathardîn ziellos durch die engen Gassen der Stadt. Tausend aus Trauer und Wut geborene Gedanken gingen ihm im Kopf herum, bis einer davon urplötzlich die Oberhand gewann und fortan sein Denken dominierte. Trauer und Wut waren jedoch schon immer schlechte Berater gewesen. Er hätte nicht auf sie hören sollen, aber ihre Idee klang so verlockend. Einfach in der Ausführung, aber bestimmt verheerend in der Wirkung. Augenblicklich wurde der Pakt zwischen den Dreien besiegelt, und während sich der müde Krieger auf den Weg in die Kaserne machte, waren Trauer und Wut noch immer bass erstaunt, wie wenig Überredungskunst sie diesmal aufbringen mussten. Wenn Tathardîn ihren Plan tatsächlich ausführte, würde Ulno seinen ersten Tag als Anführer einer Degir wohl nicht wirklich genießen können.
    Die Parade begann direkt hinter dem geschlossenen Stadttor am Beginn des Prinzendamms. Dieser gut 30 Meter breite, aus massiven Gesteinsblöcken errichtete Damm verlief kerzengerade vom Stadttor über dem Grat der Halbinsel bis zum Vorhof der Prinzenburg nahezu genau von Ost nach West. Südlich des Prinzendamms fiel das Gelände steil zum Meer ab, was einen Angriff aus dieser Richtung unmöglich machte. Nördlich des Damms erstreckte sich auf seiner gesamten Länge die Stadt, wobei der Prinzendamm sich noch wenigsten fünf Schritte über die Dächer der höchsten nahestehenden Gebäude erhob. Er war nur über Treppen oder einen schmalen Pfad in der Nähe des Haupttores von der Stadt aus zu erreichen, so dass er leicht zu verteidigen war, selbst wenn der Feind über den Hafen in die Stadt gelangen sollte. Natürlich verfügte er zu diesem Zweck auch über massive, mit Zinnen bewehrte Mauern auf beiden Seiten.
    Wegen seiner Größe war der Prinzendamm Bollwerk und Prachtstraße zugleich. Die halbe Stadt hatte sich auf dem Damm versammelt und jubelte den Soldaten zu, die in der Mitte des Bauwerks mit polierten Rüstungen und blitzenden Waffen zur Prinzenburg marschierten. Dort durchquerte die Paradeformation den auf einem Berghang gelegenen riesigen Vorhof und marschierte schließlich in den Haupthof der Burg, wo der Prinz von Dol Amroth mit anderen Edelleuten, geladenen Gästen und den Hauptleuten des Heeres auf eigens errichteten hölzernen Tribünen die Parade abnahm. Nachdem die Soldaten dem Prinzen die Ehre erwiesen hatten, marschierten sie in einem Bogen zurück und sammelten sich wieder im Vorhof. Alle Soldaten trugen dabei den für Dol Amroth charakteristischen Cúgurth, einen schweren Speer von gut drei Schritt Länge. Er war aus massivem Eschenholz mit einer metallenen Spitze von der Länge eines Unterarms und zum Werfen viel zu schwer. Unter der Spitze besaß jeder Speer eine großen metallenen Haken, der an einen Bootshaken erinnerte. Der Cúgurth wurde auf See als Waffe und Werkzeug verwendet, man konnte im Wasser treibende Taue oder Personen damit an Bord holen oder feindliche Schiffe je nach Verlauf des Kampfes heran ziehen oder wegstoßen. In der Stadt diente er dazu, dem Feind das schnelle Vorrücken durch die engen Gassen zu erschweren oder unmöglich zu machen.
    So marschierte eine lange Reihe von Speeren über den Damm, darunter auch die Degir von Ulno, der die anderen neun Männer seiner neuen Einheit anführte. Sein kleiner Bruder war pünktlich erschienen, aber sie wechselten kein Wort miteinander. Er marschiert in der zweiten Reihe, damit er die anderen nicht irritierte, wenn er aus dem Takt kam. Doch kurz nach dem Abmarsch passierte etwas Merkwürdiges. Vom einem Cúgurth aus der zweiten Reihe der Degir löste sich etwas. Die wenigsten nahmen während der Parade davon Notiz, und die, die es nicht bemerkten, wollten den Augenzeugen später keinen Glauben schenken. In der Degir direkt dahinter sahen es einige Soldaten und kamen kurz aus dem Tritt, aber auf dem Prinzendamm fiel es fast keinem Menschen auf. Seltsamerweise waren fast alle, die es bemerkten, Kinder.
    Auch auf der Ehrentribüne des Prinzen nahm kaum jemand davon Notiz. Adjutant Joraal war einer der ganz wenigen, die es sofort sahen. Er musste sich schwer beherrschen um nicht lauthals los zu lachen, denn dies hätte wohl ernsthafte Konsequenzen gehabt. Schließlich saß Hauptmann Behrin direkt neben ihm auf der kleinen Tribüne links von der Haupttribüne des Prinzen, und sein Vorgesetzter brauchte nur wenige Sekunden länger als er um diese ungeheuerliche Provokation zu bemerken. Hauptmann Behrins Stimme war ungewöhnlich ruhig, aber sein ganzer Körper zitterte vor Anspannung während er sprach. Er presste nur einen Satz durch seine kaum geöffneten Lippen:
    „Bei den Sieben, das wird mir dieser unverschämte Hund büßen!“
    Hauptmann Behrin wiederholte diesen einen Satz immer und immer wieder, selbst als der Grund dafür schon längst zusammen mit Ulnos Degir aus dem Tor der Hauptburg hinaus marschiert war.
    Von der Spitze einer Cúgurth baumelte an einem etwa armlangen Faden ein Angelhaken mit einer in der Sonne blinkenden und blitzenden übergroßen Trockenfliege. Diese bestand aus mit Rehhaar zusammen gebundenen kurzen Federn und war mit Schweinefett eingeschmiert, eine Trockenfliege, wie sie oft zum Nachtangeln in kleinen Seen und Flüssen benutzt wird. Auf Grund der rhythmischen Bewegungen des sie tragenden marschierenden Soldaten tanzte die Trockenfliege lustig auf und ab wie ein übermütiger Narr, welcher Possen aufführt und jeden Beobachter verspottet. In Wirklichkeit galt sein beißender Spott jedoch nur einer Person auf der Tribüne, und diese wurde bis ins Mark getroffen. Die Fliege erinnerte Hauptmann Behrin an seine erste Begegnung mit dem jungen Soldaten, dem auch nach sechsmonatigem Schleifen augenscheinlich jeder Respekt fehlte.
    Hauptmann Behrin war ein Mensch, der seine Drohungen wahr zu machen pflegte. Als er fertig war, spie die Kaserne einen gebrochenen jungen Mann mit tiefen Wunden an Körper und Seele auf das Pflaster der Stadt. Einen jungen Mann, der nun kein Zuhause mehr hatte, und der danach wie eine einsame verlorene Seele durch Dol Amroth irrte, die keinen Hunger auf das Leben mehr verspürte.
    Aber vielleicht müssen manche Dinge erst verloren gehen, damit sie gefunden werden können.


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

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  • :hi1: Ganz ehrlich? Es kommt mir so vor, als würde ich ein gedrucktes Buch lesen. Tolle Geschichte, gute Beschreibungen und fehlerfrei. Würdest du die aus HdR bekannten Namen ändern, bräuchtest du auch nicht mehr Fanfiktion dazu zu schreiben.

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • melli: Die Geschichte ist mal entstanden, um einen Charakter zu beschreiben, den ich in einem (Pen&Paper-)Rollenspiel gespielt habe. Und das spielte halt in Mittelerde. Ehrlich gesagt stört mich das [Fan-Fiktion] nicht sonderlich, aber andererseits hab ich schon die Lust irgendwann mal eine "eigene" Geschichte zu schreiben. Nur wann?


    Kapitel 6: Entscheidungen


    Die Fliege zog seelenruhig noch ein paar enger werdende Kreise und landete dann auf dem angebissenen Käsebrot, das seit fast einer halben Stunde unberührt auf dem Küchentisch stand. Sie rieb ihre Hinterbeine in freudiger Erwartung und begann, mit ihrem Saugrüssel von der dick geschnittenen Käsescheibe zu naschen. Carantir hatte die Fliege überhaupt noch nicht wahrgenommen. Er saß am Tisch, den Kopf auf die Hände gestützt, und las in einem offensichtlich sehr alten Buch. Neben dem Buch lag ein dünnes Leinentuch, mit dem sich der junge Lehrling vor jedem Umblättern die Hände säuberte, um das kostbare Buch zu schonen.
    Carantir hatte das Buch vor einigen Tagen in der Bibliothek seines Meisters im obersten Stock des Hauses beim Staubwischen entdeckt. Es lag wie zufällig auf dem Stehpult an der Nordwand und fiel Carantir sofort ins Auge. Schon der reich verzierte Einband machte deutlich, dass es sich um ein sehr wertvolles Buch handelte. Es war in Quenya geschrieben, der alten Sprache der Hochelben, und Carantir war auf Grund seiner Ausbildung einer der wenigen einfachen Menschen in Mittelerde, die in der Lage waren es zu lesen. Das Buch behandelte den Beginn der großen Wanderung im Ersten Zeitalter, als sich die ersten drei Häuser der Elben nach Westen aufmachten, von den Gestaden des Meeres von Helcar bis nach Beleriand. Die Historie allein war schon interessant genug, aber das Buch beschrieb darüber hinaus ausführlich, mittels welcher geistigen Fähigkeiten sich die Anführer der drei Häuser der Elben über weite Strecken verständigten. Anscheinend konnten sich die Hochelben durch intensive Konzentration über Hunderte von Meilen hinweg auf geistigem Wege unterhalten. Für Carantir war dies die reinste Magie und absolut unvorstellbar, aber die verwendeten Techniken, mit denen der Geist dafür trainiert wurde, waren ebenfalls beschrieben. Auch wenn diese Form der Kommunikation für ihn selbst bestimmt niemals möglich war, die detailliert geschilderten Übungen zur Erweiterung des Geistes konnten ihm bei seinem Studium sicherlich nützlich sein.
    Seit er das Buch gefunden hatte, las Carantir in jeder freien Minute darin und hatte darüber manches Mal Essen und Schlafen vergessen. Er konnte sich der Faszination des Buches einfach nicht mehr entziehen.
    „Ich denke, du bist jetzt soweit, Carantir.“
    Andorlas, Carantirs elbischer Lehrmeister, stand vor dem Tisch. Der junge Lehrling las schnell den Satz zu Ende, merkte sich die Stelle und schlug das Buch zu. „Ich komme, Meister.“
    Doch als Carantir aufschaute, stand sein Lehrmeister nicht mehr vor ihm. Er hatte weder bemerkt, dass dieser überhaupt in die Küche gekommen war, noch wie er wieder verschwand. Plötzlich hörte er Andorlas Stimme hinter sich: „Du hast erneut eine schnelle Auffassungsgabe bewiesen. Vielleicht sind meine in dich gesetzten Hoffnungen doch berechtigt.“
    Carantir drehte sich um. Aber hinter ihm befand sich nicht etwa sein Meister, sondern lediglich ein schmaler Holztisch mit einem Brotregal sowie die Küchenwand. Irritiert schüttelte der junge Lehrling den Kopf. Er schloss die Augen und konzentrierte sich. Kam die Stimme seines Meisters wirklich von da hinten, oder war das nur Einbildung? Er hatte sie klar und deutlich gehört, aber woher? Er dachte angestrengt nach. Kam die Stimme nicht vielmehr aus ihm selbst, genauer gesagt, aus seinem eigenen Kopf? Carantir konzentrierte sich stärker und besann sich auf die alten hochelbischen Techniken, über die er in den letzten Tagen so viel gelesen hatte. Dann dachte er an seinen Meister und formte er in seinem Kopf einen einzelnen Satz. Er sprach ihn lautlos und nur in Gedanken aus: „Ja, ich bin bereit, Meister.“
    „Dann komm zu mir.“ Obwohl sein Meister nicht im Raum war, hörte Carantir seine Antwort, als wenn er genau neben ihm stünde und sein Lehrmeister sie ihm direkt ins Ohr geflüstert hätte. Er fühlte es mehr, als dass er es hörte. Die Antwort war nur für Carantir bestimmt, nur er konnte sie verstehen, und er konnte sie unmöglich überhören. Carantir zitterte vor Freude und Erregung am ganzen Körper. Was hier gerade passierte, war absolut übernatürlich. Es war die reinste Magie. Alte, elbische Magie. Und er war ein Teil davon.
    Endlich!
    „Ich bin schon auf dem Weg, Meister.“ Carantir rannte los, in den Flur, die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Obwohl sie nicht darüber gesprochen hatten, wusste er genau, wo sich sein Meister aufhielt. Er wusste nicht, warum dies so war, aber er war sich absolut sicher. Carantir stürmte in die Bibliothek, und Andorlas saß wie erwartet auf seinem Lieblingsplatz im Erker. Er blickte mit dem Rücken zur Tür zum Fenster hinaus, und obwohl Andorlas nichts sagte, so führte er doch seine Konversation mit Carantir fort.
    „Ich denke, es ist an der Zeit, deine Ausbildung auf eine neue Stufe zu heben. Du hast bewiesen, dass du dazu bereit bist. Und ich bin bereit, dich die alten elbischen Riten des Geistes zu lehren.“
    Carantir stand stumm in der Bibliothek und starrte seinen Meister an. Wäre es möglich gewesen, vor Aufregung in Gedanken zu stottern, so hätte er es getan, als er seinem Meister stumm antwortete: „Das ist eine große Ehre, Meister. Ich hoffe, ich bin dessen würdig.“
    Die beiden führten ihre für Außenstehende stimmlose Konversation fort: „Das hoffe ich auch, Carantir. Es gibt nur Wenige, denen diese Ehre zu Teil wird. Das Lernen der alten Rituale fordert den menschlichen Geist im höchsten Maße. Und es braucht eine nahezu unmenschliche Menge an Zeit. Jeder Art der Ablenkung wäre fatal.“
    „Ich verstehe, Meister.“
    „Das hoffe ich. Denn ich bin mir nicht sicher, ob du dich noch an dein Versprechen erinnerst, welches du mir vor einiger Zeit gegeben hast. Wenn du dich für die elbischen Lehren entscheidest, muss dein Geist frei sein. Für eine Geliebte ist dann kein Platz in deinen Gedanken.“
    Carantir schoss das Blut in den Kopf, und er musste sofort an Elunaé denken. „Elunaé ist keine einfache Geliebte!“, dachte er. Sie war ein zauberhaftes Geschöpf, die Liebe seines Lebens. Auch sein Lehrmeister hatte kein Recht, sie so herablassend zu bezeichnen.
    „So, so. Elunaé heißt sie also. Wie gesagt, Carantir, du musst dich entscheiden. Entweder die Freuden des Fleisches mit dieser Elunaé, oder die uralten elbischen Weisheiten, die nur wenige Menschen je mit uns teilten. Unsere Konversation hier ist erst der Anfang.“
    Carantir biss sich auf die Zunge, aber bei ihrer Art des geistigen Gespräches hatte dies leider keinerlei Effekt. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er in Gedanken einen Satz formuliert hatte und seinem Lehrmeister so ungewollt Elunaés Namen preisgegeben hatte. Dann dachte er an die Entscheidung, von der sein Lehrmeister sprach, und er dachte daran, dass dieser sein Leben auch nicht alleine verbringen musste.
    „Das verstehe ich nicht, Meister. Ihr habt doch auch eine Frau und könnt die Freuden der Liebe und der Magie genießen.
    Da Andorlas Carantir den Rücken zuwandte, konnte Carantir sein Gesicht nicht sehen. Trotzdem war er sich sicher, dass sein Lehrmeister bei der Antwort lächelte: „Nun, ich habe nie gesagt, dass ein ewiges Leben nicht auch seine Vorteile mit sich bringt.“
    *
    Carantir stand direkt am Rand der steil zum Meer hin abfallenden Klippe und starrte auf die brodelnde See. Einen Sturz von hier oben allein, gut 20 Schritte über dem Meeresspiegel, konnte ein Mensch vielleicht noch überleben. Die scharfkantigen Granitfelsen, je nach Stand der Gezeiten knapp oberhalb oder unterhalb der Wasserlinie, und die starke Strömung hingegen waren auf jeden Fall tödlich. Die Klippen erinnerten ihn an die felsige Halbinsel von Belfalas, auf der Dol Amroth thronte. Vielleicht hatte er deshalb diesen Platz ausgesucht. Wenn man vom Rand der Klippe zurücktrat, befand man sich nach wenigen Schritten auf einer steinigen, mit kurzem Gras und wenigen dürren Büschen und Bäumen bewachsenen Wiese. Das beständige, vormals bedrohliche Donnern der Brecher tief unten war hier schon nur noch ein fernes, fast sanftes Hintergrundgeräusch, so als ob man mit ein paar Schritten in eine andere Welt gewechselt wäre. Carantir hatte diesen Platz für seine Treffen mit Elunaé ausgewählt, nachdem die Auswahl an romantischen Plätzen in Dol Amroth erschöpft war. Zwar war jeder Platz, an dem er mit Elunaé für eine kurze Zeit alleine sein konnte, ein romantischer Platz, aber selbst nachts konnte man in Harrens Hall nie sicher sein, wie lange man wirklich alleine und unbeobachtet an einem Platz verweilen konnte. Die knappe Stunde Fußmarsch bis hierhin nahm er gerne in Kauf, und er war auch gerne etwas zu früh dran und beobachtete dann vom Rand der Klippe aus das Meer.
    Er musste auf einmal daran denken, dass er seit seiner Ankunft in Harrens Hall nicht mehr geangelt hatte. Einst war dies sein liebster Zeitvertreib gewesen. Aber seit Beginn seiner Ausbildung hatte er kaum einen Gedanken mehr daran verschwendet, und bis heute hatte er es auch nicht vermisst. Fehlte ihm einfach die Zeit, oder was mag wohl der Grund dafür gewesen sein? Hatte er sich geändert?
    So lange er zurückdenken konnte, war er mit einer seltenen Gabe gesegnet gewesen. Obwohl ein einfacher Mensch, benötigte er nur zwei, vielleicht drei Stunden Schlaf pro Nacht, um ausgeruht und mit vollen Kräften sein Tagwerk erledigen zu können. Seine Mutter hatte dies in seinen jungen Jahren sehr viel Kraft gekostet, und vielleicht war es auch mit ein Grund für ihr schlechtes Verhältnis. Jetzt war diese Gabe jedoch unverzichtbar, um die anstrengende Ausbildung bei Andorlas, das viele Lernen, die Treffen mit Elunaé und mit seinen wenigen anderen Freunden bewältigen zu können, ohne an Müdigkeit und Erschöpfung zu Grunde zu gehen. Warum schaffte er es dann nicht, auch ein wenig zu angeln, so wie er es immer mit seinem Vater getan hatte? Er blickte zu der schmalen grauen Linie, wo das Meer fast unmerklich in den Himmel überging, und dachte wehmütig an die angenehmen, unbeschwerten Tage am Ufer des Anduin zurück.
    Carantir war so in Gedanken vertieft, dass er nicht bemerkte, wie sich jemand von hinten näherte. Die Gestalt beschleunigte ihre Schritte und sprang ihn von hinten an. Carantir rutschte ein wenig näher an den Rand der Klippe und verlor beinahe das Gleichgewicht, bevor er endlich wieder festen Stand hatte. Kleine Steinchen lösten sich vom Rand der Klippe und stürzten tonlos in die schäumende See.
    „Elunaé, bist du verrückt? Wir wären beinahe abgestürzt!“
    Elunaé hatte ihre Arme um Carantirs schmalen Oberkörper geschlungen und liebkoste seinen Hals. „Ach was, du bist viel zu ängstlich. Und jetzt komm her!“
    Carantir drehte sich um, und beide küssten sich leidenschaftlich. Während sich ihre Arme über ihre Körper bewegten als wären sie Kraken auf der Suche nach Nahrung, versuchte Carantir ein paar Schritte Abstand zur Klippe zu gewinnen und drückte Elunaé dabei sanft zurück. Als er sie dazu etwas fester am Arm packte, schrie das Mädchen kurz auf. Carantir ließ sie erschrocken los.
    „Elunaé, was ist denn?“
    „Ach nichts.“ Sie rieb sich den linken Oberarm und verzog dabei vor Schmerzen das Gesicht. „Ich habe mich eben in der Küche ganz unglücklich an einer Schranktür gestoßen, das ist alles.“
    „Komm, lass mich mal einen Blick darauf werfen.“
    „Nein, lass, es geht schon.“ Elunaé zog hastig den heruntergerutschten Ärmel ihres Kleides wieder über die Schulter.
    Die vielen Jahre bei Andorlas und die Ausbildung zum Berater taten wieder einmal ihre Wirkung. Carantir wusste instinktiv, das Elunaé log. Carantir wusste es mit absoluter Sicherheit, er wusste nur nicht, warum sie das tat. Bedauerlicherweise hatte er im Moment selbst große Neuigkeiten, die er unbedingt loswerden wollte, und sprach Elunaé nicht weiter auf ihre für ihn offensichtliche Lüge an. Hätte er es getan, wäre vielleicht vieles anders gekommen.
    „Setzt dich bitte. Ich muss unbedingt etwas mit dir besprechen.“
    Die beiden setzten sich in das kurze Gras und schmiegten ihre Oberkörper aneinander. „Besprechen? Ich hoffe doch, ich habe den weiten Weg nicht auf mich genommen, nur damit wir reden, oder?“
    „Nein, nein.“ warf Carantir beschwichtigend ein, „Aber das hier ist mir wirklich wichtig. Hör zu: Heute hat mir mein Lehrmeister das Angebot gemacht, mich in die alten elbischen Riten und Geisteskräfte einzuweisen.“
    „Ach ja?“ Sie rückte etwas von Carantir ab und sah ihn abwartend an.
    „Ja. Das ist so unglaublich aufregend. Darauf habe ich jahrelang gewartet.“ Carantir sprudelte über vor Begeisterung: „Sicher, es wird sehr anstrengend werden und ich werde dann bestimmt die eine oder andere Nacht lernen müssen, aber…“
    Sie fuhr ihm über den Mund: „Und ich bin dann nur noch zweite Wahl, nicht wahr? Und wenn du mal eine Pause von deinem anstrengenden Lernen brauchst, dann kommst du wieder zu mir, nicht wahr? Und ich soll so lange auf dich warten?“
    „Nein, nein, Elunaé, bitte, was ich meine ist...“
    „Ich weiß genau, wie wichtig dir dein Lehrmeister ist. Ich hatte nur geglaubt, ich wäre dir wichtiger.“ Sie stand auf und sah ihn mit zornigen Blicken an. Selbst in ihrer Wut war sie unglaublich schön. Carantir konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen zwischen den beiden. In Elunaés Geist bekam der hell strahlende Panzer der Liebe zu Carantir erste kleine Risse, und das Dunkle und Unheimliche dahinter sickerte langsam hindurch wie einige Tropfen Öl, die in der Lage waren, ein ganzes Meer zu vergiften.
    „Ich habe gedacht, du bist anders als die anderen, Carantir. Und jetzt willst du deinen Lehrmeister mir vorziehen. Glaube ja nicht, ich bin so naiv zu denken, du könntest uns Beiden gerecht werden. Das kannst du nicht! Entweder ich oder dein Lehrmeister, Carantir. Du musst dich schon entscheiden. Und bis dahin…“
    Sie drehte sich abrupt um und ging über die Wiese in Richtung Harrens Hall zurück. Carantir war viel zu verdutzt, um diese schnelle Entwicklung zu begreifen. Er stammelte herum und stand dabei langsam auf, wie ein von Schmerzen geplagter alter Mann.
    „Aber, aber…“ Er rief ihr hinterher: „Aber ich liebe dich doch, Elunaé!“
    Sie antwortete nicht, aber vielleicht hatten auch die tosenden Wellen sein verzweifeltes Rufen verschluckt. Carantir stand wie gelähmt da, unfähig, sich zu rühren, geschweige denn Elunaé zu folgen. War das gerade wirklich passiert, oder war das nur ein schlimmer Alptraum? Langsam löste er sich aus der Erstarrung und allmählich wandelte sich sein Erstaunen in Wut. Er trat wieder an den Rand der Klippe. Wieso wollten alle, dass er sich entscheidet? Er wollte doch nur sein Leben leben, er wollte einfach nur das machen, was er liebte. Er liebte Elunaé, er liebte das Zusammensein mit ihr, und er würde sie für nichts auf der Welt aufgeben. Und er liebte es, zu lernen. Wenn Andorlas ihm das alte hochelbische Wissen vermittelte, so würde für ihn ein Traum wahr werden. Er liebte beides und beide, und wie immer er sich entscheiden würde, er würde etwas verlieren. Er würde immer etwas verlieren, das er liebte.
    Carantir starrte in die Tiefe. Unter ihm brandeten die Wellen unablässig gegen die Felsen, und ihr Donnern schwoll an bis es alles andere übertönte. Sein Geist konnte Einbildung und Wirklichkeit auf einmal nicht mehr klar trennen. Er hatte das Gefühl, die Wellen würden zu ihm zu sprechen:
    „Du musst dich nicht entscheiden, Carantir. Komm einfach zu uns, und du bist frei.“ Es klang in Carantirs Ohren wie ein verlockendes Angebot. Dann wurde das Lärmen der See langsam immer leiser, und das Geräusch der Brandung ging in ein beschwörendes Flüstern über.
    „Komm zu uns. Hier gibt es keine falschen Entscheidungen. Hier gibt es kein Leben in Qual und Ungewissheit. Spring, und du bist frei.“
    Er trat einen winzigen Schritt näher und rutschte dabei beinahe ab. Das Flüstern der Wellen wurde fordernder.
    „Komm zu uns, Carantir, und du bist frei. Keine quälenden Zweifel mehr. Spring! Es ist so einfach, Carantir. Nur ein kleiner Schritt, nur ein kurzer Sprung. Tu es Carantir: Spring!“
    Aber Carantir sprang nicht.
    Noch nicht.


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

    Einmal editiert, zuletzt von Blink ()

  • Du schreibst echt klasse, es ist ein Genuß, deine Geschichte zu lesen! :thumbsup:


    Zwei kleine Fehler sind mir aufgefallen (ich kanns nicht lassen ;) :(


    Ein Sturz von hier oben allein, gut 20 Schritte über dem Meeresspiegel, konnte ein Mensch vielleicht noch überleben.


    Einen Sturz

    Er liebte Elunaé, er liebste das Zusammensein mit ihr, und er würde sie für nichts auf der Welt aufgeben.

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • melli: Danke, hab ich gleich korrigiert. Für mein "Niveau" rekordverdächtig wenig Fehler... :D


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • Da ich ja zumindest einen treuen Leser hab ( :thumbsup: ), hier das nächste Kapitel.


    Kapitel 8: Der Traum


    Stille.
    Einsamkeit.
    Und Bücher.
    Die Tage flossen träge und ereignislos dahin wie ein breiter Strom in der Tiefebene, und nichts deutete darauf hin, dass sich dies je ändern würde. Tathardîn war es egal. Nach dem Rauswurf aus der Armee des Prinzen von Dol Amroth war ihm alles gleichgültig. Er hatte sogar seinen ehemals so verhassten Spitznamen als seinen Rufnamen angenommen. Seine Familie hatte den Kontakt zu ihm abgebrochen, und obwohl er, genau wie seine Mutter und sein Bruder, noch immer in der großen weißen Stadt von Belfalas lebte, so hatte er seit jenem schicksalshaften Tag niemanden von seiner Familie mehr gesehen. Er hätte auch niemanden sehen wollen. Er vermied den Kontakt zu anderen Leuten so gut es ging, und es ging hervorragend. Sein Leben war so ereignislos, als hätte man ihn in einer geschlossenen Bibliothek lebendig begraben, und es war ihm gerade recht.
    Tathardîn verbrachte seine Tage in einem großen Wohnhaus im Burgviertel direkt im Schatten der Prinzenburg, dem höchstgelegenen und besten Wohnviertel von Dol Amroth. Seine Mutter würde vor Neid erblassen, wenn sie darum wüsste, dessen war er sich sicher. Tathardîn arbeitete dort für einen wohlhabenden Dunadan, der als Verwalter in der Prinzenburg tätig war. Seine über alles geliebte Frau, die im ersten Stock des noblen Wohnhauses eine kleine Buchhandlung geführt hatte, war vor einiger Zeit gestorben. Ihr zu Ehren wollte der Mann die Buchhandlung aufrechterhalten, obwohl sie mehr ein Hobby seiner Frau gewesen war und nie etwas eingebracht hatte. Er selbst hatte keine Zeit, sich darum zu kümmern. Wie er ausgerechnet auf diesen schmalen, jungen Mann gekommen war, der erst vor kurzem unehrenhaft entlassen worden war, das wussten nur die Götter.
    Jetzt war Tathardîn für den kleinen Laden verantwortlich. Er bekam zwar keinen Lohn, aber mehrmals täglich etwas zu essen und durfte in einem der Gästezimmer des großen Wohnhauses übernachten. Dafür war er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in dem kleinen Laden, staubte die Bücher ab, sortierte sie ein wenig um und las. Obwohl der Raum nur etwa fünf Schritte im Quadrat maß und nur an einer Front über zwei kleine Fenster verfügte, so waren doch Unmengen von Büchern in ihm untergebracht. Jeder Zentimeter Wandfläche war mit Bücherregalen vom Boden bis zur Decke ausgefüllt, die in weniger als einem Schritt Abstand auch den Innenraum des kleinen Geschäftes füllten, so dass dazwischen nur zwei schmale dunkle Gänge blieben. Es gab Bücher über die Geschichte von Dol Amroth, über die Schiffe der Korsaren von Umbar und deren Kapitäne, über die nützlichsten Heilkräuter südlich des weißen Gebirges, über Kupferbearbeitung, die Heraldik der Zwerge von den Eisernen Bergen, Erzählungen über die letzten Getreuen, die Bewertung von verschiedenen Hölzern für die Nutzung zum Schiffsbau, Kochrezepte aus Ithilien und Spukgeschichten vom Ered Nimrais, kurz, es gab jede Art von Buch, die man sich vorstellen konnte, ohne jedes System oder erkennbare Ordnung.
    Nur selten verirrte sich jemand über die schmale Außentreppe in den kleinen Laden, zumal draußen in der Gasse kein Schild auf sein Vorhandensein hinwies. Auch wenn die ehemalige Inhaberin Bücher geliebt hatte, so hatte sie augenscheinlich keinen Wert darauf gelegt, welche zu verkaufen. In den letzten beiden Wochen hatte überhaupt kein Kunde den Buchladen betreten, bis auf diesen einen merkwürdigen Besucher, der während der letzten drei Tage mehrmals in den Laden kam und ihn nach allerlei Dingen fragte. Da Tathardîn praktisch den ganzen Tag über las, wusste er inzwischen eine Menge und konnte viele Fragen des Mannes beantworten. Was dieser seltsame Besucher allerdings genau wollte, das hatte er nicht herausgefunden. Zumindest hatte er nach keinem bestimmten Buch gefragt, und auch keines erworben.
    Wie die Tage, so verbrachte Tathardîn auch die Nächte: allein. Nur eben nicht in einem kleinen, mit Büchern vollgestellten Zimmer im Burgviertel, sondern auf den Klippen der Halbinsel von Belfalas. Jeden Abend nach Sonnenuntergang nahm er seine Angel, neben seiner Kleidung fast sein einziger persönlicher Besitz, und machte sich auf den Weg zu seinem Lieblingsort. Er verließ das Haus, nahm die Treppe hoch zum Prinzendamm, überquerte das mächtige Bollwerk und stieg auf der anderen Seite wieder hinunter. Dieser Weg war nicht ungefährlich, denn der Prinzendamm lag gut 40 Schritte über der See und das Gelände fiel steil Richtung Meer ab. Es gab keinen festen Pfad oder vorgegebenen Weg. Die meiste Zeit musste er eng an die Felswand gepresst, die Angel auf dem Rücken, vorsichtig hinunter klettern. Ein falscher Griff, und er würde einige Schritte tiefer auf dem scharfkantigen Granit aufschlagen, aus dem die Halbinsel von Belfalas bestand, sich wahrscheinlich die Haut aufschneiden und mehrere Knochen brechen und schließlich, unfähig im Fallen irgendwo Halt zu finden, in die schäumende Gischt der Prinzenbucht stürzen und sterben.
    Aber auch das schreckte ihn nicht weiter.
    Stattdessen freute er sich jeden Tag auf diesen Weg, denn so konnte er sich sicher sein, die Nacht alleine und ungestört auf dem kleinen Felsvorsprung zu verbringen, den er so liebte. In dieser Nacht jedoch löste sich eine Gestalt aus dem Schatten der mächtigen Zinnen auf dem Prinzendamm, sprang behände über die Brüstung und folgte Tathardîn unbemerkt auf seinem gefährlichen Weg Richtung Meer.
    Nachdem er etwa die halbe Strecke hinunter zur See hinter sich gebracht hatte, wurde das Gefälle sanfter und die Halbinsel lief in mehreren kleinen Stufen Richtung Prinzenbucht aus. Ab jetzt ging er auf einem schmalen, von ihm selbst ausgetretenen Pfad auf etwa gleicher Höhe unterhalb des Prinzendamms nach Westen, in Richtung der Spitze der felsigen Landzunge. Bald hatte er den Prinzendamm hinter sich gelassen und befand sich nun unterhalb des Vorhofs der mächtigen Prinzenburg, die am Ende der Halbinsel auf einer kleinen Erhebung thronte. Nun konnte er, wenn überhaupt, nur noch von den weit über ihm patrouillierenden Wachen der Prinzengarde gesehen werden. Aber dazu hätte es mit Sicherheit der Augen eines Elben bedurft.
    Nach insgesamt einer halben Stunde war Tathardîn am Ziel. Gut acht Schritte über dem Meer lief die steil abfallende Küste sanft in ein Plateau aus, das sich als kleine Halbinsel über dem tosenden Meer erhob. Das Plateau war etwa halb so groß wie ein kleiner Acker und nur über eine schmale Landbrücke mit der großen Halbinsel von Belfalas verbunden. Die Landbrücke war von dem ständigen Anrennen der heftigen Brandung ausgehöhlt, und niemand, der mutig oder verrückt genug war, würde diese schmale Brücke aus Stein freiwillig betreten. Für Tathardîn aber war es die Brücke in ein anderes Reich, sein Reich. Hier auf dem kleinen, von allen Seiten umtosten Plateau hörte man den Donner der Brandung noch intensiver. Wenn besonders starke Brecher gegen die Felsen schlugen, erzitterte die ganze Landzunge. Man spürte dies fast nur im Inneren des Körpers, so als wäre man mit dem Felsen verwachsen. Ein Kitzeln in der Magengrube wie von dem tiefen, donnernden Ruf eines Drachen, so wie es einer der Zwerge von den Eisenbergen einst beschrieben hatte. Es war bedrohlich und aufregend zugleich.
    Tathardîn setzte sich an den Rand des Plateaus und warf die Angel aus. Er dachte gerne daran, dass in den Wellen, die jeden menschlichen Körper zerschmettern würden, Fische völlig unbeeindruckt Nahrung und Schutz suchten. Tathardîn lächelte. Er schaute nach Süden, zum Horizont, und seine Gedanken schweiften ab. Er dachte an den immer wiederkehrenden Traum, den er seit längerer Zeit hatte, und bemerkte dabei nicht, dass ihm in diesem Augenblick jemand vorsichtig in sein Reich folgte.
    Dieser Traum war immer gleich, und doch immer anders. Er saß an seiner Lieblingsstelle auf dem Plateau, genau wie jetzt, und angelte. Plötzlich erzitterte die ganze Landzunge wie von der Faust eines Riesen getroffen, die steinerne Brücke zerbrach, und er war auf dem kleinen Plateau, welches nun eine Insel war, gefangen. Es waren nur wenige Meter bis zum Festland, aber die Schlucht dazwischen war für ihn unüberwindbar. Er war völlig auf sich allein gestellt. Dann nahm die kleine Insel mit ihm darauf Fahrt auf und entfernte sich immer weiter vom Festland. Er wusste, dass dies nicht möglich war, aber es war schließlich ein Traum, und im Traum kam es ihm ganz natürlich vor.
    Das Plateau, auf dem er saß, fuhr wie ein steinernes Boot hinaus auf die weite See, und die Prinzenburg mit ihren mächtigen Türmen und den vielen Lichtern verschwand hinter ihm. Schließlich gab es um ihn herum nur noch Horizont. In allen Richtungen erstreckte sich das Meer, und dass sich sein steinernes Gefährt weiterhin bewegte merkte er nur daran, dass es eine kleine Heckwelle hinter sich herzog. Die Fahrt ging endlos, nie erblickte er andere Schiffe, Land oder dergleichen. Er fuhr nur immer weiter auf den Horizont zu, unendlich und für alle Tage. In manchen Träumen schien die Zeit still zu stehen. Es blieb Nacht, die Position der Sterne änderte sich nicht, und er verspürte keinen Hunger und keinen Durst. Er reiste unveränderlich weiter, vollkommen ereignislos und ohne jemals irgendwo anzukommen. In anderen Träumen verging die Zeit normal, die Sonne ging auf, er spürte ihre wärmenden Strahlen, sah sie über den Himmel wandern und wieder untergehen. Dieses Schauspiel wiederholte sich etliche Male, aber auch jetzt verspürte er keinen Hunger, keinen Durst und keine Müdigkeit. Es war, als würde er selber vollkommen außerhalb der Zeit existieren.
    Andere Versionen des Traumes waren wesentlich bedrohlicher. Manchmal blieb es auch in ihnen Nacht, nur schlief er irgendwann vor Müdigkeit ein und erwachte mit trockener Kehle und knurrendem Magen. Er angelte, um seinen Hunger stillen zu können, fing jedoch nie einen Fisch. Er wartete auf Regen, der aber nie kam. Sein Durst wurde dann mit der Zeit immer quälender. Obwohl er wusste, dass das Trinken von Meerwasser seine Situation noch verschlimmerte, versuchte er in einigen Träumen zur See hinunter zu klettern um einige Schlucke Meerwasser zu sich zu nehmen. Manchmal gelang es, was seine Qualen jedoch wie erwartet verschlimmerte, bisweilen verlor er den Halt und stürzte ins Meer. Dann sah er seine Insel davon fahren, trieb allein in ewiger Nacht im dunklen Ozean, bis die Kräfte ihn verließen, und ertrank.
    Eine Variante seines Traumes war jedoch am schlimmsten. In ihr verging die Zeit wie gewohnt, er bekam Hunger und Durst, aber fing auch mal einen Fisch, den er dann roh verzehrte. Ab und zu zogen Regenwolken auf, von deren kostbarer Fracht er so viel aufzufangen versuchte wie möglich. Alles schien absolut real, der Hunger, der Durst, die Schmerzen. Sein Bart wuchs, der Sonnenbrand peinigte ihn, das Salzwasser der Gischt brannte auf seiner geröteten Haut und in seinen Augen. Er fuhr auf seiner steinernen Insel gen Süden, ohne Ziel, und seine Qualen wurden mit jedem Augenblick größer. Am Ende starb er, ausgetrocknet und erschöpft, aber die Reise nahm kein Ende. Wie ein Geist konnte er zusehen, wie sein Körper zerfiel und seine Knochen in der Sonne bleichten, aber die Fahrt nahm auch jetzt kein Ende. Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, wachte er schließlich auf.
    Wenn er aus diesem Traum erwachte, lag er auf seiner Bettstatt und konnte keinen Muskel bewegen. Keine körperliche Kraft hinderte ihn daran, nur sein Geist verbat sich jede Bewegung. Schließlich war er gestorben, und ein Toter kann sich weder bewegen noch atmen. Er lag auf seiner Bettstatt, starrte an die Decke, und hatte das Gefühl, keine Luft zubekommen. Er lag auf dem Rücken, unfähig sich zu bewegen oder nach Luft zu schnappen. Er hatte das merkwürdige Gefühl, knapp unterhalb der Wasseroberfläche zu liegen. Wie ein vom Hals abwärts Gelähmter, der rücklings in einem wassergefüllten Trog liegt und hilflos ertrinkt. Es dauerte Minuten, bis sein Geist merkte, dass er nicht wirklich tot war, und in dieser Zeit hatte er das Gefühl, noch einmal zu sterben.
    Tathardîn hatte oft darüber nachgedacht, was dieser Traum wohl zu bedeuten hatte. Er hatte schon gehört, dass Träume oft ein Omen darstellten, dass sie einen Fingerzeig auf die Zukunft gaben. Aber was für eine Zukunft sollte das sein? Und war es eine Zukunft, die er erleben wollte?
    Plötzlich hatte er das unbestimmte Gefühl, nicht mehr alleine zu sein. Tathardîn musste kurz überlegen, ob er sich im Traum oder in der Wirklichkeit befand, entschied sich für letzteres und drehte sich um. Er sah ein paar elegante Beinkleider, hob erschrocken den Kopf und blickte in die Augen des Mannes, der sein Leben für immer verändern sollte.


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller

  • Ich bin ein großer Fan der Geschichte und werde es bleiben!
    Sie ist toll :thumbsup: .

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Kaum ist man ein paar Tage krank, stapelt sich der Lesestoff. Woher nur die Zeit nehmen???


    Kapitel 9: Donnergrollen


    „Sie gehört überhaupt nicht hierhin.“, dachte Carantir. Er selbst er gehörte eigentlich nicht hierhin, aber sie mit Sicherheit noch viel weniger.
    Carantir saß auf einem wackeligen Schemel an einem kleinen Ecktisch im Klabautermann und betrachtete das wilde und dreckige Treiben um sich herum. Er hielt sich an seinem Krug mit dem lauwarmen, gepanschten Bier fest, denn etwas anderes gab es für ihn im Moment nicht mehr zum festhalten. Seit der Nacht an den Klippen hatte er Elunaé nicht mehr gesehen. Sie war damals einfach gegangen und hat ihn alleine in der Nacht stehen lassen. Seitdem hatte er keinen Kontakt mehr zu ihr. Carantir verbrachte jeden Abend im Klabautermann in der Hoffnung, dass Elunaé mit ihm redete, oder er wenigstens durch die Küchentür ein Zeichen geben oder zumindest einen Blick auf sie erhaschen konnte. Aber nichts dergleichen war geschehen. Er hat sogar einmal versucht, kurz nach dem Zapfenstreich selbst in die Küche zu gelangen, wurde aber von Kurrugan, dem Schankwirt, entdeckt und mehr als schmerzhaft daran gehindert. Kurrugan war zwar einen Kopf kleiner als der hochgewachsene und hagere Carantir, dafür aber dreimal so schwer und fünfmal so stark. Und wenn auch nur die Hälfte der Geschichten über ihn wahr waren, dann hatte er mehr Leute auf dem Gewissen als der junge Lehrling Jahre auf dem Buckel. Der Schankwirt hatte Carantir eine Sache unmissverständlich klar gemacht: Sollte er ihn im Klabautermann einmal woanders als im Schankraum erwischen, würde sogar die Macht der Sieben nicht ausreichen, um seine Knochen wieder zu sortieren. Elunaé war dort hinter jener Tür, und ihm doch so unerreichbar fern.
    Von Meer her zogen dunkle Gewitterwolken auf, die nach und nach das Licht der Sterne verschluckten.
    Carantir ließ seinen Blick schweifen. „Sie gehört überhaupt nicht hierhin.“, dachte er wieder, als sein Blick an einer jungen Frau zwei Tische weiter hängen blieb. Sie war jung, sehr jung, und auf eine irritierende Art maskulin. Sie saß ebenfalls alleine an einem kleinen Tisch, wirkte scheu und blickte suchend in die Menge der schwitzenden und lärmenden Leiber, die im Klabautermann zechten. Was sie aber von allen anderen „Damen“ in diesem Raum unterschied, war nicht nur ihr jugendliches Aussehen, sondern vor allem der Schuppenpanzer und das über den Rücken geschnallte Breitschwert. Der auf dem Tisch liegende Helm, der einen Blick auf ihre kurzen, ebenholzschwarzen Haare erlaubte, vervollständigte den leicht maskulinen Eindruck. Carantirs Blick blieb unweigerlich an ihr hängen, und dabei war er nicht der einzige im Schankraum.
    Als sich ihre Blicke trafen, zeigte sie keine Emotionen. Carantir starrte sie an, konzentrierte sich, und wusste dann, dass sie tatsächlich auf der Suche war. Genau wie er. Carantir suchte Ablenkung, die junge Kriegerin Informationen. Sie war ganz offensichtlich neu in der Stadt und wusste noch nicht, welche Kaschemmen man als einsames junges Mädchen besser nicht aufsuchen sollte, Breitschwert hin oder her. Vielleicht konnte sie ihn für einen Moment von seinen trüben Gedanken ablenken. Vielleicht konnte er ihr sogar sein Herz ausschütten. Besser eine völlig Fremde, als einen seiner wenigen Freunde damit zu belästigen. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und ging zu ihr hinüber.
    „Die Sieben zum Gruße! Ich bin Carantir. Erlaubt ihr, dass ich euch kurz Gesellschaft leiste?“
    Carantir stand neben der jungen Kriegerin und blickte so freundlich wie möglich. Langsam drehte sie den Kopf in seine Richtung und schaute zu ihm hoch. Als er in ihre Augen sah, stockte ihm kurz der Atem. Sie waren so tief und unergründlich wie die Minen von Moria, aber gleichzeitig so hell und rein wie das Gletscherwasser von den nördlichen Hängen des Rothorn. Und mindestens genauso kalt.
    „Gerne. Mein Name ist Marlis.“
    Kurz nachdem Carantir begonnen hatte, die Augen der jungen Kriegerin zu fixieren, stürmte ein Flut von Bildern auf seinen Geist ein. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde und war ein überwältigendes, bildgewaltiges Ereignis, wie ein Wetterleuchten. Er sah ein junges Mädchen mit ihren Geschwistern in einem Burghof spielen, ein Schiff auf hoher See, eine todkranke Frau in einem großen Bett, einen mächtigen Baum, eine Waffenkammer, einen skeptisch blickenden Kriegsherren und vieles mehr. Carantir schloss seine Augen, um seinen Verstand nicht zu überfordern.
    „Wer immer du bist, du hast eine Geschichte zu erzählen.“ dachte Carantir. „Und die will ich hören.“
    Nachdem er Marlis Stunden später, getrieben von ungewohnten und ob ihrer offensichtlichen Wehrhaftigkeit unpassenden ritterlichen Gefühlen, zu dem Gasthaus gebracht hatte, in dem sie seit ihrer Ankunft in Harrens Hall nächtigte, wanderte er noch ein wenig ziellos durch die Gassen, um seine eigene Heimkehr und die mögliche Begegnung mit Andorlas hinauszuzögern. Die Nacht war inzwischen stockfinster geworden und die Straßen der Stadt nur von einzelnen Lichtern erhellt. Fernes Donnergrollen kam vom Meer, ein Vorbote des mächtigen Sturmes, der sich dort draußen gebildet hatte und mit dem Wind Richtung Festland getrieben wurde. Carantir dachte an Elunaé und daran, wie sehr er sie vermisste. Ihre Haare, ihre Haut, ihr Geruch, ihr Lachen, ihre Berührung, einfach alles. Das konnte so nicht weitergehen. Morgen würde er Elunaé aufsuchen, ganz gleich wie oder welche Konsequenzen er fürchten musste. Morgen würde er wieder im Klabautermann sein. Dessen war er sich sicher, als er leise die Nebentür des Stadthauses seines Meisters öffnete und in den Flur trat.
    Er konnte nicht ahnen, dass er den Klabautermann nie wieder betreten würde.
    Als Carantir seinen abgetragenen Wettermantel im Flur aufhängte, bemerkte er das Licht im großen Salon im Erdgeschoss. Das war ungewöhnlich, weil sein Meister dort normalerweise nur Gäste zu empfangen pflegte. Vorsichtig spähte er durch die offen Tür in den durch ein mächtiges Kaminfeuer erleuchteten Raum und erschrak.
    „Carantir! Wir haben auf dich gewartet.“ Andorlas saß in einem der gemütlichen Lehnsessel und begrüßte seinen Lehrling übertrieben freundlich. Im Sessel nebenan saß Carantirs Mutter. Seine Mutter, die er seit seinem Rauswurf in Dol Amroth nicht mehr gesehen hatte. Wie viele Jahre war das jetzt her?
    Sie sah gut aus, zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick hatte sie von allem zu viel. Zu übertrieben prachtvolle Gewänder, zu viel Schmuck, zu viele Broschen im angegrauten Haar, zu viele Falten und zu viel Schminke, um die Falten zu überdecken. Und ein viel zu breites Lächeln.
    „Carantir, meine Junge. Schön, dich nach so langer Zeit wieder zu sehen. Komm her und umarme deine Mutter.“
    „Nein danke. Ich bleibe lieber hier stehen. Was gibt es?“
    Trotz Carantirs schroffer Antwort blieb das breite Lächeln im Gesicht seiner Mutter, als wäre es aus Stein gemeißelt. „Was es gibt? Gute Neuigkeiten gibt es. Dein Bruder macht Karriere in der Armee, und…“, sie zögerte kurz, „dein Vater ebenfalls. Dein Bruder ist nach Osgiliath berufen worden, um eine Naudeg zu befehligen. Er kann ein hochgestellter Ritter werden, in der Hauptstadt Gondors! Ist das nicht großartig?“
    „Ich freue mich für ihn, Mutter. Aber du hast doch bestimmt nicht die beschwerliche Reise auf dich genommen, um mir das zu erzählen, oder?“
    „Nein, nein.“ Sie sprach schnell, zu schnell in Carantirs Augen. „Ich möchte die Familie wieder zusammen bringen. Wir werden alle nach Osgiliath ziehen. Wir alle als Familie. Dann sind wir wieder zusammen, in Ithilien. Du willst doch bestimmt auch wieder nach Ithilien.“
    „Aber was ist mit meine Ausbildung?“ Carantir sah zu seinem Lehrmeister hinüber, konnte aber, als dieser antwortete, aus dessen Gesicht nichts ablesen.
    „Nun, Carantir, erinnere dich daran, was ich dir bei unserer ersten Begegnung gesagt habe. Es ist schließlich deine Mutter. Und außerdem…“, er machte eine bedeutungsschwangere Pause, „bist du in letzter Zeit nicht mehr mit dem gebotenen Eifer bei deiner Ausbildung. Ich frage mich schon, ob das Ganze nicht ein Fehler war. Ich meine, du bist trotz allem nur ein einfacher Mensch…“
    „Bitte, mein Sohn, tu es für die Familie!“ seine Mutter sah in so liebevoll an, wie er es noch nie in seinem Leben erlebt hatte. Das machte ihn nachdenklich.
    Carantir konzentrierte sich auf seine Mutter. Er ließ alles einfließen, was er in den letzten Wochen gelernt hatte. Während er seinen Geist verengte, verengte sich auch der Raum. Alles um ihn herum schien sich zusammen zu ziehen und zu einem kleinen Korridor zu schrumpfen, an dessen Ende der Geist seiner Mutter war. Sie starrte ihn an, wurde in seinen Bann geschlagen. Die Welt um sie herum existierte nicht mehr. Als er sicher war, alles andere ausgeblendet zu haben, formte sein Mund ein einzelnes Wort, das er leise, fast flüsternd aussprach:
    „Warum?“
    Seine Mutter antwortete mit starrem Gesicht, während ihre Augen einen weit entfernten Punkt irgendwo hinter Carantir fixierten.
    „Es gibt Gerüchte über dich, böse Gerüchte. Es heißt, wir haben einen Sohn, den wir vor der Öffentlichkeit verstecken. Weil er hohe Schulden hat. Oder in einen Mordfall verwickelt ist. Manche behaupten, er würde dunkle Magie lernen. Das ist gefährlich für die Karriere deines Bruders. Du musst mit nach Osgiliath kommen, damit du in meiner Nähe bist. Um die Gerüchte zu zerstreuen. Und damit ich dich unter Kontrolle habe.“
    Caranir löste sich aus seiner Konzentration. Seine Mutter lächelte wieder. Er war sich nicht sicher, ob sie wusste, was sie gerade gesagt hatte. Er blickte zu Andorlas, aber der saß immer noch äußerlich unbeeindruckt in dem bequemen Lehnsessel und nippte leicht an dem kristallenen Glas in seiner Hand. Aber sein Lehrmeister schickte ihm unbemerkt von seiner Mutter eine geistige Botschaft:
    „Beeindruckend. Wirklich gut für einen Menschen.“
    Carantir blickte zu seiner Mutter, dann wieder zurück zu seinem Lehrmeister. Hatten sich jetzt die Götter vollständig gegen ihn verschworen? Elunaé weigerte sich, ihn zu sehen. Seine Mutter tauchte nach Jahren wieder auf, nur um ihn zu manipulieren und auszunutzen. Und sein Lehrmeister wollte vielleicht seine Ausbildung abbrechen, nach so vielen Jahren. Oder spielte er nur mit ihm? Carantir hatte es endgültig satt, sich ausnutzen zu lassen. Er hatte es satt, ein Leben voller Rückschläge und Enttäuschungen zu führen. Er wollte sich nicht benutzen lassen, nie wieder. Das ganze würde enden. Noch heute Nacht. Wortlos drehte er sich um und rannte durch den Flur und zur Haustür hinaus in die dunkle Nacht. Sowohl Andorlas als auch seine Mutter waren viel zu überrascht, um zu reagieren. Carantir rannte und rannte, hinaus aus der Stadt und weiter zu der Klippe, an der er sich immer mit Elunaé getroffen hatte. Der Wind hatte merklich aufgefrischt, und erste dicke Regentropfen kündigten das riesige Gewitter an, das sich schon bedrohlich nahe an die Küste geschoben hatte. Sie trafen Carantir in das Gesicht und vermischten sich dort mit seinen Tränen. Donner grollte. Der Regen wurde langsam stärker. Er lief unbeeindruckt weiter, auch als seine Kleider schon tropfnass an ihm hingen. Heute Nacht würde es enden.
    Keine Stunde später lag ein zerschmetterter Körper an den Füßen der Klippe.


    Terkon erwachte mit schwerem Schädel und trockener Kehle. Es war sehr dunkel, und es dauerte seine Zeit, bis er sich ein Bild davon gemacht hatte, wo er war. Zwar waren der klebrige Boden und die vielen Stuhlbeine um ihn herum schon ein guter Hinweis, aber erst als er sich beim Aufrichten den Kopf an der Tischplatte stieß, hatte er Gewissheit. Anscheinend war er noch immer im Klabautermann und vor einiger Zeit betrunken unter den Tisch gerutscht und eingeschlafen. Wieder einmal.
    Stöhnend kroch er unter dem Tisch hervor und stand auf. Es war sehr ruhig im Klabautermann, und stockfinster. Von draußen hörte man nahes Donnergrollen. Einzelne Tropfen klatschten gegen die geschlossenen Fensterläden. Nur ein kleiner, flackernder Schein hinter der halboffenen Küchentür jenseits des Tresens brachte ein wenig Licht in den Schankraum. Anscheinend war der Klabautermann geschlossen und alle im Haus schon zu Bett gegangen. Terkon fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Er hatte Durst, großen Durst. Seine Augen brannten, und er hatte starke Kopfschmerzen. Noch mehr als sonst. Der alte Mann bekam einen Hustenanfall, musste sich abstützen und spuckte schließlich gelben Schleim auf den Boden. Er fühlte sich hundeelend. Hoffentlich konnte er morgen im Hafen wieder die schweren Säcke schleppen. Wenn nicht, würden sein Lohn und damit seine nächste Zechtour auf sich warten lassen.
    Terkon versicherte sich, dass im Haus nichts zu hören war. Dann schlich er so leise und so vorsichtig wie möglich zum Tresen vor der Küchentür, auf dem das große Bierfass stand. Nur ein paar Schlucke, und es würde ihm gleich wieder besser gehen. Gerade als der alte Mann die Theke umrunden wollte, rutschte er in einer Lache aus und stürzte mit dem Kopf voran in einen Sack Kartoffeln. Fluchend rappelte er sich auf und trat nach dem Sack, wobei er ein zweites Mal ausrutschte und auf sein Gesäß fiel. Er musste schwer atmen, und jeder Atemzug schmerzte in seinen Lungen. Fast wurde er ohnmächtig. Dann besann er sich und lauschte, ob irgendjemand im Klabautermann oder in den oberen Stockwerken auf den Lärm reagierte. Aber es war keine lebende Seele zu hören. Er konnte ja nicht ahnen, dass es außer ihm keine lebende Seele im Klabautermann mehr gab. Und in wenigen Minuten überhaupt keine mehr geben würde.
    Terkon betrachtete den Kartoffelsack und kniff die geröteten Augen zusammen. Je länger er sich konzentrierte, umso weniger sahen die Umrisse nach einem Kartoffelsack aus. Es sah irgendwie eher aus wie ein menschlicher Körper. Sein Blick wanderte langsam über einen vom flackernden Lichtschein notdürftig erhellten massigen Leib. Als er den Kopf mit den offenen, ausdruckslosen Augen sah, verflog der letzte Zweifel. Es war Kurrugan, der Schankwirt des Klabautermanns. Wie in Trance hob Terkon die Hand, mit der er sich in der Lache abgestützt hatte. Die Innenfläche schimmerte hell im flackernden Licht, und dicke rote Tropfen fielen von ihr auf den Boden. Er war kein Bier, auch kein Urin oder Erbrochenes, sondern Blut. Er saß im Blut des toten Schankwirts.
    Terkon musste wieder husten, und jeder Atemzug brannte wie Feuer in seinen Lungen. Er bekam kaum noch Luft und rang nach Atem. Eine große Schläfrigkeit überkam ihn, und er musste sich mit beiden Armen kurz auf dem Boden aufstützen. Dann half auch das nicht mehr, er fiel vornüber und wurde ohnmächtig. Im Fallen nahm er noch wahr, dass der flackernde Lichtschein nicht vom Herdfeuer, sondern von einer zerbrochenen Öllampe auf dem Küchentisch kam. Die Flammen leckten schon gierig überall an der großen hölzernen Tischplatte. Während Terkon zum letzten Mal in seinem Leben die Augen schloss, breitete sich das Feuer langsam weiter aus.


    Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.


    Friedrich Schiller